"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Montag, 6. Juni 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 5

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3 * Teil 4

Es ist vollbracht. Die letzte Seite ist umgeblättert, die letzte Zeile gelesen. Ich habe das Ende meines vor beinah zwei Monaten aus undefinierbaren Gründen angetretenen Rereads von Terry Brooks' The Sword of Shannara erreicht. Zeit, einen letzten Rapport abzugeben und ein paar abschließende Worte zu finden.

Kurz vorweg: Die vage Hoffnung, Shirl Ravenlock könnte im Verlauf der Belagerung von Tyrsis vielleicht doch noch eine etwas aktivere Rolle übernehmen, hat sich nicht bestätigt. Die junge Frau hatte nur noch einen einzigen kurzen Auftritt, in dem sie die Funktion einer Trösterin für den vom Tod seines Kameraden Höndel zutiefst erschütterten Menion erfüllt: 
"O Menion", flüsterte sie. "Was haben sie getan?" 
Seine Augen zuckten, seine Lippen bewegten sich stumm, als er nach Worten rang, die nicht kommen wollten. Shirl schlang die Arme um ihn und presste ihr Gesicht an seine Brust. Sie spürte seine starken Arme an ihren Schultern, dann löste sich die furchtbare Qual in seinem Inneren und überflutete sie, um sich in ihrem Schweigen und ihrer Wärme aufzulösen. 
Ich denke, zu dem Thema habe ich bereits alles nötige  gesagt. Auch versuche ich lieber gar nicht erst, die Frage zu klären, wie Menions "innere Qual" ihn und seine Geliebte "überfluten" können.

Der Fairness halber sei jedoch gesagt, dass die Schilderung des blutigen Kampfes um die Hauptstadt von Callahorn, welche einen Gutteil der letzten 80 Seiten in Anspruch nimmt, alles in allem zu den gelungeneren Partien des Romans gehört. Wenn es um Action und Kampf geht, scheint Terry Brooks eher in seinem Element zu sein, als wenn er lebendige und etwas vielschichtigere Charaktere erschaffen soll.
Beim Lesen kam mir allerdings folgender Gedanke: Wenn ein angehender amerikanischer Schriftsteller sich Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre hinsetzt und eine Geschichte zu Papier bringt, die in der Beschreibung einer gewaltigen Schlacht mit unzähligen Toten gipfelt, ist es überhaupt vorstellbar, dass er dabei in keiner Weise von den Ereignissen des Vietnamkriegs beeinflusst wurde? Nun habe ich keine Ahnung, welche Position der junge Brooks gegenüber dem imperialistischen Gemetzel in Indochina bezogen hat, und ich habe in der Schlacht um Tyrsis in der Tat so gut wie nichts finden können, was auf eine derartige Verbindung hindeuten würde. Allerhöchstens könnte einen der Umstand, dass die Belagerer wiederholt mit riesigen Feuern aufgehalten werden und dabei in Scharen bei lebendigem Leib verbrennen, an den mörderischen Einsatz von Napalm durch das US-Militär denken lassen, für den der Vietnamkrieg berüchtigt war. Doch ich gebe zu, dass das etwas weit hergeholt ist.. Nichtsdestoweniger finde ich die Frage an sich spannend.
Der kurioseste Aspekt der Schlacht um Tyrsis ist allerdings ihr Ende. Wie ich zu Beginn meines letzten Reiseberichtes angedeutet hatte, wird die Elfenreiterei König Eventines im letzten Teil des Buches in Stellung gebracht, um die Rolle der Rohirrim zu spielen, d.h. als Entsatz für die beinah schon eroberte Stadt zu dienen. Doch im selben Augenblick als sie endlich über die Ebenen herangaloppiert kommt, vernichtet Shea im fernen Schädelreich den Dämonen-Lord. Es kommt zu einem quasi-apokalyptischen Erdbeben, die Pferde der Elfenkrieger gehen durch, das Heer wird zersprengt. Was freilich nicht länger wichtig ist, denn mit dem Untergang des Dunklen Herrschers scheint die Schlacht automatisch beendet zu sein! Eine wahrlich bizarre Wendung, war der hörnerschmetternde Auftritt des Elfenheeres doch das Ende eines Handlungsstrangs, in dessen Verlauf sich Flick in das Heerlager des Feindes eingeschlichen und auf abenteuerliche Weise den gefangen genommenen Elfenherrscher befreit hatte, ohne den das Heer sich gar nicht erst in Bewegung gesetzt hätte. Flicks mutige Aktion erscheint im Rückblick nun völlig sinnlos, denn für den Ausgang der Schlacht um Tyrsis spielen Eventine und seine Krieger absolut keine Rolle. Miserables Plotting oder bewusste Ironie?

Wenden wir uns nun den Ereignissen im Nordland zu.
Ich hatte in meinem vorletzten Bericht angekündigt, dass ich mich noch etwas genauer mit Ersatz-Gollum Orl Fane beschäftigen wollte, doch wie sich herausgestellt hat, gibt es nicht wirklich mehr über ihn zu berichten. Der verrückte kleine Gnomen-Deserteur ist weniger ein Charakter als vielmehr ein Plot-Mechanismus. Er ist nur deshalb in der Geschichte, weil Terry Brooks einen Weg finden musste, Shea ins Schädelreich zu befördern und gleichzeitig zu verhindern, dass dieser das Schwert von Shannara schon zuvor in die Finger bekommt. Das große Finale setzt voraus, dass unser Held unmittelbar, nachdem er selbst zum ersten Mal Hand an die magische Klinge gelegt hat, dem Dämonen-Lord gegenübersteht. Um dies zu arrangieren, führte Brooks Orl Fane in die Handlung ein, der wohl nur deshalb wahnsinnig ist, weil er kein vernüftiges Motiv dafür hat, dass Schwert ins Schädelreich zu schleppen und so dem Finale die Bühne zu bereiten.
Doch wenn wir diese spätestens auf den zweiten Blick etwas ungeschickt und schwerfällig anmutenden Plotmechanismen einmal beiseite lassen, ist die Konfrontation zwischen Shea und dem Dämonen-Lord im Herzen des Schädelbergs ohne Zweifel eine der originellsten Szenen des Romans. 
Wie unser Held erkennen muss, als er endlich das Schwert von Shannara aus seiner abgewetzten Scheide zieht, handelt es sich bei ihm nicht eigentlich um eine Waffe. Die besondere Eigenschaft der Klinge besteht vielmehr darin, dass sie jeden, der mit ihr in Berührung kommt, dazu zwingt, die ungeschminkte Wahrheit über sich selbst zu sehen. Sheas erste große Herausforderung ist es deshalb, mit dieser gnadenlosen Selbsterkenntnis fertigzuwerden. Er muss sich selbst "als den armseligen, unbedeutenden Funken kurz aufleuchtenden Lebens" erkennen, der er -- wie jeder Mensch -- ist. Er wird mit all jenen Seiten seiner Selbst konfrontiert, die er nicht wahrhaben will. Seiner Angst, seiner Selbstsucht, seiner Arroganz, seinen Vorurteilen, seinem Selbstmitleid usw. 
Hier war der Shea Ohmsford, der aus dem Tal geflüchtet war, nicht, um Familie und Freunde zu beschützen und zu retten, sondern aus Angst um sein eigenes Leben, auf der Suche nach irgendeiner Ausrede für seine Panik -- der Shea Ohmsford, der aus Eigensucht zugelassen hatte, dass Flick vom Alptraum mit betroffen wurde, dait die Qual sich vermindere. Hier war der Shea, der den Moralkodex von Panamon Creel verächtlich und hochmütig verdammt, gleichzeitig aber zugelassen hatte, dass der Dieb sein Leben riskierte, Sheas Leben zu retten.
Natürlich wäre diese Szene sehr viel berührender und eindrucksvoller gewesen, wenn es Terry Brooks zuvor im Laufe der Handlung gelungen wäre, uns Shea als einen wirklich lebendigen und komplexen Charakter nahezubringen. Dennoch ist sie ohne Zweifel ziemlich interessant. 
Wirklich faszinierend wird es jedoch, wenn wir erfahren, warum das Schwert die Kraft besitzt, den Dämonen-Lord mit einer einzigen Berührung zu vernichten. Für den Dunklen Herrscher bedeutet wahre Selbsterkenntnis den Tod, weil er in Wahrheit schon lange aufgehört hat, zu existieren!
Schon vor langer Zeit hatten die Mittel, mit denen es ihm gelungen war, sein sterbliches Leben zu verlängern, versagt, und sein Körper war gestorben. Seine besessene Überzeugung, dass er nicht vergehen konnte, hielt jedoch einen Teil von ihm am Leben [...] Seinen eigenen Tod bestreitend, hielt er seinen leblosen Körper zusammen, um die Unsterblichkeit zu erlangen, die ihm  versagt worden war [...] Aber nun zwang das Schwert ihn, sich als das zu erkennen, was er in Wirklichkeit war -- eine verrottete, leblose Hülle, aufrechterhalten nur durch einen irrigen Glauben an seine eigene Wirklichkeit, nichts als Schein, eine Vorspiegelung, allein von Willenskraft geschaffen, so flüchtig wie das körperliche Wesen, das zu sein er vorgab. Es war eine Lüge, die in den Ängsten und Zweifeln sterblicher Menschen existiert hatte und gediehen war, eine Lüge, die er geschaffen hatte, um die Wahrheit zu verhüllen.
Diese überraschende finale Wendung macht The Sword of Shannara natürlich nicht zu einem besseren Roman, aber ich finde sie ausgesprochen spannend. Mit ihr kehrt Terry Brooks zu dem Motiv zurück, dass er schon einmal im Zusammenhang mit Sheas Auserwähltenrolle angeschnitten hatte. So wie diese nicht auf Schicksal oder göttlicher Berufung, sondern auf aus Missverständnissen erwachsenen Mythen basiert, die aufgrund des Glaubens der Menschen zu einer realen Macht geworden sind, ist auch der Dämonen-Lord keine Verkörperung eines metaphysischen, realen "Bösen", sondern das Produkt irriger Überzeugungen. Im Grunde sind sie beide Lügen!
Soweit ich weiß, hat Terry Brooks diese faszinierende Idee in keinem seiner späteren Shannara - Bücher noch einmal aufgenommen. Was ich sehr schade finde. 
Völlig zurecht gilt The Sword of Shannara als ein ziemlich unverschämtes Tolkien - Rip-off, doch in "philosophischer" Hinsicht steht Brooks' Erstling dem Lord of the Rings ferner als Elfstones und Wishsong. Die finale Konfrontation zwischen Shea und dem Dämonen-Lord offenbart uns, dass der ganze epische Kampf "Gut gegen Böse" in Wahrheit kein Ringen zwischen real existierenden Mächten, sondern das Produkt von Lügen, Missverständnissen, Fehleinschätzungen ist. Nur weil die Menschen an die Existenz von "Auserwählten" und "Dunklen Herrschern" glauben wollen, existieren diese auch! 

Diese Expedition begann mit der Frage, ob der Umstand, dass Terry Brooks in seinem Debütroman viele Figuren und Plotelemente des Lord of the Rings nachahmt, ausreicht, um daraus schließen zu können, dass die Geschichte auch von dem gleichen konservativen, romantisch-feudalen Geist erfüllt ist. Ich denke, ich kann diese nun mit einem deutlichen "nein" beantworten. The Sword of Shannara liegt vielmehr eine mehr oder weniger liberale, humanistische Weltanschauung zu Grunde. Ob es dem Autor besonders gut gelungen ist, diese auf erzählerische Weise umzusetzen, ist natürlich eine ganz andere Frage, aber die Werte, die er in seiner Geschichte auszudrücken versucht, sind der Wunsch nach Frieden und das Verlangen, Vorurteile und Missverständnisse zu überwinden. Der Weg dorthin führt nicht über das Sich-Einfügen in eine ewige gottgegebene Weltordnung, wie bei Tolkien, sondern über den Mut zur Selbsterkenntnis. Es ist kein gerader oder einfacher Weg, doch es ist ein Weg, den die Menschen aus eigener Kraft zurücklegen können, wenn sie denn nur wollen.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 4

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3

Nur noch achtzig Seiten trennen uns vom Ende der Geschichte, und so dachte ich mir, ich sollte vor dem großen Finale rasch noch einen weiteren Bericht von meiner Expedition durch die Welt von The Sword of Shannara einschieben. Denn neben den inzwischen obligatorischen Parallelen zum Lord of the Rings – die gerade begonnene Belagerung von Tyrsis spiegelt die Belagerung von Minas Tirith wider; Eventines Elfenarmee bereitet sich darauf vor, die Rolle der Rohirrim in der Schlacht auf den Pelennor-Feldern zu übenehmen; Shea wandelt weiter auf Frodos Spuren und ist zusammen mit Panamon Creel und Keltset in das Schädelreich vorgestoßen – hatte dieser vierte Abschnitt meiner Lesereise doch auch einige durchaus erwähnenswerte Momente zu bieten.

Die Etappe begann gleich mit einer erstaunlichen Enthüllung:  Anders als einen die ersten dreihundertvierzig Seiten von Terry Brooks' Roman vielleicht hätten vermuten lassen können, sind die Vier Länder nicht nur von Männern bevölkert! Ohne Witz, abgesehen von Sheas toter Mutter, die gegen Anfang des Buches eine kurze Erwähnung findet, waren Frauen bisher nicht einmal am Rande oder auch nur in Gesprächen aufgetaucht! Während z.B. Vater Ohmsford einen kurzen Auftritt in Shady Vale hat, scheint seine Gattin – Flicks Mutter & Sheas Adoptivmutter – nicht zu existieren. {Oder ist auch sie tot?} Ebensowenig begegnen wir in Culhaven oder Storlock irgendwelchen weiblichen Personen – und sei es bloß als Statistinnen.
Das ändert sich auf Seite 151 des zweiten Bandes {mein alter Goldmann-Schmöker spiegelt noch immer das ursprüngliche Splitting der deutschen Ausgabe wider}, wenn Shirl Ravenlock {Fantasynamen!} die Bühne betritt. Nun ja, das ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, um die Art zu beschreiben, in der sie in die Handlung eingeführt wird. Der heldenhafte Menion Leah rettet die von einem Verräter gekidnappte Schönheit {"Es war keine gewöhnliche Frau. Sie war von außerordentlicher Schönheit – dunkel gebräunte Haut über den edel geschnittenen Zügen des runden Gesichts, eine schlanke graziöse Gestalt, gekleidet in Seide, und ihre Haare ...! So etwas hatte er noch nie gesehen."} aus den Klauen eines Trolltrupps und bringt sie unter Lebensgefahr zurück in ihre Heimatstadt Kern. Ich denke, es ist nicht nötig, im Detail auszuführen, mit welch problematischem ideologischem Ballast eine Szene wie diese verbunden ist. Und in der Tat erweist sich die gute Shirl im weiteren Handlungsverlauf als extrem passiv. Die gar nicht unwichtige Rolle, die sie für den Plot spielt, ergibt sich ausschließlich aus ihren Beziehungen zu Männern. Als Tochter eines der Ratsherren von Kern ermöglicht sie es Menion, die Evakuierung der von den Nordlandarmeen bedrohten Stadt zu organisieren. Als Angebete von Balinors psychisch labilem Bruder Palance ist sie der Grund, warum der Prinz von Leah problemlos in den Königspalast von Tyrsis vordringen kann. Und für Menion selbst wird sie zum vielleicht wichtigsten Anreiz, in Callahorn zu bleiben und bei der Verteidigung des Landes mitzuhelfen, statt seiner impulsiven Ader nachzugeben und sich auf die Suche nach dem verschwundenen Shea zu machen.
Der Eindruck, den eine der alten Illustrationen der Brüder Hildebrandt von ihr erweckt, wird durch den Text leider ganz und gar nicht bestätigt. Zieht man zum Vergleich den Lord of the Rings heran – was wohl nur fair ist –, dann schneidet The Sword of Shannara in Bezug auf die Darstellung weiblicher Charaktere wirklich schlecht ab. Nun war Tolkien auch in Genderfragen ein äußerst konservativer Mann, doch das hielt ihn nicht davon ab, mitunter ziemlich starke Frauenfiguren zu erschaffen. Im Lord of the Rings sind das vor allem Galadriel und Eowyn. Bei Gelegenheit möchte ich mich einmal etwas ausführlicher mit der "Schildmaid von Rohan" und der meiner Ansicht nach sehr komplexen Rolle, die sie in Tolkiens Roman spielt, beschäftigen. Für den Moment muss es genügen, festzustellen, dass Shirl Ravenlock ihr auch nicht im Entferntesten das Wasser reichen kann. Was wirklich erstaunlich ist, wurde The Sword of Shannara doch Jahrzehnte nach dem Lord of the Rings von einem Autor geschrieben, der im Unterschied zum "Professor" offensichtlich eher liberale Ansichten hegte. Vergessen wir außerdem nicht, dass auch die Sword & Sorcery schon von ihren Anfängen her starke weibliche Charaktere wie Robert E. Howards Dark Agnes oder C.L. Moores Jirel von Joiry gekannt hatte. Die Welt der modernen Fantasy war zu keiner Zeit eine rein männliche Domäne gewesen. So gesehen stellt The Sword of Shannara beinahe eine Art Rückschritt dar.

Was gibt es noch zu berichten? Der Roman hat sich an dieser Stelle sehr deutlich in einen nördlichen (Shea) und einen südlichen (alle anderen) Handlungsstrang aufgeteilt. Auch darin ähnelt er natürlich dem Lord of the Rings, doch zeigt sich vor allem in letzterem nun immer deutlicher die von mir schon mehrfach erwähnte Liebe von Terry Brooks zum klassischen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts. Die Ereignisse in Callahorn mit ihren Verrätereien, Verliesen, Feldlagern und mutigen Befreiungsaktionen gemahnen in der Tat eher an Ivanhoe, Quentin Durward oder Die drei Musketiere, denn an Tolkiens Epos. Dabei sind die Szenen, in denen sich Balinor und sein verrückter Bruder gegenüberstehen, in Sachen Charakterzeichnung vielleicht die gelungensten des ganzen Romans. Hier zeigt Brooks, dass er sehr wohl in der Lage ist, menschlich berührendes zu schreiben. Auch fühle ich mich insofern bestätigt, als Menion Leah in diesem Handlungsstrang tatsächlich zum Protagonisten herangewachsen ist.

Über Sheas Marsch ins Schädelreich gibt es nicht so viel zu erzählen. Und mein Eindruck war, dass diesem {doch eigentlich zentralen} Teil der Geschichte von Brooks schon rein quantitativ eine geringere Bedeutung beigemessen wurde. 
Recht cool war die schwarze, Wahnsinn und Tod hervorrufende Nebelwand, die unser Held und seine Gefährten durchqueren müssen, um das Reich des Dämonen-Lords zu betreten. 
Panamon Creel hingegegn tut mir inzwishen nur noch leid. In Fritz Leibers Nehwon würde sich ein Kerl wie er sicherlich sehr viel heimischer fühlen als in den Vier Ländern – einer High Fantasy - Welt, die einem an sich so farbenfrohen Charakter wie ihm einfach keine Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Wenn wir zu lesen bekommen, wie er Shea "von seiner Jugend und dem schweren Leben, das den Menschen in seiner Umgebung beschieden gewesen war" berichtet, dann wünscht man sich beinah, die Story aus seiner Perspektive erzählt zu bekommen. Wie würde ein Mensch wie er diesen ganzen "epischen Kampf zwischen Gut und Böse" betrachten? Doch so wie die Dinge stehen, wird er wohl bis zum Ende in der Rolle des eher blassen Sidekicks gefangen bleiben.
Etwas anders schaut es da mit Trollkumpel Keltset aus. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es sich bei dem stummen Gesellen um einen wahren Helden des Trollvolks handelt – ausgezeichnet mit dem "Schwarzen Irix", dem höchsten Orden seiner Nation. Seine Familie wurde von den Handlangern des Dämonen-Lords abgeschlachtet, die das Massaker flugs den Zwergen in die Schuhe geschoben haben, um die Trolle gegen die Völker des Südens aufzuhetzen. Eine extrem untolkiensche Wendung der Ereignisse, die mir eigentlich gefallen sollte, mit der ich mich aber dennoch nicht so ganz anfreunden kann.
Einerseits ist die Botschaft, die Terry Brooks hier herüberzubringen versucht, ohne Zweifel sympathisch: Missverständnisse und Vorurteile werden von machthungrigen Individuen wie dem Dämonen-Lord ausgenutzt, um Hass zwischen den Völkern zu säen und diese in blutige Konflikte zu stürzen. Zugleich jedoch wirkt die Art, in der der Autor seinen verschwommenen Liberalismus erzählerisch umzusetzen versucht, irgendwie zu platt. Die Keltset-Szene wirkte auf mich wie etwas, was ich selbst im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren geschrieben hätte: Wohlmeinend, aber etwas gar zu offensichtlich.

Fortsetzung folgt ...  

   
  


Samstag, 14. Mai 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 3

Teil 1 * Teil 2

Die Halbzeitmarke meines Marschs durch Terry Brooks' The Sword of Shannara ist überschritten. Der von seinen Freunden getrennte Shea irrt zusammen mit zwei neuen und recht ungewöhnlichen Gefährten auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schwert durch die menschenleere Ödnis der Nordlande, derweil der Dämonen-Lord im festen Glauben an seinen nicht mehr aufzuhaltenden Triumph endlich seine Armeen in Bewegung gesetzt hat, um das Reich von Callahorn, den Schutzwall des zivilisierten Südens, zu überrennen. Kurz gesagt: Shit is starting to get real!

Derweil beglückt uns die Geschichte auch weiterhin mit einer auf ihre Art faszinierenden Mixtur aus dem Lord of the Rings entwendeten Versatzstücken und ausgesprochen "untolkienschen" Elementen. Auch gelange ich allmählich zu der Überzeugung, dass Gene Wolfe dieses Buch nie gelesen hat. Was ich ihm nicht wirkich übelnehmen kann ...

Wir befinden uns nunmehr in dem Abschnitt des Sword of Shannara, der ungefähr den Two Towers entspricht. Die in Culhaven zusammengestellte Heldengruppe ist auseinandergebrochen. Während Shea die ursprüngliche Queste weiter fortsetzt, machen sich die meisten anderen Mitglieder des Trupps daran, die Verteidigung der "freien Welt" gegen die Horden des Bösen zu organisieren, deren Vormarsch übrigens ganz wie im Lord of the Rings vom Heraufziehen einer unnatürlichen Finsternis begleitet wird.

Allerdings ist Sheas Alleingang anders als der seines Vorbilds Frodo nicht die Folge einer bewussten Entscheidung unseres Helden. Unglückliche Umstände haben ihn von seinen Gefährten getrennt und zu seiner Gefangennahme durch einen Gnomentrupp geführt. Die anschließende Sequenz weist entfernte Anklänge an das Schicksal von Merry und Pippin in den Händen der Uruk-hai auf, doch erhält die Geschichte schon bald eine unerwartete Wendung, als mit Panamon Creel und seinem Trollkumpel Keltset zwei Figuren die Bühne betreten, die in Tolkiens Universum schier undenkbar gewesen wären.
Der in Scharlachrot gewandete Glücksritter und Straßenräuber mit dem Eisenspieß anstelle der linken Hand wirkt wie eine Gestalt aus einer Sword & Sorcery - Story, die sich in einen High Fantasy - Plot verirrt hat, auch wenn wir seine Vorbilder vermutlich weniger bei Robert E. Howard oder Fritz Leiber als vielmehr in den klassischen Abenteuerromanen des 19. Jahrhunderts zu suchen haben, die für Brooks eine so große Inspiration darstellten.
Auch wenn überzeugende Charakterzeichnung nicht unbedingt zu den Stärken unseres Autors gehört, bringt der prahlerische, einzelgängerische und ziemlich skrupellose Haudegen doch etwas Farbe in die Geschichte. Sein Handeln wirkt zwar manchmal etwas unmotiviert {warum lässt er sich so leicht dazu überreden, den von ihm eher nebenbei befreiten Shea nach Paranor zu eskortieren?}, aber in Kontrast zu unserem fürchterlich naiven und etwas engstirnigen "Auserwählten" wirkt der sarkastische, doch zugleich überraschend offene und unvoreingenommene Panamon recht erfrischend, wenn auch leider nicht ganz so charmant wie er sollte.
Der stumme Troll Keltset, über dessen Vergangenheit wir bisher nur wenig erfahren haben, bildet einen vielleicht noch extremeren Bruch mit dem tolkienschen Vorbild. Anders als in Mittelerde gibt es in Brooks' Welt keine wirklich "bösen" Rassen. Zwar sind die gelbhäutigen Gnome ganz dem Stereotyp der "primtiven Wilden" nachempfunden und dienen als offensichtlicher Ersatz für Tolkiens Orks, doch weder sie noch Brooks' Trolle sind Schöpfungen des Dunklen Herrschers. Vielmehr handelt es sich bei ihnen {wie auch bei den Zwergen} um Nachkommen von Menschen, deren körperliche Erscheinung sich in der Folge der Großen (Atom)Kriege mehr oder weniger drastisch verändert hat.
Wie dem auch sei. Ich bin jedenfalls gespannt, welche Rolle Panamon Creel und Keltset im Rest des Romans noch spielen werden.
Wenn Brooks mit den beiden sehr schön zeigt, dass er etwas mehr zu bieten hat als ein simples Kopieren tolkienscher Vorbilder, lässt sich das gleiche leider nicht über Ersatz-Gollum Orl Fane sagen. Der feige, kleine Gnomen-Deserteur, der beim Leichenfleddern zufällig über das Schwert von Shannara gestolpert ist und sich mit dem wertvollen Fund nun aus dem Staub gemacht hat {vermutlich in Richtung Schädelreich}, verspricht vielmehr zu meiner bevorzugten Hassfigur zu werden. Der Grund dafür ist, dass der arme Sméagol und seine Beziehung zu Frodo und Sam für mich einen der interessantesten und berührendsten Bestandteile des Lord of the Rings ausmachen. Und es ist schon allein aufgrund der fehlenden Hintergrundgeschichte völlig unmöglich, dass wir im Falle von Orl Fane irgendetwas auch nur annähernd gleichwertiges zu sehen bekommen werden. Doch einen ausführlicheren Kommentar dazu hebe ich mir für später auf, wenn wir mehr von der weinerlichen Kreatur zu sehen bekommen haben.

Bleibt nur noch von Balinors Rückkehr in seine Heimat Callahorn zu berichten. 
In der Gestalt des heldenhaften Kronprinzen finden sich viele Anteile von Aragorn und Faramir, Callahorn stellt eine Mischform aus Rohan und Gondor dar, die Hauptstadt Tyrsis dient als Ersatz für Minas Tirith. Während Balinors Abwesenheit haben sich hier üble Intrigen entsponnen. Der greise König ist so gut wie abgesetzt, die Macht hat sein jüngerer Sohn, der unter dem Einfluss eines wenig vertrauenswürdigen "Mystikers" steht, übernommen, um allsogleich die berühmte Grenzlegion aufzulösen, obwohl die Heere des Dämonen-Lords in Kürze die Grenze des Reiches erreicht haben werden. 
Das klingt nicht besonders erfreulich und erinnert außerdem auf frappierende Weise an die Zustände am Hof von König Théoden, auch wenn besagter "Mystiker" nicht Grima Schlangenzunge heißt ... Doch für den Moment möchte ich bloß kurz darauf eingehen, wie sich am Beispiel von Callahorn sehr schön zeigen lässt, dass The Sword of Shannara keineswegs von dem feudal-romantischen Geist durchtränkt ist, den Gene Wolfe an The Lord of the Rings so schätzt.

Als eine Art Bollwerk gegen die barbarischen Völker des Nordens spielt Callahorn oberflächlich betrachtet eine ähnliche Rolle wie Gondor. Doch die besondere Bedeutung, die dem Reich der Dúnedain in Tolkiens Welt zukommt, beschränkt sich nicht aufs Politische oder Militärische. Es so zu sehen, ist ja gerade der kardinale Fehler des Truchsessen Denethor. Gondor ist nicht einfach bloß ein Königreich, sondern der letzte Ort {neben den schwindenden Elbenreichen}, an dem Überreste des Wissens und der Traditionen der Altvorderenzeit bewahrt werden. Im Kampf gegen Mordor und seine Vasallen verteidigt der "Turm der Wacht" nicht nur die Lande im Westen gegen die plündernden Horden aus dem Osten und Süden, sondern auch das Wissen um den Einen Wahren Gott gegen den Gottkönig Sauron und seine Verehrer. Zugleich verkörpert Gondor jenen romantisch verklärten Feudalismus, der Tolkien als ideale Gesellschaftsform erschien und der von der absoluten Despotie des Dunklen Herrschers bedroht wird. {Ich verweise in diesem Zusammenhang noch einmal auf meine hier, hier, hier, hier & hier zu findende Post-Reihe über die Politik des Herr der Ringe.}
Für Callahorn gilt nichts vergleichbares, wie wir einem mehrseitigen, leider sehr ungeschickt eingeflochtenen Infodump entnehmen können. Zwar bekommen wir dort zu lesen, "Callahorn war ein Land, das die Vergangenheit ebenso widerspiegelte wie die Zukunft", doch bedeutet das in Brooks' Universum etwas völlig anderes als in Tolkiens. Die Welt von Shannara kennt keine "Altvorderenzeit", deren untergegangener Schönheit man nachtrauern oder deren Traditionen man weitertragen könnte. Schließlich handelt es sich um ein postapokalyptisches Szenario. Die "Altvorderenzeit" der Vier Länder wäre unsere Gegenwart.
Wenn Callahorn die Vergangenheit widerspiegelt, dann in seinen Festungsbauten und den kriegerischen Traditionen seiner Grenzlegion. Anders als bei Tolkien ist die Vergangenheit bei Brooks nichts, was sehnsüchtige Melancholie hervorrufen könnte. Sie wird vielmehr vor allem mit Krieg und Gewalt assoziiert. Nicht seine Verbindung zum Alten, sondern die "Anzeichen für das Kommende" in Callahorns Gesellschaft sind es, die das Reich positiv auszeichnen:
Tyrsis war die Wegkreuzung der vier Länder, und durch seine Mauern und Landschaften strömten Angehörige aller Nationen, die den Einwohnern Gelegenheit gaben, zu sehen und zu begreifen, dass die Unterschiede in Gesicht und Körper bei den einzelnen Rassen unwichtig waren. Die Menschen hatten gelernt, die innere Person zu beurteilen. Ein riesiger Berg-Troll wurde nicht angestarrt und seiner bizarren Erscheinung wegen gemieden; Trolle kamen oft in dieses Land. Gnomen, Elfen und Zwerge aller Arten und Gattungen zogen regelmäßig hindurch, und wenn sie Freunde sein wollten, wurden sie willkommen geheißen. Balinor lächelte, als er von dieser neuen, sich ausbreitenden Erscheinung sprach, die endlich überall in den Ländern die Oberhand zu gewinnen schien, und er empfand Stolz darüber, dass sein Volk zu den ersten gehörte, die alte Vorurteile fallen ließen und nach gemeinsamen Grundlagen für Verständnis und Freundschaft suchten.
Dazu passt sehr gut, dass Callahorn anders als Gondor keine wirkliche Feudalgesellschaft ist. Brooks geht sogar so weit, aus dem Reich eine konstitutionelle Monarchie zu machen: "Callahorn war eine der wenigen aufgeklärten Monarchien der Welt [...] Theoretisch eine Monarchie, beherrscht von einem König, bestand die Regierung auch aus einer parlamantarischen Körperschaft, deren Repräsentanten vom Volk gewählt wurden und für die Verabschiedung der Gesetze verantwortlich waren." Desgleichen ist die Grenzlegion kein feudales Heer, sondern eher so etwas wie eine Volksmiliz, "in der nahezu jeder Mann gedient hatte oder noch diente".

Nun kann man zwar nicht behaupten, dass Terry Brooks diese fortschrittlichen, weltoffenen und zukunftsoptimistischen Elemente besonders geschickt in seine Story eingeflochten hätte, aber ihre bloße Existenz hebt The Sword of Shannara doch sehr deutlich von Tolkiens Lord of the Rings ab.

Fortsetzung folgt ...       

Mittwoch, 4. Mai 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 2

Teil 1

Ich muss zugeben, dass ich bei meinem Re-read von The Sword of Shannara in den letzten zwei Wochen gerade einmal hundert Seiten weitergekommen bin. Allerdings wäre es etwas ungerecht, dafür in erster Linie Terry Brooks verantwortlich zu machen. Tatsächlich hat mir die zweite Etappe meiner Reise durch die Vier Länder alles in allem besser gefallen als die erste.

Ohne Frage wird das fröhliche Plündern des Lord of the Rings ungebrochen fortgesetzt. So ähnelt das in meinem letzten Bericht erwähnte Cyborg-Monster äußerlich zwar eher Shelob/Kankra, übernimmt plottechnisch aber bizarrerweise die Rolle des Hexenkönigs auf der Wetterspitze, d.h. es injeziert ein auf längere Sicht tödliches Gift in unseren Frodo-Charakter Shea, was den nächsten Abschnitt der Reise zu einem Wettlauf mit der Zeit macht. Doch selbstverständlich erreichen unsere Helden nach einigen Abenteuern rechtzeitig das Dorf Storlock, wo Shea im Eilverfahren behandelt wird. Nach Culhaven ist damit die Siedlung der guten Gnomenheiler eine Art zweites Rivendell. Im weiteren Verlauf der Queste bekommen wir mit der Halle der Könige Brooks' Version von Moria präsentiert, um schließlich in der Druidenfestung Paranor, wo sich das Schwert von Shannara befinden soll, eine etwas ärmliche Version von Gandalfs Konfrontation mit dem Balrog vorgesetzt zu bekommen.

Das klingt jetzt alles nicht so dolle, ich weiß, und im Vergleich zum tolkienschen Vorbild bleibt Brooks' Welt auch weiterhin ziemlich blass.
{Auch wenn ich zugeben muss, dass mir das Schiefertal / Valley of Shale mit seinem Eingang zur Unterwelt, aus der Allanon den Schatten des Erzdruiden Brimen heraufbeschwört, in atmosphärischer Hinsicht ganz gut gefallen hat. Auch fand ich es neckisch, dass hier einmal nicht Tolkien, sondern die antiken Heldenepen Odyssee und Aeneis anzitiert werden. Hey, das Tor zur Welt der Toten heißt sogar "Hadeshorn"!}
Doch der Mangel an mythisch-historischer Tiefe ist etwas, was der Autor selbst nie geleugnet hat, und was sich bis zu einem gewissen Grad aus dem intendierten Charakter der von ihm erzählten Geschichte erklären lässt. So schreibt er in den "Author Notes".
An adventure story, something wonderfully dangerous, filled with hair-raising escapes, men and women of character and purpose, dangers that threatened from every quarter -- that was what I wanted to write [...] But it had to be something grand. How wold D'Artagnan have handled Rupert of Hentzau from The Prisoner of Zenda? What if Jim Hawkins had met up with Quentin Durward? I envisioned a story that was panoramic, something vast and sweeping.    
Nicht Tolkien, sondern Autoren wie Walter Scott, Alexandre Dumas oder Robert Louis Stevenson lieferten die anfängliche Inspiration für Brooks' Geschichte. Der Lord of the Rings kam erst ins Spiel, als der Autor nach einem Weg zu suchen begann, seiner Abenteuerstory ein "episches" Flair zu verleihen. Es ist darum eigentlich leicht nachvollziehbar, dass das "Worldbuilding" für ihn einen ganz anderen Stellenwert besaß als für den "Professor": 
 I would set my adventure story in an imaginary world, a vast, sprawling, mythical world like that of Tolkien, filled with magic that had replaced science and races that had evolved from Man. But I was not Tolkien and did not share his background in academia or his interest in cultural study. So I would eliminate the poetry and songs, the digressions on the ways and habits of types of characters, and the appendices of language and backstory that characterized and informed Tolkien's work. I would write the sort of straightforward adventure story that barreled ahead, picking up speed as it went, compelling a turning of pages until there were no more pages to be turned.
Und in der Tat hat The Sword of Shannara während meiner zweiten Etappe mehr und mehr den Charakter einer actionreichen Abenteuergeschichte angenommen. Das Buch einen echten "Pageturner" zu nennen, wäre meiner Ansicht nach zwar etwas zu hoch gegriffen, aber Szenen wie die Überquerung des von den Gnomen besetzten Jadepasses oder der Kampf mit dem schleimigen Drachenungeheuer in der Halle der Könige sind in Sachen Spannung und Action gar nicht übel gelungen. {Einmal betreten ähnelt die Halle der Könige selbst übrigens weniger Khazad-dûm als vielmehr einem D&D - Dungeon. Ob der gute Brooks mit dem Urvater aller Fantasyrollenspiele vertraut war, als er seinen Erstling zu Papier brachte?}
Dem Charakter der Geschichte entspricht auch das im Vergleich zum doch recht gemächlichen Pacing des Lord of the Rings rasante Tempo von The Sword of Shannara. Während Tolkiens Helden ihre Queste für wochenlange Aufenthalte in Rivendell oder Lorien unterbrechen, gesteht Brooks seinem eben noch dem Tode nahen Shea gerade einmal eine Übernachtung in Storlock zu, bevor es weitergeht. Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, wie klein die Vier Länder zu sein scheinen. Ich habe da zwar nicht genau Buch drüber geführt, aber seit Shea und Flick Shady Vale verlassen haben, können bisher maximal vierzehn Tage vergangen sein, und dabei haben sie eine Wegstrecke zurückgelegt, die sie bei einem striken Nordkurs vom unteren zum oberen Rand der mitgelieferten Karte geführt hätte.
Der bei allen äußerlichen Ähnlichkeiten im Kern eher untolkiensche Charakter des Romans zeigt sich auch in einem seiner Hauptcharaktere: Menion Leah. Tom Shippey hat in ihm zwar offenbar gewisse Ähnlichkeiten mit Aragorn entdecken wollen, aber dem kann ich mich nicht recht anschließen. Sein Eintrittspunkt in die Geschichte gleicht zwar ungefähr dem des guten Strider/Streicher, und wäre er ein D&D - Charakter seine Klasse wäre ohne Frage "Ranger", aber seine Persönlichkeit ähnelt nicht im Mindesten der Aragorns. Eher noch ließe er sich mit Pippin oder Merry vergleichen, und dann auch eher mit den von Peter Jackson kreierten Zerrbildern der beiden Hobbits, und nicht mit Tolkiens Originalen. Zu Beginn ist er ein ziemlich verantwortungsloser, abenteuerlustiger Bursche, reift jedoch sehr schnell zu einer Art kühnem, wenn auch immer noch recht impuslivem  Recken heran. Als solcher scheint er mir beinah besser geeignet zu sein, den Protagonisten in Terry Brooks' Story zu spielen als Shea, der nachwievor nicht viel mehr als ein billiger und blasser Frodo-Abklatsch ist.

Das wär's für heute. In einem künftigen Reisebericht werde ich auf jedenfall noch auf Allanon eingehen müssen, denn was Terry Brooks mit dem Gandalf-Stereotyp angestellt hat, ist nicht ohne Reiz. Doch das soll warten, bis sich etwas mehr Material für eine gerechte Einschätzung des grüblerischen, autoritären und manipulativen Mentor-Druiden angesammelt hat. 

Dienstag, 19. April 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 1

Terry Brooks has often been disparaged for imitating Tolkien, particularly by those reviewers who find his books inferior to Tolkien’s own. I can say only that I wish there were more imitators we need them and that all imitations of so great an original must necessarily be inferior.
So schreibt Gene Wolfe in seinem Tolkien gewidmeten Essay The Best Introduction to the Mountains.*

Nun ist Wolfe bekanntlich nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein erzkonservativer Katholik, weshalb es nicht verwundert, dass ein Gutteil seines Essays der Vision einer idealisierten Feudalgesellschaft gewidmet ist, welche der Verfasser ganz wie Tolkien selbst der verdorbenen Moderne entgegenstellt. Der Anfang des Textes lautet:
There is one very real sense in which the Dark Ages were the brightest of times, and it is this: that they were times of defined and definite duties and freedoms. The king might rule badly, but everyone agreed as to what good rule was. Not only every earl and baron but every carl and churl knew what an ideal king would say and do. The peasant might behave badly; but the peasant did not expect praise for it, even his own praise.   
Er schließt mit folgendem Absatz:
We might have a society in which the laws were few and just, simple, permanent, and familiar to everyone — a society in which everyone stood shoulder-to-shoulder because everyone lived by the same changeless rules, and everyone knew what those rules were. When we had it, we would also have a society in which the lack of wealth was not reason for resentment but a spur to ambition, and in which wealth was not a cause for self-indulgence but a call to service. We had it once, and some time in this third millennium we shall have it again; and if we forget to thank John Ronald Reuel Tolkien for it when we get it, we will already have begun the slow and not always unpleasant return to Mordor. Freedom, love of neighbour, and personal responsibility are steep slopes; he could not climb them for us — we must do that ourselves. But he has shown us the road and the reward.
Ich habe nicht vor, mich an dieser Stelle mit Tolkiens feudaler Romantik zu beschäftigen -- das habe ich vor Zeiten schon einmal in einer Reihe von Posts getan (hier, hier, hier, hier & hier). Ebensowenig will ich mich mit Gene Wolfes politischer Philosophie auseinandersetzen. Mich interessiert für den Moment nur die oben zitierte Bemerkung über Terry Brooks. Wolfe begrüßt es, wenn andere Schriftsteller dem Vorbild Tolkiens nacheifern. Doch wie der Essay deutlich macht, sind seine Gründe dafür in erster Linie ideologischer, nicht ästhetischer Natur. Es stellt sich darum die Frage, ob seine "Verteidigung" von Brooks in dieser Hinsicht überhaupt ein einigermaßen stabiles Fundament besitzt. Mit anderen Worten: Können wir aus dem Umstand, dass Brooks in The Sword of Shannara zahlreiche Plotelemente und Figuren aus dem Lord of the Rings mehr oder weniger offen kopiert, automatisch den Schluss ziehen, dass sein Roman ein ähnliches Weltbild zum Ausdruck bringt wie Tolkiens Werk?

Wie ich vor einigen Wochen hier berichtete, habe ich kürzlich nach beinah dreißig Jahren einmal wieder die deutsche Übersetzung von The Wishsong of Shannara gelesen. Die Gründe dafür sind mir immer noch nicht ganz klar, aber es sollte noch merkwürdiger kommen: Kaum hatte ich die Abenteuer von Brin, Jair und Rone beendet, da wanderte auch schon der abgegriffene Goldmann-Band mit Tony Westermeyers Übersetzung von The Sword of Shannara auf meinen Nachttisch. 
Inzwischen bin ich auf Seite 152 angekommen. Keine Ahnung, ob meine eigentümliche Faszination für Terry Brooks lange genug anhalten wird, um mich durch die restlichen vierhundert Seiten zu tragen. Ein wirkliches Lesevergnügen ist das Ganze nämlich nicht. Darum habe ich beschlossen, meine Gedanken über das Gelesene in einer kleinen Reihe von Blogposts darzulegen, und nicht abzuwarten, bis ich den Schmöker ganz durchgeackert habe. Ich hoffe, im Zuge dessen auch eine Antwort auf die oben von mir selbst gestellte Frage geben zu können.

Hier meine ersten, grob skizzierten Eindrücke:
(1) Die Art, in der Terry Brooks in seinem Erstling die Expositionen handhabt, ist wirklich erschreckend mies. Es gehört zu den Klischees der High Fantasy, dass Bücher dieses Genres mindestens ein paar Kapitel besitzen müssen, in denen auf Dutzenden von Seiten die langwierige Hintergrundsgeschichte der aktuellen Ereignisse und die Historie der Sekundärwelt als solcher dargelegt werden. In The Lord of the Rings waren das vor allem The Shadow of the Past und The Council of Elrond. The Sword of Shannara besitzt zwei vergleichbare Passagen, in denen der Druide Allanon einmal in Shady Vale (der Heimat unseres Helden Shea) und dann in der Zwergensiedlung Culhaven lange Reden über die Geschichte der Welt, die vergangenen Kriege gegen den Dämonen-Lord und das sagenumwobene Schwert von Shannara hält. Doch während die entsprechenden Kapitel bei Tolkien durchtränkt sind von der reichen Historie und Mythologie Mittelerdes und wie der erste verführerische Einblick in eine gewaltige und poetische Welt wirken, erinnern Brooks' Expositionen in ihrer inhaltlichen und sprachlichen Dürftigkeit an die Infos für den DM aus einem alten D&D - Modul.
(2) Wie nicht anders zu erwarten, sind die Ähnlichkeiten zum Lord of the Rings leicht auszumachen: Shady Vale = The Shire/Das Auenland; Allanon = Gandalf; Shea = Frodo; Flick = Sam; der Dämonen-Lord = Sauron; das Schädelreich = Mordor; die Schädelträger = die Nazgûl; Culhaven = Rivendell; Balinor = Aragorn; Durin & Dayel = Legolas; Höndel = Gimli. Und das tentaklelbewehrte Nebelgespenst weckt natürlich Assoziationen zu Tolkiens "Watcher in the Water" am Westtor von Moria. Auch was den Plot angeht, bleibt die Story sehr eng ihrem Vorbild verhaftet. Verfolgt von den Schädelträgern müssen sich Shea und Flick alleine nach Culhaven durchschlagen, wo dann eine Art Rat abgehalten und eine "Heldengruppe" zusammengestellt wird, mit der sie weiterziehen.
(3) Auch wenn Culhaven in gewisser Weise die Rolle von Imladris übernimmt, haftet dem Ort doch nichts von der Magie des "Letzten Heimeligen Hauses östlich der See" an. Wie auch, besitzt Brooks' Welt doch nichts von der historisch-mythischen Tiefe und der Poesie Mittelerdes.
(4) Auf einige interessante Ideen bin ich allerdings trotzdem gestoßen:
  • Die Menschen {und damit auch Shea} betrachten sich selbst als die "ewigen Opfer" der Geschichte, die von den anderen Rassen in der Vergangenheit stets verfolgt und unterdrückt wurden. Ein Selbstverständnis, dass durch Allanons Enthüllungen gründlich in Frage gestellt wird. In Wahrheit waren sie die fanatischsten Anhänger des Dämonen-Lords, als dieser vor Jahrhunderten zum ersten Mal Tod und Vernichtung über die Vier Länder bringen wollte. Ob Brooks in der Folge noch einmal auf dieses eigentlich ganz spannende Motiv zurückkommen wird? Ich fürchte eher ncht ...
  • Es dürfte allgemein bekannt sein, dass die Shannara-Stories in einer postapokalyptischen Zukunft angesiedelt sind. Wie innovativ dieses Setting innerhalb der Fantasyliteratur der Zeit war, kann ich nicht wirklich beurteilen. Zumindest Fred Saberhagen hatte etwas ähnliches bereits in seiner Empire of the East - Serie getan, die er 1983/84 mit den Books of Swords fortsetzen würde. In The Sword of Shannara ist das Motiv -- abgesehen von Allanons Monologen über die Großen (Atom)Kriege -- bislang nur zweimal kurz aufgetaucht. Die Wirkung auf mich war dabei recht unterschiedlich. Da hätten wir zum einen den "König vom Silberfluss", eine eigentlich eher mythisch-märchenhafte Gestalt, die aber ganz offensichtlich mit einer Taschenlampe herumhantiert: "Das seltsame Licht in seiner Hand wirkte aus der Nähe grell, und in der Mitte konnte man keine Flamme erkennen. Plötzlich verschwand es, und stattdessen umklammerte die knorrige Hand des alten Mannes einen zylindrischen Gegenstand. [...] 'Das Licht', sagte Shea stockend. 'Wie ...?' 'Ein Spielzeug von Leuten, die lange tot und verschwunden sind'" (S. 92). Das fand ich ehrlich gesagt eher lächerlich. Zumindest potentiell etwas spannender ist da schon die Szene, in der unsere Heldengruppe auf die Ruinen einer "modernen" Stadt stößt: "Nach kurzer Zeit entdeckte die Gruppe ein ungewöhnliches Gefüge, das sich wie ein riesiger Rahmenbau aus dem Wald erhob. Es schien Teil des Waldes selbst zu sein, wenn man von der geometrischen Ausrichtung der Glieder absah, und nach Augenblicken waren sie nahe genug herangekommen, um eine Reihe von Riesentragbalken zu erkennen, bedeckt mit Rost, quadratische Ausschnitte des Himmels einrahmend." (S. 146f.) Könnten diese Ruinen der Grund dafür sein, dass über dem Wolfsktaag-Gebirge für Gnomen wie Zwerge ein Tabu liegt? Für einen Moment musste ich an die "Forbidden Zone" aus Planet of the Apes denken. Leider zerstörte der Auftritt eines leibhaftigen Cyborg-Monsters schon wenig später die leicht beklemmende Atmosphäre, die sich gerade einstellen wollte. 
  • Das Beste zum Schluss: Terry Brooks liefert uns eine wirklich clevere und innovative Begründung für Sheas Auserwähltenrolle. Warum kann nur er als letzter lebender Nachfahr der elfischen Königsdynastie Shannara das sagenumwobene Schwert einsetzen, um den Dämonen-Lord ein für alle Mal zu vernichten? Die Antwort ist für einen generischen High Fantasy - Roman ziemlich überraschend: Shea ist nicht deshalb "der Auserwählte", weil er von Schicksal oder Vorsehung dazu ausersehen worden wäre oder das Blut der königlichen Familie tatsächlich irgendeine mystische Qualität besitzen würde. Der Grund liegt vielmehr in der Tendenz der Menschen, Mythen zu erschaffen und diese schließlich für Wahrheit zu halten: "Als Brimen Jerle Shannara das Schwert gab, beging er den Fehler, es direkt einem König und einem Königshaus zu übergeben - er übergab es nicht dem Volk. Daraus erwuchs durch menschliches Missverständnis und historische Fehlbeurteilung der allgemeine Glaube, dass das Schwert allein die Waffe des Elfenkönigs sei, und nur jene, die von ihm abstammten, das Schwert gegen den Dämonen-Lord erheben konnten. So kommt es, dass jetzt, wenn es nicht von einem Sohn des Hauses Shannara ergriffen wird, die Person nie ganz an ihr Recht glauben kann, es zu gebrauchen." (S. 125) Das ist ein wirklich spannender Gedanke: Der von Menschen geschaffene Mythos hat ein Eigenleben gewonnen und ist zu einer realen Macht geworden, obwohl er auf einem Missverständnis beruht. Dieses Motiv bildet auch einen ersten deutlichen Hinweis darauf, dass The Sword of Shannara bei aller formalen Abhängigkeit im Geiste vermutlich kein Zwillingsbruder von The Lord of the Rings ist.   
Teil 2 * Teil 3 * Teil 4 * Teil 5 

* Die einzige im Netz verfügbare Fassung des Essays, die ich habe finden können, befindet sich leider auf der Website des ebenso unnachahmlichen wie unerträglichen John C. Wright.

Donnerstag, 31. März 2016

Ein Blick zurück auf Shannara

Es war das Jahr 1965, als The Lord of the Rings seinen Triumphzug auf dem amerikanischen Büchermarkt antrat. Tolkiens Werk war zwar schon seit einem Jahrzehnt in gebundener Form in den USA erhältlich gewesen, doch erst als Ace Books eine erste Taschenbuchausgabe herausbrachte, geriet die Lawine ins Rollen. Bei selbiger handelte es sich freilich um eine Art "Raubkopie", weshalb Ballantine Books rasch mit einer "autorisierten" Fassung nachlegte, die den unter der Piratenflagge operierenden Konkurrenten schon bald aus dem Feld schlug. Vor allem, da Tolkien seine inzwischen ziemlich zahlreichen Kontakte im Fandom nutzte, um das Verhalten von Ace Books anzuprangern und für die Ballantine - Ausgabe zu werben. Ace kapitulierte schließlich und erklärte sich bereit, dem Autor einen Gewinnanteil zu bezahlen und nach dem Ausverkauf ihrer Lagerbestände auf einen Nachdruck zu verzichten.
Ein Vertrag wurde unterzeichnet, und "der Krieg um Mittelerde", wie ein Journalist es getauft hatte, ging zu Ende. Doch die wichtigste Folge kam erst noch: Der Streit hatte beträchtliches Aufsehen erregt, und Tolkiens Name und die Titel seiner Bücher waren dabei in Amerika weithin bekannt geworden. Von der Ace-Ausgabe des Herrn der Ringe waren 1965 annähernd einhunderttausend Taschenbücher verkauft worden, doch diese Zahl wurde von der "autorisierten" Ausgabe, die schnell die Millionengrenze erreichte, bald überholt.*   
Es dauerte nicht lange und der "Tolkien-Kult" trieb in den Vereinigten Staaten vor allem unter Studenten immer wildere Blüten, was "den Professor" übrigens eher irritierte.

Kein Wunder, dass man bei Ballantine schon bald darüber nachdachte, wie man den Erfolg des Lord of the Rings wiederholen könnte. 1967 veröffentlichte man E.R. Eddisons The Worm Ouroboros, 1968 Mervyn Peakes Gormenghast, und 1969 schließlich begann der Verlag seine berühmte Ballantine Adult Fantasy - Serie herauszugeben. Aber auch wenn dem Lesepublikum damit eine ganze Reihe vorzüglicher Werke der Phantastik von so großen Autoren & Autorinnen wie Poul Anderson, Peter S. Beagle, William Beckford, James Branch Cabell, Joy Chant, Lord Dunsany, William Hope Hodgson, David Lindsay, H.P. Lovecraft, George MacDonald, Arthur Machen, Hope Mirrlees, William Morris, Clark Ashton Smith und Evangeline Walton (erneut) zugänglich gemacht wurden, wollte sich das Tolkien-Phänomen einfach nicht wiederholen. Die Serie blieb alles in allem ein Verlustgeschäft und wurde nach der Übernahme durch Random House 1974 eingestellt. 

Trotz des gewaltigen  Erfolgs von The Lord of the Rings gehörte die Vorherrschaft über die amerikanische Fantasy für ein gutes Jahrzehnt nicht den Erben des "Professors", sondern den Vertretern der Sword & Sorcery. 
Die ersten Bücher der post-tolkienschen Ära, die wir heute vielleicht der High Fantasy zuordnen würden, galten zu ihrer Zeit als Kinder- oder Jugendliteratur: Lloyd Alexanders Prydain - Zyklus (1964-68), Ursula K. Le Guins Earthsea - Trilogie (1968-72), und wohl auch Joy Chants bei Ballantine erschienener Roman Red Moon and Black Mountain (1970).** 
Als eines der ersten zaghaften Anzeichen für eine Veränderung dessen könnte man möglicherweise die Veröffentlichung von Patricia A. McKillips The Riddle-Master of Hed durch Atheneum Books im Jahre 1976 ansehen. Die drei Jahre später abgeschlossene Riddle Master - Trilogie stand ohne Zweifel in der tolkienschen Tradition, wurde aber nicht als Lektüre für junge Leser & Leserinnen verkauft. 
Leider jedoch war es nicht McKillips wundervoll poetische, intelligente und sogar leicht subversive Interpretation der High Fantasy, die diesem Subgenre den Weg zum Erfolg ebnen sollte, sondern eines der wohl schamlosesten Tolkien - Rip-offs, das jemals das Licht der Bücherwelt erblickt hat: Terry Brooks' The Sword of Shannara.

Als Lester del Rey Mitte der 70er Jahre im Auftrag von Random House die Leitung der Phantastik-Abteilung von Ballantine Books übernahm, war es sein erklärtes Ziel, eine Art LotR Lite zu kreieren  ein Buch, das sich eng an der tolkienschen Vorlage orientieren, dabei jedoch leicht zugänglich und "marketable" sein sollte. Den Grundstoff dafür brachte er in Gestalt von Terry Brooks' ursprünglichem Manuskript mit. Um die {leider nicht mehr im Netz abrufbaren} "Author Notes" zu zitieren: 
[I]n November of 1974 a letter arrived from Lester del Rey. Lester was about to be hired as Fantasy Editor at Ballantine and would accept the book if I was willing to do revision work, some of it extensive. 
Brooks war mehr als bereit, auf dieses Angebot einzugehen, und so machten sich Lester und Judy-Lynn del Rey daran, The Sword of Shannara in jenes maßgeschneiderte Fantasybuch zu verwandeln, das ihnen vorschwebte. Nicht nur verliehen sie der Story einen noch stromlinienförmigeren Charakter, die beiden sorgten auch dafür, dass das Design genau darauf abgestimmt wurde, dem angepeilten Zielpublikum den Eindruck zu vermitteln, eine Art zweiten Lord of the Rings angeboten zu bekommen. Dazu engagierten sie die Brüder Greg und Tim Hildebrandt. Wie Greg in einem Interview erzählt hat:
[T]he Del Reys called us because we already had a large fandom with our success with the Lord of the Rings calendars. They knew this would aid the sales of the book. They were the editors on our Lord of the Rings calendars in 1976, 1977 and 1978.
Vieles an der Veröffentlichung von The Sword of Shannara im Jahre 1977 erinnert an die Methoden, die sich zur selben Zeit mit der Entwicklung des Blockbuster - Formats in der amerikanischen Filmindustrie durchzusetzen begannen. Der Erfolg war durchschlagend. Schon im ersten Monat wurden 125.000 Exemplare verkauft, und als erstem Fantasyroman überhaupt gelang dem Buch schließlich der Einzug in die Bestseller - Liste der New York Times.

Zwar erschien parallel zu The Sword of Shannara auch der erste Band von Stephen R. Donaldsons Thomas Covenant, doch kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es in erster Linie der gewaltige finanzielle Erfolg von Brooks' Roman war, der die wenige Jahre später einsetztende Welle der tolkienesken High Fantasy einleitete, welche für mehr als ein Jahrzehnt das Genre dominieren sollte: ab 1982 Raymond Feists Midkemia & David Eddings' Belgariad; ab 1984 Guy Gavriel Kays Fionavar & Weis-Hickmans Dragonlance; ab 1985 Dennis L. McKiernans Mithgar; ab 1988: Tad Williams' Osten Ard und ab 1990 Robert Jordans Wheel of Time.
Für Terry Brooks selbst war The Sword of Shannara der Startpunkt für eine lange und erfolgreiche Schriftstellerkarriere. 1982 erschien das erste Sequel The Elfstones of Shannara, dem 1985 The Wishsong of Shannara folgte. Die drei Bücher wurden später zur Original Shannara Trilogy erklärt, der ersten von vielen solcher Trilogien. Daneben startete der Autor 1986 mit Magic Kingdom for Sale SOLD seine zweite, in ihrem Umfang sehr viel bescheidenere Fantasyserie – den eher humoristischen {und zumindest am Anfang ein klein wenig autobiographischen} Landover - Zyklus.

Doch beenden wir jetzt unseren kleinen Ausflug in die Geschichte der Fantasyliteratur. 
Vor einigen Wochen kam es zu folgendem, etwas merkwürdigen Ereignis: Aus Gründen, die mir selbst nicht ganz klar sind, kramte ich plötzlich meine alte dreiteilige Goldmann-Ausgabe von Wishsong in der Übersetzung von Sylvia Brecht-Pukallus   bestehend aus Das Zauberlied/Der König/Die Erlösung von Shannara*** hervor und begab mich nach knapp drei Jahrzehnten einmal wieder selbst in die "Vier Länder".**** Vermutlich hatte die von MTV produzierte TV-Serie The Chronicles of Shannara meine Gedanken in diese Richtung wandern lassen. {Obwohl ich bisher noch keine einzige Folge davon gesehen habe}. Dass meine Wahl dabei auf Brooks' dritten Roman fiel, erklärt sich dadurch, dass mir dieser am positivsten in Erinnerung geblieben war. {Was nicht viel bedeuten muss, war ich bei meiner ersten Lektüre doch schätzungsweise vierzehn Jahre alt.}

Was mir zuallererst ins Auge stach, war die aus heutiger Sicht geradezu absurd generisch anmutende Art, mit der Brooks seinen Plot ins Rollen bringt: Kaum haben Wil und Eretria Ohmsford {zwei inzwischen glücklich verheiratete Protagonisten aus Elfstones} ihre Kinder Brin () und Jair (♂) zusammen mit deren Freund Rone Leah im heimatlichen Shady Vale zurückgelassen, um eine mehrmonatige Heiler-Tour durch die benachbarten Dörfer zu unternehmen, da taucht auch schon der Druide Allanon – Brooks' Gandalf, der freilich etwas düsterer und verbitterter anmutet als sein Vorbild – in dem kleinen Dorf auf und berichtet von einem erneuten Erwachen der finsteren Mächte, die einzig von der jungen Brin und der ihr eigenen magischen Fähigkeit des "Wünschlieds", welches die Wirklichkeit beliebig zu verändern vermag, niedergerungen werden könnten. 
So weit, so klischeehaft. Recht neckisch fand ich allerdings, dass Brooks sich offenbar bewusst war, wie repetitiv dies auf Leser & Leserinnen seiner Bücher inzwischen wirken musste. So lässt er Rone Leah an einer Stelle sagen:    
Es ist immer das gleiche. Er [Allanon] taucht unerwartet auf, warnt vor einer Gefahr, welche die Rassen bedroht und zu deren Ausräumung nur ein Mitglied der Familie Ohmsford beitragen kann. Denn die Ohmsfords sind die Erben des Elfenhauses von Shannara und der Zauberei, die damit zusammenhängt. Erst das Schwert von Shannara, dann die Elfensteine und jetzt das Wünschlied.*****
Und in gewisser Weise versucht Brooks sogar, diesem klischeehaften Anfang seiner Story einen leicht subversiven Dreh zu verleihen. Schon bald stellt sich nämlich heraus, dass Allanon falsch damit lag, nur Brin und Rone, nicht aber Jair, auf seinen Kreuzzzug gegen das Böse mitzunehmen.
Im Aufbau der Story führt dies freilich bloß dazu, dass wir zwei parallel verlaufende, aber gleicherweise traditionelle Questen erzählt bekommen. Der dummerweise zurückgelassene Jair, der erst von dem eigentlich ganz sympathischen Gnom Spinkser {im Original: Slanter} gefangen genommen, wenig später jedoch von Superkämpfer & Waffenmeister Garet Jax wieder befreit wird, erhält von dem mysteriösen "König vom Silberfluss" den Auftrag, gleichfalls in die von den finsteren "Mordgeistern"****** beherrschten Ostlande aufzubrechen, um seiner Schwester in ihrer finalen Konfrontation mit dem Ildatch, der buchförmigen Quelle aller Schwarzen Magie, beizustehen.
Nicht wirklich innovativ also. Aber auf einer Art "Meta-Ebene" besitzt diese Doppel-Questen-Struktur dennoch ihren Reiz. Als LotR - Rip-off verfügte The Sword of Shannara selbstverständlich auch über die klassische "Heldengruppe", bestehend aus Vertretern aller "guten/freien Völker", die gemeinsam gegen das Böse antreten. In Elfstones of Shannara hingegen sah das ganz anders aus. Dort konzentrierte sich die Story auf zwei, drei Charaktere {Will, Amberle, Eretria}, die nicht länger als die archetypischen Vertreter irgendwelcher Völkerschaften, sondern als echte Individuen dargestellt wurden.{So zumindest mein aus verschwommenen Erinnerungen und der Lektüre irgendwelcher Sekundär - Artikel zusammengesetzter Eindruck}. In Wishsong haben wir beides. Brins Handlungsstrang entspricht eher den Elfstones, denn obwohl auch sie im Laufe ihrer abenteuerlichen Reise einige Gefährten hinzugewinnt, handelt es sich bei diesen doch um recht exzentrische Gestalten. Jair hingegen wird mit einer geradezu archetypischen Heldengruppe, bestehend aus zwei Menschen (Garet Jax & Helt), einem Elf (Edain Elessedil), einem Zwerg (Elb Foraker) und einem Gnom (Spinkser/Slanter), ausgestattet.

Doch Moment  – so "archetypisch" ist Jairs Heldengruppe vielleicht dann doch nicht. Klar, Helt, Edain und Foreker sind bloße Klischeefiguren, aber zum einen hätten wir da den Waffenmeister Garet Jax, dem der ganze Kampf zwischen Gut und Böse letztlich völlig egal ist, und der Jair nur deshalb begleitetet, weil ihm in einer Vision versprochen wurde, dass er dabei endlich auf einen ihm ebenbürtigen Gegner stoßen werde. Und dann ist da natürlich Spinkser/Slanter.

In The Sword of Shannara spielten die Gnomen die Rolle der tolkienschen Orks. Zwar gab es auch dort schon einige "gute" Gnomen die Heiler von Storlock –, doch bildeten diese eine vom Rest ihres Volkes deutlich abgegrenzte Gemeinschaft. Alle Gnomen, die nicht zu ihr gehörten, waren bloß hirnloses Kanonenfutter für den Dämonen-Lord. Das ändert sich mit Spinkser/Slanter.
In Tolkiens Universum galt ganz unironisch die Parole "Nur ein toter Ork ist ein guter Ork" Gegen diese Regel hatte Brooks zwar schon in The Sword of Shannara mit dem Troll Keltset verstoßen. Doch war dieser, so weit ich das beurteilen kann, letztenendes bloß ein Sidekick für den Glücksritter Panamon Creel gewesen. {Selbst eine recht "untolkiensche" Figur, die auf Brooks' große Liebe zu den klassischen Abenteuergeschichten von Walter Scott, Alexandre Dumas, Arthur Conan Doyle usw. zurückzuführen ist.} Der gnomische Fährtensucher in Wishsong hingegen ist ein völlig eigenständiger Charakter. Und obwohl er immer wieder lauthals erklärt, dass er eigentlich überhaupt nicht an dieser hirnverbrannten Queste teilnehmen will, erscheint er letztenendes doch als derjenige, dessen Zuneigung und Loyalität für Jair am natürlichsten und menschlichsten wirkt. Damit ist er die für mich einnehmendste Figur des Romans {und war das erstaunlicherweise auch schon vor 30 Jahren}
Freilich hat Brooks die Möglichkeiten, die sich mit der Figur von Spinkser eröffnet hätten, nur unzureichend ausgenutzt. Immerhin sieht sich der Fährtensucher gezwungen, gegen sein eigenes Volk zu kämpfen.Wie innerlich zerrissen muss Spinkser sein! Aber leider erfahren wir nichts von seinen Gewissensqualen. Nur in einer Kampfszene, ziemlich gegen Ende des Buches, wird zumindest kurz angedeutet, was sich im Kopf des Gnomen wohl abspielen mag: "Spinkser hielt sich dicht hinter  ihnen allen mit gezückten Langmessern und qualvollem Ausdruck in den schwarzen Augen."******** 
Auch scheint sich Brooks nicht der Problematik bewusst zu sein, die dadurch entstehen muss, dass einerseits einer unserer sympathischsten Charaktere ein Gnom ist, wir andererseits in "den Gnomen" als Volk/Rasse weiterhin  eine gesichtslose Masse von Bösewichtern sehen sollen, die von unseren Helden ohne viel Getue gleich im Dutzend niedergemetzelt werden.

Ein weiteres recht interessantes Element des jair'schen Handlundlungsstrangs ist, dass von der Heldengruppe kaum einer die Queste überlebt. Damit setzte Brooks etwas um, was er eigentlich schon für seinen Erstling geplant hatte. Damals freilich war es ihm nicht möglich gewesen, seine Vorstellungen gegen Lester del Rey durchzusetzen: "Del Rey coached Brooks at this point, advising that readers 'would not put up with having that many characters killed off.'"

Was Brins Teil der Geschichte betrifft, so hat er mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits ist es natürlich recht sympathisch, dass wir eine weibliche Hauptfigur besitzen. {Freilich ließe sich argumentieren, dass dies schon bei Elfstones mit Amberle der Fall war.} Doch vor allem im ersten Drittel des Buches bleibt sie äußerst blass. Auch bekommt sie mit Rone Leah einen männlichen "Beschützer" an die Seite gestellt, der von Allanon zu genau diesem Zweck auch noch mit einem magischen Schwert ausgestattet wird.
Allerdings muss man Terry Brooks zugestehen, dass er auch diesem Klischee zumindest ansatzweise einen leicht subversiven Dreh zu verleihen versucht. Rone will unbedingt ein Held wie sein berühmter Vorfahr Menion aus The Sword of Shannara sein. Entsprechend begeistert stürzt er sich in seine Rolle als Brins "Beschützer". Als ihm seine Wunderwaffe zwischenzeitlich abhanden kommt, scheint es ihm wichtiger zu sein, diese wieder in die Hände zu bekommen, als ihre gemeinsame Queste fortzuführen. Und auch wenn er im Laufe der Handlung ein paar Mordgeister ins Jenseits befördern darf, bleibt es ihm doch verwehrt, wirklich die Beschützerrolle für Brin zu spielen. Den entscheidenden Teil ihrer Queste tritt diese allein an.
Wie so oft in Wishsong lassen sich auch hier die Ansätze für einige recht interessante Ideen ausmachen, die von Brooks jedoch leider nicht konsequent weiterverfolgt werden.
Auch hinterlässt das große Finale, in dem Brin beinahe ihren wachsenden Allmachtsfantasien erliegt und nur durch ihren Bruder vor der Verwandlung in die nächste Dunkle Herrscherin bewahrt wird, einen zumindest zwiespältigen Eindruck. Im Grunde versucht Brooks hier bloß einmal mehr sein Lieblingsthema zu behandeln: "At the heart of every book I have written is the notion that absolute power corrupts absolutely". Doch leider Gottes existiert nun einmal das alte sexistische Klischee, dass Frauen mit all zu großer Macht nicht vernünftig umzugehen verstehen würden. Und auch wenn das sicher nicht Brooks' Absicht war, schrammt seine Geschichte am Ende doch gefährlich nah an selbigem vorbei.

Was beibt zu sagen? Terry Brooks mag der Initiator des High Fantasy - Booms der 80er Jahre gewesen sein, einer seiner interessantesten Vertreter war er ganz sicher nicht. Andererseits wäre es unfair, wollte man in ihm bloß den Tolkien-Plagiator sehen. Eine regelrechte Empfehlung für The Wishsong of Shannara auszusprechen, käme mir nicht in den Sinn. Doch ebensowenig kann ich das Buch guten Gewissens verdammen. Letztenendes ist es eine passabel geschriebene, streckenweise sogar ganz spannende Abenteuerstory mit der einen oder anderen ganz interessanten Idee. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.




* Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 261.
** Ich habe vor einigen Jahren einmal einen kurzen Blogpost über Joy Chant veröffentlicht.
*** Ganz stimmt das ehrlich gesagt nicht. Schon vor ein paar Jahren habe ich mich mal an einem Re-read von Das Schwert von Shannara versucht, das Experiment jedoch nach einem Drittel des Buches abgebrochen. Was ich inzwischen fast ein wenig bedauere, scheinen sich die interessanter und orginelleren Bestandteile doch eher im letzten Drittel des Romanes zu befinden.
**** Amüsanterweise kommt kein König oder auch nur künftiger König in dem Buch vor ...
***** Terry Brooks: Das Zauberlied von Shannara. S. 58f.
****** Im englischen Original heißen die bösen Kuttenträger übrigens "Mord Wraiths". Ihr Name hat also nichts mit dem Killen von Leuten, sondern vermutlich eher etwas mit Tolkiens "Ringwraiths" zu tun.
******* Terry Brooks: Die Erlösung von Shannara. S. 110.