"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 29. Juni 2020

Der große Magier

Long after we are all gone, his shadow-shows will live 
through a thousand years in this world.

Ray Bradbury in seiner Einleitung zu Ray Harryhausens Film Fantasy Scrapbook 


Kaum ein anderer Name ist in meinen Gedanken so fest mit dem verbunden, was ich echte "Movie Magic" nennen würde, als der des wundervollen Ray Harryhausen, dessen einhundertsten Geburtstag wir heute feiern können. Neben seinem Mentor Willis O'Brien (The Lost World, King Kong) war er ohne Zweifel der größte Stop-Motion-Künstler der westlichen Filmwelt. Der Kampf mit den Skeletten aus Jason and the Argonauts (1963) ist für mich bis heute eine der großartigsten und beeindruckendsten Trickszenen in der gesamten Geschichte des Kinos. Aber es ist nicht allein die ungeheure Detailfreude und Lebendigkeit seiner phantastischen Kreaturen, die ihm für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen sichert. Harryhausen verkörpert in meinen Augen zugleich eine Form des phantastischen Films, die leider weitgehend untergegangen zu sein scheint: Jene farbenprächtig-fantasievolle Welt voller Abenteuer, die manch einer heute vielleicht als naiv {oder schlimmeres} bezeichnen würde, die für mich aber wie kaum eine andere Spielart des phantastischen Kinos den echten "Sense of Wonder" verkörpert. Und daneben einfach ungeheuer viel Spaß macht. Nicht zufällig waren es gerade die Sinbad - Filme, bei denen Harryhausen auch am Drehbuch mitwirkte.

Ich glaube, dass der Enthusiasmus und die tiefe Liebe zum Phantastischen, die in Harryhausens Werk zum Ausdruck kommen, ihre Wurzeln im Milieu und der Atmosphäre seiner Jugend besitzen, als der künftige SFX-Magier nicht bloß in der elterlichen Garage erste Dino-Kämpfe inszenierte, sondern zugleich im SciFi-Fandom von Los Angeles einen Kreis gleichgesinnter Freunde & Freundinnen fand, mit denen er seine Träume und Leidenschaften teilen konnte.

Ray erblickte am 29. Juni 1920 als Sohn von Frederick und Martha Harryhausen in LA das Licht der Welt. Sein handwerkliches Geschick erbte er möglicherweise von seinem Vater, der Mechaniker war, doch seine Mutter war es, die ihm schon früh ein Fenster in die wunderbare Welt der Fantasie e5öffnete. Wie er 1998 in einem Gespräch mit David A. Kyle erzählte:
When I was young my mother bought for me a series of books called Wonder Books. They had wonderful illustrations and photographs of strange things such as Egyptian temples, and charts on how long it would take to go to the Moon and to Mars and all the different planets. That started to stimulate my interest in science fiction.   
Eine von Harryhausens Tanten arbeitete als Pflegerin für die Mutter von Sid Grauman, wodurch die Familie kostenlosen Einlass in das berühmte Chinese Theatre am Hollywood Boulevard erhielt. Und so lernte der kleine Ray schon bald solche frühen Klassiker des phantastischen Films kennen wie Paul Wegeners Der Golem (1920), Fritz Langs Metropolis (1927) oder das bizarre SciFi-Musical Just Imagine (1930). Gut möglich, dass bereits The Lost World (1925) seine Liebe zu Dinosauriern geweckt hatte, doch es war vor allem King Kong (1933), der einen alles entscheidenden Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg hatte. "I owe a big debt to this gorilla". Es dauerte nicht lange, und Ray besorgte sich eine 16mm - Kamera und begann seine ersten eigenen Experimente mit Stop Motion. Eines Tages sah er eine Mitschülerin das Original-Script von King Kong lesen. Wie es sich herausstellte, war sie die Nichte von Willis O'Brien! Und sie schlug ihm vor, einfach mal bei ihrem Onkel in den MGM-Studios vorbeizuschauen. Also packte er einige seiner Dinos in einen Koffer und machte sich auf den Weg. O'Brien begegnete dem jungen Enthusiasten sehr freundlich und hilfsbereit, sparte aber auch nicht mit Kritik. Als ihm Harryhausen seinen Stegosaurus zeigte, auf den er besonders stolz war, kommentierte dieser: "Those legs look like sausages. You must learn to develop muscles. Every animal and every person has muscles to make the shape of the leg". Er riet ihm, sich unbedingt eingehender mit Anatomie zu beschäftigen und einen Zeichenkurs zu belegen, was Ray denn auch umgehend tat. Zu einem seiner großen Vorbilder wurde dabei Gustave Doré.
Doch damit war die Rolle von King Kong im Leben des jungen Harryhausen noch nicht ausgespielt. 1938 besuchte er eine Wiederaufführung des Streifens in einem der Vortorte von LA. In der Lobby des Kinos wurden eine Reihe von Standfotos ausgestellt. Er erkundigte sich nach dem Besitzer der Bilder, da er sie sich unbedingt einmal ausleihen und in Ruhe studieren wollte. Und so kam es zur ersten Begegnung zwischen Ray Harryhausen und Forrest J. Ackerman. Die beiden spürten sofort, dass sie ein gemeinsamer Enthusiasmus für das Phantastische verband. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis "Forry" seinen neuen Freund mit in das berühmte "braune Zimmer" in Clifton's Cafeteria schleppte, wo sich jeden Donnerstag die Mitglieder der Science Fiction League von Los Angeles trafen. Ray Harryhausen hatte Einlass gefunden in die wunderbare Welt des Fandoms.

Irgendwann möchte ich mich unbedingt einmal eingehender mit der kalifornischen SciFi-Szene der 30er und frühen 40er Jahre beschäftigen. Das wenige, was ich von ihr weiß, wirkt jedenfalls ziemlich faszinierend.
Der Fanclub von Los Angeles war die vierte Sektion, die sich 1934 der von Hugo Gernsback ins Leben gerufenen SFL anschloss. Doch so richtig Schwung kam wohl erst 1936 in die Sache, als der enthusiastische und immer aktionsfreudige Ackerman aus San Francisco zurückkehrte. Er war neben vielem anderen die treibende Kraft hinter dem Fanzine Imagination, zu dem Harryhausen im September 1938 eine Cover-Illustration beitrug.
Man sollte meines Erachtens nie aus dem Auge verlieren, dass sich das junge Science Fiction - Fandom vor dem Hintergrund der Großen Depression herausbildete. Allerdings wäre es falsch, in dieser bloß eine Zeit großen Elends und allgemeiner Verunsicherung zu sehen, die deshalb einen guten Nährboden für jede Form von Eskapismus abgegeben hätte. Die 30er Jahre waren zugleich eine Zeit heftigster Klassenkämpfe in den USA, die der Roosevelt-Administration die bedeutendsten Zugeständnisse des New Deals abrangen und aus denen die großen Industriegewerkschaften der CIO hervorgingen. Wenige Monate bevor neun SF-Fans in LA ihre Sektion der SFL gründeten, war San Francisco der Schauplatz eines Generalstreiks und blutiger Auseinandersetzungen zwischen Streikenden, Polizei und Nationalgarde gewesen.
Nicht dass alle Mitglieder des kalifornischen Fandoms ihre Begeisterung für Science Fiction mit irgendwelchen politischen Ideen verbunden hätten {und für Harryhausen im Besonderen gilt das ganz sicher nicht}, auch wenn es unter ihnen genug kommunistische Sympathisanten gab, um später das Einschleusen eines FBI-Spitzels (Samuel D. Russell) zu "rechtfertigen". Doch glaube ich, dass dieser historische Kontext viel dazu beiträgt, den quasi-utopischen Geist verständlich zu machen, der unter diesen jungendlichen Enthusiasten herrschte. Wie Jason V. Brok 2013 in seinem Nachruf auf Ray Harryhausen geschrieben hat:
Clifton’s Cafeteria was a safe haven for individuals with like minds who believed fervently in the dawning scientifically oriented future, and who maintained a devout sense of awe about the expansion of human knowledge and the coming futuristic age, as represented by rockets, Mars, utopias, and the prospect of peace in the world. [...] even when issuing warnings about fading morality and technology run amok, there was still a basic optimism in the work and conversation of the LASFS, an abiding sense that tomorrow would bring more than fear, pain, and misery; indeed, tomorrow promised hope, opportunity, and change for the betterment of humanity.          
Der Treffpunkt des Fanclubs darf beinah als eine Art Verkörperung des Janusantlitzes der 30er Jahre gelten. Zum einem konnte man in Clifton's Cafeteria für wenig Geld {im Ernstfall sogar umsonst!} Essen und Trinken erhalten, zum anderen pflegte man dort eine außergewöhnlich weltoffene und tolerante Atmosphäre.       
In the thick of the Depression, Clifford Clinton built his restaurant as a place of refuge for those unable to afford a hot meal (one of the neon signs out front read "PAY WHAT YOU WISH"). Soon after the first Clifton’s opened, customers began referring to it as the ‘Cafeteria of the Golden Rule.
Long before the Civil Rights movement allowed black Americans to freely patronize white-run establishments, Clifton’s restaurants were integrated. In response to a complaint about his progressive policy, Clinton wrote in his weekly newsletter, "If colored skin is a passport to death for our liberties, then it is a passport to Clifton’s." Regardless of income or skin color, Clinton wanted everyone who ate at his restaurants to be completely satisfied, so the phrase "Dine free unless delighted" was printed on every check. Though many patrons ate for free, enough customers gave significantly more than they were asked to keep the business afloat. 
Natürlich wäre es verfehlt, ein gar zu idealisiertes Bild des Fandoms der 30er und 40er zu zeichnen, aber für die Verhältnisse der Zeit handelte es sich doch um eine außergewöhnlich offene und liberale kleine Welt. So gehörten zu den prominentesten Persönlichkeiten der Fangemeinde von Los Angeles Myrtle R. Jones Douglas ("Morojo") und Mary ("Pogo") Gray. Letztere startete 1940 mit STF-ETTE das vermutlich erste Fanzine, in dem ausschließlich Beiträge von Frauen abgedruckt wurden. Ein Jahr später stieß Edythe Eyde ("Tigrina") zu der Gruppe, die sich inzwischen den neuen Namen Los Angeles Science Fantasy Society (LASFS) gegeben hatte. Die selbsterklärte "Satanistin" würde 1947 unter dem Pseudonym "Lisa Ben" mit Vice Verca das vermutlich erste lesbische Magazin der USA herausgeben, wobei ihr Stil und Machart der Fanzines ihres guten Freundes "Forry" Ackerman als Vorbild dienten.

Von allen Leuten, die Ray Harryhausen im "Braunen Zimmer" des Clifton's kennenlernte, war Ray Bradbury ganz ohne Frage der wichtigste. Sehr schnell bildete sich eine tiefe Freundschaft zwischen den "beiden Rays", die ein Leben lang Bestand haben sollte. Und auch dabei spielte die gemeinsame Liebe zu King Kong anfangs eine große Rolle. Wie Bradbury später einmal erzählt hat:
My happiest memories are of Ray calling me during the years just out of high school and telling me that King Kong was playing somewhere, in some obscure theater in L.A., so we had to rush over and buy 15-cent seats to watch that glorious animal perform again… 
Bald schon wurde es zu einem Running Theme in den Fanzines, mitzuzählen, zum wievielten Mal Harryhausen den Riesengorilla nun schon auf der Leinwand gesehen hatte. Auch wurden die "beiden Rays" rasch für ihre gemeinsame Liebe zu Spaß und Schabernack bekannt. So kreierte Harryhausen für sie beide und "Forry" Ackerman Monstermasken aus Latex, in denen sie 1939 an Halloween während einer Aufführung von The Cat and the Canary im Paramount Theatre Angst und Schrecken verbreiteten.  
Vor allem jedoch teilten die "beiden Rays" ihre Träume und Leidenschaften miteinander. Um noch einmal Bradbury zu zitieren:
You see, Harryhausen and I, at 17, were like most teenagers. But unlike many we had large dreams that we intended to fulfill. We used to telephone each other nights and tell the dreams back and forth by the hour, adding, substracting, shaping and reshaping. His dream was to become the greatest new stop-motion animator in the world, by God. Mine, by the time I was 19, was to work someday with Orson Welles ...    
1938 begann Harryhausen mit der Arbeit an dem äußerst ehrgeizigen Projekt Evolution. Heraus kamen dabei am Ende zwar nur einige wenige Minuten Filmmaterial, die jedoch für das Werk eines gerade einmal achtzehn Jahre alten Amateurs verdammt eindrucksvoll sind und ihm etwas später den Weg zur Mitarbeit an George Pals Puppetoons ebneten.
Nach dem Kriegseintritt der USA trat Harryhausen der Army Motion Picture Unit unter Frank Capra bei. Dort arbeitete er u.a. mit Dr. Seuss (Ted Geisel) zusammen. Zurück im Zivilleben drehte er unter Mithilfe seiner Eltern, die seine Ambitionen stets unterstützt hatten, eine Reihe kurzer Märchenfilme, die vor allem in Schulen aufgeführt wurden. Schließlich eröffnete sich ihm die Möglichkeit, gemeinsam mit Willis O'Brien die Stop Motion - Animationen für Mighty Joe Young (1949) zu kreieren. Am Ende war er selbst für 80-90% der Trickszenen verantwortlich. Ungefähr zur selben Zeit begann der erste große Science Fiction - Boom im amerikanischen Kino. Die Tore öffneten sich für Ray Harryhausens Aufstieg zu einem der größten SFX-Magier der Filmgeschichte. 1953 kam mit The Beast from 20.000 Fathoms der erste Film in die Kinos, bei dem er selbst die tricktechnische Leitung innehatte. 1955 begann mit It Came from Beneath the Sea die lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Produzent Charles H. Schneer.

Ray Bradbury hat später immer wieder gerne erzählt, dass er, Harryhausen und "Forry" Ackerman in den 30er Jahren "made a pact promising to grow old, but never to grow up". Ich denke hierin liegt einer der entscheidenden Gründe für den bleibenden Zauber von Ray Harryhausens Kunst. Und so wollen wir diesen Geburtstagspost mit ein paar Clips von einigen seiner phantastischen Kreaturen abschließen, die für immer unsere Imagination bevölkern werden.

RELEASE THE KRAKEN!


       







Samstag, 27. Juni 2020

Strandgut

Sonntag, 21. Juni 2020

Fascist Reptiles from Outer Space

Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Kenneth Johnson spielte mit Serien wie The Bionic Woman (1976-78), The Incredible Hulk (1978-82), V (1983) und Alien Nation (1989-90) eine führende Rolle in der amerikanischen TV - Science Fiction der 70er und 80er Jahre. Dabei war dies nie sein persönliches Ziel gewesen.

Zwar hatte er schon in Schulzeiten, inspiriert von Orson Welles' berühmter Mercury Theatre On The Air - Produktion, eine eigene Hörspieladaption von War of the Worlds kreiert, doch sein Studium an der privaten Carnegie Mellon University (damals noch Carnegie Institute of Technology) in Pittsburgh (Pennsylvania) stand ganz im Zeichen des klassischen Theaters. Das stark von der Theorie und den Methoden Konstantin Stanislawskis geprägte Uni-Milieu zeichnete sich durch einen ziemlich starken Snobismus gegenüber allen Formen der Populärkultur aus. Wie Johnson einmal in einem Interview mit Ryan Harvey erzählt hat:
I was a graduate in directing; there was no film or TV or anything like that. It was strictly “theater!” you know. Everybody there, except me, sort of looked down on TV and film. Everybody except me and a couple other guys: Jamie Cromwell, a wonderful and well-known actor out here who played the farmer in Babe and so many other things since then; and my dear friend Steven Bochco   
Man darf wohl annehmen, dass für diese Kreise Genrekram jeder Art gänzlich "unter ihrer Würde" war. Dennoch blieb Johnsons Herangehensweise an seine späteren Projekte immer von dieser Ausbildung geprägt. Was sicher auch seine guten Seiten hatte. So erklärte er auf die Frage, warum seine SciFi so "very character-driven" sei, gegenüber Den of Geek
I think it comes out of the sort of classical education that I had at Carnegie Mellon, which was designed to help us understand the classical underpinnings of any sort of drama, whether it was Sophocles or Shakespeare or Ibsen or Tennessee Williams or whomever, and I was trying to follow that credo as I was creating the work that I had done, so that there was always something working underneath the surface, a substantive layer underneath the commercial appeal.
Auch blieb klassische Literatur immer eine wichtige Inspirationsquelle für ihn.
Der Beginn seiner TV-Karriere lag freilich in gänzlich anderen Gefilden. Obwohl Johnsons Traum von Anfang an darin bestand, ein Kinoregisseur zu werden, überredete ihn Roger Ailes 1966 dazu, bei der Mike Douglas Show mitzuarbeiten. Und nachdem Ailes 1968 nach Washington gegangen war, um Richard Nixons Medienberater zu werden ("Mr. Nixon, you can hire me because I can get you elected president"), übernahm er für einige Zeit selbst den Posten des "Executive Producers" dieser Daily Talk Show.
Doch schließlich beschloss er, dem wahren Ruf seines Herzens zu folgen, und übersiedelte von New York nach Kalifornien. Selbstredend warteten in Hollywood keine offenen Türen auf ihn. Zwar konnte er 1970 für AIPs TV-Abteilung bei An Evening of Edgar Allan Poe mit Vincent Price die Regie übernehmen, doch der Zugang zu den großen Studios erwies sich als schwieriger. Zum Glück besaß Johnson in seinem ehemaligen Kommilitonen Steve Bochco einen Freund, der bereits im Business Fuß gefasst hatte. Die erste Lektion, die dieser ihm beibrachte, bedeutete allerdings einen vorläufigen Verzicht auf den erträumten Regiestuhl: "You know Kenny, if you can write, you can get your foot in the door more easily." Also versuchte sich Johnson, anfangs etwas widerwillig, als Drehbuchschreiber. Rasch sammelte sich in seiner Wohnung ein Stapel abgelehnter Scripts an. Doch dann vermittelte ihm Bochco ein Treffen mit Harve Bennett, dem Produzenten der TV-Serie The Six Million Dollar Man. Der suchte dringend nach neuen Autoren, und so machte Johnson 1975 mit dem Zweiteiler The Bionic Woman seinen Einstand in der Fernseh-SciFi. Bennett war so angetan von seiner Arbeit, dass er ihn zum Mit-Produzenten machte. Die von Johnson geschaffene Figur der Jaime Sommers (gespielt von Lindsay Wagner) erwies sich zudem als so beliebt, dass sie ein Jahr später ihre eigene Spin-Off-Serie erhielt, deren Leitung ganz in seiner eigenen Hand lag.
Nun kenne ich The Bionic Woman nicht aus eigener Anschauung, fand aber den folgenden Kommentar auf Den of Geeks recht interessant:
The Bionic Woman stands out amongst 70s feminist heroes as being perhaps the only one who didn¹t need to get into a bikini to guarantee ratings, unlike Wonder Woman or Charlie’s Angels.
Und Johnson war scheinbar immer stolz darauf, dass das Publikumssegment, bei dem seine Shows am Besten ankamen, erwachsene Frauen waren.
Wie dem auch sei, jedenfalls besaß Kenneth Johnson nun eine einigermaßen gesicherte Position in der Industrie und verfügte über eine gewisse Reputation. Letztere war allerdings eine zweischneidige Angelegenheit. Denn für die Studios war er von nun an der "science-fiction guy", was ihm eigentlich überhaupt nicht behagte. Als Universal die Verfilmungsrechte für eine Reihe von Marvel - Figuren erwarb, wandte man sich an ihn mit der Frage, an welcher er Interesse hätte. Seine spontane Antwort war: "Eh, none of them, thanks." Doch dann kam ihm eine Idee:
I was reading at the time Victor Hugo’s great novel Les Miserables, which my wife Susie had given me. And so I had the idea of the fugitive concept in my head, and Jean Valjean, the hero, fleeing from Inspector Javert, who was relentlessly pursuing him, and I realised there was a way to take a little bit of Victor Hugo, a little bit of Robert Louis Stevenson, and this ludicrous comic book I’d never heard of before called The Incredible Hulk, and turn it into a really gripping, human drama.
Er ließ sich von Universal die volle Kontrolle über das Projekt zusichern, holte sich Bill Bixby als Hauptdarsteller an Bord und machte sich an die Arbeit. Wie gering seine Achtung vor dem Quellenmaterial war, zeigt sich u.a. daran, dass er dem Hulk ursprünglich eine rote, nicht grüne Hautfarbe verleihen wollte:  
I called Stan Lee and I said, man, what's the logic of green? Is he the envious Hulk? Is he green with envy or jealousy? The color of rage is red, which I was also pushing for because it's a real human color - you know, when people get flushed with anger.
Einen derart heftigen Eingriff verbot sich Lee dann aber doch. Nichtsdestotrotz entwickelte sich in der Folge eine respektvolle Beziehung zwischen den beiden:
Ryan Harvey: I know that Stan Lee has always said, “They made choices that were different from the comic books, but every choice was the right choice.”
Kenneth Johnson: Bless his heart, Stan was a champion from the beginning. He let me run with it and has had such nice things to say over the years. 
Mit dem Erfolg von The Incredible Hulk glaubte sich Johnson endlich in einer Position, dem Studio eigene Ideen unterbreiten zu können. Sein Vorschlag war ebenso mutig wie ehrgeizig: Er hatte auf der Grundlage von Sinclair Lewis' Roman It Can't Happen Here ein Script mit dem vorläufigen Titel Storm Warnings geschrieben, in dem es um die Entstehung eines faschistischen Regimes in den USA ging. NBC - Präsident Brandon Tartikoff lehnte das Drehbuch in dieser ursprünglichen Form ab. Der Eintrag zu V auf Wikipedia behauptet, der Grund dafür sei gewesen, dass ein solcher Film in seinen Augen "too 'cerebral' for the average American viewer" gewesen wäre. Doch was Johnson in seinem Interview mit Harvey erzählt, wirft ein etwas anderes Licht auf die Entscheidung des TV-Bosses:
[H]e didn’t know if Americans would really “get” fascism. I tried to convince him that it was not a complicated project: you shave your head and put on a black shirt and beat somebody up. He was hoping it could be an outside source like the Soviets or the Chinese. I didn’t buy it.
Das klingt sehr viel mehr danach, dass Tartikoff aus politischen Gründen keinen Film auf seinem Kanal haben wollte, der den Aufstieg eines hauseigenen amerikanischen Faschismus zum Thema haben würde. Er versuchte Johnsons Konzept offenbar sogar in eine Richtung umzubiegen, die sie in Linie mit der antikommunistischen Propaganda von Ronald Reagans Zweitem Kalten Krieg gebracht hätte. Quasi ein Red Dawn vor Red Dawn. Es ist Johnson hoch anzurechnen, dass er sich dem nicht beugte. Die Einigung, zu der die beiden schließlich gelangten, bedeutete dennoch eine merkliche Entschärfung des ursprünglichen Konzeptes.
Irgendwer kam auf die Ideee, man könnte doch Außerirdische zu den Drahtziehern des totalitären Regimes machen. Johnson, der ja eigentlich sein Image als "sci-fi guy" loswerden wollte, war davon anfangs wenig begeistert. Doch dann schienen sich ihm damit interessante Möglichkeiten zu eröffnen. Und so entstand das Konzept für die Miniserie V.
Er selbst stellte diese Umwandlung in eine Art Alien-Invasion-Story in späteren Jahren nie als einen Kompromiss dar. Vielmehr pries er Tartikoff für die Unterstützung, die dieser ihm in der Folge angedeihen ließ. Immerhin stattete ihn der NBC-Präsident mit einem nie dagewesenen Budget von $13 Millionen aus und ließ ihm bei der Produktion freie Hand. "[H]e said ‘Here’s a cheque – come back when you’re done’." Dennoch sollte klar sein, dass mit der Umarbeitung in V einige der provokantesten Elemente von Storm Warnings verloren gingen.
Mit den "Visitors" gab es nun ja tatsächlich eine "outside source", die für die Verwandlung Amerikas in eine faschistische Dikatur verantwortlich ist. Und auch wenn es sich bei denen nicht um die "kommunistischen" Schreckgespenster reagan'scher Propaganda handelte, wurde das Bild eines hausgemachten US-Faschismus damit doch stark verwässert. Johnson verglich die Lage, in der sich die amerikanische Bevölkerung in V befindet, denn auch häufiger mit der von Vichy-Frankreich. Es geht also mehr um Kollaboration und Widerstand angesichts eines Besatzungsregimes.
Ganz allgemein denke ich, dass viele der Schwachpunkte von V auf diesen anfänglichen Kompromiss zurückzuführen sind. Nicht dass die Verwandlung der Geschichte in eine SciFi-Parabel notwendigerweise zu einem Problem hätte werden müssen, aber das Konzept wurde meiner Ansicht nach nicht konsequent durchgedacht. An einer Reihe von Stellen hat man das Gefühl, hier seien zwei Stories, die eigentlich nicht wirklich zusammengehören, zu einem Amalgam verschmolzen worden.

Doch warten wir noch ein wenig mit einer allgemeinen Kritik von V und versuchen wir zuerst einmal, den Inhalt der zweiteiligen Miniserie zusammenzufassen, die das amerikanische Fernsehpublikum erstmals am 1. und 2. Mai 1983 zu sehen bekam.
Was allerdings gar nicht so einfach ist, da das gut dreistündige Opus über ein ziemlich gr0oßes Figurenensemble verfügt. Johnsons Intention war es ganz offensichtlich, eine Art Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung zu präsentieren, und exemplarisch die unterschiedlichen Formen vorzuführen, in denen diese auf das sich allmählich entfaltende totalitäre Regime reagiert. Beginnen wir also besser mit einem allgemeinen Überblick.

Eines schönen Tages erreicht eine Flotte gewaltiger Fliegender Untertassen die Erde. Die riesigen Mutterschiffe positionieren sich über den Weltmetropolen. Doch statt der gefürchteten Invasion kommt es zu einem friedlichen Treffen zwischen dem Generalsekretär der Vereinten Nationen und dem Kommandanten der Außerirdischen, der sich "John" (Richard Herd) nennt. Die humanoiden "Visitors" schlagen ein Übereinkommen vor: Im Austausch gegen bestimmte chemische Produkte, die unter ihrer Anleitung in irdischen Fabriken hergestellt werden könnten, wären sie bereit, ihre überlegene Technologie mit der Menschheit zu teilen.   
Schon bald landen die ersten Kontingente der uniformierten "Visitors" auf der Erde und beginnen ihre Arbeit. Findige Unternehmer haben schnell erkannt, dass die Kollaboration mit den Außerirdischen fette Profite verspricht. Parallel dazu wird eine Jugendorganisation – die Visitor Friends – gegründet, um das Bündnis zu festigen. Allenthalben tauchen Propagandaplakate auf, die die neue Freundschaft zwischen den "Visitors" und der Menschheit anpreisen und eine wunderbare Zukunft verheißen.
Doch es dauert nicht lange und die neue Realität bekommt zunehmend finstere Züge. Nachdem eine angebliche weltweite Verschwörung führender Wissenschaftler gegen die "Visitors" "aufgedeckt" wurde, werden alle Wissenschaftler als potentielle "Subversive" unter Generalverdacht gestellt und zu einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe, gegen die Hass und Intoleranz geschürt werden. Die Vistor Friends verwandeln sich zusehends in eine Art Mischung aus HJ und SA. Unter Anleitung der "Visitors" gehen Polizei und Nationalgarde immer brutaler gegen vermeintliche "Staatsfeinde" vor. Straßenblockaden werden errichtet, Ausgangssperren verhängt.
Aber ebenso rasch beginnt sich auch eine Widerstandsbewegung zu organisieren. Deren Mitgliedern wird schließlich bekannt, dass die humanoide Erscheinungsform der "Visitors" eine bloße Tarnung ist. In Wahrheit handelt es sich bei den Außerirdischen um reptilische Kreaturen, die vorhaben, die Wasservorräte der Erde zu plündern und die Menschen als Kanonenfutter in ihren interstellaren Kriegen und als Nahrungsquelle zu benutzen.    

Die Ankunft der "Visitors" ist ganz offensichtlich von der einleitenden Passage aus Arthur C. Clarkes Roman Childhood's End inspiriert worden, wobei das Bild der gewaltigen, über den amerikanischen Metropolen schwebenden Mutterschiffe zugleich auf Roland Emmerichs unsäglichen Independence Day (1996) vorausdeutet.
Daneben stellt V in gewisser Hinsicht einen Rückgriff auf Motive aus der filmischen SciFi der 50er Jahre dar. Dort war es ja häufiger vorgekommen, das Alien-Invasion-Thema mehr oder weniger offen mit der Bedrohung durch den Totalitarismus zu verknüpfen – von Klassikern wie William Cameron Menzies' Invaders from Mars (1953) und Don Siegels Invasion of the Body Snatchers (1956) bis zu ausgemachtem Schlock wie The Brain from Planet Arous (1957) und The Brain Eaters (1958). Die landläufige Meinung sieht darin eine Wiederspiegelung der antikommunistischen Red Scare -. Hysterie des Kalten Krieges, auch wenn ich selbst dazu neige, dieses Phänomen als etwas komplexer und widersprüchlicher zu interpretieren. In den späten 70ern und den 80ern tauchen dann eine Handvoll Filme auf, die sehr deutlich an diese Tradition anknüpfen. Das beginnt 1978 mit Philip Kaufmans Remake von Invasion of the Body Snatchers. Es folgen u.a. Tobe Hoopers & Dan O'Bannons Remake von Invaders from Mars (1986) und John Carpenters They Live (1988). Lässt man Hoopers eher uninspirierten Streifen bei Seite, so wird deutlich, dass die außerirdische Bedrohung nun sehr viel eindeutiger als in den 50ern für Entwicklungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft steht. V ließe sich gleichfalls zu dieser Gruppe zählen, auch wenn die Miniserie, wie wir noch sehen werden, eigentlich keinen wirklich starken Bezug zu den realen Entwicklungen der Zeit herstellt.

Im Zentrum der Handlung stehen zwei exponierte Hauptfiguren – die junge Wissenschaftlerin Juliet Parrish (Faye Grant) und der Reporter Mike Donovan (Marc Singer) – sowie drei Familien die Taylors, die Maxwells und die Bernsteins. Hinzu kommen eine Reihe mehr oder weniger wichtiger Nebenfiguren. Sie alle sind auf irgendeine Weise – durch Familie, Wohnort oder Arbeitsplatz – miteinander verbunden. Diese Vernetzung mag etwas konstruiert wirken, entspricht aber dem lehrstückartigen Charakter von V.

Juliet ist die wohl einnehmendste Figur der Miniserie. Obwohl sehr talentiert steht sie doch noch ganz am Anfang ihrer Karriere und ist in keiner Weise in die Ereignisse um die Ankunft der "Visitors" involviert. Als die Anti-Wissenschaftler-Hetze einsetzt, hat das für sie zuerst einmal sehr persönliche Folgen. Sie ist zu Beginn der Serie mit dem Wall Street - Broker Dennis Lowell (Ron Hajak) liiert, und als sie erkennen muss, dass ihre Beziehung ihm gesellschaftlich und karrieremäßig zu schaden beginnt, trennt sie sich von ihm. Die Szene ist eindeutig von einer der Szenen aus Bert Brechts Furcht und Elend des Dritten Reiches (in Amerika unter dem großartigen Titel The Private Life of the Master Race bekannt) inspiriert, in der eine jüdische Frau ihren "arischen" Ehemann verlässt. Bei Brecht ist das Ganze allerdings deutlich vielschichtiger. Als Kollegen von Juliet zu verschwinden beginnen, gelangt sie zu dem Entschluss, dass man aktiv werden müsse. Und schon bald ist sie die anerkannte Führerin des Widerstands in Los Angeles. Obwohl nicht gerade zur Revolutionärin geboren, beweist sie in dieser Rolle ein außergewöhnliches Maß an Entschlossenheit, Klugheit und Tapferkeit.

Mike ist eher der Typ des "manly man" - Action - Helden. Als Krisen- und Kriegskorrespondent ist er es gewohnt, mit gefahrvollen Situationen umzugehen. Und so schleicht er sich im Alleingang in das Mutterschiff, lange bevor er Kontakt zum Widerstand aufgenommen hat.  Allerdings ist es in erster Linie seine journalistische Integrität, sein Beharren auf der objektiven Wahrheit, die ihn in Opposition zu den "Visitors" bringt. Erst recht, nachdem seine ehrgeizige Kollegin und Ex-Geliebte Kristine Walsh (Jenny Sullivan) den Job der "Pressesprecherin" (sprich: Chefpropagandistin) für die Außerirdischen angenommen hat. Was  für einen Helden dieses Typs ja schon ein eher ungewöhnlicher Antrieb ist. Als er das erste Mal Juliet begegnet, behandelt er sie anfangs spöttisch und herablassend ("kleines Mädchen"), lernt jedoch schnell, sie zu repektieren.

Dr. Benjamin Taylor (Richard Lawson) ist ein Kollege Juliets und frühes Mitglied des Widerstandes. Sein Vater Caleb (Jason Bernard) arbeitet in einer der Fabriken, die mit den "Visitors" kooperieren. Sein Bruder Elias (MichaelWright) ist ein Gelegenheits-Gauner mit Kontakten zu Straßengangs. Bens Tod wird der Auslöser für den Eintritt der übrigen Familienmitglieder in die Resistance.
Das Porträt der schwarzen Familie enthält einige leicht fragwürdige Elemente. Der Vater ist ein "blue collar" - Arbeiter, seine beiden Söhne haben diametral entgegengesetzte gesellschaftliche Laufbahnen eingeschlagen. Ben hat studiert und ist ein angesehener Wissenschaftler geworden. Elias ist quasi ins Lumpenproletariat abgesunken. Sollen wir darin eine Art Kommentar auf die sozialen Entwicklungen in der afroamerikanischen Bevölkerung der Zeit sehen? Ben würde dann die aufsteigende Mittelklasse, Elias jenen Teil verkörpern, der weiterhin im Ghetto feststeckt. Doch falls dies tatsächlich Johnsons Absicht gewesen sein sollte, hat er offenbar nichts erhellendes über dieses Thema zu sagen. Da Elias in Sprache und Gestus beinah wie eine Karrikatur wirkt, drängt einen der Film in gewisser Weise dazu, Bens Position zu übernehmen, der seinem Bruder vorwirft, dass sich hinter dessen Gerede über die Unterdrückung durch "The Man" bloß die eigene Apathie verberge. Wenn Elias auf sein aufgesetztes Gehabe verzichten und sich etwas anstrengen würde, könnte er eine Karriere ganz wie er selbst machen. Und das wäre sicher keine besonders begrüßenswerte Message.

Die Maxwells sollen offensichtlich die unpolitische "Durchschnittsfamilie" verkörpern, die ohne ihr Zutun in das Visier des faschistischen Regimes gerät und so schließlich zu Flucht und Widerstand gezwungen wird. Vater Robert (Michael Durrell) ist Anthropologe, Mutter Kathleen (Penelope Windust) Botanikerin.
Von den drei Töchtern Robin (Blair Tefkin), Polly (Viveka Davis) und der kleinen Katie (Marin May) ist Polly die kämpferischste. Als man beginnt, sie in der Schule als "Wissenschaftlertochter" zu schikanieren, reagiert sie nicht etwa eingeschüchtert, sondern mit stolzem Zorn. Lange bevor ihre Eltern bereit sind, der Wirklichkeit offen ins Auge zu sehen, fordert sie diese auf, sich zu wehren und zu rebellieren.
Die Älteste Robin ist das genaue Gegenteil ihrer Schwester. Sie ignoriert die bedrohlichen Dinge, die um sie herum vorgehen, und als die Familie schließlich gezwungen ist, in den Untergrund zu gehen, reagiert sie so, als handele es sich dabei um eine ärgerliche Unterbrechung ihres Lebens, für die ihre Eltern verantwortlich sind. Hauptgrund für ihr Verhalten ist, dass sie sich in den schmucken "Visitor" Brian (Peter Nelson) verguckt hat, den Führer der örtlichen Friends - Brigade.

Die jüdische Familie Bernstein gibt Anlass für einige der am deutlichsten lehrstückhaften Szenen der Miniserie.
Stanley (George Morfogen) und Lynn (Bonnie Bartlett) führen ein angenehmes und ruhiges Mittelklasseleben in Suburbia. Wie die meisten, versuchen auch sie die schleichende Faschisierung so gut es geht zu ignorieren. Selbst als ihre Nachbarn, die Maxwells, zu Flüchtlingen werden, verweigert Stanley ihnen jede Hilfe, aus Angst, dann selbst in das Visier der "Visitors" und der Staatsgewalt zu geraten. Erst als ihm sein Vater Abraham (Leonardo Cimono), ein Holocaust-Überlebender, der schon früh die Parallelen zwischen den aktuellen Ereignissen in Amerika und dem Deutschland der 30er Jahre erkannt hat, ins Gewissen redet und dabei den Tod der Mutter im KZ heraufbeschwört, hat er ein Einsehen, ohne deshalb gleich zu einem erklärten Widerstandskämpfer zu werden. 
Derweil erliegt Sohn Daniel (David Packer) immer stärker den Versuchungen des autoritären Regimes. Der unsichere und etwas ziellos vor sich hin lebende Jugendliche tritt den Visitor Friends bei und berauscht sich schnell an der Macht, die ihm die Uniform zu verleihen scheint. Gestern noch der mitleidig-spöttisch beäugte "Versager", genießt er es, nun seinerseits andere herumschubsen und einschüchtern zu können. In einer weiteren nach dem Vorbild von Furcht und Elend des Dritten Reiches gezeichneten Szene bekommen wir zu sehen, wie Stanley und Lynn Angst vor ihrem eigenen Sohn bekommen, von dem sie befürchten müssen, dass er sie denunziert, nachdem sein Vater unbedachterweise seiner Frustration über die gleichgeschalteten Medien Ausdruck verliehen hat. (1) Später versucht Daniel dann sogar, Robin Maxwell dazu zu zwingen, ihn zu heiraten. Eine Szene, bei der es sich sehr deutlich um eine für das Fernsehen abgeschwächte Darstellung einer versuchten Vergewaltigung handelt.
Abraham Bernsteins beschwörende Monologe haben leider oft etwas leicht gestelztes an sich. Gar zu offen wird hier Kenneth Johnsons Botschaft ausgesprochen, dass wir uns stets die grauenerregenden Verbrechen des Nationalsozialismus im Gedächtnis bewahren müssen, wenn wir verhindern wollen, dass sie sich eines Tages wiederholen. Dennoch ist der alte Jude sicher eine der berührendsten Figuren der Miniserie. Mehr noch gilt das vielleicht für seine resolute Freundin Ruby Engels (Camilla Ashland). Die alte Dame ist nicht nur ebenso hellsichtig wie Abraham, sondern wird schließlich zu einem aktiven Mitglied des Widerstandes und einer wichtigen moralischen Stütze für Juliet.              

Kenneth Johnson wuchs in einem familiären Umfeld auf, das tief von Rassismus und Bigotterie durchtränkt war: 
I had been raised in a very anti-Semitic, bigoted household and heard hate-words and racial slurs all the time; every day of my life, as I was a kid growing up.
Als er im Alter von 12/13 Jahren in der Schule die Filmdokumente zu sehen bekam, die während der Nürnberger Prozesse verwendet worden waren, schockierte ihn dies zutiefst:
[I]t was an eye-opening, shocking experience for me to see what those death-camps had been like in World War II. I had never heard of the word ‘holocaust’
Der bleibende Eindruck, den diese erste Konfrontation mit der Barbarei des Naziregimes bei ihm hinterlassen hatte, ist in V deutlich zu spüren. Nicht nur wird mit der Figur des alten Abraham eine direkte Verbindung zum Holocaust hergestellt, Johnson immitiert in einigen Szenen auch ganz bewusst den Stil von Leni Riefenstahls berüchtigtem Triumph des Willens. Ebenso orientieren sich die Propagandaplakate der "Visitors" sehr deutlich an der faschistischen Ästhetik. Im Gegenzug benutzt der Widerstand das aus dem 2. Weltkrieg bekannte "V" (=Victory) - Symbol. (2)
Allerdings scheint mir Johnsons ohne Zweifel ehrlicher und tief empfundener Antifaschismus kaum je über diesen menschlich-moralischen Abscheu hinauszugehen. Wie ich vor längerer Zeit schon einmal in einem Blogpost über seine TV-Serie Alien Nation (1989/90) angemerkt habe, macht er auf mich den Eindruck eines wohlmeinenden Liberalen. Obwohl er seine künstlerische Laufbahn in den 60er/70er Jahren begann, spricht nichts dafür, dass er irgendwie von den radikaleren Strömungen dieser Zeit beeinflusst worden wäre.
Diese politische Weltsicht scheint mir auch mit dafür verantwortlich zu sein, warum V streckenweise etwas blass und gekünstelt wirkt. Trotz des großen Ensembles und der zahlreichen vignettartigen Szenen, die den Eindruck eines exemplarischen Querschnitts durch die US-Bevölkerung erwecken sollen, mangelt es der Miniserie etwas an konkreter sozialer Lebendigkeit. Und einer der Gründe dafür liegt meiner Ansicht nach darin, dass das große Thema Faschismus kaum mit der gesellschaftlichen Realität der frühen 80er Jahre verknüpft wird.
Dem hatte natürlich bereits die Verwandlung von Storm Warnings in eine SciFi-Parabel Vorschub geleistet. Da der Faschismus hier eine von außen kommende – ja sogar außerirdische – Bedrohung ist, kann die Frage nach den Gründen seiner Entstehung weitgehend ignoriert werden. Aber ich glaube nicht, dass das als Erklärung ausreicht. So gibt an einer Stelle "Martin" (Frank Ashmore), einer der Dissidenten unter den "Visitors", einen kurzen Kommentar darüber ab, wie es unter den Aliens selbst zur Entstehung eines totalitären Regimes kommen konnte. Und dabei bekommen wir nicht mehr zu hören als die geläufige Platitüde vom "charismatischen Führer", dem halt plötzlich alle hinterhergelaufen seien. Was mich jedesmal an den Beginn von Leo Trotzkis Essay Porträt des Nationalsozialismus denken lässt:
[J]eder Führer ist immer ein Verhältnis zwischen Menschen, ein individuelles Angebot auf eine kollektive Nachfrage. Die Erörterungen über die Persönlichkeit Hitlers sind um so hitziger, je mehr man das Geheimnis seines Erfolges in ihm selbst sucht. Doch ist es schwer, eine andere politische Gestalt zu finden, die in einem solchen Maße Knoten unpersönlicher geschichtlicher Kräfte wäre.
Ebenso unsinnig wäre es ja zum Beispiel auch, wollte man die beunruhigenden Entwicklungen im Amerika unserer Tage einfach auf die persönlichen Eigenheiten des ebenso großmäuligen wie geistig beschränkten Möchtegernautokraten im Weißen Haus zurückführen.
Jedenfalls denke ich, dass es auch im Rahmen von V durchaus möglich gewesen wäre, auf einige der Entwicklungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Zeit anzuspielen, die eine faschistische Bedrohung Anfang der 80er Jahre durchaus realistisch erscheinen lassen mussten. So fällt es z.B. auf, dass V auch nicht die kleinste Anspielung auf die sehr heftigen Klassenkämpfe der Zeit enthält. Auch  wenn das bei einer großen TV-Produktion vielleicht nicht anders zu erwarten ist. Immerhin hatte in den späten 70er Jahren eine Welle militanter Streiks das Land erschüttert und Reagans brutale Zerschlagung der Fluglotsengewerkschaft PATCO lag gerade einmal anderthalb Jahre zurück. Das ganze Ausmaß der sozialen Konterrevolution des "Reaganismus" war zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht klar erkennbar, aber die Tendenz war doch ohne Frage schon 1983 sehr deutlich spürbar. In V jedoch erscheint Amerika weitgehend als eine "gesunde" Gesellschaft, die sich quasi über Nacht auf unerklärliche Weise in eine faschistische Despotie verwandelt. Zwar haben wir mit der Kollaborateurin Eleanor Dupres (Neva Patterson), der Mutter Donovans, den Typ der cleveren Kapitalistin, die um des lieben Profites willen auch mit dem Teufel paktieren würde. Aber alles in allem gleicht sie mehr einer holzschnittartigen Figur aus einem sub-brechtschen Lehrstück, und weniger einem aus der Realität der frühen Reagan-Ära gegriffenen menschlichen Charakter. Interessanterweise wirkt Wall Street - Broker Dennis Lowell, Vertreter jener sozialen Schicht, die in den 80ern einen meteorischen Aufstieg erleben sollte, im Vergleich zu ihr gar nicht einmal so unsympathisch, höchstens etwas rückgratlos.
Der schärfste politische Kommentar der Miniserie findet sich wohl nicht zufällig überhaupt nicht in der Handlung selbst, sondern in der visuellen Verknüpfung zweier Szenen. Ganz am Anfang von V befindet sich Donovan in El Salvador und interviewt dort einen Guerillaführer. Als das Camp von Helikoptern attackiert wird, steht der Guerillero seelenruhig aufrecht im Kugelhagel und schießt mit seiner Pistole auf einen der Angreifer. Genau dasselbe Szenario bekommen wir späer noch einmal zu sehen, wenn die "Visitors" mit ihren Kampffliegern ein Lager des Widerstandes überfallen, wobei Juliet Parrish die Rolle des heroischen Partisanen übernimmt. Nun bin ich mir nicht sicher, was das durchschnittliche amerikanische Fernsehpublikum 1983 mit El Salvador assoziiert hätte. Wäre ihm der Hintergrund des dort tobenden Bürgerkrieges bekannt gewesen? Hätte es gewusst, dass die Militärjunta, gegen die die Guerilla der Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) kämpfte, massivst von den USA unterstützt wurde? Vermutlich wohl eher nicht, aber auch dann war es von Kenneth Johnsons Seite wohl kaum unbeabsichtigt, dass auf diese Weise eine Parallele zwischen dem Widerstand gegen die "Visitors" und einer "sozialistischen" Bewegung gezogen wird, die gegen einen Handlanger Washingtons kämpfte.
Ein weiteres interessantes Detail ist der mexikanischstämmige Arbeiter Sancho Gomez (Rafael Campos). Als er versucht, die Maxwells in seinem LKW durch eine Straßensperre zu schmuggeln, lässt er die Bemerkung fallen, dass er mit solchen Aktionen bereits Erfahrung habe. Was wohl darauf hindeuten soll, dass er in der Vergangenheit "illegalen" Immigranten über die Grenze geholfen hat, vielleicht sogar selbst auf diesem Weg in die USA gelangt ist. Was eine unausgesprochene Verbindung zwischen dem Faschismus der "Visitors" und dem unmenschlichen Grenzregime der Vereinigten Staaten herstellt. Wenn der in der Zwischenzeit verhaftete Gomez später von Donovan auf dem Mutterschiff befreit wird, erklärt er, dass er unter der Folter nicht zusammengebrochen sei, und erwähnt stolz, dass sein Großvater noch an der Seite Zapatas gekämpft habe.
Doch solche Momente bleiben vereinzelt und werden durch andere aufgewogen, die in eine eher konservative Richtung gehen. So erscheint die Resistance mitunter als ein patriotisches Unternehmen, zur ersten Widerstandszelle gehört ein Polizeioffizier und vor einem koordinierten Überfall auf ein Waffenlager der Nationalgarde wird erst mal gebetet.

Dieser verschwommene und etwas widersprüchliche Charakter der Miniserie wird durch das SciFi-Element noch verstärkt. Insoweit es sich dabei ursprünglich um einen Kompromiss zwischen Johnson und der NBC handelte, muss man zwar zugestehen, dass der Filmemacher das ihm aufgezwungene Format alles in allem recht geschickt zu nutzen verstand. Dennoch stellen die "Visitors" für mich einen der größten Schwachpunkte von V dar.
Von Beginn an wird immer wieder die "Andersartigkeit" der Außerirdischen hervorgehoben. Tiere reagieren in ihrer Gegenwart nervös und verängstigt, sie scheinen keinerlei menschliche Nahrung zu sich zu nehmen, sie reagieren empfindlich auf irdisches Sonnenlicht usw. All das soll offensichtlich unser Misstrauen wecken, was in der berühmten Szene gipfelt, in der Fanfavoritin "Diana" (Jane Badler), die Chef-Wissenschaftlerin der Aliens und Hauptantagonistin der Miniserie, ein lebendiges Meerschweinchen verschlingt und die reptilische Natur der "Visitors" enthüllt wird.
Dieser motivische Fokus verträgt sich nur schlecht mit der antifaschistischen Botschaft der Miniserie. Das wird besonders deutlich, wenn Caleb Taylor auf die Ankunft der "Visistors" in "seiner" Fabrik äußerst feindselig und mit einem Kommentar à la "erst die Mexikaner und jetzt diese da" reagiert, erweist sich sein Rassismus im weiteren Verlauf der Geschichte doch eigentlich als völlig berechtigt. Der Widerstand plant schließlich sogar, die wahre Natur der "Visitors" zu einem zentralen Punkt seiner Propaganda zu machen. Denn wenn die Bevölkerung erst einmal sehe, wie "anders" diese Aliens in Wirklichkeit sind, werde sie sich gegen sie erheben. Angesichts der Parallelen zu Vichy-Frankreich könnte man darin zwar ein Pendant zum antideutschen Nationalismus sehen, der sowohl vom bürgerlichen als auch vom stalinistischen Flügel der Resistance gepredigt wurde. Aber das würde es nicht wirklich besser machen, gibt es doch keinerlei Anzeichen dafür, dass wir das kritisch sehen sollen.
Sicher, Kenneth Johnson bemüht sich, kein gar zu einseitiges Bild der "Visitors" zu zeichnen. Neben der eiskalten, intriganten "Dragonlady" "Diana" mit ihrer Mengele-haften Obsession für "medizinische Experimente" gibt es schließlich auch Dissidenten wie "Michael". Zudem bekommen wir am Rande der Geschichte den Beginn einer romantischen Beziehung zwischen der Arbeiterin Harmony Moore (Diane Cary) und dem etwas orientierungslosen "Visitor" "Willie" (Robert Englund) zu sehen, die durchweg in einem sympathischen Licht erscheint. Doch solche Nuancen beißen sich mit dem Motiv der menschenfressenden Schlangenmenschen aus dem All.
Man könnte sich sogar fragen, ob nicht eine Verbindung zwischen V und den bizarren Ideen eines David Icke mit seiner "reptiloiden Weltverschwörung" besteht. Nicht dass Kenneth Johnson mit seiner Miniserie derartigen Blödsinn hätte propagieren wollen. Zumal Icke seine abstrusen Vorstellungen erst sehr viel später entwickelte. Doch das Motiv der unmenschlichen "Anderen", die als Strippenzieher hinter den Kulissen eine totalitäre Herrschaft über die Menschheit errichten, weist leider frappierende Ähnlichkeiten mit allen möglichen rechten Verschwörungstheorien auf.

Kenneth Johnson bemüht sich schon seit geraumer Zeit darum, ein Remake von V als Kinofilm auf die Beine zu stellen. Und wie er u.a. 2017 in seinem Gespräch mit Ryan Harvey erklärt hat, hält er dieses Projekt für aktuell besonders "relevant". Was angesichts des weltweiten Anwachsens rechtsradikaler und faschistischer Strömungen natürlich durchaus nachvollziehbar ist Dennoch glaube ich, dass eine simple Neuverfilmung des alten Scripts kein besonders befriedigendes Ergebnis zeitigen würde. Nach all den Erfahrungen, die wir in den bald vierzig Jahren seit der Erstausstrahlung von V sammeln konnten, würde der abstrakt-lehrstückhafte Charakter und das politisch Amorphe der Geschichte nur noch deutlicher ins Auge stechen. Mehr denn je brauchen wir ein kläres Verständnis dafür, wie und warum sich faschistische Bewegungen aus dem Nährboden des krisengeschüttelten Kapitalismus entwickeln. V kann dies auch nicht ansatzweise leisten. Selbst ein in mancherlei Hinsicht etwas altbacken-naiver Film wie Seven Days in May (1964) von John Frankenheimer & Rod Serling scheint mir darum in der jetzigen Situation "relevanter" als eine mögliche Wiederbelebung der Fascist Reptiles from Outer Space. 






(1) Bei Brecht ist die entsprechende Szene allerdings etwas krasser, geht es dort doch um ein kleines Kind, nicht einen jungen Mann.

(2) Die Plakate waren auch Teil einer innovativen Werbekampagne im Vorfeld der Erstausstrahlung gewesen: "There was a brilliant guy at NBC, who was the head of advertising and publicity named Steve Sohmer, and I took Steve the idea of putting up propaganda posters all over the country. Big billboards and posters that didn’t say anything about the show or the network. It just said “The Alien Visitors. Our Friends”. And they were crafted after the Nazi propaganda posters, such as Germans had put up across Europe in World War 2. A week after the posters went up, we sent out crew of kids with cans of spray paint, and they sprayed a big red V right over the poster, like the resistance did in Europe in World War 2. And then the last week right before the show aired, we just added a little banner on the corner on the billboard that said “The battle begins on NBC”, along with the date and the time."

Sonntag, 14. Juni 2020

Strandgut

Samstag, 30. Mai 2020

Strandgut

Samstag, 23. Mai 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E07: "Children of Auron"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Unter den aktuellen Umständen könnte eine Episode über eine tödliche Epidemie, die in Windeseile eine gesamte Planetenbevölkerung dahinrafft, als ein etwas ungünstiger Wiedereinstiegspunkt für unseren Blake's 7 - Rewatch erscheinen, aber daran lässt sich nun einmal nichts ändern.

Roger Parkes hatte seinen Einstand als Blake's 7 - Autor in der zweiten Staffel mit Voice from the Past feiern können, und wir haben dort bereits kurz auf seine langjährige Erfahrung mit SciFi-Stoffen hingewiesen, die er bei der Mitarbeit an The Prisoner (1967), Out of the Unkown (1971), Doomwatch (1971/72) und Survivors (1976/77) hatte sammeln können.  Sein Debüt war eine ziemlich gelungene, wenn auch strukturell etwas unausgewogene Geschichte über die politischen Machtkämpfe innerhalb der Föderation gewesen. Schaun wir mal, ob er in Beitrag Nr. 2 diese Qualität zu halten versteht.

Wie der Titel ja bereits nahelegt, ist Children of Auron eine Cally-Episode. Dabei wird die Hintergrundsgeschichte der Ex-Partisanin einem ziemlich heftigen Retconning unterzogen. Bei ihrem allerersten Auftritt in Time Squad hatte es geheißen, sie sei von den Auronar ausgesandt worden, um den Freiheitskämpfern von Saurian Major gegen die Föderation beizustehen. Und zwei Staffeln lang schien es ganz so, als sei sie mit dem vollen Segen ihrer Heimatwelt auf diese Mission gegangen. In Dawn of the Gods wurde dann erstmals angedeutet, dass sie sich vor ihrer Abreise mit ihrem Volk überworfen habe. Und nun erfahren wir, dass sie eine regelrechte Ausgestoßene ist. Mit etwas gutem Willen kann man das rückblickend zwar schon irgendwie alles unter einen Hut kriegen, aber niemand wird auch nur für einen Moment glauben, dies sei von vornherein so geplant gewesen.

Mit dem durch den Intergalaktischen Krieg geschaffenen Chaos sieht Avon seine Chance gekommen, einen persönlichen Rachefeldzug zu beginnen. Wie wir während der zweiten Staffel in der Episode Countdown erfahren haben, war er während seiner kriminellen Karriere mit einer Frau namens Anna Grant liiert, die ihm offenbar sehr viel bedeutete. Er selbst entging der Verhaftung, doch sie geriet in die Hände der Föderation und starb unter der Folter. Nun endlich scheint der Zeitpunkt gekommen, den dafür verantwortlichen "Verhörspezialisten" Shrinker aufzuspüren und zu "exekutieren", wie Avon sich auszudrücken beliebt. Also nimmt die Liberator zum ersten Mal seit langem wieder Kurs auf die Erde.
Cally ist die einzige unter der Crew, die dieses Vorhaben ablehnt und das auch offen zum Ausdruck bringt. Rache ist in ihren Augen ein sinnloses Verlangen. Was Avon dazu veranlasst, ein paar spöttische Kommentare über die Moral der Auronar und ihre politische Neutralität abzugeben: "Too good to become involved with the rest of humanity. [...] Neutrality or passivism, it all boils down to the same gutless inanity." Cally protestiert. Schließlich gebe es Auronar wie sie selbst, die aktiv am Kampf gegen die Föderation teilgenommen haben.
Cally: We're not all gutless, you see.
Villa: And the Aurons punished you for your defiance, didn't they?
Tarrant: Were you exiled?
Cally: Yes. Why do you imagine I've never gone back? Affection for him?
Die rhetorisch gedachte Frage am Schluss ist eine nette kleine Anspielung auf die enge Beziehung, die von Beginn an zwischen Cally und Avon bestanden hat, obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind.

Doch bevor die Liberator auch nur in die Nähe des Sonnensystem gelangt, erreicht Cally ein telepathischer Hilferuf von ihrer Zwillingsschwester Zelda. Auf der Heimatwelt scheint es zu irgendeiner furchtbaren Katastrophe gekommen zu sein.
Der stets misstrauische Avon wittert zwar eine Falle, doch diesmal wird er von seinen Kameradinnen & Kameraden überstimmt. Und so sehr ihm das auch missfallen mag, noch werden solche Entscheidungen auf der Liberator von allen gemeinsam getroffen.
Tarrant: Zen, reroute to planet Auron.
Avon: Just like that?
Tarrant: A democracy. You're outvoted, Avon. Three to two.
Vila: Four to one. I like to stay with the winners whenever possible.      
Tatsächlich haben sowohl Cally als auch Avon recht. Auf Auron ist es in der Tat zu einer medizinischen Katastrophe ungeheuren Ausmaßes gekommen, die das Überleben der gesamten Bevölkerung bedroht. Und doch handelt es sich um eine Falle.

Die Regierung von Auron verfolgt seit Jahrzehnten eine strikt isalotionistische Politik. Zugleich wurde die natürliche Form der Fortpflanzung durch eine Art des Klonens ersetzt, bei der aus dem Erbgut eines einzelnen Individuums jeweils eine Reihe identischer "Nachkommen" (so wie Cally und Zelda) erzeugt werden. Doch das hat unglücklicherweise auch dazu geführt, dass die junge Generation über praktisch keine Abwehrkräfte gegen außerplanetarische Krankheitserreger mehr verfügt. Eine Schwäche, die sich Servalan auf perfide Weise zunutze gemacht hat, indem sie den Piloten eines Patrouillenschiffs mit fremdartigen Viren infizierte.
Unsere Weltraumdiktatorin ist immer noch dabei, ihr halbzerfallenes Imperium wieder auf die Beine zu bekommen. Warum es zum Erreichen dieses Ziels nötig ist, die gesamte Bevölkerung eines neutralen Planeten auszurotten, will freilich auch dem Captain ihres Kriegsschiffs Deral (Rio Fanning) nicht ganz einleuchten. Sicher, eine solche Demonstration skrupelloser Gewalt könnte geeignet sein, potentielle Rebellen und Abweichler einzuschüchtern. Dennoch bekommt man den Eindruck, dass dieses Unternehmen selbst dem sicher nicht zimperlichen Föderationsoffizier etwas arg brutal vorkommt. Aber Servalan hat für alle Fälle sowieso den jüngeren Ginka (Ric Young) bei der Hand. Der glaubt, bei der letzten Beförderung übergangen worden zu sein, und brennt nur darauf, der Präsidentin seine grenzenlose Loyalität unter Beweis zu stellen. Erst recht, wenn er dabei auch noch Derals Autorität untergraben kann.
Als Servalan ihrem Captain begeistert von den Klontechniken der Auronar berichtet, glaubt dieser, ihre wahren Motive durchschaut zu haben: "So this is your reason. Nothing to do with rebuilding the Federation. You simply want to reproduce." Ein Gedanke, den er vielleicht besser nicht laut ausgesprochen hätte. Denn selbstverständlich will die Präsidentin nicht, dass der Eindruck entsteht, ihr gehe es bei dieser Aktion bloß um die Befriedigung irgendwelcher persönlichen Wünsche. Ihr eigentliches Ziel sei es die Liberator nach Auron zu locken. Habe man erst einmal die Kontrolle über das mächtigste Kriegsschiff der Galaxis, stehe der Konsolidierung der Föderation nichts mehr im Wege. Die Klontechnik sei ein bloßer Bonus. Deral ist zumindest klug genug, von nun an den Mund zu halten. 

Auf Auron ist die Lage inzwischen verzweifelt. Die fremde Epidemie breitet sich rasend schnell aus. Einer der alten Ratsmitglieder (Ronald Leigh-Hunt), der für die verheerende  Isolationspolitik verantwortlich war, befiehlt alles für eine Evakuierung genetischen Materials vorzubereiten. Zugleich weist er die gegen ihn gerichtete Kritik der Wissenschaftlerin Franton (Sarah Atkinson), deren Vater die Klontechnik entwickelte, brüsk zurück. Nicht seine Politik, sondern der Intergalaktische Krieg, sei für diese Katastrophe verantwortlich. Bei den außerirdischen Krankheitserregern müsse es sich um Überreste einer biologischen Waffe handeln.
Als Servalans Schiff den Planeten erreicht und die Präsidentin "großzügig" ihre "Hilfe" anbietet, geht der Alte ohne zu zögern darauf ein, obwohl Franton ihn vor einer möglichen Falle warnt und darauf beharrt, es sei besser, auf die Liberator zu warten.
Ironischerweise ist Franton die erste (und einzige) Erkrankte, die tatsächlich behandelt wird, denn Servalan braucht ihre Dienste im "Bio-Replikations-Zentrum".

In der Tat läuft für die Diktatorin erst einmal alles nach Plan. Nachdem Avon, Cally und Tarrant herunterteleportiert sind, werden sie von Föderationstruppen gefangen genommen. Derweil lässt sich die Präsidentin eine Blutprobe entnehmen, aus der ihre Klone herangezüchtet werden sollen. Wenig später kann sie dann in Siegerpose dem auf der Liberator zurückgebliebenen Vila ihre Forderungen diktieren. Captain Deral wird hinaufgeschickt. Angeblich als Unterhändler, doch in Wahrheit natürlich, um mit der Waffe in der Hand die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen.

Zu dumm für Servalan, dass sie vergessen hat, dass es ja auch noch Dayna gibt. Auch hat Cally zur selben Zeit ihrer Schwester eine telepathische Nachricht zukommen lassen und sie über den Ernst der Lage aufgeklärt. Das Blatt wird sich schnell wenden.

Children of Auron hat viel nettes zu bieten.
Auch wenn wir hier zum ersten Mal von der extrem isolationistischen Politik der Auronar hören, ist ihr furchtbares Schicksal doch eine interessanter Kommentar darauf, was passieren kann, wenn sich eine Gesellschaft völlig vom Rest der Welt abschottet.
Endlich einmal darf Dayna wieder eine etwas aktivere Rolle spielen. Sie überwältigt nicht nur gemeinsam mit Vila den Föderationscaptain, sondern ist auch diejenige, die ihre auf dem Planeten befindlichen Kameraden & Kameradinnen schließlich rettet.
Wenn Servalan die Bombardierung der Regierungsgebäude befiehlt, bekommen wir einige sehr hübsche, explodierende Modelle und viel brutalistische Architektur zu sehen.
Das Gekabbel zwischen dem ergrauten Captain Deral und dem jungen und skrupellosen Karrieristen Ginka macht viel Spaß. Und keiner der beiden überlebt die Episode. Die Kaltblütigkeit, mit der die Liberator - Crew Deral am Ende in seinen sicheren Tod schickt, ist bemerkenswert. 
Und dann wäre da natürlich auch noch Servalans Wunsch, Nachkommen in die Welt zu setzen. Natürlich könnte man darin einen Ausdruck der überkommenen Vorstellung sehen, dass es in der "Natur" jeder Frau liege, eine Mutter werden zu wollen. Dass unsere kaltblütige und machtversessene Weltraumdiktatorin das Klonen dem "natürlichen Weg" vorzieht, wäre dann ein Anzeichen für ihre eigene "Unnatürlichkeit". Eine Deutung mit ziemlich unangenehmen Implikationen. Aber ich denke, man kann das auch anders betrachten. Servalan geht es nicht wirklich um "Mutterschaft", sondern um eine Form von Unsterblichkeit. Was sie sich wünscht, sind ja keine Kinder, sondern perfekte Kopien ihrer selbst. Näher kann man einem Fortleben nach dem Tod eigentlich nicht kommen. Und ein solches Verlangen passt sehr gut zu Servalans narzisstischem Charakter, ohne dass man deswegen auf irgendwelche höchst fragwürdigen Ideen über die "weibliche Natur" zurückgreifen müsste.