"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Montag, 23. September 2019

Altmodischer Charme und verdrängte Schuld

Das letzte Drittel des Jahres ist angebrochen, und wir alle wissen, was das bedeutet. Richtig! Es gibt endlich wieder Lebkuchen und Spekulatius! Und auch wenn es mir noch etwas zu warm für ein nettes Glas Glühwein dünkt, dachte ich mir, dass sei eigentlich Grund genug, sich mal wieder eine der Ghost Stories for Christmas der BBC anzuschauen.

Nun habe ich beinahe alle von denen in der Vergangenheit bereits einmal auf meinem Blog besprochen. Das gilt sowohl für die acht klassischen Kurzfilme aus den 70er Jahren {hier * hier * hier * hier}, als auch für den wenig erfolgreichen Wiederbelebungsversuch von 2004 {A View from a Hill} / 2005 {Number 13}. Und auch zu Mark Gatiss' M.R. James - Adaption The Tractate Middoth von 2013 habe ich bereits meinen Kommentar abgegeben. 
Vor der erstmals 2010 ausgestrahlten Version von Whistle And I'll Come To You, die der Serie manchmal  zugerechnet wird, schrecke ich nach wie vor etwas zurück, da sie offenbar sehr stark von ihrer literarischen Vorlage abweicht und dabei zugleich beinah automatisch Vergleiche mit Jonathan Millers phänomenaler Fassung von 1968 provozieren  muss. Irgendwann freilich werde ich mir den Streifen schon mal anschauen müssen, allein schon wegen John Hurt in der Hauptrolle. Doch nicht heute ...
So blieb eigentlich nur noch ein Film übrig, wenn ein Rewatch ausgeschlossen bleiben sollte: Der erneut von Mark Gatiss geschriebene und unter seiner Regie gedrehte The Dead Room, der an Heiligabend 2018 auf BBC4 ausgestrahlt wurde.

Seit den späten 70er Jahren ist der Schauspieler Aubrey Judd (Simon Callow) die Stimme der Horror-Radio-Show The Dead Room. Nach vielen Jahren ist die Produktion in das alte Studio zurückverlegt worden, in dem einst alles begann. Doch der ergraute Mime ist alles andere als glücklich über die "modernen" Gruselgeschichten, die er seiner Hörerschaft inzwischen vortragen muss. Ein verfluchtes Computerspiel? Das erscheint ihm nicht weniger lächerlich und stillos als der ganze Social Media - Unsinn, dem die heutige Generation so viel Bedeutung beimisst. 
Mit einer von Arroganz nicht ganz freien Attitüde preist er seiner jungen Produzentin Tara (Anjli Mohindra) die Tugenden der klassischen Spukgeschichte an. Dabei hagelt es nur so Anspielungen auf die Traditionen des literarischen Horrors. Es fallen die Titel von Charlotte Perkins Gilmans The Yellow Wallpaper, F. Marion Crawfords The Upper Berth, E.F. Bensons Mrs. Amworth, Sheridan Le Fanus Green Tea und Algernon Blackwoods The Wendigo. Vor allem aber wird der Geist von M.R. James beschworen. So wenn Judd eine Lesung in Kerzenschein erwähnt, die sein Vorgänger Seymour in  King's College Cambridge veranstaltet habe {wo Monty Provost war und viele seiner Geschichten im Chit Chat Club vortrug}. Als Tara andeutet, Judd könnte mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass Seymour damals abgesetzt wurde, reagiert er entrüstet und spielt dabei auf The Stalls of Barchester Cathedral an. Vor allem jedoch zitiert er beinahe wörtlich Passagen aus M.R. James' Bemerkungen über den idealen Aufbau einer Gespenstergeschichte, wobei diese als seine eigenen Ansichten erscheinen: 
Let us, then, be introduced to the actors in a placid way; let us see them going about their ordinary business, undisturbed by forebodings, pleased with their surroundings; and into this calm environment let the ominous thing put out its head, unobtrusively at first, and then more insistently, until it holds the stage. [...] 

For the ghost story a slight haze of distance is desirable. "Thirty years ago", "Not long before the war", are very proper openings.
In Reaktion darauf stellt Tara die Frage in den Raum, ob "vor vierzig Jahren" {d.h. als Judd The Dead Room übernahm} wohl auch in Ordnung sei. "Would a ghost from the seventies work?" Damit wird die Bühne für die übernatürlichen Geschehnisse bereitet, die sich schon bald in dem kleinen Studio entfalten werden, auch wenn diese nichts mit Judds Übernahme der Show zu tun haben. Es ist ein anderes finsteres Ereignis aus seiner Vergangenheit, das im Begriff ist, den Schauspeiler einzuholen.

Mark Gatiss ist ein großer Verehrer der klassischen Gespenstergeschichte und vor allem der Werke Montys, wie u.a. seine Dokumentation M.R. James: Ghost Writer von 2013 zeigt. The Dead Room ist eine liebevolle Hommage auf diese "altmodische" Form des Horrors. Der Kurzfilm folgt ziemlich genau den  james'schen "Regeln", die durch Judds Mund dargelegt wurden.

Im ersten Drittel werden das Setting und die Charaktere etabliert, ohne dass es dabei zu mehr als subtilen Vorausdeutungen auf die kommenden unheimlichen Ereignisse  kommt.
Vor dem ersten Einbruch des Übernatürlichen wird dann sogar die vage Möglichkeit einer mundanen Erklärung eröffnet. Als Aubrey und Tara die Aufnahme der "läppischen" Horrorstory Ready Player Death fortsetzen, kommt es nämlich zu einer heftigen Rückkoppelung. Dass der Schauspieler unmittelbar danach glaubt, eine körperlose Stimme seinen  Namen flüstern zu hören, ließe sich durchaus als eine Fehlinterpretation der durch den schmerzhaften Lärm hervorgerufenen Ohrgeräusche erklären. Immer dann, wenn in der Folge "das ominöse Ding seinen Kopf hervorreckt", wird die Szene zudem mit einem anschwellenden, vibrierenden, tinnitusartigen Ton unterlegt. 
Dass sich wenig später der Text verändert zu haben scheint, den Aubrey vorträgt, lässt sich freilich nicht mehr so einfach erklären. Auf einmal ist darin von einem heißen Sommertag, dem Ufer eines Stausees und einem blonden jungen Mann die Rede ...
Im Zentrum des sich von nun an steigernden Grauens steht zwar eine verdrängte Schuld, dennoch sollen wir  die Ereignisse wohl kaum als simple Halluzinationen interpretieren. 

Die Story bietet keine wirklich überraschenden Wendungen, aber da sie ganz offensichtlich dem Vorbild einer klassischen Spukgeschichte nachgebildet wurde, ist das auch kaum zu erwarten. Mark Gattis geht es in erster Linie um Atmosphäre, und in dieser Hinsicht weiß The Dead Room voll und ganz zu  überzeugen.
Hinzu kommt die äußerst beeindruckende Darbietung von Simon Callow. Ohne ihn wäre der Kurzfilm nicht viel mehr als eine geschickt gemachte stilistische Hommage auf den klassischen Horror eines M.R. James. Er jedocht verleiht ihm zusätzlich eine zutiefst menschliche Dimension.
Obwohl Callow in einer ganzen Reihe von Kinofilmen und TV-Produktionen mitgewirkt hat, erbrachte er seine größten Leistungen wohl als Theaterschauspieler und -regisseur. Was der ihm gewidmete Wikipedia-Artikel darüber zu berichten hat, liest sich ziemlich beeindruckend. Dort erfährt man auch von einem Aspekt seines privaten Lebens, das nicht ohne Relevanz für sein Porträt des alten Audrey Judd ist. Simon Callow war nämlich einer der ersten bekannten britischen Schauspieler, der sich 1984 in seinem Buch Being An Actor öffentlich als homosexuell outete, was  er später so kommentiert hat:
I'm not really an activist, although I am aware that there are some political acts one can do that actually make a difference and I think my coming out as a gay man was probably one of the most valuable things I've done in my life. I don't think any actor had done so voluntarily and I think it helped to change the culture.     
In der bleiernen Atmosphäre der Thatcher-Ära mit ihrer staatlich geförderten Bigotterie war Callows Coming-Out in der Tat ein äußerst mutiger Schritt.
In einem Interview mit dem Independent erzählt er über die erste Zeit am Londoner Drama Center, wo er seine Schauspielausbildung erhielt: "The first 18 months were very tough because I was so resistant to revealing myself. I saw acting as a mask that you put on, this brilliant exterior."
Das einnert ein wenig an die Figur des Aubrey Judd, der seine wahren Gefühle, Verletzlichkeiten und dunklen Geheimnisse gleichfalls hinter dem grandiosen Gestus des "großen Schauspielers" versteckt, bis ihn die Erinnerung an jene lang zurückliegende Affäre mit dem jungen Paul und ihr tragisches Ende, in dessen Verlauf er eine tiefe Schuld auf sich geladen hat, einholt.

Alles in allem ist The Dead Room meiner Ansicht nach eine der besten Ghost Stories for Christmas, die nach dem Ende der klassischen Lawrence Gordon Clark - Ära gedreht wurden. Und so blicke ich mit gesteigerter  Neugier dem diesjährigen Beitrag entgegen, in dem sich Mark Gatiss mit einer Adaption von Martin's Close erneut ganz direkt dem Werk von M.R. James widmen wird.

Montag, 27. August 2018

"And her name is Mater Tenebrarum, – Our Lady of Darkness"

But the third sister, who is also the youngest ! Hush! whisper whilst we talk of her! Her kingdom is not large, or else no flesh should live; but within that kingdom all power is hers. Her head, turreted like that of Cybèle, rises almost beyond the reach of sight. She droops not; and her eyes rising so high might be hidden by distance. But, being what they are, they cannot be hidden; through the treble veil of crape which she wears, the fierce light of a blazing misery, that rests not for matins or for vespers, for noon of day or noon of night, for ebbing or for flowing tide, may be read from the very ground. She is the defier of God. She also is the mother of lunacies, and the suggestress of suicides. Deep lie the roots of her power; but narrow is the nation that she rules. For she can approach only those in whom a profound nature has been upheaved by central convulsions; in whom the heart trembles and the brain rocks under conspiracies of tempest from without and tempest from within. Madonna moves with uncertain steps, fast or slow, but still with tragic grace. Our Lady of Sighs creeps timidly and stealthily. But. this youngest sister moves with incalculable motions, bounding, and with a tiger’s leaps. She carries no key; for, though coming rarely amongst men, she storms all doors at which she is permitted to enter at all. And her name is Mater Tenebrarum, Our Lady of Darkness. 



Eine strengsten wissenschaftlichen Standards genügende Umfrage, die ich kürzlich auf Twitter durchgeführt habe, hat mich in meiner Vermutung bestärkt, dass Fritz Leiber in der heutigen deutschsprachigen Phantastik-Gemeinde {oder zumindest unter deren jüngeren Jahrgängen} wohl kaum mehr bekannt sein dürfte. 
Was ich wirklich bedauerlich finde. Auch wenn es mittlerweile gut zehn Jahre her sein dürfte, dass ich alle Bücher und Storyanthologien Leibers, derer ich in deutscher Sprache habhaft werden konnte, verschlungen habe und meine Erinnerungen an diese entsprechend verschwommen sind, würde ich mich doch immer noch als großer Fan bzeichnen. Hey, schließlich verdankt sogar dieser Blog seinen Namen dem guten Fritz.*

Ich nehme mal an, dass man sich seiner am ehesten noch aufgrund seiner Bedeutung für die Entwicklung der Sword & Sorcery erinnern wird, deren Namensgeber er ja gewesen ist. Doch der 1910 in Chicago geborene und 1992 in San Francisco verstorbene Schriftsteller betätigte sich im Verlauf seiner langen und fruchtbaren Karriere in einer ganzen Reihe von phantastischen Genres. Neben den Fafhrd & The Gray Mouser - Stories schrieb er eine erkleckliche Anzahl von Science Fiction - Romanen, -Novellen und -Kurzgeschichten, von denen einige wie A Spectre Is Haunting Texas** und The Silver Eggheads stark satirisch geprägt sind, sowie eine ganze Reihe von Werken, die man der Weird Fiction oder dem Horror zuzurechnen hat.

Das Buch, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, gehört zur letzteren Sparte. 1977 erschienen ist der kurze Roman Our Lady of Darkness (Herrin der Dunkelheit) außerdem das wohl bedeutendste Werk aus Leibers Spätphase und wurde 1978 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Der Autor erklärte in einem Brief an das Foundation Magazine (Nr. 16, Mai 1979): "It started as a short Jamesian horror story and just grew". Und tatsächlich enthält auch der vollendete Roman immer noch eine ganze Reihe von Anspielungen auf die Werke von M.R. James, wie man in diesem in Ghosts & Scholars veröffentlichten Artikel von Rosemary Pardoe im Detail nachlesen kann.*** Doch Our Lady of Darkness ist sehr viel mehr als eine gelungene Hommage an den Großmeister der klassischen englischen Gespenstergeschichte.

Franz Westen ist ein Autor phantastischer Literatur, der als Brotjob Romanadaptionen für die Fernsehserie Unheimlicher Untergrund schreibt. Nach dem Tod seiner Frau durchlebte er eine dreijährige Phase von Depressionen und Alkoholismus, aus der er sich gerade erst wieder herausgekämpft hat. Nicht zuletzt, weil er einen neuen Kreis von Freunden gefunden hat, die alle in dem selben San Franciscoer Apartmenthaus leben: Der Psychiater Saul, der Naturwissenschaftler Gun(nar), die Hausverwalterin Dorotea, ihr Mann Fernando (der nur Spanisch spricht, aber ein exzellenter Schachspieler ist), deren Tochter Bonita und die klassische Musikerin Cal, die vielleicht mehr als "bloß" eine gute Freundin werden könnte. Die beiden haben schon einmal miteinander geschlafen, der Status ihrer Beziehung ist vorerst aber noch unbestimmt. Was jedoch für keinen der beiden ein Problem zu sein scheint.
Eines Morgens schaut Franz gedankenverloren aus dem Fenster seines Apartments hinüber zu den Corona Heights, greift spontan zu seinem Feldstecher und entdeckt auf dem Gipfel der schroffen Erhebung eine hagere Gestalt in einem braunen Regenmantel (oder einer Kutte?), die einen merkwürdigen Tanz aufzuführen scheint. Bloß irgendein exzentrischer Hippie vermutlich, aber auf unerklärliche Weise fasziniert ihn die Gestalt so sehr, dass er beschließt, dem Ort einen Besuch abzustatten. Als er dort ankommt, ist der eigenartige Geselle natürlich längst verschwunden. Franz schaut hinaus über San Francisco, greift wieder zu seinem Fernglas und versucht, zwischen den Wolkenkratzern sein heimisches Appartmenthaus ausfindig zu machen. Als ihm dies tatsächlich gelingt, wartet ein gehöriger Schock auf ihn: Aus dem Fenster seiner eigenen Wohnung lehnt sich eine hagere, braungewandete Gestalt und winkt ihm zu!.
Natürlich kehrt er schnellstmöglich nach Hause zurück, doch dort finden sich keinerlei Anzeichen für einen Einbruch. War die Erscheinung also bloß eine Halluzination, möglicherweise eine Folge seines gerade erst überwundenen Alkoholismus?
Franz bringt dieses zutiefst verstörende Erlebnis intuitiv mit zwei Büchern in Verbindung, die er vor ein paar Monaten in alkoholumnebeltem Zustand in irgendeinem Antiquariat erworben hat. Da wäre zum einen der bizarre Schmöker Megapolisomancy: Eine neue Wissenschaft der Städte des Okkultisten Thibault de Castries, in dem die Entwicklung der modernen Großstädte als ein verderbenbringendes Unternehmen beschrieben wird, in dessen Verlauf durch die unnatürliche Konzentration von Materialien wie Stahl und Beton dämonenhafte "paramentale" Wesenheiten ins Leben gerufen würden. Zum anderen das Tagebuch eines Schriftstellers, von dem Franz überzeugt ist, dass es sich um Clark Ashton Smith handelt,  in dem dieser seine Treffen mit dem alten De Castries beschreibt, der zuerst faszinierend, schließlich jedoch äußerst bedrohlich und furchteinflößend auf ihn gewirkt habe.
Nachdem er sich im Kreis seiner Freunde wieder etwas gefangen hat, fasst Franz den Entschluss, etwas mehr über den mysteriösen De Castries herausfinden zu wollen. Doch unglücklicherweise kehrt er zuerst einmal auf die Corona Heights zurück, weil er überprüfen will, ob er das Fernglas tatsächlich auf sein eigenes Apartment gerichtet hatte. Das Ergebnis ist um ein vielfaches bedrohlicher als beim ersten Mal. Wieder erblickt er die groteske Gestalt, deren Gesicht etwas animalisches, schnauzenhaftes an sich zu haben scheint. Schlimmer noch, diesmal hat er den Eindruck, als greife das unheimliche Wesen durch das Fernglas nach ihm. Von Panik erfasst flieht er von dem Hügel, wird jedoch das Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Er sucht Zuflucht bei dem befreundeten dekadenten Dichter Jaime Donaldus Byers, den er ohnehin aufsuchen wollte, um ihn über De Castries zu befragen.
Seine Behauptung, von einem der in Megapolisomancy erwähnten "Paramentalen" verfolgt zu werden, wird von Byers erstaunlicherweise nicht mit Spott oder Ungläubigkeit aufgenommen. 
Der exzentrische Dichter erzählt ihm, wie De Castries um die Jahrhundertwende nach San Francisco gekommen und im Kreis der Bohèmiens um George Sterling, Jack London und Ambrose Bierce schon bald zu einer Art Guru geworden sei. In seiner Begleitung habe sich eine geheimnisvolle, stets verschleierte Frau befunden, die die beunruhigende Eigenschaft besessen habe, wie aus dem Nichts aufzutauchen und auf ebenso unerklärliche Weise wieder zu verschwinden. Schließlich habe er in Konkurrenz zum berühmten englischen "Hermetic Order of the Golden Dawn" (und zu Aleister Crowley) seinen eigenen "Orden der Onyx-Dämmerung" gegründet. Ziel der okkulten Vereinigung sei die Vernichtung der modernen Großstadt auf "metamagische" Weise gewesen. Doch auch wenn die rebellisch-terroristische Ausrichtung des Ordens die Bohèmiens zu Beginn angezogen habe, hätte der banal-langweilige Charakter der "metamagischen Rituale", die De Castries seinen vermeintlichen Jüngern auszuführen befahl, diese schon bald angeödet. Tief getroffen von dieser Zurückweisung, habe der Okkultist den Kreis mit einem Fluch belegt. Und hätten nicht tatsächlich viele der Bohèmiens einen frühen und tragischen Tod gefunden? Ambrose Bierce verschwand auf Nimmerwiedersehn in den blutigen Wirren der Mexikanischen Revolution. Nora May French und George Sterling begingen Selbstmord. Jack London starb lange vor seiner Zeit. Jahrzehnte später habe Clark Ashton Smith den verbitterten und zunehmend paranoiden De Castries aufgesucht.und sei für einige Zeit so etwas wie dessen letzter Akolyth gewesen. Doch das krankhafte Misstrauen und die zunehmende Boshaftigkeit des alten Okkultisten habe schließlich zum Bruch zwischen den beiden geführt. Byers stellt die Vermutung an, dass De Castries und seine Megapolisomancy der Grund gewesen sein könnten, warum der von seinem Wesen her doch so urbane Smith sich danach nie mehr für längere Zeit in San Francisco aufhielt.
Zum Abschluss bittet der Dichter Franz, einmal einen Blick in das Tagebuch werfen zu dürfen, das dieser zusammen mit seiner Ausgabe der Megapolisomancy erworben hat. Er bestätigt dessen Vermutung, dass der Verfasser Smith war, und entdeckt außerdem zwischen zwei zusammengeleimten Buchseiten einen ominösen "Fluch auf Master Clark Ashton Smith, und all seine Erben, der sich einbildet, mein Gehirn anzapfen und sich dann davonmachen zu können. Auf ihn komme der Lange Tod – die Paramentale Agonie! –, wenn er zurückgekrochen kommt, wie es alle Menschen tun." Der Fluch besitzt die für De Castries' Art der Magie, die er selbst "neo-pythagoräische Metageometrie" nannte, vermutlich typische formale Gestalt: 
Der Drehpunkt (o) und die Cipher (A) werden dort sein, an seinem geliebten 607 Rhodes. Ich werde an dem mir zugewiesenen Ort (1) ruhen, unter dem Bischofssitz, die schwerste Asche, die er jemals fühlte. Dann, wenn die Lasten auch auf Sutro Mountain (4) und Monkey Clay (5) sind, [(4) + (1) = (5)] wird sein Leben zermalmt werden.
Im Verlauf seines langen Monologs ist Byers zunehmend betrunken geworden. Immer wieder versucht er auch Franz einen Drink aufzudrängen, was dieser trotz wachsender Nervosität standhaft zurückweist. Ihm wird zunehmend bewusst, dass der Dichter von einer ähnlichen Furcht erfüllt ist wie er selbst. Als schließlich Byers' chinesische Geliebte zusammen mit einer jungen Gespielin auftaucht, zieht Franz sich zurück. Für den dekadenten Dichter bilden offensichtlich Sex, Alkohol und Ausschweifung eine Art Schutzwall gegen die "paramentale" Bedrohung, doch für Franz ist das keine Option.
Während er durch die abendlichen Straßen irrt, wird das Gefühl, verfolgt zu werden, erneut immer stärker und bedrückender. Er flieht in die scheinbare Sicherheit einer Konzerthalle, wo Cal an diesem Abend spielen wird und ihn Saul und Gun erwarten. Doch noch vor dem Ende des ersten Stückes verlässt er den Kreis seiner Freunde und eilt nach Hause, weil er glaubt, den Schlüssel zu De Castries seltsamer Fluch-Formel gefunden zu haben. 
Tatsächlich gelingt es ihm, das Rätsel des alten Okkultisten zu lösen, wobei die Corona Heights, der Standort seines eigenen Apartments, der Sutro Tower und die Transamerica Pyramid eine wichtige Rolle spielen.
Doch ist ihm diese Erkenntnis keine Hilfe. Ganz im Gegenteil. Getrennt von seinen Freunden und von bleierner Angst gelähmt, verkriecht sich Franz schließlich in sein Bett neben sein "Studentenliebchen" ("Scholar's Mistress"), einen großen Bücherhaufen, dem er die ungefähre Form eines Frauenkörpers gegeben hat. Irgendwo in der Nähe steht eine Flasche Kirschwasser. Er versinkt in einem Meer aus Verzweifelung, Erinnerungen an seine verstorbene Frau, Depression und finsteren Zukunftsvisionen. Als er nach ein-zwei Stunden traumlosen Schlafes wieder aufschreckt, erwartet ihn seine finale Konfrontation mit der "Lady of Darkness" in einer Szene, die deutlich von M.R. James' Oh, Whistle, And I'll Come To You, My Lad inspiriert wurde.

Our Lady of Darkness ist ein faszinierend vielschichtiges Werk. 

Da wäre zuerst einmal das unverkennbar autobiographische Element. Franz Westen ist ein kaum verhülltes "alter ego" des Autors. 1969 war Fritz Leibers Frau Jonquil an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben und der Schriftsteller war daraufhin in eine ungefähr drei Jahre andauernde Phase alkoholdurchtränkter Depressionen gestürzt. Um dieselbe Zeit zog er von Venice (Los Angeles) nach San Francisco, wo er in Apartment 507, 811 Geary Street lebte – ein Stockwerk unter dem fluchbeladenen Domizil seiner späteren Romanfigur.

Das Ringen mit Alkoholismus und Depression und die stets vorhandene Angst, wieder in diese zurückzufallen, bilden so etwas wie den emotionalen Kern des Romans. 
Aufs engste damit verknüpft ist der hohe Stellenwert, der der Freundschaft zukommt. Auf sich allein gestellt ist Franz der "paramentalen" Bedrohung hilflos ausgeliefert. Er mag schlau genug sein, um das Rätsel von De Castries' Formel zu entschlüsseln, doch das hilft ihm kein Deut weiter. Am Ende sind es seine Freundinnen & Freunde, die ihn retten. 
Ein Gutteil des Romans ist der Beschreibung dieses Freundeskreises und ihren Gesprächen untereinander gewidmet.  Da wird viel philosophiert über den Menschen, die Kunst und die moderne Gesellschaft. Die Schilderung eines gemeinsamen Abends in einem kleinen deutsch-ungarischen Restaurant in der Nachbarschaft bildet für mich einen der kleinen Höhepunkte von Our Lady of Darkness. Und wie sympathisch mutet es an, dass sich in dieser kleinen Gemeinschaft auf ganz natürliche Weise "Intellektuelle" (Franz, Cal, Saul, Gun) und Vertreter der Arbeiterklasse (Dorotea, Fernando) zusammenfinden, ohne einen Hauch von Snobismus.

Dieses menschliche Kernelement verbindet Leiber mit einer Thematik, die ihn schon seit den frühen 40er Jahren beschäftigte: Dem Horror der modernen Großstadt. Wie eine seiner Figuren in der 1942 in Weird Tales veröffentlichten Kurzgeschichte The Hound sagt:
Each culture creates its own demons. Look, the Middle Ages built cathedrals, and pretty soon there were little gray shapes gliding around the night to talk with the gargoyles. Same thing ought to happen to us, with our sky scrapers and factories.
Fritz Leibers übernatürliche Schrecken entspringen nicht länger der traditionellen Welt der Geister und Dämonen, der Vampire und Werwölfe, auch wenn sie mitunter deren Gestalt imitieren. Sie sind keine Überbleibsel einer finsteren Vergangenheit, sondern die Hervorbringungen einer nicht weniger finsteren Gegenwart. 
Weitere frühe Beispiele für diese Art des Horrors sind seine Stories Smoke Ghost (Unknown Worlds, Oktober 1941) und The Girl With The Hungry Eyes (1949 in der von Donald A. Wohlheim herausgegebenen Anthologie The Girl with the Hungry Eyes, and Other Stories veröffentlicht).
Die Verbindung zwischen dieser Thematik und der okkulten Philosophie des Thibault de Castries ist natürlich offensichtlich. Doch vielleicht noch wichtiger in diesem Zusammenhang ist die Gestalt des Fernsehturms auf Sutro Mountain, die eines der Leitmotive des Romans bildet. 

Ein weiterer Grund, warum ich Our Lady of Darkness so sehr liebe, ist, dass Leiber seinen Okkultisten mit der San Franciscoer Bohème der Jahrhundertwende in Verbindung bringt. Ich selbst habe mich in der Vergangenheit einmal sehr eingehend mit diesem Kreis faszinierender Männer und Frauen beschäftigt. Wer mehr darüber erfahren will, lese meine alte und unvollendete Blogpostreihe "Der Décadent der Fantasy" (1 * 2 * 3 * 4 * 5 * 6 * 7 * 8 * 9).

Ganz allgemein ist Our Lady of Darkness u.a. eine Liebeserklärung Fritz Leibers an die Autoren, denen er sich besonders verbunden fühlte, und damit so etwas wie Weird Fiction für Liebhaber klassischer Weird Fiction, auch wenn es sich bei den Autoren nicht durchwegs um Vertreter der Phantastik handelt. Neben M.R. James, dem Kreis um George Sterling und Jack London und {eher am Rande} H.P. Lovecraft findet nämlich auch Dashiell Hammett Erwähnung. 
Die hervorragendste Stellung kommt jedoch sicher Clark Ashton Smith zu. 
Leiber war ein großer Bewunderer Smiths, den er 1944 einmal "in persona" getroffen hatte.**** Zeit seines Lebens bemühte er sich, dessen Andenken am Leben zu erhalten. Und ich halte es nicht für einen Zufall, dass von dessen Geschichten ausgerechnet The City of the Singing Flame namentliche Erwähnung in Our Lady of Darkness findet, hat Leiber doch von ihr gesagt: "[It] shows a passionate concern for life battling doom which is absent from most of [his] tales, where Smith is simply the devoted chronicler of death". Womit wir wieder zum zentralen Thema von Leibers eigenem außergewöhnlichem Spätwerk zurückgekehrt wären.
    


* Für die Uneingeweihten: Der Graue Mausling gibt seinem Schwert und seinem Dolch stets die Namen Skalpell und Katzenklaue.
** Der Titel der deutschen Übersetzung Ein Gespenst sucht Texas heim negiert leider die Ironie des Originals. Leiber spielt hier auf den Beginn des Kommunistischen Manifestes an: "Ein Gespenst geht um in Europa / A spectre is haunting Europe".
*** Interessanter- und ärgerlicherweise ist aus der deutschen Übersetzung von Hans Maeter wenigstens eine dieser Anspielungen herrausgeschrieben worden.
**** In diesem Brief aus dem Jahre 1971 schildert Leiber seine Begegnung mit Smith.

Samstag, 4. August 2018

Madam, will you walk, will you talk with me?

Richter George Jeffreys (1645-89), der "Hanging Judge", verdiente sich seinen finsteren Ruf als besonders rücksichtsloser und grausamer Verteidiger des Restaurationsregimes von Charles II. und James II., der eine führende Rolle bei der blutigen Unterdrückung der letzten Anhänger des "Good Old Cause" der Revolution spielte. Als Lord Chief Justice hatte er den Vorsitz sowohl 1683 bei dem Hochverratsprozess gegen den Republikaner Algernon Sidney, als auch 1685 bei den berüchtigten "Bloody Assizes" inne, in deren Verlauf Hunderte von Anhängern der gescheiterten Monmouth-Rebellion im Eilverfahren abgeurteilt wurden. Der König dankte es ihm, indem er ihn zum Lord Chancellor erhob. Beim einfachen Volk hingegen erwarb Jeffreys sich damit unsterblichen Hass, was er nach dem Staatsstreich von 1688 (der sog. "Glorious Revolution") deutlich zu spüren bekommen sollte. Sein Leben endete im Tower.

Wenn man erfährt, dass Judge Jeffreys eine prominente Rolle in einer der unheimlichen Geschichten spielt, die M.R. James 1911 in More Ghost Stories of an Antiquary herausgab, wird man vielleicht spontan annehmen, die blutige Reputation des Richters werde als Aufhänger für die Story benutzt. Überraschenderweise ist dem jedoch nicht der Fall. Ehrlich gesagt, hinterlässt der "Hanging Judge" hier gar keinen so unsympathischen Eindruck. Doch das ist nur einer der Gründe, warum ich Martin's Close so interessant finde.

Da wäre zuerst einmal das Format der Geschichte.
Die Eröffnungssequenz ist relativ typisch gehalten: Während einer Reise durch den Westen Englands stößt der Erzähler, in dem wir unschwer M.R. James selbst erkennen können, in einer ungenannten ländlichen Gemeinde auf eine kuriose kleine Gemarkung -- "a very few square yards, hedged in with quickset on all sides, and without any gate or gap leading into it" --, die von den Einheimischen "Martin's Close" genannt wird. Angeblich soll sich dort das Grab eines Mannes befinden, der nahebei im 17. Jahrhundert gehängt wurde. Von Alters her ranken sich um den Ort Geschichten von einer Geistererscheinung, doch die Details sind keinem der heute noch Lebenden mehr bekannt. Auch nach seiner Rückkehr in die heimatliche "neighbourhood of libraries" (Cambridge) gelingt es dem Erzähler voerst nicht, genaueres über das Schicksal des damals hingerichteten George Martin Esquire herauszufinden. Doch Jahre später gelangt zufällig das Protokoll der Gerichtsverhandlung in seinen Besitz. Der Hauptteil von Martin's Close besteht aus der gekürzten Wiedergabe dieses Protokolls, von der Verlesung der Anklageschrift bis zur Verkündung des Urteils durch Judge Jeffreys.

M.R. James war ein begeisterter Leser solch alter Gerichtsprotokolle, geben sie doch nicht nur einen Einblick in das Leben und Denken vergangener Generationen, sondern auch in die authentische Sprache des "einfachen Volkes" jener Zeiten, der wir in offiziellen Dokumenten und Chroniken nicht begegnen. Man kann sich gut vorstellen, wieviel Spaß es ihm gemacht haben muss, den Stil dieser Protokolle nachzuahmen. Ähnliche literarische Unternehmungen hatte er schon in jungen Jahren unternommen. Auf jedenfall erhält Martin's Close damit eine sehr eigene Form, besteht der Großteil der Erzählung doch aus dem Wortwechsel zwischen Richter, Ankläger und Zeugen.

Die Datierung der Verhandlung hat mir zuerst etwas Probleme bereitet. In der Anklageschrift heißt es, der Mord sei " upon the 15th day of May, in the 36th year of our sovereign lord King Charles the Second" begangen worden, und etwas später spricht der Ankläger von "Christmas of last year, that is the year 1683". Wie kann 1684 das sechsunddreißígste Jahr der Herrschaft Charles II. sein, wenn die Monarchie doch überhaupt erst 1660 wieder aufgerichtet wurde? Die Antwort ist denkbar simpel: Sein Vater Charles I. war 1649 hingerichtet worden, und nach der Restauration zählte man dies offenbar ganz einfach als das erste Regierungsjahr des neuen Königs, obwohl England für die nächsten elf Jahre in Wirklichkeit ein republikanischer Commonwealth gewesen war.
Man könnte meinen, solche antiquarischen Details seien ja nun wirklich nebensächlich, aber zumindest für mich tragen sie viel zum Charme von M.R. James bei. Sie verleihen seinen Geschichten eine Aura von Authentizität.

Der Angeklagte George Martin ist von Exeter nach London gebracht worden, da ein fairer Prozess mit unparteiischen Geschworenen  in seiner Heimatgrafschaft nicht hätte durchgeführt werden können. Grund dafür ist Martins soziale Stellung als Mitglied der landbesitzenden Gentry.
Anfangs noch häufiger von dem ungeduldigen Judge Jefrreys unterbrochen, beginnt der Anklänger den Fall in aller nötigen Weitschweifigkeit darzulegen. Zu Beginn charakterisiert er das Mordopfers Ann Clark. "A poor country girl", aber mit durchaus respektablen und liebevollen Eltern, "[she] was one to whom Providence had not given the full use of her intellects, but was what is termed among us commonly an innocent or natural". Martin trifft sie zufällig bei einem abendlichen Tanzvergnügen in ihrem Heimatdorf, an dem Ann freilich nur als stumme Zuschauerin teilnimmt. Er macht sich einen Spaß daraus, die junge Frau zum Tanz aufzufordern, obwohl die Dorfbewohner ihn davon abhalten wollen. Ann realisiert nicht, dass sie eigentlich das Opfer eines ziemlich grausamen Scherzes geworden ist, sondern ist vielmehr "greatly tickled with having got hold (as she conceived it) of so likely a sweetheart". Zumal Martin in den folgenden Wochen immer wieder in das Dorf kommt und sich mit ihr trifft. Dabei dient die Melodie des Liedes, zu dem sie getanzt haben -- Madam will you walk, will you talk with me? -- als Erkennungszeichen zwischen den beiden. Die Situation ändert sich dramatisch, als Martin eine Heirat mit einer wohlhabenden Tochter seiner eigenen sozialen Kreise in Aussicht gestellt wird. Von nun an ist ihm die anhängliche Ann bloß noch lästig. Er schlägt sie sogar auf offener Straße mit seiner Reitpeitsche. Doch zu spät: Als die unziemliche "Affäre" in den Kreisen der Gentry bekannt wird, wird die bevorstehende Verlobung abgesagt. Einige Zeit später, genauer gesagt am 15. Mai,  wird ein erneutes Treffen zwischen Martin und Ann Clark beobachtet: "Upon that day the prisoner comes riding through the village, as of custom, and met with the young woman: but in place of passing her by, as he had lately done, he stopped, and said some words to her with which she appeared wonderfully pleased, and so left her; and after that day she was nowhere to be found, notwithstanding a strict search was made for her."
An diesem Punkt setzt das übernatürliche Moment der Geschichte ein. Denn die ermordete und in einen Brunnen geworfene Ann Clark kehrt aus ihrem feuchten Grab zurück, um ihren Mörder zu verfolgen. Doch trotz einiger atmosphärisch recht gelungener Szenen, wird es dabei nie so richtig unheimlich, denn die Struktur der Erzählung schafft eine gar zu große Distanz zwischen dem Leser und dem gruseligen Geschehen. Wir hören von den Geistererscheinungen in den Zeugenaussagen eines Prozesses, dessen Protokoll der eigentliche Erzähler der Geschichte gefunden hat. Damit sind wir als Leserinnen & Leser zwei, wenn nicht gar drei "Schritte" weit von den Ereignissen entfernt.  
Ein Detail möchte ich aber doch hervorheben: Ann Clarks "Geist" ist nicht so immateriell, wie man es von Vertretern dieser phantastischen Gattung vielleicht gewohnt ist. Die Indizien weisen eher auf eine Art Wandelnden Leichnam hin. Und das ist durchaus typisch für M.R. James, besitzen dessen "Gespenster" doch sehr oft eine beunruhigend körperliche, haptische Qualität.

Doch das unheimliche Element ist für mich nicht die wirkliche Stärke von Martin's Close.

Da wäre zuerst einmal die Lebendigkeit der protokollierten Wortwechsel.
Wir bekommen einen recht guten Eindruck von Judge Jeffreys Persönlichkeit. Zwar wirkt er weniger sadistisch, als sein Ruf ihn erscheinen lässt, aber er ist ohne Zweifel ein reichlich autoritärer Bursche mit einem Hang zur Einschüchterung. Als ein kleiner Junge als Zeuge aussagen soll, versucht der Ankläger ihn zu beruhigen -- "Now, child, don’t be frighted: there is no one here will hurt you if you speak the truth." --, doch Jeffreys hält nichts von solchen Nettigkeiten: "Ay, if he speak the truth. But remember, child, thou art in the presence of the great God of heaven and earth, that hath the keys of hell, and of us that are the king’s officers, and have the keys of Newgate; and remember, too, there is a man’s life in question; and if thou tellest a lie, and by that means he comes to an ill end, thou art no better than his murderer; and so speak the truth." Jeffreys' Zynismus und seine {historische verbriefte} Vorliebe für schwarzen Humor sind gleichfalls deutlich erkennbar. Als zum ersten Mal von der Tanzmelodie die Rede ist, gibt er folgenden Kommentar ab: "I doubt it is the first time we have had dance-tunes in this court. The most part of the dancing we give occasion for is done at Tyburn. [Looking at the prisoner, who appeared very much disordered.]" Tyburn war Londons Galgenstätte. Hinzu kommen einige neckische Momente, wenn Jeffreys Schwierigkeiten damit hat, den ländlichen Dialekt der Zeugen zu verstehen. Schließlich wird sogar ein "Übersetzer" zur Hilfe gerufen.
    
Der zweite Punkt ist der Charakter des Verbrechens. Anders als in den meisten Geschichten von M.R. James sind die übernatürlichen Ereignisse in Martin's Close eine Form der Strafe für den Missbrauch an einem Schwächeren. George Martin ist gleich in dreifacher Hinsicht Ann Clark gegenüber privilegiert: Er ist ein Mitglied der Gentry; er ist ein Mann; und sie ist offenbar in irgendeiner Form geistig behindert.
Wie Tina Rath in einem in Ghosts and Scholars erschienenen Artikel recht überzeugend darlegt, knüpft die Geschichte an ein verbreitetes folkloristisches Motiv an: Ein Edelmann verführt ein Bauernmächen und ermordet diese, nachdem sie schwanger geworden ist. Zur Untermauerung ihrer These zitiert sie Verse aus zwei Volksliedern, die in der Tat eine Menge Parallelen zur Handlung von Montys Story aufweisen:

"Ann Clark suffers the fate of "fair Susan":

 
With seeming kindness in his face which made poor Susan gay
He did appoint a lonely place to meet with her next day
The hour arriv'd, she hasten'd there to the appointment true
Where the deceitful murderer the lovely damsel slew.

When she beheld his deadly knife she rais'd her lovely face
Crying, Oh! spare, Oh! spare my life and leave me to disgrace
Have pity on your unborn babe tho' you have none for me;
Alas! a dark untimely grave my bridal bed will be.

And of the "Oxford Girl":

 
He pulled a dagger from his coat and laid her down to the ground
And there the blood came trickling a trickling from the wound

He grabbed her by her curly locks and he dragged her to the stream
There he bides a-thinking when at last he throws her in.
"

Freilich deutet Martin's Close nirgends offen an, dass Ann Clark schwanger geworden wäre. Wir können nicht einmal sicher sein, dass es eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und Martin gegeben hat. Vielmehr betonen die Zeugen immer wieder ausdrücklich, wie wenig attraktiv das junge Mädchen gewesen sei.
Und doch scheint mir Tina Raths Argumentation sehr überzeugend zu sein: Wir wissen, dass sich die beiden immer wieder nicht nur im Dorf, sondern auch auf dem Moor getroffen haben. Ich kann mir schwerlich einen anderen Grund für diese Treffen denken, als dass Martin die naive Vernarrtheit Anns sexuell ausgenutzt hat. Und was die Schwangerschaft betrifft: Es ist in der Tat auffällig, dass der Mord keine impulsive Reaktion auf die Auflösung der standesgemäßen Verlobung ist, wie der öffentliche Peitschenschlag, sondern offenbar sehr kaltblütig geplant wurde. Eine Martin erst kurz zuvor bekannt gewordene Schwangerschaft Anns wäre für dieses Verhalten eine ausgezeichnete Erklärung.
Doch wie auch immer man über die Details des Falles denken mag, man wird ein zustimmendes Kopfnicken und Grinsen kaum unterdrücken können, wenn Judge Jeffreys den von panischer Angst vor der untoten Ann Clark erfüllten Martin mit folgenden Worten zum Galgen schickt: "And I hope to God, that she will be with you by day and by night till an end is made of you."         


PS: Gäbe es Will Ross & Mike Taylors grandiosen A Podcast to the Curious nicht, würde auch dieser Blogpost nicht existieren.
PPS: Niemand anderes als der unvergleichliche Jess Franco hat einen Film über George Jeffreys gedreht. Mit Christopher Lee in der Hauptrolle!  Ich denke, ich werde mir schon allein aus Bildungsgründen morgen The Bloody Judge (1970) anschauen müssen.

Sonntag, 29. Juli 2018

Neues von Mansfield Dark

In der Vergangenheit habe ich auf diesem Blog schon zweimal die Werbetrommel für die außergewöhnlichen phantastischen Kurzfilme des britischen Indie-Filmemacher-Paares Richard und Daniel Mansfield gerührt. Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich hier ihre Adaptionen von Amelia B. Edwards The Phantom Coach und E. F. Bensons The Room in the Tower vorgestellt. Und vor etwas mehr als einem Jahr folgte hier ihre Version von M.R. James' Count Magnus.
Inzwischen haben die beiden zwei weitere ihrer Adaptionen klassischer Horrorgeschichten auf Youtube frei zugänglich gemacht:
nach der Kurzgeschichte von M.R. James
 und
The Upper Berth
nach der Erzählung von F. Marion Crawford 
Beide sind in dem für Richard Mansfields phantastische Scherenschnittfilme typischen Stil gehalten, in The Upper Berth allerdings vermischt mit menschlichen Silhouetten. 
Ich halte beide Filme für äußerst sehenswert, aber mein persönlicher Favorit ist ohne Frage die James-Adaption. In einem Interview mit John Guy Collick hat der Filmemacher erzählt:
I chose Disappearance as my second adaptation [neben Count Magnus] partly because it has always been one of my favourite MRJ tales and I felt I could see it working well as a shadow film. He writes the nightmare wonderfully and I wanted to be able to bring it to life.
Auch für mich hat diese Story immer einen besonderen Platz unter Montys Spukgeschichten besessen. Und Mansfields Visualisierung der Traumsequenz mit ihrer extrem makabren Version einer Punch & Judy - Show ist wirklich großartig und ziemlich verstörend.
Stilistisch etwas anders, aber nicht weniger faszinierend, ist
Spring Heeled Jane
eine Kooperation zwischen den Mansfields und der Londoner Geschichtenerzählerin Vanessa Woolf aus dem Jahre 2012. Die ursprüngliche Fassung der während des "Blitz" angesiedelten Story findet sich hier.

Das Repertoire von Richard & Daniels Produktionsfirma Mansfield Dark besteht aber nicht nur aus relativ kurzen Scherenschnittfilmen, sondern umfasst auch eine Reihe von längeren LGBT - und Horrorfilmen. Von diesen habe ich mir vor kurzem endlich wenigstens einen angeschaut:
Angesichts des Titels wird es kaum verwundern, zu erfahren, dass neben Herk Harveys legendärem Low Budget - Horrorflick Carnival of Souls (1962) Piers Haggards Folk Horror - Klassiker Blood on Satan's Claw (1971) zu Richard Mansfields absoluten Genrelieblingen zählt. 
Allerdings hat der Film selbst, trotz des wundervollen Soundtracks von Cunning Folk, nicht wirklich etwas von Folk Horror an sich, sieht man einmal vom Setting {ländliches England} und einigen herumflatternden Krähen ab, die mich denn doch an die Eröffnungssequenz von Haggards Film erinnert haben. Ursprünglich sollte der Streifen scheinbar Scare Bear heißen, was dem Inhalt deutlich näher gekommen wäre. 
Damit will ich nichts über dessen Qualität ausgesagt haben, denn alles in allem ist Blood on Satan's Paw ein wirklich faszinierendes, eigenwilliges und berührendes Werk. Wer von einem Horrorfilm in erster Linie Jump Scares und Gore erwartet, wird zwar sicher enttäuscht werden, aber Freundinnen & Freunden einer leicht surrealen Weirdness kann ich den Streifen nur wärmstens ans Herz legen.

Wir befinden uns in den 70er Jahren. Der etwas wunderliche Tommy (Henry Regan) begibt sich mit einem Metalldetektor und einer Handkamera bewaffnet in einem Wald auf "Schatzsuche", dabei dokumentiert er sein Unternehmen mit Hilfe eines Kassettenrekorders. 
Wie er selbst erklärt, hat er diese Örtlichkeit seit langem gemieden, und schon bald wird klar, dass Tommys Wanderung durch den Wald in Wirklichkeit eine Reise in die Vergangenheit des jungen Mannes ist, die {anfangs ungewollte} Konfrontation mit einem äußerst schmerzhaften Erlebnis aus seiner Kindheit -- dem Verschwinden seiner kleinen Schwester Grace. 
Der Wald selbst erhält durch die allenthalben im Boden steckenden bunten Lollies, die Tommy offenbar nicht wahrnimmt, sofort einen unwirklichen Charakter. Einmal taucht in der Ferne auch schon erstmals eine bizarre Gestalt im Kaninchenkostüm auf. Die "Schätze", die Tommy ausgräbt, entpuppen sich allesamt als Gegenstände, die ihn an seine Kindheit und an Grace erinnern: Spielzeugroboter, ein Spielzeugtelefon und schließlich ein Teddybär. Spätestens als er im Rauschen des Windes Grace' Stimme zu hören vermeint, die den alten Nursery Rhyme Ringa Ring o' Roses vor sich hin singt {eine Anspielung auf Sapphire and Steel?}, ist er sich sicher, dass seine verschwundene {entführte? ermordete?} Schwester, Kontakt zu ihm aufnehmen will. Allerdings sieht sich Tommy sehr bald schon auch mit dem finsteren "Mr. Bones" konfrontiert -- Grace' Entführer und "Freund", der die Gestalt eines riesigen, alles andere als niedlichen Teddybären besitzt. Was folgt sind u.a. eine surreale "Drogenrauschszene", in der Tommy den "Acid Rabbits" begegnet; ein äußerst verstörendes Marionettenspiel in einem winzigen Puppenhäuschen und ein verdammt düsteres Finale.
Die Handlung von Blood on Satan's Paw lässt sich nicht auf simple Weise, Szene für Szene, aufschlüsseln. Doch ganz offenbar geht es in dem Film um Trauer, Schmerz, Verdrängung und das Gefühl von Schuld.

Was bleibt mir zu sagen? Ich kann allen Freundinnen & Freunden der Phantastik wirklich nur empfehlen, sich einmal ein paar Filme von Mansfield Dark anzuschauen. Die beiden haben ein weitaus größeres Publikum verdient, als sie bisher zu haben scheinen.

Sonntag, 2. Juli 2017

“Are you awake, Count Magnus? Are you asleep, Count Magnus?”

If any man desires to obtain a long life, 
if he would obtain a faithful messenger 
and see the blood of his enemies, 
it is necessary that he should first go 
into the city of Chorazin, and there 
salute the prince of the air.

Liber nigrae peregrinationis

Im Sommer 1901 unternahm Montague Rhodes James – zu dieser Zeit Dean von King's College, Cambridge – einen ausgedehnten Urlaub in Schweden. Es ist anzunehmen, dass das Erlebnis dieser Reise zu den Inspirationen für seine Kurzgeschichte Count Magnus gehörte, die er vermutlich wenige Monate später niederschrieb, auch wenn sie einer breiteren Öffentlichkeit erst 1904 im Rahmen von Ghost Stories of an Antiquary zugänglich gemacht wurde.

Count Magnus gehört ohne Frage zu den bekanntesten Spukgeschichten von M.R. James. In seinem berühmten Essay Supernatural Horror in Literature beschreibt H.P. Lovecraft sie als "a veritable Golconda of suspense and suggestion" und widmet ihr eine sehr viel ausführlichere Zusammenfassung als irgendeinem anderen Werk des alten Monty.

Zum meinen persönlichen absoluten Favoriten zählt die Geschichte zwar immer noch nicht, aber eine erneute Lektüre hat mich doch einige ihrer Nuancen besser zu schätzen gelehrt. 
Als Mr. Wraxall auf einer Reise durch Schweden, bei der er Material für eine Art gelehrten Reiseführer sammelt, den alten Herrensitz von Råbäck in Västergötland besucht, wird ihm seine "over-inquisitiveness" schließlich zum Verhängnis. Er entwickelt eine übergroße Faszination für die Gestalt des Herzogs Magnus de la Gardie, der das Anwesen im 17. Jahrhundert errichten ließ. Der einstige Feudalherr der Region steht in keinem sonderlich guten Ruf. Ein Tyrann von ungezügelter Brutalität war er u.a. an der Niederwerfung eines örtlichen Bauernaufstands beteiligt. Darüberhinaus heißt es, er sein ein Adept der Schwarzen Künste gewesen, der sich nicht nur mit Alchimie beschäftigte, sondern auch auf "die Schwarze Pilgerfahrt nach Chorazin" gegangen sei – "and [he] had brought something or someone back with him." Wraxall scheint diese Geschichten nicht sonderlich ernst zu nehmen, selbst als ihm sein Wirt von dem grausigen Schicksal erzählt, das zwei Wilderer viele Jahre nach dem Tod des Herzogs in dessen Waldungen ereilt haben soll. Zugleich jedoch scheint er auf eigenartige Weise wie besessen von dem Gedanken an Magnus. Mehrfach besucht er dessen Mausoleum – wobei ihn seine Schritte zweimal zu dessen Schwelle führen, ohne dass er sich dessen recht bewusst gewesen wäre.
Tonight, for the second time, I had entirely failed to notice where I was going (I had planned a private visit to the tomb-house to copy the epitaphs), when I suddenly, as it were, awoke to consciousness, and found myself (as before) turning in at the churchyard gate, and, I believe, singing or chanting some such words as, “Are you awake, Count Magnus? Are you asleep, Count Magnus?”
Am Sarkophag des Grafen stehend überkommt ihn das morbide Verlangen, diesen zu öffnen, doch ist er mit drei schweren Vorhängeschlössern gesichert. Aber nach jedem seiner Besuche ist ein weiteres dieser Schlösser aufgebrochen, und als Wraxall bei seiner Abschiedsvisite im Mausoleum vor sich hin murmelt: "You may have been a bit of a rascal in your time, Magnus, but for all that I should like to see you, or, rather ", fällt auch das letzte Schloss zu Boden. Während seiner Rückfahrt nach England fühlt sich Wraxall mehr und mehr verfolgt von zwei unheimlichen Gestalten "a man in a long black cloak and broad hat, and another a ‘short figure in dark cloak and hood’"

Wie Rosemary Pardoe und Jane Nicholls in einem Artikel für Ghosts & Scholars detailliert ausführen, scheint es unmöglich zu sein, eine historische Quelle für die "Schwarze Pilgerfahrt" auszumachen. Der Name der alten Stadt Chorazin in Palästina verknüpft sie auf jedenfall mit den Legenden um den Antichristen, der hier zur Welt kommen soll. Der Titel von Magnus' Manuskriptfragment Liber nigrae peregrinationis, das Wraxall in der Bibliothek von Råbäck findet, könnte wiederum durch John Dees Liber Peregrinationis Primae inspiriert worden sein. Einen mehr nordischen Zug erhält die Geschichte durch die Beschreibung eines der Ornamente auf dem Sarkophag:
In a third, among trees, was a man running at full speed, with flying hair and outstretched hands. After him followed a strange form; it would be hard to say whether the artist had intended it for a man, and was unable to give the requisite similitude, or whether it was intentionally made as monstrous as it looked. In view of the skill with which the rest of the drawing was done, Mr Wraxall felt inclined to adopt the latter idea. The figure was unduly short, and was for the most part muffled in a hooded garment which swept the ground. The only part of the form which projected from that shelter was not shaped like any hand or arm. Mr Wraxall compares it to the tentacle of a devil-fish, and continues: ‘On seeing this, I said to myself, “This, then, which is evidently an allegorical representation of some kind a fiend pursuing a hunted soul may be the origin of the story of Count Magnus and his mysterious companion. Let us see how the huntsman is pictured: doubtless it will be a demon blowing his horn.’” But, as it turned out, there was no such sensational figure, only the semblance of a cloaked man on a hillock, who stood leaning on a stick, and watching the hunt with an interest which the engraver had tried to express in his attitude.
Hier nimmt Magnus auf einmal die Gestalt des "Wilden Jägers" an. Bei diesem handelte es sich ursprünglich ja um Wotan oder Odin und tatsächlich erinnert der Herzog mit seinem breitkrempigen Hut und seinem Stab wohl nicht zufällig an Darstellungen des altgermanischen Gottes.
Die Gestalt seines dämonischen Dieners bringt Ron Weighell in einem gleichfalls in Ghosts & Scholars veröffentlichten Artikel mit den keltischen Genii Cucullati oder "Kapuzendämonen" in Verbindung. Seine tentakelartigen Gliedmaßen lassen freilich eher an lovecraftianische Monstrositäten denken.

Erstaunlicherweise hat es bis vor etwa einem Jahr keine filmische Adaption von Count Magnus gegeben. Doch dann machten sich die britischen Indie-Filmemacher Daniel und Richard Mansfield daran, der Geschichte von Mr. Wraxalls unglücklichem Besuch in Råbäck die Gestalt eines ihrer faszinierenden und atmosphärischen Scherenschnittfilme zu verleihen. Wie bei der Übertragung in ein visuelles Medium nicht anders zu erwarten, wirkt manches hier sehr viel expliziter als in Montys Text, dafür besitzt der Streifen seine ganz eigene, phantasmagorische Qualität.


Sonntag, 25. Dezember 2016

Julzeit-Vergnügen

When I returned to the drawing-room I found the company seated round the fire listening to the parson, who was deeply ensconced in a high-backed oaken chair, the work of some cunning artificer of yore, which had been brought from the library for his particular accommodation. From this venerable piece of furniture, with which his shadowy figure and dark weazen face so admirably accorded, he was dealing out strange accounts of the popular superstitions and legends of the surrounding country, with which he had become acquainted in the course of his antiquarian researches. I am half inclined to think that the old gentleman was himself somewhat tinctured with superstition, as men  are very apt to be who live a recluse and studious life in a sequestered part of the country and pore over black-letter tracts, so often filled with the marvelous and supernatural.   

Wie berichtet, war ich nicht unbedingt in Festtagslaune, als Heilig Abend herannahte. Das hat sich inzwischen erfreulicherweise etwas geändert. Grund hierfür war vor allem ein Weihnachtsgeschenk besonderer Art, als eine sehr liebe Freundin, von der ich seit längerer Zeit nichts mehr gehört hatte, sich plötzlich bei mir zurückmeldete. 
Wie dem auch sei, auf jedenfall befand ich mich heute in der richtigen Stimmung, um das Fest auf eine Weise zu feiern, die mir besonders sympathisch ist.
 
Alle, die meinem Blog schon etwas länger folgen, wissen vermutlich, dass ich ein großer Freund der alten englischen Tradition bin, sich zur Julzeit mit dem Erzählen von Gespenstergeschichten zu unterhalten. Da kam mir ein anderes, etwas materielleres -- aber gleichfalls phantastisches -- Weihnachtsgeschenk sehr entgegen, das ich am Abend zuvor erhalten hatte: Die von Leah Moore und John Reppion kreierte Comicadaption der ersten vier Ghost Stories of an Antiquary des unsterblichen M.R. James.

Ich muss gestehen, dass der Comic eine Kunstform ist, zu der ich lange Zeit keinen rechten Zugang habe finden können. Warum, weiß ich selbst nicht so genau. Auf jedenfall ist meine Vertrautheit mit ihr auch heute noch sehr unterentwickelt. Was mich allerdings nicht davon abgehalten hat, das exquisite kleine Bändchen schon beim ersten Hineinschmökern äußerst ansprechend zu finden. Moore und Reppion beweisen ein tiefes Einfühlungsvermögen in Montys Erzählkunst, deren besondere Qualitäten sie sehr geschickt in das neue Medium zu übertragen verstehen. Die Zeichnungen von Aneke, Kit Buss, Fouad Mezher und Alisdair Wood verleihen aufgrund der sehr unterschiedlichen Stile der Künstlerinnen & Künstler jeder der vier Geschichten (Canon Alberic's Scrap-book, Lost Hearts, The Mezzotint und The Ash-tree) einen distinkten Charakter. Selbstredend kann eine erste, oberflächliche Lektüre einem Werk dieser Art nicht gerecht werden. Es verlangt nach eingehenderer und aufmerksamerer Betrachtung. Dennoch kann ich Ghost Stories of an Antiquary Vol. 1 schon jetzt jedem Freund & jeder Freundin des Phantastischen, und vor allem natürlich allen Verehrerinnen & Verehrern von M.R. James und der klassischen englischen Gespenstergeschichte, wärmstens ans Herz legen. {Interviews mit John Reppion & Leah Moore zu dem Buch kann man sich in diesen Episoden von A Podcast to the Curious und The Northern Soul Podcast anhören.}

Da der 24. Dezember nicht nur Heilig Abend, sondern zugleich der Geburtstag des von mir tief verehrten Fritz Leiber ist, dachte ich mir, die Lektüre einer seiner unheimlichen Kurzgeschichten sei gleichfalls keine schlechte Idee für den ersten Weihnachtstag. Ich entschied mich für The Girl with the Hungry Eyes
Wenn Monty der unbestrittene Großmeister der klassischen Geistergeschichte ist, legt uns Leiber mit dieser beeindruckenden kleinen Story ein frühes Beispiel für einen spezifisch modernen Horror vor.

Doch so schön es auch ist, eine gute Spukgeschichte zu lesen, es ist nicht dasselbe, wie sie erzählt zu bekommen. Für die richtige Julfest-Unterhaltung musste ich mich anderswo umschauen. Glücklicherweise kenne ich genug britische Freunde & Freundinnen des Unheimlichen & Phantastischen, die diese Tradition ihrer Heimat hochhalten und zur Weihnachtszeit entsprechende Beiträge ins Netz stellen.
Da hätten wir z.B. Christopher Browns großartige A Drinker's Story. Was mich an dieser Geschichte besonders angesprochen hat, ist, dass der Akt des Erzählens selbst ein integraler Bestandteil der Erzähluing ist. Sie würde nicht diesselbe Wirkung erzielen, wenn man sie lesen würde.
Der gute Mr. Jim Moon derweil erfreut uns in Do You Hear What I Hear mit einem Bericht darüber, wie die alte Standuhr, die allen Hörern & Hörerinnen seines Podcasts Hypnobobs wohlbekannt sein dürfte, ursprünglich ihren Weg in Darlingtons "Great Library of Dreams" gefunden hat. Dabei wandelt er wieder einmal auf den Spuren des großen Geisterjägers Carnacki.
Und die wundervolle Julia Morgan (Morgan Scorpion) schließlich hat vor einigen Stunden eine von ihr vorgetragene Fassung von Elizabeth Gaskells The Old Nurse's Story hochgeladen. Für weitere nächtliche Julzeit-Vergnügen ist damit gesorgt.

Montag, 1. August 2016

"Secretum meum mihi et filiis domus meae"

Als ich vor etlichen Jahren das erste Mal Bekanntschaft mit der phantastischen Welt des großen Montague Rhodes James schloss, dessen 154. Geburtstag wir heute feiern können, gehörte Mr. Humphreys and His Inheritance zu den Kurzgeschichten Montys, die einen besonders starken Eindruck bei mir hinterließen. Und auch heute noch zähle ich sie zu meinen Favoriten. 
Grund hierfür ist weniger die – zweifelsohne sehr eindrucksvolle – Szene, in der sich ein Tintenklecks vor den Augen des Protagonisten in einen bodenlosen Schacht zu verwandeln scheint, aus dem eine grausige Gestalt zu ihm emporsteigt:
It took shape as a face a human face a burnt human face: and with the odious writhings of a wasp creeping out of a rotten apple there clambered forth an appearance of a form, waving black arms prepared to clasp the head that was bending over them. 
Was mich an dieser Story besonders stark anspricht ist vielmehr die gespenstisch-mysteriöse Atmosphäre, die den "Tempel der Freundschaft", den Irrgarten und die "Himmelskugel" mit ihren gnostisch-okkultistischen Anklängen umgibt. Die Lektüre des in Ghosts and Scholars veröffentlichen Artikels James Wilson's Secret von Rosemary Pardoe & Jane Nicholls hat diesen Eindruck in gewisser Weise noch verstärkt, legen die beiden Autorinnen doch recht überzeugend dar, dass die in der Geschichte verwendete Symbolik darauf hindeutet, dass wir in dem Erbauer des Irrgartens einen Kainiten, d.h. den Anhänger einer ganz bestimmten gnostischen Sekte, zu sehen haben.

Abgesehen von The Lost Will of Dr. Rant (1951), Jacques Tourneurs Klassiker Night of the Demon (1957) sowie einigen neueren Indie-Produktionen wie den A Pleasing Terror - Filmen von Daniel & Richard Mansfield habe ich die allermeisten M.R. James - Adaptionen bereits mehr oder minder ausführlich auf diesem Blog besprochen. {hier * hier * hier * hier * hier}. Dass ich dabei ausgerechnet die 1976 von ITV produzierte Verfilmung von Mr. Humphreys and His Inheritance außen vor gelassen habe, mag angesichts meiner Liebe für die Story zurecht merkwürdig erscheinen.  Also hole ich das jetzt rasch nach.
Das gerade einmal sechzehn Minuten lange, unter der Regie von Tony Scull gedrehte Filmchen ist so etwas wie eine Kuriosität. Es wurde ursprünglich als Teil eines Schulprogramms ausgestrahlt, mit dem Kinder dazu animiert werden sollten, sich mit Musik zu beschäftigen. Warum Scull dafür auf eine M.R. James - Geschichte zurückgriff, erscheint nicht recht nachvollziehbar. Allerdings erklärt es, warum der Film mit einer recht interessanten Komposition von Philip Wilby unterlegt ist. Inhaltlich hält sich der Streifen realtiv eng an seine literarische Vorlage, auch wenn das zweifellos äußerst magere Budget u.a. dazu geführt hat, dass wir den "Tempel der Freundschaft" nicht zu sehen bekommen und auf Lady Wardrops Besuch verzichten müssen. Auch wurde die puritanische Predigt vom Irrgarten, die Humphreys in einem alten Buch entdeckt, ersatzlos gestrichen. Dafür ist die Erscheinung des höllischen Gesichtes ziemlich effektvoll – und in Anbetracht des ursprünglichen Publikums recht drastisch – in Szene gesetzt. Leider jedoch gelingt es dem Streifen nicht wirklich, die der Story eigene Atmosphäre einzufangen. Seinem Irrgarten fehlt ein wenig die nötige Aura des Geheimnisvollen uind Düsteren. Auch sind beinahe alle Bezüge auf den gnostischen Symbolismus verschwunden. Was mitunter sicher auch auf das fehlende Budget zurückgeführt werden kann. Es dürfte kaum möglich gewesen sein, ein so kunstvolles und detailreiches Objekt wie die "Himmelskugel" aus Montys Story für ein sechzehn Minuten langes "Schulfilmchen" anfertigen zu lassen.
One feature seemed familiar; a winged serpent Draco encircled it about the place which, on a terrestrial globe, is occupied by the equator: but on the other hand, a good part of the upper hemisphere was covered by the outspread wings of a large figure whose head was concealed by a ring at the pole or summit of the whole. Around the place of the head the words princeps tenebrarum could be deciphered. In the lower hemisphere there was a space hatched all over with cross-lines and marked as umbra mortis . Near it was a range of mountains, and among them a valley with flames rising from it. This was lettered (will you be surprised to learn it?) vallis filiorum Hinnom . Above and below Draco were outlined various figures not unlike the pictures of the ordinary constellations, but not the same. Thus, a nude man with a raised club was described, not as Hercules but as Cain . Another, plunged up to his middle in earth and stretching out despairing arms, was Chore , not Ophiuchus , and a third, hung by his hair to a snaky tree, was Absolon . Near the last, a man in long robes and high cap, standing in a circle and addressing two shaggy demons who hovered outside, was described as Hostanes magus (a character unfamiliar to Humphreys). The scheme of the whole, indeed, seemed to be an assemblage of the patriarchs of evil, perhaps not uninfluenced by a study of Dante.   
Doch ohne Details wie diese geht viel von dem verloren, was den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht.
Trotzdem ist der Film kein völliger Misserfolg. Geoffrey Russel als ein – deutlich älterer – Mr. Humphreys und Peter Wheeler als sein Verwalter Cooper sind durchaus überzeugend, und Wilbys Musik – ob der Story nun wirklich angemessen oder nicht – verleiht dem Streifen eine interessante zusätzliche Dimension. Betrachtet und beurteilt man ihn als die etwas bizarre Kuriosität, die er unter den Mr James - Verfilmungen in der Tat darstellt, so ist er durchaus einen Kurzbesuch wert.



Montag, 5. Januar 2015

Geistergeschichten am Kaminfeuer

In der Vergangenheit habe ich auf diesem Blog bereits mehrfach über die in den 70er Jahren von der BBC kreierte Serie A Ghost Story for Christmas geschrieben {hier, hier und hier}. Gleichfalls habe ich bereits einmal über Don Taylors The Exorcism und Nigel Kneales The Stone Tape berichtet, die man zumindest zur näheren Verwandtschaft der weihnachtlichen Geistergeschichte zählen darf. In den letzten zwei Wochen habe ich nun – ganz im Geiste der Festzeit – einen erneuten Ausflug in diese spukigen Gefilde unternommen.

Die allerletzte, 1978 ausgestrahlte Ghost Story for Christmas war die einzige, die nicht unter der Regie des großen Lawrence Gordon Clark gedreht wurde. An seine Stelle trat Derek Lister.
Wie schon Stigma aus dem Vorjahr fällt auch The Ice House deutlich aus dem Rahmen. Nicht auf einer klassischen Geistergeschichte basierend, sondern eigens für die Serie geschrieben, ähneln die beiden letzten Episoden weder in Inhalt noch Atmosphäre dem, was man bisher von A Ghost Story for Christmas gewohnt war. Doch während es sich bei Stigma meiner Meinung nach um ein recht faszinierendes phantastisches Fernsehstück handelt, hinterlässt The Ice House einen eher enttäuschenden Eindruck und wirkt deshalb beinah wie eine Rechtfertigung für das Einstellen der Serie.
Von Autor John Bowen hätte man sich etwas interessanteres erhofft, war er es doch gewesen, der acht Jahre zuvor das Script für James MacTaggarts Robin Redbreast geschrieben hatte – einen im Rahmen von Play For Today ausgestrahlten Fernsehfilm, der als eines der stilprägenden Werke des Folk Horror gelten darf. Und auch sein erster Beitrag zu den Ghost Stories for Christmas – das Drehbuch für The Treasure of Abbot Thomas (1974) – beweist das unbestreitbare Talent des Autors.
In einem Essay für die DVD-Ausgabe von 2012 bezeichnet Alex Davison The Ice House als "arguably the most daringly experimental film of the A Ghost Story for Christmas series", auch wenn er zugibt, dass dieses Experiment eher misslungen sei. Ich bin mir nicht sicher, ob eine derartige Einschätzung nicht etwas zu hoch gegriffen ist. Zwar spürt man den Ehrgeiz, der hinter diesem Projekt gesteckt haben muss, doch zugleich hatte ich das Gefühl, The Ice House versuche den Eindruck zu erwecken, mehr zu sein als es in Wirklichkeit ist. Ganz offensichtlich will der Film irgendetwas über das sinnentleerte Leben der gehobenen Mittelklasse zum Ausdruck bringen. Doch verglichen mit Filmen wie The Exorcism, den Episoden von Nigel Kneales Beasts (1976) oder auch Stigma, wirkt der sozialkritische Ansatz hier aufgesetzt, beinah etwas prätentiös, bleibt die Geschichte doch viel zu obskur, um mehr aus ihr ableiten zu können als vage Eindrücke von Einsamkeit und innerer Leere.

Nach dem Ende von A Ghost Story for Cristmas und der Ausstrahlung von Lawrence Gordon Clarks ITV-Adaption von Casting the Runes (1979) mit dem grandiosen Iain Cuthbertson als Julian Karswell machten sich "ghoulies and ghosties and long-legged beasties" im britischen Fernsehen für viele Jahre erst einmal ziemlich rar. Lediglich die 1986 auf BBC2 ausgestrahlte Reihe Classic Ghost Stories bot noch einmal etwas gespenstische Unterhaltung der traditionellen Art. Allerdings handelte es sich dabei nicht um ausgewachsene Adaptionen, sondern um nicht viel mehr als simple Lesungen von fünf M.R. James - Geschichten. Neben den Klassikern Oh, Whistle And I'll Come To You, My Lad, The Ash Tree und The Mezzotint präsentierte die Serie auch die eher etwas unbekannteren Stories The Wailing Well und The Rose Garden. Vorgetragen wurden sie allesamt von dem großartigen Robert Powell – am bekanntesten vielleicht aufgrund der Hauptrollen in Ken Russells Mahler (1974) und Franco Zeffirellis Jesus of Nazareth (1977); Horrorfans werden den Schauspieler möglicherweise als Dr. Martin aus Roy Ward Bakers von Amicus produziertem Portmanteau-Streifen The Asylum (1972) kennen.
Powell schlägt einen lockeren Konverationston an, was den Lesungen zusammen mit dem nostalgisch-viktorianischen Ambiente, in dem der Erzähler auftritt, auf den ersten Blick einen beinah heimeligen Charakter verleiht. Nichtsdestoweniger findet dank Montys Erzähl- und Powells Vortragskunst alsbald schon das Grauen seinen Eingang in diese gemütliche Welt. Ab und an illustrieren kurze Spielszenen den Ablauf der Geschichte, doch erweist sich der gleichfalls praktizierte Einsatz von Gemälden, Stichen und Fotographien in atmosphärischer Hinsicht oft als sehr viel wirkungsvoller.         

Es sollten knapp anderthalb Jahrzehnte vergehen, bevor man erneut an die alten Traditionen anzuknüpfen versuchte. In der Weihnachtszeit des Jahres 2000 war es dann endlich soweit, und BBC2 beglückte alle Freundinnen & Freunde des alten Monty und der klassischen englischen Geistergeschichte mit der vierteiligen Serie Ghost Stories for Christmas with Christopher Lee.
Regisseurin Eleanor Yule ist vor allem im Doku-Bereich aktiv, wo sie sich u.a. durch eine Reihe von Kooperationen mit Michael Palin und Moominland Tales, einem biographischen Film über Tove Jansson, einen Namen gemacht hat. Doch hegt sie offenbar auch eine tiefe Zuneigung zum Horrorgenre, und da Nicolas Roegs Don't Look Now / Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) erklärtermaßen ihr Lieblingsfilm in dieser Sparte ist, verfügt sie außerdem ganz offensichtlich über einen guten Geschmack.
In gewisser Hinsicht lässt sich Ghost Stories for Christmas with Christopher Lee als eine aufwendigere Wiederbelebung des Formats der Classic Ghost Stories mit Robert Powell beschreiben. Erneut haben wir es eher mit Lesungen denn mit Adaptionen zu tun, wobei der große Mr. Lee in die Rolle von Montague Rhodes James schlüpft und ganz wie der alte Monty dies Anfang des letzten Jahrhunderts in Cambridge tatsächlich getan hat, einige seiner Geschichten einem auserwählten Publikum von Freunden, Kollegen und Studenten vorträgt. Die Atmosphäre ist dabei wohl etwas "gotischer" als sie weiland im Chit-Chat-Club tatsächlich gewesen sein mag, dennoch finde ich dieses Anknüpfen an die realen Ursprünge von Montys gespenstischer Kunst sehr ansprechend. Es schadet nicht, sich immer mal wieder zu vergegenwärtigen, dass viele seiner Stories ursprünglich für den mündlichen Vortrag geschrieben wurden. Und Christopher Lee ist in der Tat ein phänomenaler Geschichtenerzähler. Wie in Fortsetzung und Perfektionierung der schon bei Classic Ghost Stories verwendeten Methode, wird die Erzählung auch hier immer wieder mit kurzen Einspielungen unterlegt, die weniger den Charakter von Dramatisierungen denn von äußerst evokativen Illustrationen tragen.
Nicht alle Episoden sind gleich gut gelungen. The Stalls of Barchester etwa besitzt deutliche strukturelle Schwächen, die zwar z.T. auf die literarische Vorlage zurückzuführen sind, durch die ungeschickte Form der Adaption aber besonders stark ins Auge stechen. Das unbestreitbare Glanzstück der Miniserie hingegen ist A Warning to the Curious:

Ein Jahrfünft später startete die BBC einen – aufgrund bald darauf einsetzender Budgetkürzungen leider nur äußerst kurzlebigen – Versuch, das alte Konzept der Ghost Stories for Christmas in seiner ursprünglichen Form wiederzubeleben. Am 24. Dezember 2005 wurde als erster Teil der geplanten Reihe eine von Autor Peter Harness und Regisseur Luke Watson geschaffene Adaption von Montys A View From A Hill ausgestrahlt.
Harness ist ein scheinbar relativ bekannter Stückeschreiber, Drehbuchautor und Schauspieler, der u.a. für die dritte Staffel der BBC-Adaptionen von Henning Mankells Wallander - Romanen mit Kenneth Branagh verantwortlich zeichnete. {Filme, die ich selbst nicht gesehen habe, da ich mich nachwievor schwer damit tue, irgendjemand anderen als Rolf Lassgård in der Rolle sehen zu können. Auch wenn ich mir durchaus bewusst bin, dass die Qualität der schwedischen Produktionen ziemlich durchwachsen ist.} Freundinnen & Freunde der Phantastik mögen seinem Namen im Zusammenhang mit der gerade in Produktion befindlichen Verfilmung von Susanna Clarkes Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell begegnet sein, für die er das Drehbuch geschrieben hat. 
A View from a Hill gehört nicht zu den ganz großen Meisterwerken von M.R. James, auch wenn die Geschichte in motivischer Hinsicht manch Faszinierendes zu bieten hat, geht es in ihr doch um das Verlangen, einen direkten Zugang zur Vergangenheit zu erlangen. Ein Thema, das angesichts von Montys eigenen antiquarischen Obsessionen ein sehr persönliches Element zu enthalten scheint. Peter Harness' Adaption nimmt einige deutliche Veränderungen vor, die z.T. den durch das sehr knappe Budget auferlegten Beschränkungen geschuldet waren, unter denen das Team arbeiten musste. So konnte man es sich vermutlich einfach nicht leisten, die Szene von Baxters Verderben filmisch umzusetzen. Was zu bedauern ist, handelt es sich doch um eine der stärksten Passagen der Story. Andere Eingriffe wurden nicht durch finanzielle Umstände erzwungen, erweisen sich jedoch als durchaus fruchtbar. So finde ich z.B. die Verwandlung des ältlichen und umgänglichen Squire Richards in einen bankrotten Landadeligen, der der wenig erfreulichen Lage, in der er sich befindet, mit einer Mischung aus "stiff upper lip" und leichter Selbstironie begegnet, sehr ansprechend. Zumal es Pip Torrens – ganz ohne Zweifel der echte Star dieses Films – gelingt, dem Charakter Tiefe, Komplexität und einen ruppigen Charme zu verleihen.
Alles in allem ist A View from a Hill ein sehenswerter, wenn auch kaum phänomenaler Eintrag in die Annalen der televisionären Geistergeschichte. Ähnlich wie viele der Klassiker der 70er Jahre verwendet auch dieser Film auf recht geschickte Weise die Landschaft zum Heraufbeschwören einer unheimlichen Atmosphäre. Luke Watson ist kein Lawrence Gordon Clark, aber er versteht sein Handwerk. Der Wald ist das vielleicht gruseligste in A View from a Hill. Und auch wenn die Schrecken eher angedeutet, denn dargestellt werden, lässt einen die finstere, verstörende Note, auf der der Film ausklingt, nicht so leicht wieder los.

Number 13 – der zweite und letzte Teil der früh verstorbenen neuen Ghost Stories for Christmas – hat mich nicht recht überzeugen können, wie ich hier bereits einmal etwas ausführlicher dargelegt habe.

Der nächste Versuch, an die alten Traditionen anzuknüpfen, wurde von Autor, Schauspieler und Regisseur Mark Gatiss gestartet – hierzulande vermutlich in erster Linie aufgrund seiner Mitarbeit an Sherlock und dem neuen Doctor Who bekannt. Über die Weihnachtsfeiertage 2008 strahlte BBC4 seinen Episoden-Horrorfilm Crooked House aus, der sich sehr deutlich am Vorbild der alten Ghost Stories for Christmas {und natürlich auch an dem der Portmanteau-Klassiker von Amicus} orientierte. Ein meiner Meinung nach nicht durchgehend gelungenes Unternehmen, wie man hier nachlesen kann. Fünf Jahre später dann erhielt Gatiss die Gelegenheit, mit einer Adaption von M.R. James' The Tractate Middoth ganz offiziell eine neue Ghost Story for Christmas zu kreieren.     
Im Ganzen gesehen ein feiner kleiner Horrorstreifen, der aber nicht an die Qualität der Werke von Lawrene Gordon Clark heranreicht. Optisch sehr ansprechend und mit exquisiten Darstellern gesegnet, gelingt es ihm dennoch nicht, eine vergleichbar intensive, angenehm unheimliche Atmosphäre zu erschaffen. Der Film enthält zweifelsohne einige starke Szenen. So fand ich z.B. den wiederholten Einsatz von Spinnen als Verkörperungen des pervers-grausamen Geistes von Dr. Rant sehr gelungen – äußerst angemessen, wenn man sich Montys legendäre Arachnophobie ins Gedächtnis ruft. Auch macht David Ryall aus dem alten Rant einen wahrlich teuflischen Charakter. Und doch hat mich der Film nicht wirklich gepackt. Die immer wieder auftauchenden, gar zu offensichtlich computergenerierten Staubflocken wirkten auf mich in dieser Hinsicht geradezu symptomatisch – hübsch anzusehen, aber zugleich die Atmosphäre zerstörend.
In einem Punkt unterscheidet sich Mark Gatiss' The Tractate Middoth übrigens sehr deutlich von beinah allen anderen M.R. James - Adaptionen. Ob zum Guten, lässt sich allerdings nicht so eindeutig sagen.
Viele von Montys Geschichten enthalten eine ordentliche Dosis Humor, ein subtiles Element von ironischem Witz, sowohl in Auseinandersetzung mit den bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts klischeehaft gewordenen Konventionen der Geistergeschichte als auch mit dem akademischen Oxbridge-Milieu, dem nicht nur viele der Hauptfiguren entstammen, sondern das ja auch das ursprüngliche Publikum der Stories gewesen ist. In den allermeisten Verfilmungen findet sich hiervon nicht die leiseste Spur. So gesehen ist Gatiss' Streifen seiner literarischen Vorlage näher als alle seine Vorgänger, denn er wird von einer ganzen Schar humorvoll karrikierter Gestalten bevölkert. Doch so gelungen und witzig die Darstellungen im Einzelnen auch sind, muss man sich fragen, ob der Autor und Regisseur hier nicht etwas zu weit gegangen ist. Wenn beinah alle Nebenfiguren den Charakter von Karrikaturen annehmen, droht der Film als Ganzes jenen bei aller Phantastik notwendigen realistischen und ernsthaften Zug zu verlieren, ohne den sich eine unheimliche Atmosphäre nicht entfalten kann.

Im Anschluss an The Tractate Middoth strahlte die BBC Weihnachten 2013 den gleichfalls von Mark Gatiss gedrehten Dokumentarfilm MR James: Ghost Writer aus. Wie die Geistergeschichte selbst ist auch er sehr schön anzusehen. Besonders gut gefallen hat mir die Idee, als verbindenes Motiv Szenen zu verwenden, in denen wir Gatiss auf seinem Fahrrad durch die Gegend fahren sehen, denn bekanntlich war der alte Monty ein leidenschaftlicher Radfahrer. Auch ist es großartig, Robert Lloyd Parry in der Rolle von M.R. James erleben zu dürfen. Der Schauspieler hat sich in den letzten Jahren mit seinen Lesungen/Ein-Mann-Theater-Aufführungen einen Namen unter englischen Montyfans gemacht.*
Wer sich bereits ein wenig mit M.R. James auskennt, wird in diesem Film keine faszinierenden neuen Einsichten finden, doch als eine Einführung in Leben und Werk des Autors funktioniert er ziemlich gut. Vor allem da man sehr deutlich Gatiss' leidenschaftliche Liebe zu Monty spüren kann. Höhepunkte sind zum einen die kurzen Interviews mit Jonathan Miller – dem Regisseur der bis heute besten James-Adaption Whistle And I'll Come To You (1968) , Lawrence Gordon Clark und Canon Adrian Carey, dessen Vater ein guter Freund von Monty gewesen war und der den großen Mann selbst noch in Eton kennenlernen durfte. Zum anderen Gatiss sehr feinfühlige und berührende Schilderung von Montys inniger Freundschaft zu James McBride. Mit letzterem berührt der Film freilich ein Thema, das unter Jamesianern sehr umstritten ist. Die Frage, ob Monty homosexuell war und nicht zumindest einige seiner Geschichten auch als Ausdruck seiner unterdrückten Sexualität gelesen werden können. Gatiss geht nicht so weit wie Mike Pincombe in seinem in Ghosts & Scholars veröffentlichten Essay Homosexual Panic and the English Ghost Story, aber er lässt doch keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er in dieser Kontroverse steht.            

Hinzugefügt: 
Die neueste Episode der Monster Hunters ist eine wunderschöne und wie alle Abenteuer von Roy Steel & Lorrimer Chesterfield äußerst amüsante Hommage an M.R. James und die klassische englische Geistergeschichte. 



* Ein Interview mit Parry findet sich in dieser Episode des exzellenten A Podcast to the Curious.