"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Sonntag, 29. März 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (2/3)

 Teil 1

Aus einer Woche sind mehrere Monate geworden, aber schließlich habe ich es doch geschafft, einen weiteren Teil meiner Gedanken zu Glen Cooks Black Company "zu Papier" zu bringen. Allerdings beschränke ich mich darin ganz auf den ersten Band der Trilogie. Dieser Blogbeitrag wird also noch einen dritten Teil bekommen. Wann das geschehen wird, steht noch in den Sternen, aber ich hoffe doch, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird.  
 
 
Glen Cook schrieb die Black Company ursprünglich in Form einer Reihe aufeinander aufbauender Novellen, von denen allerdings nur Raker, das spätere dritte Kapitel, in der Augustausgabe 1982 des Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht wurde. 
 
Ganz ausdrücklich sei es ihm bei seiner Erzählung um den Söldnertrupp nicht darum gegangen, bewusst die Konventionen der epischen oder heroischen Fantasy zu brechen. Zwar habe er die Idee gehabt, seine Geschichte "from the viewpoint of the grunts" zu erzählen und diese dabei anfangs zu den "'bad guys'" zu machen, doch sei dies keine "Wow! Wouldn’t this be a kickass twist? kind of decision" gewesen. "I’ve never seen the Black Company series as especially different. Some people seem to disagree."
 
Über Cooks Agenten Russell Galen gelangte das Manuskript schließlich auf den Schreibtisch der für  die Horrorsparte Verantwortlichen bei Tor. Deren erste Reaktion war ablehnend. Vor allem, da es ihr unmöglich war, Sympathien für irgendeine der Figuren zu entwickeln. Was der Autor einmal etwas sarkastisch so kommentiert hat:
Well, I wanted to write a book about real medieval mercenaries. These aren't kind and gentle people. Not exactly left-leaning democrats. 
Doch einige Wochen später erreichte Cook eine weitere Nachricht der Editorin, die ungefähr so lautete: "I can't get this out of my head. There is something here that works and I want to do the book." Also trafen sich die beiden während der World Fantasy Convention 1983 in Chicago, palaverten stundenlang über das Buch (wobei auch eine Menge Alkohol geflossen sein soll) und brachten die Geschichte schließlich in eine Form, mit der beide leben konnten. Das führte u.a. auch dazu, dass die Black Company, die ursprünglich nur ein einziger Roman sein sollte, auf eine (erste) Trilogie anwuchs.  
 
Cover von Didier Graffet für die französische Ausgabe von The Black Company 
 
Ich sollte an dieser Stelle wohl noch einmal betonen, dass ich bislang nur diese erste Trilogie gelesen habe. Meine Einschätzung basiert also ausschließlich auf The Black CompanyShadows Linger und The White Rose. Gut möglich, dass manches in späteren Büchern ganz anders aussieht.
 
Abgesehen von einem signifikaten Teil von Shadows Linger (und einem kleineren in The White Rose) wird die Geschichte ganz in der ersten Person und von Croaker, dem Regimentsarzt und offiziellen Chronisten der Black Company, erzählt. Nun ist es sicher nicht ganz falsch, in ihm eine Art Stand-In für den Autor zu sehen. In einem Interview mit J. Buck Caldwell hat Cook sogar mal ganz offen erklärt: "Croaker is me". Dennoch halte ich es für wichtig, sich beim Lesen stets bewusst zu sein, dass man die Ereignisse aus einem ganz bestimmten, keineswegs "neutralen" oder "objektiven" Blickwinkel erzählt bekommt. Und dass wir als Lesende dabei nicht in jedem Fall Croakers Sicht auf die Dinge unbesehen übernehmen sollten. 
 
Dennoch war es vor allem seine Erzählstimme, die mich sofort gefesselt und dann nicht mehr losgelassen hat. Ihm zu lauschen, ist einfach ausgesprochen unterhaltsam, ganz gleich, was er einem erzählt. Grund dafür ist u.a. sein sarkastischer Sinn für Humor. Dass dieser auch eine Art mentaler Überlebensstrategie für Croaker darstellt, wird recht früh in einem kurzen Wortwechsel mit seinem besten Kumpel Elmo hervorgehoben:
"One of these days you're going to say something without getting sarcastic and I'll curl up and die, Croaker."
"Keeps me sane, friend."
"That's debatable, Croaker. Debatable." 
Vor allem im ersten Buch legt Croaker eine sehr zynische Sicht auf die Welt und die Rolle, die die Black Company in ihr spielt, an den Tag. Aber selbst dann fühlt er sich zumindest dazu gedrängt, immer wieder zu versuchen, das Verhalten des Söldnertrupps zu rechtfertigen. Er ist jemand, der zu Reflexionen neigt und sich seine eigenen Gedanken macht, was ihn beinahe automatisch dazu führt, nichts einfach so hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen. Auch hat er sich trotz seines blutigen Handwerks eine gewisse Menschlichkeit bewahrt. Auch wenn er es selten zulässt, dass davon seine Handlungen bestimmt werden.
 
Um Croakers Verhalten und das seiner Kameraden zu verstehen, muss man sich klar machen, was die Black Company eigentlich ist und was sie für ihre Mitglieder bedeutet.
 
Der Elite-Söldnertrupp ist "the last of the Free Companies of Khatova". Wer oder was Khatova war, weiß zum Zeitpunkt der ersten Trilogie allerdings keiner mehr. Ein Land? Eine Stadt? Ein Herrscher oder ein Feldherr? Aber auch wenn der Ursprung der Company im Nebel der Vergangenheit verlorengegangen ist, spielt ihre jahrhundertealte Tradition -- von den Chronisten festgehalten -- eine wichtige Rolle für ihr Selbstverständnis. Zu Croakers Aufgaben gehört es nicht nur, die Taten der Company aufzuzeichnen, sondern auch in regelmäßigen Abständen öffentliche Lesungen aus den Annalen zu veranstalten, um die Moral der Truppe mit (möglichst passenden) Exempeln aus ihrer langen Geschichte zu stärken.
Dennoch bekommt man nicht das Gefühl, dass dieser auf Tradition basierende "Truppen-Patriotismus" das wichtigste Element für den Zusammenhalt der Black Company ist. Für Croaker persönlich ist er vermutlich wichtiger als für viele seiner Kameraden. Andere, "banalere" Gründe dürften für die meisten von ihnen sehr viel ausschlaggebender sein.
 
Psychologische Studien über Soldaten im 2. Weltkrieg (aus unterschiedlichsten Armeen) haben öfters zu dem Ergebnis geführt, dass die wichtigste Antriebskraft derselben nicht ideologischer Natur gewesen sei, sondern aus der sog. "Primary Group Cohesion" bestanden habe, d.h. aus dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen kleinen Einheit. William Manchester hat dies in seinen Kriegsmemoiren Goodbye Darkness so beschrieben:
Those men on the line were my family, my home. They were closer to me than ... my friends had ever been or would be. They had never let me down, and I couldn't do it to them ... Men, I now knew, do not fight for flag or country, for the Marine Corp or glory or any other abstraction. They fight for one another. (1)
Daran musste ich bei der Lektüre der Black Company mehr als einmal denken.  
 
Für deren Mitglieder können ideelle oder ideologische Antriebe natürlich erst recht kaum eine Rolle spielen. Schließlich sind sie Söldner und kämpfen weder für ein "Vaterland" noch für eine Idee, sondern für bare Münze. Zugleich besteht ihr gesamtes Leben in gewisser Hinsicht aus einem nie endenden Feldzug, auch wenn sich die Company selbstverständlich nicht permanent im Kampfeinsatz befindet. Aber "Frieden" gibt es für sie praktisch nicht, denn der Krieg ist ihr Handwerk. 
Die Verbundenheit zur eigenen Truppe wird für diese Berufskrieger deshalb sicher eine noch weit größere Rolle spielen als dies im Soldatendasein ohnehin schon der Fall ist. Zumal die Black Company die einzige soziale Gemeinschaft ist, die für sie noch existiert. Croaker und seine Kameraden stammen ursprünglich aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Aber mit dem Eintritt in die Company haben sie jede Verbindung zu dieser Vergangenheit gekappt. Für viele von ihnen war das sogar einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich dem Söldnerleben verschrieben haben. Das gilt selbst für den Kommandanten der Company, von dem Croaker erzählt:
In all the years I have known the Captain I have learned almost nothing about him. Just a hint here and there, fleshed out by speculation.
He was born in one of the Jewel Cities. He was a professional soldier. Something overturned his personal life. Possibly a woman. He abandoned commission and titles and became a wanderer. Eventually he hooked up with our band of spiritual exiles.
We all have our pasts. I suspect we keep them nebulous not because we are hiding from our yesterdays but because we think we will cut more romantic figures if we roll our eyes and dispense delicate hints about beautiful women forever beyond our reaches. Those men whose stories I have uprooted are running from the law, not a tragic love affair.  
In dieser Hinsicht erinnert die Black Company stark an das Bild, das wir uns traditionell von der Französischen Fremdenlegion machen. Zu ihren ungeschriebenen Gesetzen gehört es, einen Kameraden niemals nach der "Zeit davor" zu fragen.
 
Wenn die Company längere Zeit an einem Ort stationiert ist, können sich zwar Beziehungen zur ansässigen Bevölkerung ausbilden, doch sind diese von Natur aus temporär. Wie Croaker zu Beginn des Buches im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppe aus der Stadt Beryl erzählt:
You stop moving and immediately put down roots. You accumulate things. You find a woman. Then the inevitable happens and you have to leave it all. There was a lot of pain floating around our barracks.
Wenn die Black Company für ihre Mitglieder so etwas wie "Heimat" oder "Familie" darstellt, man seine Kameraden als "Brüder" betrachtet, ist das nicht Ausdruck eines faschistoid-militaristischen Männerbündlertums, sondern einfach die natürliche Konsequenz dieser Lebensumstände. Und wird von Cook überdies ohne jede Romantisierung geschildert.
Daraus erklärt sich auch, warum das Überleben der Company als Gruppe für Leute wie Croaker einen so hohen Wert darstellt. Wir werden in den späteren Teilen der Trilogie noch sehen, welch entscheidenden Einfluss auf die Handlung das haben wird.
 
Dass die Company einfach für den Meistbietenden kämpfen würde, wie man in einigen Besprechungen der Bücher zu lesen bekommt, ist übrigens nicht ganz richtig. Denn sie besitzt sehr wohl so etwas wie einen "Ehrenkodex", auch wenn der nichts mit "Ritterlichkeit" oder ähnlichem zu tun hat. Eher schon könnte man ihn als eine Art "Berufsethos" beschreiben. Zum einen haben die Söldner den Anspruch, ihr blutiges Handwerk besser, geschickter und vor allem erfolgreicher zu betreiben als jede vergleichbare Truppe. Darüberhinaus legen sie aber auch besonderen Wert auf ihre unverbrüchliche Loyalität, wenn sie erst einmal angeheuert worden sind. Im Laufe ihrer langen Geschichte hat die Black Company vielen Herren gedient. Aber nie hat sie einen von ihnen verraten.
 
Entsprechend bedeutungsvoll ist es, dass das erste Buch mit genau so einem Verrat beginnt.
 
Seit einiger Zeit steht die Black Company im Dienst des Syndics von Beryl. Doch dessen Herrschaft wird zunehmend instabiler. Erst recht, nachdem ein geheimnisvoller Gesandter aus dem Norden eingetroffen ist, dessen Ziel offenbar darin besteht, den Stadtstaat in das Protektorat einer fremden Großmacht zu verwandeln. Und zeitgleich ein Monster beginnt, die Straßen der Metropole unsicher zu machen. Der Captain der Company gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es Selbstmord wäre, dem Syndic noch länger die Treue zu halten. Croaker, der als Chronist diesen Prinzipienbruch vor der Nachwelt rechtfertigen muss, ist nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung, beharrt aber nicht auf seinem Protest. Also fällt die Company den regulären Truppen von Beryl in den Rücken und zieht anschließend mit ihrem neuen Patron nach Norden. Zu spät realisieren die Söldner, in wessen Dienst sie damit getreten sind.
 
Vor langer Zeit herrschte der "Dominator", ein kaum mehr als Mensch zu bezeichnender Meister der Schwarzen Magie, über ein gewaltiges Reich des Bösen. Am Ende wurde seine Tyrannei durch einen Aufstand beendet, an dessen Spitze eine Frau stand, die nur als "The White Rose" bekannt ist. Doch weder der "Dominator", noch seine Gemahlin oder seine mächtigsten Gefolgsleute, die sogenannten "Taken" (2), konnten wirklich getötet werden. Vielmehr wurden sie zu (wie man hoffte) "ewigem" Totenschlaf in den Hügelgräbern der "Barrowlands" verdammt. Unglücklicherweise nahm die Wachsamkeit der Nachgeborenen über die Generationen mehr und mehr ab, bis die unvorsichtige Neugier des Magiers Bomanz schließlich zur Katastrophe führte. Der "Dominator" selbst blieb zwar eingeschlossen, doch seine ehemalige Gattin, die "Lady", erhob sich erneut und errichtete zusammen mit den "Taken" ein neues finsteres Imperium. In ihren Diensten steht von nun an auch die Black Company.   
 
Der Struktur des ersten Buches sieht man noch ziemlich deutlich dessen Entstehungsgeschichte an. Viele der frühen Kapitel besitzen einen novellenartigen Charakter und erzählen weitgehend in sich abgeschlossene Episoden. Im Auftrag der "Lady" (und ihres neuen Patrons Soulcatcher) zieht die Black Company in den Kampf gegen eine Rebellenbewegung, die erneut das Banner der "Weißen Rose" (3) aufgerichtet hat. Zur Schilderung großer Schlachten kommt es dabei vorerst nicht, vielmehr erleben wir mit, wie die Company nacheinander einige der wichtigsten Führer des Widerstandes ausschaltet, ohne dass dadurch das Ende des Krieges irgendwie näher zu rücken scheint. 
 
Trotz ihres episodischen Charakters führen diese Kapitel aber auch einige Elemente ein, die eine wichtige Rolle in der Gesamt-Trilogie spielen werden. Das sind vor allem drei:
- Recht bald schon entwickelt sich eine heftige Feindschaft zwischen der Black Company und dem "Limper", einem der zehn "Taken".
- Kurz nach ihrer Ankunft im Norden schließt sich ein Mann namens Raven der Company an. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er aus aristokratischen Kreisen, hat seinen Rang jedoch eingebüßt, wobei Verrat mit im Spiel gewesen sein dürfte. Irgendwie fügt er sich nie so richtig in die Truppe ein, obwohl er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zum Captain entwickelt. Croaker steht ihm ambivalent gegenüber. Es fällt ihm schwer, ihn und seine Motive richtig einzuschätzen. Relativ früh auf dem Feldzug rettet Raven das taubstumme Mädchen "Darling" vor einer Gruppe marodierender Soldaten des "Limper". In der Folge wird "Darling" zu so etwas wie dem "Maskottchen" der Black Company und ihr Wohlergehen scheint schon bald Ravens höchstes (wenn nicht einziges) Ziel zu sein.
- Nachdem die Company das Hauptquartier von Whisper, der brillantesten Heerführerin der Rebellen, eingenommen hat, fällt Croaker und seinen Kameraden ein Haufen alter Aufzeichnungen in die Hände, die möglicherweise die Wahren Namen der "Taken" und der "Lady" enthalten könnten. Was eine mächtige Waffe gegen diese darstellen würde.
 
Vor allem aber machen uns die Kapitel näher mit der Black Company und dem Kreis um Croaker bekannt: Dem Captain, seiner "rechten Hand", dem Lieutenant, Elmo, Otto, Hagop und anderen. Die markantesten Figuren sind dabei sicher die drei Magier der Truppe: Silent, der nie ein Wort spricht (warum, weiß keiner), sich aber vermutlich mehr Gedanken macht als die meisten seiner Kameraden. Auch wenn er nach außen hin kalt, rücksichtslos und manchmal grausam erscheint, bekommt man doch den Eindruck, dass sich hinter dieser Fassade ein ziemlich komplexes Gefühlsleben verbirgt. One-Eye, das älteste Mitglied der Company und der einzige Schwarze, den es in der "schwarzen" Schar noch gibt. Er hat eine Nase fürs Finanzielle, stets gute Kontakte zum örtlichen Schwarzmarkt, und ist neben Croaker der einzige in der Truppe, der über medizinische Kenntnisse verfügt, auch wenn seine Rezepturen oft etwas "ungewöhnlich" ausfallen. An Exzentrizität wird er höchstens noch von Goblin übertroffen. Zwischen den beiden herrscht eine nie endende Rivalität. Ständig versuchen sie sich mit ihren Zauberformeln gegenseitig zu übertreffen. Ihre "Scherze" können mitunter recht gewalttätig ausfallen und ihr Mangel an Disziplin führt manchmal zu unnötiger Gefahr, aber trotz allem sind sie im Herzen eigentlich Freunde, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Wir erhalten außerdem ein Gefühl für das Leben, das diese Menschen führen -- zwischen extremer Gewalt und Langeweile, Kartenspielen und "Kommandoeinsätzen". 
 
Mehr als einmal bin ich bei der Recherche auf Vergleiche der Black Company - Bücher mit der Vietnamkriegsliteratur der Zeit gestoßen. Steven Erikson etwa hat einmal geschrieben: "Reading his [Cook's] stuff is like reading Vietnam war fiction on peyote". Diese Kommentare veranlassten mich dazu, einmal wieder eines der "Originale" aus dem Regal zu pflücken -- Dispatches (An die Hölle verraten) von Michael Herr. Was mich sehr schnell davon überzeugt hat, wie unangemessen ein solcher Vergleich ist. Nichts in Cooks Büchern lässt sich mit der Flut an subjektiven Eindrücken, kurzen Szenen, Skizzen und Anekdoten vergleichen, die Herr im Stil des Gonzo-Journalismus über seine Leser*innen hereinbrechen lässt und die bei diesen schon bald zu Übelkeit und Desorientierung führen muss. Das ist kein bloß stilistischer Unterschied. Herr vermittelt auf diese Weise ein extrem intensives Bild des schieren Wahnsinns von Vietnam in all seinen grausigen Facetten. Dabei ist Dispatches nicht einmal aus einer expliziten Antikriegsperspektive geschrieben, Herr versucht einfach bloß zu schildern, "wie es war". (4) Man mag einwenden, dass An die Hölle verraten keine fiktionale Literatur ist und sich deshalb nur schlecht als Vergleich eignet, aber Elemente aus dem Buch sind in fiktionale (wenn auch filmische) Werke wie Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) eingeflossen, an deren Drehbüchern Michael Herr mitgeschrieben hat. Auf jeden Fall entwickelt Cooks Roman zu keinem Zeitpunkt eine vergleichbare Energie. Was ich gar nicht als Kritik verstanden wissen will. Andernfalls wäre The Black Company kaum eine so unterhaltsame Lektüre. 
 
Dass man rein inhatlich einige Anklänge an Vietnam aus dem Roman heraushören kann, will ich hingegen gar nicht leugnen. Was nicht verwunderlich ist, dürfte dies doch der Krieg gewesen sein, der zu Beginn der 80er Jahre den meisten Amerikanern noch sehr gegenwärtig war. Die Black Company kämpft auf Seiten einer imperialen Großmacht gegen eine Bewegung von Aufständischen. Da kann man natürlich Parallelen zur US-Armee und den Partisanen der National Liberation Front (NLF) ziehen. Das Gefühl, von einer feindseligen Bevölkerung umgeben zu sein und hinter jedem fremden Gesicht einen potenziellen Rebellen vermuten zu müssen, ähnelt jedenfalls ganz sicher der Erfahrung amerikanischer Soldaten in Vietnam. Und so wie der Gegner im GI-Jargon als "Charlie" (Viet Cong = Victor Charlie) bezeichnet wurde, spricht man in der Company stets von "the Rebel" im Singular. Auch hat mich eine von Whispers Strategien spontan an die Tet-Offensive von 1968 denken lassen, auch wenn die Ähnlichkeiten in Wirklichkeit vermutlich nicht gar so groß sind.
 
Nichts von all dem sollte einen allerdings dazu verleiten, in dem Buch eine Art Vietnamkriegsallegorie zu sehen. Und wenn man schon nach Anspielungen suchen will, so sind die auf Tolkiens Lord of the Rings sehr viel eindeutiger.
 
Zuerst einmal erinnern die "Taken" unschwer an die Nazgûl, auch wenn sie anders als die Ringgeister über individuelle Persönlichkeiten, Motive und Ziele verfügen, und zumindest einige von ihnen dabei fast menschlich wirken können. Wenn sie sich auf ihren Fliegenden Teppichen durch die Lüfte schwingen, lässt das anfangs zwar auch ein bisschen an Tolkien denken, doch wird man darin im weiteren Verlauf der Erzählung (und erst recht im dritten Band) vor allem das Fantasyäquivalent zu Helikoptern, Düsenjägern oder Bombern erkennen. (5)
Gar kein Zweifel an einer bewussten Anspielung auf den Lord of the Rings besteht hingegen, wenn erstmals die Rede vom "Auge" der "Lady" ist. Goblin soll telepathischen Kontakt zu Soulcatcher aufnehmen. Doch unglücklicherweise befindet sich der Patron der Black Company zu diesem Zeitpunkt gerade im Turm der "Lady" und der Zauberer gerät deshalb ungewollt in das Blickfeld ihres "Auges".
Goblin let out a long, shrill screech as chilling as an owl's when you are alone in the woods at midnight. One-Eye charged at the sound.
Such moments make me doubt the sincerity of their animosity.
Goblin moaned. "He's in the Tower. He's with the Lady. I see her through his eyes ... his eyes ... his eyes ... The darkness! Oh, God, the darkness. No! Oh, God, no! No!" His words twisted into a shriek of pure terror. That faded to, "The Eye. I see the Eye. It's looking right through me."
Raven and I exchanged frowns and shrugs. We did not know what he was talking about.
Goblin sounded like he was regressing toward childhood. "Make it stop looking at me. Make it stop. I've been good. Make it go away."  
Da wird man doch unwillkürlich an Pippin und den Palantir denken müssen. 
Wie sich später herausstellt, ist das "Auge" allerdings eher ein magisches Instrument, mit dessen Hilfe die "Lady" den Geist eines Menschen zu durchleuchten und ihm sämtliche Gedanken und Erinnerungen zu entreißen vermag. Verglichen mit Sauron findet hier also eine Art "Entmythologisierung" statt.
Dasselbe gilt für den "Turm", der zwar selbstverständlich an Barad-dûr erinnern soll, sich aber gerade nicht inmitten einer Wüstenei à la Mordor erhebt. Auch wenn solche Vorstellungen unter den Rebellen weitverbreitet sind.
Nearer the Tower the land became less pastoral, but never reflected the gloom Rebel propagandists placed around the Lady's stronghold. No brimstone and barren, broken plains. No bizarre, evil creatures strutting over scattered human bones. No dark clouds ever rolling and grumbling in the sky. 
Der "Turm" ist auch der Schauplatz der gewaltigen Schlacht von Charm, die den Höhepunkt darstellt, auf den die Handlung des ersten Buches bei aller Episodenhaftigkeit der frühen Kapitel zusteuert. 
 
Die vereinigten Heere der Rebellion marschieren auf die Festung der "Lady". Am Himmel ist ein Komet aufgetaucht, der der Überlieferung nach dort auch beim Sieg über den "Dominator" gestanden haben soll. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Das einzige, was zur Erfüllung der alten Prophezeiungen fehlt, ist das verheißene Erscheinen einer Wiedergeburt der "Weißen Rose" selbst. Die "Lady" lässt es nicht zu einer offenen Feldschlacht kommen, sondern konzentriert sich darauf, ihre Stellung zu befestigen und den "Turm" bis zur Ankunft eines Entsatzheeres zu halten.
 
Die Schlacht von Charm ist ein gewaltiges Gemetzel, bei dem Zehntausende den Tod finden, und in dessen Verlauf sich die "Lady" aller ihrer offenen und verborgenen Feinde entledigt. Nicht nur gelingt es ihr, die gesamte Streitmacht der Rebellen auf einen Schlag zu vernichten, sie nutzt das Chaos auch, um eine Reihe von "Taken" auszuschalten, die heimlich mit dem "Dominator" im Bunde standen und dessen Wiedererweckung herbeiführen wollten. Dass dabei auch eine erkleckliche Anzahl ihrer eigenen Männer das Leben lassen müssen, nimmt sie bereitwillig in Kauf.
 
Epische Schlachtschilderungen in der Fantasyliteratur lassen mich oft kalt. Im Grunde halte ich es da mit dem alten Tolkien, der einmal gesagt hat: "Schlachten pflegen einander allzu ähnlich zu sehen".(6)Die letzte Fantasyschlacht, die mich wirklich gepackt hat, war diejenige in Steven Brusts Dragon. Denn die wird nicht nur aus der Sicht der "Grunts" geschildert, sondern dank Vlad Taltos als Erzähler auch mit einem ironischen Blick auf all das militaristische Gedöns. Die Schlacht von Charm hatte auf mich nicht ganz dieselbe Wirkung. Croaker & Kumpanen gehören zwar zum "Fußvolk", stehen aber nicht unmittelbar im "Schützengraben". Als Elitetruppe bildet die Black Company vielmehr den letzten Schutzwall um den "Feldherrenhügel" der "Lady". Auch wenn das fürchterliche Gemetzel bei Croaker zum ersten Mal echte Kriegsmüdigkeit aufkommen lässt, bleibt er für große Teile des blutigen Geschehens doch hauptsächlich "Beobachter" (wenn er nicht gerade im Lazarett zugange ist). Vor allem jedoch wird die Belagerung zum Anlass für die besondere Beziehung, die sich zwischen ihm und der "Lady" entwickelt, und die dann vor allem im dritten Band zu einer merklichen Perspektivverschiebung der gesamten Erzählung führen wird.

Von früh an entwickelt Croaker eine (vielleicht etwas ungesunde) Faszination für die finstere Dienstherrin der Company. Und da er auch abseits seiner offiziellen Funktion als Chronist gewisse schriftstellerische Neigungen hegt, beginnt er spaßeshalber Romanzen über sich und die "Lady" zu schreiben. Was auf Jahre hinaus zu einem "running gag" unter seinen spottlustigen Kameraden wird. Als die "Lady" ihn dann allerdings tatsächlich zu sich beordert, verlässt ihn sein Übermut sehr schnell und er hat die Hosen gestrichen voll. Denn die reale "Lady" ist alles andere als eine romantische Figur. Aus Gründen, die Croaker nicht wirklich versteht, wünscht sie, dass ein "objektiver" Bericht über die bevorstehende Schlacht angefertigt wird, und hat sich ihn für diese Aufgabe ausgewählt. Einerseits verstärkt das noch Croakers Position als  "Beobachter", anderereseits erfährt er dabei, dass der Führungszirkel der "Weißen Rose" (angeblich) von heimlichen Anhängern des "Dominators" durchsetzt ist. Vor allem aber erlebt er hautnah mit, wie die "Lady" mit Soulcatcher abrechnet, bei dem es sich in Wirklichkeit um die Schwester der Dunklen Herrin handelt. Und dieses Erlebnis lässt ihn erstmals so richtig an seiner zynischen Weltsicht zweifeln.
I could not get my feelings straight. I did not believe in evil as an active force, only as a matter of viewpoint, yet I had seen enough to make me question my philosophy. If the Lady were not evil incarnate, then she was as close as made no difference. 
Weiterreichende Konsequenzen für sein Handeln hat das vorerst zwar noch nicht, denn wie er selbst sagt:
There are limits to one's luck, one's power, to how much one dares resist. I hadn't the nerve to follow through on my impulse. Later, maybe. 
Ganz sicher jedoch hat es einen Einfluss darauf, wie Croaker auf die überraschende Wendung reagiert, mit der der erste Band zum Abschluss kommt. 
 
Erste subtile Anzeichen dafür hatte es zwar auch vorher schon gegeben, doch auf den letzten Seiten von The Black Company erweist es sich dann endgültig, dass die taubstumme "Darling" die wiedergeborene "White Rose" ist. Raven nutzt das Durcheinander der Schlacht, um zusammen mit seinem Schützling zu fliehen. Als Croaker ihm auf die Schliche kommt, lässt er ihm heimliche Unterstützung zukommen, wohlwissend, dass die "Lady" einen derartigen Verrat niemals verzeihen wird. Überraschenderweise schließt sich ihm dabei auch der Zauberer Silent an. Nicht dass Croaker nun im Inneren auf die Seite der Rebellion übergetreten wäre. Ihm geht es erst einmal bloß darum, das Leben einer Unschuldigen zu retten, die auch ihm etwas bedeutet. Doch zugleich hegt er zumindest die vage Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, die nicht von Leuten wie der "Lady" oder dem "Dominator" beherrscht wird. Seine Entscheidung wird noch sehr schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
 
Ich denke, danit wäre der Punkt erreicht, abschließend ein paar vorläufige Überlegungen zu The Black Company und der Grimdark anzustellen.
 
Glen Cook erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Söldnertruppe, die im Dienst einer Dunklen Herrscherin steht. Natürlich ist das Szenario dreckig, finster und blutig. Was würde man anderes bei dieser Prämisse erwarten? Und selbstverständlich sind unsere Protagonisten alles andere als liebenswert-nette Gestalten. Den meisten von ihnen würde man im realen Leben wohl lieber nicht über den Weg laufen. Wir bekommen zwar nur selten offen gezeigt, zu welchen Brutalitäten diese Männer fähig sind, aber an einer Stelle, als die Mitglieder der Company sich nach einem Sieg etwas "austoben", schreibt Croaker selbst über seine Kameraden.   
You know they are vicious, violent and ignorant. They are complete barbarians, living out their cruelest fantasies, their behavior tempered only by the presence of a few decent men. I do not often show that side because these men are my brethren, my family, and I was taught young not to speak ill of kin.
Doch für sich allein genommen macht das in meinen Augen noch nicht notwendigerweise "grim & gritty" aus. Wie ich im ersten Teil dieses Beitrags schon einmal gesagt habe, bin ich immer erst einmal skeptisch, wenn im Zusammenhang mit Grimdark der so häufig missbrauchte Begriff "Realismus" fällt. Aber hier scheint er mir wirklich angebracht zu sein. Das sind Leute, die den Krieg zu ihrem Beruf gemacht haben. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie sie zur Black Company gefunden haben. Selbst von Croaker hören wir wenig mehr, als dass er aus einem städtischen Umfeld stammt. Aber ganz gleich, warum sie sich ursprünglich dem Trupp angeschlossen haben, diese Art von Leben wird psychologische Auswirkungen haben. Wer längerfristig dabeibleibt, wird entweder über einen entsprechenden Charakter verfügen oder ihn entwickeln. Bestenfalls wird er sich wie Croaker dazu getrieben fühlen, "[to] hung armor plate over my moral soft spots".  Wie sonst sollte man das überstehen, ohne verrückt zu werden? Und um noch einmal auf Michael Herrs An die Hölle verraten zurückzugreifen: Die größte Ähnlichkeit bestand für mich zwischen dem, was Herr im Khe Sanh - Kapitel seines Buches über eine Gruppe von Marines erzählt, und Cooks Darstellung des Verhaltens seiner Söldner und ihrer Gruppendynamik. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Marines eine Heimat haben, in die sie zurückzukehren hoffen.
 
Für mich persönlich definiert sich die Grimdark in erster Linie über zwei Faktoren: Das Welt- und Menschenbild, das von dem fraglichen Werk zum Ausdruck gebracht wird, sowie die Art der Darstellung.
 
Wie schon mehrfach erwähnt, ist Croakers Sicht auf die Welt eine sehr zynische: 
Every ruler makes enemies. The Lady is no exception. The Sons of the White Rose are everywhere ... If one chooses sides on emotion, then the Rebel is the guy to go with. He is fighting for everything men claim to honor: freedom, independence, truth, the right ... All the subjective illusions, all the eternal trigger-words. We are minions of the villain of the piece. We confess the illusion and deny the substance.
There are no self-proclaimed villains, only regiments of self-proclaimed saints. Victorious historians rule where good or evil lies.
We abjure labels. We fight for money and an indefinable pride. The politics, the ethics, the moralities. are irrelevant. 
Ob die Erzählung diese Weltsicht bestätigt, ist jedoch eine ganz andere Frage. Und zwar eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so leicht beantworten lässt.
Fakt ist, dass wir mehrfach demonstriert bekommen, dass die Rebellenbewegung in der Wahl ihrer Mittel und der Art ihres Vorgehens nicht weniger skrupellos und brutal ist als die Truppen der "Lady". Das extremste Beispiel dafür ist die Folterkammer, die Croaker und seine Kameraden auf einem ihrer Einsätze entdecken.
Torture chambers exist, of course, but the mass of men never see them, so they never really believe in them. I'd never seen one before.
I surveyed the instruments, looked at Zouad strapped into a huge bizarre chair, and wondered why the Lady was considered such a villain. These people said they were the good guys, fighting for the right, liberty, and the dignity of the human spirit, but in method they were no better than the Limper.
Dies könnte den Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Problem revolutionärer Gewalt abgeben. Der komplexen Frage über die dialektische Beziehung zwischen Mitteln und Ziel, und wo die Linie verläuft, die man nicht überschreiten kann, ohne damit die eigenen Ideale zu verraten. Doch das geschieht nicht und Cook wäre vermutlich auch nicht der richtige Autor dafür. Und so bleibt in der Tat der Eindruck zurück, dass letztlich kein moralischer Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten besteht.
Die Frage bleibt vor allem deshalb so diffus, weil wir so wenig konkretes über die Welt erzählt bekommen, in der die Geschichte spielt. Der "Realismus" von Cooks Erzählung beschränkt sich völlig auf die Darstellung der Black Company als einer Einheit von Berufssoldaten. Alles jenseits davon bleibt äußerst skizzenhaft. Wir erhalten keinen wirklichen Eindruck von der sozialen, kulturellen und politischen Realität dieser Welt und können uns deshalb auch kein richtiges Bild von der Rebellion und ihren Zielen machen. In dieser Hinsicht bleibt alles auf einer abstrakt-moralischen Ebene.
Dennoch würde ich sagen, dass man das Buch nicht notwendigerweise als Bestätigung einer zynischen Weltsicht lesen muss. Auch wenn der Text ohne Zweifel entsprechende Tendenzen enthält. Doch spätestens wenn die "Lady" beinahe wortwörtlich Croakers ursprüngliche Ansichten wiederholt, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen, sollte uns das zu denken geben.
Evil is relative, Annalist. You can't hang a sign on it. You can't touch it or taste it or cut it with a sword. Evil depends on where you are standing, pointing your indicting finger. 
Croakers finaler Sinneswandel spricht gegen diesen zynischen Relativismus. Auf jeden Fall macht er die Dinge sehr viel weniger eindeutig. Wir werden noch sehen, wie sich diese Frage im Rest der Trilogie weiterentwickeln wird. 

Wenn ich was den ersten Punkt betrifft also durchaus Ansätze zur Grimdark in The Black Company erkennen kann, gilt das in keiner Weise für den zweiten. Glen Cook selbst hat einmal gesagt: "It doesn't glorify war; it's just people getting on with the job." Dieser Einschätzung würde ich mich weitgehend anschließen. Natürlich wird man beim Lesen eine gewisse Sympathie für Croaker und seine Kumpels entwickeln, auch wenn man sich der Greueltaten bewusst ist, die die Mitglieder der Black Company mitunter begehen können. Doch nie werden deren Gewalttaten als "cool" dargestellt. Unsere Protagonisten sind keine "edgy" Antihelden. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zu keinem Zeitpunkt ergeht sich Cook in der fasziniert-voyeuristischen Darstellung von Gewalt, die für mich eines der definierenden Merkmale der Grim & Gritty ist. Die Schilderung der Schlacht von Charm etwa ist nicht blutrünstiger als das, was man bei Tolkien oder anderen "Klassikern" zu lesen bekommt. Cook verschließt zwar nicht die Augen vor Grausamkeit, sinnloser Zerstörungswut, sexualisierter Gewalt und anderen verstörenden Realitäten des Krieges, aber er malt sie auch nicht auf geradezu genießerische Weise aus, um damit zu schockieren. Und das ist für mich von wirklich entscheidender Bedeutung.
 
Das letzte Wort zum Thema Grim & Gritty ist damit zwar noch nicht gesagt, aber der Rest wird warten müssen, bis ich meine Gedanken zu Band 2 & 3 der Trilogie ausformuliert habe. Für heute ist jedenfalls erst Mal schluss.    
 

 

 
 
(1) Zit. nach: James M. McPherson: For Cause & Comrades. Why Men Fought in the Civil War. S. 86. Natürlich spielt der Charakter des Krieges dabei eine wichtige Rolle.  In einem revolutionären Krieg dürften ideelle Motivationen eine größere Rolle spielen als in einem imperialistischen. McPhersons Untersuchungen zum Amerikanischen Bürgerkrieg sind dafür ein überzeugendes Beispiel.
 
(2) Die "Ten Who Were Taken" waren einst selbst mächtige Zauberer, die der "Dominator" in seine willfährigen Werkzeuge verwandelt hat. Ob sie lebendig, untot oder irgendetwas dazwischen sind, wird nie genau definiert. Sie tragen so farbenfrohe Namen wie Soulcatcher, The Limper, Shapeshifter, The Howler, Stormbringer, Bonegnasher, The Hanged Man, Moonbiter, Nightcrawler und The Faceless Man. 
 
(3) Ob der Name der Rebellenbewegung von der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Sophie & Hans Scholl, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Kurt Huber inspiriert wurde, weiß ich leider nicht. Bei Cooks leidenschaftlichem Interesse für Geschichte wäre dies zwar durchaus denkbar, doch ähnelt der Charakter der Bewegung in keiner Weise dem der historischen "Weißen Rose".
 
(4) Natürlich ist das Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Vietnamesen tauchen fast nur als Leichen oder als gesichtslose Kombattanten auf. Und wenn man etwas über den politischen und sozialen Kontext des Krieges erfahren will, ist man hier gleichfalls an der falschen Adresse. Das war nicht Herrs Anliegen. Dennoch ist An die Hölle verraten eine zwar alles andere als angenehme, aber dennoch sehr empfehlenswerte Lektüre. Nicht zuletzt aufgrund von Herrs tiefer Empathie für die einfachen Soldaten, ohne dass er deshalb die allgemeine Entmenschlichung und die geradezu "alltäglichen" Greueltaten ignorieren würde.
 
(5) Freilich kann man sich die Frage stellen, ob nicht auch Tolkiens "geflügelte Nazgûl" zumindestens teilweise den Schrecken des Luftkriegs entsprungen sind. Der "Professor" hegte einen besonders starken Hass auf diese Form der modernen Kriegsführung.
 
(6) Brief an Forrest J. Ackerman (Juni 1958). In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 210; S. 362. 

Sonntag, 18. Januar 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (1/3)

Glen Cooks Black Company, deren erster Band 1984 bei Tor erschien, wird oft als Startpunkt oder Pionier der Grim & Gritty - Strömung innerhalb der Fantasy bezeichnet. So schrieb z.B. auch Alessandra Reß 2019 in einem Beitrag für TOR Online:
Auf Elric folgte in den 80er Jahren Glen Cooks Die Schwarze Schar, dessen Handlung aus Sicht einer Gruppe ruchloser Söldner erzählt wird. War es bei Elric noch Tragik, die die Hoffnungslosigkeit verursachte, ist es bei Cook ein gewisser Nihilismus, der heute das Bild des Grimdark mitprägt.
Der Autor selbst hat dazu keine dezidierte Meinung. Vor allem deshalb nicht, weil er die Entwicklungen im Genre schon seit langem nicht mehr mitverfolgt. Wie er vor kurzem in einem Interview mit dem Grimdark Magazine erklärt hat:
Some writers have been influenced by what I’ve written. They have told me so. Don’t know about the grimdark thing. Hadn’t heard of it until earlier this year. For most of the past 20 years I have been doing the J. D. Salinger thing. Can’t honestly comment on evolution. 
Meine erste Begegnung mit Cook war die Kurzgeschichte Abgetrennte Köpfe (Severed Heads), die ich vor Jahrzehnten in Schwertschwester gelesen habe, der deutschen Ausgabe des ersten Bandes von Marion Zimmer Bradleys Sword and Sorceress - Reihe. Die Rape-Revenge-Story, die Teil seines Dread Empire - Universums ist, gehörte zu den Beiträgen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließen. Finster ist sie ohne Zweifel, aber als nihilistisch würde ich sie nicht beschreiben. Die "abgetrennten Köpfe" des Titels beziehen sich bezeichnenderweise nicht auf die Rache Narrimans an ihrem Vergewaltiger, sondern auf einen Ausspruch ihres väterlichen Freundes Al Jahez: "What are we without friends? Just severed heads rolling across the sands". Und am Ende geht es in der Geschichte auch darum, im Verlangen nach Rache nicht die eigene Menschlichkeit gänzlich zu verlieren.
 
Ich sehe in der Grim & Gritty eine der Ausdrucksformen einer zynischen Misanthropie, die spätestens von den 90er Jahren an große Teile der amerikanischen Kultur (und nicht nur dieser) zu dominieren begann. Ich werde im zweiten Teil dieses Beitrags darauf zurückkommen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen meiner Ansicht nach für die Entstehung der Grim & Gritty (mit)verantwortlich waren. Für den Moment mag es genügen zu sagen, dass ich darin das Symptom einer tiefen Krise sehe, die bis heute nicht überwunden ist, sondern in vielerlei Hinsicht nur noch katastrophalere Formen angenommen hat.
 
Doch gerade weil ich der Grim & Gritty so extrem kritisch gegenüberstehe, hat es mich immer interessiert, ob und inwieweit die Black Company tatsächlich als deren erste bedeutende Vertreterin gelten kann. Letztes Jahr hatte ich nun endlich Gelegenheit, die ursprüngliche Trilogie The Black Company (1984), Shadows Linger (1984) und The White Rose (1985) zu lesen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann verstehen, warum diese Romane so oft als Startpunkt der Grimdark bezeichnet werden. Und ich halte das nicht einmal für grundsätzlich falsch. Zugleich denke ich aber auch, dass sie sich in einer Reihe von wichtigen Aspekten deutlich von späteren Vertretern dieser Strömung unterscheiden. Und sie waren ein echtes Lesevergnügen für mich.
 
QuelleNeighborhood News, 4. August 1982
 
Glen Cook kam 1944 in New York zur Welt, wuchs aber in Kalifornien auf. Schon früh entwickelte er einen Heißhunger auf Bücher aller Art.
Well, I read a lot of... just about everything, really, but my next-door neighbor gave me a set of Tarzan books when I was, maybe 8. Read those, a lot of Burroughs type stuff, and I was really big on Westerns for a long time, Civil War stuff, before I discovered Science Fiction. Basically anything in the library that the librarian would let me take ...
Eine besondere Vorliebe für die SF erwachte gleichfalls recht früh, wenn auch offenbar nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern: 
The first science fiction book I read was The Naked Sun by Isaac Asimov. It was my father’s book. He caught me reading it, he took it away from me, slapped me upside the head, told me that I didn’t want to read that garbage because it will rot my brain.
Wann Cook mit eigenen Schreibversuchen begann, weiß er selbst nicht mehr so genau, aber als er im Alter von 12/13 Jahren (7th grade) aufgrund einer schweren Erkrankung längere Zeit das Bett hüten musste, nutzte er die "Freiheit von der Schule", um Hawk -- "a western story set during the Civil War from the viewpoint of a hawk watching the action" -- und einen ersten Kurzroman zu Papier zu bringen. Es wird kaum verwundern, dass sich von diesem "Frühwerk" nichts erhalten hat außer ein paar vagen Erinnerungen: "It was science fiction. Aliens came to earth and got involved in an ancient battle between Ramses II and the Hittites." Interessant finde ich freilich, dass schon hier zwei Interessen zum Ausdruck gelangten, die Cook sein Leben lang begleiten würden: Geschichte und Militär. Während seiner High School - Zeit steuerte er zwar noch "a couple of the traditional beginner pieces" zu einigen schulischen Publikationen bei, doch hatte er trotz seiner Liebe zum Geschichtenerzähen vorerst wohl keine Ambitionen, "professioneller" Schriftsteller zu werden.
 
Glens Vater war Offizier gewesen, hatte aber wohl schon vor längerer Zeit seinen Abschied von der Truppe genommen. Bereits an der High School nahm Cook am ROTC (Reserve Officers' Training Corps) - Programm teil, um dann 1962 der Navy beizutreten, mit dem Ziel, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1986 erzählte er darüber: "For a while I thought it was what I wanted to do with my life. 
Ich habe keine Ahnung, wie der Dienst in den US-Streitkräften zu dieser Zeit genau aussah. Der Koreakrieg lag bereits beinah ein Jahrzehnt zurück, die imperialistische Intervention in Vietnam beschränkte sich vorerst noch auf eine überschaubare Anzahl an "militärischen Beratern" und CIA-Agenten. Cook diente auf Zerstörern und nahm an Manövern teil, konnte aber anscheinend gleichzeitig ein Studium an der Universität von Missouri beginnen. Frage mich schon, wie das in der Praxis ausgesehen hat. (1)
Für das spätere Schreiben der Black Company war Cooks Zeit in der Navy jedenfalls von immenser Bedeutung, konnte er sich bei der Schilderung des Soldatendaseins doch auf persönliche Erfahrungen stützen. Auch bei der Charakterzeichnung vieler Mitglieder des Söldnertrupps griff er auf reale Vorbilder zurück.
The characters are real soldiers. They're not soldiers as imagined by people who've never been in the service. That's why service guys like it. They know every guy who's in the books, and I knew every guy who's in the books. Most of the early characters were based on guys I was in the service with. The behavior patterns are pretty much what you'd expect if you were an enlisted man in a small unit. 
1965 verließ Cook den aktiven Dienst, blieb aber bis 1972 Mitglied der Reserve. 
In keinem der Interviews, die ich gelesen habe, geht er auf die Gründe für diese Entscheidung ein. Er gehörte zu dieser Zeit zur 3rd Force Reconnaissance Company der Marines, die im September desselben Jahres den Einsatzbefehl für Vietnam erhielt -- als Teil der von Präsident Lyndon B. Johnson eingeleiteten Eskalation, in deren Verlauf Hunderttausende von G.I.s nach Südostasien verschickt wurden, um dort zu töten und getötet zu werden. So weit ich weiß spricht nichts dafür, dass Cook dem Kampfeinsatz entgehen wollte oder der US-Intervention kritisch gegenübergestanden hätte. Es war wohl reines Glück, dass ihm die Hölle des Krieges (und ein möglicher früher Tod) erspart blieben.   
 
Jedenfalls brach er zur selben Zeit auch sein Studium ab, da er es nicht länger finanzieren konnte. Ein Freund vermittelte ihm schließlich einen Job bei General Motors in St. Louis. Für die nächsten 32 Jahre würde er in unterschiedlichen Fabriken und Positionen für den Konzern arbeiten, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997.  
Nicht dass ihm die Arbeit dort so viel Spaß gemacht hätte.  
There were a lot of days I sat in the parking lot for a while and talked myself into going in. I always made it through the door. A lot of guys couldn't make that final step.
Doch eine Anstellung bei GM bedeutete in den 60er Jahren immer noch ein relativ hohes Maß an ökonomischer Sicherheit und Stabilität. 
 
Die Autoindustrie bildete nicht nur einen der wichtigsten Standpfeiler der amerikanischen Wirtschaft, sie hatte auch eine zentrale Rolle bei dem gespielt, was der Wirtschaftshistoriker Robert Collins einmal als "effort to create a private-sector welfare state" beschrieben hat. In der Vergangenheit war sie Schauplatz heftigster Klassenkämpfe gewesen -- vom Auto Lite - Streik in Toledo 1934, über die Sit-Down - Streiks in Flint, Michigan, 1936/37 und den River Rouge - Streik 1941 bis zum einhundertdreizehn Tage andauernden General Motors - Streik von 1945/46. Die UAW (United Auto Workers) war eine der stärksten Gewerkschaften der USA. Aber nachdem ihre Reihen im Zuge der "Red Scare" - Hetze von allen radikalen und sozialistischen Elementen "gesäubert" worden waren, hatte sie 1950 unter der Führung von Walter Reuther im sog. "Treaty of Detroit" mit den "Großen Drei" (Ford, Chrysler und General Motors) dem alten Anspruch der Arbeiterschaft auf (Mit)Kontrolle über die Produktion ("Industrial Democracy") abgeschworen und die existierenden Eigentums- und Machtverhältnisse offiziell anerkannt. Im Kontext des gewaltigen Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit waren die Kapitalisten im Gegenzug zu weitreichenden ökonomischen Zugeständnissen bereit gewesen. Neben signifikanten Lohnerhöhungen gehörten dazu auch eine konzerngebundene Krankenversicherung und Altersvorsorge. Damit wurde der "Treaty of Detroit" zum Vorreiter allgemeinerer gesellschaftlicher Entwicklungen, in deren Verlauf in den 50er Jahren breitere Schichten der arbeitenden Bevölkerung erstmals in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands gelangt waren.
 
QuelleSt. Louis Magazine Vol. 21 No. 8, July 1989
 
Mit dem Schreiben begann Cook erst wieder 1968, als veränderte Arbeitsbedingungen eine gute Gelegenheit dafür boten. Wie man einem Artikel aus dem St. Louis Magazine vom Juli 1989 entnehmen kann: 
[I]n 1968, GM acquired an old Shell facility on the North Side and sent Cook there as part of a contingent to take scrap metal out of the plant. It meant for some long days. "We worked 11-1/2 hours a day every day except Sunday, when we just had to work eight," he says.
While the days were long, Cook had little to do. "All I had to do was sit by the phone and wait for it to ring. Someone would tell me how much scrap we had produced on the shift and I would write it down and carry the piece of paper from one place to another."
Cook filled those empty hours reading, mostly fantasy and science fiction. As the story often goes, one day he read a book that was so awful he decided he could do better.
"I went to the Goodwill and got myself a typewriter for five dollars," he says. "It was a Royal mechanical typewriter from the 1920s or '30s. It was so old, I couldn't get ribbons for it. I had to buy a ribbon, take the ribbon off the new spool and wind it by hand onto one of the spools that came with the typewriter."
Cook started spending his time at the plant writing. And writing. And writing.
Der unmittelbare Anlass soll die Lektüre eines Fantasyromans von Lin Carter gewesen sein, den Cook irgendwann wütend in die Ecke gepfeffert habe. "I threw it across the room and swore I could do better". Das klingt zwar ein bisschen so wie der legendäre (?) Karrierestart von Edgar Rice Burroughs (2), wirkt auf mich deshalb aber nicht weniger glaubwürdig. Zudem Cook sich stets beeilt, hinzuzufügen: "I found out it's harder than I thought it would be".
 
Eines der ersten Manuskripte, das er (ohne Erfolg) an einen Verlag schickte, war ein 1.800 Seiten starker Tolkien-Klon. "It really never deserved to be published. I mean, I like the Lord of the Rings, but it has already been written." Da lässt sich nicht drüber streiten. Ein Jahrzehnt später hätten seine Chancen damit vielleicht besser gestanden. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er die Phase der bloßen Nachahmerei längst hinter sich gelassen. Ein anderes frühes Projekt war "The Sword Called Precious Pearl, which was an unlikely mix of an E.R.R. Eddison setting and plot with Leiberesque characters written in the style of Clark Ashton Smith". Das klingt für meinen Geschmack schon sehr viel interessanter, gelangte aber gleichfalls nie zur Veröffentlichung. (3)
 
Auch würde Glen Cook schon recht bald Abstand davon nehmen, der barock-dekadenten Sprache eines Smith oder Eddison nachzueifern. Er begann, engere Kontakte zum SFF-Fandom zu knüpfen, besuchte seine ersten Cons und nahm 1970 schließlich am dritten Clarion Workshop (damals noch in Pennsylvania) teil. Dort trieb man ihm u.a. seine Vorliebe für einen ausschweifenden Stil aus:   
Clarion can't teach you talent, but it can show you what you're doing wrong. I learned not to overwrite, to keep things simple as far as sentence structure is concerned. My early attempts at writing were very much influenced by classical British fantasy writers who tended to be very flowery and ornate and lapsed into classical Greek as they were going along [laughs] and expected you to follow it. I learned that modern American readers aren't interested in that. I learned a number of valuable lessons at Clarion.
Vor allem aber lernte er hier seine spätere Ehefrau Carol kennen.
 
Irgendwann um diese Zeit muss Glen Cook auch die persönliche Bekanntschaft von Fritz Leiber gemacht haben. Leider weiß ich nur wenig konkretes über die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelte. In einem Interview von 2012 bezeichnete Cook Leiber als seinen "mentor".  Und in einem anderen hat er sogar einmal erzählt: "I actually lived with Fritz briefly after his wife Jonquil died". 
Jonquil Leiber starb im Herbst 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten. Um die Weihnachtszeit desselben Jahres übersiedelte Fritz von Venice (Los Angeles) nach San Francisco. Der Tod seiner Frau stürzte ihn für drei Jahre in einen Abgrund aus Alkohol und Depressionen. Eine Erfahrung, die er später in seinem Roman Our Lady of Darkness, einem meiner persönlichen Lieblingsbücher verarbeiten würde.  
Vor diesem finsteren und tragischen Hintergrund wäre es natürlich besonders interessant, genaueres über die Beziehung zwischen Leiber und Cook zu erfahren, die sich zur selben Zeit entwickelt haben muss.
 
Es brauchte recht lange, bis es Glen Cook gelang, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Zwar erschien 1972 mit The Heirs of Babylon der erste Roman aus seiner Feder, doch alles in allem waren die 70er Jahre eine Zeit mühseligen Vorankommens. Anfangs verstand er nicht recht, mit Absagen umzugehen:
I had a problem with rejection […] I would send out a book. If it came back, I would send it out one more time. Then, if it came back the second time, I would put it in a drawer and forget about it.
Glücklicherweise fand er mit Russell Galen relativ bald einen Agenten, der sich seiner annahm. Dennoch erschienen in den folgenden Jahren nur eine Handvoll seiner Kurzgeschichten in Magazinen wie Witchcraft & Sorcery, dem Literary Magazine of Fantasy & TerrorFantasticAmazing sowie dem Magazine of Fantasy & Science Fiction.  
Die Wende kam 1979 mit dem Erscheinen des ersten Dread Empire - Romans A Shadow of All Night Falling bei Berkley Books. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. In den 80ern erschienen pro Jahr bis zu drei Romane von Glen Cook und etablierten ihn mit Zyklen wie StarfishersDarkwarThe Black Company und seiner Fantasy - Hardboiled Detective - Reihe Garrett, P.I.
 
Doch selbst in dieser Zeit zog Glen Cook nie ernsthaft in Erwägung, seinen Brotjob an den Nagel zu hängen und Berufsschriftsteller zu werden. Zwar erklärte er 1982 in einem Interview: "I would rather be writing than anything", fügte jedoch sofort hinzu: "but generally the world doesn't let you do that." Eigenen Angaben zufolge war sein Einkommen aus den Büchern "never more than hobby money". 1971 hatten er und Carol geheiratet und in den folgenden Jahren waren drei Söhne zur Welt gekommen. Der Verdienst, den Cook mit seiner schriftstellerischen Arbeit machen konnte, schien nie groß (und sicher) genug zu sein, um eine Familie ernähren und ein Eigenheim unterhalten zu können. Zumal ihm seine Anstellung bei General Motors neben dem Monatslohn ja auch noch "an insurance package and benefits" sicherte.   
 
Er entwickelte eine Routine, wie er während seiner Schichten an den nächsten Büchern arbeiten konnte: "A very large proportion of my work gets created at work, on my breaks and at lunchtime. Then catch-as-catch-can at other times." 2002 erzählte er in einem Interview mit Quantum Muse:
I got a job that almost nobody else wanted. It was hard to learn, but once I did learn it, I could do it with almost no mental effort, so I was able to work on my writing. I wrote three books a year on that job.
Zu Hause wurde dann hauptsächlich ins Reine getippt.
 
Dass Glen Cook die meisten seiner Bücher geschrieben hat, während er bei GM am Fließband stand, ist für mich ein nicht unwichtiges Detail. Ich bin stets sehr skeptisch, wenn im Zusammenhang mit der Grimdark von "Realismus" die Rede ist  In den meisten Fällen verbergen sich dahinter bloß Zynismus, Nihilismus und Misanthropie, die in meinen Augen in letzter Konsequenz  nur eine sich "edgy" gebärende Form von Konformismus darstellen. Und wie wir noch sehen werden, halte ich auch in Bezug auf die Welt der Black Company den Begriff "realistisch" nur für sehr bedingt anwendbar. Doch was sicher zutrifft ist, dass sich Cooks Romane durch eine schmutzige Erdigkeit auszeichnen. Dass sie den Versuch darstellen, eine epische Fantasyhandlung aus der Sicht des "Fußvolks" zu schildern, weshalb ich sie auch eher der Sword & Sorcery als der High Fantasy zurechne. Und darin spiegelt sich ganz sicher etwas von Cooks eigener Lebenserfahrung wider. Wie er selbst einmal über seine Arbeit bei GM erzählt hat:
One thing working there did do, especially early on, was allow me to come in daily contact with the kind of people who actually do the world's work instead of the sort who spend their whole lives inside academe and don't have a clue. 
Diese populistische Perspektive prägt seine Geschichten und ihre Figuren: "The people in my stories pretty much think and act like working-class people."
 
Allerdings sollten wir uns stets vor Augen halten, dass die Arbeiterklasse, in deren Reihen Glen Cook 1965 eingetreten war, die Verbindung zu ihrer militanten Vergangenheit schon seit längerem weitgehend verloren hatte. Der Wirtschaftsboom der 50er Jahre war zum Nährboden für einen kleinbürgerlichen Konformismus geworden. Er wurde flankiert von einer unablässigen propagandistischen Verherrlichung des "American Way of Life", der Erhebung des Antikommunismus zu einer Art säkularen Staatsreligion und viel flaggenschwingendem Patriotismus. Der offiziellen Arbeiterbewegung war dabei eine zentrale Rolle zugekommen. Die in der AFL-CIO zusammengeschlossenen Gewerkschaften fungierten nicht länger als Kampforgane, sondern sahen sich als "Partner" der Unternehmensleitungen, ihre führenden Vertreter predigten Nationalismus und Klassenzusammenarbeit und ordneten die Arbeiterklasse politisch der Demokratischen Partei unter.
 
Solange der Nachkriegsboom anhielt und mit ihm auch der Lebensstandard breiterer Schichten der Bevölkerung weiter anstieg, blieb diese Ordnung weitgehend stabil. Das änderte sich Ende der 60er Jahre auf dramatische Weise. Der Kapitalismus geriet in seine tiefste Krise seit der Großen Depression. Das Bretton-Woods-System, das den Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit abgegeben hatte, brach in sich zusammen. Weltweit kam es zu einem gewaltigen Aufschwung des Klassenkampfes.
Der französische Generalstreik vom Mai/Juni 1968 oder Italiens "Heißer Herbst" von 1969 dürften zwar sehr viel bekannter sein, aber auch die USA blieben keineswegs verschont von dieser Entwicklung. Die gesamten 70er Jahre waren dort geprägt von einer Reihe z.T. äußerst militanter Arbeitskämpfe. Den Auftakt bildete der "wilde" Streik von 200.000 Postangestellten im März 1970 -- in offener Rebellion gegen die Nixon-Administration und ihre "eigene" Gewerkschaftsführung. Vielleicht noch dramatischer war der "Wildcat" - Streik der Trucker (Teamster), der einen Monat später ausbrach und sechs Wochen andauerte. (4) 
Im Vergleich zu diesen war der landesweite General Motors - Streik, der offiziell am 15. September 1970 begann, eine relativ geordnete Affäre. Einer Einschätzung des Wall Street Journal nach verfolgten Unternehmens- und Gewerkschaftsführung dabei sogar dasselbe Ziel, nämlich die Militanz der Arbeiterschaft zu brechen. Der Streik sollte helfen
to wear down the expectations of members, expectations that in the current situation have been whetted by memories of recent good times and by the bite of inflation. This trimming of hopes eases the difficult task of getting members to ratify settlements leaders have negotiated. (More than one of every 10 agreements hammered out by union officials is rejected by union members.) (5)
Ein solcher Arbeitskampf könnte als Sicherheitsventil für die aufgestauten Frustrationen der Arbeiter dienen und außerdem ihre Loyalität gegenüber der Gewerkschaft festigen. 
Nichtsdestotrotz war der Streik, der 400.000 Arbeiter in 145 Fabriken erfasste und 67 Tage andauerte, ein bedeutendes Ereignis. Seit 1945 hatte die UAW keinen nationalen Streik mehr bei GM organisiert, mit dem Argument, das Unternehmen sei zu groß, als dass eine solche Konfrontation Aussicht auf Erfolg haben könnte. Auch zeigte sich schnell, dass die "Ermattungsstrategie" der Gewerkschaftsführung ihre eigenen Gefahren in sich barg. Schon vor dem offiziellen Beginn des Arbeitskampfes war es an einigen Standorten zu "wilden" Arbeitsniederlegungen gekommen. Und da der Streik nicht allein um Lohnfragen geführt wurde, die auf nationaler Ebene ausgehandelt wurden, sondern in seinem Verlauf auch zahllose lokale Forderungen aufs Tapet gelangten, musste die bürokratische Führung der UAW um Leonard Woodcock stets befürchten, die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren. Schließlich wurde der Arbeitskampf hinter dem Rücken der Streikenden mit einem "geheimen" Übereinkommen beendet.  
Both sides agree that if the strike had dragged on past Thanksgiving, it would have paved the way for an epic dispute continuing into the new year. Such a possibility could have tipped the scales within the U.A.W. from a … strengthening of Woodcock to a messy strike beyond the control of the top leaders. (6)
Viele der Forderungen, die von Rank-and-File - Mitgliedern auf lokaler Ebene aufgestellt worden waren, blieben unbeantwortet und an manchen Orten dauerten die Arbeitsniederlegungen auch nach dem offiziell verkündeten Ende noch eine Zeit lang an. Dass die Militanz der GM - Arbeiter nicht gänzlich gebrochen worden war, zeigte sich u.a. zwei Jahre später bei dem berühmten Lordstown - Streik, der sich vor allem gegen die immer heftigere Arbeitshetze an den Fließbändern richtete, von der UAW-Führung aber bewusst isoliert und abgewürgt wurde.
 
Für die meisten GM-Arbeiter und ihre Familien muss der Streik von 1970 ein hartes und einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Viele von ihnen mussten mit einem Streikgeld von $30 - $40 die Woche über die Runden kommen. Nicht wenige waren gezwungen, auf staatliche Unterstützung wie "Food Stamps" zurückzugreifen. Andererseits war die Solidarität mit den Streikenden in der Bevölkerung sehr groß. (7)       
 
Für Glen Cook muss der Streik ja eine konkrete persönliche Erfahrung gewesen sein. Ob und wie das ihn und sein Weltbild beeinflusst hat, weiß ich freilich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, als habe er politisch je auf der Linken gestanden, aber das alleine sagt für mich noch nicht viel aus. Ganz sicher haben die gesellschaftlichen Entwicklungen der 70er Jahre ihren Niederschlag in Teilen seines Werkes gefunden. TunFaire, die Fantasymetropole, in der seine Garrett, P.I. - Geschichten spielen, ist bewusst nach dem Vorbild von St. Louis entworfen. Und in einem Interview mit Strange Horizons aus dem Jahr 2005 leugnet er nicht, dass die Stadt dabei "the feel of an American city in the 1970s" habe: "striking economic divisions, racial unrest, and an unpopular war abroad. " Allerdings fügt er sofort hinzu:
[B]ut it's not just the 1970s. That's the history of mankind, especially in large cities. Take a city like Byzantium. There were a thousand different neighborhoods, all different religions. People would regularly riot against one another and commit murder.
Mir scheint dies exemplarisch für Cooks Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu sein. Er will die Welt möglichst illusionslos betrachten ("pay attention to the real world, not the world you want to be"), aber letztenendes führt das bei ihm dazu, dass er Ereignisse und Entwicklungen aus ihrem konkreten historischen Zusammenhang löst und einer pessimistischen und im Kern sehr konservativen Geschichtsphilosophie ("That's the history of mankind") unterordnet, einer Art "Es gibt nichts neues unter der Sonne". (8) Dazu gehört sicher auch, dass er die Bedeutung, die kriegerische Auseinandersetzungen für die gesellschaftliche Entwicklung spielen, deutlich überschätzt: "[H]istories always seem to revolve around the wars that shape cultures and civilizations."
 
Es verwundert nicht, dass sich Spuren davon auch in den Black Company - Romanen finden. Doch dazu mehr in (hoffentlich) einer Woche ...
   
 
 
 
(1) In der Broschüre zur World Fantasy Convention 2006 heißt es in einer biographischen Notiz zu Glen Cook, der dort einer der "Guests of Honor" war, er habe die Universität nach seinem Abschied von der Navy "on the GI bill" besucht. Das macht zwar Sinn, fügt sich aber schlecht in den Rest seines Lebenslaufes ein.  
 
(2) Der soll sich nach der Lektüre einiger Pulp-Magazine gedacht haben: "I had gone thoroughly through some of the all-fiction magazines and I made up my mind that if people were paid for writing such rot as I read I could write stories just as rotten." Woraufhin er A Princess of Mars schrieb.
 
(3) Oder handelt es sich bei den beiden um ein und dieselbe Erzählung? An anderer Sttelle beschreibt Cook The Sword Called Precious Pearl nämlich als "a bastard child of Tolkien and E.R.R. Eddison"?
 
(4) Interessanterweise war St. Louis dabei ein zentraler Schauplatz. Wie der Chef von Lee Way Motor Freight, Inc. im Mai 1970 gegenüber dem Wall Street Journal erklärte: "We’ve been unable to operate into the East because of the Teamsters union in St. Louis, whose roving pickets have stopped all our drivers at various Mississippi River crossings." (Zit. nach: Jeremy Brecher: Strike! (Revised, Expanded and Updated Edition). S. 231.
 
(5) Wall Street Journal, 29. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 235.
 
(6) Wall Street Journal, 5. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 236. 
 
(7) Vgl. dazu: Timothy J. Minchin: "A Gallant Fight": The UAW and the 1970 General Motors Strike(Der Artikel vertritt eine gänzlich unkritische Haltung gegenüber der Gewerkschaftsführung, enthält aber eine Reihe interessanter Informationen) Judy Putnam: Rememebering the GM strike from 1970: Peanut butter and jelly sandwiches.  
 
(8) George Orwell hat den eigentlichen Inhalt derartiger Geschichtsvorstellungen einmal sehr treffend so beschrieben: "It is not very difficult to see that this idea is rooted in the fear of progress. If there is nothing new under the sun, if the past in some shape or another always returns, then the future when it comes will be something familiar. At any rate what will never come -- since it has never come before -- is that hated, dreaded thing, a world of free and equal human beings." (As I Please, 25. Februar 1944)   
 
 

Donnerstag, 11. Januar 2024

Two Shades of Grimdark?

Im letzten Jahr sind die ersten beiden "offiziellen" Ausgaben des New Edge Sword & Sorcery - Magazins erschienen. Websites und eZines wie Heroic Fantasy Quarterly, Swords and Sorcery Magazine, Beneath Ceaseless Skies, Tales From The Magician's Skull, Whetstone und Old Moon Quarterly erfreuen sich bester Gesundheit. Ja selbst ein deutschsprachiges Buch wie Christian Endres' Die Prinzessinnen scheint nicht wenige Liebhaber*innen gefunden zu haben. Die Sword & Sorcery erfährt gegenwärtig ganz offensichtlich eine nicht unbeträchtliche Wiederbelebung und Erneuerung. 
 
Um so interessanter ist es da, einen Blick zurück in die 2010 bei Harper Collins und Subterranean Press erschienene Anthologie Swords & Dark Magic zu werfen. Denn damals sah die Situation noch deutlich anders aus. Die allgemein verbreitete Weisheit war zu diesem Zeitpunkt immer noch, dass das Subgenre spätestens in den 90er Jahren einen unrühmlichen Tod gestorben sei und höchstens noch in Form irgendwelcher Conan-Pastiches vor sich hin vegitiere, von denen das letzte -- Harry Turtledoves Conan of Venarium -- aber auch bereits sieben Jahre zurücklag. Diese Einschätzung entsprach zwar auch schon 2010 nicht wirklich der Realität, aber wenn der Band mit dem Untertitel The New Sword & Sorcery antrat, dann sollte damit zweifellos suggeriert werden, dass man auf seinen Seiten Beispiele für ein Wiedererwachen der S&S nach einer langen Periode des Niedergangs präsentiert bekommen werde.
    
Doch worin genau sahen die Herausgeber Lou Anders und Jonathan Strahan diesen Neuanfang? 
 
Schon in der ersten Hälfte der 2000er hatte Howard Andrew Jones mit seinem eZine Flashing Swords versucht, frischen Wind in das Subgenre zu bringen und dabei den Begriff "New Edge" geprägt. Freilich war dieser "Bewegung" in ihrer ersten Inkarnation offenbar kein bleibender Erfolg beschieden. Ein völlig andersgearteter Aufbruch vollzog sich 2007/2008 mit der Gründung der "Sword & Soul", einer von Geschichte und Mythologie Afrikas geprägten Spielart der Heroic Fantasy. 2008 ging außerdem Rogue Blades Entertainment an den Start, mit dem Ziel, den Geist der alten Swashbuckler und Pulp-Abenteuer wiederzuleben. Und auch Beneath Ceaseless Skies und das Heroic Fantasy Quarterly nahmen um diese Zeit ihre Arbeit auf.
 
Es gab also tatsächlich eine ganze Reihe von Anzeichen für eine einsetzende Erneuerung der Sword & Sorcery. Doch im Vorwort zu Swords & Dark Magic findet nichts davon Erwähnung. Auf  die "Szene" mit ihren Kleinverlagen und Magazinen wird nur insoweit eingegangen, als John O'Neills Black Gate zur "definitive source for sword and sorcery short-form works since its launch in 2000" erklärt wird. Was zu diesem Zeitpunkt wohl tatsächlich keine so falsche Einschätzung war. Aber Anders und Strahan zeigen sich in erster Linie an Entwicklungen bei den großen Verlagen, in der "Mainstream-Fantasy" sozusagen, interessiert. Wo sie dort Ende der 2000er eine Art Wiederbelebung der Traditionen der S&S zu erkennen glaubten? Werfen wir einmal einen etwas genaueren Blick in ihr Vorwort.
 
Dasselbe beginnt mit der gängigen Gegenüberstellung von High Fantasy und Sword & Sorcery, wobei letztere u.a. so charakterisiert wird: "Smaller-scale character pieces, often starring morally compromised protagonists, whose heroism involves little more than trying to save their own skins from a trap they themselves blundered into in search of spoils". Wenig später werden Robert E. Howards "Urtexte" als "laced with a grim pessimism and an edge of violent realism" beschrieben. Beides ist nicht unbedingt falsch, aber der Fokus auf diese Elemente verrät doch, wohin der Hase läuft. Noch deutlicher wird das, wenn es von Conan heißt, er sei "an opportunist, a self-serving fortune seeker with a fatalistic outlook". Spätestens an diesem Punkt würde ich von einem Zerrbild sprechen. Der Cimmerier ist sicher kein tugendhafter "Ritter ohne Furcht und Tadel", aber ein "selbstsüchtiger Opportunist"? Diese Charakterisierung wird ihm meiner Ansicht nach nicht gerecht. Wie die meisten S&S-Held*innen nach ihm ist auch Conan sehr wohl zu selbstlosem Heroismus fähig.
Was folgt ist ein kurzer Abriss der Geschichte des Subgenres, der bei ungefähr zwei Seiten Länge naturgemäß unvollständig sein muss. Recht erfreulich ist, dass dabei neben Fritz Leiber und Michael Moorcock auch C.L. Moore, Clark Ashton Smith und Charles R. Saunders erwähnt werden. Eher amüsant wirkt es, dass Anders und Strahan "Hyboria" und "Hyperborea" verwechseln. Was man freilich auch als erneuten Beleg dafür interpretieren könnte, dass ihre Vertrautheit mit Howards Werk vielleicht nicht gar so groß ist. Wirklich verärgert hat mich allerdings, dass sie im Zusammenhang mit der von Marion Zimmer Bradley in den 80er Jahren gestarteten Anthologien-Reihe Sword and Sorceress kommentarlos den Mythos nachplappern, den MZB im Vorwort zu deren erstem Band formuliert hatte. Sie  habe das Unternehmen gestartet, "[f]eeling that, C. L. Moore excepted, the subgenre was dominated by men and typified by some fairly reprehensible attitudes toward and depictions of women". Damit wird nicht nur anderthalb Jahrzehnte "weiblicher" Sword & Sorcery -- angefangen mit Joanna Russ' Alyx-Geschichten über die Beiträge von Tanith Lee und C.J. Cherryh bis zu den Werken von Elizabeth A. Lynn und Janrae Frank -- unterschlagen, sondern auch die tatsächliche Vorreiterrolle von Jessica Amanda Salmonsons Anthologien Amazons! und Amazons 2 verleugnet. Es nimmt den Sword and Sorceress - Anthos nichts von ihrer Bedeutung, wenn man anerkennt, dass sie in Wahrheit ein relativ spätes Produkt einer sehr viel längeren Entwicklung waren.
Der historische Abriss endet erwartungsgemäß mit dem Triumph der High Fantasy in den 80ern, der die Sword & Sorcery in der Folgezeit zu einer Art Schattendasein verdammte. Doch in den letzten Jahren habe sich dies geändert. 
But recently, sword and sorcery has been making a comeback. In the wake of George R. R. Martin, whose Song of Ice and Fire series is notable for bringing a moral ambiguity and gritty realism to the fantasy epic, a host of younger writers have emerged to bring a “sword and sorcery sensibility” back to the epic subgenre. Writers like Steven Erikson, Joe Abercrombie, Scott Lynch, Tom Lloyd, David Anthony Durham, Brian Ruckley, James Enge, Brent Weeks, and Patrick Rothfuss are pioneering a new kind of fantasy, one that blends epic struggles with a gritty realism, where good and evil mixes into realistic characters fraught with moral ambiguities, and struggles between nations are not so one-sided as they are colored by a new, politically savvy understanding.
Lou Anders und Jonathan Strahan interpretieren die Grim & Gritty der 2000er als eine "moderne" Wiederbelebung der S&S. Damit erklärt sich auch die etwas fragwürdige (oder zumindest einseitig-verkürzte) Charakterisierung des Subgenres, mit der ihr Vorwort beginnt. 
 
Genrehistorisch ist es zwar sicher nicht ganz falsch, die Grimdark auf die Heroic Fantasy zurückzuführen. Und einige der Bücher, an die Anders und Strahan gedacht haben mögen, würde auch ich dem Subgenre zurechnen. So vor allem Scott Lynchs Gentleman Bastards - Reihe, die eindeutig in der Tradition von Autoren wie Fritz Leiber und Steven Brust steht. (1) Dennoch sträube ich mich heftig dagegen, den Zynismus der Grim & Gritty mit einer "sword and sorcery sensibility" gleichzusetzen. (2)
   
Ob die Anthologie als Ganzes diese Perspektive widerspiegelt, kann ich nicht sagen, da ich mit der eigentlichen Lektüre noch am Anfang stehe. Ich bezweifele es allerdings, enthält der Band doch überraschend viele Beiträge altgedienter S&S-Veteran*innen wie C.J. Cherryh, Glen Cook, Tanith Lee, Michael Moorcock und Michael Shea. Diesen Blogpost wollte ich trotzdem jetzt schon einmal raushauen, weil ich mich lesetechnisch in nächster Zeit auf die Vorbereitung des diesjährigen Klassiker-Rereads mit Alessandra von FragmentAnsichten konzentrieren werde und deshalb nicht weiß, wann ich mit Swords & Dark Magic zum Ende komme. Vor allem aber, weil die ersten beiden Stories der Antho -- Steven Eriksons Goats of Glory und Glen Cooks Tides Elba -- ein gerade in dieser Hinsicht sehr interessantes Paar darstellen.
 
Ich habe mich nie dazu durchringen können, mir einmal einen Band von Eriksons Malazan Book of the Fallen - Reihe vorzuknöpfen. Dazu schrecken mich Fantasy-Endlos-Epen inzwischen zu stark ab. Ich kann deshalb auch nicht sagen, ob Goats of Glory typisch für ihn ist. Aber die Story hat mich mit einem wirklich unangenehmen Gefühl zurückgelassen.
 
Ein kleiner Trupp von fünf Söldner*innen erreicht das armselige und halb ausgestorbene Dorf Glory. Kaum erspäht man sie in der Ferne, macht sich der ortsansässige Totengräber auch schon daran, mit seinem jugendlichen Gehilfen Snotty fünf frische Gruben auf dem Friedhof auszuheben. Auch die (noch unbeschrifteten) Grabsteine liegen bereits parat. Die ruppigen Neuankömmlinge kehren in Swillmans Schenke ein, wo sie nicht nur der ältlichen Prostituierten Slim begegnen, sondern auch erzählt bekommen, dass die zerfallene Burgruine über dem Dorf der geeignetste Ort wäre, um ein Nachtlager aufzuschlagen.
Für uns Lesende ist zu diesem Zeitpunkt klar, dass dort oben irgendeine tödliche Bedrohung lauert und die Dorfbewohner offenbar regelmäßig Durchreisende in ihr Verderben schicken, um anschließend die Leichen fleddern zu können.
Die überraschende Wernde kommt, wenn sich zeigt, dass die Fünf keineswegs blind in die Falle tappen, sondern augenblicklich in geübter Soldatenmanier nach einer geeigneten Gefechtsposition suchen. Als wenig später unzählige ausgehungerte Dämonen über die vermeintlich Chancenlosen herfallen, um sich endlich mal wieder an warmem Menschenfleisch zu laben, erwartet sie eine böse Überraschung. Die Fünf haben sich in ein unterirdisches Ganglabyrinth zurückgezogen, dessen verwinkelte Korridore und Kammern ihnen ausgezeichnete Möglichkeiten eröffnen, die sich aufsplitternde Horde der Angreifer nach und nach zu dezimieren. Was folgt ist eine lange Actionsequenz, die mich in ihrer Krassheit und dem zynischen Tonfall der Schilderung an einen Tarantino-Streifen erinnert hat. Nun habe ich zwar nichts gegen ein zünftiges Fantasygemetzel mit reichlich herumspritzendem Blut und hervorquillenden Eingeweiden, aber nach drei Seiten wird so was verdammt öde, selbst wenn man so gut zu schreiben versteht wie Steven Erikson.         
An diesem Punkt der Geschichte konnte ich ein leichtes Gähnen nicht unterdrücken, zudem nichts darauf hindeutete, dass es noch eine weitere Wendung geben würde. Das wüste Gemetzel sollte nach der eher gemächlichen Gangart der ersten Hälfte offenbar der Clou des Ganzen sein. Doch es kommt noch schlimmer, denn dann versucht Erikson, besonders clever zu sein. Er wechselt die Perspektive und zeigt uns das Ende des Kampfes aus Sicht des "Teufelchens" ("Imp"), das die Dämonen angeführt hatte. Längst sind die Jäger zu den Gejagten geworden.
Whimpering, the imp picked its way around yet another heap of demon corpses. Poor children! This was a slaughter, a terrible, grievous, dreadful slaughter!
And now they were hunting the survivors down – nowhere to hide! 
Human stench everywhere, down every passage, every twisting, turning corridor, every cursed chamber and rank room. There was no telling where they were now, no telling what vicious ambushes they’d set up.
The imp crouched, quivering, hugging itself, and crooned its grief. Then it shook itself, drawing free its tiny sword. Enough of these evil tunnels and warrens! To the ladder! Flee this cruel place!
Natürlich gibt es kein Entkommen. Einer der Söldner schnappt sich das "Teufelchen", bricht ihm Arme und Beine und spießt es schließlich mit seinem eigenen Schwert auf. Die monströse Mutter der Kreatur, die wenig später auftaucht, um ihr Kind zu rächen, tappt in eine Falle. Es dauert Stunden, bis das Wesen unter dem ständigen Beschuss der Söldner*innen schließlich wimmernd sein Leben aushaucht.
 
Was mich an Eriksons erzählerischem Trick so sehr ärgert, ist weniger die Brutalität des Geschilderten als vielmehr das Manipulative. Zu Beginn der Sequenz gehört unsere Sympathie naturgemäß den fünf Krieger*innen. Wir haben sie in der ersten Hälfe der Geschiche etwas näher kennengelernt und sie erscheinen eindeutig als die Underdogs in der Situation -- out-numbered and out-gunned. Entsprechend positiv wird man reagieren, wenn sie die Lage zu wenden verstehen. Zumal die anschließenden Kampfszenen absichtlich so geschildert sind, dass wir die kaltblütige Kompetenz der Fünf cool finden sollen. Und dann lässt uns Erikson ins offene Messer laufen. Mit der Konsequenz, dass wir unsere vorherige Begeisterung abstoßend finden müssen. Denn das, was wir so cool gefunden haben, ist ja in Wirklichkeit ein blutiges Massaker, unsere Held*innen skrupellose Schlächter!
Man könnte das für einen subversiven Kommentar auf die Gepflogenheiten der Heroic Fantasy halten. Doch ich sehe darin bloß einen billigen Trick auf Kosten der Leser*innen. Denn was soll uns damit gesagt werden? Dass Köpfen, Gliedmaßen abhacken und Bäuche aufschlitzen "in Wirklichkeit" nichts vergnügliches, sondern etwas ziemlich widerliches ist? Ich denke, das haben wir auch vorher schon gewusst. Und es muss uns nicht davon abhalten, trotzdem Spaß an der Schilderung fiktiver Gemetzel haben zu können. Oder dass es stets eine Frage der Perspektive ist, wer als Opfer und wer als Täter erscheint? Das wäre eine äußerst fragwürdige Botschaft. Zumal die Geschichte nichts wirklich tiefgründigeres über Gewalt zu sagen hat. Wo kommt sie her? Was macht sie aus den Menschen? 
Am Ende bleiben wir mit der nihilistischen "Erkenntnis" zurück, dass Menschen zu allen nur erdenklichen Untaten fähig sind und dabei stets "Gründe" finden werden, um diese vor sich und anderen zu rechtfertigen. Exemplarisch vorgeführt im Gedankengang des Totengräbers:
Nobody invited any of this, so nobody was to blame, not for anything. Just came down to making a living, that’s all. People got the right to that, he figured. It wasn’t a rule or anything like it, not some kingly law or natural truth. It was just one of those ideas people said aloud as often as they could, to make it more real and more true than it really was. When the fact was, people got no rights to anything. Not a single thing, not air to breathe, food to eat, ale to drink. Not the sweet smile between the legs, not a warm body beside you at night. Not land to own, not even a place to stand. But it made it easier, didn’t it, saying that people got the right to a living, and honest hard work, like digging graves and carving capstones, well, that earned just rewards because that’s how things should be.
Etwas anders schaut es bei Glen Cook aus.
 
Dessen Geschichten um die Soldaten der "Black Company", deren erste 1984 erschien, werden oft als einige der frühesten Vertreter (oder Vorreiter) der Grim & Gritty zitiert. Inwieweit ich dem zustimmen würde oder auch nicht, möchte ich jetzt nicht diskutieren. Das muss warten, bis ich mal dazu komme, mich auf dem Blog etwas ausführlicher den Annals of the Black Company zu widmen. Für den Moment sei bloß bemerkt, dass Tides Elba einen deutlich positiveren Eindruck bei mir hinterlassen hat als Steven Eriksons Story.
 
Die "Black Company" hat seit drei Monaten ihr Lager in der (nicht mehr ganz so) "freien" Stadt Aloe aufgeschlagen, ohne dass man sie in irgendwelche Gefechte geschickt hätte. Was ganz und gar nicht der Normalität entspricht. Wie Ich-Erzähler und Regimentsschreiber Croaker erstaunt feststellt: "It’s been eighty-seven days since somebody tried to kill me". Die Soldaten vertreiben sich ihre Zeit mit Kartenspiel und zotigen Unterhaltungen. Aber selbstredend kann dieser unnatürliche Zustand nicht ewig anhalten. Und als dann eines schönen Tages ein Fliegender Teppich am Himmel über der Stadt auftaucht, wissen Croaker und seine Kumpels sofort, dass schluss ist mit Schonzeit. Tatsächlich hat das magische Vehikel den "Limper" hierher getragen, einen besonders unerfreulichen Handlanger der "Lady", jener finsteren Zauberin, in deren Sold die "Black Company" steht. Die Clique um Croaker erhält den Befehl, eine angebliche Rebellenführerin namens Tides Elba ausfindig zu machen und zu arretieren, die sich irgendwo in der Umgebung von Aloe herumtreiben soll. Allerdings hat bislang keiner in der Truppe etwas von rebellischen Aktivitäten in der Region gehört. Und sie alle wissen, dass der "Limper" noch eine Rechnung mit der "Black Company" offen hat und sie liebend gern ins Verderben stürzen würde. Es gilt also entsprechend vorsichtig an diesen Auftrag heranzugehen.
 
Für alle, die nicht zuvor schon einmal Bekanntschaft mit der "Company" geschlossen haben, könnte der Einstieg in die Story etwas schwierig sein. Denn das Figurenensemble ist groß und unübersichtlich. Goblin, Otto, Elmo, One-Eye, Corey, Hagop, Silent -- keiner von ihnen wird groß vorgestellt. Sie sind einfach da und Teil der Handlung. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wird z.B. auf vergangene Gefechte angespielt, die zum Verständnis der Beziehung zwischen unseren Helden und dem "Limper" und der "Lady" von Bedeutung sind. Aber ich schätze, derartiges sollte einen nicht gar zu sehr überraschen, wenn man eine Geschichte liest, die Teil eines erzählerischen Universums ist, das zu diesem Zeitpunkt bereits aus zehn Romanen bestand.
 
Sicher könnte man so manches an Tides Elba als "grimdark" bezeichnen. Unsere Protagonisten sind ziemlich zynische und illusionslose Berufssoldaten, ohne jeden Hang zu Idealismus oder "selbstlosem Heldentum". Was nicht heißt, dass sie alle völlig amoralische Egoisten wären. So sieht sich Croaker im Laufe der Ereignisse gezwungen, den selbstsüchtigen One-Eye in seine Schranken zu verweisen, da dessen Verhalten die ganze "Company" in Gefahr zu bringen droht. Doch über die Grenzen der eigenen Truppe reicht auch sein "Altruismus" nicht hinaus. Selbst als sich herausstellt, dass Tides Elba in Wirklichkeit gar keine Rebellin ist, sondern bloß aufgrund irgendwelcher magischer Verwandtschaftsverhältnisse (die ihr selbst gar nicht bewusst sind) eine Bedrohung für die "Lady" darstellt, spielt niemand auch nur mit dem Gedanken, der jungen Frau zur Flucht zu verhelfen. Auch wenn sie alle wissen, dass die Unschuldige ein denkbar grausiges Schicksal erwartet. Befehl ist nun einmal Befehl. Und ihnen allen ist bewusst, dass es mehr als unklug wäre, den Zorn der "Lady" heraufzubeschwören. Man darf sich bereits glücklich schätzem, wenn's einem gelungen ist, nebenbei dem "Limper" eins auszuwischen. Alles andere wäre dumm und vermessen.
 
Warum ich dennoch so völlig anders auf die Geschichte reagiert habe als auf Goats of Glory? Sehr einfach. Anders als bei Steven Eriksons Story hatte ich hier nie den Eindruck, einem zynischen Autor gegenüberzustehen. Ebensowenig einem, der besonders clever zu sein versucht. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, Glen Cook wolle mir irgendwelche Pseudo-Wahrheiten über die "menschliche Natur" verkaufen. Der Zynismus in Tides Elba ist der Zynismus Croakers, des Erzählers, und der scheint mir bei einem abgebrühten Berufssoldaten, der schon unzählige blutige Schlachten hinter sich hat, völlig nachvollziehbar. Vertreter*innen der Grim & Gritty missbrauchen den Begriff des "Realismus" oft genug, um damit ihre eigene Misanthropie zu kaschieren. Hier jedoch erscheint er mir angebracht.
 
Ob ich zum Rest der Geschichten aus Swords & Dark Magic noch einmal etwas schreiben werde, kann ich nicht versprechen. Das hängt halt auch davon ab, ob sie mir dafür interessant genug erscheinen.  


(1) Apropos: Mit Dzur (2006) und Jhegalaa (2008) erschienen zu dieser Zeit auch zwei neue Romane von Brust. Doch aus irgendwelchen mir unverständlichen Gründen werden die Vlad Taltos - Bücher fast immer ignoriert, wenn es um Sword & Sorcery geht.

(2) Ob die Grim & Gritty ein eigenes Subgenre oder nicht vielmehr eine bestimmte Sichtweise darstellt, die sich in allen möglichen Genres finden lässt, ließe sich sicher kontrovers diskutieren. Wie Alessandra Reß weiland in einem ihrer Artikel für TOR Online geschrieben hat: "Auch wenn Grimdark inhaltlich oft der Low Fantasy ähnelt, sogar als dessen Weiterentwicklung diskutiert wird, ist er grundsätzlich in nahezu allen phantastischen Subgenres zu finden. Damit wird er – ähnlich wie die Dark Fantasy – weniger durch seine Handlungsstrukturen, sondern mehr durch die düster-brutale Grundstimmung definiert."