"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Posts mit dem Label jim henson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label jim henson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 7. Oktober 2012

Jim Hensons Fantasy IV: "The Storyteller"

Jetzt hat es also einen Tag länger gedauert als beabsichtigt ... Was soll's ... Ernennen wir halt Sonntag zu Raskolniks Tag des Märchens ...

Lange Zeit hatte ich starke Vorbehalte gegenüber allen US-amerikanischen Adaptionen europäischer Märchen. Ich fühlte mich da ganz eins mit dem alten Tolkien, der einen wütenden Hass auf Walt Disney und seine Kreationen hegte. Für meine Vorurteile war allerdings nicht allein und wohl nicht einmal hauptsächlich der gute Onkel Walt mit seinem süßlichen Kitsch verantwortlich. Antiamerikanischer Snobismus hat in Europa ja gerade unter Linken eine lange Tradition. Inzwischen hoffe ich von dieser Krankheit genesen zu sein, und was Märchen betrifft, so hat mir spätestens The Storyteller gezeigt, dass auch ein so uramerikanischer Künstler wie Jim Henson mit ihnen ausgesprochen sensibel umzugehen verstehen kann.


Die Existenz der aus neun jeweils knapp halbstündigen Episoden* bestehenden Serie, die erstmals 1987 ausgestrahlt wurde, verdanken wir im Grunde Jim Hensons Tochter Lisa, die sich während ihres Studiums in Harvard u.a. mit Mythologie, Volkssagen und Märchen beschäftigte. Sie war es, die ihren Vater auf die Idee brachte, ein filmisches Format zu schaffen, in dem diese alten Geschichten neu erzählt werden könnten, und trotzdem ihren poetischen Reichtum und ihre metaphorische Tiefe behalten würden. Henson selbst erklärte seine Beweggründe zur Entwicklung von The Storyteller später wie folgt:  
When I was a child, my mother's family would gather at my grandmother's house. Fifteen or twenty people would be there, sitting around the dinner table, and my grandparents would have stories to tell - usually stories from their childhood. They would tell a tale, and somebody would try to top it. I've always felt that these childhood experiences were my introduction to humor - of my family sitting around the dinner table, making each other laugh.
As children, we live in a world of imagination, of fantasy, and for some of us that world of make-believe continues into adulthood. Certainly I've lived my whole life through my imagination. But the world of imagination is there for all of us - a sense of play, or pretending, of wonder. It's there with us as we live.
As I've grown older, I've been attracted to fairy tales and folk tales, and the rich quality of these stories - grown richer as they have gone through generations and generations of telling and retelling. They're important - for the flow of information, and energy, and entertainment from the storyteller to his listeners as the storyteller calls upon them to meet him halfway, to create the story in their own minds.
It is our responsibility to keep telling these tales to tell them in a way that they teach and entertain and give meaning to our lives. This is not merely an obligation, it's something we must do because we love doing it.
Dementsprechend präsentiert uns die Serie nicht bloß filmische Versionen authentischer Volksmärchen, sondern feiert zugleich die hohe Kunst des Geschichtenerzählens.

Einen entscheidenden Beitrag zu ihrem Gelingen leistet John Hurts alter Geschichtenerzähler mit seiner charismatischen Mischung aus Fabulierlust, Wortgewandtheit und ironischem Humor. Und wieder war es Lisa Henson, die den britischen Schauspieler für diese Rolle vorschlug.
Mir war bisher nie so recht bewusst, wie groß Hurts Präsenz über die Jahre im phantastischen Film eigentlich gewesen ist:  Er verlieh seine Stimme Hazel in Watership Down, Aragorn in Bakshis Lord of the Rings, dem Foxterrier Snitter in The Plague Dogs, dem Horned King in The Black Cauldron, Pascal in der englischsprachigen Fassung von Felidae (was ohne Zweifel eine Verbesserung gegenüber Klaus-Maria Brandauer gewesen sein dürfte) und dem Drachen Kilgharrah in der {soweit ich sie verfolgen konnte} amüsanten & sympathisch naiven TV-Serie Merlin. In persona durften wir ihn u.a. als Kane in Alien (und Spaceballs), Professor Bruttenholm in den Hellboy-Filmen, High Chancellor Adam Sutler in V for Vendetta und Mr. Ollivander bei Harry Potter erleben, sowie als den exzentrischen Milliardär S.R. Hadden in Contact und natürlich als Winston Smith in Nineteen Eighty-four. In einer BBC-Neuverfilmung von Whistle and I'll Come nach M.R. James spielte er 2010 außerdem James Parkin. {Dass er auch bei Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull mitgewirkt hat, versuche ich zu verdrängen}.
Keine Ahnung, ob dies irgendetwas zu bedeuten hat. Dem Storyteller jedenfalls widmete Hurt sich voller Elan und Begeisterung. Als man ihm das Projekt zum ersten Mal vorstellte, reagierte er zwar anfangs skeptisch (möglicherweise hegte der Brite ähnliche Vorurteile wie ich), doch war er schon bald Feuer und Flamme.
I read the script and I thought, `Wow, this is some fantastic writing. Here`s someone who really understands the whole style of that genre - folk tales and fairy tales - in the way I`ve always understood them.' [...] The important thing is not to let them become sentimental in any sense. They are full of charm, they`re full of poetry, and some of them are quite fierce - but not gratuitously fierce. [...] They`re foolproof so long as they`re treated correctly. Treated incorrectly, they become schmaltzy.
In der Tat sind Anthony Manghellas Drehbücher durchgehend von außergewöhnlich hoher Qualität, und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass der Mann vielleicht besser Drehbuchschreiber hätte bleiben sollen, anstatt The English Patient, The Talented Mr. Ripley und Cold Mountain zu drehen. {Oder glaubt tatsächlich noch jemand, dass Oscar-Gewinne etwas über die Qualität eines Filmemachers aussagen?}
Manghella lässt den Geschichtenerzähler eine Sprache verwenden, die formelhafte Züge trägt und zugleich reich an poetischen, sinnlichen Metaphern ist, ganz wie es dem Genre des Volksmärchens angemessen ist. Zugleich verleiht er ihm einen von Lebenserfahrung und Weltweisheit geprägten spöttischen Blick auf das Leben und die Menschen. Ihm zur Seite steht – quasi stellvertretend für die Zuhörerschaft sein Hund, der die Erzählungen seines Herrn immer wieder durch Fragen oder Kommentare unterbricht. Brian Henson, der der Puppe nicht nur ihr Leben, sondern auch seine Stimme verliehen hat, macht aus ihm einen ebenso lebendigen Charakter wie den Erzähler selbst. John Hurt berichtete über die Zusammenarbeit mit "Hund": "It was a bit unnerving. As you rehearse, you actually begin to think the thing is alive! I`m amazed to find that when I get home to my own dogs, all they can do is bark."

Die Märchen selbst sind – was Dialog und Handlung angeht – größtenteils frei von überdeutlichen Modernisierungen. Die Ausnahme bilden einige Szenen und Figuren wie der Greif in The Luck Child oder der Troll in The True Bride, wobei solche Stilbrüche stets der humorvollen Auflockerung dienen, ohne je die Atmosphäre der Geschichte zu zerstören.
Dies soll keineswegs bedeuteten, dass den Erzählungen irgendetwas Holzschnitthaftes anhaften würde. Vielmehr verleiht eine kleine Heerschar talentierter Schauspielerinnen & Schauspieler den handelnden Personen durchweg eine natürliche Lebendigkeit. Die von ihnen verwendete Sprache ist oft 'einfacher' als die des Erzählers, abhängig vom sozialen Stand der Figur trägt sie mitunter dialektale Züge.
Eine Modernisierung haben die alten Geschichten ganz allgemein wohl insofern erfahren, als der ihnen innewohnende humane Gehalt stärker herausgearbeitet wurde. Doch ist dies auf zurückhaltende und sensible Weise geschehen, fern von erhobenem Zeigefinger oder klebriger Sentimentalität. So behandelt z.B. die ersten zehn Minuten von Hans My Hedgehog in berührender Weise das Thema Außenseitertum und The Luck Child ist erfüllt vom Aufbegehren gegen Tyrannei und Ausbeutung.
Im Unterschied zu vielen 'kindgerechten' Märchenbearbeitungen übertüncht The Storyteller nicht das Düstere der Erzählungen. Grausamkeit und Leid besitzen einen ebenso festen Platz in ihnen wie in der Wirklichkeit und werden weder weggeleugnet noch verniedlicht. Der Tod in The Soldier and Death ist eine wirklich unheimliche Gestalt, und der kleine Prinz in A Short Story eines der gruseligsten Kinder, die mir in letzter Zeit in einem Film begegnet sind.

Doch was The Storyteller in meinen Augen wirklich außergewöhnlich macht, ist vor allem die visuelle Ästhetik. Und damit meine ich weniger die Schöpfungen des Creature Shop, auch wenn diese {wie immer} fantastisch sind.**  Die Serie ist vor allem ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, warum der Pseudonaturalismus, dem sich so viele Filmemacher in unserem CGI-Zeitalter verschrieben haben, meiner Meinung nach eher eine Sackgasse für die phantastische Kunst darstellt. Sie zeigt, wie technische Beschränkungen zu künstlerischem Potential werden können. Es wird gar nicht erst versucht, die Illusion zu erwecken, die dargestellten Landschaften, Gebäude oder Kreaturen seien real. Doch gerade durch ihre offensichtliche Künstlichkeit heben sie hervor, dass wir uns innerhalb einer Geschichte befinden. Zugleich verschwimmt immer wieder auf faszinierende Weise die Grenze zwischen der Welt des Geschichtenerzählers und der Welt seiner Geschichten, wenn wir die Personen, von denen er erzählt, plötzlich auf einem Gemälde über seinem Kamin oder auf einer bemalten Porzellantasse wiederfinden. Ebenso kann sich die Schale, in die er Wasser für "Hund" gießt, flugs in den Mühlteich verwandeln, an dem Fearnot einem Ungeheuer begegnet. Es sind insbesondere diese zahllosen Details, in denen sich der fließende Übergang von 'Wirklichkeit' und 'Fantasie' und damit ihre tiefe innere Verwandtschaft manifestiert, die es lohnen, Jim Hensons Storyteller nicht nur einmal, sondern immer wieder zu sehen.

  * Hans My Hedgehog - Fearnot - A Short Story - The Luck Child - The Soldier and Death - The True Bride - The Three Ravens - Sapsorrow - The Heartless Giant. Mit ein bisschen Geduld lassen sich alle neun bei Youtube aufspüren.
** Nebenbei bemerkt hat wie schon an The Dark Crystal und Labyrinth auch an The Storyteller Brian Froud mitgewirkt.

Dienstag, 18. September 2012

Zehnter Jahrestag eines Verbrechens

Das Einhalten irgendwelcher Jubiläen gehört ganz offenbar nicht zu meinen Stärken. Erst als ich nach einer etwas längeren Pause vorgestern einmal wieder auf Caitlin R. Kiernans Livejournal vorbeischaute, wurde mir bewusst, dass sich kürzlich zum zehnten Mal das unrühmliche Ende der verdammt besten SciFi-Serie aller Zeiten gejährt hat: FARSCAPE.



Ich würde zu gerne einmal etwas ausführlicher über Farscape schreiben, aber das muss vorerst noch warten. Einige der Gründe, warum ich die Serie so sehr liebe, möchte ich aber dennoch rasch anführen.
Sie ist originell, witzig, menschlich, intelligent, eigenwillig und herrlich verrückt. Vor allem aber ist sie erfüllt von einem erfrischend anarchischen und nonkonformistischen Geist. Meines Wissens nach ist sie die einzige Space Opera - Serie, in der es keine hierarchischen, quasimilitärischen Kommandostrukturen gibt. Moya besitzt keinen Kommandanten, auf ihr herrscht vielmehr Anarchie. {Okay, in der 4. Staffel wird D'Argo zum "Captain" gewählt, aber de facto ändert sich dadurch nichts}. Anarchie nicht im Sinne irgendeines utopischen Ideals, sondern als ein Miteinander von Individuen, die sich erst ganz allmählich und unter zahlreichen Auseinander-setzungen zu einer Gruppe zusammenfinden. Persönliche Freiheit und darauf aufbauend Freundschaft und Solidarität sind die zentralen Werte von Farscape. Schließlich sind von Crichton und Aeryn einmal abgesehen zumindest in den ersten beiden Staffeln sämtliche Mitglieder von Moyas Crew ehemalige Sträflinge. Zhaan bezeichnet sich selbst als "Erzanarchistin"; D’Argo betont immer wieder, dass er sich nie wieder gefangen nehmen oder in Ketten legen lassen werde; Rygel wird von der Erinnerungen an seine jahrelangen Folterungen verfolgt; der sonst so ruhige Pilot reagiert mit extremer Panik und Wut, als man ihm erneut das Kontrollhalsband anzulegen versucht; Chiana fürchtet nichts so sehr, wie den Autoritäten ihrer Heimat (dem "Establishment") in die Hände zu fallen, die sie einer Gehirnwäsche unterziehen würden, um ihr unangepasstes, rebellisches Wesen auszulöschen; und selbst Aeryn war als Peacekeeperin in gewissem Sinne eine 'Gefangene' – die Gefangene eines unmenschlichen, militaristisch-rassistischen Systems.
Das Militär erscheint durchgehend als bösartig und unterdrückerisch. Das gilt nicht nur für die faschistoiden Peacekeeper, sondern für jedes Militär, einschließlich des irdischen. Crichton ist zwar Amerikaner, aber im Unterschied zu SciFi-Serien wie Stargate ist Farscape völlig frei von nationalem Chauvinismus. Die Moya-Crew selbst ist eine aus allen möglichen Völkern zusammengewürfelte Truppe. Und während der grausliche Vorspann von Enterprise den Eindruck zu erwecken versucht, die USA hätten quasi im Alleingang Luft- und Weltraum erobert, erhält Crichton in der allerersten Folge von seinem Astronautenvater als Glücksbringer einen Ring, den dieser von Juri Gagarin geschenkt bekommen hatte. Beeindruckend auch, wie die Serie auf die Ereignisse vom 11. September 2001 reagierte. Statt der vielerortens üblichen Appelle an nationale Einheit und militärische Stärke, richtete sich Farscape in einer seiner ganz seltenen politischen Kommentare ganz klar gegen die von den westlichen Regierungen geschürte Atmosphäre aus allgemeinem Misstrauen und Xenophobie. 
Abgesehen davon versuchte die Serie eigentlich nie wie etwa Star Trek oder Babylon 5 –, irgendwelche "gesellschaftlich relevanten" Themen zu behandeln, was in meinen Augen aber bloß von Vorteil ist. Bei ersterem nahm das gar zu oft die Form simplifizierender Allegorien an, bei letzterem mündete es schlussendlich in ziemlich fragwürdigen Aussagen. Farscape hingegen erzählt ganz einfach von interessanten und vielschichtigen Charakteren, die spannende Abenteuer erleben. Und das ist es, was ich zuallererst von einen guten Space Opera - Serie erwarte, nicht politische Kommentare. Es ist die Art des Umgangs mit altbekannten Motiven sowie der Geist, in dem die Geschichten erzählt werden, der die Serie zu etwas besonderem macht.
Mit Ben Browder, Claudia Black, Anthony Simcoe, Virginia Hey und Gigi Edgley, nicht zu vergessen dem im Juli dieses Jahres verstorbenen Jonathan Hardy und Lani Tupu als den Stimmen von Rygel und Pilot, verfügte Farscape über eine exzellente Kerntruppe von Schauspielern und Schauspielerinnen, denen durchgehend interessantes Material zur Verfügung stand, mit dem sie arbeiten konnten. Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen war die Serie mit wirklich guten Drehbüchern gesegnet, die die Klischees und Versatzstücke des Genres auf eigenwillige Weise anpackten und verwendeten. Alle Charaktere sind ambivalent, ohne dass diese Ambivalenz wie inzwischen so häufig der Fall zu einer Entschuldigung für billigen Zynismus oder die Verherrlichung antisozialen Verhaltens wird. Mit dem von Wayne Pygram grandios gespielten Scorpius besitzt Farscape darüber hinaus einen faszinierenden Bösewicht, der nicht nur grausam, rücksichtslos und intelligent ist, sondern dessen Beweggründe man durchaus nachvollziehen kann. Und dann sind da natürlich auch noch die fantastischen Kreationen aus Jim Hensons Creature Shop, dessen Sohn Brian einer der Koproduzenten der Serie war. Sie verleihen Charakteren wie Pilot und Rygel eine Präsenz und Körperlichkeit, wie es CGIs bisher nur sehr selten vermögen.



Im September 2002, unmittelbar vor dem Ausstrahlungsbeginn der 4. Staffel, verkündeten die Bosse des Sci Fi - Channel das Todesurteil über Farscape, indem sie abrupt den Geldhahn zudrehten. Sie zerstörten damit eine der innovativsten, geistreichsten und sympathischsten Beispiele für Science Fiction im Fernsehen der letzten Jahrzehnte. Die zwei Jahre später unter Brian Hensons Regie gedrehte Miniserie The Peacekeeper Wars wird dem Original leider in keiner Weise gerecht. Um ehrlich zu sein, ich wünschte mir, ich hätte sie nie gesehen. Für mich endet Farscape deshalb nach wie vor mit dem Cliffhanger in Bad Timing, der 22. Folge der 4. Staffel. Auf diese Weise werde ich außerdem stets aufs neue daran erinnert, was für ein Verbrechen vor zehn Jahren an der Phantastik begangen wurde.

Dienstag, 24. Juli 2012

Ein Hoch auf die Hensons

Es ist schon seit langem kein Geheimnis mehr, dass die 'bibeltreue' US-amerikanische Fastfood-Kette Chick-Fil-A christliche Propagandaorganisationen, die Hass gegen Homosexuelle schüren und aggressive Kampagnen gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe organisieren, mit Millionenbeträgen unterstützt. Offiziell behauptete das Unternehmen natürlich dennoch, nicht 'antihomosexuell' eingestellt zu sein. Doch vor einigen Tagen ließ ihr Chef Dan Cathy dann endlich die Maske auch öffentlich fallen und erklärte sich in Interviews für die Baptist Press und die Ken Coleman Show zu einem kompromisslosen Gegner der 'Homo-Ehe', wobei er sich dem für christliche Fundamentalisten typischen bigotten Pathos bediente:

"I think we are inviting God's judgment on our nation when we shake our fist at him and say, 'We know better than you as to what constitutes a marriage [...] And I pray God's mercy on our generation that has such a prideful, arrogant attitude to think that we have the audacity to define what marriage is about."

Die extrem homophobe National Organization for Marriage (NOM) erklärte ihn daraufhin selbstverständlich sofort zum Helden und kürte den 25. Juli zum 'nationalen Bei-Chick-Fil-A-Essen-Tag':

"Imagine the potential impact of the message that companies favoring the radical redefinition of marriage risk fallout with their customers—combined with the message that heroes who stand for marriage and family cannot be silenced!
Imagine how clearly that message would be heard across the nation if Chick-fil-A reported record sales this Wednesday!
Well, let's not just imagine it—let's make it happen."

Aber es gibt auch andere Reaktionen. Die Jim Henson Company hat erklärt, sie werde in Zukunft keinerlei geschäftliche Beziehungen mehr mit dem Fastfood-Unternehmen unterhalten. Sämtliche Gelder, die ihr von Chick-Fil-A zufließen, würden umgehend an die Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD) weitergeleitet. Nicht  nur sei CEO Lisa Henson, die Tochter des Muppets-Schöpfers, eine erklärte Befürworterin der gleichgeschlechtlichen Ehe, die christlich-fundamentalistische Bigotterie von Cathy und seinen Gesinnungsgenossen stehe auch im totalen Widerspruch zum Geist des Unternehmens. Man habe "celebrated and embraced diversity and inclusiveness for over fifty years".

Wieder einmal haben die Erben des großen Puppenmeisters damit bewiesen, dass der Name Jim Henson immer für Humanismus, Offenheit und Toleranz stehen wird. Emily Asher-Perrin hat dazu einen sehr schönen Artikel auf Tor veröffentlicht. Ich weiß schon, warum ich Henson und seine Kreationen liebe ...


Freitag, 16. März 2012

Jim Hensons Fantasy (III)

Labyrinth


Nach der nervenaufreibenden Arbeit an The Dark Crystal, die nur mit mäßigem Erfolg an der Kinokasse belohnt worden war, hatten Jim Henson und Brian Froud beschlossen, keinen zweiten gemeinsamen Film zu drehen. Doch während eines Treffens in San Francisco, nachdem sich die beiden Dark Crystal angeschaut hatten und auch schon etwas Alkohol geflossen war, entschieden sie sich spontan, es noch einmal zu wagen.* Diesmal aber sollten neben Puppen auch menschliche Schauspieler mitwirken. Konkrete inhaltliche Ideen gab es noch keine, lediglich eine Zeichnung Frouds, auf der ein Baby inmitten einer Schar von Goblins/Kobolden zu sehen war. Die Entwicklung eines Drehbuchs erwies sich als ein komplizierter und langwieriger Prozess, der sich von 1983 bis 1985 hinzog. Wichtige Stationen waren ein Storyentwurf von Jim and Dennis Lee (letzterer der Songtexter für Fraggle Rocks), sowie die immer wieder überarbeiteten Versionen von Ex-Monty Python Terry Jones und Laura Phillips. Schließlich legte Elaine May letzte Hand an, und "[t]he changes she made in humanizing the characters so pleased Jim that shooting began" im April 1985.** Als Produzent fungierte George Lucas, und für die Rolle des Koboldkönigs Jareth hatte Henson bereits im Juni 1984 David Bowie gewinnen können: "Jim Henson set up a meeting with me and he outlined his basic concept for Labyrinth and showed me some of Brian Froud’s artwork. That impressed me for openers, but he also gave me a tape of The Dark Crystal, which really excited me. I could see the potential of adding humans to his world of creatures. I’d always wanted to be involved in the music writing aspect of a movie that would appeal to everyone and I must say that Jim gave me a completely free hand with it. The script itself was fun and it also had a lot of heart. So I was pretty well hooked from the beginning." In meinen Augen ein sehr glücklicher Fang, auch wenn die Ansichten über seine schauspielerische Leistung in dem Film ziemlich weit auseinandergehen. Als Puppenspieler standen eine ganze Reihe von Muppets-Veteranen (und natürlich Frank Oz) bereit.*** Am 27. Juni 1986 erlebte der Film seine Premiere in den USA.


Wenn The Dark Crystal eine typische High Fantasy - Geschichte nach dem Muster von Campbells ‘Hero’s Journey’ ist, so handelt es sich bei Labyrinth um eine ebenso typische ‘coming of age’ - Geschichte.
Zu Beginn des Filmes lebt die vierzehnjährige Sarah noch völlig in ihre kindlichen Fantasien. Erbost darüber, dass sie den Babysitter für ihren kleinen Bruder Toby spielen muss, wünscht sie sich, dass die Kobolde das Baby entführen mögen. Was diese auch im Handumdrehn erledigen. Sarah will ihren unüberlegten Wunsch rückgängig machen, doch die Spielregeln sind nicht so einfach. Koboldkönig Jareth gibt ihr dreizehn Stunden Zeit, ihren Weg durch das Labyrinth zu finden, an dessen jenseitigem Ende sich sein Schloss befindet, und ihren Bruder zurückzufordern. Sollte ihr dies nicht gelingen, wird er für immer zu den Kobolden gehören. Auf ihrer Reise schließt sie Freundschaft mit dem Zwerg Hoggle, dem netten Monster Ludo und Sir Didymus, einem aufrecht gehenden Foxterrier, der sich für eine Art Ritter der Tafelrunde hält. Sie muss zahlreiche Gefahren überwinden und den Versuchungen Jareths widerstehen. Vor allem aber lernt sie, Verantwortung für sich und andere zu über-nehmen, Entscheidungen zu fällen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Dieser Prozess des Erwachsen-werdens findet seinen symbolisch eindrucksvollsten Ausdruck in einer Szene, in der Sarah, die zwischenzeitlich ihr Gedächtnis verloren hat, von einer Koboldfrau mit all ihren Lieblingsspielzeugen überhäuft wird, bis die Erinnerung an ihre eigentliche Aufgabe wieder in ihr erwacht und sie die Spielsachen mit dem Aufschrei: ‘It’s all junk!’ (‘Das ist alles Müll!’) von sich schleudert.


Leider konnte ich auf Youtube nur diesen kurzen Ausschnitt vom Ende der Szene finden, geschmälert noch durch die miserable Bildqualität. Eine etwas längere Passage, die allerdings von Kommentaren der Mitwirkenden unterbrochen wird, findet sich hier. Die wirklich unheimliche Atmosphäre dieser Sequenz steht in krassem Gegensatz zu dem über weite Strecken eher lockeren, muppetsmäßigen Stil des Films.

Der Typus der ‘coming of age’ - Geschichte ist für mich sehr viel unproblematischer als die ‘Hero’s Journey’, die meiner Meinung nach nichts ‘archetypisches’ an sich, sondern historisch gewachsene Vorstellungen von Autorität und Macht bestätigt. Insofern sollte man meinen, dass mir Labyrinth näher stehen müsste als The Dark Crystal. Tatsächlich denke ich, dass der Film gehaltvoller ist als sein Vorgänger. Zumal er der ‘coming of age’ - Story noch einen subversiven, wenn man so will ‘feministischen’, Touch verleiht, wie Bridget McGovern in einem sehr lesenswerten Artikel für den Tor-Blog dargelegt hat. Zu den kindlichen Fantasien, die unsere Heldin ablegen muss, gehört nämlich auch der Prinzessinnen-Traum. Wenn wir ganz am Anfang des Filmes hören, dass Sarah eine Stiefmutter besitzt, von der sie sich ungerecht behandelt fühlt, dann stellt sich ganz unmittelbar die Assoziation zu Aschenbrödel ein. Doch wird sie nicht ihrem Märchenprinzen begegnen, sich von ihm retten lassen und in seiner Umarmung die Erfüllung ihres Lebens finden. Im Gegenteil, es ist genau diese Fantasie, mit der Jareth sie zu verführen versucht. Er versetzt sie in einen barocken Ballsaal, in dem maskierte Paare in prächtigen Kleidern ein rauschendes Fest feiern, dessen Mittelpunkt (natürlich) der Koboldkönig ist. An dieser Stelle wird besonders deutlich, warum David Bowie eine ideale Wahl für die Rolle gewesen ist. Wer hätte so perfekt wie er den dekadenten, andersweltlichen Verführer verkörpern können?


Mit ihrer erotischen Spannung berührt die Szene natürlich auch das Thema des Erwachens der Sexualität, das zu jeder ‘coming of age’ - Geschichte gehört. Doch ebenso manifestiert sich in ihr die naive Idee, es sei das größte vorstellbare Glück, Ballkönigin zu sein. Sarah bricht aus dieser Illusion aus, indem sie einen Spiegel – das Symbol der Eitelkeit – zerschlägt. Das Spiegelmotiv wiederholt sich gleich darauf noch einmal in der oben gezeigten Szene mit der ‘Junk Lady’. In beiden Fällen geht es darum, dass Sarah sich von ihrer kindlichen Selbstsucht befreit. Sie tauscht das seidene Ballkleid des Prinzessinen-Traums gegen ihre alten Jeans ein und macht sich wieder daran, das zu tun, was sie für richtig und wichtig hält – ihren Bruder zu befreien. Während ihrer finalen Konfrontation mit Jareth bietet der Koboldherrscher ihr dann noch einmal ganz direkt an, sie zu seiner Königin zu machen. Indem sie ihn abermals zurückweist, wendet sie sich endgültig von der kindlichen Fantasiewelt ab, in der sie zu Beginn des Filmes lebte – und zu dieser gehörte eben auch die Aschenbrödel-Illusion. Sie braucht keinen Märchenprinzen, keine gläsernen Schuhe und prachtvollen Ballkleider.

Andererseits ist die Absage an die Fantasiewelt der Kindheit nicht absolut. Am Ende sehen wir Sarah ihre alten Spielsachen wegräumen, als im Spiegel plötzlich ihre Freunde Hoggle, Ludo und Didymus aus dem Labyrinth erscheinen. Sie wollen sich von ihr verabschieden, doch Sarah erwiedert, dass es immer wieder Momente in ihrem Leben geben werde, in denen sie sie brauchen wird. So wichtig es ist, erwachsen zu werden, so wichtig ist es auch, sich etwas von der eigenen kindlichen Fantasie zu bewahren.****

Es gibt viel liebenswertes an Labyrinth, und persönlich verbindet mich außerdem ein nostalgisches Band mit dem Film. Ich sah ihn, als er 1986 in die deutschen Kinos kam, und war begeistert. Später kaufte ich mir die Roman-verwurstung, und als ich mein erstes Soloabenteuer für Das Schwarze Auge schrieb, klaute ich ganz schamlos bei Jim Henson und seinem Team. Doch wenn ich mir ihn heute anschaue, kann ich nicht umhin festzustellen, dass er gegenüber The Dark Crystal einen Rückschritt bedeutete. Grund hierfür sind nicht die menschlichen Akteure. Sowohl Jennifer Connelly als auch David Bowie ist mitunter hölzernes Spiel vorgeworfen worden, aber meiner Meinung nach machen sie ihre Sache wirklich gut. Das Problem liegt an anderer Stelle.
Der Film enthält unzählige wunderbar skurille Details: Die beißenden Feen; die Augenstengel; den sprechenden Wurm; den verkalkten Weise mit seinem vorlauten Hut; die fiesen Plagegeister, mit denen Ludo gequält wird; die lebendigen Kanonenkugeln .... und natürlich die Helfenden Hände:


Allein hierfür gehört Labyrinth bereits in die Kategorie der erinnerungswürdigen Filme aufgenommen. Einige besonders verrückte Ideen ließen sich aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen. So z.B. sollte eine Szene in einem riesigen Flipperautomaten spielen.
Doch leider fügen sich diese einzelnen Elemente nicht wirklich zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Oft genug wirkt der Film wie eine willkürliche Aneinanderreihung ebenso grotesker wie hübscher Einfälle. Hinzu kommt leider ein nicht selten etwas infantiler Zug, exemplarisch verkörpert im ‘Bog of Eternal Stench’, einem permanent furzenden Sumpf. (Oder bin ich der einzige, der so was eher weniger witzig findet?)

Aber auch wenn Labyrinth nirgends die poetische Schönheit von The Dark Crystal erreicht, ist er in vielerlei Hinsicht ein wirklich sehenswerter Fantasyfilm.

* Vgl. worldoffroud
** So heißt es im Kommentar zu Jim Henson's Red Book.
*** Eine kleine Geek.-Info am Rande: Eine der Choreographinnen des Filmes war Gates McFadden {'Dancing Doctor' Beverly Crusher aus Star Trek - The Next Generation}
**** Ob die Koboldwelt nur in Sarahs Vorstellung existiert (wofür es einige Indizien gibt), ist zum Verständnis des Filmes ebenso bedeutungslos wie die Frage, ob das Unterirdische Reich in El Laberinto del Fauno bloß ein Produkt von Ofelias Fantasie ist.

Donnerstag, 1. März 2012

Jim Hensons Fantasy (II)

The Dark Crystal

Es war 1977 und gerade wurde die zweite Staffel der Muppets Show produziert, da hatte Jim Henson erstmals die Idee, einen tolkienesken Fantasyfilm zu drehen. Aber erst die Begegnung mit Brian Frouds Zeichnungen in Land of Froud brachte den Stein so richtig ins Rollen. Er nahm Kontakt zu dem Zeichner auf und gemeinsam mit Drehbuchschreiber David Odell starteten die beiden das Projekt, an dessen Ende The Dark Crystal stehen sollte. Wie Froud erzählt, bildeten dabei seine Entwürfe stets den Ausgangspunkt, was den ganz eigenen Charakter des Filmes verständlicher macht: "I work intuitively, the images appearing before me and demanding attention, their meanings and voices unclear until much later, when the sketch or painting is done. [...] The scripts and characters developed organically from my sketches and paintings rather than the other way around."
Der Film, der 1982 seine Premiere erlebte, muss allein schon deshalb als außergewöhnlich gelten, da es sich bei ihm um den ersten abendfüllenden Kinofilm ohne menschliche Akteure handelte, in dem ausschließlich Puppen und sogenannte Animatronics agierten. Doch ganz abgesehen von seiner filmgeschichtlichen Bedeutung ist The Dark Crystal bis heute einer der ästhetisch beeindruckendsten ‘klassischen’ Fantasyfilme. Weder unter den Epic Fantasy - Streifen der 80er Jahre (wie Legend oder Willow) noch unter den Hervorbringungen der Peter Jackson - Ära besitzt er an visueller Schönheit seinesgleichen.

Lauschen wir zur Einstimmung der atmosphärischen Musik von Trevor Jones:


Die Story entspricht genau dem, was man sich unter ‘generischer’ High Fantasy vorstellt.
Vor eintausend Jahren wurde ein Splitter aus dem Dunklen Kristall geschlagen und zwei bis dahin unbekannte Völker erschienen auf der Welt: Die grausamen Skeksis, die seitdem von einer düsteren Festung aus über das Land herrschen, und die sanftmütigen Mystics, die in einem abgelegenen Tal ihr friedvolles Dasein führen. Doch es existiert eine Prophezeiung, derzufolge ein Vertreter des Volkes der Gelflings während einer Großen Konjunktion, wenn die drei Sonnen der Welt zu einer zu verschmelzen scheinen, den verlorenen Splitter des Kristalls wieder einfügen und so die Tyrannei der Skeksis beenden wird. Der Film erzählt die Geschichte des Auserwählten Jen und seiner Queste, an deren Ende die Befreiung der Welt vom Bösen steht.
An sich habe ich massive Probleme mit Geschichten, die Joseph Campbells monomythischem Klischee folgen.* Dennoch halte ich The Dark Crystal für einen wirklich guten Film. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe.

Zum einen entführt er uns in einen Kosmos, der in seiner bizarren Fremdartigkeit tatsächlich phantastisch wirkt und zugleich von großer poetischer Schönheit ist – etwas, was nur wenige Fantasyfilme schaffen.
Es war Hensons erklärtes Ziel, eine möglichst unirdische Welt zu erschaffen, und Brian Froud sollte sich bei seinen Entwürfen ausdrücklich nicht an realen Vorbildern orientieren. Der Zeichner erzählte später: "I was responsible for the conception of an entire world, a world that had never been seen before. I had to design everything. Not only the general look of the world – from skies to the landscapes – but down to the smallest details which included things like knives and forks, pots and pans, the everyday minutiae details of the creatures that lived in this world." Ein schönes Beispiel für Frouds Leistung und zugleich einer der visuellen Höhepunkte des Filmes ist die Behausung Aughras:
  

Die Detailfülle von The Dark Crystal besitzt keinerlei Ähnlichkeit mit dem pedantischen Pseudorealismus von Jacksons Lord of the Rings oder dem angeberischen und nervtötenden CGI - Overkill der Star Wars - Prequels. Man spürt, dass sie einer überbordenden und exzentrischen Fantasie entsprungen ist, und dass die Absicht ihrer Schöpfer nicht darin bestanden hat, die Zuschauer zu beeindrucken, sondern zu bezaubern.
Diese ganze phantastistische Welt besitzt zudem eine sinnliche Qualität, womit ich nicht sagen will, dass sie real wirken würde. Bei aller für die damalige Zeit atemberaubenden Technik ist und bleibt The Dark Crystal ein Puppenfilm. Und ich glaube eben darin besteht eine seiner großen Stärken. Ich denke, dass man die Kreationen von Henson und seinem Team nicht derselben Kategorie zuordnen darf wie Ray Harryhausens unvergessene Stop Motion - Kreaturen oder die CGIs unserer heutigen Computermagier. Betrachtet man sie lediglich als ‘special effects’, so könnte man sehr schnell zu dem Urteil gelangen, sie seien veraltet und deswegen entweder völlig uninteressant oder nur noch von nostalgischem Wert. Ich glaube jedoch, dass man dann eine ihrer wesentlichen Eigenschaften übersehen würde. Es stimmt, dass Jim Henson bei The Dark Crystal auf einen größeren ‘Realismus’ abzielte, als etwa bei den Muppets, und die Figuren nur unter großen Vorbehalten als ‘Puppen’ bezeichnete: „[M]y feeling about puppetry relates to stylization, simplicity, boiling down to – it's a wonderful form and I really love it. But with The Dark Crystal, instead of puppetry we're trying to go toward a sense of realism - toward a reality of creatures that are actually alive and we're mixing up puppetry and all kinds of other techniques. It's into the same bag as E.T. and Yoda, wherein you're trying to create something that people will actually believe, but it's not so much a symbol of the thing, but you're trying to do the thing itself." Doch was Henson hier beschreibt ist letztlich nur der Unterschied zwischen zwei Stilformen des Puppenspiels, wie Brian Froud ganz richtig bemerkt hat: "(He) was, I think, looking for something different to the style he had been working in and it's interesting to discover how different it was. Whereas the Muppets are very simple bold shapes, what I designed was very complex and complicated." Wendy Frouds** fein gearbeitete Gelflinge besitzen nicht den schlichten, stilisierten Charakter von Kermit, Miss Piggy oder den Fraggles, aber sie sind dennoch Puppen.

Ein Vergleich mit den heute omnipräsenten CGIs verdeutlicht, warum ich so sehr auf diesem Punkt insistiere. Die Schöpfer computergenerierter Figuren setzen ihren ganzen Ehrgeiz darein, die Realität möglichst perfekt zu imitieren, selbst wenn es sich bei ihren Kreationen um Wesen handelt, die es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt. Doch oft genug wirken die CGI-Figuren zu steril, zu sauber, zu ‘perfekt’. Ein besonders extremes Beispiel dafür sind die fürchterlichen Star Wars - Prequels, aber man kann das auch in den Massenszenen des deutlich besseren Lord of the Rings beobachten. Im Betrachter entsteht dabei häufig ein Gefühl der Enttäuschung, das sich bis zum Ärger steigern kann, so als habe man ihn betrügen wollen: "Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet mir Computerbildchen als lebendige Wesen verkaufen?!" Bei einer Puppe besteht von vornherein nicht die Gefahr, in die Falle des Scheinnaturalismus zu tappen. Sie mag noch so detailliert und kompliziert gearbeitet sein, bei ihrem Anblick hat man dennoch nie das Gefühl, sie wolle vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht ist. Was keineswegs bedeutet, dass sie deshalb weniger lebendig wirken müsste. Auch Cartoons wirken ja lebendig, obwohl keine Ente der Welt so aussieht wie Daffy Duck. Glaubwürdigkeit und Naturalismus sind keine austauschbaren Begriffe. Einer der großen Vorteile von Puppen gegenüber CGIs ist ihre Materialität, womit wir wieder bei der sinnlichen Qualität von The Dark Crystal wären. Um noch einmal Brian Froud zu zitieren: "The Dark Crystal was touted as a special effects film which it wasn't – it was all live action, shot in real time, with the creatures performing, which is how I designed them." Selbst da, wo eine Puppe tatsächlich als ein ‘special effect’ eingesetzt wird, erweist sich ihre Materialität nicht selten als ein Vorteil gegenüber den modernen CGIs. Man stelle nur einmal den ‘echten’ Yoda, der ja der Werkstatt Jim Hensons entstammte, neben den Yoda der Prequels. Der Hauptgrund, warum der eine zu faszinieren vermag, während der andere bloß lächerlich wirkt, liegt natürlich in George Lucas’ hirnverbrannter Idee, den winzigen, alten Weisen aus The Empire Strikes Back in eine herumhüpfende, lichtschwertschwingende Witzfigur zu verwandeln. Aber diese Cartoonisierung Yodas wäre ohne die Dematerialisierung der Figur durch die CGI-Technik nicht möglich gewesen.***
Um nicht als unheilbarer Nostalgiker dazustehen, möchte ich betonen, dass ich nicht grundsätzlich etwas gegen CGIs habe, obwohl ich in der Tat der Meinung bin, dass sie in vielen Fällen der Denkfaulheit von Regisseuren Vorschub leisten. Aber nichts desto trotz mochte Gollum aus Lord of the Rings oder Caesar aus Rise of the Planets of the Ape. Auch ist selbstverständlich niemand verpflichtet, The Dark Crystal zu mögen, nur sollte das Argument dafür bitte nicht die ‘verstaubte Tricktechnik’ sein. Abgesehen davon, dass eine solche Herangehensweise dem Charakter des Filmes als eines Abkömmlings des Puppenspiels nicht gerecht wird, verrät sie auch den fatalerweise recht weit verbreiteten Irrglauben, die Qualität eines Filmes sei in irgendeiner Weise von der Perfektion der ‘special effects’ abhängig. Ein simpler Vergleich zwischen dem Cooper/Schoedsack - King Kong von 1933 und Peter Jacksons Remake von 2005 demonstriert anschaulich, dass dem nicht so ist.



Für einen Film von Jim Henson und Frank Oz ist The Dark Crystal ziemlich düster, Tod und Gewalt sind zentrale Themen. Und auch wenn die Kreationen von Brian und Wendy Froud oft einen präraffaelitischen Touch besitzen, hat die Schönheit des Filmes nichts mit süßlichem Elfenkitsch zu tun. Die grausamen Skeksis gehören zu den eindrucksvollsten Kreaturen, die ihn bevölkern. Wie wir in dieser Szene noch erleben können, sollten sie ursprünglich in einer eigens von dem Linguisten Alan Garner entwickelten Sprache sprechen. Produzent Gary Kurtz entschied sich schließlich gegen diese Idee, da er glaubte, die Szenen würden das Publikum unnötig irritieren. Eine verständliche und dennoch bedauerliche Entscheidung, wäre die Fremdartigkeit der Skeksis auf diese Weise doch noch eindringlicher hervorgehoben worden.
Andererseits scheint mir Hensons damalige Argumentation gleichfalls problematisch: "My whole approach to this film is visual. I wanted as little dialogue as possible because I believe the story is stronger that way. Dialogue becomes a crutch." Zweifelsohne liegt die große Stärke von The Dark Crystal in den visuellen Eindrücken und nicht im Dialog, und natürlich erzählen die besten Filme ihre Geschichte vornehmlich in Bildern, nicht in Worten. Doch die oftmals banalen Dialoge verweisen auch auf die Schwäche der Story, die bei Lichte betrachtet halt nicht viel mehr ist, als der x-te Aufguss der guten alten Helden-Queste, dem einige Elemente Hippie-Esoterik beigemischt wurden:
Die guten Mystics sind sanftmütige ‘Naturmagier’, und das erste, was wir von ihnen zu sehen bekommen, ist ein Mystic, der eine Art Mandala in den Sand zeichnet. Auch erwartet uns am Ende statt des genreüblichen Triumphes über das Böse eine pseudo-taoistische ‘Vereinigung der Gegensätze’.



Trotz meiner heftigen Abneigung gegen alle Varianten des romantisch verklärten ‘weisen Lamas’ oder ‘naturverbundenen Druiden’ muss ich doch eingestehen, dass der gleichfalls diesem Klischeebild entsprungene ‘Gesang’ der Mystics ebenso schön wie eindrucksvoll ist.
Mein Problem mit der klassischen Questen-Geschichte (abgesehen davon, dass sie irgendwann einfach langweilig wird) besteht darin, dass ihr ein autoritäres Element innewohnt. Erfreulicherweise ist eben dieses Element in The Dark Crystal auf mancherlei Art abgeschwächt worden.
Der obligatorische alte Mentor stirbt bereits zu Beginn des Films und nicht erst wie sonst üblich (siehe Gandalf & Obiwan) nach dem ersten Drittel der Geschichte. Zwar ist er es, der Jen auf seine Suche schickt, doch steht er danach nicht mehr als allwissende Autorität zur Verfügung. Auch hat er seinem Schützling nichts handlungsrelevantes beigebracht, außer der Fähigkeit zu lesen. Selbst über den eigentlichen Inhalt seiner Bestimmung ist Jen nicht aufgeklärt worden. Er weiß ja nicht einmal, dass der Splitter, den er suchen soll, ein Teil des Dunklen Kristalls ist. Im Kontext der Story macht es wenig Sinn, dass der alte Mystic dem 'Auserwählten' nicht schon viel früher von der Prophezeiung erzählt hat. Doch führt dies dazu, dass unser Held seinen Weg ohne die Hilfe eines Führers und Lehrers finden muss.
Dann ist da natürlich Kira. Sie ist kein typischer Sidekick, sondern eine ebenbürtige Gefährtin. Mehr noch –  Jen wandert anfangs recht verloren und auch wenig selbstmitleidig durch die Landschaft. Kira erweist sich als lebenserfahrener, selbstsicherer und oft auch fähiger als der 'Auserwählte'. Während dieser mit seinem Schicksal hadert, fällt sie Entscheidungen und handelt. Und in einem Film jener Zeit war es keineswegs üblich, dass eine solche Rolle einer weiblichen Figur zufällt. Ein Grund mehr, warum ich diese Szene so liebe:


Auch als sie von den Skeksis gefangengenommen wird, ist Kira nicht dazu verdammt, die Rolle der ‘damsel in distress’ zu spielen. Statt auf ihren Retter zu warten, befreit sie sich selbst. Und zuguterletzt ist es ihr Opfer, dass die Erfüllung der Prophezeiung überhaupt erst möglich macht.
Schließlich enthält The Dark Crystal dankenswerterweise kein ‘Rückkehr-des-Königs’ - Motiv. Jen ist nicht der ‘verborgene Prinz’, der am Ende seinen ihm rechtmäßig zustehenden Thron besteigt, um über die Welt zu herrschen. Im geplanten Sequel, über das seit einigen Jahren Gerüchte im Umlauf sind, sollen wir leider tatsächlich König Jen und Königin Kira vorgesetzt bekommen, aber der Originalfilm enthält nichts, was diesen Fortgang zwingend machen würde. Die erlösten Überwesen sagen zwar am Ende zu Jen: "We leave you the Crystal of Truth. Make your world in its light", doch klingt das in meinen Ohren eher wie ein Aufruf an alle Bewohner von Thra, ihre Welt nunmehr in Freiheit neu aufzubauen.

Die vielleicht am häufigsten zu hörende Kritik an The Dark Crystal betrifft den streckenweise etwas zähen Erzählfluss. Es lässt sich nicht leugnen, dass es der Geschichte mitunter an Stringenz mangelt, ebenso enthält sie einige Ungereimtheiten. Doch das größte Problem liegt meines Erachtens in der Eröffnungssequenz, in der uns die gesamte Vorgeschichte erzählt wird. Als Publikum besitzen wir deshalb für einen Gutteil des Films einen Wissensvorsprung gegenüber Jen und Kira, und es ist nicht besonders spannend zu beobachten, wie unsere Helden Informationen sammeln, über die wir bereits verfügen. Es wäre sehr viel interessanter gewesen, wenn wir gemeinsam mit ihnen die Welt, in der sie leben, erforschen und kennenlernen dürften.

The Dark Crystal ist beileibe kein Meisterwerk, doch er ist ein wirklich sehenswerter ‘klassischer’ Fantasyfilm – und von denen gibt es nicht eben viele.


* Auch wenn’s mich traurig stimmt, aber Brian Froud ist tatsächlich ein Bewunderer Campbells.
** Die Puppenschöpferin, die auch an der Erschaffung von Yoda mitgewirkt hatte, lernte ihren Ehemann Brian bei den Arbeiten an The Dark Crystal kennen.
*** Sorry, ich bin im Moment wohl ein bisschen lucas-fixiert, denn ich habe letzte Woche zum ersten Mal die legendären Plinkett - Star Wars - Reviews gesehen und anschließend den verrückten Versuch unternommen, mir noch einmal Attack of the Clones und Revenge of the Sith reinzuziehen. Allerdings wurde mir dabei sehr schnell klar, dass das nicht meine Art von Masochismus ist.

Montag, 27. Februar 2012

Jim Hensons Fantasy (I)

Im letzten Jahr hätte der leider viel zu früh verstorbene Jim Henson seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiern können. Grund genug, sich einmal anzuschauen, welchen Beitrag der Schöpfer der Muppets in Kino und Fernsehen zur filmischen Fantasy geleistet hat. In den nächsten Wochen werde ich hier meine Gedanken zu The Dark Crystal, Labyrinth und The Storyteller darlegen. Doch bevor es richtig losgeht, zuerst einmal ein surreales Frühwerk Hensons aus dem Jahr 1967 mit dem Titel Ripples – ganz ohne Puppen: