"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 16. August 2019

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Demons from the Deep von Adrian Cole

Viele der alten Pulphelden sind verdammt zählebig. Noch lange nachdem ihre Schöpfer ins Grab gesunken sind, tummeln sie sich weiter auf den Seiten von Magazinen, Büchern oder Comics und erleben neue wilde Abenteuer. 

So bespricht z.B. mein guter Twitter-Kumpel NUTS4R2 auf seinem Blog in unregelmäßigen Abständen die neuen Doc Savage - Bücher, die nach wie vor unter dem Pseudonym Kenneth Robeson erscheinen, hinter dem sich aber natürlich nicht mehr Lester Dent, sondern Will Murray verbirgt. In einem von diesen kommt es auch zu einem Crossover mit The Shadow, der selbst seit den 60er Jahren mehrere Wiederauferstehungen erlebt hat.
Copyright-Gesetze erschweren dieses Fortleben der alten Heroen zwar {wenn wir FanFic einmal ignorieren}, aber zumindest in der Vergangenheit erwiesen sie sich vor allem im internationalen Maßstab kaum als ernstzunehmendes Hindernis.
Ein besonders faszinierendes Beispiel ist die phänomenale Karriere Tarzans im jungen Israel. Wie Eli Eshed in einem ausführlichen Artikel in der ERBzine schildert, erschienen zwischen 1953 und 1964 dort Aberhunderte von neuen Geschichten über Edgar Rice Burroughs' ikonischen Helden aus dem Dschungel. Offenbar sah man in ihm eine inspirierende Verkörperung der Ideale, die auch die zionistischen Kolonisten erfüllen und von den "verweichlichten" Diaspora-Juden abgrenzen sollten. Hart, "männlich", naturverbunden, nicht "über-intellektualisiert" und stets im Kampf gegen unzivilisierte "Eingeborene". Kein Wunder, dass seine Gegenspieler recht häufig böse Araber waren, von stereotyp-pulpmäßigen muslimischen Sklavenhändlern bis hin zu Vertretern von Nassers Ägypten. Interessanterweise erschienen ungefähr zur selben Zeit auch im Libanon und in Syrien unauthorisierte Tarzanstories, in denen der Held dann natürlich auf arabisch-palästinensischer Seite gegen die bösen Zionisten kämpfte. Zumindest der israelische Tarzan durfte aber auch gegen eine ganze Reihe klassischer Monster wie Vampire, Lebende Mumien, Riesenaffen oder Invasoren vom Mars antreten. Mehrfach verbündete er sich dabei mit Flash Gordon oder Captain Marvel!*             
Diese recht bizarren Crossovers wirken ein Bisschen wie eine Vorwegnahme von Philip José Farmers Anfang der 70er Jahre entwickelten Idee der "Wold Newton Family"**, mit der das Fortleben der alten Pulp-Heroen ganz neue, phantastische Formen annahm. Der bekannte Science Fiction - Autor, der ein großer Fan der klassischen Pulps war, formulierte die Grundzüge seiner Crossover-Mythologie erstmals in den von ihm verfassten "Biographien" von Tarzan (Tarzan Alive; 1972) und Doc Savage (Doc Savage: His Apocalyptic Life; 1973). Ausgehend von einem historischen Meteoriteneinschlag in der Nähe von Wold Newton (Yorkshire) am 13. Dezember 1795, der bei einer zehnköpfigen Gruppe von Augenzeugen genetische Mutationen hervorgerufen habe, schuf Farmer einen gewaltigen fiktiven Stammbaum, der schließlich neben Tarzan und Doc Savage u.a. den Scarlet Pimpernel, Sherlock Holmes, Professor Moriarty, Phileas Fogg, H.G. Wells' "Time Traveller", Allan Quatermain, Professor Challenger, Fu Manchu, Sir Denis Nayland Smith, Arsène Lupin, G-8 und "The Shadow" umfasste. Die "Wold Newton Family" wird von anderen Autoren & Autorinnen bis heute weitergeführt und erweitert. Sie inspirierte ihrerseits Kim Newmans Anno Dracula - Romane {und seine Diogenes Club - Geschichten}, Jean-Marc & Randy Lofficiers Tales of the Shadowmen und Alan Moores League of Extraordinary Gentlemen.

Unter den klassischen Sword & Sorcery - Helden ist ohne Zweifel Conan der zählebigste.
Obwohl Robert E. Howard seinen Freund Lindsey Tyson zum Sachwalter seines literarischen Erbes machen wollte, gelangten die Rechte nach dem Selbstmord des Autors {und der Unterdrückung seines Letzten Willens} in die Hände seines Vaters Issac M. Howard, der sie später seinem Kollegen und Freund Dr. Kuykendall vermachte. Der weitere Weg der REH-Copyrights ist ziemlich verworren und verzweigt und entzieht sich meiner genauen Kenntnis. 1950 jedenfalls begann der von Martin Greenburg gegründete Kleinverlag Gnome Press mit Conan the Conqueror {eigentlich die Novelle Hour of the Dragon} die Herausgabe einer ersten vollständigen Ausgabe der Conan-Geschichten. L. Sprague de Camp, der die Stories für die Veröffentlichung aufbereitete, kannte keine Skrupel, hier und da "korrigierend" einzugreifen oder unvollendet gebliebene Fragmente fertigzuschreiben.*** Am bizarrsten war dabei das Schicksal von The Black Stranger, einer unveröffentlichten Conan-Geschichte, die Howard in die Piraten-Story Swords of the Red Brotherhood umgeschrieben hatte, welche nun von de Camp erneut in ein Abenteuer des Cimmeriers mit dem Titel The Treasure of Tranicos verwandelt wurde. Als das Reservoir endgültig erschöpft war, schnappte sich der gute Mann einfach ein paar von Howards anderen Abenteuerstories (The Road of the Eagles, Three-Bladed Doom und Curse of the Crimson God) und schrieb sie in Conan-Geschichten um, was er später so kommentierte:
Robert E. Howard's heroes were mostly cut from the same cloth. It was mostly a matter of changing names, eliminating gunpowder, and dragging in a supernatural element.****
Nicht gerade die respektvollste Herangehensweise an das Werk eines verstorbenen Schriftstellers. Der letzte Gnome Press - Band The Return of Conan (1957) stammte dann ganz aus der Feder des schwedischen Fans Björn Nyberg, erhielt dafür aber immerhin ein Cover von Wally Wood.
So richtig los ging es aber erst mit den ab 1966 bei Lancer Books erscheinenden Taschenbuchausgaben. Von Anfang an enthielten die mit den ikonischen Frank Frazetta - Covers geschmückten Bändchen auch Geschichten, die nicht einmal ansatzweise auf Howards Originalen basierten, sondern vollständig von L.  Sprague de Camp und Lin Carter verfasst worden waren. Die Schleusen waren geöffnet. Später sollten neben vielen anderen dann auch Karl Edward Wagner und Robert Jordan Stories über die Abenteuer des Cimmeriers schreiben. 

Die meisten anderen klassischen Sword & Sorcery - Helden haben sich als literarisch weit weniger zählebig erwiesen. Kull of Velusia und Solomon Kane tummeln sich hauptsächlich in der Welt der Comics, auch wenn der grimmige Puritaner daneben einige Auftritte in den "Wold Newton" - und "Shadowmen" - Universen hatte. Jirel of Joiry hat meines Wissens nach nie eine Wiederauferstehung erfahren. Die einzige Geschichte um Fafhrd und den Gray Mouser, die nicht von Fritz Leiber selbst geschrieben wurde, ist soweit ich weiß Denny O'Neils Revenge, der dritte Band der D.C. - Comicreihe Sword of Sorcery (August 1973).

Etwas erstaunt war ich darum schon, als ich vor einiger Zeit im Webmagazin Heroic Fantasy Quarterly auf eine Elak of Atlantis - Story stieß. Ich hatte Henry Kuttners Helden, über dessen Abenteuer ich hier bereits einen längeren Artikel veröffentlicht habe, eigentlich immer für einen der weitgehend in Vergessenheit geratenen Heroen der frühen Sword & Sorcery gehalten. Doch wie mir ein kurzer Blick in die Internet Speculative Fiction Database zeigte, erschienen bereits 2007 und 2018 zwei neue Elak-Geschichten aus der Feder des britischen Autors Adrian Cole, der in Sword & Sorcery - Kreisen vor allem für seine Voidal-Saga (Oblivion Hand, The Long Reach of Night, The Sword of Shadows) bekannt sein dürfte. Und offenbar soll dieses Jahr ein ganzer Elak-Band (Elak, King of Atlantis) von ihm bei Mark Finns Skelos Press erscheinen.
Demons from the Deep spielt im direkten Anschluss an Henry Kuttners Novelle Dragon Moon, an deren Ende Elak den Drachenthron seiner Heimat Cyrena bestiegen hatte. Ich muss zugeben, das hat meine Begeisterung von vornherein etwas gedämpft. Ich liebe die Sword & Sorcery ja unter anderem deshalb so sehr, weil sie oft die Fantasy der plebejischen Underdogs ist. Mit gekrönten Helden habe ich es nicht so. Aus diesem Grund war für mich z.B. Conans Eroberung der Krone von Aquilonia immer der Teil seiner Saga, der mich am wenigsten angesprochen hat. Auch wenn mir natürlich stets bewusst war, dass dies von Anfang an Teil seiner Figur gewesen ist, und ich König Conan - Stories wie The Phoenix on the Sword und The Scarlet Citadel durchaus zu schätzen weiß. Ebenso hat es mich anfangs etwas abgeschreckt, zu erfahren, dass Red Sonja in der aktuellen Dynamite - Reihe von Mark Russell & Mirko Colak zur Königin von Hyrkania wird. Allerdings hat mich die Lektüre der bislang erschienen Hefte dann sehr positiv überrascht, vor allem weil es sich bei der Story nicht um eine simple Kopie des Conan-Modells handelt. Was wohl ein Beleg dafür ist, dass es nicht von vornherein etwas schlechtes sein muss, wenn Sword & Sorcery - Heldinnen oder - Helden zu königlichen Ehren gelangen. Geben wir Demons from the Deep also eine Chance. 

Im Süden von Atlantis bereiten die Könige Numenedzer und Thotmes, bislang verfeindete Herrscher zweier kleiner Reiche, ein Bündnis gegen Cyrena vor. Doch bevor die Allianz endgültig besiegelt werden kann, wird die Hafenstadt Zangarza, in der die beiden Monarchen zusammenkommen wollen, von monströsen Kreaturen aus dem Meer überrannt. Jeder Widerstand ist zwecklos, zumal die Erschlagenen schon bald als mutierte Zombies wiederauferstehen und sich nun gleichfalls mit riesigen Krebsscheren bewaffnet den Angreifern hinzugesellen. Verantwortlich für das fürchterliche Gemetzel ist Numenedzers Hofzauberer Querram Urgol, dem die Pläne seines Herrn offenbar nicht  ehrgeizig genug sind und der stattdessen den fürchterlichen "Leviathan Lord" Xeraph-Hizer erwecken will, auf dass dieser dem Ozean entsteige und die Herrschaft über Atlantis antrete.
Am nächsten Morgen nähert sich ein Heerhaufen aus Cyrena der Stadt, an seiner Spitze der junge König Elak, sein dicker, trinkfreudiger Kamerad Lycon und der mächtige Druide Dalan. Eigentlich hatten Numenedzer und Thotmes vor, Elak unter Vorspielung von Friedensverhandlungen in einen Hinterhalt zu locken. Doch als ein halbwahnsinniger Soldat aus Zangarza in das Lager getaumelt kommt und von den blutigen Ereignissen der letzten Nacht berichtet, wird der verhasste Rivale von Gestern zur letzten Hoffnung für das kleine Königreich. Elak, der sich ohnehin schon nach seinem ungebundenen Abenteurerdasein zurücksehnt, beschließt, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen. Zumal simple Waffengewalt hier ohnehin keine Lösung zu bieten scheint. Gemeinsam mit Lycon, Dalan, Hauptmann Arborax und einem kleinen Trupp ausgewählter Krieger schleicht er sich in die ausgestorben wirkende Stadt.   
Auf der Suche nach Prinzessin Hamniri, die eine der letzten Überlebenden des großen Massakers sein soll, stoßen unsere Helden in ein künstliches Kavernensystem unter dem Palast vor, wo ganze Heerscharen grotesker Ungeheuer auf sie warten. Schließlich erreichen sie eine bizarre Stadt unter dem Ozean und treffen dort auf die kriegerische Königstochter, die von Querram Urgols Meereskreaturen bedrängt wird, welche sie offensichtlich lebendig gefangen nehmen sollen.
Gemeinsam gelingt es, die zombiehaften Monster zu erledigen, doch in der Ferne regt sich bereits eine schattenhafte Titanengestalt. Der "Leviathan Lord" ist dabei, zu erwachen. Nun kann nur noch Dalans druidische Magie Rettung bringen.

Ich kann nicht behaupten, dass Demons from the Deep Begeisterungsstürme bei mir ausgelöst hätte. Die Story ist kompetent konstruiert und geschrieben. Sie liest sich flüssig und enthält einige recht stimmungsvolle Szenen. Doch nichts an ihr wirkt überraschend oder  originell.
Henry Kuttners Held und seine Gefährten waren nie besonders lebendige oder vielschichtige Figuren, und in dieser Hinsicht bleibt Adrian Cole seinem Vorbild treu. Um genau zu sein,wirken Elak, Lycon und Dalan bei ihm eher noch etwas blasser. Das einzige, was wir über den jungen König von Cyrena in dieser Geschichte erfahren, ist, dass er sich anfangs nach seinem freien Leben als Glücksritter zurücksehnt, am Ende aber einsehen muss, dass das Schicksal ihm offenbar bestimmt hat, die Rolle des Herrschers zu übernehmen. Ein Thema, das Cole in weiteren seiner Elak-Stories vermutlich auszubauen gedenkt, wenn man sich den Titel des in Aussicht gestellten Sammelbandes betrachtet.
Was mir an den ursprünglichen Geschichten von Henry Kuttner am Besten gefallen hat, ist das phantasmagorische Element. Mit der Ausnahme von Spawn of Dagon muss Elak in jeder von ihnen irgendwelche bizarren Anderswelten jenseits von Zeit und Raum betreten. Nichts dergleichen finden wir in Demons from the Deep. Am nächsten kommen wir dem noch in der Schilderung der unterseeischen Metropole: 
The place was a maze, but the sounds of distress, coupled now with the ring of clashing steel, led Elak’s party to another chamber that opened on to a stunning vista of green, crystallized buildings, spread far below under a vast dome, also made of crystal, pure as glass. [...]   
“What place is this?” Elak asked her [Hamniri].
“The evil outlying city of Xeraph-Hizer’s servants. They plan to exercise numerous human sacrifices to raise up their ocean god. See, outside the dome! Those shapes – they are the sea guardians of the Leviathan Lord.”
They all looked in horror at the horrific things, wrapped in shadow, swimming in the ocean murk like gigantic flying beasts, long, distorted heads studded with countless eyes, scarlet jewels that exuded a terrible menace.
Der lovecraftsche Einfluss ist deutlich spürbar. Im Grunde haben wir es hier mit R'lyeh und dem Erwachen Cthulhus zu tun. Aber verglichen mit den Geschichten des alten Gentleman fehlt der Szenerie das verstörend Fremdartige, die "falsche" Geometrie und die unmenschlichen Dimensionen  der Straßen und Gebäude. Ebensowenig besitzt diese Stadt die phantasmagorische Atmosphäre von Henry Kuttners Anderswelten.    
Wo Cole seinem Vorbild am nächsten kommt, ist die Figur von Hamniri. Die Prinzessin ist zwar eine kompetente Kämpferin und ihr erster Auftritt liest sich folgendermaßen:
Arborax was first to the rescued party and found himself standing before a tall warrior woman, her tunic splattered in gore, her sword dripping with the blood of her fallen assailants. Her eyes met his and for a brief moment both figures were very still. Then she laughed, the sound ringing back from the low ceiling.
“Well met,” she said. “I am Hamniri, daughter of Numenedzer."
Aber davon einmal abgesehen, bleibt sie ebenso eindimensional wie alle übrigen Figuren. Um die Rolle auszufüllen, die ihr in der Handlung zukommt, hätte sie ebensogut eine typische hilflose Damsel-in-Distress sein können. Und dass sich Arborax und Hamniri buchstäblich "auf den ersten Blick" ineinander verlieben, wirkt beinah wie eine bewusste Parodie auf billige Storyklischees.

Das alles klingt jetzt vielleicht etwas arg harsch. Demons from the Deep ist keine schlechte Geschichte. Ich habe mich bei der Lektüre durchaus gut unterhalten gefühlt. Aber einen bleibenden Eindruck hat sie ganz sicher nicht bei mir hinterlassen. Dafür ist sie einfach zu generisch. Auch glaube ich kaum, dass ich mir Elak, King of Atlantis besorgen werde. Es gibt  einfach zu viele andere Werke der  Sword & Sorcery, die einen originelleren und spannenderen Eindruck auf mich machen.    




* Nicht Marvels Cpt. Marvel natürlich, sondern der kostümierte Kamerad, der heute unter dem Namen Shazam bekannt ist, ursprünglich aber keine D.C. - Figur war, sondern Supermans größter Konkurrent im Superheldengeschäft. In Israel scheint er jedoch weniger als Comic- und mehr als Groschenroman-Held aktiv gewesen zu sein.
** Der Name "Wold Newton Family" wurde dem Konzept allerdings erst 1997 von Win Scott Eckert verliehen.
*** Der Fairness halber sei hinzugefügt, dass er damit nicht der erste war. Schon die von Mai bis August 1939 in Weird Tales erschienene Novelle Almuric war unvollendet gewesen und wurde von jemand anderem {vermutlich Otto Binder} fertiggeschrieben.
**** Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 236.

Samstag, 10. August 2019

Strandgut

Dienstag, 6. August 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E04: "Dawn of the Gods"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Ich liebe Dawn of the Gods. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, doch der vielleicht wichtigste ist, dass Blake's 7 mit dieser Episode endlich einmal wieder einen Ausflug in wirklich groteske, beinah schon surreal anmutende Gefilde unternimmt. So etwas hatte es in der Vergangenheit schon ein paar Mal gegeben, aber in der dritten Staffel werden wir dererlei vermehrt begegnen, auch wenn solche Szenarien nie die Mehrheit bilden werden. Der Grund für diese Veränderung scheint mir im Ausscheiden Blakes zu liegen, nach dessen Verschwinden die politischen Motive der Serie fürs erste deutlich in den Hintergrund treten.

Auch wenn Blake nie mein Favorit war, ist das natürlich schon etwas bedauerlich. Anlass genug, noch einmal kurz meine Ansichten über die politische Dimension der ersten beiden Staffeln von Blake's 7 darzulegen.  

Nach wie vor sehe ich in der Figur des fanatischen und charismatischen Freiheitskämpfers auch einen kritischen Kommentar auf die Romantisierung des Guerillero in den linken Kreisen der 60er/70er Jahre. Zugegebenermaßen habe ich keine handfesten Belege dafür, dass dies das bewusste Anliegen Terry Nations gewesen wäre. Als er seine Idee für eine neue Show dem für TV-Serien verantwortlichen BBC-Oberen Ronnie Marsh schmackhaft zu machen versuchte, charakterisierte er sie vielmehr als "cracking Boy's Own/ kidult sci-fi. A space Western adventure. A modern swashbuckler." Später umschrieb er sie als "The Dirty Dozen in space", auch wenn die Ähnlichkeiten zu Robert Aldrichs Klassiker wirklich minimal sind. Aber Chris Boucher, dessen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Blake's 7 ja nicht unterschätzt werden darf, hat offenbar einmal erklärt, er habe sich bei seiner Charakterisierung der Liberator - Crew vom Vorbild lateinamerikanischer Revolutionäre inspirieren lassen, vor allem von Emiliano Zapata, dem großen Bauernführer aus der Mexikanischen Revolution {und von Marlon Brando verkörpertem Helden eines Films von Elia Kazan}. Völlig abwegig ist meine Theorie also vielleicht doch nicht.

Unter den in den 60er/70er Jahren Radikalisierten herrschte oft eine große Faszination für den Guerilla-Kampf, der ihnen als die reinste Verkörperung der Revolution erschien. Dazu trug zum einen der starke Einfluss bei, den der Maoismus auf viele von ihnen ausübte, zum anderen das Vorbild des heroischen Kampfes der NLF (Nationalen Befreiungsfront / "Viet Cong") gegen den US-Imperialismus. Aber auch die zahlreichen südamerikanischen Guerillabewegungen, die dem Beispiel der Kubanischen Revolution von 1959 nachzueifern versuchten, weckten die Begeisterung der radikalen Linken jener Ära. Das gilt sowohl für deren klassische bäuerliche Varianten als auch für die terroristischen "Stadt-Guerillas". Man denke z.B. an Costa-Gavras' Film État de Siège / Der unsichtbare Aufstand (1972), den ich trotz seiner ziemlich unkritischen Darstellung der Tupamaros durchaus schätze. Vor allem aber war dies die Blütezeit des Che Guevara - Kultes. Niemand anderer verkörperte das romantische Flair, das den Guerillero umgab, besser als der Spross einer argentinischen Mittelklassefamilie, der an der Seite von Fidel Castro in der Sierra Maestra gekämpft und den Umsturz gegen das Batista-Regime angeführt hatte, um sein tragisches Ende schließlich im Dschungel Boliviens zu finden.
Die Verherrlichung bäuerlicher Guerilla-Bewegungen war letztenendes Ausdruck der demoralisierten Weltsicht der "Neuen Linken". Ihre Vordenker wie Herbert Marcuse glaubten, dass die Arbeiterklasse in den westlichen Metropolen durch die Entwicklung der "Wohlstands- und Konsumgesellschaft" ruhiggestellt und in das von ihnen als totalitär wahrgenommene Herrschaftssystem des Spätkapitalismus integriert worden sei.  Die einzige Hoffnung auf den Sturz der herrschenden Ordnung bestehe deshalb in einer Rebellion der "Verdammten dieser Erde", d.h. der verelendeten Massen in der sog. "Dritten Welt". Deren elementare Ausdrucksform aber sei der Guerilla-Kampf. Wie Marcuse in seinem 1966 verfassten "Politischen Vorwort" zu Eros and Civilization geschrieben hatte:
The body against the machine: men, women, and children fighting, with the most primitive tools, the most brutal and destructive machine of all times and keeping it in check — does guerilla warfare define the revolution of our time?
Aber ich nehme mal an, keiner meiner Leserinnen & Leser hat Lust, einem langen Vortrag zu lauschen, in dem ich die "Neue Linke" und den Guerilla-Kampf einer marxistischen Kritik unterziehe oder die katastrophalen Folgen dieser Fehlorientierung darlege. Schon gar nicht in einem Blogpost über eine Episode von Blake's 7. Lassen wir's also dabei bewenden.
Doch es waren nicht allein ideologische Beweggründe, die die Faszination des Guerilla-Kampfes ausmachten. Hinzu kam die romantische Aura, die diese Bewegungen zu umgeben schien. Der Typus des Guerillero, von Marcuse zur Verkörperung der "still partly unconquered, primitive, elemental forces" verklärt, wurde mit Attributen wie Unabhänigkeit, Leidenschaftlichkeit, persönlichem Heroismus und Draufgängertum verknüpft. Das blutige Getümmel des "bewaffneten Kampfes" erschien so viel aufregender und "rrrevolutionärer" als die mühselige Arbeit zum Aufbau einer politisch bewussten Massenbewegung. Man werfe nur einmal einen Blick in den abschließenden Paragraphen von Che Guevaras Motorcycle Diaries:    
[I]n dem Moment, da der große Spiritus rector den gewaltigen Schnitt macht, der die gesamte Menschheit in nur zwei antagonistische Parteien teilt, werde ich mit dem Volk sein, und ich weiß, weil ich es in der Nacht eingeschrieben sehe, ich, der eklektische Sezierer von Doktrinen und Psychoanalytiker von Dogmen, werde mit dem Geheul eines Besessenen die Barrikaden oder Schützengräben stürmen, meine Waffe in Blut tauchen und, rasend vor Wut, jeden Besiegten, der mir in die Hände fällt, niedermetzeln. Und ich sehe, als hätte eine unendliche Müdigkeit meine eben noch tobende Erregung überwältigt, wie ich, hingeopfert der jeden Willen gleichmachenden, echten Revolution, mit den beispielgebenden Worten mea culpa auf den Lippen falle. Schon spüre ich, wie sich meine Nüstern blähen und den bitteren Geruch von Pulver und Blut, von feindlichem Tod einsaugen; schon spannt sich mein Leib, bereit zu dieser Schlacht, und ich mache mein Sein zu einem Tempel, damit in ihm mit neuen Erschütterungen und neuen Hoffnungen das Wolfsgeheul des siegreichen Proletariats widerhallt.*
Dieser pathetische Erguss, in dem sich das schlechte Gewissen des privilegierten Bürgersohns mit blutiger Revolutionsromantik und einer an Nietzsche erinnerenden Egomanie verbindet, scheint mir viel darüber auszusagen, worin für die radikalisierten Intellektuellen und Jugendlichen die Faszination des Guerilla-Kampfes bestand.

Er scheint mir aber auch geeignet, um den Bogen zurück zu Blake's 7 zu spannen.
Wie wir im Laufe unseres Rewatches immer wieder gesehen haben, lässt Blakes revolutionärer Idealismus mitunter deutlich egomanische Züge erkennen.  Er betrachtet den Kampf für die Freiheit als eine Art persönliches Ringen zwischen ihm selbst und dem Regime. Es erstaunt darum auch nicht, dass alle anderen Revolutionärinnen und Revolutionäre, denen die Liberator - Crew im Laufe ihrer Abenteuer begegnet (Avalon, Kasabi, Cauder, Ralli & Vetnor), sehr viel kompetenter wirken, wenn es um den Aufbau wirklicher Widerstandsbewegungen geht. Blake, der ja selbst aus privilegierten Kreisen stammt, scheint kein wirkliches Vertrauen in die Fähigkeit der einfachen Bevölkerung zu besitzen, sich selbst zu befreien. Seine Vorstellung von revolutionärem Kampf besteht hauptsächlich in spektakulären Kommandoaktionen wie dem Überfall auf Servalans Hauptquartier. Den schließlichen Umsturz kann er sich nur als eine apokalyptische Katastrophe vorstellen, die ihm als dem großen "Befreier" die Bühne bereiten werde. Dem entspricht auch sein Hang zu autoritärem Verhalten.
Ich sehe da eine Menge Parallelen zum Typus des Guerillero. Und einer der großen Pluspunkte von Blake's 7 ist, dass trotz dieser kritischen Darstellung die Notwendigkeit und Richtigkeit des revolutionären Kampfes selbst nie in Frage gestellt wird. Wir bekommen an keiner Stelle Predigten über die Tugenden des friedlichen Reformismus gehalten. Wenn wir scheinbar reformwillige Mitglieder des Establishments kennenlernen, entpuppen sich diese entweder als hoffnungslos naiv oder als politische Intriganten, die selbst nach der absoluten Herrschaft streben.

Auch wenn das Thema Revolution in der vierten Staffel erneut an Bedeutung gewinnen wird, hat die Serie mit Blake doch die Figur verloren, anhand derer die Guerilla-Romantik kritisch beleuchtet werden konnte. Dieses spezifische Motiv verschwindet deshalb weitgehend mit dem Ausscheiden von Gareth Thomas. Als Ersatz bekommen wir allerdings so wunderbar bizarre Episoden wie James Folletts Dawn of the Gods serviert.

Im kultivierten Star Trek - Universum ist Dreidimensionales Schach bekanntlich das bevorzugte Brettspiel. Cally, Dayna, Avon, Vila und Supercomputer Orac amüsieren sich lieber mit einer Art Space-Monopoly. Der Spaß wird allerdings rüde unterbrochen, als die Liberator immer stärker von ihrem vorprogrammierten Kurs abzuweichen beginnt. Bordcomputer Zen kann keine Erklärung dafür liefern und der ja ohnehin selten besonders kooperative Orac zeigt sich wenig hilfreich: "I have already made perfectly clear that the ship is behaving normally. It is obeying Newton's First Law of Motion and will continue to obey it. Further discussion of the subject is now closed." Tarrant, der sich inzwischen einen selbstbewussten Kommandoton angewöhnt zu haben scheint, nimmt sofort an, dass das Schiff mit einem Tractor-Beam angegriffen wird. Avon erklärt dies für unmöglich, worauf der Ex-Offizier zurückgibt: "Just because you don't know how to build a high-energy traction beam doesn't mean that no one else knows how to build one." Da sich die Liberator eigentlich in der Nähe von Auron befinden müsste, verdächtigen Tarrant und Dayna sofort Callys Volk und bedrängen ihre Mannschaftskameradin mit aggressiven Fragen:
Tarrant: How close were we going to Auron, Cally? 
Cally: Well, you know how close.
Tarrant: It's just that if the Aurons are responsible for this, I wonder what it is you did to upset them before you left. 
Cally: I'll tell you sometime. Anyway, Tarrant, this is not the doing of my people. For one thing they're not hostile and for another they haven't developed the traction beam. 
Dayna: Do they all have your telepathic powers, Cally?
Cally: Some, to a degree, but our powers are limited. I've never made any secret about --
Dayna: What about telekinetic powers, the ability to exert a force at a distance? Maybe that's a secret you've kept.
Trotz der so familiär wirkenden Eröffnungsszene herrscht unter der "neuen" Crew offensichtlich noch längst keine wirklich vertrauensvolle Atmosphäre.
Das bessert sich auch nicht, als klar wird, dass sich die Liberator im Sog eines Schwarzen Loches befindet. Zumal es sich zeigt, dass Orac für diese Katastrophe direkt verantwortlich ist. Der wissbegierige Supercomputer wollte das "faszinierende Phänomen" unbedingt einmal näher in Augenschein nehmen. Als die Liberator von den Gravitationskräften der Singularität zerrissen zu werden droht, versucht Avon, seine eigene Haut zu retten und aus dem Schiff zu flüchten, was Tarrant unbedingt zu verhindern sucht. Nachdem die Liberator den Sturz in das Schwarze Loch auf unerklärliche Weise überstanden und die Lage an Bord sich wieder etwas stabilisert hat, erklärt er wütend: "One day, Avon, I may have to kill you." Worauf dieser ironisch lächelnd antwortet: "It has been tried." Schwer vorstellbar, dass diese beiden einmal echte Freunde werden.
Während Orac in Begeisterung über die Forschungsmöglichkeiten schwelgt, die sich ihm nun eröffnt haben, versucht der Rest der Crew herauszubekommen, wo sie sich eigentlich befinden. Die Sterne scheinen verschwunden zu sein, der Teleschirm zeigt nichts außer undurchdringlicher Finsternis. Die stets zu impulsiver Gewalt neigende Dayna feuert ein paar Torpedos hinaus in das Nichts, doch die Wirkung ist wenig erhellend. Derweil scheint Cally telepathische Nachrichten von einer Entität zu erhalten, die sich "The Tharrn" nennt und sie zu sich ruft, was sie jedoch vorerst als Halluzinationen abtut, ist dies doch der Name einer mythischen Gestalt, die für sie ungefähr so real ist, wie Einhörner und Drachen für Erdbewohner. Schließlich entscheidet Avon, das einzig vernünftige sei es, wenn einer von ihnen aussteigen und in einem Raumanzug die Umgebung erkunden würde. Selbst übernehmen tut er diese Aufgabe natürlich nicht, das bleibt dem gar nicht begeisterten Vila vorbehalten.
Wie sich zeigt, befindet sich die Liberator weder im Weltall noch in einem Paralleluniversum aus Antimaterie, sondern in einer Art riesigem Gewölbe. Vila entdeckt Wrackteile eines anderen Raumschiffs. Doch als plötzlich eine Gruppe hypnotischer Lichter in der Finsternis aufflammen, endet die unwillige Expedition unseres sympathischen Langfingers beinah in seinem Tod. Nur der Umstand, dass der mysteriöse Ort eine atembare Atmosphäre besitzt, rettet ihn.
Bis zu diesem Punkt ist das Szenario durchaus spannend und unheimlich. Doch wenn wenig später ein ulkiges Gefährt mit einem aufgemalten Monstermaul aus der Dunkelheit herangerollt kommt und eine Gestalt im Kostüm eines Varieté-Magiers mit riesigem Zylinderhut die Bühne betritt, gewinnt die Episode augenblicklich einen wunderbar überdrehten Charakter.
Wie es sich zeigt, ist die Liberator - Crew tatsächlich in die Hände des "Tharrn" gefallen, eines exilierten Gottes, der unter extremer Einsamkeit leidet und von der Herrschaft über das Universum träumt. Während Avon und Tarrant auf Anordnung des "Caliph" (Sam Dastor) und unter Aufsicht des buchhalterischen Groff (Terry Scully) irgendwelche mathematischen Gleichungen bearbeiten müssen, erhält die gute Cally auf einem Eisbärfell liegend psychedelische Visionen, mit denen Aurons Luzifer die Telepathin zu verführen sucht, da er sich ganz fürchterlich nach einer Gefährtin sehnt.

Dawn of the Gods ist nicht ohne signifikante Schwächen. Wenn der "Caliph" seinen ersten Auftritt hat, sind bereits dreißig Minuten der Episode verflossen. Entsprechend überhastet wirken die folgenden Ereignisse, die immerhin das Schmieden von Fluchtplänen, Oracs Verteidigung der Liberator und Callys Konfrontation mit dem "Tharrn" sowie die finale Enthüllung des greisen Gottes und die Zerstörung seiner künstlichen Welt umfassen. Dass aufgrund der Zeitknappheit vor allem Dayna in eine gänzlich passive Rolle gedrängt wird, kommt erschwerend hinzu.
Dennoch kann ich nicht anders, als diese Episode zu lieben. Ihr grotesker Charakter ist einfach zu charmant und erfüllt mich mit Vorfreude auf all die Verrücktheiten, die uns noch erwarten.               

  

* Ernesto Che Guevara: The Motorcycle Diaries. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52. S. 155.

Samstag, 27. Juli 2019

Strandgut

Mittwoch, 24. Juli 2019

Die kurze Karriere von Marada the She-Wolf

Im Frühjahr 1980 veröffentlichte Marvel die erste Nummer eines neuen Comicmagazins mit dem Titel Epic Illustrated. Als Vorbild diente Heavy Metal, und da Publikationen im Magazinformat nicht den Regeln der Comics Code Authority unterlagen, war es möglich, hier "erwachsenere" Inhalte und etwas explizitere Darstellungen von Sex und Gewalt zu präsentieren. Aus demselben Grund gab es ja z.B. seit 1974 The Savage Sword of Conan neben den normalen Conan - Heften.  
Epic Illustrated enthielt hauptsächlich SF- und Fantasy-Stories, zu denen auch Adaptionen von Werken so bekannter Autoren & Autorinnen wie Michael Moorcock (The Dreaming City; While The Gods Laugh), Robert E. Howard (Almuric), Harlan Ellison (Sleeping Dogs; Life Hutch; Run For The Stars), Elizabeth A. Lynn (The Woman Who Loved The Moon)*, Samuel R. Delany (Seven Moons' Light Casts Complex Shadows)**, Roger Zelazny (The Game of Dust and Blood) und sogar Franz Kafka (An Imperial Message [Eine kaiserliche Botschaft]; Before The Law [Vor dem Gesetz]) gehörten. In ästhetischer Hinsicht zeichnete sich das Magazin durch eine große stilistische Vielfalt aus. Einige der Cover wurden von berühmtern Fantasykünstlern wie Frank Frazetta (No. 1), den Brüdern Hildebrandt (No. 5),  Boris Vallejo (No. 15) und Clyde Caldwell (No. 27) gestaltet.

Zu Beginn der 80er Jahre war es noch eher ungewöhnlich, dass amerikanische Comicverlage europäische Künstler engagierten. Doch als Ralph Macchio ein Artikel über den britischen Zeichner John Bolton unter die Augen kam, beeindruckten ihn die darin enthaltenen Beispiele seines Könnens so stark, dass er beschloss, den Künstler für Marvel zu gewinnen. Bislang hatte Bolton u.a. für Warrior und Hammer House of Horror gearbeitet, für die er u.a. die Adaptionen von Dracula, Curse of the Werewolf und One Million Years B.C. angefertigt hatte. Sein erster amerikanischer Auftrag war die von Doug Moench geschriebene King Kull - Geschichte Demon In A Silvered Glass, die im Mai 1981 in Bizarre Adventures erschien.
Bald schon wurde Chris Claremont, vor allem bekannt für seine prägende Rolle in der Entwicklung der X-Men, auf Bolton aufmerksam. Er wollte eine Sword & Sorcery- Heldin für die Seiten von Epic Illustrated entwickeln und glaubte, in dem Briten den perfekten Kollaborateur gefunden zu haben. Er begab sich persönlich nach London, um das Projekt mit Bolton zu besprechen.
Scheinbar hatte Claremont ursprünglich vorgehabt, eine Red Sonja - Story für Bizarre Adventures zu schreiben. doch Copyright - Schwierigkeiten hatten dies verhindert. Wikipedia zufolge lag das Problem bei dem "then-in-production Red Sonja movie with Brigitte Nielsen." Was ich etwas seltsam finde, denn zu diesem Zeitpunkt kann noch nicht einmal John Milius' Conan the Barbarian (1982) im Kino gewesen sein. Ich habe keine Ahnung, wann Dino de Laurentiis die Rechte an einer Red Sonja - Verfilmung erwarb. Gut möglich, dass er sie zu diesem Zeitpunkt bereits besaß. In Produktion befand sich der 1985 in die Kinos gelangte Streifen jedoch ganz sicher noch nicht.   
Wie dem auch sei, auf jedenfall erfuhr das ursprüngliche Konzept eine eingehende Überarbeitung, aus der die Figur von "Marada, the She-Wolf" geboren wurde. Das Setting wurde aus dem Hyborian Age in die Welt der römischen Antike verlegt.
In einer der einleitenden Artikel zu der 1985 herausgegebenen "Graphic Novel" - Ausgabe der Stories heißt es zwar, "one of Chris' founding principles was to ground Marada's mythology in history", aber ehrlich gesagt bleibt der historische Hintergrund in den tatsächlich veröffentlichten Geschichten ziemlich verschwommen. Die eigentliche Backstory unserer Heldin wird uns nicht innerhalb der Erzählung selbst vermittelt, sondern dieser als kurzer Text vorangestellt:
Her mother was the first-born of Caesar. Her father, a prince in his own land, a slave in Rome. At the age of four, saw her father broken on the rack, disemboweled and, finally, drawn and quartered. It was a public execution and, though the prince was a long time dying, he uttered not a sound. That night, Marada's mother fled the Eternal City, taking her child to be raised free, far from the place that had claimed the life of her beloved. That was twenty years ago. The child is a woman now, and that woman a warrior known and respected throughout the Empire ...
In der ersten Geschichte, die in zwei Teilen im Februar und April 1982 (No. 10 / No. 11) in Epic Illustrated erschien, erfahren wir zusätzlich, dass Maradas Mutter das Orakel von Cumae über ihr Kind mit dem Silberhaar befragte, und als Antwort zu hören bekam, sie "would hold the fate of the world in [her] hands". In den existierenden Stories erleben wir allerdings nichts, was diesem prophezeiten Auserwähltenstatus entsprechen würde.

Wenn wir Marada zum ersten Mal begegnen, ist sie eine gebrochene Frau. Wir wissen anfangs nicht genau, was ihr zugestoßen ist, nur dass sie von Leuten entführt wurde, die offenbar irgendetwas mit Schwarzer Magie und ähnlichem Teufelszeug zu tun haben. Als der Krieger Donal MacLlanllwyr sie befreit und auf magische Weise in die sagenumwobene Feste Ashandriar an der britannischen Küste bringt, wo Donals Mutter Rhiannon als Magiermatriarchin herrscht, scheint nichts mehr von der einst so stolzen und grimmigen Kriegerin übrig zu sein. Sie wirkt zutiefst traumatisiert und angsterfüllt und sträubt sich heftigst dagegen, erneut ein Schwert zur Hand zu nehmen. Schließlich erklärt sie ihrem Gastgeber gegenüber sogar: "It is not a woman's place to fight, Lord Donal. Only ... to submit." Die geheimnisvollen Narben auf Maradas Rücken, die sich nur dem magischen Blick Rhiannons zeigen, bleiben vorerst das einzige Indiz für das, was ihr zugestoßen ist. Soweit überhaupt von einem beginnenden inneren Heilungsprozess die Rede sein kann, ist dafür in erster Linie die sich entfaltende Freundschaft zwischen Marada und Donals Tochter, der Zauberin Arianrhod, verantwortlich. Doch als das junge Mädchen eines Tages die Narben am Körper ihrer Freundin entdeckt und sie darauf anspricht, führt dies augenblicklich zu einem Ausbruch unkontrollierter Aggression. Schließlich ist Marada dann aber doch bereit, sich Donal anzuvertrauen.
Nachdem sie eine Karawane erfolgreich über die Seidenstraße {oder wohl eher einen Teil davon} eskortiert hatten, feierten Marada und ihre Krieger in Damaskus ihre glückliche Rückkehr {in einer Szene, die ganz klar an den Beginn von The Song of Red Sonja erinnert}. Dabei wurde ihr ein dem Wein untermischtes Betäubungsmittel verabreicht. Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich hilflos und in Ketten gelegt im Turm des unsterblichen Magiers und Teufelsanbeters Simyon Karashnur wieder. Dieser brachte sie seinem höllischen Meister Ygaron dar, und Marada wurde von dem Dämonen vergewaltigt.
Sicher keine überraschende Wendung, aber ich musste doch erst einmal laut aufstöhnen. Claremont und Bolton ist also wirklich nichts besseres zur Einführung ihrer Sword & Sorcery - Heldin eingefallen, als sie zu einem Opfer sexueller Gewalt zu machen?!
Es geht mir nicht darum, den beiden Künstlern Misogynie zu unterstellen. Es ist die Einfallslosigkeit, die mich dabei so ärgert. Auch wenn Maradas Vergewaltigung anders als etwa bei Roy Thomas' Red Sonja nicht als der Auslöser für ihre Entwicklung zur Kriegerin erscheint, ist das trotzdem ein auch schon Anfang der 80er extrem denkfaules {und unangenehmes} Klischee.
Allerdings sind mir schon deutlich krudere Formen dieses Klischees untergekommen als hier, was zumindest einen kleinen Trost darstellt. Schließlich geht es in dieser ersten Hälfte der Geschichte weniger um die Vergewaltigung selbst, als vielmehr um die zutiefst traumatische Wirkung des ihr Angetanen auf Marada. Zu Beginn befindet sie sich in einer Art Schockstarre. Sie ist erfüllt von Scham und Angst, schreckt vor jeder Form von Intimität zurück. Wenn sie davon spricht, dass sie nicht länger eine Kriegerin sei und das Los der Frau in Unterwerfung bestehe, heißt das natürlich nicht, dass sie diesen "nonsense" tatsächlich glauben würde. Aus ihr spricht dabei vielmehr die alles andere verdrängende Angst, etwas derartiges noch einmal durchleben zu müssen. Als Dolan ihr mit den Worten zu helfen versucht, "You're too hard on yourself. No warrior is invincible. We all have foes whom we cannot defeat.", gibt sie ihm mit vollem Recht zurück, dass eine Niederlage für ihn {einen Mann} wohl keinen vergleichbar grausam-intimen Gewaltakt zur Folge hätte: "And after such a defeat, Donal, is your soul twisted inside-out?"
Die zweite Hälfte der Geschichte besteht wie zu erwarten in der Überwindung dieses Traumas und erzählt, wie Marada zu ihrem alten Selbstbewusstsein und ihrer alten Stärke zurückfindet. Interessanterweise ist dabei das Verlangen nach Rache nicht das eigentliche Motiv unserer Heldin, auch wenn Karashnur und Ygaron am Ende natürlich den Tod von ihrer Klinge finden. Was Marada antreibt ist vielmehr der unbedingte Wille, eine andere Frau vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, nachdem Arianrhod in die dämonische Welt der Mabdhara entführt wurde.

Maradas zweites Abenteuer The Royal Hunt erschien im Juni 1982 in No. 12 von Epic Illustrated. Für mich bildet diese Story den Höhepunkt in der kurzen Karriere der "Wölfin", auch wenn sie sehr viel simpler und geradliniger ist als die sie flankierenden.
Am Ende der ersten Geschichte hatte die unversehrt gerettete Arianrhod unsere beiden Heldinnen aus Ygarons Höllenwelt hinausteleportiert. Doch das junge Mädchen ist noch recht unerfahren in der Anwendung ihrer magischen Kräfte, und so waren sie nicht im britannischen Ashandriar gelandet, sondern irgendwo in Afrika. Auf ihrem langen Marsch in Richtung Mittelmeer wird das Paar in einen Bürgerkrieg verwickelt, der im Reich der schwarzen Königin Ashake tobt. Unglücklicherweise lassen sie sich von der falschen Seite anheuern und enden als Gefangene der stolzen Monarchin. Maradas Ruf als große Kriegerin ist selbst bis in das entlegene Reich von Meroe gedrungen, und so fordert Ashake die beiden zu einer makabren Form von Wettstreit heraus. Sie erhalten einen gewissen Vorsprung und werden dann von der Königin {und nur von ihr allein} gejagt. Sollte es ihnen gelingen, einen zwanzig Meilen entfernten Gebirgspass zu erreichen, erwartet sie die Freiheit, andernfalls der Tod.
Auf den Leserin oder den Leser warten hier keine plötzlichen Wendungen. Selbst dass sich Marada, Arianrhod und Ashake am Ende zusammentun müssen, um gemeinsam gegen den verräterischen Captain Keos zu kämpfen, und sich schließlich in gegenseitigem Respekt und Freundschaft voneinander trennen, wird kaum als eine Überraschung kommen. Was mir an The Royal Hunt so gut gefallen hat ist zum einen die Figur der schwarzen Kriegerkönigin, zum anderen die Beziehung zwischen Marada und Ari. Die Kriegerin schlüpft mehr und mehr in die Rolle einer Adoptivmutter für die verwaiste junge Zauberin. Sie beginnt sie liebevoll "cub" zu nennen, da sie selbst ja nun wieder "the she-wolf" ist.*** Ein wenig hat mich das Paar an Xena und Gabrielle erinnert, wenn auch sicher ohne irgendwelche etwaigen homoerotischen Untertöne.  

Man kann deshalb vielleicht meine Enttäuschung verstehen, als sich die dritte Geschichte Wizard's Masque, die in No. 22 & 23 (Februar/April 1984) veröffentlicht wurde, als ein Marada-Solo-Abenteuer entpuppte, bei dem die Kriegerin schon auf der fünften Seite von ihrem "cub" getrennt wird. Ein erneuter magischer Schnitzer der guten Ari versetzt Marada in die Welt eines Sinbad - Films von Ray Harryhausen. So hat es zumindest den Anschein. Dabei ist die Begegnung mit dem geradezu selbstmörderisch selbstbewussten und draufgängerischen Korsaren Taric Redhand ja noch recht nett, aber dann sucht unsere Heldin den Schwarzmagier Jaffar ibn Haroun al-Rashid auf, um einen Weg zurück zu Ari zu finden. Und allein schon der Name des Kerls hat bei mir heftige Zahnschmerzen verursacht. Welch peinliche Mixtur aus dem berühmten abbasidischen Kalifen Harun ar-Rashid und Conrad Veidts bösem Zauberer Jaffar aus The Thief of Bagdad (1940).**** Da hilft es auch nicht mehr, dass der eine zumindest ansatzweise "komplexe" Figur ist. Ich hatte mir neue spannende Abenteuer von Marada und Ari erhofft und kein "Liebesdrama" um einen gutaussehenden und phantastisch reichen "Prinzen", der ein hinterhältiger Bösewicht sein könnte {oder doch nicht?}.

Es verwundert mich nach dieser Geschichte nicht wirklich, dass Maradas Karriere damit ihr Ende erreicht hatte. Zumal Epic Illustrated zwei Jahre später eingestellt wurde. Chris Claremont bemühte sich noch recht lange, seiner Heldin zu einer Wiederauferstehung zu verhelfen. Und was er sich für ihre Zukunft vorgestellt hatte, klingt zugegebermaßen sogar recht interessant:
He envisioned her returning to Rome to confront the growing power of the Imperium and finding herself embroiled in the high-stakes politicking and in-fighting.
Marada und Ari gegen einen Haufen intriganter, machthungriger Politiker? Sounds like fun!
Doch es sollte nicht sein.

Was bleibt mir zum Abschluss zu sagen? Marada the She-Wolf ist sicher kein revolutionärer Beitrag zum Sword & Sorcery - Comic. Dazu sind die Geschichten zu unoriginell und klischeebelastet. Ich habe das Gefühl, dass Epic Illustrated sehr viel interessanteres enthält, worüber ich vielleicht in zukünftigen Blogposts einmal berichten werde. Doch wer klassische schwertschwingende Heldinnen wie Red Sonja mag, wird einen kurzen Besuch sicher nicht bereuen. Zumal das wirklich bemerkenswerte an diesen Comics ohnehin nicht die Stories sind, sondern John Boltons Zeichnungen. Zwar entpricht dessen äußerst genauer, diffiziler, manchmal schon beinah in Richtung Fotorealismus tendierende Stil nicht unbedingt meinem persönlichen ästhetischen Geschmack, doch beeindruckend ist er allemal. In der "Graphic Novel" - Ausgabe wurden alle drei Geschichten koloriert, bei ihrem ersten Erscheinen galt dies nur für Wizard's Masque. Und ich muss sagen, dass ich die Schwarz-Weiß-Originale alles in allem ansprechender finde.  





* Lynns Kurzgeschichte erschien erstmals 1979 in Jessica Amanda Salmonsons Amazons!  einer für die Geschichte der Sword & Sorcery sehr bedeutenden Anthologie, mit der wir uns bei Gelegenheit auch einmal eingehender beschäftigen sollten. Die Adaption wurde von der bekannten feministischen Underground Comix - Künstlerin Trina Robbins gezeichnet.  
** Genau genommen keine Adaption, sondern eine originäre Story.
*** She-wolf and cub... Könnte das eine Anspielung auf Lone Wolf and Cub sein? Nicht dass die Geschichten sich irgendwie ähneln würden ...  Der Manga Kozure Ōkami von Kazuo Koike & Goseki Kojima erschien zwar scheinbar erst 1987 in einer US-amerikanischen Übersetzung. Aber zumindest einige der sechs Filme mit Tomisaburo Wakayama in der Hauptrolle dem Bruder von "Zatoichi" Shintaro Katsu, der auch Produzent der ersten drei Flicks war waren auch schon in den 70ern in den USA gezeigt worden. Vor allem aber hatte der 1980 von Roger Cormans New World Pictures herausgebrachte Shogun Assassin ein bizarres, synchronisiertes und umgeschnittenes Amalgam aus den ersten zwei Streifen schon bald Kultstatus in der Grindhouse- und Midnight Movies - Szene erlangt. Gut möglich also, dass Chris Claremont mit ihm bekannt war.
**** Dessen Name wiederum wurde vermutlich von Harun ar-Rashids Großwesir Jafar al-Barmaki inspiriert, der wie sein Herr mehrfach in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht auftaucht, dort aber nie ein Bösewicht ist.

Samstag, 13. Juli 2019

Strandgut

Freitag, 12. Juli 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E03: "Volcano"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Wie ich in meinem Beitrag zu Aftermath bereits angesprochen habe, hatte es ursprünglich die Idee gegeben, die Suche nach Blake zum überspannenden Handlungsbogen der dritten Staffel zu machen. Dieses Konzept war schon bald fallengelassen worden. Ein letzter Überrest findet sich aber noch in Volcano, denn wie wir erfahren ist einer der Gründe, warum sich die Liberator zum Planeten Obsidian begeben hat, das Gerücht, Blake sei dort gesehen worden. Die entsprechende Szene macht allerdings deutlich, dass Avon nichts davon hält, solchen Gerüchten nachzujagen: "It's getting to be a fairly common rumor. We could spend the rest of our lives chasing down the ones we've picked up so far." Natürlich dürfte er auch kaum ein Interesse daran haben, den verschwundenen Freiheitskämpfer tatsächlich wiederzufinden. Schließlich wollte er ihn schon seit langem loswerden. Dass sich die Liberator überhaupt im Orbit von Obsidian befindet, zeigt allerdings auch, dass es dem zynischen Computergenie, anders als er es erwartet hatte, nicht gelungen ist, das Kommando an sich zu reißen.
Auch Blakes Autorität war nie absolut gewesen. Wie Jenna in Voice From the Past zu ihm gesagt hatte, als er seine Genossen mal wieder gar zu selbstherrlich herumkommandieren wollte: "You lead. We don't take commands." Aber letztenendes war es ihm dank seines Charismas fast immer gelungen, seinen Willen durchzusetzen. Avon kann schon allein aufgrund seiner unverhüllt zur Schau getragenen Arroganz nicht hoffen, eine ähnliche Rolle zu spielen. Seine unzweifelbare Intelligenz allein ist nicht ausreichend, um ihn zum neuen Anführer zu machen. Zumal sich mit den Neuzugängen Dayna und Tarrant die Dynamik innerhalb der Crew sicher auf noch nicht abzusehende Weise verändern wird.
Der Entschluss, nach Obsidian zu fliegen, dürfte eine Mehrheitsentscheidung gewesen sein, bei der Avon ganz einfach überstimmt wurde. Ausschlaggebend war dabei vermutlich Dayna, denn auf dem Planeten sollen Freunde ihres ermordeten Vaters leben, die man vielleicht als Verbündete gewinnen könnte.  
Es ist darum auch nur logisch, dass sie sich als erste auf die von heftiger vulkanischer Aktivität gekennzeichnete Oberfläche teleportieren lässt. Weniger einfach zu erklären ist, warum Tarrant sie begleitet, zumal er dabei nicht besonders enthusiastisch wirkt. Als sie ihn ganz direkt nach seinen Beweggründen fragt, antwortet er ebenso direkt: "I don't trust anyone except my self. That's why I'm still alive." Derweil nutzt das auf der Liberator zurückgebliebene Rest-Trio der alten Crew die Abwesenheit der beiden dazu, die Vertrauenswürdigkeit ihrer neuen Kameraden zu diskutieren. Vila bringt am direktesten sein Misstrauen gegenüber Tarrant zum Ausdruck: "Tarrant says he was a space captain, but then he says a lot of things, and you don't have to believe it all, do you?" Und seine Vorbehalte gehen über Zweifel an der Aufrichtigkeit des Ex-Offiziers hinaus. Offenbar sieht er in ihm eine mögliche Bedrohung für die Gruppe: "[I]t's Tarrant you should be worried about." Inwieweit Cally und Avon seine Bedenken teilen, bleibt vorerst unklar. Sonnenklar ist für die beiden allerdings, warum sich Vilas Misstrauen nicht auch auf Dayna erstreckt:
Cally: Well, she's pretty, for one thing.
Vila: Pretty? Yes, I suppose she is. I hadn't really noticed.
Avon: We've seen you not really noticing ... frequently.
Dass sich Vilas Gehirn angesichts hübscher Frauen gerne Mal abschaltet, ist in der Tat nichts neues. Warum ihn Tarrants Anwesenheit auf der Liberator so mulmig stimmt, wird im Verlauf der nächsten drei Episoden sehr viel klarer werden. Doch das Verhalten des Ex-Offiziers, wie wir es in Volcano beobachten können, gibt darauf schon recht deutliche Hinweise.

Die auf Obsidian lebende Gemeinschaft, an deren Spitze "First Citizen" Hower (Michael Gough) steht, der in jungen Jahren mit Daynas Vater Hal Mallenby befreundet war, bekennt sich zu einem kompromisslosen Pazifismus. Sie lehnt es nicht nur ab, sich in irgendwelche interstellaren Konflikte verstricken zu lassen, unter Howers Führung ist man auch darangegangen, alle aggressiven Impulse unter den eigenen Mitgliedern auszurotten. Zur Unterdrückung der "animalischen" Seite der menschlichen Psyche bedient man sich einer Kombination aus Konditionierung ("usually with a minute electric shock") und "daily psychological propaganda". "We have no war, no fights among ourselves, no lawlessness, no crime." Dayna, deren eigene Persönlichkeit ja so gar nicht dem von Hower angepriesenen Ideal entspricht, zeigt sich skeptisch.

Michael Gough war ein großartiger Schauspieler und ein bekanntes Gesicht in der Welt des phantastischen Films und Fernsehens. In der Ära des klassischen Brit-Horrors bekam man ihn immer wieder zu sehen, sowohl in Hammer- und Amicus - Filmen als auch in einigen der Exploitation-lastigeren Produktionen der 70er Jahre: Dracula (1958), Horrors of the Black Museum (1959), Konga (1961), The Phantom of the Opera (1962), Dr. Terror's House of Horrors (1965), The Skull (1965), Curse of the Crimson Altar (1968), Trog (1970), The Corpse (1971), Horror Hospital (1973) und Satan's Slave (1976). Er wirkte mehrfach in Dr. Who mit und spielte in der TV-Adaption des Kleinen Vampir (1986) Onkel Theodor. Von Tim Burtons Batman (1989) bis Joel Schumachers Batman & Robin (1997) verkörperte er Bruce Waynes treuen Butler Alfred. Und schließlich hatte er auch noch einen Auftritt in Burtons charmanter Hammer - Horror - Hommage.Sleepy Hollow (1999).
Gough verleiht der Rolle des Hower eine unheimliche Aura von herablassender Gefühllosigkeit. Jede einzelne seiner Bewegungen wirkt extrem kontrolliert und manieriert. Ein Blick auf diesen Mann reicht aus, um zu erkennen, dass Obsidian kein Utopia ist. Ganz im Gegenteil ...

Tarrant macht keinen Hehl daraus, dass er die Gesetze und Ideale der Gemeinschaft von Obsidian für weltfremd hält. Das bedeutet jedoch nicht, dass er Howers Zurückweisung eines Büdnisses einfach akzeptieren würde. Der Alte ist offenbar viel zu dogmatisch, als dass sich eine Diskussion mit ihm lohnen würde, als ignoriert er ihn mehr oder weniger. Sein Sohn Bershar (Malcolm Bullivant), der für die Verteidigung der Kolonie verantwortlich ist, scheint da schon ein vielversprechenderer Ansprechpartner zu sein. Tarrants Argumente machen deutlich, dass soweit es ihn betrifft, die Liberator in Zukunft als Piratenschiff operieren soll. Im Austausch für eine Operationsbasis auf Obsidian und mögliche Rekruten bietet er den Schutz durch "the most powerful fighting ship in the galaxy" und einen Anteil an der Beute an, "and there will be spoils, once we're strong enough to take them." Es ist unklar, inwieweit diese Pläne mit dem Rest der Liberator - Crew abgesprochen wurden. Aber die forsche Art, in der er Daynas Versuche, ihn zu einem etwas weniger aggressiven Auftreten zu bewegen, beiseite wischt, lässt vermuten, dass er sich bereits als Kommandant der Liberator sieht. Hower kommentiert denn auch sehr treffend: "You were once a Federation space captain, you said ... You still sound like one."

Allerdings liegt Tarrant gar nicht so falsch mit der Vermutung, Bershar könnte ein offenes Ohr für derartige Argumente haben. Was er nicht ahnen konnte, ist bloß, dass dieser ein ähnliches Angebot bereits von einer anderen, mächtigeren Partei erhalten hatte: Servalan und der sich nach dem Krieg allmählich wieder festigenden Föderation.

Die Szenen auf Servalans Flagschiff deuten freilich an, dass "Madam President" noch lange nicht so fest im Sattel sitzt, wie sie gerne würde. Commander Mori (Ben Howard), der die Liberator kapern soll, scheut sich nicht, kritische Fragen zu stellen. Er zögert sogar, als ihm ein kaltblütiger Mord befohlen wird. Als die Diktatorin ihn daran erinnert, dass ihm der Posten des Obersten Befehlshabers winkt, falls er seine Mission erfolgreich zum Abschluss bringt, erwiedert er: "That, Madam President, is why I am going at all." Auch wenn er sich beeilt, hinzuzufügen: "That and my personal loyalty to you." Worauf Servalan trocken, aber auch etwas resigniert, zurückgibt: "Quite." Selbst der sehr viel folgsamer wirkende Kommandant eines Raumgeschwaders, das die Liberator attackieren soll, bricht den Angriff ab, ohne einen entsprechenden Befehl abzuwarten, als er gar zu viele Verluste einstecken muss. Servalans einziger Trost liegt darin, dass die Liberator ohne Blake wohl keine unmittelbare Bedrohung mehr darstellt:
Servalan: Well the crew have no political ambitions.
Mutoid: They are merely criminals.
Servalan: So they'll keep. Until the rule of law has been restored. Until my rule of law has been restored.