"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Donnerstag, 29. August 2013

Sir Ridley macht auf biblisch

Ich habe eine geheime Schwäche für die klassischen Bibelschinken der 40er-60er Jahre, für Filme wie Cecil B. De Milles Samson and Delilah (1948) und The Ten Commandments (1956), Nicholas Rays King of Kings (1961) und George Stevens' The Greatest Story Ever Told (1965), denen ich außerdem noch christliche Sandalenfilme à la Mervyn Le Roys Quo Vadis? (1951), Henry Kosters The Robe (1953) und William Wylers Ben Hur (1959) hinzuzählen würde. 
Sicher, sie alle sind nicht frei von eher lächerlichen Zügen, und als filmische Auseinandersetzung mit einem biblischen Stoff reicht keiner von ihnen auch nur annäherungsweise an Pier Paolo Pasolinis Il Vangelo secondo Matteo (Das Evangelium nach Matthäus [1964) heran. Doch sie alle sind nicht nur pächtige Technicolor-Epen, die meisten von ihnen besitzen außerdem ein naiv-humanes Element, das mich mitunter wirklich zu rühren vermag. Die "Mächte des Bösen" erscheinen in diesen Filmen als die Vertreter einer reichen, dekadenten und despotischen Elite oder einer erbarmungslosen Militärmaschinerie. Und auch wenn dies wohl eher nicht den historischen Tatsachen entspricht, treten die frühen Christen als sanfte Vorkämpfer gegen Unterdrückung und Sklaverei auf. Auch De Milles' Samson und sein Moses sind in gewisser Weise "Freiheitskämpfer". Es gibt wahrlich schlimmeres in den Annalen der Filmkunst.

Wie ich heute erfahren habe, bereitet sich Ridley Scott gerade darauf vor, in diesem Jahr mit den Dreharbeiten an seinem eigenen Bibelepos zu beginnen: Exodus. Im Grunde habe ich nichts gegen eine erneute filmische Adaption eines biblischen Stoffes. Das Alte Testament enthält haufenweise interessanter mythischer, sagenhafter und heldenepischer Erzählungen, aus denen man ganz ausgezeichnete Filme machen könnte. {Wie wär's z.B.mal mit einem Flick über die Richterin Debora?} Doch leider hat Sir Ridley mit Robin Hood (2010) bereits bewiesen, auf wie miserable Weise er mit einem klassischen Stoff umzugehen vermag, während er mit Prometheus (2012) gezeigt hat, was dabei herauskommt, wenn er sich seinen "philosophischen" Neigungen hingibt und einen "tiefgründigen" Film zu drehen versucht. Vielleicht wäre es das Beste, wenn er sich bei Exodus an seinem Gladiator (2000) orientieren würde. Der war zwar wahrlich kein Meisterwerk, aber immerhin ein recht erträglicher, mitunter sogar ganz amüsanter Blockbuster.   

Donnerstag, 14. Juni 2012

Eher Ikarus als Prometheus?

Nun ist Prometheus also international angelaufen, und die Reaktionen sind äußerst gemischt. Zu einem filmischen Meisterwerk hat den Streifen offenbar kaum jemand ausgerufen, aber ansonsten reichen die Beurteilungen von "At the Molehills of Blandness" bis zu: "It was a very finely crafted film, that despite some rough patches was still a riveting piece of cinema." Wie immer sehr amüsant ist Hal Duncans Kommentar ausgefallen (Vorsicht: Spoiler!). Die Jungs von RedLetterMedia sind sich nicht ganz sicher, wie sie den Film beurteilen sollen, und auch die Eindrücke, die Kyra, Arthur & Dan in FerretBrains Peacast in Worte zu fassen versuchen, zeichnen sich nicht eben durch Eindeutigkeit aus.

Bis wir uns hierzulande ein eigenes Urteil bilden können, wird noch etwas Zeit vergehen, aber was ich aus den unterschiedlichen Kommentaren für mich herausdestilliert habe, entspricht ungefähr meinen Erwartungen.

Praktisch alle sind sich einig darüber, dass der Film visuell äußerst eindrucksvoll ist. Das wundert mich weiter nicht, bestand darin doch schon immer Ridley Scotts besondere Stärke. Doch leider mangelt es ihm weitgehend an all den übrigen Eigenschaften, die einen wirklich großen Filmemacher ausmachen. Alien bleibt bis heute sein bedeutendster Film – ein echter Meilenstein in der Geschichte des SciFi-Kinos, wenn auch kein makelloses cineastisches Kunstwerk. Schon in Bladerunner zeigt sich dann der Primat der Oberfläche über den Inhalt. Die atemberaubende Szenerie und Scotts Fähigkeit, mit Hilfe der Optik eine intensive Atmosphäre zu schaffen, können leicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Charakteren und ihren Beziehungen mitunter an menschlicher Tiefe mangelt. Dennoch bleibt seine Adaption von Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep natürlich ein Klassiker (und die wohl gelungenste PKD-Verfilmung). Die meisten Filme, die über die nächsten drei Jahrzehnte folgten, bieten eins ums andere Mal dasselbe Schauspiel: Hinter einer auf den ersten Blick beeindruckenden Fassade verbergen sich banale, unausgegorene oder schlichtweg dumme Ideen, was die Beschäftigung mit Scotts Oeuvre zu einer zunehmend frustrierenden Erfahrung macht. Seine mangelnde Bereitschaft, irgendetwas dazu zu lernen oder sich intensiver mit dem von ihm behandelten Material oder der Welt im Allgemeinen auseinanderzusetzen, macht es immer schwerer, sein unbestreitbar vorhandenes, aber eben sehr einseitiges Talent zu würdigen.
Nichts spricht dafür, dass Prometheus einen Wendepunkt in dieser Entwicklung darstellt. Wie erbärmlich die dem Film zugrundeliegenden Ideen offenbar sind, habe ich vor geraumer Zeit bereits einmal angesprochen. Zur Auffrischung hier ein weiteres von Scotts wirren Statements über den Ursprung der Menschheit: "There’s a writer, Erich von Däniken. One of his most famous books was called Chariots of the Gods. Everyone thinks he was out of his mind, you know, for number one, 'we are the creation of gods', if you go back to the 19th century anthropologists, Darwin, and say if you go look at Darwin for the moment and look at the Darwinian idea, the Darwinian thesis, which is seemingly very logical. You know, you’re going from something that gradually comes to two legs and gradually here we are. Then you can go beyond that and you look more mathematically at the feasibility of how we’re able to be sitting here, right now, in this place. [...] Things have changed so dramatically that you can start looking at the idea that all our history can be completely wrong and misguided. Because at some point someone has to put a statement down and have their own thesis, have their own theories. That was then later accepted or later is gradually dissolved and re-drawn or reworked. [...] It’s entirely ridiculous to believe that we are the only ones here. That’s why my first thought is that for us to be sitting here right now is actually mathematically impossible without a lot of assistance. Who assisted? Who made the right decisions? Who was pushing and pulling to adjust us? That’s a fair question." Wenn ich so was lese, komme ich aus dem Fremdschämen gar nicht mehr raus. Ich finde es deshalb absolut nicht verwunderlich, dass man allenthalben  zu hören bekommt, der Plot von Prometheus sei verworren und undurchsichtig. Mike & Jay bringen die allgemeine Irritation sehr schön rüber (Vorsicht: Spoiler! Spoiler!):


Offensichtlich krankt der Streifen ganz allgemein an einem schlampig gemachten Drehbuch, doch das eigentliche Problem besteht denke ich darin, dass Ridley Scott einen Film über die 'großen Fragen' drehen wollte: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn unserer Existenz? Er wollte einen 'metaphysischen' SciFi-Film, sein 2001, kreieren. Scheinbar gibt es in Prometheus tatsächlich einige Szenen, die direkte Reminiszenzen an Kubricks Klassiker sind. Nun denke ich manchmal, man sollte die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest lieber gar nicht erst stellen. Die Antwort wird selten befriedigend ausfallen. Fragt die Mäuse. Ganz sicher jedoch sollte Ridley Scott sich nicht an diesen Themen versuchen. Er ist einfach nicht der richtige Mann dafür. Dass er es dennoch getan hat, kann ich mich nur als eine Folge von maßloser Selbstüberschätzung erklären.
Als junger Filmemacher hat Scott angeblich einmal gesagt, er wolle der John Ford des Science Fiction - Films werden. Damals wirkte das vermutlich eher sympathisch. Ein junger Rebell mit Ehrgeiz und Visionen. Und mit Alien und Bladerunner hatte er zwar noch lange nicht das Niveau des genialen Western-Großmeisters erreicht, aber doch genug geleistet, um berechtigte Hoffnungen in seine künftigen Arbeiten zu wecken. Inzwischen sind diese Hoffnungen gründlich enttäuscht worden, was allerdings nicht zu größerer Bescheidenheit auf Seiten von Scott geführt hat. Es wäre sicher etwas unfair, ihn allein dafür verantwortlich zu machen. Liest man, was Drehbuchschreiber Damon Lindelof über seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur zu sagen hat, oder achtet auf den Ton, den die meisten Interviewer und Filmkritiker gegenüber Sir Ridley anschlagen, dann bekommt man den Eindruck, der Filmemacher sei von Menschen umgeben, die nur zu willig sind, ihm voller Ehrfurcht die Füße zu küssen. Nicht unbedingt das geeignete Umfeld, um eine selbstkritische Haltung zu entwickeln. Aber bei allem Verständnis für die ungesunden Folgen der Starkultur, letztlich sind wir Zuschauer und Zuschauerinnen es, die das Ganze ausbaden müssen.
Alle Interviews mit dem Regisseur bestätigen, dass Scott keinerlei originelle oder interessante Denkansätze im Zusammenhang mit den von ihm aufgeworfenen Fragen anzubieten hat. Die Lösung für dieses Dilemma ist denkbar simpel. Die Tatsache, dass Prometheus keine Antworten, sondern bloß kryptische Andeutungen liefert, wird selbst zum Gipfel der Tiefsinnigkeit erklärt! Nach dem Motto: Leute, es gibt keine eindeutigen Antworten auf die existentiellen Fragen! Das will euch mein Film sagen! Eine philosophisch akzeptable Aussage, die sich aber leider nicht mit dem Szenario des Films verträgt. Denn so, wie dieser angelegt ist, muss es Antworten geben. Und so wird man den Eindruck nicht los, dass das Mysteriöse der Handlung letztlich nur dazu dient, den Eindruck zu erwecken, hinter all dem verberge sich irgendetwas von Substanz, während die Wirklichkeit sehr viel trauriger aussieht. In der Masche, ein Geheimnis auf das andere zu türmen, ohne je zu einer befriedigenden Auflösung zu gelangen, wollen Lee & Darren von BlackDog Podcast wohl nicht zu Unrecht die besondere Handschrift von Damon Lindelof erkennen. Ganz denselben Trick hat dieser schließlich auch in Lost abgezogen. Dass spricht Scott jedoch nicht von der Hauptverantwortung frei. Lindelof hat wahrscheinlich ganz einfach seine individuelle Methode der Trickserei dem scottschen Primat der Oberfläche über den Inhalt hinzugefügt.

Eine der bisher bizarrsten Aussagen Scotts über seinen Film betrifft Jesus und seine Beziehung zu den Spacejockeys. Auch wenn diese Idee keinen direkten Ausdruck in Prometheus gefunden hat, führt dessen religiöse Symbolik doch auf jedenfall zu einem Problem, das ich einmal 'vermischte Motivik' nennen will. Wenn ich es recht verstanden habe, wollte Scott u.a. die Frage des Glaubens problematisieren. Seine Protagonistin Shaw ist eine tiefreligiöse Person, für die die Reise nach LV 223 eine Art Suche nach Gott darstellt. Scott selbst hält nicht eben viel von Religion   – "the biggest source of evil is of course religion" –, und dass Shaws Begegnung mit ihrem Schöpfer ganz anders abläuft, als sie sich das vorgestellt hat, war wohl als ein Kommentar in diese Richtung gedacht. Doch ist eine Expedition, die den biologischen Ursprung der Menschheit zu ergründen versucht, wirklich eine gute Metapher für eine religiöse oder spirituelle Suche? Muss das nicht zu einer irreführenden Vermischung von Glaube und Wissenschaft führen, zu einer Mixtur, die keinem der beiden gerecht wird? Ryan Britt hat dazu einen interessanten Artikel auf Tor veröffentlicht. Tatsächlich scheinen sich alle Wissenschaftler in Prometheus wie Gottsucher und nicht wie Wissenschaftler zu verhalten. Andererseits wird die simplistische Darstellung der 'Suche nach dem Schöpfer' wohl auch nicht den Empfindungen vieler wirklich religiöser Menschen gerecht. Wie verworren Scotts Gedanken zu diesem Thema sind, zeigt sich daran, dass er zugleich ein paar platte Gemeinplätze über die 'Übel der Religion' von sich geben und eine besonders abstruse Version des antiwissenschaftlichen 'Intelligent Design' für diskussionswürdig halten kann.

Es ist vielleicht nicht ganz fair, Prometheus mit Alien zu vergleichen. Dass dies dennoch von fast jedem gemacht wird, ist allerdings nur zu verständlich. Scott kann so oft betonen wie er will, dass der Film kein Prequel sei, die riesige Marketingmaschinerie, die im Vorfeld in Gang gesetzt wurde, war eindeutig darauf ausgerichtet, den Kultstatus des Klassikers auszunutzen, um den kommerziellen Erfolg des neuen Streifens sicherzustellen. Eine Rechnung, die offensichtlich aufgegangen ist. Noch bevor er in den Staaten angelaufen war, hatte er seine Produktionskosten angeblich bereits wieder eingespielt. Dass die Enttäuschung einiger Alien-Fans zu übertriebenen Reaktionen geführt hat (mehrfach soll es zu Vergleichen mit The Phantom Menace gekommen sein), tut dem keinen Abbruch. SciFi-Nerds sind ein schwer zufriedenzustellendes Publikum, aber sie bilden nicht die Mehrheit der Kinobesucher.

Sehen wir einmal von Scotts vermessenem Wunsch ab, die 'großen Fragen' zu thematisieren, so versucht Prometheus vor allem das obsessive Interesse der Fans am Alien-Universum auszubeuten. Ein meiner Meinung nach fehlgeleitetes Interesse.
Ich habe mich nie gefragt, wer oder was der Spacejockey ist oder woher die Eier in seinem abgestürzten Schiff stammen  und zwar aus einem einfachen Grund: Für das, was Alien großartig macht, sind diese Fragen völlig irrelevant. Die Stärke des Filmes (ich wiederhole mich) besteht in seiner Simplizität. Der Plot ist denkbar einfach und alles andere als originell: Eine Gruppe von Leuten auf einem Raumschiff fechtet einen Kampf ums Überleben mit einem mörderischen Monster aus. Der unvergleichliche Mr. Jim Moon hat in seinem Podcast Hypnobobs kürzlich sehr überzeugend dargelegt, dass es eine ganze Reihe von – höflich ausgedrückt – 'Inspirationsquellen' für Scotts Klassiker gibt. Was diesen dennoch zu einem wirklich großen Film macht, ist der dreckige 'Alltagsrealismus'. Unsere Heldinnen und Helden sind keine strahlenden Weltraumrecken oder mutigen Pioniere, sondern simple Malocherinnen und Malocher, die sich auf einmal mit einer Situation konfrontiert sehen, auf die sie absolut nicht vorbereitet sind. Und auch wenn die Crewmitglieder der Nostromo eher mit grobem Pinselstrich gezeichnet sind, besitzen sie alle doch eine spontane Lebendigkeit. Erst aufgrund des Erfolgs von Alien wurden diese Weltallproleten zu Klischees, in Scotts Film sind sie noch lebendige Individuen. Und es ist spannend mit anzusehen, wie sie mit der tödlichen Bedrohung umgehen, wie sie trotz aller Animositäten zusammenzuarbeiten versuchen, wie sie auf einmal nicht nur an ihre 'Prozente' denken, sondern sich für das Wohlergehen ihrer Kameradinnen und Kameraden zu interessieren beginnen. Obwohl Ripley als einzige das Massaker überlebt, ist die Grundstimmung des Filmes nicht pessimistisch oder zynisch.*
Die Antwort auf die Frage, woher das Alien ursprünglich stammt, würde dem nichts hinzufügen. Aber leider vergessen viele Geeks, dass die Welt, in der eine Geschichte spielt, einzig und allein im Interesse dieser Geschichte existiert. Über diese Funktion hinaus besitzt sie keinerlei Daseinsberechtigung. In Alien dienen der Spacejockey und sein Raumschiff in ihrer gigerschen Bizarrerie nur dazu, das Gefühl der unmenschlichen Fremdheit des Universums zu vermitteln. Würde man ihr Geheimnis lüften, dann würde man zerstören, wofür sie künstlerisch stehen.
Ich weiß nicht, wer für diese verquere Sicht auf imaginierte Welten in Büchern oder Filmen verantwortlich zu machen ist: J.R.R. Tolkien? Gene Rodenberry? Gary Gygax?
Auf jedenfall ist das der Grund, warum ich alle Diskussionen darüber, ob Prometheus möglicherweise eine negative Auswirkung auf Alien haben könnte, für ausgemachten Bullshit halte. Jeder einigermaßen reife Freund der cineastischen Kunst sollte einen Film als ein abgeschlossenes Kunstwerk, nicht als Teil eines 'Universums' betrachten. Solange Ridley Scott nicht anfängt, wie George Lucas seine alten Werke zu 'überarbeiten' und gleichzeitig die Originalversion vom Markt nimmt, kann nichts, was er tut, die Qualität seines genialen Jugendwerks verändern.

Und so schaue ich der deutschen Premiere von Promethetus zwar nicht mit Begeisterung, aber dafür mit absoluter Gelassenheit entgegen. Ganz gleich wie schlecht sein neuer Film auch sein mag, Ridley Scott hat vor zweinunddreißig dreiunddreißig Jahren einen unzerstörbaren Beitrag zur Geschichte des Scifi-Films geleistet, für den ihm alle Freundinnen und Freunde des Phantastischen auf ewig dankbar sein sollten. Ganz gleich, was der ergraute Sir Ridley heute und in Zukunft auf die Leinwand bringen wird.


PS: Der eigentliche Grund dafür, warum Prometheus  keine guten Karten bei mir hat, ist natürlich, dass Scotts Film offenbar der finale Todesstoß für Guillermo del Toros At the Mountains of Madness gewesen ist. Ich hätte zu gern gesehen, was der mexikanische Erzphantast aus Lovecrafts Kurzroman gemacht hätte.
PPS: Warum ich keine Probleme mit Spoilern habe? Ein Film, der es nicht wert ist, gesehen zu werden, nachdem er gespoilert wurde, ist es nicht wert, gesehen zu werden.

* Alien besitzt daneben noch eine zweite, sozusagen symbolische Ebene. Das Giger-Monstrum verkörpert sehr deutlich männliche sexuelle Gewalt. Im gegebenen Zusammenhang spielt dies jedoch keine Rolle.

Dienstag, 24. April 2012

Philosophischer Tiefsinn oder fortschreitende Hirnerweichung?


Ich habe hier vor einigen Wochen schon einmal meine Ansicht kundgetan, dass ich die Vermischung des Alien-Franchise mit Dänikens ‘Präastronautik’, auf denen Ridley Scotts neuer Film Prometheus zu beruhen scheint, nicht eben für eine glänzende Idee halte. Dass man das auch ganz anders sehen kann, beweist Matt Cardin mit seinem bei SF Signal geposteten Beitrag Is Ridley Scott’s ‘Prometheus’ A Lovecraftian ‘2001’? Er glaubt aus ganz demselben Grund, in dem Film schon jetzt "a cultural, psychological, and philosophical landmark" erkennen zu können.

Na und?’ könnte man da vielleicht fragen. ‘Jedem das seine’. Natürlich ist es mir im Grunde völlig egal, was sich Cardin von Prometheus verspricht. Ich frage mich bloß, auf welchem intellektuellen Niveau hier operiert wird, sowohl von Scott als auch von all jenen, die seine bizarren Ambitionen in Richtung philosophischer Tiefsinn ernst nehmen.

Wie die Überschrift schon zeigt, rückt Cardin Prometheus (bzw. seine Traumvariante des Filmes) sowohl in die Nähe von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey als auch von H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos.

Ersteres ist für mich in erster Linie ein ästhetisches Problem. Man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob 2001 tatsächlich so ungeheuer tiefsinnig ist, wie immer wieder behauptet wird. Doch ganz gleich, wie man sich zu dieser Frage stellt – ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man ernsthaft glauben kann, ausgerechnet Ridley Scott wäre in der Lage, einen Film zu schaffen, der in künstlerischer Hinsicht einen Vergleich mit Stanley Kubricks Werk aushalten könnte. Selbst zu seinen besten Zeiten (und die sind lange her) spielte Scott nicht in derselben Liga wie Kubrick, und spätetstens seit Thelma & Louise (1991) geht’s bei ihm eigentlich nur noch bergab. American Gangster (2007) war der einzige (milde, nicht strahlende) Lichtblick in einer langen Reihe von Filmen, deren Qualität zwischen mäßig (Gladiator, Kingdom of Heaven) und echt mies (Hannibal, Black Hawk Down, Body of Lies, Robin Hood) schwankte. Und wenn die Trailer zu Prometheus etwas zeigen, dann, dass Scott sich einmal mehr auf seine bewährte ‘düstere’ Ästhetik verlassen hat, um ‘Atmosphäre’ zu schaffen. Nichts deutet auf eine irgendwie originelle Herangehensweise hin.

Etwas komplizierter wird es bei dem Lovecraft-Vergleich. Matt Cardin ist sich offenbar bewusst, dass die meisten Leute beim Namen Däniken zu grinsen anfangen, also lässt er den Schweizer links liegen und beruft sich lieber auf den Gentleman von Providence, wenn es um die angebliche philosophische Tiefe der Idee von der Menschheit als Produkt außerirdischer Zuchtprogramme geht. Tatsächlich kommt dieses Motiv in At the Mountains of Madness vor, aber Scott selbst beruft sich halt nicht auf Lovecraft, sondern ganz ausdrücklich auf Däniken. Zur Umgehung dieses Problems zieht Cardin die These von Jason Colavito heran, der es für wahrscheinlich hält, dass Däniken auf dem Umweg über die französischen Okkultautoren Jacques Bergier & Louis Pauwels tatsächlich von Lovecraft beeinflusst wurde. Colavitos Arbeiten sind sehr interessant, nur übergeht Cardin einen Punkt, den der 'skeptische Xenoarchäologe' immer wieder hervorhebt. Im Unterschied zu Däniken glaubte Lovecraft nicht wirklich daran, dass vor Urzeiten Außerirdische die Erde besucht und eigene Zivilisationen gegründet oder den Lauf der Menschheitsgeschichte beeinflusst hätten. Für ihn und seine Schriftstellerfreunde war der Cthulhu-Mythos nicht mehr als ein amüsantes Spiel. In ihrer Korrespondenz behandelten Lovecraft und Clark Ashton Smith den Mythos z.B. stets mit Ironie und Humor. Die Vorstellung, die Menschen seien von irgendwelchen übermächtigen Aliens als Haustiere gezüchtet worden, mochte ihrem pessimistischen Menschen-bild entgegenkommen, für eine ernstzunehmende Idee hielten sie sie nicht.

Die Stories von Creepy Howie zu missbrauchen, um Scotts Auslassungen über Alienbesuche und prähistorische Zivilisationen in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, finde ich reichlich unfein. Und es ist wirklich peinlich, was für einen Scheiß der Regisseur in den letzten Wochen da so von sich gegeben hat.


Beweisstück Nr. 1: "NASA and the Vatican agree that is almost mathematically impossible that we can be where we are today without there being a little help along the way [...] That's what we're looking at (in the film), at some of Eric van Daniken's ideas of how did we humans come about." Was den Heiligen Stuhl betrifft, möchte ich mich nicht mit Scott streiten. Obwohl es auch da eine ganze Reihe gebildeter Köpfe gibt. Aber dass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der NASA auf einmal der unsinnigen These vom 'intelligenten Design' oder gar der 'Präastronautik' huldigen würden, wäre mir neu.

Beweisstück Nr. 2: a): "In the ‘60s there was a guy called Erich Von Daniken who did a very popular book called Chariots of the Gods?, and he proposed previsitation, which we all pooh-poohed. But the more we get into it, the more science accepts the fact that we’re not alone in this universe, and there’s every feasible chance that there’s more of us, not exactly as we are, but creatures that are organically living in other parts of this particular galaxy. (Stephen) Hawking said he thinks that there are and that he hopes they don’t visit. Because if they do, they’re way ahead of us." Jetzt werde ich aber wirklich ärgerlich! Zuerst erweckt Scott den Eindruck, als wäre die Vorstellung, es könne noch anderes intelligentes Leben in unserer Galaxis geben, zur Zeit des Erscheinens von Dänikens Buch 1968 von keinem 'Mainstream' - Wissenschaftler ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Hey, Ridley, nicht jeder ist so ein Ignorant wie Du! Schon 1960 hatte Frank Drake das wissenschaftliche SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) - Programm ins Leben gerufen, ein Jahr später fand die erste SETI-Konferenz am Green-Bank-Observatorium statt und 1966 veröffentlichten Carl Sagan und der sowjetische Astronom Josef Schklowski ihr einflussreiches Buch Intelligent Life in the Universe. In dieser Hinsicht war Däniken wirklich kein mutiger Pionier. Aber ihm ging es ja auch nicht wirklich darum, dass es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben geben könnte, sondern das Sodom und Gomorrah mit Atombomben zerstört wurden. Wirklich unverschämt wird Scott jedoch, wenn er es so darstellt, als würden die 'Mainstream' - Wissenschaftler allmählich zu den gleichen Überzeugungen gelangen wie Däniken und als 'Beweis' dafür Stephen Hawkings Aussagen über die mögliche Existenz von  extraterrestrischer Intelligenz anführt. Noch einmal: Das ist nicht der Punkt!
Und in Wirklichkeit geht es ja auch Scott um ganz  etwas anderes: b) "I think it’s [Dänikens präastronautischer Blödsinn] entirely logical. The idea that we’ve been here three billion years and nothing happened until 75,000 years ago is absolute nonsense. If something happened here two billion years ago, if there was a civilization at least equal to ours, there would be nothing left after two billion years. It would be carbon. We talk about Atlantis and cities under water that have long gone, long submerged, but they’re in the relatively recent past. I’m talking about one-and-a-half-billion years ago – was this planet really empty? I don’t think so." Nicht wissen, sondern glauben!

Mir ist es letzlich völlig egal, ob ein mittelmäßiger Filmemacher wie Ridley Scott zum Glauben an Däniken konvertiert ist. Nur bitte, bitte verkauft mir das nicht als philosophischen Tiefsinn! Oder soll ich Mel Gibsons christlichen Fundamentalismus von jetzt an auch als Ausdruck 'wahrer Spiritualität' bewundern?


Linktips:
Wer ein bisschen was über SETI erfahren möchte, lese das Interview, das Genevieve Valentine für Lightspeed Magazine mit SETI-Chefin Jill Tarter geführt hat.
Und was Däniken angeht, so empfehle ich die Lektüre von John T. Omohundros bereits 1976 erschienenem Artikel aus dem Skeptical Inquirer.

Donnerstag, 22. März 2012

Alien + Däniken = ?


Die große Stärke von Ridley Scotts Alien war seine Schlichtheit. Eine kleine Gruppe von Weltraumproletariern stößt auf ein galaktisches Superraubtier und muss einen verzweifelten Kampf ums Überleben führen, den alle außer einer verlieren. Punkt. Viel mehr lässt sich über den Plot nicht sagen. Die Geschichte mit Android Ash und der bösen ‘Company’ ist fast schon eine unnötige Ablenkung vom Hauptthema. Kein tiefgründiger, aber ein atmosphärisch äußerst dichter und spannender Film. H.R. Gigers phantastisches Monstrum, die klaustrophobische Umgebung des Raumfrachters Nostromo, die zwar nur mit grobem Pinselstrich gezeichneten, aber durchweg menschlichen Crewmitglieder, Sigourney Weaver als toughe Ripley. Mehr brauchte es nicht.

Ich bin ein großer Fan dieses Films, aber ich halte wenig von allen anderen Alien-Versionen. Der Erfolg von Ridley Scotts Streifen musste beinahe zwangsläufig Fortsetzungen nach sich ziehen. Diese konnten natürlich nicht einfach das Szenario des Originals wiederholen. Das Ganze musste notgedrungen 'komplexer' werden. In Alien 2 versuchte man dieses Problem noch auf quantitative Weise zu lösen: Statt einem Ungeheuer Dutzende, statt der Nostromo die Gebäude einer Kolonie. Ab dem dritten Teil jedoch bemühte man sich, der Geschichte eine 'tiefere Bedeutung' zu verleihen. Aber genau dafür eignet sich das Alien nicht. Es ist und bleibt ein gruseliges Raubtier mit ausfahrbarem Kiefer und Säure statt Blut - nicht mehr. Und auch Ripley war am besten als simple Malocherin, die gezwungenermaßen zur Heldin wurde, um sich (+ Katzen oder kleine Mädchen) zu retten. Ein bisschen Groteske und heftigere Ekeleffekte in Teil 4 boten da auch keinen Ausweg. Und über die Versuche, das Alien- mit dem Predator-Franchise zu verschmelzen, breiten wir lieber gleich den barmherzigen Mantel des Schweigens aus.

Und jetzt kommt also Prometheus, Ridley Scotts Rückkehr zu dem Ungeheuer, das ihn berühmt gemacht hat. Ich bin da eher skeptisch, und die beiden im Internet kursierenden Trailer haben wenig getan, mich eines besseren zu belehren.



Waren Scott und Drehbuchautor Damon Lindelof tatsächlich so einfallslos und verzweifelt, dass sie noch einmal den öden Dänikenbrei aufwärmen mussten? Spätestens nach Stargate sollte das kein SciFi-Filmemacher mehr machen dürfen, ohne dafür ausgelacht zu werden.
Noch unheimlicher wird die Sache, wenn man den folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit Lindelof liest: "Ridley Scott birthed this universe over two decades ago. My job was to sit and listen and to channel, in the same way that a medium does. This was about the ideas that he wanted to convey, and he did not want to come back and do science fiction again unless there was some kind of a philosophical construct to it." Sollte Scott die 'Prä-Astronautik' des Schweizer Hotelangestellten am Ende gar für 'philosophisch' und 'tiefgründig' halten? Werden wir eine Melange aus Alien und Erinnerungen an die Zukunft serviert bekommen? Es steht beinahe zu befürchten, wenn denn die folgende Ausführung des Regisseurs nicht ironisch gemeint war: "Both NASA and the Vatican agree that it is almost mathematically impossible that we can be where we are today, without there being a little help along the way. That’s what we’re looking at: we are talking about gods and engineers, engineers of space. Were the Aliens designed as a form of biological warfare, or biology that would go in and clean up a planet?"