"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Samstag, 11. Juli 2015

Shannara, MTV-style

Mein Eindruck war stets, dass Peter Jackson in seiner Adaption von Tolkiens Lord of the Rings das Werk des "Professors" quasi durch die Brille seiner Epigonen betrachtet habe. Unter seiner Hand wurde Mittelerde zu einer Welt, wie wir sie aus der High Fantasy der 80er Jahre – genauer gesagt: aus den klischeehaftesten Werken dieser Epoche – kennen. Deshalb finde ich es ausgesprochen amüsant, dass uns MTV Anfang nächsten Jahres eine TV-Serie zu bescheren gedenkt, die sich allem Anschein nach in ihrer Ästhetik sehr deutlich am Vorbild Jacksons orientieren, aber auf Terry Brooks' Shannara - Zyklus basieren wird – jenen Büchern also, die weiland die High Fantasy - Welle ins Rollen brachten. In gewisser Weise wächst hier zusammen, was zusammen gehört.

Auf der San Diegoer Comic Con wurde der Öffentlichkeit nun der erste Trailer für das Projekt vorgestellt:



Was wir hier präsentiert bekommen, hat mich zwar nicht vom Hocker gerissen, aber dennoch schaue ich der Serie mit einem gewissen Wohlwollen entgegen.

Der jacksonsche Stil des Fantasyfilms ist ein Stil der schönen Oberfläche. Auch wenn der neuseeländische Filmemacher größtenteils unfähig ist, seinen Geschichten Subtilität, Tiefe oder einen wirklich poetischen Zauber zu verleihen, enthalten seine Filme doch immer wieder recht hübsche Bilder. Im Fall von The Lord of the Rings bedeutete das den Verlust all dessen, was Tolkiens Werk zu einem außergewöhnlichen Stück Literatur macht. Terry Brooks' Shannara hingegen ist selbst schon größtenteils Oberfläche. Hier kann nicht wirklich etwas verloren gehen, weil gar nichts dagewesen ist, was verloren gehen könnte. Mithin ist der jacksonsche Stil genau die richtige Herangehensweise an eine Adaption.
Klugerweise hat man sich dazu entschlossen, Sword of Shannara zu überspringen und gleich mit den Elfstones anzufangen. Und in der Tat – wir besitzen ja bereits eine jacksonifizierte Version des Lord of the Rings. Wozu bräuchten wir also noch eine pseudojacksonsche Adaption des vielleicht schamlosesten Herr der Ringe - Plagiats der Literaturgeschichte? Elfstones und Wishsong (auf welchem vermutlich die zweite Staffel der Shannara Chronicles basieren wird) sind hingegen, soweit ich mich erinnern kann, simpel gestrickte, aber recht unterhaltsame und nicht unsympathische Fantasygeschichten. Ideales Ausgangsmaterial für eine TV-Serie mit ganz denselben Qualitäten. Zugleich sind Brooks' Bücher auf angenehme Weise altmodisch, meilenweit entfernt von der zynischen, pseudorealistischen Grimdark-Mode unserer Tage. Wenn die TV-Serie in dieser Hinsicht dem Geist ihrer Vorlage treu bleibt, wäre dies eine höchst erfreuliche Abwechselung von der Kost, die uns von einem Großteil des phantastischen Fernsehens nachwievor angeboten wird.
Was den Trailer selbst angeht, so lässt sich  – abgesehen vom allgemeinen Look – wenig konkretes über die Serie aus ihm ableiten. Das einzige, was ich über ihn zu sagen habe, ist, dass das wilde Aneinanderstückeln kurzer Szenen zwar zu den Merkmalen vieler Trailer gehört, hier jedoch besonders hysterisch wirkt. Auf ironische Weise angemessen für eine MTV-Produktion, bleibt der Name des Senders doch wohl auf ewig verbunden mit der ersten großen Blüte der Musikvideos in den 80er Jahren. Es bleibt zu hoffen, dass die Serie selbst nicht gleichfalls von dieser Videoclip-Ästhetik geprägt sein wird. Recht cool finde ich übrigens die Szenen, in denen der postapokalyptische Hintergrund der Welt von Shannara bildlichen Ausdruck findet. Ich habe einfach eine Schwäche für so was. Außerdem dürfte es sich dabei um das einzige mehr oder weniger originelle Element in Brooks' Büchern handeln.

Zum Abschluss noch zwei amüsante Details, die ich dem io9 - Artikel über den Trailer entnommen habe. Zum einen die Information, dass die Produzenten Al Gough und Miles Millar ursprünglich vorgehabt hatten, Brooks' humoristischen Fantasyroman Magic Kingdom For Sale Sold zu verfilmen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich enttäuscht oder beglückt bin, dass sie sich schließlich doch für Elfstones of Shannara entschieden haben. Zum anderen dieses Zitat von Millar: "With Terry’s work, you see how many people have ripped [Terry] off over the ages." Da kann ich ein amüsiertes Kichern nicht unterdrücken.

Montag, 3. Februar 2014

Tolkien als Trashspaß?

Nein, ich habe mir "Schmaugs Trostlosigkeit", Peter Jacksons zweiten Hobbit-Streich, nicht im Kino angeschaut. Und nach dem, was ich im Laufe der letzten anderthalb Monate so über den Streifen gehört und gelesen habe, denke ich, dass das eine weise Entscheidung gewesen ist. Vor einigen Tagen allerdings bin ich in der Molochronik auf eine Besprechung gestoßen, die zuerst einmal vielleicht etwas exzentrisch wirkt, mich aber auch ins Grübeln gebracht hat. Ich zitiere die ersten zwei Absätze:
Bisher mein liebster Mittelerde-Rambazamba & endgültiger Beweis, dass Verfilmungen mitunter wohl besser als die Originalwerke sein können. 
Hier wird endlich das deftige Maß naiver Ausgelassenheit erreicht, mit der dieser Stoff eigentlich inszeniert gehört (die zweite ästhetisch redliche Weise, Tolkien zu verfilmen, bestünde in der Beschwörung hölzerner Bibel-Dramatisierungen des alten Hollywood a la »Die Zehn Gebote«). Die Äktschn-Sequenz entlang des Waldflusses veranschaulicht deutlich, wie man drögen europäischen Heldenpathosplunder mit einer pepigen Portion Wuxia-Akkrobatik veredelt.
Wie nicht selten bei Molo ist man auch hier versucht, dem Autor zu unterstellen, er wolle um jeden Preis eine möglichst eigenwillige Meinung vertreten, da er sich selbst als mutigen Rebellen gegen den Mainstream sieht. Doch auch wenn der gute Mann in seiner Rolle als Gonzo-ArnoSchmidt der deutschen Phantastikgemeinde ohne Zweifel sehr oft eine irritierend prätentiöse Attitüde an den Tag legt, wäre es vermutlich etwas ungerecht, behaupten zu wollen, was er schreibt, entspräche nicht seinen wirklichen Ansichten.
Um seinen Lobgesang auf "Donkey Kong Country - The Dwarf Edition" – wie Black Dogs Lee Medcalf den zweiten Teil des Hobbit getauft hat – richtig einzuschätzen, muss man, denke ich, zweierlei wissen. Zuersteinmal: Molosovsky hält nur sehr sehr wenig von Tolkien. Er gehört zu jenen "Progressiven", die glauben, dass mit Michael Moorcocks Epic Pooh bereits alles nötige über das Werk des "Professors" gesagt worden sei. Jacksons Film spricht ihn offenbar vor allem an, weil er in ihm eine {ungewollte} Parodie auf dessen literarische Vorlage zu erkennen glaubt. Was uns sofort zum zweiten Punkt führt: Wie ein kurzer Blick auf seine filmische "Geschmackslandkarte" offenbart, zählt Molo u.a. auch Attack of the Clones zu den "überwiegend exzellenten" Filmen. Daraus schließe ich, dass er derartige Strerifen vor allem als absurden Trash goutiert.
Auch wenn ich selbst die Moorcock-Miéville-Schule der "linken" Tolkienbasherei für reichlich oberflächlich halte, kann ich Molosovsky natürlich nicht vorschreiben, was er von Hobbit und Herr der Ringe zu halten hat. Darum kann ich zum ersten Punkt im Grunde auch nichts sagen. Der zweite jedoch hat mich nachdenklich gestimmt, gehöre ich selbst doch zu denen, die ein unterhaltsames Schlockfest in vollen Zügen zu genießen verstehen. Auch befürworte ich ganz ausdrücklich die Rückkehr des abenteuerlichen Unsinns in die Gefilde des phantastischen Films, kränkelt dieser doch schon seit etlichen Jahren an einer viel zu großen "Ernsthaftigkeit", hinter der sich meist bloß der modisch-misanthrope Zynismus unserer Zeit verbirgt. Sollte ich mir The Desolation of Smaug also doch einmal anschauen? Würde ich dort das wiederfinden, was ich an alten Harryhausen-Flicks oder dem "McClure - Quartet" so sehr liebe und in der heutigen Kinolandschaft so sehr vermisse?
Ich denke nicht! Zuersteinmal würde es mir meine tiefe Liebe zu Tolkiens Werk vermutlich unmöglich machen,  das Ganze einfach als "Rambazamba" zu genießen. Anders als Molo würde ich darin ganz sicher keine "Aufwertung" des Stoffes, sondern dessen Erniedrigung sehen. Sehr viel wichtiger jedoch: Attack of the Clones war für mich kein neckischer Trashspaß, sondern eine der ödesten und frustrierendsten Blockbustermonstrositäten, die ich je das Unglück hatte, über mich ergehen lassen zu müssen. Und ich fürchte, bei Jacksons Hobbit-Verwurstung würde es nicht viel anders aussehen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Megaprojekt jene fröhliche Naivität atmen soll, die ich an altmodischen Abenteuerstreifen und gelungenen B-Movies so sehr schätze.
Dass dies auch bei einem ausgewachsenen Blockbuster nicht per se unmöglich ist, haben Andrew Stanton mit John Carter of Mars (2012) und vor allem Guillermo del Toro mit Pacific Rim (2013) zwar bewiesen, aber dem ollen Jackson würde ich ein solches Kunststück einfach nicht zutrauen.* Dazu nimmt sich der neuseeländische Regisseur einfach viel zu ernst. Vor allem aber ist er in meinen Augen ein bestenfalls mittelmäßiger Filmemacher, dessen spezifische Schwächen durch seinen ungeheuren Erfolg von Mal zu Mal immer unerträglichere Dimensionen angenommen haben. 
Die größten davon sind meiner Meinung nach
a) Fehlende Selbstdisziplin und ein Hang zur Maßlosigkeit;
b) Ein mangelndes Gefühl für den Rythmus einer Geschichte;
c) Die Tendenz, Action mit Dynamik zu verwechseln, was sich u.a. in einem ständigen Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Handlungssträngen äußert.
Der gigantische kommerzielle Erfolg seiner Lord of the Rings - Filme hat unglücklicherweise dazu geführt, dass Peter Jackson von Studioseite her offenbar keinerlei Beschränkungen mehr auferlegt werden. Und so mussten wir in King Kong (2005) z.B. nicht enden wollende Kämpfe zwischen unser aller liebstem Riesenaffen und etlichem Urzeitgetier durchstehen. Das einzig sinnvolle, was man angesichts solch unerträglich langweiliger "Action"-Sequenzen tun kann, ist, sie als Pinkelpausen zu nutzen. Bei der gargantuanen Überlänge von Jacksons Filmen eine vernünftige Strategie.
Im Falle des Hobbit traf sich Jacksons ganz persönlicher Hang zur Maßlosigkeit mit dem Interesse seiner Geldgeber, für die drei LotR - Prequel-Filme natürlich dreimal soviel Profit bedeuten. Und so durfte sich der Regisseur diesmal erst recht austoben. Und selbst wenn The Desolation of Smaug besser als An Unexpected Journey sein sollte, fürchte ich, dass sich dies für mich nicht in dreimal soviel Spaß, sondern in dreimal soviel Langeweile {und einen schmerzenden Arsch} umsetzen würde.

* Auch ist Tolkiens  Kinderbuch anders als die Pulpromane von Edgar Rice Burroughs oder ein Mix aus alten Kaiju-Filmen und Stuart Gordons Robot Jox (1990)  nicht die geeignete Grundlage für einen echten Schlockspaß.

Freitag, 27. September 2013

Die Macht der Kinobilder

Als vor einigen Monaten im Blog der Bibliotheka Phantastika Simone Heller ("Mistkaeferl") und Maike Claußnitzer ("Wulfila") einige ihrer Gedanken über Peter Jacksons Tolkien-Adaptionen darlegten, stellten sie dabei u.a. die Frage: "[W]er kann sich jetzt noch von den omnipräsenten Filmbildern freimachen? Wer eigene, neue finden (oder sich noch an die alten erinnern, die man vor den Filmen hatte)?
In der sich anschließenden Debatte gehörte ich zu denen, die diese scheinbare Allmacht der Kinobilder anzweifelten, und auch heute würde ich da keine andere Meinung vertreten. Allerdings ist mir diese Woche ein wirklich frappierendes Beispiel für den immensen Einfluss der Jacksonschen Interpretation über den Weg gelaufen. Und zwar nirgendwo anders als in den geheiligten Hallen der Deutschen Tolkiengesellschaft. 
Auf deren Website kann man sich seit einigen Tagen ein Interview mit der neu gewählten Schriftführerin des Vereins Susanne Antoinette Rayermann durchlesen. Eine der von Werner Menke gestellten Fragen lautet: "Mit welcher Figur aus Mittelerde kannst du dich am ehesten identifizieren?" Worauf Frau Rayermann antwortet: "Hmmm… ich denke mit dem zweifelnden Aragorn, der lieber Waldläufer als Herrscher sein möchte."
Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Herr der Ringe in den letzten gut zweieinhalb Jahrzehnten gelesen habe. Und nicht ein einziges Mal hatte ich dabei den Eindruck, dass Aragorn "lieber Waldläufer als Herrscher" sein möchte. Das Bild des zweifelnden Streichers, der fürchtet, der Versuchung der Macht zu erliegen, wenn er die Krone Gondors für sich beansprucht, stellt meiner Ansicht nach vielmehr eine der offensichtlichsten Veränderungen dar, die Peter Jackson an seiner literarischen Vorlage vorgenommen hat. Um so erstaunlicher, dass ein führendes Mitglied der DTG offenbar nicht mehr zwischen dem Werk des "Professors" und dem des australischen Blockbuster-Regisseurs zu unterscheiden vermag.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Und das soll der "Hobbit" sein?

Es gibt viele Gründe, warum ich nur sehr wenig von Peter Jackson als Filmemacher halte: Ihm fehlt die Sensibilität eines echten Künstlers; seine Werke vermitteln den Eindruck, als halte er sein Publikum für einen Haufen Idioten, denen man alles mit dem Vorschlaghammer einbläuen müsste; er verwechselt regelmäßig Action mit Dynamik; ihm fehlt die wichtige Fähigkeit, Maß halten zu können; in dramaturgischer Hinsicht sind seine Filme oft echte Katastrophen; seine Vorliebe für ausufernde Schlachtengemälde ruft bei mir in erster Linie Langeweile hervor usw. usf.  Der Trailer zum zweiten Teil seiner Hobbit - Adaption The Desolation of Smaug hat mich jedoch vor allem an einen dieser Gründe erinnert: Jackson hat keine filmischen Adaptionen von Tolkiens Werken geschaffen, er hat vielmehr der Welt gezeigt, was dabei herauskommt, wenn man den Lord of the Rings und den Hobbit als klischeehafte 80er Jahre - High Fantasy liest. Und das Ergebnis ist in meinen Augen nicht sehr erbaulich:


Sonntag, 5. August 2012

Noch mehr Jackson, noch weniger Tolkien – Brauchen wir das?

Jetzt ist es also raus. Peter Jackson wird sich nicht mit zwei Hobbit-Filmen zufrieden geben, sondern noch einen dritten dranhängen. Als Erklärung dafür hat der Regisseur auf Facebook angegeben: "We know how much of the story of Bilbo Baggins, the Wizard Gandalf, the Dwarves of Erebor, the rise of the Necromancer, and the Battle of Dol Guldur will remain untold if we do not take this chance.  The richness of the story of The Hobbit, as well as some of the related material in the appendices of The Lord of the Rings, allows us to tell the full story of the adventures of Bilbo Baggins and the part he played in the sometimes dangerous, but at all times exciting, history of Middle-earth."

Nun war ja schon seit langem klar, dass dieser Hobbit weniger eine Verfilmung von Tolkiens Buch als vielmehr ein Prequel zu Jacksons eigenem Lord of the Rings werden und zusätzlich zu Bilbos abenteuerlicher Reise die Geschichte vom Kampf zwischen dem Weißen Rat und dem Nekromanten von Dol Guldur behandeln würde. So gesehen ist die Entscheidung, noch einen dritten Teil zu drehen, vielleicht nicht ganz unverständlich, auch unabhängig von zweifellos vorhandenen monetären Interessen.* Doch muss man sich deshalb darüber freuen? Die Meinungen sind auch in der Netzgemeinde geteilt. Während z.B. Kelsey Ann Barrett bei Tor voller Vorfreude zu spekulieren beginnt, was wohl jetzt noch alles in den Hobbit-Dreiteiler reingepackt werden wird, gibt sich Brian Murphy von Black Gate sehr viel weniger begeistert und hält Jacksons Ankündigung für keine wirklich freudige Botschaft.
Ich stehe da eher auf Murphys Seite. Wie dieser erklärt, ist es Jackson aufgrund der Verträge mit dem Tolkien Estate unmöglich, Material aus dem Silmarillion, den Unfinished Tales (Nachrichten aus Mittelerde) oder der History of Middle-Earth zu verwenden. Als Vorlage stehen ihm nur der Lord of the Rings und seine Anhänge zur Verfügung. Schon allein deshalb wird der gestreckte Hobbit im Vergleich zu den LotR-Filmen sehr viel mehr enthalten, was den Köpfen von Jackson und Fran Walsh entsprungen ist, und nicht dem des 'Professors'. Und wie auch Murphy ganz richtig bemerkt, waren schon im Lord of the Rings all jene Szenen am schwächsten, in denen man am deutlichsten die Handschrift des Paares erkennen konnte.

Um meine ursprüngliche Einschätzung von Peter Jackson einer  erneuten Prüfung zu unterziehen und wenn nötig zu modifizieren, habe ich mir noch einmal Fellowship of the Ring angeschaut, den ich als den mit Abstand besten Teil in Erinnerung hatte. Mein Eindruck ist jedoch auch danach im Großen und Ganzen der gleiche geblieben.
Jacksons offensichtlichste Schwäche ist, dass  er keinerlei Gespür für die poetischen Qualitäten des tolkienschen Textes besitzt. Ihm fehlt der Sinn für das Magische, Geheimnisvolle, Märchenhafte. Seine grobschlächtige Herangehensweise an den Stoff lässt keinen Raum für irgendwelche Feinheiten oder Nuancen. Nichts darf nur angedeutet, alles muss auf die denkbar platteste Weise dargestellt werden. Dabei wäre Zurückhaltung eine der wichtigsten Eigenschaften für einen Regisseur, der Tolkien verfilmen will.
Man nehme z.B. folgende Szene: Bilbo hat sich soeben auf recht dramatische Weise von seinen Verwandten und Landsleuten verabschiedet und macht sich nun auf, Beutelsend für immer zu verlassen. Gandalf drängt ihn, den Ring für Frodo zurückzulassen. Doch plötzlich packt den alten Hobbit die Gier. Er glaubt, der Zauberer wolle ihm seinen ‘Schatz’ wegnehmen. Im Buch heißt es hier: "’Wenn du meinen Ring selbst haben willst, dann sage es doch!’ rief Bilbo. ‘Aber du bekommst ihn nicht. Ich will meinen Schatz nicht hergeben. Das sage ich dir.’ Seine Hand verirrte sich zum Heft seines kleinen Schwerts. Gandalfs Augen funkelten. ‘Jetzt bin bald ich an der Reihe, zornig zu werden’, sagte er. ‘Wenn du das noch einmal sagst, ist es soweit. Dann wirst du Gandalf den Grauen unverhüllt sehen.’ Er machte einen Schritt auf den Hobbit zu und schien groß und bedrohlich zu werden, sein Schatten erfüllte den kleinen Raum. Bilbo wich zurück und stellte sich mit dem Rücken an die Wand; er atmete schwer, und seine Hand umklammerte die Tasche. Sie standen sich eine Weile gegenüber, die Luft im Raum prickelte. Gandalf ließ den Hobbit nicht aus den Augen. Langsam entspannten sich Bilbos Hände, und er begann zu zittern." Für einen kurzen Moment wird hinter der Gestalt des netten, ein wenig onkelhaften Zauberers eine gewaltige Macht und Autorität spürbar, die Bilbo verwirrt und verängstigt. Ein Schauspieler vom Formate Ian McKellens hätte diese Verwandlung ohne Zweifel äußerst eindrucksvoll allein durch Sprache, Mimik und Körperhaltung zum Ausdruck bringen können. Doch für so etwas fehlt Peter Jackson ganz einfach das nötige Feingefühl. Also muss es bei Gandalfs Worten schlagartig dunkel im Raum werden, und die Stimme des Zauberers wird zusätzlich auch noch künstlich verzerrt.
Noch ein Beispiel: Wenn es bei Tolkien von den Elben, denen die Hobbits im nächtlichen Auenland begegnen, heisst: "Sie trugen kein Licht, und doch war es, während sie gingen, als ob ein Schimmer wie der Schein des Mondes, ehe er sich über den Kamm der Berge erhebt, auf ihre Füße fiele"**, so ist das ein poetisches Bild. Wenn bei Jackson Gestalten in langen fließenden Gewändern unter Sphärenmusik durch den Wald ziehen und dabei im Dunkeln tatsächlich leuchten, dann ist das einfach übler Fantasykitsch.
Und in diesem Stil sind alle drei Filme gehalten. Was mich in Bezug auf den Hobbit am meisten beunruhigt, ist jedoch die Darstellung Saurons.
Tolkien verzichtete im Lord of the Rings aus guten Gründen darauf, den Dunklen Herrscher körperlich auftreten zu lassen. Er ist eine mythische Gestalt, ein gefallener Engel. Ihn den Hobbits und ihren Freunden leibhaftig gegenüberzustellen, würde ihn eines Großteils seiner unheimlichen, übernatürlichen Aura berauben.
Doch für Jackson ist die Vorstellung, dass man im Film eine Person nicht unbedingt sehen muss und ihre unheilvolle Präsenz dennoch spüren kann, bloß absurd: "The Sauron of the books is sketchy at best, which makes it hard to turn him into a screen villain to carry three movies. Imagine not really seeing Darth Vader for all three Star Wars films. You just can’t do it." Wessen Idee von Kino offenbar nicht über George Lucas hinausreicht, der wird freilich zu solchen Schlussfolgerungen gelangen müssen. Und so macht er im Prolog von Fellowship aus dem Herrn von Mordor einen ordinären 08/15-Fantasybösewicht mit gehörnter Maske, der einen riesigen Streitkolben schwingend durch die Gegend marschiert.

In den Hobbit-Filmen werden wir – so fürchte ich – von genau dieser Art Peinlichkeiten noch sehr viel mehr zu sehen bekommen. Tolkien hat meines Wissens nach nie beschrieben, wie wir uns den Angriff des Weißen Rates auf Dol Guldur und die Vertreibung des Nekromanten eigentlich genau vorstellen sollen. Als einen Feldzug, bei dem Saruman, Gandalf und Galadriel an der Spitze einer Elbenarmee den Anduin überschreiten, in den Düsterwald einmarschieren und Abertausende Orks abschlachten? Oder als ein Ringen der Geister, bei dem die Führer des Rates kraft ihrer Willensstärke den Dunklen Herrn zum Rückzug zwingen? Genau diese Ambiguität macht die Qualität von Tolkiens Erzählung aus. Sie verleiht ihr etwas mythisches und geheimnisvolles. Peter Jackson jedoch liebt computergenerierte Massenmetzeleien, und so dürfen wir wohl davon ausgehen, dass er uns neben einer vermutlich breit ausgewalzten Schlacht der Fünf Heere auch noch eine ebenso langwierige wie langweilige Schlacht um Dol Guldur präsentieren wird. Und an deren Höhepunkt werden wir uns dann auch noch einen Zweikampf zwischen Gandalf und dem Nekromanten anschauen müssen. Und wieder wird Sauron dabei wie eine Gestalt aus den Büchern von Terry Brooks oder Tracy Hickman einherkommen.
Es gibt allerdings Leute, die genau so etwas sehen wollen. So schreibt Kelsey Ann Barrett: "We’ve seen clips in the trailer of Gandalf wandering carefully through some creepy gray stone ruins, and one has to assume that there will be a big confrontation between him and the Necromancer. (Possibly in the tradition of that epic Gandalf v. Saruman smackdown in Fellowship? Or something even more terrifying?)" Die Szene, in der sich Gandalf und Saruman mithilfe ihrer magischen Kräfte gegenseitig durch das Turmzimmer des Orthanc schleudern, war in meinen Augen der vielleicht mieseste Teil von Fellowship. Sie wirkte wie ein Ausschnitt aus einem trashigen Superheldenflick oder einer Fantasyversion der StarWars - Prequels. Mächtige Personen in Tolkiens Kosmos – gleich ob gut oder böse – besitzen eine gewisse Würde. Man sollte sie nicht zu Comichelden machen.

Aber vielleicht bin ich ja auch bloß ein verstauber Kultursnob. Worauf ich mich beim Hobbit jedenfalls wirklich freue, ist es, noch einmal den wunderbaren Ian McKellen als Gandalf erleben zu dürfen. Mit seinem ebenso nuancierten wie humanen Spiel war er schon in Lord of the Rings der größte Lichtblick.


* 'Colophonius' hat dazu einen hübschen kleinen Cartoon bei Forumos gepostet.
** J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. I. S. 50f.; 106.

Freitag, 20. Januar 2012

Peter Jackson kann’s nicht lassen


Jetzt ist er also draußen, der Trailer zum Hobbit, und eines wird auf den ersten Blick deutlich: Peter Jackson hat keine Adaption von J.R.R. Tolkiens Kinderbuch, sondern ein Prequel zu seinen eigenen Lord of the Rings - Filmen gedreht. Der Atmosphäre der literarischen Vorlage ist das zwar nicht angemessen, es war aber zu erwarten. Ganz abgesehen von der beschränkten Fantasie des neuseeländischen Regisseurs, hätten die Mechanismen der heutigen Filmindustrie kaum etwas anderes zugelassen. Der Hobbit wird sich an den astronomischen Einspielergebnissen der Lord of the Rings - Trilogie messen lassen müssen, und das Blockbuster-Kino kennt halt nur ein Erfolgsrezept: Immer dasselbe – bloß fetter, lauter, schneller! Was im Falle des Hobbit eigentlich unmöglich sein sollte, denn wie könnte Bilbos Fahrt zum Einsamen Berg den Ringkrieg toppen? Wir dürfen gespannt sein (oder auch nicht).

‘Wulfila’ von der Bibliotheka Phantastika hat einmal die sehr charmante Idee vorgebracht, eine wirklich gelungene Adaption des Hobbit müsste "eine Mischung aus diesen alten tschechischen Märchenfilmen und Heldeneposanklängen an den richtigen Stellen" sein. Doch leider besitzt Peter Jackson weder die poetische Sensibilität eines Václav Vorlíček oder Juraj Herz, noch hat er auch nur die geringste Ahnung davon, was ein Heldenepos in Wahrheit ausmacht. Was wir mit dem Hobbit vorgesetzt bekommen werden, wird deshalb allem Anschein nach nur eine weitere Variante seiner Interpretation von Epic Fantasy sein. Anders ausgedrückt: Jacksons Tolkienadaptionen zeigen uns das Werk des ‘Professors’ stets im Zerrspiegel seiner Epigonen. Hätte er doch bloß Terry Brooks’ Shannara oder meinetwegen die Weis/Hickmansche Dragonlance-Saga verfilmt ...

Nein, ich zähle mich nicht zu den Bewunderern des Neuseeländers. Seine Lord of the Rings - Filme sind in meinen Augen grobschlächtig, dramaturgisch mies gemacht und ziemlich langweilig, und die Aussicht auf eine Neuauflage desselben kann mich deshalb nicht wirklich begeistern. Doch gebe ich gerne zu, dass der Trailer mich zumindest in einer Hinsicht positiv überrascht hat: Das Lied der Zwerge ist wirklich erstaunlich gut gelungen. Wenn in Tolkiens Buch Thorin Eichenschild und seine Gefährten – nachdem sie die Speisekammer des armen Bilbo geplündert haben – ihre Instrumente auspacken und den Gesang über ihr ‘lang vergessenes Gold’ anstimmen, ist es, als öffne sich ein Fenster und gebe den Blick frei auf eine nebelverhangene Landschaft voll archaisch-heroischer Strenge und Schönheit, die sich hinter der bieder-ulkigen Fassade des Eingangskapitels verbirgt. Und tatsächlich scheint es Peter Jackson gelungen zu sein, ein wenig von dieser Stimmung einzufangen, was ich ihm eigentlich nicht zugetraut hätte. Zwar sehen manche seiner Zwerge eher wie bärtige Elben oder lebendig gewordene Coverillustrationen zeitgenössischer 08/15-Fantasy-Schinken aus (– Kili, I look at you! –), aber wenn sie pfeiferauchend im dämmrigen Wohnzimmer von Beutelsend sitzen (das Kaminfeuer ist offensichtlich bereits heruntergebrannt), Thorin in getragener Melodie zu singen beginnt "Far over the Misty Mountains cold" und die anderen nach und nach in das Lied einstimmen, hat das etwas von echt tolkienscher Melancholie. Chapeau! Vergleichbares sucht man in den Lord of the Rings - Filmen vergebens.

Abgesehen davon lässt mich der Trailer jedoch wenig Gutes erwarten. Martin Freeman als Bilbo scheint nicht die schlechteste Wahl gewesen zu sein (auch wenn er natürlich eigentlich viel zu wenig Speck auf den Rippen hat), und der großartige Ian McKellen wird als Gandalf sicher wieder sein Bestes geben, um dem Film ein wenig menschliche Wärme einzuflößen. Aber leider hat schauspielerisches Talent noch nie ausgereicht, um gegen Jacksons künstlerische Primitivität anzukommen. Einen besonders traurigen Beweis dafür werden wir wohl im Hobbit wie schon im Lord of the Rings von Cate Blanchett geliefert bekommen. Sie spielt erneut Galadriel, wobei ich mir nicht sicher bin, um wen es mir dabei am meisten Leid tut: Um Tolkiens Elbenkönigin oder um die australische Schauspielerin, deren unbestreitbares Talent hier einmal mehr sinnlos verschwendet werden wird. Doch Moment mal: Was hat Galadriel im Hobbit überhaupt zu suchen; als Tolkien den schrieb, hatte er die Figur der Herrin von Lórien doch noch nicht einmal erfunden? Die Erklärung liegt in Peter Jacksons traurigem Hang zu ‘epischer Größe’. Damit sein neuer Film dem Lord of the Rings in dieser Hinsicht einigermaßen das Wasser reichen kann, hat er den Hobbit scheinbar um die Geschichte vom Angriff des Weißen Rates auf die Festung des Nekromanten erweitert. Dol Guldur wird vermutlich außerdem als eine Art Moria II herhalten müssen, wenn ich die Szene, in der man Gandalf durch ein düsteres Dungeon stapfen sieht, richtig interpretierte. Wenigstens auf seine geliebten Schlachtszenen hat Jackson im ersten Teil des Hobbit glücklicherweise verzichten müssen. Doch würde ich wetten, dass ein gutes Drittel des zweiten Films der Schlacht der Fünf Heere gewidmet sein wird. Mich gruselt’s jetzt schon.

Ob es besser gewesen wäre, wenn – wie ursprünglich vorgesehen – Guillermo del Toro den Hobbit gedreht hätte? Immerhin haben wir ihm mit El Laberinto del Fauno einen der besten phantastischen Filme des letzten Jahrzehnts zu verdanken. Doch andererseits hat er uns auch Blade II beschert. Ein Garant für erstklassige Filme ist er also nicht. Auch hätte seine Vorliebe für das Bizarre und Groteske, die meinem Geschmack im Allgemeinen sehr entgegenkommt, nicht recht nach Mittelerde gepasst. Alles in allem bin ich darum nicht traurig, dass er letzten Mai als Regisseur aus dem Projekt Hobbit ausgestiegen ist. Bei Jackson weiß ich zumindest ungefähr, was mich erwartet, und es wird bei weitem nicht so grausig sein, wie das Conan-Debakel im letzten Herbst. Ganz sicher werde ich nicht anfangen, die Tage bis zur Premiere zu zählen, aber ich gehe davon aus, dass wir im Dezember 2012 einen recht ordentlich gemachten Fantasystreifen zu sehen bekommen werden, der vielleicht sogar um einige Nuancen besser sein wird als Fellowship of the Ring. Natürlich werde ich mich wieder darüber aufregen, dass man Tolkiens poetische Vorlage in einen banalen Blockbuster verwandelt hat. Der ‘Professor’ selbst sprach in Bezug auf die Kulturindustrie verächtlich von "massenproduzierten Ideen und Emotionen"*. Aber ein Blick in die Trailer von Wrath of the Titans und The Dark Knight Rises hat mich davon überzeugt, dass uns dieses Jahr im phantastischen Film sehr viel schlimmeres bevorsteht als ein weiterer Peter Jackson.

(Da ich mit diesem Post ohnehin bereits viel zu spät dran bin, möchte ich zumindest auf einen aktuellen Artikel von Blackgate’s Scott Taylor über den Hobbit und Justin Gerards Illustrationen hinweisen.)

(Und jetzt schau ich mir erst mal wieder den Rankin/Bass - Hobbit von 1977 an. In vielerlei Hinsicht ein schweres Verbrechen gegen die Menschheit, den guten Geschmack und J.R.R. Tolkien, aber dafür enthält er diesen Song: Down down to Goblin-town!)


* Brief an Christopher Tolkien [31. Juli 1944]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 77. S. 120.