"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Sonntag, 3. Oktober 2021

Alles Conan, oder was? – Nope!

In ihrem vorletzten Monatsrückblick auf FragmentAnsichten hat Alessandra in Reaktion auf einen Beitrag von Remco van Straten & Angeline B. Adams die Frage aufgeworfen, wie prägend und dominierend Robert E. Howards Conan für die Sword & Sorcery überhaupt noch sei. Stellt der Cimmerier tatsächlich immer noch "the alpha and the omega of the genre" dar? Und ist dessen "De-Conan-isierung" darum wirklich noch ein so dringend gebotenes Anliegen wie die beiden meinen?
Ihre eigene Antwort fällt eindeutig aus:
[I]ch denke bei Sword & Sorcery nicht automatisch an Conan. Ich denke eher an die ohneohren-Low Fantasy, an Torsten Finks Maru-Romane, an die Comics von Sylvain Cordurié, an Peter Hohmanns „Weißblatt“ oder an Susanne Pavlovics „Feuerjäger“. Kommt alles ohne halbnackte Barbaren aus.
Nun kenne ich die meisten der von Alessandra genannten Beispiele nicht aus eigener Leseerfahrung. Abgesehen von Sylvain Corduriés & Leo Pilipovics Ravermoon - Trilogie, die ich vor ein paar Monaten auf ihre Anregung hin gelesen habe`*, und der 2017 bei ohneohren erschienenen Anthologie Heimchen am Schwert. Dennoch  geht es mir im Grunde ganz ähnlich: Ich habe die Sword & Sorcery  nie ausschließlich oder auch nur primär mit Conan und dem Bild des muskelbepackten Barbaren identifiziert.
 
Mein Einstieg in das Subgenre waren Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grey Mouser, und das hat meine Sichtweise glaub ich dauerhaft geprägt. 
Als ich die beiden 1986 erschienenen Heyne - Sammelbände Schwerter im Nebel und Schwerter von Lankhmar,  die die alten Übersetzungen von Wulf H. Bergner & Thomas Schlück enthielten, erstmals in die Finger bekam, hatte mein 13/14jähriges Ich sicher nicht das Gefühl, damit etwas grundsätzlich anderes zu lesen als etwa Tolkiens Herr der Ringe, der meine Einstiegsdroge in die Fantasy gewesen war. Doch als ich nach einer langen Pause viele Jahre später zum Genre zurückkehrte, hatte sich mein Blickwinkel deutlich geändert. Viele Elemente der von Tolkien repräsentierten Spielart der Fantasy erschienen mir nun frag- und kritikwürdig: Die feudale Romantik, die "gottgegebenen" Hierarchien, der "kosmische" Kampf zwischen Gut und Böse, der "auserwählte Held" mit seiner "Bestimmung" etc.  Demgegenüber wirkten Leibers Geschichten nun wie ein subversiver Gegenentwurf. Dies war der Startpunkt, von dem aus sich meine Herangehensweise an die Sword & Sorcery entwickelte. 
Eine weitere wichtige Komponente war sicher, dass zu meinen frühesten Begegnungen mit dem Subgenre außerdem Schwertschwester gehört hatte, die deutsche Übersetzung der ersten der von Marion Zimmer Bradley in den 80ern herausgegebenen Sword and Sorceress - Anthologien. Von Anfang an war die Welt der Sword & Sorcery für mich deshalb auch nicht ausschließlich von irgendwelchen hyper"maskulinen" Kriegergestalten bevölkert.
 
Wenn ich mich in der Folge mehr und mehr gerade zu diesem Subgenre der Fantasyliteratur hingezogen fühlte, war der Hauptgrund dafür, dass ich in ihm -- von Leiber herkommend -- die Fantasy der plebejischen Underdogs zu erblicken begann.  Oder wie Saladin Ahmed es einmal ausgedrückt hat: Sword & Sorcery ist "blue-collar fantasy". Natürlich ist das Subgenre damit nicht erschöpfend charakterisiert. Auch könnte man eine Reihe von Gegenbeispielen dazu ins Feld führen. Insbesondere Michael Moorcocks Geschichten, deren Helden Elric, Corum und Dorian Hawkmoon durchgehend aristokratischer Herkunft sind und in wahrhaft kosmische Konflikte verwickelt werden, von deren Ausgang das Schicksal ganzer Welten abhängt. Aber mir geht's hier ja nicht um eine präzise, "wissenschaftliche" Definition der Sword & Sorcery, sondern um meine persönliche Beziehung zu ihr. Und für mich sind ihre Held*innen halt in erster Linie Glücksritter, Diebe, Halunken, Söldner -- eher zuhause in verräucherten Kaschemmen als in prachtvollen Palästen und nur selten auf einer Queste zur Rettung der Welt. Neben Fritz Leibers Geschichten besteht "meine" Sword & Sorcery aus Werken wie Saladin Ahmeds Throne of the Crescent Moon, Steven Brusts (frühen) Vlad Taltos - Büchern, Scott Lynchs Gentleman Bastards, Elizabeth A. Lynns Chronicles of Tornor, Jack Vance' Dying Earth (vor allem Cugel the Clever) oder Gail Simones Version von Red Sonja. Und wenn sich doch einmal ein Aristo unter den Held*innen findet, dann ist es jemand wie Darrell Schweitzers verfluchter Ritter Sir Julian the Apostate oder C.L. Moores Châtelaine Jirel of Joiry.
 
Und wie fügt sich da nun Conan ein?
Ich habe Robert E. Howard erst sehr spät gelesen. Lange Zeit beschränkte sich meine Bekanntschaft mit dem Cimmerier auf die Schwarzenegger-Flicks Conan the Barbarian (1982) und Conan the Destroyer (1984). Schon allein deswegen konnte er für mich nie die das Subgenre definierende Figur sein. Als ich mich seinen Abenteuern dann schließlich doch zuwandte, war die Frage eher: Wie verträgt sich Conan, der ja fraglos am Anfang der Sword & Sorcery gestanden hatte, mit meiner Sicht auf dieselbe?
Als einem Mitt-Dreißiger stießen mir die krasseren Beispiele von Rassismus & Sexismus in den Stories sicher übler auf als es in meinen Teens vermutlich der Fall gewesen wäre. Vor jeder Art Fanboytum war ich deshalb von vornherein gefeit. Doch zugleich fand ich Howards Sprachstil durchaus packend und entdeckte genug Storyelemente, die dem Cimmerier einen Platz in "meiner" Sword & Sorcery sicherten. Denn auch wenn seine Karriere auf dem Thron von Aquilonia endet, ist er für die meiste Zeit doch ein typischer Underdog-Held -- Dieb, Korsar, Söldner, Glücksritter. In einem Brief an Clark Ashton Smith beschrieb "Two Gun" Bob die "proletarischen" Wurzeln seines berühmtesten Helden einmal wie folgt: 
It may sound fantastic to link the term "realism" with Conan; but as a matter of fact his supernatural adventures aside he is the most realistic character I ever evolved. He is simply a combination of a number of men I have known, and I think that's why he seemed to step full-grown into my consciousness when I wrote the first yarn of the series. Some mechanism in my sub-consciousness took the dominant characteristics of various prizefighters, gunmen, bootleggers, oil field bullies, gamblers, and honest workmen I had come in contact with, and combining them all, produced the amalgamation I call Conan the Cimmerian.** 
Dass Conan dem Unterbewusstsein seines Schöpfers in vollentwickelter Gestalt entsprungen sei, mag howard'scher Selbstmythos sein, aber der Rest klingt sehr überzeugend. Und es gibt ein anarchisches Element in den Stories, einen Widerwillen gegen Autorität und Hierachien, das mich durchaus anspricht. So ist Conan für mich zwar ganz sicher nicht das "Alpha & Omega" der Sword & Sorcery, besitzt aber einen respektablen Platz in der Gallerie ihrer Held*innen.

Soweit meine eigene Antwort auf die von Alessandra aufgeworfene Frage.
 
Allerdings denke ich, dass die Gestalt Conans für viele tatsächlich immer noch repräsentativ für die Sword & Sorcery steht. 
Wofür freilich nicht allein Robert E. Howards Geschichten, sondern vielleicht mehr noch die ikonischen Coverillustrationen von Frank Frazetta verantwortlich sein dürften. Zusammen mit einigen anderen Künstle*innen wie Boris Vallejo und Jeffrey Catherine Jones schuf er eine Ästhetik, die bis heute sehr oft aufs engste mit dem literarischen Subgenre identifiziert wird. Von ihm führt eine direkte Linie zu John Buscemas Arbeiten in den Conan - Comics, John Milius' Conan the Barbarian (1982) und den Sword & Sorcery - Filmpostern der 80er Jahre. Die Ironie besteht darin, dass Frazetta selbst die Conan-Stories nie gelesen hatte. Und tatsächlich entspricht sein eher klobiger, muskelbepackter Barbar kaum dem Bild, das Howard von dem zwar muskulösen, aber zugleich pantherhaft geschmeidigen Cimmerier zeichnet.
Frazettas Einfluss dürfte vor allem für das Image verantwortlich sein, dass die Sword & Sorcery bei vielen "Außenstehenden" genießt. Aber es spricht eine Menge dafür, dass auch in der "Szene" für nicht wenige Conan immer noch eine dominierende Figur ist. Das zeigt sich auch an der weit verbreiteten Ansicht, dass die Sword & Sorcery ihre Blütezeit in den späten 60ern und den 70er Jahren gehabt hätte, um in den 80ern dann einen steilen Niedergang zu erleben, von dem sie sich nie wirklich erholt hätte. Ganz falsch ist das natürlich nicht. Die 80er erlebten ja tatsächlich den Triumph der High Fantasy mit ihren Trilogien und Endlos-Epen. Doch wenn man die Geschichte der S&S so enden lässt, entsteht der Eindruck, als bestehe das Subgenre in der Tat hauptsächlich aus Conan und seinen Epigonen. So schreibt z.B. G.W. Thomas in seinem Blogpost High Versus Low Fantasy or You Can’t Get There From Here!: "[T]he lowly tale of the swordsman who fights the darkness became persona non grata in the 1990s. Only Conan pastiches and novelizations based on Xena, Warrior Princess offered anything remotely like REH." Howard bleibt also das definierende Vorbild. Und auch Thomas' an sich ziemlich interessanter Beitrag The Style of Sword & Sorcery endet bezeichnenderweise in den 60ern und 70ern bei John Jakes und Gardner Fox mit ihren Clonans Brak und Kothar.
Wenn man die 80er Jahre ausschließlich als eine Ära des Niedergangs betrachtet, drohen einige der interessanteren Entwicklungen in der Sword & Sorcery jener Zeit unter den Tisch zu fallen. So etwa das vermehrte Auftreten weiblicher Hauptfiguren zu Beginn des Jahrzehnts, von dem ich schon einmal im Rahmen einer Besprechung von Jessica Amanda Salmonsons Anthologie Amazons II erzählt habe. Oder die Entstehung der Shared Universes von Thieves' World und Liavek. Steven Brusts erster Vlad Taltos - Roman Jhereg erschien 1983. Glen Cooks The Black Company 1984.
 
Wer die Sword & Sorcery in erster Linie über Howard und Conan definiert, wird ihr manches von dem vielleicht gar nicht mehr zurechnen. Und das ist okay. Streitereien über Genregrenzen sind in meinen Augen meist bloß vertane Zeit. Es fragt sich dann bloß, welche Zukunft eine so streng umrissene Sword & Sorcery haben soll. Könnte sie aus mehr bestehen als aus nostalgischen Wiederbelebungsversuchen der Vergangenheit? Man verstehe mich nicht falsch: Solche können ein neckischer Spaß sein. Aber ein lebendiges Genre sieht anders aus.
 


* Eigentlich hatte ich mal vor, Ravermoon im Rahmen eines Blogposts zu besprechen, in dem ich mich einer ganzen Reihe von Comics mit Sword & Sorcery - Heldinnen widmen wollte, die ich im letzten halben Jahr (?) gelesen habe -- von einigen neueren Red Sonja - Sachen über Die Kriegerinnen von Troy bis zu dem wohl eher obskuren (und ziemlich exploitation-lastigen) Arhian. Ob ich das doch noch machen sollte? Wollte in dem Zusammenhang auch meine Meinung zu Chainmail-, Leder- und Fell-Bikinis darlegen ...   

** Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 172.

Sonntag, 12. April 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Saladin Ahmeds Throne of the Crescent Moon

Als ich vor ungefähr sieben Jahren zum ersten Mal Throne of the Crescent Moon las, war ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Es könnte sein, dass einige Elemente der eigentlichen Abenteuerhandlung etwas zu klischeehaft oder simplistisch auf mich wirkten. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass der übergroße Hype, der in jenen Winkeln des phantastischen Internets, die ich damals regelmäßig besuchte, um Saladin Ahmeds Debütroman betrieben worden war, die Erwartungen gar zu hoch geschraubt hatte.

Doch was auch immer der genaue Grund für meine damalige lauwarme Reaktion gewesen sein mag, wiederholte Rereads haben mich eines besseren belehrt. Unter den wenigen neueren Sword & Sorcery - Romanen, die ich aus eigener Leseerfahrung kenne, rangiert Throne of the Crescent Moon inzwischen ganz oben auf meiner Hitliste. Einziges Ärgernis bleibt für mich, dass wir wohl nie das ursprünglich in Aussicht gestellte Sequel erhalten werden.

Doktor Adoulla Makhslood ist der letzte echte Ghul-Jäger von Dhamsawaat, "Königin der Städte", Sitz des Kalifen von Abassen, glanzvolle Metropole der Crescent Moon Kingdoms. Obwohl er sich nach Jahrzehnten der Abenteuer und Monsterjagden längst reif für den Ruhestand fühlt, kann er schwerlich seine Hilfe verweigern, als die Nichte seiner Angebeteten Miri Almoussa und ihr Mann von Ghulen ermordet werden. Also begibt er sich zusammen mit seinem sechzehnjährigen Lehrling Raseed bas Raseed, einem irritierend "tugendhaften" Derwisch, der aber äußerst geschickt mit dem Schwert umzugehen weiß, auf die Suche nach den Monstern und ihrem Schöpfer. Bei ihrer ersten Konfrontation mit den Ghulen in der Wüste erhalten die beiden unerwarteten Beistand von dem jungen Beduinenmädchen Zamia Banu Laith Badawi, die die gottgegebene Gabe besitzt, sich in eine Löwin verwandeln zu können. Ihr ganzer Stamm wurde von den Monstern abgeschlachtet und nun kennt sie nur noch ein Ziel: Rache.
Doch wie sich schon bald herausstellt, hat der gute Doktor es diesmal nicht mit irgendeinem machtversessenen Westentaschen-Magus zu tun, sondern mit einer Bedrohung, die den Untergang für ganz Dhamsawaat und seine Bevölkerung bedeuten könnte. Angesichts eines solch fürchterlichen Gegners wendet er sich hilfesuchend an seine alten Freunde, die Alchimistin Litaz und ihren Mann, den Magier Dawoud, die beide vor Jahrzehnten aus der {quasi-afrikanischen} Soo Republik nach Dhamsawaat gezogen sind und in der Vergangenheit so manches Mal Seite an Seite mit ihm gekämpft haben.
Derweil unsere fünf Gefährten alles daran setzen, die finsteren Pläne des "Ghuls der Ghule" und seines schakalköpfigen Handlangers Mouw Awa zu durchkreuzen, droht der Metropole ein neuerlicher Bürgerkrieg. Denn der "edle Räuber" und wortgewaltige Agitator Pharaad Az Hammaz, genannt der "Falcon Prince", ist drauf und dran, einen Staatsstreich gegen den tyrannischen Kalifen zu starten.

Bei seinem Erscheinen 2012 wurde Throne of the Crescent Moon vor allem für das islamisch-arabisch inspirierte Setting gepriesen. Und das sicher aus gutem Grund. Denn auch wenn sich das inzwischen etwas zu ändern scheint, waren klassische Fantasyromane über lange Zeit ja tatsächlich beinah ausschließlich in pseudo-europäischen, pseudo-mittelalterlichen Gefilden angesiedelt, während zugleich die Darstellung des "Ostens", wenn er denn überhaupt in ihnen vorkam, sehr stark von orientalistischen Klischees geprägt war. Und Saladin Ahmed wollte ganz bewusst diese Konvention durchbrechen und den damit verbundenen Stereotypen eine Alternative entgegensetzen. Wie er 2010 in einem Gespräch mit Amal El-Mohtar erklärte:
[A]rchetypes are only a step removed, if that, from stereotypes.  This is the case even when fantasy novels are dealing with Europe or pseudo-Europe.  It’s even more the case when dealing with "other" places and peoples, though, and often leads to reducing "Islam" and "Arab" to a stock set of signifiers – fanaticism, honor, violence, sexism, absolutism, scimitars, veils, turbans, and, above all, the harsh, unforgiving desert that produces a harsh, unforgiving people.
This is the case even when we’re dealing with a secondary world – if you’ve got a fantasy map at the beginning of the book, you can be pretty sure that, to the east of the Europe-ish landmass, there will be a big ol’ desert, and it will be inhabited by fierce, proud nomads who wear flowing robes and chop people’s heads off.  This handful of central casting shtick is a stark contrast to history’s reality of remarkably varied Islamic cultures.
An dieser Stelle sollte man vielleicht darauf hinweisen, dass die Welt von Throne of the Crescent Moon zwar von diesen "varied Islamic cultures" inspiriert wurde, jedoch keine simple Eins-zu-Eins-Übertragung des mittelalterlichen Islam in ein Fantasyuniversum darstellt. Sicher, die Crescent Moon Kingdoms sind eine monotheistisch geprägte Kultur, die "Heavenly Chapters" erinnern an den Koran, der "Traitorous Angel" an Iblis, das untergegangene Reich Kem an das heidnische Ägypten usw. Doch gibt es auch merkliche Unterschiede. So fällt z.B. auf, dass es in dieser Welt kein Analog zum Propheten Mohammed zu geben scheint.
In einem anderen Interview mit Jessa Crispin hat Ahmed einmal über seine Intentionen gesagt:
Writers don't tell stories in a vacuum, however much we might wish to pretend otherwise. So what already-told stories are your stories re-inscribing, which ones are they countering? Since long before 9/11, US culture has been saturated with stories about Arabs and Muslims as villains, as fanatics, as worthless, as better dead than alive. So yes, I aim to tell different stories in my work, and Throne is a part of that effort, however cloaked in swash-and-buckle it may be.
Aber so richtig und wichtig ich es auch finde, gegen derartige Stereotypen und Klischees in der phantastischen Literatur anzuschreiben – und angesicht der islamophoben Hetze und Gewalt unserer Zeit gilt das sicher ganz besonders für die Darstellung von Muslimen , macht das allein für mich doch noch nicht die besondere Stärke von Throne of the Crescent Moon aus.

Dass "Diversität" für sich genommen nichts über literarische Qualität aussagt, ist natürlich ohnehin klar. Hinzu kommt aber noch, dass man auch vor einem nichteuropäischen Hintergrund und mit einem "diversen" Figurenensemble sehr wohl eine konformistische oder von misanthropem Zynismus durchtränkte Geschichte erzählen kann. Es würde nicht schwerfallen, in der aktuellen Popkultur Beispiele dafür zu finden.
Saladin Ahmeds Roman gehört jedoch ganz sicher nicht zu dieser Kategorie.

Bei der Lektüre von Throne of the Crescent Moon wird sehr schnell deutlich, dass das Buch aus einer leidenschaftlichen Liebe für die klassische Sword & Sorcery geboren wurde. Ahmed spart nicht mit actionreichen Kampfszenen, cooler Magie und wilden Monstermassakern.
Freilich zeigt sich bereits hierbei ein etwas eigener Umgang mit den Konventionen des Genres. Nicht zufällig sind die Gegner unserer Helden & Heldinnen keine beseelten Kreaturen, sondern künstlich erschaffene Monstrositäten. Als Adoulla und die anderen sich im großen Finale dann, ohne es zu wollen, in einem Szenario wiederfinden, in dem es unausweichlich zum Töten von Menschen kommen wird, ist das mit ein Grund dafür, warum sie sich zunehmend unwohl fühlen mit dem Gang, den die Ereignisse genommen haben.

Aber so sehr ich diesen Rückgriff auf die heroische Fantasy der 70er/80er Jahre und ihre pulpigen Wurzeln auch schätze, haben auch einige der Elemente, mit denen ich ursprünglich etwas Probleme hatte, hier ihren Ursprung. So bleibt zum Beispiel der große Widersacher, der "Ghul der Ghule", als Person äußerst schemenhaft. Wenn ich mich nicht irre, besitzt er keine einzige Dialogzeile. Und seine Motivation ist soweit erkennbar schlicht: Ich bin böse!  Freilich wird er als eine nicht mehr völlig menschliche Kreatur beschrieben, als ein wahrhaftiger "agent of the Traitorous Angel". Quasi ein Dunkler Herrscher am Beginn seiner Karriere. Aber Dunkle Herrscher sind halt ganz allgemein nicht unbedingt die interessantesten Bösewichter.

Doch das stellt letztenendes bloß eine kleinere Irritation dar. Denn die besondere Stärke von Throne of the Crescent Moon liegt nicht in der Abenteuerhandlung, sondern in den Figuren.

In einem Interview mit dem Locus Magazine erklärte Saladin Ahmed einmal: "[Fritz] Leiber is my hero! The wit that’s present in his prose is something that I wouldn’t dare think I’ve approached, but I hope has rubbed off on my prose to some degree." Ganz in diesem Sinne hat er sein Dhamsawaat denn auch verschiedentlich als "equal parts Lankhmar and Medieval Baghdad" beschrieben. Dies ist die Traditionslinie, in der seine Fantasy steht. 
Anders als etwa Scott Lynch mit seinen Gentleman Bastards knüpft er dabei allerdings nicht an die Gauner & Spitzbuben - Motivik an. Was Throne of the Crescent Moon mit der leiberschen Fantasy verbindet ist vielmehr das städtisch-plebejische Milieu und die instinktive Feindschaft gegen die Aristokratie. Wenn ich mich recht erinnere, bezeichnete Ahmed in einem alten SF Signal - Podcast die Sword & Sorcery einmal als "blue collar fantasy", was seine Herangehensweise an das Genre finde ich sehr gut beschreibt.
Doktor Adoulla Makhslood mag in gewisser Weise ein "Auserwählter" sein, aber seine Welt ist die Welt der einfachen Leute von Dhamsawaat, für die Reichen und Mächtigen hat er wenig mehr als Verachtung übrig. Hier ist er als Waisenkind und Straßenjunge aufgewachsen. Hier lebt er noch heute. Unter diesen Menschen ist seine Heimat und ihrem Wohl fühlt er sich verpflichtet. Eine der großartigsten Passagen des Buches beschreibt Adoullas tiefe Liebe und Verbundenheit zu seinem ärmlichen Viertel und dessen Bewohnern:
The public garden of the Scholars' Quarter [...] hosted some of the most riotous smells and sounds in all Dhamsawaat. Uppermost were piss, porters unwashed after a day of lifting in the sun, and a thousand kinds of garbage. But beneath these were layered the smells that said "home" to Adoulla – if anything in this unwelcoming world did.
As an orphan-boy, as a ghul hunter's apprentice, as a young rascal and sometime hero, and now, as an old fart, he needed to breathe these scents. The brewing cinnamon-paint of the fortune tellers, the shared wine barrels of gamblers and thieves forgetting their troubles, the skewers of meat that dripped sizzling juices onto open fire pits and, here and there, a few flowers that seemed to be struggling to prove that this was a public garden and not a seedy tavern ... Adoulla took it all in. Home.
Then there were the sounds. His calling had taken him to many places, but Adoulla had yet to find a people as loud as those of his home quarter. The children and the mothers scolding the children. The roving storytellers and those who applauded and heckled them. The whores who offered warm arms for the night, and the men who haggled shamelessly with them. All of them going about their business in the loudest voices they could find. For cruel fate or kind, Adoulla thought, these were his people. He had been born among them, and he hoped very much to die quietly among them.   
Ich nehme mal an, da ist auch so einiges von Saladin Ahmeds eigenem Hintergrund mit eingeflossen. Geboren 1975 in Dearborn (Michigan) wuchs der Schrifsteller in einem arabisch-amerikanischen Arbeiterklassemilieu auf. Wie er in einem Interview mit Comicbook erzählt hat: 
It's Henry Ford's hometown, factory town. And so, it's the headquarters of Ford. And then also, it's not the biggest in terms of numbers, but it's the most concentrated group of Arab Americans in the country. So, I grew up right in the center of that, in this community that was mostly, at that point, ex-factory workers, because the jobs were already drying up, in an Arab community, where most people were either immigrants or the kids of immigrants.
Durch seinen Vater, "a kind of working class hippie", erhielt er allerdings schon früh Zugang "to a much weirder, wider variety of things":
He was sort of working the factory when I was a small kid, and went on to kind of do community organizing stuff, alongside my great-grandmother, actually. And the two of them became very big figures in the Arab community. They had a storefront with other people that did things like legal clinics, food drives, stuff like that. [...] So, punk rock concerts, and he had friends who were Black Panthers.
Etwas von all dem findet sich in Throne of the Crescent Moon wieder.

Saladin Ahmed hat einmal erklärt: "Yes, I had – that most dreaded of things! – an agenda: look at other (Other?) criteria for heroism and follow the sorts of heroes we don't usually follow." Das "muslimische" und plebejische Element sind Aspekte hiervon. Doch erschöpft sich dieses Bemühen nicht in ihnen.

Adoulla ist in seinen eigenen Worten ein "old fat man", der seine Tage lieber im Teehaus seines alten Freundes Yehyeh mit dem Trinken von Zimttee und dem Lesen von Gedichten verbringen würde, statt schwer schnaufend irgendwelchen Monstern hinterherzuhetzen. In Gedanken hadert er immer wieder mit Gott, der ihm keinen friedlichen Lebensabend zu gönnen scheint. Was es noch schwerer macht ist, dass seine "Berufung" einer Aussöhnung mit seiner großen Liebe, der Bordellbesitzerin Miri, im Wege steht, die ihr Leben nicht mit einem Mann teilen will, von dem sie tagtäglich befürchten muss, dass er einen gewaltsamen Tod findet.
Litaz und Dawoud sind gleichfalls alte Leute, deren Durst auf Abenteuer schon seit langem gestillt ist. Das gilt insbesondere für letzteren, dessen Magie schon so stark an seinen körperlichen Kräften gezehrt hat, dass er bei einem strammen Marsch durch die Metropole beinah einen Herzinfarkt bekommt. Auch fühlen sich die beiden selbst nach so langer Zeit in Dhamsawaat immer noch etwas fremd und spielen mit dem Gedanken, noch einmal in ihre Heimat zurückzureisen, bevor es endgültig zu spät ist.
Raseed mag trotz seines unscheinbaren Äußeren er ist klein und wirkt schmächtig und jungenhaft – ein tödlicher Schwertkämpfer mit den Fähigkeiten eines Fantasy-Ninjas sein, doch zugleich ist er in vielerlei Hinsicht ein unsicherer Heranwachsender, dem es immer noch schwerfällt, sich in der Welt zurecht zu finden. Darum klammert er sich nur um so fester an seinen starren Tugendkodex. Das bringt ihm nicht nur regelmäßig den Spott seines freizügigen Lehrmeisters ein, sondern stellt ihn auch immer wieder vor moralische Probleme. So wenn er auf die Hilfe des gesetzesbrecherischen "Falcon Prince" angewiesen ist oder es mit den "Humble Students" zu tun bekommt, einer Bande fundamentalistischer Typen, deren Vorstellung von Frömmigkeit darin besteht, "unzüchtige" Frauen auf offener Straße auszupeitschen. Doch ganz besonders schwer wird es für ihn, als sich nach dem Auftauchen Zamias seine Hormone zu regen beginnen.
Dem gestaltswandlerischen Beduinenmädchen geht es im Grunde ähnlich. Mit der Ermordung ihres Stammes hat Zamia Heimat und Lebensinhalt verloren, und so konzentriert sie anfangs ihre ganze Energie auf das Verlangen nach Rache. Über das, was danach kommen soll, will sie lieber nicht nachdenken. Doch im Laufe der Geschichte entwickelt sie nach und nach eine neue Verbundenheit zu der kleinen Gruppe, zu der sie eher zufällig gestoßen ist. Auch wenn die herablassende Haltung Adoullas gegenüber der "barbarischen" Kultur der Wüstenbewohner, die sie dem guten Doktor mit aggressiver Respektlosigkeit zurückzahlt, das erst einmal nicht leicht für sie macht. Dafür entwickelt auch sie sehr bald schon Gefühle für Raseed, was die Situation zugegebenermaßen noch etwas komplizierter macht, obwohl sie souveräner damit umzugehen versteht als der junge Derwisch.
Es ist die tiefe Menschlichkeit dieser Figuren, ihrer inneren Konflikte und ihrer Beziehungen zueinander, die einen Gutteil des Reizes von Throne of the Crescent Moon ausmachen.

Abschließend noch ein paar Worte über die Figur des "Falcon Prince". Bei meiner früheren Lektüre war mir vor allem sein erster Auftritt etwas arg theatralisch vorgekommen. Doch ist mir inzwischen klar geworden, dass dieser Eindruck vom Autor beabsichtigt war. Pharaad Az Hammaz ist eine bewusste Variation auf den Archetyp des "edlen Räubers" und soll wie die Figur aus einem alten Hollywood-Streifen à la The Thief of Bagdad oder Robin Hood wirken. Er erscheint deshalb so bombastisch und überlebensgroß, weil er im Grunde ein Schauspieler ist, der es meisterhaft versteht, sich in Szene zu setzen. Adoulla sympathisiert anfangs mit ihm, scheint er doch der Vertreter der Unterdrückten und Ausgebeuteten zu sein. Doch vor allem gegen Ende des Romans erscheint der "Falcon Prince" in einem zunehmend fragwürdigeren Licht. Anders als in manchen Rezensionen behauptet, endet Throne of the Crescent Moon nicht mit einer Revolution, sondern mit einem Coup. Und es bleibt völlig offen, ob die Machtergreifung durch Pharaad Az Hammaz wirklich etwas Gutes für die einfache Bevölkerung von Dhamsawaat bedeuten wird oder ob hier bloß ein Tyrann gegen einen anderen ausgetauscht wurde.

Vermutlich wäre Saladin Ahmed  dieser Frage in den ursprünglich geplanten Sequels nachgegangen. In diesen sollte die Geschichte epischere Dimensionen annehmen. Wie der Autor 2010 in seinem Gespräch mit Amal El-Mohtar erzählt hatte:
[W]hile the first book of The Crescent Moon Kingdoms Trilogy focuses on Dhamsawaat, books two and three will expand the world to truly epic scope, culminating in a Crusades-ish conflict that involves heroes and villains from both the East and the West.
For me, though, this isn’t a simple matter of ‘making the East good and the West bad’ – rather it involves interrogating the basic assumptions of heroic fantasy themselves: Is there such a thing as a good army or an evil army? Can a global war really make the world a better place? What should the decent people on either side of a conflict do when powerful men are manipulating events on a grand scale?
Inzwischen darf man jedoch leider berechtigte Zweifel daran hegen, dass wir je eine Fortsetzung zu Throne of the Crescent Moon erhalten werden. Saladin Ahmed hat 2017 eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Texter für Marvel Comics begonnen, und ob er daneben wirklich noch Zeit genug hat, um an der Vollendung seines Fantasyepos zu arbeiten, muss fraglich erscheinen. Allerdings hat er im Oktober 2018 in einem Interview mit Strange Horizons erklärt, dass er nach wie vor beabsichtige, einen zweiten und abschließenden Band für die Crescent Moon Kingdoms zu schreiben. Wann dies geschehen werde, stehe allerdings noch in den Sternen – "sometime in the 2020s". Ganz müssen wir die Hoffnung also vielleicht doch noch nicht aufgeben.



PS: Wer erst einmal ein bisschen in die Welt von Throne of the Crescent Moon hineinschnuppern will, kann das mit der im April 2009 auf Beneath Ceaseless Skies erschienenen Kurzgeschichte Where Virtue Lives tun, in der wir außerdem erfahren, wie Doktor Adoulla Makhslood und Raseed bas Raseed sich zum ersten Mal begegnet sind. In demselben Universum ist auch die Story Judgment of Swords and Souls angesiedelt, deren Protagonistin Layla bas Layla ursprünglich eine wichtige Rolle in den Sequels spielen sollte. Beide Geschichten finden sich auch in dem Sammelband Engraved on the Eye

Montag, 10. November 2014

Von der Unmenschlichkeit allegorischer Dichtung

But he the knight, whose semblaunt he did beare,
  The true Saint George was wandred far away,  
  Still flying from his thoughts and gealous feare;
  Will was his guide, and griefe led him astray.
  At last him chaunst to meete vpon the way
  A faithlesse Sarazin all arm'd to point,
  In whose great shield was writ with letters gay
  Sans foy: full large of limbe and euery ioint
He was, and cared not for God or man a point.


Einige der ganz großen Werke der europäischen Literaturtradition sind allegorische Dichtungen. Ich denke da u.a. an den Roman de la Rose von Guillaume de Lorris und Jean de Meun, an John Bunyans Pilgrim's Progress oder an Edmund Spensers Faerie Queene, aus der obige Verse stammen. Und auch wenn viele heutige Leserinnen & Leser vermutlich große Probleme mit dieser uns fremd gewordenen Art von Literatur haben, finde ich sie doch ziemlich faszinierend. Nicht zuletzt, weil sie uns einen Einblick in das Denken und Empfinden einer vergangenen Epoche verschafft. Einer Epoche, in der die menschliche Individualität weniger wichtig erschien als die Einordnung in ein gesellschaftlich sanktioniertes Wertesystem. In der man nicht so sehr man selbst als vielmehr die möglichst perfekte Verkörperung eines als universal verstandenen Idealtyps sein sollte. In der allegorischen Dichtung, die Menschen als bloße Symbole für unterschiedliche Tugenden und Sünden auftreten lässt, scheint sich mir etwas davon widerzuspiegeln.

Und da zu jenen Zeiten das ganz Europa unangefochten beherrschende Wertesystem ein christliches war, versteht es sich ganz von selbst, dass dabei der Nichtchrist, der "Ungläubige" zum Symbol für all das werden musste, was als  böse und bekämpfenswert galt. Wie ihre Namen ja schon ganz deutlich zum Ausdruck bringen, haben die Brüder "Sans foy" (= "Ohne Glauben"), "Sans loy" (= "Ohne Gesetz") und "Sans joy" (= "Ohne Freude") aus The Faerie Queene nicht wirklich etwas mit dem Islam zu tun. Dennoch werden sie als "Sarazenen", also als Muslime, bezeichnet.

Zum besseren Verständnis dessen ist es vielleicht hilfreich, darauf hinzuweisen, dass es in der volkssprachlichen Literatur des europäischen Mittelalters üblich war, alle Nichtchristen und Nichtjuden als Anhänger eines universalen, übergeschichtlichen Heidentums zu begreifen, in dessen Darstellung antike und islamische Züge miteinander verschmolzen wurden. So erscheinen selbst im großartigen Willehalm des Wolfram von Eschenbach -- diesem wohl berühmtesten Beispiel der "Höfischen Toleranz" -- die Muslime als Polytheisten und Götzendiener. Auf der anderen Seite werden die eigentlich eher an Wikinger gemahnenden Heiden ("paynim") im mittelenglischen King Horn dennoch als "Sarazenen" bezeichnet. Der Begriff konnte somit als Synonym für "Heide" schlechthin verwendet werden. So etwa, wenn es im Vorauer Alexander vom Pferd des Makedonenkönigs heißt: "So Sarrazin noch christenman / nichain bezzer ros gewan".

Ich denke, Spensers Verwendung des Begriffs muss in dieser Tradition gesehen werden. Das ändert natürlich nichts daran, dass der "Nichtchrist" {und vor allem der Muslim} hier zum gesichtslosen "Anderen" gemacht wird. Und da wir es mit einer allegorischen Dichtung zu tun haben, verliert er sogar jeden Rest seiner Menschlichkeit und wird zum bloßen Symbol für all das, was dem elisabethanisch-aristokratischen Publikum, für das der Dichter schrieb, hassenswert erschien.

Der amerikanisch-arabische Fantasyautor Saladin Ahmed hat vor kurzem eine Short Story veröffentlicht, in der er sich mit dieser Problematik auf sehr berührende Weise auseinandersetzt: Without Faith, Without Law, Without Joy. Unbedingt lesenswert!    

Mittwoch, 27. Februar 2013

Oscar - Nachschlag

(1) Die Jaws - Melodie wurde tatsächlich dazu benutzt, eine missliebige Meinungsäußerung zu unterdrücken. Dazu muss man wissen, dass die Situation für viele Angestellte in der Visual Effects - Branche aufgrund von Outsourcing, Lohnsenkungen und Massenentlassungen momentan wirklich mies aussieht. Die großen Studios versuchen mit aller Macht die Kosten zu senken, was u.a. zum Bankrott der Firma Rhythm + Hues geführt hat, die an der Produktion von Ang Lees Life of Pi beteiligt war. Als der Visual Effects - Oscar an Life of Pi ging, und einer der Gewinner (Bill Westenhofer) in seiner Dankesrede die Lage bei Rhythm + Hues und in der Industrie anzusprechen versuchte, wurde ihm erst mit Jaws über den Mund gefahren und dann das Mikro abgedreht. Siehe hier. Als wäre dies nicht bereits derb genug gewesen, besaß Ang Lee auch noch die Frechheit, in seiner Dankesrede die VFX-Arbeiter & - Arbeiterinnen bewusst zu übergehen. Phillip Brostes Offener Brief an Ang Lee fasst es recht gut zusammen.

(2) Wer ein besonders hübsches Beispiel dafür sehen will, wie gut sich Political Correctness mit blindem politischem Konformismus verträgt, gucke sich die Rezension von Ben Afflecks Argo auf Tor.com an. Steven Padnick schwätzt viel über orientalistische Klischees, die der Film angeblich zugleich entlarve und selbst vermeide. Das liest sich dann z.B. wie folgt:
Affleck makes the audience aware of the unreality to make us question if what we are seeing is accurate in this and all films, even science fiction movies. After all, genre fiction has an unfortunate habit of taking real ethnicities, dressing them up as aliens, then getting conflict out of our (white) protagonists inability to deal with these strange beings (looking at you, Star Trek.) “Argo,” the movie within the movie, is rife with Orientalism, taking place on a desert planet, “Middle Eastern in feel,” with scenes at the bazaar, the palace, and on the dunes. We don’t see much of the film they are pretending to make [...] but it looks like a poorly-written and more racist version of Star Wars. Orientalism is not a mistake the actual movie Argo makes. For a film in which a CIA agent is firmly positioned as the good guy, the Iranians are presented as diverse, humane, educated, and completely aware of a world outside their borders who have real grievances with the interference of American and British forces. Tehran is not an alien city at all, but a modern one that looks like Los Angeles from the air. Of course, the banality of the city makes the violence of the Revolutionary Guard all the more shocking, women eating Kentucky Fried Chicken are immediately contrasted with men hung from cranes.
Die rassistischen Klischees in alten SciFi-Filmen sind für Steven Padnick offenbar ein Problem (und ich will nicht behaupten, sie wären keins), die US-Politik im Mittleren Osten und das verbrecherische Treiben der CIA scheinbar nicht. Jedenfalls lässt er darüber nicht eine einzige kritische Bemerkung fallen. Mit anderen Worten: Imperialismus ist in Ordnung, solange er politisch korrekt verpackt wird.

(3) Die besten Twitter-Kommentare zum Oscar-Abend, die mir unter die Augen gekommen sind, stammen von Fantasyautor Saladin Ahmed:

Montag, 9. April 2012

Bloß eine bescheidene Frage

Der arabisch-amerikanische Fantasyautor Saladin Ahmed hat für Salon einen ruhigen und ausgewogenen Artikel geschrieben, in dem er sich mit dem alten, aber nach wie vor aktuellen Problem der Vorherrschaft der ‘weißen’ Fantasy und damit verbunden des Rassismus im Genre beschäftigt. Zum Ausgangspunkt dienen ihm dabei George R.R. Martins A Song of Ice and Fire und die auf dem Zyklus basierende TV-Serie von HBO. Auf den Inhalt möchte ich nicht genauer eingehen, da ich mit Martins Werk nur sehr oberflächlich, mit der Fernsehproduktion überhaupt nicht vertraut bin. Die Kommentare sind zahlreich und die negativen zeichnen sich (wie leider zu erwarten war) durch einen meist sehr aggressiven Ton aus. Rassistische Angriffe gegen den Autor unterbleiben glücklicherweise, aber man weiß ja, welch bissige Bestie der erboste Fanboy sein kann. Die folgenden drei Argumente sind die absoluten Favoriten:

(1) "Wenn’s dir nicht gefällt, dann lies es doch nicht! Oder schreib’ deine eigenen Bücher!" Das ist gar kein Argument. Hier befinden wir uns bereits tief in Trollterritorium, und mit Trollen diskutiert man nicht. Dass Saladin Ahmed A Song of Ice and Fire offenbar liebt und sein eigenes Buch (Throne of the Crescent Moon) geschrieben hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

(2) "Martins Bücher spielen in einem phantastisch verfremdeten spätmittelalterlichen England (Rosenkriege), und da gab’s halt keine Schwarzen. Personen ‘nichteuropäischer’ Herkunft aus ‘politisch korrekten’ Gründen in die Handlung einzubauen, würde dem ‘Realismus’ des Werkes zuwiderlaufen." Das ist ein zumindest diskutabler Einwand, dem ich mich sogar anschließen würde, wenn Ahmed tatsächlich gefordert hätte, dass Westeros als eine multikulturelle Gesellschaft dargestellt werden müsste – was nicht der Fall ist. Zwar wünscht er sich, dass nichtweiße Personen eine etwas größere Repräsentation in der Fantasy erhalten würden – "If we can add dragons and magic swords we can add a few brown people" –, sehr viel größeren Nachdruck legt er jedoch auf den Umstand, dass ‘nichteuropäische’ Völker, wenn sie denn überhaupt in der ‘weißen’ Fantasy auftauchen, nach wie vor häufig stereotypisiert dargestellt werden.

(3) Die beliebte Karrikatur des PC-Zensors heraufbeschwören, der Quotenregelungen für die Literatur festlegen wolle, im Stile von: In jedem Roman müssen soundsoviel Prozent weiße und soundsoviel Prozent schwarze Personen, soundsoviel Prozent Männer und soundsoviel Prozent Frauen, soundsoviel Heterosexuelle und soundsoviel Prozent Homosexuelle auftauchen. Es versteht sich von selbst, dass man derart absurde Forderungen beim besten Willen nicht aus Saladin Ahmeds Artikel ableiten kann.

All das ist nicht neu und vergleichbare Diskussionen werden in der englischsprachigen Phantastik-Netzgemeinde immer mal wieder geführt. Was mich fragen lässt: Wie steht es in dieser Hinsicht um den deutschsprachigen Raum? Gibt es diese Debatten bei uns überhaupt?

Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich will niemandem irgendetwas unterstellen. Aber obwohl ich in einigen Fantasyforen hier und da schon mal über Ansätze zu einer solchen Diskussion gestolpert bin, ist es mein Eindruck, als würden derartige Fragen hierzulande nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Leidenschaft angegangen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, doch falls mein Eindruck mich nicht trügt, frage ich mich, warum das so ist. Ist unsere Phantastikgemeinde noch nicht so ‘reif’, was ich eigentlich nicht glauben will? Oder liegt es an ihrer hohen ethnischen Homogenität? Was sofort die Frage aufwirft, ob diese überhaupt wirklich so hoch ist, wie es den Anschein hat. Wo sind die deutschsprachigen Fantasyfans türkischer, arabischer, asiatischer, afrikanischer, osteuropäischer Abstammung? Existieren sie tatsächlich nicht oder artikulieren sie sich nur nicht so deutlich? Oder liegt der Fehler bei mir, und ich weiß bloß nicht, wo ich zu suchen habe? Aber unabhängig davon ist es ja nun einmal so, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist. Sollte uns dies nicht allmählich für dieses Thema sensibilisiert haben? Und wie sieht es in diesem Zusammenhang eigentlich mit der bei uns produzierten Fantasy aus. Ich habe hier schon einmal eingestanden, dass ich mich in ihr absolut nicht auskenne. Es würde mich deshalb wirklich interessieren, ob sie in ihrer Mehrheit so ‘weiß’ ist, wie ich instinktiv befürchte, oder ob sie unsere gesellschaftliche Realität doch auf eine etwas angemessenere Weise widerspiegelt. Den möglichen Einwand, Fantasy müsse doch nichts mit der Welt zu tun haben, in der wir leben, lasse ich übrigens nicht gelten. Da stimme ich völlig mit Daniel Abraham überein, der in seinem Kommentar zu Saladin Ahmeds Artikel schreibt: "Fantasy is more about the time it's written in than the time it pretends to portray. I think that's what makes it powerful."

Irgendwelche Antworten? Ich bin neugierig.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Noch einmal Saladin Ahmed


Auf der Website des Autors kann man inzwischen einen Auszug aus dem ersten Kapitel von Throne of the Crescent Moon probelesen. Außerdem hat er in John Scalzis The Big Idea einige der Gedanken dargelegt, die ihn beim Schreiben des Romanes bewegten.
Wer noch mehr von ihm lesen will, dem empfehle ich Mister Hadj's Sunset Ride (veröffentlicht auf Beneath Ceaseless Skies) und Hooves and the Hovel of Abdel Jameela, ursprünglich erschienen in der zweiten Clockwork Phoenix - Anthologie.

Dienstag, 24. Januar 2012

Sword & Sorcery unter dem Halbmond

Wie C.S.E. Cooney vorgestern in ihrer unnachahmlich mitreißenden Art auf Black Gate verkündet hat, ist endlich Saladin Ahmeds erster Roman Throne of the Crescent Moon erschienen! Eine Nachricht, auf die ich seit über einem Jahr sehnsüchtigst gewartet habe, auch wenn es sicher noch einige Zeit dauern wird, bis ich selber das Buch in Händen halten kann.
   
Der Name Saladin Ahmed begegnete mir zum ersten Mal im November 2010, als Black Gate ein Gespräch zwischen dem arabisch-amerikanischen Schriftsteller und Mythpunk-Poetin Amal El-Mohtar veröffentlichte, in dem sich die beiden über die Darstellung von islamischen und arabischen Kulturen in der Fantasy unterhalten. Dabei müssen sie leider konstatieren, dass es im Genre nach wie vor von stereotypen, wenn nicht offen rassistischen Zerrbildern nur so wimmelt. Wie Saladin Ahmed sehr richtig bemerkt: "If you’ve got a fantasy map at the beginning of the book, you can be pretty sure that, to the east of the Europeish landmass, there will be a big ol’ desert, and it will be inhabited by fierce, proud nomads who wear flowing robes and chop people’s heads off. This handful of central casting shtick is a stark contrast to history’s reality of remarkably varied Islamic cultures."
Wie so oft haben wir es dabei natürlich auch mit Altlasten der Gründerväter zu tun. Man denke nur an Robert E. Howards Shemites und C.S. Lewis' unsägliches Calormen. In Tolkiens Werken findet sich zwar nichts ähnlich offensichtliches, aber bei der Schilderung von Saurons Truppenaufmarsch und der Schlacht auf den Pelennor-Feldern schimmert doch recht deutlich das Vorbild des in der mittel-alterlichen Literatur beliebten Motivs vom großen Kampf zwischen Okzident und Orient durch.
Auch wenn man so etwas dem alten Mediävisten vielleicht noch durchgehen lassen kann, bei heutigen Fantasyautoren ist es kaum verzeihlich, wenn sie in ihren Sekundärwelten "‘Islam’ and ‘Arab’ to a stock set of signifiers" reduzieren, als da wären: "fanaticism, honor, violence, sexism, absolutism, scimitars, veils, turbans, and, above all, the harsh, unforgiving desert that produces a harsh, unforgiving people."*

Erst recht nicht in unserer Zeit.
Schon während seiner Jugend im Detroiter Arbeiterviertel Dearborn bekam Saladin Ahmed den antiarabischen Rassismus sehr deutlich zu spüren, wie er auf seiner Website erzählt: "By the early 1980s, Dearborn was also rapidly, if reluctantly, becoming home to the country’s largest concentration of Arab Americans. The racism this aroused in some of the town’s white residents stays with me to this day: The man who was mayor for most of my youth got elected using brochures bemoaning 'the Arab problem.' There were board of education meetings full of screaming white parents trying to prevent Arab kids from being bussed into 'their' schools. The Arab American community center that my father helped found was burned to the ground twice by arsonists. Twice."
In den letzten zehn Jahren dürfte das in mancherlei Hinsicht nur noch schlimmer geworden sein. Stimmungsmache gegen Muslime gehört in den meisten westlichen Staaten inzwischen zum politischen Alltag, derweil dieselben Staaten neokoloniale Kriege in islamischen Ländern wie dem Irak, Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, Libyen – morgen vielleicht schon Syrien oder dem Iran  – führen.
Natürlich sind stereotype Darstellungen aller möglichen Kulturen in der Fantasyliteratur nicht eben eine Seltenheit. In diesem Kontext halte ich es jedoch für doppelt wichtig, die klischeehaften Zerrbilder, die das Genre über den Islam verbreitet, ins Visier zu nehmen. Man betrachte sich etwa Peter V. Bretts leider sehr erfolgreichen Bücher Das Lied der Dunkelheit (The Painted Man) & Das Flüstern der Nacht (The Desert Spear). Diese lassen sich ohne große Probleme als Übertragung der Post-9/11-Paranoia eines Islamophoben in die Gefilde von Faërie interpretieren.

Glücklicherweise gibt es aber auch Gegenbeispiele. So gab das Apex Magazine im November 2010 (damals noch mit Catherynne M. Valente als Redakteurin) eine ganz 'arabisch-islamischen' Themen gewidmete Ausgabe heraus – quasi als Antwort auf Elizabeth Moons berüchtigten islamo-phoben 'Citizenship'-Blog. Das Team von Cabinet des Fées reagierte gleichfalls sehr entschieden. Auch Howard Andrew Jones' The Desert of Souls soll in dieser Hinsicht erstaunlich gut sein.** Oder wie wäre es mit Nisi Shawls wunderhübscher Kurzgeschichte The Pragmatical Princess?

Aber selbstverständlich sind es nicht in erster Linie 'politische' Gründe gewesen, die mich so ungeduldig auf Throne of the Crescent Moon haben warten lassen. Vielmehr hatte mir die Lektüre seiner Kurzgeschichten Where Virtue Lives und Judgement of Swords and Souls gezeigt, dass wir von Saladin Ahmed wirklich gute – und damit meine ich ebenso spannende wie intelligente Sword & Sorcery in einer phantastisch-islamischen Welt erwarten durften. Ich freue mich einfach darauf, ein ganzes Buch lang an der Seite des alten, weltweisen Ghul-Jägers Adoulla Makhslood, seines arg tugendhaften Schülers Raseed bas Raseed und des Kriegermädchens Zamia*** durch die brodelnden Straßen von  Dhamsawaat zu streifen. Wilde Kämpfe mit abscheulichen Monstern, politische Intrigen um den Kalifen und den 'Falcon Prince' sowie die Gefühle eines alternden Helden (Adoulla ist über 60!) – das ist es, was ich von Throne of the Crescent Moon erwarte. Und wenn ich C.S.E. Cooneys Urteil trauen darf, wird mich Saladin Ahmed nicht enttäuschen. Ich kann sie so gut verstehen, wenn sie schreibt: "If Throne had been a bad book, I’d have been cast down to the depths of despair and egregious woe and aggressive lethargy from my disappointment." Doch stattdessen – "the Happy Dance." Ich möchte mittanzen!


* Ich musste da sofort an die Novadis aus Das Schwarze Auge denken, allerdings enden meine Kenntnisse über Aventurien in den frühen 1990er Jahren.
** Auf SF Signal kann man von ihm auch einen interessanten Artikel über die 'Wurzeln arabischer Fantasy' lesen.
*** Gut, Zamia kommt nicht in Where Virtue Lives vor, aber wenn ich mir Layla bas Layla aus Judgment anschaue, weiß ich, dass sie mich nicht enttäuschen wird.