"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Montag, 31. August 2026

The Tritonian Ring

Als Liebhaber der Sword & Sorcery ist man ja beinah dazu verpflichtet, eine eher negative Meinung über L. Sprague de Camp zu haben. Sei es sein respektloser Umgang mit Robert E. Howards literarischem Nachlass (das Umschreiben historischer Abenteuer in Conan - Stories für Gnome Books in den 50ern), seine "Überarbeitungen" der Conan - Geschichten für ihre Neuveröffentlichung bei Lancer Books ab 1966, die Verwandlung des Cimmeriers in eine lukrative "Marke" unter seiner Kontrolle in den 70ern, der platte Freudianismus seiner Howard - Biographie Dark Valley Destiny (1983) -- es gibt wahrlich genug Gründe für den üblen Ruf, den er heutzutage in weiten Teilen der Szene genießt. Auch wenn dabei berechtigte Kritik sicher öfters mal in undifferenzierte Verdammung umschlägt.
 
Manch ein Fan zählt vermutlich auch die zahllosen Conan-Pastiches, die de Camp von 1967 bis 1980 gemeinsam mit Lin Carter zu Papier brachte, zu den "Sünden" des guten Mannes. Dazu habe ich keine persönliche Meinung, da ich kein einziges der Bücher gelesen habe. Sehr viel interessanter finde ich ohnehin seinen ersten eigenen originären Beitrag zum Genre, den Pusadian - Zyklus. 
 
Wie man diesem Beitrag von Gary Romeo auf dem Blog spraguedecampfan entnehmen kann, war es Fletcher Pratt, der L. Sprague de Camp 1950 mit Conan the Conqueror, der bei Gnome Books erschienenen Version von The Hour of the Dragon, bekannt machte. Anders als sein Autorenkumpel war de Camp sofort Feuer und Flamme:
Pratt thought little of Conan the Conqueror, holding it weak on internal logic. But when I began it, I was so fascinated as to be, you might say, struck all of a heap. I hunted up all the Howard stories I could find. With my head full of prehistoric adventure fantasy. in November 1950 I started a Bronze Age fantasy of my own ...
Der Arbeitstitel war The Gorgon God und offenbar brauchte es einige Anläufe, bis de Camp den Roman schließlich bei Wings Publishing unterbringen konnte. Dort erschien er im Winter 1951 in der vierten Ausgabe von Two Complete Science-Adventure Books als The Tritonian Ring. Kombiniert mit H.G. Wells' Klassiker The Time Machine. Einige Jahre später erwarb Twayne die Rechte für eine Buchversion und 1953 kam der Roman erneut auf den Markt, diesmal zusammen mit drei kürzeren Pusadian - Erzählungen (The Stronger SpellThe Owl and the Ape The Eye of Tandyla), die in der Zwischenzeit in verschiedenen Magazinen veröffentlicht worden waren.
 

Ich würde ganz sicher nicht so weit gehen, The Tritonian Ring als einen vergessenen Klassiker der Sword & Sorcery zu bezeichnen. Aber meiner Ansicht nach gebührt ihm durchaus ein respektabler Platz in den Annalen des Genres. Und er hätte es verdient, "wiederentdeckt" zu werden, falls das nötig sein sollte.
 
L. Sprague de Camp gelang es zur selben Zeit über Donald Wollheim Kontakt zu Oscar Friend, dem Chef von Gnome Books, aufzunehmen. Ab 1952 "überarbeitete" er dort eine ganze Reihe von Howard-Stories für die Veröffentlichung und verfasste Einleitungen zu vier Conan-Bänden. Glaubt man Friend, so versuchte de Camp wohl schon zu dieser Zeit, die Kontrolle über den Cimmerier an sich zu reißen. Am 14. März 1954 schrieb der Verleger jedenfalls in einem Brief an P.M. Kuykendall, in dessen Besitz sich die Rechte an Robert E. Howards literarischem Nachlass befanden:   
There is one smart writer now who has been doing some work for us in rewriting several Howard stories, and he keeps pressing for a larger cut and keeps slipping in side remarks to the effect that if he wants to he can and will go ahead on his own and write about Conan as the author is dead, etc., etc. And I’ve warned him that I’ll sue the pants off him if he makes one silly move of this nature before the CONAN material runs out of copyright (56 years). (1)
Vor diesem Hintergrund erstaunt es um so mehr, dass The Tritonian Ring keineswegs eine Art simples Howard-Pastiche darstellt. 
 
In seiner Rezension von Conan the Conqueror, die in der Aprilnummer 1951 von Astounding Science Fiction erschien, kritisierte de Camp Howard vor allem für "a tendency carelessly to throw his imaginary world together anyhow, so that the poor carpentry shows". 
In seinen eigenen Werken "korrigierte" er gerne die "Fehler", die er bei anderen Autoren auszumachen glaubte. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl sein Zeitreiseroman Lest Darkness Fall (1939), den er in Reaktion auf Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court verfasste. Ebenso ist die bronzezeitliche Welt von The Tritonian Ring als Gegenentwurf zum bunten Wirrwar des Hyborian Age zu sehen. Alle dargestellten Kulturen befinden sich annähernd auf dem gleichen zivilisatorischen Entwicklungsniveau. Unterschiede erklären sich in erster Linie aus geographischen Begebenheiten oder dem (mangelnden) Zugriff auf bestimmte Rohstoffe. Und anders als bei Howard gibt es keine offensichtlichen Analoge zu realhistorischen Völkern, es sei denn, man wäre geneigt, einige rassistische Klischees wie die blutgierigen, kamelreitenden Wüstennomaden oder die schwarzen Kannibalen zu dieser Kategorie zu zählen. In einer Vorbemerkung zur 1971 erschienen Neuauflage des Romans betont de Camp zwar, die Geschichte habe "nothing to do with my serious opinions on such subjects as lost continents, human prehistory, and the origins of civilization", aber hier und da ist doch etwas von seinem Interesse an realen frühen Kulturen und ihrer Technologie zu spüren.
All das macht die Welt von The Tritonian Ring sicher etwas in sich konsistenter. Und für einen Kritiker wie Damon Knight bestand darin auch eine der hervorstechenden Qualitäten des Romans:
De Camp himself is a Howard enthusiast of long standing; still, Howard’s dream-stuff must have irritated him occasionally for its stubborn refusal to take into account that a sword must be forged, that a king must have subjects, and in short that men are not made of gingerbread nor cities of spun sugar.
De Camp's love for swordplay and pageantry has never blinded him to any of these facts, as people lucky enough to have read Divide and Rule or The Stolen Dormouse know without being told. For those who haven't, one example will do: Howard handed his barbarian hero a steel blade, without worrying about where it came from. De Camp, considering that steel would be as anachronistic as a wristwatch, hands his a bronze-bladed sword -- and shows him carefully straightening out the dents in it after each encounter. (2) 
In seinem 1956 erschienen Essayband In Search of Wonder wiederholt er diese Einschätzung, wenn er schreibt: "Howard's tales lack the de Camp verisimilitude -- Howard never tried, or never tried intelligently, to give his preposterous saga the ring of truth".
Es fällt nicht schwer, zu verstehen, warum Damon Knight in diesem vermeintlich größeren "Realismus" den Hauptvorzug von The Tritonian Ring zu erkennen glaubte. Der Kritiker und Ex-Futurian war Vertreter und Verfechter einer sich selbst als "rationalistisch" verstehenden Science Fiction. Mit Fantasy konnte er ganz allgemein wenig anfangen und hielt das Genre im Grunde für den Ausdruck einer kranken Psyche: "All the great fantasies, I suppose, have been written by emotionaly crippled men." (3) De Camps Worldbuilding in The Tritonian Ring schien ihm dagegen Ausdruck eines rationaleren Geistes zu sein und rückte die Erzählung damit zumindest etwas näher an sein eigenes Ideal heran. 
Mir hingegen erschien dieser Aspekt bei der Lektüre eher nebensächlich. Was Damon Knight in seiner Rezension schreibt, erinnert ein wenig an Teile von Poul Andersons Essay On Thud and Blunder, der 1978 im dritten Band von Andrew Offutts Anthologien-Reihe Swords Against Darkness erschienen ist. Und im Grunde halte ich viel von Andersons Forderung, dass sich Heroic Fantasy - Autor*innen mehr Gedanken darüber machen sollten, wie die Gesellschaft, in der ihre Geschichten spielen, funktioniert und wie das Alltagsleben in ihr aussehen würde. Aber genau das macht de Camp in The Tritonian Ring eigentlich nicht. Und seine Welt wirkt auf mich auch nicht "realistischer" oder "glaubwürdiger" als etwa das Hyborian Age. Allein schon deshalb, weil dem der Ton entgegensteht, in dem der Roman geschrieben ist. 
Schaut man sich ein bisschen unter den Rezensionen um, die 1954 nach der Buchveröffentlichung erschienen,  liest man da viel von "swashbuckling cloak-and-dagger swordplay" (4) oder "swashbuckling fun with a touch of bawdiness" (5). Falsch ist das zwar nicht, aber es wundert mich doch ein wenig, dass dabei nirgends der ironische Unterton erwähnt wird, der sich durch das gesamte Buch zieht, und der zumindest für mich The Tritonian Ring zu einer so vergnüglichen Lektüre gemacht hat. Nicht dass das Buch eine offene Parodie auf Howard oder die gesamte Sword & Sorcery der ersten Generation wäre. Aber es ist doch ganz offensichtlich mit einem amüsierten Schmunzeln geschrieben worden.
 
Schon die Eröffnungsszene setzt den Ton für den Rest der Erzählung. Wir werden Zeugen einer Götterversammlung. Den Unsterblichen droht eine fürchterliche Gefahr, deren genaue Natur zwar auch ihnen verschlossen ist, die aber irgendwie mit dem Prinzen Vakar von Lorsk zusammenhängt. Also beschließen sie, ein besonders kriegswütiges Volk, die "Gorgonen", zu einem Eroberungsfeldzug gegen den Kontinent Poseidonis (oder Pusard) anzustacheln, auf dem sich auch Lorsk befindet. 
 
Sieht man in The Tritonian Ring eine Art Antwort auf Howards Conan-Geschichten, dann fällt zuerst einmal auf, dass ein solches Szenario dort unvorstellbar gewesen wäre. Götter tauchen bei Howard nicht als handelnde Figuren auf. Und der Cimmerier selbst vertritt eine erklärt skeptische Sicht, wenn es um derartige Fragen geht. ("I have known many gods. He who denies them is as blind as he who trusts them too deeply." [Queen of the Black Coast]). De Camp nimmt hier eher Bezug auf antike Heldenepen wie Homers Odyssee oder Vergils Aeneis. Allerdings schildert er dabei die Götter auf eine Art, die es uns unmöglich macht, sie (und damit den ganzen mythischen Unterbau der Handlung) hundertprozentig ernst zu nehmen. So etwa, wenn er schreibt:
"We might pray to our gods for guidance," said the small bat-eared god of the Coranians, whereupon all the gods laughed, being hardened skeptics. 
Manchmal ist es nicht mehr als ein scheinbar achtlos hingeworfener Nebensatz, mit dem de Camp diese ironische Wirkung erzielt. So etwa, wenn sich die Erzählung zum ersten Mal unserem Helden Vakar zuwendet und die Beschreibung des Königspalastes von Lorsk in einer stürmischen Frühlingsnacht mit der Bemerkung endet: "Outside in the castle courtyard the pigs huddled together to keep warm." Man könnte das zwar als Teil des vermeintlichen "Realismus" auffassen, doch zugleich wird der Szene damit etwas von ihrer genreüblichen Gravitas genommen. 
 
Während Gerüchte über eine bevorstehende Invasion der Gorgonen den König erreichen, führen die divinatorischen Rituale des Hofmagiers Ryn und der Hexe Gra zu einem überraschenden Ergebnis: "Send Prince Vakar to seek the thing the gods most fear." Und so beginnt das Abenteuer.
 
Floyd C. Gale, regelmäßiger Rezensent von Galaxy Science Fiction, schrieb einmal "de Camp did a remarkable job when he tossed his inhibitions to the wind and out-Conaned Conan in his own Tritonian Ring". (6) Ein Kommentar, der sich natürlich auch daraus erklärt, dass Sword & Sorcery für die meisten damals identisch mit Conan war, der aber dennoch etwas irreführend ist. Denn Vakar ist alles andere als ein Clonan. Ebensowenig ist er der "Gallant Prince", als den ihn Robert Frazier in seiner Rezension für Fantastic Universe beschrieben hat. Im Grunde ist er überhaupt keine sonderlich "heroische" Gestalt. Was die Figur zu einem der interessantesten Bestandteile des Romans macht. 
Bei seinem ersten Auftritt beschreibt de Camp seine Erscheinung als "a bit vacuous (for age and experience had not yet stamped his features with character) and a bit foppish." Als designierter Thronerbe eines Königreiches ist Vakar zu Beginn der Handlung etwas verwöhnt und versnobt. So ärgert er sich zum Beispiel gehörig, dass er auf seine Queste, die er in aller Heimlichkeit antreten soll, weder seine schmucke Prunkrüstung noch einen ganzen Tross von Bediensteten mitnehmen kann. Sein einziger Begleiter ist sein leidgeprüfter Leibsklave Fual. Kaum haben die beiden die Hauptstadt hinter sich gelassen, wird Vakar auch schon vom erstbesten Schankwirt übers Ohr gehauen, weil er nicht die geringste Vorstellung davon hat, wieviel man für eine Übernachtung und ein Abendmahl normalerweise bezahlt. Im Laufe seiner abenteuerlichen Reisen kommt es zwar zu einem gewissen Reifungsprozess. Nachdem er selbst eine Auspeitschung hat über sich ergehen lassen müssen, kommt ihm zum Beispiel der Gedanke, dass er in Zukunft vielleicht darauf verzichten sollte, den armen Fual bei jedem noch so kleinsten Vergehen zu verprügeln. Doch alles in allem bleibt er für einen Heroic Fantasy - Protagonisten bis zum Schluss angenehm "durchschnittlich". Aber eben auch etwas aristokratischer Schnösel.
Vor allem ist Vakar kein großer Krieger, auch wenn er sich in den meisten Kämpfen, in die er während seines Abenteuers verwickelt wird, durchaus zu behaupten versteht. Während der ersten großen Rauferei wird beschrieben, dass er sich "caterpillar-like" über das Schiffsdeck bewege. Ein hübsches Beispiel für de Camps Stil, denn dabei sollen wir sicher an die "panthergleiche Geschmeidigkeit" denken, mit der Helden wie Conan für gewöhnlich ihre Kämpfe bestreiten. 
Vakar hat auch überhaupt nicht die Ambition, ein großer Heroe zu werden. Immer wieder beklagt er sich darüber, dass er seine Zeit viel lieber damit verbringen würde, seine Nase in irgendwelche Bücher zu stecken oder den Lehren der Philosophen zu lauschen. Für den Spross eines Königreiches, das allgemein für seine Krieger und Athleten berühmt ist, ist Vakar außergewöhnlich gebildet ("[he] could read over a thousand pictographs") und hat die Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit alliterierende Verse aus irgendwelchen Epen zu zitieren. Noch ganz am Ende seiner Queste sagt er zu seiner Angebeteten Königin Porfiria:
I am neither hero nor adventurer, but a quiet bookish fellow who would like to settle down in Sederado and study philosophy. In all these fights and flights I have never known that mad joy of battle of which the epics speak. Before the combat I am frightened, during it I am confused, and after it I am weary and disgusted. 
Vakars eher unheroischer Charakter spiegelt sich auch in der Beziehung wieder, die sich zwischen ihm und Porfiria entwickelt. Ja, sie ist das typische "Love Interest" für unseren Helden und nicht viel mehr (über weite Teile der Handlung verschwindet sie sogar ganz). Aber sie verliebt sich nicht deshalb in ihn, weil er so "männlich", stark und heldenhaft wäre, sondern einfach weil sie ihn nett und sympathisch findet. Ganz zu Beginn der Erzählung beschreibt sie Vakar, dem sie zehn Jahre zuvor schon einmal begegnet ist, ihrem Chefratgeber gegenüber so: 
Though no great beauty or mighty athlete, there was something about him -- an irreverent wit, a soaring fancy, a keenness of insight, unlike most of his lumpish compatriots
Und als sie sich dann wiederbegegnen ist das erste, worauf sie ihn anspricht, ein Tanzwettbewerb, den die beiden damals gemeinsam gewonnen hatten.
 
Freilich möchte ich nicht die Illusion aufkommen lassen, dass The Tritonian Ring in Bezug auf Geschlechterklischees oder die Darstellung von Sex außergewöhnlich fortschrittlich wäre. Porfiria wird zwar als selbstständig und klug dargestellt, und de Camp macht sie nie zur Damsel-in-distress, die von Vakar gerettet werden müsste. Doch andererseits reißt sie sich beim abendlichen Festgelage nach ein paar Gläsern Wein die Kleider vom Leib und legt einen nackten Tanz zu Ehren der Mondgöttin hin. 
De Camp hat eine Vorliebe für kleine Anzüglichkeiten und einige der sexy Abenteuer, die Vakar auf seiner Queste erlebt, werden einem vielleicht einen irritierten Stoßseufzer entlocken. Andere fand ich hingegen durchaus amüsant. So wenn sich eine aufreizend-halbnackte Tänzerin unserem Helden umgehend an den Hals wirft, nur um sich wenige Augenblicke später in einen Zombie zu verwandeln, der als bloße Ablenkung zu ihm in sein Schlafgemach geschickt wurde. Das scheint mir dann doch klar als eine Parodie auf das Klischee des "unwiderstehlich-männlichen" Sword & Sorcery - Helden à la Conan gedacht zu sein, dem jede hübsche Maid früher oder später hilflos an die Brust sinkt.
 
Soweit zu unserem Protagonisten. Seine Queste ist eine hübsch abstruse Hetzjagd, die Vakar kreuz und quer durch de Camps bronzezeitliche Welt führt, immer mit dem gorgonischen Zauberer Qasigan auf seinen Fersen. Natürlich entpuppt sich der namensgebende "Ring der Tritonen" als der Gegenstand, den die Götter am meisten fürchten. Doch ironischerweise wird Vakar das Schmuckstück nur ganz kurz in Händen halten, bevor es auch schon (mitsamt einem bösen König) im Magen eines Krokodils verschwunden ist. Stattdessen muss unser Held dann das Meteoreisen finden, aus dem der Ring geschmiedet wurde, um sich ein neues Artefakt anfertigen zu lassen.
 
Bei der Schilderung der Länder, die Vakar und Fual durchwandern, fühlte ich mich manchmal eher an Gulliver's Travels als an das Hyborian Age erinnert, auch wenn de Camp selbstredend nicht den Witz und die satirische Schärfe eines Jonathan Swift besitzt. Besonders gelungene Beispiele waren für mich zum einen das Nekromantenreich Belem, dessen Herrscher am liebsten das ganze gemeine Volk enthaupten lassen und in Untote verwandeln würde, denn könnte es bessere Untertanen geben als kopf- und damit auch hirnlose Zombies? Zum anderen die "nackten Puritaner" von Gamphasantia, die nicht nur jede Art von Bekleidung ablehnen, sondern sich auch für das tugendhafteste Volk der Welt halten, in Wirklichkeit aber ein Haufen bigotter, xenophober Ignoranten und Heuchler sind, die es jedem verbieten, die "verderbten" Länder jenseits ihrer Grenzen zu besuchen und die unerwünschte Fremde ohne viel Federlesens den Löwen zum Fraß vorwerfen, da sie dann ja selbst kein Blut vergießen, das Problem aber trotzdem beseitigt ist. Neben solchen satirischen Abstechern enthält The Tritonian Ring freilich noch genug Swashbuckler-Spaß mit Monsterkrabben, Medusen und miesen Magiern.
 
Abschließend stellt sich mir die Frage, ob der Roman darüberhinaus noch so etwas wie eine "tiefere Bedeutung" hat. Vakar ist eine Art "Auserwählter", aber er ist das auf eine eigentümlich verdrehte Weise. Er handelt nicht im Auftrag göttlicher Mächte oder eines abstrakten "Schicksals". Die Götter sind vielmehr seine Widersacher. Was ihn besonders macht ist, dass die Unsterblichen keinen direkten Kontakt zu ihm aufnehmen und ihn nicht mittels Visionen oder Träumen manipulieren können. Und das Meteoreisen, das er aufspüren soll, besitzt die Fähigkeit, auch andere Menschen vom göttlichen Einfluss abzuschirmen. Deshalb fürchten die Götter es so sehr: 
In time the gods took counsel, for it occurred to them that if knowledge of this metal became widespread, all men would seek to carry a bit of it, and then the gods would be unable to communicate with men, who would forget the gods and cease to worship them, which for a god is virtual death.
Man könnte das Ganze als eine Art Metapher auf die beginnende Emanzipation der Menschheit von der Macht des Mythos interpretieren. Gegen Ende der Erzählung prophezeit Porfirias Hexenvertraute Charsela denn auch:
"The star-metal will some day cast the very gods from their thrones, for with it men will be cut off from their gods, as to benefits, punishments, and mere communication."
"Then no more gods?" said Rethilio
[der Philosoph].
"No; there will be gods, but mere ineffectual wraiths, kept in being by their priests to enable these priests to live without toil on the offerings of the credulous. I have seen it in my visions."
"And then," said Vakar, "all men would be like me, who have never conversed with the smallest godlet. Which might not be a bad thing."
So weit ich weiß war L. Sprague de Camp überzeugter Atheist und Materialist. Aber auch wenn eine entsprechende Botschaft ohne Frage in The Tritonian Ring enthalten ist, bleibt die Erzählung als Ganzes letztlich zu leichtfüßig-ironisch, um sie in dieser Hinsicht ganz ernst zu nehmen.      
 

The Tritonian Ring erschien ganz am Ende der ersten Phase der Sword & Sorcery. Die Lesergunst hatte sich zu dieser Zeit bereits weitgehend der Science Fiction zugewandt. Und wie wir bereits am Beispiel von Damon Knight gesehen haben, hegte man im Kreis der SF-Fans oft nur wenig Sympathie für Geschichten über schwertschwingende Helden und finstere Zauberer. So spricht z.B. auch die Rezension in der Februarausgabe 1954 des Magazine of Fantasy & Science Fiction recht herablassend von "swordplay and bloodshed, which seem to us to bear little relation to science fiction or fantasy." (7) De Camps eigener Aussage zufolge, brachten ihm die ersten beiden Veröffentlichungen des Romans (die Pulpversion von 1951 & die Buchversion von 1953) zusammen gerade einmal "a meager $600" ein. Erst als The Tritonian Ring 1968 erneut aufgelegt wurde (und das dann auch noch mit einem Frank Frazetta - Cover) stellte sich ein größerer Erfolg ein. Der Sword & Sorcery - Boom der zweiten Phase war in vollem Gange und die inzwischen siebzehn Jahre alte Erzählung konnte bequem auf der Welle mitschwimmen. Weitere Auflagen folgten 1971 und 1977 (dann sogar bei Ballantine / Del Rey). Dennoch fand The Tritonian Ring nie wirklich Aufnahme in den "Kanon der Klassiker". Was vielleicht auch nicht ganz unbegründet ist. Dennoch fände ich es nett, wenn das Buch nicht völlig in Vergessenheit geriete. Und man sich auch in S&S-Kreisen L. Sprague de Camps nicht allein im Negativen erinnern würde.   

 

 

(1) Zit nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 309.

(2) Science Fiction Adventures, Mai 1954. S. 124.

(3) Damon Knight: In Search of Wonder. Essays on Modern Science Fiction. S. 19.

(4) Fantastic Universe, Mai 1954. S. 159. (Robert Frazier).

(5) Astounding, August 1954. S. 151. (P. Schuyler Miller).

(6) Galaxy Science Fiction, Juli 1956. S. 102.

(7) Magazine of Fantasy & Science Fiction, Februar 1954. S. 94.  

Donnerstag, 2. Juli 2026

Colonel Kilgores Blood & Thunder

Die aktuellen SFF-News von TOR Online enthalten u.a. einen Link zu Cynthia Wards kürzlich bei Reactor erschienenem Artikel Bored of the Swords. Der war mir auch vorher schon über den Weg gelaufen und meine erste Reaktion war, dass ich ihn etwas einseitig fand. Denn in den Teilen der Sword & Sorcery - Community, zu denen ich lockeren Kontakt halte, war mir nie die von Ward beklagte Tendenz zu einer "Homogensierung" des Genres auf den Typus des "männlichen (Barbaren)Kriegers" untergekommen. Im Gegenteil. Die Ära der "Clonans" gilt dort als ferne (und etwas belächelte) Vergangenheit, während man sich zugleich um Offenheit und größere Diversität bemüht. Aber bei aller Liebe zur Sword & Sorcery bin ich beileibe kein "Experte", der einen Gesamtüberblick über die Lage des Genres hätte. Die meisten Vertreter*innen der aktuellen S&S, denen ich z.B. auf Social Media folge, gehören zum engeren oder weiteren Umfeld der "New Edge". Und wie repräsentativ sie für die Gesamtheit der Szene sind, kann ich nicht beurteilen.    
 
Es hat immer einen ultrareaktionären Flügel in der Sword & Sorcery - Szene gegeben. Ich erinnere bloß an solche Ereignisse wie den Zusammenbruch des seinerzeit sehr anerkannten Blogs The Cimmerian, als sich dessen Herausgeber Leo Grin 2015 während der großen Puppy-Kriege auf die Seite des faschistischen Provokateurs Theodore Beale aka Vox Day schlug. Oder das berüchtigte Vorwort, das Robert M. Price 2020 für die von ihm geplante Anthologie Flashing Swords #6 verfasst hatte. Ein wüster antifeministischer und queerfeindlicher Erguss, der am Ende dazu führte, dass das Buch mit neuem Inhalt bei irgendeinem obskuren rechtslastigen Kleinverlag erscheinen musste, nachdem Pulp Hero Press und die meisten der beteiligten Autoren abgesprungen waren.
 
Über beide Fälle habe ich vor Zeiten schon mal etwas ausführlicher geschrieben. Und ich zweifle nicht daran, dass es vergleichbares Gelichter auch heute noch in der Szene gibt.
 
Eines der wenigen konkreten Beispiele, die Ward in ihrem Artikel anführt, ist das neue Magazin Battleborn, dessen erste Ausgabe dieses Jahr erschienen ist. Nun möchte ich dessen Herausgeber Sean CW Korsgaard nicht einfach auf eine Stufe mit einem Leo Grin oder Bob Price stellen. Dazu weiß ich viel zu wenig über ihn. Aber wenn man sich das von ihm verfasste Vorwort auf Amazon durchliest, kommt einen schon ein leichtes Gruseln an. 
 
Wie Korsgaard im letzten Herbst in einem auf Black Gate veröffentlichten Interview gesagt hat, soll sich Battleborn ganz auf "action-heavy, character-driven fiction" konzentrieren. Das Magazin soll damit eine Tradition fortsetzen, die er in einem Gutteil der neueren Sword & Sorcery vernachlässigt sieht:
I want that in every issue of Battleborn, fire and fury, chest-thumping bravado, that heroic tradition that has left audiences on the edges of their seats since we began gathering around the campfires to swap stories of valor, countless centuries ago. 
Das Vorwort zur ersten Ausgabe ist in einem bewusst hyperbolischen Stil geschrieben, was sich dann u.a. so liest: 
So if the love of chest-thumping, fist-pumping, blood-and-thunder sword-and-sorcery beats like a battle drum in your chest, I leave you with this: Welcome to the Frontlines of Fantasy, soldier. Glory awaits! Always Forward!  
Auf den ersten Blick mag das vor allem als ein missglückter Versuch erscheinen, den Geist der alten Adventure-Pulps heraufzubeschwören. Aber schon bei diesem kurzen Beispiel sollte die Menge an militärischen Vokabeln ins Auge stechen.
 
Das gesamte Vorwort ist in der Persona des "Commanders" geschrieben, den wir uns so vorstellen dürfen: "A hulking figure [in uniform] smoking a cigar with a mad gleam in his eyes". Colonel Kilgore als "Tharg" oder "Crypt Keeper" eines Sword & Sorcery - Magazins? Das wirkt zwar erst mal etwas eigentümlich, macht hier aber tatsächlich Sinn.
 
Sean CW Korsgaard ist selbst Army-Veteran. Für sich allein heißt das natürlich noch nichts. Aber er nutzt wirklich jede sich bietende Gelegenheit, um darauf hinzuweisen. Und tatsächlich ist die literarische Tradition des "Blood and Thunder" nicht die einzige Tradition, die er in dem Vorwort hochhält: 
I was the latest man in my family to serve my country, an unbroken tradition that goes back to the American Revolution. Two of my uncles had even attended boot camp at Fort Benning. 
Man könnte sich fragen, was das in einem Vorwort zu einem Magazin mit phantastischen Abenteuerstories zu suchen hat. Aber es ist tatsächlich mehr als patriotisches Getue des Herausgebers. Korsgaard stellt eine unmittelbare Verbindung zwischen US - militaristischer Tradition und seiner Vorstellung von Sword & Sorcery her: 
It was a lesson my officers and sergeants would beat into my head, in some cases quite literally, over the years. As much as learning how to fire a rifle or march in formation, they spoke of warrior tradition and history, of Valley Forge and Patton's tanks, Audie Murphy and Alvin York, the way a priest might have holy writ and saints. That you may learn from their examples, so when the time comes, your knees don't buckle and you stand firm. Legacy and tradition, tales of heroes and glory, passed from one generation to another. A tradition as old as Gilgamesh and Beowulf, and sword-and-sorcery is steeped in it, even more than most genres.
Im Kontext von 2026 kann ich das nicht anders lesen, als dass hier die Heroic Fantasy mit dem sog. "Warrior Ethos" verknüpft wird, von dem die ungezügeltesten Vertreter des US-Imperialismus wie Pete Hegseth so gerne schwadronieren. D.h. mit der faschistischen Ideologie, die sie in Vorbereitung auf weitere neokoloniale Unternehmungen und letztlich auf einen 3. Weltkrieg in den US-Streitkräften zu verankern versuchen.
 
In genau diesem Zusammenhang fällt übrigens auch das "[we] follow in the footsteps of great men", das Cynthia Ward in ihrem Artikel erwähnt. Korsgaard erzählt nämlich, das seien die letzten Worte gewesen, die ihm sein Großvater bei Eintritt in die Armee mit auf den Weg gegeben habe: "Stand proud. Be brave. You follow in the footsteps of great men". Dass in einer unter diesem Blickwinkel (miss)verstandenen Sword & Sorcery wenig oder gar kein Platz für den Beitrag existiert, den Frauen von Beginn an als Autorinnen, Künstlerinnen, Herausgeberinnen und Fans geleistet haben, ist nicht verwunderlich.
 
Ich kann kein Urteil über den Inhalt von Battleborn abgeben, da ich nicht vorhabe, auch nur eine einzige Ausgabe des Magazins zu erwerben. Aber ich möchte den beteiligten Autor*innen nicht einfach unterstellen, dass sie Korsgaards Sicht auf das Genre (und seine damit verbundene militaristische Gedankenwelt) teilen würden. Viele von ihnen sehen in dem Ganzen vielleicht bloß einen Versuch, die Welt erneut mit "Two-Fisted Adventure Stories" im Geiste der alten Pulps zu beglücken. Ich hoffe das zumindest inständig. Besonders traurig finde ich, dass Battleborn das Andenken des im letzten Jahr verstorbenen Howard Andrew Jones für sich instrumentalisiert, der im Impressum als "Lodestar / Editor Emeritus" angeführt wird. Jones hat wie wenig andere dazu beigetragen, die Basis für das aktuelle Wiederaufleben der Sword & Sorcery zu legen. Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, dass er mit dem Geist von Korsgaards Vorwort d'accord gegangen wäre.      

Sonntag, 29. März 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (2/3)

 Teil 1

Aus einer Woche sind mehrere Monate geworden, aber schließlich habe ich es doch geschafft, einen weiteren Teil meiner Gedanken zu Glen Cooks Black Company "zu Papier" zu bringen. Allerdings beschränke ich mich darin ganz auf den ersten Band der Trilogie. Dieser Blogbeitrag wird also noch einen dritten Teil bekommen. Wann das geschehen wird, steht noch in den Sternen, aber ich hoffe doch, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird.  
 
 
Glen Cook schrieb die Black Company ursprünglich in Form einer Reihe aufeinander aufbauender Novellen, von denen allerdings nur Raker, das spätere dritte Kapitel, in der Augustausgabe 1982 des Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht wurde. 
 
Ganz ausdrücklich sei es ihm bei seiner Erzählung um den Söldnertrupp nicht darum gegangen, bewusst die Konventionen der epischen oder heroischen Fantasy zu brechen. Zwar habe er die Idee gehabt, seine Geschichte "from the viewpoint of the grunts" zu erzählen und diese dabei anfangs zu den "'bad guys'" zu machen, doch sei dies keine "Wow! Wouldn’t this be a kickass twist? kind of decision" gewesen. "I’ve never seen the Black Company series as especially different. Some people seem to disagree."
 
Über Cooks Agenten Russell Galen gelangte das Manuskript schließlich auf den Schreibtisch der für  die Horrorsparte Verantwortlichen bei Tor. Deren erste Reaktion war ablehnend. Vor allem, da es ihr unmöglich war, Sympathien für irgendeine der Figuren zu entwickeln. Was der Autor einmal etwas sarkastisch so kommentiert hat:
Well, I wanted to write a book about real medieval mercenaries. These aren't kind and gentle people. Not exactly left-leaning democrats. 
Doch einige Wochen später erreichte Cook eine weitere Nachricht der Editorin, die ungefähr so lautete: "I can't get this out of my head. There is something here that works and I want to do the book." Also trafen sich die beiden während der World Fantasy Convention 1983 in Chicago, palaverten stundenlang über das Buch (wobei auch eine Menge Alkohol geflossen sein soll) und brachten die Geschichte schließlich in eine Form, mit der beide leben konnten. Das führte u.a. auch dazu, dass die Black Company, die ursprünglich nur ein einziger Roman sein sollte, auf eine (erste) Trilogie anwuchs.  
 
Cover von Didier Graffet für die französische Ausgabe von The Black Company 
 
Ich sollte an dieser Stelle wohl noch einmal betonen, dass ich bislang nur diese erste Trilogie gelesen habe. Meine Einschätzung basiert also ausschließlich auf The Black CompanyShadows Linger und The White Rose. Gut möglich, dass manches in späteren Büchern ganz anders aussieht.
 
Abgesehen von einem signifikaten Teil von Shadows Linger (und einem kleineren in The White Rose) wird die Geschichte ganz in der ersten Person und von Croaker, dem Regimentsarzt und offiziellen Chronisten der Black Company, erzählt. Nun ist es sicher nicht ganz falsch, in ihm eine Art Stand-In für den Autor zu sehen. In einem Interview mit J. Buck Caldwell hat Cook sogar mal ganz offen erklärt: "Croaker is me". Dennoch halte ich es für wichtig, sich beim Lesen stets bewusst zu sein, dass man die Ereignisse aus einem ganz bestimmten, keineswegs "neutralen" oder "objektiven" Blickwinkel erzählt bekommt. Und dass wir als Lesende dabei nicht in jedem Fall Croakers Sicht auf die Dinge unbesehen übernehmen sollten. 
 
Dennoch war es vor allem seine Erzählstimme, die mich sofort gefesselt und dann nicht mehr losgelassen hat. Ihm zu lauschen, ist einfach ausgesprochen unterhaltsam, ganz gleich, was er einem erzählt. Grund dafür ist u.a. sein sarkastischer Sinn für Humor. Dass dieser auch eine Art mentaler Überlebensstrategie für Croaker darstellt, wird recht früh in einem kurzen Wortwechsel mit seinem besten Kumpel Elmo hervorgehoben:
"One of these days you're going to say something without getting sarcastic and I'll curl up and die, Croaker."
"Keeps me sane, friend."
"That's debatable, Croaker. Debatable." 
Vor allem im ersten Buch legt Croaker eine sehr zynische Sicht auf die Welt und die Rolle, die die Black Company in ihr spielt, an den Tag. Aber selbst dann fühlt er sich zumindest dazu gedrängt, immer wieder zu versuchen, das Verhalten des Söldnertrupps zu rechtfertigen. Er ist jemand, der zu Reflexionen neigt und sich seine eigenen Gedanken macht, was ihn beinahe automatisch dazu führt, nichts einfach so hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen. Auch hat er sich trotz seines blutigen Handwerks eine gewisse Menschlichkeit bewahrt. Auch wenn er es selten zulässt, dass davon seine Handlungen bestimmt werden.
 
Um Croakers Verhalten und das seiner Kameraden zu verstehen, muss man sich klar machen, was die Black Company eigentlich ist und was sie für ihre Mitglieder bedeutet.
 
Der Elite-Söldnertrupp ist "the last of the Free Companies of Khatova". Wer oder was Khatova war, weiß zum Zeitpunkt der ersten Trilogie allerdings keiner mehr. Ein Land? Eine Stadt? Ein Herrscher oder ein Feldherr? Aber auch wenn der Ursprung der Company im Nebel der Vergangenheit verlorengegangen ist, spielt ihre jahrhundertealte Tradition -- von den Chronisten festgehalten -- eine wichtige Rolle für ihr Selbstverständnis. Zu Croakers Aufgaben gehört es nicht nur, die Taten der Company aufzuzeichnen, sondern auch in regelmäßigen Abständen öffentliche Lesungen aus den Annalen zu veranstalten, um die Moral der Truppe mit (möglichst passenden) Exempeln aus ihrer langen Geschichte zu stärken.
Dennoch bekommt man nicht das Gefühl, dass dieser auf Tradition basierende "Truppen-Patriotismus" das wichtigste Element für den Zusammenhalt der Black Company ist. Für Croaker persönlich ist er vermutlich wichtiger als für viele seiner Kameraden. Andere, "banalere" Gründe dürften für die meisten von ihnen sehr viel ausschlaggebender sein.
 
Psychologische Studien über Soldaten im 2. Weltkrieg (aus unterschiedlichsten Armeen) haben öfters zu dem Ergebnis geführt, dass die wichtigste Antriebskraft derselben nicht ideologischer Natur gewesen sei, sondern aus der sog. "Primary Group Cohesion" bestanden habe, d.h. aus dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen kleinen Einheit. William Manchester hat dies in seinen Kriegsmemoiren Goodbye Darkness so beschrieben:
Those men on the line were my family, my home. They were closer to me than ... my friends had ever been or would be. They had never let me down, and I couldn't do it to them ... Men, I now knew, do not fight for flag or country, for the Marine Corp or glory or any other abstraction. They fight for one another. (1)
Daran musste ich bei der Lektüre der Black Company mehr als einmal denken.  
 
Für deren Mitglieder können ideelle oder ideologische Antriebe natürlich erst recht kaum eine Rolle spielen. Schließlich sind sie Söldner und kämpfen weder für ein "Vaterland" noch für eine Idee, sondern für bare Münze. Zugleich besteht ihr gesamtes Leben in gewisser Hinsicht aus einem nie endenden Feldzug, auch wenn sich die Company selbstverständlich nicht permanent im Kampfeinsatz befindet. Aber "Frieden" gibt es für sie praktisch nicht, denn der Krieg ist ihr Handwerk. 
Die Verbundenheit zur eigenen Truppe wird für diese Berufskrieger deshalb sicher eine noch weit größere Rolle spielen als dies im Soldatendasein ohnehin schon der Fall ist. Zumal die Black Company die einzige soziale Gemeinschaft ist, die für sie noch existiert. Croaker und seine Kameraden stammen ursprünglich aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Aber mit dem Eintritt in die Company haben sie jede Verbindung zu dieser Vergangenheit gekappt. Für viele von ihnen war das sogar einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich dem Söldnerleben verschrieben haben. Das gilt selbst für den Kommandanten der Company, von dem Croaker erzählt:
In all the years I have known the Captain I have learned almost nothing about him. Just a hint here and there, fleshed out by speculation.
He was born in one of the Jewel Cities. He was a professional soldier. Something overturned his personal life. Possibly a woman. He abandoned commission and titles and became a wanderer. Eventually he hooked up with our band of spiritual exiles.
We all have our pasts. I suspect we keep them nebulous not because we are hiding from our yesterdays but because we think we will cut more romantic figures if we roll our eyes and dispense delicate hints about beautiful women forever beyond our reaches. Those men whose stories I have uprooted are running from the law, not a tragic love affair.  
In dieser Hinsicht erinnert die Black Company stark an das Bild, das wir uns traditionell von der Französischen Fremdenlegion machen. Zu ihren ungeschriebenen Gesetzen gehört es, einen Kameraden niemals nach der "Zeit davor" zu fragen.
 
Wenn die Company längere Zeit an einem Ort stationiert ist, können sich zwar Beziehungen zur ansässigen Bevölkerung ausbilden, doch sind diese von Natur aus temporär. Wie Croaker zu Beginn des Buches im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppe aus der Stadt Beryl erzählt:
You stop moving and immediately put down roots. You accumulate things. You find a woman. Then the inevitable happens and you have to leave it all. There was a lot of pain floating around our barracks.
Wenn die Black Company für ihre Mitglieder so etwas wie "Heimat" oder "Familie" darstellt, man seine Kameraden als "Brüder" betrachtet, ist das nicht Ausdruck eines faschistoid-militaristischen Männerbündlertums, sondern einfach die natürliche Konsequenz dieser Lebensumstände. Und wird von Cook überdies ohne jede Romantisierung geschildert.
Daraus erklärt sich auch, warum das Überleben der Company als Gruppe für Leute wie Croaker einen so hohen Wert darstellt. Wir werden in den späteren Teilen der Trilogie noch sehen, welch entscheidenden Einfluss auf die Handlung das haben wird.
 
Dass die Company einfach für den Meistbietenden kämpfen würde, wie man in einigen Besprechungen der Bücher zu lesen bekommt, ist übrigens nicht ganz richtig. Denn sie besitzt sehr wohl so etwas wie einen "Ehrenkodex", auch wenn der nichts mit "Ritterlichkeit" oder ähnlichem zu tun hat. Eher schon könnte man ihn als eine Art "Berufsethos" beschreiben. Zum einen haben die Söldner den Anspruch, ihr blutiges Handwerk besser, geschickter und vor allem erfolgreicher zu betreiben als jede vergleichbare Truppe. Darüberhinaus legen sie aber auch besonderen Wert auf ihre unverbrüchliche Loyalität, wenn sie erst einmal angeheuert worden sind. Im Laufe ihrer langen Geschichte hat die Black Company vielen Herren gedient. Aber nie hat sie einen von ihnen verraten.
 
Entsprechend bedeutungsvoll ist es, dass das erste Buch mit genau so einem Verrat beginnt.
 
Seit einiger Zeit steht die Black Company im Dienst des Syndics von Beryl. Doch dessen Herrschaft wird zunehmend instabiler. Erst recht, nachdem ein geheimnisvoller Gesandter aus dem Norden eingetroffen ist, dessen Ziel offenbar darin besteht, den Stadtstaat in das Protektorat einer fremden Großmacht zu verwandeln. Und zeitgleich ein Monster beginnt, die Straßen der Metropole unsicher zu machen. Der Captain der Company gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es Selbstmord wäre, dem Syndic noch länger die Treue zu halten. Croaker, der als Chronist diesen Prinzipienbruch vor der Nachwelt rechtfertigen muss, ist nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung, beharrt aber nicht auf seinem Protest. Also fällt die Company den regulären Truppen von Beryl in den Rücken und zieht anschließend mit ihrem neuen Patron nach Norden. Zu spät realisieren die Söldner, in wessen Dienst sie damit getreten sind.
 
Vor langer Zeit herrschte der "Dominator", ein kaum mehr als Mensch zu bezeichnender Meister der Schwarzen Magie, über ein gewaltiges Reich des Bösen. Am Ende wurde seine Tyrannei durch einen Aufstand beendet, an dessen Spitze eine Frau stand, die nur als "The White Rose" bekannt ist. Doch weder der "Dominator", noch seine Gemahlin oder seine mächtigsten Gefolgsleute, die sogenannten "Taken" (2), konnten wirklich getötet werden. Vielmehr wurden sie zu (wie man hoffte) "ewigem" Totenschlaf in den Hügelgräbern der "Barrowlands" verdammt. Unglücklicherweise nahm die Wachsamkeit der Nachgeborenen über die Generationen mehr und mehr ab, bis die unvorsichtige Neugier des Magiers Bomanz schließlich zur Katastrophe führte. Der "Dominator" selbst blieb zwar eingeschlossen, doch seine ehemalige Gattin, die "Lady", erhob sich erneut und errichtete zusammen mit den "Taken" ein neues finsteres Imperium. In ihren Diensten steht von nun an auch die Black Company.   
 
Der Struktur des ersten Buches sieht man noch ziemlich deutlich dessen Entstehungsgeschichte an. Viele der frühen Kapitel besitzen einen novellenartigen Charakter und erzählen weitgehend in sich abgeschlossene Episoden. Im Auftrag der "Lady" (und ihres neuen Patrons Soulcatcher) zieht die Black Company in den Kampf gegen eine Rebellenbewegung, die erneut das Banner der "Weißen Rose" (3) aufgerichtet hat. Zur Schilderung großer Schlachten kommt es dabei vorerst nicht, vielmehr erleben wir mit, wie die Company nacheinander einige der wichtigsten Führer des Widerstandes ausschaltet, ohne dass dadurch das Ende des Krieges irgendwie näher zu rücken scheint. 
 
Trotz ihres episodischen Charakters führen diese Kapitel aber auch einige Elemente ein, die eine wichtige Rolle in der Gesamt-Trilogie spielen werden. Das sind vor allem drei:
- Recht bald schon entwickelt sich eine heftige Feindschaft zwischen der Black Company und dem "Limper", einem der zehn "Taken".
- Kurz nach ihrer Ankunft im Norden schließt sich ein Mann namens Raven der Company an. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er aus aristokratischen Kreisen, hat seinen Rang jedoch eingebüßt, wobei Verrat mit im Spiel gewesen sein dürfte. Irgendwie fügt er sich nie so richtig in die Truppe ein, obwohl er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zum Captain entwickelt. Croaker steht ihm ambivalent gegenüber. Es fällt ihm schwer, ihn und seine Motive richtig einzuschätzen. Relativ früh auf dem Feldzug rettet Raven das taubstumme Mädchen "Darling" vor einer Gruppe marodierender Soldaten des "Limper". In der Folge wird "Darling" zu so etwas wie dem "Maskottchen" der Black Company und ihr Wohlergehen scheint schon bald Ravens höchstes (wenn nicht einziges) Ziel zu sein.
- Nachdem die Company das Hauptquartier von Whisper, der brillantesten Heerführerin der Rebellen, eingenommen hat, fällt Croaker und seinen Kameraden ein Haufen alter Aufzeichnungen in die Hände, die möglicherweise die Wahren Namen der "Taken" und der "Lady" enthalten könnten. Was eine mächtige Waffe gegen diese darstellen würde.
 
Vor allem aber machen uns die Kapitel näher mit der Black Company und dem Kreis um Croaker bekannt: Dem Captain, seiner "rechten Hand", dem Lieutenant, Elmo, Otto, Hagop und anderen. Die markantesten Figuren sind dabei sicher die drei Magier der Truppe: Silent, der nie ein Wort spricht (warum, weiß keiner), sich aber vermutlich mehr Gedanken macht als die meisten seiner Kameraden. Auch wenn er nach außen hin kalt, rücksichtslos und manchmal grausam erscheint, bekommt man doch den Eindruck, dass sich hinter dieser Fassade ein ziemlich komplexes Gefühlsleben verbirgt. One-Eye, das älteste Mitglied der Company und der einzige Schwarze, den es in der "schwarzen" Schar noch gibt. Er hat eine Nase fürs Finanzielle, stets gute Kontakte zum örtlichen Schwarzmarkt, und ist neben Croaker der einzige in der Truppe, der über medizinische Kenntnisse verfügt, auch wenn seine Rezepturen oft etwas "ungewöhnlich" ausfallen. An Exzentrizität wird er höchstens noch von Goblin übertroffen. Zwischen den beiden herrscht eine nie endende Rivalität. Ständig versuchen sie sich mit ihren Zauberformeln gegenseitig zu übertreffen. Ihre "Scherze" können mitunter recht gewalttätig ausfallen und ihr Mangel an Disziplin führt manchmal zu unnötiger Gefahr, aber trotz allem sind sie im Herzen eigentlich Freunde, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Wir erhalten außerdem ein Gefühl für das Leben, das diese Menschen führen -- zwischen extremer Gewalt und Langeweile, Kartenspielen und "Kommandoeinsätzen". 
 
Mehr als einmal bin ich bei der Recherche auf Vergleiche der Black Company - Bücher mit der Vietnamkriegsliteratur der Zeit gestoßen. Steven Erikson etwa hat einmal geschrieben: "Reading his [Cook's] stuff is like reading Vietnam war fiction on peyote". Diese Kommentare veranlassten mich dazu, einmal wieder eines der "Originale" aus dem Regal zu pflücken -- Dispatches (An die Hölle verraten) von Michael Herr. Was mich sehr schnell davon überzeugt hat, wie unangemessen ein solcher Vergleich ist. Nichts in Cooks Büchern lässt sich mit der Flut an subjektiven Eindrücken, kurzen Szenen, Skizzen und Anekdoten vergleichen, die Herr im Stil des Gonzo-Journalismus über seine Leser*innen hereinbrechen lässt und die bei diesen schon bald zu Übelkeit und Desorientierung führen muss. Das ist kein bloß stilistischer Unterschied. Herr vermittelt auf diese Weise ein extrem intensives Bild des schieren Wahnsinns von Vietnam in all seinen grausigen Facetten. Dabei ist Dispatches nicht einmal aus einer expliziten Antikriegsperspektive geschrieben, Herr versucht einfach bloß zu schildern, "wie es war". (4) Man mag einwenden, dass An die Hölle verraten keine fiktionale Literatur ist und sich deshalb nur schlecht als Vergleich eignet, aber Elemente aus dem Buch sind in fiktionale (wenn auch filmische) Werke wie Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) eingeflossen, an deren Drehbüchern Michael Herr mitgeschrieben hat. Auf jeden Fall entwickelt Cooks Roman zu keinem Zeitpunkt eine vergleichbare Energie. Was ich gar nicht als Kritik verstanden wissen will. Andernfalls wäre The Black Company kaum eine so unterhaltsame Lektüre. 
 
Dass man rein inhatlich einige Anklänge an Vietnam aus dem Roman heraushören kann, will ich hingegen gar nicht leugnen. Was nicht verwunderlich ist, dürfte dies doch der Krieg gewesen sein, der zu Beginn der 80er Jahre den meisten Amerikanern noch sehr gegenwärtig war. Die Black Company kämpft auf Seiten einer imperialen Großmacht gegen eine Bewegung von Aufständischen. Da kann man natürlich Parallelen zur US-Armee und den Partisanen der National Liberation Front (NLF) ziehen. Das Gefühl, von einer feindseligen Bevölkerung umgeben zu sein und hinter jedem fremden Gesicht einen potenziellen Rebellen vermuten zu müssen, ähnelt jedenfalls ganz sicher der Erfahrung amerikanischer Soldaten in Vietnam. Und so wie der Gegner im GI-Jargon als "Charlie" (Viet Cong = Victor Charlie) bezeichnet wurde, spricht man in der Company stets von "the Rebel" im Singular. Auch hat mich eine von Whispers Strategien spontan an die Tet-Offensive von 1968 denken lassen, auch wenn die Ähnlichkeiten in Wirklichkeit vermutlich nicht gar so groß sind.
 
Nichts von all dem sollte einen allerdings dazu verleiten, in dem Buch eine Art Vietnamkriegsallegorie zu sehen. Und wenn man schon nach Anspielungen suchen will, so sind die auf Tolkiens Lord of the Rings sehr viel eindeutiger.
 
Zuerst einmal erinnern die "Taken" unschwer an die Nazgûl, auch wenn sie anders als die Ringgeister über individuelle Persönlichkeiten, Motive und Ziele verfügen, und zumindest einige von ihnen dabei fast menschlich wirken können. Wenn sie sich auf ihren Fliegenden Teppichen durch die Lüfte schwingen, lässt das anfangs zwar auch ein bisschen an Tolkien denken, doch wird man darin im weiteren Verlauf der Erzählung (und erst recht im dritten Band) vor allem das Fantasyäquivalent zu Helikoptern, Düsenjägern oder Bombern erkennen. (5)
Gar kein Zweifel an einer bewussten Anspielung auf den Lord of the Rings besteht hingegen, wenn erstmals die Rede vom "Auge" der "Lady" ist. Goblin soll telepathischen Kontakt zu Soulcatcher aufnehmen. Doch unglücklicherweise befindet sich der Patron der Black Company zu diesem Zeitpunkt gerade im Turm der "Lady" und der Zauberer gerät deshalb ungewollt in das Blickfeld ihres "Auges".
Goblin let out a long, shrill screech as chilling as an owl's when you are alone in the woods at midnight. One-Eye charged at the sound.
Such moments make me doubt the sincerity of their animosity.
Goblin moaned. "He's in the Tower. He's with the Lady. I see her through his eyes ... his eyes ... his eyes ... The darkness! Oh, God, the darkness. No! Oh, God, no! No!" His words twisted into a shriek of pure terror. That faded to, "The Eye. I see the Eye. It's looking right through me."
Raven and I exchanged frowns and shrugs. We did not know what he was talking about.
Goblin sounded like he was regressing toward childhood. "Make it stop looking at me. Make it stop. I've been good. Make it go away."  
Da wird man doch unwillkürlich an Pippin und den Palantir denken müssen. 
Wie sich später herausstellt, ist das "Auge" allerdings eher ein magisches Instrument, mit dessen Hilfe die "Lady" den Geist eines Menschen zu durchleuchten und ihm sämtliche Gedanken und Erinnerungen zu entreißen vermag. Verglichen mit Sauron findet hier also eine Art "Entmythologisierung" statt.
Dasselbe gilt für den "Turm", der zwar selbstverständlich an Barad-dûr erinnern soll, sich aber gerade nicht inmitten einer Wüstenei à la Mordor erhebt. Auch wenn solche Vorstellungen unter den Rebellen weitverbreitet sind.
Nearer the Tower the land became less pastoral, but never reflected the gloom Rebel propagandists placed around the Lady's stronghold. No brimstone and barren, broken plains. No bizarre, evil creatures strutting over scattered human bones. No dark clouds ever rolling and grumbling in the sky. 
Der "Turm" ist auch der Schauplatz der gewaltigen Schlacht von Charm, die den Höhepunkt darstellt, auf den die Handlung des ersten Buches bei aller Episodenhaftigkeit der frühen Kapitel zusteuert. 
 
Die vereinigten Heere der Rebellion marschieren auf die Festung der "Lady". Am Himmel ist ein Komet aufgetaucht, der der Überlieferung nach dort auch beim Sieg über den "Dominator" gestanden haben soll. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Das einzige, was zur Erfüllung der alten Prophezeiungen fehlt, ist das verheißene Erscheinen einer Wiedergeburt der "Weißen Rose" selbst. Die "Lady" lässt es nicht zu einer offenen Feldschlacht kommen, sondern konzentriert sich darauf, ihre Stellung zu befestigen und den "Turm" bis zur Ankunft eines Entsatzheeres zu halten.
 
Die Schlacht von Charm ist ein gewaltiges Gemetzel, bei dem Zehntausende den Tod finden, und in dessen Verlauf sich die "Lady" aller ihrer offenen und verborgenen Feinde entledigt. Nicht nur gelingt es ihr, die gesamte Streitmacht der Rebellen auf einen Schlag zu vernichten, sie nutzt das Chaos auch, um eine Reihe von "Taken" auszuschalten, die heimlich mit dem "Dominator" im Bunde standen und dessen Wiedererweckung herbeiführen wollten. Dass dabei auch eine erkleckliche Anzahl ihrer eigenen Männer das Leben lassen müssen, nimmt sie bereitwillig in Kauf.
 
Epische Schlachtschilderungen in der Fantasyliteratur lassen mich oft kalt. Im Grunde halte ich es da mit dem alten Tolkien, der einmal gesagt hat: "Schlachten pflegen einander allzu ähnlich zu sehen".(6)Die letzte Fantasyschlacht, die mich wirklich gepackt hat, war diejenige in Steven Brusts Dragon. Denn die wird nicht nur aus der Sicht der "Grunts" geschildert, sondern dank Vlad Taltos als Erzähler auch mit einem ironischen Blick auf all das militaristische Gedöns. Die Schlacht von Charm hatte auf mich nicht ganz dieselbe Wirkung. Croaker & Kumpanen gehören zwar zum "Fußvolk", stehen aber nicht unmittelbar im "Schützengraben". Als Elitetruppe bildet die Black Company vielmehr den letzten Schutzwall um den "Feldherrenhügel" der "Lady". Auch wenn das fürchterliche Gemetzel bei Croaker zum ersten Mal echte Kriegsmüdigkeit aufkommen lässt, bleibt er für große Teile des blutigen Geschehens doch hauptsächlich "Beobachter" (wenn er nicht gerade im Lazarett zugange ist). Vor allem jedoch wird die Belagerung zum Anlass für die besondere Beziehung, die sich zwischen ihm und der "Lady" entwickelt, und die dann vor allem im dritten Band zu einer merklichen Perspektivverschiebung der gesamten Erzählung führen wird.

Von früh an entwickelt Croaker eine (vielleicht etwas ungesunde) Faszination für die finstere Dienstherrin der Company. Und da er auch abseits seiner offiziellen Funktion als Chronist gewisse schriftstellerische Neigungen hegt, beginnt er spaßeshalber Romanzen über sich und die "Lady" zu schreiben. Was auf Jahre hinaus zu einem "running gag" unter seinen spottlustigen Kameraden wird. Als die "Lady" ihn dann allerdings tatsächlich zu sich beordert, verlässt ihn sein Übermut sehr schnell und er hat die Hosen gestrichen voll. Denn die reale "Lady" ist alles andere als eine romantische Figur. Aus Gründen, die Croaker nicht wirklich versteht, wünscht sie, dass ein "objektiver" Bericht über die bevorstehende Schlacht angefertigt wird, und hat sich ihn für diese Aufgabe ausgewählt. Einerseits verstärkt das noch Croakers Position als  "Beobachter", anderereseits erfährt er dabei, dass der Führungszirkel der "Weißen Rose" (angeblich) von heimlichen Anhängern des "Dominators" durchsetzt ist. Vor allem aber erlebt er hautnah mit, wie die "Lady" mit Soulcatcher abrechnet, bei dem es sich in Wirklichkeit um die Schwester der Dunklen Herrin handelt. Und dieses Erlebnis lässt ihn erstmals so richtig an seiner zynischen Weltsicht zweifeln.
I could not get my feelings straight. I did not believe in evil as an active force, only as a matter of viewpoint, yet I had seen enough to make me question my philosophy. If the Lady were not evil incarnate, then she was as close as made no difference. 
Weiterreichende Konsequenzen für sein Handeln hat das vorerst zwar noch nicht, denn wie er selbst sagt:
There are limits to one's luck, one's power, to how much one dares resist. I hadn't the nerve to follow through on my impulse. Later, maybe. 
Ganz sicher jedoch hat es einen Einfluss darauf, wie Croaker auf die überraschende Wendung reagiert, mit der der erste Band zum Abschluss kommt. 
 
Erste subtile Anzeichen dafür hatte es zwar auch vorher schon gegeben, doch auf den letzten Seiten von The Black Company erweist es sich dann endgültig, dass die taubstumme "Darling" die wiedergeborene "White Rose" ist. Raven nutzt das Durcheinander der Schlacht, um zusammen mit seinem Schützling zu fliehen. Als Croaker ihm auf die Schliche kommt, lässt er ihm heimliche Unterstützung zukommen, wohlwissend, dass die "Lady" einen derartigen Verrat niemals verzeihen wird. Überraschenderweise schließt sich ihm dabei auch der Zauberer Silent an. Nicht dass Croaker nun im Inneren auf die Seite der Rebellion übergetreten wäre. Ihm geht es erst einmal bloß darum, das Leben einer Unschuldigen zu retten, die auch ihm etwas bedeutet. Doch zugleich hegt er zumindest die vage Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, die nicht von Leuten wie der "Lady" oder dem "Dominator" beherrscht wird. Seine Entscheidung wird noch sehr schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
 
Ich denke, danit wäre der Punkt erreicht, abschließend ein paar vorläufige Überlegungen zu The Black Company und der Grimdark anzustellen.
 
Glen Cook erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Söldnertruppe, die im Dienst einer Dunklen Herrscherin steht. Natürlich ist das Szenario dreckig, finster und blutig. Was würde man anderes bei dieser Prämisse erwarten? Und selbstverständlich sind unsere Protagonisten alles andere als liebenswert-nette Gestalten. Den meisten von ihnen würde man im realen Leben wohl lieber nicht über den Weg laufen. Wir bekommen zwar nur selten offen gezeigt, zu welchen Brutalitäten diese Männer fähig sind, aber an einer Stelle, als die Mitglieder der Company sich nach einem Sieg etwas "austoben", schreibt Croaker selbst über seine Kameraden.   
You know they are vicious, violent and ignorant. They are complete barbarians, living out their cruelest fantasies, their behavior tempered only by the presence of a few decent men. I do not often show that side because these men are my brethren, my family, and I was taught young not to speak ill of kin.
Doch für sich allein genommen macht das in meinen Augen noch nicht notwendigerweise "grim & gritty" aus. Wie ich im ersten Teil dieses Beitrags schon einmal gesagt habe, bin ich immer erst einmal skeptisch, wenn im Zusammenhang mit Grimdark der so häufig missbrauchte Begriff "Realismus" fällt. Aber hier scheint er mir wirklich angebracht zu sein. Das sind Leute, die den Krieg zu ihrem Beruf gemacht haben. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie sie zur Black Company gefunden haben. Selbst von Croaker hören wir wenig mehr, als dass er aus einem städtischen Umfeld stammt. Aber ganz gleich, warum sie sich ursprünglich dem Trupp angeschlossen haben, diese Art von Leben wird psychologische Auswirkungen haben. Wer längerfristig dabeibleibt, wird entweder über einen entsprechenden Charakter verfügen oder ihn entwickeln. Bestenfalls wird er sich wie Croaker dazu getrieben fühlen, "[to] hung armor plate over my moral soft spots".  Wie sonst sollte man das überstehen, ohne verrückt zu werden? Und um noch einmal auf Michael Herrs An die Hölle verraten zurückzugreifen: Die größte Ähnlichkeit bestand für mich zwischen dem, was Herr im Khe Sanh - Kapitel seines Buches über eine Gruppe von Marines erzählt, und Cooks Darstellung des Verhaltens seiner Söldner und ihrer Gruppendynamik. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Marines eine Heimat haben, in die sie zurückzukehren hoffen.
 
Für mich persönlich definiert sich die Grimdark in erster Linie über zwei Faktoren: Das Welt- und Menschenbild, das von dem fraglichen Werk zum Ausdruck gebracht wird, sowie die Art der Darstellung.
 
Wie schon mehrfach erwähnt, ist Croakers Sicht auf die Welt eine sehr zynische: 
Every ruler makes enemies. The Lady is no exception. The Sons of the White Rose are everywhere ... If one chooses sides on emotion, then the Rebel is the guy to go with. He is fighting for everything men claim to honor: freedom, independence, truth, the right ... All the subjective illusions, all the eternal trigger-words. We are minions of the villain of the piece. We confess the illusion and deny the substance.
There are no self-proclaimed villains, only regiments of self-proclaimed saints. Victorious historians rule where good or evil lies.
We abjure labels. We fight for money and an indefinable pride. The politics, the ethics, the moralities. are irrelevant. 
Ob die Erzählung diese Weltsicht bestätigt, ist jedoch eine ganz andere Frage. Und zwar eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so leicht beantworten lässt.
Fakt ist, dass wir mehrfach demonstriert bekommen, dass die Rebellenbewegung in der Wahl ihrer Mittel und der Art ihres Vorgehens nicht weniger skrupellos und brutal ist als die Truppen der "Lady". Das extremste Beispiel dafür ist die Folterkammer, die Croaker und seine Kameraden auf einem ihrer Einsätze entdecken.
Torture chambers exist, of course, but the mass of men never see them, so they never really believe in them. I'd never seen one before.
I surveyed the instruments, looked at Zouad strapped into a huge bizarre chair, and wondered why the Lady was considered such a villain. These people said they were the good guys, fighting for the right, liberty, and the dignity of the human spirit, but in method they were no better than the Limper.
Dies könnte den Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Problem revolutionärer Gewalt abgeben. Der komplexen Frage über die dialektische Beziehung zwischen Mitteln und Ziel, und wo die Linie verläuft, die man nicht überschreiten kann, ohne damit die eigenen Ideale zu verraten. Doch das geschieht nicht und Cook wäre vermutlich auch nicht der richtige Autor dafür. Und so bleibt in der Tat der Eindruck zurück, dass letztlich kein moralischer Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten besteht.
Die Frage bleibt vor allem deshalb so diffus, weil wir so wenig konkretes über die Welt erzählt bekommen, in der die Geschichte spielt. Der "Realismus" von Cooks Erzählung beschränkt sich völlig auf die Darstellung der Black Company als einer Einheit von Berufssoldaten. Alles jenseits davon bleibt äußerst skizzenhaft. Wir erhalten keinen wirklichen Eindruck von der sozialen, kulturellen und politischen Realität dieser Welt und können uns deshalb auch kein richtiges Bild von der Rebellion und ihren Zielen machen. In dieser Hinsicht bleibt alles auf einer abstrakt-moralischen Ebene.
Dennoch würde ich sagen, dass man das Buch nicht notwendigerweise als Bestätigung einer zynischen Weltsicht lesen muss. Auch wenn der Text ohne Zweifel entsprechende Tendenzen enthält. Doch spätestens wenn die "Lady" beinahe wortwörtlich Croakers ursprüngliche Ansichten wiederholt, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen, sollte uns das zu denken geben.
Evil is relative, Annalist. You can't hang a sign on it. You can't touch it or taste it or cut it with a sword. Evil depends on where you are standing, pointing your indicting finger. 
Croakers finaler Sinneswandel spricht gegen diesen zynischen Relativismus. Auf jeden Fall macht er die Dinge sehr viel weniger eindeutig. Wir werden noch sehen, wie sich diese Frage im Rest der Trilogie weiterentwickeln wird. 

Wenn ich was den ersten Punkt betrifft also durchaus Ansätze zur Grimdark in The Black Company erkennen kann, gilt das in keiner Weise für den zweiten. Glen Cook selbst hat einmal gesagt: "It doesn't glorify war; it's just people getting on with the job." Dieser Einschätzung würde ich mich weitgehend anschließen. Natürlich wird man beim Lesen eine gewisse Sympathie für Croaker und seine Kumpels entwickeln, auch wenn man sich der Greueltaten bewusst ist, die die Mitglieder der Black Company mitunter begehen können. Doch nie werden deren Gewalttaten als "cool" dargestellt. Unsere Protagonisten sind keine "edgy" Antihelden. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zu keinem Zeitpunkt ergeht sich Cook in der fasziniert-voyeuristischen Darstellung von Gewalt, die für mich eines der definierenden Merkmale der Grim & Gritty ist. Die Schilderung der Schlacht von Charm etwa ist nicht blutrünstiger als das, was man bei Tolkien oder anderen "Klassikern" zu lesen bekommt. Cook verschließt zwar nicht die Augen vor Grausamkeit, sinnloser Zerstörungswut, sexualisierter Gewalt und anderen verstörenden Realitäten des Krieges, aber er malt sie auch nicht auf geradezu genießerische Weise aus, um damit zu schockieren. Und das ist für mich von wirklich entscheidender Bedeutung.
 
Das letzte Wort zum Thema Grim & Gritty ist damit zwar noch nicht gesagt, aber der Rest wird warten müssen, bis ich meine Gedanken zu Band 2 & 3 der Trilogie ausformuliert habe. Für heute ist jedenfalls erst Mal schluss.    
 

 

 
 
(1) Zit. nach: James M. McPherson: For Cause & Comrades. Why Men Fought in the Civil War. S. 86. Natürlich spielt der Charakter des Krieges dabei eine wichtige Rolle.  In einem revolutionären Krieg dürften ideelle Motivationen eine größere Rolle spielen als in einem imperialistischen. McPhersons Untersuchungen zum Amerikanischen Bürgerkrieg sind dafür ein überzeugendes Beispiel.
 
(2) Die "Ten Who Were Taken" waren einst selbst mächtige Zauberer, die der "Dominator" in seine willfährigen Werkzeuge verwandelt hat. Ob sie lebendig, untot oder irgendetwas dazwischen sind, wird nie genau definiert. Sie tragen so farbenfrohe Namen wie Soulcatcher, The Limper, Shapeshifter, The Howler, Stormbringer, Bonegnasher, The Hanged Man, Moonbiter, Nightcrawler und The Faceless Man. 
 
(3) Ob der Name der Rebellenbewegung von der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Sophie & Hans Scholl, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Kurt Huber inspiriert wurde, weiß ich leider nicht. Bei Cooks leidenschaftlichem Interesse für Geschichte wäre dies zwar durchaus denkbar, doch ähnelt der Charakter der Bewegung in keiner Weise dem der historischen "Weißen Rose".
 
(4) Natürlich ist das Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Vietnamesen tauchen fast nur als Leichen oder als gesichtslose Kombattanten auf. Und wenn man etwas über den politischen und sozialen Kontext des Krieges erfahren will, ist man hier gleichfalls an der falschen Adresse. Das war nicht Herrs Anliegen. Dennoch ist An die Hölle verraten eine zwar alles andere als angenehme, aber dennoch sehr empfehlenswerte Lektüre. Nicht zuletzt aufgrund von Herrs tiefer Empathie für die einfachen Soldaten, ohne dass er deshalb die allgemeine Entmenschlichung und die geradezu "alltäglichen" Greueltaten ignorieren würde.
 
(5) Freilich kann man sich die Frage stellen, ob nicht auch Tolkiens "geflügelte Nazgûl" zumindestens teilweise den Schrecken des Luftkriegs entsprungen sind. Der "Professor" hegte einen besonders starken Hass auf diese Form der modernen Kriegsführung.
 
(6) Brief an Forrest J. Ackerman (Juni 1958). In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 210; S. 362. 

Sonntag, 18. Januar 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (1/3)

Glen Cooks Black Company, deren erster Band 1984 bei Tor erschien, wird oft als Startpunkt oder Pionier der Grim & Gritty - Strömung innerhalb der Fantasy bezeichnet. So schrieb z.B. auch Alessandra Reß 2019 in einem Beitrag für TOR Online:
Auf Elric folgte in den 80er Jahren Glen Cooks Die Schwarze Schar, dessen Handlung aus Sicht einer Gruppe ruchloser Söldner erzählt wird. War es bei Elric noch Tragik, die die Hoffnungslosigkeit verursachte, ist es bei Cook ein gewisser Nihilismus, der heute das Bild des Grimdark mitprägt.
Der Autor selbst hat dazu keine dezidierte Meinung. Vor allem deshalb nicht, weil er die Entwicklungen im Genre schon seit langem nicht mehr mitverfolgt. Wie er vor kurzem in einem Interview mit dem Grimdark Magazine erklärt hat:
Some writers have been influenced by what I’ve written. They have told me so. Don’t know about the grimdark thing. Hadn’t heard of it until earlier this year. For most of the past 20 years I have been doing the J. D. Salinger thing. Can’t honestly comment on evolution. 
Meine erste Begegnung mit Cook war die Kurzgeschichte Abgetrennte Köpfe (Severed Heads), die ich vor Jahrzehnten in Schwertschwester gelesen habe, der deutschen Ausgabe des ersten Bandes von Marion Zimmer Bradleys Sword and Sorceress - Reihe. Die Rape-Revenge-Story, die Teil seines Dread Empire - Universums ist, gehörte zu den Beiträgen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließen. Finster ist sie ohne Zweifel, aber als nihilistisch würde ich sie nicht beschreiben. Die "abgetrennten Köpfe" des Titels beziehen sich bezeichnenderweise nicht auf die Rache Narrimans an ihrem Vergewaltiger, sondern auf einen Ausspruch ihres väterlichen Freundes Al Jahez: "What are we without friends? Just severed heads rolling across the sands". Und am Ende geht es in der Geschichte auch darum, im Verlangen nach Rache nicht die eigene Menschlichkeit gänzlich zu verlieren.
 
Ich sehe in der Grim & Gritty eine der Ausdrucksformen einer zynischen Misanthropie, die spätestens von den 90er Jahren an große Teile der amerikanischen Kultur (und nicht nur dieser) zu dominieren begann. Ich werde im zweiten Teil dieses Beitrags darauf zurückkommen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen meiner Ansicht nach für die Entstehung der Grim & Gritty (mit)verantwortlich waren. Für den Moment mag es genügen zu sagen, dass ich darin das Symptom einer tiefen Krise sehe, die bis heute nicht überwunden ist, sondern in vielerlei Hinsicht nur noch katastrophalere Formen angenommen hat.
 
Doch gerade weil ich der Grim & Gritty so extrem kritisch gegenüberstehe, hat es mich immer interessiert, ob und inwieweit die Black Company tatsächlich als deren erste bedeutende Vertreterin gelten kann. Letztes Jahr hatte ich nun endlich Gelegenheit, die ursprüngliche Trilogie The Black Company (1984), Shadows Linger (1984) und The White Rose (1985) zu lesen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann verstehen, warum diese Romane so oft als Startpunkt der Grimdark bezeichnet werden. Und ich halte das nicht einmal für grundsätzlich falsch. Zugleich denke ich aber auch, dass sie sich in einer Reihe von wichtigen Aspekten deutlich von späteren Vertretern dieser Strömung unterscheiden. Und sie waren ein echtes Lesevergnügen für mich.
 
QuelleNeighborhood News, 4. August 1982
 
Glen Cook kam 1944 in New York zur Welt, wuchs aber in Kalifornien auf. Schon früh entwickelte er einen Heißhunger auf Bücher aller Art.
Well, I read a lot of... just about everything, really, but my next-door neighbor gave me a set of Tarzan books when I was, maybe 8. Read those, a lot of Burroughs type stuff, and I was really big on Westerns for a long time, Civil War stuff, before I discovered Science Fiction. Basically anything in the library that the librarian would let me take ...
Eine besondere Vorliebe für die SF erwachte gleichfalls recht früh, wenn auch offenbar nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern: 
The first science fiction book I read was The Naked Sun by Isaac Asimov. It was my father’s book. He caught me reading it, he took it away from me, slapped me upside the head, told me that I didn’t want to read that garbage because it will rot my brain.
Wann Cook mit eigenen Schreibversuchen begann, weiß er selbst nicht mehr so genau, aber als er im Alter von 12/13 Jahren (7th grade) aufgrund einer schweren Erkrankung längere Zeit das Bett hüten musste, nutzte er die "Freiheit von der Schule", um Hawk -- "a western story set during the Civil War from the viewpoint of a hawk watching the action" -- und einen ersten Kurzroman zu Papier zu bringen. Es wird kaum verwundern, dass sich von diesem "Frühwerk" nichts erhalten hat außer ein paar vagen Erinnerungen: "It was science fiction. Aliens came to earth and got involved in an ancient battle between Ramses II and the Hittites." Interessant finde ich freilich, dass schon hier zwei Interessen zum Ausdruck gelangten, die Cook sein Leben lang begleiten würden: Geschichte und Militär. Während seiner High School - Zeit steuerte er zwar noch "a couple of the traditional beginner pieces" zu einigen schulischen Publikationen bei, doch hatte er trotz seiner Liebe zum Geschichtenerzähen vorerst wohl keine Ambitionen, "professioneller" Schriftsteller zu werden.
 
Glens Vater war Offizier gewesen, hatte aber wohl schon vor längerer Zeit seinen Abschied von der Truppe genommen. Bereits an der High School nahm Cook am ROTC (Reserve Officers' Training Corps) - Programm teil, um dann 1962 der Navy beizutreten, mit dem Ziel, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1986 erzählte er darüber: "For a while I thought it was what I wanted to do with my life. 
Ich habe keine Ahnung, wie der Dienst in den US-Streitkräften zu dieser Zeit genau aussah. Der Koreakrieg lag bereits beinah ein Jahrzehnt zurück, die imperialistische Intervention in Vietnam beschränkte sich vorerst noch auf eine überschaubare Anzahl an "militärischen Beratern" und CIA-Agenten. Cook diente auf Zerstörern und nahm an Manövern teil, konnte aber anscheinend gleichzeitig ein Studium an der Universität von Missouri beginnen. Frage mich schon, wie das in der Praxis ausgesehen hat. (1)
Für das spätere Schreiben der Black Company war Cooks Zeit in der Navy jedenfalls von immenser Bedeutung, konnte er sich bei der Schilderung des Soldatendaseins doch auf persönliche Erfahrungen stützen. Auch bei der Charakterzeichnung vieler Mitglieder des Söldnertrupps griff er auf reale Vorbilder zurück.
The characters are real soldiers. They're not soldiers as imagined by people who've never been in the service. That's why service guys like it. They know every guy who's in the books, and I knew every guy who's in the books. Most of the early characters were based on guys I was in the service with. The behavior patterns are pretty much what you'd expect if you were an enlisted man in a small unit. 
1965 verließ Cook den aktiven Dienst, blieb aber bis 1972 Mitglied der Reserve. 
In keinem der Interviews, die ich gelesen habe, geht er auf die Gründe für diese Entscheidung ein. Er gehörte zu dieser Zeit zur 3rd Force Reconnaissance Company der Marines, die im September desselben Jahres den Einsatzbefehl für Vietnam erhielt -- als Teil der von Präsident Lyndon B. Johnson eingeleiteten Eskalation, in deren Verlauf Hunderttausende von G.I.s nach Südostasien verschickt wurden, um dort zu töten und getötet zu werden. So weit ich weiß spricht nichts dafür, dass Cook dem Kampfeinsatz entgehen wollte oder der US-Intervention kritisch gegenübergestanden hätte. Es war wohl reines Glück, dass ihm die Hölle des Krieges (und ein möglicher früher Tod) erspart blieben.   
 
Jedenfalls brach er zur selben Zeit auch sein Studium ab, da er es nicht länger finanzieren konnte. Ein Freund vermittelte ihm schließlich einen Job bei General Motors in St. Louis. Für die nächsten 32 Jahre würde er in unterschiedlichen Fabriken und Positionen für den Konzern arbeiten, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997.  
Nicht dass ihm die Arbeit dort so viel Spaß gemacht hätte.  
There were a lot of days I sat in the parking lot for a while and talked myself into going in. I always made it through the door. A lot of guys couldn't make that final step.
Doch eine Anstellung bei GM bedeutete in den 60er Jahren immer noch ein relativ hohes Maß an ökonomischer Sicherheit und Stabilität. 
 
Die Autoindustrie bildete nicht nur einen der wichtigsten Standpfeiler der amerikanischen Wirtschaft, sie hatte auch eine zentrale Rolle bei dem gespielt, was der Wirtschaftshistoriker Robert Collins einmal als "effort to create a private-sector welfare state" beschrieben hat. In der Vergangenheit war sie Schauplatz heftigster Klassenkämpfe gewesen -- vom Auto Lite - Streik in Toledo 1934, über die Sit-Down - Streiks in Flint, Michigan, 1936/37 und den River Rouge - Streik 1941 bis zum einhundertdreizehn Tage andauernden General Motors - Streik von 1945/46. Die UAW (United Auto Workers) war eine der stärksten Gewerkschaften der USA. Aber nachdem ihre Reihen im Zuge der "Red Scare" - Hetze von allen radikalen und sozialistischen Elementen "gesäubert" worden waren, hatte sie 1950 unter der Führung von Walter Reuther im sog. "Treaty of Detroit" mit den "Großen Drei" (Ford, Chrysler und General Motors) dem alten Anspruch der Arbeiterschaft auf (Mit)Kontrolle über die Produktion ("Industrial Democracy") abgeschworen und die existierenden Eigentums- und Machtverhältnisse offiziell anerkannt. Im Kontext des gewaltigen Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit waren die Kapitalisten im Gegenzug zu weitreichenden ökonomischen Zugeständnissen bereit gewesen. Neben signifikanten Lohnerhöhungen gehörten dazu auch eine konzerngebundene Krankenversicherung und Altersvorsorge. Damit wurde der "Treaty of Detroit" zum Vorreiter allgemeinerer gesellschaftlicher Entwicklungen, in deren Verlauf in den 50er Jahren breitere Schichten der arbeitenden Bevölkerung erstmals in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands gelangt waren.
 
QuelleSt. Louis Magazine Vol. 21 No. 8, July 1989
 
Mit dem Schreiben begann Cook erst wieder 1968, als veränderte Arbeitsbedingungen eine gute Gelegenheit dafür boten. Wie man einem Artikel aus dem St. Louis Magazine vom Juli 1989 entnehmen kann: 
[I]n 1968, GM acquired an old Shell facility on the North Side and sent Cook there as part of a contingent to take scrap metal out of the plant. It meant for some long days. "We worked 11-1/2 hours a day every day except Sunday, when we just had to work eight," he says.
While the days were long, Cook had little to do. "All I had to do was sit by the phone and wait for it to ring. Someone would tell me how much scrap we had produced on the shift and I would write it down and carry the piece of paper from one place to another."
Cook filled those empty hours reading, mostly fantasy and science fiction. As the story often goes, one day he read a book that was so awful he decided he could do better.
"I went to the Goodwill and got myself a typewriter for five dollars," he says. "It was a Royal mechanical typewriter from the 1920s or '30s. It was so old, I couldn't get ribbons for it. I had to buy a ribbon, take the ribbon off the new spool and wind it by hand onto one of the spools that came with the typewriter."
Cook started spending his time at the plant writing. And writing. And writing.
Der unmittelbare Anlass soll die Lektüre eines Fantasyromans von Lin Carter gewesen sein, den Cook irgendwann wütend in die Ecke gepfeffert habe. "I threw it across the room and swore I could do better". Das klingt zwar ein bisschen so wie der legendäre (?) Karrierestart von Edgar Rice Burroughs (2), wirkt auf mich deshalb aber nicht weniger glaubwürdig. Zudem Cook sich stets beeilt, hinzuzufügen: "I found out it's harder than I thought it would be".
 
Eines der ersten Manuskripte, das er (ohne Erfolg) an einen Verlag schickte, war ein 1.800 Seiten starker Tolkien-Klon. "It really never deserved to be published. I mean, I like the Lord of the Rings, but it has already been written." Da lässt sich nicht drüber streiten. Ein Jahrzehnt später hätten seine Chancen damit vielleicht besser gestanden. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er die Phase der bloßen Nachahmerei längst hinter sich gelassen. Ein anderes frühes Projekt war "The Sword Called Precious Pearl, which was an unlikely mix of an E.R.R. Eddison setting and plot with Leiberesque characters written in the style of Clark Ashton Smith". Das klingt für meinen Geschmack schon sehr viel interessanter, gelangte aber gleichfalls nie zur Veröffentlichung. (3)
 
Auch würde Glen Cook schon recht bald Abstand davon nehmen, der barock-dekadenten Sprache eines Smith oder Eddison nachzueifern. Er begann, engere Kontakte zum SFF-Fandom zu knüpfen, besuchte seine ersten Cons und nahm 1970 schließlich am dritten Clarion Workshop (damals noch in Pennsylvania) teil. Dort trieb man ihm u.a. seine Vorliebe für einen ausschweifenden Stil aus:   
Clarion can't teach you talent, but it can show you what you're doing wrong. I learned not to overwrite, to keep things simple as far as sentence structure is concerned. My early attempts at writing were very much influenced by classical British fantasy writers who tended to be very flowery and ornate and lapsed into classical Greek as they were going along [laughs] and expected you to follow it. I learned that modern American readers aren't interested in that. I learned a number of valuable lessons at Clarion.
Vor allem aber lernte er hier seine spätere Ehefrau Carol kennen.
 
Irgendwann um diese Zeit muss Glen Cook auch die persönliche Bekanntschaft von Fritz Leiber gemacht haben. Leider weiß ich nur wenig konkretes über die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelte. In einem Interview von 2012 bezeichnete Cook Leiber als seinen "mentor".  Und in einem anderen hat er sogar einmal erzählt: "I actually lived with Fritz briefly after his wife Jonquil died". 
Jonquil Leiber starb im Herbst 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten. Um die Weihnachtszeit desselben Jahres übersiedelte Fritz von Venice (Los Angeles) nach San Francisco. Der Tod seiner Frau stürzte ihn für drei Jahre in einen Abgrund aus Alkohol und Depressionen. Eine Erfahrung, die er später in seinem Roman Our Lady of Darkness, einem meiner persönlichen Lieblingsbücher verarbeiten würde.  
Vor diesem finsteren und tragischen Hintergrund wäre es natürlich besonders interessant, genaueres über die Beziehung zwischen Leiber und Cook zu erfahren, die sich zur selben Zeit entwickelt haben muss.
 
Es brauchte recht lange, bis es Glen Cook gelang, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Zwar erschien 1972 mit The Heirs of Babylon der erste Roman aus seiner Feder, doch alles in allem waren die 70er Jahre eine Zeit mühseligen Vorankommens. Anfangs verstand er nicht recht, mit Absagen umzugehen:
I had a problem with rejection […] I would send out a book. If it came back, I would send it out one more time. Then, if it came back the second time, I would put it in a drawer and forget about it.
Glücklicherweise fand er mit Russell Galen relativ bald einen Agenten, der sich seiner annahm. Dennoch erschienen in den folgenden Jahren nur eine Handvoll seiner Kurzgeschichten in Magazinen wie Witchcraft & Sorcery, dem Literary Magazine of Fantasy & TerrorFantasticAmazing sowie dem Magazine of Fantasy & Science Fiction.  
Die Wende kam 1979 mit dem Erscheinen des ersten Dread Empire - Romans A Shadow of All Night Falling bei Berkley Books. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. In den 80ern erschienen pro Jahr bis zu drei Romane von Glen Cook und etablierten ihn mit Zyklen wie StarfishersDarkwarThe Black Company und seiner Fantasy - Hardboiled Detective - Reihe Garrett, P.I.
 
Doch selbst in dieser Zeit zog Glen Cook nie ernsthaft in Erwägung, seinen Brotjob an den Nagel zu hängen und Berufsschriftsteller zu werden. Zwar erklärte er 1982 in einem Interview: "I would rather be writing than anything", fügte jedoch sofort hinzu: "but generally the world doesn't let you do that." Eigenen Angaben zufolge war sein Einkommen aus den Büchern "never more than hobby money". 1971 hatten er und Carol geheiratet und in den folgenden Jahren waren drei Söhne zur Welt gekommen. Der Verdienst, den Cook mit seiner schriftstellerischen Arbeit machen konnte, schien nie groß (und sicher) genug zu sein, um eine Familie ernähren und ein Eigenheim unterhalten zu können. Zumal ihm seine Anstellung bei General Motors neben dem Monatslohn ja auch noch "an insurance package and benefits" sicherte.   
 
Er entwickelte eine Routine, wie er während seiner Schichten an den nächsten Büchern arbeiten konnte: "A very large proportion of my work gets created at work, on my breaks and at lunchtime. Then catch-as-catch-can at other times." 2002 erzählte er in einem Interview mit Quantum Muse:
I got a job that almost nobody else wanted. It was hard to learn, but once I did learn it, I could do it with almost no mental effort, so I was able to work on my writing. I wrote three books a year on that job.
Zu Hause wurde dann hauptsächlich ins Reine getippt.
 
Dass Glen Cook die meisten seiner Bücher geschrieben hat, während er bei GM am Fließband stand, ist für mich ein nicht unwichtiges Detail. Ich bin stets sehr skeptisch, wenn im Zusammenhang mit der Grimdark von "Realismus" die Rede ist  In den meisten Fällen verbergen sich dahinter bloß Zynismus, Nihilismus und Misanthropie, die in meinen Augen in letzter Konsequenz  nur eine sich "edgy" gebärende Form von Konformismus darstellen. Und wie wir noch sehen werden, halte ich auch in Bezug auf die Welt der Black Company den Begriff "realistisch" nur für sehr bedingt anwendbar. Doch was sicher zutrifft ist, dass sich Cooks Romane durch eine schmutzige Erdigkeit auszeichnen. Dass sie den Versuch darstellen, eine epische Fantasyhandlung aus der Sicht des "Fußvolks" zu schildern, weshalb ich sie auch eher der Sword & Sorcery als der High Fantasy zurechne. Und darin spiegelt sich ganz sicher etwas von Cooks eigener Lebenserfahrung wider. Wie er selbst einmal über seine Arbeit bei GM erzählt hat:
One thing working there did do, especially early on, was allow me to come in daily contact with the kind of people who actually do the world's work instead of the sort who spend their whole lives inside academe and don't have a clue. 
Diese populistische Perspektive prägt seine Geschichten und ihre Figuren: "The people in my stories pretty much think and act like working-class people."
 
Allerdings sollten wir uns stets vor Augen halten, dass die Arbeiterklasse, in deren Reihen Glen Cook 1965 eingetreten war, die Verbindung zu ihrer militanten Vergangenheit schon seit längerem weitgehend verloren hatte. Der Wirtschaftsboom der 50er Jahre war zum Nährboden für einen kleinbürgerlichen Konformismus geworden. Er wurde flankiert von einer unablässigen propagandistischen Verherrlichung des "American Way of Life", der Erhebung des Antikommunismus zu einer Art säkularen Staatsreligion und viel flaggenschwingendem Patriotismus. Der offiziellen Arbeiterbewegung war dabei eine zentrale Rolle zugekommen. Die in der AFL-CIO zusammengeschlossenen Gewerkschaften fungierten nicht länger als Kampforgane, sondern sahen sich als "Partner" der Unternehmensleitungen, ihre führenden Vertreter predigten Nationalismus und Klassenzusammenarbeit und ordneten die Arbeiterklasse politisch der Demokratischen Partei unter.
 
Solange der Nachkriegsboom anhielt und mit ihm auch der Lebensstandard breiterer Schichten der Bevölkerung weiter anstieg, blieb diese Ordnung weitgehend stabil. Das änderte sich Ende der 60er Jahre auf dramatische Weise. Der Kapitalismus geriet in seine tiefste Krise seit der Großen Depression. Das Bretton-Woods-System, das den Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit abgegeben hatte, brach in sich zusammen. Weltweit kam es zu einem gewaltigen Aufschwung des Klassenkampfes.
Der französische Generalstreik vom Mai/Juni 1968 oder Italiens "Heißer Herbst" von 1969 dürften zwar sehr viel bekannter sein, aber auch die USA blieben keineswegs verschont von dieser Entwicklung. Die gesamten 70er Jahre waren dort geprägt von einer Reihe z.T. äußerst militanter Arbeitskämpfe. Den Auftakt bildete der "wilde" Streik von 200.000 Postangestellten im März 1970 -- in offener Rebellion gegen die Nixon-Administration und ihre "eigene" Gewerkschaftsführung. Vielleicht noch dramatischer war der "Wildcat" - Streik der Trucker (Teamster), der einen Monat später ausbrach und sechs Wochen andauerte. (4) 
Im Vergleich zu diesen war der landesweite General Motors - Streik, der offiziell am 15. September 1970 begann, eine relativ geordnete Affäre. Einer Einschätzung des Wall Street Journal nach verfolgten Unternehmens- und Gewerkschaftsführung dabei sogar dasselbe Ziel, nämlich die Militanz der Arbeiterschaft zu brechen. Der Streik sollte helfen
to wear down the expectations of members, expectations that in the current situation have been whetted by memories of recent good times and by the bite of inflation. This trimming of hopes eases the difficult task of getting members to ratify settlements leaders have negotiated. (More than one of every 10 agreements hammered out by union officials is rejected by union members.) (5)
Ein solcher Arbeitskampf könnte als Sicherheitsventil für die aufgestauten Frustrationen der Arbeiter dienen und außerdem ihre Loyalität gegenüber der Gewerkschaft festigen. 
Nichtsdestotrotz war der Streik, der 400.000 Arbeiter in 145 Fabriken erfasste und 67 Tage andauerte, ein bedeutendes Ereignis. Seit 1945 hatte die UAW keinen nationalen Streik mehr bei GM organisiert, mit dem Argument, das Unternehmen sei zu groß, als dass eine solche Konfrontation Aussicht auf Erfolg haben könnte. Auch zeigte sich schnell, dass die "Ermattungsstrategie" der Gewerkschaftsführung ihre eigenen Gefahren in sich barg. Schon vor dem offiziellen Beginn des Arbeitskampfes war es an einigen Standorten zu "wilden" Arbeitsniederlegungen gekommen. Und da der Streik nicht allein um Lohnfragen geführt wurde, die auf nationaler Ebene ausgehandelt wurden, sondern in seinem Verlauf auch zahllose lokale Forderungen aufs Tapet gelangten, musste die bürokratische Führung der UAW um Leonard Woodcock stets befürchten, die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren. Schließlich wurde der Arbeitskampf hinter dem Rücken der Streikenden mit einem "geheimen" Übereinkommen beendet.  
Both sides agree that if the strike had dragged on past Thanksgiving, it would have paved the way for an epic dispute continuing into the new year. Such a possibility could have tipped the scales within the U.A.W. from a … strengthening of Woodcock to a messy strike beyond the control of the top leaders. (6)
Viele der Forderungen, die von Rank-and-File - Mitgliedern auf lokaler Ebene aufgestellt worden waren, blieben unbeantwortet und an manchen Orten dauerten die Arbeitsniederlegungen auch nach dem offiziell verkündeten Ende noch eine Zeit lang an. Dass die Militanz der GM - Arbeiter nicht gänzlich gebrochen worden war, zeigte sich u.a. zwei Jahre später bei dem berühmten Lordstown - Streik, der sich vor allem gegen die immer heftigere Arbeitshetze an den Fließbändern richtete, von der UAW-Führung aber bewusst isoliert und abgewürgt wurde.
 
Für die meisten GM-Arbeiter und ihre Familien muss der Streik von 1970 ein hartes und einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Viele von ihnen mussten mit einem Streikgeld von $30 - $40 die Woche über die Runden kommen. Nicht wenige waren gezwungen, auf staatliche Unterstützung wie "Food Stamps" zurückzugreifen. Andererseits war die Solidarität mit den Streikenden in der Bevölkerung sehr groß. (7)       
 
Für Glen Cook muss der Streik ja eine konkrete persönliche Erfahrung gewesen sein. Ob und wie das ihn und sein Weltbild beeinflusst hat, weiß ich freilich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, als habe er politisch je auf der Linken gestanden, aber das alleine sagt für mich noch nicht viel aus. Ganz sicher haben die gesellschaftlichen Entwicklungen der 70er Jahre ihren Niederschlag in Teilen seines Werkes gefunden. TunFaire, die Fantasymetropole, in der seine Garrett, P.I. - Geschichten spielen, ist bewusst nach dem Vorbild von St. Louis entworfen. Und in einem Interview mit Strange Horizons aus dem Jahr 2005 leugnet er nicht, dass die Stadt dabei "the feel of an American city in the 1970s" habe: "striking economic divisions, racial unrest, and an unpopular war abroad. " Allerdings fügt er sofort hinzu:
[B]ut it's not just the 1970s. That's the history of mankind, especially in large cities. Take a city like Byzantium. There were a thousand different neighborhoods, all different religions. People would regularly riot against one another and commit murder.
Mir scheint dies exemplarisch für Cooks Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu sein. Er will die Welt möglichst illusionslos betrachten ("pay attention to the real world, not the world you want to be"), aber letztenendes führt das bei ihm dazu, dass er Ereignisse und Entwicklungen aus ihrem konkreten historischen Zusammenhang löst und einer pessimistischen und im Kern sehr konservativen Geschichtsphilosophie ("That's the history of mankind") unterordnet, einer Art "Es gibt nichts neues unter der Sonne". (8) Dazu gehört sicher auch, dass er die Bedeutung, die kriegerische Auseinandersetzungen für die gesellschaftliche Entwicklung spielen, deutlich überschätzt: "[H]istories always seem to revolve around the wars that shape cultures and civilizations."
 
Es verwundert nicht, dass sich Spuren davon auch in den Black Company - Romanen finden. Doch dazu mehr in (hoffentlich) einer Woche ...
   
 
 
 
(1) In der Broschüre zur World Fantasy Convention 2006 heißt es in einer biographischen Notiz zu Glen Cook, der dort einer der "Guests of Honor" war, er habe die Universität nach seinem Abschied von der Navy "on the GI bill" besucht. Das macht zwar Sinn, fügt sich aber schlecht in den Rest seines Lebenslaufes ein.  
 
(2) Der soll sich nach der Lektüre einiger Pulp-Magazine gedacht haben: "I had gone thoroughly through some of the all-fiction magazines and I made up my mind that if people were paid for writing such rot as I read I could write stories just as rotten." Woraufhin er A Princess of Mars schrieb.
 
(3) Oder handelt es sich bei den beiden um ein und dieselbe Erzählung? An anderer Sttelle beschreibt Cook The Sword Called Precious Pearl nämlich als "a bastard child of Tolkien and E.R.R. Eddison"?
 
(4) Interessanterweise war St. Louis dabei ein zentraler Schauplatz. Wie der Chef von Lee Way Motor Freight, Inc. im Mai 1970 gegenüber dem Wall Street Journal erklärte: "We’ve been unable to operate into the East because of the Teamsters union in St. Louis, whose roving pickets have stopped all our drivers at various Mississippi River crossings." (Zit. nach: Jeremy Brecher: Strike! (Revised, Expanded and Updated Edition). S. 231.
 
(5) Wall Street Journal, 29. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 235.
 
(6) Wall Street Journal, 5. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 236. 
 
(7) Vgl. dazu: Timothy J. Minchin: "A Gallant Fight": The UAW and the 1970 General Motors Strike(Der Artikel vertritt eine gänzlich unkritische Haltung gegenüber der Gewerkschaftsführung, enthält aber eine Reihe interessanter Informationen) Judy Putnam: Rememebering the GM strike from 1970: Peanut butter and jelly sandwiches.  
 
(8) George Orwell hat den eigentlichen Inhalt derartiger Geschichtsvorstellungen einmal sehr treffend so beschrieben: "It is not very difficult to see that this idea is rooted in the fear of progress. If there is nothing new under the sun, if the past in some shape or another always returns, then the future when it comes will be something familiar. At any rate what will never come -- since it has never come before -- is that hated, dreaded thing, a world of free and equal human beings." (As I Please, 25. Februar 1944)