"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 2. November 2022

Strandgut

Dienstag, 1. November 2022

Erste Begegnungen mit einer Meisterdiebin

Wenn man sich mit der Geschichte der Sword & Sorcery in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit beschäftigen will, sieht man sich früher oder später mit dem Problem der mangelnden Zugänglichkeit konfrontiert. Die Beziehung des Genres zu kürzeren Erzählformen wie Short Story und Novelle wird meiner Meinung nach zwar manchmal etwas überbetont -- es gibt durchaus nicht wenige S&S-Romane --, aber traditionell ist sie doch tatsächlich recht eng. Und das wirft gewisse Probleme auf. Was die Anfangszeit in den Pulps angeht, kann man im Zweifelsfall ja immer noch auf das Internet Archive zurückgreifen, wo sämtliche Ausgaben von Weird Tales und anderen relevanten Magazinen (noch?) zu finden sind. Doch für die Ära der 60er - 80er Jahre sieht das deutlich anders aus. Viele der spannendsten Entwicklungen dieser Zeit spielten sich auf den Seiten von Fanzines oder Semi-Prozines ab. Wenn man Glück hat, wurden die Stories später noch einmal in Sammelbänden herausgegeben wie Darrell Schweitzers We Are All Legends, Richard Tierneys Sorcery Against Caesar, Ramsey Campbells Far Away & Never oder Janrae Franks In the Darkness, Hunting. Oder es gibt zeitgenössische Anthologien wie Jessica Amanda Salmonsons Amazons! und Amazons II, die einem einen Einblick gewähren. Aber auch an die ist es nicht immer leicht heranzukommen. So wurden z.B. Charles R. Saunders' Geschichten um die Kriegerin Dossouye zwar 2008 bei Sword & Soul Media zu einem Episodenroman verwoben neu herausgegeben, erwerben kann man den Band aber schon seit einiger Zeit nicht mehr. Selbst bei einem lebenden und nicht ganz unbekannten Autor wie Charles de Lint sieht die Sache nicht viel besser aus. Die meisten dürften ihn vor allem mit seinem Beitrag zur Urban Fantasy assoziieren, aber in den 70ern und 80ern schrieb er auch eine Reihe von S&S - Geschichten. Die wurden 2003 zwar in dem Sammelband A Handful of Coppers noch einmal neu aufgelegt, doch für den muss man Second Hand inzwischen mindestens $50 hinblättern. 
 
Daneben gibt es außerdem genug Autor*innen, deren Geschichten überhaupt nie gesammelt wurden, sondern nur einmal in den Magazinen oder Anthologien der Zeit abgedruckt worden sind. 
 
In einem Interview mit Steven Tompkins erzählte Charles Saunders 2007 über David Madison, der tragischerweise 1979 den Freitod gewählt hatte:
Even after all these years, I feel bad about David. He was one of the best of the generation of fantasy and S&S writers which came up through the fanzines and semi-prozines of the 1970s. His work could best be described as "punk S&S."
Klingt spannend, nicht wahr? Doch leider wird man seine Marcus & Diana - Geschichten nur lesen können, wenn man Zugang zu alten Ausgaben von Wyrd, Space & Time, The Diversifier und Dragonfields hat. Bloß Tower of Darkness wurde darüberhinaus auch im dritten Band von Andrew Offutts Swords against Darkness und Peter Bebergals Appendix N (2020) abgedruckt.
 
Noch etwas schlechter steht es um die Jaquerel - Geschichten von Janet Fox. Ich bin der Autorin erstmals in Band 1 von Marion Zimmer Bradleys Sword & Sorceress - Anthologien (bzw. in dessen deutscher Übersetzung Schwertschwester) begegnet, der ihre Story Gate of the Damned (Das Tor der Verdammten) enthält. Später habe ich sie dann in Salmonsons Amazons! mit Morien's Bitch (Moriens Hexe) wiedergetroffen. Und schließlich enthält auch der fünfte Band von Lin Carters Year's Best Fantasy Stories mit Demon and Demoiselle (Das Fräulein und der Dämon) einen Beitrag von ihr. Mit Jaquerel hat keine von den dreien etwas zu tun. Aber da mir vor allem die ersten beiden ziemlich gut gefallen hatten, wurde ich naturgemäß hellhörig, als ich in Charles Saunders' Nachruf auf seine 2010 verstorbene Kollegin und Freundin zu lesen bekam: "She also wrote several stories about a woman-warrior named Jacquerel". Ein kurzer Blick in ISFDB zeigte. dass es insgesamt sechs Geschichten über die Abenteuer der Diebin und Glücksritterin gibt. Doch ganz wie bei Madison hat sich auch bei Janet Fox bis heute niemand gefunden, die/der diesen kleinen Zyklus in gesammelter Form neu herausgegeben hätte. Was eine Schande ist! Dass in diesem Fall das Geschlecht der Autorin "erschwerend" hinzugekommen sein könnte, lässt sich zwar nicht konkret beweisen, unwahrscheinlich ist es aber sicher nicht. Schließlich gibt es genug andere Autorinnen (nicht nur) aus der Phantastik, denen es ähnlich ergangen ist, und deren geballtes Beispiel eine solche Vermutung zumindest nahelegt.
 
Dank der wunderbaren Luminist Archives bin ich vor einiger Zeit wenigstens an Nr. 16 von Weirdbook (1982) sowie die Fantasy Tales vom Frühjahr 1991 herangekommen -- und damit an How Jaquerel Was Slain By the God Brann sowie How Jaquerel Made War in Bel Azhurra.    
 
Es wäre interessant zu wissen, ob das Debut der Heldin How Jaquerel Fell Prey to Ankarrah eine Art Origin Story war, die ihren Hintergrund etwas genauer beleuchtete. Denn beide Stories vermitteln den Eindruck, dass es da einiges gibt, worauf nur im Vorbeigehen angespielt wird. Jaquerel (kurz Jaq) ist eine professionelle Diebin (und gewandte Schwertkämpferin), der anscheinend ein beachtlicher Ruf vorausgeht. In der ersten Story ist sie auf eigene Faust unterwegs, in der zweiten wurden ihre Dienste von der Diebesgilde an einen Provinzaristokraten vermittelt. Anders als viele andere Sword & Sorcery - Held*innen führt sie kein unstetes Wanderleben, sondern besitzt ein Heim und Hauptquartier in der "Street of Nine Tigers". Doch ihr "Beruf" führt sie immer wieder in abgelegenere Regionen wie das "Kingdom Between Two Rivers" oder das "benighted" Reich von Bel Azhurra. Sie bezeichnet sich selbst stolz als "a thief of high standing in the Guild of Honor". Diese Gilde agiert allem Anschein nach sehr professionell. So trägt Jaq einen mit offiziellem Siegel versehenen Vertrag mit sich, als sie in Bel Azhurra eintrifft. Zugleich scheint sie ein äußerst traditionsbewusster Verein zu sein und sogar eine Art "Bibel" zu besitzen, das "Book of Honor": "The Thieves' Guild still quotes from it on pompous occasions".*
Letzteres dürfte auch etwas mit den besonderen Eigenheiten der Welt zu tun haben, in der die Geschichten spielen. Vor allem mit der Natur ihrer Götter und Dämonen. Einerseits scheint deren Macht, vielleicht sogar ihr bloßes Dasein, stark von der Anzahl ihrer Anhänger*innen abhängig zu sein. So heißt es an einer Stelle von den Wäldern an der Grenze von Bel Azhurra:
She imagined she heard the thin ululation of a nightdemon beyond a fold in the hills, but surely that was her own imagination, for this area was so sparsely settled there could not be enough primitive minds gathered to bring even one of their crude demons into being.
Und im weiteren Verlauf der Geschichte begegnen wir auch den alten Kriegsgöttern des Landes, die aufgrund einer langen Friedensperiode ziemlich hinfällig geworden sind.**
Doch auch wenn die Götter damit ziemlich abhängig von den Menschen erscheinen, wäre andererseits niemand so dumm, ihre Existenz zu leugnen oder das Wagnis einzugehen, ihren Zorn zu wecken. Denn sie haben die Angewohnheit, unverhüllt und sehr direkt in die Welt einzugreifen. Was auch erklärt, warum das Schwören von Eiden eine so zentrale Rolle bei allen Übereinkünften und Verträgen zu spielen scheint. Denn etwaige Eidbrecher können davon ausgehen, dass sie eine sehr schnelle und höchst unangenehme Strafe ereilt.
Jaquerel hat offenbar eine etwas eigene Beziehung zu den Göttern. Als sie zusammen mit ihrem Diebskollegen Khem einen Eid gegenseitiger Loyalität ablegt, wird jedenfalls erwähnt, dass sie keinen "eigenen Gott" hat. Eine Information, die sie jedoch lieber für sich behält. Insgesamt legt sie ein ziemlich zynisch-berechnendes Denken und Verhalten an den Tag, wenn es um die himmlischen Mächte geht. Was aber nicht ganz unverständlich ist, wenn man sich anschaut, welche Erfahrungen sie im Zuge ihrer Abenteuer mit den Burschen macht.
 
In beiden Geschichten geht es um den Diebstahl eines magischen Juwels. Und in beiden Fällen hinterlassen die jeweiligen Götter, die aufgrund des unvermeidlichen Eides in die Geschehnisse verstrickt werden, keinen sonderlich positiven Eindruck. 
 
In How Jaquerel Was Slain By the God Brann tut sich unsere Heldin mit dem ebenso findigen Khem zusammen, um den magischen Edelstein "Waterclear" zu klauen, der sich im Besitz eines mächtigen Zauberers namens Hshmir-the-knowing befindet. Da derselbe stets nach Schaustellern sucht, um für Unterhaltung an seinem Hof zu sorgen, beschließen die beiden, sich mit einer Tanzbärennummer in den Palast einzuschleichen. Doch unglücklicherweise trifft Jaq auf einem ihrer Erkundungsgänge vorzeitig auf den guten Hshmir. Der lässt sie einen Blick in den "Waterclear" werfen. Was sie dort sieht, sei die Zukunft. Und die schaut leider gar nicht rosig aus. Jaq erblickt vielmehr ihren eigenen Tod von der Hand der Palastwache. Stellt sich die Frage, ob man vor seinem Schicksal davonlaufen kann? Die Antwortet lautet "nein". Jedenfalls nicht so leicht. Zwar gelingt es unserer Heldin im entscheidenden Moment den Ereignisverlauf zu ändern (was zu einem kurzen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum führt). Aber dazu muss sie den Eid brechen, den sie zusammen mit Khem geschworen hat. Was unmittelbar zum Auftritt eines sehr wütenden, axtschwingenden Gottes führt. Nur durch einen makabren Zufall gerät der arme Tanzbär dazwischen und bekommt den Hieb ab, der eigentlich die eidbrüchige Diebin erwischen sollte. Das vermeintliche "Opfer" stillt die Blutdurst der Gottheit. Was Jaq zwar das Leben rettet, aber kaum geeignet ist, ihre Meinung über die Himmlischen zu verbessern: 
"Your Brann is a barbaric god. Overly sentimental. It was no sacrifice."
"But we're alive."
"We can leave it at that."
How Jaquerel Made War in Bel Azhurra ist etwas länger und komplexer. Im Auftrag von Pyr, Bastardbruder des neuen "Wartords" von Bel Azhurra, soll Jaq ein magisches Geschmeide, den "Burningbright", stehlen. Der zum Vertragsabschluss notwendige Eid wird auf die Narnotha, die alten Kriegsgötter des Landes, abgelegt. Doch Pyr ist ein reichlich unsympathischer, brutaler und wenig vertrauenserweckender Geselle, weshalb die Diebin besondere Vorsicht walten lässt. Völlig zurecht, wie sich nach dem erfolgreich durchgeführten Diebstahl sehr schnell herausstellt. Als Pyr sich nicht an ihre Übereinkunft halten will  und mit Gewalt droht, flüchtet sich Jaq in den Tempel der Narnotha. Wo, wenn nicht hier, würden die Götter einen so schändlichen Eidbruch bestrafen? Aber nach einer gar zu langen Friedenszeit sind diese nicht nur schwach und senil geworden. Einer von ihnen, Klemith, ist sogar bereit, über Pyrs eigentlich unverzeihliche Tat hinwegzusehen, da dieser vorhat, seinen Bruder Canthus zu stürzen, einen für den Titel "Warlord" unangemessen friedliebenden Bücherliebhaber. Und natürlich wünschen die Narnotha sich nichts mehr als eine Rückkehr zu den alten Fehden und Eroberungsfeldzügen. Und so verdankt Jaq ihr Überleben nicht der Gerechtigkeit der Götter, sondern einer wütenden Volksmenge, die ihre eigenen Gründe hat, um Pyr zu hassen, und den magischen Qualitäten des "Burningbright". Das Geschmeide verleiht seiner Trägerin nämlich übermenschliche Kräfte, weckt dummerweise aber zugleich eine immer stärkere Kampfeslust in ihr. Und so landet Jaquerel nach anfänglichem Zögern schließlich zusammen mit dem rebellischen Haudegen Falklin an der Spitze eines Heerhaufens Aufständischer. Derweil Pyr sich mit seinem unzuverlässigen göttlichen Patron herumärgert und der arme Canthus nicht so recht versteht, warum sein friedliches Reich plötzlich in blutige Wirren versinkt.
 
Eine unbeschreibliche Offenbarung war für mich keine der beiden Erzählungen. Und die manchmal etwas abrupten Handlungssprünge haben mich anfangs sogar leicht irritiert. Aber alles in allem hatte ich doch viel Spaß mit ihnen. Saunders schreibt über Janet Fox: "She crafted her prose with exquisite care, never wasting a word and evoking vivid images and deep emotions." Was mir bei meinem -- leider halt sehr beschränkten -- Blick in ihr Werk besonders positiv aufgefallen ist, sind eine erfrischende Respektlosigkeit und ein feiner Sinn für Ironie, die aber nie den abenteuerlichen Gehalt der Stories untergraben oder sie ins Parodistische wenden (mit der möglichen Ausnahme von Demon and Demoiselle). Dazu gehört auch ein waches Verständnis für den mehr oder minder unterschwelligen Sexismus traditioneller Fantasywelten. Was jedoch nie im Zentrum der Geschichten steht oder offensiv angeprangert werden würde. Janet Fox beschränkt sich dabei auf eher beiläufige Kommentare. Wenn Jaquerel das Gewand zu sehen bekommt, das sie als Schaustellerin tragen soll, bemerkt sie z.B. trocken: "I'll have less dignity than the bear". Und in Bezug auf den lüsternen, alten Regenten von Bel Azhurra heißt es an einer Stelle: "She (Jaq) would have liked to send him sprawling to the pavement, but this didn't seem quite the time for it." Das Aufbegehren gegen den Sexismus ist nicht Thema der Geschichten, sondern verkörpert sich in Janet Fox' findigen und selbstbewussten Heldinnen. Das gilt nicht nur für Jaquerel, sondern ebenso für Scorpia in Gate of the Damned und Riska in Morrien's Bitch. Hinzu kommt außerdem immer mal wieder ein hübscher Hauch des Makabren.

Ich fürchte, es wird vermutlich nie zur Veröffentlichung eines eigenen Jaquerel - Sammelbandes kommem. Aber vielleicht findet sich ja zumindest irgendwann mal ein Verlag, der eine Anthologie mit Geschichten von Sword & Sorcery - Autorinnen der 70er & 80er Jahre herausgibt. Das wäre denk ich ein lohnendes Unterfangen. Und in einer solchen sollte sich auf jedenfall Platz für eines der Abenteuer der Diebin aus der "Street of Nine Tigers" finden.     

 

* Die Lektüre der Geschichten hat bei mir auch wieder einmal die Frage aufgeworfen, ob der heute so geläufige Fantasy-Topos der Diebesgilde auf Fritz Leibers Fafhrd & The Grey Mouser zurückgeht oder ob es da noch ältere literarische Vorläufer gibt. Einige hilfreiche Stimmen auf Twitter haben mir ein paar Hinweise geliefert, denen ich irgendwann mal näher nachzugehen gedenke.
 
** Auch hier könnte leiber'scher Einfluss vorliegen. Man denke an Odin und Loki in Rime Isle. Ganz allgemein wäre es interessant, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, inwieweit sich die Darstellung von Göttern in der Sword & Sorcery von der in der High Fantasy unterscheidet. Ein Gedanke, der mir auch deshalb gekommen ist, weil ich gerade (aus Gründen) einige alte Dragonlance - Romane lese, in denen die Himmlischen ja schon eine merklich andere Rolle spielen. (FORESHADOWING)

Sonntag, 16. Oktober 2022

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XX): "Ator l'invincibile"

Kim Newman schreibt in seinem Klassiker Nightmare Movies:
Historically, the pattern of Italian commercial cinema has been an overlapping succession of genre cycles. Usually, but not invariably, triggered by the domestic popularity either of a specific American film or of a traditional Hollywood genre, these cycles come and go in a few years. During the short lifespan of any individual cycle, an incredible number of similar films are rushed through production and into distribution before the format wears thin and the popularity fades.
Einige dieser Zyklen spiegelten darüberhinaus auch etwas von den gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit wider. So hinterließen die rebellischen Strömungen der 60er, der gewaltige Ausbruch des Klassenkampfes im "Heißen Herbst"  und die darauf folgenden "Bleiernen Jahre" ihre Spuren in so unterschiedlichen Genres wie Italo-Western, Poliziotteschi und (auf unterschwelligere Weise) Giallo und Horror
Von dem kurzlebigen Sword & Sorcery - Boom der frühen 80er kann man das freilich eher nicht behaupten. Zwar konnten die Filmemacher dabei an die alten Peplum (Sandalenfilm) - Traditionen anknüpfen, aber ohne John Milius' Conan the Barbarian hätte es ihn vermutlich nicht gegeben. Der erreichte Italien offenbar überraschend früh bereits am 31. März 1982 -- und damit anderthalb Monate vor seiner offiziellen US-Premiere.** Über den Sommer machten sich die Knock-off - Spezialisten daran, allsogleich für wenig Geld die Abenteurer anderer Barbaren auf die Leinwand zu bannen. Die Nase vorn hatte dabei Franco Prosperi (den man nicht mit dem Mondo-Macher gleichen Namens verwechseln darf), dessen Gunan Il Guerriero am 9. September debütierte. Ihm folgte einen knappen Monat später Ator l'Invincibile.
 
Aristide Massaccesi alias Joe D'Amato ist vielleicht kein Regisseur, den man kennen muss, aber dafür einer, den man als Liebhaber des Euro-Exploitationfilms beinah zwangsläufig kennen wird. Mit einem gut 200 Filme umfassenden Oeuvre hat der gute Mann Beiträge zu fast allen Genres des italienischen B-Movies geschaffen. Horrorfans dürfte er vermutlich vor allem für Anthropophagus (1980) bekannt sein, der es in den 80ern auf die Schwarze Liste der britischen Video Nasties schaffte. Oder für so bizarre Horror-Erotika-Mixturen wie Le notti erotiche dei morti viventi / Erotic Nights of the Living Dead (1980) und Porno Holocaust (1981). Als Produzent zeichnete er u.a. mitverantwortlich für Claudio Fragassos legendär miesen Troll 2 (1990) und Claudio Lattanzis Killing Birds (1988), aber auch für Michele Soavis Debütfilm Deliria / Stagefright (1987). In den 70ern hatte er einen recht ordentlichen kommerziellen Erfolg mit den Black Emanuelle - Streifen feiern können, wobei er vor allem in den späteren Beiträgen zu der Serie immer mal wieder die von der Zensur gesetzten Grenzen ausgetestet hatte. Der Star der Serie Laura Gemser hat auch in Ator einen kurzen Auftritt. D'Amato hatte nie große künstlerische Ambitionen. Wie er von sich selbst einmal gesagt hat: "I have absolutely no interest in being an artist." Und tatsächlich käme wohl niemand auf die Idee, ihn auf eine Stufe mit solchen Großmeistern des italienischen Genre-Films zu stellen wie Mario Bava, Dario Argento, Lucio Fulci oder Sergio Martino. Aber auf seine bescheidene Art ist mir dieser ehrliche "Handwerker", dessen Liebe zum Film unbestreitbar war und der doch nie verleugnete, in erster Linie das zu drehen, was sich verkaufen ließ, irgendwie sympathisch. Und es ist auch nicht so, als habe er keinerlei  Talent besessen. In vielen seiner Filme finden sich durchaus einige interessant in Szene gesetzte Passagen. Doch nur selten wirken sie wie aus einem Guss. Und das gilt auch für seinen ersten Ausflug in die Gefilde der Sword & Sorcery.

Der erste Script-Entwurf für Ator stammte aus der Feder von Marco Modugno und Michele Soavi, der zu diesem Zeitpunkt noch ganz am Anfang seiner Karrire stand. Überarbeitet wurde das Ganze danach noch einmal von Jose Maria Sanchez und Joe D'Amato selbst. Vier Autoren? Das erklärt vielleicht, warum die Story in vielen Punkten zusammenhangslos und unlogisch wirkt. Nichtsdestoweniger hatte ich Ator stets als einen der sympathischeren El-Cheapo - S&S - Flicks der 80er in Erinnerung, Und ein kürzlich absolvierter Rewatch hat das noch einmal bestätigt. 
 
Schon der Vorspann lässt keinen Zweifel daran, dass wir es mit einem bewusst gemachten Conan - Knock-off zu tun haben, wenn in der Schwärze der Leinwand Flammen auflodern und eine bedeutungsschwangere Stimme aus dem Off einen Monolog zum Besten gibt. Freilich besitzt selbiger nichts von dem poetischen Pathos, der dem Original dank des Rückgriffs auf Robert E. Howards Phoenix on the Sword eigen it. Immerhin erfahren wir, wer die Bösen sind: Das "Spiderkingdom". Und natürlich gibt es eine Prophezeiung über den Helden, der kommen und die Herrschaft des finsteren "Ancient One" beenden wird. Unnötig verkompliziert durch einen Anhang über dessen Vater, der gleichfalls (wenn auich erfolglos) den Kampf gegen die dunklen Mächte aufgenommen hatte.
 
Es folgt eine Eröffnungssequenz um Ators Geburt: Wir sehen, wie das auserwählte Kind zur Welt kommt; allerlei Omen den bösen Hohepriester und Spinnenfetischisten (Dakar) alarmieren; dieser seine Handlanger losschickt, um das Problem aus der Welt zu schaffen; und der mysteriöse Schnauzbart- und Perückenträger Griba (Edumd Purdom) das Baby vor dem Massaker rettet. 
Ich muss sagen, diese ersten zehn Minuten schauen wirklich ziemlich hübsch aus. Insbesondere die beinah schon etwas bavaesk anmutende Farbgebung verleiht dem Ganzen eine sehr stimmungsvolle Atrmosphäre. Und dass D'Amato den "Tempel der Spinne" vom Halbrund eines alten römischen Theaters repräsentieren lässt, ist eine zwar sicher kostengünstige, aber gar nicht einmal so ungeschickte Lösung.  
    
 
Sobald die schicksalshafte Nacht vorbei ist nimmt der Film dann allerdings das eher banale Aussehen an, das er für den Großteil seiner Laufzeit beibehalten wird.
Griba übergibt den kleinen Ator einem armen Bauernpaar, in dessen Obhut er zu einem stattlichen jungen Mann mit einer wahren Löwenmähne von Haar (Miles O'Keefe) heranwächst. Dass er sich dabei zugleich in seine vermeintliche Schwester Sunya (Ritza Brown) verliebt, war sicher nicht geplant, gibt dafür aber Anlass zu folgenden unsterblichen Dialogzeilen:
- Why can't we marry? 
- Ator, we are brother and sister. 
- I'll talk with our father.
Wer von den vier Autoren sich wohl gedacht hat, dass das eine gute Zutat für diesen Film wäre? 
Das anschließende Vater-Sohn-Gespräch beginnt erwartungsgemäß awkward, führt aber rasch zur Enthüllung der tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse. Und so steht einer fröhlichen Hochzeitsfeier eigentlich nichts mehr im Weg. Doch unglücklicherweise hat einer der "Schwarzen Ritter" bei einem Spazierritt in der Nähe des Dorfes Griba erspäht, bei dem es sich offensichtlich um einen verbannten Adepten der Spinne handelt. Warum der Hohepriester deshalb beschließt, gleich die ganze Gemeinde abschlachten zu lassen, ist zwar nicht ganz nachvollziehbar, führt aber zum genretypischen Startmassaker, an dessen Ende der Held alleine in der Welt und erfüllt vom Verlangen nach Rache dasteht. Dass die Bösewichter dabei gleich noch die holde Sunya verschleppt haben, kommt als zusätzliche Motivation hinzu.
Doch bevor Ator sich auf seine Queste machen kann, muss er erstmal ein solides Kampftraining unter Gribas Anleitung durchlaufen. Schließlich will dieser den Auserwählten benutzen, um sich an dem Hohepriester für sein Exil zu rächen. Was er demselben natürlich nicht auf die Nase bindet. Vorerst verheimlicht er ihm sogar seine wahre Herkunft. Dennoch erhält Ator am Ende seiner Ausbildung das Schwert seines Vaters Terrant, was zwar als entscheidener Wendepunkt seiner Laufbahn in Szene gesetzt ist, im weiteren Verlauf der Handlung aber nicht noch einmal angesprochen wird.
Wirklich wichtiger ist seine erste Begegnung mit der schwertschwingenden Roon (Sabrina Siani). Da Ator kaum ein Klischee ungenutzt links liegen lässt, besteht diese selbstverständlich darin, dass er der Kriegerin hilfreich zur Seite springt, als sie in einen Kampf mit drei Kontrahenten verwickelt wird. Allerdings wird seine "Rettertat" keineswegs mit Dankbarkeit gewürdigt. Und als er Roon fragt, ob die Kerle Räuber gewesen seien, die sie überfallen hätten, antwortet sie ganz gelassen: "I was the one who robbed them." Sprichts, besteigt ihr Pferd und reitet ohne einen weiteren Kommentar mit den erbeuteten Gäulen der Erschlagen von dannen. Ein gelungener Einstand!
 
Wenig später macht sich Ator dann endlich auf seine Heldenreise zum Tempel der Spinne.
 
Doch bevor wir uns den Abenteuern zuwenden, die ihn dabei erwarten, muss unbedingt noch das dritte Mitglied unseres Trios erwähnt werden: Ein kleiner Bär, den Ator irgendwo im Wald aufgelesen hat, und der seitdem treu hinter ihm her hoppelt. Ab und an greift er sogar hilfreich in die Handlung ein, was leichte Reminszenzen an Beastmaster wachruft. Ob Don Coscarellis zweieinhalb Monate vor Ator in den USA angelaufener S&S-Flick tatsächlich ein Einfluss war, weiß ich allerdings nicht. Es soll Leute geben, die den Bären für den talentiertesten Darsteller des Streifens halten. Ganz so weit würde ich vielleicht nicht gehen, aber ganz sicher habe ich jeden seiner Auftritte mit einem lauten "Ooooo" quittiert. Übrigens verschwindet Freund Petz auf unerklärliche Weise jedesmal aus der Handlung, wenn man sich nicht länger im Freien tummelt, nur um später dann auf ebenso mysteriöse Weise wieder aufzutauchen. Aber das passt im Grunde sehr gut zum Gesamteindruck, den der Plot hinterlässt.
 
 
Ators Queste besteht aus fünf Episoden, von denen nur die allerletzte in irgendeinem Zusammenhang mit dem Ziel seiner Reise steht. Auf manch Betrachter*innen hat das wohl ziemlich anödend gewirkt. Schließlich existieren sie ganz offensichtlich nur, um die Laufzeit des Filmes voll zu kriegen. Aber da fast jede von ihnen irgendein Element enthält, das meine Aufmerksamkeit wachgehalten hat, und sie alle verhältnismäßig kurz sind, habe ich eigentlich keinen Grund, den zusammengestoppelten Charakter des Plots groß zu beklagen.
 
Kaum hat sich unser Held von Griba getrennt (ohne ein Wort des Abschieds übrigens!), da fällt er auch schon einem Stamm von Amazonen in die Hände. Zu denen gehört auch die ihm bereits bekannte Roon, die ihn in einem Wettkampf auch gleich als eine Art menschlichen "Zuchthengst" gewinnt. Doch als sie erfährt, dass er auf dem Weg zum Tempel der Spinne ist, verschiebt sie den Mutterschaftsurlaub vom Kriegrinnendasein lieber noch mal und beschließt stattdessen, ihm zur Flucht zu verhelfen. Ihre Beweggründe sind freilich alles andere als altruistisch. Vielmehr wird sie von der Aussicht auf die legendären Tempelschätze des "Ancient One" angetrieben.       
 

Interessanterweise taucht auch in Gunan Il Guerriero ein Amazonenvolk auf. Die Beliebtheit dieses Motivs im italienischen Genrefilm erklärt sich selbstredend nicht aus irgendwelchen Sympathien für weibliche Emanzipation. Eher schon aus einer Vorliebe für attraktive Frauen in Leder-Bikinis. Aber verglichen mit manch anderen Darstellungen nimmt sich Ator in dieser Hinsicht noch relativ sympathisch aus. So hatte es z.B. in der ersten Hälfte der 70er Jahre eine Handvoll "Amazonen" - Filme gegeben (Le Amazzoni - Donne d'amore e di guerra / Battle of the Amazons [1973], Le guerriere dal seno nudo / War Goddess [1973], Superuomini, superdonne, superbotte / Super Stooges vs the Wonder Women [1975]), deren Inhalt allem Anschein nach stets darauf hinauslief, dass die Kriegerinnen von irgendwelchen Typen bezwungen oder "gezähmt" werden. Von dem extrem abstoßenden Thor Il Conquistatore (1983) ganz zu schweigen. Mit Abstand der widerlichste Streifen, von dem ich das Pech hatte, ihm auf meinen barbarischen Expeditionen zu begegnen. Nichts dergleichen bei Ator. Selbst die kurze "Catfight"-Szene bleibt äußerst zahm. Bei einem Roger Corman - Flick hätte das anders ausgesehen (vgl. etwa Barbarian Queen II [1990]). Zwar schließt sich an die gemeinsame Flucht alsbald die obligatorische "Badeszene im Wald" an, aber zumindest in der Version, die mir zur Verfügung stand, bekommt man dabei bloß die leicht verschwommene Gestalt von Sabrina Siani im Hintergrund der Einstellung zu sehen. Wobei ich mich allerdings frage, ob hier nicht etwas herausgekürzt worden ist. Denn traditionell existieren solche Szenen doch ausschließlich als Entschuldigung, die badende Heldin halbnackt ablichten zu dürfen. Und dass Sianis Karriere im italienischen S&S - Film -- neben Ator war sie auch bei Gunan, Sangraal (1983), Il Trono di fuoco (1983) und Lucio Fulcis Conquest (1983) dabei -- wohl eher nicht auf ihr schauspielerisches Talent zurückgeführt werden kann, ist leider kaum zu bestreiten.
Wie dem auch sei, wir dürfen jedenfalls heilfroh sein, dass wir das Amazonen-Intermezzo ohne größere Ärgernisse oder Peinlichkeiten hinter uns lassen können. Bloß am Rande sei erwähnt, dass Roons Zugehörigkeit zu dem Stamm eigentlich kaum Sinn macht. Ist sie doch ein unverkennbares Valeria - Stand-in. Mehr Diebin und Glücksritterin als stolze Kriegerin. Aber wer an diesem Punkt noch nach Stimmigkeit der Charakterzeichnung oder innerer Logik fragt, hat eh verloren.
 
Es folgt Laura Gemsers Gastauftritt als verführerische Zauberin -- halb Circe, halb Lamia. Wie zu erwarten der "erotischste" Part des Filmes, dabei aber auch recht harmlos. Erwähnenswert ist eigentlich nur der bizarre Kopfschmuck, den Gemser trägt, sowie die Tatsache, dass unser Held sein Überleben den gemeinsamen Anstrengungen von Juniorbär und Roon verdankt. Warum die Hexe es auf ihn abgesehen hatte, bleibt selbstverständlich völlig schleierhaft.   
 

In der Folge von George Romeros Dawn of the Dead aka Zombi (1978) und Lucio Fulcis Zombi 2 (1979) waren die Lebenden Toten Anfang der 80er Jahre im italienischen Genrefilm sehr angesagt. Kein Wunder also, dass ein paar von ihnen auch in Ator kurz durch die Landschaft schlurfen dürfen. Inhaltlich ist diese Episode wenig dramatisch -- es kommt nicht einmal zu einem Schlagabtausch mit Held & Heldin --, aber dafür gehört sie zu den filmerisch eindrucksvolleren. Mit viel Trockeneis und blendendem Gegenlicht verwandelt D'Amato die herumwankenden Statisten in ominöse Silhouetten.   
 
 
Den Lebenden Leichen glücklich entronnen beschließt man, dass es an der Zeit ist, endlich mal eine zünftige Fantasytaverne aufzusuchen. Roon ist außerdem der Ansicht, dass man sich ein paar Pferde organisieren sollte. Wobei sie bereits begehrliche Blicke auf den Geldbeutel der örtlichen Puffmutter wirft. Leider ist ihr Plan, wie sie diesen in die Hände bekommen könnte, reichlich tumb. Was der Sequenz viel von ihrem potenziellen Charme raubt.
 
Aber wir nähern uns eh dem Ende der Geschichte und so taucht plötzlich wie aus dem Nichts heraus erneut der gute Griba auf, um Ator nun endlich seine wahre Bestimmung zu enthüllen. Doch bevor unser Held dem bösen Spinnenpriester gegenübertreten und seine geliebte Sunya befreien kann, muss er noch rasch den magischen Schild von Mordor (!!) in seinen Besitz bringen. Also unternehmen Ator und Roon einen kurzen Abstecher in einige unter einem Vulkan gelegene Kavernen, wo ein (anscheinend ziemlich unfreundliches) Volk blinder Schmiede haust und emsig (magische?) Waffen produziert. Cooler als das eigentliche Finale ist der recht geschickt in Szene gesetzte Kampf, den Ator dort gegen seinen eigenen Schatten ausfechten muss. Und natürlich ist es erneut Roon, die ihm dabei seine Haut rettet. Was ihn allerdings nicht davon abhält, ihre ach so materialistische Goldgier weiterhin mit herablassenden Kommentaren und moralisch überlegenem Naserümpfen zu bedenken.
 
Der Endkampf im Tempel wirkt im Vergleich dazu leider etwas antiklimaktisch. Daran kann weder Gribas "dramatischer" Verrat (der Kerl hatte es die ganze Zeit bloß darauf abgesehen, selbst den Thron des Hohepriesters zu besteigen), noch der Auftritt einer wunderbar plumpen animatronischen Monsterspinne etwas ändern. Dass Roon bei dem Gefecht zu Tode kommt, ist zwar ärgerlich, aber in gewisser Weise auch folgerichtig. Damit die Storyline um die Rettung der "Damsel in Distress" zu einem ungetrübt "glücklichen Ende" gelangen kann, muss die eigenständigere Frauenfigur (und potenzielle Rivalin) beseitigt werden. Denn selbstverständlich hatte sich im Laufe der Geschichte eine "erotische Spannung" zwischen Held und Heldin aufgebaut. Dass die beiden auch einfach Freunde hätten sein können, wäre in Filmen dieser Zeit und dieses Genres undenkbar gewesen.
 
Warum D'Amato es offenbar für eine gute Idee hielt, seinen Fantasyflick mit einem fürchterlich schmalzigen Popsong zu beenden, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Vielleicht dachte er sich, er könne seinem Publikum zum Abschluss nicht noch einmal das immer gleiche musikalische Motiv vorsetzen, und das für den Soundtrack vorgesehene Budget war leider bereits aufgebraucht.
 
Ator l'Invicible ist astreiner Schlock. Die Sets billig. Die Darsteller*innen hölzern. Der Plot größtenteils wirr und zusammenhangslos. Dennoch finde ich, dass der Streifen besser ist als sein Ruf. Wer dieses Sammelsurium aus zum Teil völlig absurden Szenen "öde" findet, hat wohl noch nie Gunan oder Trono di fuoco gesehen. Im Vergleich zu diesen traurigen Vertretern der italienischen Sword & Sorcery ist Joe D'Amatos erster Ator - Flick ein wahres Feuerwerk an trashiger Unterhaltsamkeit.



* Kim Newman: Nightmare Movies. A Critical History of the Horror Film, 1968-88. S. 187.

** In einigen früheren Beiträgen zu dieser Reihe bin ich von einem merklich späteren Datum ausgegangen (man sollte sich halt nie 100%ig auf IMDB verlassen), was zu einigen kuriosen Fehleinschätzungen geführt hat, die ich aber zu faul bin, noch einmal zu korrigieren.

Sonntag, 9. Oktober 2022

Strandgut

Dienstag, 4. Oktober 2022

Expeditionen ins Reich der Eighties-Barbaren (XIX): "Hawk the Slayer"

I punched a bloke in the face once for saying Hawk the Slayer was rubbish ...
I was defending the fantasy genre with terminal intensity.
 
Bilbo Bagshot in Spaced
 
 
Meine ursprüngliche und nie wirklich abgeschlossene Reise durch die wüsten Gefilde des Sword & Sorcery - Films der 80er Jahre liegt inzwischen eine halbe Ewigkeit zurück. Darum ist es wohl angmessen, hier zu Beginn noch einmal auf ein wichtiges Faktum hinzuweisen: Der gewaltige Erfolg von John Milius' 1982 in die Kinos gelangtem Conan the Barbarian war zwar ohne Zweifel von immenser Bedeutung. Ohne ihn hätten wir wohl weder Joe D'Amatos Ator - Filme, noch die ultrabilligen von Roger Corman produzierten und mehrheitlich in Argentinien gedrehten Flicks à la Deathstalker. Matt Cimbers Hundra, einer der interessanteren S&S - Streifen der Zeit, scheint in mancherlei Hinsicht sogar eine direkte Antwort auf Milius' Werk zu sein. Aber Conan stand nicht am Anfang der Welle. Albert Pyuns The Sword and the Sorcerer z.B. tauchte beinahe zeitgleich mit Arnies Cimmerier in den amerikanischen Filmtheatern auf und war unbeeinflusst von ihm entstanden. Und selbst vor 1982 hatten bereits einige wenige Sword & Sorcery - Held*innen ihren Weg auf die Leinwand gefunden. Wenn überhaupt irgendjemand den Titel des Allerersten in Anspruch nehmen darf, dann ist das ein 1980 in sechs Wochen für lächerliche £600.000 in den Pinewood Studios gedrehter Streifen, dem es bestimmt war, Jahrzehnte später zum Kultklassiker zu werden -- the one and only Hawk the Slayer!
 
Der gute Hawk war das Geisteskind von Drehbuchautor Terry Marcel und Filmkomponist Harry Robertson. Letzterer dürfte Freund*innen des Brit-Horror vor allem durch seine Arbeiten für Hammer (u.a. The Vampire Lovers, Countess Dracula, Demons of the Mind und Twins of Evil) und Tyburn (The Ghoul und Legend of the Werewolf) bekannt sein. Die beiden lernten sich Ende der 70er Jahre bei der Arbeit an zwei Ray Coone - Adaptionen (Why Not Stay for Breakfast? und There Goes the Bride) kennen. Sie stellten fest, dass sie eine gemeinsame Liebe zur phantastischen Genre-Literatur verband. Wie Marcel später einmal erzählt hat: "I’d always been a sword-and-sorcery fan – I loved Fritz Leiber and Robert E. Howard, and I particularly loved Solomon Kane" und "Harry and I both loved sci-fi and fantasy: Harry Harrison novels, the Conan books, all the greats." Hinzu kam, dass vor allem Marcel die Art bewunderte, in der Sergio Leone Kurosawas Yojimbo in A Fistful of Dollars verwandelt hatte. Wie wir noch sehen werden, macht dieser Italo-Western-Einfluss einen nicht unbeträchtlichen Teil des Charmes von Hawk the Slayer aus. Eine erste Storyidee "about a medieval warrior set in the fourteenth century" existierte bereits, die Terry Marcel während eines zweiwöchigen Spanienurlaubs zu einem siebzigseitigen Script ausarbeitete. Anschließend setzten die beiden sich noch einmal gemeinsam dran. Mit dem fertigen Drehbuch in Händen gelang es ihnen dann, das Interesse von  ITC (Incorporated Television Company) zu wecken. Die Kontrolle über die Produktion blieb aber ganz in ihren eigenen Händen via der eigens gegründeten Firma Marcel/Robertson Productions Limited.* Die Finanzspritze von ITC kann im übrigen nicht besonders groß gewesen sein. Immerhin erlaubte sie es den beiden, nach L.A. zu fliegen und Jack Palance für die Rolle des Bösewichts Voltan zu gewinnen:     
He wanted to come to England, he thought he could do something with the part, he liked the fun of it [...] I believe he got $100,000. He stayed in a small hotel in Soho, but on the set he shared a caravan with everyone else. There were no airs about the man, though he put me to the test at times – asking me what Voltan’s motivation was for adopting two children and so on.

Davon abgesehen, musste man sich aber wohl in erster Linie auf Marcels Connections in der britischen Film- und Fernsehindustrie stützen.

We were so lucky in Hawk because we had people like Roy Kinnear, who came in to do a few lines as the Innkeeper and Graham Stark, who I’d worked with on the Pink Panther films, playing Sparrow; you always get extra from those sorts of people because they’re such distinctive character actors. 
Für die Hauptrolle engagierte man den Neuling John Terry, der auch in There Goes the Bride mitgespielt hatte. Zu seinen Mitstreiter*innen gehörten aber auch bekanntere Namen wie Patricia "Magenta" Quinn als "Zauberin", Carry On - Regular Bernard Bresslaw als "Gort, der Riese" und Theater- und TV-Veteran William Morgan Sheppard als "Ranulf".
Erwähnenswert ist außerdem Kameraman Paul Beeson. Der war nämlich zwei Jahre zuvor einer der Directors of Photography bei Luigi Cozzis Trash-SciFi-Klassiker Starcrash gewesen und würde in der Folgezeit u.a. bei den Indiana Jones - Filmen und George Lucas' Willow mitarbeiten.
Gedreht wurde in den Pinewood Studios und den angrenzenden Wäldern von Buckinghamshire. Marcels langjährige Verbindung zu dem Studio dürfte beim Abschluss des Deals geholfen haben:
I’m a Pinewood boy – and they were very kind to me, they did an all-in deal for butkus; told us we could help ourselves to anything we could find, so we went around looking at props and pieces of set and whatever we could use!

Das erklärt so manches, was den Look des Filmes angeht. Als man mit dem Dreh begann, nahm Terry Marcel auf dem Regiestuhl Platz. Robertson fungierte offiziell als Produzent, kompomierte aber natürlich auch den Soundtrack.

                           

 

Mit diesen wunderbaren Worten beginnt das Abenteuer. 
 
In einer Art Prolog bekommen wir zu sehen, wie der finstere Voltan (Jack Palance) nächtens zur Burg seines königlichen Vaters reitet und in die gar güldenen Gemächer eindringt. Er verlangt die Preisgabe irgendeines magischen Geheimnisses, dessen Besitz ihm qua Erstgeburtrechts zusteht. Doch der alte König weigert sich standhaft, da die mystische Macht nicht in die Hände eines Dieners des Bösen fallen dürfe. Was er selbstredend mit dem Leben bezhalen muss. Voltans (deutlich) jüngerer Bruder Hawk (John Terry) kommt zu spät, um seinen Vater noch zu retten, aber immerhin bleibt dem Sterbenden noch genug Zeit, um nunmehr unseren Helden in das Geheimnis des magischen "Mindswords" einzuweihen und außerdem etwas kryptische Bemerkungen über die Erfüllung einer alten Prophezeiung von sich zu geben.
Jahre später: Der schwer verletzte Ranulf (William Morgan Sheppard), letzter Überlebender eines fürchterlichen Massakers, flüchtet sich in das kleine Nonnenkloster von Caddenbury. Er berichtet davon, wie Voltans wilde Schar sein Heimatdorf überfallen und sämtliche Einwohner abgeschlachtet habe. Seine Hand kann die heilkundige Äbtissin (Annette Crosbie) zwar nicht mehr retten, aber davon abgesehen gelingt es den Schwestern, den Unglücklichen wieder aufzupäppeln. Doch kaum ist er auf den Beinen, da kreuzen auch schon Voltan, sein Adoptivsohn Drogo (Shane Briant) und ein paar ihrer Halunken in dem friedlichen Refugium auf. Der "Dark One" bringt die Äbtissin in seine Gewalt und fordert ein Lösegeld von 2.000 Goldstücken.
Ranulf begibt sich zur "Holy Fortress" von Danefort, um Hilfe zu organisieren. Der "High Abbot" (Harry Andrews) gibt ihm den Rat, einen umherwandernden Krieger namens Hawk zu suchen, der in der Vergangenheit schon mehrfach gegen die Mächte der Finsternis gekämpft habe.
Als nächstes bekommen wir zu sehen, wie derselbige eine blinde Zauberin (Patricia Quinn) vor einem frühzeitigen Tod auf dem Scheiterhaufen bewahrt. Zum Dank wirft die Gerettete mit ihrem magischen "Dritten Auge" einen kurzen Blick in Hawks Zukunft und Bestimmung. Was dazu führt, dass unser Held sehr rasch den erneut in die Bredouille geratenen Ranulf findet und rettet, woraufhin man sich daran machen kann, eine Heldengruppe zum Kampf gegen Voltan zusammenzustellen. Mit Hilfe eines Teleportationszaubers werden drei alte Kumpels von Hawk -- Gort der Riese (Bernard Bresslaw), Crow der Elf (Ray Charleson) und Baldin der Zwerg (Peter O'Farrell) -- eingesammelt. Das Lösegeld organisiert man sich durch einen Überfall auf den Sklavenhändler Sped (Declan Mulholland). Doch Hawk bezweifelt, dass Voltan sich mit dem Gold abspeisen lassen wird, was immer auch die naive Schwester Monica (Cheryl Campbell) glauben mag. Also bereiten sich unsere Gefährten auf einen blutigen Showdown im Nonnenkloster vor.
 
Mein Twitter-Kumpel Ian hat einmal folgenden, sehr treffenden Kommentar über Hawk the Slayer gemacht: "It's so bad and so good all at once!
 
Ich habe eine große Schwäche für diesen Streifen. In meiner persönlichen Rangliste der Sword & Sorcery - Flicks der 80er Jahre rangiert er ziemlich weit oben. Und ähnlich wie bei Starcrash ist meine Liebe auch hier nicht ausschließlich -- oder auch nur hauptsächlich -- ironischer Natur. Hawk ist für mich nicht einfach ein Beispiel von "so bad it's good". Auch wenn er ohne Zweifel Szenen enthält, bei denen es schwerfällt, ein leises Kichern (oder auch ein lautes Auflachen) zu unterdrücken. Das gilt nicht nur für das zügellose "Scenery Chewing" von Jack Palance, sondern vor allem für beinahe jeden Einsatz von Magie. Die umeinander rotierenden Neonlicht-Reifen des Teleportationszaubers sind da ja bloß der Anfang. So setzt die Zauberin zwischendurch einen von Voltans Männern mit einem Spruch außer Gefecht, der bei mir jedesmal Erinnerungen an Killer Klowns from Outer Space wachruft. Und im großen Schlusskampf kommen dann massenhaft Kunstschnee und hüsch buntisch leuchtende, herumspringende Kügelchen zum Einsatz. Grandios! Doch so wichtig all das für den trashigen B-Movie-Charme von Hawk auch ist, der Streifen hat sehr viel mehr als das zu bieten.
 
 
Selbstverständlich standen Marcel, Robertson & Crew nur äußerst beschränkte Mittel zur Verfügung, wenn es darum ging, der phantastischen Welt ihrer Geschichte Gestalt zu verleihen. Aber gerade das gibt ihr miutunter einen eigenartig surrealen Charakter, den ich ziemlich ansprechend und faszinierend finde. So wirkt z.B. das hübsche Matte Painting der "Heiligen Festung" so, als habe der Künstler gar nicht erst versucht, den Eindruck von Realität zu erwecken. Grund dafür kann natürlich der Mangel an Geld und Zeit gewesen sein. Das Ergebnis aber ist, dass man in der entsprechenden Szene das bizarre Gefühl hat, als reite Ranulf in ein Gemälde hinein. Was ziemlich cool ist. 
 
 
Ein Gutteil der Handlung besteht aus wildem Herumgaloppiere durch die Wälder von Buckinghamshire. Aber mit Hilfe einiger ganz simpler Techniken, wird diesen eine bizarr-phantastische Atmosphäre verliehen. Zuerst einmal ist die Szenerie grundsätzlich immer nebelverhangen. Kaum eine Einstellung, in der im Hintergrund nicht irgendwelche Dunstschleier durchs Bild ziehen würden. Im krassen Gegensatz zu der eher nördlich-europäisch anmutenden Landschaft sieht man hie und da eine tropische Schlange im Baum hängen oder einen Gecko über einen Ast marschieren. Ganz nebenbei erhascht man außerdem immer wieder einen Blick auf irgendwelche Skelette, die wie zufällig am Wegrand liegen oder von Bäumen baumeln.  Der verfluchte "Forest of Weird" wartet zusätzlich noch mit grüner Beleuchtung, massig Halloween-Spinnenweben und ein-zwei putzigen Monsterpuppen auf, die hinter Steinen und Gestrüpp hervorlugen.
Besonders gut gefallen haben mir die vignettartigen Szenen, in denen die einzelnen Mitglieder der Heldengruppe eingeführt werden. Stets dient dabei irgendeine Waldlichtung als Setting, wobei man irgendwie das Gefühl hat, diese existierten unabhängig vom Rest der Welt. Selbst wenn da das Fuhrwerk eines Händler oder der Amboss eines Hufschmieds herumstehen. Die Lichtungen wirken wie kleine Theaterbühnen, auf denen die Akteure ihr kurzes Stück aufführen.
Diese Vignetten vermitteln zudem das Bild einer ziemlich heruntergekommenen Welt, die größtenteils von Halunken, Bullies und Halsabschneidern bevölkert zu sein scheint. Jeder der Gefährten befindet sich in einer etwas prekären Situation, als Hawk auftaucht, um ihn mitzunehmen: Gort ist dabei, sich mit irgendwelchen Soldaten herrumzuprügeln, die kaum mehr als bessere Wegelagerer zu sein scheinen; Crow wäre beinah von zwei Gaunern um Geld und Leben gebracht worden; und Baldin sollte von irgendwelchen durchgeknallten Priestern dem "Heiligen See" zum Opfer gebracht werden.
Und es ist auch nicht so, als bestehe unsere Heldengruppe selbst aus strahlenden Recken. Wir erfahren zwar nichts konkretes über ihre vergangenen gemeinsamen Abenteuer, aber die fünf machen doch eher den Eindruck etwas zwielichtiger Outsider und Underdogs. Hawks Hauptmotivation ist sein Verlangen nach Rache an Voltan, der nicht nur seinen Vater, sondern auch seine geliebte Eliane (Catriona MacColl) auf dem Gewissen hat**; Gort ist zwar ein gutmütiger Kerl, aber in erster Linie an Essen und gutem Bier interessiert; Crow lässt sich durch die Aussicht auf ein paar rasch verdiente Goldstücke auf einen ziemlich fragwürdigen Bogenschützenwettbewerb ein; und Baldin ist ein reichlich heruntergekommener Geselle mit fürchterlichen Manieren und einem etwas krausen Sinn für Humor. 
Hawk bezeichnet seine alten Kampfgefährten ausdrücklich als "the last of their kind". Von Crows Heimat, dem "Silver Forest", stehen nur noch verkohlte Baumstümpfe, und auch Baldins "Iron Hills" existieren nicht mehr. Vor allem das Schicksal der Elfen als einer "schwindenden Rasse" könnte einen an gewisse tolkieneske High Fantasy - Motive erinnern. Aber im Ganzen besitzt die Welt von Hawk the Slayer nichts von dieser mythischen Grandeur. Zwar befindet sie sich fraglos im Niedergang, das Leben der allermeisten wird von Anarchie und Gewalt beherrscht, während einige "fette Barone" (und wohl auch die Kirchenoberen) sicher auf ihren Zwingburgen hocken. Doch die Atmosphäre, die dabei vorherrscht ist erdig-dreckig, nicht mythisch-tragisch. Selbst Voltan, der als der "Dark One" in den Diensten irgendwelcher dämonischen Zauberer steht, ist eigentlich nicht viel mehr als der Anführer einer besonders rücksichtslosen Räuberbande, die kaum den Namen "Legions of Darkness" verdient hat. Wenn uns vorgeführt werden soll, wie brutal er ist, bekommen wir zu sehen, wie er sich in einem heruntergekommenen Wirthaus mit ein paar zerlumpten Handlangern des Sklavenhändlers Sed herumstreitet. Nicht unbedingt echtes Dark Lord - Niveau.   
 

Hier zeigt sich denn auch besonders stark der Italo-Western-Einfluss. Hawk ähnelt dem Archetyp des einsam herumziehenden Pistoleros. Seine Konfrontationen mit all den Halunken und Bullies sind oft haargenau so in Szene gesetzt wie klassische Westernduelle, nur dass hier halt keine Schießeisen, sondern Schwerter gezogen werden. Und wenn sich unsere fünf Gefährten am Ende in der Kapelle verschanzen und auf den Angriff von Voltans Leuten warten -- überzeugt davon, dass kaum alle von ihnen den nächsten Tag überleben werden -- hat das gleichfalls deutliche Spaghetti-Western-Vibes.
Verstärkt wird dies noch durch Harry Robertsons eigenwillige Musik, die teilweise ad hoc auf dem Set entstand, wie der Kompomnist einmal erzählt hat:
I wrote some of the score whilst on location. I would see how the scenes were coming out and then do a bit of writing or just jot down some ideas as and when I got them. It was an interesting experience because I had most of the score ready before the cameras had stopped rolling.
In Rezensionen wird oft die für einen Fantasystreifen tatsächlich recht bizarre "Disco-Qualität" des Soundtracks hervorgehoben. Doch wenn man sich etwas genauer auf die Musik einlässt, wird man außerdem einige recht deutliche Anklänge an Ennio Morricone heraushören können. Und das ist selbstverständlich kein Zufall:

Hawk was a fantasy western if you like. That’s why the score has little trills and motifs on it when we see the hero or the villain of the piece; it was my homage to Morricone and also the spaghetti western score.

Trotz des dreckigen Ambientes ist Hawk the Slayer übrigens erfreulich frei von all den eher unappetitlichen Elementen, denen man sonst so oft im Sword & Sorcery - Kino der 80er Jahre begegnet. So enthält der Film auch nicht einen Hauch von Sexploitation. Das steht vor allem in krassem Gegensatz zu den S&S-Flicks von Roger Corman, wo nackte Brüste (und nicht selten auch die Darstellung sexueller Gewalt) fester Bestandteil des Programms sind. Marcel und Robertson wollten mit Hawk einen Film "für die ganze Familie" drehen. Mit Kampfszenen wird zwar nicht gegeizt, und wenn Ranulf seine "Schnellfeuer-Armbrust" oder Crow seinen Bogen zückt, werden die Bösewichter gleich in Scharen umgemäht. Aber Blut und Gore bekommt man nicht zu sehen. Und auch wenn ich ja kein grundsätzlicher Verächter von Exploitation bin, steigert das in diesem Fall noch einmal die Sympathie, die ich für diesen Streifen empfinde.

Interessanterweise weicht der (im übrigen nicht übermäßig interessante) Hawk the Slayer - Comic von Garth Ennis und Henry Flint, der vor nicht allzulanger Zeit auf den Seiten von Judge Dredd: The Megazine erschienen ist, in diesem Punkt sehr deutlich von seiner Inspirationsquelle ab. Da geht's nämlich verdammt gory zu. Auch hat es sich Garth Ennis nicht nehmen lassen, seinen manchmal schon etwas obsessiv wirkenden Hass auf Religion in die Geschichte einfließen zu lassen. Leider wird dieser Comic vermutlich für immer das einzige Sequel zu Hawk bleiben, das wir zu sehen bekommen werden Auch wenn die Gerüchte über einen möglichen zweiten Film wohl erst mit Terry Marcels Tod ganz verstummen werden. Aber vielleicht ist das sogar ganz gut so. Fast nie gelingt es, die Magie alter B-Movies, Trash-Klassiker und Kultfilme wiederzubeleben, wenn man Jahrzehnte später irgendwelche Fortsetzungen zu ihnen dreht. Und ganz ehrlich: Braucht die Welt einen zweiten Hawk - Film? Ich denke nicht. Es reicht, dass es den einen gibt. Den aber werde ich mir sicher immer mal wieder mit großer Freude anschauen. "The one and only" halt ...

 

 

* Die Firma produzierte später noch Prisoners of the Lost Universe (1983) und Jane and the Lost City (1987), hielt also dem Pulp-Phantastischen die Treue.

** Die einzigen Parts von Hawk the Slayer, mit denen ich wirklich gar nichts anfangen kann, sind ein paar Flashback-Szenen, in denen wir diese Hintergrundsgeschichte erzählt bekommen. Nicht nur finde ich das Motiv der beiden Brüder, die sich um eine Frau streiten, reichlich abgeschmackt. Der Versuch, den Szenen ein "idyllisch-romantisches" Ambiente zu verleihen, macht sie zu irgendwie süßlich anmutenden Fremdkörpern in der Gesamtheit des Films. Einzig das dort eingeführte Motiv eines silbernen Kruzifixes, das Hawk von seiner Holden geschenkt bekommt und das er seitdem um den Hals trägt, rechtfertigt in meinen Augen die Existenz dieser Flashbacks. Das Schmuckstück rettet unserem Helden nämlich am Ende das Leben. Und zwar in sehr unerwarteter Weise: Während der finalen Konfrontation mit Voltan entpuppt es sich als getarntes Wurfmesser! Das ist so absurd, dass es Bühnenapplaus verdient.