"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Sonntag, 13. August 2023

Phantastisches Potpourri

Real Life lässt mir zur Zeit leider nicht die Muße und Energie, um an irgendwelchen längeren Texten für den Blog zu arbeiten. Und alles spricht dafür, dass sich das auch diesen Monat nicht ändern wird. Doch damit die Spinnenweben hier nicht völlig die Überhand gewinnen, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, wenn ich mich zur Abwechselung einmal an etwas kürzeren Kommentaren zu einigen Phantastik-Sachen versuchen würde, die ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe.

 

Doctor Who – Die Sylvester McCoy - Ära   

Ulkigerweise ist es noch gar nicht so lange her, dass ich in einer E-Mail-Korrespondenz erklärt habe, dass ich nur alle halbe Jahre oder so Lust auf Doctor Who bekommen und mir dann ein paar der alten Serials anschauen würde, um der Tardis daraufhin für die nächsten sechs Monate wieder Ade zu sagen. Und jetzt habe ich mich stattdessen in kürzester Zeit durch die Ära des Siebten Doktors (1987-89) gebinget.

Ich hatte erwartet, dass die Serie gegen Ende ihrer klassischen Laufzeit stark abbauen würde. Schließlich wird man sie ja kaum ohne Grund 1989 abgesetzt haben. Und tatsächlich enthalten die drei Staffeln viel Mittelmäßiges. Aber auch einige echte Highlights. 
 
Sylvester McCoys Inkarnation des Doctors war mir jedenfalls sehr sympathisch. Anfangs wirkt das Nebeneinander beinah clownesk anmutender und dann wieder sehr ernster Momente zwar etwas unausgeglichen, aber das gibt sich mit der Zeit. Und im Grunde fand ich es sogar ganz nett, dass der Siebte Doctor anfangs manchmal geradezu durch seine Abenteuer stolpert, mitunter sogar im wahrsten Sinne des  Wortes. Eher abgeturnt hat es mich dagegen, dass in einigen der späteren Serials wie Silver Nemesis Szenen aufzutauchen beginnen, die andeuten, dass er kein gewöhnlicher Time Lord, sondern eine sehr viel mächtigere und mysteriösere Gestalt ist. Eine Idee, die in anderer Form in "New Who" wieder aufgegriffen wurde. Was ich persönlich für einen großen Fehler halte. Ich finde es sehr viel ansprechender, wenn der Doctor einfach ein leicht anarchische Typ ist, der aus Neugier und Spaß durch Raum und Zeit reist, um zwischendurch in Not geratenen Leuten zu helfen, weil er ein gutes Herz (oder zwei) hat. Halbgötter und SciFi-Erlösergestalten sind nicht nach meinem Geschmack.
Sophie Aldreds Quasi-Punkmädchen Ace mit ihrer Respektlosigkeit und ihrer Vorliebe dafür, Sachen in die Luft zu sprengen, ist als Companion sehr einnehmend. Und es wäre schön gewesen, wenn wir die Chance gehabt hätten, im Laufe der Zeit noch mehr über ihre Hintergrundsgeschichte zu erfahren. Die wenigen kurzen Einblicke, die wir erhalten, sind jedenfalls recht interessant und tragen mit dazu bei, Ace im Unterschied zu früheren Companions als eine Figur erscheinen zu lassen, die sich entwickelt und verändert.
 
Leider sind die Drehbücher wie gesagt von eher durchwachsener Qualität. 
Zwei von ihnen stammen aus der Feder von Ben Aaronovitch, der heute vor allem für seine Rivers of London - Bücher bekannt sein dürfte.  
Remembrance of the Daleks war mir streckenweise zu selbstreferentiell. Das geht so weit, dass wir in dieser 1964 spielenden Geschichte im Fernsehen die (angedeutete) Ausstrahlung der allerersten  Doctor Who - Episode An Unearthly Child zu sehen bekommen! Eine nebenbei hingeworfene Anspielung auf Nigel Kneales Quatermass fand ich hingegen recht nett. Insgesamt wirkt das Serial wie ein endgültiger Abschied von den Daleks. Ähnliches gilt für Kevin Clarkes Silver Nemesis und die Cybermen. Und an sich wäre es vielleicht gar keine so schlechte Idee gewesen, diese bekanntesten Doctor Who - Bösewichter auf Dauer loszuwerden, Aber da die Serie ein Jahr später ohnehin eingestellt wurde, hatte das keine echten Auswirkungen.
Aaronovitchs zweiter Beitrag Battlefield enthält zwar einige neckische Elemente. Wer kann schon arthurischen Rittern, die mit Laserpistolen in der Gegend herumschießen, widerstehen? Und vor allem die Konfrontation zwischen dem pensionierten Lethbridge-Stewart (Nicholas Courtney) und seiner Nachfolgerin Brigadier Winifred Bambeta (Angela Bruce) hat Charme. Doch die Story selbst wirkt leider etwas wirr und unausgegoren.
Dasselbe Problem hatte ich mit Ian Briggs The Curse of Fenric und Marc Platts Ghost Light. Besonders frustrierend fand ich es bei letzterem, da ich von der ersten Hälfte eigentlich recht angetan war. Das Serial hat nicht nur eine hübsch weirde Atmosphäre und bietet einige Einblicke in Ace' Backstory, es steckt auch voller erst einmal spannend wirkender Motive und Ideen, die im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Darwins Evolutionstheorie im Viktorianischen Zeitalter zu stehen scheinen. Zwischendurch hatte ich außerdem das Gefühl, die Geschichte könnte sich in eine von H.G. Wells' The Island of Dr. Moreau inspirierte Richtung entwickeln. Doch am Ende erwies sich das alles als falsch. Keine der Ideen wird wirklich konsequent durchgeführt und in der zweiten Hälfte beginnt das Ganze mehr und mehr auseinanderzufallen. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack.
 
Wie steht's aber nun um die Highlights?
 
Zugegebenermaßen ist die Auflösung von Stephen Wyatts Paradise Towers ähnlich unbefriedigend. Dennoch hatte ich sehr viel mehr Spaß mit dem Serial. Wofür in erster Linie das Setting und die Figuren verantwortlich waren. 
Die Geschichte spielt in einem gigantischen, jedoch ziemlich heruntergekommenem Wohnkomplex, in den vor Zeiten die gesamte weibliche Zivilbevölkerung des Planeten umgesiedelt wurde, nachdem man die Männer in den Krieg geschickt hatte. Seitdem ist jeder Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Das riesige Gebäude wird bevölkert von rivalisierenden Mädchengangs (den "Kangs"), die einen eigenen Slang entwickelt haben und deren Mitglieder Namen wie "Fire Escape" (Julie Brennon) und "Bin Liner" (Annabel Yuersha) tragen; ältlichen "Rezzies" ("Residents"), von denen einige inzwischen dem Kannibalismus frönen; dem selbsterklärten "Superhelden" und "Manly Man" Pex (Howard Cooke), den niemand ernst nimmt; sowie den faschistoiden "Caretakern", die für "Ordnung" sorgen sollen und dabei blind einem absurd komplexen Regelwerk mit unzähligen Paragraphen und Unterparagraphen gehorchen. Sie alle leben in ständiger Angst vor den mörderischen "Putzrobotern", die von einer mysteriösen Höllenmaschine im verbotenen Kellergeschoss kontrolliert werden, mit der der Chief Caretaker (Richard Briers) eine heimliche Übereinkunft getroffen hat.
Die Auflösung der Geschichte entschärft zwar fast völlig das sozialkritische Moment, dennoch habe ich in dem Szenario einen deutlichen Kommentar auf den gesellschaftlichen Verfall und wachsenden Autoritarismus der Thatcher-Ära gesehen.
 
Dass sich im Doctor Who der 80er Jahre lange nicht mehr so viele sozialkritische Untertöne finden wie ein Jahrzehnt zuvor, hat sicher eine Reihe von Gründen. Überraschend ist es jedoch nicht, wenn man sich die politische Atmosphäre der Zeit vergegenwärtigt. Zwar ging den Tories die Rechtsentwicklung der BBC bei weitem nicht schnell und weit genug, aber die ultrareaktionäre Wende, die mit dem Regierungsantritt Margaret Thatchers  1979 eingesetzt hatte, hinterließ auch in der "offiziellen" Kultur deutliche Spuren. Ganz abtöten ließ sich der antiautoriäre Funken, der stets im Herzen des Franchises gebrannt hatte, freilich nicht. Und in den wenigen Fällen, in denen ein Doctor Who - Serial der Sylvester McCoy - Ära wieder einmal deutlicher politische Themen aufgriff, war die oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime der Eisernen Lady unüberhörbar. Einem Daily Telegraph - Artikel von 2010, zufolge soll Script Editor Andrew Cartmel bei seinem Antritt 1986 auf die Frage des Produzenten John Nathan-Turner, was er mit seiner Arbeit an Doctor Who zu erreichen hoffe, gar geantwortet haben: "I'd like to overthrow the government". Und McCoy selbst hat einmal erklärt: "Our feeling was that Margaret Thatcher was far more terrifying than any monster the Doctor had encountered". (1) Am deutlichsten tritt dies in Graeme Currys The Happiness Patrol (1988) zutage.
 
Die Bevölkerung der Kolonie Terra Alpha lebt unter der tyrannischen Herrschaft von Helen A (Sheila Hancock), die jedweden Ausdruck von Traurigkeit, Unzufriedenheit oder Melancholie zu einem Verbrechen erklärt hat. Unter der Parole "Happiness Will Prevail" ist oberflächliche Fröhlichkeit zur Pflicht aller geworden. Abweichendes Verhalten wird mit dem Tode bestraft.    
Um ehrlich zu sein, ist The Happiness Parol mindestens ebenso wirr wie einige der oben erwähnten Serials, aber da das Ganze den Look und Vibe eines absurden Theaterstücks besitzt, hat mich das in diesem Fall nicht weiter gestört. Im Gegenteil, hier passt das. Das ganze Szenario ist einfach grandios durchgeknallt. Als Illustration mag ausreichen, dass Helen A.'s bevorzugter Scharfrichter der grotesk-robotische Kandyman ist, der seine Opfer in Sirup ertränkt.
Die Figur der Despotin soll zweifelsohne Thatcher-Assoziationen hervorrufen. Ihr Regime ist allerdings keine simple Eins-zu-Eins - Allegorie auf die Toryregierung. Weshalb einige Kommentator*innen sogar so weit gegangen sind, den aktuell-politischen Inhalt des Serials ganz zu leugnen. Was ich für völlig verfehlt halte. In The Happiness Patrol geht es um Konformismus und Autoritarismus. Beides ohne Zweifel Aspekte des Regimes der Eisernen Lady. Und die Demonstrationszüge der als "Dronen" bezeichneten Arbeiter*innen, die einem Begräbniszug gleichend durch die Straßen der Metropole marschieren, sollen ohne Zweifel Reminiszenzen an den großen Bergarbeiterstreik von 1984/85 wecken und wirken zugleich wie eine Vorwegnahme der "Anti - Poll Tax" - Demonstrationen von 1990.
 
Mein absoluter Favorit, The Greatest Show in the Galaxy, stammt erneut von Stephen Wyatt. Die Geschichte um einen intergalaktischen Zirkus, in dem die unglücklichen (und nicht ganz freiwilligen) Akteure drei ewig gelangweilte Götter, die die Gestalt einer verwöhnten Spießerfamilie angenommen haben, unterhalten müssen und bei Misserfolg exekutiert werden, ist großartig grotesk-surreal in Szene gesetzt. Streckenweise erreicht das beinah alptraumhafte Qualität oder erinnert an die besten Zeiten von Terry Gilliam. Auch lässt sich das Ganze als Parabel auf den Untergang der Ideale der Counter Culture interpretieren. Was 1988 vielleicht nicht mehr das aktuellste Thema war, mich aber dennoch berührt hat. Denn als Beispiel für das unausweichliche Scheitern jeder Bohème-Revolte besitzt das Schicksal der Hippies ja eine gewisse Zeitlosigkeit.
 
Beide Serials demonstrieren, wie man die mit dem geringen Budget der Serie einhergehenden Einschränkungen zum eigenen Vorteil wenden kann, wenn man auf eine "realistische" Ästhetik verzichtet.
 
Der allerletzte Beitrag zum klassischen Doctor Who, der Dreiteiler Survival (1989), wurde von Rona Munro geschrieben, die später u..a. auch für die Drehbücher von Ken Loachs Ladybird, Ladybird (1994) und Max Färberböcks Aimée & Jaguar (1999) verantwortlich zeichnete. 
Nicht der schlechteste Abschluss, auch wenn das Serial unverkennbare Schwächen besitzt. Immerhin statten wir dabei Ace' Heimatort, einer trostlosen, englischen Kleinstadt, einen Besuch ab und lernen endlich auch ihre ehemals beste Freundin Shreela (Sakuntala Ramanee) persönlich kennen, von der wir zuvor bereits erfahren hatten, dass die Wohnung ihrer Familie Ziel eines rassistischen Brandanschlags geworden war. Die Figur von "Sergeant" Paterson (Julian Holloway), der den frustrierten örtlichen Jugendlichen Fitness & Selbstverteidigung beibringt und ihnen dabei gleichzeitig eine martialisch-sozialdarwinistischee Weltsicht ("survival of the fittest") einzutrichtern versucht, ist eindeutig als ein Kommentar auf die "dog-eat-dog" - "Moral" der Thatcher-Ära gedacht. Was auf nicht ganz geglückte Weise mit einem Plot um außerirdische "Gepard-Menschen" verknüpft wird, die ganz für die Jagd leben. Und der Master (Anthony Ainley) hat auch noch einen letzten Auftritt.
 
 
Red Sonja - Endithors Tochter
 
Nachdem mich Die Hölle lacht so angenehm unterhalten hatte, dauerte es nicht lange, bis ich mir auch den vierten der sechs von David C. Smith & Richard L. Tierney geschriebenen Romane über die Abenteuer des hyrkanischen She-Devils vornahm. Und die Lektüre erfüllte mich doch wirklich mit dem berauschenden Gefühl, dass die von Band zu Band immer besser werden und sich dabei zugleich immer weiter von den abgeschmackten Klischees entfernen, die man mit dieser Figur verbinden könnte. In Endithors Tochter (Endithor's Daughter) trägt Sonja vielleicht am deutlichsten die Züge der "Working Class - Heldin", die Smith einmal in einem Interview beschrieben hat. Dabei wird die von Roy Thomas ererbte Hintergrundsgeschichte mit ihren unerfreulicheren Elementen (Vergewaltigung, Göttererscheinung & "Keuschheitsschwur") nicht einmal mehr pro forma erwähnt, wie das in Die Hölle lacht noch geschehen war. 
Die gesamte Handlung spielt in der Stadt Shadizar. Sonja, die sich hier eigentlich nur für ein paar Tage amüsieren und zugleich nach einem neuen Söldnerinnenjob Ausschau halten will, wird eher zufällig in die blutigen Auseinandersetzungen zwischen einigen der ortsansässigen Adeligen hineingezogen. Der mächtige Lord Nalor hat seinen Rivalen Endithor unter dem Vorwand der Hexerei hinrichten lassen. Dessen Tochter sucht nun nach Rache, wobei sie sich selbst der schwarzen Künste bedient. All das könnte unserer Heldin völlig gleichgültig sein, zumals sie ihre Verachtung für die Aristokraten recht unverblümt zur Schau stellt, wenn nicht ein Bekannter von ihr in das Ganze verstrickt würde und Nalor außerdem einen Vampir als Verbündeten hätte. Als dann auch noch einer der Straßenjungen, mit denen sie sich angefreundet hat, von dem Untoten ermordet wird, kann sie nicht länger die unbeteiligte Beobachterin spielen. Ob Endithors Tochter, die im Zuge ihres magischen Rachefeldzugs immer größere Teile ihrer Menschlichkeit einbüßt, dabei eher potenzielle Verbündete oder zusätzliche Gegnerin ist, bleibt fast bis zum Ende offen.
Leider scheint es Band 5: Der Prinz der Hölle (Against the Prince of Hell) darauf abgesehen zu haben, meinen positiven Eindruck zu widerlegen. Das Szenario wirkt wie eine wiederaufgewärmte Version von Band 1: Der Ring von Ikribu, dem bislang schwächsten Teil der Reihe. Und der Text weist da selbst ausdrücklich drauf hin! Aber das ist nur der Anfang der inhaltlichen wie strukturellen Probleme, die ich mit dem Roman habe. Falls ich ihn doch noch irgendwann fertiglesen sollte, werde ich einen etwas ausführlicheren Kommentar dazu abgeben. Für den Moment mag es reichen zu erwähnen, dass von Seite Eins an das ganze "Keuschheitsgelübde" - Gedöns eine Wiederauferstehung erfährt und die Bösewichter ein kushitischer (also schwarzer) Hexer und eine böse Bisexuelle sind ... 
 
 
Conspiracy of Ravens
 
Ich bin dem Comics-Autoren-Paar Leah Moore & John Reppion zum ersten Mal in Zusammenhang mit ihrer zweibändigen Adaption klassischer M.R. James - Geschichten Ghost Stories of an Antiquary begegnet. (2) Moore ist außerdem eine der Autorinnen des von Gail Simone zusammengestellten Bandes Legends of Red Sonja (den ich hier eigentlich auch mal etwas ausführlicher vorstellen könnte). Von der YA-Story Conspiracy of Ravens, die die beiden zusammen mit der Zeichnerin Sally Jane Thompson kreiert haben, hörte ich zum ersten Mal vor Jahren im Rahmen eines kurzen Interviews des stets hörenswerten A Podcast to the Curious. Reppion beschreibt sie dort etwas flapsig als eine Geschichte über "a magical girl super-hero team, kind of", in der es um "flying around, super-powers, birds, myths, magic" gehe. Vor kurzem hatte ich endlich Gelegenheit, mir den Band einmal selbst vorzunehmen.
Die fünfzehnjährige Anne erbt überraschend den viktorianischen Landsitz einer Tante, von deren Existenz sie bis dahin überhaupt nichts gewusst hatte. Ihre geschiedenen Eltern, die beide aus beruflichen Gründen die meiste Zeit in Übersee verbringen, derweil ihre Tochter in einem Internat  untergebracht ist, drängen sie dazu, umgehend dem Verkauf des alten Herrenhauses zuzustimmen. Aber Anne zögert, zumal es schon bald zu äußerst mysteriösen Ereignissen kommt, die ganz offenbar mit der unverhofften Erbschaft im Zusammenhang stehen. Gemeinsam mit ihrer Geek-Freundin Binky (die nur dank eines Stipendiums dieselbe teure Schule besucht) macht sie sich daran, das Geheimnis von Ravenhall zu lüften. Wie sich herausstellt, ist Anne eines von fünf Mädchen, die dazu ausersehen sind, die Nachfolge eines viktorianischen Superheldinnen-Teams anzutreten, das hier einst sein Hauptquartier hatte. Jedes  seiner Mitglieder besaß eine Art Totem-Vogel und mit ihm verbundene außergewöhnliche Kräfte. Annes Vogel ist der Rabe. Aber so cool es auch ist, plötzlich eine freundliche Roboter-Assistentin zu haben oder in einer Wolke von Raben durch die Gegend fliegen zu können, dauert es nicht lange, bis auch einige Bösewichter aus der Vergangenheit des Teams auftauchen. Ein Grund mehr, schnellstmöglich die übrigen vier Mädchen ausfindig zu machen und "The Dissimulation" ernsthaft wieder zum Leben zu erwecken.
Wirklich umgehauen hat mich Conspiracy of Ravens jetzt zwar nicht, aber sehr charmant ist der Band ohne Frage. Und ich mochte die nie aufdringlich präsentierten Real Life - Elemente am Rande des phantastischen Abenteuers. Binkys Status als "scholarship nerd" und das damit verbundene Stigma; Annes Eltern, die ihre Tochter immer wieder dazu benutzen, ihre eigenen Konflikte auszufechten; die ärmlichen Verhältnisse, unter denen Jenny (eine weitere der jungen Superheldinnen) zusammen mit ihrem Bruder und ihrem alleinerziehenden Vater lebt.
 
 
The Horse of the Invisible
 
Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es keinerlei Filmadaptionen der Geschichten um William Hope Hodgsons okkulten Detektiv Thomas Carnacki gibt. Doch dann machte mich ein Tweet von Jim Moon auf die Existenz der 1971/73 ausgestrahlten ITV-Anthologie The Rivals of Sherlock Holmes aufmerksam. In zwei Staffeln und 26 Episoden dürfen wir dort die Abenteuer aller möglichen viktorianischen und edwardianischen Detektive miterleben, deren Erlebnisse ungefähr zeitgleich mit denen von Arthur Conan Doyles berühmtem Großmeister des deduktiven Denkens zu Papier gebracht wurden. Die Vielfalt der Ermittler (inklusive dreier Frauen) ist zweifelsohne faszinierend, allerdings wird man in den Episoden unweigerlich auch auf Elemente stoßen, die bei heutigen Betrachter*innen ein leichtes Unwohlsein hervorrufen könnten. Die Bezeichnung "Gypsy" für eine der Heldinnen ist da noch eher harmlos, zumal Fergus Humes Hagar of the Pawn-Shop zumindest in der TV-Adaption von The Mystery of the Amber Beads eine ausnehmend sympathische Figur und völlig frei von irgendwelchen stereotypen Zügen ist. Etwas unangenehmer wird es da schon mit der Charakterisierung irischer Republikaner, russischer Revolutionäre oder der Bevölkerung Haitis, denen man in einigen der anderen Episoden begegnet. Nun, ich schätze dererlei ist angesichts der literarischen Quellen unausweichlich und findet sich ja z.B. auch in der von mir hochgeschätzten Sherlock Holmes - Serie mit Jeremy Brett. Wirklich überrascht hat mich allerdings, dass die fünfte Episode der ersten Staffel doch tatsächlich ein Carnacki-Abenteuer, genauer gesagt The Horse of the Invisible, ist. Und der Ghost-Finder dabei von niemand anderem als dem großen Donald Pleasence gespielt wird. Viel zu sagen habe ich über das 50 Minuten lange Filmchen freilich nicht. Inhaltlich hält es sich erstaunlich eng an die literarische Vorlage. Auffällig ist allerdings, dass Pleasence seinem Carnacki eine gewisse "social awkwardness" verleiht. Eine interessante Entscheidung und nicht ohne Reiz. Persönlich mag ich den Ghost-Finder ja vor allem deshalb, weil er so etwas wie der "moderate Skeptiker" unter den klassischen okkulten Detektiven ist, der nicht von vornherein alles auf übernatürliche Kräfte zurückführt. Und außerdem nie einen Hehl aus seiner eigenen Angst macht.
 

Sultana's Dream        

Wo ich zum ersten Mal auf den Titel der 1905 im Indian Ladies' Magazine veröffentlichen feministischen Utopie von Rokeya Sakhawat Hossain gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise in einem Beitrag auf Strange Horizons? Jedenfalls hat es beschämend lang gedauert, bis ich mir die kurze Erzählung einmal tatsächlich zu Gemüte geführt habe. Dabei ist es wirklich nicht schwer, eine Version des Textes im Internet zu finden. 
Eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Erzählung, die diese sicher verdient hätte, würde u.a. eine eingehendere Beschäftigung mit dem Leben der Autorin und den sozialen und politischen Verhältnissen im Bengalen des beginnenden 20. Jahrhunderts voraussetzen. Da ich das momentan nicht leisten kann, muss ich mich auf ein paar spontane erste Eindrücke beschränken.
Der Inhalt der Geschichte ist schnell zusammengefasst. Die Ich-Erzäherin erhält eines Nachts Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sie in das wundersame matriarchalische "Ladyland" entführt, in dem die traditionellen Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt wurden: Alle öffentlichen Posten sind von Frauen besetzt, während die Männer daheim im zenana (~Harem) hocken. Das Reich ist ein blühendes Gartenparadies voller Frieden und Harmonie. Verbrechen und Gewalt sind unbekannt. Im Stile vieler klassischer Utopien besteht der Großteil der Erzählung aus einer Beschreibung der sozialen, technologischen und politischen Verhältnisse in "Ladyland", sowie aus einem kurzen Abriss der historischen Entwicklungen, die zu diesem idyllischen Zustand geführt haben.
Man kann sich leicht vorstellen, wie provokant Sultana's Dream zum Zeitpunkt seines Erscheinens gewirkt haben muss. Und einige interessante Ideen enthält die Erzählung ganz zweifellos. 
So legt Rokeya Sakhawat Hossain zwar viel Gewicht auf Bildung und Wissenschaft (letztenendes waren es die Errungenschaften der Universitätsgelehrtinnen, die die Gründung von "Ladyland" ermöglichten), stellt ihr Utopia aber nicht als eine zeitgenössische Industriegesellschaft dar. Vielmehr ist die Industrie der Vergangenheit mit all ihrem Schmutz und ihrer Zerstörung verschwunden, da die Wirtschaft des Reiches völlig auf der Nutzung von Solarenergie basiert. Die Form, in der das geschieht, ist freilich ziemlich fantastisch und hat nichts mit unseren heutigen Technologien zu tun. Ebenso wie die "Wassergewinnung aus der Atmosphäre" und das "Wetterkontrollsystem", mit denen "Ladyland" dank dem Erfindungsreichtum seiner Wissenschaftlerinnen gesegnet ist, wirkt das ein wenig wie "herbeigezauberte" Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Doch zumindest bildet Sultana's Dream damit einen interessanten Gegensatz zu den technokratischen Utopien eines Edward Bellamy oder H.G. Wells.
Sehr nett auch die Erwiederung auf das unter "aufgeklärten" männlichen Chauvinisten der Zeit beliebte vulgärmaterialistische Argument, dass die Gehirne der Männer "bigger and heavier than women's" seien und damit deren Überlegenheit unter Beweis stellen würden: "Yes, but what of that? An elephant also has got a bigger and heavier brain than a man has. Yet man can enchain elephants and employ them, according to their own wishes."
Allerdings kann ich nicht umhin, auch auf einige sehr signifikante Schwächen von Rokeya Sakhawat Hossains Vision hinzuweisen. Abgesehen von der Umkehrung der Geschlechterrollen scheint sich nämlich nichts an der sozialen Ordnung des Reiches geändert zu haben. Nicht nur ist "Ladyland" weiterhin eine Monarchie, die Erzählung geht auch mit keinem Wort auf Eigentumsformen und Besitzverhältnisse ein. Die Klassenstruktur der Gesellschaft dürfte sich demnach nicht verändert haben, Reichtum und Armut noch genauso wie unter dem Patriarchat vorhanden sein. Gesellschaftliche Probleme wie Verbrechen, Gewalt und Bürokratismus haben sich hingegen wundersamer Weise in Luft aufgelöst, weil ihre einzige Wurzel offenbar in der "triebhaften" Natur der Männer bestand.
Was mir denn doch etwas arg simplistisch erscheint.
Abschließend möchte ich noch auf die siebenundzwanzig Linolschnitte hinweisen, die die Künstlerin Chitra Ganesh inspiriert von Sultana's Dream geschaffen hat und von denen ich ehrlicherweise sagen muss, dass sie beeindruckender auf mich gewirkt haben als die eigentliche Erzählung. 

Damit ist das Ende dieses Potpourris erreicht. Ich habe in letzter Zeit zwar auch mal wieder in Robbie Morrisons zwischen 1997 und 2012 auf den Seiten von 2000 AD erschienenen Comics-Zyklus Nikolai Dante reingeblättert und außerdem damit begonnen, meine Bekanntschaft mit der erstmals 1984-86 bei ITV ausgestrahlten TV-Serie Robin of Sherwood zu erneuern, an die ich nur noch ganz vage Kindheitserinnerungen hatte. Doch beide haben eine etwas ausführlichere Besprechung verdient. Und wer weiß, vielleicht komme ich ja sogar irgendwann dazu, diese zu schreiben.


(1) Dass der Artikel das Ganze als eine Verschwörung subversiver Elemente darstellt, die Doctor Who infiltrierten, entspricht den Traditionen des konservativen britischen Gossenjournalismus.

(2) Der gute Mr. Jim Moon hat die beiden Bände hier und hier besprochen.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Ein Ring sie zu ... ?

Am 1. Februar dieses Jahres starb im Alter von 85 Richard L. Tierney -- einer der Großen Alten der Sword & Sorcery und der Weird Fiction. Ich habe vor, in nicht gar zu ferner Zukunft einen etwas längeren Beitrag über seinen Simon of Gitta - Zyklus zu schreiben, in dem ich mich dann auch etwas eingehender mit Leben & Werk des Schriftstellers beschäftigen werde. Doch erschien mir dieses Projekt eine ausreichende Entschuldigung, um mir die sechs Red Sonja - Romane zu organisieren, die Tierney zusammen mit David C. Smith in den 80ern für Ace Books geschrieben hat. Schließlich habe ich in dieser Hinsicht inzwischen einen gewissen Ruf zu wahren. Das erste dieser Bücher -- The Ring of Ikribu -- wurde kurioserweise später selbst wieder im Rahmen von The Savage Sword of Conan als Comic adaptiert. Da die Idee auch den Zuspruch einiger Twitter-Bekannter gefunden hat, habe ich beschlossen, zuerst einmal eine kurze Besprechung dieses Zwillings-Werkes hier einzuschieben.
 
Richard Tierney und David Smith hatten sich Mitte der 70er Jahre durch den Esoteric Order of Dagon, eine damals sehr rührige Assoziation lovecraftianischer Fans und Fanzines, und den Kritiker Dirk Mosig kennengelernt. Wie Smith 2019 in einem Interview mit Joe Bonadonna erzählt hat:
We were both early members of the Esoteric Order of Dagon, the Lovecraft APA, and Dirk had kindly agreed to read and comment on the manuscript of Oron, which I’d completed in 1974. Sword-and-Sorcery fiction is not really something Dirk is interested in, or wasn’t at the time, but he liked Oron and mentioned it to Dick. By this time, I’d learned about Dick’s work, and he agreed to read Oron. I met Dick and Dirk and other good people in the fall of 1975, when I traveled with Roger Bryant, who was then the editor of the EOD, to St. Paul for Oktoberfest.
Oron war Smiths erster Sword & Sorcery - Roman, das Debüt seines gleichnamigen conanhaften Heroen und der Startpunkt für einen schließlich fünf Bände umfassenden Zyklus. Durch Tierneys Vermittlung gelangte das Manuskript auf den Schreibtisch des New Yorker Literaturagenten Kirby McCauley. Der nahm Kontakt zu Roberta Grossman von Zebra Books auf. Oron konnte er dort zwar nicht auf Anhieb unterbringen (der Roman würde erst 1978 erscheinen), aber dafür erhielt Smith das Angebot, ein Bran Mak Morn - Pastiche für den Verlag zu schreiben, da man befürchtete, dass Karl Edward Wagner diesen Auftrag nicht in der verabredeten Zeit erledigen werde. Smith lieferte alsbald ein Exposé für For the Witch of the Mists ab, aber auch dieses Projekt zerschlug sich erst einmal. Stattdessen sollte er nun einen Roman über Howards Piraten "Black" Terence Vulmia schreiben. Was ihm gar nicht ungelegen kam.
I’d always wanted to write a pirate novel and had an abandoned one in my files. Roberta accepted my initial chapter and outline, and I spent the winter of 1976-1977 in my little apartment in Erie, Pennsylvania, during one of the worst blizzards of the century, writing about pirates and witches in the Caribbean. 
Kaum war das Manuskript von The Witch of the Indies akzeptiert, als auch der Bran Mak Morn - Roman erneuts aufs Tapet kam, denn Wagner hatte die Arbeit an Queen of the Night inzwischen tatsächlich endgültig aufgegeben. Smith beschloss, das Projekt gemeinsam mit seinem Kumpel Dick Tierney anzugehen. Dieser hatte selbst bereits einige Erfahrung mit Howard-Pastiches. 1974 hatte er im Auftrag von Donald M. Grant und Glenn Lord den Sammelband Tigers of the Sea zusammengestellt. Von den darin enthaltenen Geschichten über den irischen "Wikinger" Cormac McArt waren Tigers of the Sea und The Temple of Abomination Fragmente, die Tierney fertiggeschrieben hatte.*
 
For the Witch of the Mists öffnete die Tür für den Deal mit Ace Books. McCauley vermittelte Smith und Tierney einen Vertrag über vier Red Sonja - Bücher, der später auf sechs erweitert wurde. The Ring of Ikribu erschien 1981. Die beiden schrieben durchschnittlich zwei der Romane pro Jahr. Neben ihren persönlichen Projekten. Der Modus Operandi, den sie dabei entwickelten, sah folgendermaßen aus: Am Anfang stand ein gemeinsames Brainstorming. "He and I would toss ideas around for a while" (Tierney). Woraufhin Smith einen ersten Entwurf zu Papier brachte. Diesen würde Tierney dann mehr oder weniger stark überarbeiten und "aufpolieren": "I’d then work it over thoroughly, often deleting and rewriting whole sections and finally polishing it up for publication." Nach Smiths Einschätzung war dies die den jeweiligen Vorlieben und Talenten der beiden perfekt angepasste Arbeitsteilung:      
Dick and I were friends, and he told me right up front that he’d prefer to have me do the first drafts, and I agreed. His natural habitat was the library, where he could read and do research to his heart’s content. I was most comfortable looking at a blank sheet of paper and putting down whatever scene was there in my imagination at the time. So I did all the first drafts and Dick polished them.
Die Vorgaben seitens des Verlages waren offenbar sehr allgemein gehalten und die beiden hatten ziemlich große Freiheit in ihrer Gestaltung der Figur, wie Tierney erzählt:
We were told to follow Roy Thomas’s conception of her as a Hyborian Age heroine, but as you know, we didn’t present her as the comic-book babe in the steel bikini through most of the novel series.
Bei den ersten paar Büchern schickte Smith seinen Entwurf dennoch erst einmal an Roy Thomas, um dessen Segen zu erhalten. Doch so wie es aussieht, brachte dieser kaum Änderungswünsche vor. Smith erwähnt nur einen einzigen Fall im Zusammenhang mit The Ring of Ikribu:   
I remember that in the first one, he nixed my idea of having a Cimmerian warrior show up south of the border. He was right, of course; it was just my idea of trying to sneak in a Conan-type character for a scene or two.
Mit dem hünenhaften Söldner Som gibt es eine Nebenfigur in dem Roman, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie ursprünglich dieser Cimmerier gewesen ist. Handfeste Belege habe ich dafür allerdings nicht.
 
Doch bevor wir uns dem Inhalt des Romanes zuwenden, noch ein kleiner Schlenker: Zwei Jahre zuvor war in der Novemberausgabe 1979 von Space and Time eine Story von David C. Smith mit dem Titel The Blood Ransom of Ikribu erschienen. So wie es aussieht wurde sie in dem 2020 bei Pulp Hero Press herausgebenen Sammelband Tales of Attluma als Blood Ransom erneut abgedruckt. Demnach gehört sie zu dem Zyklus von Kurzgeschichten, die in der Welt von Smiths Clonan Oron angesiedelt sind. Oder wurde diesem zumindest nachträglich vom Autor zugeordnet. Leider habe ich keine Ahnung, ob eine Beziehung zwischen der Story und dem Red Sonja - Roman besteht. Ist der Ikribu aus dem Titel derselbe finstere Ältere Gott? Und entspricht das mythisch-metaphysische Element des Romans -- und damit auch seine "Philosophie" -- dementsprechend in erster Linie Smiths Ideen? Wäre interessant zu wissen ...
 
Das Buch selbst beginnt jedenfalls mit einem Fehlgriff, denn die Erzählung wäre meines Erachtens sehr viel effektvoller gewesen, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die Konfrontation zwischen dem Äonen alten, kürzlich aus seinem Todesschlaf erwachten Hexer Asroth und dem exilierten Herzog und Söldnerführer Pelides gibt im Grunde alle wichtigen Momente der Hintergrundsgeschichte Preis. Wir erfahren, dass Pelides im Auftrag des Magiers ein antikes Artefakt, den titelgebenden "Ring von Ikribu", finden und heben sollte. Erzürnt über den anhaltenden Misserfolg seines Handlangers und dessen "Repektlosigkeit" (=Mangel an Unterwürfigkeit) belegt Asroth ihn mit einem fürchterlichen Fluch, der das Gesicht des Herzogs auf so grausige Art verunstaltet, dass sein bloßer Anblick jeden Betrachter in den Wahnsinn stürzen würde. Nachdem er noch ein paar von Pelides' besten Kriegern mit wenig mehr als einer Handbewegung ins Jenseits befördert hat, startet er einen erneutem Versuch, mit Hilfe seiner magischen Künste den ´Fundort des Rings ausfindig zu machen. Und unter Aufbietung all seiner Kräfte gelingt es ihm tatsächlich, die kurze Vision einer Stadt heraufzubeschwören. Einer Stadt, die er kennt ...
 
Die eigentliche Handlung startet an einem der Lieblingsörtlichkeiten  der Sword & Sorcery -- einer eher nicht so noblen Taverne, in der's hoch hergeht. Vor einem tagelangen, wüsten Unwetter Schutz suchend, hat sich hier ein wilder Haufen von Söldnern und Haudegen eingefunden. Der junge, idealistisch-naive Allas bemüht sich vergebens, unter ihnen Soldaten für seinen Herrn Olin anzuheuern, der einen Feldzug zur Rückeroberung seiner Stadt Suthad vorbereitet. Schließlich wird eine seiner pathetischen Reden durch die Ankunft eines weiteren Neuankömmlings unterbrochen -- der Roten Sonja.
 
Es lässt sich nicht vermeiden, wir müssen kurz darauf zu sprechen kommen: Unsere Heldin trägt auch bei ihrem Romandebüt den Chainmail Bikini:
Hochgewachsen und hellhäutig war sie, mit langem, zerzaustem flammendrotem Haar -- und sie trug Rüstung. Von ihrem Waffengürtel hingen ein Langschwert in der Scheide und ein Dolch. Ihre Rüstung bestand aus einem knappen Mieder aus Schuppenblättchen, das bis unter ihren Busen reichte, und einem kurzen Rock. Eine gut gearbeitete, silberne Rüstung war es, doch von großem Nutzen sicher nicht. Vermutlich trug sie sie auch weniger zum Schutz, denn als Zeichen ihres ungezähmten Geistes.
Einerseits ist das nachvollziehbar. Schließlich ist Der Ring von Ikribu eine Art Tie-In - Novel zu der Comicfigur. Und zu dieser Zeit war der Bikini nun einmal Sonjas Standardkostüm. Die von Frank Thorne gezeichnete Serie war zwar 1979 eingestellt worden, aber auch in der in der Oktoberausgabe 1980 von Conan the Barbarian erschienenen Story A War of Wizards trägt sie ihn immer noch. Das würde sich erst 1983 mit dem Neustart der Soloserie ändern.
Andererseits wirkt diese "Rüstung" im Kontext eines Romans noch sehr viel unsinniger als in einem Comic. Die Sword & Sorcery - Kunst der 70er Jahre -- mit ihren Wurzeln in der Pulp-Kunst früherer Jahrzehnte -- strebte keine "realistischen" Darstellungen an. Sie hatte "cool" auszusehen. Natürlich kann man die extrem sexualisierte Erscheinung einer Figur wie Red Sonja aus guten Gründen kritisieren. Aber in der visuellen Ästhetik der S&S - Comics der Zeit macht der Chainmail Bikini durchaus "Sinn". Er soll sexy wirken. Eine andere Daseinsberechtigung braucht er nicht. Bei der Übertragung in ein nicht-optisches Medium geht dies weitgehend verloren. Wodurch seine eigentliche Absurdität erst recht ins Auge springt und nun mit etwas lahm wirkenden "Erklärungen" kaschiert werden muss.
Allerdings ist es schon auffällig, dass der Chainmail Bikini im Rest des Buches höchstens noch einmal flüchtig Erwähnung findet. Die Einführungsszene wirkt deshalb mehr wie eine Pflichtübung. Sonjas Attraktivität wird zwar immer mal wieder hervorgehoben, aber sie wird dabei nicht übermäßig sexualisiert. Eine Szene, auf die wir noch genauer zu sprechen kommen werden, ist dabei besonders interessant. Vor allem, wenn man zum Vergleich Esteban Marotos Comic-Adaption hinzuzieht.
David C. Smith hat über seine Herangehensweise an die Figur einmal folgendes gesagt:  
What I am proudest about, regarding the Sonjas, is that I was very aware that we were writing stories about a strong woman character, and I loved that idea. I like strong women; I like intelligent women; those are the types of women who raised me and whom I grew up around, basically country people and working class people, regular folks. They’d been raised during the Great Depression and lived through World War II. My dad and his brothers had fought overseas in wartime. They all knew what the world was made of. This is how I grew up. So I considered Sonja to be the kind of good-looking redhead country woman who could walk into a truck stop, put down as many beers as any guy, beat him at arm wrestling, and kick the ass of any trucker who tried to go too far with her. 
"Strong Woman" ist sicher so ein Begriff, der mit etwas Vorsicht zu genießen ist, kann er doch sehr schnell zu einem Klischee werden. Aber Sonja als eine Art Working Class - Heldin zu sehen, kommt natürlich sehr meinen eigenen Ideen von Sword & Sorcery als der plebejischen Fantasy entgegen. Und ist mir entsprechend sympathisch. 
 
Was sich nach Sonjas Ankunft in der Taverne abspielt, entspricht ziemlich genau dem "Truck Stop" - Szenario. In späteren Red Sonja - Comics begegnet man unzähligen Variationen auf diese Szene. Aber als Smith & Tierney ihren Roman schrieben, war sie glaube ich noch nicht völlig zum Klischee verkommen. Jedenfalls sorgt sie dafür, dass wir sehr schnell ein gutes Bild von Sonja bekommen: She doesn't take bullshit und ist verdammt flink mit der Klinge. Anders als später üblich, ist es kein männliches Großmaul, das den Ärger auslöst, sondern eine der Schankmaiden, die die Kriegerin verspottet und provoziert, wofür sie einen ordentlichen Tritt in den Hintern bekommt. Was dann allerdings einer der Söldner als Beleidigung "seines Mädchens" auffasst, so dass es doch noch zu Schwertgeklirre und Blutvergießen kommt.
Sonja hat damit sofort den Respekt aller Anwesenden gewonnen. Als es Allas gelingt, sie für Lord Olins Feldzug anzuheuern, dauert es deshalb nicht lange, und der ganze wilde Haufen folgt ihrem Beispiel. Zu dem Trupp gehört auch der Hüne Som, ein erfahrener, aber im Grunde irgendwie gutmütig wirkender Veteran, der schon bald kameradschaftliche Bande mit unserer Heldin anknüpft.
 
Im Heerlager angekommen trifft Sonja zuerst einmal Herzog Pelides. Der ehemalige Kriegsherr trägt nunmehr einen schwarzen Helm mit maskenartigem Visier, um sein grausiges Antlitz zu verbergen. Da es Asroth war, der Suthad angegriffen und erobert hat, hat Pelides sich Olin angeschlossen, da er hofft, im Verlauf des Feldzugs seine persönliche Rache an dem Hexer nehmen zu können. Sonja misstraut ihm instinktiv und schätzt ihn als gefährlichen Fanatiker ein.
Die einzige Frau im Lager scheint Tias zu sein, Allas' Geliebte (oder Verlobte?), die mindestens ebenso naiv wie er selbst ist. Da der junge Offizier sich "natürlich" ein bisschen in Sonja verknallt hat, ist Eifersucht fürs erste ihr hervorstechendes Charaktermerkmal. Überhaupt macht sie über weite Strecken des Buches keinen sonderlich sympathischen Eindruck, wirkt wie ein reiches, verzogenes Gör, das ständig schmollt und schimpft, wenn es einmal nicht nach ihrem Kopf geht. Doch wenn man sich ihre Lage einmal richtig vor Augen führt, ist ihr Verhalten eigentlich gut nachvollziehbar. Als Tochter einer aristokratischen Familie in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, wurde sie auf brutalste Weise aus diesen herausgerissen und in eine Situation versetzt, in der sie sich gänzlich hilflos und verloren fühlen muss. Dass sie sich um so fester an Allas klammert, ist eigentlich verständlich. Interessanterweise ist sie die einzige Person, die einen Funken Menschlichkeit und Mitgefühl in dem sonst emotional völlig tot wirkenden Pelides zu wecken vermag. Auch macht sie im Laufe der Erzählung von allen Figuren die vielleicht stärkste charakterliche Entwicklung durch.
Und dann ist da natürlich noch Olin selbst. Ein charismatischer Heerführer mit menschlichen Zügen, der allerdings völlig auf die Rückeroberung seiner Stadt fixiert ist und im weiteren Verlauf der Handlung selbst zunehmend fanatischer wird.
 
Obwohl sie ja eigentlich bloß als einfache Söldnerin angeheuert wurde, dauert es nicht lange und Sonja gehört zum inneren Kreis um Olin. Als das Lager von geflügelten Monstren überfallen wird, bei denen es sich makabrer Weise um die schwarzmagisch mutierten, von den Toten auferweckten Leibgardisten des Fürsten handelt, kann sie ihr überragendes Kampfgeschick unter Beweis stellen, was ihr schon einmal seinen Repekt einbringt. Doch beginnt der Heerführer alsbald auch noch ganz andere Gefühle für sie zu entwickeln.
 
An diesem Punkt spaltet sich die Geschichte -- für mich zumindest -- in zwei Teile auf. Auf der einen Seite die eigentliche "Abenteuer"handlung, die mir ziemlich gut gefallen hat. Auf der anderen die Olin-Sonja-"Romanze", von der ich das leider nicht unbedingt behaupten kann.
 
Beginnen wir mit dem Positiven. Nachdem das Heer in Richtung Suthad aufgebrochen ist, legt sich eine langsam wachsende bedrohlich-beunruhigende Atmosphäre über die Erzählung, die Smith & Tierney recht geschickt heraufzubeschwören verstehen. Des Nachts erspäht man geheimnisvolle Lichter (Lagerfeuer?) in der Ferne, am Morgen ist fernes Donnergrollen zu vernehmen, das mit Sicherheit kein Gewitter ankündigt. Man stößt auf keinerlei Widerstand und als man schließlich die Stadt erreicht, wirkt diese auf den ersten Blick wie ausgestorben. Tatsächlich gibt es zwar einige Überlebende, doch scheinen diese sämtlichst den Verstand verloren zu haben und schlurfen zombiegleich durch die Gassen. Auf Straßen und Plätzen liegen überall Haufen verrottender, stinkender Leichen, an denen sich die Aaskäfer gütlich tun. Von Asroth und seiner "Geisterarmee" findet sich keine Spur. Ist der Hexer noch in Suthad oder hat er sich zurückgezogen? Und wenn ja, warum? Ist dies eine Falle? Warum hat Asroth die Stadt überhaupt überfallen? Der Anblick von so viel scheinbar sinnlosem Tod und Leid versetzt Olin allmählich in einen monomanischen Zustand von Hass, hilfloser Wut und Rachsucht. Derweil kommt es zu immer heftigeren Spannungen zwischen den regulären Truppen und den Söldnerhaufen, die sich selbst durch eine partielle Freigabe der Stadt zum Plündern nicht lange befriedigen lassen.
 
An dieser Stelle zeigt sich meiner Ansicht nach besonders deutlich, warum es besser gewesen wäre, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die verstörende Atmosphäre wäre noch einmal um einiges intensiver, wenn wir als Leser*innen genau so wenig über Asroth und seine Ziele wüssten, wie Sonja und ihre Gefährten. Wenn die Zerstörung, die er über Suthad und seine Bewohner gebracht hat, uns ebenso willkürlich und sinnlos erscheinen würde. Auch wäre es sehr viel effektvoller gewesen, wenn wir Asroth nicht am Anfang der Geschichte als alten Mann auf seinem Thron gesehen hätten, sondern er für den gesamten Handlungsverlauf eine finstere ferne Präsenz geblieben wäre. Zumal wir ihm nicht noch einmal als "normalem", lebendigen Menschen begegnen werden. Ich schätze, der Prolog existiert hauptsächlich dazu, den Lesenden einen leichteren Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen. Aber leichter ist eben nicht immer besser.

Als Sonja für sich allein durch die verödeten Straßen streift, erblickt sie plötzlich eine Gestalt, die irgendwie nicht hierhin zu gehören scheint:
Es war keine große Gestalt -- dem Gang nach ein Mann. Er trug eine einfache graue Kutte, wie sie sie an Priestern, Einsiedlern und auch Zauberern gesehen hatte. Er schien auf nichts ringsum zu achten; trotzdem stahl er sich dahin, als wäre er auf der Flucht.
Sie stellt den Mann, der sich als Stygier namens Sopis entpuppt. Er lässt sich widerstandslos in den Palast führen, in dem Olin sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, zeigt dabei aber keinerlei Furcht, sondern vermittelt eher den Eindruck abgeklärter Überlegenheit.
Als es kurz darauf zum Ausbruch offener Feindselighkeiten zwischen Söldnern und regulären Truppen kommt, nutzt Sopis die Verwirrung, um sich erneut davonzustehlen. Nur Sonja folgt ihm und gelangt dabei schließlich in ein höchst merkwürdiges Turmgemach:
Sonjas erster und verwirrter Eindruck war, daß der Raum eine Falle für sie darstellte. Er war auf die verrückteste Weise gewinkelt und zwar mit voller Absicht. Der Fußboden schien schräg abwärts zu einer Ecke zu verlaufen, die Decke sich in seltsamer Weise in die entgegengesetzte Richtung zu neigen, und die Wände waren schief. Die Geometrie war verkehrt. Sonja spürte, daß irgendwie Dinge -- Menschen -- Kräfte -- so sicher in diesen wahnsinnigen Winkeln festgehalten werden konnten, wie ein Kind einen Käfer in einem Weinbecher festzuhalten vermochte.
Eigentlich macht es überhaupt keinen Sinn, dass sich dieses lovecraftianische Gemach in einem der Türme des Fürstenpalastes von Suthad befindet. Am ehesten ließe sich vorstellen, dass die Anwesenheit Asroths den Raum selbst "verzerrt" hat. Nichtsdestoweniger ist das ein angemessener Ort für Sopis' Enthüllungen über die wahre Bedeutung der Ereignisse. Nun erfährt auch Sonja von dem Ring von Ikribu, den der von den Toten auferstandene Hexer in dieser Stadt gesucht, aber nicht gefunden hat. Sopis selbst offenbart sich als Mitglied einer stygischen Bruderschaft, die den Älteren Gott Ikribu verehrt und gleichfalls nach dem Ring verlangt. Allerdings nicht, um damit die Welt zu erobern, sondern um Asroth für immer zu zerstören. Man könnte meinen, dies müsse Sopis und Sonja zu Verbündeten machen, doch als der Priestermagier ihr mit triumphalem Grinsen den Ring zeigt, weiß sie, dass der Kerl nicht vorhat, sie nach seinem Vortrag am Leben zu lassen.
Allein das Auftauchen der großartig grotesken Tentakelmonster, die Asroth auf Olins Heer angesetzt hat, verhindert das vorzeitige Ableben unserer Heldin. Beim Einsturz des Turmes kommt Sopis selbst ums Leben und der Ring fällt in Sonjas Hände.
Nach einem weiteren blutigen Gemetzel sieht die Situation folgendermaßen aus: Obwohl sein Heer inzwischen deutlich zusammengeschmolzen ist, will Olin zu Asroths gar nicht so ferner Festung marschieren und mit dem Hexer abrechnen. Pelides wiederum lässt endlich erkennen, dass auch er hinter dem Ring her ist. Und er hat keinen Zweifel, dass dieser sich inzwischen in Sonjas Besitz befindet. Diese selbst ist sich unsicher, was zu tun ist, und hält das Artefakt fürs erste vor Freund und Feind verborgen.
 
An diesem Punkt drängt sich dann leider für ein halbes Kapitel die "Romanze" in den Vordergrund.
Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass Olin und Sonja romantische Gefühle füreinander entwickeln. Ich hätte so einen Subplot zwar nicht gebraucht, aber an sich ist daran natürlich nichts schlimmes. Das Problem sind die Gründe, warum es dennoch nicht zu einer Beziehung zwischen den beiden kommen kann. Denn wir haben es in diesen Romanen ja mit der von Roy Thomas geschaffenen Figur zu tun. Sie hat also den berüchtigten "Keuschheitseid" abgelegt und geschworen, nur mit dem Mann Sex zu haben, der sie im Zweikampf bezwingen kann.
Das Motiv selbst ist übrigens ziemlich alt. So enthält z.B. bereits die im 10. Jahrhundert entstandene arabische Geschichtensammlung Tales of the Marvellous and News of the Strange (Kitab al-Hikayat al-Ajiba wa-l-Akhbar al-Ghariba) die Figur der Prinzessin Mayasa, "[who] would only accept as a husband a man who could defeat her in combat". Thomas selbst erwähnt im Vorwort zu Der Ring von Ikribu einige Zeilen aus W. B Yeats' Theaterstück On Baile's Strand als Inspiration. In diesem, auf den heldenepischen Überlieferungen des Ulster-Zyklus basierenden Drama erzählt die Figur Fintain von der amazonenhaften Königin Aoife: "I overheard her telling that she never had but one lover, and that he was the only man who overcame her in battle."**
Doch im Falle von Red Sonja ist das Motiv halt unauflöslich mit dem Hintergrund ihrer Vergewaltigung und der anschließenden Göttererscheinung verbunden, durch die die in ihr schlummernde Kraft entfesselt wurde. Und dazu möchte ich eigentlich gar nichts weiter sagen, sondern bloß Jessica Amanda Salmonsons Kommentar aus Amazons! zitieren: "Ich persönlich finde den Gedanken, daß man Frauen erst einmal vergewaltigen muß, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zum 'Kämpfer' vollziehen können, nicht gerade einnehmend."***Und sie drückt das noch zurückhaltend aus.
Smith & Tierney trifft hier keine direkte Schuld. Sie hatten sich an Roy Thomas' Vorlage zu halten. Wenn Sonjas Gedanken zu den schrecklichen Ereignissen aus ihrer Vergangenheit abschweifen, wird zum Teil wörtlich Thomas' erstmals 1975 erschienene Story The Day of the Sword zitiert. Aber es ist nun einmal so, dass sobald ein romantisches Element Eingang in eine dieser Geschichten findet, das beinah automatisch in unangenehme Gefilde führen muss. Manches in Der Ring von Ikribu spricht dafür, dass Smith & Tierney die "Göttererscheinung" (und damit auch den "Keuschheitseid") psychologisch zu deuten versuchen. Aber ein pulpiger, actiongeladener Sword & Sorcery - Roman scheint mir kaum der geeignete Ort für eine ernsthafte Beschäftigung mit den psychologischen Folgen sexueller Gewalt zu sein. Und entsprechend "unangemessen" wirkt auch das Ergebnis. Auch hätte ich wirklich dankend darauf verzichten können, einen Blick in Red Sonjas erotische Träume zu werfen.
Glücklicherweise erschöpft sich der ganze "romantische" Subplot mehr oder weniger in dem einen Kapitel. In dem müssen wir dann zwar die etwas abgeschmackte Abfolge von *Kuss* -- Sonja: "Ich will ja, aber ich kann nicht!" -- Olin: "Warum nicht?" -- Sonja: "...." -- Olin: "Sag es mir!" -- Sonja: "Mein Eid" -- Olin: "Dann kämpfen wir halt" durchlaufen. Aber zum Glück für alle Beteiligten (einschließlich der Leserschaft) tauchen zur rechten Zeit noch ein paar finstere stygische Magierpriester auf, die das Duell der beiden unterbrechen und die Handlung wieder in abenteuerlichere Bahnen lenken.          
 
Abenteuerlichere und zunehmend finstere.
Olins Armee ist auf etwa tausend Mann zusammengeschrumpft, als sie sich erneut in Marsch setzt. Niemand scheint so recht zu wissen, was geschehen soll, wenn man die Festung Asroths erreicht hat. Besteht überhaupt eine Chance, mit Schwertern und Speeren gegen die magischen Kräfte des Hexers anzukommen? Doch der Fürst ist unerbittlich in seinem Verlangen, Asroth seiner gerechten Strafe zuzuführen, und versteht, seine Mannen mitzureißen. Derweil verlangt Pelides immer aggressiver, dass man ihm den Ring aushändige. Nur er sei in der Lage, Asroth mit Hilfe des Artefaktes zu bezwingen. Doch Sonja bleibt unschlüssig und ihr Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Herzog ist unverändert groß. 
Rosig ist die Lage also ohnehin nicht, doch bald schon legt sich eine immer bedrückendere Atmosphäre über die Truppe, die nicht allein auf die wenig hoffnungsvolle Situation zurückgeführt werden kann. Ein Soldat, der plötzlich von Wahnsinn übermannt seine Kameraden attackiert, ist nur der erste Vorbote für das kommende Unheil. Pelides' Warnung in den Wind schlagend führt Olin das Heer in ein Sumpfgebiet, da dies der direkteste Weg zu Asroths Festung ist. Unter den Männern machen sich Angst und Verunsicherung breit. Dann beginnen eine ganze Reihe von ihnen im Schlaf zu sterben. Sonja selbst fällt dem beinah zum Opfer. Die Situation eskaliert schnell, als erst Horden von Zombies und schließlich der zu monströsem Leben erwachende Sumpf selbst über die rasch dahinschmelzende Truppe herfallen.
 
Ich war etwas überrascht, wie kompromisslos finster der Ton des Romans auf diesen letzten hundert Seiten wird. Olins Feldzug entpuppt sich mehr und mehr als ein ebenso blutiges wie sinnloses Unterfangen. Seine Leute sterben zu Hunderten. Am Ende sind von den 1000 Mann, die Suthad verlassen haben, wenig mehr als ein Dutzend übrig. Der Heerführer selbst wirkt dabei zunehmend verblendet. Wenn Tias ihm schließlich vorwirft, ein Wahnsinniger zu sein, der sie alle ins Verderben führt, fällt es schwer, der verzweifelten jungen Frau zu widersprechen. Schließlich findet Olin selbst den Tod im Kampf gegen die Sumpfmonster. Und am Ende sind es nicht Sonja und die kleine Schar der Überlebenden, die Asroth zur Strecke bringen, sondern Pelides und die stygischen Priestermagier.
Erstaunlicherweise funktioniert der "romantische" Subplot in diesem Kontext am Besten. Sonja und Olin sprechen zwar nicht noch einmal über ihre Gefühle, aber dafür gibt es ein-zwei Momente, in denen wir spüren können, was sie füreinander empfinden, ohne dass es dafür leidenschaftliche Deklamationen oder heiße Küsse bräuchte. Und wenn Sonja bei Olins Tod jede Selbstkontrolle verliert und sich voll berserkerhafter Wut und Verzweifelung auf die Monster stürzt, ist dies gleichfalls eine ziemlich eindrückliche Szene.
Auch mit Allas stellen Smith & Tierney in diesem letzten großen Abschnitt noch einmal interessantes an. Zuerst bekommt man den Eindruck, der junge Offizier solle den Typ des naiven Jünglings verkörpern, der durch die Erfahrung des Krieges zum "Mann" heranreift. Doch bei genauerer Betrachtung trifft das eigentlich nicht zu. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieses (üble) Klischee sunbersiv unterlaufen wird. Denn der Feldzug erweist sich ja letztenendes als völlig sinnlos. Wenn Allas tatsächlich einen Reifeprozess durchmacht, so nicht, weil er im Kampf "gestählt" wurde und gelernt hat, andere totzuschlagen, sondern weil er Wahnsinn und Leid miterlebt hat, ohne an ihnen zu zerbrechen. Ähnliches gilt für Tias.
 
Das Grauen dieses hoffnungslosen Feldzugs ist eng verknüpft mit dem Ring, ohne dass ganz klar wäre, wie genau wir diese Verbindung zu verstehen haben. Pelides erzählt Olin folgendes über die Natur des Artefaktes:
Dieser Gott, Ikribu, soll ein Gott des Blutes und Kampfes gewesen sein. Die schwarzen Armeen des alten Kheba und Ishadris verehrten ihn als Kriegsgott und opferten Tausende in Schlachten ihm zu Ehren. Und zuvor soll er einer der Älteren Götter gewesen sein -- jene Gottheiten, die den Menschen und alle andere Leben erschufen, um sich von den Kräften zu nähren, die durch Leiden und Tod ausgestrahlt werden. Einige ihrer Artefakte wurden besonders dazu erschaffen, die Menschen auf den Pfad des Wahnsinns und Untergangs zu führen, eben damit die Kräfte frei würden für die Älteren Götter. Der Ring soll ein derartiges Artefakt sein; ein Ring der Macht, ein Ring des Wahnsinns!
Ist es am Ende gar nicht Asroths Magie, gegen die Olin und seine Männer kämpfen und durch die sie schließlich zugrunde gehen, sondern die des Ringes? Ist es sein Einfluss, der den Fürsten auf seinen letztlich sinnlosen Kreuzzug gegen den Hexer getrieben hat? Ist das große Gemetzel, dem am Ende nur ein kleines Häuflein entkommt, in Wahrheit ein riesiges Schlachtopfer, an dem sich der monströse und ewig gierige Ikribu ergötzen kann?
Der Roman gibt darauf keine eindeutige Antwort. Der Ring schützt Sonja zeitweise vor einigen der übernatürlichen Bedrohungen. Er rettet Pelides das Leben und spielt eine wichtige Rolle bei der letztlichen Vernichtung Asroths. Und doch ist er ganz offenbar ein böses, verderbenbringendes Artefakt. Er steht für die Kräfte von Wahnsinn und Chaos. 
Der Einfluss des lovecraftianischen kosmischen Horrors ist hier unverkennbar. Aber mit diesem Motiv werden wir uns im Zusammenhang mit den Simon of Gitta - Geschichten noch zur Genüge beschäftigen, in denen Cthulhu-Mythos und spätantike Gnosis eine ganz eigentümliche Verbindung eingehen. Darum hierzu erst einmal nichts weiter.
Diese Kräfte völlig zu überwinden, scheint dem Menschen unmöglich zu sein. Dennoch gilt es, ihnen mit erhobenem Haupt entgegenzutreten. Am Ende sagt Sonja zu den stygischen Priestermagiern, die Ikribu dienen und ihm Opfer darbringen, um ihn zu besänftigen:
Eines Tages finden wir [Menschen] vielleicht die Kräfte und das Wissen, gegen diese Ungeheuer vorzugehen und sie zu vernichten, so daß sie nicht mehr >beschwichigt< werden müssen. Ich wollte, ich könnte mein Schwert dafür leihen. 
Ein wenig erinnert mich das an die Worte von Robert E. Howards Solomon Kane in Wings in the Night:
Over the souls of men spread the condor wings of colossal monsters and all manner of evil things prey upon the heart and soul and body of Man. Yet it may be in some far day the shadows shall fade and the Prince of Darkness be chained forever in his hell. And till then mankind can but stand up stoutly to the monsters in his own heart and without, and with the aid of God he may yet triumph.
Hierin liegt auch der Grund, warum die Geschichte für mich bei aller Düsternis nicht die Grenze zum Grimdark überschreitet. Olins Feldzug, dem Aberhunderte zum Opfer fallen, erweist sich letztendes zwar als sinnlos, aber seine Motive waren nicht fehlgeleitet, auch wenn sie sich gegen Ende vielleicht mit blindem Fanatismus vermischen. Das Ganze ist eher tragisch als zynisch. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Strahlende Helden gibt es sicher keine in Der Ring von Ikribu, aber auch keine amoralischen Antihelden, die gerade deshalb "cool" und "edgy" wirken sollen. Mit Ausnahme Asroths, der eher eine finstere "Macht" als ein Individuum ist, zeigen am Ende alle zumindest Spuren von Menschlichkeit und Empathie, selbst so düster-zweideutige Gestalten wie Pelides und die Stygier. Und gerade darin besteht für mich eine der Stärken des Romans.
 
Abschließend noch ein paar Worte zur deutschen Ausgabe. Bizarrerweise versucht der Klappentext die Red Sonja - Bücher als Tie-in - Novels zum Brigitte Nielsen / Arnold Schwarzenegger - Streifen von 1985 zu verkaufen, indem er die filmische Backstory der Figur anzitiert: "Als die Soldaten der grausamen Königin Gedren ihre Eltern und ihren Bruder ermorden, schwört sie ihre Familie zu rächen." Ich habe keine Ahnung, wie bekannt die Red Sonja - Comics Mitte der 80er Jahre hierzulande waren. Aber bei Heyne dachte man sich offenbar, mit dem Film könnte man eher Leser*innen ködern. Die Qualität von Lore Strassls Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich das englische Original ja nicht kenne. Auffällig sind aber ein paar Archaismen wie "Dämmernis" und "Jungmann" -- obwohl ich finde, das letzterer Begriff Allas irgendwie sehr gut charakterisiert. Im englischen Text gibt es wohl eine Szene, in der plötzlich eher unpassende Ausdrücke wie "assholes" und "get fucked" fallen. Die wurden in der Übersetzung allem Anschein nach rausredigiert und durch angemessenere "hyborianische" Schimpfworte wie "ihr Hunde" ersetzt. Was durchaus den Wünschen von Tierney und Smith entsprochen haben dürfte. Denen hatte damit nämlich ein Copyeditor bei Ace einen bösen Streich gespielt, wie Smith in einem Interview erzählt:
I didn’t write that and neither did Dick. In fact, he found a copy of the book on the racks first, in December 1981, and phoned me in anger to ask how the hell I’d managed to put anachronistic cuss words into those scenes. I ran out and found a copy of the book and saw it for myself. I phoned Kirby, and that led to Susan Allison’s phoning me to explain that she’d had nothing to do with it, that those changes had been inserted into the copy by an angry copyeditor who’d done it because he’d been fired. So, thanks, unknown asshole, whoever you are and wherever you are out there now.
Über die von Roy Thomas getextete, von Estaban Maroto gezeichnete Comic.Adaption habe ich nur wenig zu sagen. Sie erschien erstmals 1995 in Nr 230-33 von Savage Sword of Conan. Eine kolorierte Fassung wurde 2010 bei Dynamite als Nr. 1-4 von Classic Red Sonja Re-Mastered herausgegeben. Über die Qualität der Zeichnungen reicht es vielleicht zu sagen, dass Esteban Maroto sich später sehr deutlich von dem Comic distanziert hat und ihn als eine Auftragsarbeit bezeichnete, die er am liebsten ungeschehen machen würde. In seinem Vorwort zu The Ballad of the Red Goddess ("Letter to a Redheaded Goddess") klingt das folgendermaßen:
They asked me to do a story with you dressed in a steel breastplate and some leather straps, which made you look like a Roman centurion or a transvestite disguised as a drag queen. I'm a contractor who must work for money, so I accepted the job. It was like making love with a street hooker, some episodes I'd rather forget and hope you can forgive me.    
Mit dem Fehlen des Chainmail Bikinis hatte ich jetzt keine Probleme. Und gerade in den späten Ausgaben von Savage Sword of Conan sind mir auch schon schludriger gezeichnete Comics untergekommen. Doch wenn man The Ring of Ikribu durchblättert, hat man tatsächlich fast nirgends den Eindruck, ein Werk von Maroto vor Augen zu haben. Und schon das allein ist im Grunde ein vernichtendes Urteil.
Nur an zwei Stellen hatte ich das Gefühl, Anklänge an seinen persönlichen Stil erkennen zu können. Und vielleicht nicht zufällig sind beides Szenen, in denen Maroto Sonja nackt und "erotisch" in Szene setzen konnte. Dabei finde ich vor allem die Darstellung des Alptraums, der unsere Heldin beinahe in den Abgrund des Todes reißt, sogar ziemlich gelungen und eine der besten Passagen des Comics. In gewisser Weise noch interessanter ist allerdings das andere Beispiel, denn dabei handelt es sich um eine Badeszene. Solche finden sich in Comics (und auch Filmen) ja häufig aus keinem anderen Grund als dem, eine Entschuldigung dafür zu liefern, warum man eine weibliche Figur unbekleidet zeigen kann. Und Maroto hat sie auch sofort genutzt, um Sonjas Körper möglichst erotisch darzustellen. Doch erstaunlicherweise gibt es diese Szene tatsächlich auch im Roman, wo sie allerdings eine völlig andere Funktion besitzt. Dort fungiert das Bad als eine Art "privater Raum", in dem erst Tias, dann Pelides "Vier-Augen-Gespräche" mit Sonja führen können, abseits der "Öffentlichkeit" von Olins Kriegsrat. Dass unsere Heldin dabei nackt ist, wird auch nicht ansatzweise dazu genutzt, sie zu sexualisieren oder eine "erotische Spannung" zu erzeugen. Ich will Maroto nicht vorwerfen, dass er die Gelegenheit auf seine Art "ausgenutzt" hat. Finde es bloß interessant, wie die Übertragung in ein visuelles Medium einer Szene plötzlich einen ganz anderen Vibe verleihen kann.
Inhaltlich hält sich der Comic zwar ziemlich genau an seine Vorlage. Doch entsteht leider nie so richtig die bedrückend-bedrohliche Atmosphäre, die so viel zur Qualität des Romanes beiträgt. Alles in allem sicher nicht der schlechteste Red Sonja - Comic, den ich je gelesen hätte, aber auch keiner, den ich irgendjemanden in die Hand drücken würde.



 

* Solche "posthumen Kollaborationen" (um August Derleths Begriff zu verwenden) waren in den 70ern eine weitverbreitete Praxis, nicht nur im Zusammenhang mit dem Howard-Boom, der durch L. Sprague de Camps Neuauflage der Conan-Stories bei Lancer Books ausgelöst worden war. So "vollendete" z.B. Lin Carter vier Clark Ashton Smith - Fragmente, die im wiederbelebten Weird Tales (1973) und Ted Whites Fantastic (1975/76) erschienen. Drei der Stories nahm er auch gleich in seine eigenen Year's Best Fantasy Stories - Anthologien auf. Vier weitere würde er in den 80er Jahren anfertigen.

** William Butler Yeats: On Baile's Strand. Meiner (sicher sehr bruchstückhaften) Kenntnis altirischer Heldenepik zufolge, hatte Aoife anders als Mayasa (oder Sonja) allerdings keinen vergleichbaren Eid abgelegt. Vielmehr gehört zu den drei Forderungen, die Cú Chulainn nach ihrer Niederlage an sie stellt, die, ihm einen Sohn zu gebären ...  

*** Jessica Amanda Salmonson: Amazonen!. S. 68. 

Mittwoch, 2. Februar 2022

Feuer, Blut & Fell-Bikinis

Ich habe es ja nicht so mit Jahresrückblicken oder entsprechenden Listicles. Und Anfang Februar ist für solche Unternehmungen wohl eh nicht mehr ganz die richtige Zeit. Aber im Grunde hat dieser Beitrag ohnehin bloß zufällig eine Gestalt erhalten, die dem etwas ähnlich kommt. Angeteasert hatte ich ihn bereits im letzten Oktober in einer Fußnote zu meinem Blogpost Alles Conan, oder was? – Nope! Dass ich ihn dann auch tatsächlich geschrieben habe, verdankt sich vor allem dem Umstand, dass die gute Alessandra von FragmentAnsichten mir wiederholt zu verstehen gab, dass sie den "Fell-Bikini-Beitrag" (wie er schon bald zwischen uns genannt wurde) wirklich gerne zu lesen bekommen würde. Da konnte ich schwerlich einen Rückzieher machen. ;-) Gedauert hat's dann allerdings trotzdem ziemlich lange. Als ich mich endlich ernsthaft daran setzte, den Post zu schreiben, war die Jahreswende herangerückt und es schien mir deshalb plötzlich eine gute Idee, den Inhalt auf sämtliche Sword & Sorcery - Comics - Heldinnen auszudehnen, deren Abenteuer ich 2021 gelesen hatte. Mit Ausnahme von Amazonia, denn der hatte ich ja schon vor einem Jahr einen eigenen Beitrag gewidmet. Kein Wunder, dass sich die Arbeit an dem Artikel damit noch etwas mehr in die Länge zog. Doch nun ist er ja doch noch fertig geworden ...


Mark Russell, Bob Q & Alessandro Miracolo: Red Sonja (2020/21)
 
Beginnen wir mit der zweiten Hälfte von Mark Russells Red Sonja - Serie, die im November 2019 mit #1 The Coronation begann und im Februar 2021 mit #24 Endgame zum Abschluss gekommen ist. Über die erste Hälfte habe ich mich weiland schon einmal etwas ausführlicher ausgelassen. Die damals versprochene Besprechung der zweiten habe ich auch deshalb nie nachgeliefert, weil ich nicht viel über sie zu sagen habe. Insbesondere der letzte große Handlungsbogen (#19 - #24) hat mich ziemlich enttäuscht.
 
Am Ende des ersten Teils war der Krieg gegen das Imperium von Zamora gewonnen und der größenwahnsinnige Tyrann Dragan hatte sein Leben auf Red Sonjas Klinge ausgeröchelt. Doch Hyrkanias Bevölkerung ist dezimiert und den Überlebenden droht eine furchtbare Hungersnot -- nicht zuletzt dank Sonjas Taktik der Verbrannten Erde. Während des Krieges konnten die Felder nicht bestellt werden. Die einzige Möglichkeit, die Katastrophe abzuwenden, bestände in Getreidelieferungen aus einem der umliegenden Länder. Und das einzige Land, das realistischerweise dafür in Frage kommt, ist Khitai -- jenes Reich, aus dem Sonja vor Jahren flüchten musste, nachdem ihr Lehrmeister Domo vom jetzigen König während eines Staatsstreichs ermordet wurde. Sie übergibt die Regentschaft an die alte Isolde und macht sich zusammen mit Hannah und Scorpio auf den Weg. Ihr Plan besteht darin, ihr eigenes Leben im Austausch für das Getreide anzubieten. Doch König Jo'Qhan hat eine andere Idee. Da er im Zuge seiner Machtergreifung den gesamten Generalstab seiner Armee umbringen ließ, braucht er dringend einen neuen fähigen Heerführer. Und wer wäre besser für diese Rolle geeignet als der legendäre She-Devil? Zumal der junge Herrscher die mit Zamoras Niederlage entstandene Situation dazu nutzen will, seine eigenen imperialen Ambitionen in die Tat umzusetzen.
Die Khitai-Erzählung (#13-#18) hält weitgehend das hohe Niveau der ersten Hälfte, bietet thematisch aber nur wenig neues. Wieder geht es um imperialen Größenwahn und den Preis, den das einfache Volk für die Machtgier seiner Herrscher zahlen muss. Jo'Qhan ist im Grunde bloß ein zweiter Dragan, doch ohne die großartige Theatralik, die den Imperator von Zamora zu einer so amüsanten Figur gemacht hatte. Der interessanteste neue Charakter ist der machiavellistische Eunuch Tortoise ('Schildkröte'), der das eigentliche Hirn hinter dem Coup d'état war und nun miterleben muss, wie sein ehemaliger Schützling -- in dem er den Sohn sieht, den er nie haben konnte -- zu einem irren Möchtegern-Welteroberer wird.
Sonjas Entwicklung ist gleichfalls eine Fortsetzung (oder Wiederholung?) des im ersten Teil gesehenen. Die einstige Einzelgängerin findet sich in einer Position wieder, in der sie für das Leben anderer verantwortlich ist -- in diesem Fall für das der unerfahrenen Rekruten, mit denen die neue Heerführerin die Eroberungspläne des Königs in die Tat umsetzen soll. Dass es schließlich auch noch zu einer romantischen Beziehung zwischen ihr und dem Soldaten Zo'ran kommt -- einem alten Bekannten aus ihrer ersten Zeit in Khitai -- ist im Grunde nur eine weitere Steigerung dieses Motivs.
Mark Russells Neigung zu sarkastischem Humor und einer bitter-zynischen Sicht auf die Welt wird in diesem Teil noch einmal durch genügend Humanität ausbalanciert. Und Bob Q überzeugt erneut mit einem sehr ansprechenden Zeichenstil und dem Kunststück, Red Sonja nie sexualisiert darzustellen, selbst wenn sie in ihrem Chainmail-Bikini durch die Gegend läuft (was sie ohnehin nur noch selten tut, da sie als Heerführerin in eine dem Posten angemessene Rüstung schlüpft). Sogar die "Sexzene" mit Zo'ran (nicht wirklich, wir sehen nur den "Morgen danach") wirkt erstaunlich "unaufreizend" und mehr matter-of-fact. Was sehr gut zum Charakter dieser Beziehung passt: Keine wilde Leidenschaft, sondern zwei Kamerad'innen, die einander angesichts einer aussichtslos erscheinenden Situation und umgeben von Massentod und sinnlosem Leid etwas Trost und menschliche Wärme schenken.
Leider ändert sich all das ab #19 Inside the Fish rapide. Die Rückkehr des Chainmail-Bikinis führt unter Alessandro Miracolos Zeichenstift unglücklicherweise zu den erwartbaren Resultaten. Doch das ist nur ein kleineres Ärgernis. Das Hauptproblem besteht in der Wendung, die die Geschichte von nun an nimmt. Man hat beinahe das Gefühl, Mark Russell wolle ganz bewusst all das einreißen, was er über achtzehn Hefte aufgebaut hatte.  
Nach Hyrkania zurückgekehrt sieht sich Sonja einem neuen Problem gegenüber, das in der Zwischenzeit in der Spin-Off-Miniserie Killing Red Sonja aufgebaut worden war. In dieser hatte sich Dragans Erbe (wenn auch nicht biologischer Sohn) Cyril aufgemacht, seinen "Vater" zu rächen, und war dabei von den Zauberern von Wigur-Nomadene in der "Kunst" der Grausamkeit unterrichtet worden. Der Trope des "evil child" ist zwar alles andere als neu, kann aber unter Umständen immer noch sehr effektvoll sein. Und es ist schon etwas verstörend mitanzusehen, wie der kleine Junge nach seiner magischen "Ausbildung" eine sehr "erwachsene" Form von Grausamkeit und Sadismus an den Tag legt, wenn er seine eigene Mutter einkerkern lässt, den Thron von Zamora besteigt und seinen wohlüberlegten Racheplan in Gang setzt. Aber erzählerisch dient das Ganze eigentlich nur dazu, Sonja in ihre Anfangsposition als verbitterte Einzelgängerin zurückzuwerfen, die alle ihr nahestehenden Menschen durch Gewalt verliert. Eines der zentralen Motive der ersten zwölf Hefte war ja gerade das Aufbrechen von Sonjas Isolation gewesen. Sie hatte in Hyrkania erneut eine "Heimat" und in Leuten wie Isolde, Hannah, Cerkus und Scorpio eine Art "Wahlfamilie" gefunden. All dies wird nun zunichte gemacht. Das ist nicht nur recht langweilig, sondern irgendwie selbst etwas grausam. Russells Zynismus scheint endgültig die Oberhand gewonnen zu haben.
Dass Sonjas Familie ermordet wurde, ist der traditionelle Background der Figur, der sich wohl nie ändern wird. Russell fügte diesem ursprünglichen Trauma im Halloween-Special 2020 von Savage Tales noch ein zweites hinzu, wenn die junge Sonja gezwungen ist, ihren ersten Geliebten zu töten, um ihm vor einen noch schrecklicheren Schicksal zu bewahren. Schon das halte ich für eine fragwürdige erzählerische Entscheidung. Dass er sie im letzten Viertel seiner Geschichte dann noch einmal durch Ströme von Blut waten lässt, nur um an Ende davon überzeugt zu sein, allen Menschen, die ihr etwas bedeuten, Tod und Verderben zu bringen, hat mich dann endgültig etwas abgestoßen. Die Erzählung endet zwar auf einer gar nicht einmal unsympathischen Note: " 
Perhaps the biggest obstacle to creating a new world is our inability to accept how good it could be. Our need to ruin it just to prove we were here.
We just don't build monuments to basic decency. 
Doch das reicht für mich nicht aus, um die völlige Negierung der Entwicklung, die Sonja in den ersten drei Vierteln der Serie durchgemacht hatte, aufzuwiegen. 
Und so sehr ich mitunter auch eigenartige Stil-Mixe zu schätzen weiß, bin ich mir nicht sicher, ob das hier so richtig funktioniert, wenn von Killing Red Sonja her plötzlich cartoonhafte Elemente wie ein sprechender Eber und ein groteskes Riesenpaar Eingang in die eher finster-blutige Geschichte finden.
 
    
Luke Lieberman & Sergio Davila: Red Sonja: Birth of the She-Devil
 
Lieberman hat seit dem 2005er Relaunch von Red Sonja bei Dynamite als Executive Producer die oberste Leitung über das Franchise inne. Mit den meisten seiner eigenen Beiträge wie Wrath of the Gods (2010), Revenge of the Gods (2011) und Atlantis Rises (2012) bin ich nicht vertraut. Aber da er die leitende Hand hinter der ursprünglichen, sehr durchwachsenen Dynamite - Serie war, die sich von 2005 bis 2013 erstreckte, erwartete ich von seiner Rückkehr als Autor nicht unbedingt einen innovativen Zugriff auf die Figur. Genaugenommen liefert er den auch nicht, dennoch haben mir seine zwei Miniserien Birth of the She-Devil (2019) und vor allem The Price of Blood (2020) von allen neueren Red Sonja - Sachen, die ich dieses Jahr gelesen habe, mit am besten gefallen.
 
Der Titel könnte einen befürchten lassen, zum x-ten Mal eine Variante von Sonjas Origin Story vorgesetzt zu bekommen. Doch das ist nicht wirklich der Fall. Auf den ersten paar Seiten erleben wir zwar eine Art Wiederholung der Ereignisse des allerersten Soloabenteuers aus #1 von Savage Sword of Conan (1974), wenn Sonja einen lüsternen Sultan erschlägt. Doch die Miniserie konzentriert sich hauptsächlich auf die Beziehung zwischen der Abenteurerin und ihrem "Ersatzvater" Ozzyus, einer Figur, die Lieberman selbst 2005 in Red Sonja vs Thulsa Doom eingeführt hatte. (1)
 
Die Vorgeschichte der beiden wird uns in mehreren Rückblenden erzählt. Der Gauner findet die dem Massaker an ihrer Familie entkommene Sonja in der schneeverwehten Einöde des Gebirges und rettet sie vor dem sicheren Tod. Er nimmt sich ihrer als einer Art Adoptivtochter an, ist aber sicher nicht gerade eine ideale Vaterfigur für das junge Mädchen. Sie wirft ihm später vor: "All you taught me was how to steal and drink and fight. How to sleep with one eye open. Mostly though you taught me how to lie, especially to those closest to you." Letzteres bezieht sich auf die Umstände des Bruchs zwischen den beiden. Ozzyus verdingt sich zusammen mit ein paar anderen als Begleitschutz für eine Karawane. Während der Vorbereitung des Treks freundet sich Sonja mit Shashana, der ungefähr gleichaltrigen Tochter eines der Händler, an. Doch Ozzyus hat vor, die Karawane auf dem Weg auszuplündern. Und unglücklicherweise hat er sich dabei auch noch mit dem psychopathischen Raka eingelassen. Gegen seinen Willen kommt es zu Blutvergießen und Raka erklärt Shashana zum Teil der Beute. Als sich die immer schon impulsive Sonja auf den Widerling stürzen will, wird sie von Ozzyus niedergeschlagen. Dem ging es natürlich nur darum, das Leben seiner Adoptivtochter (und wohl auch sein eigenes) vor dem sadistischen Schlächter zu retten. Doch für Sonja ist es ein unverzeihlicher Verrat. Zumal sie in Shashana das "unschuldige" Mädchen sieht, das sie hätte werden können, wenn Ozzyus nicht gewesen wäre. Was vielleicht nicht unbedingt eine faire, aber doch nachvollziehbare Einschätzung ist.
Die folgenden Jahre verbringt Sonja mit der erfolglosen Jagd auf Raka, wobei sie zugleich ein leicht selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legt, das ihrem erklärten Ziel mitunter in die Quere kommt: Despoten killen, Kaschemmen auseinandernehmen und Saufen bis zum Umfallen. Ozzyus halt wohl nicht ganz Unrecht, wenn er darin einen Anflug von Todessehnsucht und einen Ausdruck von "survivor's guilt" sieht -- nicht nur in Bezug auf Shashana, sondern auch auf ihre eigene Familie.
Als die beiden sich wiederbegegnen, befindet sich Sonja in einem ziemlich desolaten Zustand. Ozzyus derweil hat zum Glauben an Mitra gefunden, das Saufen aufgegeben und will um jeden Preis seine vergangenen Fehler wieder gutmachen. Was natürlich nicht ausreicht, um die Wut, die seine Adoptivtochter nach wie vor auf ihn hegt, zu stillen. Für Religion hat Sonja eh nichts übrig ("If the gods are so marvelous and powerful why create such a shit world"), und seine Reueschwüre machen gleichfalls wenig Eindruck auf sie, zumal die doch immer wieder von den gewohnten Rechtfertigungsversuchen begleitet werden. Aber Ozzyus hat Raka aufgespürt, und das allein ist Grund genug, sich wieder zusammenzutun.
Der Psychopath hat sich in der Zwischenzeit zu einem wahrhaftigen Propheten des Chaos entwickelt, der seinen Anhängern eine Art perversen Anarchismus predigt:
You have all been deceived,told that the gods command thou shalt not murder and thou shalt not plunder. Lies! The lies of men, of kings who want to control you with their laws. If the gods don't want you to butcher the weak, then why did they make you strong? [...] The gods made you perfect just as you are, to deny them is blasphemy! We wil lshatter the will of kings and their sacrilegious "laws". 
Mit Hilfe einer Droge entfesselt er das "wahre Selbst" der Menschen und verwandelt sie in blutrünstige, zombiehafte Bestien. Auf seinem Kreuzzug zur Verbreitung seiner "frohen Botschaft" erobert er Kaldor, die Hauptstadt des Königreiches Khawaris, und macht sie zu seiner Operationsbasis.
Nach einer weiteren Kneipenschlägerei, dem Sprung von einer Steilklippe und einer wenig erbaulichen Meeresüberfahrt nebst Kampf mit einem Riesenkraken erreichen Sonja und Ozzyus gleichfalls Khawaris. Auf dem Weg dorthin sammeln sie auch noch die junge Elli ein, eine Abenteurerin aus Nemedia (?), die in dieser Geschichte allerdings eine Randfigur bleibt. Als sie auf König Andol und die kümmerlichen Überreste seiner Gefolgschaft stoßen, befindet sich in deren Gewahrsam überraschenderweise eine mit Drogen vollgepumpte, zombifizierte Shashana. Der Comic verzichtet angenehmerweise darauf, uns drastisch vor Augen zu führen, was die junge Frau in den Händen von Raka und seinen Anhängern durchlebt haben muss. Aber dass Sonjas Wut und Hass durch diese Wiederbegegnung noch einmal zusätzlich befeuert werden, ist klar.
 
Wie gesagt ist die Geschichte nicht eben originell. Luke Lieberman scheint eine Vorliebe für finstere Kultführer als Red Sonjas Gegenspieler zu haben. Wenn Raka dennoch ein klein wenig interessanter als andere Vertreter seiner Profession ist, dann weil seine "frohe Botschaft" offenbar als eine Art Metakommentar gelesen werden soll. Seine Tiraden über die heuchlerische Moral der Herrschenden und die "wahre Natur" des Menschen als wilder Bestie ließen sich einerseits als Kritik an der ganzen "Barbarentum vs. Zivilsation" - Idee begreifen, die seit Howards Tagen in einem Gutteil Sword & Sorcery mitschwingt. Mehr noch aber darf man in ihnen wohl einen Kommentar auf die zynische Misanthropie des Grim & Gritty erkennen, die ja nicht ganz zu Unrecht oft als ein moderner Abkömmling der S&S bezeichnet wird. Passenderweise wird dem als Figur wenigerSonja als vielmehr Ozzyus entgegengestellt. Der alternde Gauner weiß, dass er viele Fehler in seinem Leben begangen hat: "Yeah, I failed at a lot of things,and found myself staring at the bottom of a bottle most nights. I failed Red most of all. She deserved a real mentor, instead she was stuck with this loser." Und er weiß auch, zu was Menschen fähig sind: "I have seen some sick things in my day". Und doch ist er es, der Rakas Philosophie die simplen, aber deshalb nicht weniger wahren Worte entgegenhält:  
We are better than this!
Die Geschichte ist generisch genug, um Ozzyus den Opfertod sterben zu lassen (mehr oder weniger). Aber interessanterweise ist es nicht Sonja, die Raka schlussendlich ins Jenseits befördert, sondern die dank Ellis Kenntnis von Drogen weitgehend wiederhergestellte Shashana.
 
Am Ende von Birth of the She-Devil dürfte Sonja endlich begonnen haben, ihre eigenen Schuldgefühle etwas aufzuarbeiten und die Beziehung zu ihrem "Ersatzvater" in etwas versöhnlicherem Licht zu sehen. Mit Elli hat sie außerdem eine neue Freundin gewonnen, mit der zusammen sie zu neuen Abenteuern aufbrechen kann ...                  
 
 
Luke Lieberman & Walter Geovani: Red Sonja: The Price of Blood

... Und die erweisen sich als recht unterhaltsam. Zumal ich bei dieser zweiten Miniserie das Gefühl hatte, als habe sich Lieberman stark von Gail Simones Version der Figur inspirieren lassen. 

Ein Großteil der Geschichte wird im Rückblick von einer im Kerker auf ihre Hinrichtung wartenden Sonja erzählt. Aber die eigentliche Eröffnungssequenz, die unmittelbar an die Ereignisse von Birth of the She-Devil anschließt, repräsentiert eine recht deutliche tonale Verschiebung gegenüber der Vorgängerserie. Sonja und Elli sind nach Aquilonia gekommen, um an dem legendären "Fire Festival" teilzunehmen, von dem man sich selbst in Hyrkania erzählt, es sei besonders "wild and lavish and depraved" -- genau die Art von Spaß, die die beiden jungen Frauen nach den blutigen Erlebnissen der jüngeren Vergangenheit gebrauchen können. In Birth of the She-Devil erschien Sonjas Hang zum Alkohol als Teil eines selbstzerstörerischen Verhaltens, das auf ihre unbewältigten Schuldgefühle zurückgeht. Hier nun wird ihr Hedonismus zu einem Ausdruck von Lebensfreude. Das "Fire Festival" ist mehr als bloß eine wilde Nacht voll Tanzen, Trinken und Sex (wobei Sonja seit längerem einmal wieder als bi- oder pansexuell dargestellt wird). Für Sonja stellt das orgiastische Treiben die befreiende Erfahrung dar, dass die Welt und das Leben der Menschen nicht nur aus Gewalt, Grausamkeit und Unterdrückung bestehen muss:
This place is food for the soul. I have seen so much thievery and murder, it is strange to see good will between people. Something as simple as sharing wine and cheer. It's like jumping from the heat of battle into clear waters.
Der Mönch Sylvan, den die beiden an diesem Abend kennenlernen, erklärt ihnen, dass die wahre Bedeutung des Festes nicht nur in einem Feiern des Lebens besteht ("Someday we will all be dust. But first we dance and shine. It is the fleeting nature of life that makes it beautiful."), sondern zudem in der wenn auch nur flüchtigen Realisierung von Mitras Geboten der Mitmenschlichkeit auf dieser Erde.
Natürlich kann das Erlebnis einer fröhlichen Nacht nicht Sonjas ganze Sicht auf die Welt umkrempeln. Es eröffnet ihr zwar eine andere Perspektive, doch ihr zynischer Pessimismus behält nach wie vor die Oberhand:
I am sorry, this is all ... beautiful. But most of the world is a pile of shit. Evil men doing evil deeds and the gods don't care.
Und tatsächlich endet die fröhlich-dionysische Orgie in einer blutigen Tragödie. Denn kaum ist die Sonne aufgegangen, da tauchen auch schon die schwer gepanzerten Krieger des "Heiligen Ordens" auf, um ein wüstes Massaker unter diesen "Häretikern" anzurichten, die es wagen zu behaupten, der Gott begrüße solch fleischlich-sündiges Treiben. 
Wie nicht anders zu erwarten, stürzt sich Sonja natürlich sofort mit gezücktem Schwert auf die "heiligen" Schlächter. Doch bevor sie gar zu viel weiteres Blutvergießen anrichten kann, wird sie von einem Betäubungspfeil außer Gefecht gesetzt. Verantwortlich dafür ist die mysteriöse Yfat, die unserer Heldin folgenden Deal anbietet: Sie soll die vier mächtigsten Männer des herrschenden Regimes ermorden, die für das Massaker verantwortlich sind. Auf diese Weise könne sie nicht nur Rache üben, sondern nebenbei auch noch ein hübsches Sümmchen Geld verdienen. Sonja zögert nicht lange und schlägt ein.
In Aquilonia hat eine fundamentalistische Kirche die Macht an sich gerissen, die die Mitra-Religion auf zynische Weise benutzt, um die Volksmassen zu kontrollieren und einen Eroberungsfeldzug gegen die Nachbarländer vorzubereiten. 
Die vier Männer an der Spitze, die Sonja nach und nach ins Jenseits befördern soll, verkörpern unterschiedliche, aber durch die Bank verabscheuungswürdige soziale Typen: Der nach außen hin puritanisch-fromme Großinquistor, der in seinen Privatgemächern gerne junge Frauen sexuell missbraucht und sich seinen sadistischen Gelüsten hingibt. Der Hauptmann der Garde, der mit Law & Order die arbeitende Bevölkerung unterdrückt, um sich als heimlicher Chef des örtlichen Drogenkartells an deren Elend zu bereichern. Der skrupellose Politiker (Gouverneur), der nur den Mund aufzumachen braucht, um zu lügen. Der imperialistische General, der es nicht abwarten kann, ein weiteres Volk zu unterwerfen. Alle vier sind eifrig dabei, die Bevölkerung von Aquilonia gegen die Shemiten aufzuhetzen, die sie für sämtliche Übel verantwortlich machen (und die sie außerdem als nächstes Ziel für ihre Eroberungspläne auserkoren haben):
Our land is being overrun, infested by filthy criminals from foreign lands. They are polluting our great nation! Unbelievers and thieves! They bring with them disease, both of the flesh and of the soul. The worst come to us from Shem. They are clever, but trust not their lies. They mean to destroy Aquilonia from the inside. They must be purged!
Als The Price of Blood geschrieben wurde, war Donald Trump noch Präsident der Vereinigten Staaten, und es fällt nicht schwer, in dieser Hasspredigt deutliche Anklänge an die rassistische Hetze gegen Immigranten zu erkennen, derer sich Amerikas Möchtegern-Duce und seine Anhänger*innen so gerne bedienen. Und dass ausgerechnet die Shemiten Opfer dieser Demagogie sind, ist beinahe schon etwas zu eindeutig. Walter Geovani verleiht ihnen zwar glücklicherweise kein "jüdisches" Aussehen, aber die Parallelen zwischen dem obigen Text und "klassischem" Antisemitismus sind mehr als offensichtlich. Es kommt im Laufe der Geschichte sogar zu einem regelrechten Pogrom. Und da Robert E. Howards "Shemites" ja eine Art Analaog zu allen in den 30er Jahren als "semitisch" bezeichneten Völkern waren, einschließlich der Araber, könnte man daneben auch Verbindungen zur aktuell grassierenden Islamophobie sehen.
Nun waren die Trump-Jahre eine Zeit, in der selbst milde Mainstream-Liberale sich als heroische "Widerstandskämpfer" fühlten und sich dabei mitunter zu überraschend "radikal" klingenden Äußerungen hinreißen ließen. Ob Lieberman The Price of Blood heute noch so schreiben und dabei Shem angemessenerweise durch Khitai ersetzen würde (richtet sich die xenophobe Rhetorik der Biden-Adminstration doch in erster Linie gegen China), darf bezweifelt werden. Aber das wäre vielleicht auch etwas zu viel verlangt.
Nichtsdestoweniger macht es natürlich Spaß dabei zuzusehen, wie Red Sonja mit der bigotten Bande aufräumt. Auch wenn wir ähnliches schon einmal in The Falcon Throne von Marguerite Bennett & Aneke miterleben durften. Hier allerdings kommt es nicht zu einem vergleichbar ungetrübten Happy End, denn im Zuge von Sonjas Rachefeldzug kommen Elli und Sylvan ums Leben. Darin sollen wir den titelgebenden "Price of Blood" sehen. Ob man das als eine allgemeine Aussage über die "Sinnlosigkeit von Gewalt" interpretieren soll, sei jedem selbst überlassen.   
    
In letzter Zeit scheint man bei Dynamite in Sachen Red Sonja stilistisch etwas experimentierfreudiger zu werden. Wobei die Resultate meiner Meinung nach durchwachsen sind. Neben den Arbeiten von Mirko Colak und Bob Q. für Mark Russells Serie gefällt mir z.B. der cartoonhafte Stil von Moritat in The Invincible Red Sonja recht gut. (2) Dagegen kann ich mit Guiseppe Cafaros Zeichnungen für die allerneueste Serie von Mirka Andolfo nicht so viel anfangen.
Im Vergleich dazu orientieren sich Birth of the She-Devil und The Price of Blood sehr stark an der "klassischen" Ästhetik der Dynamite - Sonja. Was natürlich kein Wunder ist. Sergio Davila hat im ursprünglichen Run (2005-13) zwar nur die abschließende Mini-Serie The Crimson Well gezeichnet -- ein bizarres Crossover mit Dracula, in der unsere Heldin zur Vampirin mutiert ist (don't ask) --, doch Walter Geovani war mit über dreißig Nummern sicher einer der prägenden Künstler dieser Ära. Dementsprechend trägt Sonja hier nicht nur durchgehend ihren Chainmail Bikini, sondern entspricht in ihrer Erscheinung ganz allgemein dem Typus der "sexy Amazone".
Doch mit dem ganzen Thema werden wir uns später noch etwas eingehender beschäftigten. Für den Moment verlassen wir erst mal die Gefilde des Hyborian Age und wechseln in andere Fantasywelten.
 
 
Christophe Arleston,  Melanÿn & Dany: Die Kriegerinnen von Troy
 
Es war mein guter Freund Molo, der mich während eines meiner Besuche in seiner Heimstatt mit der Fantasysaga Lanfeust von Troy von Christophe Arleston & Didier Tarquin bekannt machte. Ob ich mir dieses Epos je in seiner Gänze einverleiben werde, ist eher fraglich, aber als ich unter den zahlreichen Spin-Off-Serien einen Zweiteiler über die Abenteuer von drei Sword & Sorcery - Heldinnen entdeckte, war klar, dass alsbald eine Bestellung beim Splitter - Verlag eintrudeln würde.
 
Nun ist zwar das ganze Lanfeust - Universum in einem eher cartoonhaften Stil gehalten, doch vielleicht sollte man dennoch vorausschicken, dass Zeichner Dany (Daniel Henrotin) seinen vielleicht größten Erfolg in den 90er Jahren mit der humoristischen Erotik-Comics-Reihe Ça vous intéresse? feiern konnte. Und das merkt man den Kriegerinnen von Troy mitunter auch an. Aber von einigen für meinen Geschmack dann doch etwas zu pubertären Sex-Jokes am Rande abgesehen, hat mich das nicht weiter gestört, da Story und Figuren alles in allem grundsympathisch sind. 
 
Das zeigt sich schon im Eröffnungsszenario: Im Archipel der Inseln der Üppigkeit vor der Küste von Questien geraten ein Handelsschiff und eine kleine Piratenflotille aneinander. Der Händler Komptan hat die Söldnerin Lynche als Begleitschutz dabei, während die Freibeuter ihre Kollegin Raya als Unterstützung engagiert haben. Die beiden sind alte Bekannte und als sie sich im Kampfgetümmel plötzlich gegenüberstehen und die Klingen kreuzen., kommt es zu einem freundschaftlichen Wortwechsel. "Zahlen sie gut?" -- "Nicht besonders." Diesmal unterliegen die Piraten, und als sich die beiden Kriegerinnen am selben Abend in einer Taverne in Purpurhafen erneut begegnen, ist Raya dementsprechend abgebrannt. Zudem sie sich mit ihrem allerletzten Geld unbedingt diese verführerische neue Armbrust kaufen musste. Lynche hingegen konnte sogar eine Extra-Prämie einstreichen. Einem gemeinsamen feucht-fröhlichen Abend steht also nichts im Weg. Doch während Lynche sich hauptsächlich für den hübschen Schankburschen interessiert, verfällt Raya in eine etwas trübsinnige Stimmung und grübelt über ihr Dasein als Söldnerin nach. Sie will endlich einmal etwas "sinnvolles" in ihrem Leben machen. Da kommen Yquem und seine "humanitäre" Karawane gerade recht. Die wollen angeblich dringend benötigte Nahrungsmittel in das von einer Hungersnot verheerte Delpont bringen. (Nehmen aber auch sehr gerne Spenden in Gold und Schmuck an). Genau auf so eine Mission hat Raya gewartet! Und Yquem ist wirklich sehr beredt (In der Welt von Troy besitzt jeder Mensch ein magisches Talent, und seins ist offenbar eine äußerst überzeugende Stimme). Lynche findet die sentimentalen Anwandlungen ihrer Freundin zwar ganz schön naiv, entscheidet sich am Ende aber doch dafür, sie und die Karawane zu begleiten. Gerade weil Yquem ihr alles andere als vertrauenswürdig erscheint. Und so macht man sich gemeinsam auf den Marsch durch die Wüste.
  
Lynches Misstrauen erweist sich als nur zu berechtigt. Nicht bloß wird relativ schnell klar, dass der schleimige Yquem ein ziemlich widerlicher Kerl ist. Nach ersten Abenteuern mit Drachen und monströsen Heuschreckenschwärmen lässt er endgültig die Maske fallen, als er ein Massaker an den ausgehungerten Bewohnern eines kleinen Dorfes befiehlt. Wie aus dem Nichts taucht dabei auch eine weitere alte Bekannte unserer Heldinnen auf. Die Söldnerin Issan, die Yquems bewaffnete Handlanger befehligt. Und so finden sich Raya und Lynche am Ende des ersten Bandes nicht auf einer humanitären Mission, sondern in der Folterkammer des falschen Philanthropen wieder. Dessen Meister, der gestaltswandlerische Monsterwurm Mürgl, will unbedingt seinen Schatz zurück haben, den Lynches Vater vor Jahren geraubt hatte. Unerwartete Hilfe kommt von Issan, die (scheinbar?) die Fronten wechselt. Und so machen sich die drei Kriegerinnen im zweiten Band auf, um ihrerseits den Schatz zu heben. Doch der Ärger mit Mürgl und Yquem ist noch nicht zu Ende ...
  
Trotz Massaker, Folter und anderer unschöner Angelegenheiten ist Die Kriegerinnen von Troy in einem sehr lockeren Tonfall gehalten. Zusammen mit Danys cartoonhaftem Zeichenstil verleiht das dem Ganzen einen merklich parodistischen Charakter. Was nicht heißen soll, dass die Story eine simple Verulkung von Sword & Sorcery - Klischees wäre. Sie liest sich durchaus als neckisches Abenteuergarn mit drei sympathischen Protagonistinnen. Aber sie kommt auf jedenfall mit einem ironischen Augenzwinkern daher. Dass Lynche und Raya äußerst knappe Ausgaben des traditionellen Blech-Bikinis tragen (Issan hat's mehr mit Leder), versteht sich dabei eigentlich von selbst. Jede andere Kostümierung wäre hier fehl am Platze gewesen. Bei der rothaarigen und kurvenreichen Raya dürfte sogar mit ziemlicher Sicherheit Red Sonja persönlich Pate gestanden haben.       
 
Das nächste Beispiel wird uns dann allerdings zeigen, dass es Fälle gibt, in denen selbst ich Probleme mit diesem alten Klischee bekomme. 
 
 
Arahom Radjah & Yannis Roumboulias: Arhian
 
Wie man diesem auf Comixology erschienen Post entnehmen kann, sieht Arahom Radjah die Mission des von ihm gegründeten Verlags ARH ComiX in einer Wiederbelebung des in seinen Augen verloren gegangenen Geistes der "klassischen" phantastischen Abenteuercomics: 
I entered this industry because I want to feel like that child again when I read a comic book. I want to bite my lips in anticipation for what’s coming on the next page, and I want to read a story that can actually make me believe, even for a few seconds, that a wonderful world of fantasy still exists out there. 
Die von ihm geschriebenen und herausgegebenen Miniserien Queen of Vampires, Astria und Arhian sind nun allerdings weniger farbenfroh-altmodische Adventure-Geschichten als vielmehr recht ungenierte Throwbacks in fröhliche Exploitation-Tage. Der Gute muss eine recht eigenartige Kindheitslektüre gehabt haben ... 
 
Zu Beginn wirkte Sword & Sorcery - Comic Arhian auf mich vor allem etwas einfallslos. Coole Kopfgeldjägerin reitet durch Grimdark - Fantasyland und haut bösen Buben aufs Maul. Und obwohl der Zynismus der Grim & Gritty sich ja gerne als "Realismus" auszugeben versucht, trägt sie dabei selbstverständlich den klassischen Leder-Bikini. Damit gar nicht erst der Verdacht von Originalität aufkommen kann, lässt Arahom Radjah seine Heldin außerdem schon nach einem knappen Dutzend Seiten ein Bad unter einem Wasserfall nehmen. 
Unangenehm fand ich das erst einmal nicht. Bloß etwas ermüdend. Ein uninspiriertes Wiederaufwärmen alter Klischees. Zumal das Ganze so ohne jede Selbstironie daherkommt. Grenzwertig wurde es für mich erst, nachdem die eigentliche Haupthandlung einsetzt. Arhian soll die entführte Tochter irgendeines Herrschers zurückbringen, doch leider ist diese in die Hände der Dämonenanbeter von Thaldoom gefallen, die dringend mal wieder ein paar Jungfrauen zum Opfern brauchen. Also macht sich unsere Heldin zusammen mit dem Vizekönig und seinen Kriegern zu der finsteren Festung auf. Von nun an wird es deutlich brutaler und blutiger. Und "natürlich" werden dabei auch Elemente von (angedrohter) sexueller Gewalt mit eingemischt. Es dauert nicht lange und Arhian findet sich auf ein Kreuz gespannt in der lokalen Folterkammer wieder. Selbstredend büßt sie dabei auch Teile ihrer ohnehin eher spärlichen Bekleidung ein. In Die Kriegrinnen von Troy gibt es eine ganz ähnliche Szene. Aber der cartoonhafte Zeichenstil und der ironische Unterton der Geschichte verleihen ihr dort einen deutlich anderen Vibe, "entschärfen" sie in gewisser Weise. Kontext ist bei so Sachen für mich von ausschlaggebender Bedeutung. Arhian macht auf Grim & Gritty, setzt den (halb)nackten Körper der Heldin aber zugleich aufreizend in Szene. Es ist diese Kombination, die bei mir einen unguten Beigeschmack hinterlässt. Und die Folterkammer ist ja bloß der Anfang. Kaum aus ihr entkommen, läuft unsere Heldin auch schon dem Herrscher von Thaldoom -- einem Muskelberg in Heavy Metal - Rüstung -- in die Arme, wird k.o. geschlagen und trägt, als sie wieder zu sich kommt, plötzlich eine Art durchscheinendes "Bauchtänzerinnen" - Kostüm. (Sorry, aber mir fällt keine bessere Beschreibung dafür ein). Das bleibt für den Rest von Band 3 ihre Bekleidung. Die Story indessen nimmt eine weitere zynische Wendung, wenn sich nach Arhians Befreiung der jungen Gina und ihrer gemeinsamen Flucht aus Thaldoom herausstellt, dass das Mädchen gar nicht die Tochter von Vizekönig Antonius ist, der fiese Herrscher sie vielmehr nur wegen ihrer magischen Talente in die Finger kriegen will. Wenn's nach ihm gegangen wäre, hätte die Kopfgeldjägerin die Aktion gar nicht überlebt. Ein paar blutige Kämpfe und einen toten Vizekönig später, setzen Arhian und Gina ihre Flucht vor den Horden von Thaldoom an Bord eines Freibeuterschiffes fort, das vom Ex-Lover unserer Heldin kommandiert wird. Grund genug für diese, nun in ein sexy Piratenkostüm zu schlüpfen ... 
Über den Rest des Comics will ich keine großen Worte mehr verlieren. Erwähnt sei bloß noch, dass die Geschichte im fünften Band, nach der Ankunft auf Arhians heimatlicher Amazoneninsel, plötzlich einige "ernsthaftere" Themen über Verantwortung, Familie und Elternschaft anzusprechen versucht. Mit eher mäßigem Erfolg.
 
Dem Comic seinen Throwback-Charakter vorzuwerfen, wäre sicher nicht ganz fair. Schließlich will Arhian genau das sein. Aber was seine exploitationhaften Elemente angeht, habe ich das Gefühl, dass Arahom Radjah damit entweder zu weit oder nicht weit genug gegangen ist. Der Comic ist nicht krass und konsequent genug, um ehrlicher Exploitation-Schund zu sein. Wäre er das, würde ich ihn aus einem anderen Blickwinkel betrachten und beurteilen. Doch letztenendes handelt es sich eben bloß um eine ziemlich generische Sword & Sorcery - Story mit deutlichem Grimdark-Einschlag. Und in diesem Kontext wirkt die aufdringliche Sexualisierung der Heldin dann doch etwas unangenehm auf mich.           

                                                * * *

An dieser Stelle könnte sich die Frage aufdrängen, warum ich so große Probelme mit der "Kopie" (Arhian), aber scheinbar keine mit dem "Original" (Red Sonja) habe? Ist Sonja denn nicht, um Wikipedia zu zitieren, der "archetype of the chainmail-bikini clad female warrior"?
Das nehme ich doch glatt zum Anlass für einen kleinen Exkurs (Ha!). 
 
Red Sonja mag vielen heute als "Archetyp" erscheinen, aber selbstverständlich war sie alles andere als die erste Fantasyheldin, die ein vergleichbares Kostüm getragen hätte. Sie steht damit vielmehr in einer langen Pulp- und Comics-Tradition.  
Schon die allererste Heldin der Sword & Sorcery -- C.L. Moores Jirel of Joiry -- konnte diesem Schicksal nicht entgehen. Man betrachte sich z.B. Margaret Brundages Cover für die Oktoberausgabe 1934 von Weird Tales, die ihr erstes Abenteuer The Black God's Kiss enthielt, oder Virgil Finlays Illustration für das Jirel - "North West" Smith - Crossover The Quest of the Starstone. Ein Chainmail - Bikini ist das vielleicht nicht, was die Gute da trägt, aber sicher auch keine praktikable Rüstung. (3) Ganz allgemein gilt, dass wenn auf den Covern der SF&F-Pulps irgendwelche amazonischen Frauengestalten auftauchten, diese zwar nicht immer, aber doch sehr häufig zumindest einen Blech-BH trugen. Man betrachte sich z.B. Robert Gibson Jones' Warrior Queen of Mars, When The World Tottered und The Ice Queen oder Albert Drakes' Golden Amazons of Venus. Vor allem Raymon Naylors Queen of the Panther World ist schon ziemlich nah dran an der Red Sonja - Ästhetik.        
Gleichfalls "stilbildend" dürfte das wohl besonders in den 40ern und 50ern recht populäre "Jungle Princess" - Genre gewesen sein. Ob Sheena, "Queen of the Jungle", Princess Pantha, "Jungle Goddess" Rulah, Taanda oder "Jungle Empress" Tegra -- sie alle trugen auf ihren Abenteuern die eine oder andere Variante des guten alten Fell-Bikinis. Interessanterweise besaß Marvel bereits einige Jahre vor Red Sonjas Debüt einen "She-Devil" in Gestalt von "Jungle Queen" Shanna. Und selbstredend schwang sich die rothaarige (!) Schönheit in ganz ähnlicher Kostümierung an Lianen durch den Urwald. (4)
Und wenn es um Sword & Sorcery - Kunst der 70er Jahre geht, darf natürlich auch der Name Frank Frazetta nicht fehlen, der schon Ende der 60er Gemälde wie The Sun Goddess (als Cover für Vampirella #7) schuf.   
 
Nur weil etwas eine lange Tradition hat, heißt das natürlich keineswegs, dass man es nicht kritisieren dürfte. Und Kritik gab es bereits in frühen Tagen. Die Kontroverse um Margaret Brundages Cover, die über einen langen Zeitraum hinweg in der Leserbriefsparte von Weird Tales tobte, wurde zwar in erster Linie von den prüde-puritanischen Moralvorstellungen eines Teils der Leserschaft gespeist. Doch bald schon erhoben sich auch andere Stimmen. Zumindest im Science Fiction - Fandom. Anders als manche immer noch zu glauben scheinen, war selbiges nämlich nie ein reiner Boys' Club gewesen. Und weibliche Fans nahmen auch in den 40ern und 50ern kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Sexismus in der SF-Kultur zu kritisieren. Wovon auch die Pulp-Cover nicht ausgeschlossen blieben. So erschien z.B. im September 1951 in Amazing Stories ein Leserbrief von Ethel M. David (aus Schenectady, NY) folgenden Inhalts: 
Why clad the males from head to foot in space suits and helmets, and have the women practically naked? Is it because the women are superior in resisting the elements, space, or the atmosphere of a planet than the males -- or is it because you think so little of your magazine? If you have to have sex on the covers, why not also include naked men, as well? (5)
Dass Red Sonja -- insbesondere in der Gestalt, die ihr Frank Thorne zwischen 1975 und '77 verlieh -- nicht nur Teil dieser Tradition, sondern auch einflussreich in der weiteren Entwicklung des Typus der "sexy Amazone" war, steht außer Frage. Esteban Maroto, der ihr als erster den Chainmail Bikini verpasste, hat einmal erzählt, es sei eine ausdrückliche Order von Stan Lee gewesen. der Figur den größtmöglichen "Sex-Appeal" zu verleihen: "In his own words: 'Show as much skin as possible'" (6) Und nachdem Marvel die Solo-Serie 1977 eingestellt und Thorne seinen Abschied von der "Mainstream"-Comics-Industrie genommen hatte, schuf der Zeichner nicht zufällig mit Ghita of Alizarr seine eigene Sword & Sorcery - Heldin, deren Abenteuer dann einen unverblümt erotischen Charakter besaßen. (7) 
 
Dennoch hielte ich es für einseitig, wollte man Red Sonja auf diesem Aspekt reduzieren. Was heute oft "übersehen" wird: Die fünfzehn Nummern der Solo-Serie wurden in Gemeinschaftsarbeit von Roy Thomas und Clair (Clara) Noto geschrieben. Die Storyideen stammten größtenteils von ihr. Thomas hat dazu später einmal gesagt:
Clair and I were walking a tightrope in those days, trying to make Red Sonja appeal to the same fans who by now had made Conan the Barbarian one of Marvel's top-selling comics ... while at the same time striving to give her a flavor all her own. Clair contributed enormously to that -- not least of which by giving the mag a woman's perspective, something that neither Robert E. Howard nor I would ever quite have been able to manage. (8)
Wie ich vor längerer Zeit hier schon einmal kurz ausgeführt habe, enthält diese erste Red Sonja - Serie zwar auch ein paar Elemente, die mir nicht so gemundet haben, aber alles in allem ist sie doch ein hübsch durchgeknallter Fantasy-Abenteuer-Spaß. (9)
Selbstverständlich spielten Frank Thornes Zeichnungen eine nicht unwichtige Rolle für die Popluarität der Figur. Aber Sonja war eben nicht nur sexy, sondern auch verdammt cool. Clair Noto war nicht allein mit ihrer Begeisterung für den She-.Devil.. Offenbar sahen eine ganze Reiher weiblicher Comics- und Genre-Fans in ihr eine inspirierende Figur. Chainmail-Bikini hin oder her. Zu diesen gehörte auch die künftige Elfquest - Schöpferin Wendy Pini. In Nr. 23 von Savage Sword of Conan (Oktober 1977) wurde nicht nur eine Sonja - Zeichnung von ihr abgedruckt, sondern auch ein neckisches kleines Gedicht, dessen letzte Strophen recht deutlich zum Ausdruck bringen, worin wohl nicht nur für sie die Anziehungskraft der Figur bestand:
I can out-fight, out-drink
And out-swear any man --
Including that arrogant ass
CONAN!


So step up, bold warriors,
When Red Sonja calls --
And match steel against steel,
If you've got the -------! 
Auch war Clair Noto nicht die einzige Autorin, die in der frühen Geschichte der Heldin eine wichtige Rolle spielte. So war Christie Marx die Plotlieferantin für die gerade einmal zwei Hefte umfassende sog. "zweite Serie" von 1983. Und die dritte Serie (1983/84) wurde ab #8 ganz von Louise Simmons übernommen.
Der Wikipedia-Artikel zu Red Sonja bezeichnet "her bikini armor" als Sonjas "signature clothing". Doch wenn man etwas genauer nachforscht, wird man überraschenderweise feststellen, dass sie in ihren Marvel - Tagen (70er-90er Jahre) alles in allem häufiger andere Kostümierungen als den Chainmail Bikini getragen hat. In den beiden Solo-Serien von 1983 hat sie ihn gegen eine blaue Tunika (oder eine Art Mieder) eingetauscht. Und wenn man ein wenig in alten Ausgaben von The Savage Sword of Conan blättert, zeigt sich, dass sie ihn auch dort ziemlich selten und nur während einiger ihrer frühesten Soloauftritte trägt. Ähnliches gilt für Conan the Barbarian. Selbstredend sollte sie stets sexy aussehen, doch die Bandbreite der Bekleidung reicht vom (ursprünglichen) Kettenhemd über Tunika/Mieder bis zum Lederharnisch, mit dem sie E.R. Cruz während ihrer letzten Savage Sword - Abenteuer ausstattete.
Dass die Bezeichnung "signature clothing" dennoch nicht ganz falsch ist, belegt ein Kuriosum aus dem Jahre 1986. Nach dem großen Erfolg von John Milius' Conan the Barbarian (1982) dachte sich offenbar irgendwer in der Chefetage von TSR, dass man das ausnutzen könnte. Und so erschienen 1984 zwei Conan - Module für AD&D mit Arnie auf dem Cover. Dem folgte zwei Jahre später (inwischen war der entsprechende Film mit Brigitte Nielsen in die Kinos gelangt) Red Sonja Unconquered. In dem Rollenspiel-Szenario ist Sonja natürlich Teil einer Heldengruppe und deren Mitglieder entsprechen ihren Gefährten aus der dritten Solo-Serie. In dieser hatte der She-Devil wie erwähnt eine Art blaues Mieder getragen. Cover und Illustrationen von Clyde Caldwell zeigen sie trotzdem im Chainmail-Bikini. (10)
Frank Thornes Version des She-Devil prägte halt sehr stark das Bild, das viele sich von ihr machten. Endgültig "kanonisiert" wurde dies aber vielleicht erst mit dem Dynamite - Reboot von 2005. In den folgenden Jahren würde man Sonja so gut wie gar nicht mehr in einer anderen Kostümierung zu sehen bekommen. Selbst wenn es sie auf ihren Abenteuern in schneeeverwehte Tundren oder eisige Hochgebirgslandschaften verschlug. Erst mit der dreiteiligen Serie von Gail Simone & Walter Geovani (Queen of the Plagues; Art of Blood and Fire; The Forgiving of Monsters) änderte sich dies wieder. Und in der unmittelbar daran anschließenden Mini-Serie The Falcon Throne (2016) trug sie den Chainmail Bikini überhaupt nicht mehr, der in der Geschichte nur noch als Kommentar auf die sexuelle Fetischisierung der Figur auftaucht. Das erwies sich dann aber wohl doch als ein zu kühner Schritt. Ich kann mich noch erinnern, wie der darauf folgende Run von Amy Chu & Carlos Gomez (2016-18) im Vorfeld ganz ausdrücklich damit beworben wurde, dass die Heldin erneut ihre "klassischen Kostümierung" tragen werde. Und seitdem hat sich daran nicht mehr viel geändert.
 
Was ich schon etwas bedauerlich finde. Dabei habe ich gar nicht einmal grundsätzlich etwas gegen den Chainmail Bikini. Das Argument, niemand würde im wirklichen Leben eine derartige "Rüstung" tragen, ist mir nie sonderlich stichhaltig erschienen. Fantasy-Comics dieser Couleur streben ja ganz allgemein nicht unbedingt nach "Realismus". Auch die Kostüme und Rüstungen haben vor allem cool auszusehen. Ob sie praktikabel sind, ist dabei nicht wirklich von Bedeutung. Und da die erotische Komponente für mich durchaus zu Red Sonja gehört, störe ich mich nicht groß daran, wenn sie eine entsprechende Kostümierung trägt. Allerdings habe ich in den letzten zwei-drei Jahren so viele Comics über den She-Devil gelesen, dass ich des immer gleichen Outfits doch langsam etwas müde geworden bin. Auch in dieser Hinsicht ist der Dreiteiler von Gail Simone & Walter Geovani weiterhin mein absoluter Favorit. Der Chainmail Bikini wird nicht einfach über Bord geworfen, sondern als traditioneller Bestandteil der Figur angenommen. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Um meine alte Besprechung zu zitieren:
Gail Simone hat offenbar kein Problem mit der erotischen Komponente der Figur, was sehr gut zu dem  unverkrampftem Umgang mit Sexualität passt, der ihre Geschichten auszeichnet. Andererseits ist der Bikini bei ihr nicht Sonjas einzige Form von Rüstung oder Bekleidung. Die Abenteurerin schlüpft von Heft zu Heft in recht unterschiedliche Kostüme. Damit wird die Identifikation der Figur mit der ebenso spärlichen wie ikonischen Rüstung aufgebrochen, sie wird nicht länger so stark über das definiert, was sie trägt.
Leider hat dieser Umgang mit dem "klassischen Kostüm" nicht wirklich Schule gemacht. 

                                               * * *
Um zu Arhian zurückzukommen: Wäre der Comic einfach eine Art nostalgische Wiederbelebung alter pulpiger Traditionen, würde mich der Leder-Bikini nicht weiter stören. (Und genaugenommen wirkt die Heldin in allen anderen Kostümen sogar noch stärker sexualisiert.) Aber leider ist die Story zu uninspiriert, um einen entsprechenden Charme entfalten zu können. Stattdessen führen die Grimdark- und Exploitation-Elemente zu der oben beschriebenen, eher unangenehmen Melange. 
Und ganz allgemein gesprochen: Nur weil ich keine prinzipiellen Probleme mit Red Sonja und ihrem Chainmail Bikini habe, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass ich der Meinung wäre, so habe das Standardkostüm aller Sword & Sorcery - Heldinnen auszusehen. Mit ausreichend Humor angereichert, wie in den Kriegerinnen von Troy, kann ich die alten Traditionen zwar immer noch goutieren, doch an sich ziehe auch ich es vor, meine Comics-Amazonen in etwas praktikablerer Kleidung präsentiert zu bekommen. Und so wollen wir uns nun ein paar Beispielen zuwenden, in denen genau das der Fall ist. 
 
 
Sylvain Cordurié & Leo Pilipovic: Ravermoon
 
Es muss ungefähr vor einem Jahr gewesen sein. Unser Gespräch war aus irgendeinem Grund auf Sword & Sorcery - Amazonen gekommen, als Alessandra mir diese Trilogie von Sylvain Cordurié ans Herz legte. Weder der Titel noch der Name des Autors sagten mir etwas. Meine Comics-Kenntnisse sind eh sehr beschränkt und bei zeitgenössischer französischer Fantasy muss ich ganz passen. Aber natürlich beeilte ich mich, ihrer Empfehlung nachzukommen und diese Bildungslücke zumindest ein ganz klein wenig zu schließen.
 
Zwei Jahrhunderte nach einem fürchterlichen Krieg gegen das Nachbarreich der Frangellianer, der beinah im magischen Äquivalent eines Atombombenabwurfs kulminiert wäre, ist die Metropole Ylgaard zum Zentrum der magischen Künste geworden. Unterschiedliche Kasten wie die Waffenbeschwörer, die Elementalisten und die Zeitenformer wetteifern miteinander in der Entwicklung immer neuer Techniken. Als es letzteren zum ersten Mal gelingt, den Ablauf der Zeit in bestimmten, abgegrenzten Räumen beliebig zu manipulieren, wird diese Entdeckung zum Anstoß für eine Kette verheerender Ereignisse. In der Nacht nach der ersten öffentlichen Demonstration der neuen Technik kommt es zu Terroranschlägen auf die Zeitenformer. Einziger Überlebender ist der junge und brillante Magier Gillian. Der Verdacht fällt zuerst auf die Kirche der Wunder, deren antimagische Lehre ursprünglich aus dem Land der Frangellianer stammte und die in den Augen der herrschenden Kreise eine subversive Macht darstellt. Doch Rhomdal, der absolute Herrscher von Ylgaard, ist auf die Hilfe des Oberhaupts der Kirche angewiesen. Zwar ist er schon vor langer Zeit zu einem quasiunsterblichen Übermenschen geworden, in dem dämonische Mächte schlummern, aber dennoch steht er dem Dahinsiechen seiner geliebten Gattin hilflos gegenüber. Seine einzige Hoffnung ist Wunderheiler Agmon. Derweil erhält Ritter Ornelas, der Hauptmann der "Eisenschwinger" genannten Stadtgarde, unerwartete Unterstützung von Gillians Schwester Ravermoon. Dank ihrer besonderen Talente und ihrer alten Kontakte zur Unterwelt von Ylgaard stehen der Kriegerin andere Wege offen als ihm, um sich auf die Suche nach den Schuldigen zu machen. Die Spur führt schon bald zu einer Gruppe mysteriöser Pflanzenmonster und zurück in die Zeiten des Großen Krieges.
 
Was mir sehr gut gefallen hat ist, dass die Story einem das Gefühl vermittelt, in eine relativ komplexe und ausgeformte Welt hineinzutreten, die einem aber nie bis ins letzte Detail erklärt oder gezeigt wird. Vieles bleibt vage oder wird nur kurz angerissen, ohne dass dabei der Eindruck entstehten würde der Autor selbst kenne die Antworten nicht. Das gilt sowohl für den größeren Weltenbau als auch für die einzelnen Figuren und ihre individuellen Geschichten. 
Wir erfahren z.B. nie, wie es zu dem Großen Krieg kam. Zwar bekommen wir immer wieder Szenen aus der Vergangenheit gezeigt, in denen es um eine Gruppe von Kriegshelden geht, zu denen der Meistermagier Pellear und der junge (und damals noch völlig menschliche) Rhomdal gehören. Doch die größeren Zusammenhänge bleiben schattenhaft. Dasselbe gilt für die Kirche der Wunder, ihre Ziele und die Motivationen ihres Oberhauptes Agmon. 
Aber auch von der Vergangenheit unserer Heldin Ravermoon erfahren wir nur in bruchstückhaften Andeutungen. Sie gehörte offenbar einmal zur Unterwelt von Ylgaard und verügt bei den Gaunern immer noch über einen respekteinflößenden Ruf, musste die Stadt aber verlassen, nachdem sie sich mit dem mächtigen Verbrecherboss Lughan überworfen hatte. Zugleich jedoch verbindet sie ein geradezu familiäres Band mit Ritter Ornelas. Der alte Hauptmann der "Eisenschwinger" ist beinahe so etwas wie ein Ersatzvater für sie. Wie es dazu gekommen ist, wird uns nicht erzählt. Einzig über Ravermoons Beziehung zu ihrem Bruder erhalten wir etwas konkretere Details.
In gewisser Hinsicht ist das natürlich ein erzählerischer Trick. Denn in Wirklichkeit können wir uns ja gar nicht sicher sein, dass sich Cordurié tatsächlich eine ausgefeilte und in sich stimmige Hintergrundsgeschichte für seine Welt und seine Figuren zurechtgelegt hat. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist nur, dass für uns Lesende dadurch der Eindruck von Tiefe und Lebendigkeit entsteht. Ravermoon besitzt eine Vergangenheit, die ihren Charakter und ihre Beziehung zu anderen Menschen geformt hat. Wie genau diese Vergangenheit ausgesehen hat, brauchen wir dafür gar nicht zu wissen. Wir müssen nur das Gefühl haben, das sie existiert.

Solange der Fokus der Geschichte auf Ravermoon liegt, hat mir das Ganze sehr gut gefallen. Sie ist eine einnehmende Heldin und es macht Spaß, sie auf dem Gehöft von Ornelas mit der Familie ihres Bruders interagieren zu sehen oder sie auf ihren Streifzügen über das Dächermeer von Ylgaard zu begleiten, wobei sie einerseits ihre weiche und menschliche, andererseits ihre coole und kompetente Seite zeigen kann.
Doch leider rückt in der zweiten Hälfte Rhomdal mehr und mehr ins Zentrum. In der Logik der Erzählung macht das durchaus Sinn, denn es sind Mächte aus seiner Vergangenheit, die hinter den Ereignissen stecken, und er ist das eigentliche Ziel ihrer Machenschaften. Unglücklicherweise kommt es im Zuge dessen aber nicht zu einer Dekonstruktion des selbstherrlichen Übermenschen, wie ich zwischenzeitlich zu hoffen wagte. Die Art, in der Ravermoon schließlich in die Geschehnisse des apokalyptischen Höhepunktes eingebunden wird, wirkt etwas unbeholfen und führt zu einer finalen Wendung, die mich bitter enttäuscht zurückgelassen hat. 
 
Trotz dieses (für mich) missglückten Abschlusses, ist Ravermoon ein sehr lesenswerter Sword & Sorcery - Comic und eine willkommene Abwechselung von den eher pulpigen Welten einer Red Sonja. Einen wichtigen Beitrag leisten dabei die zum Teil wirklich atemberaubend schönen Zeichnungen von Leo Pilipovic. Insbesondere die Darstellung von Landschaft und Architektur (Innen wie Außen) ist geradezu meisterlich -- ganz gleich, ob es sich dabei um Rhomdals Palast, die Kathedrale der Kirche der Wunder, die Arkenade (Magierschule), das Gehöft des Ritters Ornelas, die verwinkelten Gassen Ylgaards oder das heruntergekommene Hafenviertel handelt. Pilipovic orientiert sich dabei zum Teil sehr deutlich an Vorbildern der Romanik. Und dass nicht nur in der architektonischen Formensprache, sondern z.B. auch bei einem Fresko, das die Geschichte Ylgaards erzählt. Ohne dass die Welt deshalb zu einem bloßen Pseudo-Mittelalter werden würde. Sie besitzt ihren eigenen Charakter, der jedoch sehr viel weniger grotesk-fremdartig wirkt als man es etwa aus solchen französischen Fantasyklassikern wie Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit von Serge Le Tendre & Régis Loisel gewohnt ist.      
 
 
Blas Gallego / Alec Worley & DaNi: Black Beth
 
Der erste Band von Ravermoon erschien 2010. Dass man zu dieser Zeit (zumindest außerhalb des Red Sonja  - Franchises) dazu übergegangen war, Fantasyheldinnen nicht länger in Leder - Bikinis durch die Gegend laufen zu lassen, ist vielleicht nicht wirklich überraschend. Aber es gibt mindestens ein Beispiel., wo das bereits im vermeintlich "Goldenen Zeitalter" der Sword & Sorcery der Fall war: Die britische Comics-Heldin Black Beth. 
Auf sie aufmerksam geworden bin ich ich durch eine Episode von Mr. Jim Moons exzellentem Hypnogoria - Podcast, der ich auch alle Details über die Entwicklungsgeschichte der Figur entnommen habe.
 
In den 70er Jahren begann sich die britische Comics-Landschaft merklich zu wandeln. Dazu gehörte es auch, dass einige Herausgeber nach langer Zeit erstmals wieder versuchten, Horror-Titel zu etablieren. Seit der Moral Panic der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem Erlass des Children and Young Persons (Harmful Publications) Act von 1955 war das Genre weitgehend tabu gewesen. Eines der ersten erfolgreichen Versuche, dies zu ändern, war das ab Oktober 1976 erscheinende House of Hammer - Magazin. In Reaktion darauf plante man auch bei IPC die Veröffentlichung eines Horror-Comics mit dem Titel Scream! Dazu kam es letztlich zwar nicht, aber eine der wenigen Stories, die man bereits in Auftrag gegeben hatte, war Black Beth. Aufgrund dieser eigenartigen Entstehungsgeschichte scheint nicht länger bekannt zu sein, wer das Script für das erste Abenteuer der Sword & Sorcery - Heldin geschrieben hat. Die Zeichnungen jedoch stammten von dem spanischen Künstler Blas Gallego, der u.a. die Comic-Adaption von Twins of Evil für House of Hammer kreiert hatte, Ein knappes Jahrzehnt später (1984) erschienen dann tatsächlich fünfzehn Nummern von Scream! -- vorerst ohne Beth. Doch obwohl das Magazin sich nicht zu etablieren vermochte, gab IPC von 1985 bis 1989 einmal im Jahr ein Scream! Holiday Special heraus. Und in einem solchen erblickte die Heldin 1987 schließlich doch noch das Licht der Welt.
 
Die Story ist relativ generische Sword & Sorcery. In einer phantastisch verbrämten Mittelalter-Welt wird dem tyrannischen Grafen Wolfgang Rassau von einer Hexe prophezeit, dass einst eine berittene Rächerin namens Beth erscheinen werde, um ihn für seine zahllosen Untaten zu bestrafen. Und dieses Schicksal ist auf irgendeine Weise mit dem Dorf Holsteg verknüpft. Als er mit seinen Mannen dort eintrifft, finden gerade die Vorbereitungen für eine Hochzeitsfeier statt. Und die Braut trägt doch tatsächlich den unheilsschwangeren Namen. In guter Genretradition kommt es zu einem gewaltigen Massaker, das einzig unsere Heldin dank der Hilfe des blinden Quido überlebet. Nachdem sie wieder zu Kräften gekommen ist, lernt sie unter seiner Anleitung das Schwert zu führen und verwandelt sich schließlich in die geharnischte Rächerin Black Beth: "They shall know me by the name that I now adopt! By which I swear to combat Evil in all its vile forms! A name born of the black rage that fills my heart!" Graf Rassau wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen ...
 
Blas Gallego hat in seiner langen Karriere so manche Amazone im Chainmail Bikini gemalt. Um so erstaunlicher ist es, dass Black Beth so gar nicht diesem Stereotyp entspricht. Natürlich ist auch sie eine "Schönheit mit rabenschwarzem Haar", aber vom Moment ihrer Verwandlung in die zornige Kämpferin wider das Böse tritt sie der Welt von Kopf bis Fuß in schwarzes Eisen gehüllt entgegen. Aufgrund der etwas komplizierten Entstehungsgeschichte der Story wissen wir leider nicht, wer für diesen doch recht bemerkenswerten Bruch mit den Gepflogenheiten der 70er Jahre - Sword & Sorcery verantwortlich war. Gallego jedenfalls schuf mit Black Beth nicht nur eine beeindruckende S&S-Heldin, sondern auch eine hübsch düster-atmosphärische Welt, in der sie ihre Abenteuer erlebt.
 
Dennoch sollten über drei Jahrzehnte vergehen, bevor sie ihr Comeback feiern konnte. Erst als Rebellion 2017 auf die Idee kam, alljährlich zu Halloween zwei alte Klassiker des britischen Horrorcomics in Gestalt eines Scream! & Misty - Specials wiederauferstehen zu lassen, eröffnete dies Autor Alec Worley die Möglichkeit, eine seit langem gehegte Idee in die Tat umzusetzen und auch die schwertschwingende Rächerin wieder ins Leben zurückzurufen. Zeichnerin DaNi wurde seine eifrige Mitstreiterin bei diesem Unternehmen. Im Halloween-Special von 2018 erschien das erste neue Black Beth - Abenteuer, dem 2020 ein weiteres mit dem Titel Witch Tree folgte. Im letzten Jahr dann durften die Kriegerin und ihr blinder Gefährte erstmals in (recht eigenwilliger) Farbe in dem One-Shot-Special Black Beth and the Devils of Al-Kadesh auftreten.
 
DaNis Zeichenstil unterscheidet sich merklich von dem Gallegos, ist aber nicht weniger geeignet, die Atmosphäre einer recht finsteren Fantasywelt heraufzubeschwören. Was Veränderungen im Ton angeht, so ist vor allem die Heldin eine deutlich ambivalentere Figur geworden. Immer noch beherrscht von "schwarzer Wut" ist sie gar zu schnell bereit, Blut fließen zu lassen. Quido, der ihr zwar immer noch in Treue verbunden, aber nicht länger unterwürfig ergeben ist, spielt so etwas wie die Stimme der Vernunft, doch Beths gewalttätige Impulsivität gewinnt meist die Oberhand. Schon in der allerersten Story trifft es dabei einen Unschuldigen, und am Ende erblickt die Hexe Moldred in einer Vision das künftige Schicksal unserer Heldin:
I see not a girl, not a woman .... but a thing. A thing of utter darkness! A demon of vengeance, born of the black rage that fills its heart ... a creature sworn to combat evil in all its vile forms ... yet a creature consumed  by evil itself. A thing bewitched.
Diese Umdeutung von Beths ursprünglichem Schwur könnte einen befürchten lassen, dass Alec Worley vorhabe, sie in eine Antiheldin nach Grimdarkmuster zu verwandeln. Und eine solche Tendenz ist in den neuen Geschichten auch in der Tat spürbar. Doch vor allem The Devils of Al-Kadesh zeigt, dass es dabei glücklicherweise nicht zu einem allgemeinen Triumph des billigen Zynismus kommt. Auch in dieser Geschichte richtet sich Beths Zorn anfangs zwar gegen die Falsche, aber der Heldin gelingt es noch rechtzeitig, ihren Fehler zu korrigieren, und am Ende befreit sie die unglückliche Hafenstadt in der Tat von ihrem Fluch.
 
Im Juni wird mit Black Beth: Vengeance Be Thy Name  ein Sammelband erscheinen, der alle bisher veröffentlichten Stories enthalten soll. Hoffentlich ein Zeichen dafür, dass wir in Zukunft noch mehr Abenteuer dieser formidablen Sword & Sorcery - Heldin zu lesen bekommen werden.

 
Mark Andreyko & Robert Atkins / Paul Tobin, Francesco Francavilla & Aaron McConnell / Becky Tloonan & Luca Pizzari: Dark Agnes 
 
Obwohl ihr erster Auftritt in #24 von Conan the Barbarian eine Adaption von Shadow of the Vulture war, hat Red Sonja bekanntlich nur wenig mit Robert E. Howards gleichnamiger Figur zu tun. Aber die wilde Sonya von Rogatino ist ja nicht die einzige schwertschwingende Heldin, die "Two Gun" Bob geschaffen hat. (11)
 
Es hat erstaunlich lange gedauert, bis auch Dark Agnes ihren Weg auf die Seiten eines Comic-Magazins fand. Und leider ist es ihr bis heute nicht gelungen, sich dort etwas dauerhafter zu etablieren. 
 
Ihr erster Auftritt fand 2010 im Rahmen der von Dark Horse herausgegebenen Anthologien-Reihe Robert E. Howard's Savage Sword statt. Die ersten beiden Nummern enthalten die von Mark Andreyko geschriebene, von Robert Atkins gezeichnete Geschichte Storytelling: Frankreich im 16. Jahrhundert. Ein bulliger hessischer Söldner (12) taucht in irgendeiner Taverne auf und verlangt in rüdem Tonfall Auskunft darüber, "where I can find that demon-harlot called Dark Agnes?!" Einer der Gäste ist bereit, sein Wissen mit dem unhöflichen Gesellen zu teilen, und beginnt eine (nicht ganz korrekte) Version der Hintergrundsgeschichte unserer Heldin zu erzählen. Wie wissende Leser'innen sicher schon geahnt haben, entpuppt sich der Erzähler als Agnes' Kumpel Etienne. Und als die Gute schließlich selbst auftaucht -- dicht gefolgt von ein paar weiteren ungemütlichen "Hessen" -- kommt es selbstverständlich zum standesgemäßen Klingenkreuzen. Ebenso selbstverständlich ist, dass die Söldner auch nicht die geringste Chance gegen unsere Heldin haben.
Hätte diese Story am Anfang einer ganzen Reihe von Dark Agnes - Abenteuern gestanden, wäre sie als Einführung der Figur sicher gar nicht so übel. Tatsächlich hat man beinah das Gefühl, sie sei als solche konzipiert gewesen. Doch als Standalone wirkt sie ein bisschen substanzlos. Agnes kommt cool rüber und ihre Beziehung zu Etienne ist gut getroffen, aber viel mehr hat die Geschichte halt nicht zu bieten. Auch bin ich nicht ganz glücklich mit den Veränderungen, die an ihrer Backstory vorgenommen wurden. Warum muss der Möchtegern-Ehemann, den sie vor dem Altar erschlagen hat, unbedingt von "royal blood" sein? Das passt nicht recht zu dem Bauernmädchen, das in ihrer Rebellion gegen die Männerwelt zur tödlichen Abenteurerin wird.
 
Drei Ausgaben später wurde dies in gewisser Weise korrigiert, denn Nr: 5 - 7 der Anthologienreihe enthalten eine erstaunlich getreue Adaption von Robert E. Howards Sword Woman. Nur gegen Ende mussten (aus nachvollziehbaren Gründen) ein paar Szenen zusammengestrichen werden. Den Inhalt werde ich hier nicht noch einmal referieren, sondern verweise dafür auf diesen alten Beitrag. Insbesondere Francesco Francavillas Zeichnungen für den ersten Teil haben es mir sehr angetan. Und rein optisch dürfte dies auch als Ganzes mein bevorzugter Dark Agnes - Comic sein.

2018 kaufte Marvel die Lizenz für Conan the Barbarian von Dark Horse zurück und im Januar 2019 begann man mit der Veröffentlichung einer neuen Reihe um den Cimmerier. Dies führte schließlich auch zum Erscheinen der Miniserie The Serpent War (2019/20), einer Crossover-Geschichte, in der Conan zusammen mit Dark Agnes, Solomon Kane, James Ellison (aus Howards The Valley of the Worm & The Garden of Fear) und Marvels eigenem Moon Knight / Marc Spector die Machenschaften des Schlangengotts Set durchkreuzen muss. Solche Helden-Mashups sind nicht mein Ding, weshalb ich Agnes' Marvel-Debüt auch nicht aus eigener Anschauung kenne. Doch in der Folge wurde im Februar 2020 eine Soloserie gestartet -- geschrieben von Becky Tloonan, gezeichnet von Luca Pizzari. Allerdings wurde diese unglücklicherweise bereits nach zwei Ausgaben wieder eingestellt.
 
Der Comic ist recht charmant und unterhaltsam. Vor allem aber erzählt er eine Geschichte, die Dark Agnes angemessen ist. Keine "kosmischen" Kämpfe gegen stygische Gottheiten, sondern ein Mantel & Degen - Abenteuer mit waghalsigen Befreiungsaktionen, wilden Kutschjagden, höfischen Intrigen und prächtigen Maskenbällen.
Die Story beginnt damit, dass Agnes ihren alten Freund Etienne, der selbst mit dem Kopf auf dem Richtblock nicht aufhören kann, spöttische Kommentare von sich zu geben, vor der Hinrichtung rettet. Wobei der Henker und ein paar Schergen des Duc D'Alencon das Leben lassen müssen. Einige nebenbei hingeworfene Bemerkungen unserer Heldin machen deutlich, dass die Geschichte nach den Ereignissen von Blades for France und Mistress of Death spielt. Aber Agnes ist immer noch von dem wütenden Verlangen erfüllt, den Tod ihres Mentors Guiscard zu rächen, der von Renault de Valance, dem Handlanger D'Alencons, ermordet wurde. Ein Grund mehr, das Angebot anzunehmen, sich als Begleitschutz für die Nonne Marie und ihren Schützling Helen de la Mère zu verdingen. Ist das Ziel der beiden doch Fontainebleau, das Schloss des Herzogs. Etienne ist davon anfangs zwar alles andere als begeistert -- schließlich wollte der ihn gerade erst hinrichten lassen --, aber die Gelegenheit, ausgiebigst mit der hübschen Helen flirten zu können, versöhnt ihn schon bald. Auf Fontainebleau angekommen begegnen Agnes und Etienne ihrer alten Freundin Francoise de Foix (aus Blades for France). Doch bevor unsere Heldin ihre Rachepläne in die Tat umsetzen kann, kommt es während eines Maskenballs zu unerwarteten Komplikationen, als zuerst ein Geist aus ihrer Vergangenheit aufzutauchen scheint und wenig später Helens Schwester Isabel ermordet aufgefunden wird. An dieser Stelle bricht die Erzählung ab ...
Was mir an der Story besonders gut gefallen hat, ist die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren. Ich mag Geschichten, in denen eine Frau und ein Mann eine enge Freundschaft haben können, ohne dass es dabei irgendwelche sexuellen Spannungen oder Untertöne gibt. Etienne ist ein Genussmensch und Frauenheld, aber es ist klar, dass er kein derartiges Verlangen nach Agnes verspürt. Die beiden sind in vielem sehr unterschiedliche Charaktere und lieben es offenbar, einenander gegenseitig zu necken, aber zugleich sorgen sie sich ehrlich um das Wohlergehen des/der anderen. Das zeigen sie auf ihre je eigene Art: Agnes indem sie Etienne (nicht zum ersten Mal) das Leben rettet. Er indem er schlicht für sie da ist und sich bemüht, sie aufzumuntern, wenn sie wiedet einmal in eine ihrer düsteren Gemütsstimmungen verfällt. Die Szene, in der er der stockbesoffenen Freundin aus dem Schankraum die Treppe hinauf in ihre Schlafkammer hilft, ist von berührender Zärtlichkeit. (Dem Einwand, dies entspreche kaum dem Bild, das wir in Sword Woman von Etienne erhalten, würde ich entgegenhalten, dass die erste Begegnung der beiden ja schon geraume Zeit zurückliegt und sich inzwischen sehr wohl eine solche Freundschaft entwickelt haben kann). Ein weiterer Pluspunkt ist die hübsch phantasmagorische Traumsequenz, in der Menschen sich in Tiere verwandeln, und die uns einen kurzen Abriss von Agnes' Origin Story und zugleich einen Einblick in die gequälten Teile ihrer Psyche vermittelt.
 
Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass die Serie schon so früh abgebrochen wurde. Der Plot (soweit in dieser verstümmelten Form erkennbar) hat mich zwar nicht unbedingt vom Hocker gerissen, aber ich hätte Agnes und Etienne liebend gern noch weiter auf ihren Abenteuern begleitet. Und das unrühmliche Ende der Reihe dürfte wohl auch dazu führen, dass wir in näherer Zukunft kaum weitere Dark Agnes - Geschichten zu lesen bekommen werden. Dabei hätte sie das Potential dazu, eine der ganz großen Heldinnen des Sword & Sorcery - Comics zu werden.
 
Und so endet dieser Beitrag auf einer etwas traurigen Note.  
          
 
 
 
    

(1) Eine eher kuriose, denn wirklich lesenswerte Miniserie, sind die Bezüge zu John Milius' Conan the Barbarian (1982) doch ziemlich eindeutig: Schlangen, "The Riddle of Steel", und der Bösewicht sieht manchmal sogar ein bisschen so aus wie James Earl Jones ... Keine Ahnung, wie die das mit dem Copyright damals hinbekommen haben ...

(2) Die Serie ist (so weit ich weiß) noch nicht abgeschlossen, weshalb ich sie hier auch nicht im Detail bespreche. Vor allem die ersten drei-vier Nummern fand ich aber ganz neckisch. Ob die Story als ganzes für mich funktioniert, wird sich zeigen. Aber es gibt da z.B. einen Typen mit Flügeln, der mich ein bisschen an Barbarella erinnert hat, und einen von Sonja entmannten Conan - Stand-In ...

(3) Erstaunlicherweise gibt es keine Darstellung der "echten" Red Sonya aus Pulp-Tagen. Die Erstveröffentlichung von Robert E. Howards Shadow of the Vulture in der Januarausgabe 1934 von The Magic Carpet zeigt vielmehr Gottfried von Kalmbach und die arme Ivga. Da hatte man schon einmal Gelegenheit, eine coole Action-Heldin zu zeichnen, und entscheidet sich dann doch lieber für eine sterbende Damsel! 

(4) Der gute Pulp Librarian hat da mal vor Zeiten diesen netten Twitter-Thread erstellt. Auch die Cover von Jungle Stories, auf deren Seiten Tarzan-Klon Ki-Gor seine Abenteuer erlebte, zeigten nicht selten (weiße) Dschungelschönheiten im Fell-Bikini.

(5) Zit. nach: Eric Leif Davin: Partners in Wonder. Women and the Birth of Science Fiction 1926-1965. S. 80.

(6) In: Red Sonja: The Ballad of the Red Goddess. S. 10.

(7) Ich bin kein großer Ghita - Fan. Der Comic wirkt auf mich zu sehr wie ein direkter Einblick in Frank Thornes persönliche erotische Fantasien. Was selbstverständlich völlig okay ist, mich aber nicht sonderlich anspricht. Dennoch gilt für mich auch hier: Der Kontext ist ausschlaggebend. Ghita of Alizzar war offen als Erotika konzipiert und so darf es nicht verwundern, dass die Heldin für einen Gutteil der Handlung halbnackt durch die Gegend läuft (und auch mal mit ihrem magischen Schwert masturbiert).

(8) In: The Adventures of Red Sonja. Volume II. S. 135.

(9) Betonen möchte ich an dieser Stelle aber doch, dass Clair Noto nichts mit Sonjas  ursprünglicher Hintergrundsgeschichte und ihren höchst fragwürdigen Zutaten (Vergewaltigung -- Göttererscheinung -- "Keuschheitsschwur") zu tun hatte. Die war ganz allein auf Roy Thomas' Mist gewachsen.

(10) Die mitgelieferten Stats geben eine Lederrüstung an. Was schon aus spieltechnischen Gründen vernünftig erscheint. Denn welche Armor Class hätte wohl der Bikini?

(11) Für Details siehe meinen alten Beitrag über Robert E. Howards "Sword Women". 

(12) Dank Washington Irvings Legend of Sleepy Hollow ist "Hessian" für viele Amerikaner anscheinend ein Synonym für "Söldner" geworden, auch wenn das in einer im 16. Jahrhudnert angesiedelten Story wenig Sinn macht