"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 10. Juli 2013

Ein besserer Mensch?

Die Nigel Kneale - Tour #3: The Abominable Snowman (1957)

In meinem Blogeintrag über das Quatermass Experiment habe ich geschrieben, Hammer Film Productions sei zu Beginn der 50er Jahre noch eine "ganz junge britische Filmfirma" gewesen. Genaugenommen ist das nicht richtig. Tatsächlich wurde das Unternehmen bereits 1934 gegründet, ging allerdings bereits 1937 zum ersten Mal bankrott und wurde erst 1946 wiederbelebt. Nach einer Reihe von billigen "Füllern" (sog. "quota-quickies") und Thrillern begann man sich ab 1953 dem SciFi- und Horror-Genre zuzuwenden. Damit war der Grundstein für Hammers Aufstieg zu Erfolg und Prominenz gelegt. Dem sehr erfolgreichen Quatermass Xperiment (1955) folgte alsbald X the Unknwon (1956).* Der Film war ursprünglich als Sequel geplant, was jedoch an Nigel Kneales Einspruch scheiterte.  Dafür sicherte man sich die Mitarbeit des Autors an der Kinoversion von Quatermass II, sowie die Rechte an der Story von The Creature.

Als sein Vertrag Ende 1956 auslief, verließ Kneale den Stab der BBC. Wie er später in einem Interview erklärte: "I’d had enough. Five years of being in that hut was as much as any sane person could stand". Die Arbeit für Hammer war sein erster Job als nunmehr freischaffender Autor. 
Mit der Adaption von Quatermass II war er ähnlich unzufrieden wie mit dessen Vorgänger, zumal erneut Brian Donlevy den Part des Professors übernahm. Ein Schauspieler, für den Kneale denkbar wenig übrig hatte: "He was then really on the skids and didn't care what he was doing. He took very little interest in the making of the films or in playing the part. It was a case of take the money and run. Or in the case of Mr Donlevy, waddle." Im Falle von The Creature sah das schon etwas anders aus. Regisseur war zwar wie bei den Quatermass-Filmen Val Guest, der Freunden & Freundinnen der Phantastik vielleicht eher noch als Schöpfer von The Day the Earth Caught Fire (1961) bekannt sein könnte, mit When Dinosaurs Ruled the Earth (1971) aber auch das Sequel zu Hammers legendärem Urzeitflick One Million Years B.C. (1966) drehen sollte. {Ohne Raquel Welch, dafür mit Playmate Victoria Vetri und Jim Danforths Stop-Motion-Dinos.} Doch als Hauptdarsteller verpflichtete man Peter Cushing, der die Rolle auch in der BBC-Produktion gespielt hatte. Und was das Setdesign anging, bewies Hammer schon jetzt die bald legendäre Fähigkeit, mit wenig Geld äußerst beeindruckende Resultate zu erzielen.

Zu Beginn der 50er Jahre war der Yeti zu bisher ungekannter Popularität aufgestiegen. Verantwortlich hierfür waren eine Reihe von Expeditionen westlicher Bergsteiger in die abgelegenen Regionen des Himalaya. 1951 fotographierte Eric Shipton an den Hängen des Mount Everest ominöse Fußstapfen im Schnee. 1953 berichteten Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrer Erstbesteigung von ähnlichen Beobachtungen. 1954 schickte die Daily Mail eine Expedition unter der Leitung von John Angelo Jackson auf die Suche nach dem Schneemenschen, die nicht nur nach weiteren Fußspuren Ausschau hielt, sondern sich auch mit kultischen Gegenständen beschäftigte, die in den buddhistischen Klöstern der Region aufbewahrt wurden.

Dass der Yeti bald schon auch auf die Kinoleinwand übersiedeln würde, war abzusehen. 1954 schuf W. Lee Wilder mit The Snow Creature den allerersten Yeti-Streifen. Nur ein Jahr später strahlte die BBC Nigel Kneales & Rudolph Cartiers The Creature aus. Die Inspiration dazu hatte der Autor vor allem aus den Berichten der schon erwähnten Daily Mail - Expedition bezogen, wobei seine zentrale Idee gewesen war: "[N]ot make him a monster but put a twist on it that really he was better than us". Als er die Story 1957 für Hammer noch einmal überarbeitete, änderte er an ihrem Grundgehalt nur wenig. Die stärkste Abweichung von der {nicht erhaltenen} Fernsehversion besteht offenbar darin, dass der Protagonist in der Kinofassung eine Ehefrau hat, um die herum sich eine Nebenhandlung entwickelt. Außerdem besitzt der Bösewicht einen etwas anderen Charakter. So zumindest hat es Kneale selbst beschrieben:
The baddie of the story was played in the television version by Stanley Baker. In the film version we had Forrest Tucker, and I suppose there was again a character difference. Baker played it as a subtle, mean person, Forrest Tucker as a more extrovert bully, but they were both good performances and I found very little to choose. Tucker was, I think, an under-rated and very good actor
Der britische Biologe John Rollason (Peter Cushing), seine Frau Helen (Maureen Connell) und sein Kollege Peter Fox (Richard Wattis) sind Gäste eines buddhistischen Klosters im Himalaya, als eines Tages die Expedition des Amerikaners Tom Friend (Forrest Tucker) in dem abgelegenen Tal auftaucht. Begleitet von dem Trapper Ed Shelley (Robert Brown), dem Fotographen Andrew McNee (Michael Brill) und dem Sherpa Kusang (Wolfe Morris) will sich Friend auf die Suche nach dem sagenumwobenen Yeti machen und versucht, den erfahrenen Bergsteiger Rollason als Begleiter für dieses Unternehmen zu gewinnen. Als Beweis für die Existenz des Fabelwesens legt er ein Reliquiar vor, das vor einiger Zeit aus dem Kloster gestohlen wurde und einen angeblichen Yerizahn enthält.
Während Rollason ein respektvolles Verhalten gegenüber den Mönchen an den Tag legt und eine freundschaftliche Beziehung zum Lama des Klosters (Arnold Marlé) unterhält, zeigen sich Friend und seine Begleiter gegenüber den "abergläubischen Eingeborenen" als die typisch arroganten Westler. Doch so sehr dem höflichen Biologen dieses Verhalten auch gegen den Strich geht, die Aussicht, möglicherweise die Wahrheit über den Yeti in Erfahrung bringen zu können, ist zu verführerisch für ihn. Obwohl ihm nicht nur der Lama, sondern auch seine Frau dringend davon abrät, schließt er sich deshalb Friends Expedition an.
Während die fünf Männer ins Hochgebirge aufsteigen, stellt sich schon sehr bald heraus, dass Friend nicht von wissenschaftlicher Neugier, sondern von der Gier nach Geld und Ruhm angetrieben wird. Sein Ziel ist es, einen Yeti zu fangen und der staunenden Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Und wenn kein lebender zu kriegen ist, tut es für den Anfang auch ein toter. Der Konflikt zwischen dem Amerikaner und Rollason, den dieses Vorhaben empört und abstößt, spitzt sich immer weiter zu, als McNee versehentlich in eine von Shelleys Bärenfallen tritt und sich dabei schwer verletzt. Die Fünf sind gezwungen, ein Lager in der eisigen Wildnis aufzuschlagen. Derweil startet Helen zusammen mit dem eher zögerlichen Fox eine Rettungsexpedition, da sie davon überzeugt ist, dass ihr Mann in unmitelbarer Lebensgefahr schwebt.
Eine Furcht, die sich als durchaus begründet erweist, denn kurz darauf tauchen in der Nähe des Lagers von Friend & Co. tatsächlich die Yetis auf. Zwar gelingt es Friend und Shelley einen von ihnen zu töten, doch die Expedition ist dennoch dem Untergang geweiht. Einer nach dem anderen verfallen die Männer dem Wahnsinn oder kommen auf anderem Weg zu Tode, bis nur noch Rollason übrig ist. In der Höhle, in die er sich zurückgezogen hat und wo sich auch der Yetileichnam befindet, treten ihm die Schneemenschen schließlich direkt gegenüber. Doch es zeigt sich, dass sie keine wilden, rachedurstigen Ungeheuer sind. Vielmehr erweisen sie sich als weise, telepathisch begabte Kreaturen, die sich vor den Menschen in die Einsamkeit des Himalaya zurückgezogen haben, um dort abzuwarten, bis diese sich selbst vernichtet haben, woraufhin sie die Erde neu bevölkern werden.

Was The Abominable Snowman von Beginn an auszeichnet ist eine intensive, fremdartige, leicht gespenstische Atmosphäre. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei die Musik, komponiert von  Humphrey Searle, einem der bedeutendsten Pioniere der Seriellen Musik in Großbritannien. Der geschickte Einsatz von Gongs weckt nicht nur Assoziationen zu buddhistischer Klostermusik**, sondern evoziert auch eine leicht bedrohliche Stimmung. Daneben finden sich immer wieder {vermutlich authentische} Passagen tibetischen Mönchsgesangs in der markanten Unterton-Technik (Kehlgesang), und zumindest in bildlicher Form tauchen mehr als einmal die Instrumente eines traditionellen tibetisch-buddhistischen "Orchesters" auf. Das aufwändige Set der Klosteranlage folgt dem architektonischen Vorbild der realen Klosterburgen (dzongs) der Region,*** und die Maskentänze der Mönche sind zwar sicher keine authentischen chams**** – wie wir sie z.B. in Wsewolod Pudowkins Sturm über Asien (1928) zu sehen bekommen –, orientieren sich aber zumindest in der Kostümierung an den echten buddhistischen Tanzmysterien. Die Zahnreliquie ist gleichfalls keine bloße fantasievolle Erfindung Kneales, sondern dürfte mit ziemlicher Sicherheit den realen Yeti-Reliquien des tibetischen Buddhismus nachempfunden sein, von denen die Daily Mail - Expedition wenigstens eine genauer untersucht hatte – einen "Yeti-Skalp" aus dem nepalesischen Kloster Pangboche.
Natürlich ist dieses ganze Szenario nicht frei von Exotismus. Insbesondere bei jedem Auftritt des weisen alten Lamas durchweht ein deutlicher Hauch von Lost Horizon den Film.***** Dennoch bleibt festzuhalten, dass The Abominable Snowman für einen B-Movie seiner Zeit ein erstaunlich hohes Maß an Respekt für die Kultur der Himalayavölker an den Tag legt. Zumindest einige der an seiner Produktion beteiligten Leute waren offenbar wirklich daran interessiert, ein relativ authentisches Bild zu zeichnen und nicht bloß negative oder positive Klischees wiederzukäuen. Weder sind die "Eingeborenen" samt und sonders ätherische Heilige, noch primitive Wilde.

Im Ganzen betrachtet hinterlässt der Film dennoch einen zwiespältigen Eindruck.
Als bitterer Kommentar zum westlich-kolonialistischen Ideal des "Entdeckers & Eroberers" ist er so intelligent, wie man das von Nigel Kneale erwarten würde. Und dabei verzichtet er in erfreulichem Maße auf eine gar zu extreme Schwarzweißmalerei. Tom Friend ist ein rücksichtsloser Typ, dem es im Grunde nur um Ruhm und Profit geht. Doch deshalb ist er noch lange kein herzloses Ungeheuer. Er besitzt sehr wohl seine besseren, menschlicheren Seiten, nur werden diese von seinem egoistischen Verlangen immer wieder in den Hintergrund gedrängt. Ed Shelley und Andrew McNee sind einfach ganz normale, fehlbare Menschen. Und mit dem sanften Biologen Rollason besitzen wir schließlich auch noch den Vertreter eines wirklich edlen Forschertums, der beweist, dass das Verlangen nach Wissen nicht notwendigerweise Hand in Hand gehen muss mit Eroberertum und Profitgier.
Die mit Abstand beeindruckendsten Szenen des Filmes spielen in der eisigen, schneebedeckten Landschaft des Hochgebirges. Sie vermitteln zugleich den Eindruck einer unendlich weiten, menschenleeren Einöde und besitzen doch immer wieder eine geradezu klaustrophobische Qualität. Und wenn dann auch noch die unirdischen Schreie der Yetis aus der Ferne herüberschallen, verwandelt sich die Szenerie endgültig in eine phantastische Welt, in der der Mensch ein Eindringling ist, der hier nichts verloren hat.
Problematisch ist vor allem die finale Wende. Die Idee, den Yeti nicht als affenartiges Ungeheuer darzustellen, sondern eine vernunftbegabte Kreatur aus ihm zu machen, ist für sich genommen faszinierend und ein origineller Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze des B-Movies der 50er Jahre. Monster, denen wir Sympathie oder Mitgefühl entgegenbringen können, gab es zwar auch andernorts, so etwa in Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon (1954) {vom alten King Kong mal ganz zu schweigen}, aber Kneales Yetis sind keine bloß bemitleidenswerten Halbtiere, sondern hoch intelligente, dem Menschen moralisch weit überlegene Wesen.
Doch genau an diesem Punkt stellen sich dann auch die Schwierigkeiten ein. Sollen wir als Botschaft wirklich mit nach Hause nehmen, dass wir Menschen als Spezies zur Selbstvernichtung verurteilt sind? Sind wir wirklich zu dumm, egoistisch und gewalttätig, als dass wir zu einer friedlichen Kontaktaufnahme mit anderen intelligenten Lebewesen fähig wären? Hat uns Kneale mit seinem Film nicht gerade eben gezeigt, dass es neben dem brutalen Typus Tom Friend auch die sanften und selbstlosen Typen John und Helen Rollason gibt? Kurz gesagt: Die Geschichte von The Abominable Snowman ist intelligenter und nuancierter als das Resümee, das uns am Ende präsentiert wird. In diesem zeigt sich erstmals jener düstere Pessimismus, dem wir in Nigel Kneales Werk später immer häufiger begegnen werden und der schließlich in der vierten Quatermass-Serie aus dem Jahre 1979 seinen Höhepunkt erreichen wird. Auch auf der nächsten Station unserer Tour – Quatermass and the Pit – werden wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen.

PS: Anders als sonst habe ich den Trailer zu The Abominable Snowman nicht an den Anfang des Artikels gestellt, da er nicht geeignet ist, auch nur einen vagen Eindruck von dem Film zu vermitteln. Wenn ich ihn trotzdem hier nachliefere, dann weil er ein hübsches Beispiel für Hammers reißerische Werbemethoden abgibt. Außerdem hört man wenigstens ein Stückchen von Humphrey Searles Titelmusik. Das "of the Himalayas" wurde übrigens für den amerikanischen Markt hinzugefügt – damit nur ja keine Missverständnisse aufkommen konnten:




* Das X stand im britischen Film der Zeit für einen eher "erwachsenen" Inhalt und wurde von Hammer deshalb ausgiebigst zu Reklamezwecken genutzt.
** Besser gesagt, zu dem, was wir uns spontan unter einer solchen vorstellen würden. Echte tibetische Tempelmusik klingt denn doch sehr anders.
*** Wen's interessiert, der findet hier einen ausführlichen Artikel von Ingun Bruskeland Amundsen über tibetische und bhutanesische dzongs aus Vol 5 des Journal of Bhutan Studies.
**** Vgl.: Joseph Houseal: The Vanishing Dances of Ladakh /// Thomas Murray: Demons & Deities: Masks of the Himalayas.
***** Ein Tip für alle, die sich etwas näher für Frank Capras Shangri-la - Klassiker von 1937 interessieren: Das Drehbuch von Robert Riskin kann man sich hier durchlesen.

Mittwoch, 26. September 2012

Pastiche und Propaganda (II)

Jamyang Norbu hat wie gesagt nichts übrig für die im Westen verbreitete Tendenz, in Tibet eine Art mystisches Wunderland zu sehen:
There's a kind of New Age perception of Tibet, which is fed to some extent quite deliberately by propagandists for Tibet, many New Age type Buddhists, Tibetan Buddhists. And, also subscribed gradually by Tibetans, including the Dalai Lama and a lot of prominent Lamas. The idea that this even materialist west will be saved by the spiritualism of the Tibetan Buddhists. It's total nonsense.
Man kann sich darum vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich feststellen musste, dass Norbu mit der zweiten Hälfte von Das Mandala des Dalai Lama genau diese Heilssehnsucht zu bedienen versucht.
Es zeigt sich nämlich sehr schnell, dass das vermeintliche Mordkomplott, zu dessen Verhinderung Sherlock Holmes nach Tibet gerufen wurde, gar nicht die eigentliche Bedrohung darstellt, gegen die unsere Helden vorgehen müssen. Damit verliert die Geschichte augenblicklich ihren holmes'schen Charakter und begibt sich straks in die Untiefen von Pulp-Phantastik, Mystizismus und esoterischem Quark. Statt sich der gängigen Methoden von etwas Gift im Mittagsmahl oder einem Messer in der Nacht zu bedienen, haben die Chinesen nämlich einen abtrünnigen Tantra-Magier nach Lhasa geschickt, der für das frühzeitige Ableben des XIII. Dalai Lama sorgen soll. Dieser nur als "der Finstere" bekannte Schurke, dessen Spezialität darin zu bestehen scheint, qua Telekinese Schwerter durch die Luft sausen zu lassen, ist jedoch offenbar sehr viel mehr an der alten Darstellung eines Kalacakra-Mandalas interessiert, das der I. Dalai Lama angeblich von einem geheimnisvollen Abgesandten aus dem Wunderreich Shambala erhalten haben soll.

An dieser Stelle des Buches angekommen konnte ich einen Seufzer der Verzweifelung nicht unterdrücken. Shambala? Bitte nicht Shambala! Norbu lässt seinen Erzähler Hurree erklären:
Das 'Shambala des Nordens' ist, der lamaistischen Weltanschauung zufolge, ein Wunderland, vergleichbar mit Thomas Moores Utopia, Francis Bacons Neuem Atlantis oder Campanelas Sonnenstaat, wo Tugend und Weisheit eine ideale Gesellschaft haben entstehen lassen. Dieses Fabelreich gilt als Ursprung aller hohen okkulten Wissenschaften, das der Wissenschaft und Technik unserer Welt weit überlegen ist. Laut einer Prophezeiung in den heiligen Schriften Tibets werden die Herren von Shambala, wenn die Menschheit am Ende den Mächten des Bösen unterliegt, im Jahr des Wasser-Schafes des 24. Zyklus (das heißt im Jahre 2425) ihre große Armee entsenden und jene dunklen Mächte vernichten. Danach wird der Buddhismus erneut erblühen, und ein Zeitalter der Vollkommenheit wird anbrechen. (1)
Kein anderes Element der tibetisch-buddhistischen Mythologie ist wohl so oft von irgendwelchen westlichen Möchtegernmystikern missbraucht worden wie das Verborgenen Reich der Kulika-Könige. Außer vielleicht das berühmte Mantra Om mani padme hum.

Das echte Kalacakra Tantra, dem der Mythos von Shambala seine Entstehung verdankt, wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich im heutigen Afghanistan verfasst und gelangte tibetischen Quellen zufolge im Jahre 966 von dort aus nach Indien. Es ist ein Produkt der kosmopolitischen Kultur der Handelsstädte entlang der Seidenstraße, in denen Vertreter der unterschiedlichsten asiatischen Völker friedlich zusammenlebten, und Güter wie Ideen aus aller Herren Länder ausgetauscht wurden. Hier waren die Buddhisten u.a. mit Zoroastriern, Manichäern, nestorianischen Christen und Juden zusammengetroffen. Die daraus resultierende gegenseitige gedankliche Befruchtung hatte nicht unwesentlich zur Entstehung einer blühenden buddhistischen Hochkultur in Zentralsien und Turkestan beigetragen. Das Kalacakra Tantra war eine ihrer letzten bedeutenden Früchte und zugleich eine Reaktion auf die Entwicklung, die zu ihrem Untergang führen sollte: Das machtvolle Vordringen des Islam. (2)
Im 10. Jahrhundert herrschten die Emire der Samaniden-Dynastie als nominelle Vertreter der abbasidischen Kalifen über die Region. Es war das Goldene Zeitalter des islamischen Zentralasien: Handel und Gewerbe blühten auf, in den Städten entstanden prachtvolle Moscheen, Schulen, Badehäuser und Karawansereien, während am Hof des Emirs in Buchara die Grundlagen für die Entwicklung der neupersischen Literatur gelegt wurden. An der kosmopolitischen Atmosphäre der großen Handelsstädte hatte sich auch unter islamischer Herrschaft nichts geändert, das friedvolle Gemisch der Kulturen und Religionen verstärkte sich eher noch. Doch auch wenn die Buddhisten vorerst keiner organisierten Verfolgung ausgesetzt waren, hatten die Mönche das Gefühl, in einem zunehmend düsteren Zeitalter zu leben. Dies war die historische Situation, in der das Kalacakra Tantra entstand.
Der heilige Text  erzählt von dem paradiesischen Reich Shambala, das umgeben von unüberwindlichen Gebirgszügen und bewacht von überirdischen Mächten dem allgemeinen Niedergang der Welt trotzt. Hier bewahren die Heiligen unter der Herrschaft der Kulika-Könige die reine Lehre, während eine Zeit der Finsternis über die Erde hereinbricht. Doch schließlich werde die Kunde von dem verborgenen Reich an das Ohr des bösen Welteroberers dringen und dieser werde sich mit einem gewaltigen Heer aufmachen, um die letzte Bastion des Lichtes seiner Herrschaft zu unterwerfen. Daraufhin werde der fünfundzwanzigste Kulika-König Rudracakrin ("Der Zornige mit dem Rad") an der Spitze seiner Armeen das geheime Königreich verlassen und sich den Angreifern zum Kampf entgegenstellen. In einer apokalyptischen Endschlacht werden die Mächte der Finsternis vernichtet werden und Rudracakrin wird vom heiligen Berg Kailash aus über ein buddhistisches Weltreich des Friedens und der Gerechtigkeit herrschen, das 19.800 Jahre lang Bestand haben wird.
Das Tantra identifiziert den bösen Welteroberer mit der islamischen Messiasgestalt des Mahdi und erwähnt im Zusammenhang mit ihm die Städte Bagdad und Mekka, sowie Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den mysteriösen 'Weißgekleideten' (shvestavastri) als seine Vorgänger. (3) 
Der ausgeprägte Dualismus zwischen Gut und Böse sowie das Motiv einer apokalyptischen Endschlacht unterscheiden das Kalacakra Tantra sehr deutlich von älteren buddhistisch-messianischen Texten, in deren Zentrum für gewöhnlich der Buddha der Zukunft Maitreya gestanden hatte. Als Vorbilder mochten dabei so unterschiedliche Quellen wie die jüdische und christliche Tradition, die zoroastrische Figur des Letzten Weltenheilands Saoshyant oder die unter den Anhängern Vishnus verbreitete Vorstellung von Kalki als dem Zehnten Avatar ihres Gottes gedient haben. Auch manichäisches Gedankengut hat offenbar seinen Weg in den heiligen Text gefunden. Am stärksten dürfte jedoch ironischerweise der islamische Einfluss gewesen sein. Zumal die Region, in der das Tantra entstand, seit geraumer Zeit der Tummelplatz aller möglichen muslimischen Sekten war, in deren Gedankenwelt die Gestalt des Mahdi stets eine zentrale Rolle spielte. Die Buddhisten eigneten sich die eschatologischen Ideen ihrer muslimischen Rivalen an, integrierten sie in ihre eigene Gedankenwelt und wandten sie dann gegen den Islam. So dürfte z.B. das direkte Vorbild für den bösen Mahdi des Kalacakra Tantra im 'Lügenden Messias'  al-Masihu’d Dadschal zu suchen sein, dem dämonischen Widersacher des endzeitlichen Heilsbringers im Islam.
Als das Tantra im Jahr 1026 ins Tibetische übertragen wurde, gelangte es damit in einen buddhistischen Kulturraum, der sich keiner islamischen Herausforderung gegenübersah. Dadurch verloren seine Prophezeiungen ihren Bezugspunkt in der Wirklichkeit und wurden offen für Neuinterpretationen. Die antimuslimische Stoßrichtung spielte von nun an keine entscheidende Rolle mehr in der Rezepetion des Textes. Was blieb war die Prophezeiung von einem gewaltigen Krieg zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis und die Hoffnung auf ein zukünftiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Armut und Elend unbekannt sein würden. Vor allem jedoch die Vision von einem verborgenen Reich, einem Irdischen Paradies inmitten dieser grausamen und leiderfüllten Welt: Shambala. Mit diesem Namen waren von nun an die Träume und Sehnsüchte der Buddhisten Tibets und Zentralasiens verbunden. Jamyang Norbus Vergleich mit den Gesellschaftsutopien von Morus, Bacon und Campanella ist allerdings etwas irreführend. Eher sollte man dabei an die Sehnsucht des christlichen Mittelalters nach dem Garten Eden denken.  Über die genaue geographische Lage Shambalas waren sich die gelehrten Mönche Tibets nie ganz einig. Die älteste uns heute noch zugängliche Version des heiligen Textes, das Laghu Kalacakra Tantra, lokalisiert das Reich der Kulika-Könige irgendwo südlich des Berges Kailash, doch konnte sich diese Tradition offenbar nicht auf Dauer durchsetzen. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die Region um den Kailash ist zwar wild und unwegsam, war den Tibetern aber nicht völlig unbekannt. Sie wussten, dass sich dort weder eine glanzvolle Stadt noch ein idyllischer Paradiesesgarten befanden. Das hinderte die eifrigen Lamas freilich nicht daran, sich auch weiterhin den Kopf über die Lage Shambalas zu zerbrechen. Wie auch hätte man die Suche nach diesem heiligen Ort des Friedens und der Erleuchtung aufgeben sollen? Im Vimalaprabha heißt es, das geheimnisvolle Land befände sich nördlich des Flusses Sita, während arya-visaya ("das Land der Arier" = Indien) südlich des Stromes zwischen dem Himalaya und Lanka liege. Doch auch diese Angaben brachten die sehnsuchtsvoll Suchenden nicht wirklich weiter. Der Fluss Sita ist zwar in der buddhistischen Kosmologie und dem heiligen Schrifttum Indiens wohlbekannt, in der realen Welt jedoch leider nur sehr schwer zu lokalisieren. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem mythischen Gewässer der Tarim in Ostturkestan. Auf jedenfall suchte man Shambala von nun an nördlich von Tibet. (4)

An westliche Ohren drang der Name des Verborgenen Königreiches erstmals im 17. Jahrhundert, als einige Jesuiten das Schneeland besuchten. Einen tieferen Eindruck scheint der Mythos jedoch nicht bei ihnen hinterlassen zu haben. Erst als im 19. Jahrhundert Helena Blavatsky (1831-91), die Gründerin der Theosophie, Shambala in ihren Schriften erwähnte, legte sie damit den Samen für die rasch wachsende Beliebtheit des geheimnisvollen Landes unter westlichen Okkultisten, Esoterikern und phantastischen Schriftstellern. Dabei wurden die aufgeschnappten Bruchstücke des alten buddhistischen Mythos oft mit der von Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909) in die Welt gesetzten Idee eines unterirdischen Wunderreiches namens Agharta vermischt. Besondere Popularität erlangte diese Mixtur in den 1920er Jahren durch Ferdynand Ossendowskis Schmöker Tiere, Menschen und Götter. Ebenfalls sehr gerne verknüpften westliche Autoren das Verborgene Königreich mit der auf Blavatskys "weiße Loge" der Mahatmas zurückgehende Idee einer geheimen Bruderschaft von weisen 'Hütern der Welt', die dort residieren soll. Ein besonders prominenter Vertreter dieser ganzen buntscheckigen Sippschaft war der russische Maler und Gründer des Agni Yoga Nikolai Roerich (1874-1947), der sogar ein Buch mit dem Titel Shambala verfasste. Dass er namentliche Erwähnung in Das Mandala des Dalai Lama findet, ist kein Zufall, wie wir gleich sehen werden.

Zuerst einmal wollen wir jedoch zu Sherlock Holmes und dem wackeren Hurree zurückkehren. Denn kaum hat Norbu das Kalacakra - Mandala und den "Finsteren" ins Spiel gebracht, da scheint er auch schon jeden Rest an schriftstellerischem Gespür verloren zu haben. Von einem leidlich charmanten Conan Doyle - Pastiche verwandelt sich der Roman in einen sich immer höher auftürmenden Berg an Abstrusitäten. Aus dem Lachen und Stöhnen kommt man von nun an nur noch selten heraus.
Holmes und Hurree dringen in die chinesische Gesandtschaft ein, um das aus dem Norbulingka entwendete Thangka (Rollbild) des Mandalas zurückzuholen. Was sie dort erwartet, ist die erste der bizarren 'Enthüllungen', aus denen der Rest des Romans besteht. Der "Finstere" entpuppt sich als ... Professor Moriarty! Ja, der "Napoleon des Verbrechens" ist in Wirklichkeit ein böser tibetischer Tantrameister, der den Sturz in die Reichenbachfälle dank seiner Zauberkräfte überlebt hat! Und ganz, wie man es von Norbu inzwischen erwartet, schafft es dieser tatsächlich, auch noch für die kriminelle Karriere des guten Professors in England die Chinesen verantwortlich zu machen. Jene halfen ihm "in Europa Fuß zu fassen, weil sie sich an jenen Nationen rächen wollten, die China so gedemütigt hatten". (5) Moriarty als eine Art verfrühter Fu Manchu! Dass sein Äußeres weder bei Conan Doyle noch in seinem eigenen Buch irgendwelche Anzeichen einer asiatischen Herkunft aufweist, scheint Norbu nicht weiter zu stören.
Aber das ist erst der Anfang. Das Mandala erweist sich als Schlüssel zu einem fantastischen unterirdischen Palast, dessen zentrales Gewölbe Hurree wie folgt beschreibt:
Nun befanden wir uns in einer gewaltigen, runden, hallenartigen Anlage, die gut ein paar Tausend Meter Durchmesser hatte und von einer riesigen Eiskuppel überwölbt wurde, die in ihrem Zentrum mindestens 800m hoch war. Um die ganze kolossale Rundhalle standen große Statuen, zwanzig an der Zahl. Es waren grimmig aussehende Krieger in fremdartiger Rüstung. Die Ausmaße der Statuen waren riesig, vergleichbar mit den großen Buddha-Statuen, die ich im Bamiyan-Tal in Afghanistan gesehen hatte.
Die völlig übertriebenen Dimensionen machen deutlich, dass wir das reale Tibet verlassen und die Fantasiegefilde von Shangri-la betreten haben, eben jene Gefilde also, die Norbu in den Erzeugnissen westlicher Tibetromantiker so unbarmherzig kritisiert.Dieses Gewölbe ist der Aufbewahrungsort des "Norbu Rinpoche", des "großen Juwels der Macht von Shambala." Die Lama Yönten in den Mund gelegte Beschreibung des magischen Edelsteins zeigt erst recht, dass sich der Autor spätestens an diesem Punkt in seiner Erzählung von den authentischen Traditionen des Buddhismus ab- und den  esoterischen Fantastereien von Blavatsky, Roerich & Co. zugewandt hat:
Es steht geschrieben, dass der Sendbote Shambalas zwei solcher Steine an jedem der beiden spirituellen Pole unseres Planeten anbrachte. Der erste ging verloren, als Ata-Ling, der heilige Kontinent, von der großen Flut verschlungen wurde. Der zweite wurde hierher nach Tibet gebracht. (6)
Mit dem Wunscherfüllenden Juwel Cintamani der indischen und tibetischen Überlieferung hat dieser Stein nichts mehr zu tun. Die peinlich offensichtliche Anspielung auf den Atlantismythos lässt einen vielmehr augenblicklich an die theosophische Obsession mit untergegangenen 'Rassen'
und Kontinenten denken. (7) Kein Wunder, dass Norbu an dieser Stelle ausdrücklich auf Nikolai Roerich und dessen Beschreibung des Norbu-rin-poche/Chintamani verweist:
Es heißt, Tamerlane und Akbar hätten Bruchstücke eines solchen Steines besessen und der Stein im magischen Ring des Suleimans (Solomon) wäre ein Teil des Chintamani gewesen. Nicholas Roerich, der berühmte weißrussische Mystiker, Künstler und Reisende, war überzeugt davon, dass der Chintamani der Lapis Exilis sei, der Wanderstein der alten Meistersänger. (8) 
Doch auch damit noch nicht genug. Es erwartet uns noch ein wahrhaft 'fantastisches' Finale. Wie man sich denken kann, will Moriarty den Stein in seine Hände bekommen, um damit in der Manier jedes echten Superschurken 'die Welt zu beherrschen'. Doch als bereits alles verloren scheint, erwartet uns eine erneute 'Enthüllung'. Der Professor ist gerade dabei, unsere Helden mit seinen durch den Stein verstärkten magischen Kräften auszulöschen, da schreit Lama Yönten:
Mr Holmes, Mr Holmes. Hören Sie mir genau zu. Sie sind nicht Sherlock Holmes! Sie sind der berühmte Gangsar-trulku, der ehemalige Abt des Klosters des Weißen Garuda, einer der größten Meister der okkulten Wissenschaften. Der Finstre hat Euch vor achtzehn Jahren ermordet, doch kurz bevor Euch Eure Lebensgeister verlassen haben, ist es uns mithilfe des Pho-wa-Yoga gelungen, diese in einen anderen, weit entfernten Körper zu transferieren. (9)
Und tatsächlich entdeckt Holmes die in ihm verborgen liegenden tantrischen Kräfte und beginnt ein munteres Magierduell mit dem bösen Moriarty.
An dieser Stelle bin ich dann wirklich wütend geworden. Sherlock Holmes ist die vielleicht berühmteste literarische Verkörperung des rationalen, analytischen Denkens. Arthur Conan Doyle selbst glaubte zwar an allen möglichen Unsinn wie die berüchtigten Feenfotografien von Cottingley oder spiritistische Séancen, sein Meisterdetektiv aber erklärte bestimmt: "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." (10) Ihn in einen wiedergeborenen Tantrameister und Magier zu verwandeln, ist für mich ungefähr dasselbe wie die Darstellung von Merlin als billigem Scharlatan in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Twains Buch eine Satire ist.
Im letzten Kapitel seines Romans deutet Jamyang Norbu schließlich zu allem Überfluss auch noch an, dass Holmes zu jener aus theosophischen Schriften so bekannten 'geheimen Bruderschaft der Weisen' gehört, die im Auftrag der Herren von Shambala als verborgene Hüter unserer Welt fungieren. Shambala aber könnte vielleicht ein anderer Planet sein. Neben Theosophie und Agni Yoga also auch noch ein bisschen UFO- und Alienquatsch!

Was mich an all dem besonders verärgert hat, ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob Norbu all die esoterischen Elemente nicht bloß deshalb in seine Erzählung eingebaut hat, um den Geschmack eines westlichen Lesepublikums zu bedienen. Bisher hatte ich in dem Schriftsteller eher einen Rationalisten gesehen. Die zweite Hälfte seines Buches hat für mich deshalb den Geschmack eines bewussten Betrugs. Während mir die eng an Conan Doyle orientierten Passagen Ausdruck einer vielleicht naiven und unkritischen, aber dafür ehrlichen Begeisterung für den viktorianischen Schriftsteller zu sein scheinen, werde ich bei den phantastischen Kapiteln den Verdacht nicht los, dass Norbu sich hier derselben Methode bedient, die er bei anderen kritisiert. Um seine nationalistische Botschaft unter die Leute zu bringen, ködert er diese mit dem alten exotistischen Klischee von Tibet als einem Land der Wunder.


(1) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 216.
(2) Vgl.: B. Gosh: Emergence of Kalacakratantra. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 21. Nr. 2 (1985). S. 19ff.
(3) Vgl.: Alexander Berzin: The Kalachakra Presentation of the Prophets of the Non-Indic Invaders.
(4) Vgl.: Ronald M. Davidson: Hidden Realms and Pure Abodes: Central Asian Buddhism as Frontier Religion in the Literature of India, Nepal, and Tibet. Biswanath Banerjee: Development of the Kalacakra System in Later Buddhism. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 24. Nr. 2. (1988). S. 9ff.
(5) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 238f.
(6) Ebd. S. 276ff..
(7) Helena Blavatsky selbst hatte behauptet, "dass, als Lemuria sank, ein Teil seines Volkes in Atlantis überlebte, während ein Teil seiner Auserwählten auf die heilige Insel von 'Shambhala' in der Wüste Gobi auswanderte. Allerdings enthalten weder die Kalachakra-Literatur noch das 'Vishnu Purana' irgend eine Erwähnung von Atlantis, Lemuria, Maitreya, oder Sosiosch. Ihre Verbindung mit Shambhala wurde allerdings unter Blavatskys Anhängern fortgeführt." (Alexander Berzin: Falsche Mythen, die in anderen Ländern über Shambala Verbreitung fanden)
(8) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 277. Norbu bezieht sich hier auf eine Passage aus Roerichs Shambala  (S. 96f.). Meines Wissens nach kannten die Meistersinger keinen 'lapis exilis'. Vermutlich meinte Roerich damit den Gral, der im Parzival Wolframs von Eschenbach mit diesem Namen bezeichnet wird. Wie er auf die Idee gekommen ist, dass der heilige Stein wandere, entzieht sich meiner Kenntnis.
(9) Ebd.: S. 287.
(10) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Sussex Vampire. In: Ders.: The Casebook of Sherlock Holmes.

Sonntag, 23. September 2012

Pastiche und Propaganda (I)

Ich habe Jamyang Norbus Roman Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen. Vor etlichen Jahren beschäftigte ich mich eine Zeit lang recht intensiv mit Tibet und seiner Geschichte. Dabei war mir der Name des exiltibetischen Schriftstellers und Aktivisten mehr als einmal untergekommen.

1949 in Darjeeling/Indien geboren, schloss Norbu sich in seiner Jugend der Guerillabewegung Chushi Gangdruk an. Diese Organisation war 1958 in den osttibetischen Regionen von Amdo und Kham in Reaktion auf die radikale Landreform gegründet worden, die Maos stalinistisches Regime  dort durchgeführt hatte. Nach dem missglückten Aufstandsversuch von Lhasa und Kham 1959, der u.a. zur Flucht des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso und Zehntausender Tibeter nach Indien geführt hatte, operierte die Gruppe, die die Unterstützung der CIA genoss, vom nepalesischen Mustang aus. Als die USA nach ihrer Annäherung an die VR China 1974 ihre finanzielle Hilfe einstellten, mussten die Guerillas bald darauf ihren bewaffneten Kampf beenden, zumal nun auch die nepalesische Regierung gegen sie vorging. (1) 
Nachdem er das Gewehr abgelegt hatte, stellte Norbu seine Talente in der Folgezeit in den Dienst der  sog. Tibetischen Exilregierung in Dharamsala, betätigte sich daneben aber auch als Publizist und Schriftsteller. So verfasste er u.a. fünf Theaterstücke und das Libretto für eine traditionelle Tibetische Oper. Seine kritische Haltung gegenüber der alten Religion und der esoterisch angehauchten Tibetromantik westlicher Unterstützerkreise führte allerdings immer wieder zu Konflikten mit der Führungsclique um den Dalai Lama, die sich noch weiter verschärften, als Tenzin Gyatso das Ziel der nationalen Unabhängigkeit aufgab und stattdessen den "Mittleren Weg" in Richtung größerer Autonomie einschlug. Für Norbu eine Art Verrat an der Sache des Vaterlandes. Das von ihm gegründete Amnye Machen Institute gilt als das akademische Zentrum des radikalen Flügels des tibetischen Nationalismus, dessen einflussreichste Organisation der Tibetan Youth Congress sein dürfte. Der Schriftsteller ist außerdem Mitglied der Rangzen Alliance, deren Charta er verfasst hat. Ihr Ziel ist die Errichtung eines unabhängigen, auf ethnischer und kultureller Homogenität basierenden tibetischen Nationalstaates.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stehe ich den von Jamyang Norbu vertretenen politischen Positionen ausgesprochen ablehnend gegenüber. Die Perspektive eines unabhängigen Tibet eröffnet der Masse der tibetischen Bevölkerung keinen Weg aus ihrer aktuellen, von politischer Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend gekennzeichneten Lage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Interessen der inner- wie exiltibetischen bürgerlichen Elite, die ihre Landsleute in einem "freien" Tibet nicht weniger rücksichtlos ausbeuten würde, als dies heute die mit dem stalinistischen Staatsapparat verbundenen chinesischen Kapitalisten tun. Man muss nur einmal nach Südafrika schauen, um zu wissen, wie eine solche "nationale Befreiung" aussehen würde.
Seiner politischen Überzeugung entsprechend verbreitet Norbu in seinen Schriften einen aggressiven völkischen Patriotismus, wobei viel von der glorreichen Vergangenheit der "tibetischen Rasse" und von der unbeschreiblichen Bösartigkeit des ewigen Erbfeindes China die Rede ist. Im Unterschied zu den pazifistischen Fantasien westlicher Tibetromantiker legt er dabei besonderen Wert auf die kriegerischen Traditionen seines Volkes. (2)

Dass sein 1999 erstmals in Indien veröffentlichtes Sherlock Holmes - Pastiche denselben Geist atmen würde, stand zu befürchten. Andererseits fand ich, dass die Geschichte durchaus interessantes Potential besitzen könnte. Sie ist angesiedelt in den 'verlorenen Jahren' zwischen Holmes' fingiertem Tod an den Reichenbachfällen und seiner Rückkehr nach London, über die Arthur Conan Doyle selbst seinen Meisterdetektiv hatte erzählen lassen:
I travelled for two years in Tibet [...] and amused myself by visiting Lhassa, and spending some days with the head lama. You may have read of the remarkable explorations of a Norwegian named Sigerson, but I am sure that it never occurred to you that you were receiving news of your friend. (3)
Als Erzähler und Watsonersatz fungiert der aus Rudyard Kiplings Kim stammende bengalische Gelehrte und britische Geheimagent Hurree Chunder Mookerjee.
Nun bin ich sicher kein ausgewachsener Sherlockianer, aber ich habe doch eine Menge für den Meister des deduktiven Denkens übrig, vorzugsweise, wenn mir Arthur Conan Doyle von seinen Abenteuern erzählt oder Jeremy Brett ihn verkörpert. Neubearbeitungen der Figur interessieren mich für gewöhnlich wenig. Von den literarischen hatte ich mir bisher keine einzige zu Gemüte geführt, und von den filmischen gehört wohl nicht zufällig meine besondere Liebe Thorn Eberhardts ironischem Spaß Without a Clue (Genie und Schnauze) mit Ben Kingsley und Michael Caine. Die Aussicht, zu sehen, was ein tibetischer Autor mit Sherlock Holmes anstellen würde, erschien mir jedoch recht spannend. Schließlich spiegeln Conan Doyles Erzählungen immer wieder sehr deutlich die Mentalität der bürgerlichen Schichten des imperialen Großbritannien wider. Orientalistische Klischees finden sich in einer ganzen Reihe von Holmes-Geschichten. Und da ich wusste, dass Norbu mehrfach ebenso treffende wie beißende Kommentare zum von den westlichen Medien verbreiteten exotistischen Tibetbild abgegeben hat, hoffte ich, dass sein Roman in dieser Hinsicht einige interessante Wendungen enthalten würde. Auch die Aufnahme von Hurree Chunder Mookerjee in die Erzählung ließ mich aufhorchen. Hatte Kipling diese Figur doch nach dem realen Vorbild von Sarat Chandras Das gezeichnet, der als Spion des Empire in der Verkleidung eines buddhistischen Pilgers 1882 bis nach Lhasa gelangt war. Bestand da nicht die Möglichkeit, dass Norbu im Rahmen seines Pastiches eine etwas realistischere Darstellung von Kiplings "Großem Spiel" präsentieren würde, d.h. vom Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft über Zentralasien, die das Schicksal Tibets in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend mitbestimmt hat?

Doch nein, Das Mandala des Dalai Lama erfüllt keine einzige dieser Hoffnungen. Das beste, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es den Stil von Conan Doyles Erzählungen recht geschickt nachahmt. Auch ist Hurree  zugleich Hindu und westlich gebildeter Wissenschaftler  ein durchgehend sympathischer Erzähler. Darüber hinaus jedoch erweist es sich als ein schlecht konstruiertes und in vielerlei Hinsicht unerträgliches Buch.
Das erste Drittel handelt davon, wie Holmes mit Mookerjee an seiner Seite einer Reihe von Mordanschlägen Colonel Morans entkommt, der rechten Hand Professor Moriartys. Das ist soweit alles ganz nett, wenn es nur nicht für die folgende Haupthandlung praktisch ohne Bedeutung wäre. So aber wirkt es wie ein überlanges Vorspiel, dessen einzige Funktion es ist, eine Begründung für die Reise der beiden nach Tibet zu liefern. Was im Grunde überhaupt nicht nötig wäre, da Holmes zusätzlich auch noch eine Einladung von Lama Yönten erhält, dem Großsekretär des Dalai Lama. Es vergeht mehr als die Hälfte des Romans bis unsere Helden endlich im Norbulingka, dem großen Sommerpalast des Kundun in Lhasa, stehen, und Holmes den Auftrag erhält, den fünfzehnjährigen Dalai Lama Tubten Gyatso vor einem drohenden Attentat zu bewahren.
Spätestens an diesem Punkt macht sich dann auch Jamyang Norbus ideologische Ausrichtung unangenehm bemerkbar. Die Handlung des Romans ist um ein Bild der tibetischen Geschichte herum konstruiert, wie es in den nationalistischen Kreisen allgemein verbreitet ist, das jedoch mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Norbu lässt seinen Lama Yönten eine entsprechende Exposition vortragen:
Tibet ist ein kleines und freidliches Land. Das Einzige, wonach seine Bewohner streben, ist ein Leben in Ruhe und Stille und die Befolgung der erhabenen Lehren unseres Herrn Buddha. Doch überall um uns herum lauern kriegerische Nationen, mächtig und ruhelos wie Titane. Im Süden ist es das Empire der englischen Sahibs, die nun die Heimat Shakyamunis [Buddhas] beherrschen. Im Norden ist es der Kesar von Oros, der Zar von Russland, obwohl dieser glücklicherweise weit weg ist. Im Osten allerdings lauert die größte Gefahr und unser größter Fluch: Schwarzchina – verschlagen, nach noch mehr Land gierend. Und selbst in seiner Gier ist dieser Feind noch gerissen. [...] Was der Kaiser auf direktem Weg nicht zu erreichen vermag, das versucht er mit Intrigen. Im Laufe der Jahre ist es ihm über seine Vertreter hier in Lhasa, die kaiserlichen Hochkommissare, mit Hilfe von Bestechung, Erpressung und Mord nach und nach gelungen, seinem Ziel immer näher zu kommen. [...] So ist es ihm gelungen, dem gegenwärtigen Regenten von Tibet, dem Fleisch gewordenen Lama des großen Tengyeling-Klosters, frevlerische und verräterische Ideen in den Kopf zu setzen. [...] Die letzten drei Inkarnationen des Dalai Lama [...] starben, bevor sie erwachsen wurden – und alle unter sehr suspekten Umständen. Von zumindest einem der Morde wissen wir mit Sicherheit, dass er von den Chinesen angestiftet wurde; aber wie gewöhnlich gab es keinen echten Beweis für ihre direkte Mittäterschaft. Wie auch immer, die politischen Wirrnisse und die Instabilität, die diese traurigen Ereignisse hervorriefen, kamen den Chinesen sehr gelegen, die nach und nach ihren Einfluss und ihre Macht in Tibet vergrößerten. Inzwischen sind sie so stark, dass wir fürchten, sie könnten auch den letzten Schritt wagen und versuchen, die volle Kontrolle über das Land zu erlangen und die glorreiche Inkarnationslinie der Dalai Lamas für immer zu beenden. (4)
In Wirklichkeit erlebte das 19. Jahrhundert kein Anwachsen des chinesischen Einflusses in Tibet, sondern vielmehr dessen dramatische Abnahme. Wie der bekannte Historiker Melvyn Goldstein schreibt:
[A]s the nineteenth century unfolded, the Qing dynasty experienced pressing threats to its position as a result of internal disturbances such as the Taiping Rebellion (1848–1865) and external incursions by Western countries such as the Opium War of 1839–1842. Not surprisingly, the power of the ambans[Norbus 'Hochkommissare'] in Tibet waned, as did the involvement of the Qing emperors. Consequently, Tibet was able to conduct a war with the Sikhs and Ladakh in 1841–1842 and another war with the Nepalese in 1855–1856 with no involvement from China, although in the latter conflict Tibet was forced to pay Nepal an annual tribute and accept a Nepalese resident in Lhasa and extraterritoriality for Nepalese traders. Similarly, the thirteenth Dalai Lama was chosen in 1877 without recourse to the "golden urn" lottery that the Qing emperor, Qian Long, had ordered in 1792. And in 1897, two years after the thirteenth Dalai assumed political control, he stopped consulting the amban in the selection of top officials (in accordance with the 1792 regulations) and began appointing them directly. As Phuntso Tashi, the fourteenth Dalai Lama's brother-in-law (and a former Tibetan government official) explains, "For over 100 years Tibet's holders of political power had not been able to do that. The Manchu government was displeased with this but . . . they were unable to do anything about it." By the turn of the twentieth century, therefore, the Qing hegemony over Tibet was more symbolic than real, and the Tibet Question was, in a sense, latent - Tibet did not explicitly try to sever its ties to Beijing: it offered nominal respect to the emperor but did not defer to the emperor's amban in Lhasa. (5)
Bei den verdächtig frühen Toden der drei Vorgänger von Tubten Gyatso dürfte es sich wohl tatsächlich um Morde gehandelt haben, doch gibt es keine Belege dafür, dass China hinter ihnen gesteckt hätte. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die jungen Dalai Lamas den zahllosen Intrigen und Rivalitäten zum Opfer fielen, die das Bild der tibetischen Elite jener Zeit prägten. Der Grund für diese permanenten Machtkämpfe zwischen den Mönchs- und Adelscliquen des Schneelandes ist nicht in chinesischen Machinationen zu suchen, wie Norbu uns weismachen will, sondern vielmehr in der eigentümlichen Struktur des tibetischen Feudalstaates mit seiner auf dem Reinkarnationsglauben beruhenden Erbfolgeregelung. (6) Der geplante Mordanschlag auf Tubten Gyatso, der den historischen Hintergrund für den Roman abgibt, wurde von Demo Rinpoche, dem Regenten Tibets und Herrn des Klosters Tengyeling eingefädelt, der dabei nicht etwa als Marionette der bösen Chinesen agierte, sondern vielmehr seine eigenen und die Machtinteressen seines Klosters verfolgte.
Doch wie so oft passt die historische Realität in ihrer Komplexität nicht in das Weltbild des Nationalisten. Obwohl Jamyang Norbu dem alten Feudalsystem keineswegs völlig unkritisch gegenübersteht (wovon man im Mandala freilich nichts merkt), hat er sich ein Bild der tibetischen Geschichte zusammengebaut, in dem sich alles um den ewigen Konflikt zwischen dem unschuldigen, unterdrückten Schneeland und dem bösen, unterdrückerischen China dreht. Für alles negative müssen die verruchten Intrigen des Erbfeindes oder die Umtriebe bestochener Vaterlandsverräter verantwortlich gemacht werden. Diesen Geschichtsmythos versucht er den Leserinnen und Lesern seines Romans unterzujubeln, wobei dessen Verknüpfung mit den Figuren von Sherlock Holmes und Hurree Chunder Mookerjee zu besonders absurden Resultaten führt.

Die Hauptgefahr für die relative Selbstständigkeit Tibets ging im 19. Jahrhundert nicht vom geschwächten China, sondern vom machtvoll wachsenden Britischen Kolonialreich aus. Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die Ostindische Kompanie erstmals eine Expedition ins Schneeland entsandt. Ziel war es Tibet und darüberhinaus die Märkte Zentralasiens für britische Waren zu erschließen. Bis zum Opiumkrieg hatte man darin vor allem eine Möglichkeit gesehen, das sich abschottende China quasi durch die Hintertür zu erreichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten sich die britischen Ambitionen vor allem gegen Russland, das seinerseits bemüht war, Zentralasien seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. In den 1860er Jahren begannen die Briten deshalb eine potentielle Handelsroute von Darjeeling über das Chumbi-Tal nach Gyangze und Lhasa zu erschließen. In einem Brief an die Kolonialverwaltung in Bengalen fasste Ashley Eden die britischen Erwartungen so zusammen: "A considerable trade will spring up between Lassa and Darjeeling. The Tibetans will only be too glad to exchange gold dust, musk, borax, wool and salt for English cloth, tobacco etc.; and the people of Sikkim will gain as carriers of this trade, and their government will raise a considerable revenue from the transit duties." (7) Diesem Projekt standen jedoch sowohl die chinesische als auch die tibetische Regierung ablehnend gegenüber. Schon seit längerem verfolgten die Herren im Potala eine extrem isolationistische Politik. Die Versuche der Briten, ihr Reich für den Handel zu erschließen, nahmen sie als Bedrohung war. Als Großbritannien dem von Opiumkriegen und Taiping-Aufstand geschwächten China 1876 im Vertrag von Chefu die Erlaubnis abpressten, eine Expedition nach Tibet zu entsenden, erwartete die ein Jahrzehnt später abmarschierte Macaulay-Gesandtschaft deshalb eine böse Überraschung, als sie die Grenze des Schneelandes erreichte. Nicht nur wurde ihr die Weiterreise verweigert, Tibets Herrscher schickten sogar Truppen in ein umstrittenes Grenzgebiet zwischen Sikkim und dem Schneeland. Wie der britische Resident in Nepal E. R. Girdlestone bereits 1879 in weiser Voraussicht erklärt hatte: "I know no reason why, unless Sir Jung Bahadoor’s extreme remedy for breaking down their exclusiveness by force of arms be adopted, free trade should be established in Thibet ". (8) Zu derart brachialen Methoden wollten die Briten allerdings noch nicht greifen. Sie beschränkten sich vorerst darauf, eine Reihe von Spionen ins Schneeland zu schicken, um sich genauere Informationen über das Verbotene Königreich auf dem Dach der Welt zu besorgen.

Einer dieser Spione war Hurrees reales Vorbild Sarat Chandras Das. In Das Mandala des Dalai Lama wird es jedoch so dargestellt, als seien alle Widerstände, auf die Mookerjee bei seiner ersten Expedition nach Tibet gestoßen ist, auf die Umtriebe des chinesischen Ambans zurückzuführen. Keiner der tibetischen Würdenträger scheint etwas dagegen zu haben, dass er während seines zweiten Aufenthaltes offizielle Berichte an seine Vorgesetzten in Indien schreibt. Diese Darstellung ist nicht nur historisch absurd, sie vermittelt auch ein erstaunlich positives Bild des britischen Empire. Anders als die ewig eroberungslüsternen Chinesen wirken die Engländer wie eine potentiell wohlwollende neutrale Macht. Tatsächlich sollte zwölf Jahre nach den fiktiven Ereignissen des Romanes 1904 ein dreitausend Mann starkes britisches Expeditionskorps unter Führung von Sir Francis Younghusband in Tibet einmarschieren, Aberhunderte Tibeter abschlachten und den XIII. Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwingen. Doch Jamyang Norbus nationalistischer Idee ist nicht damit gedient, das Schneeland historisch korrekt als das Opfer imperialistischer Machtkämpfe darzustellen. Hass gegen China, nicht gegen die westlichen Kolonialmächte, zu schüren, ist sein Ziel. Und so wundert es auch nicht, dass sein Buch keinerlei kritische Haltung gegenüber seinen literarischen Vorbildern Conan Doyle und Kipling verrät, wie ich es eigentlich gehofft hatte.

All dies hätte ich bei meinem Wissen um Jamyang Norbus politische Positionen vielleicht erwarten müssen. Doch der vernichtendste Schlag erfolgte aus einer gänzlich überraschenden Richtung.

Fortsetzung folgt ...

(1) Vgl.: Kenneth Conboy & James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet. John Kenneth Knaus: Official Policies and Covert Programs: The U.S. State Department, the CIA, and the Tibetan Resistance. Norbu hat den Khampa-Partisanen mit seinem Buch Warriors of Tibet ein patriotisches Denkmal zu setzen versucht.
(2) Mit dem Epos von Ge-sar haben die Tibeter immerhin die wahrscheinlich umfangreichste heroische Dichtung der Welt geschaffen, Ausdruck des Lebensgefühls einer stolzen Kriegeraristokratie. In der mir vorliegenden Übersetzung von Matthias Hermanns zählt sie gut 480 Seiten fortlaufenden Text. Man stelle sich das erst einmal in Versen vor!
(3) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Empty House. In: Ders.: The Return of Sherlock Holmes.
(4) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama. S. 191ff.
(5) Melvyn Goldstein: The Snow Lion and the Dragon. China, Tibet, and the Dalai Lama. S. 21f.
(6) Vgl.: Melvyn Goldstein: The Circulation of Estates in Tibet: Reincarnation, Land and Politics.
(7) Zit. nach: Jahar Sen: Sikkim and Himalayan Trade. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 17. Nr. 3. (1981). S. 11.
(8) Zit. nach: Jahar Sen: India’s Trade with Central Asia via Nepal. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 8. Nr. 2. (1971). S. 27.

Samstag, 14. April 2012

Exotische Gefilde?

Der Verlag Zubaan Books, inoffizieller Nachfolger von Indiens erstem feministischen Verlag Kali for Women, wird unter dem Titel Breaking the Bow eine Anthologie phantastischer Kurzgeschichten herausgeben, die vom Ramayana inspiriert wurden. Die Autorinnen und Autoren stellen sich damit in eine jahrhundertealte Tradition, die immer neue Varianten der Geschichte von Rama, Sita, dem Affengeneral Hanuman und dem Dämonenfürsten Ravana hervorgebracht hat – von Valmikis berühmten Sanskrit-Epos über südindische Schattenspiele bis zu thailändischen Tanztheaterstücken. Wie die indische Historikerin Romila Thapar schreibt: "The Ramayana does not belong to any one moment in history for it has its own history which lies embedded in the many versions which were woven around the theme at different times and places. [...] The appropriation of the story by a multiplicity of groups meant a multiplicity of versions through which the social aspirations and ideological concerns of each group were articulated. The story in these versions included significant variations which changed the conceptualization of character, event and meaning."* Im heutigen Indien wird das Ramayana leider immer wieder von den Hindu-Chauvinisten der Bharatiya Janata Party und ihren faschistischen Verbündeten für ihre reaktionären politischen Ziele missbraucht.** Um so erfreulicher ist es, wenn gezeigt wird, dass es auch ganz andere Möglichkeiten des Umgangs mit dem reichen kulturellen Erbes des Landes gibt.***

Für uns ‘westliche’ Fans des Phantastischen könnte das Buch außerdem Anlass sein, wieder einmal über die zwar nicht länger unangefochtene, aber immer noch sehr deutliche Dominanz des pseudoeuropäischen Pseudomittelalters in der Fantasy nachzudenken.

Immer wenn es darum geht, die Fantasy gegen ihre Kritiker zu verteidigen, wird eine gewaltige internationale literarische Tradition heraufbeschworen, in deren Nachfolge das Genre angeblich stehe und die vom Gilgamesch-Epos bis Shakespeare reiche. Wenn dem tatsächlich so ist, warum macht das Genre dann fast immer nur einen winzigen (den westeuropäisch-mittelalterlichen) Teil dieses Erbes fruchtbar? Trauen sich die Autorinnen und Autoren nicht, über den Tellerrand der europäischen Kulturtradition hinauszuschauen? Scheuen sie die dafür nötige Arbeit? Fürchten sie, der Sünde der ‘kulturellen Aneignung’ (‘cultural appropriation’) angeklagt zu werden? Doch das sollte kein Grund sein, sich auf die europäische Tradition zu beschränken. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass der Zugriff auf das kulturelle Erbe anderer Völker Sensibilität, Fleiß und ein klares Bewusstsein für die von Kolonialismus und Ausbeutung geprägte Geschichte der Interaktion zwischen Europa und dem Rest der Welt erfordert.

Die Gefahr des Exotismus, des Missbrauchs einer fremden Kultur als Projektionsfläche für die Sehnsüchte eines Teils der westlichen Gesellschaft, ist natürlich eine sehr reale. Was mich zu einem in meinen Augen höchst problematischen Text führt, über den ich kürzlich gestolpert bin: Friedhelm Schneidewinds Vortrag Fantastik als Friedensstifter? Gehalten wurde dieser sowohl auf der Gründungskonferenz der Gesellschaft für Fantastikforschung als auch auf dem letztjährigen Tolkien Thing. Schneidewind – Autor von Büchern wie Mythologie und phantastische Literatur, Das große Tolkien-Lexikon und Das kleine Vampir-ABC – ist insbesondere in deutschen Tolkienistenkreisen eine recht bekannte Persönlichkeit, und das allein bereits lässt eine kritische Auseinandersetzung mit den von ihm entwickelten Ideen geboten erscheinen.

Seine Grundthese lautet: "Fantastik und insbesondere die Fantasy kann als Vermittler kultureller Kenntnisse und kulturübergreifenden Verständnisses dienen, und Verständnis ist EINE Grundlage für Toleranz und für friedlichen Umgang miteinander."

Wenn dies nur als eine Beschreibung des möglichen Potentials der Fantasy gemeint wäre, würde ich mich dem sofort anschließen. Schneidewind scheint jedoch der Ansicht zu sein, dass die Fantasy in ihrer überwältigenden Mehrheit dies schon heute leiste. Dabei übergeht er die unbestreitbare Tatsache, dass der Fremde, ‘Andere’ in sehr vielen Werken der Fantasy als der Bedrohliche, Feindselige, Böse erscheint.
Besonders ironisch wirkt auf mich dabei der Umstand, dass dieser Vortrag auf einem Tolkien Thing gehalten wurde. Denn das Werk des ‘Professors’ zeichnet sich ja gerade nicht durch Offenheit gegenüber dem Fremden aus. Die Welt, in der seine Geschichten spielen, ist ganz bewusst als mittel- und nordwesteuropäisch angelegt. Was sich jenseits der Grenzen dieses Kulturraums befindet wird als fremdartige, barbarische Bedrohung wahrgenommen. Die Völker des Südens und Ostens leben ‘unter dem Schatten’, und es ist Gondors göttliche Mission, als Schutzwall gegen sie zu fungieren.
Was mich jedoch wirklich erschreckt hat ist, dass Schneidewind die exotistische Darstellung fremder Kulturen offenbar nicht als Problem, sondern als etwas Positives betrachtet.
Er beginnt seinen Vortrag mit Erinnerungen an die Lektüre seiner frühen Jugend. Eine besonders verehrte Stellung kommt dabei Karl May zu, den er auch heute noch zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt. Man kann über die literarischen Qualitäten Mays denken wie man will, als einen ernstzunehmenden ‘Vermittler kultureller Kenntnisse’ kann man ihn ganz sicher nicht bezeichnen. Auch ich war als Kind ein begeisterter Leser der Abenteuer von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, aber einem einigermaßen gebildeten Erwachsenen sollte doch klar sein, dass diese Bücher das Paradebeispiel für Orientalismus in der deutschen Unterhaltungsliteratur sind. Und wie Schneidewind gar im Stande war, aus dem legendär rassistischen Blauroten Methusalem eine ehrliche Bewunderung für die chinesische Kultur herauszulesen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.
Einen aktuelleren Beleg für seine These glaubt er in James Camerons Avatar gefunden zu haben. Dabei ist dieser Film doch nun wirklich ein besonders krasses und primtives Beispiel für das uralte Klischee vom ’edlen Wilden’. In englischsprachigen Kreisen hat man ihm nicht ohne Grund den Spottnamen Dances With Smurfs (Der mit dem Schlumpf tanzt) verpasst.
Aber es wird noch schlimmer. Schneidewind schreibt: "Durch übernatürlich schöne, romantische usw. Darstellungen, wie sie in der Fantasy möglich sind, können emotionale Reize gesetzt oder Klischeevorstellungen bedient werden, die in einer ‘natürlichen’ Welt nicht möglich oder zumindest nur über Umwege erreichbar sind." Und hierin sieht er einen Vorteil der Fantasy! Wie können die Romantisierung fremder Kulturen und das Bedienen von Klischeevorstellungen etwas begrüßenswertes sein?! Ich bin ehrlich verwirrt. Wenn es ihm tatsächlich darum geht, das Verständnis für die 'Anderen' zu fördern, dann sollte ihm doch eigentlich klar sein, dass diesem Anliegen nicht durch eine 'übernatürlich schöne' Darstellung ihrer Kultur (oder deren Fantasyäquivalent) gedient wird. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer Tibet. Wie kein anderes Land der Welt ist das Schneeland zur Projektionsfläche für die Sehnsucht westlicher Intellektueller nach einem 'spirituellen', 'friedvollen', 'naturverbundenen' Leben geworden. Blockbuster wie Kundun oder Seven Years in Tibet haben alles getan, um dieses Bild in den Köpfen der Menschen in Europa und Amerika zu verankern.  Zum Verständnis der tibetischen Gesellschaft – der ‘alten’ wie der heutigen – hat all dieser Shangri-la - Kitsch ganz sicher nicht beigetragen. Wenn ich mich recht entsinne war es der nationalistische Aktivist und Schriftsteller Jamyang Norbu (The Mandala of Sherlock Holmes), der im Zusammenhang mit Hollywoods Tibetstreifen erklärte, dass es ihn einfach bloß wütend mache, wenn man seine Landsleute im Westen so darstelle, als müssten sie bloß den Mund aufmachen, um sofort irgendwelche 'buddhistischen Weisheiten' von sich zu geben. In politischer Hinsicht fühle ich mich ihm ganz und gar nicht verbunden, hier jedoch kann ich ihn voll und ganz verstehen.

Wenn die Fantasy die Rolle einer Vermittlerin zwischen den Kulturen spielen soll, dann müssen ihre Vertreter erkennen, dass Exotismus auch eine Form von Rassismus ist. Für Schneidewind scheint dies allerdings ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

* Romila Thapar: The Ramayana Syndrome. S. 72. Zit. nach: Paula Richman (Hg.): Many Ramayanas: The Diversity of a Narrative Tradition in South Asia. S. 4.
** Man denke nur an die Zerstörung der Babri Masjid (Moschee) in Ayodhya, dem ‘Geburtsort’ Ramas, im Jahre 1992 durch die Anhänger des rechtsextremen Vishwa Hindu Parishad (‘Weltrat der Hindus’).
*** Ein weiteres Beispiel hierfür ist Deepa Mehtas großartiger Film Fire, der der Regisseurin den mörderischen Hass der Hindu-Fundamentalisten einbrachte.