"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Posts mit dem Label clark ashton smith werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label clark ashton smith werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 12. September 2019

Der Lockruf der Singenden Flamme

Take one step across the threshold of his stories
and you plunge into color, sound, taste, smell, 
and texture into language.

Kurzgeschichten und Phantastik – zwischen den beiden besteht eine altehrwürdige Verbindung. Und dabei denke ich jetzt gar nicht einmal in erster Linie an die Pulp-Magazine der 30er/40er Jahre, die für die Entwicklung von Science Fiction, Fantasy und Horror eine so wichtige Rolle gespielt haben. Zumal in denen ja durchaus auch längere Texte in serialisierter Form erschienen – in Anknüpfung an eine Tradition, die u.a. auf die britischen "Penny Dreadfuls" des 19. Jahrhunderts zurückgeht. (1)  Die Verbindung reicht meiner Ansicht nach sehr viel weiter zurück. Oder ist es bloß ein Zufall, dass mit Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann zwei der größten Ahnherren der "Weird Fiction" zugleich Meister der Kurzgeschichte waren?

Als mich die gute Meara Finnegan vor einiger Zeit einlud, mich mit einem Artikel an ihrem "Kurzgeschichten-Festival" (#KGFestival) zu beteiligen, war mir sofort klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen sollte, einmal wieder einen Künstler zu feiern, dessen Werk ich zutiefst liebe und bewundere, auf den ich hier aber vielleicht gerade deshalb viel zu selten zu sprechen komme den wunderbar eigenwilligen Clark Ashton Smith.
Weniger sicher war ich mir, welche seiner Kurzgeschichten ich vorstellen sollte. Nach einigem hin und her habe ich mich für die erstmals 1931 in Wonder Stories veröffentlichte City of the Singing Flame entschieden. Nicht nur wegen ihrer atemberaubenden sprachlichen Schönheit, sondern auch, weil sie zu Klarkash-Tons berühmtesten Werken gehört, und darum vielleicht ein ganz gutes Lockmittel sein könnte, um Leserinnen und Leser dieses Beitrags, die den Barden von Auburn noch nicht kennen, dazu zu verführen, einmal eine seiner Geschichten zur Hand zu nehmen.

Zu den zahlreichen Verehrern von The City of the Singing Flame gehörten so bekannte phantastische Schriftsteller wie Ray Bradbury, Harlan Ellison und Fritz Leiber. Bradbury hat einmal erklärt, diese Story und Master of the Asteroid "were important to my being stimulated into becoming a writer". Und sie dürfte es vor allem gewesen sein, an die er dachte, wenn er von Smith sagte: "[He] filled my mind with incredible worlds, impossibly beautiful cities, and still more fantastic creatures on those worlds and in those cities." Harlan Ellison ging noch weiter. Seine erste Begegnung mit The City of the Singing Flame in dem von August Derleth herausgegebenen Band The Other Side of the Moon im März 1949 sei das Erlebnis gewesen, das ihn zu einem SF-Autor machte: "Almost immediately, I began writing fantasy and science fiction. Within a year or two I was deeply enmeshed in the writing in the field [...] I owe the greatest of debts to Clark Ashton Smith, for he truly opened up the universe for me." Fritz Leiber wiederum, der Smith als "sui generis, one of the most uninfluenced and original writers I know of" feierte, liebte diese spezielle Geschichte vor allem deswegen so sehr, weil sie "shows a passionate concern for life battling doom which is absent from most of the tales, where Smith is simply the devoted chronicler of death".

Das sind doch recht überzeugende Empfehlungen, oder? Doch bevor wir uns der Story selbst zuwenden, wollen wir noch rasch einen kurzen Blick  auf ihre Vorgeschichte werfen.

Im Juli 1927 organisierte Genevieve K. Sully für ihren guten Freund Clark Ashton Smith einen gemeinsamen Campingtrip in die Region von Donner Peak und Summit. Dabei unternahmen sie auch einen Tagesausflug auf die Anhöhe von Crater Ridge. Es war Smiths erster Besuch dieser Gegend und die Landschaft machte ganz offensichtlich einen tiefen Eindruck auf ihn. Wie es Genevieve K. Sully später einmal geschildert hat: 
After a few days of short walk, we proposed a longer walk - to Crater Ridge - where we had gone many times in the past, but now we were going with a companion who came under a spell of strange thought, transforming the scene in to a foreboding and grotesque landscape, [...] Clark wondered about amongst the boulders, studying the rocks and general terrain. We could all see that he was deeply effected by the place.
Dichter und CAS-Experte Donald Sidney-Fryer schreibt, Smith habe an diesem Tag auf dem Crater Ridge "a profound imaginative experience" gehabt, Jonathan Vos Post spricht gar von einem "mystical, transcendental experience". Gut möglich, dass dieses Erlebnis der Same war, aus dem später The City of the Singing Flame erwachsen sollte.

Auf demselben Ausflug unterbreitete Genevieve K. Sully ihrem Freund die Idee, dass er doch einmal versuchen könnte, einige seiner phantastischen Geschichten an die Pulpmagazine zu verkaufen. Bislang beruhte sein literarischer Ruhm ausschließlich auf seinem dichterischen Werk. Zwar war im April des Vorjahres mit The Abominations of Yondo eine Story von ihm im Overland Monthly abgedruckt worden, aber wie sich sehr schnell gezeigt hatte, war die Leserschaft des altehrwürdigen kalifornischen Literaturmagazins kaum das richtige Publikum für Smiths Art von phantastischer Literatur. Wie es sein alter Mentor, der seinerzeit sehr berühmte Décadence-Dichter George Sterling, ausgedrückt hatte: "Your 'Yondo' awoke many protests from the mentally infirm." (2) Publikationen wie Weird Tales wären da möglicherweise eine geeignetere Heimat. Vor allem jedoch könnte Smith auf diese Weise vielleicht zu etwas dringend benötigtem Geld gelangen, ohne sich weiter in irgendwelchen Gelegenheitsjobs aufreiben zu müssen. (3)
Er nahm sich den Ratschlag seiner Freundin zu Herzen, und im September 1928 erschien mit The Ninth Skeleton seine erste Kurzgeschichte im "Unique Magazine". Mit dem Anbruch der Großen Depression wurde es noch wichtiger, eine  einigermaßen regelmäßige Einnahmequelle zu finden, zumal Smith nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine invaliden Eltern aufkommen musste. Er begann, in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Geschichte nach der anderen zu Papier zu bringen, ohne dabei je irgendwelche qualitativen Zugeständnisse zu machen. Weird Tales sollte sein wichtigster Abnehmer bleiben, aber 1930 gelang es ihm mit Marooned in Andromeda dann auch auf die Seiten von Hugo Gernsbacks Wonder Stories vorzustoßen und sich einen zweiten Markt zu erschließen.

Smith kehrte über die Jahre immer mal wieder auf den Crater Ridge zurück, u.a. um dort besonders bizarr geformte Steine zu sammeln. Einen von diesen schickte er im Herbst 1930 an H.P. Lovecraft, mit dem er seit 1922 eine umfangreiche Korrespondenz unterhielt.
Before long you will receive the primordial stone statuette of an unknown deity which I found  while  in the mountains,  on what is known as Crater Ridge, a long, barren, rock-strewn hill with a little lake of unfathomable depth lying almost in its crest. Geologists say that the lake is not an extinct volcano, nor the ridge of volcanic origin; but the whole locality is so scoriac in its appearance that I don't believe them. Many of the smaller stones are extremely fantastic in form. Mrs. Sully found one that was reminiscent of a small Aztec idol! She calls it Tsathoggua, and refuses to give it up! (4)
Der alte Gentleman von Providence war von diesem Geschenk so angetan, dass ein gemeinsamer Besuch der Anhöhe "[to walk] amongst the prehuman reliquiae" (5) für ihn ganz oben auf der Wunschliste stand, falls es ihm je gelingen sollte, seinen Freund in Kalifornien zu besuchen {was ihm leider nicht vergönnt war}. 
Dennis Rickard stellt außerdem die These auf, diese Steine könnten die erste Inspiration für Smiths späteres bildhauerisches Schaffen gewesen sein.

Dass Crater Ridge eine besondere Bedeutung für Clark Ashton Smith hatte, steht also außer Zweifel. Und so überrascht es nicht, dass er die Erhebung in The City of the Singing Flame mit jener großen Sehnsucht verknüpfte, die er in einem Brief an Lovecraft einmal so beschrieben hatte:
[A] wild aspiration toward the unknown, the uncharted, the exotic, the utterly strange und ultra-terrestrial. And this aspiration, as I know with a fatal foreknowledge, could never be satisfied by anything on earth or in actual life, but only through dream-ventures such as those in my poems, paintings and stories. (6)
Die Erzählung beginnt mit einem kurzen Vorwort aus der Feder eines gewissen Philip Hastane, in dem dieser vom mysteriösen Verschwinden seines Freundes, des Schriftstellers Giles Angarth, und des Malers Felix Ebbonly berichtet. Die beiden scheinen seit eines gemeinsamen Aufenthaltes  in den Sierras wie vom Erdboden verschluckt. In der Hütte, die Angarth gemietet hatte, wurde zwar ein an Hastane addressiertes Päckchen gefunden, doch die darin befindlichen Aufzeichnungen des Schriftstellers lesen sich zu fantastisch, um Ernst genommen zu werden. Oder vielleicht doch nicht?
Angarth berichtet von einem Besuch des Crater Ridge. Die Schilderung lässt deutlich die besondere Liebe spüren, die Smith für diese menschenleere und bizarre Landschaft empfand:
I had gone for a walk on Crater Ridge, which lies a mile or less to the north of my cabin near Summit. Though differing markedly in its character from the usual landscapes round about, it is one of my favorite places. It is exceptionally bare and desolate, with little more in the way of vegetation than mountain sunflowers, wild currant bushes, and a few sturdy, wind-warped pines and supple tamaracks.
Geologists deny it a volcanic origin; yet its outcroppings of rough, nodular stone and enormous rubble-heaps have all the air of scoriac remains  at least, to my non-scientific eye. They look like the slag and refuse of Cyclopean furnaces, poured out in pre-human years, to cool and harden into shapes of limitless grotesquerie.
Among them are stones that suggest the fragments of primordial bas-reliefs, or small prehistoric idols and figurines; and others that seem to have been graven with lost letters of an indecipherable script. Unexpectedly, there is a little tarn lying on one end of the long, dry Ridge  a tarn that has never been fathomed. The hill is an odd interlude among the granite sheets and crags, and the fir-clothed ravines and valleys of this region.
It was a clear, windless morning, and I paused often to view the magnificent perspectives of varied scenery that were visible on every hand  the titan battlements of Castle Peak; the rude masses of Donner Peak, with its dividing pass of hemlocks; the remote, luminous blue of the Nevada Mountains, and the soft green of willows in the valley at my feet. It was an aloof, silent world, and I heard no sound other than the dry, crackling noise of cicadas among the currant-bushes.
Bei seinem Umherwandern entdeckt Angarth zwei merkwürdige Felsbrocken, die ihn an die Fundamente uralter, längst zerfallener Säulen erinnern. Als er in den Raum zwischen ihnen tritt, stürzt er in eine Art interdimensionalen Vortex und findet sich in einer fremdartigen Parallelwelt wieder. In einigen Meilen Entfernung erblickt er die Silhouette einer titanischen Stadt:
Wall on beetling wall, spire on giant spire, it soared to confront the heavens, maintaining everywhere the severe and solemn lines of a rectilinear architecture. It seemed to overwhelm and crush down the beholder with its stern and crag-like imminence.
Angarth durchlebt eine wilde Mixtur von Emotionen: Verwirrung, Verlorenheit, Angst. Doch zugleich übt der Anblick der Stadt eine seltsame, ihm selbst unverständliche Anziehungskraft "an obscure but profound allurement" auf ihn aus. Aber der stärkste Impuls bleibt vorerst, einen Weg zurück in die eigene Welt zu finden. Was sich als nicht besonders schwierig erweist, wird das unsichtbare Tor zwischen den Dimensionen auf dieser Seite doch von zwei mächtigen Säulen flankiert. Allerdings wird das Verlangen, die fremde Welt erneut zu besuchen, in den folgenden Tagen immer heftiger. Schließlich gibt Angarth dem nach und macht sich diesmal in Richtung der gigantischen Stadt auf. In einem fremdartigen Wald stößt er auf eine aus riesigen Steinplatten gebildete Straße und beobachtet eine Gruppe bizarrer Wesen, deren Ziel offensichtlich gleichfalls die geheimnisvolle Metropole ist. Noch  ist er zu ängstlich, um sich ihnen zu zeigen. Wenig später glaubt er erstmals eine eigenartige Musik zu vernehmen, die aus der Ferne an sein Ohr dringt:
It was faint and far-off, and seemed to emanate from the very heart of the Titan city. The melody was piercingly sweet, and resembled at times the singing of some voluptuous feminine voice. However, no human voice could have possessed that unearthly pitch, the shrill, perpetually sustained notes that somehow suggested the light of remote worlds and stars translated into sound.
Ordinarily, I am not very sensitive to music; I have even been reproached for not reacting more strongly to it. But I had not gone much farther when I realized the peculiar mental and emotional spell which the far-off sound was beginning to exert upon me. There was a siren-like allurement which drew me on, forgetful of the strangeness and potential perils of my situation; and I felt a slow, drug-like intoxication of brain and senses.
In some insidious manner, I know not how nor why, the music conveyed the ideas of vast but attainable space and altitude, of superhuman freedom and exultation; and it seemed to promise all the impossible splendors of which my imagination has vaguely dreamt....
Angarth gelangt bis in Sichtweite der Stadtmauern, doch die unirdische Musik, deren Wirkung um so stärker wird, je näher er ihrer Quelle kommt, erscheint ihm ebenso bedrohlich wie verführerisch. Und so reißt er sich unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft los und flieht zurück in unsere Realität.
Aber offensichtlich ist er nicht in der Lage, den Zauber dieses Sirenengesangs vollständig abzuschütteln. Erneut macht er sich zu der Stadt auf, wenn auch bewaffnet mit "some cotton-wadding with which to stuff my ears if it should affect me too strongly." Diesmal durchschreitet er ihre Tore, wandert durch ihre Straßen. Natürlich kann er sich nun nicht länger vor den Bewohnern der  fremden Dimension verborgen halten, doch ignorieren ihn diese weitgehend. Schnell registriert er, das es zwei Gruppen von ihnen gibt. Die eine besteht aus Besuchern oder Pilgern, die andere aus den eigentlichen Bewohnern der Stadt. Die letzteren scheinen nicht von der Musik beeinflusst zu werden {möglicherweise besitzen sie überhaupt keinen Gehörsinn}, die ersteren folgen, wie Angarth selbst, den lockenden Klängen zielstrebig ins Zentrum der Metropole. Dort erwartet sie ein gewaltiger Tempel und in ihm die Quelle der überirdischen Musik: Eine gewaltige, grün flackernde Flammenfontäne. Inzwischen hat Angarth seine Ohrstöpsel zum Einsatz gebracht, dennoch ist der Lockruf der Singenden Flamme schier übermächtig:
There are no words to convey the incomprehensible wonder of it all. And the music? I have utterly failed to describe that, also. It was as if some marvelous elixir had been turned into sound-waves an elixir conferring the gift of superhuman life, and the high, magnificent dreams which are dreamt by the Immortals. [...]
The music mounted with the flame; and I understood, now, its recurrent ebb and flow. As I looked and listened, a mad thought was born in my mind the thought of how marvelous and ecstatical it would be to run forward and leap headlong into the singing fire. The music seemed to tell me that I should find in that moment of flaring dissolution all the delight and triumph, all the splendor and exaltation it had promised from afar. It besought me; it pleaded with tones of supernal melody, and despite the wadding in my ears, the seduction was well-nigh irresistible.  
Und tatsächlich werfen sich viele der in Ekstase geratenen Pilger in die Flammende Fontäne. Angarth widersteht dem schier übermächtigen Drang und flieht erneut. Doch wie schon beim ersten Mal ist das Verlangen auch diesmal zu groß, als dass er ihm lange widerstehen könnte. Allerdings beschließt er, einen Begleiter und Zeugen mitzunehmen, den Maler Felix Ebbonly. Als die beiden den Schrein der Singenden Flamme erreichen, erliegt Ebbonly ihrem Zauber und springt:
It was too late for me to even think of stopping him, when he ran forward in a series of leaps that were both solemn and frenzied, like the beginnings of some sacerdotal dance, and hurled himself headlong into the flame. The fire enveloped him; it flared up for an instant with a more dazzling greenness, and that was all.
Der geschockte Angarth schleppt sich zwar zurück zum Dimensionentor, doch der letzte Absatz seiner Aufzeichnungen lässt keinen Zweifel über sein letztendliches Schicksal:
I have no longer any will to fight the ever-insistent music which I hear in memory. And there seems to be no reason at all why I should fight it.... Tomorrow, I shall return to the city.
Damit endet die ursprüngliche Geschichte, wie sie in der Juliausgabe 1931 von Wonder Stories zu lesen war.  Vier Monate später erschien in demselben Magazin die Fortsetzung Beyond the Singing Flame. Als Tales of Wonder, Großbritanniens "first-ever proper grown-up Science Fiction magazine", The City of the Singing Flame im März 1940 erneut abdruckte, wurden die beiden Geschichten miteinander verschmolzen, und es ist diese längere Fassung, die man auch auf der exzellenten  Website The Eldritch Dark findet.
Es macht durchaus Sinn, die ursprünglich getrennten Geschichten als eine Einheit zu betrachten, vor allem, da die eigentliche Bedeutung der Singenden Flamme erst in der Fortsetzung klar wird. Dennoch möchte ich schon jetzt ein paar meiner Gedanken darlegen, bevor wir dann abschließend einen kurzen Blick in Beyond the Singing Flame werfen.
 
Andrew Darlington beschreibt die Geschichte als eine "romantically decadent addiction metaphor", und tatsächlich finden sich im Text eine Reihe von Bezügen zu Drogenkonsum. Die Wirkung der Musik wird ausdrücklich als eine "drug-like intoxication of brain and senses" beschrieben, an anderer Stelle ist von "opiate music" die Rede, und Angarth vergleicht sein eigenes Verhalten mit dem eines Mannes "in opium-trance". Dennoch halte ich es für falsch, die Story als "Sucht-Metapher" zu interpretieren. Anders rum wird ein Schuh draus. Die Droge dient als Metapher für eine andere Art von Ekstase. Jene, die Clark Ashton Smith in den Gefilden des gänzlich Fremdartigen, Unirdischen zu finden hoffte, die die phantastische Kunst eröffnet.

Wie er in einem Leserbrief an Amazing Stories schrieb, der im Oktober 1932 veröffentlicht wurde und heute unter dem Titel Fantasy and Human Experience bekannt ist:
Literature can be, and does, many things; and one of its most glorious prerogatives is the exercise of imagination on things that lie beyond human experiencethe adventuring of fantasy into the awful, sublime and infinite cosmos outside the human aquarium.
Schon Jahre zuvor hatte er gegenüber George Sterling erklärt: "[M]y fondest dream is to find a Hyperborea beyond Hyperborea, in the realm of imaginative poetry." (7) Dem Vorwurf des Eskapismus, den ein solches Verlangen vielerorts hervorrufen könnte, begegnete er u.a. mit folgendem Argument:
I've no quarrel with the slogan "art for life's sake", but I think the current definition or delimitation of what constitutes life is worse than ridiculous. Anything that the human imagination can conceive of becomes thereby a part of life, and poetry such as mine, properly considered, is not an "escape", but an extension. (8)
In seiner vollen Radikalität ist das in  diesen Aussagen skizzierte literarische Programm natürlich undurchführbar. Kein Künstler und keine Künstlerin ist in der Lage, etwas zu schaffen, was völlig unabhängig von der menschlichen Erfahrungswirklichkeit ist. Noch die wildesten Phantasmagorien besitzen ihre Basis letztenendes in der materiellen Welt und noch mehr in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der ihre Schöpferin oder ihr Schöpfer lebt und die sie oder ihn geformt hat.
Dennoch glaube ich, dass in dieser Gegenüberstellung von "escape" und "extension" eine tiefe Wahrheit liegt. Indem sie uns mit dem Unirdischen, Bizarren, Grotesken, Fremdartigen konfrontiert, ist die Phantastik in der Lage, unseren Horizont zu erweitern, unsere üblichen Denkmuster, Vorurteile und Sehgewohnheiten zu erschüttern. Sie vermittelt uns ein Gefühl für die unermessliche Vielgestaltigkeit der Welt und des menschlichen Wesens. Ihr wohnt damit etwas Befreiendes und im Besten Sinne Utopisches inne.

H.P. Lovecrafts Mammut-Essay Supernatural Horror in Literature beginnt mit dem berühmten Satz: "The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown." In der Schilderung von Angarths erstem Besuch in der fremden Welt findet sich eine Bemerkung, die eine vergleichbare Sichtweise zum Ausdruck bringt: "I shrank back with man's instinctive recoil before the unknown." Doch der Erzähler von The City of the Singing Flame überwindet diese instinktive Reaktion, die schon bald von einer immer größeren Faszination für das Unbekannte abgelöst wird. Vieles von dem, was Angarth in der fremden Welt sieht, wirkt auf den ersten Blick unheimlich oder verstörend, doch zugleich übt es eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. So erinnert die Stadt in ihren titanischen Dimensionen zwar durchaus an lovecraftsche Schauplätze wie R'lyeh oder die "Mountains of Madness", wirkt nach anfänglicher Verstörtheit auf Angarth aber keineswegs furchteinflößend. Seine Beschreibung ihrer Bewohner enthält außerdem folgende, bedeutungsvolle Passage:
I fear to describe them minutely, for human words would give the idea of something monstrous and uncouth, and these beings are not monstrous, but they have merely developed in obedience to the laws of another evolution than ours; the environmental forces and conditions of a different world. 
Die "Anderen" sind nicht monströs, sie sind bloß "anders". Ein Motiv, das seinen vielleicht humansten Ausdruck in Clark Ashton Smiths Geschichte The Monster of the Prophecy gefunden hat, die ich vor Jahren hier schon einmal besprochen habe.

Smith stand in der Tradition der literarischen Décadence, was auch in The City of the Singing Flame deutlich zu erkennen ist. Die Singende Flamme verkörpert eine Schönheit jenseits der uns bekannten Wirklichkeit, im Vergleich zu der alle menschlichen Kunstwerke bloß wie ein blasser Widerschein wirken, wie in der Geschichte immer wieder betont wird. Dennoch versucht der Text selbst auf den Leser oder die Leserin eine ähnlich rauschhafte Wirkung zu erzielen wie die unirdische Musik der Flamme. Und hierin liegt einer der wichtigsten Gründe, warum ich Clark Ashton Smith so sehr liebe. Auch wenn er phantastische Kurzgeschichten für Pulp-Magazine schrieb, blieb er doch immer in erster Linie Poet. Viele seiner Stories wirken wie überlange Prosagedichte. Manche von ihnen nahmen ihren Ursprung auch tatsächlich als solche. In einem Brief an Lovecraft beschrieb er seine Herangehensweise einmal wie folgt:
My own conscious ideal has been to delude the reader in accepting an impossibility, or series of impossibilities, by means of a sort of verbal black magic, in the achievement of which I make use of prose-rhythm, metaphor, simile, tone-color, counter-point, and other stylistic resources, like a sort of incantation. (9)
Es scheint mir unmöglich, die besondere Schönheit von Smiths kunstvoll gearbeitetem, barock-überbordenen Stil auf adäquate Weise zu beschreiben. Man muss ihn lesen. Am besten laut.  Denn er verfügte über eine ungeheure Sensibilität für die musikalischen Qualitäten der englischen Sprache. 

Dass in The City of the Singing Flame die Sehnsucht nach der wahren Schönheit motivisch mit dem Verlangen nach dem Tod verknüpft wird, geht natürlich gleichfalls auf alte romantische Traditionen zurück. Man lese etwa John Keats wunderbare Ode to a Nightingale. Doch in Beyond the Singing  Flame erhält dieses Motiv eine deutliche Umwandlung. Wenn Philip Hastane schließlich seinem verschwundenen Freund in das Paralleluniversum folgt, zeigt sich nämlich,  dass der Sprung in die Flammenfontäne keineswegs zur eigenen Vernichtung führt, sondern den Übergang in eine noch fremdartigere, quasi-paradiesische Dimension bedeutet, die ihrerseits bloß das "Vorzimmer" noch wundervollerer Sphären darstellt.
Damit erhält die Transzendenz der in der Singenden Flamme verkörperten Schönheit einen noch schärfer akzentuierten Charakter. Man kann dies natürlich auf eine mystisch-religiöse Weise interpretieren, und tatsächlich war Smith, anders als sein Freund Lovecraft, solchen Vorstellungen gegenüber durchaus aufgeschlossen, verglich sein hilfloses Bemühen, die Wunder der durch die Flamme betretenen "Inner Sphere" zu beschreiben, sogar einmal mit Dantes Versuch, in der Divina Comedia das Himmelreich darzustellen. Doch denke ich, dass man nicht gezwungen ist, die Geschichte auf diese Weise zu lesen, ganz gleich, was die bewussten Intentionen des Autors auch gewesen sein mögen. Für mich verdeutlicht die Existenz der "Inneren Sphäre" bloß, dass die ersehnte Schönheit als ein radikaler Gegensatz zur existierenden Wirklichkeit begriffen werden muss. Ihre Transzendenz erhält damit erst recht einen utopischen Charakter. Wobei ich "utopisch" nicht als Synonym für "unerreichbar" verstanden wissen will. Zugleich wird noch einmal die Gemeinsamkeit all jener hervorgehoben, denen es nach der "immense joy and liberation" verlangt, die hier herrschen. So beschreibt Hastane die Wesen, die mit ihm diese neue Welt betreten haben folgendermaßen: 
These beings were strange and outré beyond belief, in their corporeal forms and attributes; and yet I took no thought of their strangeness, but felt toward them the same conviction of fraternity that I felt toward Angarth and Ebbonly.
Clark Ashton Smiths tiefe Sehnsucht nach dem Unirdischen entsprang einem ebenso tiefen Abscheu vor der bürgerlichen Gesellschaft Amerikas, ihrer selbstgefälligen Oberflächlichkeit und ihrem Konformismus. Er sah sich selbst als Pariah in einer Welt, bevölkert von puritanischen Heuchlern, cleveren Geschäftemachern und engstirnigen Spießern. Im Mai 1937 schrieb er in einem Brief an den jungen R.H. Barlow, der zu dieser Zeit mit der Kommunistischen Partei sympathisierte: "My own nature is that of the rebel; if it weren't, I would hardly write, paint and sculpt in the manners I have chosen". (10) Und in  seinem Black Book findet sich  die Notiz: "It is still possible for the free spirit to survive in America, if he can avoid starving to death, and does not mind isolation and obloquy too much. Just how long it will be possible for him to survive is a moot question".
Und so erleben wir in Beyond the Singing Flame wie Ydmos, die Stadt der Singenden Flamme, von jenen Mächten angegriffen und zerstört wird, die die Innere Sphäre hassen "as a thing that lures idle dreamers away from worldly reality. It is regarded as a lethal and pernicious chimera, as a mere poetic dream, or a sort of opium paradise." Als Hastane die fremde Welt betritt, bietet sich ihm der unheimliche und bedrückende Anblick einer zweiten Stadt, die über die Ebene auf die Mauern von Ydmos zuzumarschieren scheint:
I saw in the far distance the shining towers of what seemed to be another city a city of which Angarth had not written. The towers rose in serried lines, reaching for many miles in a curious arclike formation, and were sharply defined against a blackish mass of cloud that had reared behind them and was spreading out on the luminous, amber sky in sullen webs and sinister, crawling filaments.
Subtle disquietude and repulsion seemed to emanate from the far-off, glittering spires, even as attraction emanated from those of the nearer city. I saw them quiver and pulse with an evil light, like living and moving things, through what I assumed to be some refractive trick of the atmosphere. Then, for an instant, the black cloud behind them glowed with dull, angry crimson throughout its whole mass, and even its questing webs and tendrils were turned into lurid threads of fire.
The crimson faded, leaving the cloud inert and lumpish as before; but from many of the vanward towers, lines of red and violet flame had leaped, like out-thrust lances, at the bosom of the plain beneath them. They were held thus for at least a minute, moving slowly across a wide area, before they vanished. In the spaces between the towers, I now perceived a multitude of gleaming, restless particles, like armies of militant atoms, and wondered if perchance they were living things. If the idea had not appeared so fantastical, I could have sworn, even then, that the far city had already changed its position and was advancing toward the other on the plain.
Und so endet die Geschichte in einer völligen Umkehrung des anfänglichen Eindrucks: Die wahre Bedrohung liegt nicht in der verführerischen Macht der Singenden Flamme, sondern in jenen finsteren Mächten, die sie auslöschen wollen.




PS: Deutsche Übersetzungen von The City of the Singing Flame finden sich in dem Suhrkamp - Band Saat aus dem Grabe (1982; Friedrich Polakovics) und im ersten Teil der im Festa-Verlag erschienen Gesammelten Erzählungen (2011; Malte S. Sembten u.a.). Über ihre Qualität kann ich leider nichts aussagen. Die Zitate in diesem Aufsatz wurden sämtlich der auf The Eldritch Dark veröffentlichen Fassung entnommen.  

(1) Der Unterschied ist freilich, dass deren serialisierte "Romane" parallel zu ihrer stückweisen Veröffentlichung geschrieben wurden. Man denke z.B. an solch wild wuchernde Mammutwerke wie Varney the Vampire   

(2) Brief von George Sterling an Clark Ashton Smith [18. April 1926]. In: The Shadow of the Unattained. The Letters of George Sterling and Clark Ashton Smith. S. 271.

(3) Smith hatte in der  Vergangenheit auf Vermittlung Sterlings ab und an finanzielle Unterstützung von irgendwelchen reichen San Franciscoer Kunstmäzenen erhalten, aber diese Quelle war wohl schon seit längerem versiegt. Sterling selbst hatte im November 1926 Selbstmord begangen.

(4) Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [Mitte September 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 120.

(5) Zit. nach: Dennis Rickard: The Carvings of Clark Ashton Smith.

(6)  Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [24.  Oktober 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 127.

(7) Brief von Clark Ashton Smith an George Sterling [4. November 1926]. In: The Shadow of the Unattained. S. 284.

(8) Brief von Clark Ashton Smith an George Sterling [27. Oktober 1926]. In: The Shadow of the Unattained. S. 282f.

(9) Brief von Clark Ashton Smith an H.P. Lovecraft [c. 24.Oktober 1930]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 126.

(10) Brief von Clark Ashton Smith an R.H.Barlow [16.Mai 1937]. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith.S. 301.

Samstag, 10. November 2018

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure (3)

Clark Ashton Smiths Beitrag zur Sword & Sorcery

H.P. Lovecraft, Robert E. Howard und Clark Ashton Smith werden gerne als "die drei Musketiere" von Weird Tales bezeichnet. Was etwas irreführend sein kann, wenn man sich darunter ein in inniger Freundschaft verbundenes Trio vorstellt. Zwar unterhielt der unermüdliche Briefeschreiber Lovecraft eine umfangreiche Korrespondenz sowohl mit Smith als auch mit Howard, und in beiden Fällen lässt sich die Beziehung durchaus als Freundschaft charakterisieren, auch wenn der Briefwechsel mit letzterem stärker von der Auseinandersetzung zwischen zwei zum Teil sehr konträren Weltanschauungen geprägt war. Doch zwischen Howard und Smith entwickelte sich nie mehr als ein sporadischer, unregelmäßiger Austausch von Briefen, von denen sich unglücklicherweise nur eine Handvoll aus der Feder von "Two Gun" Bob erhalten haben.

Die Verbindung zwischen den beiden war durch Lovecrafts Vermittlung entstanden. 
Mit Smith stand der Gentleman von Providence schon seit August 1922 in engem Kontakt, nachdem er einen begeisterten "Fanbrief" an ihn geschrieben hatte, in dem er seine Bewunderung für dessen ersten, 1912 herausgegebenen Lyrikband The Star-Treader and Other Poems zum Ausdruck brachte und andeutete, dass sie offenbar eine gemeinsame Liebe zum Phantastischen, Grotesken und Morbiden verbinde. Relativ schnell hatte sich ein reger und freundschaftlicher Briefwechsel zwischen den beiden entwickelt.
Howard hingegen kam erst acht Jahre später mit Lovecraft in Verbindung. Im Juni 1930 schickte er einen Brief an Weird Tales - Boss Farnsworth Wright, den dieser umgehend an Lovecraft weiterleitete, in dem er The Rats in the Walls mit Lob überschüttete, dabei aber zugleich eine Zeile aus der Erzählung auf kuriose Weise fehlinterpretierte. 
Wenn der Protagonist am Ende dem Wahnsinn zum Opfer fällt, macht er eine atavistische Entwicklung durch, die sich auch in einem Rückfall in ältere Sprachformen manifestiert, erst Altenglisch, dann Gälisch und schließlich undefinierbares Kauderwelsch. Howard maß dem immense Bedeutung bei:
And I note from the fact that Mr. Lovecraft has his character speaking Gaelic instead of Cymric, in denoting the Age of the Druids, that he holds to Lhuyd's theory as to the settling of Britain by the Celts. This theory is not generally agreed to, but I scarcely think it has ever been disproved, and it was upon this that my story "The Lost Race" was based that the Gaelic tribes preceded the Cymric peoples into Britain, by way of Ireland, and were later driven out by them ... (1)
Tatsächlich hatte Lovecraft an nichts dergleichen gedacht, als er die Zeile in seine Erzählung einbaute. Er hatte sie einfach aus einer anderen Geschichte geklaut und hätte den Unterschied zwischen Gälisch und Kymrisch beim besten Willen nicht feststellen können: Wie er später einmal erzählte:
[Howard] instantly spotted the bit of harmless fakery whereby I lifted a Celtic phrase (for use as an atavistic exclamation) from a footnote to an old classic The Sin-Eater, by Fiona McLeod (William Sharp). He didn’t realise the source of the phrase, but his sharp eye for Celtic antiquities told him it didn’t quite fit being a Gaelic (not Cymric) expression assigned to a South British locale. I myself don’t know a word of any Celtic tongue, and never fancied anybody could spot the incongruity. Too charitable to suspect me of ignorant appropriation, he came to the conclusion that I followed a now-discredited theory ... (2)
Um Howards überstürzte Schlussfolgerung richtig einzuschätzen, muss man wissen, dass er sich sehr stark mit den sog. "schwarzen Iren" ("Black Irish") identifizierte, als deren Nachkomme er sich betrachtete, und entsprechend interessiert an allem war, was mit keltischer Geschichte und Kultur zu tun hatte.

Obwohl selbst voller rassistischer Vorurteile gegenüber Schwarzen, Hispanos, Indianern und Asiaten fühlte er sich damit einer Bevölkerungsgruppe verbunden, die nach den auch zu seiner Zeit noch nicht völlig überwundenen Standards des 19. Jahrhunderts als "minderwertig" galt. Es sei daran erinnert, dass Lovecraft, der sich furchtbar viel auf seine vermeintlich "reine", angelsächsische Herkunft einbildete, alles andere als glücklich war, als er erfahren musste, dass eine seiner Ururgroßmütter "a Welsh Gentlewoman of unmixed Celtick blood" gewesen war. (3). Einmal mehr erweist sich Howard damit als eine ziemlich widersprüchliche Persönlichkeit. Einerseits empfand er spontane Sympathie für Underdogs und machte mit Ace Jessel in The Spirit of Tom Molyneaux sogar einen schwarzen Boxer zum Helden einer seiner Stories. (4), andererseits konnte er in bester Ku Klux Klan - Manier die Tugenden der Lynchjustiz besingen. So schrieb er in Bezug auf einen Gerichtsprozess in Honolulu, bei dem einige Hawaiianer der Vergewaltigung bezichtigt wurden: "I know what would have happened to them in Texas.  I don’t know whether an Oriental smells any different than a nigger when he’s roasting, but I’m willing to bet the aroma of scorching hide would have the same chastening effect on his surviving tribesman." (5)
Aber ich schweife schon wieder ab. Mit Howards Rassismus können wir uns ein andermal vielleicht etwas ausführlicher beschäftigen. Jetzt sei dazu nur noch eins gesagt: Das gängige Fanboy-Argument, damals seien halt alle weißen Texaner so gewesen, lasse ich nicht gelten. Ich finde es sogar ein bisschen verleumderisch. Novalyne Price etwa war von den rassistischen Tiraden ihres Verehrers gar nicht angetan.

Nach etwas mehr als einem Jahr regelmäßiger Korrespondenz durfte Robert E. Howard ab Herbst 1931 als ein festes Mitglied des Lovecraft-Zirkels gelten. Sein Name stand auf der Liste der dem Kreis angehörigen Autoren, die sich untereinander ihre neuesten Manuskripte zuschickten, und wie jeder seiner Kameraden erhielt auch er bald eine Reihe von Spitznamen von Lovecraft verpasst, unter denen "Two Gun" Bob der bekannteste wurde. Andere farbenfrohe Titel, die er ihm verlieh, waren z.B. "our Master of Massacre" und "the Terror of the Plains".

Wir wissen nur wenig darüber, was Clark Ashton Smith von den ersten Geschichten Howards hielt, denen er auf den Seiten von Weird Tales begegnete. Der früheste Kommentar, den ich finden konnte, befindet sich in einem Brief an Lovecraft vom Oktober 1930. Es geht dabei um die Bran Mak Morn - Story Kings of the Night, und Smiths Einschätzung ist recht bezeichnend:
I thought the last issue of W.T. rather punk, apart from the verses, the frontispiece decoration by Senf, and one or two fine passages in Howard's tale. I couldn't stomach this last as a whole that bloody battle stuff is so stale that it gives me what Sterling called "the Molossian pip". (6)
Die mitreißende Schilderung von Schwertgeklirr und Kampfgetümmel war nicht unbedingt etwas, das Smiths Interesse wecken konnte. Dennoch war er offenbar recht angetan von den Conan-Stories, die ab Dezember 1932 in Weird Tales erschienen. In einem Brief an August Derleth hob er The Tower of the Elephant lobend hervor. Doch wie ein Eintrag in The Eyrie, der Leserbriefsparte von W.T., in der Aprilausgabe von 1933 belegt, konnte er mit den blutigen Actionszenen nach wie vor nur wenig anfangen:
Howard's The Scarlet Citadel [...] gave me a grand thrill. It seems to me that Howard is improving, that his tales become weirder and more imaginative. The only drawback, from my viewpoint, is the excessive manslaughter. I wish he would write a tale in which the hero isn't always mowing people down in windrows with a double-fisted sword. (7)
Ungefähr zur selben Zeit, als Conan der Cimmerier seine ersten Abenteuer auf den Seiten von Weird Tales durchlebte, muss Howard die kleine Sammlung phantastischer Geschichten The Double Shadow and Other Fantasies erhalten haben, die neben der Titelstory The Voyage of King Euvoran, The Maze of the Enchanter, A Night in Malnéant, The Devotee of Evil und The Willow Landscape enthielt. In einem Brief vom März 1933, der zwar der älteste erhaltene, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der allererste war, schrieb er Clark Ashton Smith:
Dear Mr. Smith:

I hardly know how to thank you for the copy of The Double Shadow. I have read the stories with the most intense interest and appreciation, and hardly know which I like the best. All are magnificent, splendid examples of that poetic prose which is so characteristic of your work. I envy you your rich and vivid style. [...]
I am very glad that you have found the Conan series of interest, and appreciate very much the kind things you said about the yarns. I shall look forward with eager anticipation for The Dark Eidolon and the other stories you mentioned to be published in Weird Tales. Incidentally, your story in the current Weird Tales is splendid.
I am enclosing a check for Ebony and Crystal and would feel most honored if you would write your autograph on the fly page.
Thanking you again for the magnificent Double Shadow, I am,

Most cordially yours,
REH
Howards Begeisterung war nicht geheuchelt. Er bewunderte zutiefst Smiths poetische Meisterschaft der englischen Sprache. Und wie ein im März 1932 erschienener Eyrie - Kommentar andeutet, besaß er wohl auch ein Gefühl für den Geist der smith'schen Erzählungen:. 
Smith's sweep of imagination and fantasy is enthralling, but what captivates me most is the subtle, satiric humor that threads its delicate way through so much of his work a sly humor that equals the more subtle touches of Rabelais and Petronius. (8)    
Nachdem Howard den Lyrikband Ebony and Crystal erhalten hatte, ließ er seiner Bewunderung erneut freien Lauf:
I can hardly find words to express the pleasure I might even say ecstasy with which I have read, and re-read your magnificient Ebony and Crystal. Every line in it is a gem. I could dip into the pages and pick at random, anywhere in the book, image of clarity and depth unsurpassed. I haven't the words to express what I feel, my vocabulary being disgustingly small. But so many of your images stir feeling of such unusual depth and intensity, and bring back half forgotten instincts and emotions with such crystal clearness. (9)
Er begnügte sich nicht mit diesem allgemeinen Lob, sondern griff einzelne Zeilen aus Smiths Gedichten heraus und beschrieb, welche inneren Bilder und welche realen Erinnerungen sie in ihm wachgerufen hatten.
Wie es aussieht, fühlte sich Clark Ashton Smith spätestens jetzt dazu getrieben, seine ursprüngliche Einschätzung Howards zu revidieren. Der Texaner war offenbar mehr als der Verfasser actiongeladener Fantasygeschichten, mit denen er selbst nie hundertprozentig warm hatte werden können. Ende August 1933 schrieb er an August Derleth:
Howard is a rather surprising person, and I think he is more complex, and is also possessed of more literary ability, than I had thought from many of his stories. The Conan tales, in my opinion, are quite in a class by themselves. H. seemed very appreciative of my book of poems, Ebony and Crystal, and evidently understood it as few people have done. (10) 
Der Briefwechsel, der sich von nun an zwischen den beiden entfaltete, blieb wie gesagt unregelmäßig und nahm wohl nie die spielerischen Umgangsformen an, die zwischen Smith und Lovecraft herrschten. Noch Howards letzter Brief vom Juli 1935 beginnt mit der eher förmlichen Anrede "Dear Mr. Smith", und auch wenn dieser ihn in Briefen an Dritte mit Spitznamen wie "the Cimmerian Monarch" belegte, spricht doch nichts dafür, dass er ihn selbst jemals mit ähnlich spaßhaften Titeln angesprochen hätte. Aber die Korrespondenz bestand doch aus mehr als höflichem gegenseitigen Schulterklopfen.
Die beiden tauschten sich über Neuigkeiten auf dem Pulpmarkt aus, wiesen einander auf Magazine hin, bei denen man Manuskripte einreichen könnte, berichteten von veröffentlichten Stories und ausgebliebenen Bezahlungen.
Smith schickte Howard mehrere seiner Zeichnungen.
Sie entdeckten Gemeinsamkeiten in ihrer Skepsis gegenüber dem absoluten Wahrheitsanspruch der modernen Wissenschaft, welcher keiner der beiden so vorbehaltslos ergeben war wie ihr Freund Lovecraft.
Sie unterhielten sich über den wunderlichen William Lumley aus Buffalo, einen Anhänger okkulter Lehren, der mit Lovecraft, Smith, Howard und Henry S. Whitehead korrespondierte, und der von sich behauptete, die halbe Welt bereist und mystische Initiationen erhalten zu haben. Lumley  war felsenfest davon überzeugt, dass der Cthulhu-Mythos auf Wahrheit beruhe. Wie Lovecraft in einem Brief an Smith schrieb:
He is firmly convinced that all our gangyou, Two-Gun Bob, Sony Belknap, Grandpa E’ch-Pi-El, and the rest are genuine agents of unseen Powers in distributing hints too dark and profound for human conception or comprehension. We may think we’re writing fiction, and may even (absurd thought!) disbelieve what we write, but at bottom we are telling the truth in spite of ourselvesserving unwittingly as mouthpieces of Tsathoggua, Crom, Cthulhu, and other pleasant Outside gentry. (11)   
Zu Lumleys fixen Ideen gehörte die Existenz einer vorzeitlichen Rasse von Schlangenmenschen. Ein Motiv, das auch in Howards The Shadow Kingdom und einigen CAS-Stories wie The Double Shadow und The Seven Geases auftaucht. Und auch wenn die beiden dabei sicher nicht von dem alten Exzentriker inspiriert worden waren, musste diese zufällige Übereinstimmung doch ihr Interesse wecken. (12)
Mehr als einmal kam die Sprache auch auf Conan, was nur verständlich ist, zeigte sich Smith von dessen Abenteuern doch weiterhin sehr angetan. In Howards letztem Brief vom Juli 1935 findet sich denn auch folgende berühmte Passage:
It may sound fantastic to link the term "realism" with Conan; but as a matter of fact his supernatural adventures aside he is the most realistic character I ever evolved. He is simply a combination of a number of men I have known, and I think that's why he seemed to step full-grown into my consciousness when I wrote the first yarn of the series. Some mechanism in my sub-consciousness took the dominant characteristics of various prizefighters, gunmen, bootleggers, oil field bullies, gamblers, and honest workmen I had come in contact with, and combining them all, produced the amalgamation I call Conan the Cimmerian. (13)
Howards Selbstmord im Juni 1936 kam natürlich als ein großer Schock für alle seine Freunde und Bekannten. Eine kurze Bemerkung in einem Brief an R.H. Barlow vom Mai 1937 scheint anzudeuten, dass sich Smith erst nach dessen tragischem Tod richtig bewusst geworden war, wieviel die beiden eigentlich gemein hatten. Man ist beinah versucht zu glauben, er trauere der verpassten Chance einer wirklichen Freundschaft nach: 
I believe the late R.E. Howard and I would have had a grand time together lambasting civilization; that is, if I have not been misinformed as to his views. Barbarism, barbaric art, barbaric peoples, appeal more and more to me. I could never live in any modern city, and am more of an "outsider" than HPL. His "outsidedness" was principally in regard to time-period; mine is one of space, too. (14)
In einem kurzen Nachruf in der Dezemberausgabe 1936 von Weird Tales hatte er geschrieben:
It seems hard to realize that Howard's work is at an end, and that a whole world of noble myth and fantasy has perished in his dying. What he has left behind, however, may well outlast many things that have been acclaimed and widley touted as literature. (15)
Zwei Jahrzehnte später begegnen wir Smith als einem Mitglied des 1955 gegründeten REH - Fanclubs Hyborian Legion.  

Nach diesem Überblick über die Beziehung zwischen Clark Ashton Smith und Robert E. Howard sollte klar sein, wonach wir nicht Ausschau halten dürfen, wenn wir im Folgenden versuchen wollen, in Smiths Oeuvre Geschichten ausfindig zu machen, die man der Sword & Sorcery zurechnen könnte: Schwertschwingende Barbaren, die auf blutigen Schlachtfeldern reihenweise die Köpfe rollen lassen. Solche Szenarien waren einfach nicht nach dem Geschmack des Barden von Auburn. Doch das Subgenre ist glücklicherweise ja etwas vielfältiger.

Wie wir in den ersten beiden Beiträgen zu dieser Blogpostreihe gesehen haben, entwickelte sich die Sword & Sorcery aus der historischen Abenteuergeschichte, wie sie u.a. Harold Lamb auf den Seiten von Adventure kultiviert hatte. Deshalb mag es naheliegend erscheinen, sich zuallererst einmal in Smiths Averoigne-Zyklus umzuschauen. Schließlich ist Averoigne die fiktive Provinz eines phantastisch eingefärbten, mal frühneuzeitlichen, mal hochmittelalterlichen Frankreichs, die dort angesiedelten Geschichten besitzen also einen vage "historischen" Hintergrund. Dennoch wäre ich da etwas vorsichtig. Smiths Erzählungen erschienen zwar in Weird Tales, doch anders als Howards Stories stehen sie nicht in der Tradition der Pulps, sondern eher in der der literarischen Décadence. Howard versuchte seinen historischen Abenteuergeschichten eine Art schmutzigen Realismus zu verleihen, Smiths Mittelalter hingegen ist das Mittelalter von Thomas Lovell Beddoes' Death's Jest Book oder George Sterlings Lilith. Als Lovecraft ihn auf einige historische Ungenauigkeiten in The Holiness of Azéderac hinwies, erwiderte er: "I supppose that the fact that I was dealing with a realm no less mythical than Cabell's Poictesme made me doubly careless about correlating its chronology with that of historic Europe." (16) Dementsprechend ist den Geschichten eine dunkel-romantische Atmosphäre eigen, die nicht ganz dem entspricht, was man sich normalerweise unter Sword & Sorcery vorstellt. Nichtsdestotrotz möchte ich kurz auf einige Averoigne-Geschichten hinweisen, die meiner Ansicht nach zumindest eine gewisse Verwandtschaft mit dem Subgenre aufweisen.
Da wäre zuerst einmal A Rendezvous in Averoigne (Weird Tales, April 1931), in der der Troubador Gerard auf dem Weg zu einem Stelldichein mit der Kaufmannstochter Fleurette in den übel beleumundeten Wäldern nahe der Bischofsstadt Vyones unter den Bann eines aristokratischen Vampirpaares gerät. Er verirrt sich in einen gespenstischen, von allgegenwärtigem Verfall gezeichneten Teil des Forstes und gelangt schließlich zu einer ebenso düsteren Burg, wo ihn der dämonische Sieur du Malinbois und seine Chatelaine Agathe erwarten. Und wie er feststellen muss, ist auch Fleurette in die Fänge des untoten Paares geraten. Was ein Glück, dass Gerard zufällig einen Stab aus Weißbuchenholz mit sich führt. Der Plot ist denkbar simpel und wartet mit keinerlei überraschenden Wendungen auf. Wie bei vielen Geschichten von Clark Ashton Smith liegt der Reiz von A Rendezvous in Averoigne weniger in der Handlung oder den Charakteren, als vielmehr in der Atmosphäre und der poetischen Schönheit der Sprache.
Ein ganz klein bisschen mehr Action {und sogar ein magisches Schwert} gibt es in The Enchantress of Sylaire (Weird Tales, Juli 1941). Von seiner Angebeten Dorothée zurückgewiesen und als "Träumer und Verseschmied" verspottet, hat der junge Anselme beschlossen, fürderhin das Leben eines Einsiedlers zu führen. Doch als er eines schönen Morgens der im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernden Sephora begegnet, sind alle verstockten Keuschheitsschwüre und aller verbitterte Frauenhass schnell vergessen, und er folgt ihr in ihr geheimnisvolles andersweltliches Reich Sylaire. Bevor er seine unerwartet gefundene romantisch-leidenschaftliche Liebe in vollen Zügen genießen kann, muss er sich allerdings noch mit dem eifersüchtigen Werwolf Malachie du Marais herumschlagen. Und Dorothée taucht überraschend auch noch einmal auf. Zugegeben, der finale "Kampf" mit dem bösartigen Malachie ist gerade einmal ein halbes Dutzend Zeilen lang. Doch die Geschichte ist in ihrem humorvoll-ironischen Tonfall und mit ihren leicht erotischen Elementen einfach so charmant, dass ich sie unbedingt erwähnt haben wollte.

Wenn man überhaupt bereit ist, eine Verwandtschaft der beiden Stories zur Sword & Sorcery anzuerkennen, dann handelt es sich auf jedenfall um eine ziemlich ferne. Dem Subgenre schon sehr viel näher steht The Colossus of Ylourgne. Die etwas längere Erzählung sollte ursprünglich in Strange Tales erscheinen, über dessen plötzlichen Untergang sich Smith und Howard in ihren ersten Briefen austauschten. Sie erschien schließlich in der Juniausgabe 1934 von Weird Tales.

Der zwergenhafte Nekromant Nathaire und seine zehn Schüler verschwinden auf mysteriöse Weise über Nacht aus Vyones. Die meisten glauben, der Grund für die vermeitnliche "Flucht" sei im verstärkten Eifer der Heiligen Inquisition zu suchen. Nur Nathaires ehemaliger Schüler Gaspard du Nord, der mit seinem Meister gebrochen hat, nachdem ihm das ganze Ausmaß seiner diabolischen Machenschaften bewusst wurde, fühlt sich eher beunruhigt, denn erleichtert. Der alte Teufelsbündler hatte vor Kurzem seinen baldigen Tod in den Sternen gelesen, und Gaspard befürchtet, zuvor werde er noch versuchen, sich am Volk von Averoigne für dessen Spott und Feindseligkeit zu rächen.
Ein paar Monate später kommt es denn auch tatsächlich zu sehr viel beunruhigenderen Ereignissen. Die Leichen all jener frisch Verstorbenen, die durch Unfälle oder Gewalt ums Leben kamen, erwachen plötzlich zu einer zombiehaften Existenz und machen sich schnellst möglich nach Osten auf. Derweil erfasst die Mönche eines einsamen Benediktinerklosters Furcht und Schrecken, als aus der benachbarten Burgruine von Ylourgne plötzlich Nacht für Nacht ein infernalisches Gehämmere an ihre Ohren dringt, während der flackernde Schein eines höllischen Feuers den Horizont erleuchtet. Die frommen Gesellen wähnen bereits die Ankunft des Antichrists gekommen, erst recht, als der aufgebahrte Leichnam eines ihrer Mitbrüder, der sich nach einem etwas zu ausgiebigen Besuch des Weinkellers den Hals gebrochen hat, während der Totenmesse aufspringt und sich Richtung Ylourgne davonmacht. Wenig später erreichen auch die übrigen Lebenden Leichen den Ort. Als sich die beiden mutigsten Brüder aufmachen, um das teuflische Treiben in der Ruine unter die Lupe zu nehmen, stoßen sie dort auf eine Schar von Magiern und Dämonen, die ganz offensichtlich nichts Gutes im Schilde führen. Und bei dem bösartigen Zwerg, der das Kommando führt, handelt es sich zweifelsohne um Nathaire.
Als Gaspard von all dem erfährt, macht er sich auf den Weg nach Ylourgne, um seinen ehemaligen Meister aufzuhalten, was auch immer dieser im Schilde führen mag. Dort angekommen wird er Zeuge einer höchst makabren Zeremonie, in deren Verlauf Nathaire und seine Gehilfen aus dem Fleisch und den Knochen der Toten einen riesenhaften neuen Körper für den sterbenden Nekromanten erschaffen. Unglücklicherweise wird der junge Magier dabei entdeckt und findet sich bald darauf am Grunde eines alten Brunnenschachtes in Gesellschaft schleimiger Wasserschlangen wieder. Wird ihm die Flucht aus dem feuchten Kerker gelingen, bevor Nathaire in seiner neuen Titanengestalt Rache am Volk von Averogne nehmen kann?
Die Abenteuer Gaspards bilden zwar nur ungefähr die Hälfte der Erzählung, aber sie besitzen durchaus eine Art Sword & Sorcery - Vibe. Das Eindringen in die unheimliche Burgruine, die Konfrontation mit dem alten Schwarzmagier, die Flucht aus dem Verlies. Nicht zufällig allerdings ist unser Held kein schwertschwingender Krieger, sondern ein eigenbrötlerischer Gelehrter, der wegen seiner magischen Studien von der eigenen Familie enterbt wurde und stets darauf achten muss, nicht die Aufmerksamkeit der Heiligen Inquisition auf sich zu lenken. Natürlich erringt er auch seinen finalen Triumph über den monströsen "Koloss von Ylourgne" nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit seinem nicht eben kirchenkonformen Wissen.

Der Sword & Sorcery noch etwas näher kommen wir im Hyperborea-Zyklus mit den Abenteuern von Satampra Zeiros, der zwar auch kein kampfgestählter Krieger, aber als listiger Dieb schon eher ein typischer Held des Subgenres ist. Beide Geschichten, The Tale of Satampra Zeiros (Weird Tales, November 1931) und The Theft of the Thirty-Nine Girdles (April 1957) werden in der 1. Person und mit der sarkastischen Stimme des fabulierlustigen Langfingers erzählt.
Zu der Zeit, in der sie spielen, deutet noch nichts darauf hin, dass der Kontinent von Hyperborea eines fernen Tages unter Eis und Schnee begraben sein wird. Satampra Zeiros geht seinem nicht eben ehrenwerten Gewerbe in der Metropole von Uzuldaroum nach und ist sehr stolz darauf, gemeinsam mit seinem Kumpel Tirouv Ompalios als einer der Besten in seinem Metier zu gelten:
To be more explicit, I refer to the theft of the jewels of Queen Cunambria, which were kept in a room where two-score venomous reptiles wandered at will; and the breaking of the adamantine box of Acromi, in which were all the medallions of an early dynasty of Hyperborean kings. It is true that these medallions were difficult and perilous to dispose of, and that we sold them at a dire sacrifice to the captain of a barbarian vessel from remote Lemuria: but nevertheless, the breaking of that box was a glorious feat, for it had to be done in absolute silence, on account of the proximity of a dozen guards who were all armed with tridents. We made use of a rare and mordant acid . . . but I must not linger too long and too garrulously by the way, however great the temptation to ramble on amid heroic memories and the high glamor of valiant or sleightful deeds.
Doch als die Zeiten härter und die Besitzer von Reichtümern vorsichtiger zu werden beginnen, sehen sich die beiden Diebe mit einem rapide schwindenden Einkommen konfrontiert. Nachdem sie ihr letztes Geld für eine große Flasche Granatapfelwein ausgegeben haben, beschließen sie in fröhlich angeheiterter Stimmung einen besonders dreisten Raubzug. Ihr Ziel ist die alte Hauptstadt Commoriom, die vor Zeiten aufgegeben wurde, nachdem irgendein übernatürliches Verderben, dessen genaue Natur niemand mehr kennt, über ihre Bewohner gekommen war. Seitdem hat sich niemand mehr an den fluchbeladenen Ort gewagt, der ohne Zweifel noch die reichen Schätze der Vergangenheit bergen muss. Also ziehen die beiden los, "besorgen" sich unterwegs bei irgendwelchen Bauern die nötige Wegzehrung (und eine zusätzliche Ration Alkohol zur Motivation), um schließlich in die unheimlichen, menschenleeren Wälder vorzustoßen, in denen die tote Metropole liegt. Unglücklicherweise ist das erste Gebäude, das sie zu plündern versuchen, ein Tempel für den monströsen Krötengott Tsathoggua und der ist nicht ganz so verlassen wie man glauben sollte. Am Ende der Geschichte hat der Meisterdieb seine linke Hand eingebüßt und kann verdammt froh sein, dass er überhaupt mit dem Leben davongekommen ist.
H.P. Lovecraft zeigte sich begeistert von The Tale of Satampra Zeiros und schrieb in einem Brief vom Dezember 1929:
To Klarkash-Ton, High-Priest of Tsathoggua, Greetings:

I must not delay in expressing my well-nigh delirious delight at The Tale of Satampra Zeiros—which has veritably given me the one archkick of 1929! Yug! n'gha k'yun bth'gth R'Iyeh glIur ph'ngui Cthulhu yzkaa .... what an atmosphere! I can see & feel & smell the jungle around immemorial Commoriom, which I am sure must lie buried today in glacial ice near Plathoë, in the land of Lomar! It is of this crux of elder horror, I am certain, that the mad Arab Abdul Alhazred was thinking when heeven heleft something unmention'd & signify'd by a row of stars in the surviving codex of his accursed & forbidden Necronomicon! You have achieved in its fullest glamour the exact Dunsanian touch which I find it almost impossible to duplicate, & I am sure that even the incomparable Nuth [aus Dunsanys Book of Wonder] would have been glad to own Satampra Zeiros as his master. Altogether, I think this comes close to being your high spot in prose fiction to datefor Zothar's sake keep it up .... my anticipations assume fantastic proportions!
Lovecraft war ein eingefleischter Dunsany-Fanboy, und wenn er die Geschichte seines Freundes mit dessen Werk verglich, war dies in der Tat ein großes Lob. Wie stark der Einfluss Dunsanys auf Smith tatsächlich war, ist allerdings umstritten. Er selbst erklärte 1949 in einem Brief an Samuel J. Sackett: "As for authors who were formative influences, I think Poe should head the list. Baudelaire and George Sterling in regard to poetry, and Lovecraft and Dunsany in respect to prose", fügte jedoch hinzu: "though I think some critics tend to exaggerate the Dunsany influence". (17) Donald Sydney-Fryer versucht in diesem Essay der scheinbar weit verbreiteten Ansicht, Dunsany habe Clark Ashton Smiths Werk tiefgehend geprägt, den Boden zu entziehen, schießt dabei jedoch wohl etwas über das Ziel hinaus.
Wie dem auch sei, für Studentinnen & Studenten des Cthulhu-Mythos ist The Tale of Satampra Zeiros vor allem deshalb bedeutungsvoll, weil hier zum ersten mal Tsathoggua erwähnt wird, neben dem Buch von Eibon wohl Smiths wichtigster Beitrag zu dem Längeren Gedankenspiel, mit dem Lovecraft und seine Freunde sich vergnügten. Die Beschreibung der Statue des krötenhaften Großen Alten illustriert sehr schön, dass Smith in seinen eigenen Werken dem Mythos oft die Züge einer leicht humorvollen Groteske verlieh:
He was very squat and pot-bellied, his head was more like that of a monstrous toad than a deity, and his whole body was covered with an imitation of short fur, giving somehow a vague suggestion of both the bat and the sloth. His sleepy lids were half-lowered over his globular eyes; and the tip of a queer tongue issued from his fat mouth.    
Als Clark Ashton Smith beinah drei Jahrzehnte später zu seinem hyperboreanischen Dieb zurückkehrte (wobei dessen Einhändigkeit erstaunlicherweise kein einziges Mal erwähnt wird), kreierte er mit The Theft of the Thirty-Nine Girdles dann ein wirklich lupenreines Stückchen Sword & Sorcery. Alle Mythosbezüge fallen weg, dafür dürfen wir miterleben, wie der prahlerische Dieb, seine fingerfertige Partnerin Vixeela und der nicht eben solide Alchimist und Hehler Veezi Phenquor in den Tempel von Leniqua einsteigen, um die juwelenbesetzten Keuschheitsgürtel der "Heiligen Jungfrauen", die ganz sicher keine Jungfrauen und eigentlich eher Tempelprostituierte sind, zu entwenden. Eine höchst amüsante kleine Story.

Zum Abschluss machen wir mit The Black Abbot of Puthuum noch einen kurzen Abstecher nach Zothique, Smiths dekadentem Letzten Kontinent unter einer sterbenden Sonne.
Zobal the archer and Cushara the pikebearer had poured many a libation to their friendship in the sanguine liquors of Yoros and the blood of the kingdom's enemies. In that long and lusty amity, broken only by such passing quarrels as concerned the division of a wine-skin or the apportioning of a wench, they had served amid the soldiery of King Hoaraph for a strenuous decade.
Inzwischen in den Rang von Palastwachen aufgestiegen, werden die beiden eines schönen Tages zusammen mit dem Eunuchen Simban losgeschickt, um bei den Nomadenvölkern, die jenseits der Wüste Izdrel leben, eine neue Konkubine für den Monarchen zu erwerben. Keiner der beiden Haudegen macht sich groß Sorgen um die Teufel und Dämonen, die angeblich Izdrel bevölkern sollen, und tatsächlich verläuft die Hinreise auch völlig ereignislos. Rubalsa erweist sich als genauso hübsch, wie die Gerüchte erzählten, welche an König Hoaraphs Ohr gedrungen waren, und unsere Helden verlieben sich alle beide Hals über Kopf in die junge Frau. Bald schon warten allerdings noch sehr viel größere Probleme auf sie, denn diesmal bekommen sie es in der Ödnis von Izdrel tatsächlich mit übernatürlichen Mächten zu tun. Ein Kreis von unnatürlicher Finsternis legt sich um die kleine Reisegruppe, aus der infernalische Kakophonien erklingen. Es scheint unmöglich, die dämonische Barriere zu durchdringen, und so werden die vier schließlich von ihrem Weg abgedrängt und sind gezwungen, in das schroffe Hügelland im Norden zu wandern. Am Ende ihres unfreiwilligen Marsches erwartet sie das uralte Kloster Puthuum mit seinem ogerartigen, lüsternen Abt Ujuk, bei dem es sich nur scheinbar um einen Menschen handelt.
The Black Abbot of Puthuum erschien im März 1936 in Weird Tales. Zu diesem Zeitpunkt hatte Fritz Leiber Adept's Gambit, seine erste Novelle über Fafhrd und den Gray Mouser, entweder schon vollendet oder stand doch kurz vor ihrem Abschluss. Die Figuren seiner beiden Helden hatte er sogar bereits 1934 zusammen mit seinem Freund Harry Otto Fischer entwickelt. Eine Beeinflussung durch den Black Abbot ist also völlig unmöglich. Und doch erscheinen Zobal und Cushara wie die direkten Vorläufer von Fafhrd und dem Gray Mouser.. Robert E. Howards Sword & Sorcery - Helden waren stets Einzelgänger. Hier begegnet uns erstmals ein Heldenpaar. Und auch ihre Liebe zu Wein, schönen Frauen und Glücksspiel verbindet die beiden Haudegen mit Leibers Protagonisten. Freilich hätten Fafhrd und der Gray Mouser sich nie dazu herabgelassen, in der Arnee irgendeines gekrönten Despoten zu dienen. Aber auch Cushara und Zobal gelangen am Ende ihres Abenteuers zu der Überzeugung, dass sie ihre Pflicht gegenüber dem König nun mehr als erfüllt haben, und machen sich gemeinsam mit der guten Rubalsa aus dem Staub.   .

   


(1) Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 148f.
(2) Zit. nach: Bobby Derie: The Mirror of E’ch-Pi-El: Robert E. Howard in the Letters of H. P. Lovecraft (Part 1)
(3) Vgl.: Bruce Lord: The Genetics of Horror: Sex and Racism in H.P. Lovecraft's Fiction.
(4) Was nicht heißen soll, die auch unter dem Titel The Apparition in the Ring bekannte Geschichte sei frei von rassistischen Klischees. Das ist sie ganz sicher nicht! Aber es ist überhaupt schon etwas ungewöhnliches, in einer Howard-Story einen schwarzen Sympathieträger zu haben.
(5) Zit. nach: Gary Romeo: Southern Discomfort: Was Howard a Racist?
(6) David E. Schultz & Scott Connors (Hg.): Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 122. 
(7) Weird Tales, Vol. 21, Nr. 4. S. 356/8.
(8) Weird Tales, Vol. 19, Nr. 3. S. 414.
(9) Brief vom 20. Juli 1933. Zit. nach: Ebony and Crystal: REH, CAS, and Fraternal Good Wishes. Der Artikel erschien ursprünglich im REH: Two Gun Raconteur - Fanzine
(10) Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 219.
(11) Zit. nach: Bobby Derie: Conan and the Dweller, Part 2
(12) Lumley selbst könnte von Maurice Doreal, dem Gründer der "Brotherhood of the White Temple", inspiriert worden sein, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht besonders hoch ist. Im achten Kapitel von Doreals The Emerald Tablets of Thoth the Atlantean wird eine Rasse von gestaltswandlerischen Schlangenmenschen beschrieben, die menschliche Gesellschaften infiltrieren: "Serpent-headed when the/ glamour was lifted/ but appearing to man as men among men./ Crept they into the Councils,/ taking forms that were like unto men./ Slaying by their arts the chiefs of the kingdoms,/ taking their form and ruling o'er man./ Only by magic could they be discovered./ Only by sound could their faces be seen./ Sought they from the Kingdom of shadows/ to destroy man and rule in his place." Die Parallelen zu Howards The Shadow Kingdom sind erstaunlich, aber sicher rein zufällig. Natürlich spielen Schlangenmenschen auch in Lumleys einziger veröffentlichter Story The Diary of Alonzo Typer, die sehr stark von Lovecraft überarbeitet wurde und im Februar 1938 in Weird Tales erschien, eine zentrale Rolle.
(13) Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 172.
(14) Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 302..
(15) Weird Tales, Vol. 28, Nr. 5. S. 638.
(16) Brief vom Dezember 1933. In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 239.
(17) In: Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 361.

Montag, 27. August 2018

"And her name is Mater Tenebrarum, – Our Lady of Darkness"

But the third sister, who is also the youngest ! Hush! whisper whilst we talk of her! Her kingdom is not large, or else no flesh should live; but within that kingdom all power is hers. Her head, turreted like that of Cybèle, rises almost beyond the reach of sight. She droops not; and her eyes rising so high might be hidden by distance. But, being what they are, they cannot be hidden; through the treble veil of crape which she wears, the fierce light of a blazing misery, that rests not for matins or for vespers, for noon of day or noon of night, for ebbing or for flowing tide, may be read from the very ground. She is the defier of God. She also is the mother of lunacies, and the suggestress of suicides. Deep lie the roots of her power; but narrow is the nation that she rules. For she can approach only those in whom a profound nature has been upheaved by central convulsions; in whom the heart trembles and the brain rocks under conspiracies of tempest from without and tempest from within. Madonna moves with uncertain steps, fast or slow, but still with tragic grace. Our Lady of Sighs creeps timidly and stealthily. But. this youngest sister moves with incalculable motions, bounding, and with a tiger’s leaps. She carries no key; for, though coming rarely amongst men, she storms all doors at which she is permitted to enter at all. And her name is Mater Tenebrarum, Our Lady of Darkness. 



Eine strengsten wissenschaftlichen Standards genügende Umfrage, die ich kürzlich auf Twitter durchgeführt habe, hat mich in meiner Vermutung bestärkt, dass Fritz Leiber in der heutigen deutschsprachigen Phantastik-Gemeinde {oder zumindest unter deren jüngeren Jahrgängen} wohl kaum mehr bekannt sein dürfte. 
Was ich wirklich bedauerlich finde. Auch wenn es mittlerweile gut zehn Jahre her sein dürfte, dass ich alle Bücher und Storyanthologien Leibers, derer ich in deutscher Sprache habhaft werden konnte, verschlungen habe und meine Erinnerungen an diese entsprechend verschwommen sind, würde ich mich doch immer noch als großer Fan bzeichnen. Hey, schließlich verdankt sogar dieser Blog seinen Namen dem guten Fritz.*

Ich nehme mal an, dass man sich seiner am ehesten noch aufgrund seiner Bedeutung für die Entwicklung der Sword & Sorcery erinnern wird, deren Namensgeber er ja gewesen ist. Doch der 1910 in Chicago geborene und 1992 in San Francisco verstorbene Schriftsteller betätigte sich im Verlauf seiner langen und fruchtbaren Karriere in einer ganzen Reihe von phantastischen Genres. Neben den Fafhrd & The Gray Mouser - Stories schrieb er eine erkleckliche Anzahl von Science Fiction - Romanen, -Novellen und -Kurzgeschichten, von denen einige wie A Spectre Is Haunting Texas** und The Silver Eggheads stark satirisch geprägt sind, sowie eine ganze Reihe von Werken, die man der Weird Fiction oder dem Horror zuzurechnen hat.

Das Buch, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, gehört zur letzteren Sparte. 1977 erschienen ist der kurze Roman Our Lady of Darkness (Herrin der Dunkelheit) außerdem das wohl bedeutendste Werk aus Leibers Spätphase und wurde 1978 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Der Autor erklärte in einem Brief an das Foundation Magazine (Nr. 16, Mai 1979): "It started as a short Jamesian horror story and just grew". Und tatsächlich enthält auch der vollendete Roman immer noch eine ganze Reihe von Anspielungen auf die Werke von M.R. James, wie man in diesem in Ghosts & Scholars veröffentlichten Artikel von Rosemary Pardoe im Detail nachlesen kann.*** Doch Our Lady of Darkness ist sehr viel mehr als eine gelungene Hommage an den Großmeister der klassischen englischen Gespenstergeschichte.

Franz Westen ist ein Autor phantastischer Literatur, der als Brotjob Romanadaptionen für die Fernsehserie Unheimlicher Untergrund schreibt. Nach dem Tod seiner Frau durchlebte er eine dreijährige Phase von Depressionen und Alkoholismus, aus der er sich gerade erst wieder herausgekämpft hat. Nicht zuletzt, weil er einen neuen Kreis von Freunden gefunden hat, die alle in dem selben San Franciscoer Apartmenthaus leben: Der Psychiater Saul, der Naturwissenschaftler Gun(nar), die Hausverwalterin Dorotea, ihr Mann Fernando (der nur Spanisch spricht, aber ein exzellenter Schachspieler ist), deren Tochter Bonita und die klassische Musikerin Cal, die vielleicht mehr als "bloß" eine gute Freundin werden könnte. Die beiden haben schon einmal miteinander geschlafen, der Status ihrer Beziehung ist vorerst aber noch unbestimmt. Was jedoch für keinen der beiden ein Problem zu sein scheint.
Eines Morgens schaut Franz gedankenverloren aus dem Fenster seines Apartments hinüber zu den Corona Heights, greift spontan zu seinem Feldstecher und entdeckt auf dem Gipfel der schroffen Erhebung eine hagere Gestalt in einem braunen Regenmantel (oder einer Kutte?), die einen merkwürdigen Tanz aufzuführen scheint. Bloß irgendein exzentrischer Hippie vermutlich, aber auf unerklärliche Weise fasziniert ihn die Gestalt so sehr, dass er beschließt, dem Ort einen Besuch abzustatten. Als er dort ankommt, ist der eigenartige Geselle natürlich längst verschwunden. Franz schaut hinaus über San Francisco, greift wieder zu seinem Fernglas und versucht, zwischen den Wolkenkratzern sein heimisches Appartmenthaus ausfindig zu machen. Als ihm dies tatsächlich gelingt, wartet ein gehöriger Schock auf ihn: Aus dem Fenster seiner eigenen Wohnung lehnt sich eine hagere, braungewandete Gestalt und winkt ihm zu!.
Natürlich kehrt er schnellstmöglich nach Hause zurück, doch dort finden sich keinerlei Anzeichen für einen Einbruch. War die Erscheinung also bloß eine Halluzination, möglicherweise eine Folge seines gerade erst überwundenen Alkoholismus?
Franz bringt dieses zutiefst verstörende Erlebnis intuitiv mit zwei Büchern in Verbindung, die er vor ein paar Monaten in alkoholumnebeltem Zustand in irgendeinem Antiquariat erworben hat. Da wäre zum einen der bizarre Schmöker Megapolisomancy: Eine neue Wissenschaft der Städte des Okkultisten Thibault de Castries, in dem die Entwicklung der modernen Großstädte als ein verderbenbringendes Unternehmen beschrieben wird, in dessen Verlauf durch die unnatürliche Konzentration von Materialien wie Stahl und Beton dämonenhafte "paramentale" Wesenheiten ins Leben gerufen würden. Zum anderen das Tagebuch eines Schriftstellers, von dem Franz überzeugt ist, dass es sich um Clark Ashton Smith handelt,  in dem dieser seine Treffen mit dem alten De Castries beschreibt, der zuerst faszinierend, schließlich jedoch äußerst bedrohlich und furchteinflößend auf ihn gewirkt habe.
Nachdem er sich im Kreis seiner Freunde wieder etwas gefangen hat, fasst Franz den Entschluss, etwas mehr über den mysteriösen De Castries herausfinden zu wollen. Doch unglücklicherweise kehrt er zuerst einmal auf die Corona Heights zurück, weil er überprüfen will, ob er das Fernglas tatsächlich auf sein eigenes Apartment gerichtet hatte. Das Ergebnis ist um ein vielfaches bedrohlicher als beim ersten Mal. Wieder erblickt er die groteske Gestalt, deren Gesicht etwas animalisches, schnauzenhaftes an sich zu haben scheint. Schlimmer noch, diesmal hat er den Eindruck, als greife das unheimliche Wesen durch das Fernglas nach ihm. Von Panik erfasst flieht er von dem Hügel, wird jedoch das Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Er sucht Zuflucht bei dem befreundeten dekadenten Dichter Jaime Donaldus Byers, den er ohnehin aufsuchen wollte, um ihn über De Castries zu befragen.
Seine Behauptung, von einem der in Megapolisomancy erwähnten "Paramentalen" verfolgt zu werden, wird von Byers erstaunlicherweise nicht mit Spott oder Ungläubigkeit aufgenommen. 
Der exzentrische Dichter erzählt ihm, wie De Castries um die Jahrhundertwende nach San Francisco gekommen und im Kreis der Bohèmiens um George Sterling, Jack London und Ambrose Bierce schon bald zu einer Art Guru geworden sei. In seiner Begleitung habe sich eine geheimnisvolle, stets verschleierte Frau befunden, die die beunruhigende Eigenschaft besessen habe, wie aus dem Nichts aufzutauchen und auf ebenso unerklärliche Weise wieder zu verschwinden. Schließlich habe er in Konkurrenz zum berühmten englischen "Hermetic Order of the Golden Dawn" (und zu Aleister Crowley) seinen eigenen "Orden der Onyx-Dämmerung" gegründet. Ziel der okkulten Vereinigung sei die Vernichtung der modernen Großstadt auf "metamagische" Weise gewesen. Doch auch wenn die rebellisch-terroristische Ausrichtung des Ordens die Bohèmiens zu Beginn angezogen habe, hätte der banal-langweilige Charakter der "metamagischen Rituale", die De Castries seinen vermeintlichen Jüngern auszuführen befahl, diese schon bald angeödet. Tief getroffen von dieser Zurückweisung, habe der Okkultist den Kreis mit einem Fluch belegt. Und hätten nicht tatsächlich viele der Bohèmiens einen frühen und tragischen Tod gefunden? Ambrose Bierce verschwand auf Nimmerwiedersehn in den blutigen Wirren der Mexikanischen Revolution. Nora May French und George Sterling begingen Selbstmord. Jack London starb lange vor seiner Zeit. Jahrzehnte später habe Clark Ashton Smith den verbitterten und zunehmend paranoiden De Castries aufgesucht.und sei für einige Zeit so etwas wie dessen letzter Akolyth gewesen. Doch das krankhafte Misstrauen und die zunehmende Boshaftigkeit des alten Okkultisten habe schließlich zum Bruch zwischen den beiden geführt. Byers stellt die Vermutung an, dass De Castries und seine Megapolisomancy der Grund gewesen sein könnten, warum der von seinem Wesen her doch so urbane Smith sich danach nie mehr für längere Zeit in San Francisco aufhielt.
Zum Abschluss bittet der Dichter Franz, einmal einen Blick in das Tagebuch werfen zu dürfen, das dieser zusammen mit seiner Ausgabe der Megapolisomancy erworben hat. Er bestätigt dessen Vermutung, dass der Verfasser Smith war, und entdeckt außerdem zwischen zwei zusammengeleimten Buchseiten einen ominösen "Fluch auf Master Clark Ashton Smith, und all seine Erben, der sich einbildet, mein Gehirn anzapfen und sich dann davonmachen zu können. Auf ihn komme der Lange Tod – die Paramentale Agonie! –, wenn er zurückgekrochen kommt, wie es alle Menschen tun." Der Fluch besitzt die für De Castries' Art der Magie, die er selbst "neo-pythagoräische Metageometrie" nannte, vermutlich typische formale Gestalt: 
Der Drehpunkt (o) und die Cipher (A) werden dort sein, an seinem geliebten 607 Rhodes. Ich werde an dem mir zugewiesenen Ort (1) ruhen, unter dem Bischofssitz, die schwerste Asche, die er jemals fühlte. Dann, wenn die Lasten auch auf Sutro Mountain (4) und Monkey Clay (5) sind, [(4) + (1) = (5)] wird sein Leben zermalmt werden.
Im Verlauf seines langen Monologs ist Byers zunehmend betrunken geworden. Immer wieder versucht er auch Franz einen Drink aufzudrängen, was dieser trotz wachsender Nervosität standhaft zurückweist. Ihm wird zunehmend bewusst, dass der Dichter von einer ähnlichen Furcht erfüllt ist wie er selbst. Als schließlich Byers' chinesische Geliebte zusammen mit einer jungen Gespielin auftaucht, zieht Franz sich zurück. Für den dekadenten Dichter bilden offensichtlich Sex, Alkohol und Ausschweifung eine Art Schutzwall gegen die "paramentale" Bedrohung, doch für Franz ist das keine Option.
Während er durch die abendlichen Straßen irrt, wird das Gefühl, verfolgt zu werden, erneut immer stärker und bedrückender. Er flieht in die scheinbare Sicherheit einer Konzerthalle, wo Cal an diesem Abend spielen wird und ihn Saul und Gun erwarten. Doch noch vor dem Ende des ersten Stückes verlässt er den Kreis seiner Freunde und eilt nach Hause, weil er glaubt, den Schlüssel zu De Castries seltsamer Fluch-Formel gefunden zu haben. 
Tatsächlich gelingt es ihm, das Rätsel des alten Okkultisten zu lösen, wobei die Corona Heights, der Standort seines eigenen Apartments, der Sutro Tower und die Transamerica Pyramid eine wichtige Rolle spielen.
Doch ist ihm diese Erkenntnis keine Hilfe. Ganz im Gegenteil. Getrennt von seinen Freunden und von bleierner Angst gelähmt, verkriecht sich Franz schließlich in sein Bett neben sein "Studentenliebchen" ("Scholar's Mistress"), einen großen Bücherhaufen, dem er die ungefähre Form eines Frauenkörpers gegeben hat. Irgendwo in der Nähe steht eine Flasche Kirschwasser. Er versinkt in einem Meer aus Verzweifelung, Erinnerungen an seine verstorbene Frau, Depression und finsteren Zukunftsvisionen. Als er nach ein-zwei Stunden traumlosen Schlafes wieder aufschreckt, erwartet ihn seine finale Konfrontation mit der "Lady of Darkness" in einer Szene, die deutlich von M.R. James' Oh, Whistle, And I'll Come To You, My Lad inspiriert wurde.

Our Lady of Darkness ist ein faszinierend vielschichtiges Werk. 

Da wäre zuerst einmal das unverkennbar autobiographische Element. Franz Westen ist ein kaum verhülltes "alter ego" des Autors. 1969 war Fritz Leibers Frau Jonquil an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben und der Schriftsteller war daraufhin in eine ungefähr drei Jahre andauernde Phase alkoholdurchtränkter Depressionen gestürzt. Um dieselbe Zeit zog er von Venice (Los Angeles) nach San Francisco, wo er in Apartment 507, 811 Geary Street lebte – ein Stockwerk unter dem fluchbeladenen Domizil seiner späteren Romanfigur.

Das Ringen mit Alkoholismus und Depression und die stets vorhandene Angst, wieder in diese zurückzufallen, bilden so etwas wie den emotionalen Kern des Romans. 
Aufs engste damit verknüpft ist der hohe Stellenwert, der der Freundschaft zukommt. Auf sich allein gestellt ist Franz der "paramentalen" Bedrohung hilflos ausgeliefert. Er mag schlau genug sein, um das Rätsel von De Castries' Formel zu entschlüsseln, doch das hilft ihm kein Deut weiter. Am Ende sind es seine Freundinnen & Freunde, die ihn retten. 
Ein Gutteil des Romans ist der Beschreibung dieses Freundeskreises und ihren Gesprächen untereinander gewidmet.  Da wird viel philosophiert über den Menschen, die Kunst und die moderne Gesellschaft. Die Schilderung eines gemeinsamen Abends in einem kleinen deutsch-ungarischen Restaurant in der Nachbarschaft bildet für mich einen der kleinen Höhepunkte von Our Lady of Darkness. Und wie sympathisch mutet es an, dass sich in dieser kleinen Gemeinschaft auf ganz natürliche Weise "Intellektuelle" (Franz, Cal, Saul, Gun) und Vertreter der Arbeiterklasse (Dorotea, Fernando) zusammenfinden, ohne einen Hauch von Snobismus.

Dieses menschliche Kernelement verbindet Leiber mit einer Thematik, die ihn schon seit den frühen 40er Jahren beschäftigte: Dem Horror der modernen Großstadt. Wie eine seiner Figuren in der 1942 in Weird Tales veröffentlichten Kurzgeschichte The Hound sagt:
Each culture creates its own demons. Look, the Middle Ages built cathedrals, and pretty soon there were little gray shapes gliding around the night to talk with the gargoyles. Same thing ought to happen to us, with our sky scrapers and factories.
Fritz Leibers übernatürliche Schrecken entspringen nicht länger der traditionellen Welt der Geister und Dämonen, der Vampire und Werwölfe, auch wenn sie mitunter deren Gestalt imitieren. Sie sind keine Überbleibsel einer finsteren Vergangenheit, sondern die Hervorbringungen einer nicht weniger finsteren Gegenwart. 
Weitere frühe Beispiele für diese Art des Horrors sind seine Stories Smoke Ghost (Unknown Worlds, Oktober 1941) und The Girl With The Hungry Eyes (1949 in der von Donald A. Wohlheim herausgegebenen Anthologie The Girl with the Hungry Eyes, and Other Stories veröffentlicht).
Die Verbindung zwischen dieser Thematik und der okkulten Philosophie des Thibault de Castries ist natürlich offensichtlich. Doch vielleicht noch wichtiger in diesem Zusammenhang ist die Gestalt des Fernsehturms auf Sutro Mountain, die eines der Leitmotive des Romans bildet. 

Ein weiterer Grund, warum ich Our Lady of Darkness so sehr liebe, ist, dass Leiber seinen Okkultisten mit der San Franciscoer Bohème der Jahrhundertwende in Verbindung bringt. Ich selbst habe mich in der Vergangenheit einmal sehr eingehend mit diesem Kreis faszinierender Männer und Frauen beschäftigt. Wer mehr darüber erfahren will, lese meine alte und unvollendete Blogpostreihe "Der Décadent der Fantasy" (1 * 2 * 3 * 4 * 5 * 6 * 7 * 8 * 9).

Ganz allgemein ist Our Lady of Darkness u.a. eine Liebeserklärung Fritz Leibers an die Autoren, denen er sich besonders verbunden fühlte, und damit so etwas wie Weird Fiction für Liebhaber klassischer Weird Fiction, auch wenn es sich bei den Autoren nicht durchwegs um Vertreter der Phantastik handelt. Neben M.R. James, dem Kreis um George Sterling und Jack London und {eher am Rande} H.P. Lovecraft findet nämlich auch Dashiell Hammett Erwähnung. 
Die hervorragendste Stellung kommt jedoch sicher Clark Ashton Smith zu. 
Leiber war ein großer Bewunderer Smiths, den er 1944 einmal "in persona" getroffen hatte.**** Zeit seines Lebens bemühte er sich, dessen Andenken am Leben zu erhalten. Und ich halte es nicht für einen Zufall, dass von dessen Geschichten ausgerechnet The City of the Singing Flame namentliche Erwähnung in Our Lady of Darkness findet, hat Leiber doch von ihr gesagt: "[It] shows a passionate concern for life battling doom which is absent from most of [his] tales, where Smith is simply the devoted chronicler of death". Womit wir wieder zum zentralen Thema von Leibers eigenem außergewöhnlichem Spätwerk zurückgekehrt wären.
    


* Für die Uneingeweihten: Der Graue Mausling gibt seinem Schwert und seinem Dolch stets die Namen Skalpell und Katzenklaue.
** Der Titel der deutschen Übersetzung Ein Gespenst sucht Texas heim negiert leider die Ironie des Originals. Leiber spielt hier auf den Beginn des Kommunistischen Manifestes an: "Ein Gespenst geht um in Europa / A spectre is haunting Europe".
*** Interessanter- und ärgerlicherweise ist aus der deutschen Übersetzung von Hans Maeter wenigstens eine dieser Anspielungen herrausgeschrieben worden.
**** In diesem Brief aus dem Jahre 1971 schildert Leiber seine Begegnung mit Smith.