"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 26. September 2012

Pastiche und Propaganda (II)

Jamyang Norbu hat wie gesagt nichts übrig für die im Westen verbreitete Tendenz, in Tibet eine Art mystisches Wunderland zu sehen:
There's a kind of New Age perception of Tibet, which is fed to some extent quite deliberately by propagandists for Tibet, many New Age type Buddhists, Tibetan Buddhists. And, also subscribed gradually by Tibetans, including the Dalai Lama and a lot of prominent Lamas. The idea that this even materialist west will be saved by the spiritualism of the Tibetan Buddhists. It's total nonsense.
Man kann sich darum vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich feststellen musste, dass Norbu mit der zweiten Hälfte von Das Mandala des Dalai Lama genau diese Heilssehnsucht zu bedienen versucht.
Es zeigt sich nämlich sehr schnell, dass das vermeintliche Mordkomplott, zu dessen Verhinderung Sherlock Holmes nach Tibet gerufen wurde, gar nicht die eigentliche Bedrohung darstellt, gegen die unsere Helden vorgehen müssen. Damit verliert die Geschichte augenblicklich ihren holmes'schen Charakter und begibt sich straks in die Untiefen von Pulp-Phantastik, Mystizismus und esoterischem Quark. Statt sich der gängigen Methoden von etwas Gift im Mittagsmahl oder einem Messer in der Nacht zu bedienen, haben die Chinesen nämlich einen abtrünnigen Tantra-Magier nach Lhasa geschickt, der für das frühzeitige Ableben des XIII. Dalai Lama sorgen soll. Dieser nur als "der Finstere" bekannte Schurke, dessen Spezialität darin zu bestehen scheint, qua Telekinese Schwerter durch die Luft sausen zu lassen, ist jedoch offenbar sehr viel mehr an der alten Darstellung eines Kalacakra-Mandalas interessiert, das der I. Dalai Lama angeblich von einem geheimnisvollen Abgesandten aus dem Wunderreich Shambala erhalten haben soll.

An dieser Stelle des Buches angekommen konnte ich einen Seufzer der Verzweifelung nicht unterdrücken. Shambala? Bitte nicht Shambala! Norbu lässt seinen Erzähler Hurree erklären:
Das 'Shambala des Nordens' ist, der lamaistischen Weltanschauung zufolge, ein Wunderland, vergleichbar mit Thomas Moores Utopia, Francis Bacons Neuem Atlantis oder Campanelas Sonnenstaat, wo Tugend und Weisheit eine ideale Gesellschaft haben entstehen lassen. Dieses Fabelreich gilt als Ursprung aller hohen okkulten Wissenschaften, das der Wissenschaft und Technik unserer Welt weit überlegen ist. Laut einer Prophezeiung in den heiligen Schriften Tibets werden die Herren von Shambala, wenn die Menschheit am Ende den Mächten des Bösen unterliegt, im Jahr des Wasser-Schafes des 24. Zyklus (das heißt im Jahre 2425) ihre große Armee entsenden und jene dunklen Mächte vernichten. Danach wird der Buddhismus erneut erblühen, und ein Zeitalter der Vollkommenheit wird anbrechen. (1)
Kein anderes Element der tibetisch-buddhistischen Mythologie ist wohl so oft von irgendwelchen westlichen Möchtegernmystikern missbraucht worden wie das Verborgenen Reich der Kulika-Könige. Außer vielleicht das berühmte Mantra Om mani padme hum.

Das echte Kalacakra Tantra, dem der Mythos von Shambala seine Entstehung verdankt, wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich im heutigen Afghanistan verfasst und gelangte tibetischen Quellen zufolge im Jahre 966 von dort aus nach Indien. Es ist ein Produkt der kosmopolitischen Kultur der Handelsstädte entlang der Seidenstraße, in denen Vertreter der unterschiedlichsten asiatischen Völker friedlich zusammenlebten, und Güter wie Ideen aus aller Herren Länder ausgetauscht wurden. Hier waren die Buddhisten u.a. mit Zoroastriern, Manichäern, nestorianischen Christen und Juden zusammengetroffen. Die daraus resultierende gegenseitige gedankliche Befruchtung hatte nicht unwesentlich zur Entstehung einer blühenden buddhistischen Hochkultur in Zentralsien und Turkestan beigetragen. Das Kalacakra Tantra war eine ihrer letzten bedeutenden Früchte und zugleich eine Reaktion auf die Entwicklung, die zu ihrem Untergang führen sollte: Das machtvolle Vordringen des Islam. (2)
Im 10. Jahrhundert herrschten die Emire der Samaniden-Dynastie als nominelle Vertreter der abbasidischen Kalifen über die Region. Es war das Goldene Zeitalter des islamischen Zentralasien: Handel und Gewerbe blühten auf, in den Städten entstanden prachtvolle Moscheen, Schulen, Badehäuser und Karawansereien, während am Hof des Emirs in Buchara die Grundlagen für die Entwicklung der neupersischen Literatur gelegt wurden. An der kosmopolitischen Atmosphäre der großen Handelsstädte hatte sich auch unter islamischer Herrschaft nichts geändert, das friedvolle Gemisch der Kulturen und Religionen verstärkte sich eher noch. Doch auch wenn die Buddhisten vorerst keiner organisierten Verfolgung ausgesetzt waren, hatten die Mönche das Gefühl, in einem zunehmend düsteren Zeitalter zu leben. Dies war die historische Situation, in der das Kalacakra Tantra entstand.
Der heilige Text  erzählt von dem paradiesischen Reich Shambala, das umgeben von unüberwindlichen Gebirgszügen und bewacht von überirdischen Mächten dem allgemeinen Niedergang der Welt trotzt. Hier bewahren die Heiligen unter der Herrschaft der Kulika-Könige die reine Lehre, während eine Zeit der Finsternis über die Erde hereinbricht. Doch schließlich werde die Kunde von dem verborgenen Reich an das Ohr des bösen Welteroberers dringen und dieser werde sich mit einem gewaltigen Heer aufmachen, um die letzte Bastion des Lichtes seiner Herrschaft zu unterwerfen. Daraufhin werde der fünfundzwanzigste Kulika-König Rudracakrin ("Der Zornige mit dem Rad") an der Spitze seiner Armeen das geheime Königreich verlassen und sich den Angreifern zum Kampf entgegenstellen. In einer apokalyptischen Endschlacht werden die Mächte der Finsternis vernichtet werden und Rudracakrin wird vom heiligen Berg Kailash aus über ein buddhistisches Weltreich des Friedens und der Gerechtigkeit herrschen, das 19.800 Jahre lang Bestand haben wird.
Das Tantra identifiziert den bösen Welteroberer mit der islamischen Messiasgestalt des Mahdi und erwähnt im Zusammenhang mit ihm die Städte Bagdad und Mekka, sowie Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den mysteriösen 'Weißgekleideten' (shvestavastri) als seine Vorgänger. (3) 
Der ausgeprägte Dualismus zwischen Gut und Böse sowie das Motiv einer apokalyptischen Endschlacht unterscheiden das Kalacakra Tantra sehr deutlich von älteren buddhistisch-messianischen Texten, in deren Zentrum für gewöhnlich der Buddha der Zukunft Maitreya gestanden hatte. Als Vorbilder mochten dabei so unterschiedliche Quellen wie die jüdische und christliche Tradition, die zoroastrische Figur des Letzten Weltenheilands Saoshyant oder die unter den Anhängern Vishnus verbreitete Vorstellung von Kalki als dem Zehnten Avatar ihres Gottes gedient haben. Auch manichäisches Gedankengut hat offenbar seinen Weg in den heiligen Text gefunden. Am stärksten dürfte jedoch ironischerweise der islamische Einfluss gewesen sein. Zumal die Region, in der das Tantra entstand, seit geraumer Zeit der Tummelplatz aller möglichen muslimischen Sekten war, in deren Gedankenwelt die Gestalt des Mahdi stets eine zentrale Rolle spielte. Die Buddhisten eigneten sich die eschatologischen Ideen ihrer muslimischen Rivalen an, integrierten sie in ihre eigene Gedankenwelt und wandten sie dann gegen den Islam. So dürfte z.B. das direkte Vorbild für den bösen Mahdi des Kalacakra Tantra im 'Lügenden Messias'  al-Masihu’d Dadschal zu suchen sein, dem dämonischen Widersacher des endzeitlichen Heilsbringers im Islam.
Als das Tantra im Jahr 1026 ins Tibetische übertragen wurde, gelangte es damit in einen buddhistischen Kulturraum, der sich keiner islamischen Herausforderung gegenübersah. Dadurch verloren seine Prophezeiungen ihren Bezugspunkt in der Wirklichkeit und wurden offen für Neuinterpretationen. Die antimuslimische Stoßrichtung spielte von nun an keine entscheidende Rolle mehr in der Rezepetion des Textes. Was blieb war die Prophezeiung von einem gewaltigen Krieg zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis und die Hoffnung auf ein zukünftiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Armut und Elend unbekannt sein würden. Vor allem jedoch die Vision von einem verborgenen Reich, einem Irdischen Paradies inmitten dieser grausamen und leiderfüllten Welt: Shambala. Mit diesem Namen waren von nun an die Träume und Sehnsüchte der Buddhisten Tibets und Zentralasiens verbunden. Jamyang Norbus Vergleich mit den Gesellschaftsutopien von Morus, Bacon und Campanella ist allerdings etwas irreführend. Eher sollte man dabei an die Sehnsucht des christlichen Mittelalters nach dem Garten Eden denken.  Über die genaue geographische Lage Shambalas waren sich die gelehrten Mönche Tibets nie ganz einig. Die älteste uns heute noch zugängliche Version des heiligen Textes, das Laghu Kalacakra Tantra, lokalisiert das Reich der Kulika-Könige irgendwo südlich des Berges Kailash, doch konnte sich diese Tradition offenbar nicht auf Dauer durchsetzen. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die Region um den Kailash ist zwar wild und unwegsam, war den Tibetern aber nicht völlig unbekannt. Sie wussten, dass sich dort weder eine glanzvolle Stadt noch ein idyllischer Paradiesesgarten befanden. Das hinderte die eifrigen Lamas freilich nicht daran, sich auch weiterhin den Kopf über die Lage Shambalas zu zerbrechen. Wie auch hätte man die Suche nach diesem heiligen Ort des Friedens und der Erleuchtung aufgeben sollen? Im Vimalaprabha heißt es, das geheimnisvolle Land befände sich nördlich des Flusses Sita, während arya-visaya ("das Land der Arier" = Indien) südlich des Stromes zwischen dem Himalaya und Lanka liege. Doch auch diese Angaben brachten die sehnsuchtsvoll Suchenden nicht wirklich weiter. Der Fluss Sita ist zwar in der buddhistischen Kosmologie und dem heiligen Schrifttum Indiens wohlbekannt, in der realen Welt jedoch leider nur sehr schwer zu lokalisieren. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem mythischen Gewässer der Tarim in Ostturkestan. Auf jedenfall suchte man Shambala von nun an nördlich von Tibet. (4)

An westliche Ohren drang der Name des Verborgenen Königreiches erstmals im 17. Jahrhundert, als einige Jesuiten das Schneeland besuchten. Einen tieferen Eindruck scheint der Mythos jedoch nicht bei ihnen hinterlassen zu haben. Erst als im 19. Jahrhundert Helena Blavatsky (1831-91), die Gründerin der Theosophie, Shambala in ihren Schriften erwähnte, legte sie damit den Samen für die rasch wachsende Beliebtheit des geheimnisvollen Landes unter westlichen Okkultisten, Esoterikern und phantastischen Schriftstellern. Dabei wurden die aufgeschnappten Bruchstücke des alten buddhistischen Mythos oft mit der von Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909) in die Welt gesetzten Idee eines unterirdischen Wunderreiches namens Agharta vermischt. Besondere Popularität erlangte diese Mixtur in den 1920er Jahren durch Ferdynand Ossendowskis Schmöker Tiere, Menschen und Götter. Ebenfalls sehr gerne verknüpften westliche Autoren das Verborgene Königreich mit der auf Blavatskys "weiße Loge" der Mahatmas zurückgehende Idee einer geheimen Bruderschaft von weisen 'Hütern der Welt', die dort residieren soll. Ein besonders prominenter Vertreter dieser ganzen buntscheckigen Sippschaft war der russische Maler und Gründer des Agni Yoga Nikolai Roerich (1874-1947), der sogar ein Buch mit dem Titel Shambala verfasste. Dass er namentliche Erwähnung in Das Mandala des Dalai Lama findet, ist kein Zufall, wie wir gleich sehen werden.

Zuerst einmal wollen wir jedoch zu Sherlock Holmes und dem wackeren Hurree zurückkehren. Denn kaum hat Norbu das Kalacakra - Mandala und den "Finsteren" ins Spiel gebracht, da scheint er auch schon jeden Rest an schriftstellerischem Gespür verloren zu haben. Von einem leidlich charmanten Conan Doyle - Pastiche verwandelt sich der Roman in einen sich immer höher auftürmenden Berg an Abstrusitäten. Aus dem Lachen und Stöhnen kommt man von nun an nur noch selten heraus.
Holmes und Hurree dringen in die chinesische Gesandtschaft ein, um das aus dem Norbulingka entwendete Thangka (Rollbild) des Mandalas zurückzuholen. Was sie dort erwartet, ist die erste der bizarren 'Enthüllungen', aus denen der Rest des Romans besteht. Der "Finstere" entpuppt sich als ... Professor Moriarty! Ja, der "Napoleon des Verbrechens" ist in Wirklichkeit ein böser tibetischer Tantrameister, der den Sturz in die Reichenbachfälle dank seiner Zauberkräfte überlebt hat! Und ganz, wie man es von Norbu inzwischen erwartet, schafft es dieser tatsächlich, auch noch für die kriminelle Karriere des guten Professors in England die Chinesen verantwortlich zu machen. Jene halfen ihm "in Europa Fuß zu fassen, weil sie sich an jenen Nationen rächen wollten, die China so gedemütigt hatten". (5) Moriarty als eine Art verfrühter Fu Manchu! Dass sein Äußeres weder bei Conan Doyle noch in seinem eigenen Buch irgendwelche Anzeichen einer asiatischen Herkunft aufweist, scheint Norbu nicht weiter zu stören.
Aber das ist erst der Anfang. Das Mandala erweist sich als Schlüssel zu einem fantastischen unterirdischen Palast, dessen zentrales Gewölbe Hurree wie folgt beschreibt:
Nun befanden wir uns in einer gewaltigen, runden, hallenartigen Anlage, die gut ein paar Tausend Meter Durchmesser hatte und von einer riesigen Eiskuppel überwölbt wurde, die in ihrem Zentrum mindestens 800m hoch war. Um die ganze kolossale Rundhalle standen große Statuen, zwanzig an der Zahl. Es waren grimmig aussehende Krieger in fremdartiger Rüstung. Die Ausmaße der Statuen waren riesig, vergleichbar mit den großen Buddha-Statuen, die ich im Bamiyan-Tal in Afghanistan gesehen hatte.
Die völlig übertriebenen Dimensionen machen deutlich, dass wir das reale Tibet verlassen und die Fantasiegefilde von Shangri-la betreten haben, eben jene Gefilde also, die Norbu in den Erzeugnissen westlicher Tibetromantiker so unbarmherzig kritisiert.Dieses Gewölbe ist der Aufbewahrungsort des "Norbu Rinpoche", des "großen Juwels der Macht von Shambala." Die Lama Yönten in den Mund gelegte Beschreibung des magischen Edelsteins zeigt erst recht, dass sich der Autor spätestens an diesem Punkt in seiner Erzählung von den authentischen Traditionen des Buddhismus ab- und den  esoterischen Fantastereien von Blavatsky, Roerich & Co. zugewandt hat:
Es steht geschrieben, dass der Sendbote Shambalas zwei solcher Steine an jedem der beiden spirituellen Pole unseres Planeten anbrachte. Der erste ging verloren, als Ata-Ling, der heilige Kontinent, von der großen Flut verschlungen wurde. Der zweite wurde hierher nach Tibet gebracht. (6)
Mit dem Wunscherfüllenden Juwel Cintamani der indischen und tibetischen Überlieferung hat dieser Stein nichts mehr zu tun. Die peinlich offensichtliche Anspielung auf den Atlantismythos lässt einen vielmehr augenblicklich an die theosophische Obsession mit untergegangenen 'Rassen'
und Kontinenten denken. (7) Kein Wunder, dass Norbu an dieser Stelle ausdrücklich auf Nikolai Roerich und dessen Beschreibung des Norbu-rin-poche/Chintamani verweist:
Es heißt, Tamerlane und Akbar hätten Bruchstücke eines solchen Steines besessen und der Stein im magischen Ring des Suleimans (Solomon) wäre ein Teil des Chintamani gewesen. Nicholas Roerich, der berühmte weißrussische Mystiker, Künstler und Reisende, war überzeugt davon, dass der Chintamani der Lapis Exilis sei, der Wanderstein der alten Meistersänger. (8) 
Doch auch damit noch nicht genug. Es erwartet uns noch ein wahrhaft 'fantastisches' Finale. Wie man sich denken kann, will Moriarty den Stein in seine Hände bekommen, um damit in der Manier jedes echten Superschurken 'die Welt zu beherrschen'. Doch als bereits alles verloren scheint, erwartet uns eine erneute 'Enthüllung'. Der Professor ist gerade dabei, unsere Helden mit seinen durch den Stein verstärkten magischen Kräften auszulöschen, da schreit Lama Yönten:
Mr Holmes, Mr Holmes. Hören Sie mir genau zu. Sie sind nicht Sherlock Holmes! Sie sind der berühmte Gangsar-trulku, der ehemalige Abt des Klosters des Weißen Garuda, einer der größten Meister der okkulten Wissenschaften. Der Finstre hat Euch vor achtzehn Jahren ermordet, doch kurz bevor Euch Eure Lebensgeister verlassen haben, ist es uns mithilfe des Pho-wa-Yoga gelungen, diese in einen anderen, weit entfernten Körper zu transferieren. (9)
Und tatsächlich entdeckt Holmes die in ihm verborgen liegenden tantrischen Kräfte und beginnt ein munteres Magierduell mit dem bösen Moriarty.
An dieser Stelle bin ich dann wirklich wütend geworden. Sherlock Holmes ist die vielleicht berühmteste literarische Verkörperung des rationalen, analytischen Denkens. Arthur Conan Doyle selbst glaubte zwar an allen möglichen Unsinn wie die berüchtigten Feenfotografien von Cottingley oder spiritistische Séancen, sein Meisterdetektiv aber erklärte bestimmt: "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." (10) Ihn in einen wiedergeborenen Tantrameister und Magier zu verwandeln, ist für mich ungefähr dasselbe wie die Darstellung von Merlin als billigem Scharlatan in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Twains Buch eine Satire ist.
Im letzten Kapitel seines Romans deutet Jamyang Norbu schließlich zu allem Überfluss auch noch an, dass Holmes zu jener aus theosophischen Schriften so bekannten 'geheimen Bruderschaft der Weisen' gehört, die im Auftrag der Herren von Shambala als verborgene Hüter unserer Welt fungieren. Shambala aber könnte vielleicht ein anderer Planet sein. Neben Theosophie und Agni Yoga also auch noch ein bisschen UFO- und Alienquatsch!

Was mich an all dem besonders verärgert hat, ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob Norbu all die esoterischen Elemente nicht bloß deshalb in seine Erzählung eingebaut hat, um den Geschmack eines westlichen Lesepublikums zu bedienen. Bisher hatte ich in dem Schriftsteller eher einen Rationalisten gesehen. Die zweite Hälfte seines Buches hat für mich deshalb den Geschmack eines bewussten Betrugs. Während mir die eng an Conan Doyle orientierten Passagen Ausdruck einer vielleicht naiven und unkritischen, aber dafür ehrlichen Begeisterung für den viktorianischen Schriftsteller zu sein scheinen, werde ich bei den phantastischen Kapiteln den Verdacht nicht los, dass Norbu sich hier derselben Methode bedient, die er bei anderen kritisiert. Um seine nationalistische Botschaft unter die Leute zu bringen, ködert er diese mit dem alten exotistischen Klischee von Tibet als einem Land der Wunder.


(1) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 216.
(2) Vgl.: B. Gosh: Emergence of Kalacakratantra. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 21. Nr. 2 (1985). S. 19ff.
(3) Vgl.: Alexander Berzin: The Kalachakra Presentation of the Prophets of the Non-Indic Invaders.
(4) Vgl.: Ronald M. Davidson: Hidden Realms and Pure Abodes: Central Asian Buddhism as Frontier Religion in the Literature of India, Nepal, and Tibet. Biswanath Banerjee: Development of the Kalacakra System in Later Buddhism. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 24. Nr. 2. (1988). S. 9ff.
(5) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 238f.
(6) Ebd. S. 276ff..
(7) Helena Blavatsky selbst hatte behauptet, "dass, als Lemuria sank, ein Teil seines Volkes in Atlantis überlebte, während ein Teil seiner Auserwählten auf die heilige Insel von 'Shambhala' in der Wüste Gobi auswanderte. Allerdings enthalten weder die Kalachakra-Literatur noch das 'Vishnu Purana' irgend eine Erwähnung von Atlantis, Lemuria, Maitreya, oder Sosiosch. Ihre Verbindung mit Shambhala wurde allerdings unter Blavatskys Anhängern fortgeführt." (Alexander Berzin: Falsche Mythen, die in anderen Ländern über Shambala Verbreitung fanden)
(8) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 277. Norbu bezieht sich hier auf eine Passage aus Roerichs Shambala  (S. 96f.). Meines Wissens nach kannten die Meistersinger keinen 'lapis exilis'. Vermutlich meinte Roerich damit den Gral, der im Parzival Wolframs von Eschenbach mit diesem Namen bezeichnet wird. Wie er auf die Idee gekommen ist, dass der heilige Stein wandere, entzieht sich meiner Kenntnis.
(9) Ebd.: S. 287.
(10) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Sussex Vampire. In: Ders.: The Casebook of Sherlock Holmes.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Dies und das

Wir hatten Independence Day, wir hatten Battle Los Angeles und Cowboys vs. Aliens, aber wenn man Ray Harveys Kritik von Battleship glauben will, ist der absolute Tiefpunkt in Sachen außerirdischer Invasion noch immer nicht erreicht. Ich würde mir ja mal eine Verfilmung von H.G. Wells' War of the Worlds im ursprünglichen, viktorianischen Setting wünschen, die sich sowohl des antikolonialistischen Inhalts des Romans als auch der Parallelen zur Gegenwart bewusst wäre. Aber da kann ich vermutlich lange warten. Dafür bietet sich einem in Mr. Jim Moons Bibliothek der Träume jetzt die Gelegenheit, der legendären Radioadaption zu lauschen, mit der der geniale Orson Welles und sein Mercury Theater im Oktober 1938 die amerikanische Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzten. Wer sich für das Script dieser Sendung interessiert, findet es hier.

Phenderson Djèlí Clark hat in seinen ‘Musings of a Disgruntled Haradrim’ einen sehr interessanten dreiteiligen Aufsatz über die Probleme veröffentlicht, denen sich ein afroamerikanischer Schriftsteller gegenübersieht, der ‘afrikanische’ Fantasy schreiben will. Seine Überlegungen reichen von W.E.B Du Bois und dem Afrikabild der Harlem Renaissance über Charles Saunders’ Sword & Soul bis zu der stets drohenden Gefahr des Exotismus und wie man ihr (vielleicht) entgehen kann. Auch wenn ich nicht in allen Punkten mit dem Autor übereinstimme – Äußerst lesenswert!
Der Aufsatz hat mich außerdem mit der Website indiGENEous: African Fantasy des nigerianischen Autors Gene O bekannt gemacht.

Übersetzerin Susanne Gerold hat ein Crowdfunding-Projekt gestartet, um die Übersetzung des vierten Bandes von David Zindells Valashu-Epos zu ermöglichen. Auch wenn ‘spirituelle Fantasy’ nun ganz sicher nicht mein Ding ist, halte ich diese Aktion für ebenso bewunderungswürdig wie unterstützenswert. Kann man sich etwas frustrierenderes vorstellen, als den Abschluss einer geliebten Geschichte nicht lesen zu können, obwohl man weiß, dass er existiert?

Samstag, 14. April 2012

Exotische Gefilde?

Der Verlag Zubaan Books, inoffizieller Nachfolger von Indiens erstem feministischen Verlag Kali for Women, wird unter dem Titel Breaking the Bow eine Anthologie phantastischer Kurzgeschichten herausgeben, die vom Ramayana inspiriert wurden. Die Autorinnen und Autoren stellen sich damit in eine jahrhundertealte Tradition, die immer neue Varianten der Geschichte von Rama, Sita, dem Affengeneral Hanuman und dem Dämonenfürsten Ravana hervorgebracht hat – von Valmikis berühmten Sanskrit-Epos über südindische Schattenspiele bis zu thailändischen Tanztheaterstücken. Wie die indische Historikerin Romila Thapar schreibt: "The Ramayana does not belong to any one moment in history for it has its own history which lies embedded in the many versions which were woven around the theme at different times and places. [...] The appropriation of the story by a multiplicity of groups meant a multiplicity of versions through which the social aspirations and ideological concerns of each group were articulated. The story in these versions included significant variations which changed the conceptualization of character, event and meaning."* Im heutigen Indien wird das Ramayana leider immer wieder von den Hindu-Chauvinisten der Bharatiya Janata Party und ihren faschistischen Verbündeten für ihre reaktionären politischen Ziele missbraucht.** Um so erfreulicher ist es, wenn gezeigt wird, dass es auch ganz andere Möglichkeiten des Umgangs mit dem reichen kulturellen Erbes des Landes gibt.***

Für uns ‘westliche’ Fans des Phantastischen könnte das Buch außerdem Anlass sein, wieder einmal über die zwar nicht länger unangefochtene, aber immer noch sehr deutliche Dominanz des pseudoeuropäischen Pseudomittelalters in der Fantasy nachzudenken.

Immer wenn es darum geht, die Fantasy gegen ihre Kritiker zu verteidigen, wird eine gewaltige internationale literarische Tradition heraufbeschworen, in deren Nachfolge das Genre angeblich stehe und die vom Gilgamesch-Epos bis Shakespeare reiche. Wenn dem tatsächlich so ist, warum macht das Genre dann fast immer nur einen winzigen (den westeuropäisch-mittelalterlichen) Teil dieses Erbes fruchtbar? Trauen sich die Autorinnen und Autoren nicht, über den Tellerrand der europäischen Kulturtradition hinauszuschauen? Scheuen sie die dafür nötige Arbeit? Fürchten sie, der Sünde der ‘kulturellen Aneignung’ (‘cultural appropriation’) angeklagt zu werden? Doch das sollte kein Grund sein, sich auf die europäische Tradition zu beschränken. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass der Zugriff auf das kulturelle Erbe anderer Völker Sensibilität, Fleiß und ein klares Bewusstsein für die von Kolonialismus und Ausbeutung geprägte Geschichte der Interaktion zwischen Europa und dem Rest der Welt erfordert.

Die Gefahr des Exotismus, des Missbrauchs einer fremden Kultur als Projektionsfläche für die Sehnsüchte eines Teils der westlichen Gesellschaft, ist natürlich eine sehr reale. Was mich zu einem in meinen Augen höchst problematischen Text führt, über den ich kürzlich gestolpert bin: Friedhelm Schneidewinds Vortrag Fantastik als Friedensstifter? Gehalten wurde dieser sowohl auf der Gründungskonferenz der Gesellschaft für Fantastikforschung als auch auf dem letztjährigen Tolkien Thing. Schneidewind – Autor von Büchern wie Mythologie und phantastische Literatur, Das große Tolkien-Lexikon und Das kleine Vampir-ABC – ist insbesondere in deutschen Tolkienistenkreisen eine recht bekannte Persönlichkeit, und das allein bereits lässt eine kritische Auseinandersetzung mit den von ihm entwickelten Ideen geboten erscheinen.

Seine Grundthese lautet: "Fantastik und insbesondere die Fantasy kann als Vermittler kultureller Kenntnisse und kulturübergreifenden Verständnisses dienen, und Verständnis ist EINE Grundlage für Toleranz und für friedlichen Umgang miteinander."

Wenn dies nur als eine Beschreibung des möglichen Potentials der Fantasy gemeint wäre, würde ich mich dem sofort anschließen. Schneidewind scheint jedoch der Ansicht zu sein, dass die Fantasy in ihrer überwältigenden Mehrheit dies schon heute leiste. Dabei übergeht er die unbestreitbare Tatsache, dass der Fremde, ‘Andere’ in sehr vielen Werken der Fantasy als der Bedrohliche, Feindselige, Böse erscheint.
Besonders ironisch wirkt auf mich dabei der Umstand, dass dieser Vortrag auf einem Tolkien Thing gehalten wurde. Denn das Werk des ‘Professors’ zeichnet sich ja gerade nicht durch Offenheit gegenüber dem Fremden aus. Die Welt, in der seine Geschichten spielen, ist ganz bewusst als mittel- und nordwesteuropäisch angelegt. Was sich jenseits der Grenzen dieses Kulturraums befindet wird als fremdartige, barbarische Bedrohung wahrgenommen. Die Völker des Südens und Ostens leben ‘unter dem Schatten’, und es ist Gondors göttliche Mission, als Schutzwall gegen sie zu fungieren.
Was mich jedoch wirklich erschreckt hat ist, dass Schneidewind die exotistische Darstellung fremder Kulturen offenbar nicht als Problem, sondern als etwas Positives betrachtet.
Er beginnt seinen Vortrag mit Erinnerungen an die Lektüre seiner frühen Jugend. Eine besonders verehrte Stellung kommt dabei Karl May zu, den er auch heute noch zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt. Man kann über die literarischen Qualitäten Mays denken wie man will, als einen ernstzunehmenden ‘Vermittler kultureller Kenntnisse’ kann man ihn ganz sicher nicht bezeichnen. Auch ich war als Kind ein begeisterter Leser der Abenteuer von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, aber einem einigermaßen gebildeten Erwachsenen sollte doch klar sein, dass diese Bücher das Paradebeispiel für Orientalismus in der deutschen Unterhaltungsliteratur sind. Und wie Schneidewind gar im Stande war, aus dem legendär rassistischen Blauroten Methusalem eine ehrliche Bewunderung für die chinesische Kultur herauszulesen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.
Einen aktuelleren Beleg für seine These glaubt er in James Camerons Avatar gefunden zu haben. Dabei ist dieser Film doch nun wirklich ein besonders krasses und primtives Beispiel für das uralte Klischee vom ’edlen Wilden’. In englischsprachigen Kreisen hat man ihm nicht ohne Grund den Spottnamen Dances With Smurfs (Der mit dem Schlumpf tanzt) verpasst.
Aber es wird noch schlimmer. Schneidewind schreibt: "Durch übernatürlich schöne, romantische usw. Darstellungen, wie sie in der Fantasy möglich sind, können emotionale Reize gesetzt oder Klischeevorstellungen bedient werden, die in einer ‘natürlichen’ Welt nicht möglich oder zumindest nur über Umwege erreichbar sind." Und hierin sieht er einen Vorteil der Fantasy! Wie können die Romantisierung fremder Kulturen und das Bedienen von Klischeevorstellungen etwas begrüßenswertes sein?! Ich bin ehrlich verwirrt. Wenn es ihm tatsächlich darum geht, das Verständnis für die 'Anderen' zu fördern, dann sollte ihm doch eigentlich klar sein, dass diesem Anliegen nicht durch eine 'übernatürlich schöne' Darstellung ihrer Kultur (oder deren Fantasyäquivalent) gedient wird. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer Tibet. Wie kein anderes Land der Welt ist das Schneeland zur Projektionsfläche für die Sehnsucht westlicher Intellektueller nach einem 'spirituellen', 'friedvollen', 'naturverbundenen' Leben geworden. Blockbuster wie Kundun oder Seven Years in Tibet haben alles getan, um dieses Bild in den Köpfen der Menschen in Europa und Amerika zu verankern.  Zum Verständnis der tibetischen Gesellschaft – der ‘alten’ wie der heutigen – hat all dieser Shangri-la - Kitsch ganz sicher nicht beigetragen. Wenn ich mich recht entsinne war es der nationalistische Aktivist und Schriftsteller Jamyang Norbu (The Mandala of Sherlock Holmes), der im Zusammenhang mit Hollywoods Tibetstreifen erklärte, dass es ihn einfach bloß wütend mache, wenn man seine Landsleute im Westen so darstelle, als müssten sie bloß den Mund aufmachen, um sofort irgendwelche 'buddhistischen Weisheiten' von sich zu geben. In politischer Hinsicht fühle ich mich ihm ganz und gar nicht verbunden, hier jedoch kann ich ihn voll und ganz verstehen.

Wenn die Fantasy die Rolle einer Vermittlerin zwischen den Kulturen spielen soll, dann müssen ihre Vertreter erkennen, dass Exotismus auch eine Form von Rassismus ist. Für Schneidewind scheint dies allerdings ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

* Romila Thapar: The Ramayana Syndrome. S. 72. Zit. nach: Paula Richman (Hg.): Many Ramayanas: The Diversity of a Narrative Tradition in South Asia. S. 4.
** Man denke nur an die Zerstörung der Babri Masjid (Moschee) in Ayodhya, dem ‘Geburtsort’ Ramas, im Jahre 1992 durch die Anhänger des rechtsextremen Vishwa Hindu Parishad (‘Weltrat der Hindus’).
*** Ein weiteres Beispiel hierfür ist Deepa Mehtas großartiger Film Fire, der der Regisseurin den mörderischen Hass der Hindu-Fundamentalisten einbrachte.

Montag, 9. April 2012

Bloß eine bescheidene Frage

Der arabisch-amerikanische Fantasyautor Saladin Ahmed hat für Salon einen ruhigen und ausgewogenen Artikel geschrieben, in dem er sich mit dem alten, aber nach wie vor aktuellen Problem der Vorherrschaft der ‘weißen’ Fantasy und damit verbunden des Rassismus im Genre beschäftigt. Zum Ausgangspunkt dienen ihm dabei George R.R. Martins A Song of Ice and Fire und die auf dem Zyklus basierende TV-Serie von HBO. Auf den Inhalt möchte ich nicht genauer eingehen, da ich mit Martins Werk nur sehr oberflächlich, mit der Fernsehproduktion überhaupt nicht vertraut bin. Die Kommentare sind zahlreich und die negativen zeichnen sich (wie leider zu erwarten war) durch einen meist sehr aggressiven Ton aus. Rassistische Angriffe gegen den Autor unterbleiben glücklicherweise, aber man weiß ja, welch bissige Bestie der erboste Fanboy sein kann. Die folgenden drei Argumente sind die absoluten Favoriten:

(1) "Wenn’s dir nicht gefällt, dann lies es doch nicht! Oder schreib’ deine eigenen Bücher!" Das ist gar kein Argument. Hier befinden wir uns bereits tief in Trollterritorium, und mit Trollen diskutiert man nicht. Dass Saladin Ahmed A Song of Ice and Fire offenbar liebt und sein eigenes Buch (Throne of the Crescent Moon) geschrieben hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

(2) "Martins Bücher spielen in einem phantastisch verfremdeten spätmittelalterlichen England (Rosenkriege), und da gab’s halt keine Schwarzen. Personen ‘nichteuropäischer’ Herkunft aus ‘politisch korrekten’ Gründen in die Handlung einzubauen, würde dem ‘Realismus’ des Werkes zuwiderlaufen." Das ist ein zumindest diskutabler Einwand, dem ich mich sogar anschließen würde, wenn Ahmed tatsächlich gefordert hätte, dass Westeros als eine multikulturelle Gesellschaft dargestellt werden müsste – was nicht der Fall ist. Zwar wünscht er sich, dass nichtweiße Personen eine etwas größere Repräsentation in der Fantasy erhalten würden – "If we can add dragons and magic swords we can add a few brown people" –, sehr viel größeren Nachdruck legt er jedoch auf den Umstand, dass ‘nichteuropäische’ Völker, wenn sie denn überhaupt in der ‘weißen’ Fantasy auftauchen, nach wie vor häufig stereotypisiert dargestellt werden.

(3) Die beliebte Karrikatur des PC-Zensors heraufbeschwören, der Quotenregelungen für die Literatur festlegen wolle, im Stile von: In jedem Roman müssen soundsoviel Prozent weiße und soundsoviel Prozent schwarze Personen, soundsoviel Prozent Männer und soundsoviel Prozent Frauen, soundsoviel Heterosexuelle und soundsoviel Prozent Homosexuelle auftauchen. Es versteht sich von selbst, dass man derart absurde Forderungen beim besten Willen nicht aus Saladin Ahmeds Artikel ableiten kann.

All das ist nicht neu und vergleichbare Diskussionen werden in der englischsprachigen Phantastik-Netzgemeinde immer mal wieder geführt. Was mich fragen lässt: Wie steht es in dieser Hinsicht um den deutschsprachigen Raum? Gibt es diese Debatten bei uns überhaupt?

Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich will niemandem irgendetwas unterstellen. Aber obwohl ich in einigen Fantasyforen hier und da schon mal über Ansätze zu einer solchen Diskussion gestolpert bin, ist es mein Eindruck, als würden derartige Fragen hierzulande nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Leidenschaft angegangen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, doch falls mein Eindruck mich nicht trügt, frage ich mich, warum das so ist. Ist unsere Phantastikgemeinde noch nicht so ‘reif’, was ich eigentlich nicht glauben will? Oder liegt es an ihrer hohen ethnischen Homogenität? Was sofort die Frage aufwirft, ob diese überhaupt wirklich so hoch ist, wie es den Anschein hat. Wo sind die deutschsprachigen Fantasyfans türkischer, arabischer, asiatischer, afrikanischer, osteuropäischer Abstammung? Existieren sie tatsächlich nicht oder artikulieren sie sich nur nicht so deutlich? Oder liegt der Fehler bei mir, und ich weiß bloß nicht, wo ich zu suchen habe? Aber unabhängig davon ist es ja nun einmal so, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist. Sollte uns dies nicht allmählich für dieses Thema sensibilisiert haben? Und wie sieht es in diesem Zusammenhang eigentlich mit der bei uns produzierten Fantasy aus. Ich habe hier schon einmal eingestanden, dass ich mich in ihr absolut nicht auskenne. Es würde mich deshalb wirklich interessieren, ob sie in ihrer Mehrheit so ‘weiß’ ist, wie ich instinktiv befürchte, oder ob sie unsere gesellschaftliche Realität doch auf eine etwas angemessenere Weise widerspiegelt. Den möglichen Einwand, Fantasy müsse doch nichts mit der Welt zu tun haben, in der wir leben, lasse ich übrigens nicht gelten. Da stimme ich völlig mit Daniel Abraham überein, der in seinem Kommentar zu Saladin Ahmeds Artikel schreibt: "Fantasy is more about the time it's written in than the time it pretends to portray. I think that's what makes it powerful."

Irgendwelche Antworten? Ich bin neugierig.

Freitag, 6. April 2012

Victoriana, Vulgaria & Transylvania


Nach der actionmäßig aufgemotzten Rückkehr von Sherlock Holmes soll nun also ein weiterer literarischer Held des viktorianischen Englands seine filmische Wiederauferstehung erleben: H. Rider Haggards Großwildjäger und Abenteurer Allan Quatermain. Mit einem Budget von 30 Mio. $ wollen Sonar Entertainment & Ecosse Films eine TV-Serie um den Helden von King Solomon’s Mine etc. produzieren. Mal sehen, was dabei rauskommen wird. War die letzte filmische Inkarnation Quatermains nicht Richard Chamberlain als müder Indiana Jones -Abklatsch?

Doch nur die Ruhe, so schlimm wird’s schon nicht werden. Wenn ich allerdings lese, dass es in der geplanten Serie um "verlorene Stämme, verschollene Schätze und afrikanischen Aberglauben" gehen soll (wie Stefan Holzhauer auf PhantaNews schreibt), dann kommen mir Bedenken ganz anderer Art. Muss ein neuer Quatermain nicht zwangsläufig einmal mehr das kolonialistische Bild Afrikas als ‘schwarzem Kontinent’ heraufbeschwören? Lässt sich die Geschichte vom ‘großen weißen Jäger’ überhaupt erzählen, ohne dabei in rassistische Klischees zu verfallen? Schon allein der Begriff ‘afrikanischer Aberglaube’ lässt mich erschauern, und vor meinem inneren Augen erscheint das Bild betrügerischer Hexen und Schamanen, die die Leichtgläubigkeit der ‘naiven Neger’ ausnutzen, nur um von dem aufgeklärten (aber nichts desto weniger natürlich christlichen) englischen Gentleman entlarvt und besiegt zu werden. Brrr ... Nichts gegen eine kritische Lektüre von H. Rider Haggards Abenteuerschinken – sie haben ihre starken Seiten –, aber brauchen wir so was wirklich als Fernsehserie? Wie wär’s denn stattdessen mal mit einer Verfilmung von Charles R. Saunders’ Imaro oder Dossouye?*

Der neue Quatermain ist bloß ein Beispiel für die anhaltende Begeisterung für alles Viktorianische. Ein weiteres präsentiert sich uns in Gestalt der Royal Honour Society, eines von Sony Pictures geplanten Films über die fiktiven Abenteuer von Jules Verne, H.G. Wells und Robert Louis Stevenson. Über den Inhalt des Entwurfs von Ernest Lupinacci, der als Ausgangspunkt für den Streifen dienen soll, ist nichts weiter bekannt. Giant Freakin Robot schreibt: "What form that adventure will take is anyone’s guess at this point, but it’s being billed a feature in the vein of The League of Extraordinary Gentlemen only, presumably, good." Und Stefan Holzhauer fügt hinzu: "Es würde mich doch sehr wundern, wenn der Film keine Steampunk-Ansätze hätte."
Mich auch, bloß fürchte ich, dass das genau die Art von Steampunk werden wird, die ich eher nicht mag. Man nehme drei berühmte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und mache sie zu Geheimagenten Ihrer Majestätet, füge ein paar oberflächliche Versatzstücke aus ihren phantastischen Werken bei, gebe eine ordentliche Dosis Steampunk-Maschinerie mit riesigen Zahnrädern und zischenden Dampfkesseln hinzu und verrühre das Ganze zu einer ebenso actionreichen wie hirnlosen Abenteuerstory, garniert mit ein paar pseudoviktorianischen Klischees. Wenn’s hochkommt bauen wir dann noch eine protofeministische Suffragette und Abenteuerin in die Handlung ein, damit die Geschichte nicht gar zu konservativ daherkommt.
Ich fände das weiter nicht schlimm, wenn man sich dabei nicht der Namen dreier Autoren bedienen würde, die eine Reihe ganz und gar nicht hirnloser Bücher geschrieben haben. Worin soll der Reiz bestehen, Verne, Wells und Stevenson in einer Geschichte zu erleben, die weder mit ihrem Leben noch mit ihren Werken irgendetwas zu tun haben wird? Dass der große Kritiker des Viktorianismus H.G. Wells dabei aller Voraussicht nach in einen typischen viktorianischen Gentleman verwandelt werden wird, fällt angesichts der offensichtlichen Banalität des Projektes kaum mehr ins Gewicht.

Eher bizarr mutet es an, dass es seit Juli 2011 ein Biopic über Joanne K. Rowling gibt, das nun als DVD auf den deutschen Markt kommt. Wie vulgär und selbstverliebt ist das denn?! Die Autorin hat es nicht nur geschafft, mit ihren Potter-Büchern zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens zu werden, sie schlägt auch noch aus dem Prozess des Reichwerdens Profit. Denn abgesehen von ihrem kometenhaften kommerziellen Aufstieg dürfte ihre Lebensgeschichte wenig interessantes zu bieten haben. J.K. ist halt vor allem eine wirklich clevere Geschäftsfrau.

Habe ich also schon wieder bloß zu meckern? Nicht ganz! Dank Black Gates’s Goth Chick Sue Granquist ist mir der Trailer zu Hotel Transylvania unter die Augen gekommen – ein Film von Sony Pictures Animation & Columbia, der diesen Herbst ins Kino kommen soll.
Graf Dracula hat mit dem namengebenden Hotel eine Zufluchtsstätte für alle Kreaturen der Nacht in unserer so gar nicht monsterfreundlichen Welt geschaffen. Zum 118. Geburtstag seiner Tochter Mavis hat er nun einige VIPs der internationalen Monstergemeinde um sich versammelt, als plötzlich der menschliche Reisende Jonathan vor der Tür steht. In der Folge muss der Graf nicht nur dafür sorgen, dass das Geheimnis seiner Gäste gewahrt bleibt, er sieht sich zudem vor die Aufgabe gestellt, zu verhindern, dass sich Mavis in den jungen Kerl verliebt.


Okay, mit einer ordentlichen Portion Klischees werden wir auch hier zu rechnen haben, aber die Skelette unter der Dusche sind doch wirklich klasse.

* Kein wirklich ernstgemeinter Vorschlag. Zum einen kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das heute wirklich jemand machen würde, zum anderen möchte ich nach dem letztjährigen Conan lieber erst mal keine weiteren Sword & Sorcery - Filme sehen.

Dienstag, 24. Januar 2012

Sword & Sorcery unter dem Halbmond

Wie C.S.E. Cooney vorgestern in ihrer unnachahmlich mitreißenden Art auf Black Gate verkündet hat, ist endlich Saladin Ahmeds erster Roman Throne of the Crescent Moon erschienen! Eine Nachricht, auf die ich seit über einem Jahr sehnsüchtigst gewartet habe, auch wenn es sicher noch einige Zeit dauern wird, bis ich selber das Buch in Händen halten kann.
   
Der Name Saladin Ahmed begegnete mir zum ersten Mal im November 2010, als Black Gate ein Gespräch zwischen dem arabisch-amerikanischen Schriftsteller und Mythpunk-Poetin Amal El-Mohtar veröffentlichte, in dem sich die beiden über die Darstellung von islamischen und arabischen Kulturen in der Fantasy unterhalten. Dabei müssen sie leider konstatieren, dass es im Genre nach wie vor von stereotypen, wenn nicht offen rassistischen Zerrbildern nur so wimmelt. Wie Saladin Ahmed sehr richtig bemerkt: "If you’ve got a fantasy map at the beginning of the book, you can be pretty sure that, to the east of the Europeish landmass, there will be a big ol’ desert, and it will be inhabited by fierce, proud nomads who wear flowing robes and chop people’s heads off. This handful of central casting shtick is a stark contrast to history’s reality of remarkably varied Islamic cultures."
Wie so oft haben wir es dabei natürlich auch mit Altlasten der Gründerväter zu tun. Man denke nur an Robert E. Howards Shemites und C.S. Lewis' unsägliches Calormen. In Tolkiens Werken findet sich zwar nichts ähnlich offensichtliches, aber bei der Schilderung von Saurons Truppenaufmarsch und der Schlacht auf den Pelennor-Feldern schimmert doch recht deutlich das Vorbild des in der mittel-alterlichen Literatur beliebten Motivs vom großen Kampf zwischen Okzident und Orient durch.
Auch wenn man so etwas dem alten Mediävisten vielleicht noch durchgehen lassen kann, bei heutigen Fantasyautoren ist es kaum verzeihlich, wenn sie in ihren Sekundärwelten "‘Islam’ and ‘Arab’ to a stock set of signifiers" reduzieren, als da wären: "fanaticism, honor, violence, sexism, absolutism, scimitars, veils, turbans, and, above all, the harsh, unforgiving desert that produces a harsh, unforgiving people."*

Erst recht nicht in unserer Zeit.
Schon während seiner Jugend im Detroiter Arbeiterviertel Dearborn bekam Saladin Ahmed den antiarabischen Rassismus sehr deutlich zu spüren, wie er auf seiner Website erzählt: "By the early 1980s, Dearborn was also rapidly, if reluctantly, becoming home to the country’s largest concentration of Arab Americans. The racism this aroused in some of the town’s white residents stays with me to this day: The man who was mayor for most of my youth got elected using brochures bemoaning 'the Arab problem.' There were board of education meetings full of screaming white parents trying to prevent Arab kids from being bussed into 'their' schools. The Arab American community center that my father helped found was burned to the ground twice by arsonists. Twice."
In den letzten zehn Jahren dürfte das in mancherlei Hinsicht nur noch schlimmer geworden sein. Stimmungsmache gegen Muslime gehört in den meisten westlichen Staaten inzwischen zum politischen Alltag, derweil dieselben Staaten neokoloniale Kriege in islamischen Ländern wie dem Irak, Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, Libyen – morgen vielleicht schon Syrien oder dem Iran  – führen.
Natürlich sind stereotype Darstellungen aller möglichen Kulturen in der Fantasyliteratur nicht eben eine Seltenheit. In diesem Kontext halte ich es jedoch für doppelt wichtig, die klischeehaften Zerrbilder, die das Genre über den Islam verbreitet, ins Visier zu nehmen. Man betrachte sich etwa Peter V. Bretts leider sehr erfolgreichen Bücher Das Lied der Dunkelheit (The Painted Man) & Das Flüstern der Nacht (The Desert Spear). Diese lassen sich ohne große Probleme als Übertragung der Post-9/11-Paranoia eines Islamophoben in die Gefilde von Faërie interpretieren.

Glücklicherweise gibt es aber auch Gegenbeispiele. So gab das Apex Magazine im November 2010 (damals noch mit Catherynne M. Valente als Redakteurin) eine ganz 'arabisch-islamischen' Themen gewidmete Ausgabe heraus – quasi als Antwort auf Elizabeth Moons berüchtigten islamo-phoben 'Citizenship'-Blog. Das Team von Cabinet des Fées reagierte gleichfalls sehr entschieden. Auch Howard Andrew Jones' The Desert of Souls soll in dieser Hinsicht erstaunlich gut sein.** Oder wie wäre es mit Nisi Shawls wunderhübscher Kurzgeschichte The Pragmatical Princess?

Aber selbstverständlich sind es nicht in erster Linie 'politische' Gründe gewesen, die mich so ungeduldig auf Throne of the Crescent Moon haben warten lassen. Vielmehr hatte mir die Lektüre seiner Kurzgeschichten Where Virtue Lives und Judgement of Swords and Souls gezeigt, dass wir von Saladin Ahmed wirklich gute – und damit meine ich ebenso spannende wie intelligente Sword & Sorcery in einer phantastisch-islamischen Welt erwarten durften. Ich freue mich einfach darauf, ein ganzes Buch lang an der Seite des alten, weltweisen Ghul-Jägers Adoulla Makhslood, seines arg tugendhaften Schülers Raseed bas Raseed und des Kriegermädchens Zamia*** durch die brodelnden Straßen von  Dhamsawaat zu streifen. Wilde Kämpfe mit abscheulichen Monstern, politische Intrigen um den Kalifen und den 'Falcon Prince' sowie die Gefühle eines alternden Helden (Adoulla ist über 60!) – das ist es, was ich von Throne of the Crescent Moon erwarte. Und wenn ich C.S.E. Cooneys Urteil trauen darf, wird mich Saladin Ahmed nicht enttäuschen. Ich kann sie so gut verstehen, wenn sie schreibt: "If Throne had been a bad book, I’d have been cast down to the depths of despair and egregious woe and aggressive lethargy from my disappointment." Doch stattdessen – "the Happy Dance." Ich möchte mittanzen!


* Ich musste da sofort an die Novadis aus Das Schwarze Auge denken, allerdings enden meine Kenntnisse über Aventurien in den frühen 1990er Jahren.
** Auf SF Signal kann man von ihm auch einen interessanten Artikel über die 'Wurzeln arabischer Fantasy' lesen.
*** Gut, Zamia kommt nicht in Where Virtue Lives vor, aber wenn ich mir Layla bas Layla aus Judgment anschaue, weiß ich, dass sie mich nicht enttäuschen wird.