"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 23. September 2012

Pastiche und Propaganda (I)

Ich habe Jamyang Norbus Roman Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen. Vor etlichen Jahren beschäftigte ich mich eine Zeit lang recht intensiv mit Tibet und seiner Geschichte. Dabei war mir der Name des exiltibetischen Schriftstellers und Aktivisten mehr als einmal untergekommen.

1949 in Darjeeling/Indien geboren, schloss Norbu sich in seiner Jugend der Guerillabewegung Chushi Gangdruk an. Diese Organisation war 1958 in den osttibetischen Regionen von Amdo und Kham in Reaktion auf die radikale Landreform gegründet worden, die Maos stalinistisches Regime  dort durchgeführt hatte. Nach dem missglückten Aufstandsversuch von Lhasa und Kham 1959, der u.a. zur Flucht des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso und Zehntausender Tibeter nach Indien geführt hatte, operierte die Gruppe, die die Unterstützung der CIA genoss, vom nepalesischen Mustang aus. Als die USA nach ihrer Annäherung an die VR China 1974 ihre finanzielle Hilfe einstellten, mussten die Guerillas bald darauf ihren bewaffneten Kampf beenden, zumal nun auch die nepalesische Regierung gegen sie vorging. (1) 
Nachdem er das Gewehr abgelegt hatte, stellte Norbu seine Talente in der Folgezeit in den Dienst der  sog. Tibetischen Exilregierung in Dharamsala, betätigte sich daneben aber auch als Publizist und Schriftsteller. So verfasste er u.a. fünf Theaterstücke und das Libretto für eine traditionelle Tibetische Oper. Seine kritische Haltung gegenüber der alten Religion und der esoterisch angehauchten Tibetromantik westlicher Unterstützerkreise führte allerdings immer wieder zu Konflikten mit der Führungsclique um den Dalai Lama, die sich noch weiter verschärften, als Tenzin Gyatso das Ziel der nationalen Unabhängigkeit aufgab und stattdessen den "Mittleren Weg" in Richtung größerer Autonomie einschlug. Für Norbu eine Art Verrat an der Sache des Vaterlandes. Das von ihm gegründete Amnye Machen Institute gilt als das akademische Zentrum des radikalen Flügels des tibetischen Nationalismus, dessen einflussreichste Organisation der Tibetan Youth Congress sein dürfte. Der Schriftsteller ist außerdem Mitglied der Rangzen Alliance, deren Charta er verfasst hat. Ihr Ziel ist die Errichtung eines unabhängigen, auf ethnischer und kultureller Homogenität basierenden tibetischen Nationalstaates.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stehe ich den von Jamyang Norbu vertretenen politischen Positionen ausgesprochen ablehnend gegenüber. Die Perspektive eines unabhängigen Tibet eröffnet der Masse der tibetischen Bevölkerung keinen Weg aus ihrer aktuellen, von politischer Unterdrückung und wirtschaftlichem Elend gekennzeichneten Lage. Sie ist vielmehr Ausdruck der Interessen der inner- wie exiltibetischen bürgerlichen Elite, die ihre Landsleute in einem "freien" Tibet nicht weniger rücksichtlos ausbeuten würde, als dies heute die mit dem stalinistischen Staatsapparat verbundenen chinesischen Kapitalisten tun. Man muss nur einmal nach Südafrika schauen, um zu wissen, wie eine solche "nationale Befreiung" aussehen würde.
Seiner politischen Überzeugung entsprechend verbreitet Norbu in seinen Schriften einen aggressiven völkischen Patriotismus, wobei viel von der glorreichen Vergangenheit der "tibetischen Rasse" und von der unbeschreiblichen Bösartigkeit des ewigen Erbfeindes China die Rede ist. Im Unterschied zu den pazifistischen Fantasien westlicher Tibetromantiker legt er dabei besonderen Wert auf die kriegerischen Traditionen seines Volkes. (2)

Dass sein 1999 erstmals in Indien veröffentlichtes Sherlock Holmes - Pastiche denselben Geist atmen würde, stand zu befürchten. Andererseits fand ich, dass die Geschichte durchaus interessantes Potential besitzen könnte. Sie ist angesiedelt in den 'verlorenen Jahren' zwischen Holmes' fingiertem Tod an den Reichenbachfällen und seiner Rückkehr nach London, über die Arthur Conan Doyle selbst seinen Meisterdetektiv hatte erzählen lassen:
I travelled for two years in Tibet [...] and amused myself by visiting Lhassa, and spending some days with the head lama. You may have read of the remarkable explorations of a Norwegian named Sigerson, but I am sure that it never occurred to you that you were receiving news of your friend. (3)
Als Erzähler und Watsonersatz fungiert der aus Rudyard Kiplings Kim stammende bengalische Gelehrte und britische Geheimagent Hurree Chunder Mookerjee.
Nun bin ich sicher kein ausgewachsener Sherlockianer, aber ich habe doch eine Menge für den Meister des deduktiven Denkens übrig, vorzugsweise, wenn mir Arthur Conan Doyle von seinen Abenteuern erzählt oder Jeremy Brett ihn verkörpert. Neubearbeitungen der Figur interessieren mich für gewöhnlich wenig. Von den literarischen hatte ich mir bisher keine einzige zu Gemüte geführt, und von den filmischen gehört wohl nicht zufällig meine besondere Liebe Thorn Eberhardts ironischem Spaß Without a Clue (Genie und Schnauze) mit Ben Kingsley und Michael Caine. Die Aussicht, zu sehen, was ein tibetischer Autor mit Sherlock Holmes anstellen würde, erschien mir jedoch recht spannend. Schließlich spiegeln Conan Doyles Erzählungen immer wieder sehr deutlich die Mentalität der bürgerlichen Schichten des imperialen Großbritannien wider. Orientalistische Klischees finden sich in einer ganzen Reihe von Holmes-Geschichten. Und da ich wusste, dass Norbu mehrfach ebenso treffende wie beißende Kommentare zum von den westlichen Medien verbreiteten exotistischen Tibetbild abgegeben hat, hoffte ich, dass sein Roman in dieser Hinsicht einige interessante Wendungen enthalten würde. Auch die Aufnahme von Hurree Chunder Mookerjee in die Erzählung ließ mich aufhorchen. Hatte Kipling diese Figur doch nach dem realen Vorbild von Sarat Chandras Das gezeichnet, der als Spion des Empire in der Verkleidung eines buddhistischen Pilgers 1882 bis nach Lhasa gelangt war. Bestand da nicht die Möglichkeit, dass Norbu im Rahmen seines Pastiches eine etwas realistischere Darstellung von Kiplings "Großem Spiel" präsentieren würde, d.h. vom Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft über Zentralasien, die das Schicksal Tibets in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend mitbestimmt hat?

Doch nein, Das Mandala des Dalai Lama erfüllt keine einzige dieser Hoffnungen. Das beste, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es den Stil von Conan Doyles Erzählungen recht geschickt nachahmt. Auch ist Hurree  zugleich Hindu und westlich gebildeter Wissenschaftler  ein durchgehend sympathischer Erzähler. Darüber hinaus jedoch erweist es sich als ein schlecht konstruiertes und in vielerlei Hinsicht unerträgliches Buch.
Das erste Drittel handelt davon, wie Holmes mit Mookerjee an seiner Seite einer Reihe von Mordanschlägen Colonel Morans entkommt, der rechten Hand Professor Moriartys. Das ist soweit alles ganz nett, wenn es nur nicht für die folgende Haupthandlung praktisch ohne Bedeutung wäre. So aber wirkt es wie ein überlanges Vorspiel, dessen einzige Funktion es ist, eine Begründung für die Reise der beiden nach Tibet zu liefern. Was im Grunde überhaupt nicht nötig wäre, da Holmes zusätzlich auch noch eine Einladung von Lama Yönten erhält, dem Großsekretär des Dalai Lama. Es vergeht mehr als die Hälfte des Romans bis unsere Helden endlich im Norbulingka, dem großen Sommerpalast des Kundun in Lhasa, stehen, und Holmes den Auftrag erhält, den fünfzehnjährigen Dalai Lama Tubten Gyatso vor einem drohenden Attentat zu bewahren.
Spätestens an diesem Punkt macht sich dann auch Jamyang Norbus ideologische Ausrichtung unangenehm bemerkbar. Die Handlung des Romans ist um ein Bild der tibetischen Geschichte herum konstruiert, wie es in den nationalistischen Kreisen allgemein verbreitet ist, das jedoch mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Norbu lässt seinen Lama Yönten eine entsprechende Exposition vortragen:
Tibet ist ein kleines und freidliches Land. Das Einzige, wonach seine Bewohner streben, ist ein Leben in Ruhe und Stille und die Befolgung der erhabenen Lehren unseres Herrn Buddha. Doch überall um uns herum lauern kriegerische Nationen, mächtig und ruhelos wie Titane. Im Süden ist es das Empire der englischen Sahibs, die nun die Heimat Shakyamunis [Buddhas] beherrschen. Im Norden ist es der Kesar von Oros, der Zar von Russland, obwohl dieser glücklicherweise weit weg ist. Im Osten allerdings lauert die größte Gefahr und unser größter Fluch: Schwarzchina – verschlagen, nach noch mehr Land gierend. Und selbst in seiner Gier ist dieser Feind noch gerissen. [...] Was der Kaiser auf direktem Weg nicht zu erreichen vermag, das versucht er mit Intrigen. Im Laufe der Jahre ist es ihm über seine Vertreter hier in Lhasa, die kaiserlichen Hochkommissare, mit Hilfe von Bestechung, Erpressung und Mord nach und nach gelungen, seinem Ziel immer näher zu kommen. [...] So ist es ihm gelungen, dem gegenwärtigen Regenten von Tibet, dem Fleisch gewordenen Lama des großen Tengyeling-Klosters, frevlerische und verräterische Ideen in den Kopf zu setzen. [...] Die letzten drei Inkarnationen des Dalai Lama [...] starben, bevor sie erwachsen wurden – und alle unter sehr suspekten Umständen. Von zumindest einem der Morde wissen wir mit Sicherheit, dass er von den Chinesen angestiftet wurde; aber wie gewöhnlich gab es keinen echten Beweis für ihre direkte Mittäterschaft. Wie auch immer, die politischen Wirrnisse und die Instabilität, die diese traurigen Ereignisse hervorriefen, kamen den Chinesen sehr gelegen, die nach und nach ihren Einfluss und ihre Macht in Tibet vergrößerten. Inzwischen sind sie so stark, dass wir fürchten, sie könnten auch den letzten Schritt wagen und versuchen, die volle Kontrolle über das Land zu erlangen und die glorreiche Inkarnationslinie der Dalai Lamas für immer zu beenden. (4)
In Wirklichkeit erlebte das 19. Jahrhundert kein Anwachsen des chinesischen Einflusses in Tibet, sondern vielmehr dessen dramatische Abnahme. Wie der bekannte Historiker Melvyn Goldstein schreibt:
[A]s the nineteenth century unfolded, the Qing dynasty experienced pressing threats to its position as a result of internal disturbances such as the Taiping Rebellion (1848–1865) and external incursions by Western countries such as the Opium War of 1839–1842. Not surprisingly, the power of the ambans[Norbus 'Hochkommissare'] in Tibet waned, as did the involvement of the Qing emperors. Consequently, Tibet was able to conduct a war with the Sikhs and Ladakh in 1841–1842 and another war with the Nepalese in 1855–1856 with no involvement from China, although in the latter conflict Tibet was forced to pay Nepal an annual tribute and accept a Nepalese resident in Lhasa and extraterritoriality for Nepalese traders. Similarly, the thirteenth Dalai Lama was chosen in 1877 without recourse to the "golden urn" lottery that the Qing emperor, Qian Long, had ordered in 1792. And in 1897, two years after the thirteenth Dalai assumed political control, he stopped consulting the amban in the selection of top officials (in accordance with the 1792 regulations) and began appointing them directly. As Phuntso Tashi, the fourteenth Dalai Lama's brother-in-law (and a former Tibetan government official) explains, "For over 100 years Tibet's holders of political power had not been able to do that. The Manchu government was displeased with this but . . . they were unable to do anything about it." By the turn of the twentieth century, therefore, the Qing hegemony over Tibet was more symbolic than real, and the Tibet Question was, in a sense, latent - Tibet did not explicitly try to sever its ties to Beijing: it offered nominal respect to the emperor but did not defer to the emperor's amban in Lhasa. (5)
Bei den verdächtig frühen Toden der drei Vorgänger von Tubten Gyatso dürfte es sich wohl tatsächlich um Morde gehandelt haben, doch gibt es keine Belege dafür, dass China hinter ihnen gesteckt hätte. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die jungen Dalai Lamas den zahllosen Intrigen und Rivalitäten zum Opfer fielen, die das Bild der tibetischen Elite jener Zeit prägten. Der Grund für diese permanenten Machtkämpfe zwischen den Mönchs- und Adelscliquen des Schneelandes ist nicht in chinesischen Machinationen zu suchen, wie Norbu uns weismachen will, sondern vielmehr in der eigentümlichen Struktur des tibetischen Feudalstaates mit seiner auf dem Reinkarnationsglauben beruhenden Erbfolgeregelung. (6) Der geplante Mordanschlag auf Tubten Gyatso, der den historischen Hintergrund für den Roman abgibt, wurde von Demo Rinpoche, dem Regenten Tibets und Herrn des Klosters Tengyeling eingefädelt, der dabei nicht etwa als Marionette der bösen Chinesen agierte, sondern vielmehr seine eigenen und die Machtinteressen seines Klosters verfolgte.
Doch wie so oft passt die historische Realität in ihrer Komplexität nicht in das Weltbild des Nationalisten. Obwohl Jamyang Norbu dem alten Feudalsystem keineswegs völlig unkritisch gegenübersteht (wovon man im Mandala freilich nichts merkt), hat er sich ein Bild der tibetischen Geschichte zusammengebaut, in dem sich alles um den ewigen Konflikt zwischen dem unschuldigen, unterdrückten Schneeland und dem bösen, unterdrückerischen China dreht. Für alles negative müssen die verruchten Intrigen des Erbfeindes oder die Umtriebe bestochener Vaterlandsverräter verantwortlich gemacht werden. Diesen Geschichtsmythos versucht er den Leserinnen und Lesern seines Romans unterzujubeln, wobei dessen Verknüpfung mit den Figuren von Sherlock Holmes und Hurree Chunder Mookerjee zu besonders absurden Resultaten führt.

Die Hauptgefahr für die relative Selbstständigkeit Tibets ging im 19. Jahrhundert nicht vom geschwächten China, sondern vom machtvoll wachsenden Britischen Kolonialreich aus. Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die Ostindische Kompanie erstmals eine Expedition ins Schneeland entsandt. Ziel war es Tibet und darüberhinaus die Märkte Zentralasiens für britische Waren zu erschließen. Bis zum Opiumkrieg hatte man darin vor allem eine Möglichkeit gesehen, das sich abschottende China quasi durch die Hintertür zu erreichen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten sich die britischen Ambitionen vor allem gegen Russland, das seinerseits bemüht war, Zentralasien seiner Vorherrschaft zu unterwerfen. In den 1860er Jahren begannen die Briten deshalb eine potentielle Handelsroute von Darjeeling über das Chumbi-Tal nach Gyangze und Lhasa zu erschließen. In einem Brief an die Kolonialverwaltung in Bengalen fasste Ashley Eden die britischen Erwartungen so zusammen: "A considerable trade will spring up between Lassa and Darjeeling. The Tibetans will only be too glad to exchange gold dust, musk, borax, wool and salt for English cloth, tobacco etc.; and the people of Sikkim will gain as carriers of this trade, and their government will raise a considerable revenue from the transit duties." (7) Diesem Projekt standen jedoch sowohl die chinesische als auch die tibetische Regierung ablehnend gegenüber. Schon seit längerem verfolgten die Herren im Potala eine extrem isolationistische Politik. Die Versuche der Briten, ihr Reich für den Handel zu erschließen, nahmen sie als Bedrohung war. Als Großbritannien dem von Opiumkriegen und Taiping-Aufstand geschwächten China 1876 im Vertrag von Chefu die Erlaubnis abpressten, eine Expedition nach Tibet zu entsenden, erwartete die ein Jahrzehnt später abmarschierte Macaulay-Gesandtschaft deshalb eine böse Überraschung, als sie die Grenze des Schneelandes erreichte. Nicht nur wurde ihr die Weiterreise verweigert, Tibets Herrscher schickten sogar Truppen in ein umstrittenes Grenzgebiet zwischen Sikkim und dem Schneeland. Wie der britische Resident in Nepal E. R. Girdlestone bereits 1879 in weiser Voraussicht erklärt hatte: "I know no reason why, unless Sir Jung Bahadoor’s extreme remedy for breaking down their exclusiveness by force of arms be adopted, free trade should be established in Thibet ". (8) Zu derart brachialen Methoden wollten die Briten allerdings noch nicht greifen. Sie beschränkten sich vorerst darauf, eine Reihe von Spionen ins Schneeland zu schicken, um sich genauere Informationen über das Verbotene Königreich auf dem Dach der Welt zu besorgen.

Einer dieser Spione war Hurrees reales Vorbild Sarat Chandras Das. In Das Mandala des Dalai Lama wird es jedoch so dargestellt, als seien alle Widerstände, auf die Mookerjee bei seiner ersten Expedition nach Tibet gestoßen ist, auf die Umtriebe des chinesischen Ambans zurückzuführen. Keiner der tibetischen Würdenträger scheint etwas dagegen zu haben, dass er während seines zweiten Aufenthaltes offizielle Berichte an seine Vorgesetzten in Indien schreibt. Diese Darstellung ist nicht nur historisch absurd, sie vermittelt auch ein erstaunlich positives Bild des britischen Empire. Anders als die ewig eroberungslüsternen Chinesen wirken die Engländer wie eine potentiell wohlwollende neutrale Macht. Tatsächlich sollte zwölf Jahre nach den fiktiven Ereignissen des Romanes 1904 ein dreitausend Mann starkes britisches Expeditionskorps unter Führung von Sir Francis Younghusband in Tibet einmarschieren, Aberhunderte Tibeter abschlachten und den XIII. Dalai Lama zur Flucht in die Mongolei zwingen. Doch Jamyang Norbus nationalistischer Idee ist nicht damit gedient, das Schneeland historisch korrekt als das Opfer imperialistischer Machtkämpfe darzustellen. Hass gegen China, nicht gegen die westlichen Kolonialmächte, zu schüren, ist sein Ziel. Und so wundert es auch nicht, dass sein Buch keinerlei kritische Haltung gegenüber seinen literarischen Vorbildern Conan Doyle und Kipling verrät, wie ich es eigentlich gehofft hatte.

All dies hätte ich bei meinem Wissen um Jamyang Norbus politische Positionen vielleicht erwarten müssen. Doch der vernichtendste Schlag erfolgte aus einer gänzlich überraschenden Richtung.

Fortsetzung folgt ...

(1) Vgl.: Kenneth Conboy & James Morrison: The CIA's Secret War in Tibet. John Kenneth Knaus: Official Policies and Covert Programs: The U.S. State Department, the CIA, and the Tibetan Resistance. Norbu hat den Khampa-Partisanen mit seinem Buch Warriors of Tibet ein patriotisches Denkmal zu setzen versucht.
(2) Mit dem Epos von Ge-sar haben die Tibeter immerhin die wahrscheinlich umfangreichste heroische Dichtung der Welt geschaffen, Ausdruck des Lebensgefühls einer stolzen Kriegeraristokratie. In der mir vorliegenden Übersetzung von Matthias Hermanns zählt sie gut 480 Seiten fortlaufenden Text. Man stelle sich das erst einmal in Versen vor!
(3) Arthur Conan Doyle: The Adventure of the Empty House. In: Ders.: The Return of Sherlock Holmes.
(4) Jamyang Norbu: Sherlock Holmes – Das Mandala des Dalai Lama. S. 191ff.
(5) Melvyn Goldstein: The Snow Lion and the Dragon. China, Tibet, and the Dalai Lama. S. 21f.
(6) Vgl.: Melvyn Goldstein: The Circulation of Estates in Tibet: Reincarnation, Land and Politics.
(7) Zit. nach: Jahar Sen: Sikkim and Himalayan Trade. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 17. Nr. 3. (1981). S. 11.
(8) Zit. nach: Jahar Sen: India’s Trade with Central Asia via Nepal. In: Bulletin of Tibetology. Vol. 8. Nr. 2. (1971). S. 27.

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