"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 9. Februar 2022

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E10: "Ultraworld"

 
Das Interessanteste an Ultraworld dürfte der Verfasser des Drehbuchs sein. Autor Trevor Hoyle hatte nie zuvor für Film oder Fernsehen gearbeitet und würde das auch danach nie wieder tun. Was er jedoch getan hatte, war die ersten beiden Blake's 7 - Romane Terry Nation's Blake's 7 (1977) und Project Avalon (1979) zu schreiben. Für ihn war das einfach ein Job gewesen: 
When I did the Blake's 7 novels, the motive was the money. I don't do anything else - I write full-time. So I did them quickly and I did them to a high professional standard: when you've been a copywriter for over ten years, you learn to turn your literary hand to pretty well any job that comes along. You have to be very professional, versatile and fast - the deadline for that sort of job is always pretty rapid. You get a brief and if you want to keep the job you write to the brief and you do it on time. You can't say, "I don't feel like writing today." You have to feel like it.
Wie es dazu kam, dass er schließlich auch ein Script für die Serie schrieb, weiß ich nicht. 
Hoyle hatte seine Karriere als professioneller Schriftsteller Mitte der 70er Jahre begonnen. Er betätigte sich in allen möglichen Genres, war aber schon seit seiner Kindheit ein großer Science Fiction - Fan. Seine zu dieser Zeit bekanntesten SciFi-Werke waren die drei Bände der Q - Serie: Seeking the Mythical Future, Through the Eye of Time und The Gods Look Down. Voller Zeitreise- und Alternate Universe - Shenanigans drehten sie sich thematisch offenbar um Autoritarismus, Faschismus und Religion. Sein am interessantesten klingendes Werk sollte er allerdings erst in den späten 80ern schreiben: Eine brutale und zugleich satirische Abrechnung mit den Folgen von Thatchers sozialer Konterrevolution unter dem Titel Vail. Andrew Hedgecock hat es einmal so beschrieben:
A blend of science fiction, surrealist vision and classical picaresque, Vail is a grim, and occasionally hilarious, journey into the psyche of a nation seriously at odds with itself. It follows the fortunes of Jack Vail through a totalitarian England, from the wrong (northern) side of "the wire", a dumping ground for toxic waste and people who have lasted beyond their economic sell-by date patrolled by helicopter gunships, to a celebrity obsessed London drenched in pornography and conspicuous wealth. Vail is a howl of pain and a volley of mocking laughter: relentlessly angry but coolly analytical, it's a deeply disturbing portrait of the dispossessed and their tormentors that resists the urge to preach. 
Man sollte meinen, Hoyles offensichtliche thematische Interessen hätten ihn dazu prädestinieren müssen, für Blake's 7 zu schreiben. Doch erstaunlicherweise findet sich nichts davon in Ultraworld. Die Episode ist vielmehr eines jener bizarren Abenteuer, die die Liberator - Crew immer mal wieder fernab der politischen Kämpfe mit der totalitären Föderation erlebt. 
Für sich genommen muss das natürlich nichts schlechtes sein. Ich mag ja Episoden wie Tanith Lees Sarcophagus, James Folletts Dawn of the Gods oder Chris Bouchers City at the Edge of the World. Aber leider zeigt Hoyle in Ultraworld kaum Einsicht in die charakterlichen Eigenheiten unser Held*innen (von einer signifikanten Ausnahme abgesehen), und so bleibt am Ende bloß die (zugegeben hübsch bizarre) zentrale Idee. Was für mich nicht ausreicht, um die Folge über das unterhaltsame Mittelmaß zu heben.
 
Schon die Eröffnungsszene enthält einige charakterliche Ungereimtheiten. Die Liberator stößt in einem verlassenen Sektor des Weltalls auf einen künstlichen Planeten. Lebenszeichen sind keine zu erkennen. Falls es tatsächlich Aktivitäten unter der Oberfläche geben sollte, werden diese vor den Sensoren des Schiffes abgeschirmt. Den meisten an Bord ist das mysteriöse Ding unheimlich. Nur Avon besteht darauf, dass man es etwas näher untersuchen sollte:
Avon: Don't you find it interesting?
Dayna: You'll be telling us next, we can learn a lot from whoever built it.
Avon: Well, we certainly have nothing to teach them, unless it's how to remain ignorant. What do you think, Cally? Shall we stay and observe or shall we scuttle off with our closed minds intact?
Cally: It would be dangerous to go too near. 
Intellektuelle oder wissenschaftliche Neugier gehörte eigentlich nie zu Avons Charakterzügen. Es sei denn, das betreffende Objekt ließe sich irgendwie dazu nutzen, Geld, Macht oder einen anderen Vorteil zu gewinnen. 
Was dann kommt ist die x-te Variante des inzwischen arg ausgelutschten Klischees, dass Cally aufgrund ihrer telepathischen Fähigkeiten zum Opfer mentaler Beeinflussung wird. Denn während der Rest der Crew sich erst mal schlafen legt, teleportiert sie einem entsprechenden Ruf folgend zu dem künstlichen Planeten hinunter. Was dann zum Anlass dafür wird, dass ihr die übrigen (mit Ausnahme Vilas) folgen. Überhaupt hatte ich bei Ultraworld zum ersten Mal sehr deutlich das Gefühl, verstehen zu können, warum Jan Chappell die Serie nach der dritten Staffel verlassen hat. Ihre Figur ist hier vollständig zu einem Plot Device reduziert worden. Den Rest der Episode verbringt Cally bewusstlos auf irgendeiner Liege, während die anderen ihr Abenteuer erleben.
Auf dem künstlichen Planeten angekommen, glaubt Avon in diesem einen einzigen riesigen Computer erkennen zu können. Womit er aber nur teilweise richtig liegt, wie die bald schon auftauchenden blauhäutigen Bewohner erklären: "You were not strictly correct in calling Ultraworld a computer. Ultraworld is much more than that. It possesses consciousness, self-awareness." Die eigentliche Aufgabe des riesigen Konstruktes bestehe darin, so viel Wissen über das Universum zu sammeln, wie möglich.
Das klingt ja erstmal recht harmlos. Und die "Ultras" geben sich auch sehr freundlich und umgänglich. Doch es dauert nicht lange und es stellt sich heraus, dass ihre Methode der Wissensanhäufung gar nicht nett ist. Erinnerungen und Persönlichkeit der Leute, die ihnen in die Hände fallen, werden in der gewaltigen Datenbank von Ultraworld abgespeichert, während die zurückbleibenden Körper entweder als Zombiediener benutzt oder an den geheimnisvollen "Core" verfüttert werden, der sich schließlich als wunderbar groteskes Riesengehirn entpuppt.
Für den Rest der Episode rennen Tarrant und Dayna durch irgendwelche Gänge, während Avon für die Verfütterung vorbereitet wird. Auf so hochwertiges Hirnmaterial hat der "Core" natürlich besonders großen Appetit. Nett allerdings, dass Dayna endlich mal wieder ihre waffentechnischen Spielzeuge auspacken und ihre mobilen Miniminen zum Einsatz bringen darf.
 
Der größte Pluspunkt von Ultraworld ist die finale Wendung, in der ausgerechnet Vila die Rettung bringt. Und das ganz ohne es zu wissen.
Wie gesagt zeigt Trevor Hoyle im allgemeinen kein besonders großes Verständnis für die Eigenheiten der Figuren. Avon, Tarrant und Dayna erscheinen während ihrer Abenteuer auf dem künstlichen Planeten mehr oder weniger austauschbar. Die große Ausnahme bilden Vila und Orac.
Von der ersten Szene an versucht der Dieb dem Supercomputer Witze und Wortspiele beizubringen. Anfangs hält der eingebildete Orac solch frivolen Nonsense für eine Verschwendung seiner wertvollen Zeit. Doch dann beginnen ihn diese auf einer semantischen Ebene zu faszinieren: "The idiosyncratic syntax of riddles interests me. They seem to depend for their effect on solecisms and grammatical discrepancies." (Keine Ahnung, warum das Drehbuch von "Rätseln" spricht, obwohl es sich doch ganz offensichtlich um Scherzfragen handelt.) Vila versteht natürlich kein Wort von diesem philologischen Gebrabbel, und als der Supercomputer auch noch anfängt, seine flachen Witze auf pedantische Art auseinanderzunehmen und zu analysieren, ist er eher irritiert denn erfreut. Doch am Ende sind es eine Reihe seiner Limericks, die den "Core" von Ultraworld zur Implosion bringen, als dieser versucht die Liberator zu übernehmen.
Das ist nicht nur recht amüsant, sondern trifft auch sehr gut die Charaktere von Vila und Orac. Außerdem ist damit der Anlass für folgenden netten Schlussdialog gegeben:
Avon: Tell me, Orac, how precisely did Vila confuse and distract Ultraworld? 
Orac: Quite simple. With a series of random and illogical brain impulses. The planet was programmed to assimilate orderly coherent thought patterns. Anything else confused it.
Vila: Eh?
Avon: You mean Vila spouted nonsense.
Vila: I resent that.
Avon: Oh, I wouldn't if I were you. Orac is saying that a logical rational intelligence is no match for yours.        
 
 

Donnerstag, 10. Juni 2021

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E09: "Sarcophagus"

Ein Blake's 7 - Rewatch

[M]y overall plan, if time and continuance had allowed, was to have been to write in depth about all the characters – including the ship herself. Even the bothering Orac. (Those who know anything of my other work know robot psychology has never deterred me from leaping in headfirst.) 

Leider sollte Tanith Lee nie die Gelegenheit erhalten, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Dennoch müssen wir Chris Boucher auf ewig dankbar dafür sein, dass er die Schriftstellerin während der Vorbereitungsphase zur dritten Staffel aufforderte, ein Drehbuch zu Blake's 7 beizusteuern. Wie er auf die Idee kam, weiß ich nicht genau. Lee war zu diesem Zeitpunkt (1978/79) bereits eine recht berühmte SFF-Autorin, auch wenn die meisten ihrer Romane in Amerika bei Don & Elsie Wolheims DAW Books erschienen, seit sich ihr Sword & Sorcery Epos The Birthgrave (1976) für britische Verlage als zu "edgy" erwiesen hatte. Da Boucher selbst ein begeisterter SF-Leser war, darf man wohl annehmen, dass er ein Fan ihrer Bücher war und sich deshalb an sie wandte. Wie dem auch sei, auf jedenfall lief er mit diesem Ansinnen offene Türen ein, denn Tanith Lee war ihrerseits von Anfang an recht begeistert von Blake's 7 gewesen. Wie sie in einem Interview mit dem Fanzine Scorpio Attack erzählt hat:

I’d watched almost every episode from the first. After that first show, the nature of the programme seemed to change – the first was very dark, political – worrying. But then fantasy came in more definitely, and the adventures began. I enjoyed both aspects very much. I had, mostly unconsciously, been aware of other potential aspects in the characters that weren’t being used. Chris Boucher gave me the chance to explore these, or some of them. 

Und so schrieb Lee mit Sarcophagus ihr erstes TV-Drehbuch. Für Staffel 4 würde sie dann noch ein weiteres Script beisteuern.

Doch bevor wir uns die Episode ein wenig näher anschauen, eine kurze Vorbemerkung. Ich bin über ein paar Rezensionen gestolpert, in denen erklärt wird, Sarcophagus sei mehr Fantasy als Science Fiction. Ganz falsch ist das vielleicht nicht, aber ich frage mich dennoch, ob es ein bloßer Zufall ist, dass dies ausgerechnet über eine Folge geschrieben wird, deren Drehbuch von der einzigen Autorin verfasst wurde, die an Blake's 7 mitgewirkt hat. Hard SF war die Serie ohnehin nie, und man wird schwerlich behaupten können, eine Episode wie James Folletts Dawn of the Gods sei weniger "Fantasy". Ich erinnere kurz: Da ging's um einen luziferischen Gott, der in einem Schwarzen Loch wohnt, und dessen "Großwesir" im Kostüm eines Varieté-Magiers durch die Gegend stolziert ...  Sollte bei diesen Kommentaren also nicht vielleicht doch ein klein wenig das dumme alte Vorurteil mitschwingen, Frauen könnten keine Science Fiction schreiben?

Freilich besitzt Sarcophagus in der Tat einen sehr eigenen Ton. So beginnt die Episode mit einer etwa fünf Minuten langen, völlig dialogfreien und leicht surreal anmutenden Szene. Was für ein Ritual die silberhäutigen Robenträgerinnen da durchführen, bleibt vorerst mysteriös, doch werden dabei von ihnen drei maskierte Gestalten heraufbeschworen: Der Narr, die Musikantin und der Krieger. Schließlich erscheint ungerufen noch eine vierte, bedrohlich wirkende Figur, die von der zelebrierenden Priesterin aber rasch gebannt wird. Erst zum Abschluss wird klar, dass es sich bei dem Ganzen scheinbar um eine Begräbniszeremonie gehandelt hat.

Sprung auf die Liberator. Cally hat sich seit Stunden in ihre Kajüte verkrochen und hängt trübsinnigen Gedanken über ihre untergegangene Heimatwelt Auron nach. Als Avon kommt, um sie auf die Brücke zu rufen, erkennt er sofort, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Und obwohl es ihm nie leicht fällt, seine wahren Gefühle für andere zu zeigen, versucht er ihr auf seine unterkühlte Art Trost zu spenden.

Schon diese kleine Szene zeigt, dass Tanith Lee ein gutes Gespür für die Figuren hatte. Sarcophagus ist im Grunde eine "Bottle Episode", die völlig auf den Auftritt irgendwelcher Gastcharaktere verzichtet. Wenn man von dem surrealen Prolog einmal absieht. Anders als bei solchen Episoden üblich, war der Grund dafür allerdings nicht Kostenersparnis. Lee wollte sich ganz bewusst auf das Kernensemble konzentrieren: "[T]he ill-assorted crew were a glorious ‘family’ to tackle. I could detect a lot of stuff inevitably going on behind their individual masks – some of it obvious and some obscure, tantalising." Mit einer Handvoll Dialogzeilen gelingt es ihr, gleich zwei für die Geschichte wichtige Momente hervorzuheben: Callys Trauer und das Gefühl der Einsamkeit, das für sie als Telepathin unter Nicht-Telepathen besonders schmerzhaft sein muss. Sowie die besondere Beziehung, die zwischen ihr und Avon besteht. Denn obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind, verbindet sie doch ein Gefühl von gegenseitigem Respekt und sogar ehrlicher Zuneigung.

Die anschließende Szene auf der Brücke zeigt, dass Lee auch für die Beziehungen zwischen den übrigen Mitgliedern der Crew ein gutes Auge besitzt. Das gilt sowohl für kleine Details, so etwa, wenn Dayna großen Spaß daran zu haben scheint, den armen Vila zu necken und zu provozieren. Vor allem aber für den großen "Alpha-Männchen" - Konflikt zwischen Tarrant und Avon. Der bricht sofort auf, als ein fremdartiges (und scheinbar unbemanntes) Raumschiff in der Nähe der Liberator auftaucht und man sich entscheiden muss, ob man weiterhin einem Asteroiden mit wertvollen Metallen nachjagen oder lieber das mysteriöse Gefährt untersuchen soll. Avon hält letzteres nicht für besonders ratsam, wird jedoch von den anderen überstimmt. Wenn er daraufhin Tarrant "befiehlt", auf der Liberator zu bleiben, während er selbst zusammen mit Cally und Vila auf das fremde Schiff teleportieren wird, wirkt das wie der Versuch, seine angegriffene "Dominanz" wiederherzustellen. Allerdings hat er wohl noch einen anderen Grund dafür. Denn allen beiden ist Callys merkwürdige Reaktion beim Erscheinen des Schiffes aufgefallen. Doch während Avon seine Gedanken lieber bei sich behält, hat Tarrant sein Misstrauen gegenüber der Telepathin offen zum Ausdruck gebracht. 

Das fremde Schiff entpuppt sich als eine Art fliegender Sarkophag, der schon seit einer halben Ewigkeit durchs All gewandert sein muss. Stärker noch als zuvor machen sich bei Cally irgendwelche Psi-Einflüsse bemerkbar, auch wenn sie das weiterhin ihren Kameraden gegenüber leugnet. Und das, obwohl das Gefühl einer fremden Präsenz schließlich so stark wird, dass sie ihre Strahlenpistole abfeuert. Als dadurch ein Selbstzerstörungsmechanismus ausgelöst wird und das Trio zur Liberator zurückgeholt werden soll, werden Vila und Avon vom Teleporter unerklärlicherweise zurückgelassen. Erst als Cally noch einmal zurückkehrt und ihre Freunde direkten Körperkontakt mit ihr haben, gelingt es, alle drei herüberzuholen, kurz bevor das fremde Schiff explodiert. Außer einem merkwürdigen, eiförmigen Artefakt (und einem Ring, den Cally heimlich eingesteckt hat) konnte nichts geborgen werden.

Die seltsame Fehlfunktion des Teleporters verstärkt Tarrants Misstrauen gegenüber Cally noch weiter. Er sagt ihr unumwunden ins Gesicht, dass sie etwas verheimliche. Sie reagiert ausweichend. Bevor er sie weiter bedrängen kann, greift Avon ein. ("Shut up!") Warum genau er dies tut, ist etwas unklar. Schließlich hegt er selbst einen ganz ähnlichen Verdacht. Aber vermutlich geht es ihm einfach gegen den Strich, dass ausgerechnet Tarrant eine Freundin von ihm unter Druck setzt. Augenblicklich explodiert der untergründig stets vor sich hin brodelnde Konflikt zwischen den beiden.
Tarrant: Don't try and bluff your way with me, Avon. I know what's been needling you right from the start. With Blake gone, you thought you'd got it made, didn't you? Thought you'd got control of this ship and a crew of three who'd say, "Yes, Avon. Whatever you want, Avon." But you reckoned without me.
Avon: That wouldn't be too difficult.
Tarrant: Oh, really? I don't think so. When you found me on the Liberator, it was quite a blow. And every time you look at me, it hits you harder, doesn't it? I'm faster than you and I'm sharper. As far as it goes, I've made a success of my life. But you? The only big thing you ever tried to do you failed at. The greatest computer swindle of all time ... but you couldn't quite pull it off, could you? If it hadn't been for Blake, you'd be rotting on Cygnus Alpha right now. No, you failed, Avon. But I win. Not just at games, at life.
Avon: You also talk too much.
Tarrant: Be thankful I'm restricting myself to talk.
Avon: Well now, that's fascinating. You mean you can do something else?
Bevor die beiden handgreiflich werden können, geht Dayna dazwischen. 
Schließlich kommt man überein, dass es das Beste wäre, um die Gemüter zu beruhigen, wenn der Rest der Crew Vilas Vorbild folgen und sich erst mal eine Runde aufs Ohr hauen würde.
 
Was folgt ist die einzige Gesangseinlage in der Geschichte von Blake's 7. Während wir Bilder der in der sternenübersäten Schwärze des Alls schwebenden Liberator zu sehen bekommen, hören wir Josette Simon (Dayna) folgende Verse singen:
I left my world to wander in
this endless midnight sky,
for space is just a starry night
where no suns ever rise 

Tanith Lee hat über diesen eigenwilligen Part ihres Drehbuchs gesagt:

I was startled when, having allocated the song, I learned Josette was a professional singer. I thought she sang magically, and was more than happy. [...] And why the song? Well I compose them now and then, and this one arrived with the script, music and words.
Welche erzählerische Funktion diese Gesangseinlage hat? Zum einen schafft sie eine Atmosphäre von Verlorenheit, auch wenn es dabei sicher sinnvoller gewesen wäre, wenn Jan Chappell (Cally) die Verse gesungen hätte. Zum anderen kennzeichnet sie den Wendepunkt, von dem ab die Episode *wirklich weird* wird.
 
Zuerst kommt es zu einigen leichten Spukhaus- und Poltergeistphänomenen. Dann fällt das eiförmige Artefakt, dessen Funktionsweise auch Supercomputer Orac nicht wirklich zu ergründen vermochte (wobei er sich seiner typisch irritierende Ausdrucksweise bedient: "I am not willing to speculate on so tenuous and oblique a basis."), wie fauliges Obst in sich zusammen. Die Systeme der Liberator werden von heftigen Energiefluktuationen erfasst und ein Eindringlingsalarm ausgelöst.
 
Was ist geschehen? Eine außerirdische Entität, bei der er sich um die "Seele" der auf dem Sarkophag-Schiff Bestatteten handelt, ist in Callys Bewusstein eingedrungen. Dabei hat sie deren Gefühl der Einsamkeit ausgenützt.

Cally, you've been so long alone. Cut off from your people. You've been homesick for your own world, your own kind, haven't you? For someone to communicate with. True communication: one brain speaking to another. But you won't ever be alone again, Cally. Not now, not for as long as you live.

Deshalb hat Cally zu lange gezögert, um sich energisch gegen diese psychische Überbahme zu wehren und liegt nun in einer Art Koma. Die Entität hat ihren Körper als Blaupause verwendet, um sich einen neuen Leib zu erschaffen, ohne dabei freilich auf goldglänzende Haut und prächtige Gewänder zu verzichten. Um ihre noch instabile physische Form aufrechtzuerhalten, pumpt sie nicht nur die Energieressourcen der Liberator an, sondern saugt auch vampirgleich Callys immer schwächer werdende Lebenskräfte in sich auf. Freilich hat sie im Zuge dieser Reinkarnation auch Callys Erinnerungen und Teile ihrer Persönlichkeitsstruktur in sich aufgenommen. Unglücklicherweise besitzt sie aber auch die Fähigkeit, tödliche Energieblitze auszuteilen.

Da die Wiederauferstandende in ihrem alten Leben offenbar eine Art Aristokratin war, genügt es ihr nicht, die Liberator zu kapern. Sie hätte auch ganz gerne ihre Domestiken zurück. ("When I was alive before, I was accustomed to being served by intelligent menials.) Also sollen Vila, Dayna und Tarrant in die im Prolog eingeführten archetypischen Rollen von Hofnarr, Musikantin und Krieger schlüpfen. Was u.a. dazu führt, dass wir die Drei immer mal wieder kurz in der entsprchenden Gewandung durch die Gegend laufen sehen.

Etwas schade finde ich es, dass nicht Dayna die Kriegerrolle verpasst bekommt. Bei allem, was wir über sie wissen, würde das eigentlich wie die Faust aufs Auge passen. Und warum nicht Tarrant eine bisher unbekannte Vorliebe fürs Leierspielen andichten? Das wäre bei ihm nicht überraschender als bei der aggressiv-impulsiven Amazone. Nun ja ... Vila freilich ist für die Rolle des Gauklers und Narren wie geschaffen. (Und in The Keeper hatte er sie ja sogar schon einmal gespielt). Allerdings legt die Auferstandene (bzw. Tanith Lee) dabei eine recht profunde Einsicht in seine Persönlichkeit an den Tag: "He has a very high IQ and yet he acts like an imbecile." Interessanterweise war Lee scheinbar eine von denen gewesen, die Chris Boucher dazu gedrängt hatte, eine Episode in die Staffel aufzunehmen, in der der liebenswerte Dieb und Feigling einmal der Held sein darf. Was mit City At The Edge Of The World dann ja auch gemacht wurde.

Am Ende ist es Avon, der den Schwachpunkt der Auferstandenden erkennt und auszunutzen versteht. Da ein Teil von Callys Persönlichkeit in ihr fortlebt, gilt das auch für die Gefühle, die sie ihm gegenüber hegt. Deshalb ist es ihr unmöglich, ihn zu töten, als er sich ihr herausfordernd entgegenstellt. Und so kann Avon schließlich in die Rolle der geheimnisvollen vierten Figur aus dem Prolog schlüpfen. Einer Figur, die man nun als eine symbolische Verkörperung des Todes interpretieren kann. Allerdings bedeutet der "Tod" für das außerirdische Wesen nicht einfach ein Verlöschen:

I HAVE to keep this body. I have to live. I've waited so long. Centuries. More time than you could comprehend. How can you imagine what it must be like to be dead, to exist in nothingness, in nowhere. Blind, deaf, dumb, and yet to be sentient, aware, waiting. Centuries of waiting. I have to find my world again, my people, my home. I want to breathe and see and feel. And know. Don't send me back into the dark, Avon, let me live.

Angesichts eines derartigen Schicksals ist man beinah geneigt, Mitgefühl für die Wesenheit zu empfinden, ganz gleich wie hochmütig und gnadenlos sie sich zuvor auch aufgespielt hatte. Avon zögert natürlich trotzdem keinen Moment, den Ring zu zerstören, der die eigentliche Verbindung zwischen der Verstorbenen und dieser Welt darstellt, und sie damit in ihre Limboexistenz zurückzustoßen.

Dass Cally von einer fremden Intelligenz auf telepathische Weise manipuliert wird, ist natürlich keine neue Idee. Vergleichbare Episoden hatte es zuvor schon eine ganze Reihe gegeben. Was Sarcophagus zu etwas besonderem macht, ist zum einen die wunderbar bizarre Atmosphäre, die mit dem Prolog etabliert wird und vor allem in der zweiten Hälfte der Handlung dann voll zum Durchbruch gelangt. Außerdem ist die Auferstandene kein eindimensionaler Bösewicht, sondern verfügt über eine wirkliche Persönlichkeit. Jan Chappell gelingt es sehr überzeugend, sowohl ihre arrogant-aristokratische Fassade, als auch die Furcht und Verlorenheit, die sich dahinter verbergen, zum Ausdruck zu bringen. Schließlich aber verbindet Tanith Lee das geläufige Motiv mit einem tiefen Verständnis der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander. All dies zusammen macht Sarcophagus zu einem weiteren Highlight der dritten Staffel von Blake's 7.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E08: "Rumours of Death"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Meine Vertrautheit mit dem Doctor Who - Franchise ist bis heute eher kursorisch und basiert größtenteils auf meiner Online-Bekanntschaft mit einigen britischen Fans, für die die Serie seit Kindestagen fester Bestandteil ihres Lebens ist. Doch in den letzten Monaten habe ich tatsächlich einige etwas umfangreichere Abstecher in dieses Universum gemacht.

Natürlich werde ich mich nie mit den Feinheiten der Lore einer Serie auskennen, die zumindest den Anschein zu erwecken versucht, ein bald sechzig Jahre umfassendes erzählerisches Kontinuum darzustellen. Und um ehrlich zu sein, besitze ich diesen Ehrgeiz auch gar nicht. Denn ein echter Whovianer werde ich wohl ohnehin nicht mehr werden. Ich spiele allerdings mit dem Gedanken, hier wenigstens irgendwann einmal ein paar meiner Gedanken zu den beiden Jodie Whittaker - Staffeln niederzulegen. Doch nicht heute. Verraten kann ich aber vielleicht jetzt schon, dass mir von allen "neuen" Doctor Who - Sachen (2005+), die ich bisher gesehen habe, die Staffel mit Christopher Eccleston am besten gefallen hat. Nicht zuletzt wegen Billie Pipers Working Class - Mädel Rose Taylor als Companion.

Ich habe mich aber ohnehin mehr in der Ära des Vierten Doktors Tom Baker, vor allem in Staffel 14 bis 17 (1977-1979), herumgetrieben. Dabei hatte ich recht viel Spaß mit Serials wie

  • The Sun Makers – Revolution gegen eine bürokratisch-kapitalistische Despotie
  • The Pirate Planet – Der Beitrag von Douglas Adams
  • The Power of Kroll – Antikolonialistische Geschichte, die mich ein bisschen an Le Guins The Word for World is Forest erinnert hat. Außerdem: Riesenoktopus!
  • The Talons of Weng-Chiang Sehr nettes Arthur Conan Doyle - Sax Rohmer - Pastiche
  • The Ribos Operation – Ein interstellarer Warlord will einen "primitiven" Planeten als neuen Stützpunkt erwerben. Außerdem: Trickbetrüger, ein Stadtwachen-Orakel und ein visionärer Häretiker à la Galileo Galilei oder Giordano Bruno 
  • The Stones of Blood – Mörderische Menhire
  • The Androids of Tara – "Mittelalter"-Abenteuer mit finalem Fechtkampf
  • The Horror of Fang Rock  – Eine Nacht im Leuchtturm, belagert von einem Killer-Alien

Nebenbei habe ich dabei sofort Roboter-Hund K-9 ins Herz geschlossen.

Vor allem aber hatte ich die Gelegenheit, mir endlich einmal Chris Bouchers Beitrag zu Doctor Who zu Gemüte zu führen, bestehend aus The Face of Evil, The Robots of Death und Image of the Fendahl. Vor allem im zweiten Serial erinnerten mich die pointierten und zynischen Dialoge sehr deutlich daran, warum er der beste Drehbuchautor von Blake's 7 und als Script Editor einer der Hauptverantwortlichen für die überragende Qualität der Serie ist. Und so dachte ich mir, dass wir einmal einen etwas längeren Blick auf sein Leben und seine Karriere werfen sollten, bevor wir unseren Rewatch mit einer seiner Episoden fortsetzen.

Geboren 1943, wuchs Chris Boucher in der Kleinstadt Maldon, in Essex, auf. Sein genauer sozialer Hintergrund ist mir unbekannt, doch bezeichnete er sich selbst gern als "a working class lad". Schon relativ früh wurde er ein begeisterter Leser und entwickelte bald eine besondere Liebe zur Science Fiction:

I was a fan from the moment of discovering American pulp mags like Amazing Stories, and Astounding Science Fiction, and British stuff like New Worlds. I went on from them to general anthologies, and then on to particular writers.

Obwohl er in einem traditionell-religiösen Umfeld aufwuchs – "I was a choirboy; I was confirmed; I was wracked with non-specific guilt [...] I prayed a lot for forgiveness" – wandte er sich später vom Glauben ab und wurde ein überzeugter Atheist. Wann genau dies geschah, weiß ich zwar nicht, doch scheint er schon früh das Bedürfnis gehabt zu haben, aus dem familiären Mileu auszubrechen, und man kann sich gut vorstellen, dass parallel dazu auch eine Art geistiger Rebellion stattfand. So machte er sich unmittelbar nach seinem Schulabschluss zusammen mit einem Kumpel auf den "Landweg" nach Australien – quer durch den Nahen Osten bis nach Kalkutta/Kolkata. Nach der Überfahrt auf den Fünften Kontinent arbeitete er dort ein Jahr lang bei der Eisenbahn.  
Als er schließlich nach Hause zurückkehrte war er freilich völlig pleite – "I had five shillings old money in my pocket" – und musste erst einmal wieder bei den Eltern unterschlüpfen. Schließlich fand er einen Job bei Calor Gas, der Firma, bei der auch sein Vater angestellt war: "I became what was laughingly known as a management trainee". Das Unternehmen ermöglichte ihm sogar den Besuch der jungen Universität von Essex. Allerdings musste er dort Wirtschaftswissenschaften studieren, wofür er denkbar wenig Interesse aufbringen konnte. Dennoch machte er brav seinen Bachelor-Abschluss.
Mit zweinundzwanzig Jahren heiratete Chris Boucher. Vorerst war die finazielle Lage des jungen Paares stabil, da beide arbeiteten. Doch als Bouchers Frau Lyn vier Jahre später schwanger wurde und ihren Job aufgeben musste, schien es geboten, sich nach einer weiteren Einnahmequelle umzuschauen. Und so versuchte Boucher sich erstmals als Autor:

I did some, what I discover later were called, three-line quickies, for a television programme called Braden's Week and also I wrote a couple of short stories and sent them off to women's magazines. I think I did a science fiction story as well, which I whacked off somewhere and then sat back and waited for the money to start flooding in.      

Antwort erhielt er nur von der BBC. Mit der allerdings entwickelte sich rasch eine auch finanziell sehr zufriedenstellende Zusammenarbeit. Es dauerte nicht gar zu lange und Boucher konnte mit dem Verkauf seiner Scripts wöchentlich etwa £30 einstreichen, was für die Zeit eine recht ordentliche Summe war. Er nahm die Dienste eines professionellen Agenten – John Hays – in Anspruch, und dieser bemühte sich redlich, neue Kanäle für seinen Klienten zu eröffnen, die es diesem schließlich erlauben sollten, seinen Brotjob bei Calor Gas an den Nagel zu hängen. Einer seiner Ratschläge bestand darin, es einmal bei Doctor Who zu versuchen, denn die Serie war bekannt dafür, auch Drehbücher nicht-etablierter Autoren anzunehmen. Und so landete ein Spec Script mit dem Titel The Silent Scream 1975 auf dem Schreibtisch von Script Editor Robert Holmes.

Zusammen mit Produzent Philip Hinchcliffe hatte Holmes begonnen, Doctor Who in düsterere, unheimlichere und surrealere Gefilde als bisher zu lenken. Was dem "genial, supremely talented hack", wie ihn Taylor Parkes einmal beschrieben hat, alsbald den Zorn der berüchtigten christlich-konservativen Aktivistin und Möchtegernzensorin Mary Whitehouse einbrachte, die in solch frivolem Treiben natürlich bloß eine weitere Attacke der "halbkommunistischen" BBC auf die moralische Gesundheit von Großbritanniens heranwachsender Generation erblickte. Chris Boucher schien Holmes ein geeigneter Mitstreiter bei diesem infernalischen Unternehmen zu sein. The Silent Scream fand dabei zwar keine weitere Verwendung, doch dafür lieferte Boucher schließlich ein Drehbuch mit dem provokanten Titel The Day God Went Mad ab. Gedreht und ausgestrahlt wurde es am Ende als The Face of Evil (Januar 1977). 

In diesem Serial begegnet der Doctor auf einem Dschungelplaneten zwei Völkern – den primitiven Sevateem und den technisch hochentwickelten Tesh –, bei denen es sich in Wirklichkeit um die Nachfahren einer irdischen Weltraumexpedition handelt. Von ihrer Herkunft wissen sie allerdings nichts mehr. Die KI ihres alten Raumschiffs, Xoanon, die beide Gruppen als ihren Gott verehren, ist geistig verwirrt und verfolgt den wahnsinnigen Plan, eine Art Übermenschenrasse zu züchten. Wie sich herausstellt ist der Doctor selbst aufgrund eines Besuchs in der Vergangenheit für den Zustand Xoanons verantwortlich und wird deshalb von den Sevateem als Inkarnation des Teufels ("The Evil One") angesehen.

Mit Face of Evil schuf Chris Boucher auch die Figur der Sevateem Leela, die bis zum Ende der 15. Staffel (The Invasion of Time, Februar/März 1978) die Gefährtin (Companion) des Doctors bleiben sollte. Eigenwillig, impulsiv, kämpferisch und stets bereit, ihr Wurfmesser zu zücken, wich sie ziemlich stark vom Typus ihrer Vorgängerinnen ab.  
Boucher bezog Inspiration u.a. aus dem Vorbild der militanten palästinensischen Kämpferin Leila Khaled, die 1969/70 an zwei von der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) organisierten Flugzeugentführungen beteiligt gewesen war. Was möglicherweise auch etwas über seine politischen Überzeugungen aussagt.
She was from a time when plane hijacking was still considered to be an almost idealistic, brave and noble thing to do. She was jailed for her beliefs and no one had been killed, she was glamorous, she was articulate, but she also became the precursor of some rather less appealing people and happenings.

Leila Khaled wurde nicht zuletzt durch Eddie Adams' berühmte Fotografien für viele Linke im Westen zu einer Art Ikone, die ähnlich wie Che Guevara die vermeintliche Romantik des "bewaffneten Kampfes" verkörperte. Ein Themenkomplex, der meiner Ansicht nach bei Blake's 7 eine wichtige Rolle spielt, worüber ich hier schon einmal etwas ausführlicher gesprochen habe.    

Chris Boucher hatte Leela als "a reaction against the little screaming companion type" konzipiert. Allerdings wurden keineswegs alle späteren Scripts ihrem starken Charakter gerecht. Ich denke da vor allem an The Invisible Enemy von Bob Baker & Dave Martin, in dem sie streckenweise geradezu infantilisiert wird. Auch kollidierte Schauspielerin Louise Jameson schon bald mit Tom Bakers berüchtigtem übergroßen Ego, der zudem die Gewaltbereitschaft der Figur nicht leiden konnte. Dennoch war Leela alles in allem sicher eine interessante Bereicherung für das Universum von Doctor Who.

In The Robots of Death landen der Doctor und Leela auf einem riesigen Bergwerksfahrzeug, das seine Existenz sehr deutlich dem Spice Harvester aus Dune verdankt. Die Besatzung besteht aus einer kleinen Gruppe dekadenter Menschen und einem Haufen Roboter. Als ein Mord geschieht, beginnt jeder jeden zu verdächtigen, da die Blechkameraden angeblich so programmiert sind, dass sie Menschen nicht verletzen können ... In The Image of the Fendahl entpuppt sich eine von einem reichen Privatmann finanzierte paläontologische Ausgrabung als ein okkultes Unternehmen, in dessen Verlauf eine Gruppe von Kultisten eine mächtige außerirdische Entität wiederzubeleben versucht, die einst auf dem heute zerstörten (und von den Timelords in einer "Zeitschleife" versiegelten) Fünften Planeten existierte. Beim Versuch, dies zu verhindern, genießen der Doctor und Leela die Unterstützung der örtlichen "Kräuterhexe" Ma Tyler und ihres Enkels.    

Wie es Boucher selbst einmal so hübsch ausgedrückt hat: "[A]nyone who says they write completely original material is either insane or a liar, or possibly both." Und so machte er nie einen Hehl daraus, dass sich in seinen Scripts fast immer Elemente finden lassen, die er aus Werken anderer entlehnt hatte sei es Harry Harrisons Captive Universe bei The Face of Evil, Frank Herberts Dune (und möglicherweise etwas Isaac Asimov) bei The Robots of Death oder Nigel Kneales Quatermass and the Pit und Kurt Vonneguts The Sirens of Titan bei Image of the Fendahl.   

1977 war ein Jahr des Umbruchs für Doctor Who. Nach dem Ende der 14. Staffel wurde Hinchcliffe als Produzent von Graham Williams abgelöst. Dieser besaß die ausdrückliche Order, die Serie wieder in "kindgerechtere" Bahnen zu lenken. Schon zuvor hatte sich BBC Director General Sir Charles Curran öffentlich bei Mary Whitehouse für die "Gewaltexzesse" in Robert Holmes' (ziemlich coolem) Serial The Deadly Assassin "entschuldigt". Nun knickte man endgültig vor der konservativen Aktivistin ein.  Holmes selbst blieb zwar noch etwas länger als Drehbuchautor dabei, aber auch sein Abschied war bereits eine abgemachte Sache. Die unablässigen Attacken durch Whitehouse und ihre Gefolgschaft hatten ihn zunehmend verbittert und erschöpft. Das dürfte auch mit ein Grund dafür gewesen sein, warum er es ablehnte, die Position des Script Editors bei Blake's 7 zu übernehmen. 

Dafür schlug er Produzent David Maloney als Ersatz Chris Boucher vor. Und der war nur zu bereit, den Posten zu übernehmen. Auch wenn das bedeutete, dass er nicht länger für Doctor Who schreiben durfte. Er sollte es nicht bereuen: "[I]t was the best move I ever made. It was the happiest work related experience I've ever had before or since. It was great!". Das einzige, worüber er sich im Nachhinein ärgerte, war, dass er sich nicht in angemessener Weise von Calor Gas verabschiedete, denen er nun endlich für immer den Rücken kehrten konnte:

[M]y only regret about leaving was that I didn't go to the guy I was working for and tell him to stick his job up his arse, and that is a sort of regret. You know, I should have just stopped in and said, "Listen you bastard, you can take your job and stick it where the sun don't shine, and you're a miserable prick to boot."
Als Boucher zum Team stieß, hatte Terry Nation schon einen kleinen Stapel von Script-Entwürfen zu Papier gebracht. Dennoch war sein Einfluss auf den Charakter, den die Serie schließlich annehmen sollte, von Anfang an nicht unbeträchtlich. Zumindest wenn man seiner eigenen Einschätzung folgt:
Terry had a much clearer notion of right and wrong than I did, and saw the series as basically Robin Hood in space. Whereas I sort of warped it a bit and tried to make it more ambiguous, so that in the end it became more like Che Guevara and the Dirty Dozen.
Ich denke, Bouchers tiefe Abneigung gegen jede Form von moralischem Absolutismus spielte eine wichtige Rolle für seinen Beitrag zu Blake's 7. Er war nicht an irgendwelchen glasklaren Gut vs Böse - Parabeln interessiert, sondern daran, wie Menschen durch die Umstände geformt werden, unter denen sie leben.

I don't believe there is such a thing as fundamental evil. [...] I don't think you can say, "ooh look at that bastard. There is a chunk of pure evil.” I mean evil arises out of situations, it arises out of inadequacies, pain and ignorance and fear, and I suspect it's awfully easy to stumble into evil and to stumble into being evil, or into being what is perceived as evil, but I don't believe that it starts out that way. I often get depressed by the way society appears to be going, where you hear strange politicians, and God knows we've got a lot of those now, saying, "it's no excuse to say that joy-riding and rioting arise because of unemployment," and I find myself yelling at the television, "no one's saying that it's an excuse, they're saying it's an explanation, you stupid twat."

Nach dem Ende von Blake's 7 arbeitete Chris Boucher hauptsächlich im Krimigenre, so bei Juliet Bravo (1982), Bergerac (1983-87) und The Bill (1987). Nur einmal noch kehrte er in TV - Science Fiction - Gefilde zurück. Doch die von ihm selbst konzipierte Serie Star Cops (1987) war eine von zahlreichen Problemen geplagte Produktion und wurde bereits nach neun Episoden wieder eingestellt. In späteren Jahren (1999-2005) schrieb Boucher vier Doctor Who - Romane für BBC Books, in denen der Vierte Doktor und Leela neue Abenteuer erleben. Außerdem entwickelte er die Hörspiel-Serie Kaldor City (2001), deren Setting auf The Robots of Death zurückgreift, in der aber auch eine Figur aus Bouchers Blake's 7 - Episode Weapon auftaucht. 

Avon war von Anfang an eine von Chris Bouchers Lieblingsfiguren. Dafür war zum einen die exzellente Zusammenarbeit mit Schauspieler Paul Darrow verantwortlich. Doch lag ihm sicher auch der ambivalente Charakter des selbstverliebten Computergenies:

I was always careful to make sure that Avon could have an idealistic reason for doing something, and also a totally selfish and cynical one, and you pays your money and you takes your choice. I don't think to my mind the character was really sure of his own motives anyway

Und so ist es nur angebracht, dass die Folge, mit der wir uns nun beschäftigen wollen, eindeutig eine Avon-Episode ist.

Wie wir aus Children of Auron wissen, will Avon das Chaos nach dem Ende des Intergalaktischen Krieges nutzen, um endlich eine offene Rechnung mit dem "Verhörexperten" (Folterknecht) Shrinker zu begleichen, den er für den Tod seiner Partnerin Anna verantwortlich macht. 
Nachdem der Ausbruch einer Pandemie auf Callys Heimatwelt dieses Unternehmen erst einmal unterbrochen hatte, ist die Liberator inzwischen endlich im Erdorbit angelangt. Avon hat sich absichtlich gefangen nehmen lassen, da er überzeugt davon ist, dass früher oder später Shrinker (John Bryans) zu Verhör & Folterung in seiner Zelle auftauchen wird. Der Plan geht auf und wenig später schon findet sich der uniformierte Sadist auf der Liberator wieder. Shrinker gibt eine ziemlich jämmerliche Figur ab, sobald er nicht länger das Sagen hat. Wie wohl nicht anders zu erwarten, versucht er sich hinter dem altgedienten "[I]  only ever followed orders" - Argument zu verstecken, aber damit kommt er hier nicht weit. Nur Cally ist nach wie vor wenig begeistert von Avons Racheplänen.
Cally: Are you sure you want to go on with it?
Avon: Yes, I'm sure I want to go on with it. Look, Cally, I know you don't want any part of this. All right, I'm not going to give you any part of it. You're out. This is mine. I'm doing it. 
Cally: And what am I doing, Avon? Just following orders, like him? 
...  
Tarrant: He's an animal, Cally.  
Cally: Yes, and it's contagious, isn't it?

Aber natürlich lässt sich Avon dadurch nicht aufhalten. Zusammen mit Shrinker lässt er sich in eine Höhle ohne Ausgang teleportieren und beginnt sein Verhör. Der völlig verängstigten Folterknecht beteuert, nie eine Anna Grant gekannt zu haben, aber er erinnert sich schließlich an den Fall. Wie sich zeigt, war der große Bankbetrug, den Avon und Anna durchziehen wollten, keineswegs der "geniale Coup", für den unser arrogantes Computergenie ihn immer gehalten hat: 

Avon: I'd found my way around the security programs in the banking computers. I was about to undermine confidence in the entire Federation credit system. Anna and I were going to be so rich that no one could touch us. And we were almost there.     
Shrinker: You were never even close. I remember you now -- you're Kerr Avon, the great bank fraud. 
Avon: That's what I just said. 
Shrinker:  Bartolomew was running you. 
Avon: Running me? 
Shrinker: Central Security -- Bartolomew was their best agent. They were on to you from the start. But they were convinced that you were political, so Bartolomew stayed close and let you run. Anyone that you so much as looked at was marked for collection. 

Shrinker gelingt es, Avon davon zu überzeugen, dass nicht er, sondern der ominöse Bartolomew für Annas Tod verantwortlich gewesen sein muss. Das bewahrt ihn allerdings nicht vor einem ziemlich grausamen Schicksal.

Derweil bereitet man sich in Servalans neuer Residenz auf einen Staatsempfang vor, mit dem die vollständige Niederschlagung der Aufstände gefeiert werden soll, die nach den Ereignissen von Star One offenbar wirklich ausgebrochen waren.
Dabei stellen wir als Zuschauende erstaunt fest, dass Anna (Lorna Heilbron) offenbar nicht nur nicht tot, sondern unter dem Namen Sula die Ehefrau eines mächtigen Politikers, Councilor Chesku (Peter Clay) ist. Die Situation wird noch mysteriöser, als Sula ihren Gatten kaltblütig ermordet und zusammen mit einem kleinen Guerilla-Trupp die Stürmung des Palastes vorbereitet.

Ein Gutteil der Episode dreht sich überhaupt nicht um Avons Versuch, Annas "Mörder" zu finden, sondern um diesen versuchten Staatsstreich. Dabei bekommen wir die Ereignisse vor allem aus der Sicht zweier Offiziere, Major Grenlee (Donald Douglas) und Section Leader Forres (David Haig), zu sehen, die für Überwachung und Sicherheit der Residenz verantwortlich sind. Von Boucher waren die beiden offenbar als eine Art "comedy double" konzipiert. Nun sind ihre Dialoge zwar nicht ganz so witzig und schlagfertig, wie man vielleicht erhofft hätte. Aber dafür zeichnen sie recht hübsch das Bild zweier "kleiner Nummern", die für ihre Vorgesetzten zwar nichts als Verachtung übrig haben, dabei jedoch sehr genau wissen, dass die Parole "Maul halten" zu heißen hat, wenn sie nicht seeehr großen Ärger bekommen wollen.

Forres: One law for the rich, eh Major?
Grenlee: There's no law for the rich, Forres, and even less for the rich, personal friends of the President.
Forres: They are only civilians, though.
Grenlee: If you want to get on in this man's army, Forres, you've got to learn to distinguish between civilians who are and civilians who aren't.
Forres: Sir. [Thinks twice] Are and aren't what, sir? 
Grenlee: When you know that, Section Leader, you'll be ready for promotion.
Forres: I don't know that I'd want it -- promotion, I mean. 
Und dass die beiden bei der Erstürmung der Residenz dann ganz "nebenbei" von den Rebellen über den Haufen geschossen werden, ist fast ein bisschen schockierend. Gerade weil sie bis dahin so was wie die "comedy sidekicks" der Handlung gewesen waren.

Wie so oft in Blake's 7 erscheinen auch in Rumours of Death die Revolutionäre in einem durchaus kritischen Licht. So erzählt Shrinker über den ersten großen Aufstand: 

One of the first targets of the Rebellion was Central Security. That was where they made their mistake. They were obsessed with revenge. By the time they'd finished kicking the corpses, they, they'd lost their chance, and the, the President had regrouped her forces.
Und auch der von Sula geführte Staatsstreich wirkt ambivalent. Die Guerilleros scheinen überzeugte Freiheitskämpfer zu sein. Doch was ist mit ihrer Anführerin? Ihr Stellvertreter Hob (David Gilles), der offenbar der ursprüngliche Organisator der Gruppe war, erklärt nach dem "Sieg" recht deutlich:

We didn't fight to put you behind that desk, Sula. [Sie hat wie selbstverständlich Servalans Platz eingenommen.]
Aber droht nicht genau das bei dieser "Revolution" herauszukommen? Sulas echte Motive werden uns zwar nicht enthüllt, doch wir wissen, dass sie zum Führungszirkel des totalitären Regimes gehörte. Können wir wirklich glauben, dass sie plötzlich zu einer ehrlichen Demokratin geworden ist? Wir haben schon in der Vergangenheit (Voice From the Past) gesehen, wie Vertreter des Establishments versucht haben, ihren eigenen Griff nach der Macht als einen selbstlosen Kampf für die Freiheit darzustellen. Warum sollte das nicht auch für Sula gelten? Zumal wir inzwischen wohl davon überzeugt sein dürften, dass sie "Bartolomew" gewesen ist. Verstellung war ihr Beruf.

Avon weiß zu diesem Zeitpunkt von all dem natürlich noch nichts. Er befindet sich weiterhin auf seinem Rachefeldzug. Nach der Enttäuschung mit Shrinker ist sein Ziel nunmehr Servalan selbst. Sie zumindest muss wissen, wer sich hinter dem Decknamen "Bartolomew" verbirgt.
Und auch wenn das für ihn selbst ein sehr persönliches Unternehmen ist, beharren seine Kameraden & Kameradinnen darauf, ihn zu begleiten.
Avon: This has nothing to do with you -- any of you.
Tarrant: That's true.
Dayna: On the other hand, you have something to do with us.
Cally: We've talked about it and discovered we care what happens to you. 
Tarrant: Within reason, of course. 
Dayna: We're as surprised about it as you are. 
Vila: Not to mention, embarrassed.
Ob es ihm passt oder nicht, die Gang wird das gemeinsam durchziehen.
Als sie die Präsidentenresidenz erreichen, berät der selbsterklärte "Volksrat" ("People's Council") der Rebellen gerade eifrigst darüber, ob man Servalan umgehend hinrichten oder als Werkzeug zur Konsolidierung der neuen Macht benutzen soll, wie Sula es vorgeschlagen hat. Und so gelingt es ihnen unbemerkt in den Keller vorzustoßen, wo sie die in Ketten gelegte Präsidentin finden.
Wie Tarrant ganz richtig erkennt, ist Servalans Selbstbewusstsein durch diesen Coup zum ersten Mal ernsthaft erschüttert worden. Sie war zuvor schon in prekären Situationen, aber das hier ist anders. Sie wurde im Zentrum ihrer Macht von einem kleinen Trupp Guerilleros überwältigt, gedemütigt und gefangen gesetzt. 
Avon:  Is that it? Have you finally lost your nerve? Have you murdered your way to the wall of an underground room?
Doch noch ist sie nicht völlig gebrochen:
It's an old wall, Avon, it waits. I hope you don't die before you reach it. 

Und tatsächlich erwartet Avon ein ähnlich erschütterndes Erlebnis, als Anna/Sula auftaucht und er realisiert, dass eine der wenigen Personen, die er wirklich geliebt und der er vertraut hat, eine Agentin des Feindes war.

Avon: Of all the things I have known myself to be, I never recognized the fool.
Rumours of Death ist eine der exzellentesten Episoden der dritten Staffel. Neben Chris Bouchers Drehbuch ist dafür vor allem Paul Darrow verantwortlich. Deutlich spüren wir die heftigen Emotionen, von denen der sonst so eisig-sarkastische Avon hier beherrscht wird. Sein hasserfülltes Verlangen nach Rache ebenso wie die verzweifelte Desillusionierung, als sich ihm die grausame Wahrheit offenbart. Großartig!

Samstag, 23. Mai 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E07: "Children of Auron"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Unter den aktuellen Umständen könnte eine Episode über eine tödliche Epidemie, die in Windeseile eine gesamte Planetenbevölkerung dahinrafft, als ein etwas ungünstiger Wiedereinstiegspunkt für unseren Blake's 7 - Rewatch erscheinen, aber daran lässt sich nun einmal nichts ändern.

Roger Parkes hatte seinen Einstand als Blake's 7 - Autor in der zweiten Staffel mit Voice from the Past feiern können, und wir haben dort bereits kurz auf seine langjährige Erfahrung mit SciFi-Stoffen hingewiesen, die er bei der Mitarbeit an The Prisoner (1967), Out of the Unkown (1971), Doomwatch (1971/72) und Survivors (1976/77) hatte sammeln können.  Sein Debüt war eine ziemlich gelungene, wenn auch strukturell etwas unausgewogene Geschichte über die politischen Machtkämpfe innerhalb der Föderation gewesen. Schaun wir mal, ob er in Beitrag Nr. 2 diese Qualität zu halten versteht.

Wie der Titel ja bereits nahelegt, ist Children of Auron eine Cally-Episode. Dabei wird die Hintergrundsgeschichte der Ex-Partisanin einem ziemlich heftigen Retconning unterzogen. Bei ihrem allerersten Auftritt in Time Squad hatte es geheißen, sie sei von den Auronar ausgesandt worden, um den Freiheitskämpfern von Saurian Major gegen die Föderation beizustehen. Und zwei Staffeln lang schien es ganz so, als sei sie mit dem vollen Segen ihrer Heimatwelt auf diese Mission gegangen. In Dawn of the Gods wurde dann erstmals angedeutet, dass sie sich vor ihrer Abreise mit ihrem Volk überworfen habe. Und nun erfahren wir, dass sie eine regelrechte Ausgestoßene ist. Mit etwas gutem Willen kann man das rückblickend zwar schon irgendwie alles unter einen Hut kriegen, aber niemand wird auch nur für einen Moment glauben, dies sei von vornherein so geplant gewesen.

Mit dem durch den Intergalaktischen Krieg geschaffenen Chaos sieht Avon seine Chance gekommen, einen persönlichen Rachefeldzug zu beginnen. Wie wir während der zweiten Staffel in der Episode Countdown erfahren haben, war er während seiner kriminellen Karriere mit einer Frau namens Anna Grant liiert, die ihm offenbar sehr viel bedeutete. Er selbst entging der Verhaftung, doch sie geriet in die Hände der Föderation und starb unter der Folter. Nun endlich scheint der Zeitpunkt gekommen, den dafür verantwortlichen "Verhörspezialisten" Shrinker aufzuspüren und zu "exekutieren", wie Avon sich auszudrücken beliebt. Also nimmt die Liberator zum ersten Mal seit langem wieder Kurs auf die Erde.
Cally ist die einzige unter der Crew, die dieses Vorhaben ablehnt und das auch offen zum Ausdruck bringt. Rache ist in ihren Augen ein sinnloses Verlangen. Was Avon dazu veranlasst, ein paar spöttische Kommentare über die Moral der Auronar und ihre politische Neutralität abzugeben: "Too good to become involved with the rest of humanity. [...] Neutrality or passivism, it all boils down to the same gutless inanity." Cally protestiert. Schließlich gebe es Auronar wie sie selbst, die aktiv am Kampf gegen die Föderation teilgenommen haben.
Cally: We're not all gutless, you see.
Villa: And the Aurons punished you for your defiance, didn't they?
Tarrant: Were you exiled?
Cally: Yes. Why do you imagine I've never gone back? Affection for him?
Die rhetorisch gedachte Frage am Schluss ist eine nette kleine Anspielung auf die enge Beziehung, die von Beginn an zwischen Cally und Avon bestanden hat, obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind.

Doch bevor die Liberator auch nur in die Nähe des Sonnensystem gelangt, erreicht Cally ein telepathischer Hilferuf von ihrer Zwillingsschwester Zelda. Auf der Heimatwelt scheint es zu irgendeiner furchtbaren Katastrophe gekommen zu sein.
Der stets misstrauische Avon wittert zwar eine Falle, doch diesmal wird er von seinen Kameradinnen & Kameraden überstimmt. Und so sehr ihm das auch missfallen mag, noch werden solche Entscheidungen auf der Liberator von allen gemeinsam getroffen.
Tarrant: Zen, reroute to planet Auron.
Avon: Just like that?
Tarrant: A democracy. You're outvoted, Avon. Three to two.
Vila: Four to one. I like to stay with the winners whenever possible.      
Tatsächlich haben sowohl Cally als auch Avon recht. Auf Auron ist es in der Tat zu einer medizinischen Katastrophe ungeheuren Ausmaßes gekommen, die das Überleben der gesamten Bevölkerung bedroht. Und doch handelt es sich um eine Falle.

Die Regierung von Auron verfolgt seit Jahrzehnten eine strikt isalotionistische Politik. Zugleich wurde die natürliche Form der Fortpflanzung durch eine Art des Klonens ersetzt, bei der aus dem Erbgut eines einzelnen Individuums jeweils eine Reihe identischer "Nachkommen" (so wie Cally und Zelda) erzeugt werden. Doch das hat unglücklicherweise auch dazu geführt, dass die junge Generation über praktisch keine Abwehrkräfte gegen außerplanetarische Krankheitserreger mehr verfügt. Eine Schwäche, die sich Servalan auf perfide Weise zunutze gemacht hat, indem sie den Piloten eines Patrouillenschiffs mit fremdartigen Viren infizierte.
Unsere Weltraumdiktatorin ist immer noch dabei, ihr halbzerfallenes Imperium wieder auf die Beine zu bekommen. Warum es zum Erreichen dieses Ziels nötig ist, die gesamte Bevölkerung eines neutralen Planeten auszurotten, will freilich auch dem Captain ihres Kriegsschiffs Deral (Rio Fanning) nicht ganz einleuchten. Sicher, eine solche Demonstration skrupelloser Gewalt könnte geeignet sein, potentielle Rebellen und Abweichler einzuschüchtern. Dennoch bekommt man den Eindruck, dass dieses Unternehmen selbst dem sicher nicht zimperlichen Föderationsoffizier etwas arg brutal vorkommt. Aber Servalan hat für alle Fälle sowieso den jüngeren Ginka (Ric Young) bei der Hand. Der glaubt, bei der letzten Beförderung übergangen worden zu sein, und brennt nur darauf, der Präsidentin seine grenzenlose Loyalität unter Beweis zu stellen. Erst recht, wenn er dabei auch noch Derals Autorität untergraben kann.
Als Servalan ihrem Captain begeistert von den Klontechniken der Auronar berichtet, glaubt dieser, ihre wahren Motive durchschaut zu haben: "So this is your reason. Nothing to do with rebuilding the Federation. You simply want to reproduce." Ein Gedanke, den er vielleicht besser nicht laut ausgesprochen hätte. Denn selbstverständlich will die Präsidentin nicht, dass der Eindruck entsteht, ihr gehe es bei dieser Aktion bloß um die Befriedigung irgendwelcher persönlichen Wünsche. Ihr eigentliches Ziel sei es die Liberator nach Auron zu locken. Habe man erst einmal die Kontrolle über das mächtigste Kriegsschiff der Galaxis, stehe der Konsolidierung der Föderation nichts mehr im Wege. Die Klontechnik sei ein bloßer Bonus. Deral ist zumindest klug genug, von nun an den Mund zu halten. 

Auf Auron ist die Lage inzwischen verzweifelt. Die fremde Epidemie breitet sich rasend schnell aus. Einer der alten Ratsmitglieder (Ronald Leigh-Hunt), der für die verheerende  Isolationspolitik verantwortlich war, befiehlt alles für eine Evakuierung genetischen Materials vorzubereiten. Zugleich weist er die gegen ihn gerichtete Kritik der Wissenschaftlerin Franton (Sarah Atkinson), deren Vater die Klontechnik entwickelte, brüsk zurück. Nicht seine Politik, sondern der Intergalaktische Krieg, sei für diese Katastrophe verantwortlich. Bei den außerirdischen Krankheitserregern müsse es sich um Überreste einer biologischen Waffe handeln.
Als Servalans Schiff den Planeten erreicht und die Präsidentin "großzügig" ihre "Hilfe" anbietet, geht der Alte ohne zu zögern darauf ein, obwohl Franton ihn vor einer möglichen Falle warnt und darauf beharrt, es sei besser, auf die Liberator zu warten.
Ironischerweise ist Franton die erste (und einzige) Erkrankte, die tatsächlich behandelt wird, denn Servalan braucht ihre Dienste im "Bio-Replikations-Zentrum".

In der Tat läuft für die Diktatorin erst einmal alles nach Plan. Nachdem Avon, Cally und Tarrant herunterteleportiert sind, werden sie von Föderationstruppen gefangen genommen. Derweil lässt sich die Präsidentin eine Blutprobe entnehmen, aus der ihre Klone herangezüchtet werden sollen. Wenig später kann sie dann in Siegerpose dem auf der Liberator zurückgebliebenen Vila ihre Forderungen diktieren. Captain Deral wird hinaufgeschickt. Angeblich als Unterhändler, doch in Wahrheit natürlich, um mit der Waffe in der Hand die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen.

Zu dumm für Servalan, dass sie vergessen hat, dass es ja auch noch Dayna gibt. Auch hat Cally zur selben Zeit ihrer Schwester eine telepathische Nachricht zukommen lassen und sie über den Ernst der Lage aufgeklärt. Das Blatt wird sich schnell wenden.

Children of Auron hat viel nettes zu bieten.
Auch wenn wir hier zum ersten Mal von der extrem isolationistischen Politik der Auronar hören, ist ihr furchtbares Schicksal doch eine interessanter Kommentar darauf, was passieren kann, wenn sich eine Gesellschaft völlig vom Rest der Welt abschottet.
Endlich einmal darf Dayna wieder eine etwas aktivere Rolle spielen. Sie überwältigt nicht nur gemeinsam mit Vila den Föderationscaptain, sondern ist auch diejenige, die ihre auf dem Planeten befindlichen Kameraden & Kameradinnen schließlich rettet.
Wenn Servalan die Bombardierung der Regierungsgebäude befiehlt, bekommen wir einige sehr hübsche, explodierende Modelle und viel brutalistische Architektur zu sehen.
Das Gekabbel zwischen dem ergrauten Captain Deral und dem jungen und skrupellosen Karrieristen Ginka macht viel Spaß. Und keiner der beiden überlebt die Episode. Die Kaltblütigkeit, mit der die Liberator - Crew Deral am Ende in seinen sicheren Tod schickt, ist bemerkenswert. 
Und dann wäre da natürlich auch noch Servalans Wunsch, Nachkommen in die Welt zu setzen. Natürlich könnte man darin einen Ausdruck der überkommenen Vorstellung sehen, dass es in der "Natur" jeder Frau liege, eine Mutter werden zu wollen. Dass unsere kaltblütige und machtversessene Weltraumdiktatorin das Klonen dem "natürlichen Weg" vorzieht, wäre dann ein Anzeichen für ihre eigene "Unnatürlichkeit". Eine Deutung mit ziemlich unangenehmen Implikationen. Aber ich denke, man kann das auch anders betrachten. Servalan geht es nicht wirklich um "Mutterschaft", sondern um eine Form von Unsterblichkeit. Was sie sich wünscht, sind ja keine Kinder, sondern perfekte Kopien ihrer selbst. Näher kann man einem Fortleben nach dem Tod eigentlich nicht kommen. Und ein solches Verlangen passt sehr gut zu Servalans narzisstischem Charakter, ohne dass man deswegen auf irgendwelche höchst fragwürdigen Ideen über die "weibliche Natur" zurückgreifen müsste.

Dienstag, 17. Dezember 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E06: "City at the Edge of the World"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Den Comic Relief - Charakter zu spielen, kann ein ziemlich undankbarer Job sein. Während andere sich in heroische Posen werfen oder den coolen Antihelden markieren dürfen, gibt man selbst meist eine etwas lächerliche Figur ab. So verlangt es halt die Rolle. Dass einem das irgendwann auf die Nerven gehen kann, ist nachvollziehbar.
Michael Keating hat später erzählt, seine fünf- oder sechsjährige Tochter habe einmal zu ihm gesagt, sie fände Vila "doof" ("stupid"). Daraufhin habe Chris Boucher beschlossen, extra eine Episode zu schreiben, in der der feige Langfinger ausnahmsweise mal der unumstrittene Held sein darf.

Der Titel dürfte eine Anspielung auf The City on the Edge of Forever, die berühmte Harlan Ellison - Folge von Star Trek, sein, auch wenn das inhaltlich nicht gar zu viel Sinn macht. Wir bekommen zwar eine Art Variante auf den "Guardian of Forever" zu sehen, doch damit enden die Ähnlichkeiten dann auch schon.

Die Episode beginnt mit einer jener grandiosen Chris Boucher - Dialogszenen, bei denen einfach jedes Wort sitzt. Tarrant hat einen Deal mit den angeblich höchst friedvollen Bewohnern des Planeten Kezarn ausgehandelt. Im Austausch für einige seltene Kristalle, ohne die die Energiekanonen der Liberator schon bald den Geist aufgeben würden, soll Vila dem Völkchen bei der Lösung eines nicht näher beschriebenen Problems behilflich sein. Doch der fingerfertige Dieb weigert sich, allein und unbewaffnet auf eine solche Mission zu gehen. Also droht der Exoffizier ihm damit, ihn andernfalls einfach von Bord zu werfen:
Tarrant: I can't make you go, of course.
Vila: That's right, you can't.
Tarrant: But I can toss you off this ship.
Vila: What?
Tarrant: You're no use to me.
Vila: I don't have to be any use to you. I was here first. I was with Blake. I've more right on this ship than you have. 
Tarrant: "Right"? No one survives as long as you have, Vila, without learning the facts of life. 
Vila: The facts of life are that I --
Tarrant: -- are that I can dump you any time. The others wouldn't stop me. And you couldn't, could you? Now I suggest you reconsider your decision. But don't take too long. I'm not a patient man.
Vila: All my life, for as long as I can remember, there's been people like you.
Tarrant: And I thought I was unique.
Vila: You're not even unusual, Tarrant.
Avon und Cally merken sofort, dass mit ihrem alten Crew-Kameraden etwas nicht stimmt, als sich der eingeschüchterte Vila auf die Planetenoberfläche teleportieren lässt. Und Tarrant macht aus seinen Bully-Methoden auch gar keinen Hehl. Woraufhin ihm Avon sehr deutlich zu verstehen gibt, dass er solches Verhalten nicht zu tolerieren bereit ist:
Avon: Leave him alone in future.
Tarrant: Or?
Avon: Do you want me to threaten you?
Selbst Cally ist etwas überrascht, dass der arrogante Zyniker, der für gewöhnlich nie eine Gelegenheit verstreichen lässt, seiner Verachtung für Vila Ausdruck zu verleihen, sich plötzlich schützend vor ihn stellt. Avons Antwort klingt durchaus vernünftig: "He's irritating, but he's useful. We can easily replace a pilot [Tarrant], but a talented thief is rare." Aber seine Reaktion hat auch ein bisschen was von: "Nur ich darf meinen kleinen Bruder schlagen". Wir wissen inzwischen ja, dass Avon nicht ganz so kaltherzig und egozentrisch ist wie er zu sein vorgibt.

Natürlich geht bei Vilas Mission etwas schief. Der Dieb ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt und statt der versprochenen Kristalle wartet ein Sprengsatz auf Cally, die sich als erste hinunter begibt. Avon folgt und zusammen machen sich die beiden auf die Suche nach ihrem verschwundenen Kameraden.

Dieser ist inzwischen von den nicht eben gesprächigen Kezarnern, die allesamt wie pseudo-keltische Hippies aussehen, zu der verlassenen "City at the Edge of the World" gebracht worden. Dort erwartet ihn eine böse Überraschung in Gestalt des psychopathischen Gangsters Bayban und seiner in schmucke Lederrüstungen gewandeten Gang. Colin Baker spielt den irren Sadisten mit sichtlichem Vergnügen, und darf dabei so grandiose Zeilen von sich geben wie die folgenden:
Vila: You're top of the Federation's Most Wanted list -- after Blake.
Bayban: What do you mean, "after Blake"? I was working my way up that list before he crept out of his creche. Working my way up. I didn't take any political shortcuts.
Vila soll für Bayban eine mysteriöse Tür öffnen, hinter der dieser eine gut gefüllte Schatzkammer vermutet. Die Indizien, die dafür sprechen, klingen zwar nicht sehr überzeugend, aber wer weiß schon, was in dem Kopf dieses Typen vor sich geht? Für die Bewohner Kezarns scheint die Tür jedenfalls eher eine mystisch-religiöse Bedeutung zu haben.

Wie dem auch sei, Vila bleibt nicht viel anderes übrig, als sich an die Arbeit zu begeben, wenn er nicht auf der Stelle abgemetzelt werden will. Auch erwacht schon bald sein "beruflicher" Ehrgeiz. Komplizierte Schlösser zu knacken, ist für den Meisterdieb eine intellektuelle Herausforderung, eine Art Duell mit dem Konstrukteur des Mechanismus.

Während Vila sich mit reflektierenden Kraftfeldern und anderen Sicherungen herumplagt, gesellt sich Kerril (Carol Hawkwins) zu ihm. Sie war es, die ihn in den Korridoren der Stadt überwältigte und zu Bayban brachte. Obwohl sie ihm anfangs mit aggressiver Verachtung begegnet ist ("little man"), kommen sich die beiden schnell näher. Seine ebenso methodische wie leidenschaftliche Herangehensweise an das ihm gestellte Problem fasziniert und beeindruckt sie ganz offenbar, und Vila seinerseits hat noch nie einer hübschen Frau widerstehen können. Als das Kraftfeld schließlich zusammenbricht und einen Durchgang enthüllt, dringen die beiden gemeinsam in die dahinter liegenden Gewölbe vor. Eine Schatzkammer finden sie dort allerdings nicht. Stattdessen werden sie auf ein Tausende von Lichtjahren entferntes Raumschiff teleportiert.
Diese ganze Einrichtung wurde vor Äonen von den Bewohnern Kerzans kreiert, als sich deren Gesellschaft unaufhaltsam auf einen allgemeinen Zusammenbruch zubewegte. Die Idee war, ein unbemanntes Schiff in die Weiten des Alls zu schicken, um nach einem geeigneten Planeten für einen Neuanfang zu suchen. Es war klar, dass dies sehr lange dauern würde und so pflanzte man der eigenen Bevölkerung einen genetischen Trieb ein, alle fünfundvierzig Generationen jemanden durch das Tor in der "City at the Edge of the World" zu schicken. Soweit klingt das alles ja noch ganz einleuchtend {na ja, eigentlich nicht}, aber jetzt kommt der Haken: Falls das Schiff noch keinen geeigneten Planeten gefunden haben sollte, darf die betreffende Person nicht nach Kerzan zurückkehren, sondern ist dazu verdammt, nach ein paar Stunden an Sauerstoffmangel zu sterben.
Und unglücklicherweise scheint genau das das Schicksal von Vila und Kerril zu sein. Den sicheren Tod vor Augen, beschließen die beiden, dass sie sich ihr letztes Stündchen mit ein bisschen nettem Sex versüßen könnten. {Nicht dass dieses Wörtchen je ausgesprochen würde. Auch scheinen die beiden es anschließend sehr eilig zu haben, wieder in ihre Kleider zu schlpfen ...}

Während der Rest der Liberator - Crew einen Überraschungangriff auf Bayban und seine Gang startet, stellen Vila und Kerril überrascht fest, dass sie noch nicht erstickt sind. Sollte das Schiff doch bereits sein Ziel erreicht haben?

City at the Edge of the World ist keine tiefgründige, aber dafür eine grundsympathische Episode. Chris Boucher gelingt es, eine Blake's 7 - Folge zu schreiben, in der Vila der Held ist, ohne dazu dem Charakter des etwas hasenfüßigen Diebes Gewalt antun zu müssen. Er verwandelt ihn nicht einfach in einen furchtlosen Krieger. Vila triumphiert durch sein Talent im Schlösserknacken. Und an einer Stelle lässt er sogar für einen kurzen Moment Kerril im Stich und ergreift die Flucht, als ihm die Situation zu brenzlig zu werden scheint. Er ist immer noch "unser" Vila. Und doch wird er am Ende von den Kerzanern zurecht als ihr Retter gefeiert: "Vila, you're a clever man, and brave."
Selbst die kleine Liebesgeschichte besitzt ihren Charme. Natürlich entwickelt sie sich viel zu schnell, aber das ist halt der Fluch des episodischen Erzählens im Fernsehen. Es bleibt nie genug Zeit, um Beziehungen zwischen einem Mitglied des Ensembles und dem Gast der Woche glaubhaft zu entwickeln. Kerril ist eine sympathische Figur, höchst charmant gespielt von Carol Hawkins, die ihre Karriere zwar mit phantastischen Flicks wie The Body Stealers (1969), dem Spy-Fi-Spoof Zeta One (1969) und When Dinosaurs Ruled the World (1970) begonnen hatte, dem Publikum zu diesem Zeitpunkt aber hauptsächlich aus einer Reihe mehr oder weniger "erotischer" Seventies-Komödien bekannt gewesen sein dürfte. Etwas bedauerlich finde ich allerdings, dass es die Macher für nötig empfanden, Kerril im Laufe der Handlung "femininer" zu machen, da sie offenbar glaubten, nur dann wäre die Liebesgeschichte glaubhaft. Sie beginnt die Story als toughe Killerin, Bayban nennt sie "the best gun hand I ever had", und auch wenn sie am Ende nicht völlig zur "Damsel" gemacht worden ist, geht die Entwicklung doch eindeutig in diese Richtung. Äußeres Anzeichen dafür ist, dass sie schon bald ihre Lederkluft ablegt und in eine Art Tunika-Kleid schlüpft. Eine bedauerliche und meines Erachtens völlig unnötige Entscheidung Bouchers. Für mich hätte das Ganze sehr gut auch ohne diese Verwandlung funktioniert.

Doch abgesehen davon, zeigt der Drehbuchschreiber hier wieder einmal, warum er zurecht als einer der besten Blake's 7 - Autoren gilt. Dies ist zwar Vilas große Show, doch auch alle übrigen Crew-Mitglieder werden von Boucher aufs treffsicherste gezeichnet, so kurz ihre Auftritte auch sein mögen. Mitunter reicht dafür eine einzige Dialog-Zeile. So wenn Dayna Tarrant freundlich lächelnd erklärt, dass sie ihn töten würde, wenn sie an Vilas Stelle wäre.
Avon ist so sarkastisch und eiskalt wie wir ihn lieben. Tarrant darf wieder einmal seine autoritäre Arschlochseite zur Schau stellen. Dayna ihre Waffenbastler-Talente unter Beweis stellen. Und Cally ist wie immer die warmherzigste von allen, ohne dabei sentimental zu wirken.       

Montag, 11. November 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E05: "The Harvest of Kairos"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Es gibt einen einfachen Grund dafür, warum es mal wieder eine recht lange Unterbrechung in unserer Reise durch die phantastischen Welten von Blake's 7 gegeben hat. Ich hatte nämlich ehrlich gesagt nur sehr wenig Lust, mir diese Episode wieder einmal anzuschauen. Und dass, obwohl sie eine unglaublich putzige Riesenspinnen-Puppe und das Modell einer Mondlandefähre enthält. Daneben aber leider auch eine ziemlich deftige Dosis sexistischer Klischees.
Dies war Ben Steeds erstes Drehbuch für Blake's 7. Er würde noch zwei weitere zu der Serie beisteuern.  Und wenn man sie nebeneinander legt, bekommt das Gefühl, dass der Autor irgendwelche ziemlich wirren und unangenehme Ideen über Geschlechterbeziehungen gehabt haben muss.

Die Episode beginnt mit einer erneuten Konfrontation zwischen der Liberator und einem Jagdgeschwader der Föderation im Orbit eines fremden Planeten. Wie das Schiff unserer Heldinnen & Helden hierher gelangt ist, und warum sich Avon auf die Suche nach einem bizarren Felsbrocken gemacht hat, der in Wirlichkeit eine höchst komplexe Lebensform sein soll, bleibt unklar. Auf jedenfall gelingt es Terrant, die gegnerischen Jäger auszumanövrieren, und Servalan, die das Geschehen von ihrem Hauptquartier aus beobachtet, eine weitere Schlappe beizubringen.

Es macht durchaus Sinn, dass Terrant in einer solchen Situation das Kommando auf der Liberator führt und sich dabei als strategisch versiert erweist. Schließlich war er selbst einmal ein Offizier in der terranischen Flotte. In Sachen Weltraumkämpfe dürfte er der Experte in der Gang sein, zumal Piloten-Ass Jenna nicht länger mit von der Partie ist.
Weniger einleuchtend ist, warum Terrants Name dem Kommandostab der Föderation bekannt ist und Servalan in ihm ihren eigentlichen Widersacher sieht. Mit Blakes Name hätte der entsprechende Dialog vielleicht funktioniert, doch der Ex-Offzier hatte schlicht nicht genug Zeit, um sich einen derartigen Ruf zu erwerben.
Mit  dem bisherigen Verlauf der Staffel gut vereinbar ist hingegen, dass Servalans Position nach wie vor nicht hundertprozentig gefestigt ist und sich sogar einfache Soldaten und Arbeiter "below decks" erlauben, ihre Handlungen zu kritisieren. Wortführer dieses "unverschämten Pöbels" ist Jarvik, ehemals selbst Offizier, nun einfacher "construction worker".

Nach ihrer gelungenen Flucht macht sich unsere Gang nach Kairos auf, einem Planeten mit höchst  wertvollen Edelsteinvorkommen, die an jeder "vernal equinox" (Frühlings-Tag-Nacht-Gleiche) von der Föderation "geerntet" werden, bevor das Überleben von Menschen auf der Oberfläche erneut für fünfzehn Erdenjahre aus  mysteriösen Gründen unmöglich zu sein scheint.
Terrant hat sich zumindest für den Moment offenbar mit seinen Plänen durchsetzen können, die Liberator in ein Piratenschiff zu verwandeln. Als sein enthusiastischster Anhänger erscheint dabei Vila. Persönlich mag der Dieb zwar nicht viel für den autoritären und draufgängerischen Ex-Offizier übrig haben, doch die Aussicht auf schier unermesslichen Reichtum wirkt auf ihn ausgesprochen verführerisch. Sehr viel wichtiger für Terrants auf einmal so dominante Stellung dürfte es jedoch sein, dass Avons ganze Konzentration für den Moment dem komischen "intelligenten Felsbrocken" gehört. Die Kaperfahrt nach Kairos interessiert unseren Zyniker nur wenig. Wir dürfen deshalb auch davon ausgehen, dass Terrant nicht auf Dauer das große Wort auf der Brücke der Liberator wird schwingen können. Sobald er nicht länger von anderen Dingen abgelenkt wird, dürfte Avon kaum bereit sein, seinen Kontrahenten widerspruchslos den Captain spielen zu lassen. 

Derweil hat Servalan sich dazu entschlossen, den respektlosen und prahlerischen Jarvik beim Wort zu nehmen. Wenn er glaubt, die Liberator mit drei Raumjägern bezwingen zu können, möge er das doch bitte über Kairos unter Beweis stellen.
  
Jarvik (Andrew Burt) hätte das Potential dazu gehabt, eine wirklich interessante Figur zu sein. Wir erfahren nie den genauen Grund für seine Degradierung.  Er selbst erklärt dazu bloß: "Because I'm a human being." Seine völlige Respektlosigkeit gegenüber Servalan hat nur bedingt etwas mit ihr als Person zu tun. In erster Linie ist sie für ihn die Repräsentantin eines Systems, das Menschen zu gefügigen Maschinen macht und Leidenschaft durch kalte Berechnung und blinden Gehorsam ersetzt. Dieses System ist es, das er verachtet, nicht so sehr Servalan selbst:
But when was the last time you felt the warmth of the Earth's sun on your naked back? Or lifted your face to the heavens, and laughed with the joy of being alive? How long since you wept at the death of a friend? Doesn't mean a thing to you, does it, Madam President? You've surrounded yourself with machines and weapons, mindless men and heartless mutoids; and when they've done your work, and the machines have done your thinking, what is there left in you that feels?! 
Wie sich zeigt, war er bei seinen Männern ein beliebter Vorgesetzter. Was sicher auch damit zu tun hatte, dass er nicht bereit ist, bedenkenlos die Leben seiner Untergebenen zu opfern. "I have this primitive respect for life."
Es mag verwirrend erscheinen, dass er dennoch bereit ist, seine Dienste Servalan anzubieten. Aber für ihn ist die Eroberung der Liberator vor allem eine persönliche Herausforderung. Mehr noch, ein Duell mit einem Mann, den er respektiert. Denn Terrant diente einmal unter seinem Kommando.
Spätestens an diesem Punkt kommt dann allerdings auch eine Facette seines Charakters zum Vorschein, die ganz und gar nicht geeignet ist, Sympathien zu wecken.
In Abgrenzung zur sterilen, seelenlosen Ordnung der Föderation geriert Jarvik sich nämlich als Vertreter einer "natürlichen Primitivität", und das bedeutet in erster Linie einer primtiven "Männlichkeit". Er ist der Typ, der Frauen nicht mit ihrem Namen, sondern bloß mit "woman" anspricht. Sein "Wettstreit" mit Tarrant muss deshalb  auch stilgerecht in einem Kampf "Mann gegen Mann" enden, während er in Dayna keinen ernstzunehmenden Kontrahenten zu sehen vermag.
Dementsprechend ist natürlich auch seine herablassende Haltung gegenüber Servalan gepaart mit einer gewalttätigen sexuellen Aggressivität, die letztlich darauf  abzielt, die hochmütige Diktatorin in ein gefügiges Weibchen zu verwandeln. Und wie das Klischee es verlangt, findet die Oberste Befehlshaberin eine solche Behandlung zwar demütigend, aber irgendwie auch verdammt erregend.

Noch Fragen, warum ich nicht unbedingt wild darauf war, mir diese Episode erneut reinzuziehen?
Womit ich nicht gesagt haben will, dass Ben Steed den chauvinistischen Machismo Jervaks kritiklos darstellen würde. Der Kerl soll sicher nicht unserer Sympathieträger sein. Aber eben auch kein ausgemachter Bösewicht. Was zuerst einmal ja durchaus positiv einzuschätzen ist. Ambivalente Charaktere sind immer interessanter als eindimensionale Karrikaturen. Aber wie schon gesagt scheinen mir hinter der Figur einige höchst verworrene Ideen zu stehen, und auf dem Bildschirm nimmt sich das alles einfach ziemlich unangenehm aus.

Dienstag, 6. August 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E04: "Dawn of the Gods"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Ich liebe Dawn of the Gods. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, doch der vielleicht wichtigste ist, dass Blake's 7 mit dieser Episode endlich einmal wieder einen Ausflug in wirklich groteske, beinah schon surreal anmutende Gefilde unternimmt. So etwas hatte es in der Vergangenheit schon ein paar Mal gegeben, aber in der dritten Staffel werden wir dererlei vermehrt begegnen, auch wenn solche Szenarien nie die Mehrheit bilden werden. Der Grund für diese Veränderung scheint mir im Ausscheiden Blakes zu liegen, nach dessen Verschwinden die politischen Motive der Serie fürs erste deutlich in den Hintergrund treten.

Auch wenn Blake nie mein Favorit war, ist das natürlich schon etwas bedauerlich. Anlass genug, noch einmal kurz meine Ansichten über die politische Dimension der ersten beiden Staffeln von Blake's 7 darzulegen.  

Nach wie vor sehe ich in der Figur des fanatischen und charismatischen Freiheitskämpfers auch einen kritischen Kommentar auf die Romantisierung des Guerillero in den linken Kreisen der 60er/70er Jahre. Zugegebenermaßen habe ich keine handfesten Belege dafür, dass dies das bewusste Anliegen Terry Nations gewesen wäre. Als er seine Idee für eine neue Show dem für TV-Serien verantwortlichen BBC-Oberen Ronnie Marsh schmackhaft zu machen versuchte, charakterisierte er sie vielmehr als "cracking Boy's Own/ kidult sci-fi. A space Western adventure. A modern swashbuckler." Später umschrieb er sie als "The Dirty Dozen in space", auch wenn die Ähnlichkeiten zu Robert Aldrichs Klassiker wirklich minimal sind. Aber Chris Boucher, dessen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Blake's 7 ja nicht unterschätzt werden darf, hat offenbar einmal erklärt, er habe sich bei seiner Charakterisierung der Liberator - Crew vom Vorbild lateinamerikanischer Revolutionäre inspirieren lassen, vor allem von Emiliano Zapata, dem großen Bauernführer aus der Mexikanischen Revolution {und von Marlon Brando verkörpertem Helden eines Films von Elia Kazan}. Völlig abwegig ist meine Theorie also vielleicht doch nicht.

Unter den in den 60er/70er Jahren Radikalisierten herrschte oft eine große Faszination für den Guerilla-Kampf, der ihnen als die reinste Verkörperung der Revolution erschien. Dazu trug zum einen der starke Einfluss bei, den der Maoismus auf viele von ihnen ausübte, zum anderen das Vorbild des heroischen Kampfes der NLF (Nationalen Befreiungsfront / "Viet Cong") gegen den US-Imperialismus. Aber auch die zahlreichen südamerikanischen Guerillabewegungen, die dem Beispiel der Kubanischen Revolution von 1959 nachzueifern versuchten, weckten die Begeisterung der radikalen Linken jener Ära. Das gilt sowohl für deren klassische bäuerliche Varianten als auch für die terroristischen "Stadt-Guerillas". Man denke z.B. an Costa-Gavras' Film État de Siège / Der unsichtbare Aufstand (1972), den ich trotz seiner ziemlich unkritischen Darstellung der Tupamaros durchaus schätze. Vor allem aber war dies die Blütezeit des Che Guevara - Kultes. Niemand anderer verkörperte das romantische Flair, das den Guerillero umgab, besser als der Spross einer argentinischen Mittelklassefamilie, der an der Seite von Fidel Castro in der Sierra Maestra gekämpft und den Umsturz gegen das Batista-Regime angeführt hatte, um sein tragisches Ende schließlich im Dschungel Boliviens zu finden.
Die Verherrlichung bäuerlicher Guerilla-Bewegungen war letztenendes Ausdruck der demoralisierten Weltsicht der "Neuen Linken". Ihre Vordenker wie Herbert Marcuse glaubten, dass die Arbeiterklasse in den westlichen Metropolen durch die Entwicklung der "Wohlstands- und Konsumgesellschaft" ruhiggestellt und in das von ihnen als totalitär wahrgenommene Herrschaftssystem des Spätkapitalismus integriert worden sei.  Die einzige Hoffnung auf den Sturz der herrschenden Ordnung bestehe deshalb in einer Rebellion der "Verdammten dieser Erde", d.h. der verelendeten Massen in der sog. "Dritten Welt". Deren elementare Ausdrucksform aber sei der Guerilla-Kampf. Wie Marcuse in seinem 1966 verfassten "Politischen Vorwort" zu Eros and Civilization geschrieben hatte:
The body against the machine: men, women, and children fighting, with the most primitive tools, the most brutal and destructive machine of all times and keeping it in check — does guerilla warfare define the revolution of our time?
Aber ich nehme mal an, keiner meiner Leserinnen & Leser hat Lust, einem langen Vortrag zu lauschen, in dem ich die "Neue Linke" und den Guerilla-Kampf einer marxistischen Kritik unterziehe oder die katastrophalen Folgen dieser Fehlorientierung darlege. Schon gar nicht in einem Blogpost über eine Episode von Blake's 7. Lassen wir's also dabei bewenden.
Doch es waren nicht allein ideologische Beweggründe, die die Faszination des Guerilla-Kampfes ausmachten. Hinzu kam die romantische Aura, die diese Bewegungen zu umgeben schien. Der Typus des Guerillero, von Marcuse zur Verkörperung der "still partly unconquered, primitive, elemental forces" verklärt, wurde mit Attributen wie Unabhänigkeit, Leidenschaftlichkeit, persönlichem Heroismus und Draufgängertum verknüpft. Das blutige Getümmel des "bewaffneten Kampfes" erschien so viel aufregender und "rrrevolutionärer" als die mühselige Arbeit zum Aufbau einer politisch bewussten Massenbewegung. Man werfe nur einmal einen Blick in den abschließenden Paragraphen von Che Guevaras Motorcycle Diaries:    
[I]n dem Moment, da der große Spiritus rector den gewaltigen Schnitt macht, der die gesamte Menschheit in nur zwei antagonistische Parteien teilt, werde ich mit dem Volk sein, und ich weiß, weil ich es in der Nacht eingeschrieben sehe, ich, der eklektische Sezierer von Doktrinen und Psychoanalytiker von Dogmen, werde mit dem Geheul eines Besessenen die Barrikaden oder Schützengräben stürmen, meine Waffe in Blut tauchen und, rasend vor Wut, jeden Besiegten, der mir in die Hände fällt, niedermetzeln. Und ich sehe, als hätte eine unendliche Müdigkeit meine eben noch tobende Erregung überwältigt, wie ich, hingeopfert der jeden Willen gleichmachenden, echten Revolution, mit den beispielgebenden Worten mea culpa auf den Lippen falle. Schon spüre ich, wie sich meine Nüstern blähen und den bitteren Geruch von Pulver und Blut, von feindlichem Tod einsaugen; schon spannt sich mein Leib, bereit zu dieser Schlacht, und ich mache mein Sein zu einem Tempel, damit in ihm mit neuen Erschütterungen und neuen Hoffnungen das Wolfsgeheul des siegreichen Proletariats widerhallt.*
Dieser pathetische Erguss, in dem sich das schlechte Gewissen des privilegierten Bürgersohns mit blutiger Revolutionsromantik und einer an Nietzsche erinnerenden Egomanie verbindet, scheint mir viel darüber auszusagen, worin für die radikalisierten Intellektuellen und Jugendlichen die Faszination des Guerilla-Kampfes bestand.

Er scheint mir aber auch geeignet, um den Bogen zurück zu Blake's 7 zu spannen.
Wie wir im Laufe unseres Rewatches immer wieder gesehen haben, lässt Blakes revolutionärer Idealismus mitunter deutlich egomanische Züge erkennen.  Er betrachtet den Kampf für die Freiheit als eine Art persönliches Ringen zwischen ihm selbst und dem Regime. Es erstaunt darum auch nicht, dass alle anderen Revolutionärinnen und Revolutionäre, denen die Liberator - Crew im Laufe ihrer Abenteuer begegnet (Avalon, Kasabi, Cauder, Ralli & Vetnor), sehr viel kompetenter wirken, wenn es um den Aufbau wirklicher Widerstandsbewegungen geht. Blake, der ja selbst aus privilegierten Kreisen stammt, scheint kein wirkliches Vertrauen in die Fähigkeit der einfachen Bevölkerung zu besitzen, sich selbst zu befreien. Seine Vorstellung von revolutionärem Kampf besteht hauptsächlich in spektakulären Kommandoaktionen wie dem Überfall auf Servalans Hauptquartier. Den schließlichen Umsturz kann er sich nur als eine apokalyptische Katastrophe vorstellen, die ihm als dem großen "Befreier" die Bühne bereiten werde. Dem entspricht auch sein Hang zu autoritärem Verhalten.
Ich sehe da eine Menge Parallelen zum Typus des Guerillero. Und einer der großen Pluspunkte von Blake's 7 ist, dass trotz dieser kritischen Darstellung die Notwendigkeit und Richtigkeit des revolutionären Kampfes selbst nie in Frage gestellt wird. Wir bekommen an keiner Stelle Predigten über die Tugenden des friedlichen Reformismus gehalten. Wenn wir scheinbar reformwillige Mitglieder des Establishments kennenlernen, entpuppen sich diese entweder als hoffnungslos naiv oder als politische Intriganten, die selbst nach der absoluten Herrschaft streben.

Auch wenn das Thema Revolution in der vierten Staffel erneut an Bedeutung gewinnen wird, hat die Serie mit Blake doch die Figur verloren, anhand derer die Guerilla-Romantik kritisch beleuchtet werden konnte. Dieses spezifische Motiv verschwindet deshalb weitgehend mit dem Ausscheiden von Gareth Thomas. Als Ersatz bekommen wir allerdings so wunderbar bizarre Episoden wie James Folletts Dawn of the Gods serviert.

Im kultivierten Star Trek - Universum ist Dreidimensionales Schach bekanntlich das bevorzugte Brettspiel. Cally, Dayna, Avon, Vila und Supercomputer Orac amüsieren sich lieber mit einer Art Space-Monopoly. Der Spaß wird allerdings rüde unterbrochen, als die Liberator immer stärker von ihrem vorprogrammierten Kurs abzuweichen beginnt. Bordcomputer Zen kann keine Erklärung dafür liefern und der ja ohnehin selten besonders kooperative Orac zeigt sich wenig hilfreich: "I have already made perfectly clear that the ship is behaving normally. It is obeying Newton's First Law of Motion and will continue to obey it. Further discussion of the subject is now closed." Tarrant, der sich inzwischen einen selbstbewussten Kommandoton angewöhnt zu haben scheint, nimmt sofort an, dass das Schiff mit einem Tractor-Beam angegriffen wird. Avon erklärt dies für unmöglich, worauf der Ex-Offizier zurückgibt: "Just because you don't know how to build a high-energy traction beam doesn't mean that no one else knows how to build one." Da sich die Liberator eigentlich in der Nähe von Auron befinden müsste, verdächtigen Tarrant und Dayna sofort Callys Volk und bedrängen ihre Mannschaftskameradin mit aggressiven Fragen:
Tarrant: How close were we going to Auron, Cally? 
Cally: Well, you know how close.
Tarrant: It's just that if the Aurons are responsible for this, I wonder what it is you did to upset them before you left. 
Cally: I'll tell you sometime. Anyway, Tarrant, this is not the doing of my people. For one thing they're not hostile and for another they haven't developed the traction beam. 
Dayna: Do they all have your telepathic powers, Cally?
Cally: Some, to a degree, but our powers are limited. I've never made any secret about --
Dayna: What about telekinetic powers, the ability to exert a force at a distance? Maybe that's a secret you've kept.
Trotz der so familiär wirkenden Eröffnungsszene herrscht unter der "neuen" Crew offensichtlich noch längst keine wirklich vertrauensvolle Atmosphäre.
Das bessert sich auch nicht, als klar wird, dass sich die Liberator im Sog eines Schwarzen Loches befindet. Zumal es sich zeigt, dass Orac für diese Katastrophe direkt verantwortlich ist. Der wissbegierige Supercomputer wollte das "faszinierende Phänomen" unbedingt einmal näher in Augenschein nehmen. Als die Liberator von den Gravitationskräften der Singularität zerrissen zu werden droht, versucht Avon, seine eigene Haut zu retten und aus dem Schiff zu flüchten, was Tarrant unbedingt zu verhindern sucht. Nachdem die Liberator den Sturz in das Schwarze Loch auf unerklärliche Weise überstanden und die Lage an Bord sich wieder etwas stabilisert hat, erklärt er wütend: "One day, Avon, I may have to kill you." Worauf dieser ironisch lächelnd antwortet: "It has been tried." Schwer vorstellbar, dass diese beiden einmal echte Freunde werden.
Während Orac in Begeisterung über die Forschungsmöglichkeiten schwelgt, die sich ihm nun eröffnt haben, versucht der Rest der Crew herauszubekommen, wo sie sich eigentlich befinden. Die Sterne scheinen verschwunden zu sein, der Teleschirm zeigt nichts außer undurchdringlicher Finsternis. Die stets zu impulsiver Gewalt neigende Dayna feuert ein paar Torpedos hinaus in das Nichts, doch die Wirkung ist wenig erhellend. Derweil scheint Cally telepathische Nachrichten von einer Entität zu erhalten, die sich "The Tharrn" nennt und sie zu sich ruft, was sie jedoch vorerst als Halluzinationen abtut, ist dies doch der Name einer mythischen Gestalt, die für sie ungefähr so real ist, wie Einhörner und Drachen für Erdbewohner. Schließlich entscheidet Avon, das einzig vernünftige sei es, wenn einer von ihnen aussteigen und in einem Raumanzug die Umgebung erkunden würde. Selbst übernehmen tut er diese Aufgabe natürlich nicht, das bleibt dem gar nicht begeisterten Vila vorbehalten.
Wie sich zeigt, befindet sich die Liberator weder im Weltall noch in einem Paralleluniversum aus Antimaterie, sondern in einer Art riesigem Gewölbe. Vila entdeckt Wrackteile eines anderen Raumschiffs. Doch als plötzlich eine Gruppe hypnotischer Lichter in der Finsternis aufflammen, endet die unwillige Expedition unseres sympathischen Langfingers beinah in seinem Tod. Nur der Umstand, dass der mysteriöse Ort eine atembare Atmosphäre besitzt, rettet ihn.
Bis zu diesem Punkt ist das Szenario durchaus spannend und unheimlich. Doch wenn wenig später ein ulkiges Gefährt mit einem aufgemalten Monstermaul aus der Dunkelheit herangerollt kommt und eine Gestalt im Kostüm eines Varieté-Magiers mit riesigem Zylinderhut die Bühne betritt, gewinnt die Episode augenblicklich einen wunderbar überdrehten Charakter.
Wie es sich zeigt, ist die Liberator - Crew tatsächlich in die Hände des "Tharrn" gefallen, eines exilierten Gottes, der unter extremer Einsamkeit leidet und von der Herrschaft über das Universum träumt. Während Avon und Tarrant auf Anordnung des "Caliph" (Sam Dastor) und unter Aufsicht des buchhalterischen Groff (Terry Scully) irgendwelche mathematischen Gleichungen bearbeiten müssen, erhält die gute Cally auf einem Eisbärfell liegend psychedelische Visionen, mit denen Aurons Luzifer die Telepathin zu verführen sucht, da er sich ganz fürchterlich nach einer Gefährtin sehnt.

Dawn of the Gods ist nicht ohne signifikante Schwächen. Wenn der "Caliph" seinen ersten Auftritt hat, sind bereits dreißig Minuten der Episode verflossen. Entsprechend überhastet wirken die folgenden Ereignisse, die immerhin das Schmieden von Fluchtplänen, Oracs Verteidigung der Liberator und Callys Konfrontation mit dem "Tharrn" sowie die finale Enthüllung des greisen Gottes und die Zerstörung seiner künstlichen Welt umfassen. Dass aufgrund der Zeitknappheit vor allem Dayna in eine gänzlich passive Rolle gedrängt wird, kommt erschwerend hinzu.
Dennoch kann ich nicht anders, als diese Episode zu lieben. Ihr grotesker Charakter ist einfach zu charmant und erfüllt mich mit Vorfreude auf all die Verrücktheiten, die uns noch erwarten.               

  

* Ernesto Che Guevara: The Motorcycle Diaries. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52. S. 155.