"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 10. Oktober 2021

Strandgut

Sonntag, 3. Oktober 2021

Alles Conan, oder was? – Nope!

In ihrem vorletzten Monatsrückblick auf FragmentAnsichten hat Alessandra in Reaktion auf einen Beitrag von Remco van Straten & Angeline B. Adams die Frage aufgeworfen, wie prägend und dominierend Robert E. Howards Conan für die Sword & Sorcery überhaupt noch sei. Stellt der Cimmerier tatsächlich immer noch "the alpha and the omega of the genre" dar? Und ist dessen "De-Conan-isierung" darum wirklich noch ein so dringend gebotenes Anliegen wie die beiden meinen?
Ihre eigene Antwort fällt eindeutig aus:
[I]ch denke bei Sword & Sorcery nicht automatisch an Conan. Ich denke eher an die ohneohren-Low Fantasy, an Torsten Finks Maru-Romane, an die Comics von Sylvain Cordurié, an Peter Hohmanns „Weißblatt“ oder an Susanne Pavlovics „Feuerjäger“. Kommt alles ohne halbnackte Barbaren aus.
Nun kenne ich die meisten der von Alessandra genannten Beispiele nicht aus eigener Leseerfahrung. Abgesehen von Sylvain Corduriés & Leo Pilipovics Ravermoon - Trilogie, die ich vor ein paar Monaten auf ihre Anregung hin gelesen habe`*, und der 2017 bei ohneohren erschienenen Anthologie Heimchen am Schwert. Dennoch  geht es mir im Grunde ganz ähnlich: Ich habe die Sword & Sorcery  nie ausschließlich oder auch nur primär mit Conan und dem Bild des muskelbepackten Barbaren identifiziert.
 
Mein Einstieg in das Subgenre waren Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grey Mouser, und das hat meine Sichtweise glaub ich dauerhaft geprägt. 
Als ich die beiden 1986 erschienenen Heyne - Sammelbände Schwerter im Nebel und Schwerter von Lankhmar,  die die alten Übersetzungen von Wulf H. Bergner & Thomas Schlück enthielten, erstmals in die Finger bekam, hatte mein 13/14jähriges Ich sicher nicht das Gefühl, damit etwas grundsätzlich anderes zu lesen als etwa Tolkiens Herr der Ringe, der meine Einstiegsdroge in die Fantasy gewesen war. Doch als ich nach einer langen Pause viele Jahre später zum Genre zurückkehrte, hatte sich mein Blickwinkel deutlich geändert. Viele Elemente der von Tolkien repräsentierten Spielart der Fantasy erschienen mir nun frag- und kritikwürdig: Die feudale Romantik, die "gottgegebenen" Hierarchien, der "kosmische" Kampf zwischen Gut und Böse, der "auserwählte Held" mit seiner "Bestimmung" etc.  Demgegenüber wirkten Leibers Geschichten nun wie ein subversiver Gegenentwurf. Dies war der Startpunkt, von dem aus sich meine Herangehensweise an die Sword & Sorcery entwickelte. 
Eine weitere wichtige Komponente war sicher, dass zu meinen frühesten Begegnungen mit dem Subgenre außerdem Schwertschwester gehört hatte, die deutsche Übersetzung der ersten der von Marion Zimmer Bradley in den 80ern herausgegebenen Sword and Sorceress - Anthologien. Von Anfang an war die Welt der Sword & Sorcery für mich deshalb auch nicht ausschließlich von irgendwelchen hyper"maskulinen" Kriegergestalten bevölkert.
 
Wenn ich mich in der Folge mehr und mehr gerade zu diesem Subgenre der Fantasyliteratur hingezogen fühlte, war der Hauptgrund dafür, dass ich in ihm -- von Leiber herkommend -- die Fantasy der plebejischen Underdogs zu erblicken begann.  Oder wie Saladin Ahmed es einmal ausgedrückt hat: Sword & Sorcery ist "blue-collar fantasy". Natürlich ist das Subgenre damit nicht erschöpfend charakterisiert. Auch könnte man eine Reihe von Gegenbeispielen dazu ins Feld führen. Insbesondere Michael Moorcocks Geschichten, deren Helden Elric, Corum und Dorian Hawkmoon durchgehend aristokratischer Herkunft sind und in wahrhaft kosmische Konflikte verwickelt werden, von deren Ausgang das Schicksal ganzer Welten abhängt. Aber mir geht's hier ja nicht um eine präzise, "wissenschaftliche" Definition der Sword & Sorcery, sondern um meine persönliche Beziehung zu ihr. Und für mich sind ihre Held*innen halt in erster Linie Glücksritter, Diebe, Halunken, Söldner -- eher zuhause in verräucherten Kaschemmen als in prachtvollen Palästen und nur selten auf einer Queste zur Rettung der Welt. Neben Fritz Leibers Geschichten besteht "meine" Sword & Sorcery aus Werken wie Saladin Ahmeds Throne of the Crescent Moon, Steven Brusts (frühen) Vlad Taltos - Büchern, Scott Lynchs Gentleman Bastards, Elizabeth A. Lynns Chronicles of Tornor, Jack Vance' Dying Earth (vor allem Cugel the Clever) oder Gail Simones Version von Red Sonja. Und wenn sich doch einmal ein Aristo unter den Held*innen findet, dann ist es jemand wie Darrell Schweitzers verfluchter Ritter Sir Julian the Apostate oder C.L. Moores Châtelaine Jirel of Joiry.
 
Und wie fügt sich da nun Conan ein?
Ich habe Robert E. Howard erst sehr spät gelesen. Lange Zeit beschränkte sich meine Bekanntschaft mit dem Cimmerier auf die Schwarzenegger-Flicks Conan the Barbarian (1982) und Conan the Destroyer (1984). Schon allein deswegen konnte er für mich nie die das Subgenre definierende Figur sein. Als ich mich seinen Abenteuern dann schließlich doch zuwandte, war die Frage eher: Wie verträgt sich Conan, der ja fraglos am Anfang der Sword & Sorcery gestanden hatte, mit meiner Sicht auf dieselbe?
Als einem Mitt-Dreißiger stießen mir die krasseren Beispiele von Rassismus & Sexismus in den Stories sicher übler auf als es in meinen Teens vermutlich der Fall gewesen wäre. Vor jeder Art Fanboytum war ich deshalb von vornherein gefeit. Doch zugleich fand ich Howards Sprachstil durchaus packend und entdeckte genug Storyelemente, die dem Cimmerier einen Platz in "meiner" Sword & Sorcery sicherten. Denn auch wenn seine Karriere auf dem Thron von Aquilonia endet, ist er für die meiste Zeit doch ein typischer Underdog-Held -- Dieb, Korsar, Söldner, Glücksritter. In einem Brief an Clark Ashton Smith beschrieb "Two Gun" Bob die "proletarischen" Wurzeln seines berühmtesten Helden einmal wie folgt: 
It may sound fantastic to link the term "realism" with Conan; but as a matter of fact his supernatural adventures aside he is the most realistic character I ever evolved. He is simply a combination of a number of men I have known, and I think that's why he seemed to step full-grown into my consciousness when I wrote the first yarn of the series. Some mechanism in my sub-consciousness took the dominant characteristics of various prizefighters, gunmen, bootleggers, oil field bullies, gamblers, and honest workmen I had come in contact with, and combining them all, produced the amalgamation I call Conan the Cimmerian.** 
Dass Conan dem Unterbewusstsein seines Schöpfers in vollentwickelter Gestalt entsprungen sei, mag howard'scher Selbstmythos sein, aber der Rest klingt sehr überzeugend. Und es gibt ein anarchisches Element in den Stories, einen Widerwillen gegen Autorität und Hierachien, das mich durchaus anspricht. So ist Conan für mich zwar ganz sicher nicht das "Alpha & Omega" der Sword & Sorcery, besitzt aber einen respektablen Platz in der Gallerie ihrer Held*innen.

Soweit meine eigene Antwort auf die von Alessandra aufgeworfene Frage.
 
Allerdings denke ich, dass die Gestalt Conans für viele tatsächlich immer noch repräsentativ für die Sword & Sorcery steht. 
Wofür freilich nicht allein Robert E. Howards Geschichten, sondern vielleicht mehr noch die ikonischen Coverillustrationen von Frank Frazetta verantwortlich sein dürften. Zusammen mit einigen anderen Künstle*innen wie Boris Vallejo und Jeffrey Catherine Jones schuf er eine Ästhetik, die bis heute sehr oft aufs engste mit dem literarischen Subgenre identifiziert wird. Von ihm führt eine direkte Linie zu John Buscemas Arbeiten in den Conan - Comics, John Milius' Conan the Barbarian (1982) und den Sword & Sorcery - Filmpostern der 80er Jahre. Die Ironie besteht darin, dass Frazetta selbst die Conan-Stories nie gelesen hatte. Und tatsächlich entspricht sein eher klobiger, muskelbepackter Barbar kaum dem Bild, das Howard von dem zwar muskulösen, aber zugleich pantherhaft geschmeidigen Cimmerier zeichnet.
Frazettas Einfluss dürfte vor allem für das Image verantwortlich sein, dass die Sword & Sorcery bei vielen "Außenstehenden" genießt. Aber es spricht eine Menge dafür, dass auch in der "Szene" für nicht wenige Conan immer noch eine dominierende Figur ist. Das zeigt sich auch an der weit verbreiteten Ansicht, dass die Sword & Sorcery ihre Blütezeit in den späten 60ern und den 70er Jahren gehabt hätte, um in den 80ern dann einen steilen Niedergang zu erleben, von dem sie sich nie wirklich erholt hätte. Ganz falsch ist das natürlich nicht. Die 80er erlebten ja tatsächlich den Triumph der High Fantasy mit ihren Trilogien und Endlos-Epen. Doch wenn man die Geschichte der S&S so enden lässt, entsteht der Eindruck, als bestehe das Subgenre in der Tat hauptsächlich aus Conan und seinen Epigonen. So schreibt z.B. G.W. Thomas in seinem Blogpost High Versus Low Fantasy or You Can’t Get There From Here!: "[T]he lowly tale of the swordsman who fights the darkness became persona non grata in the 1990s. Only Conan pastiches and novelizations based on Xena, Warrior Princess offered anything remotely like REH." Howard bleibt also das definierende Vorbild. Und auch Thomas' an sich ziemlich interessanter Beitrag The Style of Sword & Sorcery endet bezeichnenderweise in den 60ern und 70ern bei John Jakes und Gardner Fox mit ihren Clonans Brak und Kothar.
Wenn man die 80er Jahre ausschließlich als eine Ära des Niedergangs betrachtet, drohen einige der interessanteren Entwicklungen in der Sword & Sorcery jener Zeit unter den Tisch zu fallen. So etwa das vermehrte Auftreten weiblicher Hauptfiguren zu Beginn des Jahrzehnts, von dem ich schon einmal im Rahmen einer Besprechung von Jessica Amanda Salmonsons Anthologie Amazons II erzählt habe. Oder die Entstehung der Shared Universes von Thieves' World und Liavek. Steven Brusts erster Vlad Taltos - Roman Jhereg erschien 1983. Glen Cooks The Black Company 1984.
 
Wer die Sword & Sorcery in erster Linie über Howard und Conan definiert, wird ihr manches von dem vielleicht gar nicht mehr zurechnen. Und das ist okay. Streitereien über Genregrenzen sind in meinen Augen meist bloß vertane Zeit. Es fragt sich dann bloß, welche Zukunft eine so streng umrissene Sword & Sorcery haben soll. Könnte sie aus mehr bestehen als aus nostalgischen Wiederbelebungsversuchen der Vergangenheit? Man verstehe mich nicht falsch: Solche können ein neckischer Spaß sein. Aber ein lebendiges Genre sieht anders aus.
 


* Eigentlich hatte ich mal vor, Ravermoon im Rahmen eines Blogposts zu besprechen, in dem ich mich einer ganzen Reihe von Comics mit Sword & Sorcery - Heldinnen widmen wollte, die ich im letzten halben Jahr (?) gelesen habe -- von einigen neueren Red Sonja - Sachen über Die Kriegerinnen von Troy bis zu dem wohl eher obskuren (und ziemlich exploitation-lastigen) Arhian. Ob ich das doch noch machen sollte? Wollte in dem Zusammenhang auch meine Meinung zu Chainmail-, Leder- und Fell-Bikinis darlegen ...   

** Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 172.