"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Straße in die Zukunft

Es ist inzwischen dreizehn Jahre her, seit ich mich hier in einer Reihe von Blogbeiträgen mit dem Werk von Nigel Kneale beschäftigt habe. Ursprünglich wollte ich dabei den gesamten phantastischen Teil seines Oeuvres abdecken, doch am Ende blieb es bei Artikeln zu seiner Adaption von George Orwells Nineteen Eighty-Four (1954), den drei "klassischen" Quatermass - Miniserien The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) sowie dem Hammer-Film The Abominable Snowman (1957). Die "Tour" brach recht abrupt mit einer Art Überleitungs-Artikel ab, der eigentlich zu einer Besprechung von The Year of the Sex Olympics (1968) führen sollte. Sehr viel später habe ich dann noch einen Beitrag zu seinem Fernsehspiel Murrain (1975) nachgeliefert.
 
In ihrer ursprünglichen Form fortsetzen werde ich die "Nigel Kneale - Tour" sicher nicht. Das würde in meinen Augen u.a. voraussetzen, dass ich erst einmal die alten Beiträge gründlich überarbeiten müsste. Und dazu fehlt mir ehrlich gesagt die Motivation. Doch da ich das Werk des britischen Drehbuchschreibers und Autors nach wie vor sehr schätze und zudem vor kurzem Andy Murrays Biographie Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale gelesen habe, die schon seit einiger Zeit bei mir herumstand, könnte ich mir zumindest vorstellen, ab und an kleinere oder größere Beiträge über die noch nicht behandelten Filme und Miniserien zu schreiben. Ich denke dabei vor allem an The Year of the Sex Olympics (1968), Beasts (1976), die vierte Quatermass - Miniserie (1979) und Kneales Adaption von Susan Hills The Woman in Black (1989). Beginnen möchte ich heute aber mit ein paar Bemerkungen zu The Road (1963).
 
Im Januar 1963 war Sidney Newman zum "Head of Drama" der BBC ernannt worden. Director General Hugh Carleton Greene sah in dem vom Konkurrenten ITV Abgeworbenen einen Verbündeten in seinem Ringen um eine Modernisierung des Senders, der sich bis Anfang der 60er immer noch stark an Geschmack und Moral der konservativen Mittelklasse orientiert hatte. Zu Newmans ersten Aktionen gehörte es, mit First Night ein neues Format für unabhängige Fernsehspiele einzurichten.  In diesem Rahmen wurde am 29. September 1963 auch Nigel Kneales unter der Regie von Christopher Morahan verfilmtes Stück The Road ausgestrahlt.            
 

Leider gehört The Road zu den Werken Kneales, von denen sich keine Aufzeichnung erhalten hat. Die BBC hielt es lange nicht für nötig, ihre Produktionen in einem Archiv für spätere Zeiten zu bewahren. Genrefans sind in diesem Zusammenhang vermutlich vor allem die vielen verlorenen Episoden von Doctor Who ein Begriff. Aber auch im Oeuvre von Nigel Kneale hat diese Gepflogenheit empfindliche Lücken hinterlassen. Neben The Road fehlen uns aus diesem Grund u.a. Wine of India (1970), The Chopper (1971), Jack and the Beanstalk (1974) sowie die ursprüngliche Farbversion von The Year of the Sex Olympics (1968).  Ein kleiner Trost ist, dass das Script 1976 in einem Sammelband von Ferret Fantasy veröffentlicht wurde. (1) 
 
Die Handlung ist im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts irgendwo im ländlichen England angesiedelt.  Dem jungen Sam Towler (Rodney Bewes) ist des Nachts in einem nahen Wald etwas zugestoßen, was er nur als Geistererscheinung beschreiben kann. Wie aus dem Nichts erklangen plötzlich fremdartige Geräusche und der Lärm einer großen Menschenmenge. Der ansässige Squire Sir Timothy Hassall (James Maxwell), eine Art Amateur-Naturphilosoph, will dem vermeintlichen Spuk auf den Grund gehen. Doch just zu diesem Zeitpunkt trifft der auf Einladung seiner Frau Lavinia (Ann Bell) aus London angereiste Mr. Gideon Cobb (John Phillips) in dem Ort ein. Cobb ist dank seiner scharfen Zunge ein Held der Salons und Kaffeehäuser der Hauptstadt. Kneale selbst beschreibt ihn als einen "sub-Johnsonian iconoclast". Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern und ihren Weltanschauungen steht im Zentrum des Fernsehspiels. 
 
Sir Timothy hält es für am wahrscheinlichsten, dass das von Sam beobachtete Phänomen der "Nachhall" eines lange zurückliegenden Ereignisses ist. Genauer gesagt habe der vermutlich das Heer von Königin Baodicea (Boudica) gehört, das im 1. Jahrhundert auf dem Rückzug vor den römischen Legionen durch diese Gegend gekommen sein soll. Aber auch wenn er offensichtlich an die Existenz des Übernatürlichen glaubt, sieht sich der Squire doch als "Wissenschaftler", der den wahren Ursprung des "Spuks" mit Hilfe eines Experiments aufdecken will, bei dem er sich naturwissenschaftlicher, quasi-alchimistischer und magisch-symbolischer Hilfsmittel und Apparaturen bedient. 
Mr. Cobb hingegen hält das alles für ausgemachten Humbug, der nichts anderes als Hohn und Spott verdient. Als selbsterklärter "Philosoph" glaubt er, dass die Menschen sich von all diesen Trugbildern ihrer Imagination und dem überlieferten Aberglauben befreien müssten, um die Welt so zu sehen, wie sie ist:
They must scour their minds clean, ready for a new usage. Then turn their whole imagination right round -- away from all the romantic fancies that delight it and then blur and deaden it. And bring that imagination to bear instead on the real world it has taken for granted, and see into it. And seek its deepest sense. The truth is all round us, but it is hard. And ordinary. And supreme.
Dies werde den Weg öffnen zu einer neuen Welt, in der sich die Menschheit mit Hilfe der Maschine von Elend, Mühsal und allen anderen Lasten der Vergangenheit befreien werde: 
The great steam pumps we see now -- are going to have a million descendants. In a hundred years—in two, certainly -- machines will do all the world’s fetching and carrying. They’ll be more obedient, loyal and industrious than any slaves in history. They’ll carry men through the air and over the seas.

 


Andy Murray schreibt über das Stück: "The pairing of Sir Timothy and Cobb parallels that of Quatermass and Colonel Breen in Quatermass and the Pit." (2) Dem kann ich mich nur teilweise anschließen. Richtig ist sicher, dass zwischen den beiden die zentralen Themen von The Road ausgefochten werden. Aber anders als in Quatermass and the Pit lassen sich die Kontrahenten dabei nicht so leicht in eine "gute" und eine "schlechte" Partei einteilen. Der Professor verkörpert ohne Frage Nigel Kneales Ideal einer Verschmelzung von Vernunft und Humanität, während der Colonel als Repräsentant eines stumpfsinnigen Militarismus gezeichnet ist, den der Autor ganz offensichtlich zutiefst verachtet. In The Road sieht das etwas komplizierter aus.
 
Zweifelsohne ist Mr. Cobb die deutlich unsympathischere Figur. Er ist arrogant, selbstverliebt und genießt es, andere Menschen mit seinem rhetorischen Geschick zu beeindrucken und zu "unterwerfen". Und dass er eigentlich hierher gekommen ist, um die Ehefrau seines Gastgebers zu verführen, spricht auch nicht eben für ihn.
Ein besonders grelles Licht auf Cobbs Persönlichkeit (und die Widersprüchlichkeiten seiner Weltanschauung) wirft die Beziehung zu seinem schwarzen Diener Jethro (Clifton Jones). Eigenartigerweise wird Jethro selten erwähnt, wenn es um The Road geht, dabei halte ich ihn für eine wichtige und interessante Figur. Ein Ex-Sklave aus Jamaika, wurde er in jungen Jahren von Cobb "erworben", der ihm daraufhin eine umfassende Erziehung zu Teil werden ließ. Allerdings nicht aus humanitären Gründen. Jethro stellt für seinen Herrn eine Art "Experiment" dar, mit dem dieser zu beweisen versucht, wie man aus einem "primitiven Wilden" einen "zivilisierten Menschen" machen könne. Und entsprechend verhält er sich auch ihm gegenüber. 
Cobb: Jethro’s an experiment -- (to Sir Timothy) You see, I make them too. On the whole, he works. 
Sir Timothy: He’s a man. 
Cobb: He is now. Almost. He was bought in slavery by an old friend of mine. His mind was a child’s. Less, with nothing in it but a little darkness. I emptied it clean, poured in new impressions and the ideas they formed. Nothing old or false, no cant. I set him at all matters, to seek truth. Tested his brain against others in argument. And at last -- that savage is the equal of any man in the kingdom. 
Sir Timothy: Then why do you not respect him? 
Cobb (astonished): Respect? Respect, sir, is no part or parcel of the matter. You might as sensibly ask me to respect him for the silver buckles I’ve put upon him. 
Nigel Kneale hätte es so zwar sicher nicht ausgedrückt, aber für mich zeigt sich darin der bürgerliche Charakter der Aufklärungsphilosophie, deren Repräsentant Cobb ist. In der Theorie gehört zu seiner strahlenden Zukunftsvision zwar auch die Gleichheit aller Menschen: "There'll be neither squire nor servant then." Aber in der Realität ist er eben doch ein bourgeoiser "Gentleman" und verhält sich entsprechend gegenüber jenen, die in der sozialen Hierarchie unter ihm stehen. Er ist dabei vielleicht sogar noch herablassender als der Squire, weil er alle traditionellen "Sentimentalitäten" im Miteinander der Menschen verachtet. Cobb ist zwar ein Abolitionist (weil er Sklaverei für nicht mehr zeitgemäß hält), aber Jethro ist für ihn trotzdem so etwas wie ein Stück "Eigentum", in das er Zeit und Geld "investiert" hat. 
Der ehemalige Sklave nimmt das übrigens nicht einfach so hin. An einer Stelle beschreibt Kneale seine Haltung gegenüber Cobb wie folgt: 
Jethro watches him with an irony that is never far below the surface. Resentment at being taken for granted has taught him subtle ways to provoke, and to use them when Cobb is ruffled
Und im Verlaufe der Nacht des "Experimentes" im Wald sagt er ihm dann sogar offen ins Gesicht, was er von ihm hält: "Here in this place, I can! I am not real to you, am I? I’m something you made, not a man. But the man is speaking to you now!"
 
Im Vergleich dazu wirkt der höfliche Sir Timothy sicher sehr viel einnehmender. Und auch sein wiederholt ausgesprochener Grundsatz "I have an open mind" nimmt sich gegenüber Cobbs Arroganz erst einmal ziemlich sympathisch aus. Selbst seine Exzentrizität ist nicht ohne Charme. So etwa wenn er die Szenerie seines "Experiments" mit pseudo-römischen Theaterrequisiten ausschmücken lässt, die als eine Art Köder für den "Spuk aus der Antike" dienen sollen.
Aber nachdem er gar zu lange von Cobb provoziert wurde und sich zudem einer der Dörfler einen kleinen Spaß mit dem "Experiment" erlaubt hat, kommt es zu einem Ausbruch von beinah fanatischer Aggressivität. Und anders als der mondäne Spötter greift der Squire dabei zu seiner Flinte. Zwar wird niemand verletzt, aber man fühlt sich gedrängt, Cobb zuzustimmen, wenn dieser Lavinia zumurmelt: "He is ruthless in his way [...] One of a blind, mad pack! They will do things!"
 
Andererseits hat auch Cobb durchaus seine Momente. So etwa, wenn er sich über "Gerechtigkeit" auslässt, einen Wert, für den seine Zukunftsmenschen keinen Gebrauch mehr haben würden:
Justice, sir, is a god -- the god of misers! It defines the way we may snatch from each other and then guard our grabbings! You say justice and you exalt a golden blindfold lady. I see a gibbet and a thing hanging with eyes pecked out!
Und letztenendes sind sowohl Mr. Cobb als auch Sir Timothy auf ihre je eigene Weise Repräsentaten des "Age of Reason". Der eine als Theoretiker, der andere als Praktiker und Empiriker. Und darum geht es in dem Stück letztenendes. Sie beide bauen an jener Straße in die Zukunft mit, der The Road seinen (doppeldeutigen) Namen verdankt. Einer Zukunft, die nicht Cobbs grandioser Vision entsprechen wird, sondern deren wahre Natur sich offenbart, als klar wird, worum es sich bei dem "Spuk" in Wirklichkeit handelt. Kein "Nachhall" aus der Vergangenheit, sondern ein kurzer "Blick" in die Zukunft. 
 
Die Figuren des Stücks können natürlich nicht wissen, was die Geräusche genau bedeuten, die im Finale plötzlich über sie hereinbrechen. Doch für die Zuschauenden konnte kein Zweifel daran bestehen, was sie da hören: Der Lärm unzähliger Autos, eine Massenkarambolage, die Stimmen verängstigter und verzweifelter Menschen, die vor irgendetwas zu flüchten versuchen, und schließlich die fürchterliche Detonation einer thermonuklearen Bombe. Die Geräuschkulisse dieses finalen, alptraumhaften Twists, kreiert von Brian Hodgson und dem legendären Radiophonic Workshop der BBC, muss ungeheuer effektvoll gewesen sein.
 
Man könnte versucht sein, The Road als eine Art Kommentar zur Dialekt der Aufklärung zu lesen. Allerdings weiß ich nicht, ob Nigel Kneale mit der demoralisierten Philosophie Adornos und Horkheimers vertraut war, die die Schrecken des 20. Jahrhunderts letztenendes zum unausweichlichen Produkt des aufklärerischen Denkens erklärte. Und persönlich denke ich ohnehin, dass eine solche Interpretation zu kurz greifen würde. Auch wenn in dem Stück sicher viel von Kneales zunehmendem Pessimismus mitschwingt, denke ich nicht, dass man es als eine grundsätzliche Absage an Wissenschaft, Technik und Zukunftsoptimismus verstehen sollte. Dafür wirkt es in der Widersprüchlichkeit seiner Figuren zu differenziert auf mich. Ganz sicher jedoch sollte es als eine Warnung vor dem verstanden werden, was die zu einer Waffe pervertierte Wissenschaft der Menschheit einmal bescheren könnte. Nebenbei bemerkt: The Road entstand ein Jahr nach der Kubakrise.   



(1) Man findet es auch im Internet Archive als Teil der von David Drake zusammengestellten Anthologie Bluebloods.
 
(2) Andy Murray: Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale. S. 123. 

Freitag, 26. April 2019

Murrain

Noun
1 [mass noun] Redwater fever or a similar infectious disease 
   affecting cattle or other animals.
2 [archaic] A plague, epidemic, or crop .blight.
Oxford Dictionary   

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass die meisten meiner vor langer Zeit abgebrochenen Artikel-Serien wohl für immer Fragmente bleiben werden. Eine von ihnen hoffe ich jedoch nach wie vor irgendwann einmal fortzusetzen und in aller Form abzuschließen, auch wenn der letzte Beitrag bald fünf Jahre zurück liegt: Meine Tour durch Leben und Werk von Nigel Kneale (1922-2006). Halte ich den britischen Drehbuchautoren doch nachwie vor für einen der großartigsten Vertreter der filmischen Phantastik, die ich kenne. Und wenn ich mich nicht irre, ist sein Oeuvre hierzulande auch unter Genre - Freundinnen & Freunden bedauerlicherweise ziemlich unbekannt.

Meine alten Aufsätze beschäftigten sich mit der BBC-Adaption von George Orwells Nineteen Eighty-Four (1954), der ursprünglichen Quatermass - Trilogie The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59), dem Yeti-Streifen The Abominable Snowman (1957) sowie Nigel Kneales Arbeiten der 60er Jahre, u.,a. dem Folk Horror - Film The Witches (1966). Der letzte Beitrag war zugleich als Einleitung zu einer ausführlichen Besprechung seiner Dystopie The Year of the Sex Olympics (1968) gedacht, die ich dann aber leider nie geschrieben habe. Und ich werde sie auch heute nicht nachliefern. Stattdessen überspringen wir ein paar Jahre und Werke und wenden uns dem 1975 ausgestrahlten Fernsehspiel Murrain zu. Das habe ich mir nämlich vor kurzem auf dem Supernatural Tales Blog angeschaut.

In den frühen 70ern schrieb Nigel Kneale seine letzten Scripts für die BBC. Das bedeutendste davon war sicher das Drehbuch für The Stone Tape (1972). Ich habe den Film vor einer halben Ewigkeit hier schon einmal kurz besprochen, will mich ihm aber irgendwann noch einmal etwas eingehenderer widmen. Kneales 1971 ausgestrahlter Beitrag zur vierten Staffel der SF-Anthologie-Serie Out Of The Unknown die Episode The Chopper  klingt auch recht interessant, scheint aber für immer verloren zu sein, auch wenn es das Gerücht gibt, in den 70er Jahren sei eine Kopie in Dubai gelandet und dort verschollen.  
It's a long time ago. I don't really remember it very clearly. It was a ghost story, yet again, and this time it was about a garage where they converted Harley-Davidsons and heavy-duty motorbikes into choppers: they chopped them down. And the ghost was a tearaway youth who'd got himself killed on the M4 and came back to haunt the place. He was a very noisy ghost indeed and pretty unpleasant and destructive. It was again mostly a character play.
Kneale stand den kulturellen Umwälzungen der Swinging Sixties nicht besonders positiv gegenüber, wie ich in meinem letzten veröffentlichten Beitrag zur Tour bereits kurz ausführte. Es lässt sich vermuten, dass in The Chopper davon einiges zu spüren gewesen wäre. Dasselbe gilt auch für die beiden angepeilten Projekte, deren letztliches Scheitern viel dazu beigetragen haben dürfte, warum er der BBC schließlich den Rücken kehrte: Der Fernsehfilm The Big Giggle über eine Epidemie von Selbstmorden unter Jugendlichen, und seine vierte Quatermass - Miniserie, die ein halbes Jahrzehnt später dann von ITV produziert werden sollte:    
It was written in 1973 and they decided for various reasons, mainly cost, not to go ahead with it. I think it was commissioned by Ronnie Marsh, who was then in charge of serials, and Joe Waters was going to be the producer. It lingered through the summer and slowly died as a project.
1974 steuerte Kneale noch Jack and the Beanstalk zu den Bedtime Stories bei, einer Reihe moderner Neuninterpetationen klassischer Märchenstoffe, dann trennte er sich endgültig von "Auntie".

Schon ein Jahr später konnte er mit Murrain seinen Einstand bei ITV feiern. Das nicht ganz einstündige Fernsehstück war Teil der etwas arg prätentiös betitelten Serie Against the Crowd, die sich mit unterschiedlichen Formen gesellschaftlichen Außenseitertums beschäftigen sollte.

Der Veterinär Alan Crich (David Simeon) befindet sich auf dem Weg zum Hof des Schweinezüchters Mr. Beeley (Bernard Lee). An der Straßenkreuzung vor dem Ortseingang des kleinen und recht ärmlich und heruntergekommen wirkenden Dorfes haben sich ein paar Männer aus unerfindlichen Gründen mit Besen zu schaffen gemacht. Die Blicke, die man Crich zuwirft, lassen vermuten, dass er nicht unbedingt willkommen ist. Das ändert sich auch nicht, als er Beeleys großes Gehöft erreicht. Der Grund für das frostige und maulfaule Willkommen ist allerdings nicht recht klar. 
Freilich bringt er keine sonderlich guten Neuigkeiten. Die Analyse der Blutproben einiger erkrankter Schweine hat bislang zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt. Die bekannteren Krankheiten könnten allerdings ausgeschlossen werden, und es bestehe kein Grund, den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten.
Auf den bulligen Beeley wirkt dies jedoch alles andere als beruhigend. Er zeigt Crich zuerst eine ausgetrocknete Wasserleitung. Die örtliche Quelle scheint versiegt zu sein und nun muss der Schweinezüchter sein Wasser auf kostspielige Weise vom Fluss heraufpumpen. Der Veterinär ist verständlicherweise verwirrt. Wo soll da der Zusammenhang zu den erkrankten Tieren bestehen? Zusammen mit einer kleinen Rotte seiner Knechte schleift Beeley ihn daraufhin zum örtlichen Tante Emma - Laden. Der Sohn der Besitzerin Mrs. Leach (Marjorie Yates) liegt seit Monaten mit einer unbekannten Krankheit im Bett. Erneut versteht Crich nicht, was man eigentlich von ihm will. Will Beeley andeuten, der kleine Junge habe sich bei den Schweinen angesteckt oder umgekehrt?
Doch schließlich dämmert es dem Veterinär. Beeley glaubt, alle diese Unglücksfälle hätten einen übernatürlichen Auslöser. Und es wundert Crich dann auch nicht mehr groß, dass er denselben in einer allein lebenden, etwas wunderlichen alten Frau ausgemacht hat. Beeley hält die greise Mrs. Clemson (Una Brandon-Jones) allen Ernstes für eine Hexe! Und offenbar teilt das ganze Dorf inzwischen diese Überzeugung. Wobei der Umstand, dass der Schweinezüchter der wohlhabendste Mann am Orte und der wichtigste Arbeitgeber ist, sicher auch eine Rolle spielt.
Als Mann der Wissenschaft fühlt sich Crich von diesem kruden Aberglauben abgestoßen. Statt Beeleys Forderung nachzukommen, an einer Art Exorzismus teilzunehmen, stattet er der verhassten "Hexe" einen Besuch ab. Er will der alten Frau, die von der Dorfgemeinschaft ausgestoßen, verfolgt {ihre Katze wurde bereits ermordet} und quasi ausgehungert wird, helfen, verspricht, Kontakt zum Sozialamt aufzunehmen und Lebensmittel für sie zu organisieren.
Bei seinem zweiten Besuch wird die gute Mrs. Clemson allerdings auch ihm langsam etwas unheimlich. Er entdeckt zwischen ihren Sachen eine simpel geschneiderte Puppe. Sollte das am Ende eine der "mummies" {"Voodoo-Puppen"} sein, von denen einer von Beeleys Knechten gefaselt hatte? Wohl eher nicht. Mrs. Clemson erzählt, sie habe sie für ein Mädchen aus dem Dorf gemacht, das sie früher regelmäßig besuchen gekommen sei. Doch irgendwann sei das Mädchen nicht mehr bei ihr aufgetaucht. Sie selbst habe ja keine Kinder und ihr Mann habe sie auch irgendwann verlassen, doch dieses Mädchen sei für sie wie eine Tochter gewesen. Auch das habe das Dorf ihr genommen. Während ihrer Erzählung steigert sich die alte Frau allmählich in eine Art hysterischen Anfall hinein, während sie die Puppe zu zerpflücken beginnt. Der peinlich berührte Crich weiß nicht, wie er mit dieser Situation umgehen soll, und sucht das Weite. Doch derweil hat der Hexenwahn Beeley und seine Männer so hochgepuscht, dass sie zu einem regelrechten Lynchmob zu werden drohen.

Der Konflikt zwischen aufgeklärter Vernunft und abergläubischer Irrationalität ist eines der Leitmotive von Nigel Kneales Gesamtwerk. So gesehen ist Murrain wohl ein ziemlich typischer Film. Und wie stets wird dabei Rationalität mit Humanität verknüpft. Doch ist die Story durchaus etwas komplexer als das. 
Crichs Hilfsversuche sind zwar ohne Zweifel gut gemeint, aber zugleich wird überdeutlich, dass er sich nicht wirklich in die Lage der alten Mrs. Clemson einfühlen kann.  Sein Verhalten hat etwas distanziert paternalistisches. Er glaubt, mit einem Anruf beim Sozialamt sei es getan.
Wir erfahren nicht, wie und warum die alte Frau in der Position der misstrauisch beäugten und schließlich allgemein gefürchteten Außenseiterin gelandet ist. Aber ihr unzusammenhängender Monolog lässt zumindest erkennen, dass das ein sich über Jahre erstreckender, schleichender Prozess gewesen sein muss. Die ambivalente Schlussszene lässt gar die Möglichkeit offen, dass Mrs. Clemson tatsächlich über übernatürliche Kräfte verfügen könnte. Wir können also nicht ausschließen, dass zumindest einige der Unglücksfälle, für die auch Crich keine gänzlich überzeugenden rationalen Erklärungen liefern kann, auf ihr Konto gehen. Ihr Hass auf die Dorfgemeinschaft wäre sicher stark genug, um diese mit ein paar Flüchen oder Schadenszaubern zu belegen. Verantwortlich wäre dafür letztenendes aber das Dorf selbst, und vor allem Mr. Beeley, der seine dominante Stellung in der kleinen Gemeinschaft dazu ausnutzt, alle gegen die alte Frau aufzuhetzen.                        
Letztenendes ist Murrain weniger ein Stück über Aberglaube und Vernunft, als vielmehr über die verheerenden psychologischen Folgen, die entstehen, wenn eine kleine, von materieller und kultureller Armut sowie starken ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen geprägte Gemeinschaft beschließt, einen der ihren zum Pariah zu erklären. Heraus kommt eine unheimliche Mischung aus Hass und Hysterie. 

Murrain ist sicher eines von Nigel Kneales kleineren Werken, und ich würde es nicht unbedingt als Einstieg in das Schaffen des Autors empfehlen. Sehenswert ist der Streifen aber auf jedenfall. Auch darf er als unmittelbarer Vorläufer zu Kneales ITV-Miniserie Beasts (1976) gelten.
Auf Video gedreht, was zu dieser Zeit schon allein aus Kostenersparnis groß in Mode war, ist Murrain visuell nicht unbedingt überwältigend. Der Drehort des leicht heruntergekommenen Dorfes besitzt allerdings seinen Reiz und bildet den idealen Hintergrund für das Geschehen. Obwohl der Flick nicht einmal eine Stunde lang ist, entwickelt sich die Handlung ziemlich gemächlich, was aber für die Atmosphäre eines sich allmählich steigernden Wahnsinns eher zuträglich ist. Unter den Schauspielern ragen vor allem Una Brandon-Jones und Bernard Lee hervor, der vielen möglicherweise als James Bonds Boss "M" bekannt sein dürfte, den er von Dr. No (1962) bis Moonraker (1979) verkörperte.

Montag, 12. September 2016

Quatermass Lite

Bei dem Namen Hammer wird man unausweichlich an Dracula und Frankenstein, Christopher Lee und Peter Cushing denken müssen – mit anderen Worten, an jene grandiose Ära des Brit-Horrors, die 1957/58 mit Terence Fishers The Curse of Frankenstein und Dracula begann und in den frühen 70er Jahren mit solch bizarren Kuriositäten wie der mit Hongkongs Shaw-Brüdern coproduzierten Legend of the 7 Golden Vampires endete. {Nebenbei bemerkt der einzige Hammer-Dracula-Film, bei dem Lee sich weigerte, den Grafen zu mimen. Vielleicht nicht ganz unverständlich, aber auch wenn der Flick – wie nicht anders zu erwarten – völlig absurd und durchgeknallt ist, ist er doch ein Heidenspaß!}
Schon diese Sicht der Dinge stellt eine ungerechtfertigte Verkürzung dar, produzierte das Unternehmen doch auch in seiner Glanzzeit nicht allein "gothic" Horror. Auch war das House of Hammer natürlich schon sehr viel älter. Sein Grundstein war bereits 1934 gelegt worden, und sein erster richtig erfolgreicher Vorstoß in phantastische Gefilde hatte weder in Stil noch Thematik dem geähnelt, was man später mit der Produktionsfirma assoziieren würde.

Vereinzelte Ausflüge in das Horror-. und SciFi-Genre hatte Hammer zwar schon früher unternommen, doch 1955 landete die Firma ihren ersten richtig großen Hit mit der Kinoadadption von Nigel Kneales TV-Miniserie The Quatermass Experiment.* 
Seit 1951 stand der Buchstabe "X" im Einstufungssystem der britischen Zensurbehörde BBFC (British Board of Film Censors)** für "Suitable for those aged 16 and older", und wurde damit ein Synonym für all das, was die staatlich ernannten Wächter der Moral für anrüchig hielten. Ein Umstand, den Hammer schon bald zu Werbezwecken ausschlachtete. So trug ihre Version der ersten Quatermass-Geschichte den Titel The Quatermass Xperiment, dicht gefolgt von einem Streifen mit dem hübsch doppeldeutigen Namen X The Unknown (1956).



Der Film war ursprünglich als ein direktes Sequel konzipiert gewesen, doch hatte Hammer - Boss Anthony Hinds die Rechnung ohne Nigel Kneale gemacht. Als festangestellter Mitarbeiter der BBC besaß der Autor keinerlei Urheberrechte an The Quatermass Experiment und war nicht konsultiert worden, als der Deal mit Hammer abgeschlossen worden war. Er hasste, was Hinds & Co aus seiner Geschichte gemacht hatten. Insbesondere die Besetzung der Hauptrolle mit dem amerikanischen Schauspieler Brian Donlevy – und damit verbunden die Verwandlung des humanistischen Wissenschaftlers Bernard Quatermass in einen autoritären Bully – hatte seinen Zorn geweckt. Und auch wenn er nicht verhindern konnte, dass die BBC auch weiterhin die Adaptionsrechte für seine Quatermass - Serien an Hammer verhökerte, war es ihm doch möglich, sein Veto einzulegen, wenn es darum ging, die Figur des genialen Raketenforschers abseits dessen zu verwenden. Was er denn auch flugs tat.

Dennoch ähnelte das, was Jimmy Sangster – der zu einem der wichtigsten Drehbuchschreiber in Hammers klassischer Ära werden sollte – schließlich zu Papier brachte, in mancherlei Hinsicht immer noch einer Quatermass-Geschichte, bloß ohne den Professor. Was nur logisch ist, schließlich ging es nachwievor darum, den Erfolg von The Quatermass Xperiment zu wiederholen.

Während einer militärischen Übung, bei der die Rekruten das Aufspüren radioaktiver Objekte mit Hife eines Geigerzählers trainieren, kommt es plötzlich zu einer Art Minierdbeben, durch das sich ein scheinbar bodenloser Schacht auf dem Gelände öffnet. Zugleich erleiden zwei der Soldaten aus unerklärlichen Gründen schwere Strahlenschäden. Auch der hinzugerufene Atomphysiker Dr. Royston (Dean Jagger) – unser Ersatz-Quatermass – weiß vorerst keine Antwort auf das Rätsel.
Die Lage spitzt sich zu, als in der folgenden Nacht ein kleiner Junge in einer benachbarten Waldung während einer Mutprobe einem {vorerst unsichtbar bleibenden} Monster begegnet und dabei gleichfalls einer {letztlich tödlichen} Dosis atomarer Strahlung ausgesetzt wird. Außerdem bricht irgendjemand oder irgendetwas in Roystons Privatlabor ein, woraufhin die dort gelagerten Materialproben auf unerklärliche Weise ihre radioaktiven Eigenschaften verlieren.
Roystons bürokratischer Vorgesetzter John Elliott (Edward Chapman), Leiter eines staatlichen Institus für Atomforschung, tut das Ganze als eine Reihe zwar bizarrer, doch belangloser Zufälle ab. Aber unser Held ist sich sicher,  dass mehr dahintersteckt. Unterstützung findet er bei dem Sicherheitsbeamten "Mac" McGill (Leo McKern) und Elliots Sohn Peter (William Lucas), der gleichfalls in der Forschungsanstalt arbeitet. Es dauert nicht lange, da entwickelt Royston auch schon eine verwegene Theorie: Was wenn sich Leben nicht nur auf der Erdoberfläche, sondern auch im Erdkern entwickelt hätte? Eine aus reiner Energie bestehende Kreatur, die durch den Schacht auf dem Übungsplatz heraufgestiegen sei und sich nun auf der Suche nach Nahrung – radioaktivem Material – befände?
Klingt ziemlich absurd, ist aber selbstverständlich hundertprozentig korrekt. Und so sehen sich Royston & Co bald schon mit einem beständig wachsenden Monstrum konfrontiert, das rein äußerlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem guten alten "Blob" aufweist, durch konventionelle Waffen nicht verletzt werden kann und Menschen bei Berührung auf recht unappetitliche Weise bei lebendigem Leib zerschmelzen lässt.

X The Unkown besitzt zweifelsohne seine starken Seiten.
Dean Jaggers Dr. Royston gibt einen sehr viel besseren Quatermass ab als der "echte" Quatermass Brian Donlevy  – human, eigenwillig und prinzipientreu. Ihm zur Seite steht der in seiner bodenständigen und pragmatischen Art gleichfalls sehr sympathische McGill, der eingestandermaßen nichts von Atomphysik und dergleichen versteht, in Royston jedoch sofort eine vertrauenswürdige Person zu erkennen vermag, die seine Loyalität verdient hat. Die Rezension des Films auf Satanic Pandemonium kritisiert zwar, dass "the two characters simply get along too well. There is not enough tension or anxiety", doch für mich war gerade das unkompliziert-freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden ein Pluspunkt. Weniger überzeugend fand ich hingegen William Lucas' Peter Elliott. Der ganze Subplot um einen Vater-Sohn-Konflikt mit Royston als Ersatzvaterfigur trägt nicht wirklich etwas substanzielles zur Story bei, und Peter selbst bleibt bis zum Ende der generische jugendlich-männliche Held {wenn man davon absieht, dass ihm die eigentlich obligatorische Freundin/Verlobte fehlt}.
Vor allem die erste Hälfte des Films enthält einige sehr atmosphärische Szenen – so z.B. die Begegnung des kleinen Jungen mit dem Monster im Wald oder die wacheschiebenden Soldaten auf dem nächtlichen Übungsgelände. Örtlichkeiten wie der offenbar übel beleumundete Turm, in dem ein Landstreicher seine private Schnapsbrennerei eingerichtet hat, oder die kleine Kirche, die im letzten Drittel des Films zu einer Art  Refugium für die Dorfbewohner wird, vermitteln zudem auf recht gelungene Weise das für diese Variante des Brit-Horrors ziemlich typische Motiv der von unbekannten Mächten bedrohten "ländlichen Gemeinde".
Nicht unerwähnt bleiben soll auch die recht effektvolle – und für die Zeit sicher ziemlich drastische – Szene, in der der Körper eines Doktors unter dem Einfluss des Monsters zerschmilzt.

Und doch fehlt X The Unkown jenes gewisse Etwas, das die Quatermass - Serien zu echten Klassikern der Filmphantastik macht.
David Pirie schrieb im Time Out Film Guide über den Streifen:
1956 - the year of the Suez crisis, a sharp increase in the crime rate, and uneasy preparation for WWIII - spawned a series of gloomy thrillers (both in Britain and in America) in which the weight of the military is mobilised against various alien organisms from the bowels of the earth or outer space...in a lot of ways it [X the Unknown] communicates the atmosphere of Britain in the late '50s more effectively than the most earnest social document.***
Dem kann ich mich nicht so ganz anschließen. Als ein Quasi-Sequel zu The Quatermass Xperiment enthält der Film zwar noch Spuren der DNA von Nigel Kneales ursprünglicher Schöpfung – vermittelt durch die bereits von Richard Landau & Val Guest verunreinigte Kinofassung –, doch das Gefühl allgemeiner Verunsicherung, unterschwelliger Angst und Paranoia ist hier zum einen sehr viel weniger eindringlich als bei Kneale, und wird zum anderen ganz mit dem Motiv einer "Bedrohung von außen" verknüpft und damit eines Gutteils seines subversiven Potentials beraubt.
Nigel Kneales Quatermass II, der ein Jahr zuvor im Fernsehen der BBC gezeigt worden war, ist oberflächlich betrachtet zwar gleichfalls eine klassische Alien Invasion - Story {der Bodysnatcher-Variante}, bringt jedoch zugleich ein tiefes Unbehagen gegenüber Industrie, staatlicher Bürokratie und Militär zum Ausdruck. Eine Tendenz, die sich in Quatermass and the Pit (1958/59), verbunden mit Kneales wachsendem Pessimismus, noch einmal deutlich verschärfen würde.,
Nichts vergleichbares findet sich in X The Unknown. Zwar ist der arrogant-autoritäre John Elliott so etwas wie der Antagonist der Geschichte, doch ist ihm nichts Finsteres oder Bedrohliches eigen – letztenendes handelt es sich bei ihm bloß um einen bornierten Bürokraten. Und zum Schluss ist es einmal mehr das Militär, unterstützt von Roystons wissenschaftlicher Genialität, das die Lage rettet. Was Reminiszenzen an das abgewandelte Finale des Quatermass Xperiment weckt. Während in Nigel Kneales Original der Appell des Professors an die immer noch vorhandene Humanität in dem zum Monster mutierten Astronauten zu dessen Selbstzerstörung führt, wird dem Ungeheuer in Hammer's Version mit militärischer Gewalt der Garaus gemacht.     

Interessanterweise soll angeblich Joseph Losey, der sich zu dieser Zeit als eines der Opfer der Schwarzen Listen im europäischen Quasi-Exil befand, ursprünglich als Regisseur für X The Unknown engagiert worden sein, habe jedoch aus gesundheitlichen Gründen das Projekt nach einer Woche verlassen müssen. Stattdessen übernahm Leslie Norman die Regie, was offenbar keine besonders glückliche Wahl war. Man bekommt immer wieder zu hören, dass auf den Hammer-Sets für gewöhnlich eine äußerst angenehme Arbeitsatmosphäre geherrscht habe. Bei X The Unknown war dies ganz und gar nicht der Fall. Wie Kameramann Len Harris später einmal erzählt hat:
He [Norman] was one of the few people that wasn't liked at Hammer, and you'll notice that, despite the film's quality, he never did another for us. He was a good technical director, but he couldn't direct people very well. Dean Jagger simply wouldn't be directed by him! Leslie was always complaining and could be very harsh. He didn't think much of the film, either.....The thing we disliked the most was his using abusive language through a loud hailer for all to hear. That simply wasn't done at Hammer!
Ob Joseph Losey dem Film vielleicht einen etwas subversiveren Dreh verliehen hätte? Wie sein sieben Jahre später für Hammer gedrehter Film These Are The Damned – ein trotz struktureller Schwächen äußerst faszinierendes, bedrückendes und überraschend kompromissloses Werk – beweist, konnte der Regisseur auch im SciFi-Horror-Genre beeindruckendes leisten. Nun, wir werden es nie erfahren, und so bleibt X The Unknown zuguterletzt ein zwar sehenswertes, aber nicht übermäßig interessantes Beispiel aus der Frühzeit des Hammer - Horrors.     


* Ich habe die ersten drei Quatermass - Serien The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) im Rahmen meiner leider unvollendet gebliebenen Nigel Kneale - Tour besprochen. Hoffentlich gelingt es mir, dieses Projekt irgendwann einmal wiederzubeleben, halte ich den Autor doch für einen der ganz Großen der Filmphantastik. 
** 1984 in British Board of Film Classification umbenannt. Historische Randnotiz: Wir neigen dazu, bei britischer Filmzensur an Sachen wie Mary Whitehouse und ihre NVALA - Kampagnen, die Video Nasties - Hysterie der 80er Jahre oder die jüngsten Kontroversen um Streifen wie A Serbian Film (2010) und The Human Centipede 2 (2011) zu denken. Natürlich enthielten von diesen vor allem die ersten beiden auch ein mehr oder minder offen politisches Element, jedoch stets im Gewand der Sorge um die "öffentliche Moral". Die Aktionen des BBFC konnten aber auch einen ganz explizit politischen Charakter besitzen. So wurde Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin 1926 vor dem Hintergrund des semi-insurrektionären Generalstreiks aufgrund seiner "inflammatory subtitles and Bolshevist propaganda" mit dem Bannfluch belegt. Erst ab 1954 durfte der Klassiker öffentlich gezeigt werden, und auch dann nur unter der "X"-Kategorie. 
*** Die Suez-Krise stelte einen wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung des britischen Nationalbewusstseins dar. Die gescheiterte Invasion Ägyptens durch Großbritannien, Frankreich und Israel machte auf äußerst demütigende Weise deutlich, dass der jahrzehntelange Niedergang des Empire einen Punkt erreicht hatte, an dem die Durchsetzung der geostrategischen Interessen des Vereinigten Königreiches ganz vom Wohlwollen der USA abhing, zu deren Juniorpartner das einstige Weltreich herabgesunken war.

Sonntag, 22. Juni 2014

Sooner than you think (I)

Die Nigel Kneale - Tour #5: The Year of the Sex Olympics (1968) 


Nach fast einem Jahr möchte ich nun endlich meine kleine Tour durch das Oeuvre des britischen Drehbuchautors Nigel Kneale (1922-2006) fortsetzen, der ganz sicher zu den bedeutendsten Vertretern der TV-Phantastik des 20. Jahrhunderts gehört. Bisher besteht die Reihe aus: Vorwort * Nineteen Eighty-Four * The Quatermass Experiment * Quatermass II * The Abominable Snowman * Quatermass and the Pit 


Nach Quatermass and the Pit (1958/59) hatte Nigel Kneale erst einmal genug von dem guten Professor. Wie er später einmal erzählt hat: "I didn't want to go on repeating because Professor Quatermass had already saved the world from ultimate destruction three times, and that seemed to me to be quite enough." Mitte der 60er Jahre schrieb er zwar noch das Drehbuch zu Hammers Kinoversion von Quatermass and the Pit und war mit dem unter der Regie von Roy Ward Baker (1) gedrehten Film sehr viel zufriedener als mit seinen Vorgängern, die vierte und letzte Quatermass-Serie entstand jedoch erst 1979.

In den nächsten Jahren konzentrierte sich Nigel Kneale hauptsächlich auf das Adaptieren von Theaterstücken und Romanen, wobei seine bedeutendste Leistung das Verfassen der Drehbücher zu den John Osborne - Verfilmungen Look Back in Anger (1958) und The Entertainer (1960) gewesen sein dürfte. Doch unsere Tour soll sich auf Kneales phantastisches Oeuvre beschränken, und in dieser Hinsicht erwähnenswert sind vor allem die H.G. Wells - Verfilmung First Men in the Moon (1964), die ihren Charme freilich in erster Linie Ray Harryhausens Kreationen verdankt, sowie The Witches (1966), eine Adaption von Norah Lofts (aka "Peter Curtis'") Roman The Devil's Own.



Cyril Frankels Film verdient nicht nur deshalb Interesse, weil die große Joan Fontaine in ihm ihren letzten Kinoauftritt hatte. Unter den Hammer-Flicks der Zeit zeichnet er sich auch durch eine Reihe auffälliger Besonderheiten aus. Zuerst einmal ist er in der Gegenwart angesiedelt und besitzt deshalb nicht jenes "gotische" Flair, das vor allem dank Dracula und Frankenstein zum Markenzeichen der führenden Brit-Horror-Schmiede geworden war. Sein ländliches Setting und seine auf subtile Weise beunruhigende Atmosphäre erinnern vielmehr an den "Folk Horror" der frühen 70er Jahre, auch wenn The Witches ganz sicher nicht die Qualität und Intensität von Filmen wie Blood on Satan's Claw (1970) oder The Wicker Man (1973) erreicht. Vor allem das Finale ist leider eher etwas enttäuschend. Ins Auge fällt außerdem, dass alle Hauptfiguren Frauen sind, derweil die wenigen wichtigeren männlichen Charaktere ausnahmslos einen ziemlich hilflosen und schwächlichen Eindruck hinterlassen. Für einen Horrorfilm der 60er Jahre ein außergewöhnliches Charakteristikum. Und zuguterletzt lässt sich The Witches zumindest streckensweise als Geschichte über eine Gesellschaft interpretieren, die angesichts des Zerfalls traditioneller Werte und Institutionen in die Barbarei abzugleiten droht, wobei dem Ganzen ein nie offen ausgesprochener, aber nichtsdestoweniger deutlich spürbarer Klassengegensatz zugrundeliegt.

Einige andere Projekte, an denen Nigel Kneale Anfang der 60er Jahre beteilgt war, gelangten leider nie zur Vollendung. Dies gilt vor allem für eine geplante Verfilmung von Aldous Huxleys Brave New World.
The largest film I took on was an adaptation of Brave New World in 1963. Jack Cardiff was going to direct. We spent weeks working out an approach, and I wrote a long script. It was all set up to be shot in Spain (at that time the production company behind the project was very thick with the Spanish government so they could raise money). So Jack set off to Spain and I was getting our children ready to go and join him and settle down for some months when suddenly the next day he rang up to say "It's all off! They're selling the cars!" The company had gone bust and fallen out of favour with the government.
Vieles aus Huxleys Klassiker sollte sich fünf Jahre später in Kneales eigener Dystopie The Year of the Sex Olympics wiederfinden. Doch soweit sind wir noch nicht.

1963 war auch das Jahr, in dem das britische Fernsehpublikum endlich wieder ein Kneale'sches Original zu sehen bekam: Den als verloren geltenden Film The Road, der von den Bewohnern eines Dorfes erzählt, die im 18. Jahrhundert von Visionen eines künftigen Atomkriegs heimgesucht werden. (2)

Ein weiteres Projekt, an dem der Autor 1965 zu arbeiten begann, sollte eine Epidemie von Selbstmorden unter Jugendlichen zum Thema haben. Doch der BBC schien der Inhalt zu heikel, so dass es nicht zur Produktion kam. Ein Versuch, den Film zusammen mit Produzent & Regisseur Ronnie Neame zu realisieren, scheiterte am Zensor.
Was Nigel Kneale in einem Interview mit Jack Kibble-White 2003 über die Entstehung des Drehbuchs zu The Big Giggle erzählt hat, wirft ein grelles Licht auf seine damalige Weltsicht: "It seemed in 1965 that it would be extremely likely that there would be a takeover by the youth, and the biggest thrill they could have was to kill themself". Kneale sah im kulturellen Umbruch der Swinging Sixties offenbar nichts befreiendes, sondern ganz im Gegenteil eine weitere Etappe im gesellschaftlichen Niedergang. Wenn er von einer "drohenden Machtübernahme durch die Jugend" spricht, glaubt man einen typischen konservativen Spießer zu hören, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit Jeremiaden auf den moralischen Verfall der nachwachsenden Gerneration anstimmt. Tatsächlich hasste Kneale vieles an der "Counter Culture" der 60er Jahre: "I didn't like the Sixties at all because of the whole thing of 'let it all hang out' and let's stop thinking [...] which was the all too frequent theme of the Sixties which I hated." Fraglos steckte in Nigel Kneale manchmal ein kleiner Snob, und sein zunehmend pessimistischer Blick auf die Welt und den Menschen, den wir schon bei Quatermass and the Pit beobachten konnten, mochte diesen Charakterzug noch weiter verstärken. Doch das heißt nicht, dass er sein Talent als Drehbuchschreiber oder seinen scharfen Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge und beunruhigende kulturelle und soziale Entwicklungen verloren hätte. In The Year of the Sex Olympics werden wir beiden Seiten des Autors begegnen.

Als die BBC 1967 mit dem Wunsch an Nigel Kneale herantrat, er möge eine Folge für ihre Serie Theatre 625 schreiben, lehnte der Autor dies zuerst ab. Es heißt, er sei immer noch wütend darüber gewesen, dass der Sender die Verfilmungsrechte für The Quatermass Experiment an Hammer verhökert hatte, ohne dass er selbst dabei ein Wörtchen hatte mitreden dürfen. Schließlich intervenierte Director-General Hugh Greene persönlich und ließ Kneale 3000£ als zusätzliche Vergütung für seine Quatermass-Serien zukommen, was den Autor offenbar versöhnte.

Hugh Carleton Greene – Bruder des großen Schriftstellers Graham Greene – war 1960 General-Director der BBC geworden und hatte einen radikalen Umbruch eingeleitet, mit dem eine Ära begann, die man mit gutem Recht als das Goldene Zeitalter des britischen Fernsehens bezeichnen kann. Unter seiner Leitung rückte der Sender von seiner traditionellen Verbundenheit zu Moral und Geschmack der konservativen Mittelklasse ab und öffnete sich für jüngere und in der Mehrzahl radikalere Kulturschaffende. Einige von ihnen stammten sogar aus der Arbeiterklasse wie der Schauspieler und Produzent Tony Garnett: 
The BBC was changing in response to the cultural changes in the country. The BBC helps to create culture, but also responds to it. Its income was increasing every year as more people bought televisions and there was a move to colour.
BBC Director General Hugh Carlton Greene realised that “Auntie” [the BBC] had to take off her corset and put on a mini-skirt. There was big opposition to that, but he had the authority to push it through. 
One of the consequences was that rough kids – like me, [und die Drehbuchschreiber] Roger Smith and John McGrath – became some of the lucky few scholarship boys that were allowed to go into the BBC. A window opened.
In der Reihe The Wednesday Play, bei deren Entwicklung Garnett als Story Editor und Produzent eine zentrale Rolle spielte, wandten sich linke Autoren und Regisseure wie Jim Allen, David Mercer und Ken Loach ab 1964 sozialen Problemen und dem Leben der Arbeiterklasse zu. Viele dieser Künstler wurden Ende der 60er Jahre zu Sympathisanten der trotzkistischen Socialist Labour League. (3)
Aber es wäre falsch, wollte man die Blütezeit des britischen Fernsehens in den 60er und 70er Jahren bloß auf eine verstärkte Hinwendung zum Sozialrealismus zurückführen. Der nonkonformistische, kritische und experimentierfreudige Geist, der sie besselte, konnte seinen Ausdruck sowohl in naturalistischen wie in phantastischen Formen finden. Sucht man nach ihren Wurzeln, so hat man sich zum einen die allgemeineren gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Zeit zu vergegenwärtigen, und ist zum anderen Hugh Greene zu großem Dank verpflichtet, der gegen zahllose Widerstände einen künstlerischen Freiraum in der BBC schuf und verteidigte, in dem neue Talente sich ausprobieren und entfalten konnten. Davon profitierte die Phantastik ebensosehr wie der Realismus. Wie Taylor Parkes letzten Novbember in einem sehr lesenswerten  Essay zum fünfzigsten Geburtstag von Doctor Who geschrieben hat:
Doctor Who could probably only have been made by the BBC as it was in the 60s and early 70s; all its strengths and weaknesses seem to correspond to those of the Corporation in what were, and look increasingly likely to remain, its glory days.
Those strengths were only made possible by that amazing, never-to-be-repeated freedom in programme-making - one which included the freedom to make mistakes, the most important freedom of all.
Ganz ähnlich äußerte sich einmal Lawrence Gordon Clarke, der Schöpfer der klassischen Ghost Stories for Christmas (4):
The BBC at that time gave you the space to fail, and generously so too. They backed you up with marvellous technicians, art departments, film departments and so forth.
Mindestens ebenso wichtig waren die Werte, die Filmen und Serien wie dem klassischen Doctor Who zugrundelagen. In Taylor Parkes' Worten: "Generosity and human decency, a sense of endless possibility" – Ausdruck einer Ära, "where some things were more important than how much fucking money you'd spent". (5)

Es fällt mir nach wie vor sehr schwer, zu verstehen, warum Realismus und Phantastik einander so oft als zwei verfeindete Prinzipien gegenübergestellt werden. Und es sind nicht allein irgendwelche Kultursnobs, die sich in dieser Hinsicht schuldig machen. Nach meiner Erfahrung kommt auf jeden "Realisten", der die Phantastik als infantil und eskapistisch beschimpft, ein "Phantast", der den Sozialrealismus als langweilig und fantasielos verhöhnt. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn einem die eine oder die andere Spielart eher zusagt. Persönlicher Geschmack ist nichts, worüber man streiten sollte. Aber warum das Ganze zu einer Prinzipienfrage erklären? Und weshalb wird dabei häufig ein so gehässiger oder herablassender Ton angeschlagen? Ich selbst halte es jedenfalls für äußerst bereichernd, mich in beiden Feldern umzutun. Und die Blütezeit der BBC hat reihenweise faszinierender Werke sowohl sozialrealistischer wie phantastischer Provinienz zu bieten. Auf der einen Seite haben wir da solche beeindruckenden naturalistischen Filme wie Ken Loachs Up the Junction (1965) und Cathy Come Home (1967), Ken Loachs & David Mercers In Two Minds (1967), Ken Loachs & Jim Allens The Big Flame (1969) und Days of Hope (1975), Jack Golds & Jim Allens The Lump (1967) sowie Trevor Griffiths All Good Men (1974). Auf der anderen solche Juwelen der Phantastik wie Joanthan Millers Whistle And I'll Come To You (1968), James MacTaggarts Robin Redbreast (1970), die Ghost Stories for Christmas (1971-78), Don Taylors The Exorcism (1972), Nigel Kneales The Year of the Sex Olympics (1968) und The Stone Tape (1972) sowie David Rudkins & Alan Clarkes Penda's Fen (1974), nicht zu vergessen der klassische Dr. Who. (6)

{Nebenbei bemerkt: Don Taylor drehte 1965 zwei Episoden von The Wednesday Play und würde 1976 bei zwei Episoden von Nigel Kneales Beasts die Regie übernehmen. Kneale selbst sollte 1969 und '70 zwei Drehbücher für The Wednesday Play beisteuern, von denen eines (Bam! Pow! Zapp!) realistisch, das andere (Wine of India) phantastisch ausgerichtet war. (7) Und Jack Gold schließlich würde 1978 mit The Medusa Touch für einen der kleinen Klassiker des phantastischen Kinos verantwortlich zeichnen. Soviel zum unversöhnlichen Gegensatz von Sozialrealismus und Phantastik!}

Dass Hugh Greene sich persönlich darum bemühte, Nigel Kneale für Theatre 625 zu gewinnen, zeigt, dass der Director-General nicht nur Neuerungen durchzusetzen wusste, sondern auch an das Beste aus dem Erbe der BBC anzuknüpfen verstand.
Am 7. April 1967 nahm Kneale den Auftrag von Theatre 625 - Produzent Michael Bakewell an, ein Script für die Reihe zu schreiben. Ein halbes Jahr später reichte er das Drehbuch zu The Year of the Sex Olympics ein, das am 25. Oktober von Bakewells Nachfolger Ronald Travers offiziell akzeptiert wurde. Die Dreharbeiten begannen Anfang 1968 unter der Leitung des erfahrenen Theater- und Fernsehregisseurs Michael Elliott.

Zuvor hatte man allerdings noch die Attacken der berüchtigten christlich-konservativen Aktivistin Mary Whitehouse zurückschlagen müssen, die das Projekt mit allen Mitteln zu torpedieren versuchte.
Die Führerin der "Clean Up TV" - Kampagne und der National Viewers' and Listeners' Association (NVALA) wird heute manchmal als eine etwas lächerliche Figur dargestellt. Eine weltfremde, verklemmte Spießerin, die moralisch und kulturell im viktorianischen Zeitalter steckengeblieben war. Tatsächlich jedoch genoss sie die Unterstützung einflussreicher Tory-Politiker, die in ihrem Kreuzzug gegen die "halb kommunistische" und "moralisch verrottete" BBC und diverse andere Erscheinungsformen von "Dekadenz" und "Perversion" eine Möglichkeit sahen, Teile der Mittelklasse gegen all jene zu mobilisieren, die es wagten, die überkommene gesellschaftliche Ordnung in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Wenn Whitehouse z.B. die Fernsehberichterstattung über den Vietnamkrieg als "pazifistische Propaganda" kritisierte und 1970 erklärte "However good the cause ... the horrific effects on men and terrain of modern warfare as seen on the television screen could well sap the will of a nation to safeguard its own freedom, let alone resist the forces of evil abroad", zeigte sie damit sehr schön, warum die Konservativen in ihr eine wertvolle Verbündete sahen. In den 30er Jahren hatte Whitehouse der nazifreundlichen Oxford Group von Frank Buchman angehört, und auch ihren späteren Aktivitäten hing stets ein leicht faschistoider Geruch an. In den 70er Jahren führte sie u.a. einen unermüdlichen Kampf gegen Doctor Who, und dass Drehbuchautor Robert Holmes, der wie kein anderer die Ära des Vierten Doktors (Tom Baker) geprägt hatte, die Serie 1977 schließlich verließ, dürfte mit eine Folge ihrer langjährigen Attacken gewesen sein. Noch in den frühen 80er Jahren sollte Whitehouse eine wichtige Rolle bei der Initiierung der "Video Nasties" - Panik spielen. (8) "A very terrible woman", wie Nigel Kneale sie einmal ganz richtig genannt hat. 
Einmal mehr muss man Hugh Greene Respekt zollen, der zu keinem Zeitpunkt bereit war, auch nur ansatzweise auf die Forderungen dieser selbsterklärten Vertreterin der "schweigenden Mehrheit" einzugehehen. Selbst ein informelles Zusammentreffen mit Mary Whitehouse kam für ihn als General-Director der BBC niemals in Frage. Die Versuche der Aktivistin und ihrer Anhänger, Kneales The Year of the Sex Olympics zu stoppen, konterten er und seine Verbündeten in der Leitung des Senders, indem sie die "besorgten Bürger" kurzentschlossen vor die Tür setzten. Hew Wheldon, Director of Television, gab Kneale zu verstehen: "You go ahead. I'm going to take full responsibility - I want it."  Und damit war die Sache geklärt.

Während des Drehs gab es dann auch noch Probleme mit einem Streik des technischen Personals, doch am 29. Juli 1968 war es schließlich so weit. Kurz nach neun Uhr abends strahlte BBC2 The Year of the Sex Olympics aus.


Fortsetzung folgt ...





(1) Für Baker war der 1967 in die Kinos gelangte Film der Startpunkt seiner Brit-Horror-Karriere, die er mit Scars of Dracula (1970), The Vampire Lovers (1970), Dr Jekyll and Sister Hyde (1971), Asylum (1972) und The Vault of Horror (1973) fortsetzen sollte..
(2) Es gibt ein Amateur-Remake von The Road, das in seiner {ähem} bescheidenen Qualität jedoch kaum geeignet sein dürfte, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie das Original einmal ausgesehen haben mag. {Ehrlich gesagt habe ich es bisher nicht geschafft, mir mehr als zehn Minuten davon anzuchauen.}
(3) Wer sich etwas eingehender über diese politisch-kulturellen Entwicklungen informieren will, sei neben dem zweiteiligen Interview mit Tony Garnett dieser Artikel über Jim Allen, der Nachruf der World Socialist Web Site auf Corin Redgrave sowie das ausführliche Gespräch zwischen David Walsh und Autor Trevor Griffiths empfohlen. 
(4) Ich habe diese wunderbare Serie in drei Blogeinträgen hier hier & hier besprochen.
(5) Sydney Newman, der Initiator von Doctor Who, hatte ursprünglich auch Nigel Kneale für die Serie zu gewinnen versucht. Diesem jedoch hatte das Konzept ganz und gar nicht zugesagt, und auch späterhin äußerte er sich über Serien wie Doctor Who oder Blake's 7 nie anders als mit tiefster Verachtung.
(6) Diese Liste enthält ausschließlich Produktionen der BBC, weshalb solche Klassiker der britischen TV-Phantastik wie The Avengers, The Prisoner, Children of the Stones, Nigel Kneales Beasts sowie Sapphire and Steel, die allesamt von ITV ausgestrahlt wurden, außen vor bleiben.
(7) Auf Youtube kann man sich eine Inszenierung von Wine of India anschauen, die 2013 im Rahmen des Manchester Fringe Festival aufgeführt wurde. Die Qualität des Videos ist nicht besonders gut, doch da der ursprüngliche Film nicht länger existiert, bietet sich hier zumindest die Gelegenheit, einen Einblick in das Werk zu erhalten. Wine of India porträtiert eine Gesellschaft, in der der Traum ewiger Jugend Wirklichkeit geworden ist. Der Preis allerdings ist hoch: Um ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum zu verhindern, verpflichten sich die ewig jungen "Unsterblichen" dazu, nach ca. hundert Jahren Selbstmord zu begehen. 
(8) Vgl. Jim Moons Hypnobobs #11 und natürlich Chris Browns Video Nasties Podcast {dessen Folgen stets mit einer berüchtigten Äußerung von Mary Whitehouse beginnen}, insbesondere die Einführungsepisode. All denen, die sich etwas eingehender mit dem Thema beschäftigen wollen, sei Jake Wests Dokumentarfilm Video Nasties: Moral Panic, Censorship and Videotapes empfohlen.

Donnerstag, 1. August 2013

Quatermass und das Böse im Menschen

Die Nigel Kneale - Tour #4: Quatermass and the Pit (1958/59)

Anfang Mai 1957 meldete sich die BBC bei Nigel Kneale und beauftragte den inzwischen freischaffenden Autor damit, eine dritte Quatermass-Serie zu kreieren. Das Budget fiel mit 17.500 £ deutlich höher aus als bei den beiden Vorgängern. Die Regie übernahm einmal mehr Rudolph Cartier, dem mit A.A. Englander einer der ersten wirklich professionellen Kameramänner des britischen Fernsehens zur Seite stand. Für die Rolle des Professors engagierte man André Morell, der ursprünglich bereit beim Quatermass Experiment diesen Part übernehmen sollte und in Kneales & Cartiers Adaption von 1984 als O'Brien brilliert hatte.

Als die Vorproduktion im September 1958 anlief, hatte sich die Welt seit den Tagen von Quatermass II in mancherlei Hinsicht verändert.
  • Zwischen 1956 und 1958 hatte Großbritannien eine Reihe von Tests mit Wasserstoffbomben über Maiden und Christmas Island durchgeführt (Operation Grapple) und gleichzeitig ein eigenes Raketenprogramm (Blue Steel & Blue Streak) gestartet.
  • Am 10. Oktober 1957 war es im Brutreaktor Windscale/Sellafield, in dem Plutonium für die Atombomben Ihrer Majestät hergestellt wurde, zum bisher größten Unfall des noch jungen Nuklearzeitalters gekommen, bei dem große Mengen radioaktiven Materials über Nordengland freigesetzt worden waren.
  • In Reaktion auf das immer bedrohlichere Dimensionen annehmende atomare Wettrüsten war am 17. Februar 1958 die Campaign for Nuclear Disarmament (CND) gegründet worden, die im selben Jahr ihren ersten Ostermarsch zum Atomwaffenversuchszentrum Aldermaston organisierte.
  • Im Oktober 1957 hatte die Sowjetunion mit Sputnik I den ersten künstlichen Erdsatelliten gestartet. Dem war einen Monat später Sputnik II mit der Hündin Laika an Bord gefolgt. Der "Sputnik-Schock" hatte dem amerikanischen Weltraumprogramm einen gewaltigen Aufschwung verliehen. Die Gruppe um Wernher von Braun fand nunmehr offene Ohren in Washington, wobei militärische Erwägungen und die Frage des nationalen Prestiges an erster Stelle standen. Am 31. Januar 1958 wurde mit Explorer I der erste US-Satellit in die Erdumlaufbahn geschossen.
  • Seit der Verabschiedung des British Nationality Act von 1948 war es zu einer verstärkten Einwanderung von Menschen aus den Commonwealth-Staaten nach Großbritannien gekommen, die Mitte der 50er Jahre noch einmal deutlich zunahm. Rechtsextreme Organisationen wie die Union Movement des alten Faschistenführers Oswald Mosley und die White Defence League hatten daraufhin die "Immigrantenfrage" zum Kernstück ihrer Propaganda gemacht und eifrig rassischte Vorurteile geschürt, insbesondere gegen die aus der Karibik stammenden Schwarzen. Im Sommer 1958 kam es vermehrt zu gewaltsamen Übergriffen, die schließlich in den berüchtigten "Rassenunruhen von Notting Hill" gipfelten, während derer vom 29. August bis zum 5. September ein mehrere hundert Köpfe zählender rassistischer Mob die Wohnungen und Geschäfte von "westindischen" Bewohnern des Londoner Stadtteils überfiel und verwüstete.
All dies fand auf mehr oder weniger direkte Weise Eingang in das Drehbuch von Quatermass and the Pit und machte aus der Serie, deren sechs Teile zwischen dem 22. Dezember 1958 und dem 26. Januar 1959 ausgestrahlt wurden, ein noch sehr viel düsteres Werk, als es seine beiden Vorgänger gewesen waren.

Schon in der ersten Episode bekommen wir aus dem Radio Nachrichten über eine gescheiterte Abrüstungskonferenz und Rassenunruhen in Birmingham zu hören. Währenddessen sieht sich Professor Quatermass damit konfrontiert, dass das Kriegsministerium die Kontrolle über sein Raketenprojekt übernehmen will. Ziel der Militärs ist der Bau einer Basis auf dem Mond, von der aus jeder Winkel der Erde mit atombombenbestückten Raketen unter Beschuss genommen werden könnte. Eine Idee, die einen sofort an das seit Beginn der 50er Jahre von Wernher von Braun propagierte Projekt einer Orbitalstation denken lässt, die auf ganz ähnliche Weise als Raketenabschussbasis dienen sollte. Einer der Generäle verwendet sogar den Begriff der "ultimate weapon", den von Braun in diesem Zusammenhang gleichfalls sehr gerne im Munde führte.(1) In gewohnt ruhiger, aber entschiedener Weise legt Quatermass Protest gegen diese Pervertierung seiner Arbeit ein. Wie zu erwarten ohne Erfolg. Die Entscheidung ist bereits auf "höherer Ebene" gefällt worden, und er und sein Team haben jetzt bloß noch die Aufgabe, für ihre Umsetzung zu sorgen. Dabei wird dem Professor mit Colonel Breen (Anthony Bushell) eine Art Aufpasser an die Seite gestellt. Auch deuten die Politiker recht unverhohlen an, dass Quatermass nicht mehr lange der Leiter des Projektes bleiben werde.
Zur selben Zeit entdecken der kanadische Paläontologe William Roney (Cec Linder) und seine Assistentin Barbara Judd (Christine Finn) bei einer Ausgrabung in der Nähe von Hobbs Lane in London die Überreste zwerghafter Hominiden, deren Alter der Wissenschaftler auf 5 Millionen Jahre schätzt. Ein phänomenaler Fund! Doch bald darauf stoßen sie auf etwas noch sehr viel erstaunlicheres: Ein großes, scheinbar metallenes Objekt, das die Ausgräber zuerst einmal für eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg halten. Also werden Polizei und Army hinzugerufen. Mit der wissenschaftlichen Arbeit ist vorerst schluss, was den ungeduldigen Roney dazu veranlasst, sich an seinen alten Freund Bernard Quatermass zu wenden. Könnte dieser nicht seine Beziehungen zum Militär spielen lassen, um das Prozedere zu beschleunigen? Tatsächlich gelingt es dem Professor, seinen neuen "Kollegen" Breen dazu zu bewegen, sich die Sache einmal anzuschauen.
Schon bald häufen sich die Eigentümlichkeiten. Das mysteriöse Objekt besteht überhaupt nicht aus Metall, sondern aus einer unbekannten, extrem harten Keramik. Und es sieht auch nicht aus wie eine Bombe. Das röhrenartige Ding besteht vielmehr aus einem leeren "Laderaum" und einer hermetisch verschlossenen "Kapsel" an der Spitze. Und dann sind da noch die radioaktiven Isotope im umgebenden Erdreich, die einerseits darauf hindeuten, dass sich hier ein Atomreaktor befunden haben muss, andererseits jedoch bereits ca. 5 Millionen Jahre alt zu seien scheinen. Und als wäre all das nicht schon merkwürdig genug, steht eines der benachbarten Gebäude auch noch im Ruf, ein Spukhaus zu sein. Ein Gerücht, das spätestens dann nicht mehr so lächerlich klingt, als einer der Männer aus Captain Potters (John Stratton) Bombenentschärfungsteam einen Panikanfall erleidet, nachdem er den "Laderaum" betreten hat, und anschließend davon faselt, er habe eine kleine, koboldartige Gestalt durch die Wand verschwinden sehen.
Spätestens nachdem das Team in der "Kapsel" die perfekt konservierten Leichen dreier insektoider Kreaturen entdeckt hat, ist das Bild für Quatermass klar: Was Roney gefunden hat, sind die Überreste eines Raumschiffs, das vor Millionen von Jahren hier abstürzte. Seine Herkunft – der Mars, dessen Bewohner sich aufgrund gewaltiger Klimaveränderungen mit dem baldigen Untergang ihrer Zivilisation konfrontiert sahen und deshalb die Kolonisierung der Erde in Angriff genommen hatten. Teil ihres Programms war die genetische Manipulation der einheimischen Hominiden. Damit wurden die Marsianer zu den eigenlichen Schöpfern der Menschheit, und die Erinnerung an sie wurde über Jahrmillionen in Mythen und Legenden weitergeben.
Militär und Regierung freilich wollen nichts von Quatermass' verwegenen Theorien wissen. Sie halten es da lieber mit Colonel Breen, der das Ganze für ein Produkt der psychologischen Kriegsführung Nazideutschlands aus dem Jahre 1944 hält.
Derweil spitzen sich die Ereignisse am Ort der Ausgrabung immer weiter zu. Denn wie sich herausstellt, ist das marsianische Raumschiff in der Lage, Bereiche des menschlichen Unterbewusstseins zu reaktivieren, die vor Urzeiten von den Marsianern angelegt wurden. Die Betroffenen entwickeln nicht nur telekinetische Fähigkeiten, sondern werden auch von Visionen eines völkermörderischen Gemetzels gequält, das die Marsianer einst unter ihresgleichen anrichteten, um den Genpool "rein" zu halten. Als die außerirdische Maschine schließlich ihre volle Kapazität entfaltet, bricht das Chaos in London aus. Die Mehrheit der Bevölkerung verwandelt sich in einen mörderischen Mob, der all jene abzuschlachten versucht, welche nicht mehr das alte "Killer-Gen" besitzen, das die Marsianer den Vorfahren der Menschen einst einpflanzten.

Von allen vier Quatermass-Serien ist Quatermass and the Pit die beeindruckendste, und dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Da wären zuerst einmal einige der zentralen Motive, die uns heute zwar nicht mehr sonderlich originell erscheinen mögen, zum Zeitpunkt der Entstehung der Serie jedoch ziemlich revolutionär waren.

Die Idee, dass die menschliche Evolution durch den Eingriff außerirdischer Intelligenzen beeinflusst worden sei, und die Erinnerung daran sich in den Mythen der Menschheit erhalten habe, wird heutige Betrachter & Betrachterinnen vermutlich sofort an die wirren "Theorien" der "Präastronautik" à la Erich von Däniken erinnern. Doch war dieser Nonsense 1958 noch weitgehend unbekannt. Zwar finden sich erste Ansätze dazu bereits in Charles Forts bizarrem Book of the Damned aus dem Jahre 1919 (2), doch der erste echte Klassiker dieser pseudowissenschaftlichen Scharlatanerie – Louis Pauwels and Jacques Bergiers Le Matin des Magiciens (The Morning of the Magicians / Aufbruch ins dritte Jahrtausend) – erschien erst 1960. Das Buch diente einige Jahre später Däniken als wichtigste {ähem} "Inspirationsquelle" für seinen erschreckend erfolgreichen Schmöker Erinnerungen an die Zukunft (Chariots of the Gods), mit dem die "Präastronautik" dann endgültig zu allgemeiner Popularität gelangte. (3)
Woher also hatte Nigel Kneale seine Inspiration für dieses Motiv erhalten? Oder hatte er dafür gar keine Vorbilder gehabt? Nun ja, folgt man Jason Colavitos Argumentation, so kamen Pauwel und Bergier auf ihre Ideen auch nicht durch irgendwelche "Forschungen", sondern durch die Lektüre der Erzählungen von H.P. Lovecraft. Tatsächlich finden sich dort alle Grundelemente der "Präastronnautik", nur dass der Gentleman von Providence sie natürlich nicht für Realität gehalten, sondern bloß als Bausteine für seinen Cthulhu-Mythos verwendet hatte. Könnte dies auch für Kneale die Quelle gewesen sein? Denkbar wäre es, denn auch wenn er sich in Interviews meist eher abfällig über die Science Fiction - Literatur geäußert hat, darf man wohl annehmen, dass er in ihr nicht unbelesen war. (4) Und so besitzt Quatermass and the Pit in der Tat einen leicht lovecraftianischen Vibe. Und das nicht nur in der Motivik. Wie in vielen Geschichten des Cthulhu-Schöpfers spielt auch in Kneales Serie die Furcht vor einem möglichen Zusammenbruch der Zivilisation eine wichtige Rolle.Und damit kommen wir auch gleich zum zweiten sehr interessanten Motiv.
Wenn sich in der sechsten Episode von Quatermass and the Pit die Bevölkerung von London in einen barbarischen Mob verwandelt und ganze Stadtteile in Flammen aufgehen, wirkt dies ein wenig wie die Vorwegnahme des Szenarios einer Zombieapokalypse. Es sind zwar nicht die Lebenden Toten, die hier durch die Straßen wanken, aber die Atmosphäre ist eine ähnliche. Denn die Vorstellung, dass Menschen, die gestern noch deine Nachbarn oder Freunde waren, plötzlich zu stumpfsinnigen Monstern geworden sind, die kein anderes Ziel kennen, als dich zu töten, gehört doch ohne Zweifel zum Grundbestand des modernen Zombiefilms. Und so ließe sich meiner Meinung nach sehr gut eine Entwicklungslinie entwerfen, die bei Quatermass and the Pit beginnt und über The Last Man on Earth (1964) (5) zu George Romeros Night of the Living Dead (1968) und Dawn of the Dead (1978) führt, um anschließend in die große Flut der modernen Zombieflicks einzumünden.

Aber natürlich sind es nicht nur solche eher genrehistorischen Erwägungen, die die Serie sehenswert machen.
André Morells Quatermass ist nicht zu unrecht mehrfach als "the definitive interpretation of the character" beschrieben worden. Als Verkörperung von Vernunft und Humanität ist sein Professor eine zugleich ruhige und wenn nötig sehr energische Autoritätsperson. Zugleich aber wirkt er manchmal etwas erschöpft, was wir von ihm bisher nicht gewohnt waren. In seiner Auseinandersetzung mit dem Kriegsministerium beweist er zwar ungebrochene Prinzipientreue, aber man spürt, dass ihm bewusst ist, wie sinnlose seine humanitären Appelle an Militärs und Politiker in Wirklichkeit sind. Dementsprechend mischt sich recht häufig ein resigniert-sarkastischer Unterton in seine Bemerkungen, vor allem, wenn es dabei um Colonel Breen geht, diesen "career militarist of the worst type", den Quatermass ganz offensichtlich zutiefst verabscheut. All dies macht Morells Professor zu einer menschlicheren Figur als seine Vorgänger.
Hinzu kommt die unheimliche Atmosphäre, die sich im Verlaufe der Serie immer weiter steigert, bis zum Alptraumszenario der Schlussepisode. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten u.a. die unirdischen Geräusche, die die marsianische Maschine im aktivierten Zustand von sich gibt. Ein im Jahre 1958 äußerst innovativer und auch heute noch sehr effektvoller Einsatz von elektronischer Musik, Produkt des zwei Jahre zuvor unter Leitung von Desmond Briscoe gegründeten BBC Radiophonic Workshop. Ähnlich beunruhigend wirkt die Schlussszene von Episode 4, in der sich der Boden unter dem amoklaufenden Arbeiter Sladden plötzlich wellenartig zu bewegen beginnt. Einer der ebenso simplen wie effektvollen Tricks von Bernard Wilkies Visual Effects Department. (6)

Die Gesellschaftskritik ist in Quatermass and the Pit schärfer, aber aber auch sehr viel pessimistischer, als in den beiden Vorgängern. Schon in Quatermass II waren staatliche Bürokratie und Militär als bedrohliche Mächte dargestellt worden, doch in der Logik der Geschichte waren dafür die außerirdischen Infiltratoren verantwortlich gewesen. Nicht so drei Jahre später. Die Serie zeichnet ein durch und durch negatives Bild der politischen und miliärischen Elite Großbritanniens. Captain Potter und seine Soldaten sind zwar sympathische Leute, aber sie haben nicht das Sagen. Die Macht liegt in den Händen von Typen wie dem arroganten Colonel Breen oder dem schleimig-feigen Kriegsminister. Aber Kneales Kritik geht noch sehr viel weiter. Wie er selbst 1996 in einem Interview erklärte:
When I wrote the Quatermass stories I couldn’t help drawing on the forces and fears that affected people in the 1950s. The last adventure, the one I called Quatermass and the Pit went way beyond concerns of the time and into an ancient, diabolical race memory. It sought to explain man’s savagery and intolerance by way of images that had been throbbing away in the human brain since it first developed. Racial unrest, violence and purges were certainly with us in the 50s and I tried to speculate where they first came from.
So wie Kneale es darstellt, wurzeln Gewalt und Intoleranz in den archaischen Bestandteilen der menschlichen Natur. Die Marsianer wurden regelmäßig dazu getrieben, einen Teil ihrer eigenen Rasse in der "Wilden Jagd" auszurotten. Und wie der Journalist Fullalove (7) an einer Stelle erklärt: "We are now the Martians." Das heißt, auch in uns lebt das Verlangen, unseresgleichen zu verfolgen und zu töten.
Kneale hatte einen klaren Blick für die beunruhigende Richtung, in der sich die menschliche Gesellschaft entwickelt. Aber seine Hoffnung, dass sich daran irgendetwas ändern ließe, war nur gering. So hielt er z.B. die Bemühungen der Campaign for Nuclear Disarmament für völlig weltfremd:
What did they hope to achieve, that they could melt the hearts of Iron Curtain foes? I didn’t believe it. Perhaps what they were really protesting about was their own nature, the danger of being human.
Und doch ist der Geist von Quatermass and the Pit noch nicht mit der heute so modisch gewordenenen allgemeinen Misanthropie gleichzusetzen. Der Professor trägt selbst das "Killer-Gen" in sich und verfällt zeitweilig dem mörderischen Wahnsinn {was André Morell wirklich großartig spielt}. Aber mit Hilfe seines Freundes Roney gelingt es ihm schließlich, seine archaischen Triebe zu unterdrücken. Wie in den ersten beiden Serien sind es auch hier also wieder Humanität und Vernunft, die über das Düstere und Zerstörerische triumphieren. Doch der Kampf wirkt von Mal zu Mal immer ungleicher.




(1) Vgl.: Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. S. 186f.). Ein im November 1957 erschienener, siebenseitiger Artikel über von Braun in der Illustrierten Life erinnerte daran, dass dieser bereits 1952 in einer Rede gedrängt habe, "die USA sollten 'eine bemannte Außenstation bauen, um Rußlands militärische Ambitionen zu zügeln.'" (Zit. nach: Ebd. S. 205.)
(2) "I think we're property. I should say we belong to something: That once upon a time, this earth was No-man's Land, that other worlds explored and colonized here, and fought among themselves for possession, but that now it's owned by something:" (Charles Fort: The Book of the Damned. S. 163)
(3) Leider nicht ohne die eifrige Mithilfe Rod Serlings, des Schöpfers solcher Phantastik-Klassiker wie The Twilight Zone, The Night Gallery & Planet of the Apes, dessen Rolle bei der Produktion von Alan Landsburgs "Filmadaption" von Dänikens Buch (In Search of Ancient Astronauts [1973]) sich nicht darauf beschränkte, als Moderator zu fungieren.
(4) Der Verfasser des äußerst lesenswerten Essays The Quatermass Trilogy - A Controlled Paranoia führt als eine der möglichen Quellen Arthur C. Clarkes 1954 erschienen Roman Childhood's End an. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich dazu auch keinen Kommentar abgeben.
(5) Vgl. Episode 88 des Black Dog Podcast, in der sich Lee & Darren zusammen mit Hypnobobs Mr. Jim Moon diese erste {und bis heute beste, wenn auch kaum wirklich gelungene} Adaption von Richard Mathesons I Am Legend vorknöpfen.
(6) Aus dem Nachruf des Guardian auf Wilkie: "Other pioneering productions included Rudolph Cartier's epic 1954 realisation of 1984 and, perhaps most memorably, Quatermass And The Pit (1958) where Martian eyes were animated by inflated condoms and the image of a churchyard path moving underneath a hapless worker, conjured by ping-pong balls pulled under a gravel carpet, was embedded into the nation's collective memory." Das Visual Effects Department war 1954 gegründet worden, nachdem die Arbeit an The Quatermass Experiment den Verantwortlichen bei der BBC die Notwendigkeit für eine solche Abteilung vor Augen geführt hatte. 
(7) Fullalove war bereits im Quatermass Experiment aufgetreten. Allerdings hatte ihn dort Paul Whitsun-Jones, und nicht Brian Worth gespielt. Für mich ist der Journalist eine der sympathischsten Figuren des Quatermass-Universums. Einerseits ein Boulevard-Reporter, stets auf der Jagd nach der nächsten sensationellen Schlagzeile. Andererseits ein Mann mit Mut und Prinzipien, wenn's drauf ankommt.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Ein besserer Mensch?

Die Nigel Kneale - Tour #3: The Abominable Snowman (1957)

In meinem Blogeintrag über das Quatermass Experiment habe ich geschrieben, Hammer Film Productions sei zu Beginn der 50er Jahre noch eine "ganz junge britische Filmfirma" gewesen. Genaugenommen ist das nicht richtig. Tatsächlich wurde das Unternehmen bereits 1934 gegründet, ging allerdings bereits 1937 zum ersten Mal bankrott und wurde erst 1946 wiederbelebt. Nach einer Reihe von billigen "Füllern" (sog. "quota-quickies") und Thrillern begann man sich ab 1953 dem SciFi- und Horror-Genre zuzuwenden. Damit war der Grundstein für Hammers Aufstieg zu Erfolg und Prominenz gelegt. Dem sehr erfolgreichen Quatermass Xperiment (1955) folgte alsbald X the Unknwon (1956).* Der Film war ursprünglich als Sequel geplant, was jedoch an Nigel Kneales Einspruch scheiterte.  Dafür sicherte man sich die Mitarbeit des Autors an der Kinoversion von Quatermass II, sowie die Rechte an der Story von The Creature.

Als sein Vertrag Ende 1956 auslief, verließ Kneale den Stab der BBC. Wie er später in einem Interview erklärte: "I’d had enough. Five years of being in that hut was as much as any sane person could stand". Die Arbeit für Hammer war sein erster Job als nunmehr freischaffender Autor. 
Mit der Adaption von Quatermass II war er ähnlich unzufrieden wie mit dessen Vorgänger, zumal erneut Brian Donlevy den Part des Professors übernahm. Ein Schauspieler, für den Kneale denkbar wenig übrig hatte: "He was then really on the skids and didn't care what he was doing. He took very little interest in the making of the films or in playing the part. It was a case of take the money and run. Or in the case of Mr Donlevy, waddle." Im Falle von The Creature sah das schon etwas anders aus. Regisseur war zwar wie bei den Quatermass-Filmen Val Guest, der Freunden & Freundinnen der Phantastik vielleicht eher noch als Schöpfer von The Day the Earth Caught Fire (1961) bekannt sein könnte, mit When Dinosaurs Ruled the Earth (1971) aber auch das Sequel zu Hammers legendärem Urzeitflick One Million Years B.C. (1966) drehen sollte. {Ohne Raquel Welch, dafür mit Playmate Victoria Vetri und Jim Danforths Stop-Motion-Dinos.} Doch als Hauptdarsteller verpflichtete man Peter Cushing, der die Rolle auch in der BBC-Produktion gespielt hatte. Und was das Setdesign anging, bewies Hammer schon jetzt die bald legendäre Fähigkeit, mit wenig Geld äußerst beeindruckende Resultate zu erzielen.

Zu Beginn der 50er Jahre war der Yeti zu bisher ungekannter Popularität aufgestiegen. Verantwortlich hierfür waren eine Reihe von Expeditionen westlicher Bergsteiger in die abgelegenen Regionen des Himalaya. 1951 fotographierte Eric Shipton an den Hängen des Mount Everest ominöse Fußstapfen im Schnee. 1953 berichteten Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrer Erstbesteigung von ähnlichen Beobachtungen. 1954 schickte die Daily Mail eine Expedition unter der Leitung von John Angelo Jackson auf die Suche nach dem Schneemenschen, die nicht nur nach weiteren Fußspuren Ausschau hielt, sondern sich auch mit kultischen Gegenständen beschäftigte, die in den buddhistischen Klöstern der Region aufbewahrt wurden.

Dass der Yeti bald schon auch auf die Kinoleinwand übersiedeln würde, war abzusehen. 1954 schuf W. Lee Wilder mit The Snow Creature den allerersten Yeti-Streifen. Nur ein Jahr später strahlte die BBC Nigel Kneales & Rudolph Cartiers The Creature aus. Die Inspiration dazu hatte der Autor vor allem aus den Berichten der schon erwähnten Daily Mail - Expedition bezogen, wobei seine zentrale Idee gewesen war: "[N]ot make him a monster but put a twist on it that really he was better than us". Als er die Story 1957 für Hammer noch einmal überarbeitete, änderte er an ihrem Grundgehalt nur wenig. Die stärkste Abweichung von der {nicht erhaltenen} Fernsehversion besteht offenbar darin, dass der Protagonist in der Kinofassung eine Ehefrau hat, um die herum sich eine Nebenhandlung entwickelt. Außerdem besitzt der Bösewicht einen etwas anderen Charakter. So zumindest hat es Kneale selbst beschrieben:
The baddie of the story was played in the television version by Stanley Baker. In the film version we had Forrest Tucker, and I suppose there was again a character difference. Baker played it as a subtle, mean person, Forrest Tucker as a more extrovert bully, but they were both good performances and I found very little to choose. Tucker was, I think, an under-rated and very good actor
Der britische Biologe John Rollason (Peter Cushing), seine Frau Helen (Maureen Connell) und sein Kollege Peter Fox (Richard Wattis) sind Gäste eines buddhistischen Klosters im Himalaya, als eines Tages die Expedition des Amerikaners Tom Friend (Forrest Tucker) in dem abgelegenen Tal auftaucht. Begleitet von dem Trapper Ed Shelley (Robert Brown), dem Fotographen Andrew McNee (Michael Brill) und dem Sherpa Kusang (Wolfe Morris) will sich Friend auf die Suche nach dem sagenumwobenen Yeti machen und versucht, den erfahrenen Bergsteiger Rollason als Begleiter für dieses Unternehmen zu gewinnen. Als Beweis für die Existenz des Fabelwesens legt er ein Reliquiar vor, das vor einiger Zeit aus dem Kloster gestohlen wurde und einen angeblichen Yerizahn enthält.
Während Rollason ein respektvolles Verhalten gegenüber den Mönchen an den Tag legt und eine freundschaftliche Beziehung zum Lama des Klosters (Arnold Marlé) unterhält, zeigen sich Friend und seine Begleiter gegenüber den "abergläubischen Eingeborenen" als die typisch arroganten Westler. Doch so sehr dem höflichen Biologen dieses Verhalten auch gegen den Strich geht, die Aussicht, möglicherweise die Wahrheit über den Yeti in Erfahrung bringen zu können, ist zu verführerisch für ihn. Obwohl ihm nicht nur der Lama, sondern auch seine Frau dringend davon abrät, schließt er sich deshalb Friends Expedition an.
Während die fünf Männer ins Hochgebirge aufsteigen, stellt sich schon sehr bald heraus, dass Friend nicht von wissenschaftlicher Neugier, sondern von der Gier nach Geld und Ruhm angetrieben wird. Sein Ziel ist es, einen Yeti zu fangen und der staunenden Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Und wenn kein lebender zu kriegen ist, tut es für den Anfang auch ein toter. Der Konflikt zwischen dem Amerikaner und Rollason, den dieses Vorhaben empört und abstößt, spitzt sich immer weiter zu, als McNee versehentlich in eine von Shelleys Bärenfallen tritt und sich dabei schwer verletzt. Die Fünf sind gezwungen, ein Lager in der eisigen Wildnis aufzuschlagen. Derweil startet Helen zusammen mit dem eher zögerlichen Fox eine Rettungsexpedition, da sie davon überzeugt ist, dass ihr Mann in unmitelbarer Lebensgefahr schwebt.
Eine Furcht, die sich als durchaus begründet erweist, denn kurz darauf tauchen in der Nähe des Lagers von Friend & Co. tatsächlich die Yetis auf. Zwar gelingt es Friend und Shelley einen von ihnen zu töten, doch die Expedition ist dennoch dem Untergang geweiht. Einer nach dem anderen verfallen die Männer dem Wahnsinn oder kommen auf anderem Weg zu Tode, bis nur noch Rollason übrig ist. In der Höhle, in die er sich zurückgezogen hat und wo sich auch der Yetileichnam befindet, treten ihm die Schneemenschen schließlich direkt gegenüber. Doch es zeigt sich, dass sie keine wilden, rachedurstigen Ungeheuer sind. Vielmehr erweisen sie sich als weise, telepathisch begabte Kreaturen, die sich vor den Menschen in die Einsamkeit des Himalaya zurückgezogen haben, um dort abzuwarten, bis diese sich selbst vernichtet haben, woraufhin sie die Erde neu bevölkern werden.

Was The Abominable Snowman von Beginn an auszeichnet ist eine intensive, fremdartige, leicht gespenstische Atmosphäre. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei die Musik, komponiert von  Humphrey Searle, einem der bedeutendsten Pioniere der Seriellen Musik in Großbritannien. Der geschickte Einsatz von Gongs weckt nicht nur Assoziationen zu buddhistischer Klostermusik**, sondern evoziert auch eine leicht bedrohliche Stimmung. Daneben finden sich immer wieder {vermutlich authentische} Passagen tibetischen Mönchsgesangs in der markanten Unterton-Technik (Kehlgesang), und zumindest in bildlicher Form tauchen mehr als einmal die Instrumente eines traditionellen tibetisch-buddhistischen "Orchesters" auf. Das aufwändige Set der Klosteranlage folgt dem architektonischen Vorbild der realen Klosterburgen (dzongs) der Region,*** und die Maskentänze der Mönche sind zwar sicher keine authentischen chams**** – wie wir sie z.B. in Wsewolod Pudowkins Sturm über Asien (1928) zu sehen bekommen –, orientieren sich aber zumindest in der Kostümierung an den echten buddhistischen Tanzmysterien. Die Zahnreliquie ist gleichfalls keine bloße fantasievolle Erfindung Kneales, sondern dürfte mit ziemlicher Sicherheit den realen Yeti-Reliquien des tibetischen Buddhismus nachempfunden sein, von denen die Daily Mail - Expedition wenigstens eine genauer untersucht hatte – einen "Yeti-Skalp" aus dem nepalesischen Kloster Pangboche.
Natürlich ist dieses ganze Szenario nicht frei von Exotismus. Insbesondere bei jedem Auftritt des weisen alten Lamas durchweht ein deutlicher Hauch von Lost Horizon den Film.***** Dennoch bleibt festzuhalten, dass The Abominable Snowman für einen B-Movie seiner Zeit ein erstaunlich hohes Maß an Respekt für die Kultur der Himalayavölker an den Tag legt. Zumindest einige der an seiner Produktion beteiligten Leute waren offenbar wirklich daran interessiert, ein relativ authentisches Bild zu zeichnen und nicht bloß negative oder positive Klischees wiederzukäuen. Weder sind die "Eingeborenen" samt und sonders ätherische Heilige, noch primitive Wilde.

Im Ganzen betrachtet hinterlässt der Film dennoch einen zwiespältigen Eindruck.
Als bitterer Kommentar zum westlich-kolonialistischen Ideal des "Entdeckers & Eroberers" ist er so intelligent, wie man das von Nigel Kneale erwarten würde. Und dabei verzichtet er in erfreulichem Maße auf eine gar zu extreme Schwarzweißmalerei. Tom Friend ist ein rücksichtsloser Typ, dem es im Grunde nur um Ruhm und Profit geht. Doch deshalb ist er noch lange kein herzloses Ungeheuer. Er besitzt sehr wohl seine besseren, menschlicheren Seiten, nur werden diese von seinem egoistischen Verlangen immer wieder in den Hintergrund gedrängt. Ed Shelley und Andrew McNee sind einfach ganz normale, fehlbare Menschen. Und mit dem sanften Biologen Rollason besitzen wir schließlich auch noch den Vertreter eines wirklich edlen Forschertums, der beweist, dass das Verlangen nach Wissen nicht notwendigerweise Hand in Hand gehen muss mit Eroberertum und Profitgier.
Die mit Abstand beeindruckendsten Szenen des Filmes spielen in der eisigen, schneebedeckten Landschaft des Hochgebirges. Sie vermitteln zugleich den Eindruck einer unendlich weiten, menschenleeren Einöde und besitzen doch immer wieder eine geradezu klaustrophobische Qualität. Und wenn dann auch noch die unirdischen Schreie der Yetis aus der Ferne herüberschallen, verwandelt sich die Szenerie endgültig in eine phantastische Welt, in der der Mensch ein Eindringling ist, der hier nichts verloren hat.
Problematisch ist vor allem die finale Wende. Die Idee, den Yeti nicht als affenartiges Ungeheuer darzustellen, sondern eine vernunftbegabte Kreatur aus ihm zu machen, ist für sich genommen faszinierend und ein origineller Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze des B-Movies der 50er Jahre. Monster, denen wir Sympathie oder Mitgefühl entgegenbringen können, gab es zwar auch andernorts, so etwa in Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon (1954) {vom alten King Kong mal ganz zu schweigen}, aber Kneales Yetis sind keine bloß bemitleidenswerten Halbtiere, sondern hoch intelligente, dem Menschen moralisch weit überlegene Wesen.
Doch genau an diesem Punkt stellen sich dann auch die Schwierigkeiten ein. Sollen wir als Botschaft wirklich mit nach Hause nehmen, dass wir Menschen als Spezies zur Selbstvernichtung verurteilt sind? Sind wir wirklich zu dumm, egoistisch und gewalttätig, als dass wir zu einer friedlichen Kontaktaufnahme mit anderen intelligenten Lebewesen fähig wären? Hat uns Kneale mit seinem Film nicht gerade eben gezeigt, dass es neben dem brutalen Typus Tom Friend auch die sanften und selbstlosen Typen John und Helen Rollason gibt? Kurz gesagt: Die Geschichte von The Abominable Snowman ist intelligenter und nuancierter als das Resümee, das uns am Ende präsentiert wird. In diesem zeigt sich erstmals jener düstere Pessimismus, dem wir in Nigel Kneales Werk später immer häufiger begegnen werden und der schließlich in der vierten Quatermass-Serie aus dem Jahre 1979 seinen Höhepunkt erreichen wird. Auch auf der nächsten Station unserer Tour – Quatermass and the Pit – werden wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen.

PS: Anders als sonst habe ich den Trailer zu The Abominable Snowman nicht an den Anfang des Artikels gestellt, da er nicht geeignet ist, auch nur einen vagen Eindruck von dem Film zu vermitteln. Wenn ich ihn trotzdem hier nachliefere, dann weil er ein hübsches Beispiel für Hammers reißerische Werbemethoden abgibt. Außerdem hört man wenigstens ein Stückchen von Humphrey Searles Titelmusik. Das "of the Himalayas" wurde übrigens für den amerikanischen Markt hinzugefügt – damit nur ja keine Missverständnisse aufkommen konnten:




* Das X stand im britischen Film der Zeit für einen eher "erwachsenen" Inhalt und wurde von Hammer deshalb ausgiebigst zu Reklamezwecken genutzt.
** Besser gesagt, zu dem, was wir uns spontan unter einer solchen vorstellen würden. Echte tibetische Tempelmusik klingt denn doch sehr anders.
*** Wen's interessiert, der findet hier einen ausführlichen Artikel von Ingun Bruskeland Amundsen über tibetische und bhutanesische dzongs aus Vol 5 des Journal of Bhutan Studies.
**** Vgl.: Joseph Houseal: The Vanishing Dances of Ladakh /// Thomas Murray: Demons & Deities: Masks of the Himalayas.
***** Ein Tip für alle, die sich etwas näher für Frank Capras Shangri-la - Klassiker von 1937 interessieren: Das Drehbuch von Robert Riskin kann man sich hier durchlesen.