"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Freitag, 21. November 2014

So mag ich meinen Steampunk





In the court of Augustine The Twelfth
The king reprimanded his men
And demanded they
Put to good use all his wealth to cure his deep ennui

For you see, he found that he was sad and lonely
Ever since his wife, the queen, got mad and
Rode off on his steed

In a glen beyond the castle wall
There was a tinker
And he was a thinker
The smartest man in all the world
He made a mechanical girl

For you see, his daughter passed away that summer
And though he knew he could not replace her
He missed his family

Suddenly a knock at the door went ra-ta-ta-ta-ta
And the kingsmen came in blowing horns ba-ba-ba-ba-ba-ba
"By order of His Highness
We're to take you and that...thing
To present your marvel to the king."

And so, over glen and through the castle walls
Over the moat, and into the great castle hall
When her master urged,
The robot girl emerged

When the king laid eyes upon the girl
He was delighted
His men all were knighted
He yelled aloud for all the world
"I'll take her for my queen!"

And the man screamed
"Please don't take my child!
I beg you, mighty king!"
And they grabbed him by his tailcoat
And threw him in the moat

Later in their wedding bed
The king was shocked to see
A tender kiss upon the cheek
Unleashed an armory
Rocket launchers and flamethrowing guns
Grew from her sides
And she grew to seven times her size

Run!

On the morn of August twenty-fourth
He was dejected when lest he expected
A knock was heard upon the door
It was his robot girl

For you see, he'd made her indestructible
It seems and she destroyed that awful kingdom
And they lived happily

So you see, the moral of the story is:
Never take a child away from a loving parent
Especially not ones who make children who shoot rockets from their eyes



Ich liebe ja beinahe alles, was ich von Aurelio Voltaire kenne, aber dieses Lied gehört zu meinen besonderen Favoriten, und ein Grund dafür ist die Vermischung von Steampunk- und Märchenelementen: Die Coolness des Robotermädchens ohne den problematischen Hintergrund eines pseudoviktorianischen Englands.

Freitag, 21. März 2014

Sofia Samatar und die böse Moderne

Ich hätte nicht gedacht, dass es einmal dazu kommen würde, aber ich fühle mich gedrängt, eine Verteidigung des Steampunk zu schreiben. Dabei stehe ich selbst dem Subgenre mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Als ein Liebhaber von Jules Verne und altmodischen phantastischen Abenteuerfilmen kann ich nicht leugnen, dass seine Ästhetik mich irgendwie anspricht. Andererseits jedoch werde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass hier sehr oft eine Geschichtsepoche romantisiert wird, die nun wirklich alles andere als romantisch war. Doch wie dem auch sei, das ändert nichts daran, dass ich Sofia Samatars vor knapp einem Monat erschienen Blogeintrag Dreadful Objectivity: Steampunk in Africa für äußerst problematisch halte. Genaugenommen geht es dabei allerdings gar nicht so sehr um ein literarisches Subgenre, als vielmehr um sehr viel allgemeinere politische und weltanschauliche Fragen.

Ich bin das erste Mal vor über zwei Jahren auf Sofia Samatar gestoßen, als ihr veröffentlichtes Oeuvre aus nicht mehr als einer Handvoll Gedichten und Kurzgeschichten sowie einigen Rezensionen für Strange Horizons bestand. Mein erster Eindruck war sehr positiv, und ich nahm sie sogleich in eine Gruppe phantastischer Autorinnen auf, die ich ungefähr zur selben Zeit kennen- und liebengelernt hatte, und zu der u.a. Catherynne M. Valente, Amal El-Mohtar und C.S.E. Cooney gehörten.
Was mich an ihrem Werk angesprochen hatte war zum einen die Sprache – lyrisch, aber nicht so wuchernd und voll "ausgesuchter" Metaphern wie etwa bei Cat Valente –, zum anderen der Umstand, dass sie einen Gutteil ihrer Inspiration aus der Kunst und Kultur der arabisch-islamischen Welt zu beziehen schien, für die ich eine tiefe Faszination hege. So beschäftigt sich z.B. The Hunchback's Mother mit einer Episode aus alf laila wa-laila (Tausendundeine Nacht); in Qasida of the Ferryman versucht Samatar eine klassische arabische Versform ins Englische zu übertragen; in Burnt Lyric setzt sie sich mit der Poesie von Al-Andalus (dem maurischen Spanien) und ihrem Einfluss auf die okzitanische Trobadorlyrik auseinander; die Inspiration für The Sand Diviner stammte aus der Lebensgeschichte des mittelalterlichen Historikers Ibn-Khaldun; und  A Brief History of Nonduality Studies erwuchs aus ihrer Beschäftigung mit Sufiliteratur. Zu all dem finden sich in ihrem Blog sehr interessante Anmerkungen.*
Allerdings war bereits meine erste Begegnung mit Sofia Samatar nicht frei von Irritationen. Das galt insbesondere für ihre Short Story The Nazir. Einerseits gehört die Geschichte von Cynthia, die als Tochter eines britischen Kolonialbeamten im Kairo der Zwischenkriegszeit aufwächst und deren ganzes späteres Leben von der Sehnsucht beherrscht wird, ein einziges Mal das geheimnisvolle Ungeheuer Nazir (arab. "Der Beobachter") erblicken zu dürfen, zu meinen absoluten Favoriten in Samatars Oeuvre. Andererseits scheint mir in ihr so etwas wie die Idee einer "Kollektivschuld" der Weißen für die Verbrechen des Kolonialismus mitzuschwingen. Cynthia leidet offenbar unter der Tatsache, als Kind der europäischen herrschenden Kaste des kolonialen Ägypten angehört zu haben. Das damit verbundene Schuldgefühl verfolgt sie ihr Leben lang. Psychologisch gesehen ist das sicher gut vorstellbar, aber ich habe das beunruhigende Gefühl, die Geschichte wolle den Eindruck vermitteln, Cynthias Selbstquälereien seien irgendwie "gerechtfertigt", und ihre spätere Rebellion und die damit verbundenen politischen Aktivitäten** müssten deshalb irgendwie unehrlich wirken, als seien sie ausschließlich Ausdruck eines "weißen" Schuldkomplexes. Und eine solche Sichtweise halte ich für grundfalsch. Cynthia ist nicht verantwortlich für das kolonialistische System, in das sie hineingeboren wurde.
Vielleicht lese ich da etwas in The Nazir hinein, was gar nicht wirklich in der Geschichte angelegt ist. Vielleicht will uns Samatar in Wahrheit das Gefühl vermitteln, die Tragödie Cynthias bestehe gerade darin, sich nicht von dem zwar verständlichen, aber völlig ungerechtfertigten Schuldgefühl befreien zu können. Ich weiß nicht. All das ist bloß so ein vages Rumoren im Hinterkopf.

Im August 2012 versuchte Sofia Samatar in einem Blogeintrag zu umreißen, warum sie sich als Schriftstellerin der Phantastik zugewandt hat. Zu den von ihr angeführten Gründen gehören u.a.:
1) It puts you in touch with dreams and the unconscious. It can free up your language in certain ways. It can be beautiful. There’s a connection here with fantasy’s ability to express a sense of reality as shifting, untrustworthy, infused with the supernatural, or absurd.
Und 2) It provides an opportunity to think outside a particular, dominant cultural framework, one that is Western, heterosexual, white, college-educated and male. Fantasy has associations with folklore: with stories for women, children and the people in the flash of the ethnographer’s camera bulb. That makes it a fertile field for writers interested in reclaiming stories and types of narration that have been lost or suppressed.
Nun bin zwar auch ich der Ansicht, dass phantastische Kunst das Potential besitzt, überkommene Denkmuster aufzubrechen und einen frischen und ungewohnten Blick auf die Welt und den Menschen zu eröffnen. Doch wie der zweite Punkt sehr deutlich zeigt, ist Sofia Samatar wie die meisten Vertreter und Vertreterinnen der "linken", angloamerikanischen SFF-Gemeinde offensichtlich sehr stark von den Ideen der Identitätspolitik beeinflusst, der ich selbst äußerst kritisch gegenüberstehe.
Im Detail kann ich auf diese Frage jetzt zwar nicht eingehen, verweise jedoch gerne noch einmal auf Jonas Kyratzes' Statement of Principles, dem ich mich 100%ig anschließe. Auf jedenfall halte ich es für sehr fragwürdig, wenn man die "vorherrschenden kulturellen Rahmenbedingungen" als "westlich", "weiß", "heterosexuell" und "männlich" charakterisiert {als gäbe es eine mehr oder weniger einheitliche "westlich-weiß-heterosexuell-männliche" Kultur}, dabei jedoch völlig außer Acht lässt, dass die Gesellschaft, in der wir leben, vor allem eine Klassengesellschaft ist, was meiner Ansicht nach unsere Kultur in viel höherem Maße geprägt hat als irgendwelche anderen Kriterien. Und bürgerliche Ideologie kann ebensogut in "nicht-westlichem", "farbigem", "homosexuellem" und "weiblichem" Gewand auftreten, wie in den traditionell vorherrschenden Erscheinungsformen. Das wird uns tagtäglich in allen nur erdenklichen Medien sehr eindrücklich vorexerziert.

Ich gehöre nicht zu denen, die Kunstwerke nach den weltanschaulichen Überzeugungen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer beurteilen. Aber genausowenig denke ich, das selbige keinen Einfluss auf ihre Werke hätten.
Von Sofia Samatars Debütroman A Stranger in Olondria, der in diesem Jahr für den Nebula Award nominiert wurde, habe ich nur die ersten sechs Kapitel gelesen, die man sich auf der entsprechende Website des Verlags runterladen kann. Es war eine wunderbare Lektüre, und bei nächster sich bietender Gelegenheit werde ich mir das Buch ganz sicher zulegen. Besonders angesprochen hat mich die Art, in der die Autorin sinnliche Eindrücke {Gerüche, Geschmäcker, Klänge} hervorhebt. Zugleich jedoch wurde ich beim Lesen  das beunruhigende Gefühl nicht los, der Roman könne sich in eine Richtung entwickeln, die mir ganz und gar nicht gefallen würde.
Samatars Protagonist Jevick stammt aus einem quasi-kolonialen Milieu. Als junger Mann wendet er sich von der Kultur seiner Heimat ab, die er als primitv und irrational empfindet, und verschreibt sich ganz der Kultur der "Metropole" Olondria. Dort angekommen muss er jedoch sehr bald feststellen, dass die meisten Bewohner der Stadt in ihm nachwievor den "Fremden" sehen, ganz gleich, wie sehr er sich auch anzugleichen versucht.
Hier eröffnet sich zweifellos eine sehr interessante und komplexe Thematik, und ich traue es Samatar ohne weiteres zu, diese in eine ebenso lebendige Geschichte zu kleiden.  Doch wird sich in dieser ganz sicher manches von ihren eigenen Ideen über Kultur und Kolonialismus wiederfinden. Wie könnte es anders sein? Auch wenn ich keinesfalls erwarte, dass sich A Stranger in Olondria am Ende als eine Art postkolonialistisches Lehrstück entpuppen wird. Dazu ist Samatar viel zu sehr Künstlerin. Dennoch bereitet mir diese Aussicht ein leichtes Bauchgrimmen, und warum dies so ist, lässt sich am Besten anhand des eingangs erwähnten Aufsatzes Dreadful Objectivity erläutern.

Der Blogeintrag beginnt mit einigen Gedanken zu Virtuoso, einem Webcomic von Jon Murger und Christa Brennan. Nun habe ich diesen zwar nicht gelesen {was ich bei Gelegenheit vielleicht mal nachholen sollte}, aber wenigstens einen von Samatars kritischen Anmerkungen kann ich sehr gut nachvollziehen. Die Protagonistin heißt Jnembi Osse,
and immediately I want to know what that name is, what it means, and where it's from, and I pray that it's not made up, and my mind rushes back to my African Linguistics class in search of the consonant cluster "jn." I just want so much for it to be real, and I'm terrified that it's not. And there would be no reason to be terrified over a webcomic we don't even have, except that these things are not isolated problems. The haphazard sprinkling of decorative "African-ness" over things is a regular practice
In Afrika angesiedelte phantastische Geschichten sollten sich in der Tat möglichst an realen Kulturen {inklusive deren Sprachen} orientieren, d.h. auf ernsthafter Recherche basieren, andernfalls ist der Weg nicht weit zu Exotismus und Klischee. Freilich weiß ich nicht, ob z.B. Charles R. Saunders' Sword & Sorcery - Klassiker Imaro und Dossouye, die ich sehr schätze, diesem Kriterium 100%ig gerecht werden. Ich will hier deshalb keine unumstößlichen Gesetze dekretieren.
Kann ich mit diesem Punkt in Samatars Artikel also durchaus sympathisieren, so gilt dies leider ganz und gar nicht für all das, was dann folgt. Sehr schnell stellt sich heraus, dass die Autorin dem Steampunk deshalb so kritisch gegenübersteht, weil er die "Moderne" rehabilitiere. Und die "Moderne" ist offensichtlich ihr großer Buhmann, die Inkarnation des Bösen. Wir alle sollten froh sein, dass wir sie {angeblich} hinter uns gelassen haben, und da kommt der Steampunk einher und versucht uns dazu zu verführen, wieder "modern" zu werden:
This got me thinking about the intensely modern spirit of steampunk--modern in the textbook sense of "Western Europe in the 19th and early 20th centuries." Steampunk, it seems to me, seeks to allow us to be joyfully modern again, to embrace Western modernity's positive aspects, to believe in our DIY ability to make things, and to make things better.
Noch deutlicher wird sie in einer ihrer Antworten in der Kommentarspalte zu ihrem Artikel:
I wonder if you could tell a story that did not celebrate progress (even a story about the Haitian Revolution, which is a great modern/anti-modern example), and have it still be steampunk. If you could tell a completely grim story that ended in despair and death, and have it be steampunk. If you could tell a story in which the triumph of technology, real or fantastical, did nothing but ruin lives, and have it be steampunk.
Lassen wir die Frage, wie die Haitianische Revolution einzuschätzen ist, einmal beiseite.*** Was mich wirklich irritiert, ist, warum irgendjemand eine Geschichte schreiben sollte, in der der Triumph der Technik zu nichts anderem führt als zu Elend und Zerstörung. Und warum eine solche Story irgendwie "fortschrittlicher" oder der geschichtlichen Wahrheit näher sein sollte, als das andere Extrem: die kritiklose Verherrlichung der Industriellen Revolution, wie wir sie in einer Reihe von Steampunkbüchern wohl wirklich antreffen.

Die Problematik beginnt für mich bereits mit der Begrifflichkeit. In meinen Augen ist der Begriff "Moderne" gänzlich ungeeignet, wenn es darum gehen soll, zu verstehen, was sich im 19. und 20. Jahrhundert abgespielt hat. Er umfasst so unterschiedliche Elemente wie die Philosophie der Aufklärung, die Bürger- und Menschenrechte, die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften, Technik und Industrialisierung, den bürokratischen Nationalstaat, den voll entfalteten Kapitalismus, Imperialismus & Kolonialismus, Sozialismus & Marxismus etc. Unbestritten existieren enge Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen, doch indem man sie allesamt unter dem Begriff "Moderne" zusammenfasst, verschleiert man die Natur dieser Beziehungen eher, als dass man sie erhellen würde.
Samatar selbst verwendet die Formulierung "project of modernity", welche sehr schön verdeutlicht, dass diesem Begriff ein idealistisches Geschichtsverständnis zugrundeliegt. Was sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem in Europa und Amerika abgespielt hat, sei demnach im Kern die Umsetzung einer bestimmten Idee gewesen. Genauer gesagt, der Überzeugung, dass wir Menschen kraft unserer Vernunft und der ihr entsprungenen Wissenschaft & Technik in der Lage wären, uns die Natur zu unterwerfen und die Welt nach unseren Wünschen zum Besseren umzugestalten.
Eine solche Betrachtungsweise der "Moderne" stellt für mich nicht bloß die realen kausalen Zusammenhänge auf den Kopf, sie macht es uns auch unmöglich, den widersprüchlichen Charakter aufzudecken, der jeder kulturellen Entwicklung seit der Entstehung von Klassengesellschaften eigen ist. Um Leo Trotzkis Essay Culture and Socialism zu zitieren:
[C]ulture grows out of man's struggle with nature for existence, for the improvements of living conditions, for the increase of his power. But it is on this basis that classes grow as well. In the process of adapting to nature, in the struggle with its hostile forces, human society develops into a complex class organization. It is the class structure of society which most decisively determines the content and form of human history, i.e., its material relations and their ideological reflections. By saying this, we are also saying that historical culture has a class character. [...] But does this then mean that we are against all culture of the past?
Natürlich nicht! Beinah alle bisherige Kultur ist das Produkt von Klassengesellschaften, und sie trägt sehr deutlich die Spuren ihrer Herkunft. Zugleich jedoch ist sie Ausdruck des Bestrebens der Menschheit, sich mehr und mehr von den Fesseln zu befreien, die ihr von der Natur angelegt wurden. Der "triumph of large machines", dem Sofia Samatar so ablehnend gegenübersteht, ist ein sehr schönes Beispiel für diesen widersprüchlichen Charakter der historischen Entwicklung.
Ohne Zweifel bedeutete die Industrielle Revolution für unzählige Menschen in erster Linie physisches und psychisches Elend. Aber war daran die Maschine an sich schuld? Nein! Schuld war das Wirtschaftssystem, in dessen Rahmen sich diese Umwälzung vollzog und notwendigerweise vollziehen musste. Für sich genommen ist die "Maschine" eine Befreierin. Nur durch sie ist es möglich, die gesellschaftliche Produktivität auf ein Niveau anzuheben, das die materielle Grundlage für eine Ordnung abgeben könnte, in der echte Freiheit und Gleichheit herrschen und jeder Mensch die Möglichkeit haben wird, seine individuellen Talente voll zu entfalten.
Noch leben wir nicht in einer solchen Gesellschaft,. aber selbst heute könnte niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat und sein Gehirn zu benutzen versteht, die immens positiven Auswirkungen der Industriellen Revolution leugnen können. Es sei denn, er oder sie würde es vorziehen, unter feudalen Herrschaftsverhältnissen zu leben und mit 30-40 Jahren zu sterben.  

Sofia Samatars Artikel beruht auf postmodernen Ideen, womit ich weniger eine spezifische philosophische Schule {da kenn ich mich im Detail zu wenig aus}, als vielmehr eine allgemeine Weltanschauung meine. Sie glaubt ganz offensichtlich, die "Moderne" sei eigentlich bereits überwunden, und der böse Steampunk wolle uns in sie zurückführen.
Das wirft die Frage auf, inwieweit man tatsächlich behaupten könne, dass wir heute nicht mehr in der "Moderne" leben? Wer dies glaubt, kann unmöglich die materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft oder das ökonomische System meinen. Ganz offensichtlich basiert die Weltwirtschaft immer noch auf den Errungenschaften der Industriellen Revolution und ist kapitalistisch organisiert. Die Veränderungen können also ausschließlich ideologischer Natur sein.

Aus gutem Grund spielt der Begriff "Fortschritt" eine so wichtige, und durchweg negativ konnotierte Rolle in Samatars Ausführungen. Sie charakterisiert ihn als "westlich" und verbindet ihn mit den zerstörerischen Auswirkungen des Imperialismus auf die alten Gesellschaften Afrikas.
Selbstverständlich spricht nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsgedanken, wie er in der Zeit der Aufklärung formuliert wurde. Seine klassisch-liberale Form, die eine kontinuierliche, stets aufsteigende Entwicklung postuliert hatte, ist spätestens durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts ganz sicher gründlich widerlegt worden. Doch gibt es daneben auch andere Formen dieses Konzeptes. Marxistisch betrachtet etwa bedeutet Fortschritt zuerst einmal die Entfaltung der Produktivkräfte und damit die Steigerung der Produktivität menschlicher Arbeitskraft, was der Menschheit erlaubt, sich mehr und mehr von ihrer Unterwerfung unter die Naturkräfte zu befreien und zugleich eine immer reichere und komplexere Kultur zu entwickeln. Dieser Prozess verläuft keineswegs kontinuierlich, sondern ist vielmehr durch heftige Widersprüche gekennzeichnet, wozu sowohl zeitweilige Rückschläge als auch radikale Sprünge und Umbrüche gehören. Auch bedeutet der Fortschritt in der Entfaltung der Produktivkräfte nicht automatisch auch einen moralischen Fortschritt. Solange sich dieser Prozess im Rahmen einer auf Klassengegensätzen und Ausbeutung basierenden Ordnung vollzieht, wäre es naiv, anzunehmen, dass er automatisch zu mehr Freiheit und Gleichheit führen würde. Allerdings hätten z.B. die Ideen von politischer Gleichheit, Demokratie und allgemeinen Menschenrechten nicht anders als auf Grundlage des sich entfaltenden Kapitalismus entstehen können. So gesehen beinhaltet der ökonomisch-technische also sehr wohl auch einen politischen und moralischen Fortschritt. Oder genauer gesagt: Er macht diesen überhaupt erst möglich.
Was die Beziehung zwischen Fortschrittsidee und Imperialismus betrifft, um den es Samatar hauptsächlich geht, so stimmt es natürlich, dass die Kolonialmächte die Unterwerfung und Ausbeutung der Völker Afrikas, Asiens und Ozeaniens damit legitimierten, dass sie dazu berufen seien, den "Primitiven" die Segnungen einer "fortschrittlichen" Zivilisation zu bringen. Dennoch ist der Imperialismus kein Kind des Fortschrittsgedankens, sondern das notwendige Produkt der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung. Einmal mehr zeigt sich hier, dass Samatars Gedankengängen ein extrem idealistisches Geschichtsverständnis zugrundeliegt. Statt die realen ökonomischen Triebkräfte des Kolonialismus zu attackieren, beschäftigt sie sich ausschließlich mit dessen historisch bedingter ideologischer Ummäntelung.

Wenn die postmoderne "Linke" den Fortschrittsgedanken über Bord geworfen hat, so ist dies im Grunde nur ein Ausdruck dessen, was Jean-François Lyotard als "das Ende der großen Erzählungen" bezeichnet hat. Und die "Erzählung", um die es dem Guru des Postmodernismus dabei vor allem gegangen war, war der Marxismus gewesen.
Betrachtet man sich die historischen Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Philosophie entwickelt hat, so fällt es nicht schwer, ihren sozialen Inhalt zu ergünden. Der Postmodernismus entfaltete sich in Reaktion auf das Scheitern der revolutionären Bestrebungen der 60er und frühen 70er Jahre. Er war in vielem Ausdruck eines Gefühls der Niedergeschlagenheit und Machtlosigkeit in den Reihen der radikalen Intelligenzija. Doch war das nur die eine Seite der Medaille. Den ehrlichen und tief empfundenen Pessimismus eines Arthur Schopenhauer etwa findet man nicht in dieser Philosophie. Vielmehr enthält sie unverkennbar ein Gefühl des "Befreitseins". Und wovon "befreit" fühlten sich viele der "linken" Intellektuellen der späten 70er und der 80er Jahre? Ganz einfach – von der selbstauferlegten Verpflichtung, sich mit der Masse der arbeitenden Bevölkerung zu solidarisieren und gegen den Kapitalismus zu kämpfen. {Das galt in besonders hohem Maße für Frankreich, das eigentliche Geburtsland des Postmodernismus.}
Das "Ende der großen Erzählungen" bedeutete das Ende jeden Versuches, die Gesellschaft in ihrer Totalität zu verstehen; die Auflösung der "Wahrheit" in unzählige subjektive "Narrationen" und "Diskurse"; und damit auch das Ende jedes Bemühens, die existierende Ordnung in ihrer Gesamtheit zu bekämpfen und zu überwinden. Die Vorstellung, die Menschheit sei in der Lage, eine von Ausbeutung und Unterdrückung freie, auf sozialer Gleichheit und Solidarität basierende Gesellschaft zu errichten, wurde zu einem Ausdruck des nun endlich überwundenen irrigen "Fortschrittsglaubens" erklärt und ad acta gelegt.
Im Kern ist der Postmodernismus und die aus ihm erwachsene Philosophie der Identitätspolitik eine Strategie der "radikalen" Mittelklasseintelektuellen, sich mit dem herrschenden System auszusöhnen und zugleich für sich Nischen im akademischen und kulturellen Betrieb zu schaffen, in denen es sich recht angenehm leben lässt, wobei man zugleich auch noch das moralisch erhebende Gefühl genießen kann, Fürsprecher unterdrückter und marginalisierter Gruppen zu sein.

Damit will ich keineswegs gesagt haben, dass es sich bei den Anhängern der Identitätspolitik ausnahmslos {oder auch nur in ihrer Mehrheit} um egoistische Heuchler handeln würde, denen es in Wahrheit nur um ihre materiellen Privilegien ginge. Das Verführerische an dieser politischen Philosophie ist es ja gerade, dass sie die idealistischen Bestrebungen von Menschen anzusprechen vermag, die ernsthaft wünschen, gegen die Ungerechtigkeiten der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung vorzugehen.
So bin ich überzeugt davon, dass Sofia Samatar von einem ehrlichen Abscheu vor dem Kolonialismus und seinen kulturellen Ausdrucksformen beseelt ist. Das Problem ist, dass ihre Weltanschauung einer realen Überwindung des Imperialismus im Wege steht. Denn selbiger ist nicht Teil einer vergangenen Epoche (der "Moderne"), sondern eine aktuelle Realität. Er basiert nicht auf irgendwelchen Ideen (dem "westlichen Fortschrittsgedanken"), sondern auf materiellen Grundlagen. Er besteht in erster Linie nicht aus kulturellen Phänomenen, sondern aus ökonomischen Ausbeutungs- und politischen Abhängigkeitsverhältnissen. Um ihn zu überwinden, müsste der Kapitalismus überwunden werden. Und dies wäre nur auf der von der industriellen Entwicklung der letzten Jahrhunderte gelegten Basis möglich. 
Samatars Überzeugungen verweisen jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung. Ihre Aversion gegen den "Triumph der großen Maschine" führt sie beinah zwangsläufig zu einer Idealisierung vormoderner Gesellschaftsformen.  Sie schreibt über den Inhalt von Virtuoso:
Jnembi Osse's job is making guns. She subverts the system by making something else: a printing press.
Steampunk expands, becomes "diverse," but what sort of diversity is this? Guns and writing.
Die Erfindung von Gewehr und Druckerpresse stellte einen objektiven Fortschritt in der Entwicklung der Menschheitskultur dar, unabhängig davon, wo sie zum ersten Mal gemacht wurde. Samatar kann dies nicht so sehen, da ja bereits die Idee "Fortschritt" für sie ein "westliches" Konstrukt ist. Wenn eine Steampunk-Geschichte die Erfindung dieser Kulturgüter nach Afrika verlegt, ist das für sie darum nichts anderes als "colonial mimicry".**** Echte "Diversität" würde für sie offenbar voraussetzen, dass wir den bloßen Gedanken, Technik sei etwas positives, verwerfen. Im Umkehrschluss fordert sie uns auf, die "ökologischen" und unspezifizierten "anderen" Vorzüge vormoderner schwarzafrikanischer Gesellschaften mit ihrer geringen Bevölkerungsdichte {und ihrer extrem primitiven Technologie} schätzen zu lernen.*****

Doch es ist nicht allein diese Technikfeindlichkeit und die postmoderne Diffamierung des Fortschrittsbegriffs, die Sofia Samatars Artikel für mich so problematisch machen. Hinzu kommt der anti-universalistische Geist; das für Anhängerinnen der Identitätspolitik so typische Beharren auf äußerst dubiosen Vorstellungen von kultureller "Reinheit" und "Authentizität"; das Einteilen von Ideen, Techniken und Kulturgütern nach "westlich" und "nicht-westlich" {in diesem Falle "afrikanisch"}; das Zementieren von Grenzen statt dem Niederreißen von Grenzen. Ich kann in diesem Bestreben, die Menschheit in festgefügte, einander entgegengesetzte Gruppen aufzuteilen, nichts wirklich positives erkennen. Was wir heute brauchen ist genau das Gegenteil: Eine globale, internationalistische Perspektive.
  


* Vgl. vor allem: The Sand Diviner, Writing a Qasida in English & Obsessed with the Kharja Controversy.
 ** "She has drunk ouzo and water. She has planted a bomb in a public garden. She has bathed nude in the Arno. She has marched and shouted. She has been jailed."
*** Als Einführung in dieses äußerst spannende Kapitel der Geschichte möchte ich am Rande aber doch C.L.R. James' Klassiker The Black Jacobins empfehlen.
**** Weder Schießpulver noch Buchdruck sind "westliche" Erfindungen, aber das tut hier nichts zur Sache. Erstaunlich finde ich allerdings, dass Samatars Formulierung den Eindruck erweckt, sie halte auch die Schrift für "unafrikanisch". Dabei existierten im vorkolonialen Afrika sehr wohl eine Reihe von Schriftkulturen. 
***** Nicht, dass es im vorkolonialen Schwarzafrika keine anderen Gesellschaftsformen gegeben hätte. Doch diese sind Samatar aufgrund ihrer hierarchischen, staatlich-zentralisierten Herrschaftsstrukturen offenbar bereits irgendwie suspekt.

Donnerstag, 6. März 2014

"Die Seltsamen"

Als mir im Januar von Diogenes ein Leseexemplar von Stefan Bachmanns Die Seltsamen (The Peculiar) angeboten wurde, wusste ich erst nicht so recht, ob ich darauf eingehen sollte. Das Debüt des in der Schweiz lebenden und studierenden US-Amerikaners wird von dem Verlag unter dem Label "Steampunk" beworben, und ich stehe diesem Subgenre im allgemeinen eher skeptisch gegenüber.
Als ich das Buch schließlich in Händen hielt und die ersten paar Seiten gelesen hatte, durfte ich jedoch mit Erleichterung feststellen, dass Bachmanns Erzählung nur wenig mit den typischen Steampunk-Klischees zu tun hat. Ja, die Geschichte spielt in einem phantastisch verbrämten viktorianischen England, und ein paar der genreüblichen Versatzstücke wie Automaten und Luftschiffe kommen auch vor, doch ist dem Ganzen ein ordentlicher Schuss Urban Fantasy (in ihrer ursprünglichen Bedeutung) und ein kleines Bisschen Charles Dickens  beigefügt worden, was insgesamt eine nicht unsympathische Mischung ergibt.

Irgendwann im 19. Jahrhundert öffnet sich in der englischen Ortschaft Bath für kurze Zeit ein Tor zur Anderswelt, was nicht nur zur Zerstörung der Stadt und dem Tod ihrer Einwohner, sondern auch zu einem blutigen Krieg zwischen der britischen Armee und den ins Land strömenden Feen und Elfen führt. Am Ende triumphieren die Engländer, und der Großteil der überlebenden Elfen wird in den rasch wachsenden Industriestädten zusammengepfercht und zu einem Teil des Proletariats. Doch vor allem die Sídhe, die Aristokraten der Anderswelt, träumen weiterhin davon, ihre verlorengegangene Macht eines Tages zurückzuerobern. Auch ist das Verhältnis zwischen Menschen und Feen nach wie vor sehr gespannt, worunter vor allem Mischlinge, die sogenannten "Seltsamen", zu leiden haben, da ihnen von beiden Seiten Hass und Verachtung entgegenschlägt.
Als die Leichen von neun fürchterlich verstümmelten Mischlingskindern aus der Themse gefischt werden, sieht sich sogar der Staatsrat der Königin gezwungen, diesem Problem seine Aufmerksamkeit zu widmen. Wenig später stößt eines seiner Mitglieder, der müßiggängerische und etwas trottelige Arthur Jelliby, zufällig auf sehr deutliche Hinweise auf eine finstere und blutige Verschwörung, die der mächtige Sídhe Mr. Lickerish mit unbekanntem Ziel angezettelt hat. Und obwohl Mr. Jelliby am liebsten weiter sein ruhiges und bequemes Leben führen und vor den harten Realititäten der Welt die Augen verschlossen halten würde, zwingen ihn seine Gutherzigkeit und sein Ehrgefühl dazu, der Sache nachzugehen.* Dabei begegnet er schließlich unserem eigentlichen Helden, dem Mischlingsjungen Bartholomew Kettle aus den Feenslums von Bath, dessen Schwester Hettie von Lickerishs Handlangern entführt worden ist. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf, die finsteren Pläne des Sídhe zu durchkreuzen.

Leider weiß ich nur wenig positives über das Buch zu berichten.

Der Weltentwurf ist wie gesagt nicht ohne Reiz, und Bachmann versteht es, ein farbenfrohes Bild des vielgestaltigen, grotesken und etwas unheimlichen Feenvolkes zu zeichnen. Doch bereits hier schleichen sich leichte Misstöne ein. Im Prolog bekommen wir zu lesen:
Die Kobolde und Gnome und die wilderen Feenwesen gewöhnten sich rasch an die englische Lebensart. Sie hausten in englischen Städten und husteten englischen Qualm, und dabei erging es ihnen nicht schlechter als den Tausenden von elenden Menschen, die sich an ihrer Seite abplagten.      
Und tatsächlich bekommt man über weite Strecken des Buches den Eindruck, die Elfen seien so etwas wie eine verachtete und ausgebeutete Minderheit innerhalb der britischen Gesellschaft. Vergleichbar vielleicht mit den Iren im realen England jener Zeit. Dann jedoch hören wir von in Lampen und Laternen eingesperrten Flammenfeen und "Feenbatterien", was eher an die Lage der Geisterwesen in Jonathan Strouds Bartimäus - Trilogie erinnert. Irgendwie passt das für mich nicht recht zusammen.
Auch scheint mir die Lage der Mischlinge etwas arg extrem gezeichnet. Ja, ich weiß, Rassisten hassen scheinbar nichts so sehr, als wenn ein Mitglied ihrer "Rasse" eine sexuelle Beziehung zu dem Mitglied einer von ihnen als minderwertig betrachteten "Rasse" eingeht. Und es ist nur logisch, dass die aus einer solchen Verbindung hervorgegangenen Kinder dies besonders deutlich zu spüren bekommen. Aber in der von Bachmann beschriebenen Welt können Mischlingskinder nicht einmal auf die Straße gehen, ohne fürchten zu müssen, von einem Lynchmob aufgeknüpft zu werden. Ein solch exzessiver und mörderischer Rassismus passt nicht so recht ins viktorianische England, in dem selbst Ehen zwischen Schwarzen und Weißen in der Unterschicht nichts ungewöhnliches waren. Auch fragt man sich, was mit den Mischlingen passiert, sobald sie herangewachsen sind. Sie können sich schließlich nicht ewig in der Wohnung ihrer Eltern verstecken. Das wäre schon aus ökonomischen Gründen unmöglich, stammen sie doch in den allermeisten Fällen offenbar aus sehr armen Familien.**

Diese Einwände gegen Bachmanns Weltentwurf mögen etwas kleinlich wirken. Vielleicht sind sie es. Aber sie stellen ohnehin nicht meinen Hauptkritikpunkt dar. Selbiger besteht vielmehr darin, dass ein Großteil der Handlung auf Zufällen, schwer nachvollziehbarem Verhalten der Hauptfiguren oder Ereignissen basiert, die bei genauerem Hinsehen absolut keinen Sinn machen. Es ist mir unmöglich, dies im Detail zu belegen, weil ich mich ansonsten tief in Spoiler-Territorium begeben müsste. Es muss reichen, auf die mechanischen Vögel hinzuweisen, die für den Plot von zentraler Bedeutung sind. Ohne sie würden sich Jelliby und Bart niiemals begegnen und hätten keine Möglichkeit, die Pläne des Bösewichts aufzudecken und zu durchkreuzen. Wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, erscheint es jedoch zumindest bei zwei ihrer drei Zielorte völlig unverständlich, warum die Automaten dorthin geschickt werden. Ihre eigentliche Aufgabe scheint es zu sein, als Aufhänger für die Handlung zu dienen.*** Und damit bilden sie keine Ausnahme. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die spätestens auf den zweiten Blick unsinnig oder sogar gänzlich unmöglich wirken. Zumindest für mich bedeutet dies einen vernichtenden Schlag gegen das mögliche Lesevergnügen. Ich habe etwas gegen Geschichten, die von mir erwarten, dass ich mein Gehirn ausschalte!

Eine weitere wenig erfreuliche Seite der Geschichte hat "Madame Books" in {ihrer abgesehen davon ziemlich positiven} Besprechung so zusammengefasst:
Nun ärgert es mich allerdings mal wieder maßlos, dass es offenbar nicht mal die Schwester sein kann, die ihren Bruder retten muss, sondern schon wieder das Prinzip der woman in the refridgerator bedient werden muss. Hettie ist entsetzlich passiv und hilflos: Sowohl ihr Bruder als auch sie sind Mischlinge und dürfen nicht gesehen werden. Praktischerweise sieht Bartholomew weniger feenhaft aus und kann sich daher freier bewegen als Hettie – er kann im Haus herumlaufen und in Verstecke verschwinden, offenbar ohne Konsequenzen zu befürchten, während sie immer mit ihm als Begleitung gehen muss und nie allein gelassen werden darf. Seine einzige explizite Strafe erhält Bartholomew, als er Hettie allein nach Hause gehen lässt. Ihre einzigen Aktionen bestehen darin, ihm ihre Zuneigung zu zeigen oder ihn mit großen Augen anzustarren. Als sie entführt wird, verbringt sie die meiste Zeit schlafend und bei der Rettungsaktion verrät sie aus Versehen ihren Bruder. Sie ist dazu erzogen bzw. vom Autor erschaffen worden, nichts allein auf die Reihe zu kriegen. 
Nun hätte mir persönlich die Story nicht besser gefallen, wenn die Schwester den Bruder hätte retten müssen. Zum einen, weil ich die bloße Umkehrung traditioneller Rollenklischees für eher langweilig und nicht unbedingt "progressiv" halte. Vor allem aber, weil die eigentlichen Probleme {siehe oben} damit nicht behoben worden wären. Dennoch hat "Madame Books" meiner Meinung nach völlig recht, wenn sie darauf hinweist, dass Bachmann sich in Genderfragen wie selbstverständlich der ausgelutschtesten Stereotypen bedient. Vor allem Hettie wirkt wie eine willenlose Puppe, die sich von irgendwelchen Männern beliebig hin- und herzerren lässt. Mein Gott, ich kenne genug weibliche Charaktere aus Romanen und Erzählungen des viktorianischen Zeitalters, die sehr viel selbstbewusster und aktiver, vor allem aber lebendiger wirken!

Ist es unfair, wenn ich zum Abschluss die Frage stelle, ob Verlage die Bücher von Sechzehnjährigen veröffentlichen sollten? Stefan Bachmann ist sicher nicht untalentiert. Sprachlich gesehen ist Die Seltsamen {von einigen wenigen Schnitzern abgesehen} durchaus gediegen, wenn auch sicher nicht überwältigend. Und inhaltlich finden sich hier und da einige wirklich interessante Momente. Dennoch würde ich behaupten wollen, dass es besser gewesen wäre, wenn das Lektorat sich gemeinsam mit dem jungen Autor noch einmal an eine Generalüberholung des Manuskripts gesetzt hätte, statt ihn als neues Jungtalent auf den Markt zu schicken. 



* Wie Jelliby zu einem Mitglied des Staasrats {im Original vermutlich "Privy Council"?} werden konnte, ist mir schleierhaft. Seinen Sitz im Parlament verdankt er seiner aristokratischen Verwandtschaft. Das erscheint mir glaubwürdig. Aber warum sollte die Königin einen Mann, der offenbar über keinerlei politischen Ehrgeiz verfügt, in das sehr viel exklusivere Gremium des Rates berufen?
** Etwas eigentümlich fand ich ich auch, dass in Bachmanns Welt die bürgerlich-demokratischen Revolutionen entweder nie stattgefunden haben oder niedergeschlagen wurden. Amerika ist nach wie vor Teil des britischen Empire und in Frankreich regiert ein König. Mit letzterem könnte zwar Louis-Philippe gemeint sein, doch erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass die Geschichte vor 1848 spielen soll. Für die Erzählung spielt dieses Detail im Grunde keine Rolle. Ich habe mich bloß gefragt, was Bachmanns Gründe für diese Veränderung der Realität gewesen sein könnten.
*** Nebenbei bemerkt: Erwartet Bachmann wirklich, dass ich ihm abnehme, im 19. Jahrhundert habe es derart genaue Karten gegeben, wie sie in seiner Geschichte vorkommen? Man bekommt geradezu das Gefühl, man solle glauben, im viktorianischen England hätten die Kartographen mit GPS gearbeitet.

Montag, 24. Juni 2013

Professor Elemental

Normalerweise stehe ich der ganzen Steampunk-Mode ja eher skeptisch gegenüber, aber der Charme von Professor Elemental (alias Paul Alborough) ist einfach unwiderstehlich:


Wer noch mehr von dem guten Professor und seinem Gorilla-Butler Geoffrey sehen will, kann dies u.a. in Cup of Brown Joy, This Is My Horse und The Chronicles of Professor Elemental.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Dampfbetriebene Gespenster?

Professor Xanathon aka Stefan Holzhauer hat vor einer Woche die Ausschreibung für den zweiten Band seiner Anthalogienreihe Steampunk-Chroniken ins Netz gestellt. Ziel soll es diesmal sein, "klassische viktorianische Gruselgeschichten mit Steampunk zu verbinden."

Um ehrlich zu sein, ich bin enttäuscht. Schon der erste Band hat mich ja nicht wirklich vom Hocker gerissen, doch hierbei erwarte ich mir noch weniger. Ich liebe viktorianische Spukgeschichten, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie durch die Hinzufügung von Steampunkelementen gewinnen sollten. Außerdem werden die Stories durch diese Themenvorgabe noch stärker als in Æthergarn auf das ausgelutschte Feld des ausgehenden 19. Jahrhunderts in England mit seinen korrekten Gentlemen und korsetttragenden Ladies beschränkt, statt dass man versuchen würde, dem deutschen Steampunk innovativere Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Schade.

Sonntag, 27. Mai 2012

Potential und Risiko

Phenderson Djèlí Clark hat erneut einen sehr interessanten Post in seinen 'Musings of a Disgruntled Haradrim' veröffentlicht. Er geht darin von der auffälligen Erscheinung aus, dass unter all den modischen xyz-Punk-Strömungen der letzten Jahre eine einzige Zeitperiode keine 'retro-futuristische' Bearbeitung gefunden hat: Die Ära der weltweiten politischen Radikalisierung in den 60er und frühen 70er Jahren. Steampunk beschäftigt sich mit dem viktorianischen und edwardianischen Zeitalter, das in den 1. Weltkrieg mündete. Dieselpunk nimmt sich der 20er-40er Jahre, Atomicpunk der 50er und frühen 60er Jahre an. Cyberpunk schließlich ist ein Kind der 80er Jahre und bleibt diesem Jahrzehnt bis heute in vielem verhaftet. Warum nicht eine neue Stilrichtung gründen, die Phenderson Djèlí Clark 'Revolutionpunk' tauft?

"So can the politics and social movements of alternate-retro-futures instead be the dominant theme for new ideas on punk, with the tech as more so secondary? If so, how could we imagine this sub-genre I’d like to call Revolutionpunk!
What if the turbulent, radical movements of the 1960s and early 1970s never lost their potency? In the US, what if the Civil Rights Act had never been passed? What if the Vietnam War hadn’t ended, despite the protests, but continued to expand and send draftees into a decades long stalemate? How radicalized might segments of the US population  become?
What if radical social justice groups from the Black Panthers to the Brown Berets to the anti-racist White Panthers (yes, White Panthers - That happened!) still existed and were popular as ever – with varied splinter groups? What if the Stonewall Riots had engulfed all of New York, as other groups turn it into a large-scale rebellion? The Wounded Knee incident sparks similar occupation-style movements in cities and towns. Gloria Steinem has become leader of the Redstockings after a failed women’s liberation movement, while SDS is an opposition political party holding office within the system."

Das klingt erst einmal wie eine echt coole Idee, und ich könnte mir auch sofort eine deutsche Variante davon vorstellen. Ein paar Stichworte zur Anregung? Rudi Dutschke, 'Ho-ho-ho Chi Minh', Bambule, Kommune 2, RAF, Revolutionäre Zellen, wilde Streiks, Rote Zora, die K-Gruppen und die Anti-AKW-Proteste der 70er. Was für ein Material!
Doch leider melden sich auch sofort Bedenken. Die naheliegendste Antwort auf die Frage, warum sich bisher keine 'Punk'-Richtung dieser Zeit zugewandt hat, ist auch Phenderson Djèlí Clark nicht fremd. Der 'Retro-Futurismus' in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen zeichnet sich in seiner Mehrheit durch eine nostalgische Romantisierung der Vergangenheit aus, und eine solche Geisteshaltung verträgt sich nur schlecht mit dem rebellischen Geist der 60er/70er Jahre. Natürlich ist auch die 68er-Nostalgie ein nicht ganz unbekanntes Phänomen und könnte den Ausgangspunkt für 'Revolutionpunk' bilden. Bloß wäre das nichts wirklich wünschenswertes.
Ich fürchte, in der heutigen politischen und kulturellen Atmosphäre würde sich 'Revolutionpunk' durch eine Mischung aus spöttischer Ironie und unreflektierter Rebellenromantik auszeichnen. Das Letzte, was wir im Moment gebrauchen können. 'Revolutionpunk' würde nur dann sein Potential entfalten können, wenn es zugleich getragen würde von einer Wiederbelebung des revolutionären Geistes jener Epoche und einer linken Kritik der damals vorherrschenden politischen Ideen. Auf Humor, Ironie und wilde Abenteuer müsste deshalb nicht verzichtet werden. Aber die Voraussetzung dafür wäre ein korrektes Verständnis für die Gründe, warum jene Rebellengeneration ihre Ziele letztlich nicht erreichte. Und die Antwort lautet nicht: Weil Menschen immer Egoisten bleiben werden.
Wäre dies gegeben, so könnte 'Revolutionpunk' dazu beitragen, auf kritische Weise an das Erbe der 68er anzuknüpfen. Doch leider glaube ich, dass die Mehrheit der heutigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieser Herausforderung (noch) nicht gewachsen wäre. Insofern wäre es vielleicht sogar ganz gut, wenn Phenderson Djèlí Clarks Idee vorerst einmal eine Idee bleibt.

Montag, 9. April 2012

Zwei Arten Nostalgie (I)


Ich habe mich hier vor einiger Zeit bereits einmal etwas ausführlicher über Steampunk ausgelassen. Nun hat Ann VanderMeer das Inhaltsverzeichnis ihrer in Arbeit befindlichen dritten Steampunk-Anthologie Steampunk Revolution veröffentlicht. Die Liste der Autorinnen und Autoren liest sich recht beeindruckend, sie enthält u.a. Jeffrey Ford, Lev Grossman, N.K. Jemison, Garth Nix, Bruce Sterling, Catherynne M.Valente, Genevieve Valentine und Jeff VanderMeer. Der Band wird auch Amal El-Mohtars großartige Kurzgeschichte To Follow the Waves, sowie eine erweitere Version ihres Essays Towards a Steampunk Without Steam enthalten. In letzterem stellt die Autorin nicht nur die begrüßenswerte Forderung auf, das Subgenre möge endlich aus dem selbstgebauten Gefängnis eines pseudoviktorianischen London ausbrechen, sondern macht auch folgende interessante Bemerkung: "I could write about how steampunk is our Victorian Medievalism – how our present obsession with bustles and steam engines mirrors Victorian obsessions with Gothic cathedrals and courtly love. I could write about nostalgia, about the aesthetics of historical distance, and geek out!"


Ist die viktorianische Ära für Steampunk-Autorinnen und -Autoren tatsächlich das gleiche, was das Mittelalter für romantische und viktorianische Dichter und Dichterinnen gewesen ist? Ist die Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit wirklich ein- und dieselbe?


Parallelen sind ganz ohne Zweifel vorhanden. Aus einer als negativ wahrgenommenen Gegenwart versetzt man sich zurück in eine Vergangenheit, die übersichtlicher, schöner, ‘menschlicher’ und kultivierter erscheint. Das Bild, das von dieser Vergangenheit entworfen wird, orientiert sich in beiden Fällen eher an literarischen Darstellungen als an der historischen Realität. Die Gentleman-Abenteurer und genialen Erfinder des Steampunk haben so wenig oder viel mit dem 19. Jahrhundert zu tun wie Tennysons edle Rittersleut mit dem Europa des Hochmittelalters.
Dennoch existieren da meiner Meinung nach gravierende Unterschiede. Die viktorianischen Künstler lebten in einer Zeit des triumphierenden Industriekapitalismus, und wenn sie ihre sehnsuchtsvollen Blicke zurück auf das Mittelalter lenkten, schauten sie dabei auf ein vorbürgerliches Zeitalter.

Natürlich darf man nicht alle von ihnen über einen Kamm scheren. Der schon erwähnte Alfred Lord Tennyson etwa steckte in seinen Idylls of the King die viktorianische – also bürgerliche – Moral ganz einfach in eine mittelalterliche Ritterrüstung und verlieh ihr so eine romantische Aura. Und Walter Scotts Ivanhoe verkündet in erster Linie die Heilslehre von der nationalen Einheit, in deren Dienst sogar eine so urrebellische Gestalt wie Robin Hood gestellt wird. Doch ausgehend von der englischen Romantik existierte daneben auch eine mehr oder weniger deutlich sich artikulierende antibürgerliche Strömung.

Es würde zu lange dauern, die Beziehung zwischen Romantik und Revolution genauer darzulegen. Doch da dies ein wenig in Vergessenheit geraten zu scheint, sei zumindest auf die bedeutende Rolle hingewiesen, die William Godwin in den romantischen Kreisen gespielt hatte. Der Ehemann der feministischen Pionierin Mary Wollstonecraft (A Vindication of the Rights of Woman) war einer der ersten Theoretiker des Anarchismus, der in seinem Hauptwerk An Inquiry Concerning Political Justice erklärt hatte, dass die Menschheit nach ihrer Befreiung von Privateigentum und staatlicher Gewalt zu quasi grenzenloser Selbstvervollkommnung fähig sei. Selbst Samuel Coleridge, der später zu einem begeisterten Lobsänger von Thron und Altar werden würde, hatte Godwin 1794 als Propheten gefeiert, dessen Stimme "in Passion's stormy day,/ When wild I roam'd the bleak Heath of Distress,/ Bade the bright form of Justice meet my way –/ And told me that her name was Happiness." (1)
Godwins und Wollstonecrafts Tochter Mary erlangte Berühmtheit als Verfasserin von Frankenstein und heiratete Percy Bysshe Shelley, den politisch radikalsten unter den Dichtern der Romantik. Obwohl dieser ganz sicher nichts für die feudalen Überreste in der sozialen und politischen Ordnung seines Vaterlandes übrig hatte, gab er doch der alten Aristokratie mit ihrer Kultiviertheit und ihrem Standesethos in gewisser Hinsicht den Vorzug vor den bürgerlichen Parvenus: "Ihre Mitglieder besitzen eine gewisse edle Großzügigkeit sowie verfeinerte Sitten und Ansichten, die zwar weder Philosophie noch Tugend sind, doch als Ersatz dafür anerkannt werden und zumindest eine Religion darstellen, die gegenüber jenen ehrwürdigen Namen Hochachtung einflößt. Die andere ist eine Aristokratie von Anwälten, Steuereinnehmern, Staatspensionären, Wucherern, Börsenmaklern, Provinzbankiers samit ihrer Gefolg- und Nachkommenschaft. Das ist eine Klassen von Schuften, die anderen die Haut abziehen und in deren Dienst für die Übung der edleren Fähigkeiten des Geistes kein Raum ist, nicht einmal für deren Mißbrauch."(2)

Von dieser Position aus konnte man natürlich sehr leicht zu ausgesprochen reaktionären Ansichten gelangen, hatte doch auch Edmund Burke – der geistige Vater des britischen Konservatismus – in seinen Reflections on the French Revolution gejammert: "[T]he age of chivalry is gone. That of sophisters, economists, and calculators, has succeeded; and the glory of Europe is extinguished for ever." (3) Aber während Burke den Kapitalismus rechtfertigte, indem er erklärte: "[The laws of commerce [...] are the laws of nature, and consequently the laws of God"(4), konnte die Sehnsucht nach dem Mittelalter bei anderen Denkern mit einem heftigen Angriff auf das bürgerliche Gesellschaftssystem einhergehen. Thomas Carlyle etwa sprach in seinem 1843 erschienen Buch Past and Present seinen Bannfluch über das bürgerliche England aus und stellte ihm zugleich das mittelalterliche Kloster von St. Edmundsbury als positiven Gesellschaftsentwurf entgegen. Wortgewaltig verurteilte er die ‘aufgeklärte Selbstsucht’ der liberalen Ökonomen: "Free-trade, Competition, and Devil take the hindmost, our latest Gospel yet preached!" Anders als diese sah er in einem Zustand, in dem die Gesellschaft in isolierte Individuen zerfallen war, die in ständiger Konkurrenz zueinander standen, und das Geld zum einzigen Vermittler gesellschaftlicher Beziehungen geworden war, nichts natürliches. Ganz im Gegenteil: "[W]e for the present, with our Mammon-Gospel, have come to strange conclusions. We call it a Society; and go about professing openly the totalest separation, isolation. Our life is not a mutual helpfulness; but rather, cloaked under due laws-of-war, named 'fair competition' and so forth, it is a mutual hostility. We have profoundly forgotten everywhere that Cash-payment is not the sole relation of human beings; we think, nothing doubting, that it absolves and liquidates all engagements of man. [...] Cash-payment never was, or could except for a few years, be the union-bond of man to man. Cash never yet paid one man fully his deserts to another; nor could it, nor can it, now or henceforth to the end of the world." (5) Im Feudalismus des Mittelalters erblickte Carlyle nicht zu unrecht eine Gesellschaft, die auf völlig anderen Grundlagen beruht hatte. Sein Freund und ‘Schüler’ John Ruskin, der bedeutendste Kunstkritiker des Viktorianismus, führte diese Gedanken weiter fort.

Ruskin ist eine der faszinierendsten Gestalten des viktorianischen Englands. Berühmt geworden durch sein entschiedenes Eintreten für das Werk des Landschaftsmalers J.M.W. Turner im ersten Band seiner Modern Painters (1843), wurde er ab 1848 zum Inspirator und Förderer der Präraffaeliten und leistete mit The Seven Lamps of Architecture (1849) und The Stones of Venice (1851-53) einen wichtigen Beitrag zur neuerlichen Wertschätzung der gotischen Architektur. Zudem formulierte er in seinen Schriften Grundsätze wie den der ‘Materialgerechtigkeit’, die die Arts and Crafts - Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und auch noch das Bauhaus beeinflussen sollten. Bis 1848 von strenger evangelikaler Frömmigkeit, wandte er sich nach einer zehnjährigen, schmerzhaften Glaubenskrise 1858 von der Religion ab. Hatte bisher Gott im Zentrum seiner Weltanschauung und Ästhetik gestanden, so nahm diesen Platz von da ab der Mensch ein. Dies führte ihn u.a. dazu, sich verstärkt mit sozialen und ökonomischen Fragen zu beschäftigen, was ihn schließlich mit Büchern wie Unto this Last (1860), Munera Pulveris (1862/63), The Crown of Wild Olive (1866), Time and Tide (1867) und Fors Clavigera (1871-80) zum vielleicht bekanntesten radikalen Gesellschaftskritiker seiner Zeit machte.
Im fünften Band von Modern Painters (1860) beschreibt Ruskin im Rahmen einer allegorischen Interpretation von Turners Gemälde The Goddess of Discord Choosing the Apple of Contention in the Garden of the Hesperides, worin für ihn das ‘große spirituelle Faktum’ seiner Zeit bestand: im Aufstieg des ‘Drachen’, des "evil spirit of wealth", der als neuer Gott Britanniens über einem schwefelfarbenen "paradise of smoke" thront. (6) Ebenfalls in Modern Painters formuliert er das ‘Gesetz der Hilfe’, das sich als grundlegendes Gesetz des Lebens in der Komposition eines Gemäldes ebenso ausdrücken müsse wie in der Organisation einer Gesellschaft: "Composition may best be defined as the help of everything in the picture by everything else. [...] Government and cooperation are in all things and eternally the laws of life. Anarchy and competition, eternally, and in all things, the laws of death." (7) Wie Carlyle erschien deshalb auch ihm die durch den Kapitalismus herbeigeführte Atomisierung der Gesellschaft als zutiefst unnatürlich. Sie war in seinen Augen das Symptom einer schleichenden und tödlichen Krankheit. Die liberale politische Ökonomie Adam Smiths und David Ricardos verwarf er in Unto this Last als pseudowissenschaftliche Rechtfertigung nackter Selbstsucht. Die Wirtschaft habe nicht der blinden Akkumulation des Kapitals, sondern der Bereicherung des Lebens zu dienen: "[T]he real science of political economy, which has yet to be distinguished from the bastard science, as medicine from witchcraft, and astronomy from astrology, is that which teaches nations to desire and labour for the things that lead to life: and which teaches them to scorn and destroy the things that lead to destruction." Der Gedankengang gipfelt in Ruskins berühmter Definition des Reichtums: "THERE IS NO WEALTH BUT LIFE. Life, including all its powers of love, of joy, and of admiration. That country is the richest which nourishes the greatest number of noble and happy human beings; that man is richest who, having perfected the functions of his own life to the utmost, has also the widest helpful influence, both personal, and by means of his possessions, over the lives of others." (8) Doch eben diese Art Reichtum kann der Kapitalismus nicht schaffen.

Amal El-Mohtar schreibt von der Begeisterung der Viktorianer für gotische Kathedralen, und es war gerade Ruskins intensive Beschäftigung mit gotischer Kunst und Architektur, die ihn zu einigen seiner interessantesten Ideen führte. In The Nature if Gothic hebt er die ‘Grobheit’ (‘Roughness’) als einen der charakteristischen Züge dieser Kunstform hervor. Gotische Bauten, Steinmetzarbeiten und Skulpturen sind nicht perfekt, aber gerade das ist Teil ihrer künstlerischen Größe. Denn diese Unvollkommenheit ist Ausdruck wahrer Menschlichkeit. Jeder Mensch besitzt ein kreatives Potential, aber kein Mensch ist perfekt. Wünscht man eine makellose Ausführung, so muss man – anders als die gotischen Baumeister – die Kreativität des einzelnen Handwerkers ersticken: "Observe, you are put to a stern choice in this matter. You must either make a tool of the creature, or a man of him. You cannot make both. Men were not intended to work with the accuracy of tools, to be precise and perfect in all their actions. If you will have that precision out of them, and make their fingers measure degrees like cog-wheels, and their arms strike curves like compasses, you must inhumanize them. All the energy of their spirits must be given to make cogs and compasses of themselves [...] On the other hand, if you will make a man of the working creature, you cannot make a tool. Let him but begin to imagine, to think, to try to do anything worth doing; and the engine-turned precision is lost at once. Out come all his roughness, all his dulness, all his incapability [...]: but out comes the whole majesty of him also." Das Studium der Gotik führte Ruskin so ganz wie von selbst zu einer scharfen Kritik der modernen, industriellen Produktionsweise, die den Arbeiter seiner Menschlichkeit beraubt, sein schöpferisches Potential abtötet, ihn zu einer ‘lebenden Maschine’ macht. "[T]o feel their souls withering within them, unthanked, to find their whole being sunk into an unrecognized abyss, to be counted off into a heap of mechanism numbered with its wheels, and weighed with its hammer strokes, this nature bade not; this God blesses not; this humanity for no long time is able to endure." Eine wichtige Rolle spielt dabei die immer weiter fortschreitende Arbeitsteilung: "We have much studied, and much perfected, of late, the great civilized invention of the division of labour; only we give it a false name. It is not, truly speaking, the labour that is divided; but the men: – Divided into mere segments of men – broken into small fragments and crumbs of life; so that all the piece of intelligence that is left in a man is not enough to make a pin, or a nail, but exhausts itself in making the point or the head of a nail." Dazu gehört vor allem auch die strikte Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit: "We are always in these days endeavouring to separate the two; we want one man to be always thinking, and another to be always working, and we call one a gentleman, and the other an operative; whereas the workman ought often to be thinking, and the thinker often to be working, and both should be gentlemen, in the best sense. As it is, we make both ungentle, the one envying, the other despising, his brother; and the mass of society is made up of morbid thinkers, and miserable workers. Now it is only by labour that thought can be made healthy, and only by thought that labour can be made happy, and the two cannot be separated with impunity."
Ruskin gelangte auf diese Weise zu Einsichten, wie wir sie ganz ähnlich auch bei Fourier und Marx finden. In seiner Gegenüberstellung von feudalem und bürgerlichem England zeigte sich wie nie zuvor das revolutionäre Potential der romantischen Mittelalterbegeisterung:
"There might be more freedom in [medieval] England, though her feudal lords’ lightest words were worth men's lives, and though the blood of the vexed husbandman dropped in the furrows of her fields, than there is while the animation of her multitudes is sent like fuel to feed the factory smoke, and the strength of them is given daily to be wasted into the fineness of a web, or racked into the exactness of a line.
And, on the other hand, go forth again to gaze upon the old cathedral front, where you have smiled so often at the fantastic ignorance of the old sculptors; examine once more those ugly goblins, and formless monsters, and stern statues, anatomiless and rigid; but do not mock at them, for they are signs of the life and liberty of every workman who struck the stone; a freedom of thought, and rank in scale of being, such as no laws, no charters, no charities can secure; but which it must be the first aim of all Europe at this day to regain for her children."
Der widernatürliche und unmenschliche Charakter, den die Arbeit im industriellen Kapitalismus angenommen hat, bildet für Ruskin den Kern der modernen Misere. Diese kann deshalb auch nicht behoben werden, indem man die Arbeiter belehrt oder ihnen Moralpredigten hält, "for to teach them is but to show them their misery, and to preach to them, if we do nothing more than preach, is to mock at it. It can be met only by a right understanding, on the part of all classes, of what kinds of labour are good for men, raising them, and making them happy; by a determined sacrifice of such convenience, or beauty, or cheapness as is to be got only by the degradation of the workman; and by equally determined demand for the products and results of healthy and ennobling labour." (9)

John Ruskin war der wohl bedeutendste Vertreter eines romantisch-konservativen Antikapitalismus im viktorianischen England, und er und seine Ideen spielen eine zwar wenig beachtete, aber dennoch nicht ganz unwichtige Rolle in der ‘Vorgeschichte’ der modernen Fantasy. Nicht nur gehörte zu seinen engen Freunden George MacDonald, der mit Büchern wie Phantastes und Lilith zurecht als einer der Gründerväter des Genres gilt, von ihm führt auch eine direkte Entwicklungslinie zu G.K. Chesterton & Hilaire Belloc, sowie darüber hinaus – so zumindest meine Überzeugung – zu J.R.R. Tolkien. Vor allem aber war er der große Vorgänger und Inspirator von William Morris.

Zeigen uns Ruskins Werke einerseits, zu was der konservative Antikapitalismus in seinen besten Momenten fähig war, so demonstriert uns sein Leben andererseits, dass diese Philosophie in eine Sackgasse führen musste. Auch wenn er sich mitunter als ‘Kommunist’ bezeichnete, liefen seine Reformbestrebungen, zu deren Umsetzung er 1871 die Guild of St.George gründete, letztenendes auf eine Wiederbelebung des zünftigen Handwerks hinaus. Seine Größe bestand darin, in einer Zeit, in der die Bourgeoisie nach dem Zerfall der Chartistenbewegung die britische Gesellschaft so gut wie unangefochten dominierte, seine geistige Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Doch es war nicht allein die Feindschaft der ‘guten Gesellschaft’, die ihn zu jener immer größeren Isolation verdammte, die schließlich auf tragische Weise sein Schicksal besiegeln sollte. Voller Verbitterung schrieb er 1873 im siebzehnten Brief von Fors Clavigera: "St. George’s war! Here since last May [...] have I been asking whether any one would volunteer for such a battle? Not one human creature, except a personal friend or two, for mere love of me, has answered." (10) Es fanden sich weder die wohlmeinenden Geschäftsleute, die seine Gilde finanziert hätten, noch die respektvollen Proletarier, die wild darauf gewesen wären, sich in zünftige Handwerker verwandeln zu lassen. Fünf Jahre später wandte Ruskin sich erneut der Religion zu und entwickelte außerdem eine Faszination für den damals äußerst populären Spiritismus, wobei seine unglückliche Liebe zu der im selben Jahr verstorbenen Rose la Touche eine wohl nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Die von Halluzinationen begleiteten psychischen Zusammenbrüche, die ihn ab Februar 1878 heimsuchten, mögen vielfältige Ursachen gehabt haben. So besteht kein Zweifel, dass er ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität hatte. Aber das schreckliche Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit, das ihn nächtliche Kämpfe mit dem Satan ausfechten ließ, während sich die Gegenstände in seinem Zimmer in "fantastic, malignant, and awful imps and devils and witches" (11) verwandelten, verschmolz zunehmend mit seiner Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Er sah sich umgeben von einer vom Teufel beherrschten Welt, die scheinbar unaufhaltsam auf den Abgrund der Hölle zusteuerte. Blickte er aus dem Fenster seines Refugiums Brantwood im idyllischen Lake District, so sah er über dem Horizont Englands – einer apokalyptischen Warnung gleich – jene pestilenzialischen Wolken auftauchen, die er 1884 in seiner bizarren Schrift The Storm-Cloud of the Nineteenth Century beschrieben hat. So gesehen gewinnt Ruskins Wahnsinn symbolische Bedeutung.
Der romantisch-konservative Antikapitalismus war an einem Scheidepunkt angelangt. Aus sich selbst heraus konnte er keine lebensfähige Alternative zur herrschenden Gesellschaftsordnung entwickeln, sondern war dazu verurteilt, zu einem bloßen Antimodernismus zu degenerieren – durchsetzt mit wirren Träumen von einer Rückkehr zum Feudalismus und erfüllt vom Geist der Hoffnungslosigkeit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden wir viele seiner Vertreter im Umfeld der faschistischen Bewegungen.
Die einzige Alternative zu dieser Entwicklung bestand darin, die Grenzen des radikalen Toryismus endgültig zu überschreiten und sich einem Sozialismus zuzuwenden, der nicht wie Ruskins ‘Kommunismus der alten Schule’ in einer Mischung aus Thomas Mores Utopia, radikaler Agrarreform und mittelalterlichem Zunfthandwerk bestand. Der Aufstand der Pariser Kommune von 1871 brachte Ruskin beinahe dazu, die Bedeutung des Klassenkampfes zu verstehen. Im siebten Brief von Fors Clavigera schrieb er: "The Real War in Europe, of which this fighting in Paris is the Inauguration, is between these [Capitalists] and the workmen, such as these have made him." (12) Aber auch wenn er die Kapitalisten für den Ausbruch der Revolution verantwortlich machte, folgte er in seiner Darstellung der Aufständischen als brandschatzende Vandalen ganz der bürgerlichen Propaganda. Wäre er auf unmittelbarere Weise mit einer revolutionären Massenbewegung konfrontiert worden, so hätte er vermutlich ähnlich wie Carlyle reagiert, der die europäische Revolution von 1848 mit seinen protofaschistischen Latter-Day Pamphlets beantwortet hatte. Im England seiner Zeit war dies jedoch nicht der Fall. Die Jahrzehnte, in denen Ruskin seine Gedanken entwickelte, waren geprägt durch einen mächtigen Wirtschaftsauf-schwung, der bis 1873 – dem Beginn der sog. ‘Großen Depression des 19. Jahrhunderts’ – anhielt. Auf dieser Grundlage entstand eine Gewerkschaftsbewegung, die ausschließlich ökonomische und sozialreformerische Ziele verfolgte und der es tatsächlich gelang, den Lebensstandard eines Teils der britischen Arbeiterklasse anzuheben. Auf das bürgerliche Publikum mussten Ruskins Ideen fürchterlich radikal wirken, doch in Wirklichkeit bildeten auch sie nur einen Teil dieser reformistischen Strömung. Erst William Morris würde den alles entscheidenden Schritt tun, und damit der dem konservativen Antikapitalismus entwachsenen Tradition eine neue Entwicklungsmöglichkeit eröffnen.


(1) To William Godwin, Author of 'Political Justice'. In: The Complete Poetical Works of Samuel Taylor Coleridge. Bd. 1. S. 86
(2) Percy Bysshe Shelley: Die Reform aus philosophischer Sicht. In: Ders.: Dichtung und Prosa. S. 582f.
(3) Edmund Burke: Reflections on the French Revolution. S. 126.
(4) Edmund Burke: Scarcity. S. 22. Zit. nach: Linda C. Raeder: The Liberalism/Conservatism of Edmund Burke and F.A. Hayek: A Critical Comparison.
(5) Thomas Carlyle: Past and Present. S. 99; 87 & 109.
(6) Vgl.: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 5-6.
(7) Zit. nach: George P. Landow: Ruskin. Kap. 3.
(8) John Ruskin: Unto This Last: Ad Valorem.
(9) John Ruskin: The Nature of Gothic. S. 17f.; 22; 22f.; 29; 19f.; 23.
(10) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 226.
(11) Zit. nach: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 4-3.
(12) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 97.

Freitag, 6. April 2012

Victoriana, Vulgaria & Transylvania


Nach der actionmäßig aufgemotzten Rückkehr von Sherlock Holmes soll nun also ein weiterer literarischer Held des viktorianischen Englands seine filmische Wiederauferstehung erleben: H. Rider Haggards Großwildjäger und Abenteurer Allan Quatermain. Mit einem Budget von 30 Mio. $ wollen Sonar Entertainment & Ecosse Films eine TV-Serie um den Helden von King Solomon’s Mine etc. produzieren. Mal sehen, was dabei rauskommen wird. War die letzte filmische Inkarnation Quatermains nicht Richard Chamberlain als müder Indiana Jones -Abklatsch?

Doch nur die Ruhe, so schlimm wird’s schon nicht werden. Wenn ich allerdings lese, dass es in der geplanten Serie um "verlorene Stämme, verschollene Schätze und afrikanischen Aberglauben" gehen soll (wie Stefan Holzhauer auf PhantaNews schreibt), dann kommen mir Bedenken ganz anderer Art. Muss ein neuer Quatermain nicht zwangsläufig einmal mehr das kolonialistische Bild Afrikas als ‘schwarzem Kontinent’ heraufbeschwören? Lässt sich die Geschichte vom ‘großen weißen Jäger’ überhaupt erzählen, ohne dabei in rassistische Klischees zu verfallen? Schon allein der Begriff ‘afrikanischer Aberglaube’ lässt mich erschauern, und vor meinem inneren Augen erscheint das Bild betrügerischer Hexen und Schamanen, die die Leichtgläubigkeit der ‘naiven Neger’ ausnutzen, nur um von dem aufgeklärten (aber nichts desto weniger natürlich christlichen) englischen Gentleman entlarvt und besiegt zu werden. Brrr ... Nichts gegen eine kritische Lektüre von H. Rider Haggards Abenteuerschinken – sie haben ihre starken Seiten –, aber brauchen wir so was wirklich als Fernsehserie? Wie wär’s denn stattdessen mal mit einer Verfilmung von Charles R. Saunders’ Imaro oder Dossouye?*

Der neue Quatermain ist bloß ein Beispiel für die anhaltende Begeisterung für alles Viktorianische. Ein weiteres präsentiert sich uns in Gestalt der Royal Honour Society, eines von Sony Pictures geplanten Films über die fiktiven Abenteuer von Jules Verne, H.G. Wells und Robert Louis Stevenson. Über den Inhalt des Entwurfs von Ernest Lupinacci, der als Ausgangspunkt für den Streifen dienen soll, ist nichts weiter bekannt. Giant Freakin Robot schreibt: "What form that adventure will take is anyone’s guess at this point, but it’s being billed a feature in the vein of The League of Extraordinary Gentlemen only, presumably, good." Und Stefan Holzhauer fügt hinzu: "Es würde mich doch sehr wundern, wenn der Film keine Steampunk-Ansätze hätte."
Mich auch, bloß fürchte ich, dass das genau die Art von Steampunk werden wird, die ich eher nicht mag. Man nehme drei berühmte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und mache sie zu Geheimagenten Ihrer Majestätet, füge ein paar oberflächliche Versatzstücke aus ihren phantastischen Werken bei, gebe eine ordentliche Dosis Steampunk-Maschinerie mit riesigen Zahnrädern und zischenden Dampfkesseln hinzu und verrühre das Ganze zu einer ebenso actionreichen wie hirnlosen Abenteuerstory, garniert mit ein paar pseudoviktorianischen Klischees. Wenn’s hochkommt bauen wir dann noch eine protofeministische Suffragette und Abenteuerin in die Handlung ein, damit die Geschichte nicht gar zu konservativ daherkommt.
Ich fände das weiter nicht schlimm, wenn man sich dabei nicht der Namen dreier Autoren bedienen würde, die eine Reihe ganz und gar nicht hirnloser Bücher geschrieben haben. Worin soll der Reiz bestehen, Verne, Wells und Stevenson in einer Geschichte zu erleben, die weder mit ihrem Leben noch mit ihren Werken irgendetwas zu tun haben wird? Dass der große Kritiker des Viktorianismus H.G. Wells dabei aller Voraussicht nach in einen typischen viktorianischen Gentleman verwandelt werden wird, fällt angesichts der offensichtlichen Banalität des Projektes kaum mehr ins Gewicht.

Eher bizarr mutet es an, dass es seit Juli 2011 ein Biopic über Joanne K. Rowling gibt, das nun als DVD auf den deutschen Markt kommt. Wie vulgär und selbstverliebt ist das denn?! Die Autorin hat es nicht nur geschafft, mit ihren Potter-Büchern zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens zu werden, sie schlägt auch noch aus dem Prozess des Reichwerdens Profit. Denn abgesehen von ihrem kometenhaften kommerziellen Aufstieg dürfte ihre Lebensgeschichte wenig interessantes zu bieten haben. J.K. ist halt vor allem eine wirklich clevere Geschäftsfrau.

Habe ich also schon wieder bloß zu meckern? Nicht ganz! Dank Black Gates’s Goth Chick Sue Granquist ist mir der Trailer zu Hotel Transylvania unter die Augen gekommen – ein Film von Sony Pictures Animation & Columbia, der diesen Herbst ins Kino kommen soll.
Graf Dracula hat mit dem namengebenden Hotel eine Zufluchtsstätte für alle Kreaturen der Nacht in unserer so gar nicht monsterfreundlichen Welt geschaffen. Zum 118. Geburtstag seiner Tochter Mavis hat er nun einige VIPs der internationalen Monstergemeinde um sich versammelt, als plötzlich der menschliche Reisende Jonathan vor der Tür steht. In der Folge muss der Graf nicht nur dafür sorgen, dass das Geheimnis seiner Gäste gewahrt bleibt, er sieht sich zudem vor die Aufgabe gestellt, zu verhindern, dass sich Mavis in den jungen Kerl verliebt.


Okay, mit einer ordentlichen Portion Klischees werden wir auch hier zu rechnen haben, aber die Skelette unter der Dusche sind doch wirklich klasse.

* Kein wirklich ernstgemeinter Vorschlag. Zum einen kann ich mir nur schwer vorstellen, dass das heute wirklich jemand machen würde, zum anderen möchte ich nach dem letztjährigen Conan lieber erst mal keine weiteren Sword & Sorcery - Filme sehen.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Teutonen-Steampunk (II)

(Anmerkungen eines Ignoranten)

Frustriert darüber, dass sich die großen deutschen Verlage offenbar nicht für Steampunk zu begeistern vermögen, machte sich Stefan Holzhauer (alias 'Professor Xanathon') im letzten Jahr daran, einen alternativen Weg für die Veröffentlichung deutschsprachiger Steampunk-Stories zu schaffen. (1) Seine selbstgestellte 'Mission' beschrieb er wie folgt:

Das Projekt STEAMPUNK-CHRONIKEN ist ein Experiment – ein Experiment, von dem ich derzeit noch nicht sagen kann, ob es erfolgreich sein wird. Aber das ist gerade das Spannende an Experimenten. Es geht um Autoren, um Leser, um Veröffentlichungen und um eBooks. Und selbstverständlich geht es auch um spannenden Lesestoff.
Es heißt:
- die "großen, etablierten" deutschen Verlage sagten: "Steampunk interessiert niemanden"
- eBooks sind ungeliebt, teuer und mit DRM verseucht
- Man muss bei einem Verlag unterkommen, um etwas veröffentlichen zu können
- Ohne Copyright und DRM geht in Sachen eBooks gar nichts
Ich sage:
- Falsch!

Herausgekommen ist dabei die Kurzgeschichten-Anthologie Æthergarn ein hübsch anzusehendes eBook, das man sich hier für umme runterladen kann (auch wenn freiwillige Geldgaben natürlich willkommen sind). Der erste Band der Steampunk-Chroniken enthält die folgenden zehn Stories:

- Das Herz, der Schlund und das Blut von Tedine Sanss (2)
- Die Jagd nach dem Kometentier von Sean O'Connell
- Lillys Zukunft von Andreas Dresen
- Die Jesaja-Mission von Alexandra Keller
- Den Tod falsch einsortiert von Andreas Wolz
- Ruf der Sterne von Tanja Meurer
- Es ist nicht leicht, kein Held zu sein von Bernd Meyer
- Die Schatten des Æthers von Andreas Suchanek
- Gedanken an Schmetterlinge von Thomas Wüstemann
- Die letzte Grenze von Dieter Bohn

Es widerstrebt mir, mit dem Ergebnis eines so idealistischen und sympathischen Projektes gar zu hart ins Gericht zu gehen. Doch andererseits ist niemandem geholfen, wenn über die deutlichen Schwächen der Anthologie hinweg gesehen wird.

Carsten Steenbergen, Autor und Mitglied des Steamtown-Teams, schreibt in seinem Vorwort:
"Für die im Sonnlicht blinkende Rückseite des Edelmetalls – den Punk – muss man die ausgetretenen Pfade verlassen, bereit sein, sich gegen die allgemeine Meinung der Gesellschaft (beziehungsweise der Verlage und Buchhändler) zu stemmen. Vor allem Konventionen Konventionen sein lassen."
Leider jedoch wirken die meisten der hier versammelten Geschichten auf mich alles andere als unkonventionell, und auch vom Punk habe ich nur wenig spüren können.

Die mit Abstand interessanteste Story ist Thomas Wüstemanns Gedanken an Schmetterlinge. Sie unterscheidet sich so deutlich vom Rest der Anthologie, dass ich sie mir für das Ende aufsparen will. Was an den übrigen neun zuerst einmal auffällt ist, dass keine von ihnen eine Alternative zu dem sattsam bekannten pseudoviktorianischen Ambiente zu entwickeln versucht. ‘Deutschen’ Steampunk bekommen wir also nicht geboten (auch wenn der Protagonist von Lillys Zukunft einen deutschen Namen trägt). Erstaunlich (und etwas beunruhigend) fand ich es, dass die Frage des Kolonialismus außer in Bohns Die letzte Grenze nirgends angesprochen wird. Wenn man die Geschichten liest, könnte man den Eindruck bekommen, es würde überhaupt kein Empire geben. Mit ein Grund dafür mag aber auch das übergeordneten Thema der Anthologie – Raumfahrt in der Ära des Steampunk – gewesen sein, denn dieses führt beinahe automatisch fort von den gesellschaftlichen Realitäten des viktorianischen England in eher ‘klassisch’ scientifictionale Gefilde.

Ein besonders krasser Beleg dafür ist Suchaneks Die Schatten des Æthers. Die Geschichte hat genau genommen überhaupt nichts mit Steampunk zu tun, sondern ist eine fürchterlich banale SciFi-Story (gefleddert wurden u.a. die Leichen von Invasion of the Body Snatchers, Alien und Event Horizon), in die ein paar steampunkige Gimmicks eingebaut worden sind, während das britische Königreich die Rolle der Star Trek - Föderation übernommen hat (das Ætherschiff Berlin besitzt eine multinationale Besatzung, zu der u.a. ein asiatischer [!!] Offizier gehört, der allerdings nicht Sulu heißt) und die Marsianer als Ersatz-Vulkanier fungieren. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie diese Story ihren Weg in die Anthologie gefunden hat.

Doch keine Angst, Suchaneks Geschichte ist nicht repräsentativ für Æthergarn. Am nächsten steht ihr noch Sean O’Connells Die Jagd nach dem Kometentier. Über die Hatz auf ein Weltraumungeheuer lässt sich wenig gutes oder schlechtes berichten. Wirklich geärgert hat mich allerdings, dass der Autor das Schiff seiner Helden Pequod genannt hat. Wer auf Moby Dick anspielt, sollte schon etwas mehr zu bieten haben als eine simple Monsterjagd. Und wo wir gerade bei Anspielungen sind: Dass ein marsianisches Ætherschiff den Namen Utopia Planitia trägt, mag man noch mit dem Argument durchgehen lassen, dass so ja eine Tiefebene auf dem Roten Planeten heisst, aber wenn unser Captain dann auch noch anfängt, Earl Grey zu schlürfen, muss der kleine Trekkie in mir doch laut aufstöhnen. Falls irgendein tieferer Sinn in diesen Star Trek - Reminiszenzen stecken soll, dann ist er wohl in Richtung des ‘Boldly go where no man has gone before’ zu suchen. Doch für mich hat die sinnlose Jagd auf eine exotische Kreatur nichts mit dem Forscherdrang von Picard & Co zu tun. Andererseits lässt sich die Geschichte aber auch nicht als Kritik am Großwildjägertum der viktorianischen ‘Entdecker’ lesen (was sehr schön gewesen wäre), dazu sind die Ähnlichkeiten mit dem Walfang (einem harten Beruf, keinem Gentlemansport) zu augenfällig. Und was zum Teufel hat der Begriff ‘Oortsche Wolke’ in einer Steampunkgeschichte zu suchen? Jan Hendrik Oort postulierte die Existenz der nach ihm benannten ‘zirkumsolaren Kometenwolke’ erstmals in den 1950er Jahren! Dieser atmosphärische Fauxpax zeigt sehr schön, dass auch O’Connells Story letztenendes nichts anderes ist als oberflächlich auf Steampunk gestylte SciFi-Dutzendware.

Wenden wir uns den interessanteren Teilen der Anthologie zu. Tedine Sanss verfolgt in Das Herz, der Schlund und das Blut ein ehrenwertes Ziel. Sie will den Dreck und das Elend offenlegen, die sich unter der glänzenden Oberfläche der pseudoviktorianischen Steampunkwelt verbergen. Leider bedient sie sich dazu einer viel zu simplen Methode. Sie lässt einen bornierten Society-Journalisten zufällig auf das Maschinendeck eines Ætherschiffs stolpern, wo er dann von einem der Arbeiter herumgeführt wird und zu sehen bekommt, wieviel Schweiß und Opfer es kostet, dieses stolze Gefährt in den Weltraum aufsteigen zu lassen. Als Leser fühlt man sich dabei auf ähnliche Weise geschulmeistert wie der Protagonist. Und das ist kein gutes Gefühl. Denn es ist ja nicht so, als hätten wir das nicht ohnehin schon gewusst. Statt uns stampfende Kolben und schwitzende Proletarier zu zeigen, wäre es nötig gewesen, uns auf dramatische Weise – also anhand lebendiger Figuren, ihrer Empfindungen und Interaktionen – spüren zu lassen, was es bedeutet, in einer Gesellschaft von so krasser Ungleichheit zu leben. Wieder einmal zeigt sich, dass gute Vorsätze leider noch keine guten Geschichten machen.

Der Plot von Lillys Zukunft wirkt auf den ersten Blick wie ein echt grauenhaftes Klischee: Netter Junge aus der Oberschicht versucht die goldherzige Prostituierte, in die er sich verliebt hat, aus den Klauen ihres fiesen Zuhälters zu befreien. Oh Gott! Doch glücklicherweise ist Andreas Dresens Geschichte ein gut Stück intelligenter als ich anfangs befürchtete. Sein naiver Protagonist Johann identifiziert sich nämlich mit den Helden der zeitgenössischen Abenteuerliteratur:
Alles, was er wusste, hatte er von seinem Privatlehrer gelernt und aus den Büchern seines Vaters. Aus ihnen wusste er, wie er sein Leben gestalten wollte und wie man sich als Held zu benehmen hatte. So wie Phileas Fogg seine Aouda in Jules Vernes »In achtzig Tagen um die Welt« vom Scheiterhaufen der Brahmanen rettete und aus Indien mit ins zivilisierte London nahm, so wollte er seine Lilly den Klauen Eugenes entreißen und entführen in ein besseres Leben an seiner Seite in den Kolonien. Kein Widerstand, keine Gefahr waren zu groß, um dieses edle Ziel zu erreichen. Dass sich sein Vater um die Details kümmern müsste, störte Johann nicht mehr. Denn auch Phileas Fogg wäre ohne seinen Diener Passepartout wahrscheinlich noch nicht einmal über den Ärmelkanal gekommen." (S. 60)
So lässt sich Johanns letztlich erfolgloser Versuch, seine Angebete zu retten, sehr wohl als eine Kritik an der Weltfremdheit und dem inhärenten  Chauvinismus und Paternalismus des viktorianischen Bildes vom Gentleman-Helden lesen. Die Machinaisten mit ihrer Maschinenreligion wirken dabei freilich wie überflüssiges Beiwerk. Sie hinterlassen den Eindruck, als habe der Autor mit ihnen zweifelsfrei beweisen wollen, dass seine Geschichte das Label Steampunk verdient.

Der erfrischend ironische Ton von Alexandra Kellers Die Jesaja-Mission ließ mich einiges erwarten, doch leider hat mich die Auflösung um so mehr enttäuscht. Was als Satire auf das kolonialistische ‘Entdeckertum’ (inklusive christlichem Missionseifer) beginnt, endet in einer etwas wirren Story über superintelligente Ratten, die offenbar die Invasion der Erde planen. Es kann aber auch sein, dass ich da irgendwas mit dem ‘Rattenmenschen’ von Todt nicht mitbekommen habe. Eine Anspielung vielleicht? Wenn, worauf? Ich bin etwas verwirrt. Denn sprachlich hätte die Autorin wirklich sehr viel mehr erreichen können. Besonders gut hat mir eine Szene gefallen, die aus der Sicht des Bordhundes Attila geschrieben ist.

In Andreas Wolz’ Den Tod falsch einsortiert geht es um mechanische Kalkulatoren (3) und den ‘menschlichen Faktor’, aber irgendwie hat mich das alles kalt gelassen. Nicht dass es eine schlechte Geschichte wäre, sie enthält bloß nichts, was mein Interesse hätte wecken können. Auch habe ich eine tiefe Abneigung gegen Stories, die Auftragskiller in einem sympathischen Licht erscheinen lassen, auch dann, wenn es sich bei ihren Opfern ‘bloß’ um jene handelt, die ‘ihrer gerechten Strafe’ entgangen sind. Selbstjustiz als „Müllabfuhr der Gerechtigkeit" (S. 104) ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. (Womit ich natürlich nicht sagen will, Wolz würde solche Taten tatsächlich gut heißen. Aber sie sollen offenbar keinen Abscheu in uns auslösen.)

Mit Tanja Meurers Ruf der Sterne tue ich es mir aus anderen Gründen schwer. Wie man auf ihrer Website erfahren kann, hat die Autorin bereits früher Geschichten über Annabelle Talleyrand – eine Wissenschaftlerin in einem mechanischen Körper – und ihre Freundin Zaida – eine unsterbliche angolanische Magierin – geschrieben. Derzeit arbeitet sie an einem Roman über die beiden. Insofern ist es vielleicht verständlich, dass wir in Ruf der Sterne nur wenig Hintergrundsinformationen über das Paar erhalten. Für den unbedarften Leser ist das allerdings ziemlich irritierend. Annabelles Roboterkörper mag man als Steampunk-Gimmick abbuchen, aber was soll man mit der seltsamen Zauberin anfangen, die einen kurzen Auftritt hat (und offenbar eine wichtige Person ist), jedoch absolut nichts von Bedeutung für die Handlung beiträgt? Apropos Zaida: Vielleicht werde ich in nächster Zeit einmal etwas über die Stories schreiben, die Tanja Meurer auf ihrer Website veröffentlicht hat. Da das Element, das mir bei diesen besonders große Probleme bereitet, in Ruf der Sterne kaum vorhanden ist, beschränke ich mich darauf, ganz vorsichtig die Frage zu stellen, ob ich der einzige bin, für den eine afrikanische Magierin in einem viktorianisch-englischen Setting ein bisschen nach Exotismus schmeckt? Zur Beurteilung der vorliegenden Story sehr viel wichtiger sind freilich einige recht gravierende Logiklöcher. Sollte tatsächlich niemand außer der brillanten Annabelle in der Lage sein, zu erkennen, dass die angeblichen Raumschiffe gemäß newtonscher Gesetze unmöglich fliegen können? Und warum ermordet Ingenieur Erhardt, der den Tod seines Sohnes rächen will, nicht einfach seinen Partner Vock, sondern jagt stattdessen ein ganzes Werk mitsamt einhundertfünfzig Arbeitern in die Luft? Wahnsinn? Das ist mir eine etwas zu simple Begründung.

Mit Es ist nicht leicht, kein Held zu sein betreten wir erneut humoristische Gefilde. Die Ironie ist manchmal vielleicht etwas bemüht, aber alles in allem ist die Geschichte über den gar nicht heroischen, sondern eher etwas trägen und versnobten Sir Geoffrey, von dem dennoch jeder erwartet, dass er als ein ‘echter Nelson’ ein geborener Kriegsheld sein müsse, wirklich amüsant. Am Ende rettet Butler Lionel den Tag und die Familienehre seines Herren.

Und dann wäre da noch Dieter Bohns Die letzte Grenze, eine Geschichte, die mich trotz eines wirklich originellen Einfalls, verärgert zurück gelassen hat. Thema ist mal wieder der erste Flug zum Mond, was technisch anders, aber nicht wirklich realistischer, als bei Verne oder Wells abläuft. An Bord der der Explorer befinden sich Lord Nicolas McGuire, Lord Ralph Cumberland und Lady Ellen Thornton. Während Cumberland ein erzkonservativer Vertreter von König und Vaterland ist, gibt Lady Ellen die Radikale. McGuire ist in erster Linie Gentleman. Während ihres Flugs in den Weltraum ergehen sie sich in erhitzten Streitgesprächen, wobei es vor allem um den Fluch oder Segen des Kolonialismus geht. Das hört sich dann so an:
»Und was geschieht, wenn wir diese neuen Welten erobert haben?«, fragte die junge Frau [...]. »Werden wir dann das Leid, mit dem wir unseren eigenen Planeten zu Grunde richten, auch auf neue Planeten exportieren? Ich war in Afrika und ich habe gesehen, was wir zivilisierten Weißen mit den schwarzen Eingeborenen gemacht haben! Sie haben uns mit offenen Armen empfangen – und wir machten Leibeigene aus ihnen!« »Mich dünkt, Eure Ansichten sind recht … liberal, Mylady«, sagte Lord Cumberland mit einem missbilligenden Heben der Augenbraue. »Bei Ihnen klingt das wie ein Schimpfwort! Spricht es denn gegen die Würde unseres Standes, die Würde anderer Menschen … die Würde aller Menschen zu achten?« (S. 191f.)
Oder so:
»Warum sind Sie überhaupt mitgekommen? Auf einer Reise, die möglicherweise das Fundament für neue Kolonien legt?« »Um zu verhindern, dass Menschen wie Sie für Gott und den König Besitz von anderen Wesen und deren Ländereien ergreifen und zugrunde richten – wie es in Afrika oder der Neuen Welt geschehen ist!« »Sie beleidigen Ihr Land, Mylady! Wenn Sie ein Mann wären…« »Was dann? Würden Sie mir dann in männlichem Imponiergehabe den Fehdehandschuh hinwerfen? Um einen Menschen, der anderer Meinung ist als Sie, mundtot zu machen? – Ja nicht auf die Argumente der anderen hören, lieber gleich diese Meinung tilgen(S. 197f.)
Habe ich mich bei den übrigen Geschichten darüber beklagt, dass sie die Existenz des Empire einfach ignorieren, so ist diese Behandlung des Themas für mich genauso unbefriedigend. Zuerst einmal ist es nie gut, wenn man als Schriftsteller eine Figur als Sprachrohr für die eigenen Ideen verwendet. Außerdem hätte man in der Aristokratie des edwardianischen England mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemanden mit ähnlich fortschrittlichen Ansichten finden können. Niemand hätte sie als ‘liberal’ bezeichnet. Einen so entschiedenen Antikolonialismus vertraten zu dieser Zeit nur die Anhänger und Anhängerinnen der radikalen sozialistischen Linken. Selbst die Fabier (4) und Henry Hyndman – der Führer der Social Democratic Federation – lehnten den Kolonialismus nicht grundsätzlich ab, sondern wollten ihn bloß reformieren und ‘humanisieren’. Erschwerend kommt hinzu, dass Cumberland und Lady Ellen Karrikaturen, keine Personen sind.
Der wahre Held der Geschichte ist der ‘gemäßigte’ Lord Nicolas, der sich weniger Gedanken über das Empire oder andere politische oder weltanschauliche Fragen macht, sondern sich stattdessen lieber in die streitbare Lady verliebt,  „dieses aufgeschlossene, scharfzüngige, quirlige, streitbare, starke … und zarte Wesen" (S. 196). Allein schon diese Formulierung lässt einen befürchten, wohin das ganze sich entwickeln wird. Und – leider leider – man wird nicht enttäuscht. Den großen Gag, der den Höhepunkt der Handlung bildet, möchte ich hier nicht verraten. Es sei nur so viel gesagt, dass die ‘letzte Grenze’ aus dem Titel nicht nur eine Anspielung auf Star Trek 5 ist. Was mich jedoch wirklich angekotzt hat – ein milderer Ausdruck wird meinen Gefühlen nicht gerecht –, ist, dass wir es bei Bohns Story letztenendes mit der x-ten Variante des ‘radikale Emanze wird durch die Liebe eines Mannes von ihren überspannten Ideen geheilt’ zu tun haben. Denn natürlich sinkt Ellen am Ende aufseufzend in die Arme ihres Nicolas, und sobald die beiden auf die Erde zurück gekehrt sind, wird’s ans Kindermachen gehen:
»Wird man uns überhaupt glauben, Nicolas?« Seit dem Start hatte sie seine Nähe gesucht, so als bräuchte sie in einen Halt für ihr Leben. »Dürfen wir das den Menschen überhaupt sagen?« »Die Wahrheit lässt sich nicht verschweigen! Eine Weile kann man sie vielleicht unterdrücken, aber es werden andere kommen.« Nicolas legte seinen Arm um sie … und sie ließ es sich gefallen. Die Zeiten des demonstrativen Zurschaustellens ihrer Unabhängigkeit waren vorbei. [...] Er drückte seine Stirn an ihre. »Ich werde bei Dir sein und wir werden die Unruhen, die da kommen mögen, überstehen. Gemeinsam!« Sie sah ihn mit einem Augenaufschlag an und ein klein wenig blitzte in ihren Augen der Lausejunge auf. »Dann können wir die Geheimnisse vielleicht Nicolas John McGuire, dem Vierten, überlassen?« (S. 206f.)

Wenden wir uns lieber ganz schnell Thomas Wüstemanns Gedanken an Schmetterlinge zu!
Was an dieser Geschichte sofort positiv auffällt ist die Originalität des Settings. Endlich einmal kein pseudoviktorianisches England, keine korsetttragenden Ladies und distinguierten Gentlemen. Stattdessen finden wir uns an Bord des mexikanischen ‘Drachen’ (Luftschiffs) Acalli (5) wieder, der im Auftrag der jungen Republik in den Kampf gegen die ehemalige Kolonialmacht Spanien zieht. Wüstemann kombiniert die Geschichte des Mexikanischen Unabhängigkeitskrieges von 1810-21 mit Steampunk-Elementen. Kommandant der Acalli ist Agustin de Iturbide, der allerdings eher wie eine Mischung aus dem realen ‘Libertador’ und dem ‘Napoleon des Westens’ López de Santa Anna wirkt. Seine Rolle in dieser Alternativhistorie ist zudem ungleich bedeutender als in der realen Geschichte Mexikos, da die Aufständischen nur dank seiner in den Besitz der überlegenen, auf Dampfkraft basierenden Technologie der Spanier gelangt sind. Seitdem gilt er als der große Held der Revolution.

Eine der faszinierendsten Aspekte des ‘Drachen’ ist die (der patriotischen Ideologie seiner Erbauer entsprungene) Verknüpfung von Technik und aztekischer Mythologie:
Die Acalli war das erste Schiff, das in Auftrag und alleiniger Ausführung der neu entstandenen Republik gebaut worden war, und es stand ganz im Zeichen der Geschichte. Mateo war ein Nahua, ein Nachfahr der großen Azteken. So blickte er mit dem Gedanken an seine Ahnen auf den Schlund des Drachen, jedes Mal wenn er eine Schaufel Kohle ins Feuer beförderte: die metallene Verkleidung der Maschine war verziert mit Ideogrammen aus der alten Zeit, einer Darstellung von Mictlan, der Unterwelt, und von Mictlantecuhtli, dem Herrscher über die Toten. Dies war die Art der Konstrukteure, die Hierarchien an Bord zu versinnbildlichen – hier unten herrschten der Tod und das Feuer. Oben an Deck, an der Spitze des Schiffes, thronte Ehecatl, der Herr des Windes, und lenkte sie in die Kälte der Stratosphäre." (S. 161)
In diesem mythischen Element drückt sich auch etwas von der Beziehung zwischen den Arbeitern und der riesigen Maschine aus. Das Luftschiff ist für sie beinahe so etwas wie ein Lebewesen, doch sehen sie in ihm nicht etwa eine Art Reittier (was ja vielleicht naheliegend wäre), sondern eher ein quasigöttliches Ungeheuer, dem sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Aus gutem Grund wird das Maschinendeck mit der Unterwelt identifiziert, die dort schuftenden Maschinisten als „namenlose Höllendiener" (S. 171) beschrieben.
Held der Geschichte ist der fünfzehnjährige Emilio, ein ebenso verträumter wie nachdenklicher Junge, der auf Drängen seiner Mutter und unter der Obhut des ‘Drachenbändigers’ (Maschinisten) Mateo an Bord der Acalli gelangt ist und dort als einer der ‘Weichensteller’ dient, „die über große Ventile den Verlauf des Dampfes durch das Schiff" lenken. Seine Beziehung zu dem ‘Drachen’ ist vielschichtig und ambivalent. Technisch interessiert – er liest entsprechende Handbücher – pflegt er zugleich eine quasiromantische Sicht auf die ihn umgebende Welt: „Wenn die rotglühenden Dampfzirkel, die durch die Rohre schießen, Schmetterlinge wären, dachte Emilio heute, dann wäre das Okular mein Schmetterlingsnetz, mit dem ich sie in meinem Kopf konserviere. Ich darf nur den Gedanken an sie nicht verlieren" (S. 165). Doch vielleicht ist letzteres auch nur ein Versuch, sich etwas von der ‘Unschuld’ und Sicherheit seiner Vergangenheit als Hütejunge zu bewahren. Denn noch stärker als seine Kameraden spürt er das Ausgeliefertsein an die (Kriegs)Maschine, der er ‘dient’: „Als Emilio den Blick nach unten senkte [...] entdeckte er einen Vogel, der kaum einen Kilometer unter dem Schiff und weit über den letzten Wolken die Schwingen ausbreitete. [...] Der Vogel kann Reißaus vor dem Drachen nehmen, dachte Emilio. Ich muss gemeinsam mit dem Ungeheuer zurück zum Boden. Oder mit ihm sterben" (S. 163). „Emilio fühlte sich sehr verloren. In seinem alten Leben, da hatte er die Dinge beeinflussen können. Wenn ihm eine Pflanze einzugehen drohte, dann gab er mehr Wasser. Wenn ihm ein Pflug kaputtging, dann reparierte er ihn mit allem, was eben greifbar war – zumeist ein starkes Stück Seil. Hier war er den Geschehnissen ausgeliefert. Er hatte die Kontrolle verloren" (S. 165).
Ich habe Wüstemanns Story als eine Geschichte über den Menschen im mechanisierten Krieg der Moderne gelesen, abhängig von den Entscheidungen einer Elite, die ihm so fremd ist wie die Götter, und zu einem Rädchen im Getriebe einer Maschinerie degradiert, von der sein Überleben abhängt und die er als einzelner nicht beeinflussen kann. Als Gruppe sind es zwar die Maschinisten, die den ‘Drachen’ kontrollieren und die darum de facto über sehr viel mehr Macht verfügen, als die Offiziere, wie Emilio ganz richtig erkennt: „Er [Iturbide] mochte der Held einer Nation sein, aber hier, als Kommandant der Angriffsarmee, war er dem Verlauf der Ereignisse so ausgeliefert wie jeder an Bord. Ohne seine Mannschaft war er verloren. So hatten die Drachenbändiger am Ende vielleicht mehr Kontrolle als die oberste Hoheit selbst. Wenigstens konnten sie das Schiff steuern und notfalls die Flucht einleiten" (S. 169). Auf sich allein gestellt ist jedoch ein jeder von ihnen vollkommen machtlos. Sie sind „gesichtslose Menschen, die gegen die Technik kämpften" (S. 173).
Die Geschichte erreicht ihren Höhepunkt mit der unausweichlichen Schlacht gegen ein spanisches Luftschiff. Und immer wieder wird die Hilflosigkeit der Menschen, ihre Unterordnung unter die (Kriegs)Maschine hervorgehoben. Als Emilio mexikanische Soldaten auf dem schwerelosen Schlachtfeld der Stratosphäre kämpfen sieht, heißt es von ihnen: „Die Gesichter waren hinter Apparaten verborgen, die sie mehr dem Schiff anglichen, als sie noch menschlich erscheinen zu lassen. [...] So ist es also, wenn Drachen kämpfen, dachte er. Man lässt alles Menschliche fallen und wird Teil der Bestie" (S. 173). Er selbst wird zu so einer maskierten Marionette gemacht, als man ihn losschickt, das beschädigte Rahsegel des ‘Drachen’ zu reparieren: „Aller Widerstand strömte aus Emilio heraus. Dann sollte es halt so sein. Er wurde einer der Gesichtslosen, ein Rad im Getriebe der Drachen-bändiger und erfüllte seine Pflicht. Vorbei waren die Träumereien. Er setzte die Maske auf [...] Von jetzt an, dachte Emilio noch, sehe ich alles aus dem Blickfeld des Drachen" (S. 174).
Schließlich opfert sich Emilio in einem heldenhaften Akt zur Verteidigung der Acalli, und scheint so zu beweisen, „dass dieses eine Mal tatsächlich eine Person das Schicksal der anderen in der Hand hatte" (S. 181). Doch selbst als Toter bleibt er ein Werkzeug in den Händen anderer. Noch bevor die Nachricht von seinem Tod seine Mutter erreicht hat, wird sich die Regierung bereits seiner bemächtigt und ihn zu einem Propaganda-Märtyrer für das Vaterland gemacht haben.

Gedanken an Schmetterlinge ist nicht makellos. Stilistisch hätte die Geschichte durchaus noch die eine oder andere Überarbeitung vertragen können. Dennoch bildet sie das Kronjuwel der Anthologie.
Allerdings muss ich zum Schluss doch noch ein paar kritische Anmerkungen über das alternativhistorische Setting loswerden. So sehr es mich gefreut hat, einmal das pseudoviktorianische England hinter mir lassen zu dürfen, frage ich mich doch, ob die Epoche nach dem Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg eine kluge Wahl gewesen ist. Die Geschichte erwähnt neben Luftschiffen und gepanzerten Schienenwagen mehrfach Radiosendungen. Tatsächlich scheint das Radio so weit verbreitet zu sein, dass es das wichtigste Propagandamittel der Republik bildet. Das gibt der Erzählung das Flair des beginnenden 20., nicht des beginnenden 19. Jahrhunderts. Wäre es da nicht sinniger gewesen, wenn Wüstemann sich an der Mexikanischen Revolution von 1911 orientiert hätte? Tatsächlich scheint er die Inspiration für einige Elemente seiner Geschichte eher aus dieser Ära bezogen zu haben. So waren es meines Wissens nach erst die mexikanischen Nationalisten und Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, die sich wieder vermehrt auf die indianischen Wurzeln ihrer Heimat zurückbesannen, man denke z.B. an Diego Riveras gewaltige Wandgemälde am Palacio Nacional in Mexico City: (1), (2). Das reale Iturbide-Regime hätte sich kaum auf die aztekische Tradition berufen. (Nahuatl war glaube ich sogar verboten). Auch die betont ‘revolutionäre’ Propaganda passt eher zu den nationalistischen Regierungen des 20. Jahrhunderts. Für gut sieben Jahrzehnte wurde der mexikanische Staat schließlich von der Partido Revolucionario Institucional beherrscht. In vielerlei Hinsicht wäre eine solche Orientierung allerdings gleichfalls problematisch gewesen. Es hätte z.B. keine spanische Kolonialmacht gegeben, gegen die die Acalli hätte kämpfen können. Das Regime, das in Wüstemanns Geschichte aus dem Aufstand hervorgegangen ist, nennt sich zwar Republik, ist jedoch offenbar eine Oligarchie der ‘Hoheiten’. Das entspricht in etwa dem Ausgang des Unabhängigkeitskrieges, im Falle der Revolution von 1911 wäre eine solche Darstellung hingegen zu simpel gewesen. Da das Thema seiner Geschichte nicht Revolution, sondern mechanisierter Krieg ist, kann ich Wüstemanns Entscheidung letztlich nachvollziehen. Dennoch wirkt das Setting etwas irritierend, wie eine Steampunk-Story, die während der Napoleonischen Kriege spielt – und ich weiß nicht, ob Temeraire mit Zeppelinen an Stelle von Drachen funktionieren würde.

Auch wenn mich Æthergarn also nicht gerade vom Hocker gerissen hat, hoffe ich natürlich dennoch, dass Stefan Holzhauer sein Projekt Steampunk-Chroniken fortsetzen wird, und bin gespannt, was der bereits angekündigte Band 1.5 zu bieten haben wird. Was mich freuen würde, wäre allerdings, wenn sich die beteiligten Autorinnen und Autoren in Zukunft etwas mehr von inzwischen auch schon recht verstaubten Konventionen lösen würden. Warum immer aus der Perspektive von Mitgliedern der privilegierten Oberschicht erzählen? Und warum sich auf die Welt eines pseudoviktorianischen England beschränken? Thomas Wüstemann hat gezeigt, dass es auch anders geht.
Welch faszinierende Möglichkeiten sich eröffnen, wenn man das viktorianische Korsett einmal gesprengt hat, zeigt z.B. das Tasneem Project des britisch-muslimischen Anarchisten Yunus Yakoub Muslim (alias Julaybib Ayoub). Oder Amal El-Mohtars großartige, erstmals in SteamPowered I veröffentlichte Kurzgeschichte To Follow the Waves, die man sich bei PodCastle anhören kann. (Viele Steampunker würden vermutlich behaupten, dass das ja kein 'echter' Steampunk ist, aber die Ansichten von Spießern gleich welcher Couleur gehören geflissentlich ignoriert).

Und wer jetzt zum Abschluss noch ein bisschen Musik genießen will, den verweise ich auf John Anealios Steampunk Girl.


(1) Ein Interview mit Holzhauer über das Projekt findet sich im Zauberspiegel.
(2) Man kann sich Tedine Sanss' Geschichte auch auf dem Fantasy Channel von Rena Larf vorlesen lassen.
(3) Ob er dabei wohl an Charles Babbage und seine 1832 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte 'Difference Engine' gedacht hat?
(4) Die Fabian Society war eine reformsozialistische Organisation, zu deren prominentesten Mitgliedern George Bernard Shaw, H.G. Wells, Edith Nesbit, Virginia Woolf, Annie Besant, Ramsay MacDonald sowie Sidney & Beatrice Webb gehörten.
(5) 'Acalli' bedeutet 'Schiff' in Nahuatl, der Sprache der Azteken.