"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 1. September 2012

Phantasmagorische Bilder vom inneren Kollaps einer Gesellschaft

Die frühen 70er Jahre waren eine faszinierende Übergangszeit im amerikanischen Horrorfilm. Die von Roger Cormans Poe-Adaptionen geprägte Ära des stilvoll-dekadenten Grauens ging ihrem Ende entgegen, nicht ohne zuvor noch einen letzten Höhepunkt in The Abominable Dr. Phibes (1971), Dr. Phibes Rises Again (1972) und Theatre of Blood (1973) zu erreichen. Daneben hatte sich mit George Romeros Night of the Living Dead bereits 1968 eine völlig andere Form des Horrors angekündigt, die nicht nur blutiger und dreckiger einherkam, sondern auch sehr viel deutlicher gesellschaftliche Befindlichkeiten widerspiegelte. Für das dollargläubige Hollywood kam die Wende allerdings erst mit William Friedkins unbeschreiblich erfolgreichem Exorcist, der 1973 alle Kassenrekorde brach. Doch ironischerweise war dieser bei aller handwerklichen Finesse kein besonders gutes Beispiel für den neuen Horror, dessen Avantgardist Romero gewesen war. Die vom Teufel besessene Regan mochte das damalige Publikum schocken, doch es wäre sinnlos, wollte man in diesem Streifen nach einer tieferen Bedeutung suchen. Ein wenig beachteter Film, der im selben Jahr in die Kinos kam, zeigte sehr viel besser die neuen Möglichkeiten auf, die sich dem Genre eröffneten: Messiah of Evil von Willard Huyck und Gloria Katz.


Wie viele Low Budget - Horrorproduktionen der Zeit wurde auch dieser Streifen über die Jahre unter ganz verschiedenen Titeln vermarktet: Dead People, The Second Coming, Revenge of the Screaming Dead. Doch darf man sich dadurch auf keinen Fall täuschen lassen. Wir haben es nicht mit billigem Schlock, sondern mit einem wirklich bemerkenswerten Filmchen zu tun.

Man fragt sich entsetzt, wie es bloß passieren konnte, dass am Ende der Karriere von Huyck & Katz die filmische Katastrophe Howard the Duck (1986) steht. Der diabolische Einfluss von George Lucas, für den die beiden das Drehbuch zu American Graffiti geschrieben hatten und für den sie an  Indiana Jones and the Temple of Doom (1984) mitarbeiten würden? Aber nein, man kann den guten George schließlich nicht für alles Böse in der Kinowelt verantwortlich machen. Vielleicht ist der Werdegang der beiden bloß ein Beispiel mehr für das Schicksal, das so viele talentierte Menschen ereilt hat, die von der Hollywoodmaschinereie aufgesaugt wurden und dabei sehr schnell ihre künstlerische Individualität einbüßten. Oder reichte es bei ihnen ganz einfach nur für den einen großen Wurf? Sowas kommt vor. Sicher ist nur, dass sich die Exzentrizität, die surrealistische Qualität, die Messiah of Evil auszeichnen, so oder so schwerlich in die Welt des Blockbuster-Kinos hätten hinüberretten lassen, die sich bald darauf entwickeln sollte, und mit der Katz & Huyck ihre weitere Karriere offenbar zu verbinden suchten.
Die beiden haben selbst einmal erklärt, dass dem Film keine tieferen Gedanken zugrunde lagen, außer einer Jugendliebe zu H.P. Lovecraft und der Begeisterung für die Filme von Michelangelo Antonioni. Es handelt sich bei ihm offenbar also um eines jener Kunstwerke, die sehr viel mehr enthalten, als ihre Schöpfer bewusst in sie hineingelegt haben. Auch sollte man der Fairness halber hinzufügen, dass einige der eindrucksvollsten Sequenzen ihre Entstehung in erster Linie Gloria Katz' Bruder Stephen als dem 'Director of Photography' verdanken.

Eine bloße Zusammenfassung der Story würde keinen adäquaten Eindruck dessen vermitteln, was an Messiah of Evil so faszinierend ist. Zur Einstimmung besser geeignet ist da vielleicht die folgende Eröffnungssequenz, die allerdings nicht in allen Versionen des Filmes zu sehen ist:


Im Verlauf des Filmes wird man nie erfahren, wer dieser Mann und dieses Mädchen sind. Und ähnlich verhält es sich mit so manchen Plotelementen. Ein schludrig geschriebenes Drehbuch? Folgen der prekären Finanzlage, die es unmöglich machte, den Film in der geplanten Art und Weise fertigzustellen? Nun, letzteres zumindest hat ganz sicher seine Spuren hinterlassen, aber vor allem gehört es zum traumartigen Charakter von Messiah of Evil, dass nicht alles, was wir zu sehen bekommen, Sinn macht oder eine Erklärung findet. Das wirkt irritierend, aber nicht frustrierend. Es verstärkt nur den Eindruck einer aus den Fugen geratenen Welt, in die ein nicht genau definierbares, aber darum nur um so schrecklicheres Übel eingedrungen ist.

Arletty (Marianna Hill) ist offenbar Insassin einer psychiatrischen Anstalt, und die Ereignisse, die sie dorthin gebracht haben, stehen im Zusammenhang mit ihrem kürzlichen Besuch in Point Dune. So wenigstens erklärt sie selbst es. Die kleine Stadt an der kalifornischen Küste habe einst den Namen New Bethlehem getragen, "but they changed the name [...] after the moon turned blood red [...] what they did to me [..] they're coming here [...] they're waiting [...] they'll take you one by one and no one will here you scream." Nicht alles, was wir in der Folge zu sehen bekommen, hat Arletty unmittelbar miterlebt, dennoch erzählt der Film in erster Linie ihre Geschichte.
Vor Jahren ist ihr Vater Joseph Long, ein relativ bekannter Maler, nach Point Dune gezogen, um dort in Ruhe zu arbeiten. Als seine Briefe immer beunruhigender und unverständlicher werden, entschließt sie sich, ihn aufzusuchen, obwohl er ihr deutlich zu verstehen gegeben hat, dass er dies nicht wünscht. Sie findet das Haus ihres Vaters verlassen vor, entdeckt jedoch eine Art Tagebuch, in der Joseph von Alpträumen und nächtlichen Visionen oder Halluzinationen berichtet. Ein Besuch in der örtlichen Kunstgallerie führt sie zu dem leicht dandyhaft-dekadenten Reisenden Thom (Michael Greer) und seinen Begleiterinnen Laura (Anitra Ford) und Toni (Joy Bang). In einer Szene, die ein wenig an Lovecrafts Shadows over Innsmouth erinnert, befragt Thom den 'Dorftrottel' und Trunkenbold Charlie (Elisha Cook Jr.) über den 'blutigen Mond', der vor hundert Jahren über der Stadt gestanden haben und die Bewohner auf unnatürliche Weise verändert haben soll. Der Spross einer portugiesischen Adelsfamilie bezeichnet sich selbst als Sammler obskurer Mythen und Legenden. Er und seine groupiehafte weibliche Entourage quartieren sich kurzerhand bei Arletty ein, und es dauert nicht lange, da verfällt diese Thoms eigenartigem Charme. Sehr zum Missfallen von Laura ...
Doch für Sexspielchen und Eifersüchteleleien bleibt nicht viel Zeit. Schon bald zeigt sich, dass die Bewohner von Point Dune recht beunruhigende Verhaltensweisen an den Tag legen. Sie sind außerordentlich verschlossen, versammeln sich des Nachts am Strand, um auf die See hinauszustarren, und besitzen eine unappetitliche Vorliebe für rohes Fleisch – sei es aus der Tiefkühltruhe oder frisch vom menschlichen Knochen ... Und während sich die Leichen zu häufen beginnen, geht eine unheimliche Veränderung mit Arletty vor sich ...

Ausnahmslos alle Schauspieler und Schauspielerinnen in Messiah of Evil liefern ausgezeichnete Leistungen ab. Michael Greer ist heute vor allem als Komiker und "victim of early 'gaysploitation' films" in Erinnerung. Seinen Thom aber spielt er ganz ernsthaft und auf faszinierende Weise als zugleich dekadent, charmant und undurchschaubar. Veteran Elisha Cook hat zwar nur einen kurzen Auftritt, beweist dabei aber einmal mehr sein immenses Talent. Joy Bang verleiht ihrer Hippie-Lolita Toni genau die richtige Mischung aus Unschuld und Sexiness. Und es sind nicht nur die Profis, die hier zu brillieren verstehen. Einige der Amateurdarsteller hinterlassen einen wunderbar gruseligen Eindruck, so vor allem Morgan Fisher als Assistent der blinden Galleristin und Bennie Robinson als mörderischer, mäusefressender Trucker und Wagnerliebhaber.

Messiah of Evil ist verschiedentlich vorgeworfen worden, eine Art Plagiat von Herk Harveys Kultklassiker Carnival of Souls aus dem Jahre 1962 zu sein. Doch trotz unverkennbarer Ähnlichkeiten, halte ich eine solche Kritik für letztlich verfehlt. Auch wenn einiges dafür spricht, dass die Bewohner von Point Dune Tote sind und Arletty sich gleichfalls in einen lebenden Leichnam verwandelt, geht es in diesem Film doch nicht um den wirklichen, physischen Tod, sondern um ein seelisches Absterben, um eine fortschreitende Entmenschlichung der Menschen. Wie auch immer man Carnival of Souls interpretieren mag, im Zentrum wird dabei stets die Persönlichkeit der Protagonistin Mary stehen. Bei Messiah of Evil hingegen liegt der Schwerpunkt eindeutig nicht auf den Protagonisten, sondern auf der unheimlichen Welt, mit der sie sich in Point Dune konfrontiert sehen. Sehr viel deutlicher als in Herk Harveys Streifen kommt dabei die gesellschaftliche Stimmungslage der Zeit zum Ausdruck.
Rob Wrigley schreibt in seiner Rezension auf Classic-Horror: "Screenwriters Huyck and Katz make allusions to the Vietnam War, religious cults, and the 'creeping communist threat' of the fifties." Aber wie er selbst sofort hinzufügt,  ist der Film keineswegs eine politische Allegorie, die sich in eindeutiger Weise aufschlüsseln ließe. Einzig eine Szene, in der zwei Polizisten in Kampfausrüstung das Feuer auf eine Gruppe der zombiehaften Bewohner von Point Dune eröffnen, lässt sich vielleicht als bewusste Anspielung auf die Massenunruhen der späten 60er Jahre verstehen. Abgesehen davon jedoch operiert der Film dankenswerter Weise nicht auf einer allegorischen, sondern auf einer atmosphärischen und symbolhaften Ebene. Er ist kein Kommentar zum Zeitgeschehen, sondern ein künstlerisches Stimmungsbild der Zeit. Wrigleys Hinweis auf das Fifties - Motiv der 'außerirdischen Infiltration' ist in diesem Zusammenhang durchaus angebracht. Allerdings bin ich der Meinung, dass man dabei nicht bloß an die antikommunistische Paranoia des Kalten Krieges denken darf. In meinen Augen ist ein Film wie Don Siegels Klassiker Invasion of the Body Snatchers in erster Linie eine Auseinandersetzung mit Entfremdung, Konformismus und den unterschwelligen Ängsten der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Und es ist dieser Aspekt der alten B-Movie-Tradition, an den Messiah of Evil anknüpft, nur dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit inzwischen natürlich dramatisch verändert hat. Was sich in den 50er Jahren hinter einer Fassade aus wachsendem Wohlstand und kleinbürgerlicher Vorort-Idylle verborgen hatte, war offen zutage getreten. In der Ära von Vietnamkrieg und Ghettoaufständen, Polizeibrutalität und politischen Morden, Manson-Family und Watergate-Skandal präsentierte sich die innere Fäulnis des bügerlichen Amerika dem Auge des Betrachters wie ein aufgeplatzes Geschwür. Entsprechend vermittelt der Film auch weniger den Eindruck einer unterirdischen Bedrohung, als vielmehr einer aus dem Lot geratenenen Welt.

Auch wenn man sich angesichts der Verwandlung von Menschen in kannibalistische Mischformen aus Zombie und Werwolf unwillkürlich fragt, ob da wohl von Romeros Night of the Living Dead abgekupfert wurde, steckt Messiah of Evil doch voller bemerkenswert origineller Sequenzen und besitzt ein völlig anderes Flair als der Urvater aller modernen Zombieflicks.
Fantastisch etwa, wie Stephen Katz Longs Haus mit seinem 60er Jahre Design und den Pop Art - Gemälden des verschwundenen Künstlers in Szene zu setzen versteht. Letztere stellen meist irgendwelche Leute dar, die den Betrachter auf beunruhigende Weise anzustarren scheinen. Eine besonders prominente Stellung nimmt dabei eine Gruppe von Männern in schwarzen Anzügen ein. Mit seiner Kamera macht Katz aus ihnen beinahe so etwas wie zusätzliche Akteure.
Ähnlich faszinierend ist die berühmte Kinosequenz. Thom hat Toni ins örtliche Filmtheater geschickt, damit sie sich dort eine kleine Ablenkung verschafft. Zu Beginn ist sie beinahe die einzige Zuschauerin, doch nach und nach füllt sich der Saal mit immer mehr zombiehaften Gestalten. Derweil läuft ein Western, doch alles, was wir auf der Leinwand zu sehen bekommen, ist eine endlose Aneinanderreihung von Gewaltszenen.
Und dann wäre da natürlich noch die Szene im Supermarkt, in dem Point Dunes Bewohner einen kleinen Mitternachtsimbiss veranstalten, den Laura dummerweise unterbricht. Der Supermarkt als Symbol für eine sterile Konsumgesellschaft? Wirkt das nicht beinahe wie eine Vorwegnahme von Romeros Dawn of the Dead?

Gegen Ende des Filmes wird uns die Ursprungsgeschichte von Point Dune erzählt: Vor hundert Jahren kam der 'düstere Fremde', ein ehemaliger Priester, nach New Bethlehem und predigte eine neue Religion. Danach verschwand er im Meer, doch prophezeite er zuvor, dass er eines Tages zurückkehren werde "to a world tired and disillusioned, a world looking back to old gods and old dark ways". Dieser Zeitpunkt scheint nunmehr gekommen, und der 'Messias des Bösen' wird die Herrschaft antreten über eine Gesellschaft, die ihre innere Orientierung verloren hat ... 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.