"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 14. August 2024

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Far Away & Never von Ramsey Campbell

Vor einigen Wochen beglückte mich der Besuch des Weinheimer Öffentlichen Bücherschrankes mit dem Fund des alten Goldmann - Fantasy - Bändchens Atlantis ist überall. 1981 veröffentlicht enthält dasselbe eine Auswahl von Geschichten, die ursprünglich 1977/78 in Andrew Offutts berühmter Sword & Sorcery - Anthologien - Reihe Swords Against Darkness erschienen waren. Neben nostalgischen Gefühlen* war es vor allem ein Grund, der mich nicht zögern ließ, zuzugreifen: Mit Die Schwingen des Grauens (The Pit of Wings) enthält der Band die meines Wissens einzige S&S - Story aus der Feder von Ramsey Campbell, die je ins Deutsche übertragen wurde.

Schon seit längerem hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, einmal jene relativ kurze Periode in Campbells Karriere in Augenschein zu nehmen, als sich der britische Schriftsteller, der ja hauptsächlich als Horrorautor bekannt ist, nebenbei auch der Heroic Fantasy gewidmet hatte. 
 
DMR Books ist ein Verlag, der mit seinen "Classic Reprints" ganz allgemein viel Löbliches für Freund*innen von Pulp-Phantastik und Sword & Sorcery leistet. 2021 ist dort auch eine Neuauflage des erstmals 1996 bei Necronomicon Press erschienen Sammelbandes Far Away & Never veröffentlicht worden, der alle entsprechenden Stories von Campbell enthält -- zusätzlich erweitert um die Kurzgeschichte A Madness from the Vaults. Nachdem die Lektüre von Die Schwingen des Grauens mein Interesse erneut angefacht hatte, dauerte es nicht lang und ich schickte eine entsprechende Bestellung raus.
 
 
Bevor wir uns dem Inhalt zuwenden, möchte ich aber vorausschicken, dass ich aus eigener Leseerfahrung neben einigen Kurzgeschichten bloß drei von Campbells Romanen der 80er (Besessen/Obsession, Der hungrige Mond/The Hungry Moon und Unter Einfluss/The Influence) kenne. Und auch deren Lektüre liegt bereits etliche Jährchen zurück. Ich befinde mich also in keiner Position, um bestimmen zu können, wie seine Sword & Sorcery in sprachlich-stilistischer oder motivisch-inhaltlicher Hinsicht in sein Gesamtwerk einzuordnen ist. 
 
Ramsey Campbells Karriere als professioneller Schriftsteller begann 1962 mit der Veröffentlichung seiner Kurzgeschichte The Church in High Street in der Arkham House - Anthologie Dark Mind, Dark Heart. August Derleths Rolle in der Geschichte der Cthulhu Mythos - Literatur ist sicher aus einer Reihe von guten Gründen umstritten**, doch für den gerade einmal 15-16 Jahre alten Campbell erwies sich der Kontakt mit ihm als ausgesprochen positiv. Derleth ermunterte ihn, weiter an seinen Geschichten zu arbeiten, riet ihm u.a. zu einer erneuten Lektüre von M.R. James. um der Tendenz zu einem ausufernden Stil entgegenzuwirken, und drängte ihn außerdem dazu, seine cthulhuiden Erzählungen nicht länger im neuenglischen Lovecraft Country anzusiedeln, sondern stattdessen ein britisches Setting in einer ihm persönlich vertrauteteren Landschaft für sie zu kreieren, was zur Entstehung des Severn Valley um Brichester führte -- Campbells eigener "Mythos-Provinz". 1964 erschien bei Arkham House mit The Inhabitant of the Lake and Less Welcome Tenants dann der erste Sammelband mit Geschichten aus seiner Feder. Allesamt Lovecraft-Pastiches, doch enthält die titelgebende Erzählung kurioserweise auch den Kern, aus dem Campbells spätere Sword & Sorcery erwachsen sollte. Dort führt er nämlich u.a. sein eigenes Grimoire, die Revelations of Gaaki, ein und erwähnt dabei auch eine fremde Welt namens Tond. Das entsprechende "Zitat" aus der verbotenen Schrift lautet wie folgt:
Many are the horrors of Tond, the sphere which revolves about the green sun of Yifne and the dead star of Baalblo. Few come near to humanity, for even the ruling race of yarkdao have retractable ears in humanoid bodies. Their gods are many, and none dares interrupt the priests of Chig in their ritual, which lasts, three years and a quarter, or one puslt. Great cities of blue metal and black stone are built on Tond, and some yarkdao speak of a city of crystal in which things walk unlike anything living. Few men of our planet can see Tond, but those who know the secret of the crystallisers of Dreams may walk its surface unharmed, if the crystalliser's hungry guardian does not scent them.

Im Grunde war das natürlich bloß eine Variation auf Lovecrafts Yuggoth und andere Planeten des Mythos, und wie der Autor selbst sagt: "Neither the idea nor the paragraph was too inspired". Doch als Pat Kearney, der 1961 Campbells allererste Story The Tower From Yuggoth in seinem Fanzine Goudy veröffentlicht hatte, die Idee aufbrachte, dieser könne doch einen kurzen Abriss der Geschichte von Tond für das Magazin schreiben, stieß er damit eine folgenreiche Entwicklung an. Campbell hatte inwischen das Werk von Clark Ashton Smith für sich entdeckt und dabei eine besondere Liebe für The Abominations of Yondo entwickelt. Statt eine historische Skizze zu verfassen, beschloss er deshalb, Tond zum Schauplatz einer davon inspirierten Erzählung zu machen.
 
Die ursprüngliche Fassung von A Madness from the Vaults erschien im Oktober 1964 in der ersten und einzigen Ausgabe von Graham Halls Fanzine Doubt. Bei dem in Far Away & Never abgedruckten Text handelt es sich allerdings um eine überarbeitete Fassung, die Campbell 1972 für Meade & Penny Friersons HPL - A tribute to Howard Phillips Lovecraft  anfertigte. Und dort heißt es: "it has but 40 words left of the original and an entirely new direction and concept".*** 
 
Als Sword & Sorcery lässt sich die Story schwerlich bezeichnen, aber sie führt einige Ideen und Motive ein, auf die der Autor später zurückgreifen würde. Nun ist The Abominations of Yondo mehr Prosagedicht als Kurzgeschichte und lebt völlig von Clark Ashton Smiths barock-überbordendem, dekadentem Stil und der musikalischen Qualität seiner Sprache. Wie stark Campbell dies ursprünglich zu imitieren versucht hat, kann ich natürlich nicht sagen, doch in der vorliegenden Version hält er sich damit erfreulicherweise etwas zurück. Denn es ist nicht leicht, einen ähnlichen Effekt zu erzielen, und ein missglückter Versuch kann schnell zu einem schier unlesbaren Text führen. Und so präsentiert sich A Madness from the Vaults als eine in formaler Hinsicht deutlich konventionellere Erzählung, deren "Smith'scher" Charakter hauptsächlich in der Fremdartigkeit und Bizzarerie der geschilderten Welt sowie in der Figur des dekadenten Despoten Opojollac besteht. Als in dessen Hauptstadt Derd immer häufiger ein mysteriöses Monstrum den Untiefen eines uralten Labyrinths entsteigt, um in den Straßen sein mörderisches Unwesen zu treiben, und dabei dem Palastviertel von Mal zu Mal näher kommt, sieht sich der Tyrann schließlich zähneknirschend gezwungen, auf eine Queste zu gehen, um die "Globes of Hakkthu" um Rat zu fragen. Die nur angedeutete Beschreibung dieser gottgleichen Hüter und Beschützer von Tond ist dank deren grotesk-maschinenhafter Erscheinung der vielleicht eindrucksvollste Teil der Erzählung.
Within the restless cloud of sand, which loomed more mightily than his palace, he thought that he perceived the rolling of great rusted surfaces and heard a low unceasing rumble, like the musing of a metal colossus [...] Minutes of silence passed, so that Opojollac dared glance towards Hakkthu. Then he threw himself supine again, for he had glimpsed a gigantic rusted mouth yawning above him through the dust. For a moment only the dust whispered, and then a voice like the grinding of ponderous gears boomed out above Opojollac.
Hakkthu (manchmal auch die "Globes of Hakkthu") tauchen als Anrufung in späteren Geschichten immer wieder auf. Erfüllen dort aber eher die Funktion von Crom im Conans wohlbekanntem "By Crom!". Auf ihr eigentliches Wesen wird nie wieder eingegangen. Ebensowenig auf die ausdrückliche Verknüpfung mit dem Cthulhu-Mythos. die in A Madness from the Vaults durch die Figur des Azathoth gegeben ist.
Weit wichtiger ist allerdings ist, dass hier zum ersten Mal von der Macht die Rede ist, die Namen und Worte auf Tond besitzen. Denn dies ist sicher eines der originellsten Motive von Campbells Sword & Sorcery.                                            
In Derd the names of the newborn were no longer the outcome of a day-long christening ritual but were subject to the whim of Opojollac, who thus ensured that none could boast a name so sonorous as his and by that token hold sway over his city. Certain words, phrases, and syntactical modes were the property of Pojollac alone, for on Tond language is power.
Als Ramsey Campbell mit der in der Novembernummer 1974 von Whispers veröffentlichten Geschichte The Stages of the God nach Tond zurückkehrte, entschied er sich dazu, seine Figuren nicht länger als Vertreter des nichtmenschlichen Volkes der yarkdao auftreten zu lassen: "The excuse for this transformation, I fear, is sloth. I couldn't imagine my way inside my characters unless I regarded them as human."
Nichtsdestotrotz erinnert mich auch diese Erzählung immer noch stark an die Phantastik eines Clark Ashton Smith oder eines Jack Vance. Der Protagonist ist erneut ein König, wenn auch nicht länger vom Typus des grotesk gezeichneten Despoten. Als Topops von dem intriganten Aufsteiger Lamboan und seinen Verbündeten gestürzt wird, muss er ins Exil gehen. Doch der Thronräuber denkt gar nicht daran, sich an die zwischen den beiden getroffene Übereinkunft zu halten. Statt ihm freies Geleit zu gewähren, setzt er umgehend einen Trupp von Söldnern und Meuchelmördern auf seine Fährte.
Zumindest andeutungsweise erscheint der Machtkampf zwischen Usurpator und Monarch auch als ein Kampf zwischen unterschiedlichen Formen von Sprache. So sagt Topops über seinen Widersacher und dessen Verbündete: "Had they not learned new words in secret with which to bind their tracts, their supporters could never have outnumbered those still loyal to me." Selbst glaubt er sich nachwievor im Besitz der Macht. die die "words of a king" in sich tragen.
Wie genau wir uns die Wirkung dieser "Worte" vorzustellen haben, bleibt unklar. Auf jedenfall schützen sie Topops nicht vor der Heimtücke seiner Gegner. Wenn es ihm dennoch gelingt, sich einiger seiner Verfolger zu entledigen. dann mittels blankem Stahl. Schließlich erreicht er einen verlassenen Schrein auf einer menschenleeren Ebene und beschließt, sich hier zum Endkampf zu stellen: "It is fitting that a king should defend a shrine." Im Inneren findet er einen Thron. Als er sich auf diesem niederlässt überkommt ihn eine wilde Vision und die Erzählung nimmt endgültig psychedelische Züge an. Topops schaut eine bizarre Landschaft, bevölkert von ebenso grotesken Kreaturen, und ist überzeugt davon, diese in gottgleicher Manier durch reine Willenskraft in ein blühendes Königreich verwandeln zu können. Nachdem er auch die letzten Häscher erledigt hat, schließt er sich für immer in diesen Schrein ein.
Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte etwas verwirrt zurückgelassen hat. Wenn Topops am Ende tatsächlich zu einem Gott geworden sein sollte, dann zum narzissistischen Gott seiner eigenen kleinen Welt. So jedenfalls mein Eindruck. Doch ich bin mir unsicher, ob diese Interpretation Campbells Zielsetzung entspricht.
 
Nachdem mit zwei Jahren Verzögerung 1973 sein zweiter Sammelband Demons by Daylight bei Arkham House erschienen war, beschloss Ramsey Campbell, seinen Job als Bibliothekar an der Öffentlichen Bücherei von Liverpool an den Nagel zu hängen und sich ganz auf die Schriftstellerei zu konzentrieren. Eine vielleicht etwas voreilige Entscheidung, wie er später einmal erklärt hat: "retrospect demonstrates how untimely my decision was. Kirby McCauley, now my agent, had to tell me that the market for short horror stories was very limited ... My solution was to lurch into science fiction as best I could. Little of it sold...". Möglicherweise war auch das ein Grund, warum sich Campbell in den 70er Jahren zusätzlich ein bisschen auf dem Sword & Sorcery - Markt tummelte. Immerhin hatte er mit Kirby McCauley, der selbst Mitglied des "Weird Fiction" - Kreises von Minneapolis gewesen war (dem u.a. auch Richard L. Tierney angehörte), einen Agenten mit vorzüglichen Connections in der Szene.
 
Doch bevor er seine erste völlig eigenständige S&S-Geschichte zu Papier brachte, erreichte ihn 1975 erst einmal eine Anfrage von Glenn Lord, ob er die Aufgabe übernehmen wolle, drei der Fragment gebliebenen Solomon Kane - Stories von Robert E. Howard fertigzuschreiben. Solche "posthumen Kollaborationen" waren in der Ära des großen S&S- und Howard-Booms gang und gäbe. The Castle of the Devil, Hawk of Basti und The Children of Asshur erschienen 1978/79 in den Bantam Books - Bänden Skulls in the Stars und Hills of the Dead.
Da ich mich bei der Lektüre von Die Schwingen des Grauens (The Pit of Wings) sofort an Wings in the Night, eine meiner Lieblingsgeschichten um den grimmigen Puritaner, erinnert fühlte (und das nicht nur wegen der geflügelten Monster, sondern auch wegen der bedrückenden Atmosphäre), hätte ich diese Stories sehr gerne zum Vergleich mit Campbells späterer Sword & Sorcery herangezogen. Tatsächlich sind sie sogar einmal ins Deutsche übersetzt und in dem Terra Fantasy - Band Die Krieger von Assur (1982) veröffentlicht worden. Doch leider scheint man den im Moment nur für reichlich übertriebene Preise erwerben zu können. Im englischen Original erschienen sie allesamt wohl zum letzten Mal 1995 in einem Baen Books - Sammelband, aber der ist inwischen sogar noch teurer. Also musste ich auf einen unmittelbaren Vergleich verzichten. Dennoch scheint es mir potenziell hilfreich, Campbells Solomon Kane - Verbindung im Hinterkopf zu behalten.****
 
Wenn ich die Chronologie korrekt rekonstruiert habe, war es 1976, als sich Michel Parry um einen Beitrag für seinen Sammelband Savage Heroes an Campell wandte, den er ein Jahr später unter dem klangvollen Pseudonym "Eric Pendragon" veröffentlichen würde. Das Buch ist eine Mischung aus Neuabdrucken älterer Kurzgeschichten von Robert E. Howard, Clark Ashton Smith, C.L. Moore, Henry Kuttner und Clifford Ball (sowie einer Kane - Story von Karl Edward Wagner) und drei originären Werken: Alma Mater von Daphne Castell, The Barrow Troll von David Drake und The Song in the Hub of the Garden von Ramsey Campbell.
 
Interessanterweise könnte man die Kurzgeschichte als eine Absage an die Sword & Sorcery und ihre Helden interpretieren. Oder doch zumindest als eine scharfe Kritik.
Wir treffen den Protagonisten Holoth zu Beginn in einer Taverne unter "primitivem" Volk. Er hofft, dass sein Name und die damit verbundene Saga seiner taten genug Macht über die Versammelten ausübt, um ihm deren Unterstützung auf seiner Suche nach dem sagenumwobenen Goam zu sichern. Doch als ein Jüngling eines der Details aus seiner Geschichte in Frage stellt, ist er gezwungen, mit ihm zu kämpfen, da sonst die "Magie" seiner "Worte" ihre Kraft verlieren würde.
Dies ist das erste richtige Beispiel für die besondere Rolle, die der "Name" in Campbells S&S-Geschichten spielt. Dieser ist mehr als eine bloße Bezeichnung oder Anrede. Vielmehr scheint er auf fundamentale (und "magische") Weise mit der Persönlichkeit seines Trägers verbunden zu sein. Seine Macht bezieht er aus den mit ihm verknüpften Geschichten über dessen vergangene Taten. Und das ist mehr als ein "Ruf" oder eine "Reputation". Holoths Zuhörer hoffen ein Teil von dessen Stärke in sich aufzunehmen, wenn sie die Taten des "Helden" aufzählen. Gleichzeitig muss Holoth seinen Namen "verteidigen", wenn dieser nicht seine Macht einbüßen soll.
Allerdings ist er nicht begeistert, diese Herausforderung anzunehmen. Und darin zeigt sich der innere Widerspruch unseres Helden. Einerseits ist sein "Name" ja so etwas wie die Quintessenz seiner Taten. Ohne diese wäre er ohne "Macht". Und Holoth ist bereit, für seinen Namen zu töten. Doch zugleich schreckt er davor zurück, sich mit den Taten auseinanderzusetzen, die ihn und damit sein "Ich" konstituieren. Der alte Mann in der Taverne erkennt das:
"Don't you dare stand still to look back where you've been?" the old man said, and Holoth felt the words creeping up behind him, waiting to slip into him as soon as he relaxed. "You're draining life and you'll have yourself none." the old main said. "You'll have done all and understood nothing and you'll never be able to return."
Wenn wir später erfahren, worin Holoths "Heldentaten" eigentlich bestanden haben, wird uns auch klar, warum das so so ist. Als Sklave im Matriarchat von Lelele wurde er auf ziemlich perverse Art zum Instrument eines Mordanschlags auf die Königin gemacht. Doch in dem anschließenden Machtkampf war die Verschwörerin Yaloyo schließlich gezwungen, aus dem Inselreich zu fliehen. Holoth war einer der Sklaven, die sie dabei mitnahm. Er nutzte die Situation, tötete seinerseits seine "Herrin" und schwang sich dank der Macht der "Worte", die er in ihren Diensten gelernt hatte, zum Anführer über die übrigen Männer auf. Doch seine anschließende Laufbahn als Piratenhauptmann war alles andere als "heroisch" oder "abenteuerlich":
For months he watched the men tie women to the deck and rape them, beat them, mutilate them, throwing them bleeding into the hold or the sea at whim.
Irgendwann konnte er all das nicht mehr ertragen, trennte sich von seinen "Gefährten" und machte sich auf die Suche nach Goam. Auch wenn das nie offen ausgesprochen wird und er es sich selbst vermutlich nie eingestehen würde, ist doch ziemlich klar, dass Holoth in diesem legendären Reich der Zaubererphilosophen so etwas wie Seelenfrieden zu erlangen hofft.
Doch wie sich herausstellt, existiert Goam schon lange nicht mehr. Alles, was von ihm übriggeblieben ist, ist ein magischer Garten in der Wüste. Eine Art pervertiertes Eden. Und was Holoth dort erwartet, ist alles andere als Erlösung.
 
The Song in the Hub of the Garden ist eine ziemlich bedrückende kleine Story. Und bildet damit ein passendes Pendant zu Drakes unheroisch-illusionslosem Barrow Troll. Als Auftakt zu Campbells Sword & Sorcery etabliert sie einen sehr düsteren Grundton, der in der Folge zwar mehr ins Graue verschoben, aber nie völlig aufgehellt werden wird, wie wir gleich sehen werden.
 
Ungefähr zu dieser Zeit kreierte Campbell seinen eigenen "echten" S&S-Helden. Die Idee zu dem umherwandernden Söldner und Schwertkämpfer Ryre, den Stephen Fabian übrigens ziemlich akkurat für das Cover von Far Away & Never porträtiert hat, kam ihm offenbar während einer Vorführung von Ng See-yuens The Bloody Fists. Was allerdings kaum einen Einfluss auf die Charakterisierung der Figur gehabt haben dürfte: "I take The Sustenance of Hoak to owe its existence less to the film than to my loss of interest in the events on the screen." Durch die Vermittlung von Kirby McCauley gelangte diese erste Story in den im Februar 1977 veröffentlichten Auftaktband von Andrew J. Offutts Swords Against Darkness. Und es war Offutt, der an Campbell mit der Aufforderung herantrat, weitere Geschichten über Ryres Abenteuer zu schreiben. "I hadn't planned a sequel -- I never do -- but I was happy to find out where he went next. His brief saga allowed me to work out ideas too weird to be incorporated in the kind of thing I usually write." Insgesamt entstanden so vier Ryre-Stories, die allesamt in der Swords Against Darkness - Reihe erschienen: The Sustenance of Hoak, The Changer of Names, The Pit of Wings und The Mouths of Light. Als Offutts Anthologien-Reihe 1979 nach Band 5 eingestellt wurde, bedeutete das leider auch das Ende für Campbells Schwertkämpfer. "Deprived of a market, he entered that limbo to which the passing of the pulps consigned so many of his predecessors". Ryre wurde damit eines der vielen Opfer des Umschwungs in der amerikanischen Fantasy, die schließlich zum High Fantasy - Boom der 80er Jahre führte. Was ich persönlich sehr bedauernswert finde, halte ich ihn doch für eine interessante Ergänzung zum Pantheon der "klassischen" Sword & Sorcery - Held*innen.
 
Im ersten Kapitel von Flame and Crimson: A History of Sword-and-Sorcery entwirft Brian Murphy eine Art "7-Punkte-Programm", mit dessen Hilfe er das Subgenre zu definieren versucht. Ich bin nicht ganz glücklich mit dieser Herangehensweise, da mir einige der "Base Elements" zu ausschließlich aus den Werken von Robert E. Howard abgeleitet zu sein scheinen. Dennoch kann die Liste als erster Ansatz für eine Auseinandersetzung mit der S&S durchaus nützlich sein. Und vor allem an zwei von Murphys Kriterien musste ich bei der Lektüre der Ryre-Geschichten immer wieder denken: "Horror/Lovecraftian Influence" und "Personal and/or Mercenary Motivations".
 
Der erste Punkt ist schnell abgehakt. Dass H.P. Lovecraft und sein Werk einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die frühe Sword & Sorcery ausübten, habe ich in der Vergangenheit schon ein paar mal thematisiert. Und mit Robert E. Howard, Clark Ashton Smith, C.L. Moore, Henry Kuttner und Fritz Leiber gehörten viele Vertrer*innen der "ersten Generation" ja auch zum engeren oder weiteren Bekanntenkreis des alten Gentleman von Providence. Diese Verbindung wurde in späteren Jahrzehnten immer mal wieder aufgegriffen, wenn auch selten so offen wie in Richard L. Tierneys Simon of Gitta - Geschichten. Dass dies auch für Ramsey Campbell gilt, ist nicht überraschend. Alle vier Tyre-Geschichten enthalten deutliche Horror-Elemente. Allerdings wird dabei nirgends direkt Bezug auf den Cthulhu-Mythos genommen. Auch handelt es sich weniger um "kosmisches" Grauen. Die Monster, mit denen sich der Schwertkämpfer herumschlagen muss, sind zwar grotesk und ziemlich gruselig, aber sie sind keine "Älteren Götter" oder vermitteln das Gefühl menschlicher Verlorenheit angesichts eines gefühllosen Universums. Sie sind sehr viel "handfester" und können auf handfeste Weise bekämpft oder überlistet werden.
 
Beim zweiten Punkt wird es etwas komplizierter. In dem entsprechenden Abschnitt zitiert Brian Murphy zustimmend eine Passage aus dem Vorwort der 2010 erschienen Anthologie Swords & Dark Magic, in dem das Subgenre wie folgt charakterisiert wird: "Smaller-scale character pieces, often starring morally compromised protagonists, whose heroism involves little more than trying to save their own skins from a trap they themselves blundered into in search of spoils". Ich habe mich vor einem halben Jahr schon einmal kritisch mit genau dieser Anthologie und ihrem Verständnis der Sword & Sorcery auseinandergesetzt. Es ist sicher richtig, dass deren Held*innen kaum je "strahlende Recken", sondern sehr oft moralisch etwas zweifelhafte Gestalten sind. Ebenso stimmt es, dass deren Anfangsmotivation nicht selten ziemlich materialistisch und selbstsüchtig sein kann. Aber wenn man die Charakterisierung damit für abgeschlossen erklärt, könnte der Eindruck entstehen, der "typische" S&S-Held würde sich kaum von einem amoralisch-zynischen Grim & Gritty - Bastard unterscheiden. Und zumindest in meinen Augen besteht zwischen den beiden ein deutlicher und wichtiger Unterschied. Ab und an treffen wir zwar auch schon in der "klassischen" Sword & Sorcery auf so gänzlich abstoßende Gestalten wie den goldgierigen Berserker Ulf Womanslayer aus Dave Drakes schon erwähntem Barrow Troll. Aber sie bilden doch die Ausnahme. In den allermeisten Fällen zeigen sich "typische" S&S - Held*innen sehr wohl fähig zu selbstlosem Handeln, sobald sie sich vor eine entsprechende Entscheidung gestellt sehen. Auch dann wird ihre Motivation oft komplizierter sein als die eines blütenweißen "Ritters ohne Furcht und Tadel", aber letztenendes besitzen auch sie einen inneren "moralischen Kompass", der sie dazu bewegt, am Ende "das Richtige" zu tun. Wenn auch vielleicht grummelnd und zögerlich. Und genau dafür scheint mir Ryre ein ausgezeichnetes Beispiel zu sein.
 
Am Beginn von The Sustenance of Hoak befindet er sich zusammen mit seinem Kumpel Glode auf Schatzsuche. Eine geradezu archetypische "selbstsüchtige" Motivation also. Die beiden haben zuvor als Söldner im Krieg gegen die Piraten der "Sea of Shouting Islands" gekämpft, hatten aber keine Lust, nach dessen Ende in den Dienst irgendeines kleinen Feudalherrn zu treten, um in dessen Interesse möglicherweise gegen ihre eigenen Kameraden von gestern kämpfen zu müssen. "[T]hey had been drinking their pay and complaining of its meagreness when talk had turned to the treasure of Hoak". Doch schon auf dem Weg zu dem abgelegenen Dorf, unter dem der sagenumwobene Schatz begraben liegen soll, erleidet Glode bei einem Banditenüberfall eine schwere Verletzung, der er schließlich erliegt. Das Dorf selbst entpuppt sich als eine ziemlich merkwürdige Siedlung voller apathisch wirkender Gestalten, die sich anscheinend ausschließlich von einer eigenartigen Droge ernähren, die aus den in jedem Haus befindlichen hölzernen Götzenbildern gezapft wird. Über all dem liegt eine tief bedrückende und hoffnungslose Atmosphäre. Es dauert nicht lange und Ryre muss erkennen, dass es den gesuchten Schatz überhaupt nicht gibt. Stattdessen wird ihm nach einiger Zeit klar,  dass die Bewohner*innen von Hoak die Gefangenen einer monströsen Pflanze sind, die sie mit der erwähnten Droge in völliger Abhängigkeit hält und sich zudem von ihnen ernährt. Nach einer bizarren Begräbniszeremonie wird er außerdem Zeuge, wie das Ungeheuer auch Glodes Leichnam verschlingt. Schließlich beschließt er, diesem Alptraum ein Ende zu bereiten und die Monsterpflanze zu vernichten. Ryres Motivation für sein Handeln ist vielschichtig. Einerseits geht es ihm dabei um Glodes "Namen": "If Ryre succeeded he would have a tale in which to hold Glode fast and give him power". Dieses Ansinnen wird noch dadurch verstärkt, dass es Ryre merkwürdig schwer fällt, um seinen Gefährten wirklich zu trauern. Es wollen sich einfach nicht die entsprechenden Gefühle bei ihm einstellen. Ob dafür (ausschließlich) der Einfluss der Monsterpflanze verantwortlich ist, oder wir darin ein erstes Anzeichen für den leicht depressiv-schwermütigen Charakter unseres Helden erkennen sollen, bleibt offen. Jedenfalls fühlt sich Ryre deshalb in gewisser Hinsicht schuldig. Aber zugleich geht es ihm sehr wohl auch um das Schicksal der Menschen in Hoak. Oder doch zumindest um die von ihnen, deren Persönlichkeit die Droge noch nicht völlig abgetötet hat: "He thought of Yoce and Trome, trapped within the open wall. He thought of the children ..." Symbolische Verkörperung findet all dies in einer kleinen, holzgeschnitzten Heldenfigur, die Ryre der jungen Yoce schenkt. "[H]is words didn't require him to be like the carving". Aber letztlich nimmt er diese Rolle doch an.
 
Der Anfang von The Changer of Names verstärkt noch einmal den Eindruck von Ryre als einem schwermütigen, innerlich erschöpften und etwas ziellosen Wanderer. Als er die Hafenstadt Lipe erreicht, hört er in einer Taverne davon, dass in letzter Zeit häufiger irgendwelche Schwertkämpfer in den nächtlichen Gassen auf mysteriöse und grausliche Weise zu Tode gekommen sein sollen. Seine Reaktion ist nicht ganz so wie man das vielleicht erwarten würde.
Ryre stared at the table. The man's talk wearied and depressed him, the whole place did. He refused to ask who might have killed the swordsmen: the tale was probably a lie. The table was darkened by stains of old ale, like ghosts of islands. He wished he were travelling.     
Als plötzlich ein junger Mann in die Schenke gestolpert kommt und lauthals verkündet "I am Ryre!", weckt diese Provokation zwar Gefühle in unserem Helen, die sich nur schwer bändigen lassen, aber nein, warum sollte er sich auf einen "name-fight" einlassen? 
In his youth, like most men, he'd roamed seeking others whom fate and their parents had given his name, to challenge them to fight for it. But now he and his name were one, secure in the deeds they'd shared; he had no need to defend it.
Doch dann beansprucht der Jüngling genau diese Taten, die die Essenz von Ryres "Namen" ausmachen, für sich und eine solche Beleidigung kann unser Held natürlich nicht einfach hinnehmen. Der Herausforderer hat nicht die geringste Chance und liegt Minuten später durchbohrt am Boden.
Ryre ist verwirrt und verstört. Wie konnte sich dieser offensichtlich völlig unerfahrene Mann erdreisten, seinen Namen zu "stehlen"? Und wie konnte er ihn mit einer solch trunken wirkenden Selbstsicherheit für sich in Anspruch nehmen? 
Wie sich zeigt, treibt ein geheimnisvoller Zauberer in Lipe sein Unwesen und verkauft den Leuten die "gestohlenen" Namen bekannter Krieger. Und da der Name auf Tond zugleich die Persönlichkeit, die Taten und das Leben seines Trägers "bedeutet", sind die Käufer felsenfest davon überzeugt, mit ihm auch diese zu erwerben.
Eine so krasse Perversion, eine so tiefe Verletzung der menschlichen Persönlichkeit, kann Ryre nicht einfach hinnehmen. Also nimmt er die Jagd nach dem "Changer of Names" auf, der sich am Ende als sehr viel mehr entpuppt als bloß ein besonders skrupelloser Zauberer.
 
Schon in The Sustenance of Hoak hatten wir im Zusammenhang mit Ryres leichter Klaustrophobie gehört: "As a youth he'd suffered the lightless hold of a ship for days". In The Pit of Wings erfahren wir nun, was es damit vermutlich auf sich gehabt hat. Denn als unser Held die Sklavenhalter-Siedlung Gaxanoi erreicht, überkommt ihn beim Anblick der in Ketten Geschlagenen und ihrer peitschenschwingenden Antreiber eine kaum zu bändigende Wut: "Ryre hated slavery as only a man who has been enslaved can. Fury parched his throat." Aber natürlich weiß er, dass er die Gesellschaftsordnung einer Stadt nicht mit ein paar gut geführten Schwertstreichen  zerschlagen kann. Also hält er sich im Zaum. Doch als ihn einer der Sklaventreiber provoziert, handelt sich dieser damit eine abgesäbelte Wange ein. Unglücklicherweise ist Gaxanoi aber nicht bloß ein Hort der Sklaverei, sondern auch Sitz eines finsteren Kultes. Und der beschließt, Ryre als Strafe für sein unverschämtes Verhalten bei nächster sich bietender Gelegenheit den wirklich exquisit widerlichen geflügelten Monstern, die man hier offenbar als Götter verehrt, als Menschenopfer darzubringen.
 
The Mouths of Light ist ein direktes Sequel zu der Vorgängerstory. Nachdem Ryre den geflügelten Bestien entkommen ist, kehrt er nach Gaxanoi zurück, um nun doch zu versuchen, die dortigen Sklaven zu befreien. Das Unternehmen scheitert, da diese trotz der sich bietenden Gelegenheit nicht den Willen zur Flucht aufbringen. Vielleicht nicht ohne Grund denken sie, dass ein solcher Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre, da es keinen Ort gibt, an dem sie sicher wären. Allerdings hat Ryre bereits genug Wächter und Sklaventreiber massakriert, um nun einen wütenden und blutgierigen Trupp von Verfolgern auf seine Fährte zu setzen. Als er Zuflucht in einem ausgedehnten Höhlensystem sucht, gerät er quasi vom Regen in die Traufe.  Denn dort treibt sich bereits eine Gruppe von Schatzsuchern herum, die den vermeintlichen Konkurrenten umgehend ins Jenseits zu befördern versucht. Ryre überlebt nur knapp und macht sich nun seinerseits daran, die Mitglieder des unglückseligen Trupps einem nach dem anderen zu erledigen. Ach ja, und dann gibt's da auch noch diese seltsamen Monstermäuler, die die Höhle  bevölkern.
The Mouths of Light ist im Grunde eine einzige lange Kampfszene. Das mag erst einmal nicht so originell und aufregend klingen, aber Ramsey Campbell versteht es, aus diesem simplen Szenario fünfzehn wirklich coole Seiten zu machen. Vor allem wie geschickt (und beinah cineastisch) er dabei Licht und Dunkelheit einsetzt, ist echt beeindruckend.
Daneben erhalten wir einen weiteren (und leider den letzten) Einblick in Ryres Persönlichkeit. Er weiß, dass die Schatzsucher eigentlich bloß irgendwelche armen Fischersleute sind, die ihren Familien eine bessere Zukunft verschaffen wollen. Aber solange es um sein eigenes Überleben geht, kann er darauf keine Rücksicht nehmen und tötet seine Gegner mit professioneller Kaltblütigkeit. Doch nachdem sie alle das Zeitliche gesegnet haben und es ihm am Ende sogar gelungen ist, einen Teil des Hortes den heimtückischen Monstermäulern zu entreißen, lädt er die Hälfte seiner Beute auf eines der Pferde der Fischer.
When he set it loose it seemed to know where it was going -- back to the widows and children, he hoped. For himself, he preferred not to encounter the friends of the men he had killed. He rode away toward the foothills and whatever lay beyond.  
Ich hoffe, ich habe zumindest ein wenig verständlich machen können, warum ich es bedauerlich finde, dass dies die letzten Sätze sind, die wir über Ryres Abenteuer zu hören bekommen.

Als zusätzliches Schmankerl enthält Far Away & Never außerdem noch Ramsey Campbells Beitrag zu dem legendären "Round Robin" Ghor, Kin-Slayer. Jonathan Bacon, Herausgeber des Fanzines Fantasy Crossroads, trommelte 1977 ein veritables Who-is-Who der männlichen***** Sword & Sorcery - Autoren der Zeit zusammen, um (jeder ein Kapitel) ein Fragment von Robert E. Howard fertigzuschreiben. Zu den Teilnehmern gehörten u.a. Michael Moorcock, Andrew J. Offutt, Charles R. Saunders, Darrell Schweitzer, Richard L. Tierney, Karl Edward Wagner, Manly Wade Wellman und eben auch Ramsey Campbell. Der vorzeitige Tod von Fantasy Crossroads 1979 führte dazu, dass dieses Opus in seiner Gänze erst zwanzig Jahre später von Necronomicon Press dem lesenden Publikum zugänglich gemacht wurde. Selbst habe ich mir das zwar noch nicht zu Gemüte führen können, aber alles spricht dafür, dass es sich bei Ghor, Kin-Slayer mehr um ein literarisches Kuriosum und weniger um eine wirklich lesenswerte Geschichte handelt. Campbells Beitrag hat an diesem Eindruck nichts ändern können.


* In einem kurzen Mastodon-Austausch mit Alessandra stellten wir beide fest, dass uns Titel und Coverillustration aus anderen Vertretern der "Schwarzen Reihe" bekannt waren, in denen der Band anscheinend recht häufig beworben worden war.

** Ich verweise auf meinen alten Artikel Retro Hugos und der Derleth-Mythos.

*** Zwar erwähnt Ramsey Campbell im Vorwort zu Far Away & Never diese radikale Überarbeitung, aber der Sammelband macht nicht deutlich, um welche Version es sich bei der abgedruckten Geschichte eigentlich handelt. Das mus man sich selbst zusammenreimen. In einer entsprechenden Auflistung heißt es über A Madness from the Vaults sogar bloß "originally appeared in Doubt #1 (1964)", während HPL nirgends erwähnt wird. Was doch ziemlich verwirrend ist. Erst eine Konsultation von ISFDB und ein Vergleich mit dem glücklicherweise als PDF im Netz aufzufindenden Text von HPL verschuf mir Klarheit.

**** Diese Verbindung reichte nebenbei bemerkt über die 70er Jahre hinaus. Nachdem die berühmte Brit-Horror-Schmiede Amicus, die in den letzten Jahren ihrer Existenz außerdem das wunderbare Edgar Rice Burroughs - Doug McClure - Gummidino - Trio The Land That Time Forgot (1974), At the Earth's Core (1976) und The People That Time Forgot (1977) produziert hatte, endgültig entschlafen war, gründete einer ihrer Ex-Bosse, Milton Subotsky, eine neue Firma mit dem verheißungsvollen Namen Sword & Sorcery Productions. Nach missglückten Versuchen, die Rechte an Conan zu erwerben, oder einen Thongor-Film auf der Grundlage von Lin Carters The Wizard of Lemuria auf die Beine zu stellen, kam Subotsky schließlich auf die Idee, es mit einer Solomon Kane - Adaption zu versuchen. Für das Drehbuch wandte er sich an Ramsey Campbell. "I wrote a treatment based on the African tales, but he didn't see a film in it. Shortly afterwards, rumour has it, the financing for a Thongor film he'd started was lost, leaving him with the bill for some Eastern European special effects, and his enthusiasm for sword and sorcery ventures waned." In der Tat produzierte Sword & Sorcery Productions keinen einzigen S&S-Film, sondern bloß den Psychohorror-Streifen Dominique (1979) und die bizarre, eher nicht so gelunge R. Chetwynd-Hayes - Adaption Monster Club (1981). Campbell hingegen würde knapp dreißig Jahre später die Novelization für den (meines Erachtens auch nicht so geglückten) Solomon Kane - Streifen von M.J. Bassett schreiben. 

***** Das gilt es zu betonen! Die Liste der Mitwirkenden enthält z.B. weder Tanith Lee noch C.J. Cherryh. Als einzige Autorin ist Marion Zimmer Bradley vertreten.

Donnerstag, 18. Juli 2024

Allerlei magische Schwerter und ein Fantasy-Heist

Als ich mich vor drei Wochen in einer Lage befand, in der keine andere Lektüre greifbar war, entschied ich mich spontan dazu, in ein altes, zerfleddertes Exemplar von Fred Saberhagens Buch der Schwerter reinzuschmökern, das eigentlich auf seine Übersiedelung in einen öffentlichen Bücherschrank wartete. Und was soll ich sagen? Ich hab' den gut 800 Seiten starken Wälzer inzwischen tatsächlich ganz durchgelesen, und er hat nun doch einen Platz in meiner "Bibliothek" erhalten.
 
Ich hatte die Trilogie in meinen Teens schon einmal gelesen, aber erhalten hatten sich davon nur ein-zwei vage Erinnerungen: Ein unterirdischer Komplex in Gestalt eines gewaltigen, sich langsam drehenden Rades. Ein tanzender Shiva vor den Mauern einer belagerten Stadt. Viel mehr war nicht hängengeblieben.
 
Allerdings wusste ich inzwischen, dass das Buch der Schwerter (1983/84) ein Sequel zu Saberhagens erstem Fantasyepos Empire of the East / Reich des Ostens (1968-73) ist, was mir bei meiner ersten Lektüre nicht bewusst gewesen war. Über dessen Inhalt weiß ich freilich nicht viel mehr als das, was den drei Artikeln von Fletcher Vredenburgh zu entnehmen ist, die 2018 auf Black Gate erschienen sind.

Warum ist Saberhagens Trilogie eigentlich nie verfilmt worden? Das Cover der britischen Omnibusausgabe von 1984 schaut doch schon aus wie das Poster für einen grandios epischen B-Movie. (Künstler anscheinend unbekannt)

Die Vermischung von SciFi- und Fantasyelementen war in der Genreliteratur der 60er und 70er Jahre keine Seltenheit. Man denke etwa an Klassiker wie Tanith Lees Birthgrave oder C.J. Cherryhs Gates of Ivrel. Und selbst in Fritz Leibers Swords of Lankhmar taucht ja der Welten- und Zeitreisende Karl Treuherz auf, der Monster für Hagenbecks Zeitgarten jagt. Auch die Idee, eine Fantasygeschichte in einem postapokalyptischen Setting anzusiedeln, war nicht wirklich neu, als 1968 Saberhagens The Broken Lands erschien. Ich verweise bloß auf Nelson S. Bonds Magic City, die im Feburar 1941 in Astounding erschienen war. 
Vor allem postapokalyptische Sword & Sorcery war eine Zeit lang recht beliebt. Da gab es z.B. den Gold Key Comic Mighty Samson (1964-69/1972-76) oder die Zeichentrickserie Thundarr the Barbarian (1980/81). Selbst Gardner F. Fox' Clonan Kothar erlebt seine Abenteuer "offiziell" in einer postapokalyptischen Welt, und noch in Jessica Amanda Salmonsons Amazons II besuchen wir in Lee Killoughs The Soul Slayer / Der Seelenräuber die Ruinen von New York. Aber natürlich ist mit Terry Brooks' Shannara auch eines der kommerziell erfolgreichsten High Fantasy - Franchises der 80er Jahre nach einem Atomkrieg angesiedelt. Auch wenn das in den Geschichten (soweit sie mir bekannt sind) selten so offensichtlich wird wie in der MTV-Adaption der Elfstones von 2017.
Dennoch scheint Saberhagens Empire of the East in seiner "pure pulp insanity" (Vredenburghs Worte) eine Klasse für sich zu sein.*
   
Wie schaut es damit im Buch der Schwerter aus? Die Handlung spielt 2000 Jahre nach dem Vorgänger. Die Überbleibsel der "Alten Welt" sind sehr viel spärlicher geworden. Panzer rollen hier nicht mehr durch die Gegend. Bloß eine erstaunlich große Anzahl elektrischer Lampen (mit anscheinend unerschöpflichen Batterien) hat sich immer noch erhalten. Doch davon einmal abgesehen präsentiert sich uns das Setting der zweiten Trilogie als eine relativ typische Fantasywelt mit Rittern, Burgen, Drachen, Magiern und Dämonen. Allerdings ohne Elfen oder Zwerge. Die werden nur einmal kurz augenzwinkernd als Gestalten aus Sage und Legende erwähnt. Dafür tummeln sich auf dieser Welt allerlei merkwürdige Hybridwesen (Mutationen? Produkte gentechnischer Manipulation?) wie etwa der "Mönchsvogel", der eigentlich gar kein Vogel, sondern ein geflügeltes Säugetier ist, eine Art Mischung aus Affe und Fledermaus. Auch spricht Saberhagen in einer hübschen stilistischen Wendung stets nur von "Reittieren", "Lasttieren", "Wolltieren" und "Milchtieren". Das könnten zwar einfach bloß Pferde, Esel, Schafe und Kühe sein, aber vielleicht eben auch nicht. Mir gefällt dieser leichte "Verfremdungseffekt".

Wie bei einer Fantasywelt dieser Couleur üblich, haben wir es auch im Buch der Schwerter mit einer faux-feudalistischen Gesellschaft zu tun. Allerdings ist ihrer Schilderung ein etwas höheres Maß an "Realismus" eigen als man das in der High Fantasy gemeinhin vielleicht gewöhnt ist. Nicht dass Saberhagen zur Grim & Gritty neigen würde, aber er lässt doch keinen Zweifel dran, dass es sich um eine krasse Klassengesellschaft handelt, in der die einfachen Leute aus gutem Grund Angst vor den meisten Aristokraten und ihren Schergen haben, und in der die Perspektive, aus der heraus eine Person die Welt sieht, stark davon geprägt ist, welchem Stand sie angehört. Zwischen der Welt der Mächtigen und der der allermeisten Menschen klafft ein tiefer Abgrund.

Omnibusausgabe von 1987 mit einem Cover von Dino Marsan.

Jetzt habe ich High Fantasy gesagt, aber eigentlich würde ich die Trilogie eher als eine eigenartige Mischform charakterisieren, die zwischen High und Low Fantasy hin- und herpendelt.
 
Freilich beginnt der erste Band mit dem archetypischen jugendlichen "Auserwählten" aus einem Hinterwäldlerdorf. Auch wenn es vorerst unklar bleibt, wozu der junge Mark "berufen" ist. (Und um ehrlich zu sein, war mir das selbst am Ende der Trilogie nicht so 100%ig klar). Sein besonderer Status zeigt sich fürs erste bloß in seiner ungewöhnlichen Herkunft.
Aufgewachsen ist er als Sohn des ehemaligen Schmiedes Jord. Der hatte vor vierzehn Jahren zu einer Gruppe von sieben Männern gehört, die von dem Gott Vulkan gezwungen wurden, ihm beim Schmieden von zwölf magischen Schwertern zu helfen. Als einziger hat er das überlebt. Denn der Gott war der Überzeugung, dass es zur Vollendung seines Werkes "Menschenschweiß", "Menschenschmerz", "Menschenangst" und "Menschenblut" brauche. Jord hatte insofern "Glück", als ihm "bloß" der rechte Arm abgeschlagen wurde. Auch erhielt er als "Lohn" eine der zwölf Klingen. Diese Hintergundsgeschichte verrät uns zweierlei: Die Götter dieser Welt sind (scheinbar zumindest) die des griechisch-römischen Pantheons. Und sie sind alles andere als nett.
Marks wirklicher (biologischer) Vater ist allerdings gar nicht Jord, sondern ein mysteriöser maskierter Fremdling (und Edelmann?), dessen wahre Identität erst viel später enthüllt wird und von dessen Existenz unser Held lange Zeit nichts ahnt.
 
Der Beginn seiner Heldenlaufbahn ist ähnlich archetypisch, wenn er nach einem Überfall auf sein Heimatdorf mit dem magischen Schwert die Flucht ergreifen muss. Gehetzt von den Schergen des fiesen Herzogs Fraktin, der die Wunderklinge unbedingt in die Finger bekommen will, stolpert er über den professionellen Drachenjäger Nestor und seine Begleiter Ben und Barbara. Das Trio, das von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zieht, nimmt sich seiner an und gemeinsam macht man sich auf den Weg zur Domäne des Guten Sir Andrew. Doch bevor die Gruppe diese erreicht, kommt es zu einem erneuten Scharmützel, in das diesmal auch leibhaftige Drachen verstrickt sind. In dessen Verlauf gehen sowohl Nestor als auch das magische Schwert verloren.
 
Der Drachenjäger ist ein ganz gutes Beispiel dafür, wie Saberhagen mit seinen Figuren umgeht. Wenn auch nur skizzenhaft gezeichnet, soll er doch wohl den Archetyp des vagabundierenden Haudegens verkörpern. Im Verlauf des ersten Bandes macht er eine recht beeindruckende Entwicklung durch und erscheint zentral für die Handlung. Er wird von Drachen entführt und von dem gottähnlichen "Herr der Tiere" Draffut in die "epischen" Gesamtzusammenhänge eingeweiht: Die Götter haben die Schwerter geschaffen und unter die Menschen verteilt, um ein großes "Spiel" zu spielen. Was letztlich darauf hinausläuft, dass alle möglichen Potentaten die Klingen iu ihren Besitz zu bringen versuchen, was alsbald zu einem Krieg aller gegen alle führen wird. Angesichts dieser Bedrohung wandelt sich Nestor nach einigem Zögern in einen selbstlosen Heroen, der am Ende die Burg des Guten Sir Andrew mit dem magischen Schwert "Townsaver" gegen eine gewaltige feindliche Übermacht verteidigt und dabei den Heldentod findet. Dass dieser off-screen stattfindet, ist bezeiuchnend. Denn bei all dem bleibt die Charakterisierung des Drachenjägers insgesamt sehr rudimentär. 
Und im Grunde gilt das für alle Figuren des Zyklus. Saberhagen interessiert sich nicht wirklich für ihr Innenleben oder ihre Beziehungen und Konflikte. Da beschränkt er sich aufs nötigste. Die Figuren dienen ihm als Aufhänger für die Geschichte und diese dreht sich nicht wirklich um sie. 
Was auch die recht häufigen Perspektivwechsel erklärt. Diese sollen nicht das Gefühl einer "komplexen Welt" hervorrufen, sondern dienen in erster Linie dazu, die Schilderung aller möglichen "Szenen" zu ermöglichen. Und wenn es Saberhagen trotz allem nicht gelingt, eine seiner "Hauptfiguren" an den dafür benötigten Schauplatz zu rücken, kann er sogar mal auf eine auktoriale Sicht zurückgreifen. Oder er führt einen Perspektivträger ein, der ausschließlich dafür existiert, Zeuge einer bestimmten "Szene" zu werden, um anschließend auf Nimmerwiedersehn zu verschwinden.    
Das mag etwas ungelenk klingen, hat mich aber nicht groß gestört. Nur ab und an führte ein besonders krasses Beispiel dieser Erzähltechnik zu einer gehobenen Augenbraue. Wenn z.B. am Anfang des dritten Bandes innerhalb einer Szene von der personalen zur auktorialen Sichtweise gewechselt wird. Oder gegen Ende des Zyklus rasch die Figur eines Kriegsflüchtlings (inklusive Name und Familie) eingeführt wird, die ganz offensichtlich nur existiert, weil sonst niemand eine epische Prügelei zwischen zwei "Göttern" beobachten könnte.
Insgesamt konnte ich mit Saberhagens eher den Pulp-Traditionen verhafteten Erzählweise jedoch sehr gut leben. Was interessiert mich Nestors Gefühlsleben, wenn ich dafür die hübsch grauslichen "Larven" präsentiert bekomme -- aus Sumpfschlamm geformte "Golems" mit Haken und Klingen anstelle von Händen? Oder den zotteligen Titanen Draffut kennenlernen darf? Letzterer stammt übrigens aus Empire of the East. Und obwohl viele ihn für einen Gott halten, weist er eine solche Bezeichnung energisch von sich. Tatsächlich mehren sich im weiteren Verlauf des Zyklus die Anzeichen dafür, dass es sich bei dem "Herrn der Tiere" in Wirklichkeit um eine Art mutierten Hund handelt! Weshalb er, als "men's best friend", auch unfähig ist, Menschen ein Leid zuzufügen.
 
Der Gute Sir Andrew ist übrigens so gut, dass eine seiner Lieblingsbeschäftigungen darin besteht, gefangenen Verbrechern in seinem Kerker aus der "Bibel" vorzulesen, um sie auf den Weg von Reue und Umkehr zu führen. Dabei scheint diese "Heilige Schrift" hauptsächlich eine mythifizierte Version der Ereignisse von Empire of the East zu enthalten. Unter den Edelleuten dieser Welt stellt er wohl so etwas wie die Ausnahme dar, welche die Regel bestätigt (vorerst zumindest). Dennoch eignet er sich nicht wirklich für die Rolle des aristokratischen Retters und Anführers der "Mächte des Guten". Grund dafür ist nicht nur die gutmütig-karrikierte Figurenzeichnung, sondern auch der klare Mangel an den dafür nötigen Ressourcen. Als bloßer Ritter steht er ziemlich weit unten in der Adelshierarchie.
 
Dennoch hinterlässt der erste Band des Buchs der Schwerter alles in allem den Eindruck eines recht typischen Auftaktkapitels für ein High Fantasy - Epos. Es wird eine schier übermächtige Bedrohung aufgebaut, wobei der anfangs als Hauptantagonist eingeführte Herzog Fraktin recht kümmerlich wirkt, sobald die Silberne Königin Yambu auf ihrer riesigen Kriegskatze an der Spitze ihrer Armeen auftaucht. Und im Hintergrund dräut gar noch die Gestalt des "Dunklen Königs". Parallel dazu scheint mit Mark, Ben und Barbara zumindest der Kern einer archetypschen Heldengruppe geschaffen.
 
Aber der Beginn des zweiten Bandes bildet einen krassen Sprung, der dieses Bild weitestgehend demontiert. Sieben Jahre später. Die Gruppe ist zerfallen. Ben hat sich als Söldner bei den Blauen Templern verdingt, einer Mischung aus Bankunternehmen und Kult, der die Geldgier zu einer religiösen Tugend erhoben hat. Barbara ist zu den Jahrmaktsschaustellern zurückgekehrt. Nur Mark hat noch eine Zeit lang bei Sir Andrews kleinem Häuflein von Widerstandskämpfern ausgeharrt, um sich dann auch desillusioniert von dannen zu machen. Zu einem apokalyptischen Zusammenprall zwischen den Mächten von Licht und Finsternis ist es nicht gekommen, dafür ist die Welt in einen Zustand permanenter Kämpfe zwischen den mächtigsten Potentaten versunken, Warlords und Marodeure verheeren das Land, und die einfache Bevölkerung ist ihrem brutalen Treiben weitgehend schutzlos ausgeliefert. Mit anderen Worten: Das High Fantasy - Feeling hat einem Sword & Sorcery - Vibe Platz gemacht. Und es kommt noch besser: Im Grunde handelt es sich bei dem Band nämlich um eine Fantasy-Heist-Story mit eingebautem Dungeoncrawl. Was will man mehr?

Ganz zufällig wird Ben der geheime Standort der größten Schatzkammmer des Blauen Tempels bekannt. Und anders als von seinen Vorgesetzten geplant, entkommt er lebendig mit diesem Wissen. Schon während seiner Flucht beginnt er Pläne für einen Einbruch in dieses Fantasy-Äquivalent von Fort Knox zu schmieden. Doch zuerst einmal kommt es zur Wiedervereinigung des Trios. Außerdem gibt es da noch jemand anderen, der vom Hort der Blauen Templer träumt. Einem Don Quijote der Goldgier ähnelnd zieht der verarmte Baron Doon monomanisch durch die Lande und sammelt, geleitet vom magischen Schwert "Wayfinder", all die Leute ein, die er für dieses Unternehmen braucht. Wozu u.a. ein alter Magier und ein Tierbändiger nebst zahmem "Mönchsvogel" gehören. Es dauert nicht lange und die beiden Gruppen stoßen aufeinander. Schließlich kommt man überein, den Raubzug gemeinsam anzugehen. Doch das Schwert (also der Autor) entscheidet, dass Barbara nicht Teil des Teams sein soll. Was mich denn doch ganz schön verärgert hat. Im Nachhinein habe ich Saberhagens Gründe dafür zwar etwas besser verstehen können, aber wirklich ausreichend sind sie mir auch dann nicht erschienen. Wenigstens wird die Gruppe auf dem Weg nach Norden noch um Ariane ergänzt, eine illegtime Tochter der Silbernen Königin, die man allerdings erst einmal aus einer Festung der Roten Templer befreien muss. Diese frommen Herren haben sich auf das Leiten von Bordellen, Spielhallen, besonders wilden Tavernen und einer hübsch widerlichen Form von "Opiumhöllen" (den "Wurmgruben") spezialisiert. Sehr nett.
Wie es sich für eine ordentliche Heist-Geschichte gehört, besteht unser Team von Underdogs mehr oder weniger aus einer Reihe von "Spezialisten", die für die unterschiedlichen Etappen des Einbruchs (das "Brechen der Sechs Siegel") gebraucht werden. Auch wenn das noch etwas feiner ausgearbeitet hätte sein können. Die Schatzhallen selbst entpuppen sich als ein veritables Dungeon mit unterschiedlichen "Ebenen", zu denen u.a. der schon erwähnte gigantische Radmechanismus (ein Relikt der "Alten Welt"), ein magisch-illusionärer Urwald, eine bizarre unterirdische Garnison halb-untoter Soldaten (die dennoch gerne Zechorgien feiern, solange der Boss nichts davon mitkriegt), sowie das Habitat eines ausgewachsenen Dämons gehören. 
 
Es wird vermutlich niemanden hier wundern, dass der zweite Band des Buchs der Schwerter mein absoluter Favorit war. Trotz einiger kleiner Schwächen hie und da (sowie dem Barbara-Ärgernis) ist das wirklich ein großer Spaß -- wenn auch für die meisten der Beteiligtene ein tödlicher. Denn wie uns schon das Beispiel Nestors gezeigt hat, hegt Saberhagen keinerlei Skrupel, einige seiner Figuren über die Klinge springen zu lassen.
Das High Fantasy - Element schleicht sich erst ganz am Ende wieder so richtig in die Geschichte ein, wenn es zum Auftritt eines Gottes kommt und wir auf recht drastische Art und Weise demonstriert bekommen, dass sich die Unsterblichen mit ihrem "Spiel" und den magischen Schwertern bös verrechnet haben könnten.
 
Mit dem dritten Band springt das Buch der Schwerter dann allerdings mit verdoppelter Kraft zurück in den High Fantasy - Modus. Was einer der Gründe dafür war, warum mich dieser am wenigsten angesprochen hat. Freilich verleiht Saberhagen seiner Geschichte auch hier noch den einen oder anderen eigenwilligen Akzent. 
So bekommen wir mit dem "Dunklen König" Vilkata zwar nun tatsächlich eine Art Dark Lord - Figur präsentiert, aber eine mythische Gestalt à la Sauron ist auch er nicht. Vielmehr handelt es sich bei ihm "bloß" um einen besonders mächtigen Schwarzmagier und Dämonenbeschwörer. Weniger unheimlich macht ihn das allerdings nicht. Eher im Gegenteil. Besonders wirkungsvoll fand ich die Idee, dass der blinde Vilkata Dienerdämonen als Ersatz für seinen verlorenen Gesichtssinn einsetzt und diesen dabei befohlen hat, alles "auszublenden" oder ""herauszufiltern", was bloß eine unnötige Ablenkung darstellen würde. Was in erster Linie bedeutet, dass der Warlord nie eines der Opfer seiner Handlungen wahrnimmt, Denn was würde es schon nützen, all diese Leichen und Leidenden zu "sehen"? Und auch wenn er sich mit seinen Konkubinen und Sklavinnen "vergnügt", sorgt der "Dämonenblick" für eine entsprechende Entmenschlichung, indem er die Körper der Frauen ganz auf ihre Sexualmerkmale reduziert.
Weit weniger gelungen fand ich Saberhagens Versuch, vermehrt "romantische" Subplots in seine Geschichte einzubauen. Ich glaube, ich bin noch nie einer absurderen Form von "Liebe auf den ersten Blick" begegnet wie der zwischen Mark und Prinzessin Kristin. Auch wenn ich es nett fand, dass auch der Hofstaat eines vermeintlich "guten" Königreiches wenig begeistert darauf reagiert, dass die Thronerbin mit einem dahergelaufenen Söldner und Fremdling angebandelt hat. Und dies Mark auf ausgesprochen "höfliche" (aber um nichts weniger eindeutige und herabsetztende) Art spüren lässt. Die implizierten Eheprobleme von Ben und Barbara fand ich dann allerdings völlig überflüssig. Nicht zuletzt deswegen, weil diese Figuren einfach viel zu oberflächlich gezeichnet sind, um Interesse für ihre emotionalen Verwirrungen wecken zu können. Wollte Saberhagen seine Charaktere nun doch plötzlich "vielschichtiger" machen und ihnen ein stärkeres psychologisches Eigenleben verleihen? Wenn das seine Absicht gewesen sein sollte, dann war das meines Erachtens keine gute Idee und zahlt sich nicht aus. Auch spricht das Ende der Saga eigentlich gegen eine solche Annahme. Denn keiner der "persönlichen" Handlungsstränge wird zu einem befriedigenden Abschluss gebracht und auf den letzten zwanzig Seiten oder so tauchen unsere "Haupthelden" nicht einmal mehr auf. Der Band endet vielmehr mit dem "Tod der Götter" und dem angenehm erbärmlichen Ende des "Dunklen Königs", wofür keiner der Protagonisten unmittelbar verantwortlich ist. Mir ist natürlich bewusst, dass es noch eine erkleckliche Anzahl von Folgebänden gibt. Dennoch etwas eigenartig.
 
Wirklich beeindruckend ist allerdings das Ende des Guten Sir Andrew. Für Jahre hat sich der Ritter mit ein paar Hundert Getreuen in den Sümpfen verschanzt und einen hoffnungslosen Guerillakrieg gegen die wirklich Mächtigen geführt. Als ihm die Silberne Königin anbietet, eine Allianz gegen den "Dunklen König" zu schließen, scheint sich das Blatt endlich zu wenden. Doch wenig später stößt Andrews Truppe mit der Vorhut von Viltakas Heer zusammen. Und der trägt inzwischen "Skulltwister", das "Sinnschwert", das alle in seiner Reichweite in fanatische Hörige seines Besitzers verwandelt. Andrew seinerseits führt "Shieldbreaker". Zwar schützt ihn das vor der magischen Beeinflussung, doch wie jedes der Zwölf, das tatsächlich für den Kampf geschaffen wurde, übernimmt auch diese Klinge die völlige Kontrolle über ihren Träger, sobald das erste Blut vergossen wird. Und so ist der Gute Ritter gezwungen, seine eigenen (ehemaligen) Gefolgsleute und schließlich sogar seine Hofzauberin abzumetzeln, die wohl eigentlich die Liebe seines Lebens war.** Danach fehlt auch ihm der Wille, noch länger auf dieser Welt auszuharren. Ein besonders krasses Beispiel für die ziemlich zweischneidige (hö-hö!) Macht der magischen Schwerter.
 
Mein Fazit? Ich hab' den Wälzer in zwei Wochen durchgelesen, und das will bei mir schon was heißen. Tiefgründige Literatur ist das selbstverständlich nicht, aber dafür nette und flüssig geschriebene Pulp-Unterhaltung, die nie zäh oder langweilig wird. Und dabei immer mal wieder die eine oder andere originelle und coole Szene oder Idee enthält, Als Sword & Sorcery - Liebhaber hat mir der zweite Band naturgemäß am besten gefallen. Aber inzwischen habe ich mir auch die zweibändige deutschsprachige Ausgabe von Empire of the East (Das gespaltene Land & Die schwarzen Berge) besorgt, und auch wenn's da wohl eher durchgängig "episch" zugeht, hab' ich erneut viel Spaß mit Saberhagens Pulp-Irrsinn.  
  
 
 
* Dying Earth - Geschichten halte ich trotz gewisser Ähnlichkeiten für ein deutlich anderes Sub-Sub-Genre. Ich verweise auf meine Besprechung von M. John Harrisons The Pastel City.   

** Die Beziehung zwischen den beiden war für mich der anrührendste "romantische" Subplot der Trilogie. Vielleicht gerade, weil die beiden (aus unterschiedlichen, nur angedeuteten, aber irgendwie nachvollziehbaren Gründen) nicht fähig sind, sich ihre wechselseitigen Gefühle zu gestehen.

Montag, 20. Mai 2024

Mehr Demokratie(n) in der Fantasy?

Ich begann diesen Beitrag vor drei Monaten zu schreiben, kurz nachdem Markus Mäurer auf Mastodon und Bluesky die folgende Frage gestellt hatte:

Wer kann mir (relativ klassische) Fantasy-Romane nennen, die in einer Sekundärwelt spielen und in denen Demokratie herrscht? Kein gerechter König, kein obskur berufener Rat der Weisen, keine Händlergilde, sondern wirklich demokratisch gewählte Volksfantasyvetreter. Mir will gerade keiner einfallen.

Ich fühlte mich dadurch an eine Diskussion erinnert, die im Frühjahr 2023 (damals noch auf Twitter) aufgekommen und in der es ebenfalls um die Frage gegangen war, warum es in der "klassischen" Fantasy so selten demokratische Staaten gibt und ob es nicht an der Zeit sei, dies zu ändern. Anlass waren die Krönungsfeierlichkeiten für Charles IIII. gewesen, die die (britische) Monarchie eine Zeit lang zum politischen Tagesthema gemacht und mit ihrem abstrusen Pomp zugleich die Absurdität des Fortlebens eines solchen feudalen Reliktes demonstriert hatten.

Schon damals hatte ich mir ein paar Gedanken zu dieser Frage gemacht. Nun versuchte ich, sie in eine geordnete Form zu bringen. Doch je länger ich an dem Text herumbosselte, desto unsicherer wurde ich. Waren meine Argumente wirklich schlüssig? Vor allem: Hielt ich sie selbst dafür? Schließlich ließ ich das Ganze erst einmal unvollendet liegen. Wenn ich den Beitrag nun doch fertig geschrieben habe und veröffentliche, dann unter dem Vorbehalt, dass es sich dabei eher um eine Art Protokoll meiner Überlegungen handelt und nicht um ein letztgültiges Urteil. Auch wenn es sich vielleicht anders liest.

Unter genrehistorischer Perspektive mag die Frage nach Demokratien in der Fantasyliteratur erst einmal etwas merkwürdig erscheinen. Was sich in den 60er-80er Jahren als "klassische" Fantasy herausbildete, speiste sich in erster Linie aus zwei Hauptströmungen -- der Sword & Sorcery und der High Fantasy. In beiden war aus nachvollziehbaren Gründen kaum Platz für solche Staatsformen, schon gar nicht, wenn man dabei (wie Markus) an moderne repräsentative Systeme denkt. Robert E. Howards Conan-Stories besaßen ihre Wurzeln vor allem in der historischen Abenteuergeschichte. Und Tolkiens Lord of the Rings war sogar in formaler Hinsicht als eine Art Wiederbelebung vormoderner Literaturformen konzipiert. Wie der Autor selbst es einmal ausgedrückt hat: "Mein Buch ist kein ‘Roman’, sondern eine ‘heroische Romanze’, eine ältere und ganz andere Art Literatur." (1) In beiden Fällen spielt die Handlung in einer fiktiven Vorzeit unserer Welt. Dementsprechend schaut dann halt auch die dort herrschende gesellschaftliche und politische Ordnung aus. Natürlich entwickelten sich beide Subgenres über die Jahrzehnte weiter, wurden vielgestaltiger und facettenreicher, aber ganz lösten sie sich nie von ihren Ursprüngen. So gesehen überrascht es auch nicht, dass wir in ihnen eher auf gekrönte Häupter als auf "Volksfantasyvertreter" stoßen.
 
Und ich sehe darin auch kein grundsätzliches Problem. Über den ideologischen Geist der Geschichten sagt das erst mal noch überhaupt nichts aus. Der lässt sich nur von Fall zu Fall bestimmen. Selbst Michael Moorcock, dessen Kritik an Tolkien & Co ja nicht gerade für ihren differenzierten Charakter bekannt ist, erklärte seinerzeit in dem Essay Starship Stormtroopers:  

Fiction about kings and queens is not necessarily royalist fiction any more than fiction about anarchists is likely to be libertarian fiction. [...] It depends what use you make of such characters in a story and what, in the final analysis, you are saying.
Dasselbe gilt für die soziale und politische Ordnung, in der die Handlung angesiedelt ist. Entscheidend ist nicht, wie diese aussieht, sondern wie an sie herangegangen wird.
     
Nun gibt es ironischerweise gerade in der amerikanischen Kultur (und Amerika dürfte nach wie vor den Fantasymarkt dominieren) eine lange Tradition der Romantisierung von Adel und feudalem Europa. Und es lässt sich nicht leugnen, dass diese zuweilen Hand in Hand mit höchst reaktionären politischen Kräften ging. So beschrieb schon Mark Twain in Life on the Mississippi die Rolle, die Walter Scotts Mittelalter-Romane bei der Entstehung des "chivalresken" Selbstbildes der Sklavenhalter-Oligarchie der Südstaaten gespielt hatten. Auch wenn er deren Bedeutung dabei sicher etwas übertrieb.
It was Sir Walter that made every gentleman in the South a Major or a Colonel, or a General or a Judge, before the war; and it was he, also, that made these gentlemen value these bogus decorations. For it was he that created rank and caste down there, and also reverence for rank and caste, and pride and pleasure in them.
Twain sah in der Ritterromantik eine direkte Reaktion auf den Freiheitsgeist der Französischen Revolution:
Then comes Sir Walter Scott with his enchantments, and by his single might checks this wave of progress and even turns it back; sets the world in love with dreams and phantoms; with decayed and swinish forms of religion; with decayed and degraded systems of government; with the silliness and emptiness, sham grandeurs, sham gauds, and sham chivalries of a brainless and worthless long-vanished society. (2)
Die Satire von A Connecticut Yankee in King Arthur's Court richtet sich zu einem Gutteil gegen dieses romantisch verklärte Bild des Feudalismus. Zumal auch die kapitalistischen Magnaten, die "robber barons", deren Aufstieg sich nach dem Bürgerkrieg während des sog. "Gilded Age" vollzog, in Ermangelung einer autochthonen aristokratischen Tradition (3) recht häufig mit dem feudalen Plunder Europas liebäugelten, um ihrer privilegierten Stellung "Glanz" und "Würde" zu verleihen. In leicht abgewandelter Form lässt sich diese Tendenz mitunter bis heute unter Verteter*innen der amerikanischen Elite und der wohlhabenden Mittelklasse beobachten.
 
Inwieweit diese Tradition auch in Teilen der (amerikanischen) Fantasyliteratur fortlebt, wäre sicher eine interessante Frage. Ich selbst spiele ja manchmal mit der These, dass der High Fantasy - Boom der 80er Jahre zumindest in Teilen die allgemeine reaktionäre Kehrtwende dieses Jahrzehnts widerspiegele. Bin mir allerdings bewusst, dass ich mich dabei auf sehr unsicherem Boden bewege und erst einmal viel mehr High Fantasy der Zeit lesen müsste, um das zu verifizieren. (Was kaum geschehen wird).
   
Aber schon die alte Romantisierung des europäischen Mittelalters enthielt natürlich nicht immer ein derartiges "politisches" Element. Oft genug handelte es sich einfach um eine Form von Exotik. Ein farbenfrohes Ambiente für Swashbuckling Adventures. Und es spricht nichts dagegen, daran anzuknüpfen, selbst wenn man jedwede Idealisierung des realen Feudalismus ablehnt. Wie Steven Brust einmal in seinem Blogbeitrag Fantasy Writing and Titles of Nobility geschrieben hat: 
For Americans there is an element of the romantic and the exotic about titles of nobility, about Baron Soandso, or Count Thisandsuch [...] In reality, the feudal landlords were vicious bloodsuckers – when not for personal reasons, than simply because of the nature of the property relations that ultimately defined everyone’s life. What I am not about to do is suggest that American fantasy writers ignore the exotic and romantic elements – your readers have them in their heads, and unless you see your job as primarily pedagogical (which I do not), what is in the reader’s head is key: it is easier to play with the reader’s head if you work with what you know is rattling around in there. 
What I want to point out is that the tension between the actual nature of the nobility and this sense of the romantic and exotic is something that, if we’re aware of it, we can play with to produce interesting effects.  Just a few subtle hints about the reality, while still permitting the swirling capes and Byronic posturing, can really bring home the world and the character, and add a sense of depth.  That is, be aware of the reality and of the feelings of the reader.
Soweit sie mir aus eigener Leseerfahrung bekannt sind, würde ich sagen, dass ihm dieses Spiel in seinen Vlad Taltos - Büchern ziemlich gut gelungen ist. Und diese Herangehensweise sagt mir deutlich mehr zu, als wenn ein Autor zwar mit dem ganzen (faux)-feudalistischen Inventar der "klassischen" Fantasy spielen will, dann aber eine vom Volk gewählte Königin oder ein gesetzgebendes Parlament einbaut, weil er glaubt, dass das seine Erzählung irgendwie "progressiver" machen würde.
 
Ein nettes Fallbeispiel dafür ist Terry Brooks' The Sword of Shannara.
Das 1977 erschienene Buch ist bekanntlich ein ziemlich dreister Lord of the Rings - Klon. Nichtsdestotrotz flechtet Brooks hie und da eigene Ideen in die Handlung ein und setzt dabei deutlich andere Akzente als Tolkien. Callahorn ist sein Äquivalent zu Gondor. Das Reich bildet eine Art Schutzwall für die "freien Völker" gegen die Bedrohung durch die Horden des Bösen. Doch anders als Tolkiens "Turm der Wacht" ist Callahorn dabei nicht der Hüter des Erbes einer edleren Vergangenheit. Eine solche hat es in Brooks' Welt nie gegeben. Vielmehr repräsentiert das Reich die Verheißung einer besseren, menschlicheren Zukunft:
[Die Hauptstadt] Tyrsis war die Wegkreuzung der vier Länder, und durch seine Mauern und Landschaften strömten Angehörige aller Nationen, die den Einwohnern Gelegenheit gaben, zu sehen und zu begreifen, dass die Unterschiede in Gesicht und Körper bei den einzelnen Rassen unwichtig waren. Die Menschen hatten gelernt, die innere Person zu beurteilen. Ein riesiger Berg-Troll wurde nicht angestarrt und seiner bizarren Erscheinung wegen gemieden; Trolle kamen oft in dieses Land. Gnomen, Elfen und Zwerge aller Arten und Gattungen zogen regelmäßig hindurch, und wenn sie Freunde sein wollten, wurden sie willkommen geheißen. Balinor lächelte, als er von dieser neuen, sich ausbreitenden Erscheinung sprach, die endlich überall in den Ländern die Oberhand zu gewinnen schien, und er empfand Stolz darüber, dass sein Volk zu den ersten gehörte, die alte Vorurteile fallen ließen und nach gemeinsamen Grundlagen für Verständnis und Freundschaft suchten.
Soweit stellt das einen durchaus interessanten, wenn auch erzählerisch wenig überzeugend umgesetzten, Gegenentwurf zu Tolkien dar. Aber dann geht Brooks noch einen Schritt weiter und erklärt das Reich zu einer konstitutionellen Monarchie:
Callahorn war eine der wenigen aufgeklärten Monarchien der Welt [...] Theoretisch eine Monarchie, beherrscht von einem König, bestand die Regierung auch aus einer parlamantarischen Körperschaft, deren Repräsentanten vom Volk gewählt wurden und für die Verabschiedung der Gesetze verantwortlich waren.
Doch nichts von dem, was wir im weiteren Verlauf der Geschichte vom Leben im Reich zu sehen bekommen, passt zu dieser Erklärung. Callahorns Gesellschaft entspricht völlig dem genretypischen Pseudo-Mittelalter. Bestenfalls könnte man sich da so etwas wie Ständevertretungen vorstellen. Die Handlung konzentriert sich zudem völlig auf aristokratische Kreise und den Königsplalast. Und so muss die ohnehin nur nebenbei hingeworfene Bemerkung über ein gesetzgebendes Parlament als ungeschickter Versuch des Autors erscheinen, seinen liberalen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen, ohne gar zu weit von der Lord of the Rings - Schablone abzuweichen. 
 
Warum wirkt das Ergebnis so ungelenk? Ich würde behaupten, dass man als Leser*in unweigerlich das Gefühl bekommt, dass hier disparate Elemente nebeneinander gestellt werden, die sich nicht zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. Wir wissen einfach irgendwie, dass man eine Staatsform nicht jeder beliebigen Gesellschaftsordnung aufpfropfen kann, sondern dass da ein innerer Zusammenhang besteht.
 
Allerdings würde ich einschränkend voranstellen, dass man bei dieser Frage den Charakter der jeweiligen Fantasywelt mit in Betracht ziehen muss. Es gibt meines Erachtens nämlich eine Reihe von "Welttypen", bei denen dieses Gefühl der Inkongruenz nicht notwendigerweise ein Problem darstellen muss -- im Gegenteil vielleicht sogar ästhetisch gewollt sein kann. (Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit).
 
Da wäre zuerst einmal das, was ich den "Traumland"-Typus nennen möchte: Lewis Carrolls Wonderland, die phantastischen Welten Lord Dunsanys, H.P. Lovecrafts Dreamlands, Frank Baums Oz etc. Neuere Beispiele wären etwa die Lands of Dream von Jonas & Verena Kyratzes oder auch die Herbstlande. (4) In atmosphärischer Hinsicht würde eine moderne repräsentative Demokratie in einigen von diesen sicher auch wie ein Fremdkörper wirken. Aber es wäre absurd, deren Existenz aus soziologischen Gründen für "unrealistisch" zu halten. Diese Welten funktionieren nach anderen Gesetzen. Niemand stellt sich die Frage nach der Feudalökonomie des Feenreiches. Und niemand sollte das.
Dem verwandt, aber nicht wesensgleich, sind Welten, deren "Phantastik-Grad" so hoch ist, dass im Grunde nichts in ihnen zu seltsam, bizarr oder grotesk wirken kann. Ich denke da z.B. an Jack Vance' Dying Earth oder auch an Teile des moorcock'schen Multiversums. Prinzipiell spräche auch hier nichts gegen die Existenz einer Demokratie. Und tatsächlich heißt es am Anfang der zweiten Corum - Trilogie (The Bull and the Spear), dass die Mabden (Menschen) nach der Zerstörung ihrer Götter u.a. "neue Gesetze" schufen, "die jedem das Recht gaben, in den Angelegenheiten des Staates mitzubestimmen". (5) Freilich beschränkt sich Moorcock klugerweise auf diese vage Andeutung. Sie reicht, um auszudrücken, worum es ihm geht, ohne Fragen nach dem konkreten Charakter dieser neuen Ordnung zu provozieren.
Schließlich gibt es auch noch eine Spielart der Fantasy, die den "anachronistischen Bruch" als ein bewusstes Stilmittel einsetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist T.H. Whites The Once and Future King. Die Handlung des Romans spielt zwar ausdrücklich in einer Art parallelweltlichem 12. Jahrhundert und steckt voller mediävistischer Details. (Wobei allerding auch diese bereits sehr "frei" gehandhabt werden, hat White doch z.B. kein Problem damit, John Ball, den radikalen Prediger des 14. Jahrhunderts, in seine Geschichte einzubauen). Aber zugleich erlaubt es ihm seine spielerische (beinah schon "postmoderne") Herangehensweise (und die Figur des rückwärts in der Zeit alternden Merlin) ganz offen über Themen wie Nationalismus, Faschismus und Kommunismus zu reden. Ähnliches gilt für Naomi Mitchisons To the Chapel Perilous und (wenn meine Erinnerung mich nicht trügt) auch für Teile von Evangeline Waltons Mabinogion - Tetralogie. Da alle drei Werke Neubearbeitungen mittelalterlicher Stoffe sind, wäre ein demokratischer Staat wohl auch in ihnen unangebracht, aber ich könnte mir Romane ähnlichen Stils vorstellen, in denen das kein Problem darstellen würde. (6)
 
Völlig ausgestorben sind diese Spielarten der Fantasy sicher nicht. Doch wird das Genre meines Erachtens von einem anderen Typus dominiert, der mit einem sehr viel größeren "Pseudo-Realismus" daherkommt. Das äußert sich unter anderem in der zentralen Bedeutung, die einer speziellen Form des "Worldbuilding" zugesprochen wird. Die Sekundärwelt soll dabei im Idealfall "glaubwürdig" und "in sich konsistent" erscheinen. Was letztlich bedeutet, dass sie in weiten Teilen nach den selben Regeln funktioniert wie die Realwelt. Wo diese durchbrochen werden (etwa durch Magie), geschieht dies auf selektive und meist wiederum speziellen Regeln unterworfene Weise. (7)
 
In hohem Maße verantwortlich für die Vorherrschaft dieses Modells ist natürlich der Einfluss Tolkiens, der selbst bei Autor*innen nachwirkt, die das Werk des "Professors" gar nicht mehr aus eigener Leseerfahrung kennen. Er vor allem war es, der das Ausarbeiten der Sekundärwelt zu einem eigenständigen ästhetischen Unternehmen machte, weitgehend unabhängig von der Handlung der Erzählung.  Tolkien charakterisierte sein Werk denn auch einmal als "eine erweiterte Form des Spiels, ein Land zu erfinden". (8) Das Spiel selbst ist natürlich sehr viel älter als der Lord of the Rings und Arda keineswegs die erste Sekundärwelt der Phantastik (9), aber niemand dürfte es mit einer solchen Obsession für Einzelheiten betrieben haben wie der "Professor". "Ich habe es selbst gern, wenn Dinge im Detail ausgeführt werden und alle vernünftigen Fragen beantwortet werden können." (10) Allerdings war Tolkien nicht an den sozialen Faktoren interessiert, die in der Wirklichkeit den Fortgang der Geschichte bestimmen. Was erklärt, warum Mittelerde bei allen Kriegen und Katastrophen merkwürdig "statisch" wirkt. Sein Geschichtsbild war in erster Linie religiös geprägt und dabei extrem pessimistisch: "Ich bin nun einmal Christ, sogar Katholik, und darum erwarte ich von der ‘Geschichte’ nichts anderes als eine ‘lange Niederlage’" (11) Die einzige wirkliche Dynamik in seiner Historie von Mittelerde ist deshalb auch die eines langsamen Niedergangs des Schönen und Edlen. Aber auch wenn das nicht sein Hauptinteresse war, machte er sich zumindest Gedanken über die ökonomische Basis der Gesellschaften in seiner Sekundärwelt. Wie er in einem Brief an Naomi Mitchison schrieb:

Ökonomisches Denkens bin ich nicht unfähig oder unkundig, und ich denke, soweit es die "Sterblichen" betrifft, Menschen, Hobbits und Zwerge, sind die Situationen so angelegt, dass ökonomische Wahrscheinlichkeit gegeben ist und sich ausführen ließe: Gondor hat genug Lehensgüter und Ländereien in städtischem Besitz mit guten Wasser- und Straßenverbindungen, um seine Bevölkerung zu versorgen; und offenbar hat es viele Industrien, die allerdings kaum erwähnt werden. (12)
Für die uns beschäftigende Frage ist dieser Faktor von vorrangiger Bedeutung. Denn das oft gehörte Argument, in der Fantasy sei "alles möglich", gilt bei diesem Weltenmodell nur in sehr eingeschränkter Form, wenn das Ganze wirklich "in sich schlüssig" sein soll. Wenn in einer solchen Sekundärwelt eine Demokratie auftaucht, würde ich mich deshalb automatisch fragen: Wie hat eine solche Staatsordnung hier entstehen können? Auf welcher materiellen, sozialen und ökonomischen Grundlage basiert sie? Welche Schichten oder Klassen haben sie erkämpft? Und bei einer traditionell pseudo-mittelalterlichen oder von anderen vormodernen Kulturen inspirierten Fantasywelt würde ich schwerlich eine befriedigende Antwort auf diese Fragen erhalten können.
 
Staatsformen entstehen ja nicht spontan in einem historischen Vakuum oder sind die Umsetzung abstrakter Ideale, die den Einflüsterungen einer geheimnisvollen Inspiration entsprungen wären. Sie sind Produkt eines geschichtlichen Prozesses, der in letzter Instanz von der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und der auf ihr erwachsenen Teilung der Gesellschaft in Klassen bestimmt wird.  
Der Wunsch nach Freiheit und Gleichheit dürfte so alt sein wie die Existenz von Unterdrückung und Ausbeutung. Und er fand durch die Geschichte in einer Vielzahl von Formen Ausdruck. Aber kein Bauern- oder Sklavenaufstand, keine Revolte der städtischen Unterschichten brachte dabei in vorkapitalistischer Zeit etwas hervor, was einer repräsentativen Demokratie geähnelt hätte. 
Das absolute Maximum in dieser Hinsicht war die antike griechische (vor allem athenische) Demokratie mit ihrer gesetzgebenden Volksversammlung (ekklesia), ihren gewählten Staatsbeamten und Volksgerichten (dikasteria). Doch diese basierte ökonomisch auf Sklaverei (13) und dürfte wohl kaum das sein, was Markus und anderen als Modell vorschwebt.
Die parlamentarische Demokratie ist ein Produkt des Aufstiegs des Bürgertums zur herrschenden Klasse. Ihre Entstehung setzt voraus, dass die wirtschaftliche Entwicklung hin zum Kapitalismus begonnen hat, all die ständischen und korporativen Strukturen, persönlichen Bande und Hierarchien aufzulösen, in deren komplexes Geflecht die Menschen bis dahin eingebettet waren und über die sie sich selbst definierten. Erst deren fortschreitende Zersetzung bringt den Typus des "Citoyen" als lebendigen Trägers der Demokratie hervor. Ihre eigentliche Geburtsstunde aber ist die bürgerliche Revolution, wenn die Bourgeoisie sich an die Spitze der großen Masse des Volkes stellt und mit dessen Unterstützung die feudalen Mächte gewaltsam stürzt. Die dauerhafte Etablierung des allgemeinen Wahlrechts erfolgte in den meisten Fällen freilich erst später und durch den massiven Druck zuerst der plebejischen Schichten, dann der Arbeiterklasse.
 

Das "Lange Parlament", dessen Zusammentreten 1640 den Beginn der Englischen Revolution markierte

Die Gerichtsverhandlung gegen Louis Capet (Louis XVI.) vor dem Nationalkonvent von 1792

Natürlich ist es völlig okay, die Frage zu stellen, ob dieselben historischen Gesetzmäßigkeiten denn auch für eine Fantasywelt gelten müssen. Und selbst wenn es sich bei dieser um eine des "pseudo-realistischen" Typs handelt, würde ich das nicht unumwunden bejahen wollen. Auch in einer solchen könnte es eine ganze Reihe von Faktoren geben, die den Lauf der Geschichte auf eine in der Realität unbekannte Weise beeinflussen. Etwa das direkte Eingreifen übernatürlicher Mächte (Götter, Dämonen etc.). Auch die reale Existenz von Magie hätte sicher ihre Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung. Und dasselbe dürfte wohl für die Existenz etwaiger nichtmenschlicher Völker gelten.
 
In unserer letzten Klassiker-Reread-Diskussion brachte Alessandra den interessanten Gedanken auf, dass die extreme Langlebigkeit einiger dieser Völker mit ein Grund für den "statischen" Charakter vieler "klassischer" Fantasywelten sein könnte. Ich denke, das ist ein valider Punkt. Tolkiens Elben sind vielleicht die ersten, die einem da einfallen würden. Aber sie stellen in gewisser Weise einen Sonderfall dar, auch wenn ihr Vorbild selbstverständlich viele spätere Autor*innen beeinflusst hat. (14) Doch wenn man z.B. die Dragaeraner aus Steven Brusts literarischem Universum nimmt, ließe sich durchaus argumentieren, dass deren Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende umfassende Lebensdauer zusammen mit der Organisation in kastenartigen "Häusern" mit ein Grund für die scheinbare Unveränderlichkeit der sozialen Struktur ihres Imperiums ist. Als einen zusätzlichen Faktor könnte man dort auch die Rolle der Magie ansehen. Selbige ist nämlich ziemlich "alltäglich" (jedenfalls für die, die sie sich leisten können) und erfüllt oft ähnliche Funktionen wie die Technik in unserer Welt. Weshalb manche Aspekte der dragaeranischen Gesellschaft auch erstaunlich "modern" wirken. Doch anders als technologische Entwicklungen führen magische nicht zu Veränderungen in den Produktionsbedingungen oder setzen diese voraus. Neue Magie führt nicht zur Entstehung von Manufaktur oder Fabrik. Und untergräbt damit auch nicht die traditionelle Ordnung.   
 
Ob vergleichbare "phantastische Faktoren" umgekehrt auch dazu verwendet werden könnten, um die Entstehung einer demokratischen Verfassung auf Grundlage einer vormodernen Wirtschaft "glaubwürdig" zu machen? Ich will das nicht von vornherein ausschließen, doch finde ich es schwierig, mir ein entsprechendes Szenario vorzustellen.
 
Natürlich ist mir bewusst, dass eine vermeintliche "historische Korrektheit" sehr gerne von Konservativen oder Reaktionären als Argument ins Feld geführt wird, wenn es darum geht, sexistische oder rassistische Elemente in der Fantasy zu verteidigen ("Damals war das halt so.") oder größere Diversität als "unrealistisch" und "politisch motiviert" zu verdammen. (Dass diejenigen, die das tun, oft selbst ein gehöriges Maß an historischer Ignoranz an den Tag legen, wäre ein Thema für sich). Nun könnte es so scheinen, als würde ich mich einer ähnlichen Argumentation bedienen. Aber es geht mir nicht eigentlich um "historische Korrektheit". Was in Bezug auf Fantasygeschichten ja auch in der Tat etwas unsinnig wäre. Selbst bei solchen, die sich relativ stark an historische Vorbilder anlehnen. Um ein besonders prägnantes Beispiel zu nennen: Maike Claußnitzers Aquae Calicis - Erzählungen orientieren sich in vielem recht genau an der Wirklichkeit des europäischen Frühmittelalters. (Wenn auch mit deutlich mehr Geistern, Kobolden und hübsch-handlichen Drachen). Doch herrscht in ihrer Welt eine ganz selbstverständliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Was ich keineswegs als irritierend, sondern vielmehr als sehr angenehm empfinde. Denn es passt zum Charakter der Geschichten. Wenn mir die Vorstellung von Demokratien in einem "klassischen" Fantasysetting nicht so recht gefallen will, dann nicht, weil sie "historisch inkorrekt" wäre, sondern weil sie "soziologisch" unglaubwürdig wirkt. (15) Zumindest im Kontext eines "pseudo-realistischen" Weltenbaus.
 
Der Hauptgrund für meine Irritation dürfte allerdings darin bestehen, dass mir in diesen Diskussionen sehr oft ein weltanschaulicher Ansatz mitzuschwingen scheint, dem ich ausgesprochen kritisch gegenüberstehe. Mein Eindruck ist nämlich, dass im "progressiven" Flügel unserer Phantastikszene eine (im philosophischen Sinne) idealistische Sicht auf Geschichte und Gesellschaft vorherrscht. D.h. die Überzeugung, die soziale Wirklichkeit werde von den Ideen der Menschen (ihren Wertvorstellungen, Ideologien, "Mythen" etc.) geformt, und nicht umgekehrt. Während ich selbst an dem alten marx'schen Diktum festhalte, das da lautet: "Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt." (16) 
Trennt man die Ideen auf diese Weise von ihren materiellen Wurzeln, fällt es auch sehr viel leichter, sie aus ihrem historischen Entwicklungszusammenhang zu lösen. Auf die uns hier interessierende Frage angewandt: Wenn die "moderne" Demokratie die Umsetzung einer Idee ist -- der der politischen Gleichheit aller Bürger*innen --; und wenn diese Idee ihre Entstehung nicht in letzter Konsequenz der materiellen (ökonomischen) Entwicklung verdankt, sondern "ganz einfach" (quasi spontan) dem menschlichen Geist entsprungen ist; dann spricht im Grunde nichts dagegen, sich eine solche Staatsform in einer Gesellschaft vorzustellen, deren wirtschaftliche Entwicklung sich auf dem Niveau des europäischen Mittelalters befindet.
Freilich wird man dann auch kaum eine befriedigende Antwort auf die Frage geben können, warum dies nicht auch in der Realität der Fall gewesen ist. Letztenendes wird man sich gezwungen sehen, auf den hochmütigen Standpunkt der Aufklärungsphilosophen zurückzufallen, die den Menschen des "dunklen Zeitalters" einen Mangel an Einsicht und Vernunft unterstellten. Denn wie anders könnte man erklären, dass diese sich von "Königen und Pfaffen" beherrschen ließen?
Man könnte das natürlich für eine reichlich abstrakte, "geschichtsphilosophische" Frage halten. Doch begünstigt eine idealistische Weltsicht auch eine entsprechende politische Praxis. Wenn die gesellschaftliche Realität letztenendes von unseren Ideen geformt wird, dann ist alles, was es zu ihrer Verränderung braucht, neue oder andere Ideen. Mitunter geht diese Philosophie sogar so weit, sozioökonomische Systeme wie Kapitalismus oder Imperialismus in bloße Ideenkomplexe oder "Narrative" aufzulösen. Um anschließend zu proklamieren, wir bräuchte "neue Erzählungen" oder "neue Arten des Erzählens". Damit nährt sie die Illusion, ein bloßes "Umdenken" sei bereits ein politischer Akt, vielleicht sogar der entscheidende politische Akt. Die handfesten materiellen Eigentums- und Machtverhältnisse geraten dabei oft aus dem Fokus.
 
Doch bevor wir uns noch weiter von unserem eigentlichen Thema entfernen, trete ich lieber rasch auf die Bremse.
 
Was ich mit dem Ganzen hier nicht sagen will, ist, dass die "klassische" Fantasy meiner Meinung nach auf ewig an die altbekannten pseudo-mittelalterlichen und oft eurozentrischen Szenarien gekettet wäre. Schon in der historischen Realität hat es ja eine Vielzahl sehr unterschiedlicher vorbürgerlicher Herrschafts- und Gesellschaftsformen gegeben. Und natürlich spricht nichts dagegen, sich außerdem völlig neue und phantastischere auszudenken. 
Auf demokratische Elemente muss man dabei keineswegs völlig verzichten. Nur sollten sie halt dem Entwicklungsgrad der beschriebenen Gesellschaft angemessen sein.
Einem ziemlich gelungenen Beispiel hierfür bin ich kürzlich im Zuge unseres diesjährigen Klassiker-Rereads begegnet. Ein Gutteil der Handlung von Die Tänzer von Arun, dem zweiten Band von Elizabeth A. Lynns Chroniken von Tornor, spielt nämlich in der kleinen Stadt Elath. Und dort regiert ein Stadtrat. Einer der Charaktere fragt: "So wie der Rat der Häuser in Kendra-im-Delta [der größten Metropole des Landes]?" Worauf er die Antwort erhält: "Ja, ungefähr so. Er wurde nach ihm als Vorbild eingerichtet. Aber wir hier in Elath sind nicht ganz so großmächtig. Hier kann jeder, der Grund und Boden besitzt, Ratsmitglied werden. Es gibt hier keine Adelsfamilien wie in der Großen Stadt." (17) Eine solche "moderate", an Besitz in der Gemeinde gebundene "Demokratie" scheint mir durchaus zu den sozialen Verhältnissen zu passen, die in der Erzählung beschrieben werden. Während in den rein bäuerlichen Gemeinschaften des Galbareth (der Kornkammer des Landes) eher kollektivistische Strukturen vorzuherrschen scheinen (gemeinsame Speisehallen etc.), ist die Gemeinde in dem stärker vom Handwerk geprägten Elath bereits in einzelne Haushalte aufgespalten. Auch der Landbesitz ist parzelliert. Aber anders als in den größeren Städten sind die Klassengegensätze noch relativ unentwickelt. Es scheint keine extrem armen oder extrem reichen Familien zu geben. Während sich in Kendra schon seit langem eine Oligarchie herausgebildet hat, die ursprünglich wohl auf Großgrundbesitz basierte, herrscht in Elath noch eine relative soziale Gleichheit. Was seinen Ausdruck dnn halt auch in der politischen Ordnung gefunden hat. Eine moderne Demokratie ist der Ort natürlich trotzdem nicht. Auch reicht die "Herrschaft" des Rates nicht über die Grenzen der Gemeinde hinaus.
 
Noch viel weniger geht es mir darum, behaupten zu wollen, die "klassische" Fantasy sei von Natur aus ungeeignet, aktuelle politische Themen anzusprechen. Das ist ja auch anhand genuin historischer Stoffe sehr gut möglich. Ich denke da z.B. an Bertolt Brechts Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar oder an Spartacus von Stanley Kubrick & Dalton Trumbo, die beide unter anderem den Aufstieg des Faschismus bzw. die Etablierung autoritärer Regime thematisieren. (18) 
Natürlich erlauben sich die Künstler gewisse Freiheiten mit der historischen Realität, wenn sie die Klassenkämpfe der Antike mit denen ihrer eigenen Zeit parallel setzen. Wie anders könnten z.B. die Anhänger Catilinas bei Brecht zu einem Stand-in für Kommunisten werden? Aber gewisse Grenzen werden dabei nicht überschritten. Und  da es aus naheliegenden Gründen nicht zum dauerhaften Sieg der Ausgebeuteten kommen kann, stellt sich auch nicht das Problem anachronistischer Staatsformen ein.   

Etwas ähnliches ist auf ähnliche Weise sicher auch in der "klassischen" Fantasy machbar. Und ich denke, es wäre gar nicht so schlecht, wenn sich die Autor*innen dabei gleichfalls von den realen Klassenkämpfen der Vergangenheit inspirieren ließen. Das Material ist reichhaltig, vielfältig, in allen Kulturkreisen anzufinden und (soweit ich das beurteilen kann) von der Fantasy bislang nur wenig genutzt. Eine eingehendere Beschäftigung mit diesen historischen Episoden könnte u.a. dazu beitragen, den entsprechenden Erzählungen eine größere soziale Konkretheit zu verleihen. Statt eines Kampfes um abstrakte Ideale, Konflikte, die im realen Leben der Betroffenen verwurzelt sind, den sozialen Verhältnissen entspringen, unter denen sie existieren. Dabei zugleich aktuelle politische Fragen unserer Zeit zu berühren, sollte durchaus möglich sein. Vorausgesetzt man hält es nicht für notwendig, dabei gar zu direkt und unverhüllt vorzugehen.

Natürlich will ich damit nicht sagen, dass alle Welt nun "klassische" Fantasy über Bauernaufstände und Zunftrevolten schreiben solle. Zumal die erfolgreiche künstlerische Darstellung einer Revolution eine ziemlich schwierige Angelegenheit ist. Gar zu schnell driftet man dabei ins Romantisierende oder Pathetische ab. (19) Mich irritiert zwar schon, dass "politische Kämpfe" in der Fantasy immer noch viel zu oft aus dem Machtgerangel und den Intrigen aristokratischer Häuser und Sippen zu bestehen scheinen. Und ich würde mir durchaus wünschen, dass wir zur Abwechselung statt der "Politik der Herrschenden" auch einmal die "Politik der Beherrschten" zu sehen bekämen. Aber das kann ja sehr unterschiedliche Formen annehmen und der offene Aufstand muss dabei nicht notwednigerweise im Zentrum stehen. Mein ganz persönlicher Traum ist es immer noch, mich irgendwann einmal daran zu versuchen, Sword & Sorcery in der Ära des Großen Bauernkrieges (1525) zu schreiben. Dabei hätten mein Held und meine Heldin in ihrer Vergangenheit zwar auf unterschiedliche Weise Kontakt zu den revolutionären Bewegungen der Zeit gehabt, doch würde ich sie garantiert nicht an der Spitze aufständischer Bauernhaufen irgendwelche Klöster oder Burgen erstürmen lassen. Mir würde es mehr um die allgemeine Atmosphäre einer gesellschaftlichen Umbruchszeit gehen.

Kommen wir zum Ende. Mein vorläufiges Fazit wäre wohl ungefähr das Folgende: Ich wüsste nicht, warum wir mehr Demokratien in der "klassischen" Fantasy bräuchten. Es sei denn, wir wollten auch weiterhin Geschichten über "edle" Herrscher und "Reiche des Guten" schreiben, zierten uns aber, diese dann als Könige und Monarchien darzustellen. Für mich kein ausreichender Grund. 
Sehr viel wichtiger scheint mir eine kritische Haltung gegenüber Macht und Hierarchien, gegenüber den Reichen und Mächtigen, ganz gleich, welche politische Form deren Herrschaft besitzt. 
Das heißt nicht, dass Vertrer*innen der privilegierten Schichten grundsätzlich negativ oder unsympathisch gezeichnet werden müssten. Krude Karrikaturen, gleich welcher Art, haben ganz allgemein nur einen sehr begrenzten Wert. Ebensowenig, dass unsere Held*innen notwendigerweise dem einfachen Volk entstammen müssten -- trotz meiner oft erklärten Vorliebe für die plebejischen Underdog-Held*innen der Sword & Sorcery.
Mir geht es vielmehr um eine bestimmte Grundhaltung auf Seiten der Auor*innen. Und um ein Verständnis dafür, wie die soziale Ordnung einer Welt nicht nur das Leben, sondern auch das Denken und Empfinden jener prägt oder beeinflusst, die in ihr existieren. Wobei es selbstverständlich ganz vom Charakter der jeweiligen Geschichte abhängt, wie groß die Rolle tatsächlich ist, die diese Faktoren in ihr spielen werden. 
Von Vorteil bei dem Ganzen ist auf jedenfall immer, wenn die Autor*innen eine Ahnung davon haben, wie Herrschaft, soziale Hierarchien, Ausbeutung etc. in der Realität funktionieren -- historisch und gegenwärtig.

 

     

 

   

 

(1) Brief an Szabó Szentmihályi [Oktober 1971]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 329. S. 539.

(2) Mark Twain: Life on the Mississippi. Kapitel XLVI. S. 314f.

(3) Genaugenommen hatte zwar auch Amerika eine Aristokratie (Gentry) und semi-feudale Hierarchien gekannt, doch waren diese durch die Revolution von 1776 und die aus ihr hervorgegangenen Entwicklungen zerschlagen worden. Und da der Unabhängigkeitskrieg die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten gewesen war, musste es quasi unmöglich erscheinen, an diese Vergangenheit anzuknüpfen, wenn man zugleich die Fahne des Patriotismus hochhalten wollte. Nur proto-faschistische Denker wie der Eugeniker und Rassentheoretiker Lothrop Stoddard "wagten" es, ganz offen und direkt das Erbe der Revolution zu attackieren.
 
(4) Von letzteren habe ich bislang allerdings nur Alessandras Roman Die Sommerlande gelesen, mein Wissen ist also beschränkt.

(5) Michael Moorcock: Das Buch Corum. S. 467.

(6) Außen vor bleiben bei unseren Betrachtungen Universen wie das von Mervyn Peakes Gormenghast, die sich bewusst jeder klaren "historischen" Verortung entziehen, sowie industrialisierte Fantasywelten wie China Miévilles Bas-Lag oder das Faerie in Michael Swanwicks The Iron Dragon's Daughter.
 
(7) Es würde deutlich zu weit führen, diese Herangehensweise an "phantastische Welten" an dieser Stelle einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Ich möchte darum bloß kurz auf M. John Harrisons Essay What It Might Be Like To Live In Viriconium verweisen.
 
(8) Brief an Naomi Mitchison [5. September 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 154. S. 259.
 
(9) Oft wird in diesem Zusammenhang auf William Morris und seine Erzählungen The Well at the World's End, The Wood Beyond the World, The Water of the Wondrous Isles und The Sundering Flood verwiesen. Aber wie Matthew David Surridge in seinem Essay Worlds Within Worlds überzeugend dargelegt hat, gebührt diese Ehre wohl eigentlich Sara Coleridge mit ihrem Roman Phantasmion. Die erste detaillierte erfundene Mythologie dürfte Lord Dunsanys Gods of Pegana gewesen sein.

(10) Brief an Naomi Mitchison [25. April 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 144. S. 230.

(11) Brief an Amy Ronald [15. Dezember 1956]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 195. S. 336.
 
(12) Brief an Naomi Mitchison [25. April 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 144. S. 230.
 
(13) In seiner klassischen Studie The Class Struggle in the Ancient Greek World stellt G.E.M de Ste. Croix sogar die These auf, dass der Sklavenarbeit in den antiken Demokratien eine besonders große Bedeutung zukam, da das politische Regime der Ausbeutung des freien demos (Bauern, Pächter, Handwerker, kleine Kaufleute) gewisse Grenzen setzte, die in Oligarchien und Despotien nicht existierten. Die herrschende Klasse war deshalb "gezwungen", einen größeren Teil ihres "Einkommens" aus der Ausbeutung unfreier Arbeit zu beziehen, wenn das System seine Stabilität behalten sollte.
 
(14) Tolkien hegte eine tiefe Abneigung gegen allegorische Literatur. Seine Elben *rein* allegorisch zu lesen, wäre darum sicher falsch. Doch diente ihm das Schicksal der Eldar u.a. zu einer erstaunlich ambivalenten und selbstkritischen Auseinandersetzung mit einer Form von romantischem Konservatismus, der sich dem Wandel der Geschichte verweigert und um jeden Preis eine vermeintlich schönere und edlere Vergangenheit am Leben zu erhalten versucht. Dabei spielt deren Unsterblichkeit eine wichtige Rolle. Ich habe dieses Thema vor Zeiten schon einmal in meinem Blogbeitrag Der ehrliche Romantiker etwas ausführlicher behandelt. So ist es auch durchaus folgerichtig, dass die Elbenreiche des Dritten Zeitalters, vor allem Imladris und Lorien, keine "realistische" wirtschaftliche Grundlage besitzen. Bruchtal und der Goldene Wald sind in gewisser Hinsicht nicht mehr ganz Teil "dieser Welt". Es handelt sich bei ihnen um künstlich (magisch) geschaffene Enklaven, in denen der Lauf der Zeit durch die Macht der Ringe Vilya und Nenya weitgehend aufgehalten wurde.
 
(15) Okay, 100%ig voneinander trennen kann man das vermutlich nicht. Aber ich hoffe, es ist dennoch verständlich, was ich meine. Trotzdem könnte man mir an dieser Stelle vermutlich mangelnde Konsequenz vorwerfen. Schließlich besitzen auch patriarchale Strukturen ihre materiellen Wurzeln und eine Feudalgesellschaft, die völlig frei von ihnen wäre, ist darum wohl nur schwer vorstellbar. Dennoch besteht da für mich ein Unterschied. 

(16) Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort.

(17) Elizabeth A. Lynn: Die Tänzer von Arun. S. 100.
 
(18) Interessanterweise gilt dasselbe nicht auch für den Spartacus - Roman von Howard Fast, von dem das Drehbuch inspiriert worden war. Auch in dem geht es natürlich um Klassenherrschaft, Ausbeutung, Rebellion und den Kampf für Freiheit und Gleichheit. Aber anders als bei Trumbo & Kubrick wird nicht thematisiert, wie die Bedrohung durch eine Revolution als Hebel verwendet wird, um ein republikanisches System durch eine Militärdiktatur zu ersetzen. Ich schätze, dass dabei etwas von den Erfahrungen mitschwingt, die Trumbo, der ja selbst ein Opfer der Schwarzen Listen war, mit dem McCarthyismus gemacht hatte. Viele linke Intellektuelle der Zeit sahen in der antikommunistischen Hexenjagd die Vorstufe für ein faschistisches Regime in den USA. Howard Fast hatte zwar mindestens ebensosehr unter den Repressionen der "Red Scare" - Hysterie zu leiden -- immerhin hatte er mit der Abfassung des Romans im Gefängnis begonnen --, aber sein Spartacus enthält weniger "tagespolitische" Motive und widmet sich eher der allgemeineren Frage, was Ausbeutung und Sklaverei aus der Gesellschaft und den Menschen machen.
 
(19) So sehr ich China Miévilles Bas-Lag - Trilogie auch schätze, halte ich die Darstellung des Massenaufstands in New Crobuzon in The Iron Council doch für einen ihrer schwächsten Teile.