"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 16. September 2015

Wenn's nicht Star Trek wäre ...

Nächstes Jahr werden wir den 50. Geburtstag von Star Trek feiern können, doch nach wie vor spricht abgesehen von einigen äußerst vagen Gerüchten nichts dafür, dass wir zehn Jahre nach dem Ende von Enterprise endlich eine neue Trek - Serie bekommen könnten. Sicher, die von J.J. Abrams losgetretene Kino-Reinkarnation von Kirk, Spock & Co wird weiter fortgesetzt werden, doch für mich ist das kein Trost zum einen, weil diese Spektakel in meinen Augen nur wenig mit dem zu tun haben, was ich mir unter Star Trek vorstelle, zum anderen, weil die wirkliche Heimat von Trek immer das Fernsehen gewesen ist. Schon The Next Generation funktionierte nicht wirklich im Kino.

Aber neben dem offiziellen Star Trek gibt es ja auch noch das wild wuchernde Universum der Fan-Filme und -Serien, in das ich bislang allerdings nur einige wenige kurze Abstecher unternommen habe, die mich nicht begeistert zurückgelassen haben. Als ich vor einigen Tagen im Netz mitkriegte, dass der schon seit langem angekündigte fan-finanzierte und von Tim "Tuvok" Russ gedrehte Streifen Star Trek: Renegades, in dem neben Russ selbst u.a. Walter Koenig und Robert Picardo mitspielen, tatsächlich fertiggestellt und auf Youtube zu sehen ist, war meine Neugier dennoch geweckt. Wie ich vor Zeiten hier schon einmal dargelegt habe, schien mir die Idee, das Trekuniversum in die Gefilde von "grim & gritty" steuern zu wollen, zwar von Anfang an extrem fehlgeleitet, doch gerade deshalb reizte es mich, mir den Film anzuschauen. Würde er meine Befürchtungen bestätigen oder sollte mich eine angenehme Überraschung erwarten?


Es ist gar nicht so einfach, eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu geben. Star Trek: Renegades ist ein äußerst uneinheitlicher und widersprüchlicher Film. Das fängt bereits bei der Qualität an.

Einige Szenen sind hübsch anzusehen und recht kompetent gefilmt, andere stürzen beinah bis auf das Niveau des Vorgängers Of Gods and Men ab. Manche der Schauspielerinnen und Schauspieler sind sichtlich bemüht, das Beste aus dem mageren Material herauszuholen, das ihnen zur Verfügung stand, andere liefern eine geradezu erbarmungswürdige Leistung ab. Ich denke da vor allem an Crystal Conway, die Chekovs Ur-Enkelin (?) spielt. Die Chekov-Szenen gehören ohnehin zu den schwächsten des Filmes, doch jedesmal, wenn sie auftauchte, konnte ich ein irritiertes Stöhnen nicht unterdrücken. Das Drehbuch von Ethan H. Calk und Sky Douglas Conway, die bereits für Of Gods and Men verantwortlich  zeichneten, ist mehr oder weniger desaströs. Besonders unangenehm fallen einige äußerst ungelenk eingeflochtene Infodump-Monologe sowie mehrere nachgerade peinliche Fanservice-Szenen auf. Das gilt insbesondere für den gänzlich unmotivierten Auftritt von Robert Picardo als holographischer Version von Dr. Zimmerman. Ach ja, und der Plot selbst ist absoluter Nonsense.

Doch halt! Hier beginnen die Widersprüche. Die Story von Renegades ist ohne Zweifel hanebüchen, aber auf verwirrende Weise könnte man das sowohl zu den Schwächen als auch zu den Stärken des Filmes zählen. Versuchen wir sie kurz zusammenzufassen:

Zehn Jahre nach der Rückkehr der U.S.S. Voyager in den Alpha-Quadranten erwächst der Föderation urplötzlich eine neue tödliche Bedrohung. Ein brutales Kriegervolk mit hübschen Monstermasken hat sich daran gemacht, ganze Planeten aus dem Raum-Zeit-Kontinuum zu kicken. Vorzugsweise die Planeten, auf denen die Föderation Delithium-Kristalle abbaut. Eigenartigerweise halten weder die politische Führung noch die Chefetage von Starfleet diese rüde Verhalten für einen kriegerischen Akt. Kein Wunder eigentlich, dass Pavel Chekov (Walter Koenig), mit hundertvierzig Jahren inzwischen Admiral und Chef der Föderations-Sicherheit, eine Verschwörung wittert. Mit Hilfe seines Kollegen Tuvok (Tim Russ) heuert er deshalb im "Dirty Dozen" -  Stil einen Trupp von Misfits und Outlaws unter der Führung von Khan Noonien Singhs Tochter Lexxa (Adrienne Wilkinson) an, die den Chef der Monstermasken heimlich, still und leise eleminieren soll. Kein so einfaches Unterfangen, zumal Lexxa und ihre Crew gleichzeitig von dem übereifrigen, aber nicht sonderlich kompetenten Starfleet-Captain Alvarez (Corin Nemec) gejagt werden.

Man wird am meisten Spaß mit Renegades haben, wenn man den Film als ein trashiges Pulp-Abenteuer betrachtet, und für ein solches ist der wirre Plot durchaus angemessen. Auch unsere Heldinnen und Helden passen am Besten in einen solchen Kontext. Ich habe eine große Schwäche für Weltraumpiraten und andere Underdogs in Outer Space. Und auch wenn Lexxa und ihre Crew – bestehend aus Gary Graham (Robotjox & Alien Nation), Dr. Lucien aka Sean Young (Blade Runner & Dune), Voyager-Ex-Borg Icheb (Manu Intiraymi), einer Betazoidin mit besonders aggressiven PSI-Kräften (Chasty Ballesteros), einem mies gelaunten Bajoraner (Kevin Fry), einem Breen, einem Cardassianer und Techno-Genie Fixer (Edward Furlong [Terminator 2]) – in dieser Hinsicht ganz sicher nicht zur ersten Garde gehören, entwickeln sie im Laufe der Handlung doch einen gewissen Charme. Als Charaktere freilich bleiben sie ausnahmslos völlig unterentwickelt. Die wenigen Bröckchen "Hintergrund", die man für einige wenige von ihnen zwischendurch aufgetischt bekommt, eröffnen keinen echten Einblick in ihre Persönlichkeiten oder ihre Motivationen. Das gilt auch für die eher verwirrenden Flashback-Szenen mit Lexxa und ihrer Mutter. Doch als archetypisches "Kollektiv der Underdogs" funktioniert der Trupp am Ende ganz gut, und das reicht, um ihm meine Sympathien zu sichern.

Freilich stellen sich einer solchen Herangehensweise an den Film neben den zahlreichen formalen Schwächen zwei Hindernisse in denWeg.

Zuerst einmal ist es ziemlich offensichtlich, dass die Macher von Renegades nicht die Absicht hatten, amüsant-absurden SciFi-Schlock zu drehen. Sie verfolgten das Ziel, eine "zeitgemäße", und das bedeutete in ihren Augen grimmig-düster-pseudorealistische, Variante von Star Trek zu kreieren. Dass dabei ein halbwegs unterhaltsames Pulp-Abenteuer herausgekommen ist, verdanken wir ausschließlich der mangelnden Kompetenz der Drehbuchschreiber. 
Ihr Script besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, die sich nicht zu einem organischen Ganzen zusammenfügen. Wie alles übrige ist darum auch das "grimmig-düstere" Element nichts, was der Handlung selbst eigen wäre, durch sie erzählerisch entwickelt würde. Vielmehr lässt es sich auf eine Handvoll von Szenen reduzieren, die ganz offensichtlich geschrieben wurden, um der Story einen entsprechenden Touch zu verleihen. So etwa, wenn Chekovs Enkelin die Hand abgeschnitten werden muss, weil die bösen Verschwörer ihr heimlich einen Miniatursprengsatz in selbige injiziert haben, um damit den guten Pawel ins Jenseits zu befördern.  
Die Ungeschicklichkeit, mit der Calk & Conway zu Werke gegangen sind, macht es nicht nur sehr leicht, diese Szenen zu identifizieren, es raubt ihnen auch die Fähigkeit, die Story als Ganzes entsprechend einzufärben. Was ein großes Glück ist. Nicht nur wird uns damit die Möglichkeit eröffnet, den Film als trashigen Spaceadventure - Spaß statt als Grimdark - Star Trek zu goutieren, als Bonus erhalten wir außerdem die Gelegenheit, uns über die Tumbheit des Drehbuchs zu amüsieren. Es ist fazinierend, wenn man miterleben kann, wie ein Film dank der Inkompetenz seiner Macher zu etwas besserem (oder zumindest unterhaltsamerem) geworden ist, als das, was selbige geplant, aber nicht umzusetzen verstanden hatten.
Eine der Ideen, die das Renegades-Team hatte, war, dass es unter den Protagonisten heftige Konflikte geben sollte. Wie sie selbst es ausgedrückt haben, sollten ihre Helden & Heldinnen ständig gegen den Wunsch ankämpfen müssen, sich gegenseitig abzumurksen. Seine Umsetzung hat diese Idee in der Beziehung zwischen dem bajoranischen und dem cardassianischen Crewmitglied gefudnen. Dass ich sie nicht beim Namen nenne, ist kein Zufall. Keiner der beiden ist ein auch nur ansatzweise entwickelter Charakter, vielmehr bleiben sie gänzlich reduziert auf ihre ethnische Zugehörigkeit. Der Konflikt zwischen ihnen hat deshalb auch nichts mit ihnen persönlich zu tun. Mr. Bajor hasst Mr. Cardassia, weil dessen Volk sein Volk unterdrückt hat. Das Motiv wird nicht weiter ausgeführt {wie könnte es das auch, bleiben die beiden Charaktere doch bloße Schablonen}, und dreißig Minuten später sind beide tot! 
Offenbar wollten Calk & Conway da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es sollte einen potentiell mörderischen Konflikt in der Gruppe geben, aber die Drehbuchschreiber wussten nicht, wie sie einen solchen glaubwürdig entwickeln sollten. Also fielen sie auf das Klischee der rassischen Resentiments zurück. Zugleich schien es ihnen wichtig, einige der Crewmitglieder sterben zu lassen, denn das Ganze sollte ja "grim & gritty" sein. Und da sie mit dem Konflikt zwischen Mr. Bajor & Mr. Cardassia über seine bloße Existenz hinaus nicht wirklich etwas anzufangen wussten, wählten sie diese beiden als Opfer aus. 
Für uns Zuschauer & Zuschauerinnen hat das den Vorteil, dass das Motiv des mörderischen Konfliktes zeitig aus dem Weg geräumt wird und wir das zu sehen bekommen, was wir von einer Story dieses Typs erwarten: Wie sich unsere Misfits angesichts einer gewaltigen Übermacht schließlich zusammenraffen und gemeinsam obsiegen. Denn mal ehrlich: Streitereien unter den Underdog-Helden sind schön und gut – siehe Blake's 7 oder Farscape –, aber regelrechte Mordgelüste? Nein Danke! Am Ende sollte es in Geschichten dieser Art doch um Kameradschaft und Solidarität, um das Überwinden von Feindseligkeiten und Voruteilen gehen. 
Den meisten "grim & gritty" - Szenen {und nicht nur denen} fehlt der größere Kontext, um wirklich funktionieren zu können. Ist Mr. Bajor in einem Flüchtlingslager aufgewachsen? Hat er miterleben müssen, wie Freunde oder Familienangehörige von den cardassianischen Besatzern misshandelt oder ermordet wurden? Ein noch so kleines Bröckchen Hintergrundinformation hätte geholfen, seinen Hass auf alle Cardassianer authetischer wirken zu lassen.  
Bei einer anderen "grim & gritty" - Szene führt dieser fehlende Kontext dann allerdings zu einem potentiell äußerst unangenehmen, auf jedenfall aber irritierenden Eindruck. Wenn die Figur der Shree (Courtney Peldon) einer andorianischen Hackerin, die für Chekov arbeitet  eingeführt wird, bekommen wir etwas zu sehen, was entweder eine lesbische Gedankenvergewaltigung oder Teil eines in gegenseitigem Einverständnis stattfindenden sadomasochistischen Sexspiels sein könnte. Uns fehlt ganz einfach die nötige Information, um entscheiden zu können, um was es sich handelt. Ganz offensichtlich wurde auch diese Szene nur geschrieben, um der Story und der Figur einen "dunklen" Touch zu verleihen. Doch die Vorstellung, eine unserer Heldinnen (am Ende wird Shree in die Renegades - Crew aufgenommen) könnte eine Serienvergewaltigerin sein, ist weniger "dunkel" als vielmehr ungeheuer geschmacklos.

Das zweite und größte Problem, das ich mit Renegades habe, ist, dass der Flick ganz einfach kein Star Trek - Film ist. Er sieht nicht aus wie Trek. Er fühlt sich nicht an wie Trek. Er ist kein Trek.
Selbst wenn es einem gelingt, das Ganze als amüsanten SciFi-Trash zu genießen, hilft das in dieser Hinsicht nur wenig. Die Bösewichter mögen nicht wirklich pulpiger erscheinen als die Son'a aus Insurrection oder die Remaner aus Nemesis, aber es ist kein gutes Zeichen, wenn man zur Legitimation den traurigen Endspurt der allgemein eher traurigen TNG-Filme heranziehen muss. Und ja, natürlich besaß die Original Series einen ordentlichen Anteil Schlock {ich denke da z.B. an Spock's Brain}, aber das war nie, was Star Trek eigentlich ausmachte, selbst zu Zeiten von Kirk, Spock und McCoy nicht. Für mich zumindest ist Trek vor allem eine bestimmte Geisteshaltung und Weltsicht. Wie ich vor anderthalb Jahren hier schon einmal geschrieben habe: "Star Trek hätte in meinen Augen nur dann eine Zukunft, wenn das Franchise einerseits zum humanistischen Optimismus seiner Ursprünge zurückkehren und andererseits die Lehren aus TNG und DS9 ziehen und seine utopische Vision einer besseren Zukunft realistischer, komplexer, kritischer und lebendiger gestalten würde, als dies in der Ära Gene Roddenberrys möglich gewesen war." Genau das jedoch tut Renegades nicht.
Auch wenn der "düster-grimmige" Ton sich als weniger penetrant herausgestellt hat, als ich befürchtet hatte, reicht er doch aus, um den Film als legitimen Beitrag zum Trek-Universum zu disqualifizieren. Das gilt insbesondere für die Darstellung der Föderation.
Die Föderation von Renegades ist nicht die Föderation von Star Trek. Das zeigt sich bereits an so kleinen Details wie dem Umstand, dass Shree, als Chekov sie beauftragt, sich in das Sicherheitssystem von Starfleet einzuhacken, eine "doppelte Bezahlung" verlangt. Spätestens in TNG wurde die Föderation als eine quasi-sozialistische Post Scarcity - Gesellschaft etabliert. Welche Art von Bezahlung könnte Shree, die offenbar auf der Erde lebt, verlangen? Oder man schaue sich Dr. Luciens Hintergrundsgeschichte an. Offenbar erwies sich ein Experiment der Wissenschaftlerin als ein katastrophaler Fehlschlag, wobei ihr Assistent ums Leben kam. Daraufhin wurde sie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgestoßen und zum Pariah erklärt.  Die Trek-Föderation ist keine Gesellschaft, die jemanden für einen Fehler, so schlimm die Konsequenzen auch gewesen sein mögen, auf diese Weise bestrafen würde. Es passt einfach nicht zu ihrem Ethos. Renegades ist sichtlich bemüht, die Föderation in einem möglichst negativen Licht erscheinen zu lassen. Ein korrupter bürokratischer Apparat voller Karrieristen, Opportunisten und Intriganten.
Und unsere Starfleet-Helden Chekov und Tuvok? Bei denen sieht es aus ganz anderen Gründen auch nicht viel besser aus. Von allen Trek - Serien entfernte sich Deep Space 9 am weitesten von Roddenberrys ursprünglicher Vision. {Mit zwiespältigen Resultaten, wie ich meine.} Doch als DS9 "Section 31" einführte, wurden der Geheimdienst und seine skrupellosen Mitglieder immer noch als etwas dargestellt, was im Grunde gegen die Prinzipien der Föderation verstößt. Renegades macht die Methoden von "Section 31" nicht nur akzeptabel, der Film stellt sie in einem positiven Licht dar, verglichen mit dem feigen Verhalten der Politiker und Diplomaten, die sich hinter der "Prime Directive" verstecken. Dass Renegades die Ermordung des Führers eines anderen Volkes, initiiert von irgendwelchen Geheimdienstleuten, die hinter dem Rücken des Parlamentes ("Federation Council") agieren, als etwas positives darstellt, wirkt angesichts der Tatsache, dass immer mehr westliche Regierungen (USA, Frankreich, Großbritannien) "gezielte Tötungen" zur offiziellen Politik erklärt haben, besonders unangenehm. Doch selbst wenn man diesen realen politischen Hintergrund einmal außen vorlässt: Das ist nicht meine Föderation! Das ist nicht mein Star Trek!

Was bleibt am Ende zu sagen? Die Chancen, dass CBS aus Renegades eine reguläre Star Trek - Serie macht, dürften ähnlich hoch sein, wie dass der Sender Michael Dorns inzwischen nicht mehr gar so neue Idee einer Captain Worf - Serie aufgreift. Was mich beruhigt. Stattdessen werden wir wohl noch mindestens zwei Web-Episoden von Renegades präsentiert bekommen. Was mich nicht weiter stört. Ich werde sie mir vermutlich sogar anschauen, wenn sie irgendwann tatsächlich auftauchen sollten. Schließlich mag ich absurden SciFi-Schlock. Es wäre halt bloß besser gewesen, wenn Tim Russ & Co nicht versucht hätten, ihre neckischen Abenteuergeschichten im Star Trek - Universum anzusiedeln.

Mittwoch, 3. Juni 2015

"Galaxy Quest" oder Der Sinn und Unsinn von Sequels

Ohne Frage, Dean Parisots Galaxy Quest  aus dem Jahre 1999 ist ein wunderbarer Film, eine grandiose Parodie auf Star Trek und zugleich eine warmherzige Liebeserklärung an das Franchise und die Fangemeinde der Trekkies. Ich hätte wirklich große Lust, ihn mir wieder einmal anzuschauen. 

Weniger sicher bin ich mir, was ich von der Ende April in Umlauf gebrachten Nachricht halten soll, Paramount Pictures spiele mit dem Gedanken, Galaxy Quest im Rahmen des vor zwei Jahren gestarteten Versuchs, ihre TV-Sektion wiederzubeleben, als Fernsehserie zurückkehren zu lassen. An dem Projekt sollen sowohl Parisot als auch Robert Gordon, der Co-Autor des Films, beteiligt sein.

Ein solches Unternehmen würde ohne Zweifel sehr gut zu Paramounts bisheriger Strategie passen, die Rückkehr ins TV-Geschäft über das Anknüpfen an vergangene Kinoerfolge zu erreichen. Zwar war der erste Versuch dieser Art, eine zusammen mit Sony Pictures geplante Beverly Hills Cop - Serie, nicht von Erfolg gekrönt, doch arbeitet man zur Zeit u.a. an einer School of Rock - und {zusammen mit Fox} an einer Minority Report - Serie. Wie beinah alles, was man im Moment von den großen Studios zu hören bekommt, klingen diese Projekte wie zynische Marketing-Tricks. Schon das allein dämpft bei mir all zu große Erwartungen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Ideenlosigkeit, die sich in ihnen widerspiegelt, einmal mehr ein grelles Licht auf den traurigen Zustand wirft, in dem sich Hollywood nachwievor befindet. Doch darüber hinaus gibt es für mich einen weiteren Grund, warum ich die Idee einer Wiederaufwärmung von Galaxy Quest wenig ansprechend finde.

Wie Remakes sind auch Sequels nichts von Natur aus schlechtes. Allerdings denke ich, dass nicht jeder Film für eine Fortsetzung gleich gut geeignet ist. 

Es gibt Filme, die eine Geschichte erzählen, welche am Ende nicht wirklich zu einem Abschluss gekommen ist. Sie sind im Grunde darauf angelegt, fortgesetzt zu werden, und ein Sequel zu ihnen erscheint deshalb als das natürlichste von der Welt. Ohne ein solches würden sie unvollendet wirken. Als Star Wars aka A New Hope gedreht wurde, war es alles andere als sicher, dass es je zu einer Fortsetzung kommen würde. Doch ohne The Empire Strikes Back und Return of the Jedi besäße der Film ein wenig den Charakter eines Torso. Auch wenn die Vorstellung, George Lucas habe von Anfang ganz genau gewusst, wie die Geschichte nach der Zerstörung des Todessterns weitergehen sollte, ins Reich der Mythen gehört, handelt es sich doch um eine Trilogie im eigentlichen Sinne. 
Andere Filme wiederum erzählen eine Geschichte von sozusagen episodischem Charakter. Der Held erlebt ein Abenteuer, das zu einem zufriedenstellenden Abschluss gebracht wird, doch spricht nichts dagegen, dass er in Zukunft ein weiteres Abenteuer erleben könnte. Am besten funktioniert das natürlich, wenn es besagter Held von seinem Beruf oder seiner Veranlagung her wahrscheinlich macht, dass er erneut in irgendwelche spannenden Ereignisse verwickelt wird. Wir wissen, dass James Bond nicht nur auf eine Mission geschickt wird, dass Sherlock Holmes eine Vielzahl von Kriminalfällen zu lösen hat, und auch wenn die Sache mit der Bundeslade Indiana Jones' größtes Abenteuer gewesen sein mag, war sie ganz sicher nicht sein einziges. Auch hier erscheint die Produktion eines Sequels wenig problematisch.

Galaxy Quest allerdings gehört zu keiner dieser beiden Kategorien. Parisots Film ist nicht nur erzählerisch, sondern auch motivisch in sich abgeschlossen. In seinen 102 Minuten Spielzeit erreicht er, was er erreichen will – das Trek-Phänomen auf warmherzige Weise zu parodieren. Das Potential der ihm zugrundeliegenden Idee ist damit ausgeschöpft. Für eine Fortsetzung fehlt nicht nur die nötige Substanz, auf der sie aufbauen könnte, eine solche scheint mir auch Ausdruck einer fundamentalen Missachtung {oder eines fundamentalen Missverständnisses} für den Charakter des Originals zu sein. Galaxy Quest ist ja nicht die Geschichte eines verrückten Abenteuers der Protector - Crew {auf die man weitere verrückte Abenteuer folgen lassen könnte}, sondern die Geschichte einiger abgehalfterter Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich plötzlich in eine Episode ihrer eigenen, seit langem eingestellten Kult - SciFi - Serie versetzt sehen. Diese Story kann man kein zweites mal erzählen. Doch losgelöst von ihr besitzt Galaxy Quest keine Daseinsberechtigung. Sie war die dem Inhalt perfekt angepasste erzählerische Form, und wenn man die beiden auseinanderreißt, käme dabei notwednigerweise etwas heraus, was schon aus formalen Gründen wie ein billiger Aufguss oder das zynische Cash-in eines vergangenen Erfolgs schmecken würde.   

Hinzu kommt, dass der ursprüngliche Film zu einer Zeit in die Kinos gelangte, als Star Trek in der Pop-Kultur nachwievor äußerst präsent war. 1999 wurde die letzte Staffel von Deep Space 9 ausgestrahlt, Voyager würde sogar noch zwei weitere Jahre laufen und Enterprise befand sich {vermutlich?} noch nicht einmal in Planung. Die heutige Lage sieht deutlich anders aus. Seit zehn Jahren gibt es keine neuen Trek - Serien mehr, und auch wenn es sicher immer noch sehr viele Trekkies gibt, spielt dieses Segment der Geek-Gemeinde doch bei weitem nicht mehr dieselbe Rolle wie vor sechzehn Jahren. Wenn ich recht informiert bin, hat z.B. die Zahl der Star Trek - Conventions in den USA rapide abgenommen. Daran haben auch die kommerziell erfolgreichen J.J. Abrams - Flicks nichts geändert. {Mal ganz abgesehen davon, dass selbige in meinen Augen ohnehin nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was Star Trek einmal dargestellt hat.} Vor diesem Hintergrund scheint es erst recht absurd, ein Sequel zu einer Trek - Parodie drehen zu wollen – selbst wenn diese so genial gewesen ist wie Galaxy Quest.

Freitag, 27. Februar 2015

"Of all the souls I have encountered in my travels, his was the most human"

Ich habe erst relativ spät, im Alter von ungefähr achtzehn, meinen Weg zu Star Trek gefunden, und als ich einige Jahre später eine regelrechte Trekkie-Phase durchlebte, war es nicht die Original Series, sondern The Next Generation, welche meinem Herzen am nächsten stand. 
Dennoch war Spock immer die Figur des Trek-Universums, der ich mich am stärksten verbunden gefühlt habe, und noch heute hängt ein Bild des halbvulkanischen Wissenschaftsoffiziers der Enterprise über meinem Schreibtisch an der Wand. Spock verkörpert für mich wie kaum ein zweiter jene Werte, die Star Trek auszeichnen, und aus einer simplen SciFi-Serie der 60er Jahre etwas gemacht haben, was uns auch Jahrzehnte später noch anzusprechen und zu berühren vermag: Vernunft, Optimismus, Offenheit, Toleranz, Neugier, Empathie, Mut und Selbstlosigkeit.

Leonard Nimoy, der heute im Alter von 83 Jahren seiner Lungenerkrankung (COPD) erlag, war ohne Zweifel sehr viel mehr als Spock. Freunde & Freundinnen des phantastischen Films werden z.B. auch an Philip Kaufmans Remake von Invasion of the Body Snatchers denken müssen. Dennoch wird sein Name zweifellos auf immer mit der Figur des berühmtesten Vulkaniers aller Zeiten verbunden bleiben, dem er auf so bewunderungswürdige Weise Leben einzuhauchen verstand.

Ehren wir sein Andenken, indem wir uns immer wieder auf jene Werte zu besinnen versuchen, als deren bester Vertreter Spock in die Annalen des phantastischen Fernsehens eingegangen ist.

Live long and prosper!

 

Samstag, 17. Januar 2015

Ein weiterer Punkt für die Anklageschrift

Ich war nicht tot und war auch nicht lebendig;
   Denk nun bei dir, wenn dir Verstand gegeben,
   Wie ich geworden, weder dies noch jenes.
Der Herrscher über jenes Reich der Schmerzen
   Hob sich mit halber Brust dort aus dem Eise.
   Ich mag wohl eher einem Riesen gleichen,
Als Riesen selbst an seinem Arm gemessen.
   Stell dir nun vor, wie seine ganze Größe
   Sein mag, die solchem Teile wird entsprechen.
Wenn er so schön war wie er jetzo häßlich,
   Und gegen seinen Schöpfer aufgestanden,
   So muß von ihm wohl alle Trauer kommen.

Divina Commedia, Inferno XXXIV, 25-36


So schildert Dante den Moment, in dem er im tiefsten Abgrund des Neunten Höllenkreises Luzifer erblickt, der seit seinem Sturz aus dem Himmel im Zentrum der Erde in dem riesigen Eissee Kozytus eingefroren und gefangen ist. 

So absurd dies auch klingen mag, aber diese Szene kam mir kürzlich wieder ins Gedächtnis, während ich mir die Episoden von Mission Log und Trekabout anhörte, die sich mit dem legendär miesen fünften Star Trek - Film The Final Frontier beschäftigen. Warum ich das getan habe, weiß ich eigentlich selbst nicht so recht, aber auf jedenfall hat es dazu geführt, dass ich nunmehr in der Lage bin, der langen Liste von Anklagepunkten, die man gegen William Shatners abstrusen Eintrag in die Annalen des Trek - Universums vorbringen kann, einen weiteren hinzuzufügen.

In The Final Frontier wird die Enterprise bekanntlich von Spocks durchgeknalltem Guru-Halbbruder Sybok gekapert, der mit ihr ins Zentrum der Galaxis fliegen will, wo sich seiner Meinung nach der mythische Planet Sha Ka-Ree befinden muss, das vulkanische Äquivalent zum Garten Eden, wo er Gott persönlich zu begegnen hofft. 
Übergehen wir den etwas peinlichen Umstand, dass die Crew der Enterprise schon einmal in den Mittelpunkt der Milchstraße vorgestoßen war -- in S01E08 The Magicks of Megas-tu der Animated Series um genau zu sein. Jedenfalls ist das Wesen, dem sie schließlich auf Sha Ka-Ree begegnen, ganz sicher nicht Gott, sondern irgendeine äußerst mächtige, aber zutiefst bösartige Kreatur, die dort offensichtlich von irgendjemandem oder irgendetwas gefangen gesetzt wurde und die Enterprise als Fluchtmittel zu benutzen gedenkt.

In Shatners ursprünglichem Script sollte es sich bei diesem ominösen Wesen allen Ernstes um Satan handeln. Ich zitiere aus dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag:
When Kirk confronts "God", the image of the being transforms into that of Satan, and Kirk, Spock, and McCoy split up in their escape. Kirk eludes capture but goes back to save his friends from being carried away to Hell.
Über die Absurdität dieser Szene braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Doch wenn man sich klar macht, dass die "Gott"-Kreatur in Final Frontier ursprünglich Luzifer sein sollte, erhält der Umstand, dass sich der Ort ihrer Gefangenschaft im Zentrum der Galaxis befindet, mit einemmal eine neue, nämlich "danteske" Note. Was zuvor wie eine willkürliche Entscheidung Shatners erscheinen musste, ließe sich plötzlich als eine bewusste Anspielung auf die Göttliche Komödie begreifen. Erst recht, wenn man dann noch erfährt, dass Sha Ka-Ree zu Beginn im Zentrum des Universums liegen sollte. {Glücklicherweise klärte Isaac Asimov die Jungs bei Paramount rechtzeitig darüber auf, dass das Universum kein Zentrum besitzt.*} Im Verständis von Dantes Zeit war das Zentrum der Erde das Zentrum der Welt. Ganz offensichtlich sollte sich Sha Ka-Ree in einer vergleichbaren Position befinden.

Ich muss zugeben, dass ich The Final Frontier weit weniger hasse als die meisten TNG-Kinofilme. Doch der Grund hierfür liegt vermutlich in erster Linie an persönlichen Erinnerungen an eine lang zurückliegende Star Trek - Nacht. {Ja, damals war es noch möglich, sich sämtliche Trek - Filme in einer Nacht anzuschauen.} Dennoch bin ich mir natürlich bewusst, dass es sich bei dem Flick um eine fürchterliche filmische Monstrosität handelt. Und die Erkenntnis, dass hier nicht nur Star Trek, sondern auch die Divina Commedia missbraucht wurde, macht das Verbrechen noch um einen winzigen Grad unverzeihlicher.


* Gene Roddenberry, dem Shatners Original-Script ganz und gar nicht gefallen hatte, schickte selbiges an Isaac Asimov und Arthur C. Clarke, in der Hoffnung, mit ihrer Hilfe das Projekt stoppen oder doch wenigstens massiv korrigieren zu können. 

Samstag, 5. Juli 2014

Gott sei dank gibt es "The Golden Child"

Um das gleich zu Beginn klarzustellen: Ich bin kein großer Fan von Eddie Murphy. Es ist zugegebermaßen schon etliche Jährchen her, seit ich das letzte Mal einen Film mit ihm gesehen habe, aber seine Masche hat auf mich eigentlich immer eher nervtötend und irritierend als witzig gewirkt. Michael Ritchies erstmals Dezember 1986 in die Kino gelangte Esoterik-Abenteuer-Komödie The Golden Child, in der Murphy die Hauptrolle des "Auserwählten" Chandler Jarrell spielt, der ein tibetisches Wunderkind aus den Klauen eines diabolischen Bösewichts befreien muss, bildet da keine Ausnahme. Dennoch bin ich verdammt froh, dass der Streifen existiert. Doch bevor ich meine Gründe dafür darlege, rasch noch ein kurioses Detail über Eddie Murphys frühe Filmkarriere: Viele der Flicks, mit denen der Stand-up - Comedian sich als Schauspieler in Hollywood zu etablieren vermochte, waren ursprünglich überhaupt nicht als Komödien konzipiert gewesen, und niemand hatte bei ihnen an einen Typen wie Murphy als Hauptdarsteller gedacht. Das gilt nicht nur für 48 Hrs. (1982), sondern überraschenderweise auch für Beverly Hills Cop (1984). Letzterer war ursprünglich als ein schnörkelloser Actioner mit Sly Stallone in der Hauptrolle gedacht gewesen! Und auch The Golden Child war keineswegs von Anfang an als ein Eddie Murphy - Vehikel geplant. Zu Beginn hatte man vielmehr Mel Gibson zum Star des Filmes machen wollen! Bizarr, oder? Wie dem auch sei, auf jedenfall haben wir den Filmgöttern auf ewig dankbar dafür zu sein, dass Gibson die Rolle nicht übernehmen konnte, und Paramount deshalb den phantastischen Abenteuerstreifen in eine "abenteuerliche" Eddie Murphy- Komödie umschreiben ließ. Und dafür gibt es zwei sehr gut Gründe:

1) Hätte es The Golden Child nicht gegeben, John Carpenter hätte vermutlich nie die Chance erhalten, Big Trouble in Little China zu drehen. 20th Century Fox engagierte den Filmemacher (der ursprünglich bei The Golden Child die Regie führen sollte!) mit dem erklärten Ziel, einen direkten Konkurrenten für Paramounts "phantastische Komödie" zu kreieren. Der Plan ging nicht wirklich auf, denn obwohl Big Trouble in Little China beinah ein halbes Jahr vor seinem Gegenspieler in die Kinos gelangte, erwies sich der Flick sehr schnell als ein kommerzieller Flop. Das ändert freilich nichts daran, dass es sich bei Carpenters Film um eine der verrücktesten und amüsantesten Phantastik-Komödien aller Zeiten handelt. Um wieviel ärmer wäre die Filmwelt, wenn es Kurt Russels planlosen Trucker-Helden Jack Burton nicht geben würde!



2) Ich weiß, das klingt wie ein schlechter Witz, aber ursprünglich sollte Eddie Murphy in Star Trek IV: The Voyage Home (1986) mitspielen, wie ich kürzlich durch den Mission Log Podcast erfahren musste! Statt mit der Meeresbiologin Gillian Taylor (Catherine Hicks) hätten Kirk & Co. sich mit einem von Murphy verkörperten College-Professor und Ufologen zusammengetan, um ihre Walrettungsmision zu erfüllen. Man lasse seiner Fantasie für einen Moment freien Lauf und versuche sich dieses Szenario einmal auszumalen ... Gruselig, nicht wahr?! Ich halte The Voyage Home für einen der gelungensten Trek-Filme, weshalb mir diese Vorstellung erst recht alptraumhaft erscheint. Catherine Hicks' Charakter und ihr Zusammenspiel mit Shatner tragen sehr viel zum Charme des Filmes bei. Hätte stattdessen Eddie Murphy in ihm mitgewirkt, so wäre er heutzutage vermutlich ähnlich wie The Last Frontier im nüchternen Zustand nicht mehr zu ertragen. Welch ein Glück also, dass Murphy lieber die Hauptrolle in The Golden Child übernehmen wollte.

Ich denke, es ist wieder mal an der Zeit, etwas Weihrauch auf dem Altar der Götter des Films darzubringen.           

Sonntag, 22. Juni 2014

From Darkness into Darkness




Space: the final frontier. 
These are the voyages of the starship Enterprise ...

Wer hätte ahnen können, in welch gruselige Regionen des filmischen Universums diese Reisen Captain Kirk und seine Crew einmal führen würden? Die neuesten Nachrichten aus Hollywood lassen in dieser Hinsicht jedenfalls nichts Gutes erahnen ...

Die wahre Heimat von Star Trek war stets das Fernsehen. Unter den ersten sechs Kinofilmen konnte man zwar manch Interessantes, Unterhaltsames und sogar Großartiges entdecken {ich bemühe mich verzweifelt, die Tatsache, dass The Final Frontier existiert, zu verdrängen}, aber nach The Undiscovered Country (1991) hat es eigentlich keinen wirklich guten Trek-Film mehr gegeben. {Und nein, davon nehme ich auch The First Contact nicht aus!} Dennoch fühle ich mich als Immer-noch-Fan des Franchises durch die Reboot-Filme stärker beleidigt als selbst durch solch unterirdische Machwerke wie Insurrection oder Nemesis. Zumindest seit ich das Pech hatte, mir Star Trek Into Darkness im Kino anzuschauen. – Warum diese extreme Reaktion? Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich nervt es mich einfach, zusehen zu müssen, wie die Welt von Star Trek in eine weitere generische Provinz des aktuellen SciFi-Action-Blockbuster-Universums verwandelt wird, und dabei unter den Händen talentloser Hacks jeden Rest von Individualität einbüßt. Alle Irrwege und Inkompetenzen der TNG-Filme wirken im Vergleich dazu beinahe harmlos ...
Doch wenn uns Hollywood in den letzten zwei Jahrzehnten eins bewiesen hat, dann, dass es nach unten hin keine Grenzen gibt. Eine Filmindustrie, in der sich Leute wie Michael Bay oder Roland Emmerich immer noch als große Macher aufführen dürfen, befindet sich längst jenseits von Gut und Böse. Und so hätte ich mich eigentlich nicht wundern dürfen, als bekannt wurde, dass bei Star Trek 3 – wie schon seit längerem gemunkelt – tatsächlich Roberto Orci auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird. Passt doch ins Schema! Dennoch fällt es mir sehr schwer, auf diese Nachricht mit vulkanierhafter Emotionslosigkeit zu reagieren. Zusammen mit seinem Kumpel Alex Kurtzman ist Orci der lebendige Beweis dafür, dass man als Drehbuchschreiber im heutigen Blockbuster-Hollywood auch nicht die leiseste Ahnung davon haben muss, wie man eine Geschichte filmisch erzählt, und dennoch zum Multimillionär werden kann. Warum der nicht gänzlich talentlose JJ Abrams seinen Einfluss geltend gemacht hat, um Orci nun zu allem Überfluss auch noch zu einem Debüt als Regisseur zu verhelfen, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch an einem besteht für mich kein Zweifel: Opfer dieses Freundschaftsdienstes wird das Star Trek - Franchise sein ... Ach ja, wie nicht anders zu erwarten, wird Orci – zusammen mit J.D. Payne –  selbstverständlich auch das Drehbuch für den für 2016 angekündigten Film hinschludern. Darin wollen sich die beiden offenbar mit "moral gray areas" beschäftigen. Ich denke, wir alle wissen, was das zu bedeuten hat ...

Nein, es ist keine gute Zeit für Trek-Fans. Ich persönlich tröste mich mit der Überzeugung, dass diese Streifen in Wirklichkeit gar keine Star Trek - Filme sind. Wir alle wissen doch, dass Hollywood von einer Bande geldgieriger Ferengi kontrolliert wird. Und wie lautet doch gleich die zweihundertneununddreißigste Erwerbsregel: "Never be afraid to mislabel a product".

Montag, 10. März 2014

To Boldly Go Where Everyone Has Gone Before?

Ich lausche in letzter Zeit mit großem Vergnügen regelmäßig dem Podcast Trekabout von Eric Brasure und Richard Goodness, in dem wir die abenteuerliche Reise eines Trekkies und eines Uneingeweihten durch sämtliche Star Trek - Serien und - Filme miterleben dürfen. Das hat mich u.a. dazu gebracht, mir nach langer Zeit wieder einmal ein paar Gedanken über das Franchise und seine mögliche Zukunft zu machen.

Meine einstmals sehr intensive Beziehung zu Star Trek ging irgendwann während der ersten Staffel von Enterprise in die Brüche. {Womit ich vermutlich nicht der einzige bin.} Und auch wenn ich mir später immer mal wieder einzelne Episoden von TOS und TNG angeschaut habe, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, war ich am weiteren Schicksal des Franchises im Grunde nicht mehr sonderlich interessiert. Wie ich hier schon ein paar mal habe anklingen lassen, war ich mehr oder weniger überzeugt davon, dass Star Trek am Ende seiner Entwicklung angekommen und jeder mögliche Wiederbelebungsversuch hoffnungslos war. Die Kinofilme von JJ Abrams {vor allem Into Darkness} bestärkten mich nur weiter in dieser Überzeugung.
Trekabout {und insbesondere Eric Brasures Gespräch mit Trekkie Feminist Jarrah Hodge} hat mich zwar nicht von meinem Skeptizismus geheilt, mir aber doch nahegebracht, dass die Idee einer weiteren Serie etwas durchaus reizvolles an sich haben könnte. Mit anderen Worten, ich bin nicht mehr sooo sicher, dass das Potential des Franchises völlig ausgeschöpft ist.
Aufgrund dieses vorsichtigen Sinneswandels erwachte in mir auch das Interesse an dem, was sich nach 2005 {dem Ende von Enterprise} im Franchise so getan hat. Und damit meine ich jetzt nicht die JJ Abrams - Filme, sondern in erster Linie die vielfältigen Fanproduktionen, die so durchs Netz geistern, vor allem Star Trek Renegades.
Hier versucht man einen via Kickstarter & Indiegogo finanzierten Pilotfilm für eine neue Serie auf die Beine zu stellen. An dem Projekt beteiligt sind eine Reihe alter Trek-Veteranen wie Walter Koenig ("Chekov"), Robert Picardo (Voyagers "Doctor") und Tim Russ ("Tuvok"). Letzterer wird auch die Regie übernehmen. Ein Gutteil des Teams hat bereits bei der Produktion des Fanfilms Of Gods and Men (2006-08) zusammengearbeitet. Was jedoch nicht unbedingt als ein gutes Zeichen gelten kann, ist der Streifen {den man sich hier anschauen kann} in vielerlei Hinsicht doch eine echte Katastrophe. Doch dazu ein andermal vielleicht mehr. Was mir wirklich Bauchschmerzen bereitet, ist, dass Star Trek mit Renegades offenbar tief in Grim & Gritty - Territorium vorstoßen soll, was die Produzenten des Films mit Slogans wie "To boldly go where no Trek has gone before" und "This is not your grandfather's Star Trek" als eine nachgerade revolutionäre Idee zu verkaufen versuchen.





Doch ganz gleich, wie emphatisch Tim Russ dies auch als den logischen nächsten Schritt in der Entwicklung des Franchises anpreisen mag, ich bezweifle, dass ich eine Trek-Serie sehen will, die von ihren Machern in spe so beschrieben wird: "Renegades will be a departure from previous Treks – delving into the dark side of the human psyche, pushing our heroes to their limits, forcing them to carry out actions that they never would have as Starfleet officers. The rules have changed, and they realize they might be the last hope to save the Federation."
Ist dies wirklich die Richtung, in der sich Star Trek weiterentwickeln sollte? Und besteht überhaupt eine realistische Chance für die Wiederbelebung des Franchises, wenn von dieser Position ausgegangen wird?

An dieser Stelle scheint es mir notwendig, kurz darzulegen, wie ich die bisherige Entwicklung des Franchises sehe.
The Original Series (1966-69) zeichnete sich durch einen vielleicht etwas naiv wirkenden, aber doch sehr sympathischen Optimismus aus, wie er für die 60er Jahre typisch gewesen sein mag. Die Serie macht sich kaum Gedanken darüber, wie die Gesellschaft der Föderation organisiert ist, aber sie vermittelt das Gefühl, dass wir Menschen das Potential besitzen, über uns hinauszuwachsen, und dass Fortschritt, Neugier und Toleranz die Werte sind, an denen wir uns orientieren sollten.
Mit The Next Generation (1987-94) verstärkte sich dieses utopische Moment noch einmal sehr deutlich. Auch wenn Roddenberry nie versucht hat, im Detail zu beschreiben, wie seine ideale Gesellschaft aufgebaut ist und funktioniert, gibt es doch genug Anzeichen dafür, dass wir in ihr eine quasisozialistische Post-Scarcity-Society sehen sollen. Von allen Trek-Serien steht TNG meinem Herzen am nächsten, was nicht bedeutet, dass ich die Mängel nicht sehen würde.Und damit meine ich nicht bloß die zum Teil unterirdischen Episoden, mit denen uns vor allem die ersten beiden Staffeln beglücken. TNGs utopische Vision ist letztenendes zu simplistisch, zu wenig durchdacht, etwas steril und beinah ein Bisschen spießig. Roddenberrys ausdrückliche Anweisung, dass es keine ernsthaften Konflikte unter den Crew-Mitgliedern geben dürfe, war bloß ein besonders augenfälliges Anzeichen für diese konzeptuelle Schwäche, die auch eine einschränkende Wirkung auf die Möglichkeiten des Geschichtenerzählens ausüben musste.
Eine Kurskorrektur war nötig, und Deep Space Nine (1993-99) vollzog sie. Objektiv betrachtet die wohl beste der Serien, stellt DS9 in vielerlei Hinsicht eine Art Dekonstruktion des alten Konzepts von Star Trek dar. Das Positive daran war, dass dem Franchise damit etwas mehr echtes Leben eingehaucht wurde. Zugleich jedoch hinterließ der historische Kontext, in dem sich diese Entwicklung vollzog, sehr deutliche und wenig erfreuliche Spuren in der Serie. Star Trek war immer auch Ausdruck des gerade vorherrschenden Denkens in der "liberalen" amerikanischen Mittelklasse gewesen. Und in diesem Milieu vollzog sich zu Beginn der 90er Jahre ein massiver Rechtsruck. Nach dem Untergang der Sowjetunion liefen ehemalige "Linke" scharenweise ins Lager der herrschenden Elite über. Am deutlichsten zeigte sich dies vielleicht im Zusammenhang mit dem sog. "humanitären Interventionismus", wie er zum ersten Mal in Somalia und dann in Jugoslawien praktiziert wurde. Einstige Pazifisten und "Antiimperialisten" gerierten sich dabei nicht selten als die blutdürstigsten Kriegstreiber. DS9 ist sehr deutlich ein Produkt dieser Zeit. Brutal gesagt ist die Serie in vielem Ausdruck eines Kniefalls der "liberalen" Intelligenzija vor Militarismus, Markt und Religion.
Dem folgte mit Voyager (1995-2001) der wenig durchdachte Versuch, in gewisser Weise in die Welt von TNG zurückzukehren. Zwar halte ich die Serie nicht für soooo schlecht, wie oft behauptet wird, aber sie demonstriert doch sehr eindringlich, dass eine simple Rückkehr in altgewohnte Gefilde keine lebensfähige Option darstellte. Es hatte gute Gründe für die Entstehung von DS9 gegeben. Diese ganz einfach zu ignorieren, musste Konsequenzen nach sich ziehen. Und so zeichnet sich Voyager vor allem durch immer deutlichere Anzeichen innerer Erschöpfung aus. Alle Versuche, diesem Trend  mit Hilfe eines massiven Einsatzes von Borg-Kuben und einer sexy Drone in silbernem Catsuit entgegenzuwirken, waren von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Und dann kam Enterprise (2001-05) ... Oh Mann, was soll ich dazu sagen?! Ich habe nicht viel mehr als ein gutes Viertel der Serie gesehen, aber nichts, was ich über sie gehört oder gelesen habe, lässt mich denken, dass mein Eindruck verfehlt gewesen wäre: Enterprise stellt in jeder nur erdenklichen Hinsicht einen massiven Rückschritt dar, und der frühe Tod der Serie war wohlverdient.

War damit zugleich auch das endgültige Urteil über das Franchise gefällt? Hatten Voyager und Enterprise gemeinsam bewiesen, dass es sich nicht mehr weiterentwickeln konnte? – Vieles spricht in meinen Augen dafür, dass dies tatsächlich der Fall gewesen ist. Auch wenn mich das keineswegs glücklich stimmt, bin ich doch nach wie vor ein großer Fan von Star Trek. Halte ich den möglichen Versuch einer Wiederbelebung in jedem Fall für aussichtslos? – Nein! Aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass unter den momentan vorherrschenden kulturellen, intellektuellen und politischen Verhältnissen die dafür nötigen Voraussetzungen geschaffen werden könnten. Star Trek hätte in meinen Augen nur dann eine Zukunft, wenn das Franchise einerseits zum humanistischen Optimismus seiner Ursprünge zurückkehren und andererseits die Lehren aus TNG und DS9 ziehen und seine utopische Vision einer besseren Zukunft realistischer, komplexer, kritischer und lebendiger gestalten würde, als dies in der Ära Gene Roddenberrys möglich gewesen war.

Das Renegades - Projekt schlägt jedoch leider eine völlig andere Richtung ein.
Ehrlich gesagt, kann ich nicht recht verstehen, was in den Köpfen seiner Initiatoren vor sich gegangen ist. Welchen Sinn macht es, versuchen zu wollen, Star Trek nach dem Vorbild des düster-misanthropen Pseudorealismus à la Battlestar Galactica umzugestalten? Damit würde man alles über Bord werfen, was die Individualität des Franchises ausmacht. Heraus käme nichts originelles, wie Tim Russ und sein Team scheinbar glauben, sondern bloß die blasse Kopie eines nicht mehr sonderlich neuen Modells. Von Fragen der Vermarktung abgesehen, gibt es keinen vernünftigen Grund, warum man dieses Produkt unter dem Label "Star Trek" verkaufen sollte.
All das wäre nicht halb so frustrierend, wenn es sich bei den Machern von Renegades um irgendwelche Studiobosse und Auftragsschreiber handeln würde, die nichts innerlich mit dem Franchise verbindet und die bloß den Vorgaben ihrer Marktforscher folgen. Das für mich erschütternde an dem Projekt ist, dass ich es nicht als die Schöpfung seelenloser Profitjäger abtun kann. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Trekkies wünscht sich offensichtlich in der Tat, dass ihr Lieblings-Franchise genau diesen Weg einschlagen sollte. Immerhin zeichnet sich auch die Welt der scheinbar recht erfolgreichen Fan-Serie Hidden Frontier vor allem durch nicht enden wollende kriegerische Auseinandersetzungen und andere wenig optimistische Züge aus. Diese Entwicklung stimmt mich nicht nur traurig, sie dämpft auch massiv meine ohnehin nicht großen Hoffnungen auf eine Wiedergeburt von Star Trek, die mitzuerleben sich lohnen würde.    

Montag, 14. Oktober 2013

Cthulhu Goes (Third)Space

The Old Ones were, the Old Ones are, and the Old Ones shall be. Not in the spaces we know, but between them, They walk serene and primal, undimensioned and to us unseen.
So hat es Abdul Alhazred niedergeschrieben in jenem grauenvollsten aller Grimoires – dem fürchterlichen Necronomicon. An anderer Stelle heißt es dort: 
They sleep beneath the unturned stone; they rise from the tree with its root; they move beneath the sea and in subterranean places; they dwell in the inmost adyta; they emerge betimes from the shutten sepulchre of haughty bronze and the low grave that is sealed with clay.*
Von einem weiteren Ort, an dem die Großen Alten sich dereinst manifestieren würden, konnte der verrückte Araber freilich noch nichts ahnen: Kinoleinwand & Fernsehschirm.

Neben all den Flicks, die von sich behaupten, Adaptionen lovecraftscher Erzählungen zu sein {wobei man oft viel Fantasie aufwenden muss, um die Vorlage in dem, was sich einem da darbietet, wiederzuerkennen}, hat das cthulhuide Grauen seinen Weg außerdem in eine Reihe von Filmen gefunden, die nicht nur nichts mit dem Werk des Gentlemans von Providence zu tun haben, sondern auch gar nicht vorgeben, dass dem so sei.
Das offensichtlichste Beispiel, das mir einfällt, ist Guillermo del Toros Hellboy. "Ogdru Jahad" ist nicht wirklich das originellste Pseudonym für Yog-Sothoth und seine Bande. Etwas überraschender mag es da schon wirken, dass die Großen Alten ihre Tentakel auch in das Universum von J. Michael Straczynskis Babylon 5 ausgestreckt haben. Das heißt, vielleicht auch nicht. Klingt das, was G'Kar in Mind War (S01E06) über Sigma 957 zu sagen hat, nicht beinah ein bisschen "lovecraftianisch"?

 
Bekanntlich steckt Babylon 5 voller Anspielungen auf bekannte SciFi - und Fantasywerke. Vom Namen des Psi Corps - Agenten Alfred Bester bis zu einem Zitat aus Lord of the Rings in der Episode The Geometry of Shadows (S02E03). Ein direkter Wink in Richtung Lovecraft ist der Name des Serienkillers Charles Dexter in der Folge Passing Through Gethsemane (S03E04).
Charles P. Mitchell schreibt in The Complete H.P. Lovecraft Filmography in Bezug auf die übergreifende Mythologie der Serie: "The Lovecraftian basis of this cosmology, at least as conceived by Derleth, is rather clear to any Cthulhu Mythos aficionado." Dem würde ich mich nicht vorbehaltlos anschließen, scheint mir der kosmische Konflikt zwischen Vorlonen und Schatten doch mindestens ebenso sehr von Michael Moorcocks ewigem Kampf zwischen Ordnung und Chaos inspiriert zu sein. Doch wenn ich jetzt versuchen wollte, meine Ansichten darüber etwas genauer darzulegen, würde sich das unaufhaltsam zu einer allgemeinen Diskussion über Babylon 5 auswachsen. Und es gäbe so viel über diese außergewöhnliche Serie zu sagen. Ein Detail, auf das Mitchell hinweist, ist allerdings wirklich interessant: Die reale Erscheinungsform der Vorlonen (zu sehen in Falling Toward Apotheosis [S04 E04]) besitzt etwas auffällig Tintenfischartiges, was einen in der Tat an den Großen Cuthulhu und Seinesgleichen denken lässt. Doch der lovecraftianischste Beitrag zum Universum von Babylon 5 ist ohne Zweifel der Film Thirdspace {welchen man sich momentan auf Youtube anschauen kann}.

Allgemein gesprochen konnte keiner der Fernsehfilme oder Spin-Offs an die Qualität der ursprünglichen Serie heranreichen. Und je weiter sie sich von ihr entfernten, desto schlechter wurden sie im Durchschnitt auch. So ist In the Beginning (1998), der die Vorgeschichte um den Krieg zwischen Menschen und Minbari erzählt, ohne Zweifel der gelungenste von ihnen, während die späteren Einträge in das Franchise wie A Call to Arms (1999) und die Serie Crusade (1999) sowie der einsame Pilotfilm The Legend of the Rangers: To Live and Die in Starlight (2002) traurigerweise bloß zu belegen scheinen, das J. Michael Straczynski abseits der Originalstory nichts interessantes in dem von ihm geschaffenen Universum zu erzählen wusste.
In thematischer Hinsicht stehen Thirdspace und The River of Souls irgendwo zwischen diesen beiden Polen, da die von ihnen erzählten Geschichten weder zum "alten" Handlungsbogens gehören, noch als Teile eines neuen konzipiert waren. Im Grunde handelt es sich bei ihnen um zwei auf je anderthalb Stunden ausgedehnte Einzelepisoden. Beide wurden 1998 produziert und ausgestrahlt, derweil die fünfte Staffel gerade lief.
Während River of Souls, an den ich nur noch sehr verschwommene Erinnerungen habe, ein Jahr nach den Ereignissen der Serie angesiedelt ist, spielt Thirdspace in der Zeit zwischen dem Ende des Schattenkriegs und dem Beginn des Bürgerkriegs gegen das totalitäre Regime von Erdpräsident Clark. Doch auch wenn aufmerksame Fans den Film chronologisch zwischen den Episoden S04E08 und S04E09 verorten können, hat er inhaltlich so gut wie nichts mit den großen Themen der vierten Staffel zu tun.

Auf dem Rückflug von einem Einsatz gegen die marodierenden "Raiders" entdecken Commander Ivanova  und ihre Staffel im Hyperraum ein mysteriöses Artefakt von gigantischen Ausmaßen. Captain Sheridan lässt es durch das Sprungtor vor die Station ziehen. Trotz der Bedenken der Liga der Blockfreien Welten will er es auf eigene Faust untersuchen, was sich jedoch bald schon als sehr viel schwieriger herausstellt als angenommen. Als wenig später ein Raumschiff von Interplanetary Expedition, einem Großkonzern für kommerziell betriebene Xenoarchäologie, vor Babylon 5 aufkreuzt, ist Sheridan deshalb bereit, Dr. Elizabeth Trent (Shari Belafonte) und ihrem Team die Leitung der Untersuchung zu übergeben, vorausgesetzt, dass er und sein Stab bei allen wichtigen Entscheidungen das letzte Wort behalten.
Derweil beginnen sich merkwürdige Dinge auf der Station abzuspielen. Schon vor der Ankunft des Artefaktes wurde die Telepathin Lyta Alexander von beunruhigenden Visionen gequält, nun verfällt sie in eine Art Trancezustand und versucht die Arbeit der Archäologen zu sabotieren. Andere Personen verfallen scheinbar grundlos in Panik oder werden gewalttätig. Wieder andere fühlen sich auf unerklärliche Weise zu dem Artefakt hingezogen. Schließlich hat Susan Ivanova einen merkwürdigen Traum, in dem sie zusammen mit Vir Cotto am Rande einer "schwarzen Stadt" steht, in deren Zentrum sich ein gewaltiger, bizarr geformter Turm erhebt. Aus der Ferne hallt unirdisches Kreischen herüber, und kurz bevor sie erwacht, greifen irgendwelche Tentakel nach ihr. Als sich herausstellt, dass Vir denselben Traum hatte, ist endgültig klar, dass irgendetwas hier ganz und gar nicht stimmt.
Die Ereignisse nehmen bald schon eine katastrophale Wendung, als Dr. Trent das Artefakt reaktiviert und damit ein Portal in den "Dritten Raum" öffnet. Sofort machen sich die monströsen Bewohner dieser fremden Dimension daran, in unser Universum einzudringen, und sie kennen nur ein Ziel: Die Vernichtung allen Lebens. All jene, die unter ihrem telepathischen Einfluss stehen, beginnen augenblicklich jeden zu attackieren, der sich in ihrer Nähe befindet. In kürzester Zeit herrscht das Chaos auf Babylon 5. Und wieder einmal muss Captain Sheridan zu einer Beinah-Selbstmordmission aufbrechen, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren ... 

Man darf nicht mit zu großen Erwartungen an Thirdspace herangehen. Es ist halt ein Babylon 5 - Film, und zudem einer, in dem die drei charismatischsten Charaktere der Serie – Michael Garibaldi (Jerry Doyle), Londo Molari (Peter Jurasik) und G'Kar (Andreas Katsulas) – keinen Auftritt haben. Bruce Boxleitner als John Sheridan war stets eher ein Schwachpunkt der Serie, und Mira Furlans Delenn hat in diesem Film so gut wie nichts zu tun. Wenigstens dürfen wir noch einmal Claudia Christians Susan Ivanova erleben, und müssen uns nicht mit ihrer Nachfolgerin Elizabeth Lochley (Tracy Scoggins) herumärgern, die ungefähr soviel Persönlichkeit besaß wie ein Kleiderständer. Stephen Furst als Vir ist liebenswert wie immer. Shari Belafonte gibt eine ordentliche Leistung als toughe und ehrgeizige Geschäftsfrau im Archäologen-Business ab. Und Patricia Tallman hat mir als Lyta Alexander eigentlich immer recht gut gefallen.

Doch die Stärke des Films {eine sehr moderate Stärke, zugegeben ...} besteht ohnehin nicht in seinen Charakteren oder ihren Interaktionen,** sondern in den lovecraftianischen Motiven. Dass J. Michael Straczynski sich bei Abfassung des Drehbuchs sehr stark von The Call of Cthulhu inspirieren ließ, steht außer Frage {und ist meines Wissens nach auch nicht von ihm geleugnet worden}. Die Thirdspace-Aliens sind eindeutig die Großen Alten. Dafür sprechen nicht nur ihre schleimigen Tentakel. Sie sind gottgleiche Kreaturen aus einer anderen Dimension, die nichts als Tod und Vernichtung im Sinn haben: "They are a power beyond comprehension. A hunger beyond understanding. They are anti-life itself." Und ganz wie der erwachende Cthulhu senden auch sie einen telepathischen "Ruf" aus, der seine Empfänger zu irrationalem, selbstzerstörerischem und gewalttätigem Verhalten antreibt. Wenn der unter ihrem Bann geratene Deuce (William Sanderson) erklärt: "We belong to them", so erinnert dies an eine berühmte Passage aus Charles Forts Book of the Damned, das ganz sicher zu Lovecrafts Inspirationsquellen gehörte: "I think we're property. I should say we belong to something: That once upon a time, this earth was No-man's Land, that other worlds explored and colonized here, and fought among themselves for possession, but that now it's owned by something". Auch wird wohl jeder Cthulhu-Fan augenblicklich an R'lyeh denken müssen, wenn die Vorlonen durch Lytas Mund verkunden: "They watch us from within their dark cities." Zwar gleicht das Erscheinungsbild der schwarzen Stadt in Ivanovas und Virs Traum eher dem einer Barackensiedlung als R'lyehs "falscher Geometrie", dennoch besitzt auch diese von Wayne Barlowe geschaffene Szenerie in ihrer finsteren Pracht einen eindeutig cthulhuiden Unterton.

Freilich geschieht dieses Anzitieren lovecraftianischer Motive auf eher oberflächliche Weise. Nirgends evoziert Thirdspace jenes für die Erzählungen des alten Gentleman so typische, beunruhigende Gefühl, dass sich hinter der scheinbar so geordneten Oberfläche der Wirklichkeit unmenschliche und finstere Mächte verbergen, denen wir letztlich hilflos ausgeliefert sind. Auch wenn die Aliens viel mit den Großen Alten gemein haben, sind sie andererseits eben doch bloß die Bewohner einer fremden Dimension und erinnern in dieser Hinsicht eher an Species 8472 aus Star Trek: Voyager. Trotz der oben zitierten Charakterisierung durch Lyta fehlt ihnen letztlich die mythische Aura, die  Lovecrafts monströse "Götter" umgibt. 
Stattdessen verbindet Thirdspace die cthulhuide Ikonographie mit zwei ganz anderen Motiven.

Das erste entstammt der Mythologie von Babylon 5 selbst. Verantwortlich für das ursprüngliche Öffnen des Tores zwischen den Dimensionen war die Hybris der Vorlonen. In ihrem Bemühen, die "jüngeren Rassen" anzuleiten, waren sie diesen als quasigöttliche "Geschöpfe des Lichtes" erschienen. Doch mit der Zeit hatten sie begonnen, sich selbst ebenso zu sehen. Der "dritte Raum" war in ihren Augen eine Art "göttliche Sphäre" gewesen, und ihr Versuch, sich Zugang zu ihm zu verschaffen, hatte dem Ziel gedient, selbst zu Göttern zu werden. Und auch für das erneute Aktivieren des Tores ist letztendlich die Hybris verantwortlich. Zuerst einmal jene Sheridans selbst, der das geheimnisvolle Artefakt als seinen persönlichen Fund betrachtet, den er ohne die Mithilfe anderer zu untersuchen gedenkt. Und dann natürlich jene von Dr. Trent, die von einem ultimativen Karrieresprung und der Verleihung des Nobelpreises träumt. 
Das Problem, das ich mit diesem Motiv habe, ist vor allem, dass am Ende trotzdem Sheridan wieder einmal als der "auserwählte" Retter auftritt. Ist das nicht irgendwie ein Widerspruch?

Das zweite Motiv besteht überraschenderweise in einigen Anspielungen auf Star Trek: The Motion Picture (1979). So erinnert das Traumbild der "schwarzen Stadt" mit dem gewaltigen Turm in ihrem Zentrum ein wenig an die finale Szene des ersten Star Trek - Films, wenn Kirk und Kumpanei das Herz von V'Ger betreten. Sehr viel deutlicher wird es, wenn Sheridan sich mit Hilfe eines Raketenrucksacks in das Innere des Artefakts begibt, um es zu zerstören. Hier wird ganz ohne Zweifel die Szene anzitiert, in der Spock auf die gleiche Weise in die inneren Bereiche von V'Ger vorstößt.
Welche Überlegungen könnten diesen Anspielungen zugrundegelegen haben? 
Der meiner Meinung nach zu Unrecht oft mit Verachtung gestrafte erste Star Trek - Film war als eine Art humanistischer Antwort auf Stanley Kubricks 2001 gedacht gewesen. Ist Thirdspace demnach also als eine Antwort auf diese Antwort zu verstehen? Und wenn dem so ist, wie lautet sie? Star Trek: The Motion Picture hatte der Misanthropie von Kubricks Klassiker die Vision einer zu immer größerer Selbstvervollkommnung fähigen Menschheit entgegengehalten, bei der sich Intellekt und Emotion auf harmonische Weise zu einer höheren Einheit vereinten. Setzt J.Michael Straczynski diesem Optimismus nun erneut das Bild eines von Natur aus zu Gewalt und Egoismus tendierenden Menschengeschlechts entgegen, wie es uns von Kubrick vorgeführt wurde? Nicht wirklich! Babylon 5 als Ganzes kann als Gegenentwurf zu Roddenberrys ziemlich naivem und simplistischem Utopismus verstanden werden.*** Antihumanistisch oder misanthrop war die Serie jedoch sicher nicht. Ganz im Gegenteil! Und dasselbe gilt auch für Thirdspace. Einerseits kann man das Motiv der Hybris durchaus als Kritik an dem arg unkomplizierten Optimismus der alten Star Trek - Serien verstehen. Andererseits sind es auch bei Straczynski die Menschen, die letztlich die von den Mächten des Chaos ausgehende Bedrohung überwinden. So gesehen ist auch Thirdspace durchaus optimistisch. Bloß vollziehen Film wie Serie nicht auf vergleichbar simplifizierte Weise wie Star Trek den Sprung von Optimismus zu Utopismus. Und das ist letztlich ganz gut so ...


* H.P. Lovecraft: The Dunwich Horror & Clark Ashton Smith: The Nameless Offspring.
**  IMDB zufolge wurde die Szene im Aufzug, in der Zack Allan (Jeff Conaway) auf peinlich anzuschauende Weise Lyta Alexander seine Liebe gesteht, nachträglich hinzugefügt, da der Film ansonsten nicht die geplante Länge erreicht hätte. Das mag als Entschuldigung genügen ...
*** Wobei das Ergebnis sehr viel intelligenter ausgefallen ist als Deep Space 9, das sich auf einer ähnlichen Grundlage entwickelte. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden ...