"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 16. Juni 2019

Strandgut

Sonntag, 2. Juni 2019

Strandgut

Montag, 27. Mai 2019

Genre Hopping mit Wonder Woman

Schuld an diesem Blogpost ist der gute James Sullivan. Der hatte mich nämlich vor einiger Zeit via Twitter dazu aufgefordert, mich im Zuge meiner andauernden Beschäftigung mit der Sword & Sorcery irgendwann einmal auch einem Wonder Woman - Comic aus dem Jahre 1972 zuzuwenden, der nicht nur Fritz Leibers zwielichtige Helden Fafhrd und den Gray Mouser in das D.C.-Universum einführte, sondern auch von niemand anderem geschrieben worden îst als dem großartigen Samuel R. Delany. Aber wie so oft in ähnlich gelagerten Fällen, führte mich die Lektüre des besagten Heftes Nr. 202 Fangs of Fire sogleich auf Recherche-Abwege. Zusammen mit dem gleichfalls von Delany verfassten "Special Women's Lib Issue" Nr. 203 bildet dieser Comic nämlich das Ende einer recht eigenartigen Phase in der Geschichte von Wonder Woman, als Diana Prince für einige Jahre keine übermenschlichen Kräfte mehr besaß.
Eigentlich habe ich es ja nicht so mit Superheldinnen und -helden, aber vielleicht fand ich gerade deshalb die Existenz dieser "Depowered"-Phase irgendwie faszinierend. Wie dem auch sei, jedenfalls hatte ich schon bald das Gefühl, ich sollte mich zuerst einmal durch diese ganze Ära (#178; Oktober 1968 bis #203; Dezember 1972) lesen, bevor ich etwas zu Chip Delanys bizarrem Beitrag schreiben würde, in dem Wonder Woman nach Nehwon reist. Und das habe ich dann auch getan. Ich kann nicht behaupten, dass ich es wirklich genossen hätte, aber interessant war diese Erfahrung schon.

Mein Wissen über die Geschichte des amerikanischen Comics ist ziemlich bescheiden, aber die landläufige Ansicht ist bekanntlich die, dass Marvel in den 60er Jahren unter der Ägide von Stan Lee und Jack Kirby eine Art Revolution im Superhelden-Genre lostrat. Ihre kostümierten Heroen waren nicht mehr ganz so eindimensional, hatten mit real-menschlichen Problemen zu ringen und lebten in einer Welt, die der ihrer Leserschaft sehr viel näher war als das klassische Metropolis oder Gotham. Diese Annäherung an die Lebenswirklichkeit der jugendlichen Fans schlug sich sehr bald auch in den Verkaufszahlen nieder. Und irgendwann kapierten die Oberen bei D.C., dass sie demselben Pfad folgen mussten, wenn sie sich gegenüber dem Rivalen behaupten wollten. Das bekannteste Beispiel für den Versuch, ihren Superhelden-Stories "gesellschaftliche Relevanz" zu verleihen und dem rebellischen Zeitgeist der Ära anzunähern, war Neal Adams' und Denny O'Neils Version von Green Lantern und Green Arrow in den frühen 70er Jahren:
O'Neil and Adams' 14 "Green Lantern/Green Arrow" stories were spread across 13 issues of "Green Lantern" and -- once "GL" had been cancelled with April-May 1972's issue #89 -- three issues of "The Flash." Besides the evil landlord of #76, they involved exploited laborers (#77), cults (#78), Native American land rights (#79), judicial abuses (#80), overpopulation (#81), consumerism (#84), drug addiction (#85-86), race relations (#87), activism in general (#87), and environmental concerns (#89).
Die Entscheidung, Wonder Woman ihrer übermenschlichen Kräfte zu berauben und die Figur quasi neu zu erfinden, muss in demselben Kontext gesehen werden. Interessanterweise hatte auch dabei Autor Denny O'Neil eine Rolle gespielt. Er war es gewesen, der gleich zu Beginn des "sanften Reboots" Wonder Womans alten Lover Steve Trevor über die Klinge springen ließ, um Diana Prince von dem ganzen Romance-Kram zu befreien, in dem ihre Stories allmählich zu versumpfen gedroht hatten. Die eigentliche treibende Kraft hinter der Wende war jedoch der Zeichner Mike Sekowsky, der ab dem fünften Heft (#182; Juni 1969) dann die alleinige Verantwortung für die Abenteuer der "New Wonder Woman" übernahm und diese in der Folge auch selbst schrieb. Sekowsky Motive waren nicht die schlechtesten. Er wollte aus der unbesiegbaren Halbgöttin eine selbstbewusste und intelligente junge Frau machen, die im realen Amerika ihrer Zeit lebt und sich auch ohne magische Hilfsmittel oder Superkräfte allen Gefahren und Herausforderungen gewachsen zeigt. Als Vorbild schwebte ihm dabei Diana Riggs Emma Peel aus The Avengers vor. Leider jedoch erreichte seine Diana Prince nie auch nur ansatzweise die Coolness und den Charme der unübertrefflichen Mrs. Peel. Vielmehr zeigte sich recht schnell, dass Sekowsky mit der größtenteils von ihm selbst geschaffenen Figur scheinbar nichts rechtes anzufangen wusste. Immer wieder bekommt man zu lesen, die neue "Wonder Woman" sei eine Art "superspy" oder "secret agent" gewesen, doch diese Charakterisierung trifft in Wirklichkeit nur auf eine Handvoll der Hefte zu. Was die etwa vierjährige Ära vor allem auszeichnet, ist vor allem das wüste Genre Hopping, das schon bald wie der verzweifelte {und letztlich erfolglose} Versuch wirkt, einen angemessenen Ton für die Figur zu finden.
      
Doch beginnen wir am Anfang. Unglücklicherweise fiel Sekowsky und O'Neil kein besserer Grund dafür ein, warum Wonder Woman auf ihre übernatürlichen Kräfte verzichtet, als ihre Liebe zu Steve Trevor. Als sie von ihrer Mutter Hippolyta vor die Wahl gestellt wird, entweder zusammen mit dem Amazonenvolk in eine andere Dimension überzusiedeln oder als "schwache" Frau in der "Man's World" zurückzubleiben, entscheidet sie sich für letzteres, um ihren öffentlich zum Verräter êrklärten Offiziers-Lover zu retten und seine Reputation reinzuwaschen. Gleichzeitig kappt sie ihre bisherigen Verbindungen zur US-Armee. Dass ihr Bemühen, Steve zu helfen, auf falschen Voraussetzungen basiert und es ihr nicht einmal gelingt, dessen Ermordung zu verhindern, verleiht der Story allerdings eine nett fiese Wendung.
Die Halbherzigkeit des Versuchs, Wonder Woman in die "reale" Welt zu überführen, zeigt sich sehr schnell in #179 Wonder Woman's Last Battle Part II, wenn Diana Prince durch die Lower East Side von New York schlendert und bei sich denkt: "For the first timein my life I'm faced with practical problems like finding a place to live, and earning money for food ..." Tatsächlich nämlich besitzt die Ex-Superheldin offensichtlich genug Geld, um sich ein nettes Appartment zu mieten und eine schicke Modeboutique zu eröffnen! Na ja, immerhin lebt sie nun in einem Umfeld, dass nicht mehr ganz so abgehoben wirkt wie die Sphären, in denen sie sich bislang bewegte.
Als Ausgleich für den Verlust ihrer amazonischen Superkräfte erlernt Diana in Heft #179 ein weites Spektrum asiatischer Kampfkünste und nebenbei auch ein bisschen Yoga. Hier wird das Vorbild Emma Peel am deutlichsten, und es macht durchaus Spaß, ihr im Laufe der Serie dabei zuzuschauen, wie sie reihenweise männlicher Schlägertypen elegant aufs Kreuz legt oder k.o. schlägt. Interessanterweise war aber gerade dies einer der Aspekte der "neuen" Wonder Woman, die später die Kritik der bekannten bürgerlichen Feministin Gloria Steinem auf sich zog.* Der gefiel es offenbar nicht, dass Diana Prince den Männern nicht länger "von Natur aus" überlegen war, ihre Fähigkeiten erst erlernen musste und dabei auch noch einen männlichen Lehrmeister hatte. Persönlich finde ich es ja sehr viel beeindruckender, wenn man sich etwas mühselig erarbeiten muss, anstatt es auf magische Weise "verliehen" zu bekommen. Allerdings hätte auch ich es ansprechender gefunden, wenn Diana von einer Frau trainiert worden wäre. Der blinde Chinese I-Ching ist als stereotyper "weiser Asiate", der nicht bloß das letzte überlebende Mitglied eines mystischen Geheimordens aus dem Himalaya ist, sondern auch stets einen glückskeksmäßigen "Weisheitsspruch" {und wenn nötig auch mal eine alte Zauberformel} parat hat, ohnehin eine der fragwürdigsten Zutaten der Serie.

Die ersten fünf Hefte (#178 bis #182) bilden eine relativ klare Einheit, die auch der oft genannten "Superspy" - Thematik am nähesten kommt. Die Story erinnert allerdings mehr an James Bond als an The Avengers. Sieht man davon ab, dass sie eine Frau ist, entspricht Dr. Cyber ganz dem Klischee eines Bondbösewichts, inklusive eines unterseeischen Hauptquartiers, Scharen von Hench(wo)men und größenwahnsinnigen Welteroberungsplänen, die sie natürlich nur zu gerne in grandiosen Monologen darlegt. Mit dem irischen Exkriminellen Raphael besitzt Diana sogar eine Art "Q", der technische Gadgets für sie bastelt.
Doch schon mit #183 Return to Paradise Island beginnt das wilde Genre Hopping. Der alte Kriegsgott Mars will in unsere Welt zurückkehren, um hier erneut sein blutiges Zepter zu schwingen. Doch seine Tochter Hippolyta weigert sich, ihm das Geheimnis der Dimensionentore zu verraten, die es den Amazonen erlauben, zwischen den Welten hin und her zu wechseln. Zur Strafe versetzt er sie in einen alptraumerfüllten Todesschlaf. Um ihre Mutter zu retten und die Pläne ihres göttlichen Großvaters zu durchkreuzen, reist Diana nach Paradise Island und übernimmt das Kommando über die Amazonen. Doch auf Dauer werden selbst die mutigen Kriegerinnen nicht gegen die monströsen Horden standhalten können, die Mars gegen sie in die Schlacht wirft. Schließlich beschließt Diana, die mythischen Heroen der Vergangenheit um Hilfe anzugehen. Sie begibt sich nach Camelot {kein Witz!}, doch all die Siegfrieds, Lancelots und Rolands haben längst die Nase voll davon, immer wieder für die Menschheit in die Bresche springen zu müssen, und weisen ihr Begehren brüsk zurück. Nur Brunhilde und ihre Walküren sind bereit, den Amazonen beizustehen. Ich muss zugeben, dieser sich über zwei Hefte erstreckende mythisch-epische Fantasyquark hat mir durchaus Spaß gemacht, und die des Heroismus müde gewordenen Helden waren eine neckische Überraschung.
In der Folge verirrt sich unsere Heldin u.a. in eine Kalte Kriegs - Story (#189 Red for Death); ein mehrteiliges Abenteuer, das auf einer Art John Carter of Mars - Note anhebt, um dann gewisse Sword & Sorcery - Züge anzunehmen (#190 Detour bis #192 Assault on Skull Castle); eine Gespenstergeschichte (#195 The House That Wasn't) und sogar eine Variante auf The Prisoner of Zenda (#194 The Prisoner). Zwischendurch taucht auch Doctor Cyber noch einmal auf (#187 Earthquaker & #188 Cyber's Revenge), wobei zugleich I-Chings Tochter Lu-Shan als eine neue Gegenspielerin eingeführt wird {leider erfahren wir nie, was genau es mit dem Tod ihrer Mutter auf sich hat, für den sie ihren Vater verantwortlich macht}.
All das liest sich zwar mehr oder minder amüsant, hinterlässt aber doch den Eindruck, dass Mike Sekowsky ein wirkliches Problem damit hatte, adäquate Geschichten für seine Heldin zu finden und deshalb wild herumprobierte. Und das Ziel, Wonder Woman zu einer etwas lebensnäheren Figur zu machen und stärker in der realen Welt zu verankern, hat er ganz sicher weitgehend verfehlt. Gerade die Hefte, die am ehesten versuchen, Aspekte der gesellschaftlichen Realität der Zeit aufzugreifen, hinterlassen größtenteils einen eher üblen Nachgeschmack. Denn es wird dabei nur zu deutlich, dass Counterculture und Jugendrevolte auf Sekowsky bedrohlich und unheimlich gewirkt haben müssen.
Schon im allerersten Heft #178 werden wir mit einem Haufen zwielichtiger Hippies und Biker konfrontiert, die zwar nicht die eigentlichen Bösewichter der Geschichte  sind, aber doch keinen besonders anziehenden Eindruck hinterlassen. Im weiteren Verlauf der Serie treten solche Gestalten allerdings beinah ausschließlich als Statisten auf, die wohl für ein etwas authentischeres Flair sorgen sollen. Mit zwei großen Ausnahmen, den Heften #185 Them! und #186 Morgana the Witch. Im letzteren beschwört eine Gruppe von Jugendlichen bei einer nicht ganz ernst gemeinten okkulten Zeremonie Morgan le Fays Tochter herauf, die nicht nur flugs einen unglücklichen Kerl in einen Frosch verwandelt, sondern sich allsogleich daran macht, allgemeines Chaos in New York zu stiften. Unter ihrem Einfluss kommt es schon bald zu wilden Parties auf den Straßen, Bankangestellte verteilen den Inhalt ihrer Tresore unter der Menge, ausgestopfte Tiere erwachen wieder zum Leben. Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass dieses Pandämonium Sekowskys Eindruck der Counterculture widerspiegelt. Da wirkt es erst recht etwas verstörend, wenn I-Ching Morganas Geisteszustand so beschreibt: "Modern psychiatry would probably diagnose [her] as a manic-depressive". Sind all diese wildgewordenen Langhaarigen am Ende also vielleicht geisteskrank? Noch unheimlicher geht es in Them! zu. Die jugendliche Ausreißerin Cathy fällt in die Klauen von drei ebenso sadistischen wie exzentrischen Hippie-Ladies, das das Mädchen zu ihrer "Sklavin" machen {inklusive Hundehalsband und so}. Zusammen mit dem aufrechten Nachbarsjungen Tony Petrucci gibt Diana dem "freaked out trio of female weirdos" und ihrer Gang Saures. Natürlich traut sich die Story nicht, in explizit sexuelle Regionen vorzustoßen, aber der Unterton ist doch ziemlich eindeutig. Und ich kann mir nicht verkneifen, an dieser Stelle daran zu erinnern, dass William Moulton Marstons ursprüngliches Konzept von Wonder Woman selbst ein starkes Bondage-Element enthalten hatte ... Dem guten Tony begegnen wir in Heft #193 Angela wieder, wo wir nicht nur erfahren, dass er ein Vietnamveteran ist, sondern ihn auch in vollem Vigilante-Modus erleben dürfen. Diesmal geht es zwar nicht gegen irgendwelche perversen Hippies, sondern gegen einen ehemaligen Kriegskameraden und Drogendealer {wobei Diana das schlimmste gerade noch rechtzeitig verhindern kann}, aber am Ende steht folgender Wortwechsel: "But after reading the papers, I wonder if we're fighting a losing battle?" "Win or lose, Tony We are going to continue fighting it." Dieses Bild eines allgemeinen gesellschaftlichen Verfalls, gegen den aufrechte Individuen einen beinah hoffnungslos erscheinenden Kampf führen, weckte zumindest bei mir Assoziationen zum in den beginnenden 70er Jahren äußerst populär werdenden ultrareaktionären Genre der Vigilante-Stories à la Don Pendletons The Executioner oder Richard Sapirs & Warren Murphys The Destroyer. Auch wenn Sekowskys Geschichte sich letztenendes natürlich gegen solche individuellen Gewaltakte ausspricht. Am offensten politisch wird es in #196 Target for Today?, dessen Eröffnungsszene eindeutig Assoziationen zum Kennedy-Attentat von 1963 wachrufen soll. In der Story selbst geht es zwar um den Botschafter des fiktiven und absurd benamsten Kleinstaats "Koronia", und an einer Stelle zitiert Diana sogar Max Smarts Catchphrase "It's the old ... trick" aus Mel Brooks' und Buck Henrys satirischer Agentenserie Get Smart, doch politische Morde waren zu diesem Zeitpunkt ein sehr ernstes und brandaktuelles Thema. Schließlich war es gerade einmal drei Jahre her, seit Martin Luther King, Jr. und Robert Kennedy Attentaten zum Opfer gefallen waren. Sekowsky freilich geht es in erster Linie darum, jede Form revolutionärer Gewalt zu verdammen. Gleich zu Beginn spricht er von "today's world, where there are so many who believe in the jolting, smashing crunch of a bullet as a solution to everything". Könnte das eine Anspielung auf Mao Zedongs berühmten Ausspruch "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen" sein, der von vielen Radikalen der Zeit gern zitiert wurde? Die politische Botschaft wird noch eindeutiger, wenn später in der Geschichte von "revolutionaries" die Rede ist, "who would change the world with a bullet or a bomb instead of a ballot! ... Yes, that is all they offer us bombs or bullets no plan for a better world."     

Der "offiziellen" Version der Geschichte zufolge war es Gloria Steinems Kritik in Ms., welche das Schicksal der "neuen" Wonder Woman besiegelte. Mein Eindruck ist jedoch, dass sich das Ende bereits ab Herbst 1971 immer deutlicher abzuzeichnen begann. In #196 (Oktober 1971) wurden als Bonusmaterial William Moulton Marstons klassische Wonder Woman - Origin Story sowie eine bislang unveröffentlichte Geschichte seines Kollaborateurs  H.G. Peter abgedruckt. Dem folgten in #199 (April 1972) und #200 (Juni 1972) zwei weitere Stories aus dem Golden Age über Wonder Girl und Mer-Boy. Scheinbar hatte man bei D.C. das Gefühl, es existiere eine nicht geringe nostalgische Sehnsucht nach der klassischen Figur, der man irgendwie nachkommen musste. Derweil bestanden #197 und #198 aus simplen Reprints früherer New Wonder Woman - Geschichten. Als nach dieser Quasi-Pause Denny O'Neil als Texter und Dick Giordano als Zeichner die Serie übernahmen, kam damit auch kein wirklich frischer Wind in die Sache. Vielmehr wirkt die Wiederauferstehung von Doctor Cyber in #200 ein bisschen wie eine Verzweiflungstat. Dabei hatte der Beginn der Geschichte in #199 potentiell sogar recht interessant geklungen, wenn Diana sich eher widerwillig als Leibwächterin für eine Art Hugh Hefner - Stand-In anheuern lässt, der fürchtet von irgendwelchen Fanatikern ermordet zu werden, die ihn für "the symbol for all that's wrong with America" halten. 

Man könnte also durchaus argumentieren, dass die Serie bereits im Sterben lag, als Samuel R. Delany schließlich den Auftrag erhielt, für sie zu schreiben.
Delany hatte Denny O'Neil 1967 kennengelernt und war begeistert von der Wende, die dieser zusammen mit Neal Adams bei D.C. eingeleitet hatte:
I grew up on E.C. and D.C. I  missed the superhero renaissance. But once we hit the middle sixties and the explosion of D.C.'s "relevant comics", of which Denny and Neal Adams were both the cutting edge and the popular front, I got enthusiastic all over again
Das "New Wonder Woman" - Experiment hielt er jedoch für weitgehend misslungen:
Mainly that was because the people they had writing it just didn't have much of a feel for the women's movement. Short of getting a woman writer for the series who did (Don't ask me why they didn't put some energy in that direction!), nobody could come up with anything. So at one point I said to Denny: "I think I have more sense of this thing. Why don't you let me do a couple?"**
Als Delany seine Chance dann tatsächlich bekam {die zugleich seine erste Arbeit als Comictexter war}, konnte er freilich nicht sofort seine eigenen Ideen umsetzen, sondern musste zuerst einmal die von O'Neil in #201 The Fist of Flame begonnene Geschichte zu Ende bringen. Und so entstand Wonder Womans bizarres Nehwon-Abenteuer Fangs of Fire, das der Ausgangspunkt für diesen Blogpost war.
In Fist of Fire war Dianas Kumpel Johnny Double von I-Chings böser Tochter Lu-Shan entführt worden. Um ihn auszulösen, hatten sich unsere Heldin und ihr blinder Freund und Lehrer nach Tibet begeben, wo es einen mystischen Riesenrubin aus einem Kloster zu entwenden galt. Nach einigem Rumgeprügel mit recht unfreundlichen Mönchen, war dann plötzlich auch noch Catwoman auf der Bühne erschienen, die es gleichfalls auf die "Feuerfaust" abgesehen hatte. Nach einigem hin und her waren die drei mitsamt dem Rubin durch eine Art Dimensionenstrudel gestolpert, um sich zuguterletzt einem rothaarigen Barbarenkrieger und einem kleinen Gauner in Grau gegenüberzusehen ...
Der Hauptzweck von Fangs of Fire war natürlich, Fritz Leibers Helden in das D.C.-Universum einzuführen. Das Heft schließt denn auch mit der Ankündigung: "Mighty Fafhrd and his cat-swift companion the Gray Mouser will return in their own magazine SWORDS AGAINST SORCERY! Coming soon ... Watch for it!" Irgendwer  bei D.C. war offenbar der Meinung, die Sword & Sorcery sei der nächste richtig große Hit im Comicgeschäft.
Den ersten S&S-Comic hatte es übrigens bereits 1950 gegeben, als niemand anderer als Gardner F. Fox, der später solche "literarischen" Clonans wie Krothar (1969/70) und Krylik (1975/76) kreieren sollte, seinen nicht gerade originell benamsten Crom the Barbarian auf den Seiten von Out of this World und Strange Worlds in drei Abenteuern sein mächtiges Schwert Skull-cracker schwingen ließ. Danach war es freilich für längere Zeit im {US-amerikanischen} Comic still um die Sword & Sorcery geworden. Erst das Wiederwachen der literarischen S&S gegen Ende der 60er Jahre lenkte auch die Aufmerksamkeit der Leute bei D.C. und Marvel auf das Genre. Einen ersten Versuch in dieser Richtung hatte D.C. bereits 1969 mit Nightmaster unternommen, dessen Abenteuer pompös als "A Saga of Sword and Sorcery" angekündigt worden waren. Allerdings hatte sich die Figur nur für wenige Monate auf den Seiten von Showcase halten können. Man darf wohl annehmen, dass es der ab 1970 bei Marvel erscheinende Conan the Barbarian gewesen ist, der D.C. dazu brachte, es noch einmal zu versuchen. Hatte sich der nach anfänglichem Schwächeln doch schon bald zu einem großen Erfolg entwickelt. Und was lag da näher, als sich bei dem nach Howard zweitbekanntesten Autor des Genres zu bedienen? Und so veröffentlichte man von März bis Dezember 1973 unter dem Titel Sword of Sorcery Comicadaptionen der Leiber-Stories The Price of Pain Ease, Thieves' House, Cloud of Hate und The Sunken Land. Der Erfolg scheint erneut keine längere Serie gerechtfertigt zu haben. Erst zwei Jahre später kam es dann mit Titeln wie Claw the Unconquered, Warlord, Beowulf und Stalker zu einer Art Sword & Sorcery - Explosion bei D.C.      
Warum man sich für die Einführung von Fafhrd und dem Gray Mouser ausgerechnet eine Wonder Woman - Story ausgesucht hatte? Who knows? Jedenfalls dürfte das erklären, warum Fangs of Fire selbst in der ohnehin schon recht wunderlichen Welt von "New" Wonder Woman als besonders bizarr auffällt.
Die Story beginnt selbstredend mit einer ordentlichen Rauferei, wobei sich schnell die Paare Catwoman - Mouser {passt sehr gut, finde ich, nicht nur wegen des Katzenmotivs} und Diana - Fafhrd finden. Doch schließlich rafft man sich zusammen, denn wie sich herausstellt, waren die beiden Halunken gerade auf dem Weg, einen riesigen Edelstein aus der Festung des Magiers Gawron zu entwenden, bei dem es sich um den mystischen Gegenpol zur "Feuerfaust" handelt. Mit den beiden zusammen könnte man ein stabiles Tor zwischen Nehwon und unserer Welt öffnen! Und genau das war Lu-Shans Plan, wie Diana in einer okkulten Vision zu erspähen vermag. Der finstere Gawron verfolgt scheinbar ein ähnliches Ziel, denn ganz wie Lu-Shan hat auch er eine "Dimensional Energy Transfer Matrix Machine" {was für ein Name!} gebaut. Der Weg zurück in unsere Dimension führt also offensichtlich durch die Festung des bösen Magiers. Und auch wenn nicht so ganz klar ist, warum Fafhrd und der Mouser sich dem Unternehmen anschließen, schleicht man sich schon bald gemeinsam an die Tore von Gowrans unterirdischem Domizil heran. Ein paar Kämpfe und interdimensionale Shenanigans später befinden sich unsere Heldinnen & Helden wieder auf der Erde, Johnny Double ist befreit, Lu-Shan in Nehwon gestrandet. Nach kurzer Bekanntschaft mit New Yorks abgasverpesteter Luft entscheiden sich Fafhrd und der Gray Mouser allerdings sehr schnell, in ihre alte Heimat zurückzukehren, was ihnen auch umgehend-unerklärlicher Weise gelingt. THE END.
Ich sag ja, bizarr ...

Damit bliebe dann nur noch der allerletzte "New" Wonder Woman - Comic: #203 (Dezember 1972) The Grandee Caper. Wie schon anfangs erwähnt, wird dieses Heft auf dem Cover als "Special Women's Lib Issue"gekennzeichnet. Tatsächlich jedoch ist es bloß der erste Teil einer längeren Story, die Chip Delany geplant hatte. Und eines der Dinge, die einem an dem Comic sofort auffallen, ist, dass sich unter der bislang verdächtig weißgewaschenen Einwohnerschaft der Lower East Side mit einem mal eine ganze Reihe schwarzer Frauen und Männer befinden...
Auf ihrem Weg durch die abendlichen Straßen von New York wird Diana von einer Horde Männern aggressiv angemacht. ("Diana Prince has a problem this night! And how many women get by without having to deal with this dilemma?") Plötzlich taucht ihre junge Freundin Cathy (aus #185 Them!) auf, und versucht ihre neu erlernten Karatekünste an den Mackern aus. Den Löwenanteil an der folgenden Prügelei muss natürlich Diana selbst bestreiten. Cathy ist seit ihrem letzten Auftritt in der Serie eine kämpferische Feministin geworden und befand sich gerade auf dem Heimweg von ihrem "Women's Lib Meeting". Diana reagiert etwas irritiert auf den politischen Aktivismus ihrer Freundin, doch da sie in Fist of Fire ihre Boutique und in der Folge auch ihr Appartment verloren hat, sagt sie natürlich nicht "nein", als Cathy sie einlädt, vorerst bei ihr zu wohnen. Als ihr am nächsten Tag der Kaufhaus- und Textilien-Mogul Grandee ein luxuriöses Penthouse und $1000 pro Woche anbietet, wenn sie bereit wäre, als Verkörperung der "new liberated woman" seine Produkte zu bewerben, ist Diana nicht abgeneigt, auf diesen Deal einzugehen. Doch dann berichtet ihr Cathy von den finsteren Machenschaften des Großkapitalisten, die ihre Women's Lib - Gruppe ans Licht gebracht hat: "Grandee's female sales help are getting a quarter an hour below the legal minimum wage."  -- "There's a law that says it's illegal to pay men and women different wages for the same job." – "Grandee's doesn't have any salesmen." – "You can't pay less than minimum wages except in businesses not involving interstate commerces!" – "He's only selling cheap locally-made clothing from the downtown sweatshops." Diana sträubt sich zwar immer noch ein wenig gegen Cathys Feminismus, ist aber bereit, die Freundin zur nächsten Versammlung ihrer Gruppe zu begleiten. Und als dort ein von Grandee angeheuerter Schlägertrupp auftaucht, hilft sie nicht nur tatkräftig beim Vermöbeln der Jungs, sondern ist nun auch endlich davon überzeugt,dass man aktiv gegen den Kerl vorgehen muss. In einer nächtlichen Kommandoaktion befreien Diana und die Feminstinnen die von Grandees Handlangern entführte Cathy und überführen den verbrecherischen Kaufhaus-Mogul.

Heute hätte eine vergleichbare Geschichte vielleicht mit diesem Triumph geendet. Nicht so bei Chip Delany! Während die Feministinnen ihren Sieg feiern, strömt plötzlich eine Gruppe von schwarzen Arbeiterinnen & Arbeitern in die Versammlung: "We accuse your Women's Liberation Group of putting 250 women out of work – who would have had jobs at Grandee's  department store!"

Mit dieser Szene endet die Geschichte. Und unglücklicherweise sollte sie nie eine Fortsetzung erhalten. In Heft #204 verwandelte sich Diana Prince wieder in die Superheldin im Stars & Stripes - Kostüm, und für ernstzunehmende soziale oder ökonomische Fragen war fürderhin kein Platz mehr. Delanys Antwort auf das am Ende seines einzigen wirklichen Wonder Woman - Comics aufgeworfene Dilemma wäre vermutlich eine mehr oder weniger sozialistische gewesen. Das lässt zumindest folgende Bemerkung aus einem 1979 geführten Interview vermuten:
D.C. used a chance comment Gloria Steinem dropped while being shown through the National offices to throw out all of Wonder Woman’s concerns for women’s real, social problems. Instead of a believable woman, working with other women, fighting corrupt department store moguls and crusading for food cooperatives against supermarket monopolies  – as she’d been doing in my scripts  – she got back all her super powers ... and went off to battle the Green Meanies from Mars who were Threatening the Earth’s Very Survival. ... I wasn’t interested in that. So I pulled out.** 
Die von Delany geplante sechsteilige Story hätte im Kampf um eine von Ärztinnen geleitete Abtreibungsklinik enden sollen. Das entsprechende Heft wäre nur einige Monate nach dem Urteilsspruch des Obersten Gerichtshofs im Fall Roe vs Wade vom Januar 1973 erschienen.
I came up with a six-issue story arc, each with a different villain: the first was a corrupt department store owner; the second was the head of a supermarket chain who tries to squash a women's food co-operative. Another villain was a college advisor who really felt a woman's place was in the home and who assumed if you were a bright woman, then something was probably wrong with you psychologically, and so forth. It worked up to a gang of male thugs trying to squash an abortion clinic staffed by women surgeons. And Wonder Woman was going to do battle with each of these and triumph.***
Es sollte  nicht sein.



* Die Spezifizierung "bürgerlich" ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr wichtig, denn nicht wenige Vertreterinnen der damaligen Frauenbewegung verbanden ihren Kampf mit der weiteren Perspektive einer Überwindung des Kapitalismus. Nicht so Gloria Steinem. Sie war nie etwas anderes als eine ziemlich typische Kalte Kriegs - Liberale, treu ergeben dem kapitalistischen System und dem US-Imperialismus. In den 50ern/60ern hatte sie sogar als Informantin für die CIA gearbeitet, was sie später mit diesem absurden Sprüchlein rechtfertigte: "In my experience [the CIA] was completely different from its image; it was liberal, nonviolent and honorable."
** Interview mit Gary Groth. In: Samuel R. Delany: Silent Interviews. On Language, Race, Sex, Science Fiction, and Some Comics. S. 88f.
*** Zit. nach: Ann Matsuuchi: Wonder Woman Wears Pants: Wonder Woman, Feminism and the 1972 "Women's Lib" Issue. S. 119.

Mittwoch, 22. Mai 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E02: "Powerplay"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Vom Regen in die Traufe. Nachdem Avon und Dayna am Ende von Aftermath von Bordcomputer Zen auf die Liberator teleportiert wurden, müssen sie feststellen, dass das Schiff in der Zwischenzeit von einem Trupp Föderationssoldaten geentert wurde. Allerdings ist es diesen bislang nicht gelungen, die Steuerung zu übernehmen, und sie sind vorerst gezwungen, tatenlos mit anzusehen, wie Zen die Suche nach den übrigen Mitgliedern der Crew fortsetzt und dabei einem von Vila abgesetzten Signal folgt. Auch herrscht eine offensichtlich angespannte Atmosphäre zwischen dem brutalen Section Leader Klegg (Michael Sheard) und dem arroganten Captain Del Tarrant (Steven Pacey), der die Liberator zwar erst nach Kleggs Männern erreicht hat, aber über den höheren Rang verfügt. Avon versucht um jeden Preis, seine Identität geheim zu halten, was ihm mit der {unwissentlichen?} Hilfe Tarrants auch gelingt. Dennoch landen er und Dayna zuerst einmal in einer Zelle. Doch das hält ihn selbstverständlich nicht davon ab, sogleich mit der Rückeroberung der Liberator zu beginnen, die er in gewohnter Arroganz bereits für sein "Eigentum" hält: "This is my ship." Die Situation wird etwas verworrener, als die Leichen einiger Föderationssoldaten auftauchen, für deren gewaltsames Ableben nicht unser Heldenpaar verantwortlich ist.
Derweil glaubt sich der in einem Dschungel abgestürzte Vila von Scharen blutrünstiger Barbaren umzingelt. Doch als die "Wilden" Lom (John Hollis) und Mall (Michael Crane) tatsächlich auftauchen, erweisen sie sich als erstaunlich freundlich und hilfsbereit. Allerdings bestätigen sie zugleich, dass sich in diesen Wäldern in der Tat Leute herumtreiben, die es zu fürchten gilt: Die hoch technisierten "Jäger", die nur zu erpicht darauf sind, sich eine fette Prämie zu verdienen. 
Vila: You mean they get paid for killing you? 
Lom: Killing? No, it is far worse than that.
Klingt reichlich ominös, doch bevor Vila genaueres in Erfahrung bringen kann, kommt es auch schon zu einer Attacke der "Jäger". Und als diese sich als zwei attraktive Frauen -- Zee (Primi Townsend) und Barr (Julia Vidler) -- entpuppen, vergisst unser sympathisch feige Dieb sehr schnell alles, was man ihm erzählt hat. Dabei wirkt deren Begründung für die Jagd nicht wirklich beruhigender:
Zee: We try to catch the primitives so they can be taken back to a more civilized way of life, so they can be of use to the whole community.
Offenbar spalteten sich die Kolonisten auf dem Planeten Changa vor langer Zeit in zwei Gruppen, von denen die eine weiterhin auf die Segnungen der "High Tech" - Zivilisation setzte, während die andere sich gänzlich von ihr abwandte, um ein einfaches, naturverbundenes Leben in den Wäldern zu führen.
Cally ist in der Zwischenzeit von einem Hospital-Schiff aufgelesen worden, dass  ebenfalls von dem Planeten Changa kommt, und dessen Besatzung sich auf scheinbar selbstloseste Weise um allerlei Kriegsversehrte kümmert. Wie der Zufall es will, entpuppt sich die letzte Gestrandete, die an Bord genommen wird, bevor man den Heimflug antritt, ausgerechnet als Servalan. Allerdings hat die Oberste Befehlshaberin mit ihrer arrogant vorgetragenen Forderung, umgehend zum Captain des Schiffes gebracht zu werden, um Kontakt mit der Föderation {oder ihren Resten} aufnehmen zu können, vorerst keinen Erfolg. Und so ist Callys Lage zwar sicher etwas heikel, aber nicht unmittelbar bedrohlich.

Die größte Schwäche von Powerplay ist, dass die Episode einfach zu viele Geschichten zu erzählen versucht. Offenbar wollte man den Rest der Gang möglichst schnell wieder zusammenführen, um in den üblichen episodischen Erzählrhythmus zurückfallen zu können, dabei wäre es sicher sinnvoller gewesen, den Ereignissen auf der Liberator und den Abenteuern von Cally und Vila je eine eigene Folge zu widmen.
Vor allem die letzteren hätten deutlich mehr Raum gebraucht, um sich voll entfalten zu können. Und die bloß skizzenhaft entworfene Gesellschaftsstruktur Changas hätte sicher genug interessanten Stoff für eine etwas eingehendere Beschäftigung hergegeben. Ich hätte zum Beispiel sehr gerne noch etwas mehr Zeit mit Lom und Mall, den beiden "Wilden", verbracht, um deren Kultur etwas näher kennenzulernen. Selbst wenn die vermutlich bloß aus irgendwelchen Öko-Pseudo-Indianer-Klischees bestanden hätte. Glücklicherweise besitzt die Story wenigstens eine so wunderhübsch makabre finale Wendung, dass sie selbst in ihrer unterentwickelten Gestalt noch ihren Reiz besitzt. Die Bewohner Changas sind nämlich keineswegs selbstlose Samariter, wenn sie die Verletzten der intergalaktischen Schlacht einsammeln, wieder aufpäppeln und zu ihrem Planeten bringen. Wenn die Jägerinnen von "use to the whole community" reden, dann verbirgt sich dahinter, dass die Körper der von ihnen geretteten {ganz wie die der gefangenen "Wilden"} als lebendige Organbanken genutzt und alsbald ausgeweidet werden sollen!
Für den weiteren Verlauf der Serie sind die Ereignisse auf der Liberator allerdings von weitaus größerer Bedeutung. Denn der vermeintliche Föderationsoffizier Del Tarrant entpuppt sich nach einigem hin und her als Söldner und Schmuggler, der sich am Ende mit Avon und Dayna zusammen tut, um mit Klegg und seinen Jungs fertigzuwerden.
I've been on the Federation wanted list for quite a while. I had my own ship. I was running contraband, getting myself mixed up in other people's wars -- you know the sort of thing.
Über den Charakter dieses zweiten Neuzugangs für die Liberator - Crew verrät uns die Episode freilich noch nicht sehr viel. Sein ursprünglicher Plan, Kleggs Männer einen nach dem anderen abzumurksen, lässt jedoch auf ein gehöriges Maß an Kaltblütigkeit schließen. Er ist sicher kein idealistischer Ersatz-Blake, auch wenn Steven Pacey dank seines Lockenkopfes eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit Gareth Thomas besitzt.   

Sonntag, 19. Mai 2019

Zombies im feudalen Korea

Ich beschäftige mich auf diesem Blog ja eigentlich nie mit aktuellen Filmen oder Fernsehserien, schon allein weil ich so gut wie keinen Zugang zu ihnen besitze. Doch als ich vor kurzem meinem guten Kumpel Molo einen Besuch abstattete, hatte ich die Gelegenheit, einmal ganz hemmungslos im Angebot einiger Streaming-Anbieter herumzustöbern. Und so ergab es sich, dass ich den Gutteil eines verregneten Samstagnachmittags mit einer Serie verbrachte, auf die ich zuvor bereits durch einige Bemerkungen von Black Dog's Lee Medcalf aufmerksam geworden war: Der sechsteiligen ersten Staffel von Kim Seong-huns in Südkorea für Netflix produzierten Zombie-Show Kingdom. Ich habe es nicht bereut.

Einmal mehr sind es die Koreaner, die nach Yeon Sang-hos Train to Busan (2016) erneut beweisen, dass man dem Genre selbst nach Jahren inflationärer Überflutung des Marktes mit unzähligen Filmen, Büchern, Comics und Videospielen sowie neun Staffeln The Walking Dead immer noch etwas interessantes abgewinnen kann. Die Lebenden Toten als Vehikel für Gesellschaftskritik zu benutzen, ist für sich genommen natürlich alles andere als neu. Dieses Element findet sich schließlich mehr oder weniger deutlich ausgeprägt bereits in George A. Romeros ursprünglicher Trilogie Night of the Living Dead (1968), Dawn of the Dead (1978) und Day of the Dead (1985). Und auch wenn die meisten Vertreter der ersten großen Zombiewelle dem Schöpfer des Genres hierin wohl eher nicht folgten, was ja selbst für unbestrittene Klassiker wie Lucio Fulcis Zombi 2 (1979) gilt, gab es doch auch damals schon Filme wie Jörge Graus Non si deve profanare il sonno dei morti / The Living Dead at the Manchester Morgue (1974). Dies allein macht also nicht die Originalität von Kim Seong-huns auf einem Webcomic von Kim Eun-hee & Yang Kyung-il basierenden TV-Serie aus. Aber es ist ein sehr wichtiger Bestandteil dessen, was mich an ihr so stark angesprochen hat.

Das erste, was an Kingdom hervorsticht, ist das historische und kulturelle Setting. Alle mir bekannten Zombieflicks spielen in der Gegenwart oder nahen Zukunft, hier hingegen ist die Geschichte im Korea der Joseon-Dynastie an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert angesiedelt. Und das ist mehr als ein exotischer Hintergrund. Der Ausbruch einer Zombieepidemie wird aufs engste verwoben mit den Machtkämpfen innerhalb der feudalen Elite des Landes, wobei ein scharfes Licht auf die barbarische Grausamkeit dieser Klassengesellschaft fällt.

Die japanischen Invasionen von 1592 und 1596 sind zwar erfolgreich zurückgeschlagen worden, doch das Reich befindet sich trotzdem in einer tiefen Krise. Insbesondere in den südlichen Provinzen leidet die einfache Bevölkerung unter Seuchen und heftigen Hungersnöten. Derweil versucht der Haewon-Cho-Klan, dessen Aufstieg scheinbar von den Kriegswirren begünstigt wurde, die Macht vollständig an sich zu reißen. Dem ebenso intriganten wie rücksichtslosen Erzkanzler Cho Hak-ju (Ryu Seung-ryong) ist es gelungen, seine Tochter (Kim Hye-jun) mit dem König zu verheiraten. Wie die Serie sehr deutlich zeigt, sieht er in ihr bloß ein Werkzeug seiner eigenen Ambitionen, das er bedenkenlos opfern würde, wenn sie ihm nicht länger dienlich wäre oder es wagen sollte, unabhängige Entscheidungen zu fällen. Während Angehörige und Gefolgsleute des Haewon-Cho-Klans nach und nach auf alle einflussreichen Posten im Staat aufrücken, formiert sich  Opposition um eine Gruppe anderer Aristokraten und die Führungsriege des konfuzianischen Gelehrtenstandes.
Kronprinz Yi-Chang (Ju Ji-hoon) spielt eine zentrale Rolle in diesen Machtkämpfen. Da seine Mutter bloß eine der vielen Konkubinen des Königs war, wuchs er als Außenseiter in der höfischen Gesellschaft des Palastes von Hanyang (heute Seoul) auf. Nur sein Lehrmeister Fürst Ahn Hyeon (Heo Joon-ho) erwies sich ihm gegenüber als väterlicher Freund. Doch da er der einzige Sohn des Königs ist, steht ihm dennoch die Thronfolge zu. Dies ändert sich, als die junge Königin schwanger wird. Sollte sie einen Sohn gebären, würde Yi-Chang nicht bloß den Thron, sondern vermutlich auch sein Leben verlieren. Als der König aufgrund einer mysteriösen Krankheit {offiziell heißt es die Pocken} nicht länger in der Öffentlichkeit auftaucht, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Würde er vor der Geburt seines zweiten Kindes sterben, könnte der Prinz ganz legitim den Thron besteigen. Kein Wunder, dass in den Kreisen der Opposition schon bald das Gerücht umgeht, der Monarch sei bereits tot und sein Ableben werde von Cho Hak-ju geheim gehalten, um die engültige Machtübernahme durch den Haewon-Cho-Klan sicherzustellen. Aus den Reihen des Gelehrtenstandes erklingt bereits der Ruf nach einem Staatsstreich, worauf der Erzkanzler mit brutalem Terror antwortet.
Yi-Chang zögert zuerst noch. Doch als er bei einem letzten Versuch, gegen den ausdrücklichen Befehl der Königin zu seinem Vater vorzudringen, im nächtlichen Palast der schattenhaften Gestalt eines bestialisch anmutenden Monsters begegnet, beschließt er, sich in den Süden des Reiches aufzumachen, um den Arzt Lee Seong-hui aufzusuchen, der den König vor kurzem behandelt hat. Begleitet wird er nur von seinem Leibwächter Muyeong (Kim Sang-ho), der nicht gerade begeistert davon ist, seine hochschwangere Frau in der Hauptstadt zurückzulassen. Der Erzkanzler stellt die "Flucht" des Prinzen als Beweis für eine Verschwörung hin, erklärt den Prinzen zum Verräter und jagt ihm einen Trupp Palastwachen unter Führung seines Sohnes Cho Beom-il (Jung Suk-won) hinterher.
Als Yi-Chang und Muyeong das Hospital Jiyulheon erreichen, stoßen sie dort auf die Spuren eines gewaltigen Massakers. So zumindest interpretieren sie es anfangs. Doch kaum versinkt die Sonne hinter dem Horizont, erwachen die zahllossen, inzwischen in die Provinzstadt Dongnae gebrachten Leichen zu untotem Leben und stürzen sich voll Heißhunger auf Menschenfleisch auf die wehrlose Bevölkerung. Zusammen mit der Heilkundigen Seo-bi (Bae Doona) und dem ehemaligen Soldaten Yeong-shin (Kim Seong-kyu), den letzten Überlebenden von Jiyulheon, sehen sich die beiden schon bald zwischen einer ausgewachsenen Zombieapokalypse im Süden und der von Cho Hak-ju mobilisierten Armee im Norden.

Wer jetzt denkt, das klinge mehr nach einer eingeschrumpften koreanischen Version von Game of Thrones als nach einer waschechten Zombiestory, der sei beruhigt. Die sechs Episoden haben genug Gore und "Gut Munching" zu bieten, um Fans des Genres zufriedenzustellen. Aber darüberhinaus halt noch sehr viel mehr. Und damit meine ich nicht bloß die atemberaubend schönen Landschaften.

Nicht zufällig vergehen in Episode #1 gut vierzig Minuten, bevor wir die ersten echten Zombies zu sehen bekommen. Kim Seong-hun nimmt sich Zeit, seine Figuren, ihre Beziehungen untereinander und den Charakter der Gesellschaft, in der sie leben, zu etablieren, bevor er die Hölle losbrechen lässt.
So könnte man z.B. spontan annehmen, Muyeong sei der archetypische "treue Diener", doch es zeigt sich sehr schnell, dass die Beziehung zwischen ihm und dem Prinzen deutlich komplexer ist. Offenbar ist er bereits seit Yi-Changs Kindheit für dessen Sicherheit verantwortlich, und es exisitiert ein starkes emotionales Band zwischen den beiden. Das ändert jedoch nichts an Standesunterschied und Machtgefälle. Der Prinz erzwingt Muyeongs Mithilfe, indem er ihm droht, andernfalls einige "Vergehen" des Wächters bekannt zu machen, die zwar völlig unbedeutend klingen {"Diebstahl" eines Desserts}, aber vermutlich ziemlich drastische Strafen nach sich ziehen würden. Wie ernst es ihm damit ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Es  macht ihm großen Spaß, Muyeong immer wieder damit zu drohen, seine Familie auszulöschen.  Der Prinz hält das für einen grandiosen Witz, doch der Leibwächter  kann daran nichts amüsantes finden. Schließlich haben die Aristokraten tatsächlich die Macht, solche Drohungen wahr zu machen, und bedienen sich dieser auch recht gerne.     
Kleine Details und Dialogfetzen beleuchten immer wieder sehr eindringlich die Unmenschlichkeit einer Gesellschaft, in der die einfachen Leute völlig der Willkür ihrer adeligen Herren ausgeliefert sind. Da spielt z.B. eine Gruppe von Kindern mit einem Korbball. Aus Versehen treffen sie dabei den in der Nähe stehenden Kronprinzen. Zutiefst verängstigt wiederholen sie immer wieder: "Wir verdienen es nicht, am Leben zu bleiben. Wir verdienen es nicht, am Leben zu bleiben." Dies scheint die formelle Entschuldigung gegenüber Ranghöreren zu sein! Schon kleine Kinder haben die grausame Wahrheit verinnerlicht, dass ihr Leben in den Augen der Adeligen ohne Wert ist!

Anders als klassische Romero-Zombies sind die Lebenden Toten in Kingdom nur nachts aktiv {so scheint es zumindest}. Tagsüber kehren sie in ihren natürlichen Zustand als Leichen zurück. Das vernünftigste wäre es darum, die Körper einfach zu zerstören, solange die Sonne am Himmel steht. Doch dem steht das ständische Denken entgegen. Die selbst der Grundbesitzerelite der Yangban angehörenden Beamten wären zwar durchaus bereit, die Leichen von Bauern zu verbrennen, doch es erscheint ihnen völlig undenkbar, die sterblichen Überreste von Aristokraten auf diese Weise zu entehren. Die beste Chance, die Epidemie frühzeitig einzudämmen, geht damit verloren.

Aber die Feudalordnung steht nicht nur der Bekämpfung der Zombiebedrohung im Weg, sie ist selbst auf mehrfache Weise mit ihrem Ausbruch verknüpft.
Wenn sich Yi-Chang und Muyeong dem Hospital von Jiyulheon nähern, fällt ihnen die unnatürliche Stille in den umgebenden Wäldern auf. Ein klassisches Horrormotiv, das jedoch später in der Serie eine höchst ungewöhnliche und keineswegs übernatürliche Erklärung findet. Die Hungersnot, unter der die Südprovinzen leiden, ist so gewaltig, dass die einfache Bevölkerung alles aufgegessen hat, dessen sie habhaft werden konnte, bis hinunter zu den Insekten! 
Die Patienten von Jiyulheon sind gleichfalls Opfer dieser Hungersnot, und als die versprochene Reislieferung der Zentralregierung nicht eintrifft, beschließt Yeong-shin schließlich, eine menschliche Leiche zu Suppe für seine Mitleidenden zu verarbeiten. Gegenüber der völlig geschockten Seo-bi erklärt er, dass Kannibalismus im Süden schon lange nichts mehr ungewöhnliches sei. Andernfalls wären schon viel mehr Bauern in der Provinz den Hungertod gestorben. Unglücklicherweise führt dieser Akt von Kannibalismus aber zum Ausbruch der Zombieepidemie, die deshalb anfangs wie eine symbolische Darstellung der völligen Entmenschlichung erscheint, zu der Elend und Unterdrückung die einfachen Leute schließlich führen können. 
Hunger ist eines der immer wiederkehrenden Motive der Serie. Mehrfach bekommen wir zu sehen, wie Leute hemmungslos Essen in sich hineinstopfen. Der Anblick ist leicht übelkeitserregend, aber all das wüste Mampfen und Herunterschlingen erscheint nur zu verständlich, wenn wir uns klar machen, dass diese Menschen unter permanentem Hunger leiden. Ein wenig haben mich diese Szenen an die regelmäßigen Fressorgien der mittelalterlichen Literatur erinnert, die auf  den heutigen Leser auch eher eklig wirken, aber bloß den Geisteszustand einer Gesellschaft widerspiegeln, die in ständiger Furcht vor Hungersnöten lebte. Das kannibalistische Treiben der Zombies wirkt in gewisser Weise bloß wie eine barbarisierte Steigerung dieses Verhaltens.
In krassem Gegensatz zu diesen wüsten Fressorgien stehen die gepflegten Tischmanieren der Aristokraten. Denn natürlich haben diese selbst in den völlig verelendeten Südprovinzen keinerlei Mangel zu leiden, sondern feiern weiter prachtvolle Feste und erfreuen sich an reichgedeckten Tafeln. Aber wie sich schließlich herausstellt, ist der eigentliche Beginn der Zombiebedrohung in Wahrheit in ihren gu situierten Kreisen zu suchen. Der erste Lebende Tote, Ausgangspunkt des ganzen Übels, befindet sich nämlich nicht unter den halbverhungerten Insassen von Jiyulheon, sondern im innersten Bereich des Königspalastes von Hanyang. Und Cho Hak-ju ist für seine Existenz verantwortlich. Um die Machtübernahme seines Klans sicherzustellen, hat er den tatsächlich an den Pocken verstorbenen König ins Leben zurückrufen lassen und verfüttert nun regelmäßig niedere Hofdamen an den in goldene Ketten gelegten königlichen Zombie.  

Der einzige richtige Wermustropfen in Kingdom ist für mich die bedrohliche Tendenz, dass die Story am Ende auf das Klischee des "edelmütigen Prinzen" hinauslaufen könnte, der das Volk rettet und die "gerechte (Feudal)Ordnung" wieder aufrichtet. Vor allem in der zweiten Hälfte der Serie wird die Figur Yi-Changs immer stärker idealisiert. Mit Yeong-Shin {und in geringerem Maße Seo-Bi} haben wir freilich immer noch Charaktere, die das einfache Volk repräsentieren und die Feudalordnung ziemlich illusionslos betrachten. 
Erst die zweite Staffel wird zeigen, inwieweit Kingdom seinem Potential wirklich gerecht wird. Doch schon jetzt würde ich die Serie als einen spannenden und sehenswerten Eintrag in das Genre bezeichnen. 

Montag, 13. Mai 2019

Strandgut

Samstag, 27. April 2019

Strandgut