"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Sonntag, 4. März 2018

Auf nach Pellucidar!

Freundinnen & Freunden des britischen Horrorfilms dürfte Amicus Productions in erster Linie als Hammers großer kleiner Nebenbuhler und Geburtsstätte zahlreicher Portmanteau-Streifen wie Dr. Terror's House of Horrors (1965), Torture Garden (1967), The House That Dripped Blood (1970), Asylum (1972), Tales From The Crypt (1972), The Vault of Horror (1973) und From Beyond The Grave (1974) bekannt sein.* Doch ganz wie ihr großer Konkurrent musste sich auch die Firma von Milton Subotsky und Max Rosenberg nach Alternativen umschauen, als der klassische Brit-Horror in der ersten Hälfte der 70er Jahre allmählich auf sein Totenbett sank.
Allgemein gilt das Jahr 1973 als der ultimative Wendepunkt und The Exorcist als der Film, der dem stilvoll-dekadenten Horror der 60er Jahre, wie ihn nicht nur die Briten, sondern auch American International Pictures (AIP) verkörpert hatten, den Todesstoß versetzte. Während Friedkins Schocker mit einem Einspielergebnis von $66,3 Mio. 1974 zum zweiteinträglichsten Film auf dem amerikanischen Markt wurde, produzierte Amicus mit Madhouse und The Beast Must Die seine letzten Horrorstreifen {wenn man von dem bizarren Nachzügler Monster Club [1981] einmal absieht, der aber eher für ein jüngeres Publikum gedacht war}.
Beide Filme lassen etwas von dem Wandel im Genre erahnen, mit dem Amicus zu ringen hatte. Madhouse  eine von zahlreichen Problemen belastete Koproduktion mit AIP {was das Mitwirken von Vincent Price erklärt} lässt sich als eine Art Metakommentar auf denselben interpretieren, wie ich vor Zeiten in meinem Count Yorga - Post beschrieben habe. The Beast Must Die wiederum ist in seiner kuriosen Mixtur aus Werwolfflick,  Whodunit und Blaxploitation garniert mit dem William Castle - mäßigen Gimmick der "Werewolf Break"** – ein deutlicher Versuch, dem Genre neue Facetten abzugewinnen, ohne der inzwischen in Mode gekommenen Tendenz zu mehr Gore und Sex zu folgen, die Milton Subotsky gar nicht behagte.***
Letztenendes suchte Amicus sein Heil aber in anderen Gefilden. 
Mitte der 60er Jahre hatte die Firma die beiden Dr. Who - Filme mit Peter Cushing produziert {Dr. Who and the Daleks [1965] und Daleks – Invasion Earth: 2150 A.D. [1966]}. Das Ende des "klassischen" Horrors vor Augen, beschlossen Subotsky und Rosenberg nunmehr, sich erneut SciFi und Fantasy zuzuwenden. Zur Vorlage nahmen sie sich dafür Werke des Genre-Altmeisters Edgar Rice Burroughs. Heraus kam dabei eine äußerst charmante Trilogie von Filmen voller phantastischer Abenteuer und liebenswerter Gummimonster: The Land That Time Forgot (1975), At the Earth's Core (1976) und The People That Time Forgot (1977).
Da Amicus' finanzielle Ressourcen ganz sicher nicht ausgereicht hätten, die exotischen Welten von Caprona und Pellucidar zum B-Movie-Leben zu erwecken, tat man sich erneut mit AIP zusammen, die unter der alleinigen Leitung von Samuel Z. Arkoff dem Horrorgenre inzwischen gleichfalls weitgehend den Rücken gekehrt hatten. Den Amerikanern war es auch zu verdanken, dass Doug McClure mit an Bord kam, der in allen drei Filmen die Hauptrolle spielte. Die Regie der Trilogie übernahm Kevin Connor, der sein Debüt ein Jahr zuvor in Amicus' letzter "echten" Horror-Anthologie From Beyond The Grave (1974) hatte feiern können.

Bei The Land That Time Forgot war Amicus ein echter Geniestreich gelungen, als man zur Erarbeitung des Drehbuchs Michael Moorcock engagierte. Ich bin überzeugt davon, dass wir es in erster Linie dem alten Anarchisten zu verdanken haben, dass Burroughs' Story in einigen wichtigen Punkten eine humanistische Aufbesserung erfuhr, ohne dabei etwas von ihrem Pulp-Charme einzubüßen, wie ich vor einer halben Ewigkeit  in diesem Post ausgeführt habe.
Vergleichbares lässt sich über At the Earth's Core zwar nicht sagen, doch tut dies dem Spaß keinen Abbruch, den man mit mit diesem Flick haben kann.
Verglichen mit dem ersten Caprona-Abenteuer kommt der Abstecher in die Hohlwelt von Pellucidar sehr viel lockerer und humorvoller daher. Sicher kein Film, der einen tief berühren wird, aber dafür altmodisch-fröhlich-farbenfroher Eskapismus. Und dass dem guten Doug McClure in seinem Kampf gegen telepathisch begabte Dino-Papageien Peter Cushing und Caroline Munro zur Seite stehen, lässt den Film zumindest für mich sofort noch ein paar Rangstufen höher klettern. 

TRAILER
     
Der englische Ingenieur Dr. Abner Perry (Peter Cushing) und sein amerikanischer Finanzier David Innes (Doug McClure) haben eine gewaltige, bemannte Bohrmaschine entwickelt, die den Bergbau zu revolutionieren verspricht. 
Die Jungernfahrt beginnt mit Champagner und Blaskapelle, nur um schon bald eine katastrophale Wendung zu nehmen, als sich herausstellt, dass es unmöglich ist, den Eisernen Maulwurf von seinem vertikalen Kurs abzubringen. Das Gefährt bohrt sich unaufhaltsam immer tiefer in die Erde. Doch statt in glühender Magma zu enden, landen die beiden schließlich in der von bizarren Urzeitmonstern, neckischen Riesenpilzen und -farnen, Steinzeitmenschen und orkartigen Sagoths bevölkerten Hohlwelt Pellucidar. 
Es dauert nicht lange, und schon sind sie Teil einer Sagoth-Sklavenkarawane und auf dem Weg zur Metropole der Mahars, jener schon erwähnten Dino-Papageien, die über Pellucidar herrschen. Unterwegs erhält man die Gelegenheit, dem Duell zweier putziger Ungeheuer beizuwohnen, und David findet außerdem noch Zeit, sich in die hübsche Mitgefangene Dia (Caroline Munro) zu verlieben, nur um sich beinah im selben Augenblick ihren unversöhnlichen Zorn zuzuziehen, da er mit Pellucidars Sitten nicht vertraut ist. Zugleich macht er sich den feige-verräterischen Hoojah the Sly One (Sean Lynch) zum Feind.
In der von gewaltigen Lavaströmen durchzogenen unterirdischen Stadt der Mahars werden unsere Helden erst Zeuge der telepathischen Macht der grotesken Flügelechsen, doch dann entdeckt Perry bei seiner Arbeit im herrschaftlichen Archiv zufällig deren große Schwachstelle. Worum genau es sich dabei handelt, bleibt im Film seltsam verschwommen, aber bevor wir uns darüber gar zu viele Gedanken machen können, ist David auch schon die Flucht aus der Metropole gelungen. Wieder in Freiheit begegnet er dem stolzen Krieger Ra (Cy Grant), mit dem er trotz einer anfänglichen Prügelei Freundschaft schließt, nachdem er ihn vor einer wunderhübschen freischfressenden Pflanze gerettet hat. 
Nach einigen weiteren Abenteuern, zu denen auch Davids Arenakampf gegen ein Urzeitmonster gehört, dem Wiederauftauchen Dias und der Befreiung Perrys, machen sich unsere Helden daran, die Stämme Pellucidars zu vereinen und in den großen Endkampf gegen die Mahars zu führen.

Alles in allem hält sich der Film erstaunlich eng an seine literarische Vorlage. Wenn man vom finalen Sturm auf die Stadt der Mahar absieht, wird man für beinahe jede Szene ein Äquivalent in Burroughs' Roman finden können, auch wenn diese stets einer mehr oder weniger starken Veränderung unterzogen wurden. So ist es im Roman z.B. nicht David, der in der Arena kämpfen muss, sondern ein namenloses Sklavenpaar; es gibt keine Lavaströme in der Stadt der Mahars und deren "großes Geheimnis" schaut deshalb auch weit weniger spektakulär aus; Ra {der bei Burroughs Ja heißt} wird nicht von einer dämonischen Monsterpflanze, sondern von einer riesigen Seeschlange {oder einem Plesiosaurus?} bedroht usw.
Sehr nett in diesem Zusammenhang ist die Szene, in der David auf einem schmalen Felsgrat Dia wiedertrifft. Im Buch werden die beiden von einem Pterodactylus angegriffen, und natürlich darf unser Protagonist sofort in die Rolle des heroischen Retters seiner Angebeten schlüpfen. Im Film hingegen dürfen wir uns an dem Auftritt einer feuerspeienden Riesenkröte delektieren, und es ist nicht David, der das Ungeheuer zur Strecke bringt, sondern der alte Doc Perry, der seinen Steinzeitbogen mit großer Akkuratess und sichtlichem Vergnügen zu handhaben versteht.

Von allen Figuren unterscheidet sich Abner Perry sicher am stärksten von seiner Vorlage. Der religiöse Fanatismus des im Buch natürlich amerikanischen Ingenieurs ist gänzlich gestrichen worden, und stattdessen präsentiert sich uns Doc als der typische exzentrische Professor – sehr britisch-viktorianisch {"You can't mesmerize me. I'm British!"}; stets auf Höflichkeit und das Wahren der Form bedacht {sein Regenschirm scheint ihm sein wichtigstes Besitztum zu sein}; etwas weltfremd, zerstreut und voller Enthusiasmus {mitten während der Flucht aus der Mahar-Stadt fragt er David plötzlich: "What would you think of going to the moon?"}; alles in allem völlig ungeeignet für die Abenteuer, in die er verwickelt wird. Peter Cushing hatte offensichtlich großen Spaß mit der Rolle, in der er zur Abwechselung einmal sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen konnte.

Dass Caroline Munros Rolle in der Story ziemlich unbedeutend ist, werde sicher nicht nur ich bedauern. Der Fairness halber muss allerdings hinzugefügt werden, dass Dia in Burroughs' Roman noch blasser rüberkommt als in der Filmvariante. Milton Subotsky, der auch das Drehbuch verfasste, hat zumindest versucht, sie etwas aufzuwerten. Dennoch bleibt sie mehr oder weniger in den Klischees von "Love Interest" und "Damsel in Distress" gefangen. Caroline Munro mag nicht die brillanteste Schauspielerin aller Zeiten sein, aber sie besitzt eine leidenschaftliche Austrahlung, die es jedesmal zu einem Vergnügen macht, sie auf der Leinwand {oder dem Bildschirm} zu sehen. Und wie Ryan Harvey in seiner Besprechung des Filmes schreibt: " It helps that Munro looks like she broke free from a Frank Frazetta painting. Few actresses are so visually suited for Burroughs she could’ve hammered down the part of Dejah Thoris if A Princess of Mars were filmed at the time." Ein Jammer, dass ihr in At the Earth's Core kaum Gelegenheit gegeben wird, ihr Charisma voll zu entfalten.

Ras Rolle in der Geschichte ist gegenüber der Romanvorlage deutlich ausgebaut worden.
Bei Burroughs ist der Jäger Teil einer längeren Abschweifung von der Haupthandlung, die der ursprünglichen Story hinzugefügt wurde, um die geforderte Wortzahl zu erreichen. Der Autor hatte zuerst versucht, seine Hohlweltgeschichte in John S. Phillips' respektablerem American Magazine unterzubringen, wenn auch mit geringer Hoffnung auf Erfolg: "[I] is so wildly ridiculous that I am quite sure you would not care for it." Diese Einschätzung bestätigte sich rasch, und so wandte Burroughs sich erneut dem bewährten Pulp-Markt zu. Dazu allerdings musste er At the Earth's Core von ca. 30.000 Wörtern auf Romlänge aufstocken.
Im Film ist Ra der engste Verbündete von David, Perry und Dia in ihrem Kampf gegen die Mahars. Ihm gelingt es als erstem, einen der monströsen Tyrannen Pellucidars zu töten, und zusammen mit Gakh the Hairy One (Godfrey James) spielt er eine zentrale Rolle bei der Vereinigung der Stämme.
Sympathischerweise erscheint diese Vereinigung im Film ausschließlich als Teil eines gemeinsamen Befreiungskampfes. Anders als bei Burroughs träumt David Innes hier nicht in kolonialistischer Manier davon, sich mit Hilfe der Technik der Oberwelt zum Kaiser von Pellucidar aufzuschwingen – was er dem frommen Perry gegenüber sogar als die Erfüllung einer göttlichen Mission verkauft.

Die Ja/Ra - Kapitel enthalten eine der beeindruckendsten Szenen in Burroughs' Roman:
Die Mahars versammeln sich zu einer ihrer religiösen Zeremonien in einem abgelegenen Tempel, dessen Innenraum aus einem künstlichen See besteht. Mit Hilfe ihrer telepathischen Kräfte zwingen sie menschliche Opfer dazu, immer wieder durch das Gewässer zu marschieren, wobei sie für längere Zeit vollständig untertauchen müssen. Und stets, wenn sie wieder an die Oberfläche kommen, fehlt ihnen ein weiterer Teil ihres Körpers. Auf diese Weise werden die willenlos gemachten Menschen nach und nach von den im Buch amphibischen Flugechsen aufgefressen. Ein wirklich verstörendes Szenario.
Eine vergleichbare Opferzeremonie gibt es zwar auch im Film, aber natürlich ohne künstlichen See und ohne das makabre Schauspiel einer schrittweisen Verstümmelung willenloser Opfer. So etwas hätte kaum zum lockeren Ton des Filmes gepasst. Auch wäre das Budget für solche Extravaganzen kaum ausreichend gewesen.

Solange sie bloß stumm und finster auf ihren Felsvorsprüngen hocken, und nicht an Drähten befestigt durch die Lüfte segeln, sind die Mahars durchaus passable Bösewichter. Recht wirkungsvoll ist, dass jeder Einsatz ihrer hypnotischen Kräfte von einem schrillen Ton und dem Glühen der Augen begleitet wird.
Etwas schade ist es allerdings schon, dass wir anders als im Buch nichts über ihre Geschichte und Kultur erfahren. Bei Burroughs sind die Flügelechsen nämlich nicht bloß grausliche Ungeheuer. Von allen Völkern Pellucidars sind sie ohne Zweifel zivilisatorisch am fortgeschrittensten, weshalb Perry sich auch zuerst dagegen sträubt, einige von ihnen kaltblütig zu ermorden. Die weiblichen Vertreter der Spezies haben sich vor Zeiten als überlegen erwiesen, und mit Hilfe eugenischer und biochemischer Forschungen ist es ihnen schließlich gelungen, eine Methode der künstlichen Fortpflanzung zu entwickeln, woraufhin sie die Männchen zum Aussterben verurteilt haben.**** Das ist das "große Geheimnis" {und die Achillesferse} der Mahars. Die perverse "religiöse" Zeremonie, die David beobachtet, erklärt sich wiederum daraus, dass den Echsen ein unstillbares Verlangen nach Menschenfleisch innewohnt, dieser Trieb von ihnen jedoch als beschämend empfunden wird, weshalb sie seine Befriedigung in das Gewand eines okkulten Rituals gekleidet haben.
Doch vermutlich hätten solche Details angesichts der simplen Geschichte, die der Film erzählen will, bloß unnötigen Ballast dargestellt.

Dasselbe gilt wohl auch für die faszinierendste Eigenheit von Burroughs' Pellucidar, die der Film nur einmal am Rande kurz berührt. Da die Sonne der Hohlwelt {bei der er sich in Wirklichkeit um den glühenden Erdkern handelt} stets im Zenit steht und es keine Nacht gibt, ist den Bewohnern von Pellucidar das Prinzip Zeit fremd, denn es gibt für sie ja keine natürliche Möglichkeit, deren Ablauf zu messen. Auch David und Perry verlieren bald jedes annähernd genaue Zeitgefühl. Doch Burroughs geht noch weiter. Er stellt die Frage, ob Zeit unter diesen Verhältnissen überhaupt ein objektiv existierender Faktor ist. Die Erzählung deutet mehrmals an, dass dem nicht so ist. So etwa, wenn David nach seinen langen Abenteuern mit Ja/Ra in die Stadt der Mahars zurückkehrt und dort von einem Perry begrüßt wird, der davon überzeugt ist, erst vor wenig mehr als einer Stunde von seinem Gefährten getrennt worden zu sein. In sich schlüssig ist das Ganze sicher nicht, aber es verleiht Burroughs' Hohlwelt einen ganz eigenen, leicht surrealen Charakter.
Davon hat sich im Film nur wenig erhalten. Ganz allgemein wirkt Pellucidar hier eher wie ein Verwandter der unterirdischen Welten aus Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Doch all das stört mich nur wenig. Dazu ist der altmodische Charme dieser im Studio erschaffenen phantastischen Welt mit ihren neckischen Riesenpilzen, schweinsgesichtigen Sagoths und prachtvollen Matte-Paintings, ihrer leicht violetten Beleuchtung und ihren famosen Gummimonstern einfach zu groß. Der Feuervorhang in der Mahar-Stadt ist sogar ein recht beeindruckender Effekt und neben dem wunderbar steampunkigen Eisernen Maulwurf sicher eines der Highlights des Streifens.

At the Earth's Core ist der liebenswerte Vertreter einer Abart des phantastischen Films, die es fast gar nicht mehr zu geben scheint. Praller, farbenfroher, fantasievoller, abenteuerlicher Nonsense, der sich selbst nicht übermäßig ernst nimmt und nur ein Ziel verfolgt: Spaß zu machen. Ich finde, davon könnten wir auch heute wieder etwas mehr gebrauchen.   




* Das Format war dem Vorbild des britischen Horrorklassikers Dead of Night (1945) entlehnt, und einige der Filme bezogen ihre Inspiration außerdem aus den legendären E.C.-Comics.
** Chris Brown spricht in einer Episode seines Last Horror Podcast über William Castle und The Art Of The Movie Gimmick.
*** Vgl. Episode 16 des Exploding Helicopter Podcasts, in der Hypnobobs Mr. Jim Moon zu Gast ist, um über The Beast Must Die zu reden.
**** Ich wüsste zwar nicht, dass es dafür konkrete Belege gibt, aber könnte Burroughs hier Mary E. Bradley Lanes feministisch-rassistische Utopie Mizora (1880/81) parodiert haben? Schließlich handelt es sich bei dieser gleichfalls um eine Hohlweltgeschichte, in der eine monogeschlechtliche Gesellschaft beschrieben wird, die allerdings aus eugenisch herangezüchteten, ultra-arischen Blondinen besteht. 

Montag, 5. Mai 2014

"Didn't I mention it? We are Vampire Hunters - professional Vampire Hunters."





Es gibt nur sehr wenige Fernsehserien, denen ich eine ähnlich große Liebe entgegenbringe wie den Avengers {was selbstredend nur bis zum Ausstieg von Diana Rigg 1968 gilt}. Schon allein deshalb gebührt Brian Clemens ein ganz besonderer Platz in meinem Herzen, war er doch das kreative Hirn hinter den Abenteuern von John Steed und Cathy Gale bzw. Emma Peel. Das lässt in meinen Augen selbst seine spätere Mitarbeit an Highlander II (1991) verzeihlich erscheinen ...

Seit Mitte der 50er Jahre war Clemens einer der fest angestellten Drehbuchschreiber der Danzinger Brüder, die unzählige billige B-Movies und Fernsehserien für ITV produzierten. Aus seiner Feder stammten u.a. Folgen von Mark Saber, Man from Interpol, Richard the Lionheart, White Hunter, H.G. Wells' Invisible Man und Sir Francis Drake. Sein größter Beitrag zum britischen Fernsehen vor den Avengers dürfte in seiner Mitarbeit an Danger Man bestanden haben, der Agentenserie mit Patrick McGoohan, dem späteren Hauptdarsteller von The Prisoner {in welchem manche eine Art inoffizielle Forsetzung von Danger Man sehen wollen} ...
1961 verfasste Clemens das Drehbuch für die Avengers-Pilotfolge Hot Snow und zeichnete im Laufe der nächsten acht Jahre für insgesamt siebenundzwanzig Episoden der Serie verantwortlich. Er war es, der 1965 Diana Rigg als Nachfolgerin von Honor Blackman castete. Er selbst kommentierte dies später allerdings einmal wie folgt: "I didn't do Diana a very good service. It made her an international star but I think I could have done more for her as far as the script was concerned. She was rather a stooge to Patrick Macnee's Steed." Eine Einschätzung, der ich mich nicht recht anzuschließen vermag, war Emma Peel für mich doch stets Steeds gleichberechtigte Partnerin, die sich ihm in mancherlei Belangen sogar oft als überlegen erwies. Die Entscheidung, 1968 Linda Thorson als Tara King die Nachfolge von Mrs. Peel antreten zu lassen, ging übrigens nicht auf das Konto von Clemens. Was mich irgendwie beruhigt ...

Zu Beginn der 70er Jahre stellte Brian Clemens sein Talent für kurze Zeit in die Dienste des "House of Hammer". Die große alte Brit-Horror-Schmiede versuchte dem sich allmählich abzeichnenden Niedergang des Genres nicht allein durch etwas mehr explizite Gewalt und nackte Brüste, sondern auch durch etwas originellere Auseinandersetzungen mit überkommenen Stoffen und Motiven entgegenzuwirken. Die Drehbücher dazu stammten oft aus der Feder von Autoren, die nicht zu Hammers altem Stab gehörten, wie Tudor Gates, der die sog. Karlstein-Trilogie (The Vampire Lovers [1970], Lust for a Vampire [1971], Twins of Evil [1971]) kreierte, AIPs Christopher Wicking, der für Blood from the Mummy's Tomb (1971), Demons of the Mind (1972) und To the Devil a Daughter (1976) verantwortlich zeichnete, oder Don Houghton, der mit Dracula A.D. 1972 (1972), The Satanic Rites of Dracula (1973) und The Legend of the 7 Golden Vampires (1974) das letzte Kapitel in der langen Hammer-Karriere des Grafen verfasste. Clemens kurze Zusammenarbeit mit dem Studio muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. 
Zuerst verfasste er das Drehbuch zu Dr. Jekyll and Sister Hyde (1971), einer von ihm selbst koproduzierten und unter der Regie von Roy Ward Baker gedrehten Variante der klassischen Robert Louis Stevenson - Story, die es meiner Meinung nach durchaus verdient, dass man ihr anderthalb Stunden widmet. Bei seinem zweiten Projekt – dem 1972 gedrehten, aber erst 1974 in die Kinos gelangten Captain Kronos - Vampire Hunter  – nahm Clemens dann zum ersten und einzigen Mal selbst auf dem Regiestuhl Platz.

    

Wie ich seinerzeit in meiner Besprechung des Films beschrieben habe, enthält Dr. Jekyll and Sister Hyde einige recht interessante Ideen und Motive, auch wenn diese nicht konsequent durchgearbeitet und umgesetzt worden sind. Vergleichbares lässt sich über Captain Kronos nicht sagen. Am ehesten noch könnte man behaupten, das zentrale Thema des Filmes sei die Gier nach Jugend und Schönheit, doch anders als etwa Peter Sasdys Countess Dracula (1971) weiß der Streifen nichts wirklich interessantes mit diesem Thema anzufangen. Eine richtige Schwäche ist das allerdings nicht, denn Clemens zielte offenbar in eine ganz andere Richtung. Der besondere Charme seines Filmes besteht darin, dass er Zutaten aus verschiedenen Genres zu einem unterhaltsamen und abenteuerlichen Ganzen verrührt.
BFI Screenonline beginnt seinen Eintrag zu Clemens mit folgender Einschätzung: "The remarkably prolific television career of Brian Clemens is almost the history of the action-adventure genre of British television." Und genau so ein "action-adventure" präsentiert er uns auch mit Captain Kronos. Die Grundlage bildet dabei der klassische Hammer - Horror mit seinem phantastischen "Mitteleuropa" einer vergangenen Epoche als Setting. Hinzu kommt ein winzig kleiner Schuss "Folk Horror" à la Blood on Satan's Claw (1971) oder Cry of the Banshee (1970) sowie eine sehr viel größere Portion Spaghettiwestern. Garniert wird das Ganze mit einer ordentlichen Ladung Mantel- und Degenfilm. Alles zusammen ergibt das ein ausgesprochen wohlschmeckendes Gericht, in dem man freilich nach keinem tiefgründigen "Subtext" suchen darf.

Kim Newman beschreibt in Nightmare Movies das Grundkonzept des klassischen Brit-Horrors wie folgt:
Hammer Horror treats the 'normal' charcters and the audience as innocent bystanders caught in a private battle between the forces of Good and Evil as represented by the Savant and the Monster. [...] Dr Van Helsing, Peter Cushing's fearless vampire killer in Dracula, is the original savant, [...] an elderly mystic, steeped in arcane knowledge, apparently rational, but with an Old Testament streak of 'vengeance is mine' fundamentalism.*
Captain Kronos bricht nicht grundsätzlich mit diesem Konzept, verändert es aber doch in einigen wichtigen Punkten. Die Van Helsing - Figur ist nicht länger der Hauptheld, sondern wird in Gestalt des buckligen Professors Hieronymus Grost (John Cater) in die Rolle des Sidekick abgedrängt. Im Zentrum steht mit dem ehemaligen habsburgischen Offizier Kronos (Horst Janson) kein Gelehrter oder Mystiker, sondern ein Haudegen und Soldat. Ohne das okkulte Wissen seines Freundes hätte er zwar keine Chance gegen die Untoten, doch ebensowenig würde dessen Wissen ohne seine überragenden Fechtkünste zum gewünschten Erfolg führen. Auch sind die beiden nicht bloß "vampire killers" wie der gute Van Helsing, sie sind "vampire hunters", und sie bezeichnen sich selbst als solche. Sie sehen es als ihre Berufung und Pflicht an, kreuz und quer durch die Lande zu ziehen, stets auf der Jagd nach den verhassten Blutsaugern. 
Diese Ruhelosigkeit halte ich für eines der erwähnten Westernelemente. Der von persönlichen Rachegefühlen getriebene Kronos, der nirgends länger zu bleiben vermag und keine dauerhaften Beziehungen {etwa zu der von der wunderbaren Caroline Munro gespielten Carla} einzugehen versteht, erinnert mich doch sehr stark an viele der Helden des Italowesterns à la Django & Co. Dazu passt auch sehr gut die Sequenz in der Dorfschenke, wenn Kronos drei von seinen Feinden angeheuerte Schurken ohne mit der Wimper zu zucken in Sekundenschnelle aufschlitzt. Das ist eindeutig eine Saloon-Szene, nur dass der Revolver hier durch die Klinge ersetzt worden ist.
Das Mantel- und Degen - Element ist sehr viel offensichtlicher. Welcher andere klassische Vampirfilm endet mit einem langwierigen Fechtduell zwischen dem Helden und seinem untoten Widersacher?

Wenn Captain Kronos überhaupt eine echte Schwäche besitzt, so ist es sein Hauptdarsteller. Horst Janson war dem deutschen Publikum damals in erster Linie als Trapez-Künstler Sascha Doria aus der ARD-Serie Salto Mortale bekannt. Seine Kinokarriere hatte 1959 als Morten Schwarzkopf in Die Buddenbrooks begonnen. Internationale Bekanntheit hatte er u.a. in der Rolle Leutnant Neuchls – des von seinen "Kameraden" als "schwulem Schwächling" verachteten Offiziers in Lamont Johnsons The McKenzie Break / Ausbruch der 28 (1970) – gewonnen. Als Kronos gibt Janson zwar eine durchaus passable Leistung ab, bleibt für einen echten Helden aber doch etwas blass. Vor allem John Carson als Dr. Marcus und Caroline Munro als Carla verfügen über ein sehr viel größeres Charisma.     

Viel mehr habe ich über Brian Clemens Vampirflick eigentlich nicht zu sagen. Erwähnt sei bloß noch die grandiose Szene, in der unsere Helden unterschiedliche Tötungsmethoden an Kronos' vampirifiziertem Freund Dr. Marcus ausprobieren, um herauszufinden, auf welche Art diese spezielle Sorte von Vampir zur Strecke gebracht werden kann. Wunderbar makaber ...


* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of  the Horror Film, 1968-88. S. 13.

Freitag, 27. Dezember 2013

Die wunderliche Welt der Star Wars - Rip-offs

Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob der gargantuane Erfolg des ersten Star Wars - Films ein Fluch oder ein Segen für das SciFi-Kino und den {amerikanischen} Film im Allgemeinen gewesen ist. Mir selbst würde es schwerfallen, da eindeutig Stellung zu beziehen. Wofür ich Onkel George jedoch ganz sicher auf ewig dankbar sein werde, ist, dass sein Weltraumabenteuer Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre eine Reihe höchst skuriller Rip-offs nach sich zog. Niemand wird behaupten wollen, dass sich in dieser bunten B-Movie-Schar irgendwelche vergessenen Meisterwerke verstecken würden. Aber wer meine leicht perverse Liebe zu absurdem Trash teilt, wird an ihnen seine helle Freude haben. Und so lade ich denn alle Gleichgesinnten zu einem Abstecher in eine ganz andere "weit weit entfernte Galaxis" ein. Uns erwarten Abenteuer, wie sie sich kein gesundes Hirn jemals erträumt hätte.

Starcrash (1979) 

Unsere kleine Rundreise beginnt gleich mit einem Juwel seiner Art. Knapp zwei Jahre nachdem George Lucas sämtliche Kassenrekorde gebrochen hatte, präsentierte Luigi Cozzi dem hungrigen Kinopublikum seine Version einer Space Opera unter dem grandiosen Titel Scontri stellari oltre la terza dimensione {ungefähr: "Stellare Zusammenstöße jenseits der dritten Dimension"}. Starcrash kann nicht nur mit sexy Genre-Ikone Caroline Munro, sondern auch mit einer Story glänzen, die bei aller Einfachheit so gut wie überhaupt keinen Sinn macht. Lichtschwerter kommen auch vor ...


Luigi Cozzi ist ein nicht uninteressanter Vertreter der prachtvollen italienischen B-Movie-Traditionen. Seine Karriere begann passenderweise mit einem SciFi-Amateurfilm, durch den Dario Argento auf ihn aufmerksam wurde. An seiner Seite sammelte er erste Erfahrungen als Co-Regisseur und Drehbuchschreiber, beschäftigte sich Mitte der 70er Jahre aber auch mit der Organisation von SciFi-Filmfestivals, auf denen das Publikum in den Genuss solcher Klassiker wie The Thing From Another World, The Cat People, Things To Come und Invasion of the Body Snatchers kommen konnte. Als bekannt wurde, dass Dino de Laurentiis ein Remake von King Kong plante, bewies Cozzi zum ersten Mal, dass er eine Nase für mögliche Cash-ins hatte. Nachdem sein Versuch, die italienischen Rechte für den britischen Riesenmonsterflick Gorgo (1961) zu erwerben, gescheitert war, wandte er sich stattdessen dem Urvater aller Kaijus zu – Ishirō Hondas Gojira (1954) – und brachte 1977 eine kolorierte und um zwanzig Minuten erweiterte Version in die Kinos. Eigenen Aussagen zufolge testete er bei der Überarbeitung von Godzilla die Stop-Motion-Technik, die ein Jahr später bei Starcrash zum Einsatz kommen sollte.
Nachdem er George Lucas' Werk geplündert hatte, wandte sich der gewiefte Kinopirat 1980 dem von Ridley Scott zu und drehte mit Contamination ein unterhaltsames Alien-Rip-off mit Horror-B-Movie-Legende Ian McCulloch in der Hauptrolle. Kim Newman hat den Streifen wohl nicht zu Unrecht als "the best of the Italian Alien pseudo-sequels"* bezeichnet. Was Cozzis spätere Werke angeht, so ist mir Nosferatu in Venice (1988) leider nicht aus eigener Anschauung bekannt. Ein Sequel zu Werner Herzogs Nosferatu (1979), bei dem sich Klaus Kinski nach dem Abgang von Mario Caiano als Regisseur versuchte, wobei ihm Cozzi als Unterstützung zur Seite gestellt wurde? Das Ergebnis mag noch so grottig sein, ich möchte es unbedingt einmal gesehen haben! Mit De Profundis aka The Black Cat aka Demons 6 (1989) schuf Cozzi außerdem einen inoffiziellen Abschluss zu Dario Argentos "Drei Mütter" - Trilogie. Ein ausgesprochen kurioser Film, geht es in ihm doch um einen Regisseur und einen Drehbuchschreiber, die eine Fortsetzung zu Argentos Suspiria und Inferno drehen wollen, was Levana, der dritten der "Mütter", überhaupt nicht gefällt! Ist das jetzt "meta" oder "mental"? Da das Ergebnis ziemlich unterirdisch ausgefallen ist, tippe ich eher auf letzteres: Amateurhaft anmutende Versuche, den Stil des genialen Horror-Auteurs nachzuahmen; grausige Schnitte; echt miese Spezial- und Soundeffekte; bizarre Ausbrüche von Rockmusik; Bärte, die von einer Szene zur nächsten verschwinden oder wieder auftauchen ... Diesen Flick kann nicht einmal mehr Caroline Munro retten.
Nun ja, jeder darf mal danebenlangen. Mit Starcrash verdanken wir Luigi Cozzi jedenfalls ein wahres Wunderwerk des Trashs. Der Streifen hat alles, was man sich von derartigem SciFi-Schlock nur wünschen kann. Er ist farbenfroh, verrückt und völlig hemmungslos. Und er macht ganz einfach irrsinnig viel Spaß.
Ich glaube nicht, dass es sehr viel Sinn machen würde, wollte ich versuchen den Plot des Films hier im Detail nachzuzeichnen. Die Geschichte von Schmugglerin Stella Star (Caroline Munro) – der besten Astro-Pilotin des Universums  – und ihrem mystisch begabten Kumpel Akton (Marjoe Gortner), die erst von imperialen Truppen verhaftet werden, um sich wenig später gemeinsam mit dem grüngesichtigen Offizier Thor (Robert Tessier) und Polizeiroboter Elle (Judd Hamilton) im Auftrag des galaktischen Imperators (Christopher Plummer) aufzumachen, die geheime Superwaffe des bösen Count Zarth Arn (Joe Spinell) zu finden und zu zerstören, ist so wirr und widersprüchlich, dass es einer Beleidigung gleichkäme, wollte man sie als ein kohärentes Etwas darstellen.
Worin der besondere Reiz von Starcrash besteht? Zuerst einmal gehört der Streifen nicht zur Kategorie der "so bad it's good" - Filme wie etwa Ed Woods Plan 9 From Outer Space oder Claudio Fragassos Troll 2. Noch viel weniger ist einer jener meist eher nervigen, absichtlich schlecht gemachten Flicks wie Asylums Sharknado. Er ist liebenswert für das, was er ist. Um ihn so richtig genießen zu können, braucht man keine ironische Distanz. Ganz im Gegenteil! Man muss sich kopfüber in das kunterbunte Pulp-Universum stürzen, das sich einem hier eröffnet. Es ist seine fröhliche Naivität, die für mich den unwiderstehlichen Charme von Starcrash ausmacht. Cozzis Film wirkt wie einer der letzten Vertreter einer unschuldigeren Ära, bevor postmoderne Cleverness und "Ironie" dem simplen Spaß, den gute Pulp-Geschichten verbreiten sollten, den Kampf angesagt hatten. Und mehr noch als Star Wars zehrt der Film von den pulpigen Traditionen des Genres. Man braucht sich ja bloß die Sequenz mit dem Amazonen-Planeten oder den Bösewicht Zarth Arn anschauen, der sehr viel mehr von Flash Gordons Ming the Merciless als von Darth Vader hat.
Viel mehr habe ich eigentlich nicht zu Starcrash zu sagen. Das ist einer jener Filme, die man sehen muss, um zu verstehen, warum ihm von B-Movie-Fans so viel Liebe entgegengebracht wird. Ich möchte bloß noch erwähnen, dass ich die Beziehung zwischen Stella und Roboter Elle für den rührendsten Bestandteil der Geschichte halte. Dass unsere Heldin sich am Ende selbstverständlich in einen waschechten Prinzen (David Hasselhoff) verlieben muss, entspricht den Konventionen des Genres. Ich jedoch hatte das Gefühl, dass zwischen ihr und dem Blechkameraden emotional sehr viel mehr abgeht als bei dem Blaublüter. 


Galaxina (1980)

Wenn Starcrash noch ernst gemeint war {d.h. so ernst wie etwa Buck Rogers in den 30er & 40er Jahren}, so betreten wir mit Galaxina einwandfrei satirischen Boden. William Sachs' Streifen kann als ein direkter Vorläufer zu Stewart Raffills wunderbaren Ice Pirates (1984) gelten, versucht doch auch er im Rahmen eines vulgären Weltraumabenteuers gleich eine ganze Reihe von Genre-Klassikern zu parodieren. Neben Star Wars trifft es vor allem Star Trek, Alien und 2001.



Einen Kommentar zu diesem Trailer verkneif ich mir lieber. Was den Inhalt des Films angeht, wäre es eigentlich völlig ausreichend, Space-Bösewicht Ordric of Mordric zu zitieren: "What's this shit!?" Dennoch möchte ich versuchen, rasch das zu skizzieren, was man mit viel gutem Willen als den Plot von Galaxina bezeichnen könnte:
Die Crew des Polizeiraumschiffs Infinity – ein Haufen kaputter Typen unter dem Kommando von Captain Cornelius Butt {was nicht nur "Hintern" bedeutet, sondern wohl auch eine Anspielung auf den großartigen Harry Mudd aus Star Trek sein soll} – erhält den Befehl, zu einer weit entfernten ehemaligen Sträflingskolonie zu fliegen, da dort die legendäre Wundersubstanz "Blue Star" gefunden wurde. Hinter der ist allerdings auch der fiese Ordric her, mit dem sich die Infinity bereits ein kleines Weltraumduell geliefert hat. Während die Mannschaft in ihren kryogenischen Schlafkammern "überwintert", verliebt sich Roboter Galaxina in den ersten Offizier Thor {warum ist mir unklar, aber hey – die Auswahl an möglichen Partnern ist nicht eben groß} und verwandelt sich aus einer eiskalten, emotionslosen Androidin in eine leidenschaftliche Frau. Den Plot bringt das übrigens kein Stück voran. An ihrem Ziel angelangt stoßen unsere Helden nicht nur auf eine Westernstadt, in deren Saloon vorzugsweise "Mensch" serviert wird und ein Mr. Spock - Verschnitt als Bartender fungiert, sondern müssen sich auch mit Ordric und einer Bikergang herumschlagen, die eine Harley Davidson als Gott verehrt.
Das klingt jetzt sicher wie absoluter Bullshit, und mit dieser Einschätzung läge man nicht gar zu weit von der Wahrheit entfernt. Nach allen einigermaßen objektiven Maßstäben beurteilt ist Galaxina ein echt mieser Film. Oder besser ausgedrückt: Er ist wie der alte Sam Wo auf dem Maschinendeck der Infinity – völlig stoned. Genau darin besteht aber auch sein Reiz.
Subtile Satire darf man natürlich nicht erwarten. Hier wird der Holzhammer geschwungen, und schlechter Geschmack ist oberstes Gebot. Dafür dürfen wir einige wunderbar groteske Szenen bewundern. So etwa, wenn plötzlich ein schrottreifes Space Shuttle durchs Bild getrudelt kommt. Das hat nicht nur nichts mit der Story zu tun, sondern wirkt angesichts der Tatsache, dass das erste Shuttle Columbia überhaupt erst 1981 gestartet ist, reichlich irritierend. Ist die Ähnlichkeit bloß ein Zufall?
Und in wenigstens einer Hinsicht ist Galaxina sogar richtig intelligent gemacht. Der Soundtrack ist beinah schon genial! Zum Großteil besteht er aus klassischen Kompositionen à la 2001. Und auch wenn es etwas simpel anmutet, wenn Captain Butts erster Auftritt mit dem Vorspiel aus Richard Strauß' Also sprach Zarathustra unterlegt ist, so erweist sich das ironische Spiel mit berühmten Musikstücken in der Folge als sehr viel geschickter gemacht. Alle Wagnerfans mögen die Ohren aufsperren und auf den Liebestod aus Tristan und Isolde warten. Ich jedenfalls musste bei dieser Szene laut loslachen. Hinzu kommen einige deutliche Anspielungen auf den Soundtrack von Alien sowie das stellenweise Anzitieren der typischen Musik einer Hollywood-Schnulze.
In die Riege echter Trash-Klassiker wie The Ice Pirates aufgenommen zu werden, verdient Galaxina dennoch nicht. Grund hierfür ist vor allem, dass uns die Crew der Infinity anders als Jason und seine Kumpels nicht ans Herz wächst. Butt, Thor, Buzz, Maurice, Sam Wo und Galaxina sind keine Charaktere, für die wir Sympathie entwickeln könnten. Sie bleiben den ganzen Film über grobschlächtige Karrikaturen oder sterile, wenig liebenswerte Klischeefiguren.
Alles in allem gilt für Galaxina dasselbe wie für den Mainzer Rosenmontagszug: Nüchtern sollte man sich das nicht anschauen, aber mit der richtigen alkoholischen Unterfütterung kann es ein Riesenspaß werden.


Battle Beyond the Stars (1980)

Wie nicht anders zu erwarten, versuchte auch der alte Schlockmeister und König der Cash-ins Roger Corman den von George Lucas losgetretenen Trend auszunutzen. Inhaltlich gesehen plündert der von ihm produzierte und unter der Regie von Jimmy T. Murakani gedrehte Film Battle Beyond the Stars allerdings weniger Star Wars als vielmehr The Magnificient Seven (1960). Robert Vaughn spielt als ehemaliger Auftragskiller Gelt sogar beinah dieselbe Figur, die er in John Sturges' Western-Remake von Akira Kurosawas Die sieben Samurai (1954) verkörpert hatte.



Weltraumtyrann Sador (John Saxon) droht den friedlichen Bewohnern des Planeten Akir mit völliger Vernichtung, wenn sie nicht willens sind, sich ihm zu unterwerfen. Auf Anraten des ehemaligen Kriegers Zed "the Corsair" (Jeff Corey) macht sich der junge Shad (Richard Thomas) mit Zeds Raumschiff auf, um Söldner zur Verteidigung Akirs anzuheuern. Es ist eine denkbar bunte Truppe, die er nach manchem Hin und Her schließlich zusammenbekommt: Die naive, aber technisch umfassend gebildete Nanelia (Darlanne Fluegel); der alte Space Cowboy (George Peppard); der Sklavenjäger Cayman (Morgan Woodward), der Sador ewige Rache geschworen hat, mitsamt seiner eigenartigen Crew; "Nestor" (Earl Boen) – eine Gruppe von Klonen mit einem kollektiven Bewusstsein; der verbitterte Berufskiller Gelt (Robert Vaughn); sowie die kampflüsterne Walküre Saint-Exmin (Sybil Danning). Zusammen mit den Bewohnern Akirs ziehen sie in die Schlacht gegen Sadors Mutanten und ihre alles zerstörende Höllenwaffe – den "Star Converter". Nur die wenigsten von ihnen werden diesen Kampf überleben.
Originell ist die Geschichte natürlich nicht gerade. Und als jemand, für den Die sieben Samurai zu den großartigsten Filmen aller Zeiten gehört, stehe ich selbst den besseren Rip-offs von Kurosawas Klassiker für gewöhnlich sehr skeptisch gegenüber. Dennoch halte ich Battle Beyond the Stars für einen auf seine simple und naive Art recht sympathischen Streifen. Hier und da schlägt das Drehbuch nicht ganz den richtigen Ton an {ein paar sehr müde Witze; eine angedeutete Vergewaltigung}, doch alles in allem haben wir es mit einen netten, kleinen, trashigen Weltraumabenteuer zu tun.
Was ihm seinen besonderen Charme verleiht, das sind vor allem die bizarren Aliens, die einen Gutteil unserer Heldentruppe ausmachen. In Star Wars dienen Außerirdische in erster Linie als exotische Staffage im Hintergrund. Von Chewbacca einmal abgesehen, scheint die Rebellenallianz in den ersten beiden Filmen ausschließlich aus Menschen zu bestehen. Erst in Return of the Jedi ändert sich das ein wenig. In Battle Beyond the Stars hingegen haben wir den reptilienhaften Cayman; die beiden Kelvins, die mittels Temperaturveränderungen kommunizieren; die fünf "Facetten" von Nestor. Diese exzentrischen Wesen verstärken noch den Eindruck, es mit einem Trupp von Misfits und Underdogs zu tun zu haben, die sich über alle "rassischen" und persönlichen Unterschiede hinweg zu einer Kampfgemeinschaft zusammenschließen, in der jeder bereit ist, für den anderen sein Leben zu lassen. Und auch wenn unsere Helden natürlich eher Klischees denn Charaktere sind, fühlen wir uns ihnen dennoch verbunden, und der Tod von vielen dieser kuriosen Krieger wird uns nicht völlig kaltlassen.
Mit einem Budget von ca. $2.000.000 war Battle Beyond the Stars der bis dahin teuerste von Roger Corman produzierte Film. Ein Großteil des Geldes soll allerdings für die Gage von Robert Vaughn und George Peppard draufgegangen sein. Sets und Spezialeffekte wurden in guter alter Corman-Manier "für'n Appel und 'n Ei" hergestellt. Wie Tonspezialist David Lewis Yewdall in seinem Buch Practical Art of Motion Picture Sound geschrieben hat: "The entire picture had been filmed in Venice, California, in his [Cormans] renowned lumberyard facility, and the spaceship interiors were crossbreeds of plywood, cardboard, styrofoam and milk crates". Das Ergebnis sieht für einen SciFi - Flick der Zeit erstaunlich gut aus. Übrigens stellte die Arbeit an den Modellen und Effekten für den damals fünfundzwanzigjährigen James Cameron den ersten großen Einstieg ins Hollywood-Geschäft dar. Gleichfalls nicht unerwähnt bleiben darf der prächtige Soundtrack von James Horner, der 1979/80 noch ganz am Anfang seiner Karriere stand, die ihn schließlich bis in Oscar-Höhen führen sollte. {Ja, der Mann hat auch die Musik zu Wrath of Khan [1982] geschrieben, und er hat offenbar kein Problem damit, seine eigenen Werke zu plündern.}
Daumen hoch für diesen charmanten B-Movie!
{Allerdings frage ich mich, warum so viele Filme die Eröffnungsszene von Star Wars kopieren, dabei jedoch genau das auslassen, was sie im Original so großartig macht? Kurz gesagt: Es braucht zwei Raumschiffe, um denselben Effekt zu erzielen!**}


Space Raiders (1983)

Wer sich im Anschluss an Battle Beyond the Stars Roger Cormans nächstes Weltraumabenteuer reinzieht, wird so manches Déja-vu erleben. Für Space Raiders stand ihm zweifelsohne ein sehr viel geringeres Budget zur Verfügung. Wen wundert's da, dass er ganz einfach noch einmal die Raumschiff- und Kampfszenen aus dem drei Jahre älteren Film verwendete? Und wenn man schon einmal am Plündern ist, warum nicht auch gleich die Musik mitgehen lassen? Leider sieht das Ergebnis zwar erwartungsgemäß billig aus, ist aber nicht verrückt und pulpmäßig genug, um richtigen Spaß zu machen. Schlimmer noch, die Story dreht sich um einen kleinen Jungen, der unter (ehrenwerte) Weltraumpiraten gerät. Und man muss wahrlich kein Kinderhasser sein, um zu wissen, dass einem der Balg schon bald ganz fürchterlich auf die Nerven gehen wird.



Eine Crew von Gaunern und Glücksrittern, die gegen ein böses, übermächtiges Wirtschaftsunternehmen kämpft? Das sollte eigentlich ganz nach meinem Geschmack sein. Doch ein abgebrühter Freibeuter, der es sich auf einmal in den Kopf setzt, die Rolle des heroischen Ersatzdaddys zu spielen, ist irgendwie so gar nicht cool. Klar, ich weiß, Hawk (Vince Edwards) ist einer von diesen "Schurken mit goldenem Herzen", aber könnte er das nicht auf andere Weise zeigen? Und wenn's denn wirklich sein muss, ist es zu viel verlangt, wenigstens einen nachvollziehbaren Grund dafür präsentiert zu bekommen, warum unsere Helden alles daransetzen, den Sohn eines führenden Angestellten eben jenes bösen Unternehmens zu beschützen? Der fiese Zariatin trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er Hawk fragt: "Why are you all so willing to die for him?" 
Und für einen Film, der offensichtlich ein kindliches Publikum erreichen sollte {wozu sonst Klein-Peter als Held}, wird in Space Raiders verdammt viel gestorben. Man sollte meinen, eine Geschichte wie diese hätte am ehesten als farbenfrohes, spaßiges Weltraumabenteuer funktionieren können. Stattdessen wollte Drehbuchautor und Regisseur Howard R. Cohen offenbar einen "ernsten", beinah schon "tragischen" Film drehen. Außer Hawk und dem Jungen gehen sämtliche Mitglieder der Crew bei ihrem "grandiosen Abenteuer" drauf! Und doch will der Streifen uns das Gefühl eines Happy Ends vermitteln. Es ist wirklich bizarr.
Das einzige, was mir an Space Raiders positiv aufgefallen ist, sind zwei Nebenfiguren. Der telepathisch begabte Außerirdische Flightplan (Thom Christopher) ist in seiner ruhigen und irgendwie sensibel wirkenden Art die mit Abstand sympathischste Gestalt des Filmes. Und mit der zigarillorauchenden Scharfschützin Amanda (Patsy Pease) dürfen wir endlich einmal eine kompetente Frau erleben, die nicht ständig halbnackt durch die Gegend laufen muss, wie das sonst in Filmen dieser Couleur all zu häufig der Fall ist. {Womit ich nichts gegen Caroline Munros Stella aus Starcrash gesagt haben will!}

Space Raiders macht einem wieder einmal bewusst, dass Schlock nicht immer spaßig sein muss. Oft genug handelt es sich dabei bloß  um mies gemachte und ziemlich langweilige Filmchen. Und auf dieser warnenden Note möchte ich unsere kleine Rundreise durch die wunderliche Welt der Star Wars - Rip-offs ausklingen lassen. B-Movies können etwas ganz wunderbares sein, aber die echten Juwelen muss man sich aus einem Ozean von billigem Trash herauspicken. 

{Es wäre schön gewesen, hätte ich wenigstens noch Metalstorm: The Destruction of Jared-Syn (1983) und Ice Pirates (1984) vorstellen können, doch leider habe ich momentan nicht die Möglichkeit, mir diese beiden Flicks wieder einmal anzuschauen.}


* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 174.
** Vgl.: RedLetterMedias Plinkett-Review von The Phantom Menace. Teil 1 - 10:48.