"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 29. März 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (2/3)

 Teil 1

Aus einer Woche sind mehrere Monate geworden, aber schließlich habe ich es doch geschafft, einen weiteren Teil meiner Gedanken zu Glen Cooks Black Company "zu Papier" zu bringen. Allerdings beschränke ich mich darin ganz auf den ersten Band der Trilogie. Dieser Blogbeitrag wird also noch einen dritten Teil bekommen. Wann das geschehen wird, steht noch in den Sternen, aber ich hoffe doch, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird.  
 
 
Glen Cook schrieb die Black Company ursprünglich in Form einer Reihe aufeinander aufbauender Novellen, von denen allerdings nur Raker, das spätere dritte Kapitel, in der Augustausgabe 1982 des Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht wurde. 
 
Ganz ausdrücklich sei es ihm bei seiner Erzählung um den Söldnertrupp nicht darum gegangen, bewusst die Konventionen der epischen oder heroischen Fantasy zu brechen. Zwar habe er die Idee gehabt, seine Geschichte "from the viewpoint of the grunts" zu erzählen und diese dabei anfangs zu den "'bad guys'" zu machen, doch sei dies keine "Wow! Wouldn’t this be a kickass twist? kind of decision" gewesen. "I’ve never seen the Black Company series as especially different. Some people seem to disagree."
 
Über Cooks Agenten Russell Galen gelangte das Manuskript schließlich auf den Schreibtisch der für  die Horrorsparte Verantwortlichen bei Tor. Deren erste Reaktion war ablehnend. Vor allem, da es ihr unmöglich war, Sympathien für irgendeine der Figuren zu entwickeln. Was der Autor einmal etwas sarkastisch so kommentiert hat:
Well, I wanted to write a book about real medieval mercenaries. These aren't kind and gentle people. Not exactly left-leaning democrats. 
Doch einige Wochen später erreichte Cook eine weitere Nachricht der Editorin, die ungefähr so lautete: "I can't get this out of my head. There is something here that works and I want to do the book." Also trafen sich die beiden während der World Fantasy Convention 1983 in Chicago, palaverten stundenlang über das Buch (wobei auch eine Menge Alkohol geflossen sein soll) und brachten die Geschichte schließlich in eine Form, mit der beide leben konnten. Das führte u.a. auch dazu, dass die Black Company, die ursprünglich nur ein einziger Roman sein sollte, auf eine (erste) Trilogie anwuchs.  
 
Cover von Didier Graffet für die französische Ausgabe von The Black Company 
 
Ich sollte an dieser Stelle wohl noch einmal betonen, dass ich bislang nur diese erste Trilogie gelesen habe. Meine Einschätzung basiert also ausschließlich auf The Black CompanyShadows Linger und The White Rose. Gut möglich, dass manches in späteren Büchern ganz anders aussieht.
 
Abgesehen von einem signifikaten Teil von Shadows Linger (und einem kleineren in The White Rose) wird die Geschichte ganz in der ersten Person und von Croaker, dem Regimentsarzt und offiziellen Chronisten der Black Company, erzählt. Nun ist es sicher nicht ganz falsch, in ihm eine Art Stand-In für den Autor zu sehen. In einem Interview mit J. Buck Caldwell hat Cook sogar mal ganz offen erklärt: "Croaker is me". Dennoch halte ich es für wichtig, sich beim Lesen stets bewusst zu sein, dass man die Ereignisse aus einem ganz bestimmten, keineswegs "neutralen" oder "objektiven" Blickwinkel erzählt bekommt. Und dass wir als Lesende dabei nicht in jedem Fall Croakers Sicht auf die Dinge unbesehen übernehmen sollten. 
 
Dennoch war es vor allem seine Erzählstimme, die mich sofort gefesselt und dann nicht mehr losgelassen hat. Ihm zu lauschen, ist einfach ausgesprochen unterhaltsam, ganz gleich, was er einem erzählt. Grund dafür ist u.a. sein sarkastischer Sinn für Humor. Dass dieser auch eine Art mentaler Überlebensstrategie für Croaker darstellt, wird recht früh in einem kurzen Wortwechsel mit seinem besten Kumpel Elmo hervorgehoben:
"One of these days you're going to say something without getting sarcastic and I'll curl up and die, Croaker."
"Keeps me sane, friend."
"That's debatable, Croaker. Debatable." 
Vor allem im ersten Buch legt Croaker eine sehr zynische Sicht auf die Welt und die Rolle, die die Black Company in ihr spielt, an den Tag. Aber selbst dann fühlt er sich zumindest dazu gedrängt, immer wieder zu versuchen, das Verhalten des Söldnertrupps zu rechtfertigen. Er ist jemand, der zu Reflexionen neigt und sich seine eigenen Gedanken macht, was ihn beinahe automatisch dazu führt, nichts einfach so hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen. Auch hat er sich trotz seines blutigen Handwerks eine gewisse Menschlichkeit bewahrt. Auch wenn er es selten zulässt, dass davon seine Handlungen bestimmt werden.
 
Um Croakers Verhalten und das seiner Kameraden zu verstehen, muss man sich klar machen, was die Black Company eigentlich ist und was sie für ihre Mitglieder bedeutet.
 
Der Elite-Söldnertrupp ist "the last of the Free Companies of Khatova". Wer oder was Khatova war, weiß zum Zeitpunkt der ersten Trilogie allerdings keiner mehr. Ein Land? Eine Stadt? Ein Herrscher oder ein Feldherr? 
Aber auch wenn der Ursprung der Company im Nebel der Vergangenheit verlorengegangen ist, spielt ihre jahrhundertealte Tradition -- von den Chronisten festgehalten -- eine wichtige Rolle für ihr Selbstverständnis. Zu Croakers Aufgaben gehört es nicht nur, die Taten der Company aufzuzeichnen, sondern auch in regelmäßigen Abständen öffentliche Lesungen aus den Annalen zu veranstalten, um die Moral der Truppe mit (möglichst passenden) Exempeln aus ihrer langen Geschichte zu stärken.
Dennoch bekommt man nicht das Gefühl, dass dieser auf Tradition basierende "Truppen-Patriotismus" das wichtigste Element für den Zusammenhalt der Black Company ist. Für Croaker persönlich ist er vermutlich wichtiger als für viele seiner Kameraden. Andere, "banalere" Gründe dürften für die meisten von ihnen sehr viel ausschlaggebender sein.
 
Psychologische Studien über Soldaten im 2. Weltkrieg (aus unterschiedlichsten Armeen) haben öfters zu dem Ergebnis geführt, dass die wichtigste Antriebskraft derselben nicht ideologischer Natur gewesen sei, sondern aus der sog. "Primary Group Cohesion" bestanden habe, d.h. aus dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen kleinen Einheit. William Manchester hat dies in seinen Kriegsmemoiren Goodbye Darkness so beschrieben:
Those men on the line were my family, my home. They were closer to me than ... my friends had ever been or would be. They had never let me down, and I couldn't do it to them ... Men, I now knew, do not fight for flag or country, for the Marine Corp or glory or any other abstraction. They fight for one another. (1)
Daran musste ich bei der Lektüre der Black Company mehr als einmal denken.  
 
Für deren Mitglieder können ideelle oder ideologische Antriebe natürlich erst recht kaum eine Rolle spielen. Schließlich sind sie Söldner und kämpfen weder für ein "Vaterland" noch für eine Idee, sondern für bare Münze. Zugleich besteht ihr gesamtes Leben in gewisser Hinsicht aus einem nie endenden Feldzug, auch wenn sich die Company selbstverständlich nicht permanent im Kampfeinsatz befindet. Aber "Frieden" gibt es für sie praktisch nicht, denn der Krieg ist ihr Handwerk. 
Die Verbundenheit zur eigenen Truppe wird für diese Berufskrieger deshalb sicher eine noch weit größere Rolle spielen als dies im Soldatendasein ohnehin schon der Fall ist. Zumal die Black Company die einzige soziale Gemeinschaft ist, die für sie noch existiert. Croaker und seine Kameraden stammen ursprünglich aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Aber mit dem Eintritt in die Company haben sie jede Verbindung zu dieser Vergangenheit gekappt. Für viele von ihnen war das sogar einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich dem Söldnerleben verschrieben haben. Das gilt selbst für den Kommandanten der Company, von dem Croaker erzählt:
In all the years I have known the Captain I have learned almost nothing about him. Just a hint here and there, fleshed out by speculation.
He was born in one of the Jewel Cities. He was a professional soldier. Something overturned his personal life. Possibly a woman. He abandoned commission and titles and became a wanderer. Eventually he hooked up with our band of spiritual exiles.
We all have our pasts. I suspect we keep them nebulous not because we are hiding from our yesterdays but because we think we will cut more romantic figures if we roll our eyes and dispense delicate hints about beautiful women forever beyond our reaches. Those men whose stories I have uprooted are running from the law, not a tragic love affair.  
In dieser Hinsicht erinnert die Black Company stark an das Bild, das wir uns traditionell von der Französischen Fremdenlegion machen. Zu ihren ungeschriebenen Gesetzen gehört es, einen Kameraden niemals nach der "Zeit davor" zu fragen.
 
Wenn die Company längere Zeit an einem Ort stationiert ist, können sich zwar Beziehungen zur ansässigen Bevölkerung ausbilden, doch sind diese von Natur aus temporär. Wie Croaker zu Beginn des Buches im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppe aus der Stadt Beryl erzählt:
You stop moving and immediately put down roots. You accumulate things. You find a woman. Then the inevitable happens and you have to leave it all. There was a lot of pain floating around our barracks.
Wenn die Black Company für ihre Mitglieder so etwas wie "Heimat" oder "Familie" darstellt, man seine Kameraden als "Brüder" betrachtet, ist das nicht Ausdruck eines faschistoid-militaristischen Männerbündlertums, sondern einfach die natürliche Konsequenz dieser Lebensumstände. Und wird von Cook überdies ohne jede Romantisierung geschildert.
Daraus erklärt sich auch, warum das Überleben der Company als Gruppe für Leute wie Croaker einen so hohen Wert darstellt. Wir werden in den späteren Teilen der Trilogie noch sehen, welch entscheidenden Einfluss auf die Handlung das haben wird.
 
Dass die Company einfach für den Meistbietenden kämpfen würde, wie man in einigen Besprechungen der Bücher zu lesen bekommt, ist übrigens nicht ganz richtig. Denn sie besitzt sehr wohl so etwas wie einen "Ehrenkodex", auch wenn der nichts mit "Ritterlichkeit" oder ähnlichem zu tun hat. Eher schon könnte man ihn als eine Art "Berufsethos" beschreiben. Zum einen haben die Söldner den Anspruch, ihr blutiges Handwerk besser, geschickter und vor allem erfolgreicher zu betreiben als jede vergleichbare Truppe. Darüberhinaus legen sie aber auch besonderen Wert auf ihre unverbrüchliche Loyalität, wenn sie erst einmal angeheuert worden sind. Im Laufe ihrer langen Geschichte hat die Black Company vielen Herren gedient. Aber nie hat sie einen von ihnen verraten.
 
Entsprechend bedeutungsvoll ist es, dass das erste Buch mit genau so einem Verrat beginnt.
 
Seit einiger Zeit steht die Black Company im Dienst des Syndics von Beryl. Doch dessen Herrschaft wird zunehmend instabiler. Erst recht, nachdem ein geheimnisvoller Gesandter aus dem Norden eintrifft, dessen Ziel offenbar darin besteht, den Stadtstaat in das Protektorat einer fremden Großmacht zu verwandeln. Und zeitgleich ein Monster beginnt, die Straßen der Metropole unsicher zu machen. Der Captain der Company gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es Selbstmord wäre, dem Syndic noch länger die Treue zu halten. Croaker, der als Chronist diesen Prinzipienbruch vor der Nachwelt rechtfertigen muss, ist nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung, beharrt aber nicht auf seinem Protest. Also fällt die Company den regulären Truppen von Beryl in den Rücken und zieht anschließend mit ihrem neuen Patron nach Norden. Zu spät realisieren die Söldner, in wessen Dienst sie damit getreten sind.
 
Vor langer Zeit herrschte der "Dominator", ein kaum mehr als Mensch zu bezeichnender Meister der Schwarzen Magie, über ein gewaltiges Reich des Bösen. Am Ende wurde seine Tyrannei durch einen Aufstand beendet, an dessen Spitze eine Frau stand, die nur als "The White Rose" bekannt ist. Doch weder der "Dominator", noch seine Gemahlin oder seine mächtigsten Gefolgsleute, die sogenannten "Taken" (2), konnten wirklich getötet werden. Vielmehr wurden sie zu (wie man hoffte) "ewigem" Totenschlaf in den Hügelgräbern der "Barrowlands" verdammt. Unglücklicherweise nahm die Wachsamkeit der Nachgeborenen über die Generationen mehr und mehr ab, bis die unvorsichtige Neugier des Magiers Bomanz schließlich zur Katastrophe führte. Der "Dominator" selbst blieb zwar eingeschlossen, doch seine ehemalige Gattin, die "Lady", erhob sich erneut und errichtete zusammen mit den "Taken" ein neues finsteres Imperium. In ihren Diensten steht von nun an auch die Black Company.   
 
Der Struktur des ersten Buches sieht man noch ziemlich deutlich dessen Entstehungsgeschichte an. Viele der frühen Kapitel besitzen einen novellenartigen Charakter und erzählen weitgehend in sich abgeschlossene Episoden. Im Auftrag der "Lady" (und ihres neuen Patrons Soulcatcher) zieht die Black Company in den Kampf gegen eine Rebellenbewegung, die erneut das Banner der "Weißen Rose" (3) aufgerichtet hat. Zur Schilderung großer Schlachten kommt es dabei vorerst nicht, vielmehr erleben wir mit, wie die Company nacheinander einige der wichtigsten Führer des Widerstandes ausschaltet, ohne dass dadurch das Ende des Krieges irgendwie näher zu rücken scheint. 
 
Trotz ihres episodischen Charakters führen diese Kapitel aber auch einige Elemente ein, die eine wichtige Rolle in der Gesamt-Trilogie spielen werden. Das sind vor allem drei:
- Recht bald schon entwickelt sich eine heftige Feindschaft zwischen der Black Company und dem "Limper", einem der zehn "Taken".
- Kurz nach ihrer Ankunft im Norden schließt sich ein Mann namens Raven der Company an. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er aus aristokratischen Kreisen, hat seinen Rang jedoch eingebüßt, wobei Verrat mit im Spiel gewesen sein dürfte. Irgendwie fügt er sich nie so richtig in die Truppe ein, obwohl er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zum Captain entwickelt. Croaker steht ihm ambivalent gegenüber. Es fällt ihm schwer, ihn und seine Motive richtig einzuschätzen. Relativ früh auf dem Feldzug rettet Raven das taubstumme Mädchen "Darling" vor einer Gruppe marodierender Soldaten des "Limper". In der Folge wird "Darling" zu so etwas wie dem "Maskottchen" der Black Company und ihr Wohlergehen scheint schon bald Ravens höchstes (wenn nicht einziges) Ziel zu sein.
- Nachdem die Company das Hauptquartier von Whisper, der brillantesten Heerführerin der Rebellen, eingenommen hat, fällt Croaker und seinen Kameraden ein Haufen alter Aufzeichnungen in die Hände, die möglicherweise die Wahren Namen der "Taken" und der "Lady" enthalten könnten. Was eine mächtige Waffe gegen diese darstellen würde.
 
Vor allem aber machen uns die Kapitel näher mit der Black Company und dem Kreis um Croaker bekannt: Dem Captain, seiner "rechten Hand", dem Lieutenant, Elmo, Otto, Hagop und anderen. Die markantesten Figuren sind dabei sicher die drei Magier der Truppe: Silent, der nie ein Wort spricht (warum, weiß keiner), sich aber vermutlich mehr Gedanken macht als die meisten seiner Kameraden. Auch wenn er nach außen hin kalt, rücksichtslos und manchmal grausam erscheint, bekommt man doch den Eindruck, dass sich hinter dieser Fassade ein ziemlich komplexes Gefühlsleben verbirgt. One-Eye, das älteste Mitglied der Company und der einzige Schwarze, den es in der "schwarzen" Schar noch gibt. Er hat eine Nase fürs Finanzielle, stets gute Kontakte zum örtlichen Schwarzmarkt, und ist neben Croaker der einzige in der Truppe, der über medizinische Kenntnisse verfügt, auch wenn seine Rezepturen oft etwas "ungewöhnlich" ausfallen. An Exzentrizität wird er höchstens noch von Goblin übertroffen. Zwischen den beiden herrscht eine nie endende Rivalität. Ständig versuchen sie sich mit ihren Zauberformeln gegenseitig zu übertreffen. Ihre "Scherze" können mitunter recht gewalttätig ausfallen und ihr Mangel an Disziplin führt manchmal zu unnötiger Gefahr, aber trotz allem sind sie im Herzen eigentlich Freunde, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Wir erhalten außerdem ein Gefühl für das Leben, das diese Menschen führen -- zwischen extremer Gewalt und Langeweile, Kartenspielen und "Kommandoeinsätzen". 
 
Mehr als einmal bin ich bei der Recherche auf Vergleiche der Black Company - Bücher mit der Vietnamkriegsliteratur der Zeit gestoßen. Steven Erikson etwa hat einmal geschrieben: "Reading his [Cook's] stuff is like reading Vietnam war fiction on peyote". Diese Kommentare veranlassten mich dazu, einmal wieder eines der "Originale" aus dem Regal zu pflücken -- Dispatches (An die Hölle verraten) von Michael Herr. Was mich sehr schnell davon überzeugt hat, wie unangemessen ein solcher Vergleich ist. Nichts in Cooks Büchern lässt sich mit der Flut an subjektiven Eindrücken, kurzen Szenen, Skizzen und Anekdoten vergleichen, die Herr im Stil des Gonzo-Journalismus über seine Leser*innen hereinbrechen lässt und die bei diesen schon bald zu Übelkeit und Desorientierung führen muss. Das ist kein bloß stilistischer Unterschied. Herr vermittelt auf diese Weise ein extrem intensives Bild des schieren Wahnsinns von Vietnam in all seinen grausigen Facetten. Dabei ist Dispatches nicht einmal aus einer expliziten Antikriegsperspektive geschrieben, Herr versucht einfach bloß zu schildern, "wie es war". (4) Man mag einwenden, dass An die Hölle verraten keine fiktionale Literatur ist und sich deshalb nur schlecht als Vergleich eignet, aber Elemente aus dem Buch sind in fiktionale (wenn auch filmische) Werke wie Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) eingeflossen, an deren Drehbüchern Michael Herr mitgeschrieben hat. Auf jeden Fall entwickelt Cooks Roman zu keinem Zeitpunkt eine vergleichbare Energie. Was ich gar nicht als Kritik verstanden wissen will. Andernfalls wäre The Black Company kaum eine so unterhaltsame Lektüre. 
 
Dass man rein inhatlich einige Anklänge an Vietnam aus dem Roman heraushören kann, will ich hingegen gar nicht leugnen. Was nicht verwunderlich ist, dürfte dies doch der Krieg gewesen sein, der zu Beginn der 80er Jahre den meisten Amerikanern noch sehr gegenwärtig war. Die Black Company kämpft auf Seiten einer imperialen Großmacht gegen eine Bewegung von Aufständischen. Da kann man natürlich Parallelen zur US-Armee und den Partisanen der National Liberation Front (NLF) ziehen. Das Gefühl, von einer feindseligen Bevölkerung umgeben zu sein und hinter jedem fremden Gesicht einen potenziellen Rebellen vermuten zu müssen, ähnelt jedenfalls ganz sicher der Erfahrung amerikanischer Soldaten in Vietnam. Und so wie der Gegner im GI-Jargon als "Charlie" (Viet Cong = Victor Charlie) bezeichnet wurde, spricht man in der Company stets von "the Rebel" im Singular. Auch hat mich eine von Whispers Strategien spontan an die Tet-Offensive von 1968 denken lassen, auch wenn die Ähnlichkeiten in Wirklichkeit vermutlich nicht gar so groß sind.
 
Nichts von all dem sollte einen allerdings dazu verleiten, in dem Buch eine Art Vietnamkriegsallegorie zu sehen. Und wenn man schon nach Anspielungen suchen will, so sind die auf Tolkiens Lord of the Rings sehr viel eindeutiger.
 
Zuerst einmal erinnern die "Taken" unschwer an die Nazgûl, auch wenn sie anders als die Ringgeister über individuelle Persönlichkeiten, Motive und Ziele verfügen, und zumindest einige von ihnen dabei fast menschlich wirken können. Wenn sie sich auf ihren Fliegenden Teppichen durch die Lüfte schwingen, lässt das anfangs zwar auch ein bisschen an Tolkien denken, doch wird man darin im weiteren Verlauf der Erzählung (und erst recht im dritten Band) vor allem das Fantasyäquivalent zu Helikoptern, Düsenjägern oder Bombern erkennen. (5)
Gar kein Zweifel an einer bewussten Anspielung auf den Lord of the Rings besteht hingegen, wenn erstmals die Rede vom "Auge" der "Lady" ist. Goblin soll telepathischen Kontakt zu Soulcatcher aufnehmen. Doch unglücklichereise befindet sich der Patron der Black Company zu diesem Zeitpunkt gerade im Turm der "Lady" und der Zauberer gerät deshalb ungewollt in den Blickfeld ihres "Auges".
Goblin let out a long, shrill screech as chilling as an owl's when you are alone in the woods at midnight. One-Eye charged at the sound.
Such moments make me doubt the sincerity of their animosity.
Goblin moaned. "He's in the Tower. He's with the Lady. I see her through his eyes ... his eyes ... his eyes ... The darkness! Oh, God, the darkness. No! Oh, God, no! No!" His words twisted into a shriek of pure terror. That faded to, "The Eye. I see the Eye. It's looking right through me."
Raven and I exchanged frowns and shrugs. We did not know what he was talking about.
Goblin sounded like he was regressing toward childhood. "Make it stop looking at me. Make it stop. I've been good. Make it go away."  
Da wird man doch unwillkürlich an Pippin und den Palantir denken müssen. 
Wie sich später herausstellt, ist das "Auge" allerdings eher ein magisches Instrument, mit dessen Hilfe die "Lady" den Geist eines Menschen zu durchleuchten und ihm sämtliche Gedanken und Erinnerungen zu entreißen vermag. Verglichen mit Sauron findet hier also eine Art "Entmythologisierung" statt.
Dasselbe gilt für den "Turm", der zwar selbstverständlich an Barad-dûr erinnern soll, sich aber gerade nicht inmitten einer Wüstenei à la Mordor erhebt. Auch wenn solche Vorstellungen unter den Rebellen weitverbreitet sind.
Nearer the Tower the land became less pastoral, but never reflected the gloom Rebel propagandists placed around the Lady's stronghold. No brimstone and barran, broken plains. No bizarre, evil creatures strutting over scattered human bones. No dark clouds ever rolling and grumbling in the sky. 
Der "Turm" ist auch der Schauplatz der gewaltigen Schlacht von Charm, die den Höhepunkt darstellt, auf den die Handlung des ersten Buches bei aller Episodenhaftigkeit der frühen Kapitel zusteuert. 
Die vereinigten Heere der Rebellion marschieren auf die Festung der "Lady". Am Himmel ist ein Komet aufgetaucht, der der Überlieferung nach dort auch beim Sieg über den "Dominator" gestanden haben soll. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Das einzige, was zur Erfüllung der alten Prophezeiungen fehlt, ist das verheißene Erscheinen einer Wiedergeburt der "Weißen Rose" selbst. Die "Lady" lässt es nicht zu einer offenen Feldschlacht kommen, sondern konzentriert sich darauf, ihre Stellung zu befestigen und den "Turm" bis zur Ankunft eines Entsatzheeres zu halten.
 
Die Schlacht von Charm ist ein gewaltiges Gemetzel, bei dem Zehntausende den Tod finden, und in dessen Verlauf sich die "Lady" aller ihrer offenen und verborgenen Feinde entledigt. Nicht nur gelingt es ihr, die gesamte Streitmacht der Rebellen auf einen Schlag zu vernichten, sie nutzt das Chaos auch, um eine Reihe von "Taken" auszuschalten, die heimlich mit dem "Dominator" im Bunde standen und dessen Wiedererweckung herbeiführen wollten. Dass dabei auch eine erkleckliche Anzahl ihrer eigenen Männer das Leben lassen müssen, nimmt sie bereitwillig in Kauf.
 
Epische Schlachtschilderungen in der Fantasyliteratur lassen mich oft kalt. Im Grunde halte ich es da mit dem alten Tolkien, der einmal gesagt hat: "Schlachten pflegen einander allzu ähnlich zu sehen".(6)Die letzte Fantasyschlacht, die mich wirklich gepackt hat, war diejenige in Steven Brusts Dragon. Denn die wird nicht nur aus der Sicht der "Grunts" geschildert, sondern dank Vlad Taltos als Erzähler auch mit einem ironischen Blick auf all das militaristische Gedöns. Die Schlacht von Charm hatte auf mich nicht ganz dieselbe Wirkung. Croaker & Kumpanen gehören zwar zum "Fußvolk", stehen aber nicht unmittelbar im "Schützengraben". Als Elitetruppe bildet die Black Company vielmehr den letzten Schutzwall um den "Feldherrenhügel" der "Lady". Auch wenn das fürchterliche Gemetzel bei Croaker zum ersten Mal echte Kriegsmüdigkeit aufkommen lässt, bleibt er für große Teile des blutigen Geschehens doch hauptsächlich "Beobachter" (wenn er nicht gerade im Lazarett zugange ist). Vor allem jedoch wird die Belagerung zum Anlass für die besondere Beziehung, die sich zwischen ihm und der "Lady" entwickelt, und die dann vor allem im dritten Band zu einer merklichen Perspektivverschiebung der gesamten Erzählung führen wird.

Von früh an entwickelt Croaker eine (vielleicht etwas ungesunde) Faszination für die finstere Dienstherrin der Company. Und da er auch abseits seiner offiziellen Funktion als Chronist gewisse schriftstellerische Neigungen hegt, beginnt er spaßeshalber Romanzen über sich und die "Lady" zu schreiben. Was auf Jahre hinaus zu einem "running gag" unter seinen spottlustigen Kameraden wird. Als die "Lady" ihn dann allerdings tatsächlich zu sich beordert, verlässt ihn sein Übermut sehr schnell und er hat die Hosen gestrichen voll. Denn die reale "Lady" ist alles andere als eine romantische Figur. Aus Gründen, die Croaker nicht wirklich versteht, wünscht sie, dass ein "objektiver" Bericht über die bevorstehende Schlacht angefertigt wird, und hat sich ihn für diese Aufgabe ausgewählt. Einerseits verstärkt das noch Croakers Position als  "Beobachter", anderereseits erfährt er dabei, dass der Führungszirkel der "Weißen Rose" (angeblich) von heimlichen Anhängern des "Dominators" durchsetzt ist. Vor allem aber erlebt er hautnah mit, wie die "Lady" mit Soulcatcher abrechnet, bei dem es sich in Wirklichkeit um die Schwester der Dunklen Herrin handelt. Und dieses Erlebnis lässt ihn erstmals so richtig an seiner zynischen Weltsicht zweifeln.
I could not get my feelings straight. I did not believe in evil as an active force, only as a matter of viewpoint, yet I had seen enough to make me question my philosophy. If the Lady were not evil incarnate, then she was as close as made no difference. 
Weiterreichende Konsequenzen für sein Handeln hat das vorerst zwar noch nicht, denn wie er selbst sagt:
There are limits to one's luck, one's power, to how much one dares resist. I hadn't the nerve to follow through on my impulse. Later, maybe. 
Ganz sicher jedoch hat es einen Einfluss darauf, wie Croaker auf die überraschende Wendung reagiert, mit der der erste Band zum Abschluss kommt. 
 
Erste subtile Anzeichen dafür hatte es zwar auch vorher schon gegeben, doch auf den letzten Seiten von The Black Company erweist es sich dann engültig, dass die taubstumme "Darling" die wiedergeborene "White Rose" ist. Raven nutzt das Durcheinander der Schlacht, um zusammen mit seinem Schützling zu fliehen. Als Croaker ihm auf die Schliche kommt, lässt er ihm heimliche Unterstützung zukommen, wohlwissend, dass die "Lady" einen derartigen Verrat niemals verzeihen wird. Überraschenderweise schließt sich ihm dabei auch der Zauberer Silent an. Nicht dass Croaker nun im Inneren auf die Seite der Rebellion übergetreten wäre. Ihm geht es erst einmal bloß darum, das Leben einer Unschuldigen zu retten, die auch ihm etwas bedeutet. Doch zugleich hegt er zumindest die vage Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, die nicht von Leuten wie der "Lady" oder dem "Dominator" beherrscht wird. Seine Entscheidung wird noch sehr schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
 
Ich denke, danit wäre der Punkt erreicht, abschließend ein paar vorläufige Überlegungen zu The Black Company und der Grimdark anzustellen.
 
Glen Cook erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Söldnertruppe, die im Dienst einer Dunklen Herrscherin steht. Natürlich ist das Szenario dreckig, finster und blutig. Was würde man anderes bei dieser Prämisse erwarten? Und selbstverständlich sind unsere Protagonisten alles andere als liebenswert-nette Gestalten. Den meisten von ihnen würde man im realen Leben wohl lieber nicht über den Weg laufen. Wir bekommen zwar nur selten offen gezeigt, zu welchen Brutalitäten diese Männer fähig sind, aber an einer Stelle, als die Mitglieder der Company sich nach einem Sieg etwas "austoben", schreibt Croaker selbst über seine Kameraden.   
You know they are vicious, violent and ignorant. They are complete barbarians, living out their cruelest fantasies, their behavior tempered only by the presence of a few decent men. I do not often show that side because these men are my brethren, my family, and I was taught young not to speak ill of kin.
Doch für sich allein genommen macht das in meinen Augen noch nicht notwendigerweise "grim & gritty" aus. Wie ich im ersten Teil dieses Beitrags schon einmal gesagt habe, bin ich immer erst einmal skeptisch, wenn im Zusammenhang mit Grimdark der so häufig missbrauchte Begriff "Realismus" fällt. Aber hier scheint er mir wirklich angebracht zu sein. Das sind Leute, die den Krieg zu ihrem Beruf gemacht haben. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie sie zur Black Company gefunden haben. Selbst von Croaker hören wir wenig mehr, als dass er aus einem städtischen Umfeld stammt. Aber ganz gleich, warum sie sich ursprünglich dem Trupp angeschlossen haben, diese Art von Leben wird psychologische Auswirkungen haben. Wer längerfristig dabeibleibt, wird entweder über einen entsprechenden Charakter verfügen oder ihn entwickeln. Bestenfalls wird er sich wie Croaker dazu getrieben fühlen, "[to] hung armor plate over my moral soft spots".  Wie sonst sollte man das überstehen, ohne verrückt zu werden? Und um noch einmal auf Michael Herrs An die Hölle verraten zurückzugreifen: Die größte Ähnlichkeit bestand für mich zwischen dem, was Herr im Khe Sanh - Kapitel seines Buches über eine Gruppe von Marines erzählt, und Cooks Darstellung des Verhaltens seiner Söldner und ihrer Gruppendynamik. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Marines eine Heimat haben, in die sie zurückzukehren hoffen.
 
Für mich persönlich definiert sich die Grimdark in erster Linie über zwei Faktoren: Das Welt- und Menschenbild, das von dem fraglichen Werk zum Ausdruck gebracht wird, sowie die Art der Darstellung.
 
Wie schon mehrfach erwähnt, ist Croakers Sicht auf die Welt eine sehr zynische: 
Every ruler makes enemies. The Lady is no exception. The Sons of the White Rose are everywhere ... If one chooses sides on emotion, then the Rebel is the guy to go with. He is fighting for everything men claim to honor: freedom, independence, truth, the right ... All the subjective illusions, all the eternal trigger-words. We are minions of the villain of the piece. We confess the illusion and deny the substance.
There are no self-proclaimed villains, only regiments of self-proclaimed saints. Victorious historians rule where good or evil lies.
We abjure labels. We fight for money and an indefinable pride. The politics, the ethics, the moralities. are irrelevant. 
Ob die Erzählung diese Weltsicht bestätigt, ist jedoch eine ganz andere Frage. Und zwar eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so leicht beantworten lässt.
Fakt ist, dass wir mehrfach demonstriert bekommen, dass die Rebellenbewegung in der Wahl ihrer Mittel und der Art ihres Vorgehens nicht weniger skrupellos und brutal ist als die Truppen der "Lady". Das extremste Beispiel dafür ist die Folterkammer, die Croaker und seine Kameraden auf einem ihrer Einsätze entdecken.
Torture chambers exist, of course, but the mass of men never see them, so they never really believe in them. I'd never seen one before.
I surveyed the instruments, looked at Zouad strapped into a huge bizarre chair, and wondered why the Lady was considered such a villain. These people said they were the good guys, fighting for the right, liberty, and the dignity of the human spirit, but in method they were no better than the Limper.
Dies könnte den Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Problem revolutionärer Gewalt abgeben. Der komplexen Frage über die dialektische Beziehung zwischen Mitteln und Ziel, und wo die Linie verläuft, die man nicht überschreiten kann, ohne damit die eigenen Ideale zu verraten. Doch das geschieht nicht und Cook wäre vermutlich auch nicht der richtige Autor dafür. Und so bleibt in der Tat der Eindruck zurück, dass letztlich kein moralischer Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten besteht.
Die Frage bleibt vor allem deshalb so diffus, weil wir so wenig konkretes über die Welt erzählt bekommen, in der die Geschichte spielt. Der "Realismus" von Cooks Erzählung beschränkt sich völlig auf die Darstellung der Black Company als einer Einheit von Berufssoldaten. Alles jenseits davon bleibt äußerst skizzenhaft. Wir erhalten keinen wirklichen Eindruck von der sozialen, kulturellen und politischen Realität dieser Welt und können uns deshalb auch kein richtiges Bild von der Rebellion und ihren Zielen machen. In dieser Hinsicht bleibt alles auf einer abstrakt-moralischen Ebene.
Dennoch würde ich sagen, dass man das Buch nicht notwendigerweise als Bestätigung einer zynischen Weltsicht lesen muss. Auch wenn der Text ohne Zweifel entsprechende Tendenzen enthält. Doch spätestens wenn die "Lady" beinahe wortwörtlich Croakers ursprüngliche Ansichten wiederholt, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen, sollte uns das zu denken geben.
Evil is relative, Annalist. You can't hang a sign on it. You can't touch it or taste it or cut it with a sword. Evil depends on where you are standing, pointing your indicting finger. 
Croakers finaler Sinneswandel spricht gegen diesen zynischen Relativismus. Auf jeden Fall macht er die Dinge sehr viel weniger eindeutig. Wir werden noch sehen, wie sich diese Frage im Rest der Trilogie weiterentwickeln wird. 

Wenn ich was den ersten Punkt betrifft also durchaus Ansätze zur Grimdark in The Black Company erkennen kann, gilt das in keiner Weise für den zweiten. Glen Cook selbst hat einmal gesagt: "It doesn't glorify war; it's just people getting on with the job." Dieser Einschätzung würde ich mich weitgehend anschließen. Natürlich wird man beim Lesen eine gewisse Sympathie für Croaker und seine Kumpels entwickeln, auch wenn man sich der Greueltaten bewusst ist, die die Mitglieder der Black Company mitunter begehen können. Doch nie werden deren Gewalttaten als "cool" dargestellt. Unsere Protagonisten sind keine "edgy" Antihelden. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zu keinem Zeitpunkt ergeht sich Cook in der fasziniert-voyeuristischen Darstellung von Gewalt, die für mich eines der definierenden Merkmale der Grim & Gritty ist. Die Schilderung der Schlacht von Charm etwa ist nicht blutrünstiger als das, was man bei Tolkien oder anderen "Klassikern" zu lesen bekommt. Cook verschließt zwar nicht die Augen vor Grausamkeit, sinnloser Zerstörungswut, sexualisierter Gewalt und anderen verstörenden Realitäten des Krieges, aber er malt sie auch nicht auf geradezu genießerische Weise aus, um damit zu schockieren. Und das ist für mich von wirklich entscheidender Bedeutung.
 
Das letzte Wort zum Thema Grim & Gritty ist damit zwar noch nicht gesagt, aber der Rest wird warten müssen, bis ich meine Gedanken zu Band 2 & 3 der Trilogie ausformuliert habe. Für heute ist jedenfalls erst Mal schluss.    
 

 

 
 
(1) Zit. nach: James M. McPherson: For Cause & Comrades. Why Men Fought in the Civil War. S. 86. Natürlich spielt der Charakter des Krieges dabei eine wichtige Rolle.  In einem revolutionären Krieg dürften ideelle Motivationen eine größere Rolle spielen als in einem imperialistischen. McPhersons Untersuchungen zum Amerikanischen Bürgerkrieg sind dafür ein überzeugendes Beispiel.
 
(2) Die "Ten Who Were Taken" waren einst selbst mächtige Zauberer, die der "Dominator" in seine willfährigen Werkzeuge verwandelt hat. Ob sie lebendig, untot oder irgendetwas dazwischen sind, wird nie genau definiert. Sie tragen so farbenfrohe Namen wie Soulcatcher, The Limper, Shapeshifter, The Howler, Stormbringer, Bonegnasher, The Hanged Man, Moonbiter, Nightcrawler und The Faceless Man. 
 
(3) Ob der Name der Rebellenbewegung von der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Sophie & Hans Scholl, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Kurt Huber inspiriert wurde, weiß ich leider nicht. Bei Cooks leidenschaftlichem Interesse für Geschichte wäre dies zwar durchaus denkbar, doch ähnelt der Charakter der Bewegung in keiner Weise dem der historischen "Weißen Rose".
 
(4) Natürlich ist das Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Vietnamesen tauchen fast nur als Leichen oder als gesichtslose Kombatanten auf. Und wenn man etwas über den politischen und sozialen Kontext des Krieges erfahren will, ist man hier gleichfalls an der falschen Adresse. Das war nicht Herrs Anliegen. Dennoch ist An die Hölle verraten eine zwar alles andere als angenehme, aber dennoch sehr empfehlenswerte Lektüre. Nicht zuletzt aufgrund von Herrs tiefer Empathie für die einfachen Soldaten, ohne dass er deshalb die allgemeine Entmenschlichung und die geradezu "alltäglichen" Greueltaten ignorieren würde.
 
(5) Freilich kann man sich die Frage stellen, ob nicht auch Tolkiens "geflügelte Nazgûl" zumindestens teilweise den Schrecken des Luftkriegs entsprungen sind. Der "Professor" hegte einen besonders starken Hass auf diese Form der modernen Kriegsführung.
 
(6) Brief an Forrest J. Ackerman (Juni 1958). In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 210; S. 362. 

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