"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 4. Mai 2016

Ein Reisebericht aus den Vier Ländern - Teil 2

Teil 1

Ich muss zugeben, dass ich bei meinem Re-read von The Sword of Shannara in den letzten zwei Wochen gerade einmal hundert Seiten weitergekommen bin. Allerdings wäre es etwas ungerecht, dafür in erster Linie Terry Brooks verantwortlich zu machen. Tatsächlich hat mir die zweite Etappe meiner Reise durch die Vier Länder alles in allem besser gefallen als die erste.

Ohne Frage wird das fröhliche Plündern des Lord of the Rings ungebrochen fortgesetzt. So ähnelt das in meinem letzten Bericht erwähnte Cyborg-Monster äußerlich zwar eher Shelob/Kankra, übernimmt plottechnisch aber bizarrerweise die Rolle des Hexenkönigs auf der Wetterspitze, d.h. es injeziert ein auf längere Sicht tödliches Gift in unseren Frodo-Charakter Shea, was den nächsten Abschnitt der Reise zu einem Wettlauf mit der Zeit macht. Doch selbstverständlich erreichen unsere Helden nach einigen Abenteuern rechtzeitig das Dorf Storlock, wo Shea im Eilverfahren behandelt wird. Nach Culhaven ist damit die Siedlung der guten Gnomenheiler eine Art zweites Rivendell. Im weiteren Verlauf der Queste bekommen wir mit der Halle der Könige Brooks' Version von Moria präsentiert, um schließlich in der Druidenfestung Paranor, wo sich das Schwert von Shannara befinden soll, eine etwas ärmliche Version von Gandalfs Konfrontation mit dem Balrog vorgesetzt zu bekommen.

Das klingt jetzt alles nicht so dolle, ich weiß, und im Vergleich zum tolkienschen Vorbild bleibt Brooks' Welt auch weiterhin ziemlich blass.
{Auch wenn ich zugeben muss, dass mir das Schiefertal / Valley of Shale mit seinem Eingang zur Unterwelt, aus der Allanon den Schatten des Erzdruiden Brimen heraufbeschwört, in atmosphärischer Hinsicht ganz gut gefallen hat. Auch fand ich es neckisch, dass hier einmal nicht Tolkien, sondern die antiken Heldenepen Odyssee und Aeneis anzitiert werden. Hey, das Tor zur Welt der Toten heißt sogar "Hadeshorn"!}
Doch der Mangel an mythisch-historischer Tiefe ist etwas, was der Autor selbst nie geleugnet hat, und was sich bis zu einem gewissen Grad aus dem intendierten Charakter der von ihm erzählten Geschichte erklären lässt. So schreibt er in den "Author Notes".
An adventure story, something wonderfully dangerous, filled with hair-raising escapes, men and women of character and purpose, dangers that threatened from every quarter -- that was what I wanted to write [...] But it had to be something grand. How wold D'Artagnan have handled Rupert of Hentzau from The Prisoner of Zenda? What if Jim Hawkins had met up with Quentin Durward? I envisioned a story that was panoramic, something vast and sweeping.    
Nicht Tolkien, sondern Autoren wie Walter Scott, Alexandre Dumas oder Robert Louis Stevenson lieferten die anfängliche Inspiration für Brooks' Geschichte. Der Lord of the Rings kam erst ins Spiel, als der Autor nach einem Weg zu suchen begann, seiner Abenteuerstory ein "episches" Flair zu verleihen. Es ist darum eigentlich leicht nachvollziehbar, dass das "Worldbuilding" für ihn einen ganz anderen Stellenwert besaß als für den "Professor": 
 I would set my adventure story in an imaginary world, a vast, sprawling, mythical world like that of Tolkien, filled with magic that had replaced science and races that had evolved from Man. But I was not Tolkien and did not share his background in academia or his interest in cultural study. So I would eliminate the poetry and songs, the digressions on the ways and habits of types of characters, and the appendices of language and backstory that characterized and informed Tolkien's work. I would write the sort of straightforward adventure story that barreled ahead, picking up speed as it went, compelling a turning of pages until there were no more pages to be turned.
Und in der Tat hat The Sword of Shannara während meiner zweiten Etappe mehr und mehr den Charakter einer actionreichen Abenteuergeschichte angenommen. Das Buch einen echten "Pageturner" zu nennen, wäre meiner Ansicht nach zwar etwas zu hoch gegriffen, aber Szenen wie die Überquerung des von den Gnomen besetzten Jadepasses oder der Kampf mit dem schleimigen Drachenungeheuer in der Halle der Könige sind in Sachen Spannung und Action gar nicht übel gelungen. {Einmal betreten ähnelt die Halle der Könige selbst übrigens weniger Khazad-dûm als vielmehr einem D&D - Dungeon. Ob der gute Brooks mit dem Urvater aller Fantasyrollenspiele vertraut war, als er seinen Erstling zu Papier brachte?}
Dem Charakter der Geschichte entspricht auch das im Vergleich zum doch recht gemächlichen Pacing des Lord of the Rings rasante Tempo von The Sword of Shannara. Während Tolkiens Helden ihre Queste für wochenlange Aufenthalte in Rivendell oder Lorien unterbrechen, gesteht Brooks seinem eben noch dem Tode nahen Shea gerade einmal eine Übernachtung in Storlock zu, bevor es weitergeht. Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, wie klein die Vier Länder zu sein scheinen. Ich habe da zwar nicht genau Buch drüber geführt, aber seit Shea und Flick Shady Vale verlassen haben, können bisher maximal vierzehn Tage vergangen sein, und dabei haben sie eine Wegstrecke zurückgelegt, die sie bei einem striken Nordkurs vom unteren zum oberen Rand der mitgelieferten Karte geführt hätte.
Der bei allen äußerlichen Ähnlichkeiten im Kern eher untolkiensche Charakter des Romans zeigt sich auch in einem seiner Hauptcharaktere: Menion Leah. Tom Shippey hat in ihm zwar offenbar gewisse Ähnlichkeiten mit Aragorn entdecken wollen, aber dem kann ich mich nicht recht anschließen. Sein Eintrittspunkt in die Geschichte gleicht zwar ungefähr dem des guten Strider/Streicher, und wäre er ein D&D - Charakter seine Klasse wäre ohne Frage "Ranger", aber seine Persönlichkeit ähnelt nicht im Mindesten der Aragorns. Eher noch ließe er sich mit Pippin oder Merry vergleichen, und dann auch eher mit den von Peter Jackson kreierten Zerrbildern der beiden Hobbits, und nicht mit Tolkiens Originalen. Zu Beginn ist er ein ziemlich verantwortungsloser, abenteuerlustiger Bursche, reift jedoch sehr schnell zu einer Art kühnem, wenn auch immer noch recht impuslivem  Recken heran. Als solcher scheint er mir beinah besser geeignet zu sein, den Protagonisten in Terry Brooks' Story zu spielen als Shea, der nachwievor nicht viel mehr als ein billiger und blasser Frodo-Abklatsch ist.

Das wär's für heute. In einem künftigen Reisebericht werde ich auf jedenfall noch auf Allanon eingehen müssen, denn was Terry Brooks mit dem Gandalf-Stereotyp angestellt hat, ist nicht ohne Reiz. Doch das soll warten, bis sich etwas mehr Material für eine gerechte Einschätzung des grüblerischen, autoritären und manipulativen Mentor-Druiden angesammelt hat. 

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