"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 12. Januar 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E06: "Trial"

Letzte Woche konnten wir den vierzigsten Geburtstag von Blake's 7 feiern. Nicht dass dieses Jubiläum in den nerdigen Gefilden des Internets besonders große Wellen geschlagen hätte so zumindest mein Eindruck. Doch soll das bloß ein weiterer Anreiz dafür sein, meinen Rewatch der Serie fortzusetzen. Wie zu erwarten war, habe ich ihn natürlich nicht innerhalb eines Jahres beendet wir befinden uns gerade einmal in der ersten Hälfte der zweiten Staffel! , aber das soll mich nicht davon abhalten, auch weiterhin meinen kleinen Beitrag dazu zu leisten, die Abenteuer der Liberator - Crew in der deutschsprachigen Geek-Gemeinde etwas bekannter zu machen. Sie haben es verdient! {Natürlich  bin ich mir bewusst, dass nur eine Handvoll Leute meinen Blog lesen, aber man muss sich ja schließlich irgendwie motivieren ...}

Trial schließt unmittelbar an die Ereignisse von Pressure Point an.
Nicht chronolgisch, denn auch wenn unklar bleibt, wieviel Zeit zwischen den beiden Episoden verstrichen ist, muss es doch mehr als ein paar Tage gewesen sein. Vielmehr beschäftigt sich Trial mit den Auswirkungen dessen, was in Pressure Point geschehen ist. Und das sowohl auf Seiten der Föderation, als auch auf der der Liberator - Crew.

Servalan war in Pressure Point gezwungen, ihr ganzes Prestige in die Waagschale zu werfen, um bei der zivilen Regierung eine Deaktivierung des Sicherheitssystems des vermeintlichen "Control" - Bunkers zu erreichen, da Travis und sie andernfalls nicht in der Lage gewesen wären, Blake und Genossen in das Gebäude zu folgen. Auch wenn der Freiheitskämpfer sein eigentliches Ziel nicht erreichen konnte {was ja von vornherein ausgeschlossen war} und Gan bei der Flucht ums Leben gekommen ist, endete die Episode doch wieder einmal in einer demütigenden Niederlage für die Oberste Befehlshaberin. Da sie fürchtet, dass dies von ihren Gegnern in der Regierung zu ihrem Sturz ausgenutzt werden könnte, hat sie beschlossen, Travis zum Sündenbock zu machen.
Der Commander war schon früher für seine Misserfolge gemaßregelt worden – so wurde ihm am Ende von Project Avalon sein Kommando entzogen –, doch diesmal soll es ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten. Servalan sorgt dafür, dass er vor ein Militärtribunal gestellt wird, das ihn für von ihm begangene Kriegsverbrechen aburteilen soll. Wir wissen aus Seek-Locate-Destroy der Episode, in der Servalan und Travis eingeführt wurden –, dass ein solches Verfahren schon immer wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt gehangen hatte und bislang nur durch den Einfluss der Obersten Befehlshaberin verhindert wurde. Deshalb kann niemand Servalan öffentlich vorwerfen, sie habe den Prozess aus politischen Gründen inszeniert. Sie lässt bloß endlich der Gerechtigkeit ihren Lauf. Und der Ausgang steht praktisch von vornherein fest: Ein Todesurteil. Um ganz sicher zu gehen, sorgt sie auch noch dafür, dass Fleet-Warden General Samor (John Savident) den Vorsitz des Tribunals übernimmt, einer der angesehensten Generäle der Flotte, ein Offizier der "alten Schule", dem niemand unterstellen würde, er ließe sich in seinem Urteil durch politischen Druck beeinflussen.
Servalans Gegner aus dem Umfeld des Präsidenten hoffen den Prozess dennoch irgendwie ausnutzen zu können, um die Position der Obersten Befehlshaberin zu schwächen. Und so werden Senator Bercol (John Bryans) und Secretary Rontane (Peter Miles) zum miliärischen Hauptquartier – einer ringförmigen Raumstation, die wir schon mehrfach in der Serie zu sehen bekommen haben  geschickt, wo das Tribunal zusammen tritt. Der Wortwechsel zwischen zwei einfachen Wachsoldaten, die die Ankunft der Politiker beobachten, macht die gespannte Lage deutlich, die zwischen dem zivilen und dem militärischen Flügel der Föderation herrscht. 
Trooper Par: Don't worry about them. Space Command runs the Federation.
Trooper Lye: Reckon so?
 Par: Know so. And we look after ourselves.
Lye: Tell that to the prisoner.
Par: Broke the rules, didn't he?
Lye: Whose rules?
Par: Only ones that matter: ours.
Dieser Konflikt innerhalb des Staatsapparates der Föderation wird später in der Serie noch eine wichtige Rolle spielen.

Die Liberator derweil befindet sich wieder fernab des Sonnensystems im Orbit um einen Planeten, der nach Zens oberflächlicher Analyse unbewohnt sein soll, aber für Menschen akzeptable Umweltbedingungen aufweist. Blake lässt sich von Orac hinunterteleportieren und sorgt gleichzeitig dafür, dass seine Kameraden weder Kontakt mit ihm aufnehmen, noch ihn auf der Oberfläche lokalisieren können.
Auch wenn es eigentlich keinen Grund für ihn geben sollte, sich absetzen zu wollen – abgesehen von seinen möglichen Schuldgefühlen für Gans Tod –, versucht Avon die anderen davon zu überzeugen, dass Blake eben das getan hat, und es für den Rest der Crew nun an der Zeit wäre, endlich einmal an ihre eigenen Interessen zu denken und mit der Liberator das Weite zu suchen. In der Tat ist das Vertrauen der Mannschaft in ihren Anführer durch die Ereignisse von Pressure Point merklich erschüttert worden 
Vila: [Gan] was straightforward, wasn't always expecting to be cheated and double-crossed not like us. He trusted people he trusted Blake completely. 
Jenna: Much good it did him.  
Avon: Welcome back to reality, Jenna.  
Vila: You think he is double-crossing us, Jenna? 
Jenna: I don't know. But you're right about one thing, I'm not like Gan. I don't trust unless I'm trusted in return.
Doch dann entdecken sie eine von Blake aufgezeichnete Botschaft, in der dieser versucht, sein Verhalten zu erklären. Es gehe ihm darum, beiden Seiten Zeit zu geben, um nachzudenken und zu einer Entscheidung zu gelangen:
I almost killed you all. I did kill Gan. For nothing: an empty room, a trick, an illusion. Now I find myself wondering if that's what it's been all along: just a dream. I don't know anymore. I don't know whether we should go on, whether you would even supposing I could ask you to. So, that is what we've got to decide, you and I: where do we go from here?
Avon hält das zwar alles für leeres Geschwätz – "Everything but the self-pity. That was real enough." –, aber der Rest der Crew lässt sich einmal mehr davon überzeugen, dass Blakes Motive edel und selbstlos sind. Worauf das zynische Computergenie sehr pointiert erwidert: "Which only leaves one question to be answered. Is it that Blake has a genius for leadership, or merely that you have a genius for being led?" Und das Ende der Episode wird zeigen, dass er mit seiner Einschätzung des Ganzen möglicherweise gar nicht so falsch liegt.

Blakes Abenteuer auf dem Planeten, der sich rasch als bei weitem nicht so lebensfreundlich entpuppt, wie ursprünglich angenommen,  ist ein exzellentes Beispiel für die wundervolle Bizarrerie, die viele der fremden Welten in Blake's 7 auszeichnet. Claire Lewis ist äußerst charmant in der Rolle der putzigen parasitären Lebensform Zil, die in ständiger Angst davor lebt, von dem "lebenden Planeten" – einer Art gefühllosen Gaia – reabsorbiert zu werden und ihre "Oneness" zu verlieren. 
Als der Planet tatsächlich beginnt, seine Oberfläche von den "Parasiten" zu "reinigen", gerät damit auch Blake in unmittelbare Lebensgefahr. Ein Glück, dass Avon wieder einmal unter Beweis stellt, dass er nicht bloß ein technisches Genie ist, sondern dass er bei aller Abneigung, die er für den fanatischen Freiheitskämpfer empfindet, dennoch nichts unversucht lassen würde, um dessen Leben zu retten. Zusammen mit Cally gelingt es ihm, Blake im letzten Moment auf die Liberator zurückzuholen.

Zur selben Zeit reißt Travis, der zwar ohne Zweifel ein Psychopath, aber nicht dumm ist, und natürlich durchschaut hat, dass Servalan und seine offizielle Verteidigerin Major Thania (Victoria Fairbrother) auf seinen Tod hinarbeiten, die Verhandlung an sich, indem er sein eigenes Plädoyer vorträgt. Er versucht den von ihm befohlenen Massenmord weder zu leugnen noch zu entschuldigen, sondern stellt ihn als eine impulsive Handlung dar, die er ganz aus Instinkt begangen habe. Dieser Instinkt jedoch sei durch seine Ausbildung zum Soldaten und Offizier geformt worden. Wenn Fleet-Warden General Samor und die anderen ihn zum Tode verurteilen, würden sie deshalb auch sich selbst und das ganze System, das sie vertreten, verdammen.

Derweil präsentiert Blake seinen Kameraden das recht erstaunliche Ergebnis seines "In-Sich-Gehens". Die Lektion, die er durch seine Erlebnisse auf dem Planeten gelernt hat, ist offenbar: "I will not surrender to anything" Er gesteht zwar ein, dass er begonnen hatte, an seinen eigenen Mythos der Unbesiegbarkeit zu glauben und dass diese Illusion Gan das Leben gekostet hat. Doch zieht er daraus keineswegs die Lehre, in Zukunft vorsichtiger zu agieren. Oder seine Genossen nicht noch einmal zu belügen. Oder diese von nun an in alle Entscheidungen mit einzubeziehen. Weit gefehlt! Da der missglückte Angriff auf "Control" die Blake - Legende nicht nur in den Augen der Liberator - Crew, sondern auch in denen ihrer Gegner erschüttert hat – "Every Federation trooper, every kill-happy bounty hunter now knows that we are fallible." – sei es das wichtigste, diesen Mythos umgehend wieder herzustellen. Und der beste Weg, um dies zu erreichen, sei ein besonders abenteuerlicher Angriff auf die Föderation. Am besten gleich auf Servalans Hauptquartier!

Ich kann nur widerholen: Avons Einschätzung der Lage klingt immer überzeugender für mich. Doch für den Moment triumphiert einmal mehr Blakes Charisma über die kalte Logik seines Widersachers. 
Dabei ist es besonders ironisch, dass die Attacke auf das militärische Hauptquartier überhaupt erst durch eine neue Erfindung Avons möglich gemacht wird, die die Liberator gegenüber den Sensoren der Föderation weitgehend unsichtbar macht.
Dass der Angriff außerdem dem inzwischen zum Tode verurteilten Travis die Flucht ermöglicht, fügt dem Ganzen eine weitere ironische Facette hinzu.

Trial ist die in meinen Augen bislang beste Episode der zweiten Staffel. Und es wundert mich nicht, dass das Drehbuch für sie von Chris Boucher geschrieben wurde.  
 
 

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