"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 3. Juli 2022

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

Sorcery Against Caesar von Richard L. Tierney (1/2)

 
Grim mountain, on your lowering slopes I stand,
Cowed by the sound of thunder in the skies,
While your dark crown of cloud spreads o'er the land
And stirs my mind to yet more dark surmise ...
 
Cowed by the sound of thunder in the skies,
I sense beneath your flanks those monstrous Things
That shall one day awaken and arise
And – oh, to stifle these mad visionings!
 
I sense beneath your flanks those monstrous Things,
Grim with a hatred vast as cosmic space,
That lurk and strain to burst their prisonings
And rise in power to smite the human race. 
 
Grim with a hatred vast as cosmic space,
Those sleeping Powers shall one day wake and rise
To smash this earth as with a giant mace
And strew its shards across the darkened skies.
To Mount Sinai

Wie ich vor Jahren im allerersten Beitrag zu dieser Blogserie etwas genauer darzulegen versucht habe, erwuchs die Sword & Sorcery ursprünglich aus der historischen Abenteuergeschichte. Ihre unmittelbaren Vorläufer waren Gestalten wie Harold Lambs Khlit der Kosake oder Talbot Mundys Tros von Samothrake. (1) Noch bevor Kull sich im August 1929 in The Shadow Kingdom mit fiesen Schlangenmenschen herumprügelte, hatte die Leserschaft von Weird Tales das neue Subgenre bereits in Gestalt des grimmigen Puritaners Solomon Kane kennengelernt. Einer Figur also, die noch sehr viel der alten DNA in sich trug. Weshalb Brian Murphy ihr in Flame and Crimson sogar die Zugehörigkeit zur S&S abspricht: "[T]he flintlock-wielding Puritan swordsman ist very much of his time -- the Elizabethan era, roughly late 16th - early 17th century -- and therefore belongs to adventure fiction or historical fantasy." (2) Ein Urteil, dem ich mich nicht anschließen kann. Wie Howard 1933 in einem Brief an Lovecraft bekundete, war die historische Abenteuergeschichte sein bevorzugtes Genre: "There is no literary work, to me, half as zestful as rewriting history in the guise of fiction. I wish I was able to devote the rest of my life to that kind of work". (3) Und auch wenn der phantastische Charakter der Conan - Geschichten es ihm erlaubte, auf zeitraubende Recherchen über das historische Setting zu verzichten, entwickelte er sie doch ganz bewusst aus einer ähnlichen Perspektive. Nicht zuletzt durch die Ausarbeitung des Hyborian Age als einer fiktiven Frühgeschichte unserer Welt, dessen Länder und Völker deutlich erkennbare Analogien zu realtweltlichen Kulturen darstellen. Mark Finn geht in seiner Howard-Biographie Blood & Thunder so weit, zu erklären: "The mixing of historical romance (even if, in the case of Kull, the history was speculative) with weird and horrific elements (even something as mundane as ghosts and witches) is what defines heroic fantasy." (4) Und in der Tat hat die Sword & Sorcery diese Verbindung nie ganz gekappt. Immer wieder hat sie Stories hervorgebracht, die in einem realtweltlich-historischen Setting spielen. (5) 

Einem besonders faszinierenden Beispiel dafür will ich mich in diesem Beitrag zuwenden: Richard L. Tierneys Geschichten um Simon of Gitta, die in dem 2020 von Pickman's Press herausgegebenen Band Sorcery Against Caesar gesammelt neuerschienen sind. Da der Artikel wieder einmal dabei war, auf Überlänge anzuwachsen, habe ich allerdings beschlossen, ihn in zwei Teilen zu veröffentlichen. Und so werden wir dem samaritanischen Ex-Gladiator und Magier heute noch nicht in Person begegnen.


                                                  * * *
Der am 1. Februar dieses Jahres verstorbene Richard L. Tierney dürfte hierzulande eher unbekannt sein. Außer den sechs Red Sonja - Büchern, die er zusammen mit seinem Kumpel David C. Smith in den 80er Jahren geschrieben hat, sind nur seine Romane The House of the Toad (Im Haus der Kröte) und The Winds of Zarr (Die Winde der Zarr) in deutscher Übersetzung erschienen. In Amerika sieht die Lage freilich etwas anders aus. 
Tierney hat einmal erklärt:
I’m not a professional writer and never aspired to be. There were a few things I felt compelled to write and I think I’ve pretty much written them. There was never much of a market for my stuff. 
Tatsächlich war er nie ein kommerziell "erfolgreicher" Autor. Nur die Red Sonja - Romane und einige seiner Howard - Pastiches wurden von größeren Verlagen wie Ace oder Zebra veröffentlicht. Sein eigentliches Oeuvre erschien beinah ausschließlich in Fanzines, Semi-Prozines oder bei Kleinverlagen. Aber vor allem in der Weird Fiction - Community genoss er nichtsdestoweniger ein beträchtliches Ansehen. Mehr noch als sein erzählerisches Werk war dafür seine phantastische Lyrik verantwortlich. Leider habe ich bislang nur eine Handvoll seiner Gedichte lesen können. Doch diese weckten bei mir merkliche Reminiszenen an Clark Ashton Smiths düster-dekadente Poesie. Und interessanterweise enden die Ähnlichkeiten nicht dabei. Ganz wie der Barde von Auburn war auch Tierney ein ausgesprochen vielfältiger Künstler. Er schrieb nicht nur Verse, Kurzgeschichten und Romane, sondern zeichnete auch und schuf in den 70er Jahren außerdem phantastisch-groteske Statuetten, die gleichfalls ganz in der Tradition von Klarkash-Tons bildhauerischem Werk stehen. (6) Was nicht heißen soll, er sei ein bloßer Nachahmer gewesen. Um die Einschätzung des CAS-Experten Scott Connors zu zitieren:
Dick was as multi-talented a creative artist as Clark Ashton Smith: he was probably the finest poet working in the field at the time; his fiction is quite respected; and in many ways his sculptures were even better than those of Klarkash-Ton.  
Tatsächlich ist mein Eindruck, Tierney habe der "Unheiligen Dreieinigkeit" von Weird Tales (Lovecraft, Howard, Smith) in vielem näher gestanden als die meisten anderen Künstler*innen, die in ihren Fußstapfen gefolgt sind. Das macht ihn zu einem zugleich "unzeitgemäßen" und in meinen Augen sehr faszinierenden Schriftsteller.

                                                  * * *
 
Richard L. Tierney wurde am 7. August 1936 in der Kleinstadt Spencer im Bundesstaat Iowa geboren. Sechs Jahre später zog die Familie nach Mason City, wo er Schule und High School besuchte. Wohl nicht die glücklichste Zeit seines Lebens, verpasste er der letzteren doch den vielsagenden Spitznamen "Old Bastille". 
Schon relativ früh wurde Tierney ein begeisterter Leser phantastischer Literatur. Einen besonders tiefen Eindruck machte Donald Wandreis Erzählung Colossus auf ihn, die er 1950 in der Arkham House - Anthologie Beyond Time and Space entdeckte. Noch Jahrzehnte später beschrieb er sie als "one of the most fascinating stories I had ever encountered, largely because of [its] poetic mood evoking a setting of trans-cosmic vastness". Er verschlang alles, was ihm aus der "goldenen Zeit" der Pulps unter die Finger kam und war schon bald wohlbewandert in den literarischen Welten von H.P. Lovecraft und Robert E. Howard. Vielleicht noch stärker aber schlug ihn phantastische Poesie in ihren Bann. Sein erster Abgott war dabei (nicht überraschend) Edgar Allan Poe. Doch dann fiel ihm der gleichfalls bei Arkham House erschienene Band Dark of the Moon: Poems of Fantasy and the Macabre in die Hände und eröffnete ihm einen Einblick in eine Tradition, die sich von den Romantikern über die Präraffaeliten und Viktorianer bis hin zu Clark Ashton Smith, Lovecraft, Howard und (erneut) Wandrei erstreckte. Besonders angetan war er von Lovecrafts Sonetten-Zyklus Fungi From Yuggoth.
 
Inspiriert von dieser Lektüre begann Tierney schon bald auch selbst Gedichte und Geschichten zu schreiben. Möglichkeiten, sie veröffentlicht zu bekommen, gab es jedoch kaum. Die zweite Hälfte der 50er Jahre war eine denkbar ungünstige Zeit für seine Art der Phantastik. Erst recht, wenn man ein Newcomer war. Die "klassische" Pulp-Ära gehörte weitgehend der Vergangenheit an. 1954 hatte man  Weird Tales endgültig zu Grabe getragen. Die lovecraftianische Literatur wurde vollständig von Arkham House dominiert. Und auch wenn August Derleth in den 60er Jahren einige neue Autoren wie Ramsey Campbell und Brian Lumley fördern würde, schuf seine "Herrschaft" doch nicht gerade eine Atmosphäre, die dem Gedeihen junger und eigenwilliger Stimmen zuträglich gewesen wäre. 
Die Sword & Sorcery derweil befand sich auf einem historischen Tiefpunkt. Nach dem Erscheinen von The Seven Black Priests (1953) hatte Fritz Leiber vorerst aufgehört, weitere Geschichten um Fafhrd und den Grey Mouser zu schreiben. L. Sprague de Camps Tritonian Ring - Saga war zur selben Zeit weitgehend an ein Ende gelangt. Ein Revival würde erst wieder einsetzen, nachdem Cele Goldsmith 1958 die Leitung von Fantastic übernommen und ein Jahr später die Fritz Leiber - Sonderausgabe herausgegeben hatte, die u.a. Lean Times in Lankhmar enthielt. In der ersten Hälfte der 60er Jahre würde sie entscheidend dazu beitragen, das Fundament für den späteren S&S-Boom zu legen, indem sie in ihrem Magazin nicht nur Leibers Halunkenpaar, sondern auch John Jakes' Brak (1963) und Roger Zelaznys Dilvish the Damned (1965) eine Bühne bot. (7)
 
Für Tierney kam das freilich zu spät. Eine ganze Reihe der Stories und Erzählungen, die er zwischen 1956 und 1961 schrieb, wurden Jahrzehnte später (und wohl in überarbeiteter Form) zwar veröffentlicht. Doch zum Zeitpunkt ihrer Entstehung gab es kaum Abnehmer für sie. Und so begann er am Iowa State College in Ames erst Forstwirtschaft, dann  "Wildlife Management" zu studieren. 1961 machte er seinen Bachelor-Abschluss in Entomologie (Insektenkunde). Von 1958 bis 1971 arbeitete er für den US Forest Service, was ihn zuerst nach Nordwest-Oregon, dann nach Alaska und ab 1968 schließlich nach Berkeley (Kalifornien) führte. Offenbar standen ihm die Wintermonate oft zur freien Verfügung und so unternahm er zwischen 1962 und 1966 vier längere Ausflüge nach Mexiko, Mittelamerika und Peru. Er besuchte u.a. die Ruinenstädte von Yucatan und beschäftigte sich recht intensiv mit der Nahuatl-Kultur. Einiges hiervon floss später in seinen Roman House of the Toad ein. Winter und Frühjahr 1964 absolvierte er außerdem ein Aufbaustudium an der University of Massachusetts in Amherst, was er vor allem dazu nutzte, Providence zu besuchen und sich im neuenglischen Lovecraft Country umzutun.
 
Kontakte zur Szene und vor allem zu Amra, dem offiziellen Bulletin der Hyborian Legion, hatte Tierney schon früh geknüpft. Und dort erschien mit Old King Kull im Februar 1962 auch erstmals ein Gedicht aus seiner Feder. Es folgten vereinzelte Veröffentlichungen in Joseph Payne Brennans Magazin Macabre. Die wirkliche Wende setzte aber wohl erst ein, nachdem er in Kalifornien angelangt war. Er lernte den alten Pulpster E. Hoffman Price kennen und wurde schon bald zu einem regelmäßigen und gern gesehenen Gast in dessen "Lamasery" in Redwood. Die an der Wende von den 60er zu den 70er Jahren rasch aufblühende Welt der Fanzines, Semi-Prozines und Kleinverlage schuf außerdem ein Umfeld, in dem der Künstler Tierney endlich Gemeinschaft, Anerkennung und einen (wenn auch bescheidenen) Markt finden konnte. Der Tod August Derleths 1971 beendete außerdem die Herrschaft von Arkham House über die Mythos-Literatur, was dazu führte, dass sich diese allmählich für neue und unkonventionellere Stimmen öffnete. Netzwerke wie der Esoteric Order of Dagon stellten landesweite Verbindungen zwischen den Enthusiasten her. 
   
Ich habe mich hier in der Vergangenheit schon ein paar mal mit Schriftsteller*innen beschäftigt, deren Einstieg sich im Kontext dieses bunten Szene-Mikrokosmos der 70er Jahre vollzog: Jessica Amanda Salmonson, Wilum H. Pugmire, Charles R. Saunders. Was Tierney von diesen abhebt ist, dass er 10-15 Jahre älter war als sie, im Grunde also einer anderen Generation angehörte. Ein Unterschied, den man nicht aus dem Auge verlieren sollte.

1972 zog Tierney nach Minneapolis und versuchte gleichzeitig, eine Karriere als hauptberuflicher Schriftsteller zu starten. Schon bald war er Teil einer Community von Weird Fiction - Fans, die sich um John J. Koblas ("Count Koblas") und Eric Carlson gruppierte. Mit Donald Wandrei und Carl Jacobi lebten außerdem zwei alte Pulp-Veteranen in den Twin Cities. Die Mitgliederschaft der Gruppe fluktuierte stark, aber zum einen oder anderen Zeitpunkt gehörten zu ihr u.a. Phillip & Glen Rahman, Kirby McCauley, der Zeichner Joe West, Dennis Rickard und Don Herron. Die alljährlichen großen Zusammenkünfte, die zu Beginn anscheinend einfach "Oktoberfeste" genannt wurden, später aber in "Minn-Cons" umgetauft wurden, zogen regelmäßig Leute wie David C. Smith, Harry Morris, J. Vernan Shea und offenbar sogar einen jungen S.T. Joshi nach Minneapolis. In seinem Nachruf auf Tierney vermittelt Don Herron einen ungefähren Eindruck der Atmosphäre jener Jahre:   
As I’ve said elsewhere, most of my hour-by-hour hanging out was with Dick, and in retrospect it seems we were mostly tooling around in his VW bug. We made a run up to see the Kensington Runestone (as fans of Robert E. Howard, neither of us had any problem believing Vikings might have made their way along epic waterways into the middle of Minnesota). We went down to Dick’s hometown of Mason City, Iowa where he showed off the bank Dillinger once robbed. Alvin “Creepy” Karpis of the Barker-Karpis gang had lived in our neighborhood. Al Capone had a getaway home on the banks of one of the rivers. Indian mounds. We did it all. Mostly of course we circled around the narrow tombstone-bordered lanes of graveyards, talking weird fiction. Dick is the one who made “the Arthur Machen time of day” part of my mental fabric – the time as the sun sets when light flashes off distant windows, twilight dropping down.
Gedichte und Kurzgeschichten von Tierney erschienen relativ regelmäßig in Magazinen wie Nyctalops, Etchings & Odysseys, Whispers, The Diversifier, The Literary Magazine of Fantasy and Terror, Fantasy Crossroads und Eldritch Tales. Reich konnte man damit sicher nicht werden. Und so arbeitete er eine Zeit lang auch für den esoterischen Verlag Llewellyn in St. Paul. Trotz seines Interesses am Okkulten war Tierney alles andere als ein "True Believer", aber er hatte auch kein Problem damit, Artikel über entsprechende Themen zu schreiben, wenn die Bezahlung stimmte.
Immerhin wurde sein Roman The Winds of Zarr 1975 von Harry Morris' Silver Scarab Press veröffentlicht. Ein Ereignis, das in der Gruppe angemessen gefeiert wurde. Ungefähr zur selben Zeit übersiedelte Kirby McCauley nach New York, wo er schon bald zu einem der erfolgreichsten Genre-Literaturagenten der Zeit avancierte. Auf seine Vermittlung hin erschienen die ersten drei Simon of Gitta - Geschichten (The Ring of Set, The Scroll of Thoth und The Sword of Spartacus) in Andrew Offuts Anthologien-Reihe Swords Against Darkness. Auch schaffte er es, Tierney und Smith den Vertrag für die Red Sonja - Romane zu organisieren. Doch schon bald hatte er mehr als genug andere und "vielversprechendere" Klienten. Allen voran einen jungen Stephen King ...
 
1981 kehrte Tierney in die alte Heimat Mason City zurück, um sich seiner pflegebedürftigen Mutter zu widmen. Er sollte bis ans Ende seines Lebens dort bleiben. Im selben Jahr erschien ein Sammelband seiner Gedichte – Nightmares and Visions – bei Arkham House
Im Verlauf der 80er Jahre sollten außerdem noch einmal eine ganze Reihe von Kurzgeschichten aus seiner Feder das Licht der Welt erblicken. Einige wurden in Space and Time und Weirdbook abgedruckt, doch für das Erscheinen der Mehrheit war ein neuer Freund verantwortlich – Robert M. Price.
In den letzten Jahren hat Bob Price leider vor allem als rechter Provokateur mit Veröffentlichungen wie Flashing Swords #6 und From Secret Asia's Blackest Heart von sich reden gemacht. Doch in den 80ern und 90ern spielte er eine ziemlich wichtige und alles in allem wohl durchaus positive Rolle in der Entwicklung der Mythos-Literatur. Nicht zuletzt als Herausgeber von Crypt of Cthulhu. So trug er u.a. dazu bei, diese für queere Stimmen zu öffnen, und förderte Autoren wie Wilum Pugmire. Was den Simon of Gitta - Zyklus betrifft, ist die Bedeutung, die sein leidenschaftliches Engagement für dessen Fortführung besaß, gleichfalls unbestreitbar.
Die beiden lernten sich 1982 (?) kennen, als Tierney ihm einen Brief in Reaktion auf seinen in Nyctalops erschienenen Artikel The Old Ones' Promise of Eternal Life schickte:
In that bit of pretend-scholarship I argued that the “unexplainable couplet” was to be interpreted in terms of Gnosticism. Dick, of course, was quite interested in ancient Gnosticism, as witness his wonderful tales of Simon of Gitta, i.e., Simon Magus. We went on to correspond thereafter for several years. 
Die Hälfte aller Simon of  Gitta - Geschichten der 80er erschienen in Price-Publikationen wie Crypt of Cthulhu und Pulse Pounding Adventure Stories. The Throne of Achamoth schrieben die beiden sogar gemeinsam. Im August 1984 gestaltete Price eine Tierney-Sonderausgabe von Crypt of Cthulhu. Und Ende der 90er Jahre zeichnete er auch für die erste, bei Chaosium erschienene Sammelausgabe The Scroll of Thoth verantwortlich. 
 
Mit Beginn der 90er begann es allmählich still um den Erzähler Tierney zu werden. 1993 erschien zwar noch The House of the Toad bei Fedogan & Bremer, dem Verlag, den sein alter Minn-Con-Kumpel Philip Rahman Mitte der 80er zusammen mit Dennis Weiler gegründet hatte. Doch davon abgesehen konnte man nur noch hier und da auf einige Gedichte von ihm stoßen. In den 2000ern kam es  noch einmal zu einem kleinen "Revival": 2001 erschien der gemeinsam mit Glenn Rahman geschriebene Simon of Gitta - Roman The Gardens of Lucullus, 2006 der Gedichtzyklus The Doom of Hyboria in Leo Grins Cimmerian und 2008 schließlich der bereits gut anderthalb Jahrzehnte früher geschriebene Simon of Gitta - Roman The Drums of Chaos. Die Hoffnung, dass Winds of Zarr und ein Sammelband seiner cthulhuiden Kurzgeschichten bei Lindisfarne Press neu aufgelegt würden, zerschlug sich allerdings. Und 2006 erklärte Tierney dann in einem Interview: "I don’t seem to receive any more inspirations, divine or otherwise." In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete er wohl zusammen mit Glenn Rahman an einem weiteren Simon of Gitta - Roman (The Path of the Dragon), doch ist dieser allem Anschein nach unvollendet geblieben  

                                                  * * *
 
Über den nicht unbeträchtlichen Einfluss, den Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos vor allem auf die frühe Sword & Sorcery ausübten, habe ich hier schon mehrfach geschrieben. Auch in dieser Hinsicht stand Richard L. Tierney den Autor*innen der ersten Generation näher als vielen Vertreter*innen des Revivals oder der S&S der 80er Jahre. Tatsächlich ist das cthulhuide Element in den Simon of Gitta - Stories sogar noch sehr als viel expliziter als alles, was sich bei Robert E. Howard, C.L. Moore, Henry Kuttner oder Fritz Leiber findet. Allerdings war Tierneys Umgang mit dem Mythos dabei ein sehr eigener.
 
Sein kurzer, erstmals 1972 veröffentlichter Aufsatz The Derleth Mythos dürfte die früheste kritische Auseinandersetzung mit August Derleths Version des Cthulhu-Mythos gewesen sein, die dank der beherrschenden Stellung von Arkham House lange Zeit als die "kanonische" galt, obwohl sie zum Teil sehr deutlich von der ursprünglichen Vision Lovecrafts abwich. Der in Meade & Penny Friersons HPL abgedruckte Beitrag endet mit folgendem Absatz:
To sum up: The Cthulhu Mythos as it now stands is at least as much Derleth's invention as it is HPL's. The line of Lovecraft's development remains open -- no one has really taken up as yet where he left off -- and it leads toward the cosmic. Yet if one wants to get to the heart of what Lovecraft felt about the cosmos, one must sidestep Derleth and his followers. 
Das Interessante ist nun, dass Tierney trotz dieses Aufrufs in seinen eigenen Werken nicht zum "reinen" lovecraftschen Kosmizismus zurückkehrte. Er nahm vielmehr den Derleth-Mythos und deutete ihn nihilistisch um. Auch bei ihm herrscht ein kosmischer Konflikt zwischen den Älteren Göttern (Elder Gods) und den Großen Alten (Great Old Ones), doch ist dieser kein Kampf zwischen Gut und Böse. Die Großen Alten wollen die Welt in ihrer jetzigen Form zerstören und das absolute Chaos heraufführen. Die Älteren Götter versuchen dies zu verhindern. Aber dafür haben sie ihre eigenen, alles andere als sympathischen Motive. Sie, die "Lords of Pain", haben die materielle Welt geschaffen, damit sich irgendwann empfindungsfähige Lebewesen entwickeln können. Denn sie nähren sich von der psychischen Energie, die durch Schmerz und Leid freigesetzt wird.   
Bei Lovecraft sollte der Cthulhu-Mythos die Lage des Menschen angesichts eines sinn- und seelenlosen Universums versinnbildlichen, das von unveränderlichen Gesetzen beherrscht wird, die nichts mit unseren Wünschen, Bedürfnissen oder Moralvorstellungen zu tun haben.
Now all my tales are based on the fundamental premise that common human laws and interests and emotions have no validity or significance in the vast cosmos-at-large. (8)
Lovecrafts Mythos ist im Kern materialistisch, Tierneys dagegen in gewisser Weise blasphemisch. Die kosmischen Mächte stehen dem Menschen nicht einfach gleichgültig gegenüber, sie sind aktiv daran interessiert, ihm Leid zuzufügen. Das Universum ist nicht sinnlos. Es gibt eine "göttliche Weltordnung". Aber Gott ist ein Sadist.
 
Diese "dark cosmology" bildet den Hintergrund für einen Großteil von Tierneys literarischem Werk. Das gilt für die Geschichten um den Zeitreisenden John Taggart ebenso wie für die Red Sonja - Romane und den Simon of Gitta - Zyklus. Vor allem in letzterem verknüpft er sie mit Elementen aus dem antiken Gnostizismus. Denn schließlich gilt die materielle Welt auch dort als Schöpfung eines bösen Gottes, des Demiurgen.
Doch dieser kosmische Pessimismus führt nicht automatisch auch zu einer zynisch-misanthropen Weltsicht. Sehr schön lässt sich das an Winds of Zarr demonstrieren, denn eines der Themen des Romans ist gerade die Gefahr eines Abgleitens in einen mörderischen Menschenhass.
Tierney wurde von Cecil B. DeMilles epischer Talkie-Technicolor-Version der Ten Commandments (1956) zu der Erzählung inspiriert:
I remember I went to it five times the first year it ran! Of course I was steeped in Lovecraftian lore at that time and could sense what was going on “behind the scenes”. 
The Winds of Zarr
ist eine SciFi-Lovecraftianische Version der biblischen Exodus-Geschichte. Eine erste Fassung entstand 1959. Als der Roman 1975 schließlich veröffentlicht wurde, hatte ihn Tierney offensichtlich noch einmal einer Überarbeitung unterzogen, wird in ihm doch z.B. Präsident Nixon namentlich erwähnt. (9) Dennoch überrascht es, wie groß die Parallelen zur Präastronautik sind, hatte Tierney die ursprüngliche Version doch geschrieben, lange bevor die einschlägigen Bücher von Robert Charroux und Erich von Däniken erschienen waren. Immerhin werden die Ägyptischen Plagen und der Zug der Israeliten durchs Rote Meer hier mit der Intervention Außerirdischer erklärt. Der Roman ist damit ein besonders hübsches Beispiel für die enge Verbindung zwischen Cthulhu-Mythos und "Ancient Astronauts" - Humbug, die Jason Colavito in seinem Buch The Cult of Alien Gods ausführlich dokumentiert hat. (10)
Die Welt von Winds of Zarr ist dieselbe, in der auch die Simon of Gitta - Stories spielen. Das heißt vor allem, dass Howards Hyborian Age nicht nur ihre Vergangenheit darstellet, die durch einen großen Kataklysmus von der "realen" Historie getrennt ist, sondern sich Artefakte und Legenden aus dieser Vorzeit bis in die "Gegenwart" erhalten haben. So ist z.B. Nyala, die weibliche Hauptfigur des Romans, eine direkte Nachfahrin des Volks von Brythunia, die während ihrer Ausbildung zur Priesterin nicht nur "in den alten Aufzeichnungen von Stygia und Khem unterrichtet" wurde, sondern auch "das Heldenlied von Conan" gehört hat.
In seiner Darstellung des Mose – hier Mosche ben Amran genannt – hat Tierney mit großer Wahrscheinlichkeit Inspiration aus Sigmund Freuds Der Mann Moses und die monotheistische Religion bezogen. Denn nicht nur entpuppt sich der Prophet bei ihm als Ägypter, die Anfänge des jüdischen Eingottglaubens werden auch mit dem Aton-Kult des Pharao Echnaton verknüpft. Zugleich allerdings in einer hübsch blasphemischen Wende mit dem Cthulhu-Mythos. 
Wenn Lovecraft Elemente der christlichen Tradition mit den Großen Alten in Verbindung brachte, so geschah dies höchstens in Form der Identifikation Nyarlathoteps mit dem "Schwarzen Mann" aus dem Hexenglauben des 17. Jahrhunderts in Dreams in the Witch-House. Tierney hingegen hatte kein Problem damit, die großen "Weltreligionen" mit den Monstergöttern des Mythos zu verbinden. Und so ist Jahwe bei ihm in Wahrheit Yog-Sothoth. August Derleth hatte die Vorstellung geprägt, die Großen Alten seien vor Äonen von den Älteren Göttern an verschiedenen Orten der Erde "eingekerkert" worden. Und Yog-Sothoths Gefängnis befindet sich im Inneren eines Berges auf der Sinai-Halbinsel  (11) Bei Lovecraft standen die Großen Alten für die zerstörerischen Kräfte von Anarchie und Zerfall, die die Zivilisation bedrohen. Die Kultisten werden deshalb stets mit dem "Primitiven" oder "Degenerierten" in Verbindung gebracht. Der Inhalt des "Tierney-Mythos" scheint mir dagegen ein deutlich anderer zu sein. Was auch den unterschiedlichen Umgang mit den "Weltreligionen" erklärt.
 
Der eigentliche Protagonist von Winds of Zarr ist der Zeitreisende John Taggat, der aus einer postapokalyptischen Zukunft kommt: Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kam es zu einem atomaren Weltkrieg. In seiner Folge zerfiel die Welt in drei totalitäre Machtblöcke, bei denen wir ganz offensichtlch an Ozeanien, Eurasien und Ostasien aus Orwells 1984 denken sollen. Doch dann tauchten plötzlich die Raumschiffe der Zarr – einer aus der Andromedagalaxis (?) stammenden Erobererrasse, die unter der Herrschaft des Großen Alten Zathog steht – über der Erde auf und legten die menschliche Zivilisation endgültig in Schutt und Asche. Taggart hat die Apokalypse nur deshalb überlebt, weil er sich den Zarr angeschlossen hat.
Grund für diesen "Verrat an der Menschheit" waren seine vorherigen Erfahrungen mit Krieg und Unterdrückung. Nach all dem Leid, das die Menschen über sich selbst gebracht hatten, schienen sie es ihm nicht mehr wert, weiter existieren zu dürfen. Doch anders als Taraan, ein zweiter Zeitreisender und Zarr-Kollaborateur, schreckt Taggart mitunter vor den mörderischen Konsequenzen seiner Entscheidung zurück. Zwar ist seine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt mit einer tiefen Verachtung für die Mehrheit der Menschen gepaart. Wie er Nyala sagt:           

Sieh nur, wie einfach man Menschen in die Sklaverei, in Armut und Tod treibt, nur damit ein paar Fettwänste in übermäßigem Luxus leben können. Warum ziehen die Sklaven den Tod nicht vor? Die Menschheit ist wie eine Münze: 'Fettwanst' steht auf der einen und 'Feigling' auf der anderen Seite geschrieben. Ein Menschenschinder ist kein Held, sondern ein auszumerzendes Geschöpf. Und die Erfolgreichsten sind jene, die die meisten Feiglinge zusammenschlagen können und alle Mittel einsetzen, um dieses Ziel zu erreichen, sei es durch Folter, Verrat, Totschlag oder Mord.
Doch er empfindet immer noch zu viel Empathie für die Leidenden und Unterdrückten. Weshalb er sich auch ohne zu zögern auf die Seite der Sklaven stellt und die Zarr für ihre Befreiung vom Joch des Pharaos Ammenmeses einzuspannen versucht. Freilich ohne zu wissen, dass er damit nur den größeren Plänen der Außerirdischen in die Hände spielt.

Diese zwischen Rebellion und misanthroper Verzweifelung hin und her schwankende Weltsicht scheint mir dem "Tierney-Mythos" zugrundezuliegen. Ausgangspunkt ist dabei der Hass auf eine von Ausbeutung und Unterdrückung geprägte soziale Ordnung. Doch steigert sich dieser schließlich zu einer Art "metaphysischen" Wut auf die Ungerechtigkeit des menschlichen Daseins an sich. Ganz am Ende von Winds of Zarr erklärt Taggart:
Solange ein Lebewesen unter Schmerzen leben und in Schrecken sterben kann, stimmt etwas nicht mit dem Grundgesetz des Universums. Und dieses Grundgesetz muß geändert werden!
Ich würde nicht so weit gehen, Taggart als ein Alter Ego des Verfassers zu bezeichnen. Dazu weiß ich zu wenig über Richard L. Tierneys tatsächliche Weltsicht. Doch gibt es zumindest einige wenige Indizien, die dafür sprechen, dass er sich von der Realität des bürgerlichen Amerikas der 50er und 60er Jahre abgestoßen fühlte, jedoch keinerlei Hoffnung hegte, diese könne umgestürzt und durch eine bessere Ordnung ersetzt werden. So träumte er bei Beginn seines Studiums der Forstwirtschaft anscheinend davon, sich nach dem Abschluss in die Waldeinsamkeit zurückziehen zu können. Und Don Herron erzählt, Tierney habe lange Zeit vorgehabt (oder zumindest behauptet, es vorzuhaben) mit 40 Selbstmord zu begehen:
His rationale was purely intellectual. He had decided over the years that he’d never met anyone over the age of 40 worth talking to, and not to put himself in those ranks it’d be better to cash out.
Wenn Nyala Taggart am Ende von Winds of Zarr fragt: "[G]laubst du nicht, daß wir Leid mit Freude und Haß mit Liebe bekämpfen können?", wirkt das wie eine bewusste Anspielung auf den Love & Peace - Idealismus der Hippies. Und ich bezweifle nicht, dass Tierney diesen ebenso deutlich als naiv verworfen hätte, wie sein zeitreisender Protagonist.
Mir ist nichts über die politischen Ansichten des Autors bekannt. Seine 1997 erschienene Erzählung The Lords of Pain hinterlässt den Eindruck, dass er wohl eher nicht auf der radikalen Linken stand. Auch unterhielt er in den 70ern eine anhaltende Korrespondenz mit E. Hoffman Price, der zu dieser Zeit extrem rechte Standpunkte vertrat. (12) Robert M. Price bezeichnet den Freund in seinem Vorwort zu Sorcery Against Caesar als einen "freethinker" (13),– aber was heißt das schon genau? Ich jedenfalls habe das Gefühl, dass er einer jener instiktiven Rebellen ohne Perspektive war.  
 
Eben dieser Mischung aus Wut, Aufbegehren und Hoffnungslosigkeit werden wir wiederbegegnen, wenn wir uns im zweiten Teil dieses Beitrags dann endlich den Simon of Gitta - Geschichten selbst zuwenden.



(1) Natürlich speiste sich die frühe Sword & Sorcery daneben auch noch aus anderen Quellen. Vor allem H. Rider Haggard und Edgar Rice Burroughs dürfen nicht unerwähnt bleiben. 

(2) Brian Murphy: Flame and Crimson. A History of Sword-and-Sorcery. S. 12.

(3) Zit. nach: Ebd. S. 60. 

(4) Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 113f. Siehe auch Dierk Clemens Günther: History in Robert E. Howard's Fantastic Stories: From an Age Undreamed of to the Era of the Old West and Texas Frontier. (Ich hab' die Arbeit noch nicht selbst gelesen, aber sie klingt interessant).

(5) Ein schönes Beispiel für die diesbezügliche Vielgestaltigkeit des Subgenres ist die 2016 erschienene, von Jesse Bullington und Molly Tanzer zusammengestellte Anthologie Swords v. Cthulhu. Wie ich weiland in meiner Besprechung des Bandes geschrieben habe: "Die Anthologie ist eine in Setting, Stil und Ton recht vielfältige Sammlung von zweiundzwanzig Geschichten. Einige von ihnen greifen ganz direkt Versatzstücke des klassischen Cthulhu-Mythos auf, bei anderen besteht die Verbindung nur in atmosphärischer Hinsicht. Manche spielen vor einem historischen Hintergrund, andere sind in phantastischen Welten, eine sogar in Lovecrafts eigenen Dreamlands, angesiedelt."

(6) Zwei Beispiele kann man sich hier anschauen.

(7) Cora Buhlert schreibt in ihrem Beitrag Cele Goldsmith and the Sword and Sorcery Revival: "I hope that any history of sword and sorcery will also make room for Cele Goldsmith, who championed the genre when it had neither a name nor a market and without whom the sword and sorcery revival may well have been strangled in the crib." Für Flame and Crimson gilt das unglücklicherweise nicht. Ein Fehler, den Brian Murphy inzwischen wohl eingesehen hat und in einer überarbeiteten Neuauflage berichtigen will.

(8) H. P. Lovecraft: Selected Letters. Bd. II. S. 150. Dass die Entstehung des Cthulhu-Mythos letztlich wahrscheinlich weniger mit einem solchen Gefühl der "kosmischen" Verlorenheit als vielmehr mit gesellschaftlichen Ängsten Lovecrafts zu tun hatte, braucht uns hier nicht zu interessieren. Ich habe da vor Zeiten mal einen Essay zu veröffentlicht.  

(9) Ich habe Henry A. Quinns Übersetzung gelesen, die 1978 im Comet - Sonderband 1 erschien.

(10) In seinem Essay The Origins of the Space Gods erwähnt Colavito sogar Tierneys erstmals 1972 veröffentlichten Artikel Cthulhu in Mesoamerica.

(11) Was nicht bedeutet, Tierney stelle das Judentum als einen cthulhuiden Kult dar. Auch bei ihm hätte das mosaische Sittengesetz nicht von so einer monströsen Kreatur wie Yog-Sothoth, einer Verkörperung des reinen Chaos, geschaffen werden können. Dieser scheinbare Widerspruch wird folgendermaßen aufgelöst: Yog-Sothoth hat die Träume einiger besonders sensibler Menschen wie Echnaton, Hammurabi und Mosche beeinflusst, um sie zum Berg Sinai zu locken, damit sie ihn befreien. Dazu sind sie zwar nicht in der Lage, doch der vermeintliche "Ruf des Göttlichen" inspiriert sie zur Erfindung eigener Glaubenssysteme. Am Ende von Winds of Zarr finden unsere Held*innen die späteren "Gesetzestafeln", die sich als eine Hymne Echnatons und ein Auszug aus dem "Codex Hammurabi" entpuppen. Die Zehn Gebote sind also menschlichen Ursprungs.

(12) Berüchtigt ist Price' Vorwort zu dem 1975 erschienen Sammelband Far Lands Other Days, in dem er sich beim Ku Klux Klan für eine seiner alten Pulp-Stories entschuldigte und sich über die "civil ridghts ideocies" und andere liberale "Verbrechen" der Zeit erregte.

(13) In: Richard L. Tierney: Sorcery Against Caesar. S. ii.  

Donnerstag, 30. Juni 2022

Strandgut

Samstag, 4. Juni 2022

Strandgut

Mittwoch, 1. Juni 2022

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

 Odds Against the Gods / Wahrheit und die Götter von Tanith Lee

 
Einen Tag nachdem mein Beitrag über Der Ring von Ikribu hochgeladen war, fiel mir plötzlich auf, dass ein Thema, das ich ursprünglich noch hatte ansprechen wollen, im Zuge der letzten (und wie so häufig etwas schludrigen) Schreibphase unbemerkt unter den Tisch gefallen war. Statt die entsprechende Passage dem Artikel im Nachhinein hinzuzufügen, habe ich beschlossen, sie zu einem eigenen kleinen Blogpost auszubauen und mit einem kurzen Blick auf eine Kurzgeschichte von Tanith Lee zu verknüpfen. Diese Verbindung mag nicht die eleganteste sein, aber zu heftige editorische Eingriffe in bereits veröffentlichte Texte behagen mir halt nicht so recht.
 
In dem auf dem Blog von DMR Books veröffentlichten Interview erzählt David C. Smith über seine gemeinsam mit Richard L. Tierney geschriebenen Red Sonja - Romane:
I still have the letters we were sent by young women in the early eighties thanking Dick and me for writing books with a strong woman character these girls could look up to. There was nothing quite like Sonja out there at the time.
Und auch Tierney erwähnt "a female reviewer or two", die ihrer Behandlung der Figur positive Anerkennung gezollt hätten.
Doch so interessant diese Reaktionen auch sind, halte ich es für irreführend, Sonja als eine einsame Ausnahmeerscheinung der Zeit darzustellen. Eher schon macht es Sinn, die Bücher als Teil einer Entwicklung zu betrachten, die bereits in den 70ern begonnen und an der Wende zu den 80ern deutlich an Fahrt aufgenommen hatte  Eine Vorreiterrolle kam ihnen dabei nicht zu.
 
Wie ich immer wieder gern hervorhebe, besaß die Sword & Sorcery seit ihren Anfängen in den Pulps der 30er Jahre ihre Heldinnen. Vor allem natürlich C.L. Moores Jirel of Joiry. Die Mitte der 60er Jahre einsetzende Renaissance des Subgenres wurde anfangs zwar klar von männlichen Protagonisten dominiert, von denen viele wiederum ziemlich unverhüllte Conan-Klone waren. Die 1967/68 veröffentlichten  Alyx - Geschichten von Joanna Russ waren da eine seltene Ausnahme. Doch Mitte der 70er Jahre begann sich dies zu ändern. 1975 erschien Tanith Lees Birthgrave, 1976 C.J. Cherryhs Gate of Ivrel. Und obwohl beide Romane SciFi-Elemente enthalten, zähle ich persönlich sie zur Sword & Sorcery. Auch in den einschlägigen Genre-Anthologien begannen vermehrt Namen von Autorinnen aufzutauchen. Anfangs stand Pat McIntosh mit ihren Thula - Geschichten noch relativ alleine da. Doch schon bald gesellten sich ihr andere wie Janet Fox, Tanith Lee, Katherine Kurtz, Ardath Mayhar und Diana L. Paxson hinzu.* Ein wichtiger Meilenstein war ganz sicher Jessica Amanda Salmonsons 1979 herausgegebene Anthologie Amazons!. Der Band schlug große Wellen in der Szene und gewann ein Jahr später den World Fantasy Award. Die Herausgeberin selbst hat einmal gesagt:
[A]fter Amazons!, which was extremely well received & topped the Locus list & such like, a veritable floodgate opened, so that soon after Amazon heroic fantasies were practically the dominant form.
Verantwortlich dafür war sicher nicht allein das Erscheinen einer Anthologie -- so bedeutend diese ohne Zweifel auch war --, sondern die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der Zeit. Folgen der feministischen Bewegung der 60er und 70er Jahre, die ihrerseits nur ein Teil der sehr viel breiteren rebellischen Massenbewegungen der Ära gewesen war.
Auf jedenfall sehen wir ab 1980 tatsächlich immer mehr Heldinnen (und Autorinnen) in die Gefilde der Sword & Sorcery vorstoßen. Um nur einige frühe Beispiele zu nennen: 1980 erschienen Elizabeth A. Lynns The Northern Girl, Phyllis Ann Karrs Frostflower and Thorn, Janrae Franks The Hawk That Hunted Lions und In the Darkness, Hunting (Teil ihres Zyklus um Chimquar the Lionhhawk) und Janet Fox' erste Jaquerel-Story. 1981, das Jahr, in dem The Ring of Ikribu erschien, sah auch die Veröffentlichung von Jessica Amanda Salmonsons Tomoe Gozen, der in den nächsten Jahren The Golden Naginata und Thousand Shrine Warrior folgen sollten. Selbst in Band 5 von Lin Carters "altehrwürdiger" Antho-Reihe Flashing Swords! waren mit C.J. Cherryh, Diane Duane & Tanith Lee erstmals die Autorinnen in der Überzahl. 1982 legte Salmonson mit Amazons II nach, während Phyllis Ann Karrs Frostflower and Windbourne auf den Markt kam. 1984 schließlich begann Marion Zimmer Bradley mit der Herausgabe der langlebigen Antho-Reihe Sword and Sorceress.
   
Bei vielen Leuten, die nur eine oberflächliche Kenntnis des Subgenres besitzen, steht die Sword & Sorcery nicht selten im Ruf, besonders sexistisch, wenn nicht sogar misogynistisch, zu sein. Das alte Klischee von den hyper"maskulinen", muskelbepackten Barbaren und den leicht bekleideten Damsels-in-distress. Und es ist nicht so, als ließen sich dafür nicht tatsächlich Beispiele finden -- auch abseits von John Normans berüchtigter Gor - Reihe. Doch gerade die hier beschriebene Entwicklung verlieh Teilen der S&S der 70er/80er Jahre einen völlig anderen Charakter. Um Paula R. Stiles' Artikel Tales from the Brass Bikini: Feminist Sword and Sorcery zu zitieren:  
Decades before the tough, gun-toting vampire hunters with their sassy tats, navel-rings, and strange attractions to undead sexual partners from the other side of the fence, Sword and Sorcery (excuse me -  "Heroic Fantasy," we're calling it now) was the unapologetic ghetto of feminist fantasy. These heroines, who did not care one hoot whether they were drawn like men with tits or not, were powerful sorceresses, cold-blooded mercenaries with magical and Freudian blades, lusty queens, even lustier pirate captains, and female Conans who wore almost nothing into battle. If you wanted your feminism with a hefty dose of mindless, bloody action, S&S was your first stop. As a young tomboy growing up in the 70s and 80s, I ate it all up with a bronze dagger.
In Brian Murphys Geschichte der Sword & Sorcery Flame and Crimson wird dieser Entwicklung leider kaum mehr als beiläufige Beachtung geschenkt. Und zum Teil ist die Darstellung auch etwas irreführend. Wenn Murphy etwa schreibt: "Thieves' World helped pave the way for greater female involvement in sword and sorcery", und im selben Absatz eine Besprechung von Amazons! folgen lässt, entsteht der Eindruck, Salmonsons Anthologie verdanke ihre Existenz irgendwie der "Shared World" von Robert Asprin, Lynn Abbey & Gordon Dickson. Was ganz sicher nicht der Fall war! In gewisser Weise wird damit die bahnbrechende Bedeutung von Amazons! heruntergespielt.**
 
Die einzige Kurzgeschichte, die Murphy in diesem Kontext namentlich erwähnt ist Odds Against the Gods:
"Odds Against the Gods" by Tanith Lee in Swords Against Darkness II (1977) passes the pop-culture "Bechdel Test" on every level, featuring a female author writing about a female protagonist involved in a sexual relationship with another female.***
Schaun wir mal, was sie tatsächlich zu bieten hat.
 
Wenn der Krieger der eine große Archetyp der Sword & Sorcery ist, so der Spitzbube der andere. Manchmal vermischen sich die beiden, wie im Falle von Fritz Leibers Fafhrd & The Grey Mouser. Ein besonders früher "reiner" Vertreter des letzteren ist Clark Ashton Smiths hyperboreanischer Meisterdieb Satampra Zeiros, ein weiterer Jack Vance' Cugel the Clever aus dem Dying Earth - Zyklus. Und so wie die Sword & Sorcery ihre Amazonen hat, hat sie auch ihre Spitzbübinnen. Die Heldin von Odds Against the Gods ist eine ganz prächtige von ihnen.
 
Bei der Lektüre musste ich mehr als einmal an Phyllis Ann Karrs The Robber Girl aus Amazons II denken. Die Stimme der Ich-Erzählerin ist ähnlich schelmisch-selbstbewusst und das Ganze hat einen vergleichbar märchenhaften, aber mit viel Ironie gewürzten Charakter. Doch trotz des lockeren Tonfalls besitzt die Geschichte eine sehr viel größere Schärfe, die Heldin einen fröhlich-boshaften Zug.
Als Findelkind "am rosafarbigen Strand von Skorm" gefunden, wächst sie in der Obhut der "Donsar-Ordensschwestern" auf, die ihr den Namen "Wahrheit" geben. Das Leben der Schwestern ist eine überdrehte, karrikaturenhafte Version der Verhältnisse in einem spätmittelalterlichen Nonnenkloster -- Sinnenfeindlichkeit, Masochismus und psychische Überspanntheit:
[S]o ziemlich das einzige, was diesen Bräuten Donsars gestattet war, waren Ablutionen, Beten und Selbstzüchtigungen -- Beschäftigungen, denen sie sich fast ohne Unterlaß hingaben.
Zur Entspannung durften die Bräute die Schriften der Inbrunst lesen, das waren die Tagebücher von inzwischen in ein besseres Leben eingegangenen Schwestern, die in allen Einzelheiten über ihre ekstatisch selbstzugefügten Wunden und über die Liebe zu ihrem Gott berichteten. Leid und Schmerz waren in ihrem Glauben die höchste Erfüllung. Infolgedessen wurden Leiden als etwas Erfreuliches gesehen: Zahnschmerzen, Bauchgrimmen oder ein gebrochenes Bein brachten den Leidenden Glückwünsche ein und waren Grund zur Freude.   
Dass sich unsere Heldin, deren orangefarbenes Haar von den Nonnen gleich als ein Zeichen von "Leidenschaftlichkeit und Eigensinn" identifiziert wird, in diesem Umfeld alles andere als wohl fühlt, versteht sich von selbst. Mit Zwölf versucht sie wegzulaufen, gelangt aber nicht weit. In der Folge entwickelt sie gewitzte Strategien, um weiteren Besrtrafungen zu entgehen und sich das Leben hinter den Klostermauern dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten:
Durch die geschickte Anwendung von Ruß unter den Augen konnte ich den Anschein erwecken, meine Nächte mit Beten zugebracht zu haben, während ich in Wirklichkeit tief und ungestört schlief. Und wenn ich mir verdünnte rote Tinte auftrug -- die ich angeblich benutzte, um ausgiebig in mein Tagebuch der Reue und Zerknirschung zu schreiben --, tat ich es so, daß die Flecken in den Augen der kurzsichtigen Schwestern wie Striemen aussahen.
Statt einsam in ihrer Zelle zu meditieren, verfasst sie dort sehr unfromme und wenig ehrerbietige Gedichte über den Gott Donsar und was sie von ihm hält. Die Hoffnung, diesem Käfig eines Tages doch noch entkommen zu können, gibt sie freilich nicht auf.
Pünktlich zu ihrem siebzehnten Geburtstag taucht eine neue Novizin in dem Kloster auf, eine außergewöhnlich hübsche, blonde junge Frau. "Wahrheit" beschließt sofort, ihr während ihrer ersten Nachtwache vor dem Altar Gesellschaft zu leisten. Lalmi wurde von ihrer adeligen Sippschaft ins Kloster verfrachtet, um einen Fluch aufzuheben, der den heimatlichen Palast mit Einsturz bedroht. "Wahrheit" macht keinen Hehl aus ihrer Verachtung für das Ordensleben, und die gemeinsame Nacht endet auf sehr erfreuliche, wenn auch nicht eben regelkonforme Art: 
Im Morgengrauen unterbrachen uns die schrillen Entrüstungsschreie der Bräute, die uns mit ihren Ritualfackeln bei einer Umarmung überrascht hatten, die so unschwesterlich wie leidenschaftlich war.
Da die beiden sich der Sinnenlust hingegeben haben, "der unverzeihlichsten aller neunhundertdreiunddreißig Sünden, die in den Schriften der Inbrunst aufgeführt werden", sollen sie einem Meeresungeheuer geopfert werden. Man schafft sie zu einer einsamen Hütte an der Küste, wo der grummelige Grunelt die offenbar recht häufig zu ihm gesandten (und stets weiblichen) Opfer für den "Prinzen" vorbereitet. In einer Szene, die mehr grotesk als grauenerregend wirkt, wird die arme Lalmi denn auch tatsächlich von einer merkwürdigen Kreatur in die Tiefen des Ozeans verschleppt und verschwindet damit auch schon wieder aus der Geschichte. Da der "Prinz" sich pro Tag stets nur ein Opfer gönnt, bleibt "Wahrheit" noch eine Nacht, um ihre Flucht in die Wege zu leiten. Auf geschickte Weise versteht sie es, den sexuellen Zudringlichkeiten Grunelts zu entgehen, überrumpelt den Kerl schließlich, schlägt ihn k.o. und macht sich von dannen, wobei sie eine Flasche nebst Flaschendämon mitgehen lässt.
Von nun an tritt "Wahrheit" anderen gegenüber grundsätzlich als "junger Mann" auf. Natürlich braucht sie erst einmal ein Rettier, also klaut sie einer kleinen Reisegruppe einen Sanfttrampler. (Keine Ahnung, wie die im Original heißen, aber was für ein glorioser Name für ein Fantasy-Reittier!) Und bevor sie ihre Freiheit so richtig genießen kann, muss sie auch erst mal mit den Nonnen abrechnen. Im Kloster angekommen gibt sie sich als "wandernder Seher" aus und benutzt ihren lichtfressenden Flaschendämon, um das Ewige Licht im Altarraum zum Verlöschen zu bringen. Die Schwestern glauben sich von ihrem Gott verlassen und wenden sich hilfesuchenden an den "Seher". "Wahrheit" lässt sich für ihre "Dienste" mit sämtlichen Klosterschätzen bezahlen und verkündet, dass Donsar über die Art und Weise erzürnt sei, mit der man ihm bislang hier gedient habe. Der Gott erwarte von seinen "Bräuten" nicht Selbstpeinigung, sondern hemmungslosen Hedonismus. Und so versinkt das Kloster schon bald in wilden Orgien ...
"Wahrheit" zieht frohgemut weiter, doch es dauert nicht lange und ihr Schicksal nimmt erneut eine unerfreuliche Wendung. Mitten in einer öden Wüstenei wird unsere Spitzbübin von einem anderen Halunken um ihre gerade erst erräuberten Besitztümer erleichtert und verliert schließlich sogar noch ihren Sanfttrampler. Natürlich lässt sie sich das nicht einfach so gefallen und nimmt die Verfolgung des Räubers auf.
Sie gelangt zu einem einsamen Gebäude mit einer eigentümlichen und fürchterlich komplizierten Apparatur im Inneren. Wie ihr der übelgelaunte Greis, der hier mit zwei bösartigen Hunden haust, erklärt, handelt es sich dabei um den "alten Destillator von Sath Monnis", der "das verseuchte Wasser des Flusses in einen gesunden Trunk umwandelt und ihn mittels Pumpen und Rohrleitungen in die Zisternen dieser erwähnten Metropole befördert". An technischen Wundern ist "Wahrheit" nicht wirklich interessiert, an trinkbarem Wasser schon sehr viel mehr, nach ihrem langen Marsch durch die Wüste. Doch der Greis ist nur dann bereit, ihr etwas von dem kostbaren Nass zu überlassen, wenn sie ihrerseits drei Nachtschichten in dem Destillator übernimmt. Kaum ist der Alte wieder eingeschlafen, spielt unsere Heldin -- ob aus Bosheit oder Langeweile -- an all den Knöpfen und Hebeln herum, ruiniert die komplizierte Maschinerie und sucht eilends das Weite.
Das ach so "prächtige" und "bedeutende" Sath Monnis entpuppt sich gleichfalls nicht eben als gastlicher Ort. Der bigotten Bürgerschaft gilt Blasphemie als größtes aller Verbrechen, das ohne viel Federlesens mit dem Tode bestraft wird. Auf Bettelei steht "bloß" Amputation. Kaum die richtige Stadt für eine so wenig gottesfürchtige und dazu auch noch mittellose Person wie unsere Heldin. Allerdings trifft sie im Gasthof "Zur Abgebissenen Quitte" den Halunken aus der Wüste und macht sich sogleich daran, ihm ihre alten Schätze wieder abzuluchsen. Doch ihr Plan geht nur teilweise auf und am Ende sitzen sie alle beide im Kerker und warten auf ihre Hinrichtung. Angesichts dieser prekären Lage kommen "Wahrheit" und Nazarn schließlich überein, dass es wohl klüger wäre, gemeinsam ihre Flucht zu organisieren, statt sich weiter gegenseitig übers Ohr zu hauen.
Als mit einiger Verzögerung das aufgrund des zerstörten Destillators ja nicht mehr gereinigte Wasser Sath Monnis erreicht und Chaos in der Stadt ausbricht, gelingt es den beiden tatsächlich, sich davon zu machen. Doch müssen sie schon bald feststellen, dass sie von den durch die Zerstörung ihrer Metropole erzürnten marmornen Göttern von Sath Monnis verfolgt werden. Nur mit Hilfe einer lüsternen alten Hexe gelingt es ihnen, dieser tödlichen Bedrohung zu entkommen. Und selbstverständlich kriegen sie es anschließend auch noch hin, die Greisin um die ihr versprochene (sehr fleischliche) Belohnung zu betrügen ...
 
Odds Against the Gods erschien erstmals im September 1977 in der zweiten Ausgabe von Andrew J. Offutts Anthologie Swords Against Darkness und wurde 1978 erneut im 4. Band von Lin Carters The Year's Best Fantasy Stories abgedruckt. Hierzulande wurde sie gleich dreimal unter drei verschiedenen Titeln veröffentlicht: Als Spötter gegen die Götter im Science Fiction Almanach 1981, als Einer (?) gegen die Götter in Atlantis ist überall (einer Auswahl von Kurzgeschichten aus Swords Against Darkness) und schließlich als Wahrheit und die Götter in Lore Straßls Übersetzung der Besten Fantasy-Stories 4.

Die Story liest sich ausgesprochen amüsant. Die spöttisch-ironische Haltung gegenüber Religion hat mich ein wenig an Fritz Leibers Lean Times in Lankhmar erinnert, besitzt aber eine wütendere Spitze. Odds Against the Gods ist zwar ohne Zweifel eine Geschichte von Rebellion, doch unsere Heldin kann mitunter ziemlich boshaft und selbstsüchtig wirken. So verkraftet sie z.B. erstaunlich schnell den Tod ihrer "ersten Liebe" Lalmi. Und die beiläufige Art, in der sie davon erzählt, wie sie den Untergang einer ganzen Stadt herbeigeführt hat, wirkt beinah etwas unheimlich. Das ändert zwar nichts daran, dass ihr unsere Sympathie gehört, aber es macht die Story doch ein klein wenig ambivalenter als man das von einer "Emanzipationsgeschichte" vielleicht erwarten würde.


* Am frühesten erscheint Andre Norton mit einigen Witchworld - Geschichten in Lin Carters Flashing Swords! Aber ich bin mir nicht ganz sicher, inwieweit man sie als Teil dieser Entwicklung sehen kann. Dazu weiß ich zu wenig über den Witchworld - Zyklus.  

** Brian Murphy: Flame and Crimson. A History of Sword-and-Sorcery. S. 157. Richtig ist sicher, dass die beiden großen "Shared Universes" der S&S der 80er -- Thieves' World und Liavek -- Teil der Entwicklung bzw. von ihr mitgeprägt waren.

*** Ebd. S. 183.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Ein Ring sie zu ... ?

Am 1. Februar dieses Jahres starb im Alter von 85 Richard L. Tierney -- einer der Großen Alten der Sword & Sorcery und der Weird Fiction. Ich habe vor, in nicht gar zu ferner Zukunft einen etwas längeren Beitrag über seinen Simon of Gitta - Zyklus zu schreiben, in dem ich mich dann auch etwas eingehender mit Leben & Werk des Schriftstellers beschäftigen werde. Doch erschien mir dieses Projekt eine ausreichende Entschuldigung, um mir die sechs Red Sonja - Romane zu organisieren, die Tierney zusammen mit David C. Smith in den 80ern für Ace Books geschrieben hat. Schließlich habe ich in dieser Hinsicht inzwischen einen gewissen Ruf zu wahren. Das erste dieser Bücher -- The Ring of Ikribu -- wurde kurioserweise später selbst wieder im Rahmen von The Savage Sword of Conan als Comic adaptiert. Da die Idee auch den Zuspruch einiger Twitter-Bekannter gefunden hat, habe ich beschlossen, zuerst einmal eine kurze Besprechung dieses Zwillings-Werkes hier einzuschieben.
 
Richard Tierney und David Smith hatten sich Mitte der 70er Jahre durch den Esoteric Order of Dagon, eine damals sehr rührige Assoziation lovecraftianischer Fans und Fanzines, und den Kritiker Dirk Mosig kennengelernt. Wie Smith 2019 in einem Interview mit Joe Bonadonna erzählt hat:
We were both early members of the Esoteric Order of Dagon, the Lovecraft APA, and Dirk had kindly agreed to read and comment on the manuscript of Oron, which I’d completed in 1974. Sword-and-Sorcery fiction is not really something Dirk is interested in, or wasn’t at the time, but he liked Oron and mentioned it to Dick. By this time, I’d learned about Dick’s work, and he agreed to read Oron. I met Dick and Dirk and other good people in the fall of 1975, when I traveled with Roger Bryant, who was then the editor of the EOD, to St. Paul for Oktoberfest.
Oron war Smiths erster Sword & Sorcery - Roman, das Debüt seines gleichnamigen conanhaften Heroen und der Startpunkt für einen schließlich fünf Bände umfassenden Zyklus. Durch Tierneys Vermittlung gelangte das Manuskript auf den Schreibtisch des New Yorker Literaturagenten Kirby McCauley. Der nahm Kontakt zu Roberta Grossman von Zebra Books auf. Oron konnte er dort zwar nicht auf Anhieb unterbringen (der Roman würde erst 1978 erscheinen), aber dafür erhielt Smith das Angebot, ein Bran Mak Morn - Pastiche für den Verlag zu schreiben, da man befürchtete, dass Karl Edward Wagner diesen Auftrag nicht in der verabredeten Zeit erledigen werde. Smith lieferte alsbald ein Exposé für For the Witch of the Mists ab, aber auch dieses Projekt zerschlug sich erst einmal. Stattdessen sollte er nun einen Roman über Howards Piraten "Black" Terence Vulmia schreiben. Was ihm gar nicht ungelegen kam.
I’d always wanted to write a pirate novel and had an abandoned one in my files. Roberta accepted my initial chapter and outline, and I spent the winter of 1976-1977 in my little apartment in Erie, Pennsylvania, during one of the worst blizzards of the century, writing about pirates and witches in the Caribbean. 
Kaum war das Manuskript von The Witch of the Indies akzeptiert, als auch der Bran Mak Morn - Roman erneuts aufs Tapet kam, denn Wagner hatte die Arbeit an Queen of the Night inzwischen tatsächlich endgültig aufgegeben. Smith beschloss, das Projekt gemeinsam mit seinem Kumpel Dick Tierney anzugehen. Dieser hatte selbst bereits einige Erfahrung mit Howard-Pastiches. 1974 hatte er im Auftrag von Donald M. Grant und Glenn Lord den Sammelband Tigers of the Sea zusammengestellt. Von den darin enthaltenen Geschichten über den irischen "Wikinger" Cormac McArt waren Tigers of the Sea und The Temple of Abomination Fragmente, die Tierney fertiggeschrieben hatte.*
 
For the Witch of the Mists öffnete die Tür für den Deal mit Ace Books. McCauley vermittelte Smith und Tierney einen Vertrag über vier Red Sonja - Bücher, der später auf sechs erweitert wurde. The Ring of Ikribu erschien 1981. Die beiden schrieben durchschnittlich zwei der Romane pro Jahr. Neben ihren persönlichen Projekten. Der Modus Operandi, den sie dabei entwickelten, sah folgendermaßen aus: Am Anfang stand ein gemeinsames Brainstorming. "He and I would toss ideas around for a while" (Tierney). Woraufhin Smith einen ersten Entwurf zu Papier brachte. Diesen würde Tierney dann mehr oder weniger stark überarbeiten und "aufpolieren": "I’d then work it over thoroughly, often deleting and rewriting whole sections and finally polishing it up for publication." Nach Smiths Einschätzung war dies die den jeweiligen Vorlieben und Talenten der beiden perfekt angepasste Arbeitsteilung:      
Dick and I were friends, and he told me right up front that he’d prefer to have me do the first drafts, and I agreed. His natural habitat was the library, where he could read and do research to his heart’s content. I was most comfortable looking at a blank sheet of paper and putting down whatever scene was there in my imagination at the time. So I did all the first drafts and Dick polished them.
Die Vorgaben seitens des Verlages waren offenbar sehr allgemein gehalten und die beiden hatten ziemlich große Freiheit in ihrer Gestaltung der Figur, wie Tierney erzählt:
We were told to follow Roy Thomas’s conception of her as a Hyborian Age heroine, but as you know, we didn’t present her as the comic-book babe in the steel bikini through most of the novel series.
Bei den ersten paar Büchern schickte Smith seinen Entwurf dennoch erst einmal an Roy Thomas, um dessen Segen zu erhalten. Doch so wie es aussieht, brachte dieser kaum Änderungswünsche vor. Smith erwähnt nur einen einzigen Fall im Zusammenhang mit The Ring of Ikribu:   
I remember that in the first one, he nixed my idea of having a Cimmerian warrior show up south of the border. He was right, of course; it was just my idea of trying to sneak in a Conan-type character for a scene or two.
Mit dem hünenhaften Söldner Som gibt es eine Nebenfigur in dem Roman, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie ursprünglich dieser Cimmerier gewesen ist. Handfeste Belege habe ich dafür allerdings nicht.
 
Doch bevor wir uns dem Inhalt des Romanes zuwenden, noch ein kleiner Schlenker: Zwei Jahre zuvor war in der Novemberausgabe 1979 von Space and Time eine Story von David C. Smith mit dem Titel The Blood Ransom of Ikribu erschienen. So wie es aussieht wurde sie in dem 2020 bei Pulp Hero Press herausgebenen Sammelband Tales of Attluma als Blood Ransom erneut abgedruckt. Demnach gehört sie zu dem Zyklus von Kurzgeschichten, die in der Welt von Smiths Clonan Oron angesiedelt sind. Oder wurde diesem zumindest nachträglich vom Autor zugeordnet. Leider habe ich keine Ahnung, ob eine Beziehung zwischen der Story und dem Red Sonja - Roman besteht. Ist der Ikribu aus dem Titel derselbe finstere Ältere Gott? Und entspricht das mythisch-metaphysische Element des Romans -- und damit auch seine "Philosophie" -- dementsprechend in erster Linie Smiths Ideen? Wäre interessant zu wissen ...
 
Das Buch selbst beginnt jedenfalls mit einem Fehlgriff, denn die Erzählung wäre meines Erachtens sehr viel effektvoller gewesen, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die Konfrontation zwischen dem Äonen alten, kürzlich aus seinem Todesschlaf erwachten Hexer Asroth und dem exilierten Herzog und Söldnerführer Pelides gibt im Grunde alle wichtigen Momente der Hintergrundsgeschichte Preis. Wir erfahren, dass Pelides im Auftrag des Magiers ein antikes Artefakt, den titelgebenden "Ring von Ikribu", finden und heben sollte. Erzürnt über den anhaltenden Misserfolg seines Handlangers und dessen "Repektlosigkeit" (=Mangel an Unterwürfigkeit) belegt Asroth ihn mit einem fürchterlichen Fluch, der das Gesicht des Herzogs auf so grausige Art verunstaltet, dass sein bloßer Anblick jeden Betrachter in den Wahnsinn stürzen würde. Nachdem er noch ein paar von Pelides' besten Kriegern mit wenig mehr als einer Handbewegung ins Jenseits befördert hat, startet er einen erneutem Versuch, mit Hilfe seiner magischen Künste den ´Fundort des Rings ausfindig zu machen. Und unter Aufbietung all seiner Kräfte gelingt es ihm tatsächlich, die kurze Vision einer Stadt heraufzubeschwören. Einer Stadt, die er kennt ...
 
Die eigentliche Handlung startet an einem der Lieblingsörtlichkeiten  der Sword & Sorcery -- einer eher nicht so noblen Taverne, in der's hoch hergeht. Vor einem tagelangen, wüsten Unwetter Schutz suchend, hat sich hier ein wilder Haufen von Söldnern und Haudegen eingefunden. Der junge, idealistisch-naive Allas bemüht sich vergebens, unter ihnen Soldaten für seinen Herrn Olin anzuheuern, der einen Feldzug zur Rückeroberung seiner Stadt Suthad vorbereitet. Schließlich wird eine seiner pathetischen Reden durch die Ankunft eines weiteren Neuankömmlings unterbrochen -- der Roten Sonja.
 
Es lässt sich nicht vermeiden, wir müssen kurz darauf zu sprechen kommen: Unsere Heldin trägt auch bei ihrem Romandebüt den Chainmail Bikini:
Hochgewachsen und hellhäutig war sie, mit langem, zerzaustem flammendrotem Haar -- und sie trug Rüstung. Von ihrem Waffengürtel hingen ein Langschwert in der Scheide und ein Dolch. Ihre Rüstung bestand aus einem knappen Mieder aus Schuppenblättchen, das bis unter ihren Busen reichte, und einem kurzen Rock. Eine gut gearbeitete, silberne Rüstung war es, doch von großem Nutzen sicher nicht. Vermutlich trug sie sie auch weniger zum Schutz, denn als Zeichen ihres ungezähmten Geistes.
Einerseits ist das nachvollziehbar. Schließlich ist Der Ring von Ikribu eine Art Tie-In - Novel zu der Comicfigur. Und zu dieser Zeit war der Bikini nun einmal Sonjas Standardkostüm. Die von Frank Thorne gezeichnete Serie war zwar 1979 eingestellt worden, aber auch in der in der Oktoberausgabe 1980 von Conan the Barbarian erschienenen Story A War of Wizards trägt sie ihn immer noch. Das würde sich erst 1983 mit dem Neustart der Soloserie ändern.
Andererseits wirkt diese "Rüstung" im Kontext eines Romans noch sehr viel unsinniger als in einem Comic. Die Sword & Sorcery - Kunst der 70er Jahre -- mit ihren Wurzeln in der Pulp-Kunst früherer Jahrzehnte -- strebte keine "realistischen" Darstellungen an. Sie hatte "cool" auszusehen. Natürlich kann man die extrem sexualisierte Erscheinung einer Figur wie Red Sonja aus guten Gründen kritisieren. Aber in der visuellen Ästhetik der S&S - Comics der Zeit macht der Chainmail Bikini durchaus "Sinn". Er soll sexy wirken. Eine andere Daseinsberechtigung braucht er nicht. Bei der Übertragung in ein nicht-optisches Medium geht dies weitgehend verloren. Wodurch seine eigentliche Absurdität erst recht ins Auge springt und nun mit etwas lahm wirkenden "Erklärungen" kaschiert werden muss.
Allerdings ist es schon auffällig, dass der Chainmail Bikini im Rest des Buches höchstens noch einmal flüchtig Erwähnung findet. Die Einführungsszene wirkt deshalb mehr wie eine Pflichtübung. Sonjas Attraktivität wird zwar immer mal wieder hervorgehoben, aber sie wird dabei nicht übermäßig sexualisiert. Eine Szene, auf die wir noch genauer zu sprechen kommen werden, ist dabei besonders interessant. Vor allem, wenn man zum Vergleich Esteban Marotos Comic-Adaption hinzuzieht.
David C. Smith hat über seine Herangehensweise an die Figur einmal folgendes gesagt:  
What I am proudest about, regarding the Sonjas, is that I was very aware that we were writing stories about a strong woman character, and I loved that idea. I like strong women; I like intelligent women; those are the types of women who raised me and whom I grew up around, basically country people and working class people, regular folks. They’d been raised during the Great Depression and lived through World War II. My dad and his brothers had fought overseas in wartime. They all knew what the world was made of. This is how I grew up. So I considered Sonja to be the kind of good-looking redhead country woman who could walk into a truck stop, put down as many beers as any guy, beat him at arm wrestling, and kick the ass of any trucker who tried to go too far with her. 
"Strong Woman" ist sicher so ein Begriff, der mit etwas Vorsicht zu genießen ist, kann er doch sehr schnell zu einem Klischee werden. Aber Sonja als eine Art Working Class - Heldin zu sehen, kommt natürlich sehr meinen eigenen Ideen von Sword & Sorcery als der plebejischen Fantasy entgegen. Und ist mir entsprechend sympathisch. 
 
Was sich nach Sonjas Ankunft in der Taverne abspielt, entspricht ziemlich genau dem "Truck Stop" - Szenario. In späteren Red Sonja - Comics begegnet man unzähligen Variationen auf diese Szene. Aber als Smith & Tierney ihren Roman schrieben, war sie glaube ich noch nicht völlig zum Klischee verkommen. Jedenfalls sorgt sie dafür, dass wir sehr schnell ein gutes Bild von Sonja bekommen: She doesn't take bullshit und ist verdammt flink mit der Klinge. Anders als später üblich, ist es kein männliches Großmaul, das den Ärger auslöst, sondern eine der Schankmaiden, die die Kriegerin verspottet und provoziert, wofür sie einen ordentlichen Tritt in den Hintern bekommt. Was dann allerdings einer der Söldner als Beleidigung "seines Mädchens" auffasst, so dass es doch noch zu Schwertgeklirre und Blutvergießen kommt.
Sonja hat damit sofort den Respekt aller Anwesenden gewonnen. Als es Allas gelingt, sie für Lord Olins Feldzug anzuheuern, dauert es deshalb nicht lange, und der ganze wilde Haufen folgt ihrem Beispiel. Zu dem Trupp gehört auch der Hüne Som, ein erfahrener, aber im Grunde irgendwie gutmütig wirkender Veteran, der schon bald kameradschaftliche Bande mit unserer Heldin anknüpft.
 
Im Heerlager angekommen trifft Sonja zuerst einmal Herzog Pelides. Der ehemalige Kriegsherr trägt nunmehr einen schwarzen Helm mit maskenartigem Visier, um sein grausiges Antlitz zu verbergen. Da es Asroth war, der Suthad angegriffen und erobert hat, hat Pelides sich Olin angeschlossen, da er hofft, im Verlauf des Feldzugs seine persönliche Rache an dem Hexer nehmen zu können. Sonja misstraut ihm instinktiv und schätzt ihn als gefährlichen Fanatiker ein.
Die einzige Frau im Lager scheint Tias zu sein, Allas' Geliebte (oder Verlobte?), die mindestens ebenso naiv wie er selbst ist. Da der junge Offizier sich "natürlich" ein bisschen in Sonja verknallt hat, ist Eifersucht fürs erste ihr hervorstechendes Charaktermerkmal. Überhaupt macht sie über weite Strecken des Buches keinen sonderlich sympathischen Eindruck, wirkt wie ein reiches, verzogenes Gör, das ständig schmollt und schimpft, wenn es einmal nicht nach ihrem Kopf geht. Doch wenn man sich ihre Lage einmal richtig vor Augen führt, ist ihr Verhalten eigentlich gut nachvollziehbar. Als Tochter einer aristokratischen Familie in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, wurde sie auf brutalste Weise aus diesen herausgerissen und in eine Situation versetzt, in der sie sich gänzlich hilflos und verloren fühlen muss. Dass sie sich um so fester an Allas klammert, ist eigentlich verständlich. Interessanterweise ist sie die einzige Person, die einen Funken Menschlichkeit und Mitgefühl in dem sonst emotional völlig tot wirkenden Pelides zu wecken vermag. Auch macht sie im Laufe der Erzählung von allen Figuren die vielleicht stärkste charakterliche Entwicklung durch.
Und dann ist da natürlich noch Olin selbst. Ein charismatischer Heerführer mit menschlichen Zügen, der allerdings völlig auf die Rückeroberung seiner Stadt fixiert ist und im weiteren Verlauf der Handlung selbst zunehmend fanatischer wird.
 
Obwohl sie ja eigentlich bloß als einfache Söldnerin angeheuert wurde, dauert es nicht lange und Sonja gehört zum inneren Kreis um Olin. Als das Lager von geflügelten Monstren überfallen wird, bei denen es sich makabrer Weise um die schwarzmagisch mutierten, von den Toten auferweckten Leibgardisten des Fürsten handelt, kann sie ihr überragendes Kampfgeschick unter Beweis stellen, was ihr schon einmal seinen Repekt einbringt. Doch beginnt der Heerführer alsbald auch noch ganz andere Gefühle für sie zu entwickeln.
 
An diesem Punkt spaltet sich die Geschichte -- für mich zumindest -- in zwei Teile auf. Auf der einen Seite die eigentliche "Abenteuer"handlung, die mir ziemlich gut gefallen hat. Auf der anderen die Olin-Sonja-"Romanze", von der ich das leider nicht unbedingt behaupten kann.
 
Beginnen wir mit dem Positiven. Nachdem das Heer in Richtung Suthad aufgebrochen ist, legt sich eine langsam wachsende bedrohlich-beunruhigende Atmosphäre über die Erzählung, die Smith & Tierney recht geschickt heraufzubeschwören verstehen. Des Nachts erspäht man geheimnisvolle Lichter (Lagerfeuer?) in der Ferne, am Morgen ist fernes Donnergrollen zu vernehmen, das mit Sicherheit kein Gewitter ankündigt. Man stößt auf keinerlei Widerstand und als man schließlich die Stadt erreicht, wirkt diese auf den ersten Blick wie ausgestorben. Tatsächlich gibt es zwar einige Überlebende, doch scheinen diese sämtlichst den Verstand verloren zu haben und schlurfen zombiegleich durch die Gassen. Auf Straßen und Plätzen liegen überall Haufen verrottender, stinkender Leichen, an denen sich die Aaskäfer gütlich tun. Von Asroth und seiner "Geisterarmee" findet sich keine Spur. Ist der Hexer noch in Suthad oder hat er sich zurückgezogen? Und wenn ja, warum? Ist dies eine Falle? Warum hat Asroth die Stadt überhaupt überfallen? Der Anblick von so viel scheinbar sinnlosem Tod und Leid versetzt Olin allmählich in einen monomanischen Zustand von Hass, hilfloser Wut und Rachsucht. Derweil kommt es zu immer heftigeren Spannungen zwischen den regulären Truppen und den Söldnerhaufen, die sich selbst durch eine partielle Freigabe der Stadt zum Plündern nicht lange befriedigen lassen.
 
An dieser Stelle zeigt sich meiner Ansicht nach besonders deutlich, warum es besser gewesen wäre, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die verstörende Atmosphäre wäre noch einmal um einiges intensiver, wenn wir als Leser*innen genau so wenig über Asroth und seine Ziele wüssten, wie Sonja und ihre Gefährten. Wenn die Zerstörung, die er über Suthad und seine Bewohner gebracht hat, uns ebenso willkürlich und sinnlos erscheinen würde. Auch wäre es sehr viel effektvoller gewesen, wenn wir Asroth nicht am Anfang der Geschichte als alten Mann auf seinem Thron gesehen hätten, sondern er für den gesamten Handlungsverlauf eine finstere ferne Präsenz geblieben wäre. Zumal wir ihm nicht noch einmal als "normalem", lebendigen Menschen begegnen werden. Ich schätze, der Prolog existiert hauptsächlich dazu, den Lesenden einen leichteren Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen. Aber leichter ist eben nicht immer besser.

Als Sonja für sich allein durch die verödeten Straßen streift, erblickt sie plötzlich eine Gestalt, die irgendwie nicht hierhin zu gehören scheint:
Es war keine große Gestalt -- dem Gang nach ein Mann. Er trug eine einfache graue Kutte, wie sie sie an Priestern, Einsiedlern und auch Zauberern gesehen hatte. Er schien auf nichts ringsum zu achten; trotzdem stahl er sich dahin, als wäre er auf der Flucht.
Sie stellt den Mann, der sich als Stygier namens Sopis entpuppt. Er lässt sich widerstandslos in den Palast führen, in dem Olin sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, zeigt dabei aber keinerlei Furcht, sondern vermittelt eher den Eindruck abgeklärter Überlegenheit.
Als es kurz darauf zum Ausbruch offener Feindselighkeiten zwischen Söldnern und regulären Truppen kommt, nutzt Sopis die Verwirrung, um sich erneut davonzustehlen. Nur Sonja folgt ihm und gelangt dabei schließlich in ein höchst merkwürdiges Turmgemach:
Sonjas erster und verwirrter Eindruck war, daß der Raum eine Falle für sie darstellte. Er war auf die verrückteste Weise gewinkelt und zwar mit voller Absicht. Der Fußboden schien schräg abwärts zu einer Ecke zu verlaufen, die Decke sich in seltsamer Weise in die entgegengesetzte Richtung zu neigen, und die Wände waren schief. Die Geometrie war verkehrt. Sonja spürte, daß irgendwie Dinge -- Menschen -- Kräfte -- so sicher in diesen wahnsinnigen Winkeln festgehalten werden konnten, wie ein Kind einen Käfer in einem Weinbecher festzuhalten vermochte.
Eigentlich macht es überhaupt keinen Sinn, dass sich dieses lovecraftianische Gemach in einem der Türme des Fürstenpalastes von Suthad befindet. Am ehesten ließe sich vorstellen, dass die Anwesenheit Asroths den Raum selbst "verzerrt" hat. Nichtsdestoweniger ist das ein angemessener Ort für Sopis' Enthüllungen über die wahre Bedeutung der Ereignisse. Nun erfährt auch Sonja von dem Ring von Ikribu, den der von den Toten auferstandene Hexer in dieser Stadt gesucht, aber nicht gefunden hat. Sopis selbst offenbart sich als Mitglied einer stygischen Bruderschaft, die den Älteren Gott Ikribu verehrt und gleichfalls nach dem Ring verlangt. Allerdings nicht, um damit die Welt zu erobern, sondern um Asroth für immer zu zerstören. Man könnte meinen, dies müsse Sopis und Sonja zu Verbündeten machen, doch als der Priestermagier ihr mit triumphalem Grinsen den Ring zeigt, weiß sie, dass der Kerl nicht vorhat, sie nach seinem Vortrag am Leben zu lassen.
Allein das Auftauchen der großartig grotesken Tentakelmonster, die Asroth auf Olins Heer angesetzt hat, verhindert das vorzeitige Ableben unserer Heldin. Beim Einsturz des Turmes kommt Sopis selbst ums Leben und der Ring fällt in Sonjas Hände.
Nach einem weiteren blutigen Gemetzel sieht die Situation folgendermaßen aus: Obwohl sein Heer inzwischen deutlich zusammengeschmolzen ist, will Olin zu Asroths gar nicht so ferner Festung marschieren und mit dem Hexer abrechnen. Pelides wiederum lässt endlich erkennen, dass auch er hinter dem Ring her ist. Und er hat keinen Zweifel, dass dieser sich inzwischen in Sonjas Besitz befindet. Diese selbst ist sich unsicher, was zu tun ist, und hält das Artefakt fürs erste vor Freund und Feind verborgen.
 
An diesem Punkt drängt sich dann leider für ein halbes Kapitel die "Romanze" in den Vordergrund.
Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass Olin und Sonja romantische Gefühle füreinander entwickeln. Ich hätte so einen Subplot zwar nicht gebraucht, aber an sich ist daran natürlich nichts schlimmes. Das Problem sind die Gründe, warum es dennoch nicht zu einer Beziehung zwischen den beiden kommen kann. Denn wir haben es in diesen Romanen ja mit der von Roy Thomas geschaffenen Figur zu tun. Sie hat also den berüchtigten "Keuschheitseid" abgelegt und geschworen, nur mit dem Mann Sex zu haben, der sie im Zweikampf bezwingen kann.
Das Motiv selbst ist übrigens ziemlich alt. So enthält z.B. bereits die im 10. Jahrhundert entstandene arabische Geschichtensammlung Tales of the Marvellous and News of the Strange (Kitab al-Hikayat al-Ajiba wa-l-Akhbar al-Ghariba) die Figur der Prinzessin Mayasa, "[who] would only accept as a husband a man who could defeat her in combat". Thomas selbst erwähnt im Vorwort zu Der Ring von Ikribu einige Zeilen aus W. B Yeats' Theaterstück On Baile's Strand als Inspiration. In diesem, auf den heldenepischen Überlieferungen des Ulster-Zyklus basierenden Drama erzählt die Figur Fintain von der amazonenhaften Königin Aoife: "I overheard her telling that she never had but one lover, and that he was the only man who overcame her in battle."**
Doch im Falle von Red Sonja ist das Motiv halt unauflöslich mit dem Hintergrund ihrer Vergewaltigung und der anschließenden Göttererscheinung verbunden, durch die die in ihr schlummernde Kraft entfesselt wurde. Und dazu möchte ich eigentlich gar nichts weiter sagen, sondern bloß Jessica Amanda Salmonsons Kommentar aus Amazons! zitieren: "Ich persönlich finde den Gedanken, daß man Frauen erst einmal vergewaltigen muß, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zum 'Kämpfer' vollziehen können, nicht gerade einnehmend."***Und sie drückt das noch zurückhaltend aus.
Smith & Tierney trifft hier keine direkte Schuld. Sie hatten sich an Roy Thomas' Vorlage zu halten. Wenn Sonjas Gedanken zu den schrecklichen Ereignissen aus ihrer Vergangenheit abschweifen, wird zum Teil wörtlich Thomas' erstmals 1975 erschienene Story The Day of the Sword zitiert. Aber es ist nun einmal so, dass sobald ein romantisches Element Eingang in eine dieser Geschichten findet, das beinah automatisch in unangenehme Gefilde führen muss. Manches in Der Ring von Ikribu spricht dafür, dass Smith & Tierney die "Göttererscheinung" (und damit auch den "Keuschheitseid") psychologisch zu deuten versuchen. Aber ein pulpiger, actiongeladener Sword & Sorcery - Roman scheint mir kaum der geeignete Ort für eine ernsthafte Beschäftigung mit den psychologischen Folgen sexueller Gewalt zu sein. Und entsprechend "unangemessen" wirkt auch das Ergebnis. Auch hätte ich wirklich dankend darauf verzichten können, einen Blick in Red Sonjas erotische Träume zu werfen.
Glücklicherweise erschöpft sich der ganze "romantische" Subplot mehr oder weniger in dem einen Kapitel. In dem müssen wir dann zwar die etwas abgeschmackte Abfolge von *Kuss* -- Sonja: "Ich will ja, aber ich kann nicht!" -- Olin: "Warum nicht?" -- Sonja: "...." -- Olin: "Sag es mir!" -- Sonja: "Mein Eid" -- Olin: "Dann kämpfen wir halt" durchlaufen. Aber zum Glück für alle Beteiligten (einschließlich der Leserschaft) tauchen zur rechten Zeit noch ein paar finstere stygische Magierpriester auf, die das Duell der beiden unterbrechen und die Handlung wieder in abenteuerlichere Bahnen lenken.          
 
Abenteuerlichere und zunehmend finstere.
Olins Armee ist auf etwa tausend Mann zusammengeschrumpft, als sie sich erneut in Marsch setzt. Niemand scheint so recht zu wissen, was geschehen soll, wenn man die Festung Asroths erreicht hat. Besteht überhaupt eine Chance, mit Schwertern und Speeren gegen die magischen Kräfte des Hexers anzukommen? Doch der Fürst ist unerbittlich in seinem Verlangen, Asroth seiner gerechten Strafe zuzuführen, und versteht, seine Mannen mitzureißen. Derweil verlangt Pelides immer aggressiver, dass man ihm den Ring aushändige. Nur er sei in der Lage, Asroth mit Hilfe des Artefaktes zu bezwingen. Doch Sonja bleibt unschlüssig und ihr Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Herzog ist unverändert groß. 
Rosig ist die Lage also ohnehin nicht, doch bald schon legt sich eine immer bedrückendere Atmosphäre über die Truppe, die nicht allein auf die wenig hoffnungsvolle Situation zurückgeführt werden kann. Ein Soldat, der plötzlich von Wahnsinn übermannt seine Kameraden attackiert, ist nur der erste Vorbote für das kommende Unheil. Pelides' Warnung in den Wind schlagend führt Olin das Heer in ein Sumpfgebiet, da dies der direkteste Weg zu Asroths Festung ist. Unter den Männern machen sich Angst und Verunsicherung breit. Dann beginnen eine ganze Reihe von ihnen im Schlaf zu sterben. Sonja selbst fällt dem beinah zum Opfer. Die Situation eskaliert schnell, als erst Horden von Zombies und schließlich der zu monströsem Leben erwachende Sumpf selbst über die rasch dahinschmelzende Truppe herfallen.
 
Ich war etwas überrascht, wie kompromisslos finster der Ton des Romans auf diesen letzten hundert Seiten wird. Olins Feldzug entpuppt sich mehr und mehr als ein ebenso blutiges wie sinnloses Unterfangen. Seine Leute sterben zu Hunderten. Am Ende sind von den 1000 Mann, die Suthad verlassen haben, wenig mehr als ein Dutzend übrig. Der Heerführer selbst wirkt dabei zunehmend verblendet. Wenn Tias ihm schließlich vorwirft, ein Wahnsinniger zu sein, der sie alle ins Verderben führt, fällt es schwer, der verzweifelten jungen Frau zu widersprechen. Schließlich findet Olin selbst den Tod im Kampf gegen die Sumpfmonster. Und am Ende sind es nicht Sonja und die kleine Schar der Überlebenden, die Asroth zur Strecke bringen, sondern Pelides und die stygischen Priestermagier.
Erstaunlicherweise funktioniert der "romantische" Subplot in diesem Kontext am Besten. Sonja und Olin sprechen zwar nicht noch einmal über ihre Gefühle, aber dafür gibt es ein-zwei Momente, in denen wir spüren können, was sie füreinander empfinden, ohne dass es dafür leidenschaftliche Deklamationen oder heiße Küsse bräuchte. Und wenn Sonja bei Olins Tod jede Selbstkontrolle verliert und sich voll berserkerhafter Wut und Verzweifelung auf die Monster stürzt, ist dies gleichfalls eine ziemlich eindrückliche Szene.
Auch mit Allas stellen Smith & Tierney in diesem letzten großen Abschnitt noch einmal interessantes an. Zuerst bekommt man den Eindruck, der junge Offizier solle den Typ des naiven Jünglings verkörpern, der durch die Erfahrung des Krieges zum "Mann" heranreift. Doch bei genauerer Betrachtung trifft das eigentlich nicht zu. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieses (üble) Klischee sunbersiv unterlaufen wird. Denn der Feldzug erweist sich ja letztenendes als völlig sinnlos. Wenn Allas tatsächlich einen Reifeprozess durchmacht, so nicht, weil er im Kampf "gestählt" wurde und gelernt hat, andere totzuschlagen, sondern weil er Wahnsinn und Leid miterlebt hat, ohne an ihnen zu zerbrechen. Ähnliches gilt für Tias.
 
Das Grauen dieses hoffnungslosen Feldzugs ist eng verknüpft mit dem Ring, ohne dass ganz klar wäre, wie genau wir diese Verbindung zu verstehen haben. Pelides erzählt Olin folgendes über die Natur des Artefaktes:
Dieser Gott, Ikribu, soll ein Gott des Blutes und Kampfes gewesen sein. Die schwarzen Armeen des alten Kheba und Ishadris verehrten ihn als Kriegsgott und opferten Tausende in Schlachten ihm zu Ehren. Und zuvor soll er einer der Älteren Götter gewesen sein -- jene Gottheiten, die den Menschen und alle andere Leben erschufen, um sich von den Kräften zu nähren, die durch Leiden und Tod ausgestrahlt werden. Einige ihrer Artefakte wurden besonders dazu erschaffen, die Menschen auf den Pfad des Wahnsinns und Untergangs zu führen, eben damit die Kräfte frei würden für die Älteren Götter. Der Ring soll ein derartiges Artefakt sein; ein Ring der Macht, ein Ring des Wahnsinns!
Ist es am Ende gar nicht Asroths Magie, gegen die Olin und seine Männer kämpfen und durch die sie schließlich zugrunde gehen, sondern die des Ringes? Ist es sein Einfluss, der den Fürsten auf seinen letztlich sinnlosen Kreuzzug gegen den Hexer getrieben hat? Ist das große Gemetzel, dem am Ende nur ein kleines Häuflein entkommt, in Wahrheit ein riesiges Schlachtopfer, an dem sich der monströse und ewig gierige Ikribu ergötzen kann?
Der Roman gibt darauf keine eindeutige Antwort. Der Ring schützt Sonja zeitweise vor einigen der übernatürlichen Bedrohungen. Er rettet Pelides das Leben und spielt eine wichtige Rolle bei der letztlichen Vernichtung Asroths. Und doch ist er ganz offenbar ein böses, verderbenbringendes Artefakt. Er steht für die Kräfte von Wahnsinn und Chaos. 
Der Einfluss des lovecraftianischen kosmischen Horrors ist hier unverkennbar. Aber mit diesem Motiv werden wir uns im Zusammenhang mit den Simon of Gitta - Geschichten noch zur Genüge beschäftigen, in denen Cthulhu-Mythos und spätantike Gnosis eine ganz eigentümliche Verbindung eingehen. Darum hierzu erst einmal nichts weiter.
Diese Kräfte völlig zu überwinden, scheint dem Menschen unmöglich zu sein. Dennoch gilt es, ihnen mit erhobenem Haupt entgegenzutreten. Am Ende sagt Sonja zu den stygischen Priestermagiern, die Ikribu dienen und ihm Opfer darbringen, um ihn zu besänftigen:
Eines Tages finden wir [Menschen] vielleicht die Kräfte und das Wissen, gegen diese Ungeheuer vorzugehen und sie zu vernichten, so daß sie nicht mehr >beschwichigt< werden müssen. Ich wollte, ich könnte mein Schwert dafür leihen. 
Ein wenig erinnert mich das an die Worte von Robert E. Howards Solomon Kane in Wings in the Night:
Over the souls of men spread the condor wings of colossal monsters and all manner of evil things prey upon the heart and soul and body of Man. Yet it may be in some far day the shadows shall fade and the Prince of Darkness be chained forever in his hell. And till then mankind can but stand up stoutly to the monsters in his own heart and without, and with the aid of God he may yet triumph.
Hierin liegt auch der Grund, warum die Geschichte für mich bei aller Düsternis nicht die Grenze zum Grimdark überschreitet. Olins Feldzug, dem Aberhunderte zum Opfer fallen, erweist sich letztendes zwar als sinnlos, aber seine Motive waren nicht fehlgeleitet, auch wenn sie sich gegen Ende vielleicht mit blindem Fanatismus vermischen. Das Ganze ist eher tragisch als zynisch. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Strahlende Helden gibt es sicher keine in Der Ring von Ikribu, aber auch keine amoralischen Antihelden, die gerade deshalb "cool" und "edgy" wirken sollen. Mit Ausnahme Asroths, der eher eine finstere "Macht" als ein Individuum ist, zeigen am Ende alle zumindest Spuren von Menschlichkeit und Empathie, selbst so düster-zweideutige Gestalten wie Pelides und die Stygier. Und gerade darin besteht für mich eine der Stärken des Romans.
 
Abschließend noch ein paar Worte zur deutschen Ausgabe. Bizarrerweise versucht der Klappentext die Red Sonja - Bücher als Tie-in - Novels zum Brigitte Nielsen / Arnold Schwarzenegger - Streifen von 1985 zu verkaufen, indem er die filmische Backstory der Figur anzitiert: "Als die Soldaten der grausamen Königin Gedren ihre Eltern und ihren Bruder ermorden, schwört sie ihre Familie zu rächen." Ich habe keine Ahnung, wie bekannt die Red Sonja - Comics Mitte der 80er Jahre hierzulande waren. Aber bei Heyne dachte man sich offenbar, mit dem Film könnte man eher Leser*innen ködern. Die Qualität von Lore Strassls Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich das englische Original ja nicht kenne. Auffällig sind aber ein paar Archaismen wie "Dämmernis" und "Jungmann" -- obwohl ich finde, das letzterer Begriff Allas irgendwie sehr gut charakterisiert. Im englischen Text gibt es wohl eine Szene, in der plötzlich eher unpassende Ausdrücke wie "assholes" und "get fucked" fallen. Die wurden in der Übersetzung allem Anschein nach rausredigiert und durch angemessenere "hyborianische" Schimpfworte wie "ihr Hunde" ersetzt. Was durchaus den Wünschen von Tierney und Smith entsprochen haben dürfte. Denen hatte damit nämlich ein Copyeditor bei Ace einen bösen Streich gespielt, wie Smith in einem Interview erzählt:
I didn’t write that and neither did Dick. In fact, he found a copy of the book on the racks first, in December 1981, and phoned me in anger to ask how the hell I’d managed to put anachronistic cuss words into those scenes. I ran out and found a copy of the book and saw it for myself. I phoned Kirby, and that led to Susan Allison’s phoning me to explain that she’d had nothing to do with it, that those changes had been inserted into the copy by an angry copyeditor who’d done it because he’d been fired. So, thanks, unknown asshole, whoever you are and wherever you are out there now.
Über die von Roy Thomas getextete, von Estaban Maroto gezeichnete Comic.Adaption habe ich nur wenig zu sagen. Sie erschien erstmals 1995 in Nr 230-33 von Savage Sword of Conan. Eine kolorierte Fassung wurde 2010 bei Dynamite als Nr. 1-4 von Classic Red Sonja Re-Mastered herausgegeben. Über die Qualität der Zeichnungen reicht es vielleicht zu sagen, dass Esteban Maroto sich später sehr deutlich von dem Comic distanziert hat und ihn als eine Auftragsarbeit bezeichnete, die er am liebsten ungeschehen machen würde. In seinem Vorwort zu The Ballad of the Red Goddess ("Letter to a Redheaded Goddess") klingt das folgendermaßen:
They asked me to do a story with you dressed in a steel breastplate and some leather straps, which made you look like a Roman centurion or a transvestite disguised as a drag queen. I'm a contractor who must work for money, so I accepted the job. It was like making love with a street hooker, some episodes I'd rather forget and hope you can forgive me.    
Mit dem Fehlen des Chainmail Bikinis hatte ich jetzt keine Probleme. Und gerade in den späten Ausgaben von Savage Sword of Conan sind mir auch schon schludriger gezeichnete Comics untergekommen. Doch wenn man The Ring of Ikribu durchblättert, hat man tatsächlich fast nirgends den Eindruck, ein Werk von Maroto vor Augen zu haben. Und schon das allein ist im Grunde ein vernichtendes Urteil.
Nur an zwei Stellen hatte ich das Gefühl, Anklänge an seinen persönlichen Stil erkennen zu können. Und vielleicht nicht zufällig sind beides Szenen, in denen Maroto Sonja nackt und "erotisch" in Szene setzen konnte. Dabei finde ich vor allem die Darstellung des Alptraums, der unsere Heldin beinahe in den Abgrund des Todes reißt, sogar ziemlich gelungen und eine der besten Passagen des Comics. In gewisser Weise noch interessanter ist allerdings das andere Beispiel, denn dabei handelt es sich um eine Badeszene. Solche finden sich in Comics (und auch Filmen) ja häufig aus keinem anderen Grund als dem, eine Entschuldigung dafür zu liefern, warum man eine weibliche Figur unbekleidet zeigen kann. Und Maroto hat sie auch sofort genutzt, um Sonjas Körper möglichst erotisch darzustellen. Doch erstaunlicherweise gibt es diese Szene tatsächlich auch im Roman, wo sie allerdings eine völlig andere Funktion besitzt. Dort fungiert das Bad als eine Art "privater Raum", in dem erst Tias, dann Pelides "Vier-Augen-Gespräche" mit Sonja führen können, abseits der "Öffentlichkeit" von Olins Kriegsrat. Dass unsere Heldin dabei nackt ist, wird auch nicht ansatzweise dazu genutzt, sie zu sexualisieren oder eine "erotische Spannung" zu erzeugen. Ich will Maroto nicht vorwerfen, dass er die Gelegenheit auf seine Art "ausgenutzt" hat. Finde es bloß interessant, wie die Übertragung in ein visuelles Medium einer Szene plötzlich einen ganz anderen Vibe verleihen kann.
Inhaltlich hält sich der Comic zwar ziemlich genau an seine Vorlage. Doch entsteht leider nie so richtig die bedrückend-bedrohliche Atmosphäre, die so viel zur Qualität des Romanes beiträgt. Alles in allem sicher nicht der schlechteste Red Sonja - Comic, den ich je gelesen hätte, aber auch keiner, den ich irgendjemanden in die Hand drücken würde.



 

* Solche "posthumen Kollaborationen" (um August Derleths Begriff zu verwenden) waren in den 70ern eine weitverbreitete Praxis, nicht nur im Zusammenhang mit dem Howard-Boom, der durch L. Sprague de Camps Neuauflage der Conan-Stories bei Lancer Books ausgelöst worden war. So "vollendete" z.B. Lin Carter vier Clark Ashton Smith - Fragmente, die im wiederbelebten Weird Tales (1973) und Ted Whites Fantastic (1975/76) erschienen. Drei der Stories nahm er auch gleich in seine eigenen Year's Best Fantasy Stories - Anthologien auf. Vier weitere würde er in den 80er Jahren anfertigen.

** William Butler Yeats: On Baile's Strand. Meiner (sicher sehr bruchstückhaften) Kenntnis altirischer Heldenepik zufolge, hatte Aoife anders als Mayasa (oder Sonja) allerdings keinen vergleichbaren Eid abgelegt. Vielmehr gehört zu den drei Forderungen, die Cú Chulainn nach ihrer Niederlage an sie stellt, die, ihm einen Sohn zu gebären ...  

*** Jessica Amanda Salmonson: Amazonen!. S. 68.