"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 28. August 2020

All Hail the Queen

Ich bin kein großer Fan der Kull - Conan'schen Königskarriere. Ich mag meine Sword & Sorcery - Helden und - Heldinnen lieber als plebejische Underdogs. Und wenn sich die abenteuernd Herumvagabundierenden schließlich doch zur Ruhe setzen sollten, dann vorzugweise wie Fafhrd und der Gray Mouser mit ihren Partnerinnen Afreyt und Cif in der kleinen Kommune von Salthaven.

Entsprechend wenig euphorisch war meine erste Reaktion, als ich erfuhr, dass in Mark Russells im Februar 2019 gestarteten Red Sonja - Serie unser She-Devil zur Königin von Hyrkania wird. Irgendwann blätterte ich dann aber doch einmal in die ersten Hefte hinein, und mein Interesse war schnell geweckt.
Sonjas Thronbesteigung ist keineswegs triumphal. Genau genommen findet sich der She-Devil eher unfreiwillig an der Spitze des hyrkanischen Volkes wieder. Und ihre "Herrschaft", wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, ist alles andere als glorios.
Die Geschichte ist ganz von einer bitter-zynischen Sicht auf Herrschertum, staatliche Macht, Klassengesellschaft, Imperialismus, Patriotismus und Krieg geprägt. Mitunter droht das in simplen Nihilismus abzugleiten, doch im Großen und Ganzen findet sich genug menschliche Wärme in der Story, um dem entgegenzuwirken.

Dragan the Magnificient ist der größenwahnsinnige Imperator von Zamora. Seit ihm von einem Orakel geweissagt wurde, dass er sterben werde, sobald sein Reich aufhört zu wachsen, führt er einen nicht endenden Eroberungskrieg gegen die Welt. In dem Extraband Lord of Fools erfahren wir später zwar, dass diese Prophezeiung eine Lüge ist, die Dragans Untergang herbeiführen soll, doch das tut im Grunde wenig zur Sache. Nach der Eroberung Stygias wendet er seine Aufmerksamkeit Hyrkania zu. In dem ärmlichen und gesetzlosen Land gibt es zwar nicht wirklich was zu holen, aber dafür verspricht es, leichte Beute zu werden. Wenn alles klappt, wird man nicht einmal die Armee in Marsch setzen müssen.
Der hyrkanische Ältestenrat lässt umgehend Red Sonja, die gerade an den Grenzen ihrer alten Heimat umherstreift, zu sich rufen. Die Ältesten schwatzen ein bisschen über ein von den Sternen bestimmtes Schicksal, wählen Sonja einstimmig zur neuen Königin und machen sich alsdann schnellstmöglich aus dem Staub. Soll sie sich doch mit Dragans Abgesandtem herumschlagen und im Zweifelsfall ihren Kopf aufs Spiel setzen, falls sie nicht bereit sein sollte, die Kapitulation zu unterzeichnen.
Sonja hat eigentlich wenig Grund, auf dieses abgekartete Spiel einzugehen. Emotional verbindet sie ihr Heimatland hauptsächlich mit der Ermordung ihrer Familie. (1) Doch als sie erfährt, dass sie mit Kryon noch einen lebenden Cousin in Hyrkania besitzt, wird das zum Anstoß dafür, die ihr aufgezwungene Rolle anzunehmen und Dragan eine herausfordernde Antwort zu schicken. Wie zu erwarten, mobilisiert der Imperator ohne zu zögern ein riesiges Invasionsheer, das sich alsbald unter seiner persönlichen Führung auf den Weg zum Binnenmeer von Vilayet macht, das die natürliche Grenze zwischeen den beiden Ländern bildet.

Trotz Sonjas Thronbesteigung bleibt das Sword & Sorcery - gemäße Underdogflair erhalten, denn Hyrkania erscheint hier nicht bloß als der Underdog unter den Nationen des Hyborian Age – "There is a saying ... Calamity is the hammer of the gods. And Hyrkania is their anvil."–, sondern auch als eine Nation von Underdogs. Die Bevölkerung scheint zu einem Gutteil aus Spitzbuben, notorischen Lügnern, Gaunern und Straßenräubern zu bestehen. Kryon z.B. ist Mitglied der "Brothers of Misfortune", einer Bande von Wegelagerern, die in dem nun beginnenden Krieg zu Hyrkanias "offizieller" leichter Kavallerie werden.

Sonjas Charakterisierung folgt zu Beginn dem altbekannten Format der Einzelgängerin, die gelernt hat, auch unter den widrigsten Umständen zu überleben, dabei aber den gewaltsamen Tod vieler ihr nahestehender Menschen miterleben musste. Ein Motiv, dass sich von frühester Zeit an in den Red Sonja - Comics findet. Dies wird auch durch die regelmäßigen Rückblenden hervorgehoben, in denen wir unsere Heldin zusammen mit ihrem Lehrmeister Domo in Khitai sehen, der schließlich während eines Staatsstreichs ermordet wird. Diese neue Hintergrundsgeschichte wird im zweiten Teil von Mark Russells Serie eine größere Rolle spielen. Doch mit dem wollen wir uns vorerst noch nicht beschäftigen.
Die wachsende Verbundenheit Sonjas zu dem Volk, für dessen Freiheit und Überleben sie nun plötzlich verantwortlich ist, bildet jedenfalls einen der großen Handlungsbögen der Geschichte. Steht dabei anfangs noch Kryon als ihr letzter überlebender Blutsverwandter im Zentrum, weitet sich der Kreis von Menschen schon bald immer weiter aus, bis sie für sich denkt: "I never imagined I would ever return to Hyrkania. Or that I would find more to life than survival. It took many years, but I have. I've found a home. And maybe that's the purpose of life ... to find the home you never knew you had.

Stellvertretend für diese Gemeinschaft steht Sonjas Kriegsrat, dessen recht bunte Zusammensetzung zugleich den Underdog-Charakter Hyrkanias widerspiegelt. Da hätten wir neben Kryon u.a.
  • Tiborius: Der alte, einäugige General ist einer der wenigen, die als Vertreter der traditionellen Elite gelten können. Entsprechend oft führt er das Wort "Ehre" im Munde. Da Sonja auf legitime Weise vom Ältestenrat gewählt wurde, verhält er sich dennoch erst einmal loyal.
  • Isolde: Vertreterin der "Barrens", einer Gruppe älterer Frauen, die Kriegerinnen geworden sind. "In Hyrkania, nothing goes to waste. Widows and women past child-rearing often volunteer for military service." Sie wird im zweiten Teil der Serie während Sonjas Abwesenheit zur Regentin.
  • Hannah: Eigentlich bloß eine Dienerin ("cup bearer" ~ Mundschenkin?), wird die Frau aus Koth (2), die selbst einmal Geisel in der Hauptstadt von Zamora war, eine von Sonjas wichtigsten Beraterinnen.
  • Scorpio: Ein weiteres Mitglied der "Brothers of Misfortune", dessen Rolle in der zweiten Hälfte der Story an Bedeutung gewinnt.
  • Cerkus: Als Sonjas "Tongue of Fire" eine der eigenwilligsten Figuren der Serie. Nach hyrkanischer Sitte muss jeder Herrscher einen Ratgeber zur Seite haben, der sich zweifelsfrei als ehrlichster Bewohner des Landes erwiesen hat: "Every year, there is a contest to find the most honest Hyrkanian ... By law, that person becomes the official Tongue of Fire. It's to keep our leaders from surrounding themselves with sycophants and flatterers." Obwohl scheinbar nur an seinem eigenen Wohlergehen interessiert und ein ewiger Schwarzseher mit einer Vorliebe für Drogenkonsum und sarkastische Kommentare, erweist sich Cerkus im Laufe der Handlung doch als ein treuer Verbündeter. In Lord of Fools erhält auch er eine eigene Hintergrundsgeschichte. Das Motiv eines magischen Fluchs (oder Segens?), der ihn zwingt, stets die Wahrheit zu sagen, ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, aber es ist interessant zu erfahren, dass er einst ein Sklave in Corinthia war. Und es macht auf jedenfall Spaß, mitzuerleben, wie er heuchlerische Sklavenhalter, pompöse Philosophen und verlogene Priester entlarvt. 
Cerkus ist es auch, der an einer Stelle einen ziemlich scharfsinnigen Kommentar über Nationalstolz abgibt:
There was at some point, I imagine, a time when people created all these nations to serve people. But those people died while their creations lived on. And their children, having no memory of the past, imagined that they had been created to serve the nation to which they were born. Everyone is born missing a piece from their soul. Unable to find the missing piece, they trust the nation to fill it for them. But once embarked, there is no end to that path. No limit to what they will do to others, nor even to themselves [...] Nations and empires are not a cult of personality, but a symptom of humanity's common psychosis ... the need to find our worth in power.
Was den Ursprung von Staaten und Nationen angeht, habe ich zwar deutlich andere Vorstellungen. Doch die Idee, dass die Identifikation mit dem Vaterland eine Art psychologischer Ersatz für etwas ist, unter dessen Mangel die Menschen leiden, halte ich für sehr treffend. Ich denke dabei natürlich vor allem an das, was Marx als Entfremdung & Selbstentfremdung beschrieben hat.
Man darf wohl annehmen, dass diese Passage als ein Kommentar auf das immer bedrohlichere Anwachsen von Nationalismus, nicht nur in Trumps Amerika, verstanden werden soll.

Im Kontext der Geschichte sind Cerkus' Bemerkungen auf Zamora gemünzt, dessen Bevölkerung von Dragan als Kanonenfutter missbraucht wird, um auf einem Schlachtfeld nach dem anderen zu morden und zu sterben. Und natürlich liegt der Fokus ganz allgemein auf dem zamoranischen Imperialismus.
Das beginnt bei dem offiziellen Brief, den Dragan an den hyrkanischen Ältestenrat schickt und in dem all die "zivilisatorischen Wohltaten" aufgezählt werden, in deren Genuss die Unterworfenen kommen würden, wenn sie sich bloß bereit erklärten, massig Tribute in Form von Gütern und Menschen (als Soldaten und Menschenopfer) zu zahlen.
Auch wird sehr schnell deutlich, dass sich Dragan keine ernsthaften Rückschläge leisten kann, weil dies sehr schnell zu einer Rebellion unter seinen Vasallen führen würde, die nur auf ein Zeichen der Schwäche warten. Imperien sind von Natur aus instabile Gebilde. Vor allem junge Imperien, die allein von Furcht und militärischer Gewalt zusammengehalten werden. So gesehen ist der Möchtegern-Welteroberer in gewisser Weise ein Gefangener seines eigenen imperialen Unternehmens, selbst ohne das Damoklesschwert der Prophezeiung, das ihn immer weiter vorantreibt.     
Nicht dass Dragan dadurch eine tragische Figur würde. Er ist ein Bösewicht durch und durch, und er genießt es in vollen Zügen. Mark Russell hatte ganz offensichtlich großen Spaß mit dieser Figur, ihrem Narzissmus, den zynischen Reden und grandiosen Gesten. Würde man die Geschichte verfilmen, die Rolle gäbe Anlass für "Scenery-Chewing" allererster Güte.
Allerdings sind Russell dabei hier und da einige kleine sprachliche Ausrutscher passiert. Dass Autoren nicht länger dem Beispiel von Roy Thomas folgen und versuchen, den Stil Robert E. Howards nachzuahmen, finde ich völlig in Ordnung. Doch man kann die Modernisierung auch zu weit treiben. So hat etwa ein Begriff wie "pep talk" meiner Meinung nach nichts in einer Geschichte über das Hyborian Age verloren.

Der kritische Blick ist aber nicht allein auf den Gegner gerichtet. Ja, Sonja und das hyrkanische Volk sind die Underdogs, die sich nicht länger von den mächtigen Bullies herumstubsen lassen wollen: "We are done being the world's doormat". Aber Hyrkania ist selbst eine Feudalgesellschaft mit einer landbesitzenden Aristokratie. Schon der Ältestenrat, dessen Mitglieder nichts eiligeres zu tun haben, als sich aus der Schusslinie zu bringen, gibt ja ein ziemlich jämmerliches Bild ab. Doch vor allem sitzt mit dem intriganten Fyodor ein Vertreter des Adels in Sonjas Kriegsrat. Und der versucht von Anfang an, ihre Position zu untergraben, wobei er sich vor allem bemüht, General Tiborius auf seine Seite zu ziehen. Allein schon die Tatsache, dass er sein Haupt vor irgendeiner dahergelaufenen Abenteuerin beugen soll, geht ihm massivst gegen den Strich. Und spätestens als einige von Sonjas drastischeren Maßnahmenn ganz unmittelbar den Besitz des Adels bedrohen, ist für ihn der Zeitpunkt gekommen, selbst nach der Krone zu greifen. Nicht etwa, um dem Krieg eine andere Richtung zu geben, sondern um schnellstmöglich zu kapitulieren und dabei wenn's geht noch einen Posten als Satrap herauszuschachern.

Allerdings lässt sich auch nicht behaupten, dass der Krieg besonders erfolgreich verlaufen würde. Zwar gelingt es Sonja mit ihren Guerillataktiken, dem Gegner einige empfindliche Schläge beizubringen, doch auf Dauer ist die zamoranische Kriegsmaschine einfach zu mächtig. Rückzug ist der einzig offene Weg. Schließlich sieht sich unsere Heldin sogar dazu gezwungen, zur Taktik der verbrannten Erde zu greifen, in der Hoffnung, die Invasoren auf diese Weise auszuhungern. Auch ist sie nicht vor Fehleinschätzungen und fragwürdigen Entscheidungen gefeit. In ihrer Verzweifelung wendet sie sich schließlich sogar hilfesuchend an die monströsen Magier von Wigur-Nomadine, denen sie Jahre zuvor schon einmal gegenübergetreten war. Eine Geschichte, die im Halloween - Special 2019 von Savage Tales erzählt wird, die man zum Verständnis ihrer zweiten Begegnung mit den Magiern und ihrer surrealen Traumwelt aber nicht unbedingt gelesen haben muss.
Den alles entscheidenden Schlag gegen Dragan kann Sonja am Ende erst ausführen, nachdem bereits alles verloren scheint und sie nur noch über eine Handvoll Getreuer verfügt. Das befreite Hyrkania aber ist ein verwüstetes Land, dessen dezimierte Bevölkerung einer Hungersnot gegenübersteht. Dies ist der Ausgangspunkt für den zweiten Teil der Serie, der im Februar dieses Jahres mit #13 startete.

Zum Abschluss noch eine Beobachtung, die mich besonders fasziniert hat: Sonja trägt in diesem ersten Teil der Serie durchgehend ihren klassischen Chainmail Bikini. Dennoch wirkt ihre Erscheinung nie sexualisiert. Von den meisten Coverillustrationen einmal abgesehen. Und das finde ich wirklich erstaunlich. Ich meine: Wie kann eine Figur in dieser Art von Kostümierung nicht sexualisiert wirken? Dafür gibt es meines Erachtens zwei Gründe.
Zuerst einmal führt Mark Russell unsere Heldin nie in eine Situation, in der sie im Erzähluniversum selbst als Sexobjekt betrachtet würde. So gibt es z.B. keine Szene, die dem folgenden, aus so vielen Red Sonja - Comics sattsam bekannten Szenario ähneln würde: Sonja kommt in eine Taverne, wird von irgendwelchen Mackern doof angemacht und lässt anschließend deren Köpfe rollen (oder haut sie zumindest k.o.). In #6 Temple of Ghosts bedrängt Dragan sie zwar, einer Eheschließung mit ihm zuzustimmen, doch ist es völlig klar, dass dabei romantische oder auch nur sexuelle Empfindungen keinerlei Rolle spielen. Der Imperator sieht in einer solchen Heirat bloß den besten Weg, einen unangenehm verlustreichen Feldzug zu einem raschen Ende zu bringen. Und das baldige Ableben seiner neuen Gattin ist dabei bereits fest eingeplant.
Sicher noch wichtiger ist aber, dass die beiden Zeichner Mirko Colak und Bob Q. unsere Heldin nie auf entsprechende Weise darstellen. Ihre Sonja ist nicht die "sexy Amazone".Vielmehr wirkt sie nicht selten hart und abgehärmt. Was ihrem Charakter in dieser Geschichte ja auch sehr viel besser entspricht.
Nun habe ich nicht per se etwas gegen die erotische Facette der Figur. Sie ist z.B. Teil des Runs von Gail Simone & Walter Geovani (2013-2015), den ich sehr schätze. Aber es ist auf jedenfall eine interessante Abwechselung, Red Sonja einmal ganz ohne sie zu sehen. Und gerade in dieser doch recht düsteren Erzählung von Krieg und Massenleid wirkt dies auch angemessen. 

Der zweite Teil der Serie ist noch nicht abgeschlossen. Die bislang veröffentlichten Hefte (#13-#18) bieten in motivischer Hinsicht zwar wenig wirklich neues, sind aber nichtsdestotrotz sehr lesenswert. Besprechen werde ich den Teil aber erst, wenn er in Gänze vorliegt.

Mark Russell hat vor einem Monat seine Zusammenarbeit mit Dynamite aufgekündigt, nachdem bekannt geworden war, dass der Verlag und sein CEO Nick Barrucci mit Vertretern der extrem rechten Comicsgate - "Bewegung" kooperiert hatten. Eine ganze Reihe von Künstler*innen zogen dieselbe Konsequenz. Diese Entscheidung ist natürlich sehr gut nachvollziehbar. Dennoch ist es bedauerlich, dass wir nach #24 keine weiteren Red Sonja - Arbeiten von Russell mehr zu sehen bekommen werden.



(1) Auch Mark Russells Version dieser Ereignisse ist glücklicherweise frei von den alten Zutaten Vergewaltigung, Göttererscheinung und "Keuschheits"schwur.

(2) Anders als in Robert E. Howards ursprünglichen Stories sind die Bewohner von Koth hier in der Mehrzahl Schwarze. Ganz allgemein haben sich die neueren Red Sonja - Comics erfreulicherweise ziemlich weit von den ethnischen Stereotypen des alten Hyborian Age entfernt. Selbst das Volk von Khitai besteht nicht länger aus klischeehaften "Chinesen".

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