"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 12. Februar 2020

Pulp-Collage

Allen, die ein Interesse an lovecraftianischer Weird Fiction, Robert E. Howard oder ganz allgemein der Phantastik der Pulp-Ära haben, kann ich die Essays von Bobby Derie nur allerwärmstens ans Herz legen. Auf seinem Blog On An Underwood No. 5 geht es hauptsächlich um "Two Gun" Bob, während Deep Cuts in a Lovecraftian Vein "[is] dedicated to examining some of the lesser-known works of the [Cthulhu] Mythos. Stories I particularly want to focus on [...] involve writers and protagonists that are female or POC, LGBTQ issues, and related themes of sex, gender, race, and all the other bits and pieces that people don’t normally like to talk about." Daneben hat der gute Mann auch zwei Bücher geschrieben: Sex and the Cthulhu Mythos {von dem es sogar eine deutsche Übersetzung gibt} und Weird Talers. Letzteres liegt momentan auf meinem Nachttisch.

Es war dieser Deep Cuts - Beitrag vom letzten Dezember über Robert Lowndes' Story The Leapers, die mich vor ein paar Tagen auf ein kleines Recherche-Abenteuer geschickt hat. So weit es um die Geschichte selbst geht, stammt das meiste des folgenden Posts aus Bobby Deries Artikel. Doch da mich meine Recherche {wie üblich} sehr rasch auf Abwege geführt hat, ist er doch mehr als bloß ein schamloses Plagiat.

Robert W. Lowndes (1916-98) dürfte in erster Linie als Herausgeber zahlreicher Phantastik-Magazine bekannt sein. So leitete er über die Jahrzehnte u.a. Future Science Fiction (1941-60), Science Fiction Quarterly (1941-43/1951-58), Science Fiction Stories (1953-60), Startling Mystery Stories (1966-71), Dynamic Science Fiction (1952-54), Famous Science Fiction (1966-69) und das Magazine of Horror (1963-71). Doch daneben betätigte er sich auch selbst als Schriftsteller. Und zumindest in seiner Frühzeit war er dabei recht stark von Lovecraft beeinflusst.

Geboren in Bridgewood (Connecticut) arbeitete Lowndes nach seinem High School - Abschluss eine Zeit lang im Civilian Conversation Corps (CCC), einer der im Zuge von Franklin D. Roosevelts New Deal gegründeten staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Zwischendurch besuchte er aber auch kurz das Stamford Community College. Die Arbeit als Hilfskraft in einem Krankenhaus brachte ihm später den Spitznamen "Doc" ein.  Mitte der 30er Jahre siedelte er nach New York über und trat in die Reihen des dortigen SF-Fandoms ein. Die Verhältnisse, unter denen er zu dieser Zeit lebte, waren äußerst ärmlich. Ein Beitrag auf Tellers of Weird Tales beschreibt es so: "By the late 1930s, out on his own again, he was living in poverty, staying at the YMCA or sleeping in subways and eating by way of handouts from friends."

Ende 1936 schickte Lowndes einen ersten Brief an Lovecraft, woraufhin eine kurze Korrespondenz zwischen den beiden entstand, die durch HPLs Tod im März 1937 ein jähes Ende fand. Wie es seine Art war, ermunterte der alte Gentleman von Providence seinen jungen Fan dazu, seinen schriftstellerischen Ambitionen nachzugehen. Allerdings scheint der junge Lowndes das Konzept des "Kosmischen Horrors" nicht recht begriffen zu haben. Wie er Jahrzehnte später in Nr. 62 von Crypt of Cthulhu (Candlemas 1989) erzählte:
So I finally wrote him that winter, and in the course of my first letter told him what had bothered me about At the Mountains of Madness, and some of the other stories: the discovery of the unknown always led to madness and destruction. couldn’t some unknown things possibly be beautiful, leading to greater happiness, etc.?
His reply was that such stories must have such an ending, because the universe was really a terrible place and only our relative ignorance and limitations made it endurable to us; to seek to go beyond those limitations, to find the real nature of things, would inevitably be shattering. it is only our illusions of order and relative safety that protect us from madness. (That is, of course, a paraphrase of what he wrote me.) The seence of horror lay in abnormalities, in violations of what we consider to be natural law, dislocations of time and space, etc. […]
Die Meinungsverschiedenheit konzentrierte sich offenbar auf das Motiv der "verbotenen Bücher". Wie Lowndes in seinem Vorwort zur überarbeiteten Fassung von The Leapers schrieb, die er 1968 in der Septemberausgabe des Magazine of Horror veröffentlichte:
While written as a “Lovecraft story”, even the earlier version contained one fundamental departure from HPL – a matter about which your editor and The Master had argued back in 1936, shortly before he died: that reading “Forbidden Books”, etc. had to bring about dreadfl and horrible events, and that such knowledge leads invariably to destruction. While we would not quarrel, even now, with Lovecraft’s statements that reading the Necronomicon would be the beginning of a Frightful End for you, we do assure you that, for a strong mind, the Song Of Yste need not be fatalunless you’re bored to death. 
Song of Yste ist Lowndes' eigenes Grimoire.
 
In der zweiten Hälfte der 30er Jahre tobten heftige Auseinandersetzungen im New Yorker SF-Fandom, die auf einem Gemisch aus politischen und persönlichen Faktoren beruhten. Die selbst erst 1934 auf Initiative Hugo Gernsbacks gegründete Science Fiction League hatte schon bald die Kritik eines von Don Wollheim und John Michel angeführten radikalen Flügels auf sich gezogen. Auf der Third Eastern States Science-Fiction Convention, die im November 1937 in Philadelphia stattfand, trug Wollheim die von Michel verfasste Rede Mutation or Death vor – eine Kampfansage gegen den selbstzufriedenen Eskapismus der gernsback'schen SF und ein Aufruf, das Genre möge sich endlich den Herausforderungen einer von Weltwirtschaftskrise, Faschismus und Kriegsgefahr geprägten Wirklichkeit stellen: 
Today we are face to face, face to face, I repeat, with the choice: civilization or barbarism – reason or ignorance. 
As idealists, as visionaries, we cannot retreat before this challenge. We must accept it and carry the battle into the enemy's camp. Hitherto, this challenge has not even been recognized, much less accepted. [...]
[H]ow sick we are at base of this dull, unsatisfying world, this stupid asininely organized system of ours which demands that a man brutalize and cynicize himself for the possession of a few dollars in a savage, barbarous, and utterly boring struggle to exist.
We say: "Put a stop to this – NOW!" 
We say: "Smash this status quo of ours by smashing the present existing forms of economic and social life!" Boldly, perhaps a bit crudely, we say: "Down with it!" Down with it before the war-lovers clamp on the screws and bind us in submission for who knows how long! [...]
We come out wholly and completely in support of every force seeking the advancement of civilization along strictly scientific and humanitarian lines. 
All help to the democratic forces of the world ! 
All help to the heroic defenders of Madrid and Shanghai, defenders of democracy! 
Death and destruction to all forms of reaction! (3)
Dass das nicht auf ungeteilte Zustimmung im Fandom stieß, wird vermutlich niemand wundern. Das konservative Lager scharte sich um Sam Moskowitz, der seine Gegner mit dem Spottnamen "Bolos" ("Brooklyn Bolsheviks") belegte. Persönliche Animositäten verstärkten noch den politisch-weltanschaulichen Gegensatz.

Ob sich Lowndes schon 1935 den "Michelists" anschloss, als man sich zum ersten Mal in der New Yorker Science Fiction League begegnete, weiß ich nicht genau (1). Auf jedenfall wurde er schon bald in den Freundeskreis um Wollheim, Michel und Frederik Pohl aufgenommen. Und als am 18. September 1938 in einer sonst häufiger von der Young Communist League genutzten Halle in Brooklyn erstmals die Futurians zusammentraten, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern.

Da Artikel wie der auf Tellers of Weird Tales  oft den Eindruck erwecken, die Futurians seien ein reiner "Boys' Club" gewesen, möchte ich an dieser Stelle kurz unterstreichen, dass dem keineswegs so war. Neben Isaac Asimov, James Blish, Hannes Bok, Damon Knight, Cyril Kornbluth, Robert Lowndes, John Michel, Frederik Pohl, Arthur W. Saha, Donald Wollheim und Dirk Wylie (Harry Dockweiler) gehörten den Futurians auch Elsie Balter, Mary Byers, Rosalind Cohen, Jessica Gould, Virginia Kidd, Judith Merril und Leslie Perri (Doris Baumgardt) an. Knight zufolge waren fünf der vierzehn "Kernmitglieder" Frauen. Die inoffizielle "Führung", das sogenannte "Quadrumvirat", bestand mit Wollheim, Michel, Lowndes und Pohl freilich ganz aus Männern.

Die Weltsicht der Futurians war stark geprägt von der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise. Wie Damon Knight später geschrieben hat: "For people of Lowndes's generation the Great Depression was something that had always existed; it was just the way things were." Und Wollheim erklärte:
The problem was that you had no future. I mean you were eighteen, nineteen, and there were absolutely no jobs, no openings, no anything. It was an endless futility – you knew what you wanted to do, but there wasn't a chance in the world. 
Aber vergessen wir daneben auch nicht, dass die Jahre, in denen diese jungen Leute versuchten, ihren Platz in der Welt zu finden, einige der gewaltigsten Klassenkämpfe der amerikanischen Geschichte erlebt hatten von den Generalstreiks in Minneapolis, Toledo und San Francisco 1934 bis zu den  Sit-Down-Streiks in der Autoindustrie 1936/37. Was die objektiven Faktoren angeht befanden sich die USA tatsächlich in einer vorrevolutionären Lage. Zugleich war der Faschismus nicht bloß ein fernes europäisches Schreckgespenst, sondern zeigte seine Fratze auch in Amerika selbst in Gestalt von William Dudley Pelleys Silver Legion und Father Coughlins Christian Front. Am 20. Februar 1939 fand die große Nazi-Versammlung im Madison Square Garden statt, zu der der German American Bund aufgerufen hatte und bei der mehr als 20.000 Leute anwesend waren.

Nicht alle Futurians bekannten sich zum Sozialismus, aber doch die allermeisten. Auch wenn manche von ihnen, wie Isaac Asimov, dies in späteren Jahren gern verleugneten. (2) Die große Mehrheit sympathisierte mit der stalinistischen KPUSA, aber Judith Merril z.B. engagierte sich nach dem Bekanntwerden des Hitler-Stalin-Paktes eine Zeit lang sehr stark bei den Young Socialists, der Jugendorganisation der trotzkistischen Socialist Workers Party. Ihre radikalen politischen Überzeugungen und ihr Hang zu spektakulären Protestaktionen führten dazu, dass die meisten Futurians von der am 2. Juli 1939 in New York stattfindenden Ersten Worldcon ausgeschlossen wurden. Alles in allem dürfen wir sie in Lebensstil wie Weltanschauung wohl als ziemlich typische linke Bohèmiens bezeichnen.

Die Verbindung zu Lovecraft mag vor diesem Hintergrund merkwürdig erscheinen. Denn auch wenn dieser gegen Ende seines Lebens gleichfalls im Sozialismus die Zukunft der Menschheit erblickte, verstand er darunter doch etwas völlig anderes als die "Bolos". Er charakterisierte sich selbst vielmehr als "a cross betwixt a fascist & an old-time non-bolshevik socialist". (4) Und doch war Lowndes offenbar nicht der einzige Lovecraft-Fan unter den Futurians. So erzählt Frederik Pohl, er habe zusammen mit Lowndes und Harry Dockweiler in den 30er Jahren "four or five mercifully unpublished, more or less Lovecraftian horror tales" geschrieben, und fügt hinzu: "If any of these stories survive and you come across one, I urge you to read something else as rapidly as possible".

Pohl war auch der erste Futurian, dem es 1940 mit Astonishing und Super Science gelang, einen Posten als Herausgeber zu ergattern. Ihm folgte noch im selben Jahr Lowndes mit Future Science Fiction. 1941 übernahm Wollheim dann die Leitung von Cosmic und Stirring Science Stories. 
Wie zu erwarten, veröffentlichten die drei Futurians in ihren Magazinen viele Stories ihrer Freunde. Und mitunter verkauften sie auch Geschichten an sich selbst, die dann für gewöhnlich unter einem Pseudonym abgedruckt wurden. Demtentsprechend erschien Lowndes' erste lovecraftianische Geschichte The Abyss, in der auch der Song of Yste eingeführt wird, im Februar 1941 in der ersten Ausgabe von Wollheims Stirring Science Stories. Ihr folgten im April und Juni die beiden Gedichte The Burrowers Beneath und Forbidden Books. Im März 1942 erschien hier dann auch die Story The Long Wall, die manchmal dieser Gruppe zugerechnet wird, obwohl sie keine explizit lovecraftianischen Elemente enthält.

Drei weitere Gedichte – The People of the Pit, Nyaghoggua und For Howard Phillips Lovecraft wurden erstaunlicherweise 1941 in Famous Fantastic Mysteries veröffentlicht. 

Die Munsey Company, die mit Magazinen wie Argosy zu den Gründern der Pulps gehörte, hatte 1939 beschlossen, ein Magazin herauszugeben, in dem ältere phantastische Geschichten aus ihrem inzwischen riesigen Repertoire neu aufgelegt werden sollten. Als Herausgeberin engagierte man Mary Gnaedinger, der es nicht nur gelang, Virgil Finlay von Weird Tales abzuwerben, sondern die auch ein äußerst geschicktes Händchen bei der Auswahl der Stories bewies, was Famous Fantastic Mysteries schon bald zu einem der erfolgreichsten Phantastik-Pulps der Zeit machte. Dabei spielte Gnaedingers Umgang mit dem Fandom eine wichtige Rolle. Obwohl sie selbst nicht aus der Szene stammte, zeigte sie sich offen und interessiert, was ihr schon bald Respekt und Anerkennung einbrachte. Wie sie immer wieder betonte, sollte das Magazin in erster Linie dazu dienen, den Fans erneut Zugang zu "ihren Klassikern" zu verschaffen. Sein Inhalt werde "dictated by your requests". Darüberhinaus bemühte sich Gnaedinger auch um persönlichen Kontakt zur Szene. Wie Liza Yaszek in Sisters of Tomorrow schreibt: 
Gnaedinger demonstrated her commitment to the SF community by attending meetings of the well-known New York fan group the Futurians and developing relationships with fellow SF editors such as Frederik Pohl. While she came to the genre as an outsider, then, Gnaedinger earned the trust (and subscriptions) of SF fans across the country by demonstrating sensitivity to their interests and needs. (5) 
Es dürften diese Verbindungen der Herausgeberin zum Kreis der Futurians gewesen sein, die zur Aufnahme von Lowndes' Gedichten in Famous Fantastic Mysteries führten. For Howard Phillips Lovecraft erschien zudem als Begleitstück zu einem Neuabdruck von The Colour Out Of Space. (6) 

The Leapers hingegen hatte ursprünglich erneut in Stirring Science Stories erscheinen sollen. Der Ursprung der Geschichte lag in der sog. "Cabal", einer Schreibgruppe, die aus Lowndes, Wollheim, Michel, Kornbluth und Chet Cohen bestand, wie der Autor in seinem Vorwort zu Crypt of Cthulhu #62 berichtet:
One day when Don was visiting John [B. Michel] and me at the Futurian Embassay (103rd Street, Manhatten) he sayeth unto me: “Doc, do you think you could write a Lovecraft story? I’d like one for my next issue.”
I thought I could and behold I did, getting leave of absence from The Cabal not to write anything else until I had finished “The Leapers.” I shall never forget the night when the ms was passed around and read at a Cabal meeting. Cyril was the last to get it; whne he finished he blinked, shook his head slightly as if to wake himself up, and said in an awed tone: “It’s absorbing.” That was the one and only time that Cyril Kornbluth had any kind words for any of my fiction. And since it had been written for Don Wollheim in the first place, there was no quesiton of immediate acceptance.
Doch bevor The Leapers veröffentlicht werden konnte, hatte Stirring auch schon dicht gemacht. Also druckte Lowndes die Geschichte schließlich in seinem eigenen Magazin Future Fantasy and Science Fiction (Dezember 1942) ab. Dass er dies nicht unter seinem wirklichen Namen tat, ist nicht verwunderlich, dass er ein weibliches Pseudonym – "Carol Grey" – verwendete, vielleicht schon eher. Er hatte das schon einmal bei seiner SF-Story Passage to Sharanee (April 1942) getan. Die Gründe dafür sind unbekannt, aber er war nicht der einzige SF-Autor der Zeit, der so verfuhr. So erschienen z.B. in Unknown Worlds Stories aus der Feder von Malcolm Jamerson unter dem Pseudonym "Mary MacGregor". Man kann dies als Beleg dafür werten, dass entgegen der landläufigen Meinung SF-Geschichten von Frauen von der Mehrheit der Pulp-Leserschaft nicht scheel angesehen wurden. Andernfalls hätten die beiden Männer wohl kaum weibliche Pseudonyme gewählt. (7)

Leider war mir diese Originalfassung von The Leapers nicht zugänglich. Ich musste mich mit der überarbeiteten und erweiterten Version begnügen, die Lowndes im September 1968 im Magazine of Horror veröffentlichte. Eine dritte Fassung erschien 1989 in einer ganz Lowndes gewidmeten Ausgabe von Crypt of Cthulhu. In Reaktion auf einige kritische Anmerkungen von Robert Silverberg hatte der Autor dabei erneut einige Veränderungen am Text vorgenommen.

Als lovecraftianische Weird Fiction funktioniert The Leapers für mich nicht wirklich. Zu stark präsent ist das Motiv eines kosmischen Kampfes zwischen bösartigen und wohlwollenden Mächten, was mehr an August Derleths Version des Cthulhu-Mythos erinnert. Aber wir haben ja schon gesehen, dass Lowndes offenbar Probleme damit hatte, das Konzept des "Kosmischen Horrors" zu begreifen. Dennoch besitz The Leapers für mich einen gewissen Charme, der vor allem auf zwei Faktoren beruht.

Zum einen ist die Geschichte als eine Art Collage aus den Memoiren des Erzählers Arnold Grayson, verschiedenen Zeitungsausschnitten und Auszügen aus seinem Briefwechsel mit dem "Okkultismus-Experten" Jeffry Barr aufgebaut. Bobby Derie schreibt wohl nicht zu unrecht, dieses Format "owes much to an older style of horror fiction", aber ich finde es irgendwie sehr ansprechend. Hinzu kommt, dass Barr deutlich erkennbar nach dem Vorbild Lovecrafts gezeichnet wurde. Im Originaltext wurde sein Wohnsitz wohl sogar als "Providence, Rhode Island", und nicht "Charleston, South Carolina" angegeben. Nun ist es zwar nichts so ungewöhnliches, den alten Gentleman in leicht verhüllter Gestalt in "lovecraftianischen" Geschichten auftreten zu lassen. Im Zusammenhang mit Robert Bloch hatten wir's ja schon mal mit The Shambler From the Stars, und mein persönlicher Favorit in dieser Hinsicht ist Fritz Leibers The Terror From the Depths. Aber Lowndes versteht es doch recht geschickt, den Stil von Lovecrafts Briefen nachzuahmen.
           
Zum anderen sind da die zahlreichen Anspielungen auf die Phantastik-Szene der frühen 40er Jahre.
In den Cthulhu-Mythos-Geschichten des "Lovecraft-Zirkels" war es ja üblich, spielerische Verweise auf amdere Mitglieder des Kreises, einzubauen. Doch geschah dies für gewöhnlich , indem man z.B. aus Clark Ashton Smith den atlantischen Hohepriester Klarkash-Ton oder aus August Derleth den Comte d'Erlette, Verfasser des grausigen Grimoires Cultes des Goules, machte. In The Leapers finden wir hingegen ganz direkte Bezüge zu Personen und Ereignissen aus dem Fandom.
Bereits in der {allerdings erst 1968 hinzugefügten} Einleitung heißt es, die folgenden Papiere hätten nach dem Willen von Mr. Grayson eigentlich an Farnswort Wright geschickt werden sollen:
Grayson had listed Farnsworth Wright as his first choice (he had had material published in WEIRD TALES, under a pseudonym that has not yet been uncovered, some years past), apparently unaware that, in 1942, Mr. Wright was no longer acting in an editorial capacity [im Januar 1940 hatte Dorothy McIlwraith die Leitung des Magazins übernommen] – and, in fact, had died in 1940.   
Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Bericht über das geheimnisvolle Verschwinden einer Gruppe von Leuten aus New York in der Vollmondnacht vom 27. Juli 1942. Und auch wenn das nicht offen ausgesprohen wird, sollen wir bei den Vermissten vermutlich an den Kreis der Futurians denken:
Outstanding was the fact that a large percentage of those who disappeared [...] were between 22 and 30, in good health, were of more than average intelligence, and were proficient in some form of the arts. With the exception of a newlywed couple, all were single and [...] were engaged in a form of literary or artistic creation which required a highly imaginative cast of mind. One of the missing, for example, was an attractive blonde of 23, widely renowned among the devotees of the more imaginative and speculative of pulp fiction as an illustrator; another, a man of 27, was in the process of becoming a favorite in the field of fantastic, cosmic horror-fiction, the general type of narrative wherein Poe, Machen and Lovecraft specialized. 
Wie Bobby Derie ausführt, ist mit dem Schriftsteller vermutlich Don Wollheim gemeint, während sich hinter der "attraktiven Blondine" Barbara Hall verbergen dürfte. Diese war zwar kein festes Mitglied der Futurians, bewegte sich aber in deren Kreisen. Nachdem sie 1940 in New York eingetroffen war, versuchte sie eine Zeit lang erfolglos, einen Job als Pulp-Illustratorin zu finden. Stattdessen begann sie 1941 für Harvey Comics zu zeichnen. Ein Jahr später kreierte sie ihren wohl berühmtesten Beitrag zur Comicgeschichte, die Girl Commandos,
an international [USA, UK, UdSSR, China] team of anti-Nazi fighters led by Pat Parker, War Nurse. Aside from being one of the first all-female teams in comics, the Girl Commandos were notable for their relative diversity in body type – Pat Parker’s fellow Brit Ellen Billings was depicted as overweight and eminently capable – and ethnicity, with Chinese member Mei-Ling joining the team early on. The team appeared in several issues of Speed Comics until 1946, but Hall passed off art duties to Jill Elgin in 1943.  
Dass sich einige der Stories, wie bei amerikanischer Kriegspropaganda der Zeit üblich, durch einen ziemlich heftigen antijapanischen Rassismus auszeichnen, soll freilich nicht verschwiegen werden. 1946 heiratete Barbara Hall den Stückeschreiber Irving Fiske, mit dem zusammen sie das Quarry Hill Creative Center in Rochester (Vermont) gründete, aus dem später ein wichtiges Zentrum der Counter Culture werden sollte. In den 60er/70er Jahren gehörten Underground-Comix-Künstler wie Art Spiegelman und Trina Robbins zu ihrem Kreis.
Doch zurück zu The Leapers. Im Zuge seiner Nachforschungen stößt Grayson u.a. auf die Gemälde des phantastischen Künstlers Stewart Carradyne, was Anlass für den folgenden Kommentar von Jeffry Barr gibt:
I think at one time he was associated with Hannes Bok [...] I have a letter from Hannes dated 1939, in which he tells me that Ray Bradbury is going to show some samples of his work to Farnsworth Wright at WEIRD TALES. I replied that I did hope that Wright would be impressed, for as delectable as Mrs. Brundage's covers were to the erotic-minded readers, few of them were truly weird. (I assure you that I have never objected to well-exposed depictions of delightful-looking young girls – but maintain stubbornly that a girl cannot be both delightful-looking and weird at the same time.) At any rate, Hannes says here that he has met this fellow Carradyne and his stuff is really terrific [...] He asked Stewart to prepare some tamer samples for Ray to take along to Wright ... That's Hannes for you – always so eager to help someone else with talent, without for a moment thinking that he might be spoiling his own chances in the process! 
In der Tat hatte Ray Bradbury 1939 einige von Boks Gemälden zur Ersten Worldcon mitgenommen und dort Farnsworth Wright gezeigt, der den Künstler daraufhin prompt für Weird Tales engagiert hatte. Ein Jahr später war Bok dann selbst nach New York übergesiedelt und dort sehr schnell in die Reihen der Futurians aufgenommen worden.
Barrs Kommentar zu den erotischen Cover-Illustrationen von Margaret Brundage ähnelt außerdem sehr stark einer Bemerkung, die Lovecraft einmal in einem Brief an Willis Conover gemacht hatte:
I have no objection to the nude in art – in fact, the human figure is as worthy a type of subject matter as any other object of beauty in the visible world. But I don’t see what the hell Mrs. Brundage’s undressed ladies have to do with weird fiction!
Das Erstaunliche daran ist, dass die Selected Letters überhaupt erst 1975 veröffentlicht wurden, also sieben Jahre nachdem Lowndes The Leapers noch einmal überarbeitet und die Passage eingefügt hatte!
Schließlich stellt die Geschichte auch noch eine Verbidnung zur internationalen Phantastik her, wenn sie eine Szene aus Jean Cocteaus berühmten surrealistischen Film Le sang d'un poète / Das Blut eines Dichters von 1930 mit den übernatürlichen Ereignissen verknüpft, die Grayson zu erkunden versucht.

Zugegebenermaßen wirkt das zentrale Mysterium von The Leapers Leute, die unter dem Einfluss des Vollmondes auf Nimmerwiedersehn davonschweben eher kurios als unheimlich. Doch all diese kleinen Details machen die Geschichte für mich trotzdem zu einem großen Spaß.





(1) Lowndes' in der Septemberausgabe 1935 von Hugo Gernsbacks Wonder Stories veröffentlichter satirischer Leserbrief Report of the Plutonian Ambassador spricht von "our arch enemy Wollheim". Aber da mir ehrlich gesagt nicht klar ist, wer oder was in diesem Brief parodiert werden soll, weiß ich auch nicht, wie das einzuschätzen ist.

(2) "Asimov would later deny knowing anything about Marx, but in his late teens, he characterized his politics rather differently, as Pohl revealed in [a] letter: 'You call yourself a communist; well, if you'll allow me to handle some of your manuscripts and will contribute any profits therefrom to the [Communist Party], I'll waive commission – and I do need the money ... If you don't need money yourself, they certainly do.' Asimov replied that he might not need the money, but he welcomed it. Finally, he agreed to take on Pohl as his agent for three months." (Alec Nevala-Lee: Astounding. John W. Campbell, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, L. Ron Hubbard and the Golden Age of Science Fiction. S. 105.)

(3) Die Sache mit Madrid und Shanghai bezieht sich auf den Spanischen Bürgerkrieg und die japanische Invasion von China.

(4) Zit. nach: L. Sprague De Camp: Lovecraft. S. 375.

(5) Lisa Yaszek & Patrick B. Sharp (Hg.): Sisters of Tomorrow. The First Women of Science Fiction. S. 301.

(6) Vgl. Bobby Deries Editor Spotlight: Dorothy McIlwraith, Mary Gnaedinger, & Cele Goldsmith Lalli.

(7) Damit kein gar zu rosiges Bild entsteht, sei aber doch dieser Leserbrief von Earl Andrews zitiert, der in Reaktion auf Passage to Sharanee bei Future eintrudelte: "Ah, Carol Grey! Ah, spring! Ah! Prithee, my Lord Editor: wiltow kindly vouchsafe unto a fellow Lothario certain divers information. Tell me now of yon Carol. Doth she walk in beauty and so on? ((My dear fellow. !!! Ed.))" Einen Kommentar spar ich mir ... 

Mittwoch, 5. Februar 2020

"It's a very queer place" – Ein Besuch in Sesqua Valley

Unlike Lovecraft's cosmic fiction, my own
yarns are decidedely subterranean. (1) 

I've always loved and identified with monsters. (2)
Wilum Hopfrog Pugmire

Am 26. März des letzten Jahres verstarb mit W.H. Pugmire ein Schriftsteller und Poet, der für mich einer der ganz Großen der zeitgenössischen Weird Fiction war. Nun bin ich zwar bei weitem nicht so gut  mit seinem Oeuvre vertraut, wie ich es gerne wäre, doch da er selbst Sesqua Valley & Other Haunts einmal als den besten Einstieg in seinen großen Zyklus um das geheimnisvolle Tal im pazifischen Nordwesten und seine nicht weniger eigentümlichen Bewohner bezeichnet hat, dachte ich mir, ich könnte hier zumindest einmal diesen kleinen Sammelband von Short Stories und Gedichten vorstellen. Zumal Wilum hierzulande wohl eher weniger bekannt ist. (3)
– 1 –
W.H. Pugmires Eltern hatten sich kennengelernt, als sein Vater, ein Mormone aus Utah, mit der Navy in Seattle stationiert war. Seine Mutter war jüdischer Herkunft und trat nie zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage über. Das junge Paar zog zuerst nach Utah, doch sie kehrten in den Nordwesten zurück, als sie die Nachricht erreichte, dass "my mother’s father was murdered for being a 'red' during the communist witch hunt in the late 1940’s". Und da Pugmires Mutter ihre Kinder nicht als "Utah farmers" großziehen wollte, blieben sie schließlich in Seattle, wo der Vater einen Job bei Boeing annahm. Hier kam Pugmire am 3. Mai 1951 unter dem Namen "William Harry" zur Welt. Er wuchs ganz in den Traditionen und dem sozialen Milieu der mormonischen Gemeinde auf. Allerdings machte er dabei schon früh die schmerzliche Erfahrung des "Andersseins". Wie er in einem Interview mit Jeffrey Thomas erzählt hat:
I was a weird kid.  Believed I was a Witch when very young, as did my older sister.  She and I used to practice what we thought was magick.  Grew up knowing I was a sissy (loved playing house with the neighborhood girls, but always dressed LIKE them, wearing play dresses &c) and being tormented for it by grown-ups, kids at school, and thus I became an introvert and created my own realms of reality where I could be safe.
Schon bald entwickelte er eine leidenschaftliche Liebe für Horrorfilme, vor allem die alten Universal - Klassiker und die Hammer - Streifen. Christopher Lee blieb Zeit Lebens sein bevorzugter Dracula. Und natürlich konnte er auch dem Charme des wundervollen Vincent Price nicht widerstehen, der zu dieser Zeit seinen großen Run als Protagonist von Roger Cormans Poe-Filmen hatte.
Als Pugmire zum ersten Mal eine Ausgabe von Forrest J. Ackermans legendärem Magazin Famous Monsters of Filmland in die Finger bekam, war dies so etwas wie eine befreiende Offenbarung. Mit "Uncle Forry" gab es erstmals einen Erwachsenen, der seine eigene Begeisterung für Monster und Grusel teilte, die ihm bislang nichts als Spott und Häme eingebracht hatte.

Als Teenager fand er eine Anstellung in "Jones' Fantastic Show" (später "Jones' Fantastic Museum"), einer Art Kuriositätenkabinett mit klassischem "Carnival"-Einschlag, wo er umgeben von solch wunderlichen Ausstellungsstücken wie der "Man From Mars Machine" und dem mumifizierten "Olaf the Giant Viking" seine nach dem Vorbild Lon Chaneys. in London after Midnight gestaltete Vampir-Persönlichkeit "Count Pugsly"  entwickelte, die schon bald zu einer kleineren lokalen Berühmtheit wurde. Mehr noch – Forry Ackerman widmete ihm und dem Count schließlich sogar die Septemberausgabe 1969 von Famous Monsters of Filmland!
Pugmires großer Traum in diesen Jahren war es, einmal ein berühmter Horrordarsteller, der "nächste Boris Karloff", zu werden. Kein Wunder, dass auch seine ersten literarischen Gehversuche sich im dramatischen Bereich abspielten, von kurzen Theaterstücken für seine Kirchengemeinde bis zu Musical-Komödien, die er zusammen mit einem High School - Freund schrieb. Daneben versuchte er sich auch als Herausgeber eines Horrorfilm-Fanzines mit dem Titel Fantasia, was ihn in Verbindung mit Robert Bloch brachte. Er bat den Schriftsteller um einen kurzen Beitrag zu Forrest J. Ackerman, woraus sich eine längere Korrespondenz entwickelte.

Doch bevor Pugmire auch nur ernsthaft daran denken konnte, auf die Realisierung seiner Schauspielerträume zuzuarbeiten, erwartete ihn erst einmal die zweijährige Missionstätigkeit, die die Pflicht eines jeden jungen männlichen Mormonen ist. Auf Geheiß seiner Kirche begab er sich im September 1971 nach Omagh in Nordirland. Zu einem Zeitpunkt also, als dort mehr oder weniger offener Bürgerkrieg tobte. Ich habe keine Informationen darüber finden können, wie unmittelbar seine Erfahrungen mit der allgegenwärtigen Gewalt der "Troubles" tatsächlich waren. Psychisch belastend war die Zeit in der Fremde aber auf jedenfall. Doch zugleich stellte sie einen wichtigen Wendepunkt in seinem Leben dar.
Da ihm seine Kirchenoberen verboten hatten, weiter dem sündigen Vergnügen des Horrorkinos zu frönen, begann er stattdessen Horrorliteratur zu lesen. Er startete mit den Werken Blochs, mit dem er immer noch in Briefkontakt stand, und stürzte sich auf jede Anthologie, die Stories von ihm enthielt. Schon bald konnte er einen Koffer voller Horrortaschenbücher sein Eigen nennen. Dabei begegnete er auch den Erzählungen von H.P. Lovecraft. (4) Der Beginn einer lebenslangen Liebesbeziehung.
Von Bloch angefeuert versuchte er sich bald auch selbst im Schreiben unheimlicher Geschichten. Und tatsächlich gelang es ihm, eine erste Story (Whispering Wires) bei Space & Time unterzubringen.
Doch mittlerweile war die Situation in Irland für Pugmire so unerträglich geworden, dass er eine Lungenerkrankung vortäuschte, um eine vorzeitige Heimkehr zu "erzwingen". Stattdessen schickten ihn seine kirchlichen Vorgesetzten nach Las Vegas, wo er den Rest seiner Missionszeit verbrachte.

Wann genau der junge Pugmire mit sich selbst über seine Sexualität ins Reine kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch die Zeit in Las Vegas scheint eine wichtige Etappe auf dem Weg zu seinem schließlichen Coming-out gewesen zu sein. Sein einzelgängerisches und exzentrisches Verhalten {so wiederbelebte er z.B. in seiner Freizeit die "Count Pugsyl" - Persönlichkeit} nährte den Verdacht der Kirchenoberen, dieser merkwürdige "Missionar" könnte vielleicht homosexuell sein:
Finally my mission president put a stop to it, as well as asking me if I was homosexual.  I confess'd that I had those feelings but that I had never "done anything." [...]  Being a closeted gay missionary was no fun.  Being in the closet is a soul-crusher; but when you are surrounded by a group of other guys your own age, all of whom seem "normal," it makes a young queer feel mighty lonely and malformed.
Nach seiner Rückkehr nach Seattle im Jahr 1973 begann er eine relativ kurze Affäre mit Jessica Amanda Salmonson, die zu dieser Zeit Mitherausgeberin des Literary Magazine of Fantasy and Terror war und gerade ihr eigenes Coming-out als Transfrau hatte. Dies führte schließlich zur offenen Konfrontation mit der mormonischen Gemeinde und Pugmires Ausschluss aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wie er später in einem Interview erzählt hat:
Upon returning home I had a love affair with a male-to-female lesbian fantasy novelist, who caused a huge scandal when I brought her to the Young Adult Sunday School class I was teaching, which led to questions of my sexuality.  My Bishop asked me if I was sleeping with her, and I said, “Yes, but we’re both gay so it’s cool.”  After a shocked pause my Bishop asked if I was queer, which led to a few months of LDS [Latter-Day Saints] psych treatment, during which I decided to be all-the-way-gay and requested excommunication.  I attended my excommunication court in semi-drag.
Pugmire und Salmonson blieben lebenslange Freunde und arbeiteten später auch immer mal wieder literarisch zusammen. 
Irgendwo in diese Zeit müssen auch jene drei Monate fallen, während derer Pugmire in seinen eigenen Worten "worked ye streets as male whore".

Obwohl Theater und Film ihren Reiz für ihn nicht gänzlich verloren hatten, gab Pugmire sich doch schon bald vor allem seiner neuen Leidenschaft hin, die alle anderen Interessen schließlich in den Hintergrund drängen sollte: Dem Schreiben von Weird Fiction in der Tradition von H.P. Lovecraft. Sein neuer Traum und Ehrgeiz war es, einmal ein berühmter Cthulhu Mythos - Autor zu werden.

In den 70er Jahren begann sich die amerikanische Lovecraft-Szene merklich zu wandeln. Wie in einem Artikel von Bobby Derie beschrieben wird.
Following the death of August Derleth in 1971, the Mythos slowly opened up to a new and more diverse set of writers. During the 1970s and ’80s, the largest development of the Mythos and Lovecraftian fiction outside of Arkham House occurred in small-press magazines cheaply printed paper pamphlets, mostly written by and for amateur fandom. Amateur press associations such as the Esoteric Order of Dagon (EOD) would compile magazines for mass-mailings, allowing wider dissemination of new poems, short fiction, and articles about Lovecraft and the Mythos to be disseminated outside of the editorial control of any one publisher.
Pugmire war Teil dieser im Wandel begriffenen Szene. Ab 1974 gab er ein eigenes Fanzine mit dem Titel Midnight Fantasies heraus (5). Es folgten Old Bones (1975-1976), Visions from Khroyd’hon (1976) und Queer Madness (1980-1981). Seine ersten lovecraftianischen Kurzgeschichten wie Never Steal From a Whateley; O, Christmas Tree; Crimson and Clown White und The Thing in the Glen erschienen in Fanzines wie The Diversifier und Astral Dimensions oder aber erneut in Space & Time. Sein Kumpel Dave Billman, der die Cover-Illustrationen für Midnight Fantasies zeichnete, gab ihm den Namen "Wilum", "telling me he thought it sounded like the name of some backwoods Dunwich denizen". Wann er sich selbst den zweiten Namen "Hopfrog" zulegte – im Gedenken an Edgar Allan Poes zwergenhaften Hofnarren – weiß ich nicht.

Auch wenn sich mit dem Hinscheiden Derleths der Weg für innovative Entwicklungen in der Szene geöffnet hatte, blieb der Einfluss des Arkham House - Chefs und selbsterklärten Sachwalters des lovecraftschen Erbes doch noch lange sehr deutlich spürbar. Auch Pugmire war in dieser frühen Phase seines schriftstellerischen Schaffens stark geprägt von Derleths Tales of the Cthulhu Mythos und Lin Carters A Look Behind the Cthulhu Mythos. Und was er dort gelernt hatte, war vor allem, dass ein "Mythos"-Autor seine eigenen Großen Alten, Grimoires und Monster erfinden müsse – "all of the stupid cliches", wie er später selbst kommentierte. Zu seinen frühen Vorbildern gehörte allerdings auch Ramsey Campbell, was man als ein erstes Anzeichen für die sehr eigene Richtung interpretieren könnte, die er später einschlagen sollte. Auch begann er sich intensiv mit Leben und Werk von Oscar Wilde und Henry James zu beschäftigen, von denen vor allem letzterer zu einem seiner wichtigsten literarischen Einflüsse werden würde.
Pugmire kam in diesen Jahren in Kontakt mit mehreren Mitgliedern des alten "Lovecraft-Zirkels" der 30er Jahre, vor allem H. Warner Munn und J. Vernon Shea. Munn lebte in Tacoma (Washington) und eine Zeit lang verbrachte er jedes Wochende bei dem alten Schriftsteller, der zu einer Art Vaterfigur für ihn wurde. Vielleicht noch enger war seine Freundschaft mit Shea, obwohl sich die beiden nie "in persona" trafen, dafür aber eine extrem umfangreiche Korrespondenz unterhielten:   
Vernon wrote one or two articles on homosexual themes found in Lovecraft's fiction, and over time I came to suspect that Vernon was himself gay – but he never told me if that was so, and I never insisted on knowing. He was one of the first to whom I came out when I embraced my queerness, […] Initially, our letters to each other were pages and pages in length, because I was such an obsess'd HPL fan-boy and it was thrilling to correspond with someone who had actually known Lovecraft. He was extremely encouraging when reading my first attempts at writing weird fiction, but I don't think he ever imagined I'd amount to anything as a writer.
Der Tod der beiden Männer im Januar 1981 bestärkte ihn in der Entscheidung, das Schreiben von Weird Fiction vorerst an den Nagel zu hängen. Zumal er nicht wirklich zufrieden mit dem war, was er bislang zu Papier gebracht hatte.

Stattdessen stürzte er sich Hals über Kopf in Seattles Punk-Szene. Im Schwulen - Milieu hatte er sich nie so recht heimisch gefühlt: "I never felt welcomed in the gay scene of the 1980s cos I'm so weird and most of the gay men one meets in bars are just boring and conventional." Er brauchte ein Umfeld, in dem das völlige "Anderssein" nicht länger ein Stigma war. Der Punk schien ihm dies zu bieten. Wann genau er begonnen hatte, seinen Punk - Drag Queen - Look zu pflegen, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, doch zumindest anfangs fühlte er sich auch in dieser Szene nicht 100%ig willkommen. Die Punks fanden seine Erscheinung zwar schon cool, aber "had a bit of a problem with how absolutely queer I was. So I felt like an outsider in both worlds". Doch nachdem er im April 1981 begonnen hatte, sein leidenschaftliches Fanzine Punk Lust herauszugeben, wurde er schon bald zu einem "Helden" der Szene. Er hatte seine Heimat gefunden.
I was the high school sissy nerd that was always being shoved into lockers and mocked. The idea that I could be "cool" was so alien. I loved live punk, and began to go to more shows and smaller clubs. I knew I had found my scene [...]  Punk rock not only changed my life, it saved my life.
Nie wieder würde er davor zurückschrecken, seine eigene Individualität offen und stolz zur Schau zu stellen. Nie wieder würde er darauf verzichten, kompromisslos der zu sein, der er war.   
It was great fun being a queer punk exhibitionist when I was riding public transport and walking downtown looking fabulous-ridiculous. Part of it was being punk-rock confrontational, using my look and lifestyle to flip ye finger at societal decorum. But here was the weird thing. Outrageous as I looked, my personality was that of a very shy introvert.
Mitte der 80er Jahre begann Pugmire dann erneut zu schreiben. Sein Leben in der Punk-Szene war dafür ein wichtiger Katalysator, wie er ein Jahrzehnt später in der vierten Ausgabe von Tales of Lovecraftian Horror erklären würde:
It is a strange and curious fact that I found myself as an author and Lovecraftian only after I began to live the punk rock lifestyle. Before then I had a sense of being different, but it wasn’t until I stuck that pin in my ear and shaved off some of my hair that I began to truly feel like The Outsider. […] I mentioned Lovecraft in the early issues of Punk Lust, and was delighted when I’d go to local gigs and people would come up to me and shout with drunken fervor, “Ia! The Crawling Chaos!” 
Sein Traum war es nicht länger, ein "berühmter" Mythos-Autor zu werden. Sein neuer Ehrgeiz bestand vielmehr darin, die Weird Fiction als eine wirkliche literarische Kunst zu pflegen. Wie er es viele Jahre später ausdrückte:
I became interested in the idea of writing weird fiction that was not only eerie but poetic, beautifully expressed.  I felt a yen to become "the Oscar Wilde of Lovecraftian horror".  I am still extremely interested in writing weird fiction that is as near to art as I can make it.  I feel that this requires writing fiction that is not only excellent but deeply personal, an expression of one's soul and passion, of that which haunts one's mind.  If we can make our weird fiction perversely our own, we have gone far, I feel, in doing work that is original and vital.  But just as important is that we strive for excellence, we learn in any way we can how to write, even poor uneducated sods such as myself.
Seine Geschichten erschienen hauptsächlich in Small Press - Magazinen wie Death Realm, Grue, Arcanum, Al-Azif und Jessica Salmonsons Fantasy Macabre. Doch als er für das Magazin seiner Freundin 1986 Pale, Trembling Youth schrieb, überarbeitete diese mit seiner Erlaubnis die Story noch einmal und schickte sie an Dennis Etchison, der sie in seine Anthologie Cutting Edge aufnahm, wo Pugmires Name erstmals neben denen von Clive Barker, Robert Bloch, Ramsey Campbell und Karl Edward Wagner erschien.
1987 begann Pugmire mit der Unterstützung von Robert M. Price das Magazin Tales of Lovecraftian Horror herauszugeben. Die Auswahl der Geschichten spiegelte seine gewandelte Einstellung zur lovecraftianischen Weird Fiction wieder. Er schrieb in seinem ersten Editorial:
I knew that I did not want trendy Cthulhu Mythos fiction. I am not anti-Mythos; but I hate the way it has usurped other forms of Lovecraftian horror. [...] The Mythos has been overused, and most of the newer tales bore me, be they by fans or pros. I find very few of them truly “Lovecraftian,” seeming more like the kind of thing Derleth was wont to write. I have no intention of publishing Cthulhu Mythos stories in TOLH. The small press has the delicious ability to act as an alternative to what is trendy, popular, and commercial. It is this alternative side of Lovecraftian horror that I hope to present. [...]  Instead of writing formula stories, we can use Lovecraftian themes as a foundation on which to try to build our own unique fiction. […] A good Lovecraftian tale should, I feel, express things that move us to profound emotions. [...] Writing horror fiction  is not an attempt to escape from reality, rather, as it was with Lovecraft, it is an expression of those aspects of reality that move us creatively, as artists. And as humans.  
Pugmire war damit einer der ersten, der neue und alternative Stimmen in der lovecraftianischen Literatur förderte. Zugleich umriss er damit das Programm seines eigenen künftigen Schaffens: Keine Pastiches, keine Cthulhu-Tentakel-Geschichten, sondern sehr persönliche, emotionale und zugleich sprachlich-stilistisch fein gearbeitete Erzählungen.
Sein erster Sammelband Tales of Sesqua Valley erschien 1997, es folgten u.a. Tales of Love and Death (2001), Sesqua Valley & Other Haunts (2003), The Fungal Stain and Other Dreams (2006), Some Unknown Gulf of Night (2011), The Strange Dark One (2012), Bohemians of Sesqua Valley (2013) und {zusammen mit Jeffrey Thomas} Encounters with Enoch Coffin (2013).

Nach einer Art religiösem Offenbarungserlebnis im Frühling 2002 bemühte sich Pugmire um die Wiederaufnahme in die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Allerdings war er nicht bereit, dafür irgendeinen Teil seiner Persönlichkeit zu verraten: "I insisted that if they let me back in I will be a totally queer Mormon, but celibate." Da er seit 1985 ohnehin gänzlich "zölibatär" lebte – "my romances have all been non-sexual love relationships with punk rock boys" – bedeutete der Verzicht auf Sex für ihn kein Opfer. Dennoch dauerte es zwei Jahre, bis man ihm erlaubte, in die mormonische Gemeinde zurückzukehren.
 
In den letzten Jahren seines Lebens litt W. H. Pugmire unter zunehmenden Herzproblemen, denen er am 26. März 2019 schließlich erlag.
– 2 –
Als Wilum Pugmire in den 70er Jahren in bester Fanboy - Manier begann, seine eigenen lovecraftianischen Stories zu schreiben, gab es dabei zumindest eine positive Lektion, die er von August Derleth gelernt hatte. Aus Lin Carters A Look Behind The Cthulhu Mythos war ihm bekannt, dass Derleth dem jungen Ramsey Campbell geraten hatte, seine Geschichten nicht im klassischen neuenglischen "Lovecraft Country" (Arkham, Dunwich, Innsmouth, Kingsport) anzusiedeln, sondern ein eigenes, britisches Setting für sie zu schaffen, als dessen Vorbild ihm vertraute Landschaften dienen sollten. Sich diesen Ratschlag zueigen machend kreierte Pugmire seine eigene Provinz des lovecraftianischen Universums – Sesqua Valley. 
Als Inspiration diente ihm die Ortschaft North Bend (Washington), wo er in seiner Kindheit jeden Sommer zwei Monate bei seiner Tante und ihren Kindern verbracht hatte. Snoqualmie Valley wurde dabei zu Sesqua Valley, Mount Si zu Mount Selta. Die gesamte Landschaft erhielt das Ambiente der Wälder des pazifischen Nordwestens. Lustigerweise würde North Bend später als Drehort von Twin Peaks Berühmtheit erlangen.
    
Sesqua Valley & Other Haunts beginnt zwar mit O, Christmas Tree, jener zusammen mit Jessica Amanda Salmonson geschriebenen Story, in der das Tal erstmals Erwähnung fand, doch ist Vorsicht angebracht  Pugmire war berühmt dafür, seine Geschichten bei jeder Neuveröffentlichung intensivst zu überarbeiten. Mitunter blieb da vom ursprünglichen Text nicht viel erhalten. Die Geschichte, die wir in dem Sammelband zu lesen bekommen, ist also nicht die, die 1975 erstmals erschien. Dasselbe gilt für alle Stories, die nicht extra für den Band geschrieben wurden. Dennoch lässt dieser immer noch ein wenig die Entwicklung erkennen, die Sesqua Valley {und Pugmires Oeuvre} über die Jahrzehnte durchgemacht haben.
Zu Beginn diente das Tal einfach als cooles Setting, in dem der Autor seine selbsterfundenen Götter, Monster und Grimoires ansiedeln konnte. Doch mit der Zeit nahm Sesqua Valley einen ganz eigenen, phantastischen Charakter an, der es immer weiter von den klassischen Lovecraft-Landschaften abrückte. Pugmire selbst beschrieb es einmal als "my combination of [...] Dunwich and Dreamlands", und fügte hinzu: "I read in Lovecaft that the forest of the Dreamlands touches the world of men at two places –  and I decided that one of those two places would be Sesqua Valley."
Ein schönes Beispiel dafür, wie sich der Zyklus  entwickelt hat, ist die Kurzgeschichte The Ones Who Bow Before Me {ursprünglich Candlewax}. Ein Möchtgernokkultist entwendet ein finsteres Grimoire aus Dunwich und findet ein ziemlich grausiges Ende, als er eine der darin beschriebenen Zeremonien durchzuführen versucht. So weit, so unspektakulär. Doch als Pugmire die erste Version der Geschichte noch einmal überarbeitete, kam ihm plötzlich die Idee, einen abschließenden Paragraphen hinzuzufügen, in dem der Verfasser des Grimoires einen Auftritt hat und auf groteske Weise mit seinem verlorengegangenen Buch wiedervereinigt wird. Und so wurde der wohl berühmteste Bewohner von Sesqua Valley geboren: Simon Gregory Williams. Das Grimoire geriet schon bald in Vergessenheit, doch der Hexenmeister selbst sollte noch viele Auftritte haben und zu einer der zentralen Figuren des Zyklus werden.

Liest man sich durch die Geschichten in Sesqua Valley & Other Haunts kann man miterleben, wie sich die phantastische und dekadente Welt des geheimnisvollen Tals und seiner Bewohner mehr und mehr vor einem entfaltet.
Seine dichten, dunklen Wälder, in denen hier und da bizarre Kunstwerke oder uralte Steinsäulen herumstehen, während schattenhafte Gestalten oder zottige, satyrhafte Kreaturen zwischen den Bäumen herumhuschen. Die Zwillingsgipfel von Mount Selta, der wie ein düsterer Gott über dem Tal thront und von dessen Anhöhe des Nachts mitunter das klagende Heulen andersweltlicher Wesen herüberschallt. Die malvenfarbenen Nebel, deren Heraufziehen möglicherweise andeutet, dass die Mauer zwischen den Welten gerade besonders durchlässig geworden ist. Der ekstatische Klang einer Flöte. Der Geschmack von Mandelmilch. Der dumpf pulsierende Herzschlag von Sesqua Valley.
Und dann natürlich die Kinder des Tales mit ihren silbern funkelnden Augen. Der sardonische, selbstverliebte und charismatische Simon Gregory Williams, "Erstgeborener des Tales", "The Beast of Sesqua Valley". Die ziegengesichtige Bildhauerin Edith. Der junge Nelson. Adam Webster. Die Whateley-Schwestern Virginia ("Ginnie") und Vanessa.
Freilich ist das alles nur ein erster Einblick in dieses faszinierende Universum. So hören wir zum Beispiel nur am Rande von William Davis Manly, dem Dichter von Sesqua Valley. Und Marceline begegnet uns in diesen Geschichten leider noch überhaupt nicht. Pugmire schuf Simon Gregory Williams' dunkelhäutiges, weibliches Pendant als bewusste Antwort auf Lovecrafts Rassismus und seine Misogynie, und gab ihr sicher nicht zufällig den Namen der dämonischen "Mulattin" aus Medusa's Coil. (6)
Auch gehören nicht alle Geschichten in dem Sammelband zum Sesqua Valley - Zyklus. The Hands That Reek and Smoke ist eine von Pugmires Nyarlathotep-Stories. The Zanies of Sorrow seine große Huldigung an Oscar Wilde. Außerdem enthält der Band noch den Sonett-Zyklus The Songs of Sesqua Valley

Wie bei vielen jugendlichen Lesern war auch bei Pugmire die Liebe zu Lovecraft ursprünglich dem Gefühl des eigenen Außenseitertums entsprungen. Eine Erfahrung, die er im Werk des alten Gentleman wiedergespiegelt fand. Doch wie er in seinen eigenen Geschichten mit diesem Thema umgeht, unterscheidet sich letztenendes sehr stark von der Herangehensweise seines großen Vorbilds. Er schrieb zwar sein Leben lang dezidiert lovecraftianische Weird Fiction, schuf dabei aber ein ganz persönliches Werk, dessen Geist in vielem das genaue Gegenteil Lovecrafts ist.

So ist die kosmische Verlorenheit nicht Pugmires Thema. Nicht zufällig knüpft er in seinem eigenen Oeuvre nur selten an Lovecrafts spätere {und vermeintlich "reifere"} Werke wie The Call of Cthulhu, At the Mountains of Madness oder The Shadow out of Time an, sondern sehr viel häufiger an die "Gothic" - Phase des alten Gentleman. Bei Pugmire geht es vielmehr sehr häufig um die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Verbundenheit, nach Liebe und Gemeinschaft. Wie er im Nachwort zu The Million-Shadowed One erklärt, einer Geschichte, die er für den autistischen Sohn seiner Freunde Rose und Jeffrey Thomas geschrieben hatte:
As with many of my Sesqua Valley stories, this one is preoccupied with the theme of Love. As a child I was such a freak that I never felt love from family or society.  I was always being critiqued and made fun of for being so stupid, lame and weird. Perhaps part of the reason I created Sesqua Valley was so that I could have a place where all the weirdness that is within could find a home of acceptance and love. (7)
Eine besonders traurige und berührende Geschichte aus dem Sammelband, The Woven Offspring, entsprang dem Andenken an die große Liebe von Pugmires Leben, den Punk-Musiker Todd Nelson, der 1995 an einer Überdosis Heroin gestorben war.
Wie man sich wahrscheinlich denken kann, findet sich ebensowenig das lovecraftsche Thema der Angst vor dem "Unbekannten", dem "Anderen". Jedenfalls nicht in seiner traditionellen Form. Im Gegenteil, wie Pugmire selbst es einmal formuliert hat: "Most of his [Lovecrafts] characters flee from the horrors; mine ARE the horrors, or long to be so". Und: "I think part of what affects my work is boredom with normal people, and thus my characters are usually freakish in some way."
Wenn man seine Welt mit der Lovecrafts verbinden wollte, böte sich am ehesten das Ende von The Shadow over Innsmouth an, wenn der Erzähler sein monströses Erbe annimmt und begeistert dem Leben unter den Wogen in Gesellschaft der Deep Ones entgegenschaut:
We shall swim out to that brooding reef in the sea and dive down through black abysses to Cyclopean and many-columned Y’ha-nthlei, and in that lair of the Deep Ones we shall dwell amidst wonder and glory for ever.
Doch was bei Lovecraft vermutlich als das ultimative Grauen gedacht war – der arische Gentleman, der es nicht länger als abstoßend empfindet, ein groteskes Hybridwesen zu sein – wird bei Pugmire zu einer verführerischen Perspektive, die allerdings immer noch ambivalent – mal anziehend, mal verstörend, oft beides zugleich – dargestellt wird. Das Motiv der Transmutation spielt jedenfalls eine große Rolle in seinen Geschichten.
Auch ist Pugmires Oeuvre völlig frei von Lovecrafts Sinnenfeindlichkeit. Seine Geschichten atmen vielmehr eine Art chtonische Sinnlichkeit. Diese kann zwar mitunter verstörend und beunruhigend wirken, aber sie macht zugleich einen Gutteil des Zaubers aus, der Sesqua Valley umgibt. Und natürlich besitzt sie recht oft eine erotische Komponente, auch wenn es kaum je zu expliziten Sexszenen kommt. Dabei sticht die fließende sexuelle Identität der Talbewohner ins Auge. Die meisten von ihnen würde man wohl als "pansexuell" bezeichnen, wenn einem solche Kategorien wichtig sein sollten.

Pugmires Geschichten leben von ihrer Atmosphäre, nicht von ihren Plots. Dabei spielt die poetische Schönheit seiner Sprache eine zentrale Rolle. Manch einer mag seinen kunstvoll gearbeiteten, dekadenten Stil irritierend finden oder als eine prätentiöse Pose abtun, für mich trägt gerade er viel zu dem besonderen Reiz dieser Erzählungen bei. Wie der Autor einmal in einem Interview erklärt hat: "I want my tales to be works of beauty, in language and imagery. Although they must entertain, they must also be serious works of literature, as far as I am able to create such a thing." Ich denke, das ist ihm in hohem Maße gelungen.

Es wird kaum jemanden verwundern, dass Wilum H. Pugmire nie ein "kommerzieller" Autor war. Zu keinem Zeitpunkt konnte er mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdienen. Und er strebte das auch gar nicht an:
It was always to be “my art,” and writing for the small press made it possible for me to write what I wanted to write in the manner I wished to write it. I never go out looking for pro markets to write for, I just wait for editors to ask me for submissions. I want to be unique and do my own thang, I want to be Lovecraftian up ye arse. I don’t want to have to conform as a writer so as to write for some commercial market, to have to consider what sells and what doesn’t. Boring!
Auf keinem anderen Weg hätte ein Werk wie das seine entstehen können. Und ohne diese aus purer Leidenschaft geborenen Erzählungen wäre die Weird Fiction wahrlich um vieles ärmer.



(1) W.H. Pugmire: Sesqua Valley & Other Haunts. S. 44.
(2) A Storybook World: Interview with Author W. H. Pugmire
(3) Der Blitz-Verlag hat einen Sammelband unter dem Titel Der Dunkle Fremde herausgegeben, und einige seiner Stories sind wohl in verschiedenen Horror-Anthologien erschienen, doch das war's dann glaub ich auch schon.
(4) Dies war seine erste Begegnung mit HPL in gedruckter Form. Schon Jahre zuvor hatte er Roddy McDowalls Lesungen von The Hound und The Outsider kennengelernt, die ihm vom Besitzer eines benachbarten Plattenladens zugesteckt worden waren.
(5) Einige Ausgaben von Midnight Fantasies kann man sich über die Website der Lovecraft eZine anschauen.
(6) Wenn es darum ging, seinem Abscheu über Lovecrafts Bigotterie Ausdruck zu verleihen, nahm Pugmire kein Blatt vor den Mund und konnte seine "literarische Muse" schon auch mal "H.P. Dumbfuck" nennen.
(7) W.H. Pugmire: Sesqua Valley & Other Haunts. S. 106.

Sonntag, 2. Februar 2020

Strandgut

Sonntag, 19. Januar 2020

Strandgut

Matango: Ishiro Honda verfilmt William Hope Hodgson – Teil 2

Werfen wir zuerst einmal einen kurzen Blick auf die phantastischen Filme, die Ishiro Honda unmittelbar vor und nach Matango (1963) gedreht hat.

Das Jahrzehnt beginnt mit Mothra / Mosura (1961), dem ungeheuer charmanten Debüt der Riesenmotte und ihrer zwei kleinen, singenden Feen. Es folgt Gorath / Yosei Gorasu (1962), in dem die Bedrohung durch einen ultraschweren Planetoiden die Menschheit über alle nationalen und ethnischen Grenzen hinweg zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt. Lange vor The Wandering Earth (2019) wird dabei die Erde mittels riesiger Raketentriebwerke aus ihrer Umlaufbahn manövriert. King Kong vs. Godzilla / Kingu Kongu tai Gojira (1962) wirkt eher farcenhaft. Der Flick parodiert das TV-Business der Zeit mit seinem ewigen Kampf um Einschaltquoten, enthält nebenbei aber auch eine mit einem friedvolleren Ausgang versehene Hommage an das berühmte Finale des klassischen King Kong von 1933. In ihrem zweiten, kaum weniger charmanten Auftritt Mothra vs. Godzilla / Mosura tai Gojira (1964) rettet unsere geliebte Riesenmotte dann Japan vor dem erneut herumrandalierenden Big G. Über den Ton von  Dogora / Uchu daikaiju Dogora (1964) dürfte kein Zweifel bestehen, wenn schon nach wenigen Minuten ein Besoffener singend durch Tokios nächtliche Straßen schwebt. Der Streifen ist eine putzige Mischung aus SciFi- und Gangsterflick. Und in Ghidorah, the Three-Headed Monster / Sandai Kaiju: Chikyu Saidai no Kessen (1964) kommt es schließlich zum ersten Kaiju - Gipfeltreffen, wenn sich nach einigem hin und her Godzilla, Rodan und Mothra zusammentun, um dem außerirdischen dreiköpfigen Drachen King Ghidorah Saures zu geben. 
Allesamt recht positiv und optimistisch gestimmte Filme.   
Einzig Atragon / Kaitei Gunkan (1963) fällt ein wenig aus dem Rahmen. Der Streifen basiert locker auf dem gleichnamigen nationalistisch-imperialistischen Roman Kaitei Gunkan (ungefähr "Unterwasser-Kriegsschiff") des Science Fiction - Pioniers Shunro Oshikawa (1876-1914). Und so verwundert es nicht, dass Honda die Geschichte für eine kritische Auseinandersetzung mit Patriotismus und Krieg verwendet. Insbesondere in der Gestalt von Captain Jinguji, für den der 2. Weltkrieg nie zu Ende gegangen ist und der sein Super-U-Boot eigentlich als die ultimative "Wunderwaffe" gebaut hat, mit der Japan zwanzig Jahre nach der Kapitulation doch noch den Sieg erringen werde. Das böse Mu-Imperium seinerseits, das seine "alten Kolonien" zurückerobern will und dessen Herrscher ständig von ihrer "rassischen Überlegenheit" schwafeln, ließe sich durchaus als Parabel auf japanischen Revanchismus lesen. Der Film endet zwar mit einem Sieg der "Guten", aber nicht auf einer triumphalen Note. In der letzten Einstellung wirken unsere Helden vielmehr erschüttert angesichts der apokalyptischen Zerstörung, die sie gegen das Mu-Imperium entfesselt haben. Dennoch ist auch Atragon ein alles in allem eher optimistisches Werk. (1)

Vor diesem Umfeld sticht der düstere Ton von Matango besonders deutlich hervor. Auch spielt interessanterweise soziale Klasse eine nicht unwichtige Rolle in dem Film. Ein Thema, das in keinem der anderen Werke berührt wird. Wenn man von der karrikaturenhaften Figur des raffgierigen Kapitalisten in den Mothra - Filmen absieht, die ihre Existenz eindeutig dem Vorbild von Carl Denham aus King Kong verdankt. Doch kann ich diese in ihrer Eindimensionalität nicht wirklich ernst nehmen. Matangos Figuren sind da doch um einiges komplexer. Alles in allem scheint mir der Film ein Kommentar Hondas auf soziale Entwicklungen im Boom-Japan der 60er Jahre zu sein. Was etwas eigenartig klingen mag, wenn man an die Kurzgeschichte denkt, auf der der Film basiert.

William Hope Hodgsons (2) erstmals 1907 im Blue Book Magazine veröffentlichte Story The Voice in the Night erzählt vom Schicksal eines schiffbrüchigen Paares, das sich auf ein vor der Küste einer unbekannten Insel auf Grund gelaufenes Wrack rettet. Auf dem Deck und in den Kabinen des verlassenen Schiffes wuchert ein eigentümlicher, flechtenartiger Pilz. So sehr sich die beiden auch bemühen, einen pilzfreien Raum für sich zu erkämpfen, das Zeug regeneriert unglaublich schnell und findet sich schließlich auch auf ihrem Bettzeug und Teilen ihrer Vorräte. Eine Flucht auf die Insel erweist sich als relativ sinnlos, ist diese doch gleichfalls völlig überwuchert. Wenigstens entdecken sie ein kleines Fleckchen freie Erde. Doch dann werden sie selbst von dem Pilz befallen. Die Vorräte werden immer knapper. Der Hunger treibt sie schließlich dazu, von den Flechten zu kosten, woraufhin sie ein suchtartiges Verlangen nach dem Pilz entwickeln. Wie eine kurze Begegnung mit einer grotesken Gestalt im Inselinneren nahelegt, steht den beiden eine monströse Metamorphose bevor, ohne dass auch nur die geringste Chance auf Heilung bestehen würde.

Die Geschichte wurde schon einmal 1958 im Rahmen von Alfred Hitchcocks TV-Serie Suspicion mit Barbara Rush (When Worlds Collide [1951], It Came From Outer Space [1953]) in der weiblichen Hauptrolle verfilmt. Diese Adaption hält sich relativ eng an ihre Quelle, auch wenn die Beziehung zwischen den beiden Schiffbrüchigen einen sehr viel größeren Raum einnimmt, das drogenartige Motiv gänzlich fehlt und die finale Metamorphose nur zaghaft angedeutet wird. 
Matango schlägt da eine völlig andere Richtung ein. In der Sonderausgabe August 1961 des S-F magajin, Japans wohl bedeutendstem Science Fiction - Magazin der Zeit (3), war eine Übersetzung von Hodgsons Geschichte von Kazuo Okado unter dem Titel Yami no koe erschienen. Auf dieser Grundlage hatten Herausgeber Masami Fukushima und der bekannte SF-Autor Shinichi Hoshi das Drehbuch für den Film verfasst. Dabei erfuhr die Story eine Reihe tiefgreifender Veränderungen und ihr Fokus verschob sich merklich. (4)    

Zuerst einmal erhalten wir eine völlig andere Rahmenhandlung. 
Hodgsons Story beginnt mit zwei Seeleuten, zu denen während einer Flaute plötzlich ein Anruf aus dem Dunkel der Nacht dringt. Ein Ruderboot geht längsseits, dessen Insasse um Essensvorräte bittet, aber panische Angst davor zu haben scheint, dass Licht auf seine Gestalt fallen könnte. Es handelt sich um den männlichen Schiffbrüchigen, der schließlich die eigentliche Geschichte erzählt. Ein solch nautisches Ambiente ist für den Autor nicht untypisch. (5)
Am Beginn von Matango hingegen bekommen wir das nächtliche, von grellen Neonleuchtreklamen dominierte Panorama Tokios zu sehen. Die Kamera fährt zurück und wir finden uns im Inneren einer psychiatrischen Anstalt wieder. Der Insasse, von dem wir später erfahren werden, dass er selbst ein Professor der Psychologie mit dem Namen Kenji Murai (Akira Kubo) ist, erklärt stockend, niemand werde ihm glauben, wenn er erzählt, was ihm und seinen verschollenen Begleitern widerfahren ist.
Diese sehr düster gehaltene Eröffnungsszene wirkt beinah ein bisschen lovecraftianisch. Doch dann springt der Film zu Bildern einer Segelyacht, die bei prächtigstem Wetter über die Wellen gleitet, unterlegt mit fröhlicher Swing-Musik.

Der reiche Industrielle Masafumi Kasai (Yoshio Tsuchiya) hat eine Gruppe von "Freunden" zu einem kleinen Törn eingeladen: Professor Murai, Schriftsteller Etsuro Yoshida (Hiroshi Tachikawa), Sängerin und TV-Star Mami Sekiguchi (Kumi Mizuno) und die Universitätsangestellte Akiko Soma (Miki Yashiro). Skipper Naoyuki Sakuda (Hiroshi Koizumi) ist selbst ein Angestellter von Kasai Industries und wird unterstützt von dem Seemann Senzo Koyama (Kenji Sahara).
Das Bild, das wir von der Gruppe bekommen, ist von Anfang an nicht das allergünstigste.  Als sie sich in der Kabine zu einem Umtrunk versammeln, schlägt Yoshida als Toast vor: "We are on the open sea away from the masses of humanity." (6) Worauf Mami ironisch einwendet: "Aren't we supposed to be humans too?" (7) Doch sie selbst hatte zuvor erklärt, wie froh sie sei, weit weg von Tokio "and all her dust" zu sein, was Yoshida zu dem Kommentar veranlasst hatte: "You shouldn't say that ... That's were your money and your men are." Es ist klar, dass diese Leute sich selbst über eine möglichst große Distanzierung von der Masse der Menschheit, dem "Pöbel", definieren. Mit der möglichen Ausnahme der etwas schüchternen Akiko, die neu in diesen Kreisen ist und der es schwer fällt, sich einzufügen. In einem Versuch, ihr Mut zuzusprechen, lässt Murai die doppeldeutige Bemerkung fallen: "They would be good friends to have." Will er damit bloß seine Aussage unterstreichen, die Gruppe bestehe aus "nice fellows", oder andeuten, es sei von Vorteil, diese Leute zu Freunden zu haben? Zumindest Mami macht keinen Hehl aus ihren materiellen Motiven, wenn sie begeistert davon erzählt, Kasai werde sie nach Europa mitnehmen, wo sie in den großen Metropolen auftreten werde. Und es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass sich der Industrielle in seiner blütenweißen "Kapitänsuniform" seiner überlegenen Position in der Gruppe sehr bewusst ist, auch wenn er anfangs einen eher jovial-freundschaftlichen Eindruck zu vermitteln versucht. Skipper Sakuda verleiht seiner Verachtung für den ganzen Trupp gegenüber Koyama deutlichen Ausdruck: "They'll always be boys. They live and play around on their fathers' money." Eine der Inspirationen für Matango waren News-Berichte über eine Gruppe von Jugendlichen aus reichem Haus, die mit einer Yacht hinaus auf den Ozean gesegelt waren und schließlich geretttet werden mussten.

Als ein Sturm aufzieht und die Gruppe Sakudas Empfehlung, umzukehren, ignoriert, kommt es zur Katstrophe. Funk und Motor fallen aus, der Mast bricht und die Jacht treibt steuerlos durch den Nebel. Allgemeine Verzweifelung macht sich breit. Yoshidas Alptraum von einem gewaltigen Ozeandampfer, der plötzlich wie ein Monster über dem Segelschiff aufragt, ist ein erstes beeindruckendes Beispiel für den düster-atmosphärischen visuellen Stil, den Honda seinem Film zusammen mit Kameramann Hajime Koizumi und Art Director Shigekazu Ikuno verliehen hat.

Schließlich treibt die Yacht an die Küste einer Insel. Nach einem Marsch durch den Dschungel entdecken die Schiffbrüchigen das Wrack eines großen Schiffes, dessen Mission es scheinbar gewesen war, die Auswirkungen von Atombombentests auf die örtliche Tier- und Pflanzenwelt zu untersuchen. Seine nationale Herkunft bleibt mysteriös. Im Inneren wuchern gewaltige Schimmelkulturen, und in einem Labor wird ein riesiger Pilz mit der Kennzeichnung "Matango" entdeckt.

Doch das fungoide Grauen bleibt vorläufig noch im Hintergrund. Der Fokus des Films liegt ganz auf den wachsenden Spannungen innerhalb der Gruppe. 
Die ursprünglichen Hierarchien zerfallen sehr rasch. Wenn Kasai entdeckt, dass sich Yoshida und Koyama über die von ihnen gefundenen Konserven hergemacht haben, und diese ihm lachend erklären: "Finder's keepers", wird deutlich, dass seine Autorität nicht länger anerkannt wird. Dazu gehört auch eine Art symbolischer "Entmannung", wenn Kasais ehemalige Geliebte Mami sich immer offener Yoshida zuwendet. Der Industrielle sichert sich daraufhin eine eigene Kajüte, was wie der Versuch wirkt, seine alte Stellung erneut demonstrativ zu unterstreichen. Und vielleicht auch sein angeknackstes Selbstbewusstsein zu stärken. Dass er nur zögerlich an den Beratungen der Gruppe teilnimmt und sich lieber damit beschäftigt, ein von ihm gefundenes Gewehr in Schuss zu bringen, deutet an, dass er im Extremfall auch nicht davor zurückschrecken würde, dabei Gewalt anzuwenden.

Sakuda macht zwar einige praktische Vorschläge und Murai bemüht sich um allgemeine Kooperation, aber die Entwicklung hin zu immer größerer Aggressivität und Selbstsucht ist nicht aufzuhalten. Der erste Auftritt der Pilzmutanten, deren Erscheinungsbild das zeitgenössische Publikum angeblich an die Opfer von Hiroshima und Nagasaki erinnert haben soll, beschleunigt diesen Prozess möglicherweise noch etwas, bleibt im Grunde aber ein Randphänomen. 

Koyama gibt sich immer ungezügelter seinen primitivsten Impulsen hin, Gier und sexuellem Verlangen. In einer besonders krassen Szene verkündet er im Prinzip ganz offen, dass er vorhabe, Mami zu vergewaltigen, worauf die übrigen Männer nur mit Schweigen reagieren. 
Sakuda genießt es ganz offensichtlich, seinen ehemaligen Boss Kasai herumzuschubsen.  Als dieser ihn daran erinnert, dass er seine Collegeausbildung bezahlt und ihm anschließend einen Job gegeben habe, antwortet der Skipper: "Yeah. Presumably as a friend, but actually you bought me." In Szenen wie dieser wird die Sympathie des Publikums vermutlich noch ganz auf Sakudas Seite liegen. Er hat sich bislang als eines der vernünftigsten und tatkräftigsten Mitglieder der Gruppe erwiesen und seine Ressentiments gegen den vormals so arroganten Industriellen sind gut nachvollziehbar. Aber in einer überraschenden Plotwendung zeigt es sich dann, dass der Skipper die ganze Zeit über nur an sich selbst gedacht hat. 
Kasai wiederum wird mehr und mehr zu einer wirklich erbärmlichen Figur. Erst versucht er, heimlich einige der Konserven an sich zu bringen. Als das nicht klappt, kauft er dem grinsenden Koyama für Abertausende Yen Schildkröteneier ab, die dieser in einer Höhle gehortet hat. Sich betont unterwürfig gebärdend versucht er schließlich, Sakuda dazu zu überreden, dass sie zu zweit mit der halb wieder hergestellten Yacht abhauen und den Rest im Stich lassen sollten.  Als auch dieser Plan scheitert und es zu offenen Gewalttätigkeiten kommt, bricht sein Wille endgültig zusammen. Er bettelt Murai an, ihn zu töten, da er nicht einmal dazu fähig sei, Selbstmord zu begehen.
Yoshida ist der erste in der Gruppe, der eine von bizarren Pilzen bewachsene Lichtung im Dschungel entdeckt und von diesen kostet. In der Folge wird sein Verhalten immer psychotischer. Schließlich versucht er Murai und Kasai zu töten, doch in dem folgenden Handgemenge kommt stattdessen Koyama ums Leben. In einer Art letztem Aufbäumen seines Willens verbannt Kasai mit dem Gewehr in der Hand Yoshida und Mami in den Urwald.
Die einzigen, die sich in diesem immer stärker werdenden Strudel aus Egoismus, Wahnsinn und Gewalt ihre Menschlichkeit bewahren, sind Murai und Akiko. 

Als Matanga in einer synchronisierten Fassung in den 60ern im amerikanischen Fernsehen gezeigt wurde, verpasste man ihm den trashigen Untertitel Attack of the Mushroom People. Tatsächlich jedoch spielen die Pilzmonster eigentlich nur in der letzten Viertelstunde des Films eine zentrale Rolle. Dann wird's allerdings wirklich psychedelisch.

Eine seltsam entrückt wirkende Mami kehrt auf das Schiff zurück und führt den praktisch willenlosen Kasai hinauf in den Dschungel, wo die Pilze in immer fremdartigeren und gigantischeren Formen aus dem Boden sprießen. Der Halbverhungerte beginnt die Pilze in sich hineinzustopfen, hat plötzlich Visionen von verführerichen Tänzerinnen und Tokios Leuchtreklame, nur um kurz darauf sehen zu müssen, wie die riesigen Pilzkulturen rund um ihn herum humanoide Gestalt annehmen. 
Derweil überfallen die Mutanten unser Heldenpaar und entführen Akiko. Als der die Monster verfolgende Murai die Lichtung erreicht, hat die junge Frau bereits von den Pilzen gekostet und ist ihnen gleichfalls verfallen. Yoshida und Mami, deren Körper erste Anzeichen der beginnenden Metamorphose aufweisen, beäugen irre grinsend das Geschehen. Als auch unser Held von den humanoiden Riesenpilzen bedrängt wird, verfällt er in Panik und flieht kreischend zum Strand, die wiederholten Rufe der zurückbleibenden Akiko ignorierend.

Der Handlungsverlauf von Matango weist einige eigenartige Sprünge auf. Es fällt mitunter schwer, zu sagen, wieviel Zeit zwischen einzelnen Szenen verflossen ist, und manchmal scheinen Figuren über ein Wissen zu verfügen, von dem wir nicht erkennen können, wie sie es erworben haben sollen. Das kann im ersten Moment etwas irritierend wirken, unterstreicht im Grunde aber bloß den leicht alptraumartigen Charakter, den der Film annimmt, sobald die Gruppe die Insel und das Wrack erreicht hat. Dazu tragen vor allem die großartigen Setdesigns von Shikegazu Ikuno bei, das heruntergekommene Schiff, die stets leicht nebelverhangene Dschungelszenerie und vor allem natürlich die bizarre Anderswelt der Pilzlichtung. Interessant auch die außergewöhnlich intensive Farbpalette des Streifens. In einigen Szenen betreten wir da beinah schon Terence Fisher - oder Mario Bava - Territorium.

Das Grundthema von Matango findet sich in einem inneren Monolog Murais gegen Ende des Films offen ausgesprochen: "Under trying conditions, man tends to become selfish and cruel. That's when we must act in a rational manner. We must help each other." Wir dürfen annehmen, dass dies auch Ishiro Hondas eigene Überzeugung war. Doch anders als in den meisten seiner Filme, scheitert diese humanistische Position in Matango an der Selbstsucht der Beteiligten. Diese erscheint jedoch nicht unbedingt als Ausdruck der "menschlichen Natur". Ich würde dem Film deshalb auch keine grundsätzliche Misanthropie unterstellen. Vielmehr verknüpft Honda das egoistische und irrationale Verhalten seiner Figuren mit dem Charakter der Gesellschaft, der sie entstammen. Nicht zufällig ist das nächtliche Tokio mit seinen Neonlichtern eines der Leitmotive des Films. Es steht am Beginn und am Ende des Streifens und wird im Falle Kasais auch direkt mit der drogenhaften Wirkung der Pilze verknüpft. Was auf der Insel geschieht ist im Grunde bloß ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklungen im modernen Japan. Unter den extremen Bedingungen des Schiffsbruchs zeigt sich nicht etwa die "wahre Natur" der Beteiligten, sondern das, was die sozialen Umstände aus ihnen gemacht haben. Hondas Kritik richtet sich dabei zwar in erster Linie gegen die mondänen Kreise der Upper Class mit ihrer Oberflächlichkeit, Eitelkeit und Arroganz, aber wie die "plebejischen" Figuren Koyama und Sakuda zeigen, bleibt keine soziale Schicht von dieser moralischen Deformierung verschont. Neben dem ebenso eingebildeten wie prinzipienlosen "Künstler" Yoshida, dürfte der primtive und von Gier zerfressene Koyama sogar die abstoßendste Gestalt des Filmes sein. Die Verwandlung in monströse Pilzmutanten erscheint so bloß als Metapher für eine psychische und moralische Deformation. Dabei bewahrt Ishiro Honda jedoch stets den für ihn so typischen, von warmer Menschlichkeit geprägten Blick auf seine Figuren. Matango ist sicher eines der pessimistischsten Werke des Filmemachers, aber auch in ihm finden wir nicht die Spur von Zynismus.



(1) Jetzt wisst ihr auch, womit ich mir zwischen den Jahren die Zeit vertrieben habe. Kaiju statt Christmas sozusagen ... 
(2) Ich habe 2013 anlässlich seines 95. Geburtstags mal diesen Beitrag über den Autor geschrieben.
(3) Wer einen ersten Eindruck von Bedeutung und Geschichte des S-F magajin bekommen will, schaue sich diesen Twitter-Thread des großartigen Pulp Librarian an.
(4) Vgl.: Salvador Jimenez Murguía: The Encyclopedia of Japanese Horror Films. S. 196.
(5) William Hope Hodgson war über ein Jahrzehnt lang zur See gefahren, was deutliche Spuren in seinem Werk hinterlassen hat: The Boats of the "Glen Carrig", The Ghost Pirates, die Sargasso Sea - und Captain Gault - Geschichten. Er, der sich als kleiner Junge nichts sehnlicher gewünscht hatte, als Matrose zu werden, hatte das Meer regelrecht zu hassen gelernt. Einer der Gründe dafür bestand ohne Zweifel in den miserablen Verhältnissen, unter denen Lehrlinge und einfache Matrosen in der britischen Handelsmarine jener Zeit zu leiden hatten. Er selbst schrieb darüber später: "[B]ad treatment, poor food, poor wages ... a comfortless, weariful, and thankless life ... of hardness and sordidness ... [and] being a pawn with the sea for board and the shipowners for players." Doch der Abscheu ging offenbar noch sehr viel tiefer. Alan Gulette schreibt in seiner biographischen Skizze William Hope Hodgson: Reporter from the Borderland: "[A]fter having sailed around the world three times, he realized (belatedly!) that he hated the sea –  and with such passion that in nearly all his writings the sea is regarded with a feeling of horror, almost as if it were evil."
(6) Ich zitiere die Untertitel der im Internet Archive zugänglichen japanischen Version.
(7) Wenn ich in der Folge bei den Männern die Nachnamen, bei den Frauen die Vornamen verwende, folge ich damit bloß dem Script des Filmes, auch wenn ich mir der sexistischen Implikationen dessen natürlich bewusst bin.