"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 24. April 2012

Philosophischer Tiefsinn oder fortschreitende Hirnerweichung?


Ich habe hier vor einigen Wochen schon einmal meine Ansicht kundgetan, dass ich die Vermischung des Alien-Franchise mit Dänikens ‘Präastronautik’, auf denen Ridley Scotts neuer Film Prometheus zu beruhen scheint, nicht eben für eine glänzende Idee halte. Dass man das auch ganz anders sehen kann, beweist Matt Cardin mit seinem bei SF Signal geposteten Beitrag Is Ridley Scott’s ‘Prometheus’ A Lovecraftian ‘2001’? Er glaubt aus ganz demselben Grund, in dem Film schon jetzt "a cultural, psychological, and philosophical landmark" erkennen zu können.

Na und?’ könnte man da vielleicht fragen. ‘Jedem das seine’. Natürlich ist es mir im Grunde völlig egal, was sich Cardin von Prometheus verspricht. Ich frage mich bloß, auf welchem intellektuellen Niveau hier operiert wird, sowohl von Scott als auch von all jenen, die seine bizarren Ambitionen in Richtung philosophischer Tiefsinn ernst nehmen.

Wie die Überschrift schon zeigt, rückt Cardin Prometheus (bzw. seine Traumvariante des Filmes) sowohl in die Nähe von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey als auch von H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos.

Ersteres ist für mich in erster Linie ein ästhetisches Problem. Man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob 2001 tatsächlich so ungeheuer tiefsinnig ist, wie immer wieder behauptet wird. Doch ganz gleich, wie man sich zu dieser Frage stellt – ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man ernsthaft glauben kann, ausgerechnet Ridley Scott wäre in der Lage, einen Film zu schaffen, der in künstlerischer Hinsicht einen Vergleich mit Stanley Kubricks Werk aushalten könnte. Selbst zu seinen besten Zeiten (und die sind lange her) spielte Scott nicht in derselben Liga wie Kubrick, und spätetstens seit Thelma & Louise (1991) geht’s bei ihm eigentlich nur noch bergab. American Gangster (2007) war der einzige (milde, nicht strahlende) Lichtblick in einer langen Reihe von Filmen, deren Qualität zwischen mäßig (Gladiator, Kingdom of Heaven) und echt mies (Hannibal, Black Hawk Down, Body of Lies, Robin Hood) schwankte. Und wenn die Trailer zu Prometheus etwas zeigen, dann, dass Scott sich einmal mehr auf seine bewährte ‘düstere’ Ästhetik verlassen hat, um ‘Atmosphäre’ zu schaffen. Nichts deutet auf eine irgendwie originelle Herangehensweise hin.

Etwas komplizierter wird es bei dem Lovecraft-Vergleich. Matt Cardin ist sich offenbar bewusst, dass die meisten Leute beim Namen Däniken zu grinsen anfangen, also lässt er den Schweizer links liegen und beruft sich lieber auf den Gentleman von Providence, wenn es um die angebliche philosophische Tiefe der Idee von der Menschheit als Produkt außerirdischer Zuchtprogramme geht. Tatsächlich kommt dieses Motiv in At the Mountains of Madness vor, aber Scott selbst beruft sich halt nicht auf Lovecraft, sondern ganz ausdrücklich auf Däniken. Zur Umgehung dieses Problems zieht Cardin die These von Jason Colavito heran, der es für wahrscheinlich hält, dass Däniken auf dem Umweg über die französischen Okkultautoren Jacques Bergier & Louis Pauwels tatsächlich von Lovecraft beeinflusst wurde. Colavitos Arbeiten sind sehr interessant, nur übergeht Cardin einen Punkt, den der 'skeptische Xenoarchäologe' immer wieder hervorhebt. Im Unterschied zu Däniken glaubte Lovecraft nicht wirklich daran, dass vor Urzeiten Außerirdische die Erde besucht und eigene Zivilisationen gegründet oder den Lauf der Menschheitsgeschichte beeinflusst hätten. Für ihn und seine Schriftstellerfreunde war der Cthulhu-Mythos nicht mehr als ein amüsantes Spiel. In ihrer Korrespondenz behandelten Lovecraft und Clark Ashton Smith den Mythos z.B. stets mit Ironie und Humor. Die Vorstellung, die Menschen seien von irgendwelchen übermächtigen Aliens als Haustiere gezüchtet worden, mochte ihrem pessimistischen Menschen-bild entgegenkommen, für eine ernstzunehmende Idee hielten sie sie nicht.

Die Stories von Creepy Howie zu missbrauchen, um Scotts Auslassungen über Alienbesuche und prähistorische Zivilisationen in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, finde ich reichlich unfein. Und es ist wirklich peinlich, was für einen Scheiß der Regisseur in den letzten Wochen da so von sich gegeben hat.


Beweisstück Nr. 1: "NASA and the Vatican agree that is almost mathematically impossible that we can be where we are today without there being a little help along the way [...] That's what we're looking at (in the film), at some of Eric van Daniken's ideas of how did we humans come about." Was den Heiligen Stuhl betrifft, möchte ich mich nicht mit Scott streiten. Obwohl es auch da eine ganze Reihe gebildeter Köpfe gibt. Aber dass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der NASA auf einmal der unsinnigen These vom 'intelligenten Design' oder gar der 'Präastronautik' huldigen würden, wäre mir neu.

Beweisstück Nr. 2: a): "In the ‘60s there was a guy called Erich Von Daniken who did a very popular book called Chariots of the Gods?, and he proposed previsitation, which we all pooh-poohed. But the more we get into it, the more science accepts the fact that we’re not alone in this universe, and there’s every feasible chance that there’s more of us, not exactly as we are, but creatures that are organically living in other parts of this particular galaxy. (Stephen) Hawking said he thinks that there are and that he hopes they don’t visit. Because if they do, they’re way ahead of us." Jetzt werde ich aber wirklich ärgerlich! Zuerst erweckt Scott den Eindruck, als wäre die Vorstellung, es könne noch anderes intelligentes Leben in unserer Galaxis geben, zur Zeit des Erscheinens von Dänikens Buch 1968 von keinem 'Mainstream' - Wissenschaftler ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Hey, Ridley, nicht jeder ist so ein Ignorant wie Du! Schon 1960 hatte Frank Drake das wissenschaftliche SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) - Programm ins Leben gerufen, ein Jahr später fand die erste SETI-Konferenz am Green-Bank-Observatorium statt und 1966 veröffentlichten Carl Sagan und der sowjetische Astronom Josef Schklowski ihr einflussreiches Buch Intelligent Life in the Universe. In dieser Hinsicht war Däniken wirklich kein mutiger Pionier. Aber ihm ging es ja auch nicht wirklich darum, dass es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben geben könnte, sondern das Sodom und Gomorrah mit Atombomben zerstört wurden. Wirklich unverschämt wird Scott jedoch, wenn er es so darstellt, als würden die 'Mainstream' - Wissenschaftler allmählich zu den gleichen Überzeugungen gelangen wie Däniken und als 'Beweis' dafür Stephen Hawkings Aussagen über die mögliche Existenz von  extraterrestrischer Intelligenz anführt. Noch einmal: Das ist nicht der Punkt!
Und in Wirklichkeit geht es ja auch Scott um ganz  etwas anderes: b) "I think it’s [Dänikens präastronautischer Blödsinn] entirely logical. The idea that we’ve been here three billion years and nothing happened until 75,000 years ago is absolute nonsense. If something happened here two billion years ago, if there was a civilization at least equal to ours, there would be nothing left after two billion years. It would be carbon. We talk about Atlantis and cities under water that have long gone, long submerged, but they’re in the relatively recent past. I’m talking about one-and-a-half-billion years ago – was this planet really empty? I don’t think so." Nicht wissen, sondern glauben!

Mir ist es letzlich völlig egal, ob ein mittelmäßiger Filmemacher wie Ridley Scott zum Glauben an Däniken konvertiert ist. Nur bitte, bitte verkauft mir das nicht als philosophischen Tiefsinn! Oder soll ich Mel Gibsons christlichen Fundamentalismus von jetzt an auch als Ausdruck 'wahrer Spiritualität' bewundern?


Linktips:
Wer ein bisschen was über SETI erfahren möchte, lese das Interview, das Genevieve Valentine für Lightspeed Magazine mit SETI-Chefin Jill Tarter geführt hat.
Und was Däniken angeht, so empfehle ich die Lektüre von John T. Omohundros bereits 1976 erschienenem Artikel aus dem Skeptical Inquirer.

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