"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Dienstag, 19. Juni 2018

City Under the Sea

Als der wunderbare Mr. Jim Moon im zweiten Teil seiner neuesten Podcast-Miniserie Spawn of the Gill-man, welche den ärmlicheren Verwandten von Jack Arnolds ikonischem Monster gewidmet ist, die fernab der Schwarzen Lagune die wilden Weiten des B-Movies der 50er und 60er Jahre bevölkerten, unter anderem auch auf Jacques Tourneurs War-Gods of the Deep aka City Under the Sea (1967) zu sprechen kam, fühlte ich mich animiert, dem Streifen gleichfalls wieder einmal einen Besuch abzustatten. Zumal mich seit einigen Wochen ohnehin das Verlangen gepackt hat, meinem filmeschauenden Dasein eine ordentliche und lang vermisste Dosis Vincent Price zuzuführen.



Als im Januar 1965 Tomb of Ligeia in Amerika anlief, war dies das Ende von Roger Cormans berühmtem achtteiligen Edgar Allan Poe - Zyklus. Der eher mäßige Erfolg an den Kinokassen schien Cormans Eindruck zu bestätigen, dass "the series was just running out of steam". Er wandte sich anderen Gefilden zu. 
Doch in der Chefetage von American International Pictures (AIP) vergaß man nicht, dass der Name Poe für beinah ein Jahrfünft ein vorzüglicher Kassenmagnet gewesen war. Und so dauerte es nicht lange, bis Jim Nicholson und Sam Arkoff in Kooperation mit der britischen Firma Bruton Film ein weiteres Projekt ins Auge fassten, das sich in das Gewand des Meisters des Makabren hüllen sollte. Produzent würde Daniel Haller sein, der als Produktionsdesigner und Art Director viel zur opulent-dekadenten Atmosphäre von Cormans Filmen beigetragen hatte. Anders als bei einigen Vertretern von AIPs sogenanntem "zweiten Poe-Zyklus", wie Witchfinder General aka The Conqueror Worm (1969) und Cry of the Banshee (1970), war man noch nicht so weit, Streifen, die auch nicht das Geringste mit dem Werk des großen Dichters zu tun hatten, mit dessen Namen zu versehen. {Obwohl Corman selbst mit The Haunted Palace [1963] den Präzedenzfall dafür geliefert hatte.} Etwas kurios war der Plan trotzdem:
Man wandte sich an den bekannten Drehbuchschreiber Charles Bennett, dessen beeindruckendes Oeuvre sowohl eine Reihe von Hitchcock-Filmen der 20er/30er Jahre (Blackmail [1929],The Man Who Knew Too Much [1934], The 39 Steps [1935], Secret Agent [1936], Sabotage [1936], Young and Innocent [1937]) als auch einige phantastische Abenteuerstreifen der frühen 60er Jahre (The Lost World [1960], Voyage to the Bottom of the Sea [1961], Five Weeks in a Balloon [1962]) umfasste. Was ihn als besonders geeignet für den Job erscheinen ließ, war jedoch vor allem seine Zusammenarbeit mit Jacques Tourneur bei der Adaption von M.R. James' Casting the Runes, die 1957 als Night of the Demon in die Kinos gelangt war. Diesem ehrwürdigen Veteranen wurde nun Edgar Allan Poes Gedicht The City in the Sea mit den Worten in die Hand gedrückt: "Can you take this and make it into a story?"
Bennett nahm die Herausforderung an und war mit dem Ergebnis sogar ziemlich zufrieden. Doch dann erhielt er die Nachricht, dass AIP einige Überarbeitungen an dem Script wünschte und ihn dafür nach Großbritannien "einlud", wo der Film gedreht wurde. Die Reise bezahlen wollten Arkoff & Nicholson allerdings nicht. Bennett lehnte entrüstet ab: "Their idea of money was abolutely so trivial that it would have cost me money to go!" Also reichte man das Drehbuch an Louis M. Heyward weiter.
Die Karriere des guten Mannes hatte im TV-Comedy-Bereich begonnen, und auch nachdem er bei AIP eingestiegen war, zeichneten sich seine Arbeiten als Drehbuchschreiber oder Produzent häufig durch ein humorvolles Elelement aus. Von grotesken Farcen wie Dr. Goldfoot and the Bikini Machine (1965) und The Ghost in the Invisible Bikini (1966) bis zu den subtileren Tönen von The Abominable Dr. Phibes (1971) und Dr. Phibes Rises Again (1972). Lange nachdem er sich von AIP getrennt hatte, würde er außerdem an der Produktion des berüchtigten Hanna-Barbera-Flicks KISS Meets the Phantom of the Park (1978) mitwirken. Es verwundert deshalb nicht, dass Heyward dem Script von War-Gods of the Deep vor allem etwas Humor hinzufügte, insbesondere in Gestalt des exzentrischen Malers Harold Tufnell-Jones mit seinem über alles geliebten Huhn Herbert.
Bennett hasste, was man mit seinem Drehbuch angestellt hatte und erklärte später: "I should never have had anything to do with War-Gods of the Deep. It was simply horrid, the worst thing I was ever involved in, I think."* AIPs britische Partner waren gleichfalls nicht angetan. Es kam zu einer wütenden Auseinandersetzung zwischen Daniel Haller und dem englischen Produzenten George Willoughby, der sich schließlich ganz von dem Projekt zurückzog.

Nachdem man von dieser etwas verkorksten Produktionsgeschichte gehört hat, wird man vielleicht nicht mit den allergrößten Erwartungen an den Film herantreten. Doch immerhin saß während des Drehs mit Jacques Tourneur ein echter Meister des phantastischen Kinos auf dem Regiestuhl, der Genrefans vor allem aufgrund seiner Arbeiten mit Val Lewton aus den 40er Jahren (Cat People [1942], I Walked With a Zombie [1943], The Leopard Man [1943]), sowie des schon erwähnten Night of the Demon bekannt sein dürfte. Fällen wir also keine vorschnellen Urteile, sondern schauen uns den Film selbst einmal etwas genauer an.

War-Gods of the Deep beginnt mit wundervoll atmosphärischen Bildern des Meeres, während Vincent Price die ersten Zeilen von Poes The City in the Sea vorträgt. Ein grandioser Auftakt, vor allem da ich keinen perfekteren Rezitator von Poes Lyrik kenne als den unsterblichen Vincent.
Dann setzt der Plot ein: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts finden. Fischer eine an die Steilküste von Cornwall angeschwemmte Leiche. Der zufällig vorbeikommende Ben Harris (Tab Hunter), ein Bergwerksingenieur aus Amerika, identifiziert den Toten als einen örtlichen Rechtsanwalt, der für Jill Tregillis (Susan Hart) gearbeitet hat. Da es sich bei der jungen Frau um eine Landsmännin handelt {und der gute Ben ganz offensichtlich schwer verliebt in sie ist}, macht er sich auf, um sie persönlich über das verfrühte Ableben ihres Rechtsberaters zu informieren. In dem alten Hotel auf der Klippe angekommen, muss er feststellen, dass Jill bereits Gesellschaft bekommen hat: Den ziemlich wunderlichen, anfangs in einem Kilt herumlaufenden Maler Harold Tufnell-Jones (David Tomlinson) und sein Huhn Herbert.
Doch jede Irritation über diese neue Bekanntschaft {und jeder Gedanke an den toten Rechtsanwalt} sind schon bald vergessen, als Jill von einer unheimlichen Kreatur entführt wird. Etwas nasser Seetang ist die einzige Spur, doch mit der Hilfe von Herbert dem Huhn entdecken die beiden schließlich eine Geheimtür, die sie zuerst zu einem geheimnisvollen Mahlstrom, und -- nachdem sie in diesen gefallen sind -- in eine uralte Stadt unter dem Meer führt. Wenig später sind sie allerdings dann auch schon Gefangene des finsteren Captains (Vincent Price) und seiner Schmugglerbande, die seit bald hundert Jahren hier unten hausen und nicht altern, allerdings auch nicht mehr ans Sonnenlicht zurückkehren können, wenn sie nicht sterben wollen.
Der Captain sieht sich selbst als König der versunkenen Stadt und der zu Fischmenschen degenerierten Nachfahren ihrer Erbauer. Doch unglücklicherweise droht der benachbarte Vulkan, der bislang die geheimnisvollen Maschinen betrieben hat, die das Leben hier unten überhaupt erst ermöglichen, in Bälde auszubrechen und das ganze Reich unter der See zu zerstören.
Der meist recht tolpatschig und etwas lächerlich wirkende Tufnell-Jones beweist nicht zum letzten Mal, dass er ein helleres Köpfchen als unser "männlicher" Held hat und überzeugt den Captain, Ben sei ein weltberühmter Geologe und vermutlich der Einzige, der eine Lösung für das Vulkanproblem finde könnte. Das verschafft den beiden etwas Zeit, um erst Jill zu finden, die der Captain scheinbar für die Wiedergeburt seiner lange verstorbenen Gemahlin hält, und mit Hilfe des greisen Reverend Ives (John le Mesurier) einen Fluchtplan auszuhecken.

War-Gods of the Deep ist ein wirklich wunderliches Genre-Mischmasch.
Da er als eine Art Fortsetzung des Corman'schen Poe-Zyklus gedacht war, ist der Film verzweifelt bemüht, irgendwelche Verbindungen zu The City in the Sea herzustellen. An einem Punkt entdecken unsere Helden sogar eine Erstausgabe der Poe'schen Gedichte, die genau an der richtigen Stelle aufgeschlagen ist, was Anlass zur Rezitation einiger weiterer Verse gibt. Und wenn der Captain von sich selbst sagt, dass er für die Fischmenschen "der Tod" sei, der von seinem Turm auf sie herabschaue, dann ist das eine deutliche Anspielung auf die Zeilen: "While from a proud tower in the town / Death looks gigantically down". Das bedrohlich-rote Glühen des Vulkans wiederum wird zu den Schlussversen des Gedichts in Beziehung gesetzt:
The waves have now a redder glow
The hours are breathing faint and low -
And when, amid no earthly moans,
Down, down that town shall settle hence,
Hell, rising from a thousand thrones,
Shall do it reverence.
Mit Geist und Inhalt des Gedichtes hat all das natürlich nichts zu tun. Eher schon poe'esk wirkt die Wahnidee des Captains, dass seine verstorbene Gattin zu ihm zurückgekehrt sei. Und der Film geht mit diesem Motiv auf erstaunlich zurückhaltende Weise um. Nie wird offen ausgesprochen, dass dies der Grund für Jills Entführung war. Wir als Zuschauer müssen uns das aus einer Reihe von Indizien, Andeutungen und dem ausdrucksvollen Spiel von Vincent Price zusammenreimen.
So gesehen haftet dem Streifen tatsächlich noch etwas von dem Gothic Horror der Corman'schen Filme an. Und mit Daniel Haller als Produzenten verwundert es nicht, dass auch die Sets noch einiges von der entsprechenden Atmosphäre besitzen. Das gilt sowohl für das alte viktorianische Hotel als auch für die leicht mesopotamisch angehauchte versunkene Stadt.

Doch andererseits ist es recht vielsagend, dass AIP den Streifen in Amerika nicht unter dem ursprünglichen Titel City Under the Sea herausbrachte, der ja zumindest noch an Poes Gedicht angeklungen hätte. In der Tat nämlich steht War-Gods of the Deep zugleich noch in einer ganz anderen Tradition. Der der auf Romanen von Jules Vernes fußenden phantastischen Abenteuerfilme wie Disneys 20.000 Leagues Under the Sea (1954), Cy Enfields & Ray Harryhausens The Mysterious Island (1961) und AIPs eigenem Master of the World (1961). Vincent Price'es Captain mit seinen wahnhaften Herrscherallüren haftet ein Bisschen was von Nemo oder Robur an, während unser "square-jawed hero" Ben zugleich -- wie Mr. Jim Moon ganz richtig bemerkt -- auf die Doug McClure - Helden der von AIP und Amicus coproduzierten Edgar Rice Burroughs - Adaptionen der 70er Jahre vorausweist.** Auch hatte Charles Bennett wohl nicht ganz Unrecht, wenn er Herbert das Huhn als einen offensichtlichen Nachkommen von Gertrud der Gans aus Henry Levins Journey to the Center of the Earth (1959) identifizierte.

Zwar kann ich Bennetts Wut und Frustration über die Behandlung, die ihm und seinem Drehbuch widerfuhr, nachvollziehen, und würde recht gerne einmal das ursprüngliche Script lesen, seinem Verdammungsurteil über den letztendlich gedrehten Film kann ich mich jedoch nicht anschließen.
Ohne Zweifel macht die Story so gut wie keinen Sinn, und die Handlung in der versunkenen Stadt besteht aus nicht viel mehr als dem zweimaligen Durchlaufen der Plot-Punkte "Gefangennahme" & "Fluchtversuch". Viele Elemente der Geschichte bleiben unterentwickelt. Das gilt nicht nur für die Beziehung zwischen dem Captain und Jill, sondern auch für die zwischen ersterem und den Fischmenschen. Auch erfahren wir nie, wie Reverend Ives in die Gesellschaft der Schmuggler geraten ist. Und warum noch gleich hat die Bande den armen Rechtsanwalt ermordet?
Dennoch finde ich, dass der Film durchaus Charme besitzt, gerade durch die eigenartige Verschmelzung von Elementen aus Gothic Horror und phantastischem Abenteuerfilm. Er ist sicher kein Meisterwerk, aber als farbenfroher Fantasy-Nonsense mit einer ordentlichen Prise Gothic - Atmosphäre ist er nicht ohne seinen ganz eigenen Reiz.

Die Löchrigkeit des Plots hat mich nur einer Stelle wirklich gestört. Und diese bildet ganz allgemein den größten Schwachpunkt von War-Gods of the Deep. Dass es sich dabei ausgerechnet um das große Finale handelt, ist freilich ziemlich bedauernswert.
Ben, Harold und Jill sind in wunderbar steampunkige Taucheranzüge geschlüpft und haben sich auf den Weg zum Goldenen Schrein gemacht, in dem es einen Ausgang zur Oberwelt geben soll. Natürlich nehmen der Captain und seine Mannen die Verfolgung auf, und auch die Fischmenschen schwimmen eiligst herbei, um das Entkommen unserer Helden zu verhindern. Es folgt eine Unterwasser-Jagd. Das bereitet in filmischer Hinsicht gewisse Probleme. Von den Fischmenschen einmal abgesehen {die an Land als bloß schemenhaft auszumachende Gestalten mit schwarzem Seetang-Haar ohnehin sehr viel eindrucksvoller waren}, sind alle Beteiligten zu äußerst schwerfälligen Bewegungen verdammt. Das allein schon raubt der Szene viel an ihrer eigentlich nötigen Dynamik. Und es hilft auch nicht gerade, dass sich das an sich dramatische Geschehen in völliger Stille abspielt. So realistisch das auch sein mag. Der Versuch, dem entgegenzuwirken, indem uns immer mal wieder die Gesichter unserer Helden in ihren Taucherhelmen gezeigt werden, wirkt eher kontraproduktiv, da allein schon die merklich andere Beleuchtung keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass sich die betreffenden Personen nicht unter Wasser, sondern in einem Studio befinden. {Sehr nett allerdings ist es, wenn wir zu sehen bekommen, dass Harold seinen Helm mit Herbert dem Huhn teilt!} Unglücklicherweise dachte man bei AIP offenbar, die Unterwasseraufnahmen seien so beeindruckend {und für sich genommen sind sie ja auch recht cool}, dass man die Sequenz möglichst in die Länge strecken sollte, was natürlich ganz und gar nicht die erwünschte Wirkung hat.
Der löchrige Plot kommt ins Spiel, nachdem es im Goldenen Schrein zum an sich ziemlich gelungenen letzten Aufeinandertreffen zwischen unseren Helden und dem Captain gekommen ist. Statt nämlich den versprochenen "trockenen" Ausgang zu finden, legen die drei noch einmal Taucheranzüge an und marschieren unter Wasser zum Strand. Hätten sie das nicht ebensogut ohne den Umweg über den Schrein machen können? Dieses unglückliche Plotdetail verstärkt nur einmal mehr den Eindruck, dass die finale Sequenz einfach zu lang {und damit etwas langweilig}geraten ist

Einmal an Land darf das Trio dann allerdings einen hübsch dramatischen unterseeischen Vulkanausbruch beobachten, derweil Vincent Price die Schlussverse von The City in the Sea vorträgt. Und allein das schon hat mich sofort wieder mit allen unleugbaren Schwächen dieses kleinen, aber charmanten Films versöhnt. 

 

Tom Weaver: Double Feature Creature Attack: A Monster Merger of Two More Volumes of Classic Interviews. S. 25.
** Vgl. meine Besprechung von At the Earth's Core.(1976).

Sonntag, 26. Juni 2016

Vincent Price vs The Horla

Guy de Maupassants Erzählung Der Horla gehört zu den unsterblichen Meisterwerken der phantastischen Literatur. Man kann sie ganz unterschiedlich interpretieren. Ich selbst tendiere dazu, mich in dieser Frage dem guten Mr. Jim Moon anzuschließen, der sie in einer alten Ausgabe seines Podcasts Hypnobobs als das ins Phantastische übertragene Porträt eines unter Depressionen leidenden Menschen beschrieben hat. Doch ganz gleich, unter welchem Blickwinkel man Maupassants Geschichte liest, man wird sich schwerlich ihrer bezwingenden Macht entziehen können.

Nun lässt sich nicht leugnen, dass Reginald Le Borgs Filmadaption Diary of a Madman aus dem Jahre 1963 ihrer literarischen Vorlage in keiner Weise gerecht wird. Von einigen eher oberflächlichen Details abgesehen, hat die Story des Films nur sehr wenig mit Le Horla zu tun. Dennoch halte ich den Streifen für äußerst sehenswert, und der Grund dafür ist vor allem der unvergleichliche Vincent Price.

    
Der amerikanische Horrorfilm der 60er Jahre nahm seinen furiosen Auftakt mit Roger Cormans House of Usher (1960), dessen großer Erfolg an den Kinokassen AIPs legendären Corman - Poe - Zyklus mit Vincent Price einleitete. 1961 folgte Pit and Pendulum, ein Jahr später Tales of Terror. Es ist kein Wunder, dass schon sehr bald andere Produktionsfirmen versuchten, das Format nachzuahmen. Eine von ihnen war Robert E. Kents Admiral Pictures
Kent hatte seine Karriere in der Filmindustrie in den 40ern als Drehbuchschreiber für Sam Katzman, Columbia Picture's Spezialisten für Serials und Genrefilme, begonnen, um Mitte der 50er eine eigene Produktionsfirma zu gründen, die über die Jahre unter sehr unterschiedlichen Namen auftrat. {Zu den für Freundinnen & Freunde des phantastischen Films interessantesten Hervorbringungen des Unternehmens gehört It! The Terror From Beyond Space (1958), handelt es sich bei dem Flick doch um eine der wichtigsten <ähem> "Inspirationsquellen" für Alien.} Als Kent den Erfolg von Roger Cormans Poe-Adaptionen sah, zögerte er nicht lange, und machte sich daran, seinerseits die klassische phantastische Literatur nach geeignetem Quellenmaterial zu durchforsten. Seine Wahl fiel schließlich auf Guy de Maupassants Le Horla und einige Werke von Nathaniel Hawthorne, die ihm als Vorlage für den gleichfalls 1963 gedrehten Film Twice-Told Tales dienten. Und da Vincent Price zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch einen Exklusivvertrag an American International Pictures gebunden war, der es ihm später verbieten würde, in Horrorproduktionen anderer Firmen mitzuwirken, konnte sich Kent für seine beiden Filme sogar die Mitarbeit von AIPs Star sichern. Dass die von dem Produzenten selbst verfassten Drehbücher ziemlich nonchalant mit ihren literarischen Quellen umspringen, ist nicht weiter verwunderlich. Roger Corman hielt es da ja auch nicht viel anders.

Als der für seine Integrität bekannte Richter Simon Cordier (Vincent Price) von der Bitte eines zum Tode verurteilten Serienmörders um ein letztes Gespräch erfährt, glaubt er zuerst, dieser wolle vielleicht sein Gewissen erleichtern. Stattdessen muss er sich erneut dessen wirre Beteuerungen anhören, er habe die Bluttaten unter der Kontrolle eines übernatürlichen Wesens begangen. Urplötzlich attackiert der Verurteilte den Richter und kommt bei dem anschließenden Handgemenge auf überraschende Weise ums Leben. Cordier, der seit dem Tod seines Kindes und dem Selbstmord seiner Frau ohnehin ein einsiedlerisches Dasein führt, verfällt in eine tiefe Depression.
Wenig später muss er erfahren, dass der Mörder offenbar nicht geisteskrank war, denn der unsichtbare Horla stattet ihm einen Besuch ab und zwingt ihn in einer Demonstration seiner Macht dazu, seinen geliebten Kanarienvogel zu töten – scheinbar das einzige Lebewesen, für das der Richter noch irgendwelche echten Gefühle hegt.
Dennoch weigert sich Cordier weiterhin, an die Existenz des Horla zu glauben, und sucht Hilfe bei einem Nervenarzt. Dieser rät ihm dazu, Kontakt mit Menschen zu suchen, um auf diese Weise seine verlorene Lebensfreude wiederzufinden. Der beste Weg dazu sei, sich erneut seiner Jugendliebe, der Bildhauerei, zuzuwenden. Also macht sich Cordier auf ins Künstlerviertel Montmartre, wo er schon bald der hübschen Odette (Nancy Kovack) begegnet. Er engagiert sie, ihm Modell zu stehen, und für den Moment scheinen die Dinge sich wirklich zum Besseren zu entwickeln. Doch nicht lange, und da kehrt der Horla zurück, um Cordier einerseits zu eröffnen, dass die so sympathische Odette in Wahrheit eine skrupellose Kreatur sei, die hinter seinem Geld her ist, und ihn andererseits erneut seinem Willen zu unterwerfen. Unter der Kontrolle des Horla geht der Richter erst ein Verhältnis mit der verheirateten jungen Frau ein, um schließlich selbst zum Mörder zu werden.

Einmal davon abgesehen, dass der Plot kaum Ähnlichkeiten mit Le Horla besitzt, fällt bei einem Vergleich mit Maupassants Erzählung vor allem auf, dass Diary of a Madman anders als seine literarische Vorlage auf der Idee eines moralischen Dualismus, eines Kampfes zwischen metaphysischen Prinzipien von Gut und Böse, zu beruhen scheint. Mitunter bekommt man sogar das Gefühl, der Film entwickle dieses Motiv in eine extrem ungemütliche Richtung.
In den Gesprächen zwischen Cordier und dem Polizeioffizier Rennedon (Stephen Roberts) prallen mehrfach zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Der Richter ist bestrebt, den "kriminellen Geist", die Beweggründe, die Menschen dazu bringen, Verbrechen zu begehen, zu verstehen. Rennedon hingegen begnügt sich damit, Kriminelle ganz einfach als "böse" zu betrachten. Seine Lösung ist ebenso simpel: "Zerquetscht sie wie Ungeziefer!" Später erfahren wir, dass der Horla seine Macht über Menschen dem Umstand verdankt, dass diese "böse" Taten begangen haben. In einer der finalen Szenen wird seine Kontrolle über Cordier kurzzeitig durch ein Kruzifix gebrochen. Und der Film schließt mit den Worten von Pater Raymonde (Lewis Martin): "Whenever Evil exists in the heart of man, the Horla lives."
Wollte Robert E. Kent hier tatsächlich irgendetwas "profundes" über Verbrechen und die Natur des "Bösen" sagen? Und wenn ja, was? Es steht beinah zu befürchten, dass er wohl eher Rennedons Ansicht zuneigt, die er zudem mit einer christlich-religiösen "Gut gegen Böse" - Moral unterfüttert.  Doch auch wenn dies der Fall sein sollte, funktioniert die Geschichte nicht wirklich als Parabel. Denn was genau sollte der Horla dann verkörpern? Dass eine "böse" Tat eine Entwicklung in Gang setzt, die den "Sünder" zu immer neuen "bösen" Taten treibt, selbst wenn er das nicht will? Aber das Schicksal Cordiers lässt sich kaum auf diese Weise interpretieren. Seine "böse" Tat bestand darin, seine Ehefrau für den Tod ihres Kindes verantwortlich gemacht zu haben, was diese schließlich in den Selbstmord trieb. Von dort führt kein psychologisch nachvollziehbarer Weg zu dem mörderischen Treiben, dem der Richter unter der Kontrolle des Horla Jahre später nachgeht. Und die vom Horla Beherrschten können sich nicht einmal an ihre Untaten erinnern. Das unsichtbare Wesen ist kein Verführer, sondern eine Art sadistischer Hypnotiseur, der Spaß daran hat, Menschen in Marionetten zu verwandeln.
Falls der Film tatsächlich einen Subtext besitzen sollte, ist dieser so inkohärent, dass man ihn getrost ignorieren kann. Was vermutlich bloß von Vorteil ist, können wir uns so doch auf all das konzentrieren, was Diary of a Madman zu einem wirklich empfehlenswerten Streifen macht.

Vincent Price wird oft als Vertreter eines übermäßig theatralischen, bombastischen Schauspielstils angesehen. Eine sehr oberflächliche Einschätzung, die meiner Meinung nach nur durch eine mangelnde Vertrautheit mit dem tatsächlichen Werk des großen Mannes erklärt werden kann. Diary of a Madman bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, das weite Spektrum seines Könnens kennenzulernen. Dabei zeigt sich, dass er zu feinster Subtilität genauso fähig war wie zu prachtvollstem Pathos. Cordier durchläuft eine Reihe höchst unterschiedlicher emotionaler Zustände, von Einsamkeit und Depressivität über wiedererwachende Lebensfreude bis hin zu absoluter Verzweifelung. Price verleiht ihnen allen auf äußerst nuancierte Weise Ausdruck. Und wenn sein Charakter völlig unter der Kontrolle des Horla steht, strahlt er eine eisige Kälte aus, so als ob er überhaupt keine Empfindungen mehr besäße. Es ist eine wirklich meisterhafte Darbietung, die wir hier erleben dürfen.

Auch wenn keiner der übrigen Darsteller & Darstellerinnen dem großen Vincent das Wasser reichen kann, verdient zumindest Nancy Kovack besondere Erwähnung. Das Script zeichnet ein wenig sympathisches Bild von Odette. Ihr Ehemann, der junge Maler Paul DuClasse (Chris Warfield), ist bisher wenig erfolgreich, und entsprechend spärlich fließen die Einnahmen, was Odette ganz und gar nicht behagt. Als sie von Cordiers Reichtum erfährt, ist sie darum nur zu bereit, dem deutlich älteren Richter schöne Augen zu machen, auch wenn nicht ganz klar ist, ob sie tatsächlich von Anfang an darauf spekuliert, seine Geliebte zu werden. Offenbar sollen wir in ihr eine kaltherzige, habgierige Person, ein "verworfenes Geschöpf" sehen. Doch Nancy Kovack verleiht der Figur soviel Charme und Lebendigkeit, natürliche Spontaneität und beinah Naivität, dass es schwerfällt, sie wirklich unsympathisch zu finden. Natürlich hilft es auch nicht gerade, dass Odettes "guter" Widerpart, die Paul treu ergebene Galleristentochter Jeanne (Elaine Devry), alles in allem fürchterlich blass und langweilig wirkt.

Gleichfalls nicht unerwähnt bleiben darf das Mitwirken von Produktionsdesigner Daniel Haller, der für viele der großartigen Sets der Corman - Poe - Filme verantwortlich war und auch hier gute Arbeit leistete. Zwar findet sich in Diary of a Madman nichts, was den leicht surrealen, prachtvoll-dekadenten Szenerien von House of Usher (1960), Pit and Pendulum (1961) oder The Masque of the Red Death (1964) gleichkommen würde, aber ein solcher Stil wäre der Story auch gar nicht angemessen gewesen. Die unter Hallers Anleitung kreierten Sets besitzen dennoch viel Atmosphäre, die von Kameramann Ellis W.Carter – der in den 50ern u.a. bei Jack Arnolds Meisterwerk The Incredible Shrinking Man (1957) und den kriminell unterbewerteten Monolith Monsters (1957) mitgewirkt hatte – recht effektvoll eingefangen wird.

Als Adaption von Maupassants Le Horla ist Diary of a Madman sicher eine Entäuschung. Doch als Beitrag zum für Freundinnen & Freunde des Phantastischen ohnehin so reichen amerikanischen Horrorkinos der 60er Jahre hat er einiges zu bieten. Nicht zuletzt eine wirklich meisterhafte Darbietung des unsterblichen Vincent Price – eines der größten Darsteller, die der phantastische Film jemals besessen hat.

Sonntag, 27. April 2014

Vampire in Amerika (VII): Count Yorga

Unser kleiner Spaziergang durch die Welt des amerikanischen Vampirfilms der 70er Jahre nähert sich seinem Ende. Wie zu Beginn bereits von mir angekündigt, hat er uns nicht zu allen Vertretern des Genres geführt, und unglücklicherweise musste ich ausgerechnet George A. Romeros Martin außen vor lassen, obwohl es sich bei diesem sicher um eine der interessantesten filmischen Auseinandersetzungen mit dem Vampirstoff handelt, die dieses Jahrzehnt hervorgebracht hat. 
Auch muss ich mich in einem wichtigen Punkt korrigieren. In der Einleitung zu dieser kleinen Serie habe ich geschrieben, Martin und Nightmare in Blood bildeten 1978 den Schlusspunkt der durch Count Yorga ausgelösten, kurzlebigen Vampirmode der 70er Jahre. Das ist nicht ganz richtig. Noch ein Jahr später wurde Zoltan - Hound of Dracula auf das Kinopublikum losgelassen. Sicher kein Klassiker des Genres, aber doch ein legitimes Mitglied der Yorga-Familie und auf jedenfall ein engerer Verwandter des Grafen als The Velvet Vampire, Lemora oder Martin.* Im November desselben Jahres strahlte CBS außerdem die unter der Regie von Tobe Hooper gedrehte Miniserie Salem's Lot aus. Doch obwohl es in dieser gleichfalls um untote Blutsauger geht, gehört sie meiner Meinung nach in einen etwas anderen Zusammenhang, den des kometenhaften Aufstiegs von Stephen King. Der phänomenale Erfolg des Autors musste beinah zwangsläufig Verfilmungen seiner Werke nach sich ziehen. Schon drei Jahre zuvor hatte Brian De Palma seine Adaption von Carrie vorgelegt, und ein Jahr später würde Stanley Kubrick mit The Shining folgen. 
Nachdem das richtiggestellt wäre, nun also zum Abschluss unserer Vampirtour. Und was anderes könnte an ihrem Ende stehen als Count Yorga, der Film, mit dem alles begonnen hatte. Oder genauer gesagt: Count Yorga, Vampire (1970), The Return of Count Yorga (1971) und Deathmaster (1972) – die drei AIP-Filme, in denen Robert Quarry einen Vampir verkörperte.

Genaugenommen handelte es sich bei allen dreien um Independent-Produktionen, bei denen American International Pictures lediglich als Filmverleih fungierte. Dennoch macht es Sinn, sie im Rahmen der Entwicklung zu betrachten, die das altehrwürdige B-Movie-Studio zu dieser Zeit durchmachte. Auch wenn ich mich wiederhole: Zu Beginn der 70er Jahre lag im Horrorgenre Veränderung in der Luft. Die Ära des "gotischen" Horrorfilms neigte sich ihrem Ende entgegen, und Männer wie Samuel Z. Arkoff und James H. Nicholson hatten eine Nase für solche Entwicklungen, andernfalls wäre AIP nie zu einer so erfolgreichen Schlockschmiede geworden. Doch noch war den Bossen nicht ganz klar, wie das Studio auf das allmähliche Wegbrechen seines alten Marktes reagieren sollte. Hinzu kam, dass sich das Verhältnis zwischen AIP und ihrem hauseigenen Horrorstar Vincent Price merklich verschlechtert hatte. Auf Studioseite war man der Ansicht, dass der Schauspieler nicht länger der große Publikumsmagnet war, dessentwegen man ihn ursprünglich durch einen Exklusivvertrag an sich gebunden hatte. Auf jedenfall schien es nicht länger gerechtfertigt, sich einen Star zu "halten", der so hohe Gagen verlangen konnte wie Mr. Price. Andererseits hatte man den "gotischen" Horror noch nicht vollständig aufgegeben, und der Todesstoß sollte dem Subgenre ja in der Tat erst 1973 durch William Friedkins The Exorcist versetzt werden. Also produzierte AIP 1971 mit The Abominable Dr. Phibes noch einmal einen der echten Vincent Price - Klassiker des Horrors alter Schule, der sich als erfolgreich genug erwies, um ein Sequel zu rechtfertigen. Daneben startete man mit einer Adaption von Emily Brontës Wuthering Heights (1970) den kurzlebigen Versuch, der Schattenwelt des B-Movies zu entfliehen und in die sonnigen Gefilde "echter" Filmkunst aufzusteigen. Interessanterweise engagierte AIP dafür in beiden Fällen den selben Regisseur – den ausgesprochen talentierten Robert Fuest, der bis dahin hauptsächlich im TV-Bereich {vor allem bei The Avengers} gearbeitet hatte. Doch die zu diesem Zeitpunkt vermutlich wichtigste Entscheidung war, dass man den Versuch startete, dem kränkelnden Horror, mit dem man lange Zeit das meiste Geld verdient hatte, eine Art Frischzellenkur zu verabreichen. Nicht dass man dabei der von George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) eingeschlagenen Richtung zu folgen beabsichtigte. Arkoff und Nicholson hatten zwar ein Gespür für die Entwicklungen auf dem B-Movie-Markt, aber sie waren nicht die Männer, die ihre Firma in den Dienst eines avantgardistischen Projektes gestellt hätten. Was ihnen vorschwebte ist eher vergleichbar mit Hammers etwas später unternommenem Versuch, Christopher Lees Dracula ins Swinging London der frühen 70er zu versetzen (Dracula A.D. 1972 [1972] & The Satanic Rites of Dracula [1973]). Daneben war es das Ziel von AIP, eine Art Nachfolger für Vincent Price aufzubauen, einen Horrorstar, der das Publikum ebenso unwiderstehlich in die Kinos locken sollte, dem Studio aber sehr viel weniger Geld kosten würde.

Der von Michael Macready und Autor-Regisseur Bob Kelljan mit einem lächerlich kleinen Budget von nicht ganz $100.000 produzierte Count Yorga, Vampire schien die ideale Antwort auf diese Situation zu sein. Als sie die Rechte an dem Flick erwarben, dürfte Nicholson und Arkoff dies freilich noch gar nicht bewusst gewesen sein. Doch als er zu einem echten "Sleeper Hit" in den Autokinos wurde, öffnete ihnen das vermutlich die Augen. Nicht nur sicherten sie sich sofort die Rechte an dem ein Jahr später produzierten Sequel, sie begannen auch mit dem Gedanken zu spielen, aus Robert Quarry ihren neuen Horrorstar zu machen.
In der Tat verdankte Count Yorga seinen Erfolg in mehrfacher Hinsicht seinem Hauptdarsteller. Ursprünglich war der Film nämlich als ein Horror-Softporno-Mix geplant gewesen. Eine Masche, die zu dieser Zeit allmählich in Mode zu kommen begann, wie u.a. der unterirdisch grottige Dracula, The Dirty Old Man aus dem Jahr 1969 zeigt. Dieser Plan wurde schließlich verworfen, als Macready und Kelljan Robert Quarry für das Projekt zu gewinnen versuchten:   
They asked me to read the script. I said why don’t you just make a regular horror film out of it? They said will you do it? Of course I said yes, if it’s going to be a straight horror film. So you notice several places in the movie — in case it didn’t sell as a horror film — they left places where they could add whatever was necessary — two more breasts, or whatever.
So zumindest hat Quarry selbst es erzählt. Ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, scheint nicht ganz unumstritten zu sein. Auf jedenfall enthält Count Yorga immer noch einige Szenen, denen man die Sexploitation-Herkunft des Filmes ansehen kann. Nichts wildes, aber doch deutlich genug, vor allem, wenn man die Hintergrundsgeschichte kennt.
Wie die meisten Horrorstars der alten Schule à la Bela Lugosi, Christopher Lee, Peter Cushing oder Vincent Price war auch Robert Quarry ein gebildeter Mann mit einem weiten kulturellen Horizont. Der 1925 in Santa Rosa/Kalifornien geborene Quarry war von seiner Großmutter, die selbst Schauspielerin gewesen war, in die Welt des Theaters eingeführt worden. Mit vierzehn Jahren brach er die Schule ab und begann als Sprecher für jugendliche Rollen im Radio zu arbeiten. Er gewann ein Stipendium für das Pasadena Playhouse, wo er von Alfred Hitchcock entdeckt wurde, der ihn für Shadow of Doubt (1943) engagierte. Während seiner Zeit in der Armee gründete Quarry eine Schauspieltruppe und landete nach dem Ende des Krieges erst bei RKO und dann bei MGM. Eine wirkliche Hollywoodkarriere blieb ihm allerdings versagt. Wie wir in dem Nachruf des Telegraph auf den Schauspieler lesen können:
Little came of Quarry's time at MGM. He appeared in Soldier of Fortune (1955) and House of Bamboo (1955), then played Dwight Powell opposite Robert Wagner, Joanne Woodward and Mary Astor in A Kiss Before Dying (1956). His other films included Crime of Passion (1957), Winning (1969) and WUSA (1970), the last two starring Paul Newman. 
Dafür schloss er u.a. Freundschaft mit Katharine Hepburn und Paul Newman. 1950 war er zusammen mit Hepburn in einer Broadway-Inszenierung von As You Like It aufgetreten.
Wie groß Quarrys Einfluss auf die Gestalt, die Count Yorga schließlich erhalten sollte, wirklich gewesen ist, muss ungewiss bleiben. Offenbar wollte er am ersten Drehtag alles hinschmeißen, ließ sich dann aber doch dazu überreden, weiterzumachen. Und schließlich wurde der Dreh zu einem wenn auch anstrengenden, so doch positiven  Erlebnis für ihn:
Once I got off my high horse, we got to working together. But it was hard work. We had just four crewmembers — that’s it. They were all happy on plum wine and grass! There was one make-up man and a few guys with little arc lights. You say the film was ‘dark and mysterious’ — the film was dark and mysterious because we didn’t have enough lights!
Zwar ärgerte er sich in späteren Jahren oft darüber, dass man ihn nur in dieser Rolle in Erinnerung behalten hatte, dennoch bereitete ihm die Figur des Count Yorga offenbar großen Spaß: 
Actors always wanted to play the good guys first. I was different, and, boy, I did have a lot of fun drinking the blood of the lovely DJ Anderson. I always tried to play villains like the heroes. Vincent Price always over-egged the pudding. I played Count Yorga straight.**
Auf die sehr spezielle Beziehung zwischen Quarry und Price werde ich weiter unten noch etwas genauer eingehen. Was für den Moment sehr viel wichtiger ist: In der Tat trägt Quarrys ernsthaftes, elegantes und eher zurückhaltend wirkendes Spiel sehr viel zum Charme von Count Yorga bei.



Das erstaunlichste an diesem Film ist, dass sein Grundkonzept – wir schicken einen Dracula-Klon ins Kalifornien der 70er Jahre – sehr viel besser funktioniert, als es eigentlich sollte. Von einer solchen Geschichte würde man erwarten, dass sie beinah zwangsläufig ins Lächerliche abrutschen müsste, wobei sie bestenfalls in ein prachtvoll groteskes Schlockfest übergehen könnte. Doch das trifft auf Count Yorga nicht zu. Der Film besitzt zwar einen leicht ironischen Unterton, aber gerade dieser hilft zu verhindern, dass der Effekt des unfreiwillig Komischen eintritt. Wir wissen, dass wir die Geschichte nicht hundertprozentig ernst nehmen sollen, und sind deshalb eher geneigt, über ihre unausweichlichen Absurditäten hinwegzusehen. Vor allem da uns mit Robert Quarrys Yorga ein wirklich interessanter Vertreter der Gattung Vampir entgegentritt.
Die Figur ist eine gelungene Mischung aus traditionellen und neuartigen Elementen. Einerseits ist der gute Graf ganz der untote osteuropäische Aristokrat mit finsterem Charme und schwarzem Cape, wie wir ihn aus den Dracula-Filmen mit Bela Lugosi oder Christopher Lee gewohnt sind. Zugleich jedoch bereitet es ihm keinerlei Schwierigkeiten, sich in den Kreisen der kalifornischen Mittelklasse zu bewegen. Dort betrachtet man ihn entweder als interessanten Exzentriker oder bringt ihm als vermeintlichem "bulgarischen Mystiker" offene Bewunderung entgegen. Dies war schließlich die Zeit und das Milieu, in denen das Verlangen nach esoterischer Selbstfindung schwer in Mode war. Yorga seinerseits scheint sich aufs Köstlichste über all diese Ärzte, Ehefrauen und Halbhippies zu amüsieren. In seinen Augen sind sie bloß Spielzeug und Beute. Sein sarkastischer Humor und seine herablassende Attitüde machen ihn zu einem echten Original unter den Erben Draculas, und Robert Quarry verleiht ihm dabei ein Charisma, das an das der ganz Großen unter den untoten Fürsten der Finsternis heranreicht.
Dass Count Yorga den Untiefen des Exploitation-Films entstiegen war, hat hie und da recht deutliche Spuren hinterlassen. Neben den bereits erwähnten "erotischen" Sequenzen, die nicht groß stören, gibt es da vor allem eine recht unappetitliche, weil völlig unnötige Vergewaltigungsszene. Und außerdem dürfen wir miterleben, wie die halb vampirifizierte Erica, ihre eigene Katze auffrisst. Diese Szene wurde seinerzeit von AIP radikal gekürzt, um einer Einstufung des Films als R oder X zu entgehen. Inzwischen bekommt man sie in ihrer ursprünglichen Länge zu sehen, und ich muss sagen, dass sie für mich einen nicht unwichtigen Beitrag zur Gesamtatmosphäre des Filmes geleistet hat. Ein kleines bisschen Gore passt sehr gut zu dem sarkastisch-zynischen Tonfall von Count Yorga.              

Das ein Jahr später gedrehte Sequel The Return of Count Yorga war seinerzeit zwar ähnlich erfolgreich, reicht für mich jedoch nicht an den Charme des Originals heran.



Rein handwerklich wirkt der Streifen sehr viel professioneller gemacht, und offenbar stand dem Team ein größeres {wenn auch sicher immer noch nicht besonders üppiges} Budget zur Verfügung. Die ersten zwanzig Minuten sind denn auch in der Tat recht gelungen.
Mit irgendwelchen mehr oder minder logischen Erklärungen für Yorgas Wiedererwachen gibt sich der Film gar nicht erst ab, dafür setzt er selbiges ziemlich atmosphärisch in Szene. Während der Abend hereinbricht und die ominösen "Winde von Santa Ana" durch die Büsche und Bäume streifen, spielt der kleine Tommy auf einem verfallenen Friedhof in der Nähe des Waisenhauses, zu dessen Schützlingen er gehört. Plötzlich vernimmt er eine körperlose Stimme, die wispert, es sei "Zeit, zu erwachen". Wenig später beginnen sich die zombiehaften "Bräute" Yorgas, die wir bereits aus dem ersten Teil kennen, an die Oberfläche zu graben. Und während sie in ihren zerlumpten Gewändern durch die Dämmerung auf den verängstigten Jungen zuwanken, taucht auch der Graf persönlich auf, makellos gekleidet wie stets ...
Derweil findet in erwähntem Waisenhaus eine Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Den kostümierten Gästen nach zu urteilen, offenbar eine Halloweenfeier. Kein Wunder, dass man Count Yorga in seinem schwarzen Cape hier zuerst für einen weiteren Gast hält, der sich als Dracula verkleidet hat. Was es dem guten Grafen erlaubt, einige seiner wunderbar trockenen Bemerkungen zu machen: "Where are your fangs?" fragt ihn einer der leicht angetrunkenen Gäste. "Where are your manners?" erwiedert Yorga. Überhaupt darf der zurückgekehrte Untote in dieser Sequenz noch einmal so richtig mit seiner charmanten, sarkastischen, herablassend-amüsierten Attitüde glänzen, wegen derer wir ihn im ersten Teil so liebgewonnen haben.
Leider jedoch dauert es nicht lange, und es wird gar zu deutlich, dass Bob Kelljan und sein Team zwei entscheidende Veränderungen an ihrem alten Konzept vorgenommen haben. Zum einen wollten sie Yorga offenbar etwas menschlicher machen, also muss sich der Graf in Cynthia (Mariette Hartley), eine der Lehrerinnen des Waisenhauses, verlieben. Zum anderen hielten sie es scheinbar für eine gute Idee, der Geschichte einen stärker humoristischen Charakter zu verleihen. Zeichnete sich Count Yorga, Vampire durch einen leisen ironischen Unterton aus, so nimmt das Sequel streckenweise offen komödienhafte Züge an.
Keines von beiden zeitigt sonderlich positive Ergebnisse. Die Liebesgeschichte bildet zwar den Kern des Plots, wirkt jedoch zu keiner Zeit besonders packend oder überzeugend. Und der Humor reicht in den meisten Fällen höchstens für ein müdes Lächeln aus. Wer eine wirklich gute Vampirkomödie sehen will, sollte lieber in Erwägung ziehen, sich wieder einmal Roman Polanskis Fearless Vampire Killers / Tanz der Vampire anzuschauen. Wenigstens zwei gute Szenen gibt es in dieser Hinsicht allerdings schon. So ist es in der Tat recht amüsant, wenn wir zu sehen bekommen, wie sich Count Yorga eine spanische (?) Version der Vampire Lovers im Fernsehen anschaut. {Erst recht, wenn man dabei an eine der "erotischen" Szenen aus dem Original zurückdenkt, in der angedeutet wurde, dass es dem Grafen offenbar Spaß macht, seinen "Bräuten" beim Sex zuzuschauen.} Auch konnte ich mir ein Kichern nicht verkneifen, als der Reverend langsam im Treibsand versinkt, sein Kruzifix in die Höhe haltend und Yorga verfluchend, derweil der Vampir stumm und ohne die Miene zu verziehen, daneben steht. Ich weiß, das klingt nicht witzig, wenn man es erzählt. Man muss die Szene gesehen haben.
Alles in allem ist The Return of Count Yorga immer noch ein unterhaltsamer kleiner Flick, aber eine Ausnahme von der alten Regel, dass kaum ein Sequel an die Qualität des Originals heranreicht, stellt er nicht dar.

Der Doppelerfolg des untoten Grafen überzeugte Arkoff und Nicholson endgültig davon, dass sie ihren Price-Nachfolger gefunden hatten. Wie Quarry in einem Interview mit Cinefantastique einmal erzählt hat:
Vincent didn’t care to work any more at AIP. His contract was up; they were not going to re-option it. They wanted to get rid of him because his salary was going up and up and up, and his last two pictures had not done that well. They didn’t know where the horror thing was going, and I was being brought in. They had somebody new they thought they could build into the horror thing. I was told that I was going to be set up to take Vincent’s place at AIP ... 
Er erhielt einen ähnlichen Exklusivvertrag wie ihn Vincent Price besessen hatte, wenn auch mit einer weit geringeren Gage.

Für kurze Zeit spielte man bei AIP mit dem Gedanken, im Sequel zu The Abominable Dr. Phibes Count Yorga zum Gegenspieler des von Price verkörperten Doktors zu machen. Diese Idee wurde zwar schon bald wieder fallengelassen, dennoch besetzte man den Part des Antagonisten Darrus Biederbeck mit Quarry.
Es gibt zahllose Geschichten über die heftige Rivalität zwischen den beiden, die die Atmosphäre hinter den Kulissen von Dr. Phibes Rises Again (1972) vergiftet habe. Die vielleicht bekannteste Anekdote lautet folgendermaßen: Quarry habe in der Garderobe gesungen und zu Price gesagt: "You didn't know I could sing did you?" Worauf dieser erwiedert habe: "Well I knew you couldn't act". Viele Jahre später würde Quarry zu all dem erklären: "We were put at odds by the bastard Sam Arkoff and his slimy errand boy Deke Hayward". Eine im Großen und Ganzen wohl ziemlich korrekte Einschätzung. Offenbar hatte man Price sehr deutlich zu verstehen gegeben, Quarry solle sein Nachfolger werden, was das Verhältnis zwischen den beiden beinah zwangsläufig vergiften musste. Um noch einmal Quarry zu zitieren:   
An English publicist came up to him and asked, ‘How do you feel about Mr. Quarry coming in as your replacement?’ Vincent told me what had happened; he wasn’t happy about it. It was as if I was a ‘threat’ to his career – to this man with this long, distinguished career that nobody could repalce. After that happened, Vincent was never the same. That made a rift between us.
Quarry würde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mehr als einmal abfällige Bemerkungen über Price von sich geben und dessen Stil als überzogen und "campy" verspotten. Tatsächlich jedoch wusste er den großen Vincent sehr wohl zu schätzen. Wie David Del Valle, der mit beiden Künstlern befreundet war, geschrieben hat: "Bob admired Price both as a movie star as well as a erudite, cultured man in private life." Price empfand ähnlich:
After I explained that Bob was still around, Price shook his head and reflected, “This town can be a Paradise or a Hell, and I have seen it both ways in my career. He should have had a bigger career than he did. Robert was a good character man; he just couldn’t carry a tune.”
Für Madhouse (1974) sollten die beiden noch einmal gemeinsam vor der Kamera stehen, und scheinbar gelang es ihnen diesmal, auf eher kollegiale Weise zusammenarbeiten, auch wenn sich dabei ganz sicher kein ähnlich freundschaftliches Verhältnis entwickelte wie zwischen Quarry und Peter Cushing, der gleichfalls in dem Streifen mitwirkte. Es heißt, Price habe seinen Kollegen darum gebeten, seine Dialoge für ihn zu überarbeiten, nachdem dieser dasselbe für die eigenen getan hatte. Eine Bitte, die Quarry geschmeichelt haben soll, die aber auch darauf hindeutet, dass es sich um eine – milde ausgedrückt – problematische Produktion handelte. Auf die Details will ich jetzt nicht näher eingehen, möchte aber doch betonen, dass Madhouse bei all seinen offensichtlichen Schwächen meiner Ansicht nach besser ist als sein Ruf.



Der Flick leidet ganz offensichtlich unter einem hastig zusammengestoppelten Drehbuch, aber wenn man sich den genrehistorischen Hintergrund vergegenwärtigt, vor dem er entstanden ist, wirkt er ausgesprochen faszinierend. Dann nämlich kann man ihn als eine Art metafiktionalen Kommentar zum damaligen Umbruch im Horrorkino und dem Ende der Karriere von Vincent Price verstehen. Dieser spielt Paul Toombes, einen in die Jahre gekommenen Horrordarsteller der alten Schule, der seinen Ruhm vor allem der Figur des "Dr. Death" verdankt, den er in fünf Filmen verkörperte. Die kurzen Ausschnitte aus diesen Streifen, die wir im Verlaufe von Madhouse immer wieder zu sehen bekommen, stammen aus alten Roger Corman/Vincent Price - Klassikern wie House of Usher (1960), Pit and the Pendulum (1961) und The Haunted Palace (1963). Toombes hatte sich nach der Ermordung seiner Verlobten jahrelang aus dem Filmgeschäft zurückgezogen, doch sein Freund Herbert Flay (Peter Cushing) überredet ihn schließlich zu einem Comeback. Und während sich der Schauspieler mit den Dämonen aus seiner Vergangenheit und dem schleimigen Produzenten Oliver Quayle (Robert Quarry) herumschlagen muss, beginnt eine mysteriöse Gestalt im Kostüm von "Dr. Death" reihenweise Leute in Toombes Umfeld zu ermorden.
Einige Szenen enthalten mehr oder weniger deutliche Bezüge zu den realen Karrieren von Price und Quarry. So etwa soll "Doctor Death" auf Quayles Drängen hin eine Assistentin zur Seite gestellt werden, was Toombes zwar überhaupt nicht gefällt, aber wie eine Anspielung auf Dr. Phibes und Vulnavia wirkt. Oder wir sehen Quayle auf einer Party ein Count Yorga - Kostüm tragen. Aber es sind nicht diese oberflächlichen Winke, die den besonderen Reiz von Madhouse ausmachen. Vielmehr wirkt die Geschichte als Ganzes wie eine Illustration der Akzentverschiebung vom stilvoll-dekadenten Horror der 60er, verkörpert in Toombes und seinen "Dr. Death" - Filmen, hin zum brutaleren und dreckigeren Horror der 70er, verkörpert in den Mordtaten des "realen" "Dr. Death". Zugegebenermaßen lässt sich das bizarre Finale nur schwer mit dieser Interpretation in Einklang bringen. Aber zum einen wäre es wohl verfehlt, von einem offensichtlich hastig und streckenweise inkompetent zusammengeschusterten Film wie Madhouse innere Geschlossenheit zu erwarten. Und zum anderen hat Mr. Jim Moon in in der 34. Episode seines exzellenten Podcasts Hypnobobs sogar für die groteskeren Elemente des Streifens eine Interpretation gefunden, die in das Gesamtschema passen würde: "This kind of strangeness we normally associate with the Italian school. And so in a strange way we can see Madhouse as the missing link between Giallo and the later Slasher genre." (01.14.00)
Jeder, der sich für die Geschichte des Horrorfilms oder für die Karrieren von Vincent Price und Robert Quarry interessiert, sollte sich diesen Film auf jedenfall einmal anschauen.

Die Arbeit für AIP war eine alles andere als angenehme Erfahrung für Robert Quarry. Noch Jahrzehnte später blickte er mit großer Verbitterung auf diese Zeit zurück, die in seinen Augen für das Ende seiner Karriere in Hollywood verantwortlich gewesen war. Mit besonders großem Hass bedachte er dabei Samuel Z. Arkoff, der nach dem Weggang von Nicholson seit 1972 der alleinige Boss des Studios war:
Arkoff, with little regard for building my chances of a real movie career, chose to put it firmly in the toilet with shitty films that exploited my name and little else, which is basically what he did to Vincent as well. 
Nicht viel besser schnitt in seinen Augen Louis M Heyward ab, der Leiter von AIPs europäischer Niederlassung in London. Die Gründe für Quarrys Hass waren in diesem Fall allerdings eher persönlicher Natur, wie David Del Valle in einem Artikel für Films in Review beschrieben hat:
According to Bob it was “Deke“ Hayward who stabbed him in the back by going to some of Bob’s posh English friends during filming and “outing” him to them as well as trying to take them away from Quarry by slandering him in any way possible. When this gossip was related back to Quarry he rightly or not never stopped feeling betrayed by all this bad blood, which probably led to his contract being terminated ...
Bevor es zur Trennung von AIP kam war Quarry allerdings noch gezwungen, Gangsterboss Morgan in dem Blaxploitation-Zombieflick Sugar Hill (1974) zu spielen. Eine Rolle, die eigentlich für einen schwarzen Darsteller geschrieben worden war, und in der er Sprüche wie "Listen Fabulous, I may make an honest nigger out of you yet" von sich geben musste ... Quarrys Kommentar zu dem Flick:
If Sam went out and had his cleaning lady write a movie, it couldn’t have been any worse than this piece of junk they dumped on me. And everything was judged by Mrs. Arkoff, who sat home and ate chocoaltes and read paperbacks all her life.
Doch so sehr man Quarrys Unmut auch nachvollziehen kann, letztlich war es nicht Sam Arkoff, der für das Ende seiner kurzen Horrorkarriere verantwortlich war, auch wenn selbiges durch ihn möglicherweise eine besonders unrühmliche Gestalt erhielt. Im Horror der 60er Jahre hätte Quarry möglicherweise zu einem Star werden können, wenn auch vielleicht nicht zu einem der ganz Großen vom Rang eines Vincent Price, Peter Cushing oder Christopher Lee. Was seiner werdenden Karriere den Boden entzog, war der Wandel im Genre. Eine Entwicklung, auf die Produzenten wie Arkoff keinen Einfluss hatten. Die Filme, in denen er mitwirkte, waren Produkte einer Übergangszeit. Und so bedauernswert es auch ist, dass Quarry nie die Gelegenheit erhielt, sein ohne Zweifel vorhandenes Talent weiter zu entfalten, so folgerichtig wirkt es irgendwie doch auch, dass der Star dieser Filme bloß für die kurze Zeit des Wandels – als das Alte noch nicht ganz gestorben, das Neue noch nicht zu voller Größe herangewachsen war – ein Star sein durfte.


PS: Dem bizarren Count Yorga - Charles Manson - Mix Deathmaster werde ich einen eigenen kurzen Post widmen, mit dem diese Serie dann endgültig abgeschlossen werden soll.

* Jim Moon hat dem oft verspotteten Flick in der zwanzigsten Episode von Hypnobobs eine herzerwärmende Liebeserklärung gemacht.
** Ob das "over-egged" eine Anspielung auf Bösewicht "Egghead" sein sollte, den Vincent Price in der Batman - TV - Serie mit Adam West gespielt hatte? DJ Anderson jedenfalls war das Pseudonym der Schauspielerin Donna Anders, die die weibliche Hauptrolle in Count Yorga spielte.

Sonntag, 19. Januar 2014

Ligeia

Vincent Price war nicht nur der unangefochtene Star der wundervoll atmosphärischen und dekadenten Edgar Allan Poe - Adaptionen, die Roger Corman in den 60er Jahren schuf, wir verdanken ihm auch einige wirklich exzellente Lesungen von Werken des Meisters des Makabren. Und da wir heute Poes zweihundertundvierten Geburtstag feiern können, dachte ich mir, dies sei der richtige Moment, um mit Ligeia ein besonders schönes Beispiel dafür vorzustellen:

Freitag, 25. Oktober 2013

Zum Gedenken an Vincent Price

Heute vor zwanzig Jahren starb mit Vincent Price einer der ganz Großen des Horrorfilms. Von André De Toths House of Wax (1953) und Kurt Neumanns The Fly (1958) über Roger Cormans legendäre Poe-Adaptionen der 60er Jahre bis hin zu The Abominable Dr. Phibes (1971), Dr. Phibes Rises Again (1972) und Theatre of Blood (1973) – jenem großartigen Trio von Filmen, mit dem die Ära des klassischen Horrors ausklang – war er für beinah zwei Jahrzehnte der ungekrönte König des amerikanischen Grusels. 
Wenn man über ihn spricht, fällt dabei unausweichlich irgendwann das Wörtchen "campy", und die es verwenden, wollen damit für gewöhnlich zum Ausdruck bringen, dass Price dank seines oft überzogenen Stils als Schauspieler nicht ganz ernstzunehmen sei. Ein Urteil, dem ich mich ganz und gar nicht anschließen kann. Wer zu einer gerechteren Einschätzung seines Talentes gelangen will, sollte sich unbedingt einmal An Evening of Edgar Allan Poe aus dem Jahre 1972 anschauen:
   

Ich freilich werde mir heute Nacht wieder einmal The Abominable Dr. Phibes zu Gemüte führen. Das ist Camp, aber zugleich einer der stilvollsten und schönsten Horrorfilme, die ich kenne.


Montag, 27. Mai 2013

Doppel-Geburtstag

Nachdem wir gestern des hundertsten Geburtstags von Peter Cushing gedenken konnten, sind heute Christopher Lee und Vincent Price an der Reihe. Denn bizzarerweise erblickten die zwei bekanntesten Vertreter des Horrorfilms der 60er und 70er Jahre beide an einem 27. Mai das Licht der Welt. Mögen Okkultisten und Astrologen aus dieser Tatssache herauslesen, was sie wollen ...

Christopher Lee hat mit dem heutigen Tag das stolze Alter von einundneunzig Jahren erreicht: Herzlichen Glückwunsch!
Vincent Price wäre einhundertundzwei Jahre alt geworden: Wir werden dich nie vergessen!

Zu diesem feierlichen Anlass habe ich mich in die unendlichen Katakomben von Youtube begeben, um ein paar angemessene Clips hervorzukramen. Meine Wahl ist auf die folgenden drei gefallen:

Zuerst einmal trägt Sir Christopher zwei Gedichte aus J.R.R. Tolkiens Fellowship of the Ring vor: Riddle of Strider und Boromir's Riddle. Beide Aufnahmen stammen aus The Lord of the Rings: Complete Songs & Poems des Tolkien Ensembles:



Und dann dürfen wir Vincent Price als Gast der Muppet Show erleben:


Samstag, 9. März 2013

Der Fluch einer verrotteten Ordnung

Als ich hier vor bald drei Monaten Michael Reeves' Witchfinder General (1968) besprach, wollte ich dem eigentlich bald möglichst einen Artikel über Blood on Satan's Claw (1970) folgen lassen. Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden, und bis jetzt habe ich mich nicht wieder in die richtige Stimmung versetzen können, um mir Piers Haggards superben Film noch einmal anzuschauen. Und man glaube mir, der Streifen über die Umtriebe eines Hexenzirkels im ländlichen England des ausgehenden 17. Jahrhunderts ist nichts, was man sich mal so nebenbei angucken sollte. Vergessen ist der damals versprochene zweite Teil von "Horror im Zeitalter von Englands Revolutionen" jedoch nicht.

Als erster Schritt in diese Richtung mag gelten, dass ich mir mit Cry of the Banshee (1970) vor Kurzem einen Film zu Gemüte geführt habe, dessen Name manchmal in Verbindung mit Blood on Satan's Claw und vor allem Witchfinder General genannt wird. Wie in diesen spielen auch in ihm Hexenkult und Hexenverfolgung eine zentrale Rolle, allerdings ist er nicht im 17., sondern im 16. Jahrhundert angesiedelt. Mit Reeves' Film verbinden ihn außerdem Vincent Price und Hilary Heath (Hilary Dwyer). Anders als Blood on Satan's Claw und Witchfinder General wurde er jedoch nicht von Tigon British Film Productions, sondern von AIP produziert, der langjährigen amerikanischen Heimstatt von Price.

Doch bevor wir den Streifen etwas genauer in Augenschein nehmen, erst einmal der faszinierende Vorspann mit Animationen von Terry Gilliam, dessen grotesker Stil, den wir alle so gut aus Monty Python's Flying Circus kennen, hier ein wenig düsterere Formen angenommen hat:



Der Film genießt im Allgemeinen keinen besonders guten Ruf. Doch auch wenn ich viele der gegen ihn vorgebrachten Kritikpunkte nachvollziehen kann, finde ich nicht, dass er es verdient hat, so mies gemacht zu werden, wie dies u.a. auf IMDB geschieht.

Außer für Cry of the Banshee ist Regisseur Gordon Hessler im Horrorgenre vor allem bekannt für The Oblong Box (1969) – einen der legendären Poe-Price-Streifen von AIP – und Scream and Scream Again (1970) – hierzulande unter dem Titel Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse vermarktet, was jedoch bei Weitem nicht das Bizarrste an diesem Flick zu sein scheint, wenn man Jim Moons Besprechung in Episode 34 von Hypnobobs Glauben schenken kann. Daneben drehte er u.a. eine Version von Murders in the Rue Morgue (1971) und den Ray Harryhausen - Streifen The Golden Voyage of Sinbad (1974). Die Meinungen über sein künstlerisches Talent gehen recht weit auseinander. Nach dem, was ich bisher von ihm gesehen habe, würde ich ihn schlicht als kompetent, aber nicht aufsehenerregend einschätzen.
Das stimmungsvolle Flair von Cry of the Banshee haben wir jedenfalls weniger seiner Regie, sondern vor allem der Kameraarbeit von John Coquillon zu verdanken, der sein Talent u.a. bereits in Witchfinder General, The Oblong Box und Robert Fuests Adaption von Wuthering Heights unter Beweis gestellt hatte.
Was die schauspielerischen Leistungen angeht, so überragt Vincent Price recht deutlich die meisten seiner Kollegen und Kolleginnen. Von einzelnen Nebendarstellern abgesehen, bekommen wir jedoch nichts gar zu erbärmliches präsentiert, und zumindest Essy Persson und Hilary Heath/Dwyer beweisen durchaus Talent.
Das Hauptproblem des Filmes besteht ohne Zweifel in seinem Drehbuch. Das ursprüngliche Script von Tim Kelly fand offenbar nicht die Gunst von Gordon Hessler und wurde daraufhin von Christopher Wicking überarbeitet, der auch an The Oblong Box und Scream and Scream Again beteiligt gewesen war. Inwieweit diese etwas verquirrlte Herkunft für die eigenartigen Brüche in Plot und Charakterzeichnung verantwortlich gemacht werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jedenfall zeichnet sich die Geschichte durch einige auffällige Ungereimtheiten aus.

Lord Charles Whitman (Vincent Price) verfolgt in dem seiner Gerichtsbarkeit unterworfenen Bezirk Hexen, Heiden und Häretiker mit ungebremster Gewalt. Obwohl er selbst nicht recht an deren übernatürliche Kräfte zu glauben scheint, sieht er in ihnen doch eine Gefahr für seine tyrannische Herrschaft, untergräbt ihre bloße Existenz doch seine Autorität und die der Kirche. Als sein sadistischer Sohn Sean (Stephan Case) einem Mädchen durch Androhung von Folter und Vergewaltigung das Wissen um den geheimen Treffpunkt des örtlichen Hexenzirkels abgepresst hat, fällt Lord Charles mit seinen Handlangern über die versammelte Gemeinde her, lässt einige von ihnen töten und befiehlt den Überlebenden und ihrer Führerin Oona (Elisabeth Bergner) den Bezirk zu verlassen. Oona verflucht daraufhin den Lord und seine Familie und erfleht von Satan einen übernatürlichen Rächer. Dieser wird tatsächlich geschickt und fährt in den Körper des Dieners Roderick, der nunmehr beginnt, die Whitman-Sippschaft nach und nach ins Jenseits zu befördern, wobei er sich im Augenblick des Mordes jedesmal in ein werwolfartiges Ungeheuer verwandelt.
 
Schon diese äußerst knappe Zusammenfassung lässt das zentrale Problem des Plots erkennen. Warum in Drei-Teufels-Namen verschont Lord Charles den Großteil des Hexenzirkels und vor allem deren Oberhaupt, als er diese in seiner Gewalt hat? Nach allem, was wir in den ersten dreißig Minuten des Films zu sehen bekommen haben, scheint es mehr als unwahrscheinlich, dass Weichherzigkeit zu den Charaktereigenschaften dieses brutalen Despoten gehört. Auch wenn er zuerst nicht an die Macht von Oonas Fluch glauben mag, erscheint es doch reichlich unglaubwürdig, dass er eine Person verschont, die ihm so offen die Stirn zu bieten wagt. Er hat zuvor offenbar schon aus sehr viel geringerem Anlass Menschen foltern und hinrichten lassen. Der einzige Grund, warum er diesmal Milde walten lässt, scheint zu sein, dass der Plot andernfalls nicht funktionieren würde!
Doch wenn wir dieses zentrale Problem (und die Tatsache, dass der Hexensabbat wie eine Mischung aus pseudoantiker Bacchanalie und Hippiefest wirkt) beiseite lassen, besitzt die Geschichte durchaus ihren Reiz.

Schon lange bevor Oona die Waffen der Schwarzen Magie gegen die Whitmans in Stellung bringt, ist von einem Fluch die Rede, der auf der Familie lasten soll. Dazu scheint sehr gut der geistig zerrüttete Zustand von Lord Charles' zweiter Frau, Patricia (Essy Persson), zu passen. Doch wird sehr schnell deutlich, dass für diesen keinerlei übernatürliche Mächte verantwortlich sind, sondern das von krasser Brutalität geprägte Milieu, in dem zu leben sie gezwungen ist. Ihr Ehemann wirft ihr mehr als einmal vor, sie sei zu schwach, um das Leben eines Whitman zu führen, und damit hat er auf seine Art gar nicht so unrecht. Patricia ist offenbar ein viel zu sensibler und weichherziger Mensch, um die ständige Gewalt und das nicht enden wollende Leid zu ertragen, welche sie umgeben. Unter diesem Druck ist ihre Psyche zusammengebrochen.

Die Szene, in der wir sehen, wie Lady Patricia von ihrem eigenen Stiefsohn Sean vergewaltigt wird, wirkt in dieser Hinsicht allerdings überflüssig und damit problematisch. Es bräuchte diesen Akt sexueller Gewalt nicht, um ihren seelischen Zustand zu erklären. Und tatsächlich kommt die Geschichte später nicht noch einmal auf ihn zurück.
Ähnlich wie Hammer versuchte auch AIP zu Beginn der 70er Jahre seine Horrorstreifen mit etwas Sex und expliziterer Gewalt aufzupeppen, was Cry of the Banshee leicht exploitationhafte Züge verleiht. Vor allem in der ersten Hälfte des Films hat man mehr als einmal das Gefühl, die Macher hätten sich gedacht, noch ein Paar nackte Brüste mehr könnte nie schaden. Dabei handelt es sich auffälligerweise ohne Ausnahme um Szenen sexueller Gewalt. Die einzige liebevolle sexuelle Beziehung – zwischen Roderick und Charles' Tochter Maureen (Hilary Dwyer) – ist demgegenüber sehr zurückhaltend inszeniert. Die Kritik, die sich vor allem an diesem Punkt entzündet, wirkt auf mich dennoch häufig etwas undifferenziert. Sicher hätte man auf die Hälfte der entsprechenden Szenen ohne weiteres verzichten können. Doch die (für die Zeit) relativ drastische Darstellung sexueller Gewalt ist meiner Ansicht nach im Kontext der Geschichte durchaus gerechtfertigt. Sie führt uns auf ziemlich beklemmende Weise vor Augen, mit was für einer Art von Gesellschaft wir es hier zu tun haben. Die Whitmans stehen an der Spitze einer von Krone und Kirche eingesegneten Ordnung, in der die Masse der Bevölkerung der Willkür der Herren hilflos ausgeliefert ist und ein sadistischer Bastard wie Sean nach Herzenlust seinen perversen Neigungen nachgehen kann.
Einige der Rezensenten auf IMDB bemängeln, dass Cry of the Banshee kein ironisch zu genießender Camp-Spaß sei wie viele frühere Horrorproduktionen von AIP. Abgesehen davon, dass ich es nicht richtig finde, wenn man Vincent Price und den Horror der 60er Jahre unterschiedslos mit dem Label "Camp" versieht (und damit als nicht ganz ernst zunehmend abtut), halte ich dies vor allem deshalb für eine etwas eigenartige Form von Kritik, da Cry of the Banshees doch ganz offensichtlich kein vergnüglicher Spaß sein will. Viele der Szenen sind bewusst darauf angelegt, Ekel und Abscheu im Betrachter zu erwecken. Und dieses Ziel erreichen sie denke ich alles in allem recht gut.

Um auf den Familienfluch der Whitmans zurückzukommen: Ich sehe in ihm eine Art Metapher für die moralisch verrottete gesellschaftliche Ordnung, an deren Spitze die Adelssippe steht. Deren Autorität basiert ausschließlich auf Terror und Gewalt. Jede Form von nonkonformem Denken und Verhalten wird deshalb als tödliche Bedrohung wahrgenommen und muss ausgerottet werden. Aus der Sicht von Lord Charles ist die blutige Hexenjägerei nicht irrational. Sie wurzelt nicht in religiösem Aberglauben, sondern in der uneingestandenen Erkenntnis, dass seine Herrschaft auf tönernen Füßen steht. Früher oder später wird der Tag der Rache anbrechen, und dann werden alle Whitmans für die Verbrechen ihrer Sippe zahlen müssen, selbst die, die sich individuell nichts haben zu Schulden kommen lassen. Denn, und darin besteht eine der Stärken des Films, nicht alle Whitmans sind sadistische Ungeheuer:
Charles' jüngerer Sohn Harry (Carl Rigg), der in Oxford die Rechte studiert hat, wäre am liebsten nie wieder auf den Familiensitz zurückgekehrt. Das Treiben von Vater und Bruder betrachtet er mit unverhohlenem Abscheu, doch für einen echten Rebellen fehlt es ihm an innerer Kraft, und als Oonas Schwarze Magie ein Familienmitglied nach dem anderen hinwegzuraffen beginnt, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als selbst zum Hexenjäger zu werden. Tochter Maureen ist die vielleicht sympathischste Figur des ganzen Films. Die Willensstärke, die sie von ihrem Vater geerbt hat, äußert sich bei ihr nicht in Tyrannei, sondern in der Fähigkeit, alle gesellschaftlichen und familiären Konventionen zu brechen und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Dass Roderick – der Mann, den sie liebt – nicht ihrem Stand angehört, ist für sie belanglos. Ihre Gefühle sind ihr wichtiger als die herrschende Moral oder der Wille ihre Vaters.
Dennoch fallen auch Harry und Maureen am Ende dem Fluch zum Opfer, was in meinen Augen nur konsequent ist. Schließlich waren auch nicht alle französischen Aristokraten, die während der Revolution unter die Guillotine wanderten, despotische Monster. Sie mussten nicht für ihre eigenen Verbrechen, sondern für die Verbrechen ihrer Klasse zahlen.

Haben wir Oona und ihren Hexenzirkel demnach als die Vertreter der Unterdrückten anzusehen? Ich würde sagen: Ja und nein. Ganz sicher sind sie die unmittelbarsten Opfer von Lord Whitmans Terrorregiment, doch andererseits repräsentieren sie nicht wirklich einen Gegenentwurf zur herrschenden Ordnung. Je mehr Mitglieder der Adelssippe ihrem Rachefeldzug zum Opfer fallen, desto unmenschlicher erscheint auch die Oberhexe. Ihre Freude über den Tod von Lady Patricia, die selbst doch ein Opfer der Gewaltätigkeit ihres Mannes war, wirkt besonders abstoßend. Der Wunsch Oonas nach Rache ist verständlich, seine Umsetzung aber wird uns nicht als etwas präsentiert, was wir vorbehaltslos bejubeln könnten. Dass Roderick als ihr Instrument dazu gezwungen wird, seine eigene Geliebte Maureen zu ermorden, macht dies besonders deutlich, wirkte deren Beziehung bisher doch wie ein einsamer Lichtblick in einer sehr sehr düsteren Welt.
Als die wirklichen Vertreter des einfachen Volkes würde ich den bärtigen Totengräber und das blonde Schankmädchen betrachten. Ersterer ist zynischer Beobachter des blutigen Geschehens, schlägt sich auf keine Seite und versucht vielmehr das Beste für sich selbst herauszuholen. Letztere ist zwar selbst kein Mitglied des Hexenzirkels, zeigt jedoch als einzige echtes Mitleid mit den Verfolgten und verweigert sich selbstbewusst (wenn auch nicht erfolgreich) Seans brutalen Annäherungsversuchen.

Das größte Problem, das ich mit Cry of the Banshees habe, ist, dass der Film die einfachen Dorfbewohner fast ausnahmslos als ebensolche brutalen Bastarde darstellt wie Lord Charles und seine Gefolgsleute. Man möge mich bitte nicht missverstehen: Eine idealisierte Darstellung "des Volkes" wäre mir ebenso unangenehm. Dies sind Menschen, die von einer äußerst harten, brutalen und ungerechten Welt geprägt worden sind, und so halte ich es z.B. für durchaus glaubwürdig, dass sie sich abends in der Schenke mit Liedern über Vergewaltigung und blutige Rache vergnügen. Warum jedoch müssen wir zu sehen bekommen, wie sie Sean bei der versuchten Vergewaltigung des Schankmädchens begeistert anfeuern? Hier verfällt der Film eindeutig in jene damals allmählich in Mode geratende Misanthropie, die unsere Kultur inzwischen leider in hohem Maße prägt.

Wie also fällt mein abschließendes Urteil über Gordon Hesslers Film aus? Verglichen mit Witchfinder General (und erst recht mit Blood on Satan's Claw) ist dies ein deutlich schwächerer Streifen. Dennoch halte ihn für durchaus sehenswert. Viele seiner Motive sind zwar nicht konsequent durchgearbeitet worden und das Drehbuch lässt sogar in Sachen formaler Logik einiges zu wünschen übrig, aber dennoch besitzt dieser Horrorflick genug interessante Elemente, um einen Besuch lohnenswert erscheinen zu lassen. Und das Finale ist wirklich wunderbar bösartig und cool!

Samstag, 19. Januar 2013

Zum Gedenken an Edgar Allan Poe

Moralisten haben immer hilflos vor der Frage gestanden, warum Poes "morbide" Geschichten geschrieben werden mussten. Sie mussten geschrieben werden, weil Altes sterben und sich auflösen muss, weil die alte Psyche allmählich demontiert werden muss, bevor etwas Neues entstehen kann.
Der Mensch muss sogar von sich selbst befreit werden. Und das ist ein schmerzhafter und manchmal ein gespenstischer Prozess.*
So schrieb D.H. Lawrence über den großen amerikanischen Meister des Phantastischen und Makabren. Ich weiß nicht, ob ich mich seinen Ausführungen anschließen würde, aber sie enthalten auf jedenfall einen interessanten Gedanken. 
Einer der Gründe für die bleibende Faszination, die von Poe ausgeht, besteht darin, dass er zu jenen Dichtern gehört, deren Werk sich nicht auf eindeutige Weise aufschlüsseln lässt. Jede neuerliche Begegnung mit seinen Gedichten und Kurzgeschichten – d.h. den besten unter ihnen – stellt uns erneut vor Rätsel, zieht uns mit ihrer Mischung aus Schönheit und Morbidität unausweichlich in ihren Bann, lässt uns nicht zur Ruhe kommen

Zur Feier seines 204. Geburtstags nun das Gedicht The Conqueror Worm, vorgetragen von Vincent Price:


PS: Mr. Jim Moon präsentiert aus gegebenem Anlass eine Zusammenstellung all seiner Podcasts, in denen er sich mit dem Werk Poes und dessen filmischen Adaptionen beschäftigt hat, auf seiner Website Hypnogoria.

* D.H. Lawrence: Edgar Allan Poe. In: Ders.: Überlegungen zum Tod eines Stachelschweins. Essays. S. 217.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Horror im Zeitalter von Englands Revolutionen

Teil 1: Witchfinder General

Während unserer Streifzüge durch die phantastischen Gefilde des britischen Horrors der 60er und 70er Jahre sind wir bisher ausschließlich Filmen der beiden wohl bekanntesten Produktionsfirmen der Ära begegnet: Hammer und Amicus. Doch sie waren nicht die einzigen, die in jener Zeit mit Genre-Werken ihr Geld verdienten, was nicht verwundert, da diese Nische inmitten der krisengeschüttelten englischen Filmindustrie damals noch am ehesten Gewinn abzuwerfen versprach. Zumindest eine dritte Produktionsfirma verdient es, in Erinnerung behalten zu werden: Tigon British Film Productions, gegründet 1966 von Tony Tenser, der zuvor bereits als Produzent von Roman Polanskis ersten englischsprachigen Filmen Repulsion (1965) und Cul-de-sac (1966) fungiert hatte.
Mit einem Großteil der Beiträge Tigons zum phantastischen Kino bin ich selbst nicht vertraut. Ein Zustand, den ich baldmöglichst zu ändern gedenke, klingt manches hier doch recht verführerisch: So ist Curse of the Crimson Altar (1968) nicht nur angeblich eine Art Adaption von Lovecrafts Dreams in the Witch-House, sondern auch Boris Karloffs letzter englischsprachiger Film, bevor er für den knappbemessenen Rest seiner Karriere im spanischen Horror untertauchte. In The Body Stealers (1969) wurde die fliegende Untertasse aus dem zweiten Doctor Who - Film  (Daleks  Invasion Earth [1966]) recycelt. Und The Haunted House of Horror (1969) gilt als einer der frühen Vorläufer des Teen-Slasherfilms der 80er Jahre. Bekannte Namen wie Peter Cushing, Christopher Lee und Ian Ogilvy springen allenthalben ins Auge. Außerdem Robert Flemyng, der unter Genrefans wohl vor allem für seine Titelrolle in Riccardo Fredas L'Orribile segreto del Dr. Hichcock / The Horrible Dr. Hitchcock (1962) bekannt sein dürfte, später aber auch kleinere Parts in Jack Golds sträflich unterschätztem The Medusa Touch (1978), Steven Soderberghs Kafka (1991) und Shadowlands (1993)  Richard Attenboroughs Film über die Liebesbeziehung zwischen C.S. Lewis und Joy Davidman  übernehmen sollte.

Doch welch verborgene Schätze und Kuriositäten in Tigons Sortiment auch noch auf uns warten mögen, heute werden wir uns erst einmal mit den wahrscheinlich bekanntesten Filmen aus Tony Tensers Werkstatt beschäftigen: Michael Reeves' Witchfinder General (1968) und Piers Haggards Blood on Satan's Claw (1970).
Im zweiten Teil der BBC-Dokumentation A History of Horror stellt Mark Gatiss  die beiden neben The Wicker Man (1973) und erklärt das Trio zu den bedeutendsten Vertretern eines kurzlebigen Subgenres, das er "Folk Horror" tauft. Eine interessante, meiner Meinung nach aber nicht ganz geglückte Kombination. Einerseits existieren zwar  in der Tat stilistische und motivische Ähnlichkeiten zwischen Haggards Film und The Wicker Man, doch passt Witchfinder General dabei nicht recht ins Schema. Andererseits berühren sich Reeves' Streifen und Blood on Satan's Claw in ihrem gemeinsamen historischen Setting, was wiederum auf Robin Hardys Geniestreich nicht zutrifft. Was für alle drei gilt ist, dass sie sich deutlich von den Konventionen sowohl der "gotischen" Hammer-Produktionen als auch der Portmanteau-Streifen aus dem Hause Amicus abheben. Damit stellten sie, wie Gatiss ganz richtig bemerkt, u.a. den Versuch dar, dem im Niedergang begriffenen Brit-Horror neues Leben einzuhauchen, womit ihnen jedoch leider kein Erfolg beschieden war.

Witchfinder General und Blood on Satan's Claw spielen beide im 17. Jahrhundert. Ersterer während des Bürgerkriegs genauer gesagt 1645, im Jahr der Schlacht von Naseby , letzterer irgendwann nach der "Glorious Revolution" von 1688/89, in der William von Oranien mit Unterstützung eines Großteils der englischen Elite James II. gestürzt hatte und vom Parlament zum neuen König gemacht worden war.* In der Geschichte Englands war dieses Jahrhundert eine Ära tiefer Umwälzungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – von Ökonomie, Politik und Religion bis hin zu Essgewohnheiten und Kleidermoden. Wie Christopher Hill in seinem Buch The Century of Revolution sehr anschaulich dargelegt hat, vollzog sich in ihm die Geburt des modernen bürgerlichen England mit vielen seiner charakteristischen Züge. Und wie jede Epoche revolutionärer Kämpfe und Konvulsionen war auch diese eine Zeit großer Verunsicherung, in der Institutionen und Wertvorstellungen, die für Jahrhunderte als unantastbar gegolten hatten, quasi über Nacht umgestürzt wurden. Coleridge sprach von der "grand crisis of morals, religion and government". Um bloß das offensichtlichste Beispiel zu nennen: Die Hinrichtung eines Königs von Gottes Gnaden im Januar 1649 bedeutete den blutigen Bruch mit einer uralten politischen und religiösen Tradition. Die Welt schien aus dem Lot geraten, und eine neue gesellschaftliche, moralische und geistige Ordnung musste sich erst allmählich herausbilden und stabilisieren.

Vor diesem Hintergrund haben wir unsere beiden Filme zu betrachten.

Schon die Eröffnungsszene von Witchfinder General macht deutlich, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Horrorstreifen zu tun haben. Inmitten einer idyllisch anmutenden grünen Hügellandschaft mit friedlich grasenden Schafen wird ein Galgen errichtet. Die Dorfbewohner schleppen eine in Todesangst kreischende Frau herbei. Als sie am Fuße des Galgens ohnmächtig zusammenbricht, schüttet man ihr einen Eimer Wasser ins Gesicht. Sie soll ihre Hinrichtung bewusst miterleben. Dazu trägt ein Pastor Passagen aus der Offenbarung des Johannes vor. Der Kontrast zwischen der Schönheit der Landschaft und der Grausamkeit der Menschen wird sich als eines der Leitmotive des Filmes erweisen. Es folgen die Titles vor dem Hintergrund der verfremdeten Gesichter verzweifelter, leidender und gefolterter Frauen. Anschließend vermittelt uns eine Erzählerstimme aus dem Off einen Eindruck vom historischen Kontext, in dem sich die Geschichte abspielen wird: "England is in the grip of bloody civil war ... the structure of law and order has collpased ... local magistrates indulge their individual whims ... justice and injustice are dispensed in more or less equal quantities ... an atmosphere in which the unscrupulous revel".
Im Zentrum der Geschichte steht die historische Gestalt des berüchtigten Hexenjägers Matthew Hopkins, der gemeinsam mit seinem Kompagnon John Stearne für die blutigsten Hexenverfolgungen der englischen Geschichte verantwortlich war, in deren Verlauf zwischen 1644 und 1646 schätzungsweise 300 Menschen (in der überwältigenden Mehrzahl Frauen) dem Henker überantwortet wurden. Hopkins und Stearne betrieben ihr mörderisches und einträgliches Handwerk vor allem in Suffolk, Essex und Norfolk, d.h. in einer Region, die sich fest unter parlamentarischer Kontrolle befand. Dennoch wäre es falsch, wollte man in ihnen Vertreter jener Kräfte sehen, auf denen die revolutionäre Bewegung basierte. Hopkins Behauptung, das Parlament habe ihn zum "Witchfinder General" ernannt, war frei erfunden, und in historischer Perpektive gesehen war es gerade die Puritanische Revolution, die das Ende der Hexenverfolgungen einleitete. Um Christopher Hills Cromwell-Biographie God's Englishman zu zitieren:
The second wife of Oliver's grandfather, Sir Henry Cromwell, was alledged to have been killed by witchcraft, and in 1593 a woman was hanged for the crime. Sir Henry endowed a sermon against witchcraft, to be preached at Huntingdon [Cromwells Heimatort] annually for all time. Oliver must have heard many such sermons. In 1646 a witch was executed at Huntingdon. Yet the occupation of  Scotland by English troops under Cromwell's command led to a virtual cessation of witch persecution there. In England the burning of witches was coming to an end, and educated men were ceasing to believe in their existence. The last execution of a witch in England took place in 1685, the last known trial in 1717.**

Begrüßenswerterweise stellt auch Reeves' Film die Hexenverfolgungen nicht als Produkt der Revolution, sondern der allgemeinen Zerrüttung der Gesellschaft dar. Der Protagonist Richard Marshall ist selbst ein "Roundhead", d.h. ein Soldat in der New Model Army, und Cromwell, der einen Kurzauftritt hat, wirkt sogar recht sympathisch. Wir erleben, wie er nach gewonnener Schlacht in kameradschaftlicher Atmosphäre zusammen mit seinen Offizieren ein zünftiges Mahl genießt, was der realen Persönlichkeit des künftigen Lordprotectors tatsächlich eher entsprechen dürfte, als das verbreitte Klischee vom fanatischen Puritaner mit Leichenbittermiene.  


Die eigentliche Erzählung folgt den Konventionen einer klassischen Rachegeschichte, die jedoch am Ende eine unerwartete Wendung nimmt. Während eines kurzen Urlaubs von der Truppe reitet Richard (Ian Ogilvy) zurück in sein Heimatdorf Brandeston und besucht dort Pastor John Lowes (Rupert Davies), den Vater seiner Verlobten Sarah (Hilary Dwyer). Lowes, der der parlamentarischen Partei kritisch gegenübersteht, nimmt ihm das Versprechen ab, seine Tochter so bald wie möglich von hier fortzubringen, dann dürfe er sie heiraten. Im Dorf nämlich beginnt man zu munkeln, er sei ein heimlicher Papist und Royalist, und der Pastor hat das Gefühl, dies werde bald eine böse Wendung nehmen. Richard jedoch muss zuerst einmal zurück zu seinem Regiment. Beinahe zur selben Zeit treffen Matthew Hopkins (Vincent Price) und John Stearne (Robert Russell) in Brandeston ein. Lowe wird als vermeintlicher Hexer verhaftet und ersten Folterungen unterworfen. Sarah versucht ihren Vater zu retten, indem sie Hopkins zu verstehen gibt, sie sei bereit,mit ihm zu schlafen. Ein Angebot, auf das der "fromme" Hexenjäger bereitwillig eingeht. Lowe wird vorerst verschont, doch als Stearne die momentane Abwesenheit seines "Meisters" ausnutzt und Sarah vergewaltigt, verliert dieser jedes Interesse an dem Mädchen und lässt ihren Vater und zwei weitere "Hexen" hinrichten. Als Richard zurückkommt und von der verzweifelten Sarah erfährt, was man ihr und ihrem Vater angetan hat, "heiratet" er sie in einem improvisierten Zeremoniell und schwört gleichzeitig, Rache zu nehmen an Hopkins und seinem Kumpanen. Sarah zieht auf sein Betreiben hin nach Lavenham. Unglücklicherweise begibt sich auch der Hexenjäger an diesen Ort, um dort seinem grausigen Geschäft nachzugehen. Richard derweil macht sich nach dem Sieg der New Model Army bei Naseby gemeinsam mit zwei Kameraden auf die Jagd nach Hopkins und gelangt dabei gleichfalls nach Lavenham. Stearne versucht Hopkins zur Flucht vor dem zu allem bereiten Rächer zu überreden, doch dieser erwiedert eiskalt: "You're forgetting our powers... he could be a witch." Und so werden Richard und Sarah als "Hexen" verhaftet. Während Hopkins dem jungen Soldaten ein "Geständnis" abzupressen versucht, indem er ihn die Folterung seiner Geliebten miterleben lässt, gelingt es diesem, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Er stürzt sich auf den Hexenjäger. Als kurz darauf seine Kameraden in das Verlies eindringen, bietet sich ihnen ein grausiger Anblick. Richard hackt wie wahnsinnig mit einer Axt auf den halbtoten Hopkins ein. Als einer der Soldaten dem Hexenjäger den Gnadenschuss verpasst, heult Richard auf: "You took him from me... You took him from me... You took him from me..." Und Sarah bricht in irre, verzweifelte Schreie aus, mit denen der Film endet.

Michael Reeves war ohne Zweifel ein talentierter junger Regisseur, der möglicherweise einer der Meister des Genres hätte werden können, wäre er nicht bald nach Fertigstellung von Witchfinder General im Alter von 25 Jahren an einer Überdosis Barbiturate gestorben. Seine Karriere hatte er als Regieassistent seines Idols Don Siegel begonnen, um 1966 in Italien seinen ersten Film – La Sorella di Satana aka The She Beast aka Revenge of the Blood Beast  – mit Horror-Ikone Barbara Steele zu drehen. Aus eigener Anschauung kann ich über diesen Streifen nichts sagen, aber sein nächtes Werk der für Tigon produzierte Film The Sorcerers (1967)  zeigt bereits sehr deutlich, dass er und Drehbuchautor Tom Baker ein Händchen für unkonventionelle und intelligente Genrefilme hatten. Die unglückliche Konfrontation zwischen jugendlichem Ennui, Gier nach Leben und Verbitterung des Alters inmitten der Welt der Swinging Sixties verdient es nicht nur wegen Boris Karloff, Catherine Lacey und Ian Ogilvy gesehen zu werden.

Wäre es Reeves möglich gewesen, seine künstlerische Vision ohne Einschränkungen umzusetzen, so wäre Witchfinder General vielleicht wirklich das Juwel des Brit-Horrors geworden, welches viele heute in ihm sehen wollen. Doch leider war dem nicht so. Dafür gab es mehrere Gründe.
Zuerst einmal war Witchfinder General eine Koproduktion von Tigon und American International Pictures. Und während Reeves für die Rolle des Matthew Hopkins ursprünglich Donald Pleasance vorgesehen hatte, bestand AIP darauf, dass ihr hauseigener Horrorstar Vincent Price den Hexenjäger spielen sollte. Letztenendes erwies sich dies als gar nicht so schlecht, doch der Weg dorthin war äußerst dornig. Es gibt zahllose Geschichten darüber, wie sich Steeves und Price am Set gegenseitig anfeindeten. Der große Vincent drückte es so aus:
Michael Reeves didn’t really know how to deal with actors. He really got all our backs up. He’d come to you and say the one thing you shouldn’t tell an actor that gives him no security at all. We didn’t get on at all. He would stop me and say, ‘Don’t move your head like that.’ And I would say, ‘Like what? What do you mean?’ and he’d say, ‘There – you’re doing it again. Don’t do that.’ He was only twenty-four years old when he did that film. He had only done two others. He didn’t know how to talk to actors. He hadn’t the experience, or talked to enough of them, to know how. All the actors on the picture had a very bad time.
Ian Ogilvy, der seit den Tagen ihrer gemeinsamen Amateurfilme an allen von Reeves' Projekten beteiligt gewesen war, bestätigt, dass es dem Regisseur schwer fiel, Schauspielern seine Ideen zu vermitteln und sie anzuleiten:
I was always the hero, and he was always threatening to fire me and get somebody else. I would say ‘Okay,’ and he would always come back to me, because he liked working with people he knew. He didn’t like directing actors at all. He used to say, ‘Cast it right, and that will do.’ So he really liked getting on with making the movie. If he found an actor he could leave alone, he would use them over and over again. I was just the one he used again.
Es ist verständlich, warum Reeves nicht glücklich darüber war, mit Vincent Price arbeiten zu müssen. Das wirklich gruselige an der Figur des Matthew Hopkins ist das kleinliche, dreckige und banale seiner Bösartigkeit.  Er ist keiner jener Schurken mit Stil und Flair, die Price so oft mit Bravour gespielt hatte. Sein oft übertrieben theatralischer und leicht ironischer Habitus wäre hier gänzlich Fehl am Platze gewesen.
Hopkins gibt zwar vor, "das Werk des Herrn" zu vollbringen, aber im Grunde spricht nichts dafür, dass er selbst an Hexerei und Teufelswerk glaubt. Sein Kumpan Stearne versucht gar nicht erst, den Eindruck zu erwecken, als verfolge er neben Sadismus, Saufen und Sex noch irgendwelche anderen Interessen. Im Vergleich dazu bemüht Hopkins sich zwar, nach außen hin das Image des gestrengen und gesetzestreuen Hexenjägers aufrecht zu erhalten. Nichtsdestoweniger geht es auch ihm offensichtlich nur um das Einsacken stattlicher Belohnungen und das Missbrauchen wehrloser Frauen. Der bekannte Filmkritiker Robin Wood hat das Paar einmal als eine grausige Parodie auf Don Qixote und Sancho Pansa beschrieben: "Hopkins with his head in the clouds, convinced he is doing God’s work; Stern with his feet on the ground, doing what he does because he does it well and gets paid for it." Dem kann ich mich nicht recht anschließen. Hopkins spielt den "Don Qixote", auch gegenüber Stearne, aber in Wirklichkeit ist er nicht der Fanatiker, der auf perverse Weise idealistische Großinquisitor. Im Herzen ist er genauso ein mieses kleines Dreckschwein wie sein Helfer. Das faszinierende an ihrer Beziehung besteht darin, dass Stearne seinen "Meister" längst durchschaut hat und ihn dies auch immer wieder spüren lässt. Zwischen den beiden herrscht eine permanente Spannung, genährt von gegenseitiger Verachtung. Hopkins  freilich ist der intelligentere und kaltblütigere der beiden, was ihm auf Dauer die Oberhand sichert.
Man kann sich Donald Pleasance sehr gut in der Rolle des Matthew Hopkins vorstellen. Er hätte das heuchlerische und widerwärtige dieser Figur sicher sehr gut herausgearbeitet. Doch erstaunlicherweise ist es gerade Vincent Price, dessen Spiel den vielleicht bedeutendsten Beitrag zur Qualität von Witchfinder General leistet. Trotz ihrer "Kommunikationsprobleme" gelang es Mike Reeves schließlich , seinen ungeliebten Hauptdarsteller in die gewünschte Richtung zu treiben. Price realisierte dies erst im Nachhinein:
Afterwards, I realized what he wanted was a low-key, very laid-back, menacing performance. He did get it, but I was fighting with him almost every step of the way. Had I known what he wanted, I could have cooperated. I think it’s one of the best performances I’ve ever given.
Man kann dem guten Vincent da eigentlich bloß beipflichten. Und die Tatsache, dass es Price ist, der den Hexenjäger auf so großartige Weise spielt, verleiht dem Ganzen noch eine zusätzliche Nuance. Denn so zurückhaltend er auch agiert, es bleibt dennoch etwas von dem ihm eigenen würdevollen Stil erhalten, bloß wissen wir, dass es sich in diesem Fall nur um eine Fassade handelt, hinter der sich die primitiven Gelüste des wahren Matthew Hopkins verbergen.

Wenn AIPs Einmischung – unabhängig von den Beweggründen der amerikanischen Finanziers – zu letztlich positiven Resultaten  führte, lässt sich selbiges nicht über die anderen beiden Stolpersteine sagen, mit denen sich Reevs herumärgern musste: Dem geringen Budget (83.000  £) und der Zensur.
Der wichtigste Grund, warum Witchfinder General nicht der Film geworden ist, der er hätte werden können, besteht meiner Meinung nach darin, dass es ihm nicht gelingt, die allgemeine Atmosphäre von Gewalt, Angst und Unsicherheit plastisch darzustellen, aus der das Grauen der Hexenverfolgungen entsprang. Von den Folterungen und Hinrichtungen abgesehen, ist der Streifen erstaunlich unblutig. Einen Teil der Verantwortung dafür muss den Zensoren zugesprochen werden. Reeves und Baker hatten erleben müssen, wie ihre ersten zwei Scripte von staatlicher Stelle als "pervers" und "sadistisch" zurückgewiesen wurden. Und selbst der schließlich fertiggestellte Film wurde noch mit der Schere malträtiert. Doch so ärgerlich dies auch ist, als verheerender erwies sich letztlich das Geldproblem. Entscheidend ist dabei vor allem, dass eine Sequenz gestrichen wurde, die die Schlacht von Naseby dargestellt hätte. Der geköpfte Soldat wäre dabei zwar ohnehin der Zensur zum Opfer gefallen, doch auch ohne solch drastische Bilder, hätte man auf diese Weise einen Eindruck davon vermitteln können, was jener "blutige Bürgerkrieg", von dem zu Beginn die Rede war, für die Engländer jener Zeit wirklich bedeutete. So bekommen wir nicht mehr zu sehen als eine Handvoll Soldaten im Grünen und die Requirierung einiger Pferde, was nicht ausreicht, um den blutigen Hexenwahn in seinem historischen Kontext zu verankern.

Dennoch bleibt Witchfinder General ein wirklich sehenswerter Film, nicht nur wegen Vincent Price, sondern auch, weil er die gerade heutzutage so beliebte Rachestory kritisch unterläuft, indem er den zu Beginn so "edel" anmutenden Rächer am Ende zu einem blutgierigen und sadistischen Monstrum macht. Niemand wird Genugtuung empfinden, wenn er oder sie miterleben muss, wie Richard Marshall immer wieder auf den am Boden liegenden, wehrlosen Hopkins einhackt.


* Hier und da liest man zwar, auch dieser Film spiele in den 1640er Jahren, doch bringt der Richter einen ironischen Trinkspruch auf  "Seine Katholische Majestät" James III. aus, auf dass er "für immer im Exil bleibe", was eindeutig belegt, dass die Handlung nach dem Sturz von James II. spielt, als dessen Sohn im französischen Exil zum jakobitischen Thronprätendenten ausgerufen worden war.
** Christopher Hill: God's Englishman. Oliver Cromwell and the English Revolution. S. 258.