"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Posts mit dem Label sherlock holmes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label sherlock holmes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 16. August 2016

Die abstrusen Abenteuer des Sherlock Holmes

Fritzi Kramers Blog Movies Silently gehört zu den sympathischsten Film-Websites, die ich kenne. Es ist stets ein Vergnügen, ihre kenntnisreichen, mit viel Liebe, Humor und einem kritischen Blick verfassten Beiträge über die gar zu oft missverstandene {oder schlicht ignorierte} Welt des Stummfilms zu lesen.
Ihr fröhlicher Enthusiasmus wirkt ungemein ansteckend. Als mir die Gute vor einiger Zeit via Twitter zu Verstehen gab, dass ich mir als bekennender Liebhaber von Sherlock Holmes und miesen Filmen unbedingt einmal The Copper Beeches von 1912 zu Gemüte führen müsse, dauerte es deshalb nicht lange, bis ich dieser Empfehlung nachkam. Und wow, was soll ich sagen, dieses Filmchen ist in der Tat ein Juwel des unbeabsichtigten Humors! {Fritzis Besprechung des Streifens findet man hier.}

Man bekommt häufiger zu lesen, kein anderer fiktiver Charakter habe so viele filmische Anverwandlungen erfahren wie Sherlock Holmes. Ob das ganz korrekt ist, weiß ich nicht, aber ohne Frage ist die Menge an Kino- und Fernsehfilmen, in denen der Meister des deduktiven Denkens sein Genie unter Beweis stellt, schier unüberschaubar.
Die frühesten Übersiedelungen von Holmes auf die Leinwand fanden ohne den Segen seines Schöpfers statt. Freilich hatten diese unautorisierten "Adaptionen", an deren Anfang der neckische Sherlock Holmes Baffled aus dem Jahre 1900 stand, auch wenig bis gar nichts mit Arthur Conan Doyles Geschichten zu tun. Ihnen ging es ausschließlich darum, die Popularität der Figur auszunutzen. Keine von ihnen scheint sich in der Darstellung des Charakters – seiner äußeren Erscheinung, seiner Persönlichkeit, seiner Methoden – an Conan Doyles Beschreibung des Meisterdetektivs zu orientieren. Das gilt auch für die wohl bekannteste von ihnen – eine zwölfteilige, von dem dänischen Unternehmen Nordisk Film zwischen 1908 und 1911 produzierte Serie von Filmen, in denen Holmes in den meisten Fällen von Viggo Larsen verkörpert wurde. Bizarrerweise hatte  Professor Moriarty offenbar einen Auftritt in der Serie, nicht jedoch Dr. Watson!

Als kluger Geschäftsmann war sich Arthur Conan Doyle der gewinnbringenden Möglichkeiten, die sich für populäre Autoren wie ihn aus der aufblühenden Filmindustrie ergaben, durchaus bewusst. Wie er in einem Brief an die Schriftstellerin Mary Augusta Ward (Mrs. Humphrey Ward) schrieb:
… our rights is an asset which is rising in value, no one knows quite how much. English cinemas films are in their infancy, but promise well, and it is there that our hopes lie. Unhappily the higher literature of thought and pathos is handicapped as compared to mere plot and action.
Seine Sherlock Holmes - Stories hielt er selbst nicht für "higher literature", und so mochten sie ihm für eine filmische Adaption durchaus geeignet erscheinen. Gegen unautorisierte Unternehmen wie die Nordisk - Serie konnte er zwar wenig unternehmen, doch gelang es ihm 1911 eine Produktionsfirma zu finden, die interessiert war, die Verfilmungsrechte legal zu erwerben. Das französische Unternehmen Éclair hatte zuvor eine recht erfolgreiche Nick Carter - Serie gedreht, verfügte also bereits über etwas Erfahrung im Detektiv-Genre. So gesehen eine gute Wahl, möchte man meinen, oder? Welch ein Trugschluss ...
Zugegebenermaßen sind uns von den insgesamt neun Éclair - Filmen heutzutage nur noch zwei zugänglich. Jede Beurteilung der Serie fußt also auf einem recht schmalen Fundament. Doch zumindest ihr letzter Eintrag – The Copper Beeches – ist ein wirklich grotesk mieses Stück missbrauchten Celluloids. Gerade deswegen aber auch ein irrer Spaß.
Die Titel der Éclair - Filme erwecken den Eindruck, als habe man sich anders als bei den unautorisierten Holmes - Streifen wirklich an Conan Doyles Stories orientiert. Und es lässt sich nicht leugnen, dass sich Spuren der DNA der echten Copper Beeches in diesem Machwerk finden. Ja, da ist der fiese Mr. Rucastle, der seine Tochter dazu zu zwingen versucht, auf ihre Erbansprüche zu verzichten, wenn sie zu heiraten wünscht. Und nachdem ihm dies nicht glückt, sperrt er sie weg – wenn auch nicht in einem Teil des Herrenhauses, sondern in einem Gartenschuppen. Auch engagiert der Bösewicht ganz wie bei Conan Doyle Miss Violet Hunter als Kindermädchen für seinen Sohn, da sie im Aussehen seiner Tochter ähnelt und er sie zu benutzen gedenkt, um deren "Verlobten" in die Irre zu führen. Und tatsächlich ist die gute Miss Hunter auch hier gezwungen, im Laufe der {ziemlich wirren} Handlung ihre Haarpracht zu stutzen.
Doch man lasse sich durch solche oberflächlichen Ähnlichkeiten nicht in die Irre führen. Die Struktur des Plots wurde auf eine Weise verändert, die einen beinahe vermuten lassen könnte, den Verantwortlichen sei es darum gegangen, die Geschichte jedweder Spannung zu berauben. Auch hat der in diese Variante der Story verwickelte Sherlock Holmes so gut wie nichts mit unserem geliebten Meisterdetektiv zu tun. Er wandert ein Bisschen durch die Waldungen von Copper Beeches, fuchtelt mit einem Vergrößerungsglas herum und ruft im "Finale" mit seiner Trillerpfeife ein paar Bobbies zur Hilfe, die scheinbar die ganze Zeit wartend im Gebüsch gehockt haben. Von der Kunst des deduktiven Denkens keine Spur.
Aber es ist nicht das, was die besondere "Qualität" dieses Filmchens ausmacht. In den Rang eines Juwels ganz eigener Art erheben ihn vor allem die absurd überzogenen schauspielerischen Darbietungen. Wie es Fritzi treffend beschreibt:
You know how people who have never seen a silent movie have a certain idea of what silent movie acting is like? Really broad and overdone, right? And how we silent movie fans leap into the fray to declare that silent films weren’t really like that? Well, this one is. 
Mit anderen Worten – The Copper Beeches beglückt uns mit einem grotesken Feuerwerk an wildem Gestikulieren, wüstem Grimasseschneiden, bizarrem Starren in die Kamera und pantomimischen Verdeutlichungen der primtivsten Sorte. Vor allem der Darsteller von Mr. Rucastle liefert in dieser Hinsicht eine nachgerade brillante Leistung ab. Aber Georges Tréville als Sherlock ist sichtlich bemüht, ihm da nicht groß nachzustehen. Es ist ein Höllenspaß!
Natürlich fragt man sich nach Durchleben dieser cineastischen Groteske, ob der Streifen  repräsentativ für die Éclair - Serie ist. Nach einem Besuch des einzigen anderen überlebenden Beweisstücks The Musgrave Ritual würde ich sagen: Jein. Alles in allem wirkt dieses Filmchen etwas gediegener als The Copper Beeches. Doch zumindest das mörderische Hausmädchen liefert hier gleichfalls eine grandios überzogene Darbietung ab. Was die Gute mit ihren Armen anstellt, ist wirklich sehenswert! Daneben fällt auf, dass wir in beiden Filmen – ganz wie bei der Nordisk-Serie – auf den ehrenwerten Dr. Watson verzichten müssen. Was wirklich bizarr anmutet, sind für uns heute doch Holmes & Watson ein schier unzertrennliches Paar, dessen zwischenmenschliche Dynamik einen sehr wichtigen Bestandteil der Geschichten darstellt.
  
Arthur Conan Doyle soll übrigens einmal gesagt haben, er habe Éclair schließlich das Zehnfache des ursprünglichen Preises bezahlen müssen, um die Verfilmungsrechte zurückzukaufen. Offenbar war auch er nicht glücklich mit dem, was man da mit seiner Schöpfung angestellt hatte.

Sonntag, 12. Januar 2014

Holmes, der Ripper und die schmutzige Welt der Politik

Die von  Stephen Knight in seinem 1976 veröffentlichten Buch Jack the Ripper: The Final Solution entwickelte Theorie, die Whitechapel-Morde von 1888 seien das Werk einer Regierungsverschwörung mit dem Ziel gewesen, alle Mitwisserinnen einer Affäre zwischen Königin Victorias Enkel Prinz Albert Victor und der aus einfachen Verhältnissen stammenden Annie Elizabeth Crook zu beseitigen, ist von Historikerseite zwar nie wirklich ernst genommen worden, hat sich in künstlerischer Hinsicht jedoch als erstaunlich fruchtbar erwiesen. Das zu Recht wohl bekannteste Beispiel dafür dürfte Alan Moores & Eddie Campbells Comic From Hell sein. Doch bereits drei Jahre nach Erscheinen von Knights Buch hatte die Idee als Grundlage für Bob Clarks Film Murder by Decree gedient



Nicht zum ersten Mal begegneten sich hier Sherlock Holmes und Jack the Ripper auf der Leinwand. Schon vierzehn Jahre zuvor war es in James Hills A Study in Terror* zu einem derartigen Aufeinandertreffen gekommen. Doch ausgehend von Knights Verschwörungstheorie und dem bereits etwas älteren Buch The Ripper File von Elwyn Jones & John Lloyd verwendeten Bob Clark und Drehbuchautor John Hopkins anders als Hill die Konfrontation zwischen Meisterdetektiv und Serienkiller als Aufhänger für eine Geschichte mit deutlich politischer und sozialkritischer Stoßrichtung. Für einen Holmes-Film Ende der 70er Jahre sicher eine ziemlich originelle Idee. Ihre Umsetzung scheint mir jedoch leider nicht sonderlich geglückt.

Der wichtigste Grund zuerst: Christopher Plummers Sherlock Holmes und James Masons Dr. Watson wirken auf mich wenig überzeugend. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, wenig ansprechend. Die beiden sind ohne Zweifel talentierte Schauspieler, aber für diese Rollen scheinen sie mir nicht recht zu passen. Sie umgibt einfach nicht das richtige Flair. Das Drehbuch ist in dieser Hinsicht allerdings auch nicht eben hilfreich. Watson wirkt wie eine unglückliche Mischung aus dem trotteligen Sidekick à la Nigel Bruce und dem kompetenten und respektablen Gentleman und Mediziner aus der Granada-Serie.** Die Dialoge der beiden sollen vermutlich witzig wirken, doch in den meisten Fälle haben sie bei mir eher den Eindruck einer Beziehung hinterlassen, die ich kaum als wirklich freundschaftlich bezeichnen würde.
Ganz gleich, was die Geschichte sonst noch zu bieten hat, ein Holmes-Film ohne überzeugenden Holmes hat ein echtes Problem. Der Meister des deduktiven Denkens ist eine ikonische Figur. Sein Charakter, seine Manierismen, seine physische Erscheinung, sie alle bilden einen wichtigen Bestandteil dessen, was den Reiz einer Holmes-Story ausmacht. Weshalb ich mir z.B. selbst die schlechteren der Flicks mit Basil Rathbone immer mal wieder ganz gerne anschaue, war er doch eine wirklich gelungene {wenn auch nicht die beste} filmische Inkarnation des großen Detektivs.
Die übrige Besetzung von Murder by Decree lässt allerdings kaum etwas zu wünschen übrig: Susan Clark als Mary Kelly, Geneviève Bujold als Annie Crook, Donald Sutherland als Mystiker Robert Lees, Frank Finlay als Inspektor Lestrade, Anthony Quayle als Sir Charles Warren. Sie alle wirken überzeugend in ihren Rollen.

In cinematographischer Hinsicht enthält Murder by Decree manch sehenswertes. Bereits die Eröffnungsszene mit der Skyline des viktorianischen London vor einem wolkenverhangenen, am Horizont noch leicht rötlich verfärbten Abendhimmel wirkt sehr eindrucksvoll, schafft sie doch augenblicklich eine bedrückende, unheilsschwangere Atmosphäre, welche durch die schrille Pfeife eines Polizisten und den melancholischen Glockenschlag von Big Ben noch verstärkt wird.
Im nächsten Moment finden wir uns bereits in die düsteren Gassen des nächtlichen Whitechapel versetzt, wo ein Großteil des Filmes spielen wird. Und auch wenn die dort angesiedelten Szenen mitunter noch ein wenig an das Klischeebild des "nebelverhangenen London" aus dem Brit-Horror der 60er Jahre erinnern, besitzen sie im ganzen doch eine sehr viel "naturalistischere" Düsternis. Von dem "gotischen" Charme der Kulissen alter Hammer-Filme ist wenig übriggeblieben.
Gleichfalls recht beeindruckend sind die meisten der Morde des Rippers in Szene gesetzt. Bob Clark war von Haus aus ein Horror-B-Movie-Regisseur. {Auch wenn er seine größten Erfolge später mit solch peinlichem Müll wie den Porky's - Filmen feiern konnte.} Bevor er mit Murder by Decree versuchte, von Kanada aus in die respektableren Regionen der Filmindustrie vorzustoßen, hatte er sich unter Genrefans einen Namen mit Children Shouldn't Play With Dead Things (1973), Deathdream aka Dead of Night (1974) und Black Christmas (1974) gemacht. Ich habe noch keinen dieser Filme gesehen, könnte mir jedoch vorstellen, dass er bei der Arbeit an ihnen gelernt hatte, wie man als Regisseur eine Mordszene so gestaltet, dass sie beim Publikum ein Höchstmaß an Grauen hervorruft. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die entsprechenden Sequenzen in Muder by Decree geeignet wären, Alpträume hervorzurufen. Aber sie sind auf jedenfall geschickt komponiert und effektiv.
Die mit Abstand beeindruckendste Szene ist für mich allerdings die Begegnung zwischen Holmes und der in einem "Asyl" für Geisteskranke eingesperrten Annie Crook. Das Schicksal der jungen Frau – von ihrem aristokratischen Liebhaber fallengelassen und von den ehrenwerten Männern der Establishments dazu verdammt, den Rest ihres Lebens in der Hölle einer viktorianischen "Irrenanstalt" zu verbringen –  illustriert auf eindringlichere Weise als selbst die Ripper-Morde die Grausamkeit einer herrschenden Elite, die ohne zu zögern das Leben von Menschen zerstört, die nicht zu ihren erlauchten Kreisen gehören, wenn es darum geht, die eigene Macht zu verteidigen. Zugleich ist dies die stärkste Holmes-Szene. Wir sind es gewohnt, den Meisterdetektiv als ruhig, überlegen, fast ein bisschen arrogant zu erleben. Um so heftiger ist der Eindruck, der entsteht, wenn sich Holmes plötzlich wutentbrannt auf den Direktor des "Asyls" stürzt und ihn zu würgen beginnt. Er, der es gewohnt ist, dank seines überlegenen Intellektes jede Situation beherrschen zu können, sieht sich auf einmal mit Mächten konfrontiert, gegen die er hilflos ist. Er kann Annie nicht retten, denn die, die ihr das angetan haben, sind die Herren der Gesellschaft. Ihm bleibt nichts anderes als Wut und Verzweifelung.

Damit kommen wir zum eigentlichen Inhalt von Murder by Decree, und damit zum zweiten großen Problem, das ich mit dem Film habe. In seiner Kritik an der herrschenden Elite des viktorianischen Englands scheint er ziemlich kompromisslos zu sein. Die royalistischen Loyalitätsbekundungen Dr. Watsons müssen erbärmlich wirken vor dem Hintergrund der Bluttaten, die im Namen und zur Verteidigung der Monarchie begangen werden. Und die Ripper-Verschwörung ist da nur das offensichtlichste Beispiel. Wenn zum ersten Mal der Name Charles Warren fällt, wird ganz nebenbei erwähnt, dass der Commissioner of Police ein Jahr zuvor für die Ereignisse vom Blutsonntag*** verantwortlich war. Das Abschlachten der Prostituierten in Whitechapel steht damit stellvertretend für all die Brutalitäten der Klassengesellschaft.
Soweit ist das alles ganz wunderbar, doch leider führen Hopkins und Clark daneben auch noch eine Gruppe von Radikalen ein, die sich als ebenso rücksichtslos herausstellen, wie die Vertreter des Establishments. Sie gedenken, die Whitechapel-Morde auszunutzen, um die Monarchie zu stürzen. Und um dieses Ziel zu erreichen, sind sie bereit, den Tod weiterer Frauen in Kauf zu nehmen, da die Wahrheit über die Verbrechen der Herrschenden auf diese Weise noch erschreckender wirken werde, wenn sie ans Licht kommt.
Was mich daran stört, ist in erster Linie nicht die Diffamierung englischer Revolutionäre des späten 19. Jahrhunderts. Das ist ärgerlich genug. Viel schlimmer jedoch erscheint mir, dass der Film durch die Einführung dieses Elementes einen Großteil seiner kritischen Stoßkraft einbüßt. Die ganze Geschichte läuft damit letztlich auf die demoralisierte Aussage hinaus, dass Politik in jedem Fall ein schmutziges Geschäft sei. Ob Royalisten oder Republikaner, Reaktionäre oder Revolutionäre, alle sind sie bloß skrupellose Macchiavellisten, die nur an die Förderung ihrer eigenen Ziele denken. Die Konsequenz, die wir aus dieser Erkenntnis zu ziehen haben, wird uns in Gestalt von Holmes exemplarisch vor Augen geführt. Angewidert wendet sich der Detektiv von beiden Fraktionen ab und zieht sich auf einen scheinbar "überlegenen", "unabhängigen" Standpunkt zurück, von dem aus er alle beteiligten Parteien moralisch verdammen kann. Diese letztlich zynische Haltung scheint mir auch der Grund für die äußerst enttäuschend wirkende Schlussszene des Filmes zu sein. Nachdem er Jack the Ripper zur Strecke gebracht hat, wird Sherlock Holmes zum Premierminister (Lord Salisbury) bestellt. Was als eine Art Verhör des Detektivs geplant war, endet mit einer Anklagerede desselbigen gegen die mächtigsten Männer des Empire. Doch es ist eine moralische, keine politische Rede. Angeklagt wird nicht das System, sondern eine Handvoll skrupelloser Schurken, die sich hinter Titeln, Positionen und einer perversen Moral verstecken.
Natürlich wäre es völlig absurd gewesen, hätten Hopkins und Clark Holmes am Ende in einen Revolutionär verwandelt. Eine solche Position würde einfach nicht zu ihm passen. Doch einen wieviel stärkeren Eindruck hätte das Finale von Murder by Decree hinterlassen, wenn der Film auf jener wütenden und verzweifelten Note ausgeklungen wäre, die er auf so effektvolle Weise in der Szene in der "Irrenanstalt" angeschlagen hatte! Holmes als integre und humane Persönlichkeit, die an der Ungerechtigkeit der herrschenden Verhältnisse verzweifelt, wäre sehr viel beeindruckender gewesen, als Holmes als moralischer Richter über eine Clique von Politikern.


* Kein Film, den man unbedingt gesehen haben müsste, aber er hat seine Momente. Und Robert Morleys kurzer Auftritt als furchtbar eitler Mycroft Holmes ist irgendwie putzig.
** Vgl.: 4. Advent: "The Blue Carbuncle"
*** Am 13. November 1887 sprengten ca. 5000 Polizisten & Soldaten mit brutaler Gewalt eine Massendemonstration auf dem Trafalgar Square. Die in großer Mehrheit aus dem armen East End von London gekommenen Menschen hatten sich unter der Führung von Sozialisten und Radikalen wie John Burns, William Morris und Annie Beasant versammelt, um u.a. gegen die grassierende Arbeitslosigkeit und die fortdauernde Unterdrückung Irlands zu protestieren. Das gewaltsame Eingreifen der Staatsmacht führte zu mehreren Toten und zahlreichen schwer Verletzten. 

Sonntag, 22. Dezember 2013

4. Advent: "The Blue Carbuncle"

Diesmal möchte ich meine Leserinnen und Leser zu einem kleinen Abstecher in die Baker Street 221B einladen, wo wir miterleben dürfen, wie der große Sherlock Holmes von einer herrenlosen Weihnachtsgans und einem ramponierten Filzhut ausgehend den Diebstahl eines äußerst kostbaren und blutbefleckten Juwels aufklärt.
The Adventure of the Blue Carbuncle aus Arthur Conan Doyles ersten Sammelband von Stories über den genialen Detektiv ist eine lupenreine Weihnachtserzählung. Die Geschichte spielt nicht nur zur Festzeit, sie ist auch von dem entsprechenden Geist erfüllt. Holmes ist niemand, dem man für gewöhnlich einen ausgesprägten Hang zur Sentimentalität vorwerfen könnte. Ganz im Gegenteil. Und auch dieser Fall stellt für ihn anfangs bloß eine weitere interessante Herausforderung für seinen überlegenen Intellekt dar. Am Ende jedoch erweist sich Holmes als erstaunlich weichherzig, wobei es ihm auch nichts ausmacht, dass er dabei das Gesetz bricht, denn: "I am not retained by the police to supply their deficiencies. [...] I suppose that I am commuting a felony, but it is just possible that I am saving a soul."
Die von Granada Television, der nordwestenglischen Unterabteilung von ITV, zwischen 1984 und '94 geschaffene Fernsehserie gilt als die bis heute werkgetreueste Adaption von Conan Doyles Geschichten.* Neben intelligenten Drehbüchern, überwiegend talentierten Darstellern & Darstellerinnen in den Nebenrollen sowie dem liebevoll gestalteten viktorianischen Setting, ist es vor allem der großartige Jeremy Brett, der ihr ihren ganz besonderen Glanz verleiht. Trotz einer nostalgischen Zuneigung zu Basil Rathbones Interpretation, sehe auch ich in Brett die definitive filmische Inkarnation des großen Detektivs. Niemand anderem ist es je auf so überzeugende Weise gelungen, Holmes' Persönlichkeit mit ihren Manierismen und Exzentrizitäten lebendig werden zu lassen. Gegen Ende der Serie freilich ist der rapide gesundheitliche Verfall des Schauspielers, der ein Jahr nach der Ausstrahlung von The Memoirs of Sherlock Holmes im September 1995 starb, nicht zu übersehen, was insbesondere der letzten Staffel eine tragische Note verleiht. Ein weiterer großer Pluspunkt ist, dass die Granada-Produktion den erst von David Burke und später von Edward Hardwicke gespielten Watson nicht länger als den tölpelhaften Sidekick darstellt, auf den die Rolle seit den Tagen von Nigel Bruce mehr oder weniger festgelegt war. Wie bei Conan Doyle erweist sich der gute Doktor vielmehr als intelligent und kompetent, auch wenn er selbstredend seinem genialen Freund nicht das Wasser reichen kann.
Die wenigen Veränderungen, die an der Story von The Blue Carbuncle vorgenommen wurden, verstärken noch deren weihnachtlichen Charakter. Genau das richtige also für unseren kleinen filmischen Adventskalender:



* Auch wenn sie zumindest in den späten Filmen und Episoden gleichfalls immer mal wieder recht gravierend von ihrer literarischen Vorlage abweicht.

Donnerstag, 5. September 2013

"A gentleman uses the straight-left ..."

Ich kann nicht behaupten, dass mich Guy Ritchies 2009 in die Kinos gelangter Sherlock Holmes - Film seinerzeit besonders beeindruckt hätte. A Game of Shadows (2011) habe ich mir dann gar nicht mehr angeschaut.
Wie ich hier schon einmal erklärt habe, würde ich mich zwar nicht als einen waschechten Sherlockianer bezeichnen, habe aber doch verdammt viel für Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv übrig. Was nicht ausschließt, dass ich einen unorthodoxen Umgang mit der Figur durchaus zu schätzen wüsste. So liebe ich z.B. Herbert Ross' Seven-Percent-Solution {den mit Sigmund Freud [1976]} und Thorn Eberhardts Without a Clue {den mit Watson als Genie und Holmes als verkrachtem Schauspieler [1988]}. Und auch an Billy Wilders' The Private Life of Sherlock Holmes (1970) und Barry Levinsons Young Sherlock Holmes (1985) habe ich zumindest einige durchaus erfreuliche Erinnerungen.
Was mich an Ritchies Flick gestört hat, war darum weniger die mangelnde Treue gegenüber der literarischen Vorlage, als vielmehr der Umstand, dass der Streifen so sklavisch dem Schema des zeitgenössischen Action-Blockbusters folgt. Auch frage ich mich, warum für einige Leute ein "viktorianisches" Abenteuer inzwischen scheinbar automatisch ein paar Steampunk-Elemente enthalten muss. Außerdem: Warum muss Bösewicht Blackwood gleich die Weltherrschaft anstreben, wie jeder dahergelaufene Superschurke der letzten fünfzig Jahre? Selbst Doyles "Napoleon des Verbrechens", Professor Moriarty, hatte bescheidenere Ambitionen.
Eine gute Seite freilich besitzt Ritchies Sherlock Holmes. Und um diese zu beschreiben, übergebe ich das Wort dem Meister des deduktiven Denkens persönlich, der uns auf mystische Weise seine Ansicht über den Film durch den Mund von  Joe Nickell – Skeptiker und Monsterjäger extraordinaire – übermittelt hat:
For me, one of the most rewarding aspects of the whole affair was its portrayal of the paranormal – to use another modern word, Watson. As you’ve been kind enough to chronicle, in several of my cases – involving that hell-hound of the Baskervilles, for example, and "The Adventure of the Devil’s Foot" – I have had the persona not only of consulting detective but of paranormal investigator as well. But I have always been an advocate of naturalism, and so I announced (in that tale you titled, "The Adventure of the Sussex Vampire"), "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." I continue to hold that view. Now, it seemed there were supernatural powers exhibited in the movie at hand, but in the end they were all revealed – just as I might have done – as so many "conjuring tricks."
Es ist wirklich schön, einmal wieder den wissenschaftlich geschulten Intellekt über Aberglauben und Mystizismus triumphieren zu sehen. In aktuellen Filmen oder TV-Produktionen kommt das ja nicht unbedingt besonders häufig vor.
Dass der gute Holmes bei Ritchie mehr als einmal die Fäuste schwingt und seine Gegner statt mit logischen Argumenten mit gezielten Fausthieben außer Gefecht setzt, ist verschiedentlich zu einer der größten Sünden des Filmes erklärt worden. Und natürlich gehören sowohl das massierte Auftreten solcher Kämpfe als auch die Art, in der sie dargestellt werden, zu dem auch von mir kritisierten Action-Blockbuster-Rezept, dem Drehbuchschreiber und Regisseur gefolgt sind. Allerdings wusste auch Arthur Conan Doyles Holmes im Falle eines Falles sehr erfolgreich seine Fäuste einzusetzen. So z.B. gegenüber dem höchst unangenehmen Mr. Woodley in The Adventure of  the Solitary Cyclist:
We had got as far as this, when who should walk in but the gentleman himself, who had been drinking his beer in the tap-room and had heard the whole conversation. Who was I? What did I want? What did I mean by asking questions? He had a fine flow of language, and his adjectives were very vigorous. He ended a string of abuse by a vicious backhander, which I failed to entirely avoid. The next few minutes were delicious. It was a straight left against a slogging ruffian. I emerged as you see me. Mr. Woodley went home in a cart. So ended my country trip, and it must be confessed that, however enjoyable, my day on the Surrey border has not been much more profitable than your own.


Der Ausschnitt stammt aus der Granada Television - Serie The Adventures of Sherlock Holmes mit dem großen Jeremy Brett. Bis heute die wohl genialste filmische Adaption von Arthur Conan Doyles Stories.

Mittwoch, 26. September 2012

Pastiche und Propaganda (II)

Jamyang Norbu hat wie gesagt nichts übrig für die im Westen verbreitete Tendenz, in Tibet eine Art mystisches Wunderland zu sehen:
There's a kind of New Age perception of Tibet, which is fed to some extent quite deliberately by propagandists for Tibet, many New Age type Buddhists, Tibetan Buddhists. And, also subscribed gradually by Tibetans, including the Dalai Lama and a lot of prominent Lamas. The idea that this even materialist west will be saved by the spiritualism of the Tibetan Buddhists. It's total nonsense.
Man kann sich darum vielleicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich feststellen musste, dass Norbu mit der zweiten Hälfte von Das Mandala des Dalai Lama genau diese Heilssehnsucht zu bedienen versucht.
Es zeigt sich nämlich sehr schnell, dass das vermeintliche Mordkomplott, zu dessen Verhinderung Sherlock Holmes nach Tibet gerufen wurde, gar nicht die eigentliche Bedrohung darstellt, gegen die unsere Helden vorgehen müssen. Damit verliert die Geschichte augenblicklich ihren holmes'schen Charakter und begibt sich straks in die Untiefen von Pulp-Phantastik, Mystizismus und esoterischem Quark. Statt sich der gängigen Methoden von etwas Gift im Mittagsmahl oder einem Messer in der Nacht zu bedienen, haben die Chinesen nämlich einen abtrünnigen Tantra-Magier nach Lhasa geschickt, der für das frühzeitige Ableben des XIII. Dalai Lama sorgen soll. Dieser nur als "der Finstere" bekannte Schurke, dessen Spezialität darin zu bestehen scheint, qua Telekinese Schwerter durch die Luft sausen zu lassen, ist jedoch offenbar sehr viel mehr an der alten Darstellung eines Kalacakra-Mandalas interessiert, das der I. Dalai Lama angeblich von einem geheimnisvollen Abgesandten aus dem Wunderreich Shambala erhalten haben soll.

An dieser Stelle des Buches angekommen konnte ich einen Seufzer der Verzweifelung nicht unterdrücken. Shambala? Bitte nicht Shambala! Norbu lässt seinen Erzähler Hurree erklären:
Das 'Shambala des Nordens' ist, der lamaistischen Weltanschauung zufolge, ein Wunderland, vergleichbar mit Thomas Moores Utopia, Francis Bacons Neuem Atlantis oder Campanelas Sonnenstaat, wo Tugend und Weisheit eine ideale Gesellschaft haben entstehen lassen. Dieses Fabelreich gilt als Ursprung aller hohen okkulten Wissenschaften, das der Wissenschaft und Technik unserer Welt weit überlegen ist. Laut einer Prophezeiung in den heiligen Schriften Tibets werden die Herren von Shambala, wenn die Menschheit am Ende den Mächten des Bösen unterliegt, im Jahr des Wasser-Schafes des 24. Zyklus (das heißt im Jahre 2425) ihre große Armee entsenden und jene dunklen Mächte vernichten. Danach wird der Buddhismus erneut erblühen, und ein Zeitalter der Vollkommenheit wird anbrechen. (1)
Kein anderes Element der tibetisch-buddhistischen Mythologie ist wohl so oft von irgendwelchen westlichen Möchtegernmystikern missbraucht worden wie das Verborgenen Reich der Kulika-Könige. Außer vielleicht das berühmte Mantra Om mani padme hum.

Das echte Kalacakra Tantra, dem der Mythos von Shambala seine Entstehung verdankt, wurde in der Mitte des 10. Jahrhunderts vermutlich im heutigen Afghanistan verfasst und gelangte tibetischen Quellen zufolge im Jahre 966 von dort aus nach Indien. Es ist ein Produkt der kosmopolitischen Kultur der Handelsstädte entlang der Seidenstraße, in denen Vertreter der unterschiedlichsten asiatischen Völker friedlich zusammenlebten, und Güter wie Ideen aus aller Herren Länder ausgetauscht wurden. Hier waren die Buddhisten u.a. mit Zoroastriern, Manichäern, nestorianischen Christen und Juden zusammengetroffen. Die daraus resultierende gegenseitige gedankliche Befruchtung hatte nicht unwesentlich zur Entstehung einer blühenden buddhistischen Hochkultur in Zentralsien und Turkestan beigetragen. Das Kalacakra Tantra war eine ihrer letzten bedeutenden Früchte und zugleich eine Reaktion auf die Entwicklung, die zu ihrem Untergang führen sollte: Das machtvolle Vordringen des Islam. (2)
Im 10. Jahrhundert herrschten die Emire der Samaniden-Dynastie als nominelle Vertreter der abbasidischen Kalifen über die Region. Es war das Goldene Zeitalter des islamischen Zentralasien: Handel und Gewerbe blühten auf, in den Städten entstanden prachtvolle Moscheen, Schulen, Badehäuser und Karawansereien, während am Hof des Emirs in Buchara die Grundlagen für die Entwicklung der neupersischen Literatur gelegt wurden. An der kosmopolitischen Atmosphäre der großen Handelsstädte hatte sich auch unter islamischer Herrschaft nichts geändert, das friedvolle Gemisch der Kulturen und Religionen verstärkte sich eher noch. Doch auch wenn die Buddhisten vorerst keiner organisierten Verfolgung ausgesetzt waren, hatten die Mönche das Gefühl, in einem zunehmend düsteren Zeitalter zu leben. Dies war die historische Situation, in der das Kalacakra Tantra entstand.
Der heilige Text  erzählt von dem paradiesischen Reich Shambala, das umgeben von unüberwindlichen Gebirgszügen und bewacht von überirdischen Mächten dem allgemeinen Niedergang der Welt trotzt. Hier bewahren die Heiligen unter der Herrschaft der Kulika-Könige die reine Lehre, während eine Zeit der Finsternis über die Erde hereinbricht. Doch schließlich werde die Kunde von dem verborgenen Reich an das Ohr des bösen Welteroberers dringen und dieser werde sich mit einem gewaltigen Heer aufmachen, um die letzte Bastion des Lichtes seiner Herrschaft zu unterwerfen. Daraufhin werde der fünfundzwanzigste Kulika-König Rudracakrin ("Der Zornige mit dem Rad") an der Spitze seiner Armeen das geheime Königreich verlassen und sich den Angreifern zum Kampf entgegenstellen. In einer apokalyptischen Endschlacht werden die Mächte der Finsternis vernichtet werden und Rudracakrin wird vom heiligen Berg Kailash aus über ein buddhistisches Weltreich des Friedens und der Gerechtigkeit herrschen, das 19.800 Jahre lang Bestand haben wird.
Das Tantra identifiziert den bösen Welteroberer mit der islamischen Messiasgestalt des Mahdi und erwähnt im Zusammenhang mit ihm die Städte Bagdad und Mekka, sowie Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mohammed und den mysteriösen 'Weißgekleideten' (shvestavastri) als seine Vorgänger. (3) 
Der ausgeprägte Dualismus zwischen Gut und Böse sowie das Motiv einer apokalyptischen Endschlacht unterscheiden das Kalacakra Tantra sehr deutlich von älteren buddhistisch-messianischen Texten, in deren Zentrum für gewöhnlich der Buddha der Zukunft Maitreya gestanden hatte. Als Vorbilder mochten dabei so unterschiedliche Quellen wie die jüdische und christliche Tradition, die zoroastrische Figur des Letzten Weltenheilands Saoshyant oder die unter den Anhängern Vishnus verbreitete Vorstellung von Kalki als dem Zehnten Avatar ihres Gottes gedient haben. Auch manichäisches Gedankengut hat offenbar seinen Weg in den heiligen Text gefunden. Am stärksten dürfte jedoch ironischerweise der islamische Einfluss gewesen sein. Zumal die Region, in der das Tantra entstand, seit geraumer Zeit der Tummelplatz aller möglichen muslimischen Sekten war, in deren Gedankenwelt die Gestalt des Mahdi stets eine zentrale Rolle spielte. Die Buddhisten eigneten sich die eschatologischen Ideen ihrer muslimischen Rivalen an, integrierten sie in ihre eigene Gedankenwelt und wandten sie dann gegen den Islam. So dürfte z.B. das direkte Vorbild für den bösen Mahdi des Kalacakra Tantra im 'Lügenden Messias'  al-Masihu’d Dadschal zu suchen sein, dem dämonischen Widersacher des endzeitlichen Heilsbringers im Islam.
Als das Tantra im Jahr 1026 ins Tibetische übertragen wurde, gelangte es damit in einen buddhistischen Kulturraum, der sich keiner islamischen Herausforderung gegenübersah. Dadurch verloren seine Prophezeiungen ihren Bezugspunkt in der Wirklichkeit und wurden offen für Neuinterpretationen. Die antimuslimische Stoßrichtung spielte von nun an keine entscheidende Rolle mehr in der Rezepetion des Textes. Was blieb war die Prophezeiung von einem gewaltigen Krieg zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis und die Hoffnung auf ein zukünftiges Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Armut und Elend unbekannt sein würden. Vor allem jedoch die Vision von einem verborgenen Reich, einem Irdischen Paradies inmitten dieser grausamen und leiderfüllten Welt: Shambala. Mit diesem Namen waren von nun an die Träume und Sehnsüchte der Buddhisten Tibets und Zentralasiens verbunden. Jamyang Norbus Vergleich mit den Gesellschaftsutopien von Morus, Bacon und Campanella ist allerdings etwas irreführend. Eher sollte man dabei an die Sehnsucht des christlichen Mittelalters nach dem Garten Eden denken.  Über die genaue geographische Lage Shambalas waren sich die gelehrten Mönche Tibets nie ganz einig. Die älteste uns heute noch zugängliche Version des heiligen Textes, das Laghu Kalacakra Tantra, lokalisiert das Reich der Kulika-Könige irgendwo südlich des Berges Kailash, doch konnte sich diese Tradition offenbar nicht auf Dauer durchsetzen. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen. Die Region um den Kailash ist zwar wild und unwegsam, war den Tibetern aber nicht völlig unbekannt. Sie wussten, dass sich dort weder eine glanzvolle Stadt noch ein idyllischer Paradiesesgarten befanden. Das hinderte die eifrigen Lamas freilich nicht daran, sich auch weiterhin den Kopf über die Lage Shambalas zu zerbrechen. Wie auch hätte man die Suche nach diesem heiligen Ort des Friedens und der Erleuchtung aufgeben sollen? Im Vimalaprabha heißt es, das geheimnisvolle Land befände sich nördlich des Flusses Sita, während arya-visaya ("das Land der Arier" = Indien) südlich des Stromes zwischen dem Himalaya und Lanka liege. Doch auch diese Angaben brachten die sehnsuchtsvoll Suchenden nicht wirklich weiter. Der Fluss Sita ist zwar in der buddhistischen Kosmologie und dem heiligen Schrifttum Indiens wohlbekannt, in der realen Welt jedoch leider nur sehr schwer zu lokalisieren. Möglicherweise verbirgt sich hinter dem mythischen Gewässer der Tarim in Ostturkestan. Auf jedenfall suchte man Shambala von nun an nördlich von Tibet. (4)

An westliche Ohren drang der Name des Verborgenen Königreiches erstmals im 17. Jahrhundert, als einige Jesuiten das Schneeland besuchten. Einen tieferen Eindruck scheint der Mythos jedoch nicht bei ihnen hinterlassen zu haben. Erst als im 19. Jahrhundert Helena Blavatsky (1831-91), die Gründerin der Theosophie, Shambala in ihren Schriften erwähnte, legte sie damit den Samen für die rasch wachsende Beliebtheit des geheimnisvollen Landes unter westlichen Okkultisten, Esoterikern und phantastischen Schriftstellern. Dabei wurden die aufgeschnappten Bruchstücke des alten buddhistischen Mythos oft mit der von Alexandre Saint-Yves d’Alveydre (1842-1909) in die Welt gesetzten Idee eines unterirdischen Wunderreiches namens Agharta vermischt. Besondere Popularität erlangte diese Mixtur in den 1920er Jahren durch Ferdynand Ossendowskis Schmöker Tiere, Menschen und Götter. Ebenfalls sehr gerne verknüpften westliche Autoren das Verborgene Königreich mit der auf Blavatskys "weiße Loge" der Mahatmas zurückgehende Idee einer geheimen Bruderschaft von weisen 'Hütern der Welt', die dort residieren soll. Ein besonders prominenter Vertreter dieser ganzen buntscheckigen Sippschaft war der russische Maler und Gründer des Agni Yoga Nikolai Roerich (1874-1947), der sogar ein Buch mit dem Titel Shambala verfasste. Dass er namentliche Erwähnung in Das Mandala des Dalai Lama findet, ist kein Zufall, wie wir gleich sehen werden.

Zuerst einmal wollen wir jedoch zu Sherlock Holmes und dem wackeren Hurree zurückkehren. Denn kaum hat Norbu das Kalacakra - Mandala und den "Finsteren" ins Spiel gebracht, da scheint er auch schon jeden Rest an schriftstellerischem Gespür verloren zu haben. Von einem leidlich charmanten Conan Doyle - Pastiche verwandelt sich der Roman in einen sich immer höher auftürmenden Berg an Abstrusitäten. Aus dem Lachen und Stöhnen kommt man von nun an nur noch selten heraus.
Holmes und Hurree dringen in die chinesische Gesandtschaft ein, um das aus dem Norbulingka entwendete Thangka (Rollbild) des Mandalas zurückzuholen. Was sie dort erwartet, ist die erste der bizarren 'Enthüllungen', aus denen der Rest des Romans besteht. Der "Finstere" entpuppt sich als ... Professor Moriarty! Ja, der "Napoleon des Verbrechens" ist in Wirklichkeit ein böser tibetischer Tantrameister, der den Sturz in die Reichenbachfälle dank seiner Zauberkräfte überlebt hat! Und ganz, wie man es von Norbu inzwischen erwartet, schafft es dieser tatsächlich, auch noch für die kriminelle Karriere des guten Professors in England die Chinesen verantwortlich zu machen. Jene halfen ihm "in Europa Fuß zu fassen, weil sie sich an jenen Nationen rächen wollten, die China so gedemütigt hatten". (5) Moriarty als eine Art verfrühter Fu Manchu! Dass sein Äußeres weder bei Conan Doyle noch in seinem eigenen Buch irgendwelche Anzeichen einer asiatischen Herkunft aufweist, scheint Norbu nicht weiter zu stören.
Aber das ist erst der Anfang. Das Mandala erweist sich als Schlüssel zu einem fantastischen unterirdischen Palast, dessen zentrales Gewölbe Hurree wie folgt beschreibt:
Nun befanden wir uns in einer gewaltigen, runden, hallenartigen Anlage, die gut ein paar Tausend Meter Durchmesser hatte und von einer riesigen Eiskuppel überwölbt wurde, die in ihrem Zentrum mindestens 800m hoch war. Um die ganze kolossale Rundhalle standen große Statuen, zwanzig an der Zahl. Es waren grimmig aussehende Krieger in fremdartiger Rüstung. Die Ausmaße der Statuen waren riesig, vergleichbar mit den großen Buddha-Statuen, die ich im Bamiyan-Tal in Afghanistan gesehen hatte.
Die völlig übertriebenen Dimensionen machen deutlich, dass wir das reale Tibet verlassen und die Fantasiegefilde von Shangri-la betreten haben, eben jene Gefilde also, die Norbu in den Erzeugnissen westlicher Tibetromantiker so unbarmherzig kritisiert.Dieses Gewölbe ist der Aufbewahrungsort des "Norbu Rinpoche", des "großen Juwels der Macht von Shambala." Die Lama Yönten in den Mund gelegte Beschreibung des magischen Edelsteins zeigt erst recht, dass sich der Autor spätestens an diesem Punkt in seiner Erzählung von den authentischen Traditionen des Buddhismus ab- und den  esoterischen Fantastereien von Blavatsky, Roerich & Co. zugewandt hat:
Es steht geschrieben, dass der Sendbote Shambalas zwei solcher Steine an jedem der beiden spirituellen Pole unseres Planeten anbrachte. Der erste ging verloren, als Ata-Ling, der heilige Kontinent, von der großen Flut verschlungen wurde. Der zweite wurde hierher nach Tibet gebracht. (6)
Mit dem Wunscherfüllenden Juwel Cintamani der indischen und tibetischen Überlieferung hat dieser Stein nichts mehr zu tun. Die peinlich offensichtliche Anspielung auf den Atlantismythos lässt einen vielmehr augenblicklich an die theosophische Obsession mit untergegangenen 'Rassen'
und Kontinenten denken. (7) Kein Wunder, dass Norbu an dieser Stelle ausdrücklich auf Nikolai Roerich und dessen Beschreibung des Norbu-rin-poche/Chintamani verweist:
Es heißt, Tamerlane und Akbar hätten Bruchstücke eines solchen Steines besessen und der Stein im magischen Ring des Suleimans (Solomon) wäre ein Teil des Chintamani gewesen. Nicholas Roerich, der berühmte weißrussische Mystiker, Künstler und Reisende, war überzeugt davon, dass der Chintamani der Lapis Exilis sei, der Wanderstein der alten Meistersänger. (8) 
Doch auch damit noch nicht genug. Es erwartet uns noch ein wahrhaft 'fantastisches' Finale. Wie man sich denken kann, will Moriarty den Stein in seine Hände bekommen, um damit in der Manier jedes echten Superschurken 'die Welt zu beherrschen'. Doch als bereits alles verloren scheint, erwartet uns eine erneute 'Enthüllung'. Der Professor ist gerade dabei, unsere Helden mit seinen durch den Stein verstärkten magischen Kräften auszulöschen, da schreit Lama Yönten:
Mr Holmes, Mr Holmes. Hören Sie mir genau zu. Sie sind nicht Sherlock Holmes! Sie sind der berühmte Gangsar-trulku, der ehemalige Abt des Klosters des Weißen Garuda, einer der größten Meister der okkulten Wissenschaften. Der Finstre hat Euch vor achtzehn Jahren ermordet, doch kurz bevor Euch Eure Lebensgeister verlassen haben, ist es uns mithilfe des Pho-wa-Yoga gelungen, diese in einen anderen, weit entfernten Körper zu transferieren. (9)
Und tatsächlich entdeckt Holmes die in ihm verborgen liegenden tantrischen Kräfte und beginnt ein munteres Magierduell mit dem bösen Moriarty.
An dieser Stelle bin ich dann wirklich wütend geworden. Sherlock Holmes ist die vielleicht berühmteste literarische Verkörperung des rationalen, analytischen Denkens. Arthur Conan Doyle selbst glaubte zwar an allen möglichen Unsinn wie die berüchtigten Feenfotografien von Cottingley oder spiritistische Séancen, sein Meisterdetektiv aber erklärte bestimmt: "This agency stands flat-footed upon the ground, and there it must remain. The world is big enough for us. No ghosts need apply." (10) Ihn in einen wiedergeborenen Tantrameister und Magier zu verwandeln, ist für mich ungefähr dasselbe wie die Darstellung von Merlin als billigem Scharlatan in Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Twains Buch eine Satire ist.
Im letzten Kapitel seines Romans deutet Jamyang Norbu schließlich zu allem Überfluss auch noch an, dass Holmes zu jener aus theosophischen Schriften so bekannten 'geheimen Bruderschaft der Weisen' gehört, die im Auftrag der Herren von Shambala als verborgene Hüter unserer Welt fungieren. Shambala aber könnte vielleicht ein anderer Planet sein. Neben Theosophie und Agni Yoga also auch noch ein bisschen UFO- und Alienquatsch!

Was mich an all dem besonders verärgert hat, ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob Norbu all die esoterischen Elemente nicht bloß deshalb in seine Erzählung eingebaut hat, um den Geschmack eines westlichen Lesepublikums zu bedienen. Bisher hatte ich in dem Schriftsteller eher einen Rationalisten gesehen. Die zweite Hälfte seines Buches hat für mich deshalb den Geschmack eines bewussten Betrugs. Während mir die eng an Conan Doyle orientierten Passagen Ausdruck einer vielleicht naiven und unkritischen, aber dafür ehrlichen Begeisterung für den viktorianischen Schriftsteller zu sein scheinen, werde ich bei den phantastischen Kapiteln den Verdacht nicht los, dass Norbu sich hier derselben Methode bedient, die er bei anderen kritisiert. Um seine nationalistische Botschaft unter die Leute zu bringen, ködert er diese mit dem alten exotistischen Klischee von Tibet als einem Land der Wunder.


(1) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 216.
(2) Vgl.: B. Gosh: Emergence of Kalacakratantra. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 21. Nr. 2 (1985). S. 19ff.
(3) Vgl.: Alexander Berzin: The Kalachakra Presentation of the Prophets of the Non-Indic Invaders.
(4) Vgl.: Ronald M. Davidson: Hidden Realms and Pure Abodes: Central Asian Buddhism as Frontier Religion in the Literature of India, Nepal, and Tibet. Biswanath Banerjee: Development of the Kalacakra System in Later Buddhism. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 24. Nr. 2. (1988). S. 9ff.
(5) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 238f.
(6) Ebd. S. 276ff..
(7) Helena Blavatsky selbst hatte behauptet, "dass, als Lemuria sank, ein Teil seines Volkes in Atlantis überlebte, während ein Teil seiner Auserwählten auf die heilige Insel von 'Shambhala' in der Wüste Gobi auswanderte. Allerdings enthalten weder die Kalachakra-Literatur noch das 'Vishnu Purana' irgend eine Erwähnung von Atlantis, Lemuria, Maitreya, oder Sosiosch. Ihre Verbindung mit Shambhala wurde allerdings unter Blavatskys Anhängern fortgeführt." (Alexander Berzin: Falsche Mythen, die in anderen Ländern über Shambala Verbreitung fanden)
(8) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes - Das Mandala des Dalai Lama. S. 277. Norbu bezieht sich hier auf eine Passage aus Roerichs Shambala  (S. 96f.). Meines Wissens nach kannten die Meistersinger keinen 'lapis exilis'. Vermutlich meinte Roerich damit den Gral, der im Parzival Wolframs von Eschenbach mit diesem Namen bezeichnet wird. Wie er auf die Idee gekommen ist, dass der heilige Stein wandere, entzieht sich meiner Kenntnis.
(9) Ebd.: S. 287.
(10) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Sussex Vampire. In: Ders.: The Casebook of Sherlock Holmes.

Sonntag, 23. September 2012

Pastiche und Propaganda (I)

Ich habe Jamyang Norbus Roman Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen. Vor etlichen Jahren beschäftigte ich mich eine Zeit lang recht intensiv mit Tibet und seiner Geschichte. Dabei war mir der Name des exiltibetischen Schriftstellers und Aktivisten mehr als einmal untergekommen.

1949 in Darjeeling/Indien geboren, schloss Norbu sich in seiner Jugend der Guerillabewegung Chushi Gangdruk an. Diese Organisation war 1958 in den osttibetischen Regionen von Amdo und Kham in Reaktion auf die radikale Landreform gegründet worden, die Maos stalinistisches Regime  dort durchgeführt hatte. Nach dem missglückten Aufstandsversuch von Lhasa und Kham 1959, der u.a. zur Flucht des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso und Zehntausender Tibeter nach Indien geführt hatte, operierte die Gruppe, die die Unterstützung der CIA genoss, vom nepalesischen Mustang aus. Als die USA nach ihrer Annäherung an die VR China 1974 ihre finanzielle Hilfe einstellten, mussten die Guerillas bald darauf ihren bewaffneten Kampf beenden, zumal nun auch die nepalesische Regierung gegen sie vorging. (1) 
Nachdem er das Gewehr abgelegt hatte, stellte Norbu seine Talente in der Folgezeit in den Dienst der  sog. Tibetischen Exilregierung in Dharamsala, betätigte sich daneben aber auch als Publizist und Schriftsteller. So verfasste er u.a. fünf Theaterstücke und das Libretto für eine traditionelle Tibetische Oper. Seine kritische Haltung gegenüber der alten Religion und der esoterisch angehauchten Tibetromantik westlicher Unterstützerkreise führte allerdings immer wieder zu Konflikten mit der Führungsclique um den Dalai Lama, die sich noch weiter verschärften, als Tenzin Gyatso das Ziel der nationalen Unabhängigkeit aufgab und stattdessen den "Mittleren Weg" in Richtung größerer Autonomie einschlug. Für Norbu eine Art Verrat an der Sache des Vaterlandes. Das von ihm gegründete Amnye Machen Institute gilt als das akademische Zentrum des radikalen Flügels des tibetischen Nationalismus, dessen einflussreichste Organisation der Tibetan Youth Congress sein dürfte. Der Schriftsteller ist außerdem Mitglied der Rangzen Alliance, deren Charta er verfasst hat. Ihr Ziel ist die Errichtung eines unabhängigen, auf ethnischer und kultureller Homogenität basierenden tibetischen Nationalstaates.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stehe ich den von Jamyang Norbu vertretenen politischen Positionen ausgesprochen ablehnend gegenüber. Die Perspektive eines unabhängigen Tibet eröffnet der Masse der tibetischen Bevölkerung keinen Weg aus ihrer aktuellen, von politischer Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend gekennzeichneten Lage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Interessen der inner- wie exiltibetischen bürgerlichen Elite, die ihre Landsleute in einem "freien" Tibet nicht weniger rücksichtlos ausbeuten würde, als dies heute die mit dem stalinistischen Staatsapparat verbundenen chinesischen Kapitalisten tun. Man muss nur einmal nach Südafrika schauen, um zu wissen, wie eine solche "nationale Befreiung" aussehen würde.
Seiner politischen Überzeugung entsprechend verbreitet Norbu in seinen Schriften einen aggressiven völkischen Patriotismus, wobei viel von der glorreichen Vergangenheit der "tibetischen Rasse" und von der unbeschreiblichen Bösartigkeit des ewigen Erbfeindes China die Rede ist. Im Unterschied zu den pazifistischen Fantasien westlicher Tibetromantiker legt er dabei besonderen Wert auf die kriegerischen Traditionen seines Volkes. (2)

Dass sein 1999 erstmals in Indien veröffentlichtes Sherlock Holmes - Pastiche denselben Geist atmen würde, stand zu befürchten. Andererseits fand ich, dass die Geschichte durchaus interessantes Potential besitzen könnte. Sie ist angesiedelt in den 'verlorenen Jahren' zwischen Holmes' fingiertem Tod an den Reichenbachfällen und seiner Rückkehr nach London, über die Arthur Conan Doyle selbst seinen Meisterdetektiv hatte erzählen lassen:
I travelled for two years in Tibet [...] and amused myself by visiting Lhassa, and spending some days with the head lama. You may have read of the remarkable explorations of a Norwegian named Sigerson, but I am sure that it never occurred to you that you were receiving news of your friend. (3)
Als Erzähler und Watsonersatz fungiert der aus Rudyard Kiplings Kim stammende bengalische Gelehrte und britische Geheimagent Hurree Chunder Mookerjee.
Nun bin ich sicher kein ausgewachsener Sherlockianer, aber ich habe doch eine Menge für den Meister des deduktiven Denkens übrig, vorzugsweise, wenn mir Arthur Conan Doyle von seinen Abenteuern erzählt oder Jeremy Brett ihn verkörpert. Neubearbeitungen der Figur interessieren mich für gewöhnlich wenig. Von den literarischen hatte ich mir bisher keine einzige zu Gemüte geführt, und von den filmischen gehört wohl nicht zufällig meine besondere Liebe Thorn Eberhardts ironischem Spaß Without a Clue (Genie und Schnauze) mit Ben Kingsley und Michael Caine. Die Aussicht, zu sehen, was ein tibetischer Autor mit Sherlock Holmes anstellen würde, erschien mir jedoch recht spannend. Schließlich spiegeln Conan Doyles Erzählungen immer wieder sehr deutlich die Mentalität der bürgerlichen Schichten des imperialen Großbritannien wider. Orientalistische Klischees finden sich in einer ganzen Reihe von Holmes-Geschichten. Und da ich wusste, dass Norbu mehrfach ebenso treffende wie beißende Kommentare zum von den westlichen Medien verbreiteten exotistischen Tibetbild abgegeben hat, hoffte ich, dass sein Roman in dieser Hinsicht einige interessante Wendungen enthalten würde. Auch die Aufnahme von Hurree Chunder Mookerjee in die Erzählung ließ mich aufhorchen. Hatte Kipling diese Figur doch nach dem realen Vorbild von Sarat Chandras Das gezeichnet, der als Spion des Empire in der Verkleidung eines buddhistischen Pilgers 1882 bis nach Lhasa gelangt war. Bestand da nicht die Möglichkeit, dass Norbu im Rahmen seines Pastiches eine etwas realistischere Darstellung von Kiplings "Großem Spiel" präsentieren würde, d.h. vom Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft über Zentralasien, die das Schicksal Tibets in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend mitbestimmt hat?

Doch nein, Das Mandala des Dalai Lama erfüllt keine einzige dieser Hoffnungen. Das beste, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es den Stil von Conan Doyles Erzählungen recht geschickt nachahmt. Auch ist Hurree  zugleich Hindu und westlich gebildeter Wissenschaftler  ein durchgehend sympathischer Erzähler. Darüber hinaus jedoch erweist es sich als ein schlecht konstruiertes und in vielerlei Hinsicht unerträgliches Buch.
Das erste Drittel handelt davon, wie Holmes mit Mookerjee an seiner Seite einer Reihe von Mordanschlägen Colonel Morans entkommt, der rechten Hand Professor Moriartys. Das ist soweit alles ganz nett, wenn es nur nicht für die folgende Haupthandlung praktisch ohne Bedeutung wäre. So aber wirkt es wie ein überlanges Vorspiel, dessen einzige Funktion es ist, eine Begründung für die Reise der beiden nach Tibet zu liefern. Was im Grunde überhaupt nicht nötig wäre, da Holmes zusätzlich auch noch eine Einladung von Lama Yönten erhält, dem Großsekretär des Dalai Lama. Es vergeht mehr als die Hälfte des Romans bis unsere Helden endlich im Norbulingka, dem großen Sommerpalast des Kundun in Lhasa, stehen, und Holmes den Auftrag erhält, den fünfzehnjährigen Dalai Lama Tubten Gyatso vor einem drohenden Attentat zu bewahren.
Spätestens an diesem Punkt macht sich dann auch Jamyang Norbus ideologische Ausrichtung unangenehm bemerkbar. Die Handlung des Romans ist um ein Bild der tibetischen Geschichte herum konstruiert, wie es in den nationalistischen Kreisen allgemein verbreitet ist, das jedoch mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Norbu lässt seinen Lama Yönten eine entsprechende Exposition vortragen:
Tibet ist ein kleines und freidliches Land. Das Einzige, wonach seine Bewohner streben, ist ein Leben in Ruhe und Stille und die Befolgung der erhabenen Lehren unseres Herrn Buddha. Doch überall um uns herum lauern kriegerische Nationen, mächtig und ruhelos wie Titane. Im Süden ist es das Empire der englischen Sahibs, die nun die Heimat Shakyamunis [Buddhas] beherrschen. Im Norden ist es der Kesar von Oros, der Zar von Russland, obwohl dieser glücklicherweise weit weg ist. Im Osten allerdings lauert die größte Gefahr und unser größter Fluch: Schwarzchina – verschlagen, nach noch mehr Land gierend. Und selbst in seiner Gier ist dieser Feind noch gerissen. [...] Was der Kaiser auf direktem Weg nicht zu erreichen vermag, das versucht er mit Intrigen. Im Laufe der Jahre ist es ihm über seine Vertreter hier in Lhasa, die kaiserlichen Hochkommissare, mit Hilfe von Bestechung, Erpressung und Mord nach und nach gelungen, seinem Ziel immer näher zu kommen. [...] So ist es ihm gelungen, dem gegenwärtigen Regenten von Tibet, dem Fleisch gewordenen Lama des großen Tengyeling-Klosters, frevlerische und verräterische Ideen in den Kopf zu setzen. [...] Die letzten drei Inkarnationen des Dalai Lama [...] starben, bevor sie erwachsen wurden – und alle unter sehr suspekten Umständen. Von zumindest einem der Morde wissen wir mit Sicherheit, dass er von den Chinesen angestiftet wurde; aber wie gewöhnlich gab es keinen echten Beweis für ihre direkte Mittäterschaft. Wie auch immer, die politischen Wirrnisse und die Instabilität, die diese traurigen Ereignisse hervorriefen, kamen den Chinesen sehr gelegen, die nach und nach ihren Einfluss und ihre Macht in Tibet vergrößerten. Inzwischen sind sie so stark, dass wir fürchten, sie könnten auch den letzten Schritt wagen und versuchen, die volle Kontrolle über das Land zu erlangen und die glorreiche Inkarnationslinie der Dalai Lamas für immer zu beenden. (4)
In Wirklichkeit erlebte das 19. Jahrhundert kein Anwachsen des chinesischen Einflusses in Tibet, sondern vielmehr dessen dramatische Abnahme. Wie der bekannte Historiker Melvyn Goldstein schreibt:
[A]s the nineteenth century unfolded, the Qing dynasty experienced pressing threats to its position as a result of internal disturbances such as the Taiping Rebellion (1848–1865) and external incursions by Western countries such as the Opium War of 1839–1842. Not surprisingly, the power of the ambans[Norbus 'Hochkommissare'] in Tibet waned, as did the involvement of the Qing emperors. Consequently, Tibet was able to conduct a war with the Sikhs and Ladakh in 1841–1842 and another war with the Nepalese in 1855–1856 with no involvement from China, although in the latter conflict Tibet was forced to pay Nepal an annual tribute and accept a Nepalese resident in Lhasa and extraterritoriality for Nepalese traders. Similarly, the thirteenth Dalai Lama was chosen in 1877 without recourse to the "golden urn" lottery that the Qing emperor, Qian Long, had ordered in 1792. And in 1897, two years after the thirteenth Dalai assumed political control, he stopped consulting the amban in the selection of top officials (in accordance with the 1792 regulations) and began appointing them directly. As Phuntso Tashi, the fourteenth Dalai Lama's brother-in-law (and a former Tibetan government official) explains, "For over 100 years Tibet's holders of political power had not been able to do that. The Manchu government was displeased with this but . . . they were unable to do anything about it." By the turn of the twentieth century, therefore, the Qing hegemony over Tibet was more symbolic than real, and the Tibet Question was, in a sense, latent - Tibet did not explicitly try to sever its ties to Beijing: it offered nominal respect to the emperor but did not defer to the emperor's amban in Lhasa. (5)
Bei den verdächtig frühen Toden der drei Vorgänger von Tubten Gyatso dürfte es sich wohl tatsächlich um Morde gehandelt haben, doch gibt es keine Belege dafür, dass China hinter ihnen gesteckt hätte. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die jungen Dalai Lamas den zahllosen Intrigen und Rivalitäten zum Opfer fielen, die das Bild der tibetischen Elite jener Zeit prägten. Der Grund für diese permanenten Machtkämpfe zwischen den Mönchs- und Adelscliquen des Schneelandes ist nicht in chinesischen Machinationen zu suchen, wie Norbu uns weismachen will, sondern vielmehr in der eigentümlichen Struktur des tibetischen Feudalstaates mit seiner auf dem Reinkarnationsglauben beruhenden Erbfolgeregelung. (6) Der geplante Mordanschlag auf Tubten Gyatso, der den historischen Hintergrund für den Roman abgibt, wurde von Demo Rinpoche, dem Regenten Tibets und Herrn des Klosters Tengyeling eingefädelt, der dabei nicht etwa als Marionette der bösen Chinesen agierte, sondern vielmehr seine eigenen und die Machtinteressen seines Klosters verfolgte.
Doch wie so oft passt die historische Realität in ihrer Komplexität nicht in das Weltbild des Nationalisten. Obwohl Jamyang Norbu dem alten Feudalsystem keineswegs völlig unkritisch gegenübersteht (wovon man im Mandala freilich nichts merkt), hat er sich ein Bild der tibetischen Geschichte zusammengebaut, in dem sich alles um den ewigen Konflikt zwischen dem unschuldigen, unterdrückten Schneeland und dem bösen, unterdrückerischen China dreht. Für alles negative müssen die verruchten Intrigen des Erbfeindes oder die Umtriebe bestochener Vaterlandsverräter verantwortlich gemacht werden. Diesen Geschichtsmythos versucht er den Leserinnen und Lesern seines Romans unterzujubeln, wobei dessen Verknüpfung mit den Figuren von Sherlock Holmes und Hurree Chunder Mookerjee zu besonders absurden Resultaten führt.

Die Hauptgefahr für die relative Selbstständigkeit Tibets ging im 19. Jahrhundert nicht vom geschwächten China, sondern vom machtvoll wachsenden Britischen Kolonialreich aus. Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die Ostindische Kompanie erstmals eine Expedition ins Schneeland entsandt. Ziel war es Tibet und darüberhinaus die Märkte Zentralasiens für britische Waren zu erschließen. Bis zum Opiumkrieg hatte man darin vor allem eine Möglichkeit gesehen, das sich abschottende China quasi durch die Hintertür zu erreichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten sich die britischen Ambitionen vor allem gegen Russland, das seinerseits bemüht war, Zentralasien seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. In den 1860er Jahren begannen die Briten deshalb eine potentielle Handelsroute von Darjeeling über das Chumbi-Tal nach Gyangze und Lhasa zu erschließen. In einem Brief an die Kolonialverwaltung in Bengalen fasste Ashley Eden die britischen Erwartungen so zusammen: "A considerable trade will spring up between Lassa and Darjeeling. The Tibetans will only be too glad to exchange gold dust, musk, borax, wool and salt for English cloth, tobacco etc.; and the people of Sikkim will gain as carriers of this trade, and their government will raise a considerable revenue from the transit duties." (7) Diesem Projekt standen jedoch sowohl die chinesische als auch die tibetische Regierung ablehnend gegenüber. Schon seit längerem verfolgten die Herren im Potala eine extrem isolationistische Politik. Die Versuche der Briten, ihr Reich für den Handel zu erschließen, nahmen sie als Bedrohung war. Als Großbritannien dem von Opiumkriegen und Taiping-Aufstand geschwächten China 1876 im Vertrag von Chefu die Erlaubnis abpressten, eine Expedition nach Tibet zu entsenden, erwartete die ein Jahrzehnt später abmarschierte Macaulay-Gesandtschaft deshalb eine böse Überraschung, als sie die Grenze des Schneelandes erreichte. Nicht nur wurde ihr die Weiterreise verweigert, Tibets Herrscher schickten sogar Truppen in ein umstrittenes Grenzgebiet zwischen Sikkim und dem Schneeland. Wie der britische Resident in Nepal E. R. Girdlestone bereits 1879 in weiser Voraussicht erklärt hatte: "I know no reason why, unless Sir Jung Bahadoor’s extreme remedy for breaking down their exclusiveness by force of arms be adopted, free trade should be established in Thibet ". (8) Zu derart brachialen Methoden wollten die Briten allerdings noch nicht greifen. Sie beschränkten sich vorerst darauf, eine Reihe von Spionen ins Schneeland zu schicken, um sich genauere Informationen über das Verbotene Königreich auf dem Dach der Welt zu besorgen.

Einer dieser Spione war Hurrees reales Vorbild Sarat Chandras Das. In Das Mandala des Dalai Lama wird es jedoch so dargestellt, als seien alle Widerstände, auf die Mookerjee bei seiner ersten Expedition nach Tibet gestoßen ist, auf die Umtriebe des chinesischen Ambans zurückzuführen. Keiner der tibetischen Würdenträger scheint etwas dagegen zu haben, dass er während seines zweiten Aufenthaltes offizielle Berichte an seine Vorgesetzten in Indien schreibt. Diese Darstellung ist nicht nur historisch absurd, sie vermittelt auch ein erstaunlich positives Bild des britischen Empire. Anders als die ewig eroberungslüsternen Chinesen wirken die Engländer wie eine potentiell wohlwollende neutrale Macht. Tatsächlich sollte zwölf Jahre nach den fiktiven Ereignissen des Romanes 1904 ein dreitausend Mann starkes britisches Expeditionskorps unter Führung von Sir Francis Younghusband in Tibet einmarschieren, Aberhunderte Tibeter abschlachten und den XIII. Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwingen. Doch Jamyang Norbus nationalistischer Idee ist nicht damit gedient, das Schneeland historisch korrekt als das Opfer imperialistischer Machtkämpfe darzustellen. Hass gegen China, nicht gegen die westlichen Kolonialmächte, zu schüren, ist sein Ziel. Und so wundert es auch nicht, dass sein Buch keinerlei kritische Haltung gegenüber seinen literarischen Vorbildern Conan Doyle und Kipling verrät, wie ich es eigentlich gehofft hatte.

All dies hätte ich bei meinem Wissen um Jamyang Norbus politische Positionen vielleicht erwarten müssen. Doch der vernichtendste Schlag erfolgte aus einer gänzlich überraschenden Richtung.

Fortsetzung folgt ...

(1) Vgl.: Kenneth Conboy & James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet. John Kenneth Knaus: Official Policies and Covert Programs: The U.S. State Department, the CIA, and the Tibetan Resistance. Norbu hat den Khampa-Partisanen mit seinem Buch Warriors of Tibet ein patriotisches Denkmal zu setzen versucht.
(2) Mit dem Epos von Ge-sar haben die Tibeter immerhin die wahrscheinlich umfangreichste heroische Dichtung der Welt geschaffen, Ausdruck des Lebensgefühls einer stolzen Kriegeraristokratie. In der mir vorliegenden Übersetzung von Matthias Hermanns zählt sie gut 480 Seiten fortlaufenden Text. Man stelle sich das erst einmal in Versen vor!
(3) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Empty House. In: Ders.: The Return of Sherlock Holmes.
(4) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama. S. 191ff.
(5) Melvyn Goldstein: The Snow Lion and the Dragon. China, Tibet, and the Dalai Lama. S. 21f.
(6) Vgl.: Melvyn Goldstein: The Circulation of Estates in Tibet: Reincarnation, Land and Politics.
(7) Zit. nach: Jahar Sen: Sikkim and Himalayan Trade. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 17. Nr. 3. (1981). S. 11.
(8) Zit. nach: Jahar Sen: India’s Trade with Central Asia via Nepal. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 8. Nr. 2. (1971). S. 27.