"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 27. September 2013

Die Macht der Kinobilder

Als vor einigen Monaten im Blog der Bibliotheka Phantastika Simone Heller ("Mistkaeferl") und Maike Claußnitzer ("Wulfila") einige ihrer Gedanken über Peter Jacksons Tolkien-Adaptionen darlegten, stellten sie dabei u.a. die Frage: "[W]er kann sich jetzt noch von den omnipräsenten Filmbildern freimachen? Wer eigene, neue finden (oder sich noch an die alten erinnern, die man vor den Filmen hatte)?
In der sich anschließenden Debatte gehörte ich zu denen, die diese scheinbare Allmacht der Kinobilder anzweifelten, und auch heute würde ich da keine andere Meinung vertreten. Allerdings ist mir diese Woche ein wirklich frappierendes Beispiel für den immensen Einfluss der Jacksonschen Interpretation über den Weg gelaufen. Und zwar nirgendwo anders als in den geheiligten Hallen der Deutschen Tolkiengesellschaft. 
Auf deren Website kann man sich seit einigen Tagen ein Interview mit der neu gewählten Schriftführerin des Vereins Susanne Antoinette Rayermann durchlesen. Eine der von Werner Menke gestellten Fragen lautet: "Mit welcher Figur aus Mittelerde kannst du dich am ehesten identifizieren?" Worauf Frau Rayermann antwortet: "Hmmm… ich denke mit dem zweifelnden Aragorn, der lieber Waldläufer als Herrscher sein möchte."
Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Herr der Ringe in den letzten gut zweieinhalb Jahrzehnten gelesen habe. Und nicht ein einziges Mal hatte ich dabei den Eindruck, dass Aragorn "lieber Waldläufer als Herrscher" sein möchte. Das Bild des zweifelnden Streichers, der fürchtet, der Versuchung der Macht zu erliegen, wenn er die Krone Gondors für sich beansprucht, stellt meiner Ansicht nach vielmehr eine der offensichtlichsten Veränderungen dar, die Peter Jackson an seiner literarischen Vorlage vorgenommen hat. Um so erstaunlicher, dass ein führendes Mitglied der DTG offenbar nicht mehr zwischen dem Werk des "Professors" und dem des australischen Blockbuster-Regisseurs zu unterscheiden vermag.

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