"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 19. September 2020

Strandgut

Mittwoch, 16. September 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

In the Darkness, Hunting von Janrae Frank

Als ich mich vor einem Monat an dieser Stelle mit Jessica Amanda Salmonsons bahnbrechender Sword & Sorcery - Anthologie Amazons!  aus dem Jahr 1979 beschäftigte, die u.a. Janrae Franks Kurzgeschichte The Wolves of Nakesht enthält, versprach ich, alsbald auch den Sammelband In the Darkness, Hunting zu besprechen, der sämtliche Stories enthält, die Frank im Verlauf von zwei Jahrzehnten über die Kriegerin Chimquar geschrieben hat. Zugegeben, ich bin nicht unbedingt gut darin, solche Versprechen zu halten. Im Grunde sind sie ja bloß Ideen für Artikel, die mir im jeweiligen Moment reizvoll zu schreiben erscheinen, die aber gar zu oft nie ihre Verwirklichung erleben. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Ich habe leider nur sehr bruchstückhafte Informationen über Janrae (Janice) Franks Leben finden können. Sie wurde 1954 geboren, doch wo genau in Amerika sie aufwuchs, ist mir unbekannt. Ende der 70er lebte sie jedenfalls in (oder in der Nähe von) Arlington (Texas). Im Alter von acht Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung (Polio). "While in the CD ward, she was given an expensive pen and pencil set by her grandmother, who told her 'Whip them with a pencil.'" Dies bildete wohl den ersten Anstoß für sie, sich schreibend zu betätigen. Zugleich entwickelte sie sich während ihrer anstrengenden Rekonvaleszenz zu einer heißhungrigen Leserin. 

Über ihren formalen Bildungsweg ist mir nichts bekannt. Ebensowenig weiß ich, wann genau sie ihre Lieber zur Phantastik entdeckte und mit der Erschaffung ihrer Sekundärwelt Daverana begann, in der auch die Chimquar-Geschichten angesiedelt sind. Auf jedenfall nahm sie 1977/78 erstmals Kontakt zu Jessica Amanda Salmonson auf. "That was partly because her zine was the only entry under fantasy in the Writer's Digest. I had not yet learned about Locus and other sources of market gossip", schreibt sie im Vorwort zu The Ruined Tower. Bei dem erwähnten Magazin handelte es sich wohl um Windhaven - A Matriarchal Fanzine, das Salmonson in diesen Jahren herausgab. Dies war Janrae Franks erster "professioneller" Deal, auch wenn die Bezahlung bloß aus ein paar Autorexemplaren bestand. The Ruined Tower erschien später als Chapbook bei Atalanta Press. Doch als Salmonson kurz darauf begann, im Auftrag von DAW Books Amazons! zusammenzustellen, wandte sie sich erneut an Frank und bat um eine weitere Chimquar-Geschichte. Die Autorin erzählt:
I never expected to get paid for it; it was another 4theluv as they call it now. I got a letter from her and carried it around in my purse for a week without opening it because I was having some family problems and had taken temporary refuge at the friend's home. When my folks and I got things (apologies mostly) worked out and I went home, I finally opened it and there was a check inside with a note saying she had just sold an anthology to DAW and my story was her first purchase. It became my first pro sale. When Amazons came out I walked into a bookstore in an Arlington, Texas mall and found it had come out sooner than I expected. With my boyfriend trailing me, I bought a copy and managed, by iron will, to get out of the bookstore before breaking into a loud Rebel Yell and racing through the mall to the car.
Amazons! schlug gehörig Wellen in der Szene und wurde 1980 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. In der Folge scheint auch Janrae Franks Chimquar für kurze Zeit eine recht beliebte Figur gewesen zu sein. 1979/80 erschienen zwei weitere Stories über ihre Abenteuer (Last Night of the Troll und The Hawk That Hunted Lions) in Nr. #4 und #5 von Lois Wickstroms Magazin Pandora. Etwas schwerer fiel es, einen Abnehmer für die Novelle In the Darkness, Hunting, zu finden. Doch schließlich erschien auch sie 1980 in der Anthologie Dragontales von TSRs Kim Mohan.
Janrae Frank hatte eigentlich vor, die Stories zu einer regelrechten Saga auszubauen:
I was striving to figure out how the character was different when she first came to the Great Plains of Murshay'di and what might have led into her becoming the person she appeared as in Wolves of Nakesht. I wanted to show over the course of a number of adventure shorts how the character evolved.
Aber offensichtlich ebbte das Interesse an Chimquar sehr schnell wieder ab.
Über die Gründe dafür kann man natürlich bloß spekulieren. Jessica Salmonson erwähnt in ihrem Vorwort zu dem Sammelband eine New Yorker Verlegerin, die eines von Janrae Franks Manuskripten mit dem Argument abgelehnt habe, dass "the author's writing was just a little rough around the edges". Eine Einschätzung, der man zwar schwerlich widersprechen kann, wenn man den Sammelband gelesen hat, die aber kaum ein ausreichender Grund dafür ist, warum Chimquar so rasch wieder von der Bühne der Sword & Sorcery abtrat.
Natürlich erlebten die 80er Jahre die Wende hin zu ellenlangen High Fantasy - Epen à la Shannara Midkemia, Belgariad oder Mithgar. Und interessanterweise hatte Frank selbst eine solche "epische" Trilogie (The Moonstone of Riyanon) geschrieben, "[which] sold to Donning/Starblaze in 1980, but never came out because of a change of editors". Doch der Wandel der Moden bedeutete ja nicht, dass das Subgenre der Barbaren und Gauner mit Anbruch des Jahrzehnts schlagartig aus den Regalen verschwunden wäre. Das allein kann also auch kaum der Grund für Chimquars Verschwinden gewesen sein. Salmonson vertritt allerdings die Ansicht, dass das Interesse an "echten" Amazonenfiguren wie dem Lionhawk schon Anfang der 80er sehr rasch nachgelassen habe:
In the wake of [...] Amazons! […] a floodgate opened, and amazon heroic fantasy became a commonplace. For a year or two these included pretty good books exploring genuinely imaginative landscapes. In a very short time, however, the "women writers' perspective" of sword and sorcery began to resemble nothing so much as it resembled historical love stories, which is to say, bodice rippers, somewhat liberated from the damselish weaknesses of girls in love, but even so less about magic and adventure or heroism as about the sentimentality of getting together with some hot swordsman.
Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Janrae Frank selbst in ihrem 1985 in der Washington Post erschienen Artikel Women Warriors and Earth Mothers und verknüpft dies dort mit der Entwicklung vom radikalen Feminismus der 60er/70er zum sog. Post-Feminismus der 80er Jahre.
Dies könnte erklären, warum eine Figur wie Chimquar, die zu keinem Zeitpunkt über ihre romantischen Beziehungen definiert wird, offenbar so rasch an Popularität einbüßte.

Wie dem auch sei, auf jedenfall wandte sich Janrae Frank schon bald verstärkt journalistischer, später auch verlegerischer Tätigkeit zu. Einige ihrer Essays erschienen in dem weithin geschätzten Fanzine Thrust. Sie schrieb u.a. für Cinefantastique und Movieline. Erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre wandte sie sich erneut Chimquar zu. Vorerst allerdings ohne die da bei entstandenen Geschichten (The Changeling Son [1996] und A String of Werewolves' Teeth [1999]) auch veröffentlichen zu können. Dies geschah erst 2004 im Rahmen des bei Wildside Press erschienenen Sammelbandes In the Darkness, Hunting. Wenig später begann Frank damit, ihre umfangreichen Dark Fantasy - Zyklen Dark Brothers of the Light, Lycan Blood und Journey of the Sacred King als e-Books herauszugeben, die gleichfalls alle auf Daverana angesiedelt sind, von denen aber wohl nur die letzte in direkter Verbindung zu den Chimquar-Geschichten steht.

Janrae Frank starb am 12. Januar 2014 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Es ist ziemlich klar, dass die Autorin stark vom Second Wave - Feminismus der 70er Jahre geprägt wurde. In Women Warriors and Earth Mothers legt sie zwar eine durchaus nunacierte Sicht an den Tag und begnügt sich nicht damit, die Entwicklung in den 80er Jahren einfach als eine Art "Verrat" an der feministischen Phantastik der vorangegangenen Jahrzehnte zu verdammen. Allerdings gibt Frank in demselben Artikel auch dem damals weit verbreiteten simplistischen Bild von der Geschichte des Genres Ausdruck, demzufolge Frauen vor der "Revolution" der späten 60er und 70er in der amerikanischen Phantastik extrem marginalisiert gewesen seien und ihre Identität regelmäßig "behind deliberately ambiguous names, like Leigh Brackett, or with initials, like C.L. Moore" hätten verstecken müssen. Was in dieser verabsolutierten Form (und gerade in Bezug auf die beiden namentlich erwähnten Autorinnen) schlicht inkorrekt ist. Janrae Frank trug selbst ganz direkt zum Fortleben dieses Mythos bei, als sie 1994 zusammen mit ihrer Partnerin Jean Marie Stine und Forrest J. Ackerman die Anthologie New Eves: Science Fiction About the Extraordinary Women of Today and Tomorrow herausgab. Die Storysammlung, die einen Überblick über den Beitrag zur Science Fiction liefert, den Autorinnen von Francis Stevens (1918) bis Nancy Kress (1986) geleistet haben, war ohne Zweifel ein begrüßenswertes Unternehmen. Das von den drei Herausgeber*innen verfasste Vorwort entwirft jedoch leider "an amazingly confused account of the 1930s", um Eric Leif Davins Partners in Wonder zu zitieren* Die dort aufgestellte Behauptung, es habe in diesem Jahrzehnt einen bewussten (und erfolgreichen) Versuch gegeben, Autorinnen aus den SF-Pulps zu verdrängen, lässt sich durch nichts belegen und widerspricht den tatsächlichen Veröffentlichungszahlen. Da New Eves scheinbar auch sehr gerne im akademischen Bereich benutzt wurde, begegnet man dieser verzerrten Sicht auf die 30er auch heute noch immer mal wieder.
Mit In the Darkness, Hunting hat das alles zwar nichts tun, aber es ist halt eines meiner Pet Peeves. Nicht weil es mir darum gehen würde, ein idealisiertes Bild der Pulp-Ära als eines egalitären Utopias zu zeichnen. Was natürlich offensichtlicher Unsinn wäre. Sondern weil die Tendenz, die gesamte Vergangenheit des Genres als eine Art "finsteres Zeitalter" darzustellen, im Grunde nur dazu beiträgt, die Diversität der Stimmen, die immer schon existiert hat, zu verschleiern und das Klischee der SF als eines Boys' Club zu zementieren.

Ich habe keine Ahnung, wann Janrae Frank und Jean Marie Stine (geb. Henry Eugene Stine) ein Paar wurden. Auf jedenfall hatten sie eine gemeinsame Tochter, Sovay Jennifer Fox. Stine war selbst SciFi-Autorin und verarbeitete in vielen ihrer Werke offenbar ihre Erfahrungen mit der eigenen Transsexualität: "Issues concerning gender, such as change, role reversal and misalignment thereof, are recurrent themes in Stine's work." 2008 und 2010 erschienen ihre Stories in den beiden Sammelbänden Trans-Sexual: Transgressive Erotica for Gender Queers und Herstory & Other Science Fictions.
Ich erwähne dies eigentlich nur, weil auch die Figur Chimquar in der Vergangenheit mitunter auf eine Art interpretiert wurde, die sie in einen motivisch ähnlichen Zusammenhang stellt. So schreibt Jessica Amanda Salmonson in ihrem Vorwort zu In the Darkness, Hunting:
Her culturally intergendered nature was a fascinating addition. This was highly original at the time of first composition, and surprisingly not exploitive. Had these stories gotten the attention they deserved in the 1970s they might have been recognized as ground-breaking, as were the intergender characterizations in Ursula LeGuin's Left Hand of Darkness and John Varley's Gaea series, which were among the works that helped bring science fiction to maturity. All these years later when GLBT fantasy and science fiction is sufficiently common it even has its own awards and award categories, Chimquar may not seem as novel as she would have seemed twenty-five years ago when nothing like her had ever been seen in heroic fantasy. The stories really were in the vanguard, not in the wake, of changes that occurred in genre fiction during the 1970s.
Ich habe das Gefühl, dass eine derartige Einschätzung falsche Erwartungen bei Leser*innen wecken könnte. Gender spielt ohne Frage eine nicht unwichtige Rolle in den Stories, doch geht es dabei durchweg um kulturell determinierte Geschlechterrollen, nicht um Genderidentitäten.

Doch bevor wir näher auf diese Frage eingehen, ist es wohl langsam an der Zeit für einen kurzen Überblick über den eigentlichen Inhalt der Geschichten. Dabei verzichte ich darauf, zu versuchen, nachzuzeichnen, wie sich Janrae Franks Umgang mit ihrer Figur im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren verändert hat. Zumal die Stories vor ihrer Neuveröffentlichung noch einmal überarbeitet wurden. In the Darkness, Hunting versucht eine Art Saga von Chimquar the Lionhawk zu sein, und genau so werde ich den Band auch behandeln.
Der wirkliche Name unserer Heldin lautet Tomyris und sie stammt aus dem Amazonenreich von Shaurone, dessen Bewohnherinnen keine gewöhnlichen Menschen sind, sondern "a genetic and magical mutation", was sich in einer längeren Lebensdauer und einer stärkeren körperlichen Konstitution niederschlägt. Auch braucht es zur Zeugung einer Shaurani drei Partner*innen: "sire, bloodmother and wombmother".** Tomyris war Heerführerin im großen Krieg gegen die dämonischen Waejontori, doch nachdem sie in blindem Zorn eine junge Adelige erschlug, wurde sie in die Verbannung geschickt. Statt im Nachbarreich abzuwarten, bis ihre politisch einflussreiche Schwester für die Aufhebung des Urteils sorgen kann, wandert die wütende und vom Grauen des Krieges schwer gezeichnete Tomyris weiter nach Osten, bis sie in die Steppenlande der nomadisierenden Euzadi-Stämme gelangt.

In The Changeling Son begegnet unsere Heldin in einer verfallenen Tempelanlage dem alten Euzadi-Schamanen Azkani und seiner jungen Begleiterin Sarana. Während die drei einen verzweifelten Kampf gegen eine mörderische Rotte von Nakesht – werwolfartigen Kreaturen – führen müssen, sieht sich Tomyris vor die Frage gestellt, wie ihre Zukunft im Exil aussehen soll. Impulsiv schreckt sie davor zurück, erneut emotionale Bande zu anderen Menschen zu knüpfen, und fühlt sich stattdessen zu einem ziellosen Einzelgängerdasein getrieben. Doch Azkani, der sich am Ende als ihr lang verschollener Vater entpuppt (Koinzidenzen ohne Grenzen!), schlägt ihr ein Leben unter den Euzadi vor. Dazu müsste sie freilich die Identität eines Mannes annehmen, da die Stämme eine Frau wie sie niemals in ihren Reihen akzeptieren würden. Derweil ist Sarana, selbst eine Außenseiterin unter ihrem Volk, sehr deutlich an einer romantisch-sexuellen Beziehung mit der Kriegerin interessiert. 

Sarana war offensichtlich eine späte Zutat zum Chimquar-Zyklus. Gut möglich, dass es Frank in den 70er/80er Jahren noch unmöglich erschienen wäre, im Rahmen einer Sword & Sorcery - Story eine lesbische Liebesbeziehung zu schildern. Ebenso könnte sich darin aber auch das gewandelte Verhältnis der Autorin zu ihrer eigenen Sexualität widerspiegeln. Wie dem auch sei, jedenfalls ist die junge Frau in The Hawk That Hunted Lions spurlos verschwunden und wird auch später nie wieder erwähnt. Die Geschichte schildert Tomyris' endgültige Verwandlung zu Chimquar. Sie erringt ihren (herkulesmäßigen) Löwenfellumhang und den Beinamen "Lionhawk", erwirbt sich den Respekt der Dazalero Euzadi und ihres Häuptlings Maruic und gewinnt die ewige Feindschaft des Verräters Bakran. Dass sie in Wahrheit eine Frau ist, wissen auch im Stamm nur einige wenige wie Azkani und Maruic. Außerdem übernimmt sie die Verantwortung für zwei Waisenkinder – Hazier und seine kleine Schwester Makajia –, deren Eltern einem Drachen zum Opfer gefallen sind.

In the Darkness, Hunting ist nicht nur die längste, sondern ohne Zweifel auch die ehrgeizigste Erzählung der Saga. Oberflächlich betrachtet enthält die Novelle alle Zutaten einer klassischen Sword & Sorcery - Geschichte: Monsterkämpfe, eine holde Maid in Gefahr und einen finsteren Zauberer. Doch daneben geht es um Chimquars fortdauernde Schwierigkeiten, einen ihr gemäßen Platz in der Welt zu finden, in der sie seit ihrem Exil gezwungen ist zu leben.
Der Lionhawk ist inzwischen zum anerkannten Kriegsführer der Dazalero Euzadi geworden. Maruics anfangs skeptische Haltung hat sich zu Respekt und sogar Freundschaft gewandelt. Doch der Umstand, dass der Häuptling Chimquars wahre Identität kennt, wird schon bald zu einem Problem. Denn der wünscht sich mehr als bloß eine Freundschaft und kann das nicht anders ausdrücken als durch ein aggressiv-übergriffiges Verhalten, das man problemlos als eine versuchte Vergewaltigung bezeichnen kann. Und Chimquar fasst das auch genau so auf. Nunmehr allein unterwegs in der Steppe rettet sie wenig später die hübsche Scheiharia vor einem Trupp monströser Laufvögel, die offenbar unter dem Bann eines Schwarzmagiers stehen. Wie jede gute Damsel-in-Distress verliebt sich Scheiharia natürlich sofort in ihren "Retter", den sie ebenso selbstverständlich für einen Mann hält. Chimquar fühlt sich äußerst unwohl in dieser Situation und lässt sich schließlich zu einer impulsiven Gewalttätigkeit hinreißen. Dass sie sich wieder einemal von ihrer alten Schwäche hat überwältigen lassen, die ja auch für ihre Verbannung verantwortlich war, stürzt sie in tiefe Selbstzweifel. Doch als Scheiharia erneut in die Klauen des finsteres Zauberers fällt, söhnt sie sich mit Maruic aus und setzt alles daran, um "ihre Frau" zu befreien. Dabei muss sie sich auch noch mit ihrem zwölfjährigen Ziehsohn Hazier herumschlagen, der glaubt es sei an der Zeit, dass er ein "Mann" wird, und der sie deshalb in die Magierstadt Marique begleiten will.
Diese Novelle zeigt am Besten, was ich damit meine, dass es in den Chimquar-Stories um Geschlechterrollen, nicht aber um Genderidentitäten geht. Tomyris/Chimquar sieht sich selbst nie anders denn als eine Frau. Alle ihre Probleme erwachsen aus den in der Gesellschaft der Euzadi existierenden Geschlechterrollen. Sie zwingen sie dazu, die Identität eines Mannes anzunehmen. Und sie machen es zugleich unmöglich, dass sie irgendeine romantische Beziehung eingeht, obwohl sie keinesfalls frei von sexuellem Verlangen ist. Auch wenn sie nicht wirklich in Maruic "verliebt" ist, wäre sie einer sexuellen Beziehung vielleicht gar nicht einmal abgeneigt. Jedenfalls nicht vor dessen Übergriff. Doch das würde automatisch dazu führen, dass sie ihre Identität als Frau offenlegen müsste. Und dann bliebe ihr keine andere Wahl, als auch die Rolle einer Euzadi-Frau zu spielen. Was ihrem ganzen Wesen widerspräche. Ironischerweise basiert Maruics Zuneigung vermutlich gerade darauf, dass Chimquar eben keine typische Euzadi-Frau ist, doch gegen die Macht kultureller Konventionen kommt auch ein Häuptling nicht an. Noch komplizierter wird es, als Scheiharia ins Spiel kommt. Chimquar fühlt sich zwar sexuell zu ihr hingezogen, kann aber auf ihre Avancen ebensowenig eingehen. Schließlich hat diese sich in einen "Mann" verliebt, und wie wir aus The Changeling Son wissen, gilt Homosexualität in der Gesellschaft der Euzadi als ein verachtenswertes Tabu. Sich ihr gegenüber als Frau zu erkennen zu geben, hätte vermutlich verheerende Konsequenzen. Und so schlüpft Chimquar in die traditionelle Männerrolle, erklärt ihren "Besitzanspruch" an Scheiharia ("my woman"), kann ihrem Verlangen aber dennoch nicht nachgeben.
Der kleine Subplot um Hazier fügt sich dem sehr gut bei. Einerseits zeigt er Chimquar in einer Art "Mutterrolle". Andererseits muss sie sich damit auseinandersetzen, dass ihr "Sohn" logischerweise den Männlichkeitsvorstellungen zu folgen versucht, die in der Kultur existieren, in der er aufwächst. Und diese Kultur ist nicht die seiner "Mutter".

In Last Night of the Troll sorgt Hazier erneut für Schwierigkeiten. Der inzwischen Sechzehnjährige zeigt erstmals Interesse für Mädchen. Was natürlich weiter nicht schlimm wäre, wenn das Objekt seines Begehrens nicht ausgerechnet die Tochter des Bauern wäre, bei dem Chimquar und ihr Ziehsohn für die Nacht Unterschlupf gefunden haben. Und an der ist unglücklicherweise auch ein creepy Nachbar interessiert, der sich am Ende als eine Art Dämonenhalbblut entpuppt.
Eine gediegene kleine Sword & Sorcery - Story, bei deren Lektüre es mich allerdings langsam etwas zu irritieren begann, dass Chimquar bei ihren Abenteuern andauernd über irgendwelche finsteren Gesellen stolpert, die stets auf die eine oder andere Weise mit jenen dämonischen Waejontari und ihren Höllengöttern in Verbindung stehen, gegen die Tomyris in dem Großen Krieg kämpfen musste, der bei ihr so tiefe Spuren hinerlassen hat. Ab und an etwas konventionellere Gegenspieler wären eine angenehme Abwechselung gewesen.    

Ähnliches gilt für A String of Werewolves' Teeth. Gefallen hat mir an dieser Story allerdings, dass Chimquar dabei jemandem aus ihrer Vergangenheit begegnet, der kein hehrer Paladin, sondern der Chef der örtlichen Assassinengilde ist. Das gibt dem im Allgemeinen doch sehr "High Fantasy" - mäßig anmutenden Hintergrund unserer Heldin einen etwas schmutzigeren Anstrich, was mir ausgesprochen sympathisch ist. Auch zeigt sich Chimquar hier von ihrer weicheren Seite, wenn sie auf ein Abenteuer auszieht, um die entführte Tochter eines alten Freundes zu retten.

In The Ruined Tower muss Chimquar ihre eigene "Tochter" Makajia aus den Klauen eines ... na, was schon? richtig! ... eines Waejontori-Nekromanten befreien. Dabei ist sie auf die Hilfe der mysteriösen und nicht sehr vertrauenserweckenden "Zigeunerin" ("gypsy") Anna angewiesen, die erstaunlich viel über die wahre Identität unserer Heldin zu wissen scheint.
Auch dies eine durchaus lesenswerte kleine S&S - Story, die uns von einer lebendig geschilderten Tavernenszene durch die nächtlichen Straßen der Hafenstadt Marleone und unterirdische, monsterbevölkerte Tunnel bis zu einem verfallenen Turm und in die Gemächer des gestaltswandlerischen Nekromanten führt. Auch die finale Enthüllung von Annas wahrer Natur und ihrer Motive ist nicht ohne Reiz.
Über die Verwendung des Begriffs "gypsy" möchte ich kein Urteil fällen, da es diesbezüglich auch unter Sinti und Roma sehr unterschiedliche Ansichten gibt. Allerdings schmeckt zumindest die Schilderung von Annas erstem Auftritt in der Taverne schon etwas nach entsprechenden Klischees. Und ich fand es sehr merkwürdig, dass Janrae Frank an einigen Stellen auch die Bezeichnung "Rom" verwendet, ist ihre Welt Daverana doch anders als etwa Robert E. Howards Hyborian Age keine mythische Vergangenheit unserer Erde.

Damit wären wir bei The Wolves of Nakesht, der Story, die Chimquar 1979 der Fantasyleserschaft bekannt machte. In ihr muss sich unsere Heldin – diesmal zusammen mit Hazier und Makajia – erneut mit den werwolfartigen Nakesht herumschlagen. Und auch ihr alter Erzfeind Bakran hat noch einmal einen Auftritt.
Leider sind einige der Probleme, die ich bei meiner ersten Lektüre der Geschichte in Amazons! hatte, geblieben. Zwar kann ich nun die Partien, in denen Chimquar nach all den Jahren ihres Exils erstmals wieder mit Shaurani-Amazonen zusammentrifft, besser einordnen. Und auch das Ende, wenn sie endlich wieder mit ihrer Schwester Anaria vereint wird, besitzt nach der Lektüre der übrigen Geschichten etwas von der Gravitas, die der Szene eigentlich zukommt. Doch vieles bleibt weiterhin verwirrend und mysteriös. Warum haben Chimquar und ihre "Kinder" vor dem Beginn der Geschichte die Euzadi verlassen? Und was ist das für in Krieg, in den das Reich von Shaurone verwickelt zu sein scheint? Diese Fragen werden auch durch die vorhergehenden Stories nicht beantwortet. Alles in allem ist Wolves of Nakesht dennoch ein angemessener Abschluss der Saga.

Bevor wir zum Ende kommen, noch ein paar kritische Anmerkungen zum Worldbuilding von In the Darkness, Hunting. Wie wir gesehen haben, hatte Janrae Frank schon früh mit der Entwicklung ihrer Sekundärwelt Daverana begonnen und siedelte schließlich die allermeisten ihrer Fantasystories und -romane in ihr an. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie die Geschichte und Geographie, die Kulturen und Kreaturen von Daverana und die der Welt zugrundeliegende Mythologie mit ihren Höllengöttern und ihren apokalyptischen Kriegen sehr detailliert ausgearbeitet hat. Doch die Art, in der sich das in den Stories niederschlägt, besteht leider gar zu oft in dem, was ich gerne als RPG - Worldbuilding bezeichne. Man bekommt sehr deutlich den Eindruck, dass Janrae Frank ein riesiges Quellenbuch neben sich liegen hat, in dem alle Details ihrer Welt in fein säuberlich kategorisierter Form niedergelegt sind. Und während sie ihre Geschichten schreibt, greift sie immer mal wieder zu diesem Wälzer und zitiert aus ihm. Und man kann spüren, dass sie das macht. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn es um Chimquars Vergangenheit in Shaurone geht. Dann bekommen wir sehr häufig Spezialbegriffe wie ha'taren und bradae vorgesetzt. Die werden uns zwar knapp erklärt, doch wird ihnen damit kein wirkliches Leben eingehaucht. Die entsprechenden Passagen sind nicht eigentlich Infodumps. Dazu sind sie zu kurz. Dennoch wirken sie wie Fremdkörper und stören den Erzählfluss und die Atmosphäre der Geschichte. Ein weiteres Beispiel wäre etwa der folgende kurze Abschnitt aus The Ruined Tower:
"Chimquar!" Hazier shouted. She caught the alarm in his voice, whirling, sword in hand.
Bright light streamed from an opening in the ground, silhouetting eight seven foot shapes. The stench of decaying flesh hung upon those eaters of carrion, warriors of Diangar; and she knew them by it.
"Kargrens!“ Spawn of demons and satyr women, they hated the bright sun of the plains, haunting the shadowed woodlands. It took great power to summon them from the north.
Die Kargrens sind offenbar so was wie Ghule, die im Dienst eines Nekromanten stehen. Das ist alles, was man als Lesender über sie wissen muss. Und das ergibt sich bereits aus ihrer Erscheinung bzw. dem sie umgebenden Leichengeruch. Die Information, dass sie der Verbindung zwischen Dämonen und weiblichen Satyrn entsprungen sind und grelles Sonnenlicht nicht mögen, fügt dem nichts hinzu. Der entsprechende Absatz wirkt vielmehr wie ein Auszug aus dem "Monster Manual".
Dieselbe Kurzgeschichte enthält allerdings auch ein Beispiel dafür, wie dasselbe Worldbuilding auf organische Weise in die Erzählung einfließen und deren Atmosphäre verstärken kann. Es handelt sich dabei um die schon erwähnte Tavernenszene vom Anfang der Story:  
All manner of myn filled the Red Lion's smoky, ill-lit common room. She scanned the faces from the doorway, seeking the young pair. Eyes turned to discern her nature, but those that knew the Euzadi tribesmyn did not stare. She glided through the crowded room, making for a table in the farthest corner where she could have the wall to her back. 
Two fae stood behind a Casrain merchant while he argued with a Marleonan buyer, their pale, pale skin shimmered faintly in the lamplight. Their almond eyes narrowed to slits, following Chimquar as she passed. The blond braids and beards of the Ocealayen Sea Hawks, kandoyarin from the City of the Five Captains, stood out conspicuously. They roared a bawdy chantey, grabbing at the serving wenches.
Man darf davon ausgehen, dass sich in Franks Quellenbuch ein ganzes Kapitel über die "fae" findet. Doch sie verzichtet darauf, uns weitere Infromationen zu geben als dass dieses Volk "pale skin" und "almond eyes" besitzt. Dasselbe gilt von den "Sea Hawks" mit ihren "blond braids and beards". Zwei evokative Namen und ein paar äußerliche Details und schon entsteht vor unserem inneren Auge ein Bild der von allen möglichen exotischen und fremdländischen Gestalten bevölkerten Taverne in einer kosmopolitischen Hafenstadt.
Ein interessantes Detail von Janrae Franks Worldbuilding ist jedoch ganz sicher die Sprache. So verwendet sie u.a. das Wort "myn" als geschlechtsneutrales Plural. Allerdings dürfte ihr Einsatz des generischen Maskulinums gerade auf heutige deutschsprachige Leser*innen etwas eigenartig wirken: "I eliminated the feminine endings on words (priest instead of priestess) except when necessary to show cultural differences.

Was bleibt zum Abschluss zu sagen? Janrae Franks Geschichten sind vielleicht keine vergessenen Meisterwerke der Sword & Sorcery. Aber auf jedenfall stellen sie einen weiteren Beleg dafür dar, dass das Genre auch schon in den 70er Jahren sehr viel vielgestaltiger war als man ihm manchmal unterstellt. Chimquar the Lionhawk ist eine komplexe und ziemlich interessante Figur, und ihre Abenteuer geben durchweg unterhaltsame Lektüre ab. Auch wenn keine der kürzeren Geschichten an die Qualität von In the Darkness, Hunting heranreicht.



* Eric Leif Davin: Partners in Wonder. Women and the Birth of Science Fiction 1926-1965. S. 138.
** Wie genau sich das abspielt, wird in den Chimquar-Geschichten nicht erörtert.  

Samstag, 29. August 2020

Strandgut

Freitag, 28. August 2020

All Hail the Queen

Ich bin kein großer Fan der Kull - Conan'schen Königskarriere. Ich mag meine Sword & Sorcery - Helden und - Heldinnen lieber als plebejische Underdogs. Und wenn sich die abenteuernd Herumvagabundierenden schließlich doch zur Ruhe setzen sollten, dann vorzugweise wie Fafhrd und der Gray Mouser mit ihren Partnerinnen Afreyt und Cif in der kleinen Kommune von Salthaven.

Entsprechend wenig euphorisch war meine erste Reaktion, als ich erfuhr, dass in Mark Russells im Februar 2019 gestarteten Red Sonja - Serie unser She-Devil zur Königin von Hyrkania wird. Irgendwann blätterte ich dann aber doch einmal in die ersten Hefte hinein, und mein Interesse war schnell geweckt.
Sonjas Thronbesteigung ist keineswegs triumphal. Genau genommen findet sich der She-Devil eher unfreiwillig an der Spitze des hyrkanischen Volkes wieder. Und ihre "Herrschaft", wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, ist alles andere als glorios.
Die Geschichte ist ganz von einer bitter-zynischen Sicht auf Herrschertum, staatliche Macht, Klassengesellschaft, Imperialismus, Patriotismus und Krieg geprägt. Mitunter droht das in simplen Nihilismus abzugleiten, doch im Großen und Ganzen findet sich genug menschliche Wärme in der Story, um dem entgegenzuwirken.

Dragan the Magnificient ist der größenwahnsinnige Imperator von Zamora. Seit ihm von einem Orakel geweissagt wurde, dass er sterben werde, sobald sein Reich aufhört zu wachsen, führt er einen nicht endenden Eroberungskrieg gegen die Welt. In dem Extraband Lord of Fools erfahren wir später zwar, dass diese Prophezeiung eine Lüge ist, die Dragans Untergang herbeiführen soll, doch das tut im Grunde wenig zur Sache. Nach der Eroberung Stygias wendet er seine Aufmerksamkeit Hyrkania zu. In dem ärmlichen und gesetzlosen Land gibt es zwar nicht wirklich was zu holen, aber dafür verspricht es, leichte Beute zu werden. Wenn alles klappt, wird man nicht einmal die Armee in Marsch setzen müssen.
Der hyrkanische Ältestenrat lässt umgehend Red Sonja, die gerade an den Grenzen ihrer alten Heimat umherstreift, zu sich rufen. Die Ältesten schwatzen ein bisschen über ein von den Sternen bestimmtes Schicksal, wählen Sonja einstimmig zur neuen Königin und machen sich alsdann schnellstmöglich aus dem Staub. Soll sie sich doch mit Dragans Abgesandtem herumschlagen und im Zweifelsfall ihren Kopf aufs Spiel setzen, falls sie nicht bereit sein sollte, die Kapitulation zu unterzeichnen.
Sonja hat eigentlich wenig Grund, auf dieses abgekartete Spiel einzugehen. Emotional verbindet sie ihr Heimatland hauptsächlich mit der Ermordung ihrer Familie. (1) Doch als sie erfährt, dass sie mit Kryon noch einen lebenden Cousin in Hyrkania besitzt, wird das zum Anstoß dafür, die ihr aufgezwungene Rolle anzunehmen und Dragan eine herausfordernde Antwort zu schicken. Wie zu erwarten, mobilisiert der Imperator ohne zu zögern ein riesiges Invasionsheer, das sich alsbald unter seiner persönlichen Führung auf den Weg zum Binnenmeer von Vilayet macht, das die natürliche Grenze zwischeen den beiden Ländern bildet.

Trotz Sonjas Thronbesteigung bleibt das Sword & Sorcery - gemäße Underdogflair erhalten, denn Hyrkania erscheint hier nicht bloß als der Underdog unter den Nationen des Hyborian Age – "There is a saying ... Calamity is the hammer of the gods. And Hyrkania is their anvil."–, sondern auch als eine Nation von Underdogs. Die Bevölkerung scheint zu einem Gutteil aus Spitzbuben, notorischen Lügnern, Gaunern und Straßenräubern zu bestehen. Kryon z.B. ist Mitglied der "Brothers of Misfortune", einer Bande von Wegelagerern, die in dem nun beginnenden Krieg zu Hyrkanias "offizieller" leichter Kavallerie werden.

Sonjas Charakterisierung folgt zu Beginn dem altbekannten Format der Einzelgängerin, die gelernt hat, auch unter den widrigsten Umständen zu überleben, dabei aber den gewaltsamen Tod vieler ihr nahestehender Menschen miterleben musste. Ein Motiv, dass sich von frühester Zeit an in den Red Sonja - Comics findet. Dies wird auch durch die regelmäßigen Rückblenden hervorgehoben, in denen wir unsere Heldin zusammen mit ihrem Lehrmeister Domo in Khitai sehen, der schließlich während eines Staatsstreichs ermordet wird. Diese neue Hintergrundsgeschichte wird im zweiten Teil von Mark Russells Serie eine größere Rolle spielen. Doch mit dem wollen wir uns vorerst noch nicht beschäftigen.
Die wachsende Verbundenheit Sonjas zu dem Volk, für dessen Freiheit und Überleben sie nun plötzlich verantwortlich ist, bildet jedenfalls einen der großen Handlungsbögen der Geschichte. Steht dabei anfangs noch Kryon als ihr letzter überlebender Blutsverwandter im Zentrum, weitet sich der Kreis von Menschen schon bald immer weiter aus, bis sie für sich denkt: "I never imagined I would ever return to Hyrkania. Or that I would find more to life than survival. It took many years, but I have. I've found a home. And maybe that's the purpose of life ... to find the home you never knew you had.

Stellvertretend für diese Gemeinschaft steht Sonjas Kriegsrat, dessen recht bunte Zusammensetzung zugleich den Underdog-Charakter Hyrkanias widerspiegelt. Da hätten wir neben Kryon u.a.
  • Tiborius: Der alte, einäugige General ist einer der wenigen, die als Vertreter der traditionellen Elite gelten können. Entsprechend oft führt er das Wort "Ehre" im Munde. Da Sonja auf legitime Weise vom Ältestenrat gewählt wurde, verhält er sich dennoch erst einmal loyal.
  • Isolde: Vertreterin der "Barrens", einer Gruppe älterer Frauen, die Kriegerinnen geworden sind. "In Hyrkania, nothing goes to waste. Widows and women past child-rearing often volunteer for military service." Sie wird im zweiten Teil der Serie während Sonjas Abwesenheit zur Regentin.
  • Hannah: Eigentlich bloß eine Dienerin ("cup bearer" ~ Mundschenkin?), wird die Frau aus Koth (2), die selbst einmal Geisel in der Hauptstadt von Zamora war, eine von Sonjas wichtigsten Beraterinnen.
  • Scorpio: Ein weiteres Mitglied der "Brothers of Misfortune", dessen Rolle in der zweiten Hälfte der Story an Bedeutung gewinnt.
  • Cerkus: Als Sonjas "Tongue of Fire" eine der eigenwilligsten Figuren der Serie. Nach hyrkanischer Sitte muss jeder Herrscher einen Ratgeber zur Seite haben, der sich zweifelsfrei als ehrlichster Bewohner des Landes erwiesen hat: "Every year, there is a contest to find the most honest Hyrkanian ... By law, that person becomes the official Tongue of Fire. It's to keep our leaders from surrounding themselves with sycophants and flatterers." Obwohl scheinbar nur an seinem eigenen Wohlergehen interessiert und ein ewiger Schwarzseher mit einer Vorliebe für Drogenkonsum und sarkastische Kommentare, erweist sich Cerkus im Laufe der Handlung doch als ein treuer Verbündeter. In Lord of Fools erhält auch er eine eigene Hintergrundsgeschichte. Das Motiv eines magischen Fluchs (oder Segens?), der ihn zwingt, stets die Wahrheit zu sagen, ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, aber es ist interessant zu erfahren, dass er einst ein Sklave in Corinthia war. Und es macht auf jedenfall Spaß, mitzuerleben, wie er heuchlerische Sklavenhalter, pompöse Philosophen und verlogene Priester entlarvt. 
Cerkus ist es auch, der an einer Stelle einen ziemlich scharfsinnigen Kommentar über Nationalstolz abgibt:
There was at some point, I imagine, a time when people created all these nations to serve people. But those people died while their creations lived on. And their children, having no memory of the past, imagined that they had been created to serve the nation to which they were born. Everyone is born missing a piece from their soul. Unable to find the missing piece, they trust the nation to fill it for them. But once embarked, there is no end to that path. No limit to what they will do to others, nor even to themselves [...] Nations and empires are not a cult of personality, but a symptom of humanity's common psychosis ... the need to find our worth in power.
Was den Ursprung von Staaten und Nationen angeht, habe ich zwar deutlich andere Vorstellungen. Doch die Idee, dass die Identifikation mit dem Vaterland eine Art psychologischer Ersatz für etwas ist, unter dessen Mangel die Menschen leiden, halte ich für sehr treffend. Ich denke dabei natürlich vor allem an das, was Marx als Entfremdung & Selbstentfremdung beschrieben hat.
Man darf wohl annehmen, dass diese Passage als ein Kommentar auf das immer bedrohlichere Anwachsen von Nationalismus, nicht nur in Trumps Amerika, verstanden werden soll.

Im Kontext der Geschichte sind Cerkus' Bemerkungen auf Zamora gemünzt, dessen Bevölkerung von Dragan als Kanonenfutter missbraucht wird, um auf einem Schlachtfeld nach dem anderen zu morden und zu sterben. Und natürlich liegt der Fokus ganz allgemein auf dem zamoranischen Imperialismus.
Das beginnt bei dem offiziellen Brief, den Dragan an den hyrkanischen Ältestenrat schickt und in dem all die "zivilisatorischen Wohltaten" aufgezählt werden, in deren Genuss die Unterworfenen kommen würden, wenn sie sich bloß bereit erklärten, massig Tribute in Form von Gütern und Menschen (als Soldaten und Menschenopfer) zu zahlen.
Auch wird sehr schnell deutlich, dass sich Dragan keine ernsthaften Rückschläge leisten kann, weil dies sehr schnell zu einer Rebellion unter seinen Vasallen führen würde, die nur auf ein Zeichen der Schwäche warten. Imperien sind von Natur aus instabile Gebilde. Vor allem junge Imperien, die allein von Furcht und militärischer Gewalt zusammengehalten werden. So gesehen ist der Möchtegern-Welteroberer in gewisser Weise ein Gefangener seines eigenen imperialen Unternehmens, selbst ohne das Damoklesschwert der Prophezeiung, das ihn immer weiter vorantreibt.     
Nicht dass Dragan dadurch eine tragische Figur würde. Er ist ein Bösewicht durch und durch, und er genießt es in vollen Zügen. Mark Russell hatte ganz offensichtlich großen Spaß mit dieser Figur, ihrem Narzissmus, den zynischen Reden und grandiosen Gesten. Würde man die Geschichte verfilmen, die Rolle gäbe Anlass für "Scenery-Chewing" allererster Güte.
Allerdings sind Russell dabei hier und da einige kleine sprachliche Ausrutscher passiert. Dass Autoren nicht länger dem Beispiel von Roy Thomas folgen und versuchen, den Stil Robert E. Howards nachzuahmen, finde ich völlig in Ordnung. Doch man kann die Modernisierung auch zu weit treiben. So hat etwa ein Begriff wie "pep talk" meiner Meinung nach nichts in einer Geschichte über das Hyborian Age verloren.

Der kritische Blick ist aber nicht allein auf den Gegner gerichtet. Ja, Sonja und das hyrkanische Volk sind die Underdogs, die sich nicht länger von den mächtigen Bullies herumstubsen lassen wollen: "We are done being the world's doormat". Aber Hyrkania ist selbst eine Feudalgesellschaft mit einer landbesitzenden Aristokratie. Schon der Ältestenrat, dessen Mitglieder nichts eiligeres zu tun haben, als sich aus der Schusslinie zu bringen, gibt ja ein ziemlich jämmerliches Bild ab. Doch vor allem sitzt mit dem intriganten Fyodor ein Vertreter des Adels in Sonjas Kriegsrat. Und der versucht von Anfang an, ihre Position zu untergraben, wobei er sich vor allem bemüht, General Tiborius auf seine Seite zu ziehen. Allein schon die Tatsache, dass er sein Haupt vor irgendeiner dahergelaufenen Abenteuerin beugen soll, geht ihm massivst gegen den Strich. Und spätestens als einige von Sonjas drastischeren Maßnahmenn ganz unmittelbar den Besitz des Adels bedrohen, ist für ihn der Zeitpunkt gekommen, selbst nach der Krone zu greifen. Nicht etwa, um dem Krieg eine andere Richtung zu geben, sondern um schnellstmöglich zu kapitulieren und dabei wenn's geht noch einen Posten als Satrap herauszuschachern.

Allerdings lässt sich auch nicht behaupten, dass der Krieg besonders erfolgreich verlaufen würde. Zwar gelingt es Sonja mit ihren Guerillataktiken, dem Gegner einige empfindliche Schläge beizubringen, doch auf Dauer ist die zamoranische Kriegsmaschine einfach zu mächtig. Rückzug ist der einzig offene Weg. Schließlich sieht sich unsere Heldin sogar dazu gezwungen, zur Taktik der verbrannten Erde zu greifen, in der Hoffnung, die Invasoren auf diese Weise auszuhungern. Auch ist sie nicht vor Fehleinschätzungen und fragwürdigen Entscheidungen gefeit. In ihrer Verzweifelung wendet sie sich schließlich sogar hilfesuchend an die monströsen Magier von Wigur-Nomadine, denen sie Jahre zuvor schon einmal gegenübergetreten war. Eine Geschichte, die im Halloween - Special 2019 von Savage Tales erzählt wird, die man zum Verständnis ihrer zweiten Begegnung mit den Magiern und ihrer surrealen Traumwelt aber nicht unbedingt gelesen haben muss.
Den alles entscheidenden Schlag gegen Dragan kann Sonja am Ende erst ausführen, nachdem bereits alles verloren scheint und sie nur noch über eine Handvoll Getreuer verfügt. Das befreite Hyrkania aber ist ein verwüstetes Land, dessen dezimierte Bevölkerung einer Hungersnot gegenübersteht. Dies ist der Ausgangspunkt für den zweiten Teil der Serie, der im Februar dieses Jahres mit #13 startete.

Zum Abschluss noch eine Beobachtung, die mich besonders fasziniert hat: Sonja trägt in diesem ersten Teil der Serie durchgehend ihren klassischen Chainmail Bikini. Dennoch wirkt ihre Erscheinung nie sexualisiert. Von den meisten Coverillustrationen einmal abgesehen. Und das finde ich wirklich erstaunlich. Ich meine: Wie kann eine Figur in dieser Art von Kostümierung nicht sexualisiert wirken? Dafür gibt es meines Erachtens zwei Gründe.
Zuerst einmal führt Mark Russell unsere Heldin nie in eine Situation, in der sie im Erzähluniversum selbst als Sexobjekt betrachtet würde. So gibt es z.B. keine Szene, die dem folgenden, aus so vielen Red Sonja - Comics sattsam bekannten Szenario ähneln würde: Sonja kommt in eine Taverne, wird von irgendwelchen Mackern doof angemacht und lässt anschließend deren Köpfe rollen (oder haut sie zumindest k.o.). In #6 Temple of Ghosts bedrängt Dragan sie zwar, einer Eheschließung mit ihm zuzustimmen, doch ist es völlig klar, dass dabei romantische oder auch nur sexuelle Empfindungen keinerlei Rolle spielen. Der Imperator sieht in einer solchen Heirat bloß den besten Weg, einen unangenehm verlustreichen Feldzug zu einem raschen Ende zu bringen. Und das baldige Ableben seiner neuen Gattin ist dabei bereits fest eingeplant.
Sicher noch wichtiger ist aber, dass die beiden Zeichner Mirko Colak und Bob Q. unsere Heldin nie auf entsprechende Weise darstellen. Ihre Sonja ist nicht die "sexy Amazone".Vielmehr wirkt sie nicht selten hart und abgehärmt. Was ihrem Charakter in dieser Geschichte ja auch sehr viel besser entspricht.
Nun habe ich nicht per se etwas gegen die erotische Facette der Figur. Sie ist z.B. Teil des Runs von Gail Simone & Walter Geovani (2013-2015), den ich sehr schätze. Aber es ist auf jedenfall eine interessante Abwechselung, Red Sonja einmal ganz ohne sie zu sehen. Und gerade in dieser doch recht düsteren Erzählung von Krieg und Massenleid wirkt dies auch angemessen. 

Der zweite Teil der Serie ist noch nicht abgeschlossen. Die bislang veröffentlichten Hefte (#13-#18) bieten in motivischer Hinsicht zwar wenig wirklich neues, sind aber nichtsdestotrotz sehr lesenswert. Besprechen werde ich den Teil aber erst, wenn er in Gänze vorliegt.

Mark Russell hat vor einem Monat seine Zusammenarbeit mit Dynamite aufgekündigt, nachdem bekannt geworden war, dass der Verlag und sein CEO Nick Barrucci mit Vertretern der extrem rechten Comicsgate - "Bewegung" kooperiert hatten. Eine ganze Reihe von Künstler*innen zogen dieselbe Konsequenz. Diese Entscheidung ist natürlich sehr gut nachvollziehbar. Dennoch ist es bedauerlich, dass wir nach #24 keine weiteren Red Sonja - Arbeiten von Russell mehr zu sehen bekommen werden.



(1) Auch Mark Russells Version dieser Ereignisse ist glücklicherweise frei von den alten Zutaten Vergewaltigung, Göttererscheinung und "Keuschheits"schwur.

(2) Anders als in Robert E. Howards ursprünglichen Stories sind die Bewohner von Koth hier in der Mehrzahl Schwarze. Ganz allgemein haben sich die neueren Red Sonja - Comics erfreulicherweise ziemlich weit von den ethnischen Stereotypen des alten Hyborian Age entfernt. Selbst das Volk von Khitai besteht nicht länger aus klischeehaften "Chinesen".

Montag, 10. August 2020

Strandgut

Sonntag, 9. August 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Amazons!, hg. von Jessica Amanda Salmonson

Wie ich in früheren Beiträgen zu dieser Reihe anhand von C.L. Moores Jirel of Joiry und Robert E. Howards Red Sonya & Dark Agnes gezeigt habe, besaß die Sword & Sorcery beinahe von Anfang an ihre Heldinnen. Dennoch ist es natürlich richtig, dass das Genre bei seinem mächtigen Wiederaufleben in den späten 60er und den 70er Jahren lange Zeit sehr "männlich" daherkam. Schließlich dominierte L. Sprague de Camps & Lin Carters "Conan-Industrie" mit "Clonans" wie Carters Thongor, John Jakes' Brak und Gardner Fox' Kothar im Schlepptau sehr lange das Feld. 

De Camp & Carter scheinen keinen sonderlich hohen Respekt vor Howard und dem Genre gehabt zu haben, mit deren Ausschlachtung sie ihr Geld verdienten. Wie Joe Bonadonna und David C. Smith vor längerer Zeit einmal in einem Beitrag auf Black Gate erzählt haben:
In 1970, Joe wrote a letter to Lin Carter, who was then the editor of Ballantine Books’ Adult Fantasy Series. Joe asked how to go about submitting a Conan novel he had written.
Lin Carter was nice enough to reply quickly, telling Joe that only he and L. Sprague deCamp were licensed to write Conan stories.
He suggested, however, that Joe change the name of Conan to one of Joe’s own choosing and change any other names borrowed from Howard, then submit the novel to a publisher as his own original creation.
In other words, Joe was advised to write a Clonan novel.
Aus dieser Ecke waren keine unkoventionellen Neuerungen zu erwarten. De Camp & Carter hatten Howards Schöpfung auf einen simplistischen Stereotyp reduziert, den man nun nach Belieben kopieren konnte. Und wie der schwarze Sword & Sorcery - Autor Charles R. Saunders, der selbst ein großer Fan des Cimmeriers war, in seinem 1975 veröffentlichten Essay Die, Black Dog! sehr richtig kritisierte, übernahmen sie dabei gedankenlos die bigotten Aspekte der alten Stories:
Carter and de Camp [...] continue to practice good old-fashioned bigotry in their non-Conan endeavors. Though they have done a good job at ameliorating some of Howard's more blatant racism, their own efforts at sword-and-sorcery are throwbacks. This is doubly shameful, because both of these men are scholars, and should know better.
Und was für den Rassismus galt, galt selbstverständlich auch für den Sexismus.
Wie nicht anders zu erwarten, folgten die übrigen Clonans im Allgemeinen diesem Vorbild. (1) Sie waren es, die die Sword & Sorcery später bei so manchem in einen üblen Ruf brachten, auch wenn einige von ihnen sicher eine spaßig-trashige Lektüre abgeben.

Natürlich wäre es verfehlt, das gesamte Subgenre auf Kothar und seine Kumpels zu reduzieren. Schon vor dem großen Boom hatte es ja mit Fritz Leibers Fafhrd und dem Gray Mouser sowie Michael Moorcocks Elric vom simplen Barbarentypus abweichende Ansätze gegeben. Und auch die 70er Jahre brachten sehr viel mehr als bloß eine Flut von Clonans. Viel von dem entzieht sich zwar meiner persönlichen Kenntnis, weil es sich auf den Seiten von Fanzines und Magazinen wie Space & Time abspielte, aber es reicht einige bekanntere Namen wie Karl Edward Wagners Kane, Charles R. Saunders' Imaro oder auch Darrell Schweitzers Sir Julian the Apostate (2) zu nennen, um zu demonstrieren, dass die Sword & Sorcery der 70er deutlich vielgestaltiger war. Von Samuel R. Delanys Tales of Nevèrÿon mal ganz zu schweigen.

Weibliche Hauptfiguren blieben allerdings auch weiterhin eine Seltenheit. Natürlich gab es seit 1967 Joanna Russ' Alyx, aber diese hatte trotz ihres kurzen Gastauftritts in Fritz Leibers The Two Best Thieves in Lankhmar (1968) kaum unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung des Genres.
Mit einigem Recht ließe sich argumentieren, dass Marvels Red Sonja, die ihren ersten Auftritt 1973 in Nr. 23 von Conan the Barbarian hatte, für längere Zeit die bekannteste und populärste Sword & Sorcery - Heldin dieser Ära war. Und trotz Chainmail Bikini und aller übrigen etwas fragwürdigen Zutaten war sie keineswegs nur bei männlichen Adoleszierenden beliebt. Nicht wenige weibliche Fantasyfans sahen in ihr eine inspirierende Figur. (3)
Mitte der 70er Jahre erschienen dann bei Don und Elsie Wolheims DAW Books Tanith Lees Birthgrave (1975) und C.J. Cherryhs Gate of Ivrel (1976), die mit Karrakaz und Morgaine zwei weitere S & S - Heldinnen einführten, auch wenn Cherryhs Roman aus der Sicht des männlichen Kriegers Nhi Vanye i Chya erzählt wird. Freilich enthalten beide Bücher SciFi-Elemente und würden deshalb möglicherweise von Genre-Puristen ausgeschlossen werden. Doch in den 70ern waren die Grenzen zwischen den Genres noch sehr viel weniger verhärtet. Die Swordmen and Sorcerers' Guild of America, so was wie der Dachverband der Sword & Sorcery, nahm die beiden Schriftstellerinnen jedenfalls umgehend in ihre Reihen auf. Beide Romane wuchsen sich in der Folge zu Trilogien aus.

Trotzdem stellte das Erscheinen der von Jessica Amanda Salmonson zusammengestellten Anthologie Amazons!, gleichfalls bei DAW, 1979 noch einmal einen extrem wichtigen Meilenstein in der Entwicklung des Genres dar.     

Jessica Amanda Salmonson wurde am 6. Januar 1950 als Jesse Amos Salmonson in Seattle geboren. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in in einem Wanderzirkus ("Carnival"). Die Mutter war Schwertschluckerin, der Adoptivvater Feuerschlucker. Mit sieben landete sie zusammen mit ihrer älteren Schwester in einem Pflegeheim. Die nächsten Jahre müssen eine sehr düstere Erfahrung für Salmonson gewesen sein, auch wenn mir die Details nicht bekannt sind. Mit zwölf lief sie von dort weg und tauchte in der Hippie-Szene unter. Sie lebte in einer Reihe von "hippie group houses", bis sie schließlich ihren Vater wiederfand. Dessen zweite Ehefrau, die buddhistische Nonne Lek, beschrieb sie später als "the only decent adult in my childhood, otherwise I wouldn't have believed decent adults existed."      
Ab 1973 begann Salmonson – anfangs immer noch unter dem Namen Amos – das Literary Magazine of Fantasy and Terror herauszugeben, zu dem sie auch eine Reihe eigener Geschichten beisteuerte. Zur selben Zeit arbeitete sie im Sexual Minority Center von Seattle und startete ihre eigene Geschlechtsangleichung, über deren Verlauf sie sehr offen in ihrem Magazin berichtete. Ihr literarisches Leben spielte sich vorerst ganz in der Welt der Fanzines und Kleinverlage ab, die zu dieser Zeit eine große Blüte erlebten. Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten u.a. Wilum H. Pugmire (4), Joanna Russ und Phyllis Ann Karr. 1979 erschien mit The Black Crusader and Other Poems of Horror and Fantasy eine erste Sammlung ihrer Gedichte in extrem limitierter Auflage.

Amazons! war Jessica Amanda Salmonsons erste Arbeit für einen großen Verlag. Dabei genoss sie die tatkräftige Unterstützung von Joanna Russ. Sie setzte sich ein doppeltes Ziel mit der Zusammenstellung dieser Anthologie. Zum einen sollte sie dem herrschenden Mangel an echten Heldinnen in der Sword & Sorcery abhelfen. Zum anderen sollten die in ihr veröffentlichten Geschichten einen Beitrag zur literarischen Reifung des Genres leisten, das in ihren Augen weitgehend in den Klischees und Konventionen der Vergangenheit feststeckte:
Ich stelle hohe Ansprüche an die "Heroic Fantasy". Ich glaube z.B. nicht, dass es sich immer um diese hastig heruntergeschriebenen Nachahmungen handeln muss, deren Themen, Charaktere, Plots und sogar Illustrationen einander gleichen wie ein Ei dem anderen, und die alle nichts anderes sind als zweitklassige Variationen ein und des selben Themas. "Heroic Fantasy" hat sich einfach zu lange von den Klischees des Genres in den 30er bis 50er Jahren bestimmen lassen.
Das war wohl in erster Linie auf die Clonans gemünzt und in dieser Hinsicht sicher auch keine ganz falsche Einschätzung. Nicht zufällig bezieht sich Salmonson an einer Stelle direkt auf L. Sprague de Camps Definition der "Heroic Fantasy" aus dessen Vorwort zu der Anthologie Swords & Sorcery (1963) (5):
Eine sehr gängige Definition dieser Art von Fantasy-Literatur beschreibt sie als Geschichten aus Welten, in denen "Magie" funktioniert, die Helden mächtig sind und die Frauen schön. Etwas weniger romantisch betrachtet, könnte man es eher für den letzten Zufluchtsort einer in pubertären Träumen steckengebliebenen Männerphantasie halten
Wie sich hier schon sehr klar andeutet, besaß die Anthologie für Salmonson nicht nur literarische, sondern auch gesellschaftspolitische Relevanz. 

In ihrem Vorwort Unser Amazonisches Erbe (Our Amazon Heritage) zählt sie unzählige Beispiele für Kriegerinnen aus allen möglichen Epochen und Kulturen auf. Dabei spannt sie den Bogen von den Amazonen der griechischen Sage bis zu historischen Figuren wie Calamity Jane.
Interessanterweise erwähnt sie in diesem Zusammenhang auch "General Li Chen" (Li Zhen): Sie "war ein Kommandeur in Mao Tse Tungs Armee, nahm am sechstausend Meilen-Marsch teil und dirigierte sogar während ihrer Schwangerschaft Schlachten".
Nun haben Frauen in einer Vielzahl von Revolutions- und Widerstandsbewegungen mit der Waffe in der Hand gekämpft. Wenn Salmonson ausgerechnet die chinesische Generälin erwähnt, so wohl zum einen wegen ihres hohen Ranges, den sie allerdings erst sechs Jahre nach der maoistischen Machteroberung von 1949 erhielt. Zum anderen scheint sich mir darin aber auch der bedauernswert starke Einfluss widerzuspiegeln, den der Maoismus auf viele Radikalisierte der 60er und 70er Jahre ausübte, von rebellierenden Studenten und Intellektuellen bis zu Bewegungen wie den Black Panthers, den Young Lords oder den "Hillbilly"-Linken der Young Patriots. Und Amazons! muss ganz ohne Frage im Kontext der radikalen Strömungen jener Zeit gesehen werden. Es ist ja sicher kein Zufall, dass Salmonson ihren Essay mit der vietnamesischen Volksheldin Triệu Thị Trinh eröffnet.
Die Anthologie verdankt ihre Entstehung sehr deutlich dem sog. "Second Wave" Feminismus, der seinerseits Teil der Massenrebellionen der 60er/70er Jahre war. Dem Buch vorangestellt sind einige Verse der lesbischen, feministischen Dichterin und Aktivistin Melanie Kaye (Kantrowitz). Und Salmonson selbst schreibt in ihrem Vorwort:
Die Erzählungen in diesem Buch wollen selbstverständlich in erster Linie unterhalten. Aber die Tatsache, dass Frauen zum "Schwert" greifen, bedeutet in einer Gesellschaftsform wie der unseren, die von Männern geformt und regiert wird,einen Akt der Revolution, gleichgültig ob er in der Realität stattfindet oder nur in der Literatur zum Ausdruck kommt. In diesem Kontext ist Amazonen! keine eskapistische Fantasy, sondern hat einen unleugbar subversiven Charakter.
Aus heutiger Sicht wirkt eine Anthologie wie Amazons! vielleicht nicht mehr sonderlich revolutionär. Und ich habe wenigstens eine Bekannte, die die Meinung vertritt, dass der Typus der Amazone in Wahrheit vielleicht gar nicht so emanzipatorisch sei. Doch wenn man den Band im Kontext seiner Zeit betrachtet, ist schon nachvollziehbar, warum Salmonson ihn als politisches Statement verstand und glaubte, er könne "einen positiven Beitrag zur Kulturgeschichte in unserem Zeitalter der Veränderung und des Übergangs leisten". Und es verwundert nicht, dass sie in ihrem Vorwort das Motiv der Kriegerin mit der Idee urzeitlicher matriarchalischer Gesellschaften in Verbindung bringt, einer Vorstellung, die sich in den feministischen Kreisen der Zeit großer Beliebtheit erfreute.

Bevor wir uns nun mit den einzelnen Stories beschäftigen, muss ich allerdings noch darauf hinweisen, dass mir nur die deutschsprachige, 1981 bei Bastei Lübbe erschienene Fassung von Amazons! vorlag. Und Andrea Dorfmüllers Übersetzung ist leider streckenweise hundsmiserabel. Auch wird man sich bei der Lektüre des Bandes mehr als einmal fragen, ob er je durch irgendein Lektorat gegangen ist. Bei der Beurteilung der sprachlichen Qualität der Texte werde ich mich deshalb sehr zurückhalten. Nur wo deren Charakter auch in dieser verstümmelten Form noch gut zu erkennen war, werde ich darauf zu sprechen kommen. 

* The Dreamstone (Der Traumstein) von C. J. Cherryh: Die Autorin dürfte hauptsächlich für ihre Science Fiction - Werke bekannt sein. Eine vollständige Lektüre ihres Space Opera - Zyklus Chanur gehört immer noch zu meinen Lesezielen. Wie bereits erwähnt, war auch ihr erster großer Beitrag zur Sword & Sorcery, Gate of Ivrel, in ihrem Alliance-Union-Universum angesiedelt. The Dream Stone hingegen ist völlig frei von irgendwelchen SF-Elementen und scheint eher von keltischen Sagen und Mythen inspiriert zu sein.
Arafel, offenbar eine Art Sidhe, kehrt nach langer Zeit in die Welt der Menschen zurück, die von Angehörigen ihres Volkes nur noch selten besucht wird. Grund dafür ist der junge Harfner Fionn, der gerade dabei ist in die übel beleumundeten Tiefen des Eldwaldes zu fliehen – einst ein Reich der Feen, nun die Wohnstatt sehr viel finsterer Gestalten. Wie sich herausstellt wird Fionn von dem brutalen Feudalherren Ewald und seinen Knechten verfolgt, da er ein Spott- und Anklagelied auf diesen verfasst hat, das ihn bis in seine Träume verfolgt. Arafel, die Gefallen an dem jungen Mann und vor allem an seiner Musik findet, stellt sich Ewald entgegen. Und so kommt es zur Konfrontation zwischen Eisen und Gewalt und der schwindenden Welt der Magie.
Als Auftakt für die Anthologie scheint die Story eine ungewöhnliche Wahl, ist Arafel doch alles andere als eine archetypische Amazone. Aber mir hat vor allem der melancholische Hauch gefallen, von dem The Dreamstone durchzogen ist.

* Wolves of Nakesht (Die Wölfe von Nakesht) von Janrae Frank: Sehr viel klassischere Sword & Sorcery wird uns in der zweiten Story geboten. Die Kriegerin Chimquar ist eine exilierte Amazone, die lange Zeit als Mann verkleidet unter dem Nomadenvolk der Euzadi gelebt hat. Allerdings erhalten wir im Verlauf einer rasch fortschreitenden und actionreichen Handlung mit viel Blutvergießen und geifernden Werwölfen bloß hier und da ein paar Anspielungen auf diesen Hintergrund der Protagonistin. Was mitunter etwas irritierend wirken kann. Zumal Wolves of Nakesht mit Chimquars schließlicher Rückkehr in die alte Heimat in gewisser Weise den Abschluss ihrer Saga darstellt. Einer Saga, die wir als Lesende nicht kennen. 
Tatsächlich hat Janrae Frank eine ganze Reihe von Stories über Chimquar the Lionhawk geschrieben, und die Welt, in der sie lebt, später außerdem zum Schauplatz ganzer Zyklen selbstveröffentlichter High Fantasy - Romane gemacht. Glücklicherweise liegen diese Kurzgeschichten (+ eine Novelle) inzwischen in Form des Sammelbandes In the Darkness, Hunting vor, den ich baldmöglichst hier vorstellen will. Denn Chimquar ist sicher eine jener interessanteren Sword & Sorcery - Figuren, die während der Boomzeit der 70er geboren wurden, sich aufgrund der Wende zur tolkienesken High Fantasy in den 80ern aber nie voll entfalten konnten. Nicht zuletzt wegen dem, was Salmonson später als "her culturally intergendered nature" (7) bezeichnet hat.  

* Woman of the White Waste (Die Frau aus der Weißen Wüste) von T. J. Morgan: Die wilde Horde, die über das friedliche Dorf des Helden herfällt, dessen Volk abschlachtet und ihn damit gewaltsam aus seinem sozialen Umfeld reißt und mit der Startmotivation der Rache ausstattet, gehört zu den altbewährten Klischees der Sword & Sorcery. Und wenn der Held eine Heldin ist kommt leider oftmals auch noch eine Vergewaltigung hinzu. Man denke nur etwa an die "klassische" Hintergrundsgeschichte von Red Sonja, wie sie Roy Thomas in Day of the Sword erzählt hat.
T. J. Morgans Geschichte ist auf den ersten Blick bloß eine weitere Variation auf dieses Thema. Wenn ich es recht bedenke, sind die Parallelen zu Day of the Sword sogar verdächtig stark: Ellides Dorf wird von den kriegerischen Yarl überfallen. Wie die übrigen Frauen wird auch sie Teil der trunkenen Siegesfeier der Eroberer. Nach ihrer Vergewaltigung gelingt ihr die Flucht in die schneeverwehte Einöde. Dort begegnet sie der beinah vergessenen Göttin ihres Volkes, die sie mit ihrem Segen ausstattet und in eine tödliche Rächerin verwandelt.
Jessica Amanda Salmonson schreibt in ihren einführenden Bemerkungen: "Ich persönlich finde den Gedanken, dass man Frauen erst einmal vergewaltigen muss, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zur 'Kämpferin' vollziehen können, nicht gerade einnehmend." Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Wenn Woman of the White Waste dennoch einen gewissen Reiz für mich besitzt, dann aus zwei Gründen: Zum einen ist die Schilderung der blendend weißen Schneelandschaft, der Begegnung mit der eisbärengestaltigen Göttin und der Verwandlung in eine im wahrsten Sinne des Wortes "eiskalte" Kriegerin atmosphärisch ziemlich gelungen. Zum anderen fand ich es ganz interessant, dass die "hässliche" Ellide eine verachtete Außenseiterin in ihrem Volk ist und im Grunde keinerlei Verlangen verspürt, dessen Überlebende vom Joch der Yarls zu befreien. Selbst nachdem sie ihr Blutbad unter den Kriegern angerichtet hat, empfindet sie gegenüber dem kümmerlichen Überrest ihres Volkes bloß Verachtung und verschwindet am Ende kommentarlos in den menschenleeren Weiten der Schneewüste.
        
* The Death of Augusta (Der Tod der Augusta) von Emily Brontë: Die Existenz von Angria & Gondal, jener phantastischen Reiche, in denen die Brontë - Geschwister ihre Imagination wilde Abenteuer erleben ließen, wurde mir vor vielen Jahren durch einen (Radio)Essay von Arno Schmidt bekannt. Doch ich muss gestehen, dass ich bislang keinen der "Primärtexte" dieses Längeren Gedankenspiels gelesen hatte. Hier nun haben wir eine Handvoll Verse, bearbeitet und eingeleitet von Joanna Russ, aus Emily Brontës Gondal's Queen, in denen sich die junge Angelika an ihrer grausamen und mächtigen Mutter, der Königin Augusta, rächt. Leider nicht viel mehr als ein Appettihäppchen. Interessanterweise fehlt in der holländischen Ausgabe Amazones von 1982 dieser Text. Stattdessen wurde mit Een Spelletje Vlet (A Game of Vlet) eine der Alyx-Geschichten von Jonna Russ hinzugefügt. 

* Morien's Bitch (Moriens Hexe) von Janet Fox: Die kecke Diebin Riska ist eine meiner Favoritinnen unter den Heldinnen dieser Anthologie. Ihr Übermut bei nächtlichen Raubzügen in ein Feldlager führt zu ihrer Gefangennahme durch die Soldaten des Heerführers Morien, dessen Armee die auf einer schroffen Anhöhe gelegene Festung Ultebre belagert. Doch es braucht mehr als die Androhung von Folter, um Riskas Selbstbewusstsein zu brechen. Geschickt spielt sie einige der Offiziere gegeneinander aus und nutzt ihr Wissen um ein Labyrinth von Gängen, die nach Utebre führen, als Verhandlungsgut, um erst ihre Freiheit, dann sogar einen Posten an Moriens Seite zu ergattern. Nach der erfolgreichen Einnahme der Festung muss sie allerdings schon bald feststellen, dass "die Verbündeten, die im Krieg nützlich sind", einem im Frieden sehr schnell lästig werden können. Doch auf Dauer wäre ein Leben in Palästen ohnehin nicht nach ihrem Geschmack gewesen. 
Zu schade, dass Janet Fox' Stories um die Kriegerin Jacquerel, die in den 80ern in Space & Time, Weirdbook und Orion's Child erschienen, nie gesammelt wurden. Ich würde gerne mehr Sword & Sorcery von dieser Autorin lesen.

* Agbewe's Sword (Agbewes Schwert) von Charles R. Saunders: Seit 1974 erschienen erst in Gene Days' Fanzine Dark Fantasy, dann auch in anderen Publikationen Saunders' Geschichten über den "schwarzen Conan" Imaro und seine Abenteuer in dem phantastischen Afrika Nyumbani. Sie bildeten den Beginn der sog. Sword & Soul. Mit Agbewe's Sword betrat Saunders' zweite große Schöpfung die Bühne – die Kriegerin Dossouye. Als historisches Vorbild dienten ihm dabei die Mino, die sog. Amazonen des westafrikanischen Königreiches Dahomey.
In gewisser Hinsicht erscheint Dossouye hier als eine typische "Auserwählte". Nachdem sie einen prophetischen Traum erhalten hat, macht sie sich im Auftrag des Leopardenkönigs auf, um das magische Schwert der legendären Heroin Agbewe zu finden. Denn nur diese Waffe kann den gbo eines feindlichen Zauberers bezwingen und so die Invasion Abomeys durch die Ashanti stoppen.
Tatsächlich jedoch führt ihre Queste Dossouye am Ende ins Exil. Verantwortlich dafür ist nicht allein die Rachsucht der Akpadume (~ Generälin) Nyima, sondern auch das Misstrauen des Königs, der in dieser "Auserwählten" eine potenzielle Gefahr für seinen Thron sieht, die man nach getaner Arbeit besser rasch beseitigen sollte. Zutiefst erschüttert in ihren religiösen Überzeugungen, aber zugleich erfüllt mit einem neuen Selbstbewusstsein, verlässt Dossouye am Ende ihre Heimat. 
Es ist diese interessante Wendung, die den Startpunkt für die späteren Abenteuer der Kriegerin bildet, kombiniert mit dem "afrikanischen" Setting, die Agbewe's Sword zu einer faszinierenden Lektüre macht. 

* Jaine Saint's Travails (Die Fahrten der Jane Saint) von Josephine Saxton: In ihren einleitenden Notizen vergleicht Salmonson diese Geschichte mit dem Werk der surrealistischen Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington. Und surreal ist die Story der britischen Autorin ganz ohne Frage. Auch habe ich an dieser Stelle am stärksten bedauert, nicht das englischsprachige Original vor Augen zu haben. Der Eintrag über Josephine Saxton in der SF Encyclopedia beschreibt ihre frühen Romane so:
Each of these books presents narratives whose outcomes are more readable as allegories of their protagonists' moral fates than of any physical journey, though the image of what might be called the bollixed quest is central to her work. These journeys are described [...] in a register of perilous ambivalence, half Inner Space, half mutable and frustrating external world.
Ähnlich ließe sich wohl auch Jaine Saint's Travails beschreiben. Zu Beginn der Erzählung wird die Protagonistin zum Tod durch Ertränken verurteilt. Stattdessen findet sie sich in einer eigenartigen Anderswelt wieder. Sie glaubt, den Auftrag zu haben, das mysteriöse "Buch der Ehre" finden zu müssen. Gleichzeitig scheint sie auf der Suche nach ihren Töchtern zu sein, die von ihr getrennt wurden. In einem alten Turm trifft sie ein exzentrisches, ältliches Alchimistenpaar, das mit Hilfe ihres Blutes den freundlich-dämonischen Homunkulus Zilp kreiert. Dann tauchen inmitten der Ödnis, die den Turm umgibt, eine Reihe verführerischer männlicher Gestalten auf, die sich jedoch als bloße Trugbilder erweisen. Schließlich kehrt sie gewandelt in die "Realität" zurück:
Sie verstand zwar jetzt von den meisten Dingen weniger als je zuvor, aber in ihr war ein großes Vertrauen auf die Zukunft, und diese Hoffnung wollte sie nähren.
Es ist klar, dass sich die Story um Themen weiblicher Emanzipation und der Befreiung von "romantischen" und einengenden Ideen oder Illusionen dreht. Manches ist dabei sehr klar, anderes bleibt ziemlich verschwommen. Aber das gehört nun einmal zum Charakter derartiger Erzählungen. Auf jedenfall ist Jaine Saint's Travail ganz sicher das beste Beispiel für Jessica Amanda Salmonsons Versuch, die Grenzen der Heroic Fantasy auch literarisch-stilistisch zu erweitern.      

* The Sorrow of Witches (Die Tränen einer Hexe) von Margaret St. Clair: Die Karriere dieser Genreveteranin hatte in der zweiten Hälfte der 40er Jahre in Pulps wie Startling Stories, Thrilling Wonder Stories und Weird Tales begonnen. Sie war eine der erfolgreichsten SF-Autorinnen der 50er Jahre, von der nicht nur zahlreiche Kurzgeschichten in den Magazinen, sondern auch mehrere Romane im Rahmen der Ace Doubles erschienen. The Sorrow of Witches war eine ihrer letzten veröffentlichten Stories.
Die stolze Hexenkönign Morganor ist es gewohnt, dass sich alle ihrem Willen beugen. Als der Gesandte Llwdres ihre Gunstbezeugungen verschmäht, lässt sie sich zu Handlungen hinreißen, die ungewollt seinen Tod herbeiführen. Sie gibt einen Großteil ihrer magischen Kräfte auf, um ihn ins Leben zurückzurufen. Und tatsächlich können die beiden eine gewisse Zeit gemeinsamen Glücks genießen, bis Politik, Krieg und männliche Eifersucht das Idyll zerstören.
Ich mochte den tragischen Tonfall der Geschichte, die wie eine Erzählung aus längst vergangenen Zeiten vorgetragen wird. 

* Falcon Blood (Falkenblut) von Andre Norton: Nortons Beitrag spielt im Witch World - Universum, das seit 1963 den Hintergrund für viele ihrer Romane abgegeben hatte. 
Nachdem sie gemeinsam Schiffbruch erlitten haben, müssen sich die Seefahrerin Tanree und der Söldner Rivery zusammentun, wenn sie überleben wollen. Dabei prallen äußerst untrerschiedliche Kulturen aufeinander. Tanree entstammt der egalitären Gesellschaft der Sulcar, Rivery ist ein Vertreter des extrem chauvinistisch-patriarchalen Falkenvolkes.    

* The Rape-Patrol (Rape-Patrol) von Michele Belling: Wenn Jaine Saint's Travails in meinen Augen ein gelungenes Beispiel dafür darstellt, wie man die Grenzen des Genres erweitern kann, wirkt The Rape-Patrol leider eher wie ein merkwürdiger Fremdkörper im Gesamtgefüge der Anthologie. 
Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Frauen, die Vergewaltiger jagen und "exekutieren". Das übernatürliche Element, das nur ganz am Ende auftaucht und keine wirklich wichtige Rolle für die Handlung spielt, wirkt beliebig und ziemlich überflüssig. Ob der fast beiläufige Tonfall, in dem die Geschichte erzählt wird, auf Lesende verstörend wirken und damit Zweifel an den Aktionen der Heldinnen wecken soll, die für sich in Anspruch nehmen, die Rollen von Judge, Jury & Executioner spielen zu dürfen, bleibt zweifelhaft. Ich fürchte, dass das eher nicht in der Absicht der Autorin lag. The Rape-Patrol ist im Grunde eine "feministische" Vigilante-Geschichte. Und ich halte alle Arten von Vigilante-Stories für äußerst fragwürdig. Selbst dann, wenn sie, wie man in diesem Fall wohl annehmen darf, Ausdruck von nur zu berechtigter Wut und Frustration über schreiende soziale Ungerechtigkeiten sind.

 * Bones for Dulath (In der Grube) von Megan Lindholm: Mit dieser Geschichte präsentierte die Autorin, vielleicht besser bekannt unter ihrem Pseudonym Robin Hobb, erstmals ein Abenteuer von Ki und Vandien, die in den 80er Jahren zu den Protagonisten einer ganzen Roman-Tetralogie werden sollten. Da ich diese Bücher nicht gelesen habe, betrachte ich Bones for Dulath völlig losgelöst von allem, was später gekommen ist. Und ich muss sagen, auch als Standalone hat sie mir ziemlich gut gefallen. Ich mag Geschichten, in denen eine Frau und ein Mann gute Freunde und Kameraden sein können, ohne deshalb irgendwann miteinander ins Bett steigen zu müssen. Außerdem hat mir der leicht pikareske Anstrich gefallen. Man bekommt sehr deutlich das Gefühl vermittelt, dass dies nur eines der vielen Abenteuer ist, die Ki und Vandien auf ihren Wanderungen erlebt haben, ohne dass die Geschichte deshalb irgendwie unvollständig wirken würde. 

* Northern Chess (Schach dem Bösen) von Tanith Lee: Mag Andrea Dorfmüllers Übersetzung über weite Strecken auch eher suboptimal sein, hier ist es ihr zumindest teilweise gelungen, den für Tanith Lee so typischen poetischen Zauber der Sprache einzufangen. Man nehme bloß einen Satz wie diesen: "In diesem Land waren traurige Lieder und trübe Erinnerungen zu Hause, und des nachts geisterten Albträume und Halluzinationen darüber hin."
In einem öden und beinah menschenleeren Landstrich stößt die umherwandernde Kriegerin Jaisel auf einen Trupp von Rittern, die die verzauberte Festung eines verstorbenen Schwarzmagiers belagern. Über der Burg liegt ein schützender Fluch, der alle Attacken schnell in blutige Katastrophen verwandelt. Selbstbewusst und spottlustig wie sie ist, legt sich Jaisel schon bald mit den chauvinstischen Gesellen an, für die eine Frau in Rüstung boß eine "Hure" oder eine Widernatürlichkeit sein kann. Doch als einer der Ritter aus verletztem Ehrgefühl zum Angriff auf die Festung reitet und auf Nimmerwiedersehn in ihr verschwindet, zwingt Jaisels Gewissen sie dazu, gleichfalls in das Gemäuer einzudringen. Die Geschichte endet mit einer netten, wenn auch vielleicht nicht unbedingt originellen Wendung. Ich sag bloß: Eowyn ...   

* The Woman Who Loved The Moon (Die Frau, die den Mond liebte) von Elizabeth A. Lynn: Diese Geschichte, mit der die Anthologie abschließt, bildet für mich zugleich ihren Höhepunkt. 
Im folkloristisch anmutenden Stil einer alten Volkssage erzählt Elizabeth A. Lynn die Geschichte der drei kriegerischen Talvela-Schwestern, deren Schönheit die Eifersucht des Mondes weckt. In Gestalt der geheimnisvollen Sedi fordert dieser die jüngeren Schwestern Alin und Tei zum Duell auf und tötet sie in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Die älteste Schwester Kai macht sich daraufhin auf eine lange und beschwerliche Reise, die sie schließlich zum östlichen Ozean führt, unter dessen Wogen der Palast des Mondes liegt. Hier trifft sie erneut auf Sedi. Die beiden kämpfen miteinander, doch als Kai schließlich die Oberhand gewinnt, tötet sie ihre Kontrahentin nicht etwa. Vielmehr wird den beiden in diesem Moment klar, dass sie einander lieben. Kai und Sedi verbringen eine lange und glückliche Zeit miteinander in der Anderswelt des Mondpalastes, während in der Welt der Menschen die Jahre und Jahrzehnte dahinfließen. Als Kai schließlich doch in ihre Heimat zurückkehren will, findet sie dort nur noch zwei Menschen aus ihrer Vergangenheit vor: Ihre dem Tode nahe Mutter und einen greisen Flötenspieler, der einst der jugendliche Page der drei Schwestern war. Zwar trifft sie sich auch später noch in Vollmondnächten mit ihrer unsterblichen Geliebten, doch die Geisterwesen sind wankelmütige Kreaturen und so bleibt der ersehnte Besuch eines Nachts plötzlich aus, woraufhin Kai rasch altert und stirbt. Doch erzählt man sich, dass ihr Geist in späterer Zeit oftmals auf dem Schlachtfeld erschienen sei, um den Klan der Talvela gegen seine Feinde zu unterstützen. 
The Woman Who Loved The Moon besitzt den Zauber eines echten Volksmärchens und beweist zugleich die sichere Hand einer großen Schriftstellerin. Für mich ein kleiner Klassiker der Fantasyliteratur, der mich außerdem daran erinnert hat, dass ich mich auf diesem Blog unbedingt noch einmal mit Elizabeth A. Lynns Chroniken von Tornor beschäftigen muss. Trotz all der aktuellen Diversitäts-Debatten scheint mir Lynn eine ziemlich in Vergessenheit geratene Autorin zu sein. Ein Schicksal, das sie auf gar keinen Fall verdient hat.
  
Amazons! hatte ohne Zweifel einen bleibenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Sword & Sorcery. Jessica Amanda Salmonson selbst veröffentlichte drei Jahre später den Folgeband Amazons II, doch auch unabhängig davon tauchten im Genre schon bald sehr viel häufiger Heldinnen aller möglichen Couleur auf – kriegerische Amazonen, mächtige Zauberinnen, umhervagabundierende Glücksritterinnen, trickreiche Diebinnen. Als Marion Zimmer Bradley 1984 den ersten Band ihrer Sword & Sorceress - Anthologien herausgab, erwähnte sie in ihrem Vorwort eigenartigerweise nicht die Pionierarbeit von Salmonson, sondern erweckte den Eindruck, die Sword & Sorcery werde auch weiterhin fast ausschließlich von männlichen Schlagetots des Clonan-Typs bevölkert. Doch in Wirklichkeit hatte die Wende schon sehr viel früher begonnen und Amazons! hatte dabei eine zentrale Rolle gespielt.
 




(1) Ganz zu schweigen von John Normans Gor - Büchern. Aber deren Existenz versuchen wir auf diesem Blog so weit es geht zu ignorieren.

(2) Mit dem habe ich mich vor Zeiten hier einmal etwas eingehender beschäftigt.

(3) Um ein Beispiel zu nennen: Comics-Künstlerin Wendy Pini (Elfquest), war in den 70ern in der Szene als eine begeisterte Red Sonja - Cosplayerin bekannt. In Nr. 23 von Savage Sword of Conan (Oktober 1977) wurde nicht nur eine Sonja - Zeichnung von ihr abgedruckt, sondern auch ein neckisches kleines Gedicht, dessen letzte Strophen recht deutlich zum Ausdruck bringen, worin für sie und viele andere weibliche Fans die Anziehungskraft von Red Sonja bestand:
I can out-fight, out-drink
And out-swear any man --
Including that arrogant ass
CONAN!


So step up, bold warriors,
When Red Sonja calls --
And match steel against steel,
If you've got the -------! 
(4) Über Pugmires Leben und Werk habe ich vor einem halben Jahr mal einen längeren Artikel veröffentlicht.

(6) "'Heroic fantasy' is the name of a class of stories laid, not in the world as it is or was or will be, but as it ought to have been to make a good story. The tales collected under this name are adventure-fantasies, laid in imaginary prehistoric or medieval worlds, when (it's fun to imagine) all men were mighty, all women were beautiful, all problems were simple, and all life was adventurous." Für weitere Infos siehe hier.

(7) Zit. nach: Janrae Frank: In the Darkness, Hunting: Tales of Chimquar the Lionhawk. S. 10.