"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Sonntag, 17. März 2024

Klassiker-Reread: "Die Chroniken von Tornor" von Elizabeth A. Lynn (1/2)

Momentan ist es ja etwas still geworden hier auf dem Blog. Aber dank einer erfreulich lebendigen Tradition ändert sich das heute endlich einmal wieder. Denn wie seit 2019/20 in jedem Jahr haben Alessandra von FragmentAnsichten und ich erneut einen gemeinsamen Klassiker-Reread unternommen. In der Vergangenheit hatten wir uns dabei Joy Chants Wenn Voiha erwacht, Patricia McKillips Erdzauber, Esther Rochons Der Träumer in der Zitadelle und den Dragonlance Legends von Tracy Hickman und Margaret Weis gewidmet. Anders als in den letzten beiden Jahren, in denen Sören Heim bzw. Christina F. Srebalus als Gäste mit von der Partie waren, sind wir diesmal wieder unter uns geblieben. Vorgenommen haben wir uns Elizabeth A. Lynns Fantasyzyklus Die Chroniken von Tornor.  
     
                                                  * * *
 
Elizabeth A. Lynn wurde 1946 in New York geboren und lebte später erst in Chicago, dann in San Francisco. Ihre eigentliche Karriere als Schriftstellerin war relativ kurz, reichte nur von Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre, doch war der Eindruck, den ihre Arbeiten dabei auf viele ihrer Zeitgenoss*innen machte, beträchtlich. 
Lynn gehörte zu einer Gruppe von jungen Schriftsteller*innen, die im Verlauf der 70er in die amerikanische SFF-Szene Eingang fanden und oft eine frische und unkonventionelle Sicht vertraten, in der sich selbstredend auch etwas vom politisch unruhigen Charakter der Zeit widerspiegelte. Das aufblühende Biotop der Fanzines, Semi-Prozines und Kleinverlage bot dafür ein gutes Umfeld. Dennoch war es nicht immer leicht, Fuß zu fassen. So vollendete Lynn ihre erste "druckreife" Story Wizard's Domain / Zauberers Reich 1971, veröffentlicht wurde sie aber erst 1980 in Ellen Kushners Anthologie Basilisk. Nicht immer bestanden die Probleme dabei bloß aus frühzeitig verstorbenen Magazin-Projekten oder unprofessionellen Verlegern. So erzählt die Autorin z.B. über ihre Kurzgeschichte The Gods of Reorth / Die Götter von Reorth:  
Ein paar andere Lektoren, die sämtlich (mit einer Ausnahme) Männer waren, schickten sie mir zurück mit brummigen Kommentaren, dass ich wohl beabsichtige, alle Männer umzubringen. Mir scheint, sie haben das Wesentliche nicht begriffen.*
Zwischen 1976 und 1984 erschienen achtzehn Kurzgeschichten aus Lynns Feder in unterschiedlichen Magazinen und Anthologien. Dabei bewegte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit zwischen den phantastischen Genres, wechselte von Fantasy zu SF zu Weird Fiction oder Horror, Ihre erste veröffentlichte Story We All Have To Go / Wir müssen alle einmal fort ist eine Near Future - Erzählung über eine besonders zynische Form von Reality - TV. Und auch ihr erster Roman A Different Light / Das Wort heißt Vollkommenheit gehört der Science Fiction an. Zur Fantasy kehrte sie wohl erst wieder zurück, als Jessica Amanda Salmonson sie um einen Beitrag für ihre Amazons! - Anthologie anging. The Woman Who Loved The Moon / Die Frau, die den Mond liebte spielt in derselben Welt Ryoka wie schon Wizard's Domain. Lynn hat einmal erklärt, dass sie "ein ganzes Buch"** schreiben wollte, dessen Handlung dort angesiedelt sein sollte. Doch dazu kam es nie. Immerhin kehrte sie noch einmal nach Ryoka zurück, als sie 1982/83 The Red Hawk / Der rote Falke als Beitrag für den von Peter Wilfert herausgegebenen Goldmann Fantasy Foliant 1 schrieb. Mit The Sardonyx Net / Sardonyxnetz (1981) entstand außerdem noch ein weiterer SF-Roman und mit The Silver Horse (1984) ein Fantasy-Kinderbuch, doch dann versiegte offenbar die Inspiration. Was Lynn im Rückblick aber keineswegs als Katastrophe sieht. Wie sie 1997 in einem Interview mit dem Locus Magazine erzählt hat:
I tried to figure out what to fill the hole in my life with. And what I filled it with was the rest of my life. I went back to martial arts very strongly. I had friends – I didn't lose them. I didn't stop reading books. And discovered that I could live and be a happy person, and never write again.
I went and worked for five dollars an hour, selling Thai and Balinese objets d'art to rich people in Berkeley, in a shop run by a friend of mine. And I enjoyed it! ... I took the H&R Block course, and then went off on my own and started doing taxes for people.
Ende der 1990er / Anfang der 2000er erlebte sie zwar noch ein kleines Comeback mit Dragon's Winter (1998) und Dragon's Treasure (2003), doch fanden diese Romane nie die Anerkennung, die ihr Werk am Ende der 70er Jahre genossen hatte.
 
Die ersten beiden Bände der Chroniken von Tornor – Watchtower / Die Zwingfeste und The Dancers of Arun / Die Tänzer von Arun erschienen 1979. Der erste der beiden wurde 1980 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Im selben Jahr erreichte auch der Abschlussband The Northern Girl / Die Frau aus dem Norden das lesende Publikum.
 
Zwei Elemente, die eng mit Lynns persönlichem Leben verknüpft sind, finden sich in fast all ihren Geschichten: So sind zum einen immer wieder Kampfkunst-Schilderungen in die Handlungen eingewoben und Lynn war bzw. ist selbst Aikido-Lehrerin mit eigenen Dojo. Zum anderen sind LGBTQ-Figuren bei ihr keine Ausnahme, sondern die Regel. Die ehemalige LGBT-Buchkette „A Different Light“ war nicht zufällig nach ihrem Roman benannt. Lynn ist selbst offen lesbisch.
 
                                                  * * *
 
Die Ryoka-Geschichten besitzen allesamt das Flair von alten Mythen oder Volkssagen. Entsprechend beginnen sie mit Formulierungen wie: "Sie erzählen diese Geschichte in den östlichen Provinzen ..." (Zauberers Reich) oder "Sie erzählen diese Geschichte in den Mittleren Grafschaften ..." (Die Frau, die den Mond liebte). Die Chroniken von Tornor sind in einem deutlich anderen Stil gehalten.
 
Die Zwingfeste beginnt ähnlich wie eine typische Heroic Fantasy - Erzähling in medias res. Allerdings nicht mit einer Actionsequenz, sondern mit dem Nachspiel der Action. Die Grenzfeste Tornor ist von den Männern des Söldnerführers Col Istor erstürmt worden, die meisten Verteidiger sind erschlagen und auch der ehemalige Burgherr Athor liegt tot im Staub. Nur Wachhauptmann Ryke ist verschont worden, denn der Eroberer will ihm einen Handel vorschlagen: Das Leben von Prinz Errel gegen Rykes Dienste. Der schlaue Col weiß, dass ihm die Unterstützung eines Ortskundigen bei der Etablierung seiner Herrschaft eine große Hilfe sein wird. Ryke geht auf das Angebot ein, allerdings nur, weil er hofft, dass es ihm auf diesem Wege gelingen wird, die Flucht des Prinzen zu bewerkstelligen. Eine entsprechende Gelegenheit eröffnet sich, als einige Zeit später die Bot*innen Norres und Sorren auf Tornor eintreffen. Der Prinz kennt die beiden (wie sich später herausstellt, ist Sorren sogar seine Halbschwester). Gemeinsam fliehen die vier in die Westlichen Berge, wo der mysteriöse Van im verborgenen Tal von Vanima eine Gemeinschaft von Schüler*innen und Gleichgesinnten um sich geschart hat. Er lehrt sie eine neue Kampfkunst und eine besondere Form des Tanzes. Und obwohl die in diesen ausgedrückte Philosophie eigentliche eine Ablehnung von Agressivität und unnötiger Gewalt beinhaltet, finden Errel und Ryke in der Gemeinschaft von Vanima schließlich Verbündete gegen Col Istor.

Die Tänzer von Arun spielt mehrere Generationen später. Inzwischen hat sich die Kampfkunst der "Chearis" über die Länder von Arun verbreitet und mit ihr die Philosophie des "Chea" (einer Art metaphysischen Weltharmonie). Der junge Kerris ist ein Neffe des gegenwärtigen Herrn von Tornor. Doch da ihm im Alter von drei Jahren bei einem Überfall der nomadischen Asech der rechte Arm abgeschlagen wurde, wächst er als Außenseiter in der Kriegergesellschaft der Grenzfeste auf. Seit einiger Zeit wird er von Visionen heimgesucht, in denen er telepathischen Kontakt zu seinem Bruder Kel aufzunehmen scheint, dem er nie bewusst begegnet ist und der mit einer Gruppe von "Chearis" durch die Lande zieht. Als die "Tänzer" tatsächlich auf Tornor auftauchen, zögert Kerris nicht lange und schließt sich ihnen an. Gemeinsam reist man nach Süden zur "Hexenstadt" Elath, wo Kels Geliebter Sefer eine Schule ("Tanjo") für übersinnlich Begabte gegründet hat. Für Kerris wird die Reise zu einer Art Selbstfindungs- und Reifungsprozess, in dessen Verlauf er sich auch dem gewaltsamen Trauma aus seiner Kindheit stellen muss. Zumal es in Elath zu einer neuerlichen Konfrontation mit den Asech kommt.
 
Zwischen dem 2. und dem 3. Band vergeht erneut ein gutes Jahrhundert. Die Handlung ist nun ganz im Süden, in der Metropole Kendra-im-Delta, angekommen. Die Frau aus dem Norden ist nicht nur der deutlich längste, sondern auch der komplexeste Teil des Zyklus mit drei Perspektivträgerinnen und mehreren, miteinander verwobenen Handlungssträngen. Sorren, das titelgebende "northern girl", ist Leibeigene von Arré Med, die an der Spitze einer der ältesten und mächtigsten Adelsfamilien von Kendra steht. Seit einiger Zeit ist Sorren außerdem mit Paxe liiert, der Waffenmeisterin des Hauses Med. Während sich um sie herum eine große politische Intrige entspinnt, in die u.a. Arrés eifersüchtiger Bruder Isak und das aufsteigende Haus Ismenina verstrickt sind, erwacht in ihr das immer stärkere Verlangen, in die vermeintliche "Urheimat" ihrer Familie, nach Tornor, "zurückzukehren". Angespornt wird sie dabei von Visionen, alten Erzählungen und der Begegnung mit ghya Kadra. 
 
Cover-Illustrationen von Franz Berthold

 
Nun aber zu unserem eigentlichen Gespräch. Und Achtung: Wir spoilern hemmungslos.
  

1) Einstieg, Vergleiche zu anderen Büchern, Storytelling und Reflexion

[Alessandra]: Und wieder gilt: Neues Jahr, neuer Klassiker-Reread :) Dieses Mal nehmen wir uns also "Die Chroniken von Tornor" vor (auch veröffentlicht als "Die Türme von Tornor"). Normalerweise sprechen wir am Anfang ja immer darüber, wie wir die Bücher kennengelernt und wie wir das erneute Lesen wahrgenommen haben. In diesem Fall kann ich dazu allerdings gar nicht so viel sagen. Die Bücher und Reihen, die wir in den letzten Jahren besprochen haben, sind mir schon als Teenager oder während meiner Studienzeit begegnet. "Die Zwingfeste", den ersten "Tornor"-Band, habe ich allerdings erst 2022 gelesen, nachdem das Buch hier im öffentlichen Bücherschrank aufgetaucht war. Zuvor hatte ich darüber in der Sekundärliteratur gelesen, wo es als frühes Beispiel für LGBTQ-Fantasy, aber interessanterweise auch für Romantasy genannt wurde. Das hat mich neugierig gemacht, daher wollte ich die Trilogie schon länger mal lesen, jetzt bot sich die Chance. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, haben wir uns ja per Mail etwas darüber ausgetauscht, so entstand auch die Idee zu diesem "Reread". (Vielleicht hätten wir dabei bleiben sollen, von "Klassiker-Wiederentdeckung" zu sprechen ... :))
Ich habe "Die Zwingfeste" also Anfang diesen Jahres noch mal gelesen. Mir sind nun viel mehr Details und Zwischentöne aufgefallen, aber der Unterschied zum ersten Leseerlebnis war dennoch nicht so groß. Band 2 und 3 habe ich nun zum ersten Mal gelesen.
Ich schätze, du kannst stärker auf "frühere Begebenheiten" zurückschauen?

[Peter]: Na ja, ich habe die Trilogie zwar tatsächlich schon einmal in der zweiten Hälfte der 2000er gelesen, aber viele der Details hatte ich natürlich längst wieder vergessen. Wie ich damals zu den Büchern gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr so genau. Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich nach einer recht langen Pause wieder begonnen, mich mit "Genre-Literatur" zu beschäftigen. Und war dabei besonders an Werken interessiert, die auf den einschlägigen Websites (für mich damals vor allem "Strange Horizons") als für ihre Zeit "anders" oder "progressiv" bezeichnet wurden. Und dabei muss irgendwann wohl auch der Name Elizabeth A. Lynn gefallen sein. Was mich bei dieser ersten Lektüre dann besonders fasziniert hat, war der Umgang mit Geschichte und Wandel. Die Welt der Trilogie erschien mir als bewusster Gegenentwurf zu den  sonst meist irgendwie "statischen" Welten der "klassischen" Fantasy. Die erneute Lektüre hat diesen Eindruck für mich einerseits bestätigt, mir andererseits aber auch vor Augen geführt, dass noch sehr viel mehr in den Büchern drinsteckt. Interessant fand ich dabei auch die Entwicklung innerhalb der Trilogie. "Die Zwingfeste" scheint mir nämlich noch am ehesten an die Ende der 70er Jahre üblichen Formen von Fantasy anzuknüpfen, während die späteren Teile sich dann immer weiter davon entfernen. Wie war da dein Eindruck?

[Alessandra]: Bei unseren vorherigen Rereads hatten wir uns ja u. a. Joy Chants "Wenn Voiha erwacht" und Esther Rochons "Der Träumer in der Zitadelle" vorgenommen. An beide musste ich während des Lesens der Trilogie häufig denken, weil es sowohl inhaltlich als auch strukturell einige Ähnlichkeiten gibt, gerade wenn es um dieses Thema des Wandels geht. "Voiha" und der "Träumer" haben wir als Einzelbände besprochen, aber sie sind ebenfalls Teil von Trilogien bzw. Zyklen, die einen sehr ähnlichen Weg gehen. "Der Träumer in der Zitadelle" klammere ich hier mal aus, weil ich die nachfolgenden Bände nur aus Sören Heims Schilderungen und Rezensionen kenne. Aber gerade an "Wenn Voiha erwacht" bzw. die dahinter stehende "House of Kendreth"-Trilogie musste ich oft denken. Auch hier folgen wir der Entwicklung einer Gesellschaft über Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte hinweg. "Kendreth" und "Tornor" sind sogar relativ zeitgleich entstanden (Kendreth 1977 – 1983, Tornor 1979 – 1980), mich würde es sehr interessieren, inwiefern die einander bedingt haben. Aber "Die Chroniken von Tornor" geht das Thema noch deutlich konsequenter an. Eigentlich finde ich, es müsste "Der Zyklus von Tornor" heißen; es gibt so viele Pseudo-Zyklen in der Fantasy, aber hier ergäbe der Titel mal Sinn! "Kendreth" erzählt eher Einzelgeschichten und man kann sich ein Stück weit zusammenreimen, wie die sozialen Entwicklungen zustandegekommen sind. Bei "Tornor" werden einem die Hinweise hingegen sehr deutlich vor Augen geführt. Auch hier werden zwar drei Geschichten erzählt, die man unabhängig voneinander lesen kann, da es um unterschiedliche Figuren in drei unterschiedlichen Städten geht. Trotzdem würde einem hier sehr viel Subtext verloren gehen, wenn man, sagen wir mit Band 3 starten würde. Und das, obwohl alle drei strukturell sehr unterschiedlich sind (wobei das wiederum auch für "Kendreth" gilt). Ich stimme dir jedenfalls zu, dass "Die Zwingfeste" noch am klassischsten erzählt ist. Er ist auch am lesbarsten :) Band 2 und 3 wirken dafür "selbstsicherer", als sei Lynn mit mehr Vertrauen ans Experiment dran gegangen. Denn Experimente sind da wahrlich einige drin ...

[Peter] Jaaa, auf die können wir später noch zurückkommen ... Den Vergleich mit "Kendreth" finde ich jedenfalls sehr treffend. Vor allem in "The Gray Mane of Morning" / "Der Mond der Brennenden Bäume" geht es ja sehr  explizit um einen gesellschaftlichen  und kulturellen Umbruch. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Bei den "statischen" Fantasywelten hatte ich mehr an so Sachen wie Tolkiens Mittelerde gedacht, wo sich über Jahrtausende anscheinend so gut wie nichts an der sozialen Ordnung verändert, nur immer wieder mehr oder weniger apokalyptische Kriege mit irgendeinem Dunklen Herrscher ausgefochten werden. Und auch so Sachen wie Le Guins "Erdsee" oder Patricia McKillips "Erdzauber" sind da finde ich nicht viel anders. Während wir bei "Tornor" miterleben, wie sich eine Welt in kultureller, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht allmählich weiterentwickelt. Das deutet sich schon in "Die Zwingfeste" an, wenn wir z.B. ganz nebenbei erzählt bekommen, dass die Händler begonnen haben, Gilden zu bilden und sich als "Blauer Clan" bezeichnen. Was die Charaktere, die sich darüber unterhalten, reichlich absurd finden. Ab dem zweiten Band ist die Existenz des "Blauen Clans" dann eine Selbstverständlichkeit. Und natürlich erleben wir außerdem die Geburt des "Roten Clans" der "Tänzer", mit. Dessen weitere Entwicklung dann aber nicht ganz so abläuft, wie man sich das vielleicht vorgestellt hätte. 
 
[Alessandra] Denke, da spielt auch eine Rolle, dass "Tornor" ebenso wie "Kendreth / Mond der Brennenden Bäume" und "Vandarei/Der Träumer in der Zitadelle", sich auf Menschenvölker beschränken. Keine Elfen und andere Langlebigen, die sich dem Wandel entgegenstellen :) Wenn ein größerer Wandel in der Völkerfantasy thematisiert wird (wie in "Die Elfen" oder der Geralt-Saga), braucht es dafür gleich Jahrtausende.

[Peter] Das sicher auch. Gerade Tolkiens Elben verkörpern ja sehr deutlich den Wunsch, den Wandel der Geschichte aufzuhalten  und für immer in einem imaginierten "Goldenen Zeitalter" zu leben.

[Alessandra] Iinteressant finde ich bei "Tornor" auch, wie sich die Entwicklungen im Kreis vollziehen (daher oben die Zyklus-Anmerkung). In Band 1 haben wir z. B. eine sehr kriegerische und patriarchale Gesellschaft. Als die vier Hauptfiguren aus dem besetzten Tornor nach Vanima fliehen, das zunächst als pazifistische Kampfkunst-Kommune dargestellt wird, war ich im ersten Moment befremdet von so viel plakativer Utopie. Dass ein Teil der Bewohner Vanimas diese Ideale aufgibt, um gegen Col, den Antagonisten aus Band 1 und Besatzer von Tornor, in den Krieg zu ziehen, hat es nicht besser gemacht; die Begründung wirkte auf mich aufgesetzt nach dem Motto "ja, wir müssen halt eine klassische Story erzählen, in der der Antagonist doch noch besiegt und umgebracht wird". Und am Ende von Band 1 schien sich zunächst nicht viel an den sozialen Strukturen in Tornor geändert zu haben, im Gegenteil kehrte mit dem Sieg über Col alles zum Status Quo zurück – obwohl mehrfach angedeutet wurde, dass der nicht unbedingt erstrebenswerter war als das Leben unter Cols Herrschaft. 
Band 2 zeigt dann aber, dass im Verlaufe der Zeit u. a. durch den Einfluss der waffenlosen "Tänzer" (=Kampfkünstler) aus Vanima und durch die neu eingesetzte Herrscherin Sorren (offenbar die erste Frau auf dem Thron) ein Umdenken eingesetzt hat. Krieg und Kampf werden deutlich negativer bewertet, Frauen und Männer außerdem gleichgestellter dargestellt (wobei man hinzufügen muss, dass Band 2 in einer weiter südlich gelegeneren Stadt spielt, nicht in Tornor selbst). In Band 3 dann ist der Kampf mit Waffen ein Tabu und die Gesellschaft hat einige matriarchale Züge. Beides befindet sich aber in einer mehr oder weniger "sanften" Auflösung, es wird also angedeutet, dass sich auch diese Verhältnisse wieder ändern werden und der bewaffnete Konflikt lässt nicht lange auf sich warten. Das fand ich sehr clever und vor allem reflexiv, nachdem ich in Band 1 Sorge hatte, Lynn könne sich im Versuch verlieren, ihre Utopie-Vorstellungen und Epic-Fantasy-Storytelling zu verbinden.

[Peter] Zumal ich mir nicht einmal sicher bin, ob wir das in Band 3 herrschende Verbot des Waffentragens in den Städten überhaupt als durchgehend positiv wahrnehmen sollen. Der Bann wurde ja von den herrschenden Adelsfamilien verhängt und von den "Hexern" des Tanjo zusätzlich mit einer religiösen Komponente versehen. Es handelte sich also ganz klar um eine politische Entscheidung. Könnte es den Herrschenden vielleicht auf Dauer etwas gefährlich erschienen sein, wenn Leute aus dem einfachen Volk mit Schwertern herumhantieren und die Kampfkunst der Chearis erlernen? Die "Tänzer" wurden in Band 2 ja als eine quasi "demokratische" Gemeinschaft dargestellt. Jeder, der über das entsprechende Talent verfügte, konnte in den "Waffenhöfen" unterrichtet werden. Mit dem "Waffenbann" ist zugleich diese Gemeinschaft zerschlagen worden. Die alte Kampfkunst ist weitgehend gestorben, der "Tanz" lebt nur noch als eine Form aristokratischer Unterhaltung fort.
Ebenso unsicher bin ich mir, ob der gesellschaftliche Wandel, der sich zwischen Buch 1 und 2 vollzogen hat, ausschließlich auf die "Tänzer" und Sorren zurückzuführen ist. Schon zu Beginn von "Die Zwingfeste" erfahren wir, dass die ständigen Grenzkonflikte mit dem nördlich gelegnen Reich von Arhand, die der eigentliche Grund für die Existenz der Grenzfesten und der martialisch-patriarchalen Ordnung waren, einem Friedensschluss gewichen sind. Zu Beginn von "Die Tänzer von Arun" wird dann angedeutet, dass damit die Grenzfesten eigentlich ihre Existenzberechtigung eingebüßt haben. Das alte Kriegrethos lebt zwar noch fort, aber im Grunde nur noch als kulturelle Tradition. Am  Ende von Band 3 ist Tornor schließlich eine halbe Ruine, eine sterbende Welt.
Was das klassische Storytelling in "Die Zwingfeste" angeht, glaube ich, dass Lynn das sehr bewusst subversiv zu unterlaufen versucht hat. Ja,  wir bekommen (weitgehend) das klassische Ende serviert: Der geflohene Prinz hat sich Unterstützung in der Fremde organisiert und stürzt den "bösen" Usurpator. Aber die Art, wie dieser "Befreiungskampf" geschildert wird, ist alles andere als "heroisch". All das Gemetzel und die damit verbundenen Greuel (Vergewaltigungen etc.) erscheinen vielmehr extrem abstoßend. Und werden so auch von dem Protagonisten Ryke wahrgenommen, der eigentlich immer die traditionellen "Kriegerwerte" hochgehalten hatte.

[Alessandra] Oh, bewusst unterwandert hat Lynn diese Strukturen zweifellos. Meine Kritik ist letztlich auch Jammern auf hohem Niveau. Dennoch gab es ein paar Kniffe, die ich ~schade fand. Z. B. erhalten die Flüchtlinge aus Band 1 die Unterstützung gegen Col im Prinzip nur, weil der Herrscher von Vanima (ein Anachronismus, sagen wir der "Vorsteher") mit dem noch eine Rechnung offen hat. Das wirkt im ersten Moment wie ein Verrat an der Idee des Utopias Vanima. Aber rückblickend könnte ich mir vorstellen, dass selbst das Teil von Lynns Plan war. Im Prinzip erzählen "Die Chroniken von Tornor" die Geschichte eines freundlichen Scheiterns. Ich will nicht zu viel in Lynns soziopolitische Ansichten hineininterpretieren, aber ich denke schon, dass Vanima einen idealen Ort darstellen soll. Aber obwohl er in Band 1 als realer Ort auftaucht, ist er vor allem ein Mythos, eine Geschichte, die sich Menschen von einer idealen Gemeinschaft erzählen - die gleichwohl nur in diesem sehr kleinen dörflichen Rahmen funktioniert. Kennst du das Lied "Für immer Frühling" von Soffie? Das kam im Zuge der Demos zu einiger Berühmtheit. Darin heißt es "Ich hab neulich geträumt Von einem Land, in dem für immer Frühling ist [...] In das Land, in dem für immer Frühling ist. Darf jeder komm'n und jeder geh'n, denn es gibt immer ein'n Platz am Tisch. Rot karierter Stoff, keine weißen Flaggen mehr. Alle sind willkomm'n, kein Boot, das sinkt im Mittelmeer" usw." Und Vanima wird in Band 2 und 3 ganz ähnlich beschrieben: "das Land, in dem immer Frühling ist ..." "Sie gelangten in das Land des Ewigen Sommers ..." Vanima stellt bis heute ein Idealbild dar. Aber indem es selbst innerhalb der Geschichte zum Mythos "verkommt", unterwandert Lynn wiederum diesen Gegenentwurf, das hat mir gut gefallen. Stattdessen bekommen wir in Band 2 ja sogar eine Demokratie präsentiert (zumindest für die Wahlberechtigten), quasi ein zurück zu realistischem Optimismus.

[Peter] Das Lied kenne ich nicht, aber im Großen und Ganzen würde ich dir da voll zustimmen. Und ich glaube, dass das Utopia von Vanima einiges den realen Kommune-Experimenten der 60er und 70er verdankt. Das Scheitern solcher Projekte wird dann ja auch noch mal anhand des Tanjo vorgeführt. Ursprünglich sollte das einfach eine Art Schule für die übersinnlich Begabten ("Hexer") sein. Und Sefer, der Gründer des ersten Tanjo in Band 2, verbindet damit ziemlich grandiose Vorstellungen von einer besseren Zukunft für die Menschheit. Doch in Band 3 sehen wir dann, dass aus dem Tanjo eine Art Kirche geworden ist, mit strengen Hierarchien, ordentlich viel Besitz und politischen Ambitionen. Das Oberhaupt des Tanjo der Metropole Kendra-im-Delta träumt ja sogar schon davon, alle umliegenden Länder und Städte unter seiner Oberherrschaft zu vereinen. Verglichen damit erscheint das Schicksal der "Tänzer" eher als tragisch. Vanima ist zu einem Mythos geworden, die "Tänzer" selbst zu romantisch verklärten Gestalten einer untergegangenen Ära. Allerdings finde ich es in diesem Zusammenhang interessant, dass sich Van, der Begründer dieser Kampfkunst und ihrer Philosophie, in Band 1 dagegen gesträubt hatte, aus der Gemeinschaft von Vanima den "Roten Clan" zu machen. Mir scheint da ein gewisser Skeptizismus gegenüber festen Organisationen mitzuschwingen. Sobald man aus Utopia eine Institution macht, ist schon der erste Schritt auf dem Weg zum Scheitern getan. 
Nicht unerwähnt lassen möchte ich außerdem noch ein anderes Motiv, das auch irgendwie zum Themenkomplex Wandel  und Geschichte gehört. In Band 3 geht es meines Erachtens nämlich u.a. um die Sicht auf die Vergangenheit. Sorrens übernatürliche Fähigkeit besteht ja darin, in Visionen vergangene Orte und Personen zu sehen. Dabei schaut sie immer wieder die Festung Tornor. Und  nachdem sie erfahren hat, dass ihre Familie ursprünglich von dort stammte, entwickelt sie das unbedingte Verlangen, selbst dorthin zu reisen, wenn ihre Zeit als "Leibeigene" (eigentlich eher eine Art von "indentured servitude") beendet ist. Das wird zu ihrer Hauptmotivation. Sie folgt also in gewisser Weise dem Lockruf der Vergangenheit, den sie mitunter sogar mit romantischen Träumereien verbindet, in denen sie selbst die Rolle der "verlorenen Prinzessin" spielt. Doch was sie ganz am Ende des Romans in Tornor vorfindet ist ganz und gar nicht das, was sie erwartet hatte, sondern eher eine Art sterbende Gesellschaft. Sie muss sich selbst eingestehen: "Es gibt keine Gewissheit ... Nur das Vergangene ist sicher. Und das Vergangene ist tot." Ich bin mir da zwar nicht  hundertprozentig sicher, aber ich interpretiere das als einen subversiven Kommentar auf das in der Fantasy ja doch recht geläufige Motiv der Sehnsucht  nach einer "schöneren, edleren Vergangenheit". Überhaupt der großen Bedeutung, die Tradition und Herkunft dort oft zukommen. Es ist nicht unbedingt falsch, dass Sorren ihre "Wurzeln" sucht, aber "Erfüllung" findet sie dadurch nicht. So wie ich das Ende gelesen habe, wird sie nicht auf Tornor bleiben, sondern sich gemeinsam mit ihrer neuen Geliebten Kedéra in die Westlichen Berge aufmachen, um das verlorene Vanima zu suchen, also die Inkarnation von "Utopie". Wohl nicht zufällig ist Sorrens einzige Vision, die nicht Tornor zum Inhalt hat, ein Blick auf das mythische Tal und seinen Gründer Van.

[Alessandra] Ich glaube, wir könnten hier noch viele Beispiele anführen, wie sich die Veränderungen zeigen und wie Lynn solche These-/Antithese-Elemente in die Handlung einschreibt. Um das Ganze aber zu einem ersten Fazit zu bringen: Ich sehe soziale Veränderung und den Umgang damit als das zentrale Thema der Trilogie – dem wiederum viele weitere Themen angefügt sind. Die Trilogie als Ganzes behandelt das im Makrokosmos, Band 1 im Mikrokosmos.
 
 
Den zweiten Teil unseres Gesprächs werdet ihr am Dienstag auf FragmentAnsichten antreffen. Und zwar hier.
 
 
* Elizabeth A. Lynn: Die Frau, die den Mond liebte. Fantasy & Science Fiction Erzählungen. S. 57.
** Ebd. S. 258.

Donnerstag, 2. März 2023

Klassiker-Reread: "Die Legenden der Drachenlanze" von Tracy Hickman & Margaret Weis (7/7)

Hier nun also der abschließende Teil des Gesprächs, das Christina F. Srebalus, Alessandra Reß und ich anlässlich unseres Rereads der "Legenden" geführt haben. Alessandras Beispiel folgend stelle ich dem der Übersicht halber eine Liste aller sechs vorherigen Beiträge voran.

Jetzt aber los ...

 
(4) Zeitreise, Völkerproblematiken und Fazit
 

[Christina] Mich würde interessieren, wie ihr die Zeitreise umgesetzt fandet. Ich muss sagen, dass es für mich in gewisser Weise eine ikonische Zeitreise ist, weil es, soweit ich mich erinnere, die erste komplexere Zeitreise außerhalb der Science-Fiction ist, der ich begegnet bin und es (glaube ich, gern verbessern, falls nicht) in High Fantasy sonst eher selten vorkommt. Der Klappentext vom deutschen Band 4 "Die Königin der Finsternis" spoilert da leider unverschämt die Erkenntnis der Zeitschleife. Aber ich mochte, wie mit linearer Zeit, Gleichzeitigkeit und Schleifen hantiert wurde, obwohl Paradoxa kaum behandelt oder nur sehr oberflächlich betrachtet wurden. Die Diskrepanz zwischen Raistlin und Fistandantilus (dessen Rolle er in der Zeitschleife übernimmt) und zwischenzeitliche Überlegungen, ob er dann schon Fistandantilus war, als der Raistlin – also sich selbst – getroffen hat etc. haben mir die Lektüre schöner gemacht. Ebenso war Astinus, der Chronist, dadurch spannender. (An einer Stelle streicht der den Namen „Denubis“ durch und ersetzt ihn durch Crysania, Das untermauert, dass vielleicht ein Buch gleich am Anfang zu lesen, um die Lösung zu haben, nicht geklappt hätte).

[Peter] Also spontan würden mir auch keine anderen Beispiele von Zeitreisen in der High Fantasy einfallen. Bin in dem Subgenre aber auch nicht so belesen. Interessant fand ich das Ganze auf jeden Fall, auch wenn ich mich gerade bei der Stelle, an der die Zeitebenen sich überschneiden und Raistlin aus der "Vergangenheit" mit Dalamar in der "Gegenwart" Kontakt aufnimmt, gefragt habe: Macht das noch Sinn? Oder verfängt sich die Story da in Widersprüchen? Aber so was gehört wohl irgendwie zu Zeitreisegeschichten. ;-)

 
Zuerst einmal eröffnet die Zeitreise halt die Möglichkeit, coole Settings zu besuchen. Mir hat vor allem Istar, der Schauplatz von „Die Stadt der Göttin“, recht gut gefallen. Diese Despotie des "Guten" mit ihrer Heuchelei, ihren Intrigen und ihrem unterschwelligen Elfenrassismus, die am Ende sogar einen Genozid an den "bösen" Völkern/Rassen plant. Fand ich spannend.
 
Im weiteren Verlauf hatte ich dann allerdings häufiger wieder das etwas frustrierende Gefühl verpasster Möglichkeiten. So fand ich es zwar faszinierend, dass es einen Punkt gibt, an dem Raistlin und Fistandantilus quasi verschmelzen und es eigentlich offen bleibt, wer von den beiden ihren Kampf überlebt hat. Aber das wird dann nie wieder so richtig aufgegriffen. Ähnlich ging es mir bei dem Zeitschleife-Ding. Denn im Grunde hat ja die ganze Handlung des zweiten Bandes (Buch 3 & 4) etwas extrem tragisches. Caramon, Raistlin und Crysania scharen ein riesiges Heer von Verzweifelten und Entwurzelten um sich, geben diesen eine neue Hoffnung und ein neues Ziel inmitten einer quasi postapokalyptischen Welt. Aber eigentlich führen sie sie dabei in den Untergang. Dessen ist sich anfangs zwar nur Raistlin bewusst (und dem ist es halt mehr oder weniger egal), aber trotzdem hat mir da irgendwie das entsprechende Pathos gefehlt. Und Caramon mag ja nicht der schnellste Denker sein, aber dass er anscheinend so gar nicht realisiert, was er da gerade als General von "Fistandantilus' Armee" macht, fand ich irgendwie ... unbefriedigend.
 
[Alessandra] Wenn man Science Fantasy wie "Pern" mal außer Acht lässt, fallen mir auch wenig Beispiele für Zeitreisen in der klassischen Fantasy ein. Außer bei Brandon Sanderson; beim erneuten Lesen sind mir ohnehin einige Parallelen zwischen Drachenlanze und "Die Sturmlicht Chroniken" aufgefallen, was ich gerade in Hinblick auf den gemeinsamen mormonischen Hintergrund der Autor/-innen interessant fand. Aber das nur am Rande.

Beim ersten Lesen habe ich die Zeitreise glaube ich gar nicht groß hinterfragt und manches wurde mir damals nicht so klar – zum Beispiel weiß ich noch, dass mich die Verschmelzung zwischen Raistlin und Fistandantilus sehr irritiert hat. Jetzt beim Reread hat das zugleich besser und schlechter funktioniert. Einerseits fand ich gerade dieses tragische Moment, das Peter erwähnt hat, sehr berührend, wie auch Raistlins generelles Hadern mit seiner Rolle und seiner "gespaltenen Identität". Andererseits empfand ich vieles als nicht wirklich stimmig oder zu konstruiert. Z. B. ist das Individuum ja eigentlich irrelevant im Zeitstrom – anders kann man nicht erklären, dass Crysania im veränderten Zeitstrahl einfach Denubis' Rolle einnimmt oder Caramon die von Pheragas, Fistandantilus‘ General. Aber kaum taucht ein Kender auf, ist alles anders? Nur weil Kender ein "Fehler" des Gottes Reorx waren? Come on ... Das sind diese Art Fantasy-Logiken, auf die es mir heute schwer fällt, mich einzulassen, auch wenn sie ja irgendwo das Fremde, den sense of wonder der Anderwelten unterstreichen. Aber es hat eben auch ein Flair von "Deus ex machina", erst recht wenn es um diesen Zeitreisekristall geht, der zufälligerweise vor allem im letzten Band immer gerade dann zur Hand ist, wenn Tanis und Caramon ihn gerade brauchen können. Aber ich muss auch sagen, generell kein großer Fan von Zeitreise-Plots zu sein. Im Vergleich schlägt Drachenlanze da noch gut ab, ich konnte diesen Aspekt der Handlung ganz gut ignorieren ;-) (Nebenbei: Etwas enttäuschend ist es ja schon, dass Krynn bis auf die Mode und 1, 2 Gnomenerfindungen innerhalb von ein paar Jahrhunderten völlig austauschbar ist, was die grundsätzliche gesellschaftliche Entwicklung angeht.)

 
[Christina] Ich konnte der Lösung, dass die Zeit nur durch Kender und Gnome veränderbar ist, durchaus etwas abgewinnen, da sich bei Zeitreisen immer die Frage stellt, ob Zeit jetzt linear oder eine Sammlung unendlich vieler parallel verlaufender Alternativen ist und ob bzw. wie sich Zeitreisende darauf bewegen. 
 
Hier wird die Zeit als grundsätzlich linear angenommen, sodass kleine Veränderungen durch das Menschen-Trio nur wie ein Stein sind, der in einen Fluss geworfen wird, und dadurch nicht den Strom der Zeit verändert. Tolpans Eingreifen brachte da zum einen etwas Suspense und zum anderen die Möglichkeit, auch etwas größere Ereignisse zu ändern, ohne aber gleich zu stark dem Butterfly-Effekt von alternativen Entwicklungen der Zeitachse zu unterliegen und nie wieder zurück kommen zu können – zumindest oberflächlich macht es meiner Meinung nach die Zeitreise plausibler (oder komplex genug, dass man sie nicht mehr so einfach hinterfragen kann).
 
[Peter] Da wir's gerade von Kendern und Gnomen haben ... Dass ganze Völker (oder "Rassen") auf Stereotypen reduziert werden, ist in "klassischer" High Fantasy wohl ziemlich verbreitet. Und kennt man ja z.B. auch aus der SciFi. (Star Trek, du bist gemeint.) Aber was mir bei dieser Lektüre der "Legends" wirklich unangenehm aufgestoßen ist, war die Erkenntnis, dass sie in "Drachenlanze" dabei zugleich zu fleischgewordenen "running gags" werden. Bei Tas/Tolpan und dem Gnomen (Gnimsh?) fand ich das in erster Linie nervig. (Und spätestens nach einer Seite nicht mehr lustig). Aber die Gully Dwarves /Gossenzwerge sind wirklich übel. Schon aus den 80er Jahren hatte ich die als plumpe Comic-Relief-Figuren in Erinnerung. Aber wie viel übler wirken die heute auf mich. Im Grunde sind sie nichts anderes als wirklich unangenehm ableistische Karikaturen. Und Hickman & Weis fanden sie offenbar so lustig, dass sie sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Handlung einbauen mussten. Vom Gasthaus in Solace bis zur Fliegenden Zitadelle über Palanthas ...

[Alessandra] Ich fürchte, das ist nicht nur in der High Fantasy verbreitet – ich finde es manchmal gruselig, wie solche Stereotype selbst in der Urban Fantasy des 21. Jahrhunderts noch reproduziert werden ... (Wobei ich aus Autorensicht der Fairness halber zugeben muss, dass man in diese Stereotype schneller reintappt, als es einem lieb ist. Reflexion ist da eine praktische Sache, aber gar nicht so leicht, wenn man grad von der eigenen Welt und den Gepflogenheiten des Genres gefangen ist.) Dennoch, ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass Drachenlanze ein krasses Beispiel ist, gerade wenn es um diese "Comic Reliefs" geht. Möchte an dieser Stelle anmerken – ich fand Tolpan schon nervig, bevor es cool wurde :p Das sind so Punkte, bei denen ich es total spannend fände, die Rezeption von, sagen wir 1990 mit der von jetzt zu vergleichen. Offenbar genossen solche Figuren und Völker früher ja Rückhalt bei der Leserschaft, gerade Tolpan hatte noch 2005, als ich mich viel im Drachenlanze-Forum herumgetrieben habe, eine große Fangemeinde. Es wirkt immer so platt, zu sagen "da hat sich auf jeden Fall was getan", aber ja ... hier hat sich was getan, glücklicherweise.

[Christina] Die Darstellung aller Völker ist aus heutiger Sicht unfassbar eindimensional und oftmals sehr negativ und voller Ismen, auch wenn Menschen immerhin noch ein paar Unterschiede aufweisen. Ich bin in der Hinsicht gespannt auf die neuen Bücher, weil diese den Sprung schaffen müssten, dem gereiften Bewusstsein der Leserschaft gerecht zu werden (auch wenn fraglich bleibt, wie man so viel Lore gut abwandelt). In den alten Büchern sind die Völker, vor allem die Gossenzwerge, so hochproblematisch dargestellt mit einer Freude an aktiver Erniedrigung und Herabwürdigung, dass ich die Stellen nicht gelesen hätte, hätte ich das nicht für diese Besprechung lesen "müssen". (Z.B. das in Solace, als die Gossenzwergin das verschüttete Bier auflecken soll! An meinem Lesegefühl an der Stelle, hab ich erkannt, dass die Debatten und der öffentliche Diskurs der letzten Jahre/Jahrzehnte mindestens für mich etwas geändert haben und somit sicherlich auch allgemein eine Sensibilisierung dahingehend stattgefunden hat und weiterhin stattfindet, denn solche Darstellung sollte nicht mehr geschrieben und reproduziert werden und gehört auch von alten Fans reflektiert.) Da holt auch die Gossenzwergin Bupu nicht mehr viel raus, bei der als "irgendwie wichtig" versucht wird, das Volk besser darzustellen.

Was Tolpan betrifft, weiß ich noch, dass ich die Figur als Jugendliche mochte und es z.B. im LARP damals auch eine große Welle Kender-Spielende gab (die auch da stereotypisch gehasst wurden). Ich finde ihn als naiv-optimistische Figur immer noch ganz gut, um dem Depri-Ethos der anderen Figuren manchmal was entgegenzusetzen, aber das Abstürzen in Slapstick (bei der Zitadelle hätte ich auch wieder gern weitergeblättert) und die Reduktion auf Diebstahl/Kleptomanie waren mir beim Reread auch sehr zu wider.

[Peter] Ja, bei der Bierstelle ist mir auch übel geworden. Was mir aber zugleich gezeigt hat, dass sich an der Rezeption (zumindest meiner eigenen) tatsächlich etwas geändert hat. Denn in den 80ern fand ich die Gully Dwarves zwar doof und unlustig, aber ich muss zugeben, dass mir das extrem Kränkende und Herabwürdigende ihrer Darstellung bei meiner ersten Lektüre nicht aufgestoßen ist. Der Stereotyp des "witzigen Idioten" war damals halt leider noch ein völlig "normaler" und geläufiger Bestandteil der Populärkultur. Was es natürlich nicht besser macht oder entschuldigt.

[Alessandra] Wie genau ich die Gossenzwerge beim ersten Lesen empfunden habe, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Aber nun ... ich fand auch Dobby 2004 noch lustig ...

Christina hat eben ja erwähnt, dass die neuen Bücher hier einiges anders machen müssen. Die Ankündigung für die neue, quasi eingeklagte Trilogie – die inzwischen als "Dragons of Deceit" auf Englisch veröffentlicht wurde – war damals unser ausschlaggebender Grund, Drachenlanze für den 2023er-Reread auszuwählen. Ich war von der Ankündigung damals nicht soo begeistert. Drachenlanze hatte seine Zeit und ich habe in den jüngeren Büchern wie der Mina-Trilogie durchaus schon Entwicklung gesehen. Trotzdem war ich skeptisch, ob es neuen Büchern gelingen würde, einerseits den "Drachenlanze-Geist" wiederzubeleben, andererseits nicht die alten Probleme zu reproduzieren. Dass dann Hickman auf Twitter auch noch ein Anti-Diversity/Modernity-Meme gepostet hatte – angeblich aus Unwissenheit – hat meine Skepsis verstärkt. Vielleicht wäre es einfach besser gewesen, die Reihe in der Nostalgiekiste zu lassen? Nun habe ich die neue Trilogie noch nicht gelesen. Die bisherigen Besprechungen scheinen geteilter Meinung zu sein. Wenn ihr wirklich der Sprung ins Jahr 2022 gelungen ist, Hut ab. Trotzdem bleibt das zwiespältige Gefühl auch nach dem Reread erhalten. Die Bücher sind super zu lesen und ich bin wieder auf den Geschmack gekommen, plane auch noch ein paar Bände der "Neuen Generation" zu lesen (irgendwie reizt es mich jetzt noch mal, Raistlins Rückkehr zu lesen). Und doch sind sie einfach inhaltlich nicht mehr zeitgemäß. Gemessen daran, dass ich total viel Spaß mit diesem Reread hatte und gerade wieder munter Krynn fangirle (Pinterest weiß es ...), ist es seltsam, zu diesem Fazit zu kommen, dennoch: Stand Jetzt würde ich sagen, es ist Zeit für Neues. :)

[Christina] Ich schließe mich dem an. Aus nostalgischen Gründen, die aber vor allem mit den Umständen während meiner Rezeption als Jugendliche, die die „Chroniken“ zusammen mit ihrem Vater gelesen hat, zusammenhängen, war ich über das Reread sehr glücklich. Auch, um bestimmt verklärte Erinnerungen gerade zu rücken und mit einem geschulteren Blick zu betrachten (und in so netter Runde zu besprechen), hat es sich sehr gelohnt. Gewisse Figuren bzw. Figurenkonstellationen wie die Geschwisterbeziehung von Raistlin und Caramon werden immer eine Bedeutung für mich haben.

Aber würde ich es heute zum ersten Mal lesen, fände ich sie evtl. noch solide, könnte der Geschichte aber wohl nicht mehr so viel abgewinnen, und die problematischen Darstellungen würden zum Lektüreabbruch führen.

Ich wünsche mir generell etwas mehr Mut zu Neuem. Zwar bin ich grundsätzlich neugierig, wie und ob ein Transfer der Stoffe für die jetzige Zeit und für heutige Lesende gelingen, aber gleichzeitig befürchte ich, dass nur ein Nostalgie-Gefühl bedient und damit eine zu alt gewordene Kuh nochmal gemolken werden soll.

[Peter] Bei mir hat der Nostalgie-Faktor ja keine so große Rolle gespielt. Ich bin mehr mit einem "historischen Interesse" an diesen Reread rangegangen. Schließlich waren die Drachenlanze-Bücher extrem erfolg- und einflussreich. Ohne sie hätten wir vielleicht nie die spätere Flut an RPG-Tie-in-Novels bekommen. Und ich mag ja eigentlich alte Sachen und lese sie gern. Aber nach dieser Lektüre fühle ich mich schon gedrängt, zu erklären: Es gibt sehr viel bessere alte Sachen! 

Ja, die Bücher lesen sich recht flüssig weg. (Auch wenn man hie und da finde ich spürt, dass Weis & Hickman an ihre schriftstellerischen Grenzen stoßen). Und vor allem die Raistlin-Caramon-Beziehung ist immer noch reizvoll und interessant. Aber alles in allem kam mir das Ganze dann halt doch arg altbacken vor. Und hat mich in meinem Verdacht bestärkt, dass der High-Fantasy-Boom der 80er Jahre in vielem vielleicht ein Rückschritt gewesen ist. Weshalb ich auch nicht plane, einen Blick in die neuen Bücher zu werfen. Dafür ist das Interesse an dem Franchise bei mir einfach zu gering. 

Spaß hat mir unser Gespräch natürlich trotzdem gemacht und ich bereue den Reread nicht.

[Alessandra]: Dem schließe ich mich an, es hat viel Spaß gemacht. Danke für das Gespräch, mit dem wir wohl einige Blogposts füllen können.

[Christina] Ja! Vielen Dank für die Einladung hier zu. Fand es sehr anregend und total nett ... mag gar nich aufhören.

[Peter] Wir haben zu danken. Es war eine besondere Freude, dich dabei zu haben!

Sonntag, 26. Februar 2023

Klassiker-Reread: "Die Legenden der Drachenlanze" von Tracy Hickman & Margaret Weis (5/7)

 
Nachdem vorgestern auf FragmentAnsichten der erste Teil des Gesprächs erschienen ist, das Christina, Alessandra und ich anlässlich unseres Rereads der "Legenden der Drachenlanze" geführt haben, nun also die (erste) Fortsetzung.
 
(2) Das Gute, das Böse und konservative Fantasy 

[Alessandra] Auf der "Metaebene", wenn man so will, ging es für mich in dem Buch auch viel um das Hinterfragen von Gut und Böse – was ein bisschen paradox ist, wenn man bedenkt, dass Krynn in dieser Hinsicht eine sehr flache, statische Trennung vornimmt. Immerhin haben wir hier einen expliziten „Gott des Guten“ (=Paladin) und eine „Göttin des Bösen“ (=Takhisis). Insofern ist es kein Wunder, dass dieses Hinterfragen oft etwas halbherzig anmutet. Trotzdem hat es einige sehr starke Stellen hervorgebracht. Ich denke, dass man Par-Salian keine Sympathien entgegenbringt, war von Weis/Hickman durchaus gewollt - spätestens in der Szene, in der er halb in eine Statue verwandelt wird, geht Caramon ja hart mit ihm ins Gericht. Die wohl intensivste Szene war für mich aber die, in der Raistlin nach der Schlacht von Pax Tharkas die toten Gossenzwerge findet, die die Festung verteidigt haben (in "Die Königin der Finsternis", dt. Band 4). Er stellt fest, dass davon nichts in den Geschichtsbüchern stand und fragt sich, ob das ein Zeichen ist, dass die Zeit bereits verändert wurde und er nicht mehr in einer Schleife gefangen ist. Direkt danach wird ihm aber klar, dass es bloß niemanden interessiert hat, was aus den Gossenzwergen wurde und es daher nicht in den Schriften stand. Diese Stelle sorgt erstens dafür, dass Raistlins Motivation – ähnlich wie bei deinem Beispiel mit dem Pestdorf, Peter – klarer wird. Zweitens wird er dadurch symapthischer, was nach allem, was er Crysania, seinem Bruder, Dalamar und so ziemlich jedem anderen auf seinem Weg während der Bücher antut, auch bitter nötig ist, allem Verständnis für seinen Seelen-Unfrieden zum Trotz. Und drittens zeigt es, dass selbst die "Neutralen", repräsentiert durch den Schreiber Astinus, sich offenbar nicht um die Schwachen kümmern. Es ist schade, dass solche Stellen im Unverhältnis stehen zu den sonst stereotypen Einteilungen.

[Christina] Ich finde, dass das gar nicht mal nur "Metaebene" ist, sondern sehr früh als zentrales Motiv herausgestellt wird. In "Die Brüder" (dt. Band 1, Kapitel 11) diskutieren Raistlin und Crysania exakt darüber: Was ist das Böse? Raistlin erklärt, dass sein geschwächter Körper der Preis für seine Macht war, welche Crysania aber als böse anprangert. Dann fragt er, ob Ehrgeiz automatisch böse sei und ein paar Seiten später zeigt er ihr das Armenviertel von Palanthas, dessen Elend von den sich "gut" nennenden Leuten ignoriert wird. Crysania will sich auch abwenden, doch Raistlin zwingt sie hinzusehen:

"Wir sind nicht so verschieden. [...] Ich lebe in einem Turm und widme mich meinen Studien. Du lebst in deinem Turm und widmest dich deinem Glauben. Und die Welt dreht sich" (Raistlin) "Das ist das wahre Böse", sagte Crysania zu den Flammen. "Dazusitzen und nichts zu tun."

Das war für mich der Aufhänger (auch nochmal zum Punkt der Motivation) der gesamten „Legenden“-Reihe. Und dieses Nichtstun ist ja genau das, was Astinus, Par-Salian und irgendwie auch die Götter (s. das Pestdorfkapitel) machen.

[Peter] Stimme all dem voll und ganz zu. Die Pax-Tharkas-Szene war sogar eine der ganz wenigen, die ich auch nach Jahrzehnten noch in Erinnerung hatte. (Zu schade bloß, dass die vorhergehende, in der wir zu sehen bekommen, wie die Gossenzwerge tatsächlich gestorben sind, so völlig missglückt ist. Da sollen sie lächerlich und tragisch zugleich wirken, was für mich so gar nicht funktioniert hat.) Und Par-Salian fand ich eigentlich eine ganz interessante (und ziemlich unsympathische) Figur. Wenn er z. B. eingesteht, dass die Zauberer-Konklave Raistlin in gewisser Weise als "lebendige Waffe" für den Krieg gegen Takhisis "geformt" hat. Oder er fest damit rechnet, dass Crysania sterben wird, wenn er sie in die Vergangenheit schickt.

Mein Problem bei dem Ganzen ist allerdings, dass mir diese Thematik nicht wirklich konsequent durchgeführt zu sein scheint. Es gibt all diese Szenen, in denen die Figuren (und das ganze Gut-gegen-Böse-Dings) sehr viel ambivalenter erscheinen. Aber am Ende gibt es dann doch wieder eine sehr klare Einteilung. Darum bin ich mir auch etwas unsicher, wie wir die Raistlin-Crysania-Szene aus dem ersten Buch eigentlich lesen sollen. Wenn die beiden bei ihrer gemeinsamen "Queste" tatsächlich auch von dem Wunsch angetrieben werden, die Ungerechtigkeiten der Welt zu beseitigen, wie haben wir es dann zu bewerten, dass diese Queste am Ende als eindeutig "böse" verdammt wird?

[Christina] Wird sie das denn? Ich finde, nur Raistlins Weg wird als Hybris entlarvt/geframet und gleichzeitig bekommt er ein bisschen Vergebung (Redemption-Arc?), wenn er am Ende Caramon und Crysania die Flucht ermöglicht. Wie gesagt, das "Tal des Leidens" für eine danach bessere Welt zu durchschreiten, "verdammt" die Quest in meinen Augen nicht per se. Ist aber die Frage, ob die Welt dann wirklich besser ist. Aber ja, sie war grundsätzlich fragwürdig und hätte die Welt in ihren Tod gestürzt, also will ich dir auch nicht völlig widersprechen.

[Alessandra] Ich bin da bei Christina – ich habe es nicht so verstanden, als würde der Weg von Raistlin und Crysania grundsätzlich als böse verdammt. Er war quasi ein Bug, von der Welt nicht vorgesehen – was mich, nebenbei bemerkt, auch hat fragen lassen, was überhaupt das Wesen der Götter ausmacht. Wäre Raistlin erfolgreich gewesen, hätte das ja bedeutet, dass Götter im Prinzip nur mächtige Magiekundige sind. 

In Bezug auf die ethische Bewertung vor allem von Raistlin fand ich es interessant, wie in den letzten beiden Bänden (auf Englisch dann im letzten Band) dessen Halbschwester Kitiara als Gegenspielerin inszeniert wurde. Obwohl sie keine Apokalypse herbeiführt, wird sie uns hier als "die Böse" präsentiert. Sie handelt ähnlich berechnend wie Raistlin und verrät wie er ihre Freunde, wenn es mehr Macht für sie bedeutet.

Trotzdem wird Raistlin gewissermaßen Vergebung zuteil, ihr nicht, sondern sie wird im Gegenteil zu einem Leben als Untote an der Seite eines verfluchten Ritters verdammt. Ich mag Kitiara als Figur nicht besonders und war immer froh, wenn ihre Kapitel vorbei waren. Aber wie sie als das kaltherzige Böse dargestellt wurde, dem nur in der Liebe zu Tanis ein wenig Sympathien zugestanden wurde, war schon nicht ganz fair. (Am Ende war ich auch geneigt, es als latent sexistisch zu lesen, dass alle weiblichen Figuren im Buch, die über Macht verfügen, an dieser mehr oder weniger zugrunde gehen.)

[Peter] Uff ja, Kitiara ... Die halt ich ganz grundsätzlich für eine ziemlich problematische Figur. Das fängt schon damit an, dass sie und Laurana in den "Chronicles" zumindest anfangs hauptsächlich dazu existieren, die innere Zerrissenheit von Tanis zu verkörpern. Die Elfin und die Menschenfrau. Die Gute und die Böse. Darum sind sie auch in fast allem als Gegensatzpaar konstruiert. Das fängt schon bei Äußerlichkeiten an: Langes blondes Wallehaar bei Laurana, kurze braune Locken bei Kit. Was das Ganze für mich aber besonders unangenehm macht, ist, dass sich dieser Gegensatz vor allem in der Sexualität zeigt. Laurana ist die reine und unschuldige Jungfrau. Kitiara ist promiskuitiv, hat Spaß am Sex mit vielen wechselnden Partnern. Und das wird eindeutig als "verwerflich" dargestellt. Darum finde ich das Schicksal, das ihr Weis & Hickman letztlich bereiten, auch so gruselig. Sie wird dazu verdammt, in alle Ewigkeit die "Geliebte" eines lebenden Leichnams zu sein! In gewisser Weise wird sie mit dem bestraft, worin sie "gesündigt" hat. Jedenfalls werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Figur viel von einer extrem konservativen Reaktion auf die Veränderungen der Zeit enthält. "Sexuelle Revolution" und so. Und auch auf deren Widerspiegelung in Teilen der Fantasyliteratur der 70er.

[Alessandra] An dem Punkt grätsche ich kurz rein. Generell hatte ich beim Lesen oft den Eindruck, dass wir hier die Art von Fantasy haben, die quasi dafür verantwortlich ist, dass wir uns heute so aktiv gegen Klischees und -ismen stellen müssen, die sich im Genre (vor allem in Subgenres wie eben der High Fantasy) lange verfestigt hatten. Bücher wie "Der Träumer in der Zitadelle" oder "Wenn Voiha erwacht", die wir in vorherigen Rereads besprochen hatten, waren da deutlich progressiver sowohl im Weltenbau als auch der Figurenzeichnung, obwohl sie älter sind als Drachenlanze. Und so sehr ich die "Legenden" auch mag und ihnen zugutehalte, dass sie sich manchmal durchaus um Ambivalenzen bemüht haben – das konservative Bild wird hier ja immer wieder sichtbar. Auch wenn es um die Figur von Crysania geht. Sobald sie auch nur mal das entfernteste Anzeichen von sexueller Anziehung verspürt, wird sie direkt von Raistlin zurechtgewiesen. Und meistens folgt dann auch noch ein selbstreflexiver Monolog von ihr, in dem sie feststellt, dass Raistlin Recht hatte und sie vom Weg abgekommen ist, sich hat ablenken lassen oder was auch immer. 

[Christina] Noch mal zu Kitiara: Auch wenn das vielleicht Haarspalterei ist, Peter, aber ist es dann wirklich eine problematische Figur oder sind nicht eher die anderen Figuren im Umgang mit ihr (und letztlich der Plot) problematisch? Ich weiß natürlich, wie du das meinst und stimme euch beiden in den Beobachtungen zu, aber ich dachte zuerst, es käme gleich ganz viel Kritik an Handlungen der Figur Kitiara.

Interessanterweise hab ich wenige Erinnerungen an sie aus den „Chroniken“, außer dass ich sie als Jugendliche wirklich mochte und sie teilweise sowas wie eine Vorbildfunktion als selbstbestimmte Frau (mit viel Wut) für mich hatte. Auch jetzt in den „Legenden“ war sie zwar eindeutig als die Böse konzipiert, aber – wie ihr oben herausgearbeitet habt – ihrer Zeit voraus.

Der Sexismus und allgemein -ismen sind mir auch extrem stark aufgefallen. Crysania und Kitiara hatten hier sehr deutliche Heilige-und-Hure-Vibes und die anderen Frauen waren zu weinenden Hausfrauen degradiert worden. (Übrigens gab es nur bei den Frauen zerrissene Kleidung, und höchstens bei Caramon mal einen knappen Lendenschurz *räusper*). 

Aber auch die Darstellung von kognitiven Leistungen, Körpergewicht, Krankheiten etc. war extrem unsensibel, teilweise war das für mich wirklich nur noch schwer zu ertragen und nur mit Hinblick auf die Zeit aus der es stammt lesbar.

[Peter] Mein Eindruck ist, dass Kitiara auf viele Leserinnen genau so gewirkt hat. Als Beispiel einer selbstbestimmten Frau, als Identifikationsfigur, Vorbild oder Inspiration. Jedenfalls hab ich das schon ein paar Mal so gelesen. Aber im Kontext der Erzählung erscheinen doch gerade diese Züge explizit oder implizit als Teil dessen, was sie zu einer der Bösen macht, oder? Und macht es das nicht irgendwie noch unangenehmer? Als "ihrer Zeit voraus" würde ich die Figur jedenfalls auf gar keinen Fall bezeichnen. Es gab gerade in der Sword & Sorcery der 70er und frühen 80er bereits eine ganze Reihe von Frauenfiguren, die mindestens ebenso selbstbestimmt aufgetreten sind, ohne deshalb als böse oder unmoralisch abqualifiziert zu werden. Nicht selten waren die da sogar die Heldinnen. Meine persönliche Tinfoil-Hat-Theorie ist ja, dass Kitiara (ob bewusst oder unbewusst) eine konservative Reaktion auf genau diesen neuen Typ Fantasyheldin darstellt. Beweisen kann ich das natürlich nicht. Margaret Weis hat nach eigener Aussage praktisch keine zeitgenössische Fantasyliteratur gelesen. Aber bei Hickman wird das sicher anders ausgesehen haben. Who knows?

[Alessandra] Was die Darstellung von Krankheiten angeht: Ich hab Raistlin in der Vergangenheit manchmal als (einigermaßen) positives Beispiel für die Darstellung von "Helden"-Figuren mit Behinderung / chronischer Krankheit genannt. Aber nach der erneuten Lektüre muss ich auch sagen, dass das in meiner Erinnerung deutlich unproblematischer war. In "Die Stadt der Göttin" erhält er durch die Zeitreise ja einen "jüngeren, stärkeren, gesünderen" Körper und ich fand es z. B. ganz schön unangenehm, wie das an seine Fähigkeit gekoppelt wurde, Zuneigung zu Crysania zu empfinden. (Mal ganz davon abgesehen, dass ich irgendwann reichlich verwirrt war, wie viel von seinen Beeinträchtigungen jetzt eigentlich angeboren ist und was durch die Prüfung / Fistandantilus verursacht wurde. Und wenn man davon absieht, dass Raistlin viel hustet und einige issues durch das soziale Stigma hat, wird nie so ganz deutlich, was die Krankheit nun eigentlich für Barrieren für ihn mitbringt.)

Seine physische Darstellung spielt generell damit zusammen, wie in den Büchern die Figuren über ihre Optik charakterisiert werden (wie eben auch schon mit Kit und Laurana beschrieben). Richtig übel fand ich z. B., wie in "Der Hammer der Götter" (dt. Band 5) der fiese Hauptmann von Kitiara schon dadurch auf die Seite des Bösen gestellt wird, dass er einen krummen Rücken hat – und das ist dann auch noch gleich die Begründung dafür, weshalb Kit nichts mit ihm anfängt. Hinzu kommen Figuren wie die Gossenzwerge oder auch Tolpan, die quasi aufgrund von Volkszugehörigkeit einen minderen Intellekt eingeschrieben bekommen haben. Ich glaube, Weis/Hickman hatten hier durchaus einen hehren Anspruch an sich selbst, aber in der Ausführung tummeln sich u. a. Ableismen und Lookismus.

[Peter] Also was Raistlins "Gebrechen" angeht, ist es "kanonisch" glaub ich so, dass er von Geburt an schwächlich war. Wenn ich mich recht erinnere, wäre er sogar als Baby gestorben, wenn Kitiara nicht so verbissen um sein Leben gekämpft hätte. Die "Prüfung" hat das wohl nur noch einmal verstärkt. Aber um ehrlich zu sein, war ich bei der Lektüre jetzt ähnlich verwirrt, was seinen Körperzustand in den unterschiedlichen Zeitebenen betrifft. Mal ist er plötzlich der "starke junge Mann" mit dem "muskulösen Körper", dann hustet er doch wieder Blut. Wie's gerade für die Szene passt ...

[Christina] Ich habe Raistlin auch als besseres Beispiel für behinderte/chronisch kranke Figuren im Hinterkopf gehabt, was sich beim Reread leider nicht mehr bestätigt.

Die Darstellung von Alkoholismus und PTBS war auch sehr stereotyp abwertend geschrieben – als weinerlich übersensibel (allerdings spannend zu Rollenklischees, weil der trinkende Caramon ja anfangs als der Versager-Mann schlechthin dargestellt wird, er aber später seine Weichheit bzw. gefühlvolle Empathie schönerweise behält). Gerade was den psychischen Aspekt angeht, hätte das viel Tiefe ins Buch bringen können, war aber nur auf Ekel und "stell dich mal nicht so an"-Momente beschränkt. Dass das dann auch durch ein bisschen Sport bei den Gladiatoren behoben werden konnte, war hart realitätsfern

Auffällig war dann auch, dass die bösen Figuren alle verschiedene Disabilities hatten, die sie äußerlich als Böse für die Leserschaft kennzeichnen sollten [Dazu 2 Literaturempfehlungen, die sich mit Disabilities motivgeschichtlich auseinandersetzen –> "Literary Disability Studies – Theorie und Praxis in der Literaturwissenschaft" Hrsg. Matthias Luserke-Jaqui; "Entstellt – über Märchen, Behinderung und Teilhabe" von Amanda Leduc]

Zu der Verwirrung bei Raislin möchte ich noch hinzufügen, dass die Augen mich etwas verwirrt haben, weil die Stundenglasaugen, mit denen er Verfall sieht, hatte er ja erst nach der Prüfung. Aber in der Zeit gereist hatte er dann zwischendurch seinen Vor-Prüfungs-Körper, jedoch mit spiegelnden Augen? Ständig "zerbrachen" seine Augen in den Büchern oder hatten nur einen "kleinen Spalt", bevor die Betrachtenden wieder nur sich selbst sahen ... da hab ich entweder etwas überlesen oder die Erklärung/Trennung nicht verstanden.

[Peter] Da ich zufällig grad die allererste Drachenlanze-Kurzgeschichte "The Test of the Twins" gelesen habe, die noch vor den „Chroniken“ im "Dragon Magazine" erschienen ist, und in der es um die Prüfung geht, kann ich zumindest so viel dazu sagen: Auch dort ist bereits von "spiegelnden Augen" die Rede. Allerdings mehr als Metapher. Soll wohl verdeutlichen, wie verschlossen und kontrolliert Raist ist. Niemand darf seine Emotionen lesen können. In den "Legenden" scheint das dann allerdings manchmal wörtlich genommen zu werden. Schon komisch. Ich denke aber auch, dass die ausdruckslosen Augen auf Raistlins "innere Leere" verweisen sollen, die vor allem gegen Ende dann so oft betont wird.

 

Weiter geht's übermorgen dann erneut auf FragmentAnsichten mit den Themen "Die Figur Raistlin und Figurenkonstellationen".

Montag, 20. Februar 2023

Klassiker-Reread: "Die Legenden der Drachenlanze" von Tracy Hickman & Margaret Weis (2/7)

Mormonisches in Krynn
 
Nach unserer Beschäftigung mit der Entstehung der ursprünglichen  Dragonlance - Saga, nun also der zweite "Begleitartikel" zum diesjährigen Klassiker-Reread von Alessandra Reß und mir. (Bei dem wir diesmal Christina F. Srebalus als Guest Star dabei hatten). Nummer Drei wird übermorgen auf  FragmentAnsichten erscheinen. 
 
Ob dieser Eindruck einer strengen statistischen Überprüfung standhalten würde, sei dahingestellt, aber wenn man einen Blick auf die amerikanische SFF wirft, wird man das Gefühl nicht los, dass Autor*innen mormonischen Glaubens überdurchschnittlich stark in ihr vertreten sind. Die bekanntesten Namen dürften Orson Scott Card, Stephenie Meyer und Brandon Sanderson sein. Doch gibt es noch eine Menge anderer wie z.B. Shannon Hale, James Dashner, Anne Perry und Jessica Day George. Ob sie dem Glauben ihrer Kirche alle ähnlich stark verbunden sind wie Tracy Hickman, weiß ich natürlich nicht. (1) 
 
Erklärungsansätze für dieses Phänomen scheint es eine ganze Menge zu geben. Der Spötter und Zyniker in mir würde ja sagen, dass das Book of Mormon mit seiner bizarren "Urgeschichte Amerikas" als eines einst von Israeliten besiedelten "Gelobten Landes" selbst schon ein Stück Fantasyliteratur ist, die Affinität also bis zu Joseph Smith und den Anfängen der Kirche der Heiligen der Letzten Tage zurückreicht. Tatsächlich erklärte YA-Autorin Julie Berry einmal in einem Interview mit dem Boston Globe:
I think Mormons believe a lot of things that are pretty fantastic – we believe in miracles and angels and ancient prophets and rediscovered Scripture – so maybe it is almost natural for us to dive into these other stories. 
SF-Autor Scott Parkin hingegen zieht zur Erklärung ein relativ unverkrampftes und offenes Verhältnis zu Rationalismus und Wissenschaft heran, das den Mormonismus gegenüber anderen strenggläubigen Strömungen auszeichne:
At its base, Mormons believe there is pretty much a rational basis for everything, including our relationship to God. That things can be understood. So the idea that there are rational explanations and that it’s okay to explore those explanations is one of the reasons why the rigors of science fiction appeals to so many Mormons.
Darüberhinaus erwähnt er ein Gefühl des Außenseitertums, des "Andersseins", das von vielen Mormon*innen geteilt werde und möglicherweise dazu beitrage, warum sie sich zur Phantastik im allgemeinen, nicht nur zur Science Fiction, hingezogen fühlten:
Mormons have always had this sense of alienation, of being on the margins of society, they have a sense of what it means to be isolated, to not be understood by the broader culture, and this gives us a bit of an alien mindset. 
In ihrem Artikel “Is It Something in the Water?” Why Mormons Write Science Fiction and Fantasy erwähnen Katherine Morris & Kathleen Dalton Woodbury die kurze Erzählung The Angel of the Praries als "perhaps the first example of Mormon speculative fiction". Ihr Verfasser Parley P. Pratt war einer der ursprünglichen Zwölf Apostel der Kirche und die Story fand den Beifall des Propheten persönlich. Allerdings ließe sich fragen, ob diese utopische Vision einer theokratischen Regierung, die nach dem Untergang der Vereinigten Staaten über ein blühendes Amerika (und den Rest der Welt) herrscht, diese Bezeichnung tatsächlich verdient, unterscheidet sie sich doch kaum von all den offiziellen "göttlichen Offenbarungen" aus der Frühzeit der Bewegung. 
Ein geeigneterer Kandidat scheint mir da Nephi Andersons 1898 erschienener Roman Added Upon zu sein. Der schildert den Entwicklungsgang mehrerer Seelen von Luzifers Rebellion und dem Krieg im Himmel über die irdische Existenz bis hin zur gottgleichen Freiheit nach der Auferstehung. In seiner Thematik wirkt er wie die Bestätigung einer These, die Literatur- und Religionswissenschaftler Terryl Givens in seinem Buch People of Paradox aufgestellt hat und derzufolge sich die Affinität zur phantastischen Literatur aus dem Charakter der mormonischen Theologie erklären  lasse:
Science fiction (or the more-encompassing ‘speculative fiction’), though still struggling for respect as serious art, is the literary form best suited to the exposition and exploration of ideas at the margins of conventional thinking, whether in technology, ethics, politics, or religion. And indeed, some Mormon doctrine is so unsettling in its transgression of established ways of conceiving reality that it may be more at home in the imagined universes of Card than in journals of theology.

Ein Beispiel dafür sei die mormonische Lehre der "Apotheosis", derzufolge alle Menschen das Potential besitzen, sich nach einer langen, unterschiedliche Existenzformen durchlaufenden Evolution bis auf das Niveau des göttlichen Daseins hinaufzuentwickeln – also quasi selbst Götter zu werden! Eben das wird in dem langen Gedicht beschrieben, das den letzten Teil von Added Upon bildet. Wobei dieser kuriose Evolutionsprozess sogar mit pseudo-darwinistischen Elementen angereichert wird:

In this celestial world, the fittest have
Survived. To them alone the pow'r is given
To propagate their kind. 'Twas wisely planned.
The race of Gods must not deteriorate.
Thus everlasting increase is denied
To those who have not reached perfection's plane.
Herein is justice, wisdom all-divine,
That every child born into spirit world
Has perfect parentage, thus equal chance
Is given all to reach the highest goal,
And win the race which runs up through the worlds.

Das lässt aufhorchen, denn ähnelt das nicht in gewisser Weise Raistlins ehrgeizigem Verlangen in den Legends - Büchern? Und wie hat man sein Ziel, ein leibhaftiger Gott werden zu wollen, vor diesem Hintergrund zu beurteilen? – Eine spannende Frage, der ich hier aber nicht weiter nachgehen will. Stattdessen werde ich mich im folgenden hauptsächlich mit Motiven aus der ersten Dragonlance - Trilogie befassen, die meines Erachtens ziemlich deutliche mormonische Anklänge aufweisen.   

Das zentrale Thema zumindest des ersten Bandes der Chronicles ist die Rückkehr des Wissens um die Wahren Götter nach Jahrhunderten (nicht nur) spiritueller Finsternis, in die Krynn nach dem Cataclysm (2) versunken war. Dies geschieht in Form der "Disks of Mishakal", die die Gefährten in der ersten Hälfte von Dragons of Autumn Twilight aus der versunkenen Stadt Xak Tsaroth bergen. In die einhundertsechzig aus Platin geformten Scheiben ist die Wahre Lehre eingraviert und sie werden später zu so etwas wie der Bibel der neu aufgerichteten Kirche der Guten Götter.
 
Wenn man sich des mormonischen Hintergrunds von Tracy Hickman bewusst ist, wird man gar nicht anders können als hierin eine deutliche Parallele zu den "Goldplatten" zu sehen, von denen Joseph Smith behauptete, dass er sie 1827 unter Anleitung des Engels Moroni im Hügel "Cumorah" im Westen des Staates New York gefunden habe. Auf diesen Platten sollen die "alten Überlieferungen" aufgezeichnet gewesen sein, die den Inhalt des Book of Mormon bilden.
 
Doch damit endet die Sache noch nicht. Wirklich interessant wird es erst mit Goldmoon und Riverwind, die in erster Linie für das Auffinden der "Disks" verantwortlich sind. Dass letzterem auf seiner Queste "a woman dressed in blue light" (die Göttin Mishakal) erschienen ist, könnte man mit Smiths wiederholten Engelsvisionen vergleichen. Aber sehr viel wichtiger ist, dass sich in den beiden Figuren etwas vom mormonischen Blick auf die amerikanischen Ureinwohner widerzuspiegeln scheint. Sie sind "barbarians from the Plains" und gehören zum Stamm der Que-Shu. In dem von Mary Kirchoff herausgegebenen Band The Art of the Dragonlance Saga bekommt man zu lesen:
Goldmoon's character was really unclear until the novels gave her depth. All the artists knew about her at the beginning was that she had silvery golden hair, in contrast to the rest of the tribe, which was viewed as being similar to American indians. (3)
Um die (mögliche) Bedeutung dessen zu verstehen, ist es nötig einen etwas längeren Exkurs in die bizarre Geschichtsmythologie des Mormonismus zu unternehmen.
 
Das Book of Mormon erzählt von vier hebräischen Volksstämmen, die vor Urzeiten Amerika besiedelt hätten. Von diesen interessieren uns hier allerdings nur die Nephiten und die Lamaniten. Die beiden sollen gemeinsam um 600 v.u.Z. die Gestade des neuen "Gelobten Landes" erreicht haben. Bald schon kam es zu Zwistigkeiten zwischen den gottesfürchtigen Nephiten und den abtrünnigen Lamaniten, woraufhin Gott letztere mit einem Fluch belegte, dessen Folgen so beschrieben werden:
And he had caused the cursing to come upon them, yea, even a sore cursing, because of their iniquity. For behold, they had hardened their hearts against him, that they had become like unto a flint; wherefore, as they were white, and exceedingly fair and delightsome, that they might not be enticing unto my people the Lord God did cause a skin of blackness to come upon them. [...]
And because of their cursing which was upon them they did become an idle people, full of mischief and subtlety, and did seek in the wilderness for beasts of prey. (4)
Dieser Fluch wurde Jahrhunderte später noch einmal verstärkt, nachdem die Lamaniten die Nephiten in einem blutigen Krieg vollständig ausgerottet hatten:
for this people shall be scattered, and shall become a dark, a filthy, and a loathsome people, beyond the description of that which ever hath been amongst us, yea, even that which hath been among the Lamanites, and this because of their unbelief and idolatry. (5)
Dass die Lamaniten mit den amerikanischen Ureinwohnern gleichzusetzen sind, wird besonders deutlich, wenn der Prophet Nephi in einer Vision die künftige europäische Kolonisierung Amerikas schaut. Wobei die damit verbundenen Verbrechen und Gewalttaten göttlichen Segen erhalten.
And it came to pass that I beheld many multitudes of the Gentiles upon the land of promise; and I beheld the wrath of God, that it was upon the seed of my brethren [den Lamaniten]; and they were scattered before the Gentiles and were smitten.
And I beheld the Spirit of the Lord, that it was upon the Gentiles, and they did prosper and obtain the land for their inheritance; and I beheld that they were white, and exceedingly fair and beautiful, like unto my people [den Nephiten] before they were slain. (6)
Eine dunkle Hautfarbe als äußeres Zeichen der Verworfenheit eines Volkes zu betrachten, war eine geläufige rassistische Vorstellung der Zeit. Insbesondere im Zusammenhang mit dem sog. "Fluch von Ham", der als religiöse Rechtfertigung für die Sklaverei in den Südstaaten verwendet wurde – auch von mormonischen Autoritäten (7). Im Fall der Lamaniten kommen aber noch einige spezifischere Elemente hinzu. 
Es ist sicher kein Zufall, dass sie als "an idle people" bezeichnet werden, während es von den Nephiten ausdrücklich heißt: "I, Nephi, did cause my people to be industrious, and to labor with their hands." (2 Nephi 5, 17) Die indigenen Völker als "faul" oder "träge" zu bezeichnen, war unter den europäischen Kolonisatoren ziemlich weit verbreitet. Verantwortlich dafür war nicht einfach bloß irgendeine Idee von "weißer Überlegenheit", sondern das Aufeinanderprallen zweier grundverschiedener Gesellschaftssysteme und der auf ihrer Basis erwachsenen Lebensweisen und Wertvorstellungen. Der auf dem Privateigentum basierende Siedler-Kapitalismus auf der einen, die auf unterschiedlichen Formen des Stammeseigentums basierenden indigenen Gesellschaften andererseits. Das äußerte sich auch in der jeweiligen "Arbeitsmoral". Die vom Protestantismus mit religiösen Weihen versehene bürgerliche Grundtugend des "Fleißes", d.h. des "geregelten", disziplinierten "Arbeitstages", musste vor allem den Jäger- und Sammlervölkern fremd sein, einfach weil sie in ihrer Welt keinen Sinn machte. (8)
 
Dass der weiße Siedlerrassismus der Gesellschaft, in der Joseph Smith aufgewachsen war, Eingang in seine "Heilige Schrift" fand, ist vielleicht nicht so verwunderlich. Aber der mormonische Blick auf die Ureinwohner ist durchaus ambivalenter. 
Auf den Lamaniten ruht zwar ein Fluch, aber sie sind zugleich Nachkommen des Auserwählten Volkes. Ihre Wiederaufnahme in die Gnade Gottes wird als eines der zentralen Ereignisse der (nahe bevorstehenden) Endzeit erwartet. Was u.a. die starken Missionsbemühungen und die relativ "tolerante", wenn auch paternalistische Einstellung der frühen Kirche gegenüber den Ureinwohnern erklärt. (9) Als die Mormonen ab 1847 begannen, in Utah einzuwandern, zeigte sich dann allerdings sehr schnell, dass die materielle Dynamik der Kolonisierung stärker war als alle möglichen religiös-ideologischen Vorbehalte. Wie überall an der amerikanischen "Frontier" endete der Zusammenprall der beiden Gesellschaftsformen auch hier mit dem Untergang der indigenen, mit Landraub, Vertreibung, Mord, Hunger, Seuchen und Elend für die eingeborenen Stämme. (10) 
 
Joseph Smiths Nachfolger Brigham Young kodifizierte in seiner Lehre von den "cursed lineages" eine rassistische Hierarchie der "verworfenen Völker". Dabei standen die Lamaniten allerdings immer noch an der Spitze, vor den Juden und den Schwarzen (den Nachfahren Kains). (11) Und ihre künftige Bekehrung blieb auch weiterhin wichtiger Bestandteil der mormonischen Heilsgeschichte. Freilich ist auch diese Vorstellung alles andere als frei vom Rassismus des 19. Jahrhunderts. So wird im Zweiten Buch Nephi prophezeit:
And then shall they rejoice; for they shall know that it is a blessing unto them from the hand of God; and their scales of darkness shall begin to fall from their eyes; and many generations shall not pass away among them, save they shall be a white and a delightsome people. (12)
Wenn eine dunkle Hautfarbe äußeres Anzeichen eines göttlichen Fluches ist, macht es nur Sinn, dass dessen Aufhebung mit der Verwandlung in ein "weißes" Erscheinungsbild einhergeht. Und lange Zeit wurde das in der mormonischen Kirche sehr wörtlich genommen. Wie es 1855 ein Missionar, der unter den Shoshonen am Salmon River in Idaho tätig war, besungen hat:
For we are going to the land of Laman
To plant the Gospel standard there,
To bring them out from degredation
To a people, white and fair. (13)

Vor allem in Reaktion auf die Bürgerrechtsbewegung der 50er & 60er Jahre ist diese wörtliche Interpretation inzwischen zwar aus der Mode gekommen, aber sie stellt doch einen wichtigen Bestandteil mormonischer Tradition dar.

Vor diesem Hintergrund gewinnt Goldmoons " silvery golden hair" doch eine spezielle Bedeutung.
Dass die "Plains People" nach dem Vorbild der amerikanischen Ureinwohner gezeichnet sind, steht außer Frage. Und der Umstand, dass die Stämme ständig im Kampf miteinander liegen, verweist gleichfalls auf die Lamaniten: "And behold also, the Lamanites are at war one with another; and the whole face of this land is one continual round of murder and bloodshed; and no one knoweth the end of the war" (Mormon 8, 8). Doch gleichzeitig kommt von ihnen das Heil. Die Figur des stolzen, verschlossenen und wenig gesprächigen Riverwind lässt unschwer gewisse Züge des "edlen Wilden" erkennen. Ein Klischee, das auch in der Frühzeit des Mormonismus seine Rolle bei der Herausbildung des ambivalenten Lamaniten-Bildes gespielt hatte. Aber zugleich ist er ein Pariah unter seinem eigenen Volk. Denn wie Goldmoon erzählt:
Riverwind's familiy was cast out of our tribe years ago for refusing to worship our ancestors- His grandfather believed in ancient gods who existed before the Cataclysm, though he could find little evidence of them left on Krynn. (14) 
Man könnte seine Familie durchaus mit Lamaniten vergleichen, die dem allgemein in Vergessenheit geratenenen "wahren Glauben" ihrer Vorväter auch in der Zeit der Gottferne die Treue gehalten haben. Und er selbst wird sogar beinah zum Märtyrer, als der Stamm ihn steinigen will, und nur göttliche Intervention ihm das Leben rettet.
Dennoch ist es nicht er, sondern Goldmoon, die am Ende zur ersten "wahren Klerikerin" seit dem Cataclysm wird, nachdem sie sich selbst geopfert hat und von den Göttern ins Leben zurückgeschickt wurde. Durch sie kehrt der "wahre Glaube" in die Welt zurück. Ist es da so abwegig, ihr auffällig "weißes" Erscheinungsbild mit den mormonischen Vorstellungen von der Wiederaufnahme der Lamaniten in die Gnade Gottes zu verknüpfen?
 
Allerdings behält Goldmoon ihre religiöse Führungsrolle nicht lange bei. Sobald die Gefährten die versklavte Bevölkerung von Abanasinia aus der Festung Pax Tharkas befreit haben, tritt Graubart Elistan an die Spitze. Er wird der eigentliche Neubegründer der "Kirche" und bleibt bis in die Legends - Bücher hinein ihr Oberhaupt. Um noch einmal The Art of the Dragonlance Saga zu zitieren:
He was seen as Krynn's answer to Moses, leading the people from their bondage under the evil Verminaard to freedom and the discovery of the true gods. Therefore, it was not unusual that the design team pictured him looking like Charlton Heston! (13)  
Den eigentlichen Exodus, die "Wanderung durch die Wüste", bekommen wir in den Romanen nicht zu sehen. Dragons of Autumn Twilight endet mit der Flucht aus Pax Tharkas und Dragons of Winter Night setzt erst im Zwergenreich von Thorbardin wieder ein. Die dazwischen liegenden Ereignisse werden nur in der RPG-Kampagne (dem Modul Dragons of Hope) genauer abgehandelt. Aber das Motiv des "Auszugs aus der Gefangenschaft" findet sich schon in Larry Elmores frühester Concept Art, war also sicher zentral für den ursprünglichen Storyentwurf.
Meines Erachtens sollte man dabei aber nicht nur an den biblischen Exodus denken, sondern auch an dessen historisch-mythisches Reenactment durch die frühen Mormonen. Der 1846 einsetzende Auszug der Gemeinde aus Nauvoo (Illinois) nach Westen und die anschließende Kolonisierung von Utah nahm in der kollektiven Erinnerung der Gläubigen nämlich die Gestalt einer zweiten "Wüstenwanderung" an, wobei Brigham Young als "Prophet" der Kirche die Rolle des Moses spielte. 
 
Weniger bedeutungsschwer und sehr viel kurioser ist schließlich noch der Fall der "Glasses of Arcanist", einer magischen Brille, die der Kender Tasslehoff Burrfoot in Thorbardin mitgehen lässt und mit der man fremde Sprachen und Schriftzeichen lesen kann. Klingt wie ein typisches RPG-Fantasy-Gimmick, aber der gute Joseph Smith besaß ein ganz ähnliches Artfakt – nach alltestamentarischem Vorbild "Urim & Thummim" genannt –, mit dessen Hilfe er die in "reformiertem Ägyptisch" verfassten Inschriften auf den "Goldenen Platten" gelesen und in das Book of Mormon übersetzt haben soll. Smith war tief verwurzelt in den volksmagischen Traditionen seines Heimatmilieus, und die haben vor allem in der Frühzeit der mormonischen Bewegung deutliche Spuren hinterlassen. "Urim & Thummim" etwa waren die religiös aufgepeppten Nachfolger der "Seer Stones", mit deren Hilfe der künftige Prophet zuvor (ganz professionell!) nach verborgenen Schätzen wie einer verlorenen spanischen Goldmine gesucht hatte ...
 
Nach all dem stellt sich natürlich die Frage, ob Dragonlance nicht nur solche motivischen Anklänge enthält, sondern auch in seinem Gehalt entsprechende Ideen und Wertvorstellungen widerspiegelt.
 
Ich muss gestehen, dass ich die Chronicles in diesem Leben vermutlich nicht noch einmal ganz lesen werde. Weshalb ich auch keine wirklich fundierte Antwort auf diese Frage geben kann. Allerdings habe ich mir vor einiger Zeit mal wieder die (ziemlich dröge) Animationsverfilmung von Dragons of Autumn Twilight aus dem Jahr 2008 angeschaut. (16) Dabei ist mir (erneut) aufgefallen, was für eine zentrale Rolle vor allem gegen Ende das "Vertrauen in die göttlichen Mächte" spielt. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass das in den Büchern ähnlich aufdringlich gewesen wäre. 
Der einzige Punkt, bei dem ich das deutliche Gefühl habe, einen religiös-konservativen Vibe herauszuspüren, ist die Art, in der die Bücher mit Sex und Sexualität umgehen. Besonders deutlich wird das für mich in der Figur Kitiaras. Aber da wir dieses Thema auch in unserer gemeinsamen Gesprächsrunde anschneiden werden, will ich mich hier auf ein anderes, leicht bizarres Beispiel aus Dragons of Autumn Twilight beschränken. Es gibt da nämlich diese kurze Szene, in der Goldmoon plötzlich eine kleine "Kein Sex for der Ehe" - Predigt hält.
Tika und Caramon, die dabei sind ein Paar zu werden, haben sich von Leidenschaft überwältigt beinah gemeinsam in die Büsche geschlagen. Als Goldmoon das mitbekommt, hält sie es für ihre Pflicht, den Krieger beiseite zu nehmen und ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden. Sie klärt ihn darüber auf, dass das ehemalige Schankmädchen in Wahrheit noch sehr unerfahren und unsicher sei und er sie deshalb auf gar keinen Fall drängen dürfe:    
She's frightened, Caramon. She's heard a lot of stories. Don't rush her. She desperately wants approval from you. and she might do anything to win it. But don't let her use that as reason to do something she'll regret later. If you truly love her, time will prove it and enhance the moment's sweetness.
Für sich genommen vielleicht gar kein so schlechter Ratschlag. Aber das Gespräch erhält eine deutlich moralistische Wendung, wenn Goldmoon erklärt, dass auch sie und Riverwind, trotz ihrer bereits sehr viel längeren Beziehung, noch keinen Sex gehabt hätten, und das auch gut und richtig so sei.
We have waited long, and sometimes the pain is unbearable. But the law of my people are strict. [...] When our vows are spoken, we will lie together as man and wife. Not until then. (17) 
Ich kann mich nicht erinnern, dass diese kurze Unterhaltung für den weiteren Handlungsverlauf oder die Entwicklung der Figuren irgendwie von Relevanz gewesen wäre. Was den Eindruck verstärkt, dass wir es dabei in Wirklichkeit mit einer moralischen Message an die jugendliche Leserschaft der Bücher zu tun haben. 
 
Zum Abschluss wollen wir dann doch noch einen kurzen Blick in die Legends werfen. Denn wenigstens ein Motiv gibt es auch dort, das mir zumindest mormonisch angehaucht erscheint – der Kingpriest of Istar.
Eine ebenso mächtige wie korrumpierte Kirche, die quasi nach politischer Weltherrschaft strebt, in deren Reihen Frömmigkeit durch den Glauben an die "falschen Götter" "money, power, ambition" ersetzt wurde, und an deren Spitze jemand steht, der sich selbst für Paladines "true representative on Krynn" hält. (18) – woran könnte einen das erinnern? 
Wie bereits erwähnt beschreibt das Erste Buch Nephi in Form einer Vision die mormonische Interpretation der Geschichte Amerikas. Eine wichtige Rolle spielt dabei die "great and abominable church": "She had dominion over all the earth, among all nations, kindreds, tongues, and people." (1 Nephi 14, 11) Prunk und materieller Reichtum sind ihr äußeres Erkennungszeichen: "And I also saw gold, and silver, and silks, and scarlets, and fine-twined linen, and all manner of precious clothing; and I saw many harlots." (1 Nephi 13, 7) Vor ihrer unterdrückerischen Herrschaft fliehen die Frommen unter den "Heiden" an die Gestade des neuen Gelobten Landes. 
Dass Joseph Smith hier an die antikatholische Polemik der Reformationszeit und die Traditionen der "Pilgerväter" und anderer früher Kolonisatoren anknüpfte, ist unschwer zu erkennen. Dazu gehört auch der Rückgriff auf die Bilderwelt der Johannesapokalypse, wenn die "böse Kirche" mit der Hure Babylon identifiziert wird: "that great church, which is the mother of abominations; and she is the whore of all the earth." (1 Nephi 14, 10).
Ist es zu weit hergeholt, wenn man in der Gestalt des Kingpriest Anklänge an dieses reformatorisch-mormonische Bild von Papsttum und Katholischer Kirche erkennt?
Einen entscheidenden Unterschied gibt es freilich: Die "great and abominable church" ist die Kirche Satans, die sich hauptsächlich damit beschäftigt, die "Heiligen" zu verfolgen und zu ermorden. Auch das natürlich gute alte Tradition, war es in der Reformationszeit doch üblich gewesen, den Papst mit dem Antichrist zu identifizieren. Der Kingpriest hingegen ist trotz seiner Verblendung ein Vertreter des "Guten", kein heimlicher Anhänger der Queen of Darkness. Die Hybris und der Fall Istars sollen ja gerade vor Augen führen, was passiert, wenn das kosmische Pendel zu stark in die "gute" Richtung ausschlägt.
 
Womit wir erneut beim Gut-Böse-Dualismus der ursprünglichen Dragonlance - Saga angekommen wären. Was vielleicht gar kein so schlechter Übergang zu Alessandras "Kanonenfutter"-Beitrag ist, den ihr dann am Mittwoch werdet lesen können.


(1) Mit Wilum H. Pugmire habe ich mich hier vor Zeiten schon einmal mt einem phantastischen Schriftsteller beschäftigt, dessen Beziehung zum Mormonismus sehr konfliktreich war, auch wenn er am Ende seines Lebens in den Schoß der Kirche zurückkehrte.

(2) In der deutschen Übersetzung wird das quasi-apokalyptische Ereignis, bei dem ein riesiger Flammenberg auf die Metropole von Istar herabgestürzt ist, offenbar "Umwälzung" genannt, was für meinen Geschmack denn doch etwas zu harmlos klingt.

(3) Mary Kirchoff: The Art of the Dragonlance Saga. S. 42.

(4) 2 Nephi 5, 21 & 24

(5) Mormon 5, 15

(6) 1 Nephi 13, 14/15

(7) Joseph Smith verwendete dieses Argument erstmals 1836, als er in einem Artikel klar Stellung gegen den Abolitionismus bezog, für den er früher gewisse Sympathien gehegt hatte. Wohl eine politisch motivierte Kehrtwende. Dieselbe Rechtfertigung wurde später auch von Brigham Young verwendet, unter dessen Führung Utah zu einem Sklavenhalterstaat wurde.  

(8) Die grundlegende Bedeutung der unterschiedlichen Eigentumsformen wurde von US-Beamten der Zeit immer wieder ganz offen ausgesprochen. So erklärte z.B. Indian Commissioner T.J. Morgan, das „Gemeineigentum an einem allzu großen Teil des Landes“ sei eine der „schädlichsten und verderblichsten Ursachen, die es den Indianern unmöglich machen, die Wohltaten der Zivilisation zu begreifen“, da sich daraus für sie die „Möglichkeit [ergebe] das von ihnen so geliebte Vagabundenleben zu führen, und die Unmöglichkeit, sich mit dem Privateigentum vertraut zu machen.“ (Zit. nach: Eric Hobsbawm: Europäische Revolutionen. S. 295). Und Commissioner John H. Oberly verurteilte lautstark den "degrading communism" des Stammeseigentums. Nur dessen Zerschlagung und die Parzellierung des Landes werde den Ureinwohnern die Möglichkeit eröffnen, den "exalting egotism of American civilization" nachzuahmen, "so that he will say ‘I’ instead of ‘We,’ and 'This is mine,’ instead of 'This is ours.’“ (Zit. nach: Theodore W. Allen: The Invention of the White Race. Volume 1: Racial Oppression and Social Control. S. 38).

(9) Vgl: Kaleb C. Miner: "O Stop and Tell Me, Red Man": Indian Removal and the Lamanite Mission of 1830-31.

(10) Vgl.: Howard A. Christy: Open Hand and Mailed Fist: Mormon-Indian Relations in Utah 1847-1852. In: Utah Historical Quarterly. Vol. 46, Nr. 3. S. 216-35.

(11) Vgl.: Arnold H. Green: Gathering and Election: Israelite Descent and Universalism in Mormon Discourse. In: Journal of Mormon History. Vol. 25, No, 1 (1999). S. 204-07. Ab den 1880er Jahren wurde die Idee der "cursed lineages" von einigen mormonischen Denkern zusätzlich mit zeitgenössischen rassistischen Theorien wie dem sog. "Anglo-Israelism" verknüpft, der die Überlegenheit der "angelsächsischen Rasse" aus ihrer vermeintlichen Abstammung vom Volk Israel ableitete. Solche Ideen blieben bis weit ins 20. Jahrhundert in den Reihen der Kirche virulent.

(12) 2 Nephi 30, 6. Seit 1981 ist in allen offiziellen Ausgaben des Buches Mormon "white" durch "pure" ersetzt worden, im Einklang mit einer überarbeiteten Fassung, die Joseph Smith selbst 1840 herausgegeben hatte.

(13) Zit, nach: Stanley J. Thayne: The Blood of Father Lehi: Indigenous Americans and the Book of Mormon.  S. 204.

(14) Margaret Weis & Tracy Hickman: Dragons of Autumn Twilight. S. 76.

(15) Mary Kirchoff: The Art of the Dragonlance Saga. S. 102.

(16) Hatte ganz vergessen, dass Goldmoon von Lucy Lawless gesprochen wird. Macht den Film aber leider auch nicht besser ...

(17) Margaret Weis & Tracy Hickman: Dragons of Autumn Twilight. S. 356/57.

(18) Margaret Weis & Tracy Hickman: Time of the Twins. S. 368; 371.