"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Dienstag, 7. November 2017

Back in the U.S.S.R. (IX)


Was Ernst Busch hier mit seiner metallisch-markanten Stimme vorträgt sind von Hugo Huppert ins Deutsche übertragene und von Hanns Eisler vertonte Verse Wladimir Majakowskis – des ohne Zweifel berühmtesten Dichters der Russischen Revolution. Und da wir heute den hundertsten Jahrestag des Oktoberumsturzes begehen können, dachte ich mir, es sei angebracht, wenn ich mich zu diesem Anlass im Rahmen meiner sporadischen Blog-Serie über die frühe sowjetische Phantastik einem Teil seines Werkes widmen würde.
1923 schrieb Leo Trotzki über ihn: "Majakowskis Bejahung der Revolution ist natürlicher als bei jedem anderen russischen Dichter." (1) Wenn sein Leben schließlich im Selbstmord endete, spiegelt sich darin meiner Ansicht nach gerade deshalb auch etwas vom tragischen Schicksal der Revolution wider, die die Morgendämmerung einer neuen Welt hätte sein sollen, und am Ende doch in die mitternächtliche Finsternis des stalinistischen Totalitarismus einmündete.

Das Gesamtwerk des großen Futuristen auch nur oberflächlich unter die Lupe nehmen zu wollen, wäre für einen solchen Blogpost natürlich eine viel zu ehrgeizige Aufgabe. Auch müsste man dazu die Definition des Attributs "phantastisch" schon seeehr weit fassen. Deshalb will ich mich auf zwei Theaterstücke beschränken, die man alle beide relativ problemlos der Phantastik zurechnen kann und die nebeneinander gestellt ein recht interessantes Bild sowohl von Majakowskis Entwicklung, als auch von der Entwicklung der Revolution ergeben: Mysterium buffo (Misterija-buff) von 1918/21 und Das Schwitzbad (Banja) von 1929.

 1
Poltert auf Plätze den Marsch der Empörung!
Hoch, stolzer Häupter wogendes Feld!
Wie einer zweiten Sinnflut Verheerung
waschen wir wieder die Städte der Welt.

aus: Unser Marsch (1917) (2)
Der Futurismus war von seinen sozialen Ursprüngen her eine typische Revolte der Bohème, das Aufbegehren einer jungen Künstlergeneration gegen die Alten und Etablierten, gegen die "Klassiker" und die "Akademie". Und wie es bei einer solchen Revolte häufig der Fall ist, erschien sie den daran Beteiligten zugleich als ein Aufstand gegen die gesamte bürgerliche Welt, gegen deren verstaubte Spießigkeit und heuchlerische Moral. Das 1912 von Majakowski mitverfasste Manifest der russischen Futuristen trug den aussagekräftigen Titel Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack. Zugleich war der Futurismus künstlerischer Ausdruck einer sowohl von gewaltiger Dynamik als auch von sich dramatisch zuspitzenden gesellschaftlichen Konflikten geprägten Zeit – der Ära der ersten Wolkenkratzer und Aeroplane, des Chaos der Großstädte und des Heraufdämmerns der Epoche der Kriege und Revolutionen.

Als die Februarrevolution dem Zarismus den Todesstoß versetzte und die gesamte überkommene Ordnung ins Wanken geriet, befanden sich die Futuristen – zusammen mit den Suprematisten – beinah automatisch auf dem extremen linken Flügel der künstlerischen Intelligenzija. Während die alten Symbolisten der Mir Iskusstva (Welt der Kunst) - Gruppe, die selbst einmal Bohème-Rebellen gewesen waren (3), sich inzwischen als Gralshüter der Kultur und als geistige Elite fühlten und deshalb eifrig bemüht waren, das von der Provisorischen Regierung in Aussicht gestellte Kulturminsterium in Beschlag zu nehmen, hatten die noch ungezähmten Ikonoklasten kein Interesse daran, zu verbeamteten Wächtern der russischen Kultur zu werden und standen dem Establishment auch in seiner neuen, "demokratischen" Gewandung instinktiv feindselig gegenüber. Das machte sie bis zu einem gewissen Grad zu natürlichen Verbündeten der Bolschewiki.
Majakowski schrieb später in seiner skizzenhaften Autobiographie über die Oktoberrevolution: "Zustimmen oder nicht zustimmen. Diese Frage gab es für mich (und die anderen Moskauer-Futuristen) nicht. Es war meine Revolution. Ich ging ins Smolny. Arbeitete. Alles was anfiel. Die Sitzungen begannen." (4) Tatsächlich gehörte der Dichter zu einer winzigen Gruppe von Künstlern, die wenige Tage nach dem Umsturz einem Aufruf Anatoli Lunatscharskis, des bolschewistischen Volkskommissars für Kultur, folgten und sich mit dem revolutionären Regime in Verbindung setzten. Neben ihm erschienen nur der symbolistische Poet Alexander Blok, die Schriftstellerin Larissa Reissner, der Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold sowie die Maler David Schterenberg und Nathan Altman im Smolny, dem Sitz der Räteregierung.
Doch war Majakowski vorerst nicht bereit, die Bolschewiki beim Aufbau neuer Kulturinstitutionen zu unterstützen. Seine Unterhaltungen mit Lunatscharski hatten ihm gezeigt, dass der Volkskommissar keineswegs daran dachte, im Stile der Futuristen die ganze alte Kultur über Bord zu werfen und die Avantgardisten zu den offiziellen Künstlern der Revolution zu ernennen. Lunatscharski hatte ja sogar von seinem Posten zurücktreten wollen, als ihn übertriebene Berichte über die während des Moskauer Aufstands am Kreml entstandenen Zerstörungen erreichten. 
Enttäuscht von dieser "traditionalistischen" Linie, begab sich Majakowski schon bald nach Moskau, wo er zusammen mit dem Maler David Burljuk und dem Dichter Wassili Kamenski das Kafe poetov eröffnete und die Gaseta futuristov herausgab. Ganz wie z.B. auch Wladimir Tatlin und Kasimir Malewitsch hegten Majakowski und sein Kreis in den ersten Monaten der Revolution deutlich anarchistische Sympathien: 
The ideology of the Kafe poetov was suffused by antiauthoritarian anarchism. In accordance with the anarchist tilt in the name of the Freedom for Art Federation, the three artists of the cafe called themselves the Federation of Futurists. With his two comrades, Maiakovskii published the Gazeta futuristov (Futurists' Newspaper), in whose first and only issue on March 15th he declared, in an "Open Letter to the Workers," that "Futurism" was the aesthetic counterpart of "socialism/anarchism" and that only a "revolution of the psyche" could liberate workers from the shackles of obsolete art. [...]

The political anarchists accepted the Futurists' Newspaper as an organ of anarchism and endorsed the House of Free Art briefly operated by Maiakovskii, Burliuk, and Kamenskii as one of the anarchist clubs in Moscow. The House, a restaurant requisitioned for the purpose by the trio, was dedicated to the "individual anarchism of creation," as their paper put it. (5)
Vielleicht nicht ganz zufällig schloss das Kafe poetov seine Tore, kurz nachdem im April 1918 die anarchistischen Gruppen von der Tscheka (6) gewaltsam "entwaffnet" worden waren.

Als nächstes unternahm Majakowski einen kleinen Abstecher in die Welt des Films (7). Wie er in einem Brief an seine Geliebte und ewige "Muse" Lilja Brik schrieb: "Die Filmleute behaupten, ich sei für sie ein ungewöhnlicher Künstler. Locken mit schönen Redensarten, Ruhm und Geld." (8) Von den drei Filmen, an denen er mitwirkte, hat nur Das Fräulein und der Hooligan überlebt,.den man sich hier anschauen kann.

Ungefähr zur selben Zeit nahm Majakowski auch die Arbeit an Mysterium buffo wieder auf. Erste Entwürfe für das "heroische, epische und satirische Abbild unseres Weltalters" hatte er bereits im August 1917 zu Papier gebracht. Ende September 1918 war das Werk schließlich vollendet und wurde einem kleinen Kreis von Freunden und Bekannten vorgetragen, unter denen sich auch Lunatscharski befand. Der Volkskommissar war begeistert: "Der Gehalt dieses Dichterwerks gibt die gigantischen Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart wieder; ein Gehalt, der zum erstenmal im Kunstgeschehen der letzten Zeit den Erscheinungen des Lebens gerecht wird ..." (9) Die Uraufführung sollte im Rahmen der Feiern zum ersten Jahrestag der Oktoberrevolution in Petrograd stattfinden. Dabei fand Majakowski in Wsewolod Meyerhold als Regisseur einen kongenialen Partner. Wie Lilja Brik in ihren Memoiren erzählt: 
Meyerhold und Majakowski waren bei den Inszenierungsarbeiten regelrecht ineinander verliebt. Majakowski akzeptierte erfreut jede Anordnung von Meyerhold und umgekehrt – Meyerhold jeden Vorschlag von Majakowski. (10)
Der einstige Stanislawski-Schüler hatte schon ein gutes Jahrzehnt vor der Revolution damit begonnen, nach neuen Formen des Theaters zu suchen, die die Begrenztheit der naturalistischen Schaubühne überwinden und das Publikum von passiven Beobachtern zu aktiven Teilhabern des Geschehens machen sollte. Dabei hatte er auf Traditionen wie das mittelalterliche Mysterienspiel und die Commedia dell'arte zurückgegriffen. Doch war er mit dem bisher Erreichten nie wirklich zufrieden gewesen. Die Revolution eröffnete Meyerhold völlig neue Möglichkeiten. Sie gab ihm nicht nur einen neuen Stoff für seine Theaterexperimente, sondern auch ein neues Publikum. Die Uraufführung von Mysterium buffo wurde zu einem der ersten großen Höhepunkte dessen, was man später den "Theater-Oktober" taufen sollte.
Ganz wie Meyerhold in seinen früheren Experimenten griff auch Majakowski Elemente des Mysterienspiels auf und verband sie mit karnevalistischen Momenten. Doch wenn seinen Vorgängern stets etwas Statisches eigen gewesen war, zeichnete sich Mysterium buffo durch das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, einen apokalyptischen Durchbruch und eine stetig ansteigende Dynamik aus, die schließlich im utopischen Panorama eines "neuen Edens" gipfelte. Das Bühnenbild wurde von Kasimir Malewitsch kreiert.

Als eine neue Sinntflut den Erdball überschwemmt, fliehen sieben "reine" und sieben "unreine" Paare – die Ausbeuter und die Ausgebeuteten – zum Nordpol, wo sie eine neue Arche erbauen. Freilich dauert es nicht lange und die "Reinen" versuchen, ihre Herrschaft an Bord zu erneuern. Erst rufen sie den abessinischen Negus zum Zaren aus. Als dieser sämtliche Vorräte auffuttert, ohne seinen Kompadres etwas abzugeben, organisieren sie eine "bürgerliche Revolution", werfen den Potentaten mit Hilfe der "Unreinen" über Bord und setzen ihre Herrschaft in "republikanischer" Form fort. Doch die "Unreinen" lassen sich nicht lange vom Geschwätz der "Reinen" umgarnen und starten ihren eigenen Aufstand. Nunmehr Herren ihrer Arche wissen sie dennoch nicht recht, wie sie der Sinnflut auf Dauer trotzen sollen. Da taucht über die Wogen wandelnd der "einfache Mensch" auf {in der Uraufführung von Majakowski selbst gespielt} und verkündet ihnen das neue Evangelium des irdischen Paradieses: 
Wer ich bin?
Keine Klasse,
keine Nation,
kein Stamm.
Ich sah das dreißigste,
das vierzigste Jahrhundert.
Mich trug des Jahrtausends Wellenkamm.
Bin ein Morgiger, einfach und unbewundert,
den Beschwernisse heutiger Dinge rühren,
und ich kam, eurer Seelen Herdfeuer zu schüren.
Vernehmt meinen Rat.
Hört
die neue
Bergpredigt!
Vergeblich harrt ihr des Ararat.
Den Ararat gibts nicht mehr.
Der ist erledigt.
War nur Gaukelwerk.
Und kommt der Berg nicht zu Mohammed,
dann geh zum Teufel der ganze Berg!
Nicht mit der Kreuzigung Nagelbrett,
noch dem Jenseits, der Diabetiker-Konditorei,
red ich verhärtete Herzen weich,
sondern mit dem irdischen Himmelreich.            
Von seiner Rede inspiriert stürmen die "Unreinen" im dritten und vierten Aufzug Hölle und Himmel, lassen sich weder von Teufeln noch Heiligen Einhalt gebieten, entwinden dem Herrgott höchstpersönlich seine Blitze und reißen stetig weitermarschierend das ganze jenseitige Gebäude ein.
Schließlich erreichen sie das "Gelobte Land", die Stadt der Zukunft, wo sie von den befreiten Maschinen begrüßt werden, die nicht länger der Jagd nach Profit unterworfen sind, sondern endlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienen dürfen. 
Arbeiter, nehmt von uns die Schuld!
Vergebt uns! Verzeihung!
ihr habt uns gegossen, geschliffen,
gebaut mit Geduld.
dann haben uns Sklavenhalter ergriffen
und unterworfen. Oh, ersehnte Huld
der Befreiung.
Wir panischen, mechanischen
Stahl-Wildlinge, wir nimmermüden,
wir ohne Rast und Frieden,
beauftragt, die Protzen spazieren zu schieben
auf Schienen,
und ihnen
in trüben Betrieben
zu dienen,
wir – Maschinen!
Wir Wiegenwagen auf Doppelrädern,
mit Schwanken und Um-die-Kurven-Federn,
beflissen, die Satten und Fetten
ans Ziel zu befördern,–
wir Helfershelfer von Dieben und Mördern,
Triebscheibe, Schwungrad und Kurbelwelle –
da gabs keinen Halt,
wenns euch zu verstümmeln, zu rädern galt.
Treibriemen, Stahlbrücke, Bunkergefälle,
alles war
als Gefahr
euch zur Stelle ...
Nun aber brüllt auf, Motoren!
Gestürzt sind Protzen und Götzen.
Sperr auf, Jubel, Mund und Ohren!
Wir dürfen euch nützen, euch ergötzen, –
befreit!
Jetzt, Bahnen, flutet! Sirenen, tutet!
Jetzt mögt ihr euch recken, Eisenbahnstrecken!
In Lust-Karussellen die Nacht zu erhellen,
sind, Arbeitervolk, wir von nun an bereit! (11)
Das Ganze endet mit einer volkfsfestartigen Szene und dem gemeinsamen Absingen der Internationale.

Leider ist mir als Übersetzung nur die überarbeitete und erweiterte Fassung, die Majakowski für den dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1921 anfertigte, zugänglich. {Eine russische Fassung des Originals findet man hier.} Sie enthält nicht nur einen weiteren Aufzug ("Das Land der Trümmer"), sondern auch zusätzliche Figuren wie den menschewistischen "Versöhnler", der regelmäßig Haue von beiden Parteien bekommt. Die ursprüngliche Version scheint mir gerade in der Simplizität ihres Figurenaufbaus kompakter und kraftvoller zu sein.
Doch letztlich ist der Text allein sowieso nicht ausreichend, um einen adäquaten Eindruck von Mysterium buffo zu erhalten. Man muss sich außerdem zu vergegenwärtigen versuchen, wie das Stück inszeniert wurde. 
The characters of Mystery-Bouffe [...] were imported from festival theater, with a strong dose of the fairground. [...] [T]he clean are portrayed in the mocking tones of carnival, with a particular flair for exaggerated detail [...] Entrances of the clean are marked by Petrushka-like self-introductions, and national conflicts are reduced to slapstick brawls. [...] The unclean were depicted in the monumental tones of the mystery play. They performed collectively, as a chorus, much of the time, and their lines were read with a "firm, strong principle, heroic pathos, and plastic monumentality." [...]
The entrance to the Promised Land was depicted as simply as in a medieval mystery, by opening the gates and having the players step in; and Mayakovsky's entrance as A Simple Man used a circus trick: he flew onto the deck along a guy wire. [...]
The ark-stage provided a graphical representation of revolution as threshold. It was divided into the deck, occupied by the clean, and the hold, where the unclean were banished. The two levels were connected by a trapdoor. When in the third act another set was introduced, the same spatial division was applied: on top was Heaven, below Hell, and in between a trapdoor. This trapdoor, fully motivated by the use of a ship's deck as the stage, traced its genealogy to mystery stages. Its forbears were the English pageant cart, used both as a stage and as a transport for mystery cycles, and the Russian vertep (crèche), an itinerant puppet booth featuring the Christmas story on a two-level stage: the Slaughter of the Innocents on top followed by comic interludes below. The trapdoor was suggested by Alekseev-Iakovlev, who showed Mayakovsky the model of a balagan [Jahrmarktsbühnen] hell-mouth when he was first planning Mystery-Bouffe. (12)

 2
Unser Erdplanet erweist / den Lustbarkeiten / wenig Gunst.
Jede Freude / muss / dem Kommenden / entrissen werden.
Sterben / ist hienieden / keine Kunst.
Schwerer ists: / das Leben baun auf Erden.

aus: An Sergei Jessenin (1926) (2)

Als sich Majakowski und Meyerhold zehn Jahre später erneut zusammentaten, sah die Welt sehr viel anders aus. Ein Jahr zuvor war die Vereinigte Opposition, in der sich die Anhänger Trotzkis mit denen Sinowjews & Kamenews zusammengetan hatte, zerschlagen worden. Viele der engsten Mitstreiter Lenins befanden sich bereits in der sibirischen Verbannung. Auch die letzten Überbleibsel der Arbeiterdemokratie – sowohl innerhalb wie außerhalb der bolschewistischen Partei – waren schon seit langem  verschwunden. Aus dem revolutionären Regime war ein bürokratisches Monstrum geworden, an dessen Spitze Stalin sich darauf vorbereitete, endgültig zum unbestrittenen Alleinherrscher über die Sowjetunion zu werden.
Weder Meyerhold noch Majakowski verfügte über ein klares Verständnis der politischen Mechanismen, die zur bürokratischen Entartung des Sowjetregimes geführt hatten. Doch beiden war der Gang der Dinge instinktiv zuwider. Majakowski lag schon seit langem in Fehde mit der RAPP (Russische Vereinigung Proletarischer Schriftsteller), die mit Rückendeckung der stalinistischen Führung bemüht war, die sowjetische Literatur ihrem Diktat zu unterwerfen und in ein simples Propagandawerkzeug im Dienste der herrschenden Clique zu verwandeln. Wie Trotzki später in seinem Nachruf auf den Dichter schreiben würde:
Mayakovsky could not help being repelled by the pseudorevolutionary officialdom, even though he was not able to understand it theoretically and therefore could not find the way to overcome it. The poet rightfully speaks of himself as "one who is not for hire." For a long time he furiously opposed entering Averbach' s administrative collective of so-called proletarian literature. From this came his re­peated attempts to create, under the banner of L E F [Linke Kunstfront], an order of frenzied crusaders for proletarian revolution who would serve it out of conscience rather than fear. (13) 
Im Sommer 1928 trat Majakowski demoralisiert aus der LEF aus, aber noch war sein Kampfgeist nicht völlig erloschen. Seine letzten beiden größeren Werke – die Theaterstücke Die Wanze und Das Schwitzbad – geben beredten Ausdruck von seiner Verachtung für die Kaste der Apparatschiks.

Die Wanze ist meiner Ansicht nach das deutlich schwächere Stück.
Die Geschichte des "früheren Arbeiters, früheren Parteimitglieds" Iwan Prisypkin (Iwan Bratfisch), der die Tochter eines Friseurs und NEP-Manns (14) heiratet, nach einer verunglückten Hochzeitsfeier von der Feuerwehr eingefroren und Jahrzehnte später in der kommunistischen Zukunft wiederauferweckt wird, um schließlich zusammen mit einer gleichfalls reanimierten Wanze im Zoo zu landen, besitzt zwar ihre Momente. So etwa, wenn Iwan und sein Kumpel und Speichellecker Trombon die begeisterte Hinwendung zu einer kleinbürgerlichen Lebensweise in "kommunistischen" Phrasen als kulturellen Aufstieg der siegreichen werktätigen Klasse feiern. Auch ist das Bild, das das Stück von der Zukunft zeichnet, eine gelungene Parodie auf die antiseptischen Visionen einer gänzlich leidenschaftslosen, "vernünftigen" und antiindividualistischen Welt, wie sie sich nicht nur H.G. Wells, sondern auch viele Sowjetkünstler erträumten. Einer der Gründe für Iwans Wiederbelebung ist es gar, dass die Zukunftskommune glaubt, "dass das Leben jedes Arbeiters bis zum letzten Augenblick nutzbar gemacht werden" müsse!
Dennoch mangelt es dem Stück an Schärfe. Es wirkt beinah so, als wisse Majakowski noch nicht so recht, gegen wen es die Klinge zu zücken gilt.
Dafür wurde das Werk anders als sein Nachfolger von Dimitri Schostakowitsch mit Musik versehen!

    

Das Schwitzbad, das Majakowski zwischen Juli und September 1929 schrieb, und bei dessen Moskauer Uraufführung im März 1930 erneut Meyerhold die Regie führte, stellt eine sehr viel direktere und treffsicherere Attacke auf die Bürokratie dar.

Der junge Erfinder Tschudakow (Seltsamkow) hat eine Zeitmaschine entwickelt, doch alle Bemühungen seines enthusiastischen Freundes Welosipedkin (Fahrradkin), staatliche Unterstützung für das Projekt zu erhalten, werden schon im Vorzimmer des verantwortlichen Genossen Pobedonosikow (Triumphanschikow) gestoppt: "Man hat überprüft, man hat beschlossen: Ablehnen. Ihre Erfindung ist im Perspekivplan für das nächste Quartal nicht vorgesehen." Der Chef der "Hauptverwaltung für Koordinierung und Kompromisswirtschaft" (Haukooko) selbst ist nicht zu sprechen, da er gerade für ein neues Monumental-Porträt Modell stehen, eine aus sinnlosen Phrasen zusammengestoppelte Rede diktieren und nebenbei auch noch seine Beziehungen spielen lassen muss, um einen kleinen "Arbeitsurlaub" auf der Krim organisiert zu bekommen..  
Mit der Hilfe von Pobedonosikows Frau Polja, die in den Augen ihres Mannes nur noch eine unangenehme Altlast darstellt, von der er sich bald möglichst zu befreien gedenkt, sowie des pfiffigen, aber nicht gerade vorbildlichen Buchhalters Notschkin (Dunkelmanko) gelingt es Tschudakow und seinen Freunden schließlich doch, die Zeitmaschine zu starten und ein erstes Tor zur Zukunft zu öffnen, durch das die Phosphoreszierende Frau als Abgesandte der künftigen klassenlosen Gesellschaft die sowjetische Gegenwart betritt. Ihr Auftrag: Eine Delegation würdiger Vertreter der Vergangenheit in ihre Welt mitzunehmen.
Da sie über ein offizielles Mandt verfügt, ist selbst Pobedonosikow genötigt, ihr behilflich zu sein. Gefallen tut ihm das freilich nicht, schließlich scheint der kauzige Tschudakow plötzlich wichtiger zu sein als er, der einflussreiche Funktionär, und zu allem Überfluss ist dieser Besucher aus der Zukunft auch noch eine Frau!
Sieh mal an, irgendein Seltsamkow nutzt aus, dass er irgendein Zeitapparätchen erfunden hat und früher als ich mit disem Weib bekannt wurde, mit dieser Antwort-Frau. Ich bin überhaupt noch nicht überzeugt, ob hier nicht einfach Sittenverfall vorliegt und überhaupt Beziehungen der bekannten Art. Geschlecht und Charakter! Jawohl! Ja!
Dennoch ist er selbstverständlich überzeugt davon, als Mitglied der Delegation ausgewählt zu werden.
Derweil sieht sich die Phosphoreszierende Frau mit einigen ihr völlig unverständlichen Eigenarten der Vergangenheit konfrontiert. Warum nennt Polja Pobedonosikow ihren "Mann", obwohl die beiden absolut nichts verbindet? Warum hat das "Schminken der Lippen" zur Entlassung einer Stenotypistin  geführt? – "Wen geht das denn an? Wenn sie irgendwen anderes geschminkt hätten ..." – Und was hat es mit Pobedonosikows Begeisterung für "Papiere" auf sich? – "'Bei Ihnen drüben geht wahrscheinlich die Zirkulation der Papierchen glatt, Fließband, he?' 'Ich weiß nicht, wovon Sie reden, aber das Papier für die Zeitungen kommt natürlich glatt in die Maschinen.'"
Als es schließlich soweit ist, nimmt die Zeitmaschine Tschudakow, Welosipedkin und ihre Freunde, Polja, die Stenotypistin sowie Notschkin, der sich gerade noch vor einem ihn verfolgenden Milizionär (Polizisten) retten kann, mit in die kommunistische Zukunft. Zurück bleiben der empörte Pobedonosikow und seine Baggage von Bürokraten und Speichelleckern:
Und Sie – und Sie – und der Autor – was wollen Sie damit sagen? Etwa, dass solche wie ich im Kommunismus nicht gebraucht werden?  
Die amüsanteste Seite von Das Schwitzbad sind ohne Zweifel all die von absurden, pseudosozialistischen Phrasen angefüllten Reden der Bürokraten, mit denen diese ihre Unätigkeit, ihren Opportunismus, ihre Gier und Eitelkeit, ihre Katzbuckeleien vor den Mächtigeren und ihre Brutalität gegenüber den Schwächeren ummänteln.
Interessant ist dabei auch, wie oft wir dabei Frauen als Opfer dieser dumpfen Apparatschiks erleben. Das Schicksal Poljas ähnelt dem vieler realer Ehefrauen von Sowjetfunktionären, die von ihren karrieremachenden Männern fallen gelassen und dabei auch noch als "rückständige Kleinbürgerinnen" diffamiert wurden. Ebenso dürften die Probleme, mit denen die Stenotypistin zu kämpfen hat, vielen weiblichen Sowjetangestellten nur zu bekannt gewesen sein: Um überhaupt einen Job zu bekommen, muss sie sich "hübsch machen", doch dieses Zeichen "bourgeoisen Sittenverfalls" kann jederzeit gegen sie verwendet werden, wenn die mächtigen Männer genug von ihr haben und ihr "Sekretariat" wie Pobedonosikow "mit jungen Komsomolzinnen klassenmäßig aufzufrischen" wünschen. Nicht zufällig macht Majakowski aus der Abgesandten der kommunistischen Zukunft eine Frau.     
Zwischen den zweiten und vierten Akt ist außerdem eine Szene eingeschoben, in der der Darsteller von Pobedonosikow als "realer" Bürokrat auftritt und lauthals Beschwerde beim Regisseur einlegt:
Zu dick ist das alles, das Leben ist nicht so ... Nun, sagen wir dieser Triumphanschikow. Das ist doch peinlich. Dargestellt wird doch offenbar ein verantwortlicher Genosse, und irgendwie setzen Sie ihn in ein solches Licht und nennen ihn noch Haukooko. Solche Menschen gibt es bei uns nicht – das ist unnatürlich, lebensfremd, unähnlich! Das muss man umarbeiten: mildern, poetisieren, abrunden ...
Überhaupt solle man doch lieber Erhebendes und Positives auf die Bühne bringen! Also wird rasch ein typisches, "allegorisches" Zirkus-Agit-Spektakel improvisiert, wie es für die frühen Jahre der Revolution typisch war, wobei die Schauspieler & Schauspielerinnen in Rollen wie "das geknechtete Proletariat", "das Kapital", "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit", die "Armee der Arbeit" usw. schlüpfen. Das Ganze endet beinah in einer Katastrophe, als Welosipedkin wütend auf die Bühne gestürmt kommt,  da er den "echten" Pobedonosikow für den "Bühnen" - Pobedonosikow hält. (15)

Es verwundert nicht, dass das Schwitzbad von der offiziellen sowjetischen Theaterkritik alles andere als freundlich aufgenommen wurde. Majakowski war einen Monat vor der Moskauer Premiere der RAPP beigetreten, aber auch diese öffentliche Kapitulation bewahrte ihn nicht vor immer heftigeren Attacken durch die stalinistischen Schreiberlinge. Bei einer Lesung am 9. April 1930 wurde er von einem studentischen Publikum als "elitärer Dichterling", dessen "obskure Verse" für das Proletariat ohne Wert seien niedergebrüllt.

Fünf Tage später schoss sich Wladimir Majakowski eine Kugel durchs Herz. Während der Trauerfeier sagte ein Vertreter der RAPP zu Lilja Brik: "Ich verstehe nicht, warum so viel Wind gemacht wird um den Selbstmord irgendeines Intellektuellen." (16)




Nachtrag: Wsewolod Meyerhold wurde am 2. Februar 1940, nach einem halben Jahr Gefängnishaft und Folter, von einem Erschießungskommando als "Spion" und "Verräter" hingerichtet.




(1) Leo Trotzki: Der Futurismus. In: Ders.: Literatur und Revolution. S. 125.

(2) Wladimir Majakowski: Werke. Erster Band: Gedichte.S. 56; 225. Nachdichtung von Hugo Huppert. 

(3) Vgl. meine alte dreiteilige Blogserie über den russischen Symbolismus, hier, hier & hier.

(4) In: Wladimir Majakowski: Ich. Ein Selbstbildnis. S.66.

(5) Hubertus Gassner: The Constructivists: Modernism on the Way to Modernization. In: The Great Utopia: The Russian and Soviet Avant-Garde, 1915-1932. S. 302.

(6) Tscheka = "Tschreswytschainaja komissija po borbe s kontrrewoljuziej, spekuljaziej i sabotaschem" / "Außerordentliche Kommision zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage". Das von dem polnischen Revolutionär Felix Dserschinski angeführte Instrument des Roten Terrors. Aus ihr ging später die geheime Staatspolizei GPU / NKWD / KGB hervor.

(7) Die weitverbreitete Vorstellung, der russische Film habe erst in der Sowjetära so richtig begonnen, ist irrig. Allerdings endeten viele der talentiertesten Vertreter des vorrevolutionären Kinos in der Pariser Emigration. Die revolutionäre Bedeutung von Künstlern wie Sergei Eisenstein, Wsewold Pudowkin, Dsiga Wertow oder Olga Preobraschenskaja soll damit nicht in Frage gestellt werden.

(8) Wladimir Majakowski: Liebesbriefe an Lilja. S. 16. Ja, ich weiß, das ganze "Musen"-Konzept ist extrem fragwürdig, aber damit will ich mich jetzt nicht auseinandersetzen, ebensowenig wie mit der äußerst kontrovers geführten Debatte um Lilja Briks Einfluss auf Majakowskis Leben.

(9) Zit. nach: Geleitwort zu: Wladimir Majakowski: Mysterium buffo und andere Stücke. S. 268. 

(10) Lilja Brik: Schreib Verse für mich. Erinnerungen an Majakowski. S. 58.

(11) Wladimir Majakowski: Mysterium buffo und andere Stücke.S. 60f.; 113f.

(12) James von Geldern: Bolshevik Festivals, 1917-1920. S. 68f.

(13) Leon Trotsky: The Suicide of Vladimir Mayakovsky. In: Ders.: On Literature and Art. S. 177. Der Kritiker Leo Averbach war der Führer der RAPP.

(14) NEP-Mann: Neureicher Kapitalist während der Ära der Neuen Ökonomischen Politik.

(15) Wladimir Majakowski: Schwitzbad. Drama in sechs Akten mit Zirkus und Feuerwerk. Übersetzung und Nachdichtung von Rainer Kirsch.

(16) Lilja Brik: Schreib Verse für mich. Erinnerungen an Majakowski. S. 139.

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Back in the U.S.S.R. (V)

You, octagonal yurt,
Again sweetly tune my gaze!
It seems I bid farewell to you
And I left for the city's bright sights.

I bid farewell to you, my sickly one,
A young man in his prime ...
The cloud of smoke above you
Has thinned to a charred shock of hair.

Though it was so painful for me
To leave you, my ailing one,
I could not toss off like old boots
My thirst for knowledge, for light!

I left with the secret desire
To learn, to experience and to suffer
And, before life soured
My youthful years, to see life.

I left without telling anyone
That I would return to my birthright, to you
But I would return with a truth that triumphed,
Tempered in red-hot battle.

It was hard then for me to wander
Through strange and unknown places,
I remember those days – I wept from mockery.
All around both merriment and uproar.

Though I tried to be bold and proud,
My heart sometimes cringed at the phrase,
"Hey, Buryat! You, slant-eyes!"
With which they regaled me, the wanderer, more than once.

I would have pierced my heart with steel,
Would have put a bullet through my temple,
If the winds from the distant forest
Had not stirred up the sand near the yurt.

I am now ringed by the radiance
Of the resounding triumph of labor.
Be gone, oh former suffering,
Forever, forever, forever!

Pjotr Dambinow, The Octagonal Yurt (1)  


Wie ich in Blogposts über den Maler Nikolai Roerich sowie die symbolistische Literatur (hier * hier * hier) in der Vergangenheit schon mehrmals geschildert habe, hatte sich um die Jahrhundertwende in bedeutenden Teilen der russischen Intelligenzija eine starke Faszination für allerlei mystische Heilslehren ausgebreitet, wobei neben dem von Dimitri Mereschkowski gepredigten, christlichen "neuen religiösen Bewusstsein" die von der russischen Generalstochter Helena Blavatsky gegründete Theosophie eine wichtige Rolle spielte. 
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass so manche der bürgerlichen Intellektuellen, für die die Oktoberrevolution einem Weltuntergang gleichkam, die Hoffnung hegten, die asiatischen Völkerschaften des ehemaligen Zarenreiches würden sich als das Bollwerk erweisen, an dem die revolutionäre Flutwelle schließlich zerbrechen werde. – Asien ist uralt, weise und unveränderlich, der Bolschewismus nur ein vorübergehender Fieberwahn. (2)
So glaubte z.B. die Dichterin Marina Zwetajewa während einer Reise auf die Krim einer Welt zu begegnen, an deren patriarchalisch-schwermütiger Würde die Sturmflut der Revolution wirkungslos abprallen werde:
Ein Kaffeehaus in Otusi. An den Wänden bolschewistische Aufrufe. An den Tischen langbärtige Tataren. Wie langsam sie trinken, wie sparsam sie reden, wie gewichtig sie sich bewegen. Für sie ist die Zeit stehengeblieben. Das 17. Jahrhundert gleicht dem 20. Jahrhundert. Auch die Tässchen sind die gleichen, blaue, mit kabbalistischen Zeichen, ohne Henkel ... Bolschewismus? Marxismus? Plakate, schreit euch die Kehle heiser! Was gehen uns eure Maschinen, Lenins und Trotzkis an, was eure neugeborenen Proletariate, eure sich zersetzenden Borgeoisien ... Wir haben den Ramadan, den Mullah, den Wein und die dunkle Erinnerung an eine große Herrscherin ... Hier dieses siedene Pech auf dem Grund vergoldeter Tässchen ... Wir stehen außerhalb, wir stehen darüber, wir sind seit ewigen Zeiten. Ihr müsst erst werden, wir sind schon vergangen. Wir sind ein für allemal. Uns gibt es gar nicht. (3)
Seien wir ehrlich: Ist diese vermeintliche "Ehrfurcht" vor dem "unveränderlichen Asien" bei Lichte betrachtet nicht selbst ein Ausdruck westlich-europäischer Arroganz?  – Wir haben die Elektrizität, das Auto und die moderne Medizin, bleibt ihr mal schön bei euren Mullahs und eurem Tässchen Mokka.

Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass auch für Asiens Völker die Zeit keineswegs stehengeblieben war.

Es gibt kaum ein dümmeres Vorurteil als den Glauben an die Unveränderlichkeit des "Nationalcharakters". Die Mentalität eines Volkes ist weiter nichts als die aufgespeicherte Masse seiner historischen Erfahrungen. Sie wird geformt von sozialen, kulturellen und politischen Kräften und verändert sich zusammen mit ihnen. Zwar ist die Tradition ein psychologischer Faktor von beträchtlicher konservativer Widerstandskraft, doch letztlich erweist sich die Macht der Geschichte jeder noch so fest verwurzelten "nationalen Eigenart" als überlegen.
Der Kapitalismus hatte bereits in den Jahrzehnten vor der Revolution begonnen, das wirtschaftliche und soziale Fundament zu zersetzen, auf dem die traditionelle Lebensweise der "kleinen Völker" des Russischen Reiches beruhte. Die Revolution und die bewusste Politik der Bolschewiki beschleunigten diesen Prozess und hoben ihn auf ein neues Niveau. 
Zwar geriet die wirtschaftliche Integration der Peripherie infolge der durch Welt- und Bürgerkrieg hervorgerufenen Krise erst einmal ins Stocken, dafür riss allein schon die Heftigkeit der sozialen Kämpfe die "kleinen Völker" aufs unbarmherzigste aus ihrem mittelalterlichen Schlummer. 
Zugleich begann sich eine kulturelle Umwälzung von nie dagewesenem Umfang Bahn zu brechen. Die Sowjetregierung erklärte dem Analphabetentum den Krieg, gründete unzählige neue Schulen, Bibliotheken und Kultureinrichtungen, mobilisierte die Jugend gegen die patriarchalen und feudalen Vorurteile ihrer Eltern. Große Bedeutung kam dabei u.a. dem Ringen um die Befreiung der Frau zu. Die bolschewistische Frauenorganisation Schenotdel führte in den asiatischen Sowjetrepubliken einen unermüdlichen Kampf gegen die traditionelle Despotengewalt von Vater und Ehemann, gegen jahrhundertealte religiöse und kulturelle Vorurteile und die faktische Haussklaverei der Frau. Eine ganze Reihe ihrer Vertreterinnen fielen dabei Mordanschlägen religiöser Fanatiker zum Opfer. Aus gutem Grund bekommen wir in Dsiga Wertows großartigem Film Schestaja Tschast' Mira / Ein Sechstel der Erde (1926) eine Szene zu sehen, in der eine Muslimin öffentlich den Schleier ablegt. (4) Organisationen wie der 1923 in Tiflis gegründete Mohammedanische Frauenklub waren bemüht, auch die am stärksten den alten Traditionen verhaftet gebliebenen Teile der weiblichen Bevölkerung zu erreichen. In seinen Räumen wurde nicht nur politische Propaganda betrieben, hier fanden auch Lese- und Schreibkurse, populärwissenschaftliche Vortragsabende und kulturelle Veranstaltungen statt, außerdem wurde den Frauen juristische Beratung angeboten.
Zwar sahen sich die Kommunisten hin und wieder dazu gezwungen, Kompromisse mit konservativeren Kräften unter den nationalen Minderheiten einzugehen, doch im Großen und Ganzen war die Entwicklung nicht aufzuhalten. Man vergleiche Zwetajewas wehmütige Szenerie – ihre langbärtigen Tartaren, die über Tässchen mit "kabbalistischen Zeichen" sitzen – mit der Beschreibung der jungen Studenten und Studentinnen, denen der britische Journalist Henry N. Brailsford wenige Jahre später an der Tartarischen RABFAK [Arbeiterfakultät] in Kasan begegnete: 
They are a stimulating sight when the students are Russians, but a view of the faces of these Tartar and Bashkir students made me long for a knowledge of their speech, that I might explore their minds. The heads and faces were remarkable enough as one saw them massed in the class room. The straight black hair, the high cheek-bones, the closely set eyes and the wide nostrils proclaimed their Mongolian descent. But through what mental adventures must they be passing! Conceive the bewilderment of these girls in their early twenties, if anyone had told them, ten years ago, that their destiny is not the veil and subjection in a Tartar laborer's hut, but a share in the learned work of the new rulers of Russia. That dark-skinned, comely girl with the great shock of black hair grew up in a Nomad's tent, the inheritor of a mental world which had neither changed nor expanded for ten centuries. today she sits gazing at charts and pictures which illustrate the Darwinian theory, and dreams of her coming work as a doctor. The lad beside her, who may have hoped to herd horses on the steppe, may take his degree in economics, and live to administer the industries of the Republic. (5)
Mir geht es nicht darum, die frühsowjetische Nationalitätenpolitik kritiklos zu verherrlichen. Die Bolschewiki selbst taten dies ja auch nicht. Vielmehr erklärten sie immer wieder, dass sie im Interesse der Revolution bereit seien, sich jederzeit über die formalen Grundsätze der Demokratie hinwegzusetzen. Und das Recht auf nationale Selbstbestimmung bildete da keine Ausnahme. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Georgien und der Zerschlagung der menschewistischen Republik im Feburar 1921 erklärte Trotzki ohne Umschweife: 
We do not only recognize, but we also give full support to the principle of self-determination, wherever it is directed against feudal, capitalist and imperialist states. But wherever the fiction of self-determination, in the hands of the bourgeoisie, becomes a weapon directed against the proletarian revolution, we have no occasion to treat this fiction differently from the other ‘principles’ of democracy perverted by capitalism. (6)
Auch war nicht zufällig die Nationalitätenpolitik einer der Punkte, an denen sich Lenins "letzter Kampf" gegen Stalin und die erstarkende Bürokratie entzündenn würde. Doch dazu später mehr.
Jedenfalls kann ein objektiver Betrachter der Sowjetgeschichte kaum leugnen, dass der Sieg der Bolschewiki den Weg ebnete für eine nie dagewesene kulturelle Blüte unter den nationalen Minderheiten des Russischen Reiches. Völker, die seit Jahrhunderten unter der Knute des Zarismus und den Russifizierungsbestrebungen seiner Beamten gelitten hatten, deren Kinder in der Schule nicht einmal ihre eigene Muttersprache hatten benutzen, geschweige denn die Kultur und Geschichte ihrer Heimat hatten kennenlernen dürfen, erwachten zu einem neuen und selbstbewussten Leben. 
Zu ihnen gehörte auch das Volk der Burjaten oder Burjat-Mongolen.

Die russische Expansion nach Sibirien setzte im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts ein, als der Kosakenataman Jermak Timofejewitsch und seine Mannen im Auftrag der Nowgoroder Kaufmannsfamilie Stroganow und mit dem Segen von Zar Iwan IV. "Grozny" ("dem Schrecklichen") erstmals in die finsteren Wälder jenseits des Urals vorstießen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts brachte das Zarenreich schließlich auch die fernöstliche Region um den Baikalsee unter seine Kontrolle und unterwarf sich das dort lebende Volk der Burjaten – Nachkommen mongolischer Stämme, die gut vier Jahrhunderte zuvor vom Süden kommend in den Landstrich eingewandert waren und sich mit den dort lebenden Tungusen und anderen sibirischen Völkerschaften vermischt hatten.
Befestigte Kosakensiedlungen (ostrogi) bildeten die Vorposten des Reiches in den neu eroberten Gebieten. Die Hauptgefahr ging allerdings nicht in erster Linie von den einheimischen Stämmen aus – auch wenn es 1695/96 zu Aufständen der Burjaten kam –, als vielmehr vom China der Qing-Dynastie, das Russlands neugewonnene Vormachtstellung im Fernen Osten mit großem Argwohn registrierte. Die Russen schickten daraufhin mehrere Emissäre an den Hof des Kaisers K’ang-hsi, und schließlich trafen sich im Jahre 1689 zwei Gesandtschaften in der russischen Siedlung Nertschinsk und handelten einen Vertrag aus, der den Flusslauf des Amur und das Hsingan-Gebirge als Grenze zwischen den beiden Reichen festschrieb. Dennoch blieb die Lage in den nächsten Jahrzehnten ziemlich gespannt.
In eben diese Zeit fallen auch die ersten Anfänge buddhistischer Missionstätigkeit in Burjatien. Im Jahr 1712 erreichte eine Gruppe von einhundertfünfzig Gelug-pa - Mönchen (7) aus Tibet und der Mongolei die Ufer des Baikalsees und begann unter den burjatischen Stämmen "das Rad des Dharma zu drehen". Die russischen Behörden verfolgten das eifrige Wirken der Lamas mit zunehmendem Unbehagen. Die Mönche stammten aus Gebieten, die dem Einfluß der Qing unterstanden, und die Statthalter des Zaren sahen in der rasch wachsenden buddhistischen Gemeinde deshalb wohl nicht ganz zu Unrecht eine Art "fünfte Kolonne" Pekings. An diesen Befürchtungen änderte auch der russisch-chinesische Vertrag von Kjachta wenig, in dem 1727 der Grenverlauf entlang von Amur und Argun erneut fixiert wurde.
Doch schließlich entwickelte Savva Ragusinski, der russische Botschafter in Peking, eine ebenso einfache wie geniale Strategie zur Lösung des Problems. Statt den Buddhismus zu bekämpfen, solle die Regierung vielmehr alles daran setzen, eine starke und unabhängige buddhistische Hierarchie in Burjatien aufzubauen, die keinerlei Verbindungen zu den chinesisch kontrollierten "Heimatgebieten" mehr haben dürfe. So könne man nicht nur der Gefahr einer Einflussnahme durch China begegnen, sondern würde zugleich eine loyale burjatische Elite heranbilden, die im Zaren ihren Schutzherrn sehen werde. Diesen Plan legte Ragusinski 1728 in einer Art Memorandum mit dem nichtssagenden Titel Instruktionen für das Wachpersonal an unseren Grenzen nieder. Er forderte darin, die russisch-chinesische Grenze für alle ausländischen Lamas zu schließen und gleichzeitig aus jedem burjatischen Klan zwei Jungen auszuwählen, die in Zukunft hohe Posten in der buddhistischen Hierarchie einnehmen sollten. Die bereits vorhandenen religiösen Institutionen müsse man nicht nur anerkennen, sondern sogar nach Kräften unterstützen. Gleichzeitig sei jedoch Sorge dafür zu tragen, dass alle Verbindungen der Großlamas nach Tibet, der Mongolei, Urga (Yihe Huree) und der Mandschurai gekappt würden. (8)
Die russische Herrschaft in Sibirien basierte zu einem Gutteil auf der Zusammenarbeit mit den einheimischen Eliten. Lokale Kleinfürsten und Stammesoberhäupter wurden in das imperiale System integriert, solange sie dem Zaren Tribut entrichteten. Sogenannte "Diensttataren" bildeten einen wichtigen Bestandteil der russischen Truppen. Raguzinskis Vorschlag entsprach vollkommen dieser politischen Strategie und stieß in Petersburg auf offene Ohren. 1741 wurde der Buddhismus in einem Dekret der Zarin Jelisaweta Petrowna offiziell als eine der Religionen des Reiches anerkannt.
Bis 1777 wurden insgesamt zwölf buddhistische Klöster in Transbaikalien gegründet. 1764 schuf man den Rang des Pandito Chambo Lama, der als oberster weltlicher und geistlicher Würdenträger der burjatischen Buddhisten stets aus den Reihen der einheimischen Großlamas und tulkus (9) stammte. Sitz des Hierarchen war anfangs das 1730 gegründete Kloster (datsan) von Shiretui tsongol'skii, doch kam es schon bald zu heftigen Rivalitäten zwischen der Führung des Heiligtums und den mächtigen Lamas des Gänsesee-Klosters (Gusino Ozero). 1808 setzte sich das Gänsesee-Kloster endgültig gegen seinen Rivalen durch, und der Sitz des Pandito Chambo Lama wurde in das südlich von Verchne-Udinsk (heute Ulan-Ude) gelegene Heiligtum verlegt, das bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts das unbestrittene Zentrum des Buddhismus in Burjatien blieb. Nach der Gründung des Gouvernements Irkutsk im Jahr 1801 trieb die russische Verwaltung den Aufbau einer starken einheimischen Hierarchie mit Unterstützung des burjatischen Adels weiter voran, wobei sich die zaristischen Behörden allerdings das Recht vorbehielten, bei der Besetzung von wichtigen religiösen Posten ein entscheidenes Wörtchen mitzureden. Anders als die Kalmüken, die gleichfalls der Lehre des Buddha folgten, blieben die Burjaten deshalb weitgehend verschont von den aggressiven Missionsbemühungen der orthodoxen Kirche. 
Der Versuch der russischen Behörden, den burjatischen Sangha (10) vollständig von der Mongolei und Tibet zu isolieren, war allerdings nur zum Teil erfolgreich. Als Angehörige der "gelben Kirche" sahen die burjatischen Buddhisten im Dalai Lama immer noch ihr religiöses Oberhaupt, und manch ein Lama machte sich trotz aller Verbote auf die lange und beschwerliche Reise in das ferne Schneeland, um in den großen Klöstern der Gelug-pa religiöse Unterweisung zu suchen.
Die Zentren des burjatischen Buddhismus lagen südlich und östlich des Baikalsees, wo die Burjaten auch weiterhin an der nomadischen Lebensweie ihrer mongolischen Vorfahren festhielten. Inmitten von Tundra und Bergland erhoben sich hier die großen buddhistischen Klöster, deren Äbte als Feudalherren über das Umland und seine Bewohner herrschten. Weiter im Westen wandten sich die Burjaten verstärkt dem Ackerbau zu und eigenartigerweise erwies sich der vorbuddhistische schamanistische Glaube gerade in diesen bäuerlich geprägten Regionen als besonders zäh.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einschneidenden Veränderungen in den sozialen und kulturellen Verhältnissen der Region, als die kapitalistische Entwicklung, die seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 ganz Russland erfasst hatte, auch den Fernen Osten erreichte. Zentrum der Entwicklung wurde die Stadt Irkutsk, ein wichtiger Warenumschlagsplatz im russisch-chinesischen Handel. Symbol und Motor des wirtschaftlichen Fortschritts war die Transsibirische Eisenbahn, deren Bau im Frühjahr 1891 in Wladiwostok und zugleich in Tscheljabinsk am Ural begonnen worden war. Am 16. August 1898 rollte der erste Zug aus Moskau im Bahnhof von Irkutsk ein. Mit der Transsib begann zunehmend russisches und ausländisches Kapital in die bisher weitgehend unzugänglichen Regionen zu strömen. Existierten 1894 in ganz Sibirien nur fünf Banken, so waren es ihrer 1911 bereits knapp siebzig, zehn davon in Wladiwostok. Der Bau der Eisenbahnstrecke selbst war zu einem Gutteil mittels französischer und belgischer Anleihen finanziert worden, nun floss ausländisches Geld auch in Fabriken, Bergwerke und Handelsunternehmen.
Das Aufblühen der Gouvernementshauptstadt Irkutsk begann auch die in ihrer Umgebung am Westufer des Baikalsees lebenden Burjaten zu beeinflussen. Burjatische Kaufleute wurden als Zwischen- und Kleinhändler zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen sibirischen Wirtschaft. Hinzu kamen erste moderne Schulen, die zum Teil von nach Sibirien verbannten Russen gegründet worden waren, und in denen die Schüler anders als in den buddhistischen Klöstern mit modernen wissenschaftlichen Ideen bekannt gemacht wurden. Auf dieser materiellen und kulturellen Grundlage entwickelte sich vor allem im Westteil Burjatiens eine moderne nationale Intelligenzija. Es ist kein Zufall, dass so hervorragende Vertreter der burjatischen Nationalbewegung wie der Politiker Michail Bogdanow oder der Dichter und Dramatiker Pjotr Dambinow ausgerechnet aus der kleinen, nahe bei Irkutsk gelegenen Siedlung Bokhan stammten.

Die Metropole Ostsibiriens trug die Züge einer typischen russischen Kolonialsiedlung Ihr Stadtbild wurde geprägt von den Türmen unzähliger orthodoxer Kirchen und Klöster. Als Symbol imperialer Herrlichkeit erhob sich im Zentrum der mächtige Triumphbogen zu Ehren des Fürsten Murawjew, der einst den Fluss Amur erkundet und dem Zarenreich so einen Zugang zum Pazifischen Ozean eröffnet hatte. Wie überall in Sibirien bestanden die meisten Häuser aus Holz – 1879 hatte eine fürchterliche Feuersbrunst große Teile der Stadt hinweggerafft –, die Straßen waren schlammig und ungepflastert, und im Hotel Metropol, dem besten Haus am Ort, kostete eine Übernachtung oder ein Mittagsmahl mehr als im sprichwörtlich teuren St. Petersburg. Insgesamt haftete der Stadt trotz ihres raschen Wachstums und ihrer bereits beeindruckenden Größe immer noch etwas Provisorisches und Hinterwäldlerisches an. Die örtliche Elite bestand wie vor hundert Jahren aus dem Gouverneur und seiner Familie, den zaristischen Verwaltungsbeamten und Offizieren sowie einer Handvoll reicher Kaufleute – allesamt Russen. Dennoch galt Irkutsk nicht ganz zu unrecht als das "Paris Sibiriens", immerhin gab es hier mehrere Theater, eine öffentliche Bibliothek und seit 1901 sogar elektrisches Licht. Den meisten Burjaten jedoch erschien die Stadt nach wie vor als eine fremde und bedrohliche Welt, wie es Pjotr Dambinow später in einem seiner Gedichte beschrieben hat:
 
For me, a Buryat, it's so unexpected - and new
Are the peals and whistles…
The sighs, shouts, the uproar, the pipescreams,
The many-colored lights…

The churches, temples rising to the depths of the heavens,
The towers and palaces…
The waltzes, the dancing, the sounds - songs,
The endlessly festive balls…

And the ladies' attire? - so slim in the middle…
How could this not be a miracle!
Could I have imagined this in my native lands,
Living off the free steppe?

It's so new for me to see the hungry here,
Dying in the dust!
Next to them, I see the well-fed and carefree,
Drowning drunkenly in intoxication!

I cannot comprehend the house of ill repute,
With the red lamp, the flame…
Where the desired city, in naked passion,
Lusts time away both night and day!...

Oh, you city, city! Illuminated brightly
With electric light! -
You are alien, strange to me, and tiresome…
Tiresome, tiresome in every way!

Die zaghaft einsetzende Modernisierung änderte nichts an der ungeheuren Armut, unter der die meisten Burjaten litten. Viele Familien hatten ständig mit dem Hunger zu kämpfen. Der amerikanische Historiker und Ethnologe Jeremiah Curtin, der im Jahr 1900 die Region bereiste, um burjatische Mythen und Legenden zu sammeln, zeichnet ein eindringliches Bild von der traurigen Trostlosigkeit der kleinen Dörfer im Hinterland:
The earth was covered with dust which in the middle of the space occupied reached to the ankles as one walked through it. This stratum, thicker in some places, covered everything to the rim of the village, reaching to the outer houses and beyond them, growing thinner toward the open country till at last one could note it no longer. The dust is the dried and pulverised droppings of animals, such as sheep, horses, and horned cattle. In time of thaw and rain the droppings become a soft mud, in dry, warm weather they are turned into dust. When the days are calm the dust keeps its place and people wade through it; when the wind blows, it fills the air in all directions and is carried into each chink, cranny, and little crevice, into the smallest places. People breathe it, swallow it, drink it, eat it, live, move and have their being in it. (11)
Von ganz ähnlichen Eindrücken wusste auch der russische Forscher B.E. Petri in einem Brief ins heimatliche Petersburg zu berichten, als er sich auf einer Reise zur heiligen Insel Olkhon im Baikalsee befand: „I have to admit, however, that I truly long to return to St. Petersburg. I am sick of smoke inside the yurts, the dirt all around, all over the body and in the food…the journeys on bumpy wagons, the rain…“ (12)
Curtins Buch A Journey in Southern Siberia, das ethnologische Beobachtungen und mythologische Erzählungen mit einem sehr lebendigen Reisebericht verbindet, konfrontiert den Leser mehr als einmal mit den traurigen Zuständen, die Anfang des 20. Jahrhunderts an den Ufern des Baikalsees herrschten: Eine rückständige Landwirtschaft und damit verbunden eine äußerst einseitige Ernährung der Bevölkerung; der Mangel an den elementarsten Formen der Hygiene; die tiefe Kulturlosigkeit und maßlose Habgier der großbäuerlichen Kreise; vor allem aber der allgegenwärtige Alkoholismus. Kein Wort taucht so häufig in Curtins Bericht auf wie tarasun, der Name eines aus fermentierter Milch gewonnen Schnapses. Und mehr als einmal hat der Forscher mit der Trunksucht seiner burjatischen Kutscher, Helfer und Informanten zu kämpfen. Über den burjatischen Kulaken Arkokoff – einen besonders unappetitlichen, aber wohl auch typischen Vertreter seiner Klasse, bei dem Curtin mehrere Tage wohnt – schreibt der Forscher: „Arkokoff professes to be greatly devoted to the old religion; perhaps he is. One thing is certain, he is tremendously devoted to making and hoarding money and drinking tarasun.“ (13)

Das materielle und kulturelle Elend; der Chauvinismus der großrussischen Siedler und Beamten; die zahllosen Beleidigungen und Erniedrigungen, denen die Angehörigen eines unterdrückten Volkes tagtäglich ausgesetzt sind – Gegen all dies versuchten die jungen burjatischen Intellektuellen anzukämpfen. Der sich entfaltende Kapitalismus hatte die unterdrückten Nationen des Riesenreiches aus ihrem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf geweckt. Ein neues Nationalbewusstsein entwickelte sich. Die sprichwörtlichen "Hundert Völker" Russlands rieben sich die Augen und rüttelten, vorerst noch zaghaft, an den Gitterstäben des zaristischen Völkergefängnisses.
Die burjatischen Nationalisten waren in gewissem Sinne die jüngeren Geschwister jener russischen Intellektuellen, die in den 1850er und 60er Jahren den Kampf gegen den Zarismus und die alte Feudalgesellschaft aufgenommen hatten. Sie teilten viele Eigenschaften mit jener außergewöhnlichen Generationen, die den Begriff der "Intelligenzija" geprägt hatte und mit Namen wie Herzen, Belinski, Dobroljubow und Tschernyschewski verbunden ist. Wie diese empfanden auch sie den Dienst am Volk als eine geradezu heilige Pflicht und unterwarfen sich einem strengen demokratischen Ethos. Ihr Nationalbewusstsein war im allgemeinen weltoffen, auch wenn viele von ihnen panmongolischen Überzeugungen huldigten: Da gab es z.B. Bazar Baraadin, der an der Petersburger Universität bei den berühmten Orientalisten Stcherbatski und Oldenburg studiert hatte, nun selbst ein bedeutender Buddhologe war und eine neue mongolische Schrift entwickelte, die sich an der modernen Aussprache orientierte und so die Kommunikation zwischen den verschiedenen Völkern mongolischer Abstammung erleichtern sollte. Doch die Liebe zur eigenen Kultur und Tradition verbanden die jungen Idealisten mit Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen und den Errungenschaften der Wissenschaft. Sie betrachteten es als ihre höchste Aufgabe, das Wissen, das sie in Schulen und Universitäten erworben hatten, in den Dienst des einfachen Volkes ihrer Heimat zu stellen, das Licht der Kultur in jede Hütte und Jurte zu tragen und ihre ganze Energie darauf zu verwenden, die Burjaten von Unterdrückung und Unwissenheit zu befreien. Dieses tiefe Pflichtbewusstsein gegenüber dem Volk findet beredten Ausdruck in einem Brief des jungen Wassili Michailow, den dieser als Student aus St. Petersburg an seinen Vater Andrei schrieb:
The most important things for me are the Mongolian and Kalmyk languages and those disciplines that will in some way help me to study Siberia in general and to understand as much as possible the moral and intellectual level of our people who are suffering in ignorance, who are oppressed and forgotten. My moral obligation, the obligation of a person who loves his people, his fellow tribesmen, is to return to my own, to Siberia, and dedicate all my strength to serving my homeland in general and my tribesmen in particular. Let my road be filled with obstacles, let these obstacles rise up before me and crush me like cliffs, let those I long to help react to me coldly. I will not be moved because I will do my duty.
In mancherlei Hinsicht unterschieden sich die burjatischen Intellektuellen allerdings auch sehr deutlich von ihren russischen Vettern und Cousinen der 60er Jahre. So waren nur die wenigsten von ihnen materialistische "Nihilisten" vom Typus des Jewgeni Basarow aus Turgenjews berühmtem Roman Väter und Söhne. Der Ferne Osten Sibiriens lag in sozialer wie kultureller Hinsicht noch immer weit hinter dem europäischen Teil Russlands zurück, und die jahrhundertealten religiösen Traditionen lasteten schwer auf den Schultern der jungen Männer und Frauen und beeinflussten ihr Denken und Fühlen, auch wenn sie Darwins Ursprung der Arten studiert hatten. Sie waren die Vertreter einer Übergangszeit, einen Fuß bereits in der modernen Welt, den anderen noch auf dem religiös durchtränkten Boden der Vergangenheit. So schreibt Jeremiah Curtin über Wassili Michailow:
This young Buriat proved to be a very interesting person. He was at that time a student at the Irkutsk gymnasium. He had passed six years there, and intended to work still another year. Besides studying he had read a good deal, and knew something of great problems in science and also in history. He could talk about Darwin, and the descent of man, and had some knowledge of chemistry. Above all, and for me that was the main point, he knew considerable about his own people, the Buriats. I congratulated him very heartily on being one of a people who had preserved their primeval religion, and who still held to the customs and beliefs of their remote ancestors. I told him that the Buriats were the only Eastern Mongols who had done this, an act which might be considered an exploit and a service to science.
Sein Vater Andrei bekundete voller Stoz: „Bishops and priests [...] have asked me to be baptized, but I would not. I will stay with the beliefs into which I was born." (14) Beide nahmen jedes Jahr an buddhistischen Zeremonien in den Klöstern Transbaikaliens teil.
Von Tsyben Jamtsarano, einem der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen Nationalismus Burjatiens, berichtete ein Bekannter:
He was a well-educated person, but nonetheless very superstitious. He believed in the most impossible things, such as amazons, devils, cannibals, dragons living in wells, cattle living in lakes and only coming out occasionally ... He believed in shamans, and when he was ill, he summoned shamans, healers, lamas, and Russian doctors, taking all their medications simultaneously and agreeing with their magical effects ...
Sowohl Andrei Michailow als auch Jamtsarano glaubten, dass der Buddhismus eine fortschrittliche Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung Burjatiens spielen könne und sahen in ihm vor allem eine Waffe gegen den Alkoholismus. 
Doch keineswegs alle Intellektuellen teilten ihre Überzeugungen. Die burjatische Nationalbewegung umfasste vielmehr eine Vielzahl politischer und weltanschaulicher Strömungen.

Auf ihrem äußersten rechten Flügel standen radikale Verfechter panmongolischer und panbuddhistischer Ideen wie der Großlama Agvan Dorschiew oder der in Petersburg lebende Arzt Pjotr Badmajew, die bei der Verwirklichung ihrer bizarren Träume auf die Unterstützung des russischen Imperialismus setzten.
Der in der Mitte des 19. Jahrhunderts geborene Dorschiew zählt sicher zu den faszinierendsten Gestalten des russischen Buddhismus und spielte eine wichtige Rolle sowohl in der Geschichte Tibets als auch in der seiner burjatischen Heimat. Zu Beginn der 70er Jahre hatte er sich in das ferne Schneeland begeben, um im Kloster Drepung – einem der drei riesigen Hauptköster der Gelug-pa in der Nähe Lhasas – seine religiöse und philosophische Ausbildung zu vervollkommnen. Er erwarb sich den Titel eines Tsanid-Hambo ("Meisters der buddhistischen Philosophie") und wurde zu einem der Lehrmeister des XIII. Dalai Lama Tubten Gyatso. Mit der Zeit entwickelte sich ein enges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem Burjaten und seinem Schüler, der zu einem intelligenten, selbstbewussten und äußerst ehrgeizigen jungen Mann heranwuchs.  In der Folge spielte Dorschiew eine wichtige Rolle in den politischen Manövern, in deren Verlauf sich Tibet immer weiter in das Netz des "Great Game" verhedderte, jenes großen Ringens zwischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft über Zentralasien. Auf sein Anraten hin versuchte Tubten Gyatso sich die Unterstützung des Zaren zu sichern, was in einer Katastrophe enden sollte. Im Januar 1904 rückten britische Truppen unter dem Kommando von Sir Francis Younghusband im Schneeland ein. Der Kundun musste in die Äußere Mongolei flüchten, und Dorschiew kehrte in seine russische Heimat zurück.
Seiner Stellung innerhalb der burjatischen Nationalbewegung tat dies jedoch keinen Abbruch. Dorschiew war nicht der einzige Lama unter den nationalistischen Wortführern, doch was seinen kulturellen Horizont und seine Welterfahrung anging, übertraf er die übrigen buddhistischen Hierarchen um ein vielfaches. Das Kloster Drepung und der Hof des Dalai Lama mit ihrem Ränke- und Intrigenspiel waren seine politische Schule gewesen. In Paris hatte er 1898 die europäische Kultur in einer ihrer führenden Zentren kennenlernen können. Seit 1902 hatte er nicht nur Beziehungen zum Zarenhof und hohen zaristischen Beamten wie Fürst Uchtomskij, sondern auch zu einflussreichen Teilen der Petersburger Intelligenz – Künstlern, Gelehrten und Journalisten – geknüpft. Sein Ausflug in die Welt der internationalen Politik endete zwar mit einem Fiasko, dennoch hatte er dabei zweifelsohne wichtige Erfahrungen gesammelt und manch interessante Einsichten gewonnen. Außerdem dürfte die Position, die er als Berater des Dalai Lama an der Spitze des tibetischen Staates eingenommen hatte, sein Selbstbewusstsein beträchtlich gestärkt haben. Unter den burjatischen Lamas musste sich Dorschiew in der Tat vorkommen wie der Hecht im Karpfenteich. Und so griff er immer wieder mit Veröffentlichungen in der sibirischen Presse in die politischen Debatten ein, wobei er sich mit großer Entschiedenheit gegen den säkularen Nationalismus der fortschrittlicheren Intellektuellen wandte und trotz der Katastrophe von 1904 weiterhin an seiner Vision eines buddhistischen Großreichs unter der Schutzherrschaft des Zaren festhielt.
Freilich wurden die überspannten Hoffnungen des Großlamas und seiner Gesinnungsgenossen selbst von ausgesprochen konservativen Nationalisten wie Tsyben Jamtsarano nicht geteilt. Auch standen diese der russischen Herrschaft über ihr Volk im allgemeinen sehr viel kritischer gegenüber als die Panbuddhisten. Einig waren sie sich mit Dorschiew allerdings in der Unterstützung der buddhistischen Religion, in der Ablehnung des politischen Radikalismus und im Kampf gegen das "Assimilantentum". Für Jamatsarano war der Buddhismus der „Fluchtpunkt des nationalen Geistes... der nationalen Individualität und Solidarität“ und ein unverzichtbarer Schutzwall gegen den Einfluss der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR), deren Politik letzlich auf die Auflösung der traditionellen Kultur und Gesellschaftsordnung Burjatiens hinauslaufe, weswegen er die Marxisten im Revolutionsjahr 1905 als die „Partei der Kapitalisierung und Proletarisierung“ beschimpfte. (15) Diese feindselige Haltung gegenüber der SDAPR war übrigens unter den Führern der verschiedenen Nationalbewegungen im Zarenreich keine Seltenheit. So schrieb Mahmud Behbudi, einer der Gründer des nationalistischen Dschaddidismus in Turkestan, 1906 über die Sozialdemokraten: „Our present epoch is not propitious for carrying out their program. . .. Their wishes appear fantastic and joining this party is extremely dangerous for us Muslims." (16)
Etwas anders verhielt es sich natürlich mit dem selbst sozialdemokratisch beeinflussten Michail Bogdanow und anderen Vertretern des linken Flügels. Bogdanow betrachtete den Buddhismus ganz sicher nicht als eine Kraft, die zur Verbreitung von Bildung und Kultur unter den Burjaten beitragen könnte. Außerdem wandte er sich gegen den kulturellen Seperatismus vieler Intellektueller und äußerste ernste Zweifel an der Lebensfähigkeit der traditionellen burjatischen Kultur: 
Will not the omnipotent god of Western European culture, capital, succeed in crushing us? Capital, which has brought new ways of life to Russia and is striding powerfully forward? We must recall that we do not live in the Middle Ages when every little ethnic group could live inside its own little world completely isolated from the outside. We live in the twentieth century when the process of capitalist development is destroying almost all ethnic differences, no matter what Great Walls of China have been thrown up around them. Our salvation lies not in trembling beneath our invented national traits, but in the possibly modest and firm mastery of civilized ways. (17)
Doch welchem Flügel der Bewegung sie auch angehören mochten, die allermeisten Nationalisten der ersten Generation waren keineswegs Revolutionäre und nicht einmal Demokraten im politischen Sinn des Wortes. Sie riefen nicht zum Kampf gegen die Zarenherrschaft auf, sondern sahen ihre Hauptaufgabe in geduldiger, friedlicher Kulturarbeit. Einen recht guten Eindruck von der Aktivität dieser burjatischen "Kulturträger" vermittelt uns ein Brief des Dorfschullehrers Archip Alachanow aus dem Jahre 1913 an Wassil Michailow in Petersburg. Der Lehrer berichtet darin von einem Neujahrsabend, den man im abgelegenen Kharazargai organisiert habe. Zu den Festlichkeiten gehörten die Inszenierung eines burjatisches Theaterstücks mit dem Titel Ukhyl (Der Tod), eine burjatische Tanzvorführung und der Vortrag eines russischen Gedichtes. Im Anschluss sang der örtliche Chor unter Begleitung von Balalaikas und Gitarren burjatische Volksweisen und schließlich klang der Abend mit Tanz und dem Spielen von "Stille Post" aus. Wie Alachanow mit einer Mischung aus Stolz und Ironie bemerkt, waren sämtliche "Großkopferten" der benachbarten Gebiete zugegen. Die Veranstaltung wirkt in ihrer Harmlosigkeit beinahe ein wenig lächerlich. Nichts deutet auf ein subversives Element in den Festlichkeiten hin. Und doch waren Abende wie dieser Bestandteil des mühseligen Ringens, ein wenig Kultur und Aufklärung in Regionen zu tragen, in denen die Menschen noch immer nach den Sitten und Gebräuchen einer vorfeudalen Zeit lebten.

Aber ebenso wie die burjatische Intelligenz ihr Entstehen gesamtrussischen Entwicklungen verdankte, war auch ihr weiteres Schicksal unauflöslich mit demjenigen Russlands verknüpft.
Ein Großteil der intellektuellen Elite des russischen Sibirien bestand aus ehemaligen politischen Verbannten, auch wenn das revolutionäre Feuer bei den meisten von ihnen mit den Jahren zu einem liberalen Glimmen heruntergebrannt war. Das Gouvernement Irkutsk war Verbannungsort für unzählige Revolutionäre aus dem europäischen Teil des Zarenreiches. Bereits die Dekabristen – diese aristokratischen Urväter der revolutionären Bewegung Russlands, die inspiriert von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution 1826 einen Putschversuch gegen Zar Nikolaus I. unternommen hatten – waren hierher deportiert worden. Einige ihrer bedeutendsten Vertreter, wie Fürst Sergej Trubezkoi und seine Frau Ekaterina Iwanowna sowie Fürst Serge Wolkonski und seine Frau Maria Nikolajewna, hatten sich damals in Irkutsk niedergelassen. Der Einfluss der idealistischen Adeligen auf die Kultur der Stadt war noch Jahrzehnte später zu spüren. Von 1859 bis 1861 lebte der nach Sibirien verbannte Michail Bakunin in Irkutsk, bevor er über den Fluss Amur aus Russland floh. Nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1863 wurden über 10.000 Männer und Frauen nach Ostsibirien deportiert. 1864 gelangte der zu Zwangsarbeit verurteilte Publizist Nikolai Tschernyschewski – einer der glänzendsten Vertreter der russischen Aufklärung und das geistige Haupt der demokratischen Bewegung der 60er Jahre – nach Irkutsk. Im Zuge der Zerschlagung der revolutionären Partei Narodnaja Wolja in den 80er Jahren und mit dem Beginn der sozialistischen Arbeiterbewegung in den 90er Jahren stieg die Zahl der Deportierten, die man über die Flüsse Sibiriens in die Tiefen der Taiga verschickte, um sie dort lebendig zu begraben, dann immer weiter an.
Eine Reihe bedeutender Vertreter des russischen Sozialismus gelangte auf diesem Weg in das Gouvernement Irkutsk. 1897 traf Nikolai E. Fedosejew als Verbannter in Ostsibirien ein, einer der ersten russischen Marxisten, zu dessen Kasaner Studentenzirkel 1889 auch der junge Lenin gehört hatte. Drei Jahre später, als Jeremiah Curtin die burjatischen Dörfer auf der Suche nach Mythen und Märchen durchstreifte, wurde etwas weiter im Norden ein junger Revolutionär die Lena stromaufwärts nach Ust-Kut gebracht. Schon bald erschienen Artikel aus seiner Feder in der Irkutsker Zeitung Östliche Rundschau, in denen sich der Autor u.a. mit dem sibirischen Bauerntum und den russischen Klassikern, mit Ibsen und Gerhart Hauptmann, Nietzsche und Maupassant, Leonid Andrejew und Maxim Gorki auseinandersetzte. Siebzehn Jahre später sollte der brillante marxistische Schriftsteller, der seine Beiträge mit dem Pseudonym "Antid Oto" unterzeichnete, gemeinsam mit Lenin an der Spitze der Oktoberrevolution stehen – Leo Trotzki. Während seiner Verbannung beteiligte er sich am Aufbau der ersten sozialdemokratischen Organisation in Ostsibirien. 1901 wurde ein Komitee der SDAPR in Irkutsk gegründet. In seinem Umfeld war auch der polnische Verbannte Felix Dserschinski tätig, der spätere Leiter der Tscheka. 1904 schließlich traf ein weiterer Deportierter im Gouvernement ein, der wie Trotzki einen gewaltigen Einfluss auf die künftigen Geschicke des Landes ausüben sollte, wenn auch in völlig anderer Richtung. Der junge Georgier, der im übrigen nur einen Monat in Sibirien blieb und dann ins heimatliche Tiflis floh, nannte sich Koba – den Namen Stalin würde er erst in späteren Jahren benutzen.

Vor allem jene Burjaten, die an den Ufern des Flusses Angara lebten, kamen häufiger in Kontakt mit den deportierten Revolutionären und erhielten so aus erster Hand Informationen über die großen politischen und sozialen Kämpfe, die in Russland wüteten. Auf manch einen von ihnen sprang dabei der revolutionäre Funke über. Die Grundfesten des Zarenreiches begannen allmählich zu zerbröckeln und dieser Prozess machte auch vor dem fernen Burjatien nicht halt. Am Horizont zogen bereits die Sturmwolken der ersten Revolution herauf.

Fortsetzung folgt ...




(1) Viele der Zitate in dem folgenden mehrteiligen Text wurden der Artikelserie Voices of Buryat History entnommen, die leider nicht mehr im Netz abrufbar ist. Oft war es mir deshalb nicht möglich, Quellenangaben zu liefern.
(2) Freilich konnten Elemente dieses alten Mystizismus auch mit der revolutionären Begeisterung der ersten Jahre des Sowjetregimes verschmelzen. So brachte z.B. der Stanislawski-Schüler Walentin Smyschliajew zur Eröffnung des Moskauer Proletkult-Theaters im November 1918 eine Dramatisierung von Émile Verhaerens Gedicht La Révolte auf die Bühne, welche sehr deutlich in der Tradition der symbolistischen Mysterienspiele stand. Das Stück begann mit einer "Schöpfungsszene", die auf Motive aus der Genesis und dem Prolog des Johannesevangeliums zurückgriff: "The entire auditorium is sunk in darkness, from which the formless, fleeting sounds of music are born, which slowly grow into an ecstatic hymn. The curtain slowly parts, and the spectator cannot make out anything onstage. Streams of golden sparks shatter the darkness and merge with the stars. The howl of a formless, perturbed crowd, the trampling of running feet. Slowly the red reflections of fires disperse the dark. The spectator begins to make out some lines reminiscent of the angles of houses, a window, a door; but these are not sharp lines, rather quivering, smashed, rebelling. He sees a seething, stirred-up crowd. Out of this chaos rise the words." (V. Smyshliaev: Opyt instsenirovki stikhotvoreniia Verkharna 'Vosstaniia’. In: Gorn (Die Esse) [Zeitschrift des Moskauer Proletkult], Nr.. 2-3 (1919), S. 82. Zit. nach: James von Geldern: Bolshevik Festivals, 1917-1920. S. 56/57.)

(3) Marina Zwetajewa: Auf eigenen Wegen. S. 15/16.
(4) Wertow würde dieses Thema acht Jahre später zum Leitmotiv für den ersten Teil seiner Drei Lieder über Lenin (1934) machen. Ein Film, der leider bereits sehr stark vom stalinistischen Geist – dem offiziellen Leninkult und der Verherrlichung von Zwangskollektivierung & Fünfjahresplan – erfüllt ist.
Wenn Dave Crouch in seinem 2006 erschienenen Artikel The Bolsheviks and Islam die Entschleierungskampagne (Hudschum) als einen stalinistischen Irrweg bezeichnet und sich ganz allgemein bemüht, die antireligiöse Politik der Bolschewiki kleinzureden, so spiegeln sich darin parteipolitische Interessen wider. Crouch ist (oder war?) Mitglied der britischen Socialist Workers Party (SWP), die zu dieser Zeit im Rahmen der "Antikriegskoalition" Respect ein prinzipienloses Bündnis mit der fundamentalistischen Muslim Association of Britain (MAB) eingegangen war. Vgl.: Chris Marsden / Julie Hyland: Respect-Unity coalition in Britain: a marriage of Labourism and Islamism. Part 1 * Part 2.
(5) Henry Noel Brailsford: How The Soviets Work. Kap. 7.
(6) Leo Trotzki: Between Red and White. Kap.9. Eigentlich stand Trotzki dieser überhasteten militärischen Aktion äußerst kritisch gegenüber. Die Intervention in Georgien scheint hinter dem Rücken der Parteiführung vom Kommando der 11. Armee eingeleitet worden zu sein. "Am 17. Februar 1921 benachrichtigte S.S. Kamenew, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, Skljaniski, dass der Angriff der 11. Armee die Führer vor 'die vollendete Tatsache' des Einmarsches in Georgien gestellt habe. [...] Lenin und Trotzki, ersterer zurückhaltend, letzterer feindlich, beugten sich schweigend vor den vollendeten Tatsachen. Trotzki sollte sogar ein wenig später öffentlich polemisieren, um dieses Eingreifen und die Invasion Georgiens zu verteidigen, Mit seiner Partei solidarisch, selbst im Irrturm, akzeptierte er so, vor der internationalen Arbeiterbewegung für das Eingreifen in Georgien die Verantwortung zu tragen." (Pierre Broué: Trotzki. Eine politische Biographie. Bd. 1. S. 334.)
(7) Die Gelug-pa, auch "Gelbmützen" genannt, bilden eine der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Ihr Oberhaupt ist der Dalai Lama. Der Orden wurde um das Jahr 1400 von dem Gelehrten Tsong-kha-pa als eine Art Reformbewegung gegründet. Nach blutigen Bürgerkriegen mit den anderen Schulen und Teilen der weltlichen Aristokratie eroberten die Gelug-pa in der Mitte des 17. Jahrhunderts unter Führung des V. Dalai Lama Lobsang Gyatso und mit Unterstützung des Mongolenfürsten Guschri Khan die Herrschaft über Tibet. 
(8) Zur Frühgeschichte des burjatischen Buddhismus und seiner Beziehung zu den zaristischen Behörden vgl. Victor M. Fics Besprechung von Lukos Belkas Tibetsky buddhismus v Burjatsku in Vol. 4 des Journal of Global Buddhism. Yihe Huree ist der alte Name des heutigen Ulaanbaatar. 
(9)  Die tulkus sind die berühmten "reinkarnierten Lamas" des tibetischen Buddhismus; Würdenträger, von denen es heißt, dass sie nach ihrem Tode wiedergeboren werden, um ihre eigene Nachfolge anzutreten. Diese einmalige Form der Erbfolge entstand ursprünglich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Tibet und diente dort der Festigung der zuvor äußerst instabilen Ordensinstitutionen. Das tibetische Wort tulku ist eine Übersetzung des Sanskritbegriffes nirmanakaya, der eigentlich den irdischen Leib eines Buddha bezeichnet. Es ist hier nicht der passende Ort, um auf die buddhistische "Drei-Leiber-Lehre" einzugehen, jedenfalls ist die im Westen weitverbreitete Übersetzung "lebender Buddha" etwas unglücklich gewählt. Im tibetischen Kontext bedeutet der Begriff tulku zweierlei: 1) Der betreffende Lama gilt als die irdische Manifestation eines bestimmten Buddhas oder Bodhisattvas. 2) Da er ein vollkommen Erleuchteter ist, kann er seine eigene Wiedergeburt nach Belieben steuern und inkarniert sich "aus Mitgefühl mit den leidenden Wesen" immer wieder als Nachfolger seiner selbst.
(10) Sangha (skt.) = Mönchsgemeinschaft; buddhistische Gemeinde; "Kirche".
(11) Jeremiah Curtin: A Journey in Southern Siberia. S. 36. 
(12) A.A. Sirina: Zabytye stranitsy sibirskoi ethnografii: B.E. Petri. In: Repressirovannye etnografy. Bd. 1. S. 63.
(13) Jeremiah Curtin: A Journey in Southern Siberia. S. 83.
(14) Ebd. S. 31/38.
(15) Zit. nach: K. M. Gerasimova: Obnovlenèeskoe dvišenije lamaistskovo duchovenstva. S. 17. Vgl.: Boris Krumnow: Die Buddhistische Erneuerungsbewegung im Sowjetrussland der 20er Jahre.
(16) Zit. nach: Abeed Khalid: The Politics of Muslim Cultural Reform. Jadidism in Central Asia. S. 220.
(17) Mikhail Bogdanov: Buriatskoe ‘vozrozhdenie'. In: Sibirskie voprosy, Nr. 3 (1907), S. 47.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Der Décadent der Fantasy (9)

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3 * Teil 4 * Teil 5 * Teil 6 * Teil 7 * Teil 8

Das Traumland

In seinem den kalifornischen Schriftstellern der 30er Jahre gewidmeten Essay The Boys in the Backroom weist der bekannte Kritiker Edmund Wilson auf den traumartigen Zauber hin, der über dem Land an der Pazifikküste liege und dessen Literatur stark mitgeprägt habe:

All visitors from the East know the strange spell of unreality which seems to make human experience on the Coast as hollow as the life of a troll-nest where everything is out in the open instead of being underground. I have heard a highly intelligent Los Angeles lawyer who had come to California from Colorado remark that he had periodically to pinch himself to remind himself of the fact that he was living in an abnormal, a sensational, world which he ought to get down on paper, but that he could never pull out of the trance sufficiently to react and to judge in what he still at the back of his mind considered the normal way.[...] This is partly no doubt a matter of climate: the empty sun and the incessant rains; and of landscape: the dry mountains and the void of the vast Pacific; of the hypnotic rhythms of day and night that revolve with unblurred uniformity, and of the surf that rolls up the beach with a beat that seems expressionless and purposeless after the moody assaults of the Atlantic. (1)

Auf dem Refugium der Bohème lastete dieser Bann des Irrealen besonders schwer. Es war eine Welt der sterbenden Romantik, die Clark Ashton Smith betrat, als er an einem Sommerabend 1912 über die Hügel von Monterey nach Carmel wanderte, während sich die Dämmerung auf die Wälder herabsenkte und die Bäume in fremdartige Schatten verwandelte.
The road ran obscurely through a black forest starred with infrequent lights, and seemed to end at the last visible light. A woman (Mrs. Michael Williams, I believe) redirected me. I had only to cross a wooden footbridge and follow a narrow, winding path down the ravine. There, in the pine-fragrant darkness, I came to the blurred outlines of a cabin and a house; I knocked on the cabin's door. A high, cracked, New England voice sang out, "Come in, Clark Ashton Smith!"
The cabin's kerosine lamp revealed a figure which, after all the years, and after the very silence and absence of death, seems much more presently alive and vital than many that walk the earth today. About him there was something of the world's youth, something of kinship with its eternal life and the agelessness of the sea. His fine brown acquiline features, his strange mingling of grace and vigor, made one think of a beardless Sylvan or Poseidon. Somehow, in spite of its modernness, his very costume contributed to the impression of viability: he wore golf clothes and stockings of dark green, with a green bow tie and brown canvas shoes. In lieu of a leopard-skin, of wreath of vine-leaves or sea-wrack, the garb was not too inappropriate.
His first gesture, after our greetings and explanations, was the pouring of a joint libation fron a wicker-covered gallon demi-john filled with muscatel. The spicy golden wine was indeed the nectar of Parnassus. It was made, I believe, in Monterey; but no muscatel of these latter seasons has ever had quite the same savor and potency. 
Die kleine Hütte, in der der Gast sich schließlich schlafen legte, hatte einst der jungen Dichterin Nora May French als Wohnstatt gedient. In ihr hatte sie fünf Jahre zuvor Selbstmord begangen. Und es entsprach Clark Ashtons Naturell, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn ihr Geist ihm des nachts einen Besuch abstatten würde. Für ihn kein furchteinflößender Gedanke. Im Gegenteil: „I'm sure that her ghost would be a lovely one.“ (2) Er hatte schon immer eine etwas eigenwillige Phantasie gehabt.

Tatsächlich wäre Nora May French neben dem König der Bohème wohl am ehesten dazu berufen gewesen, ihn in Carmel zu begrüßen. In ihren Versen fand der Geist der sterbenden Romantik seinen vielleicht reinsten Ausdruck. Unendlich zart und hoffnungslos traurig, sind sie voll der melancholischen Schönheit der kalifornischen Küste und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach etwas, was die Dichterin selbst nicht recht in Worte zu fassen vermag.

"Bells From Over The Hills Sound Sweet"
– Russian Proverb – 

Oh, when the afternoon is long and hazy
   So still the valley lies, so still, so still,
With sweeping smoky spirals blue and lazy,
  With yellow light aglow from hill to hill.
Sometimes the echoes startle with my singing;
  Sometimes a bird the heavy silence fills,
And always I can hear them ringing, ringing,
  My mocking bells, my Bells from over the Hills.

Sweetly, faintly ring they, cruel ring they:
  "Captive in your prison hear us call!"
Message from a life of action bring they,
  Life beyond these hills more sweet than all.
Would that I could heed their call and follow,
  Waking while this drowsy valley sleeps,
Follow Fortune over the hill and hollow,
  Wrest from her the treasures that she keeps!


My freedom gained, what fate would be for telling?
  Still hills and hills beyond would stretch for aye.
Peace in this little valley has its dwelling,
  And that the chase would profit who shall say?
For hopes and dear delights, ah, who can near them?
  Something ungained, the heart with longing fills,
And follow though I might I still should hear them,
  The mocking bells, the Bells from over the Hills.
(3) 
Mich erinnern dieses Gedicht und seine Schöpferin immer ein Bisschen an Tschechows Drei Schwestern. So wie Irina, Olga und Mascha sich nach Moskau als dem unbestimmten Symbol einer irgendwie sinnvolleren und erfüllteren Existenz sehnen und es doch nicht fertigbringen, ihr trauriges Provinznest und ihr kleinbürgerliches Leben hinter sich zu lassen, so verlangte es auch Nora May nach einem aktiven Dasein, das irgendwo "dort draußen" zu finden sein müsse. Aber weder wusste sie wirklich, wie dieses Leben aussehen müsste, noch fand sie in sich den Glauben und die Kraft, die ihr den Aufbruch ins Unbekannte ermöglicht hätten. Das Schicksal und die Verse der unglücklichen Dichterin hätten eine Warnung für Clark Ashton seien müssen. Doch ihre Wirkung auf ihn war offenbar eine völlig andere.

Als er am nächsten Morgen auf die Lichtung vor Sterlings Häuschen hinaustrat, fiel sein Blick vielleicht zu allererst auf die Tierschädel, die in den Ästen der Bäume hingen, welche hier einen großen Kreis bildeten - elfenbeinerne Fetische inmitten des sattgrünen Blattwerks. Der Zauber archaischer Zeiten lag über diesem Ort. Bei Cypress Point gab es ein Wäldchen, das man "Druid Grove" nannte. Ich bin mir sicher, dass sich beim Anblick des bizarren Kultplatzes ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Aus der Ferne drang das unablässige Rauschen des Meeres herüber. Dies hier war eine Welt nach seinem Geschmack.
In den nächsten Tagen und Wochen zeigte Sterling seinem Gast die Küste von Monterey mit ihren weißen Stränden und eindrucksvollen Klippen, die er so sehr liebte. „Truly, he was the genius of that scene [...] Like all who love life greatly, [he] loved the sea: its changing moods and colors and voices; and the things that lurked in its ultramarine depths or were cast up on its tawny beaches.“ (4) Vielleicht sprach er auf diesen Wanderungen von den geheimnisvollen Gärten unter den Wogen, jenem Reich fantastischer Farben und Formen, das er in einem seiner schönsten Décadence-Gedichte besungen hatte.

Splendid and chill those gardens shone.
Where sound is not, and tides are winds, -
Where, fugitive, the naiad finds
Eternal autumn, hushed and lone; (5)

Oder er erzählte ihm die Geschichte von den Fischern, die eines nachts in einer abgelegenen Bucht vor einem plötzlich aufgezogenen Sturm Schutz gesucht hatten. Als sie am Feuer saßen, hörten sie auf einmal über dem Brausen des Windes und dem Tosen der Brandung fremdartiges, unheimliches Gelächter und erblickten zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau, die aus den Wogen auftauchten und auf den Strand heraufkamen.

Ghostly they shone before the lofty spray -
Fairer than gods and naked as the moon,
The foamy fillets at their ankles strewn
Less marble-white than they.

Laughing they stood, then to our beacon's glare
Drew nearer, as we watched in mad surprise
The scarlet-flashing lips, the sea-green eyes,
The red and tangled hair. (6)

Die Wesen aus dem Meer sprachen Worte in einer unbekannten Sprache und in ihren Augen funkelte eisige Verachtung. Die Fischer aber flohen in wilder Panik, und nie wieder setzte ein Mensch seinen Fuß auf den Strand dieser einsamen Bucht. Ähnliche Szenarien werden uns in Smiths Gedichten und Erzählungen wiederbegegnen.

Schließlich gelangten die beiden auf ihren Streifzügen auch zu Point Lobos, jenem Ort also, den Sterling in An Altar of the West zu einem Weiheplatz der tranzendenten Schönheit verklärt hatte. Von diesen Klippen war Nora May Frenchs Asche im November 1907 dem Wind und den Wellen übergeben worden, und diese Szenerie hatte Clark Ashton vor Augen, als er vier Jahre später sein Gedicht an die verstorbene Dichterin zu verfassen begann:
 
Importunate, the lion-throated sea,
Blind with the mounting foam of winter, mourns
To cliffs where cling the wrenched and labored roots
Of cypresses, and blossoms granite-grown
Lose in the gale their tattered petals, cast
On bleak, tumultous cauldrons of the tide
Where fell thy molten ashes.

Zwar hatte er Nora May nie kennengelernt, doch fühlte er sich ihr offenbar sehr nahe.

No wraith of fog,
Twice-ghostly with the Hecatean moon,
Nor rack of blown, phantasmal spume shall rise,
But I will dream thy spirit walks the sea,
Unpacifed with Lethe. Thou art grown
A part of all sad beauty, and my soul
Hath found thy buried sorrow in its own
Inseparable for ever.
[...]
Of thee
The pearlèd fountains tell, and winds that take
In one white swirl the petals of the plum
And leave the branches lonely. (7)

Worin bestand die Verwandtschaft, die Clark Ashton so deutlich empfand?

Unmittelbarer Auslöser für Nora May Frenchs Selbstmord war wohl eine unglückliche Liebesaffäre gewesen, wobei man sich bis heute nicht darüber einig zu sein scheint, ob es dabei um Henry Anderson Lafler oder Jimmy Hopper ging. 
Die Emanzipation der Frau gehörte nicht eben zum Programm der Bohème von Carmel. Sterling etwa gab dem jungen Clark Ashton folgenden Rat: „Don't ever let a woman get the upper hand of you. [...] Rule them with a rod of iron.“ (8) Da hört man Nietzsches Peitsche knallen. Und die Alternative sah im Grunde nicht viel besser aus: Xavier Martinez’ Ehefrau Elsie wurde von den Bohèmiens bewundernd "The Blessed Damozel" genannt, nach dem Vorbild der madonnengleichen, unerreichbaren Geliebten in Dante Gabriel Rossettis berühmtem Gedicht:
The blessed damozel leaned out
From the gold bar of Heaven; 
Her eyes were deeper than the depth 
Of water stilled at even; 
She had three lilies in her hand, 
And the stars in her hair were seven. (9)
Nora May wäre sicher ebenso ungeeignet gewesen, die Rolle des unterwürfigen Weibchens wie die des ähtherischen Ideals zu spielen. Dennoch greift es meiner Meinung nach zu kurz, wollte man ausschließlich den auch in den Kreisen der Bohème unbestritten vorherrschenden sexistischen Geist der Zeit für ihren Tod verantwortlich machen. Nora May war im Herzen stets eine Rebellin gewesen. Und es gab wahrlich genug, wogegen es aufzubegehren galt. Als Tochter einer kultivierten New Yorker Familie, die sich 1888 vom Versprechen eines neuen Lebens ins boomende Los Angeles hatte locken lassen, um dort schon bald dem völligen wirtschaftlichen Ruin anheimzufallen, hatte sie in ihrem kurzen Leben bittere Armut und die geisttötende Monotonie stupider Gelegenheitsjobs kennengelernt. Auch war sie als selbstbewusste junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen wollte, immer wieder mit den Normen einer viktorianisch geprägten Gesellschaftsmoral aneinandergeraten. In einer Kurzgeschichte, die wenige Wochen vor ihrem Tod in der Saturday Evening Post erschien, beklagte sie sich darüber, dass jeder, der von den allgemein anerkannten Regeln abweicht, in Amerika als „queer“ verspottet werde, und erklärte mit einer Mischung aus Stolz und Resignation: „I am different. I don't see why I should pretend to deny that.“ (10) Sie wollte sich nicht domestizieren lassen. Der bekannte Humorist Gelett Burgess sprach bewundernd von ihrer „eager, curious, inquiring soul“. (11) Aber sie wusste nicht, wie sie ihrer instinktiven Revolte eine tragfähige Perspektive hätte geben sollen. Ihre zahlreichen und meist unglücklichen Affären mögen selbst ein Ausdruck dieser Orientierungslosigkeit gewesen sein. Wenn George Sterling Nora May einen "Sturmvogel" nannte, so haben wir dabei nicht an Maxim Gorkis stolzen Vorboten der Revolution, sondern eher an Baudelaires hilflosen und gedemütigten Albatros zu denken.

Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,
Das Schiffsvolk einen Albatros ergreift,
Den grossen Vogel, der in lässigen Flügen
Dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.

Doch, – kaum gefangen in des Fahrzeugs Engen
Der stolze König in der Lüfte Reich,
Lässt traurig seine mächtigen Flügel hängen,
Die, ungeschickten, langen Rudern gleich,

Nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.
Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!
Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,
Verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.

Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,
Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn;
Doch unten in des Volkes frechem Toben
Verhindern mächt'ge Flügel ihn am Gehn. (12)

Ähnlich dürfte sich auch Clark Ashton Smith gefühlt haben. Er sah die Dinge schon jetzt so, wie er sie zwei Jahrzehnte später mit bitterer Ironie in seinem Black Book beschreiben würde: „It is still possible for the free spirit to survive in America, if he can avoid starving to death, and does not mind isolation and obloquy too much. Just how long it will be possible for him to survive is a moot question.“ (13) Sein Bild des Dichters als des ewigen Außenseiters entsprach seinen realen Erfahrungen in Auburn. Verstärkt wurde es jedoch durch seine romantische Vorstellung vom Künstlertum. Das erklärt, warum er sich so gut mit Nora May French identifizieren konnte. Ihr Tod war für ihn sozusagen das natürliche Schicksal des wahren Künstlers.

Dabei übersah er, dass diese talentierte und eigenwillige junge Frau nicht nur an der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch an der Bohème verzweifelt war. Während einer der ausgelassenen Zusammenkünfte der Bohèmiens hatte man sie einmal ausrufen hören: „I have an idea that all sensible people will ultimately be damned.“ (14) Für nicht wenige aus der Runde sollte sich diese düstere Prophezeiung schließlich erfüllen. Nora May French war nicht die einzige, die die Zyankali-Phiole mit der Aufschrift "Frieden" bei sich trug. George Sterling, Jack London, Xavier Martinez – sie alle besaßen solch ein Fläschchen, in dem „prisoned rest the tender hands of Peace, [...] the sleep eternal“. (15)
Als die junge Dichterin im Herbst 1907 nach Carmel gekommen war, hatte es sich dabei um einen letzten verzweifelten Fluchtversuch vor einer Realität gehandelt, die sie nicht mehr länger ertragen konnte. Carrie Sterling meinte später, es sei zu diesem Zeitpunkt wohl bereits zu spät gewesen: „[T]he worm was at the bud & she couldn’t overcome it“. (16) Dafür spricht sicher vieles, doch auch unter besseren Umständen wäre das Traumland von Carmel vermutlich kein Quell neuen Lebens für Nora May geworden. Zu Beginn mag es auf sie den gleichen verführerischen Reiz ausgeübt haben wie fünf Jahre später auf Clark Ashton. Doch dieser Zauber konnte unmöglich anhalten. In ihrem Gedicht A Place of Dreams hatte sie geschrieben:

Here will we drink content, comrade of mine –
Here, where the little stream, to meet the sun,
Flows down a yellow rock like yellow wine.

Here will we launch a leaf to distant shores,
And in it shut a word for Wonderland
The blue Unknown beyond the sycamores. (17)

Meines Wissens nach beziehen sich diese Verse zwar nicht auf Carmel, aber die Küste und das Waldland von Monterey waren ganz sicher ein ausgezeichneter Ort zum Träumen. Das Verlangen nach dem "Unbekannten" konnten sie jedoch nicht stillen. Das Ersehnte lag irgendwo "jenseits der Sykomoren", denn bei ihm handelte es sich ja nicht um einen Ort im Raum – auch wenn sie von "Wonderland" sprach –, sondern um eine Form des Lebens. Und in dieser Hinsicht konnte Carmel keinen Ausweg bieten. Das Leben hier hatte etwas Irreales, glich einem nie enden wollenden Spiel. Nora May aber brauchte ein aktives, sinnerfülltes Dasein, nicht das Versinken in Fantasien und Träumereien. Carmel konnte als ein Refugium dienen, in das man sich für eine gewisse Zeit vor der tristen amerikanischen Wirklichkeit zurückzog, um die Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Befreiung von allen gesellschaftlichen Konventionen zu genießen. Eine Alternative zur realen Welt konnte es nicht bieten.

Natürlich besaß der Zauber des Unwirklichen, der über dem Ort lag, seinen unbestreitbaren Reiz. Das Spiel kann eine befreiende Wirkung ausüben, solange es nicht an die Stelle des wirklichen Lebens tritt. Ein Ausflug ins Feenreich ist etwas sehr schönes, vorausgesetzt man findet auch wieder den Weg zurück.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die Schriftstellerin und engagierte Feministin Mary Austin, neben Nora May French die einzige Frau, die dem Carmel-Kreis nicht als Ehefrau oder Geliebte, sondern als eigenständige Künstlerin angehörte. Berühmt geworden war sie durch ihr 1903 erschienenes Buch The Land of Little Rain, in dem sie die Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt sowie das menschliche Leben in der Region zwischen Sierra Nevada und Mojave-Wüste schildert, wobei sich lyrische und realistische Elemente mit einer Art poetischen Naturfrömmigkeit vermischen. Den Abschluss des Buches bildet die Beschreibung der von mexikanischen Einwanderern bewohnten Siedlung Las Uvas. Die Autorin zeichnet das Bild eines Utopias des einfachen Lebens: Das Dasein der Bewohner des "Kleinen Dorfes der Weinreben" ist gekennzeichnet von unbekümmerter Sorglosigkeit und natürlicher Arbeitsscheu, die sich der Yankee-Ethik von Fleiß, Ehrgeiz und Geldverdienen verweigert; von einem aufrichtigen Gemeinschaftsgefühl, einer ungebändigten Lebenslust und einer tiefen Volksfrömmigkeit, die ohne die bedrückenden Gedanken an Sünde und Schuld auskommt. El Pueblo de Las Uvas – das ist der Geruch von Blumen und reifem Obst; der Geschmack von Wein und Chili; der Klang des Vogelgezwitschers und der Gitarren.

Singing is in fact the business of the night at Las Uvas as sleeping is for midday. When the moon comes over the mountain wall new-washed from the sea, and the shadows lie like lace on the stamped floors of the patios, from recess to recess of the vine tangle runs the thrum of guitars and the voice of singing.
At Las Uvas they keep up all the good customs brought out of Old Mexico or bred in a lotus-eating land; drink, and are merry and look out for something to eat afterward; have children, nine or ten to a family, have cock-fights, keep the siesta, smoke cigarettes and wait for the sun to go down. And always they dance; at dusk on the smooth adobe floors, afternoons under the trellises where the earth is damp and has a fruity smell. A betrothal, a wedding, or a christening, or the mere proximity of a guitar is sufficient occasion; and if the occasion lacks, send for the guitar and dance anyway. [...] At Las Uvas every house is a piece of earth - thick walled, whitewashed adobe that keeps the even temperature of a cave; every man is an accomplished horseman and consequently bowlegged; every family keeps dogs, flea-bitten mongrels that loll on the earthen floors. They speak a purer Castilian than obtains in like villages of Mexico, and the way they count relationship everybody is more or less akin. There is not much villainy among them. What incentive to thieving or killing can there be when there is little wealth and that to be had for the borrowing! If they love too hotly, as we say ‘take their meat before grace,’ so do their betters. Eh, what! shall a man be a saint before he is dead? And besides, Holy Church takes it out of you one way or another before all is done. Come away, you who are obsessed with your own importance in the scheme of things, and have got nothing you did not sweat for, come away by the brown valleys and full-bosomed hills to the even-breathing days, to the kindliness, earthiness, ease of El Pueblo de Las Uvas. (18)

Gut möglich, dass Mary Austin in der Gemeinschaft von Carmel ihren Traum zumindest teilweise realisiert glaubte.
Aber das war nicht alles. Schon das "Kleine Dorf der Weinreben" war wenigstens zur Hälfte ein Märchen gewesen, hier nun öffneten sich ihr endgültig die romantischen Gefilde von Faerië. Und George Sterling war ihr treuester Gefährte bei den spielerischen Expeditionen in das Zauberreich. Jahre später schrieb sie über ihren Freund: „One of the poet's endearing traits, which he shared with all creative workers and most children, was a quick capacity for entering into an imagined situation and ‘playing’ at being whatever at the moment most interested him. His favorite play, reminiscent of his boyhood in Captain Kid's country, was the ‘lost treasure’“. 
Wieder befinden wir uns auf den Klippen von Point Lobos. Denn hier, so fabulierten Austin und Sterling, sei einst eine Dschunke im Meer versunken mit einem gewaltigen Schatz an Bord, der in früheren Zeiten einmal Teil einer königlichen Grablege gewesen war. Um diesen fiktiven Hort sponnen die beiden nun einen Reigen von Geschichten – über seine Ursprünge, wie er nach Monterey gelangt und was hier mit ihm geschehen war. Denn im Wasser dort unten befände er sich nicht mehr. Vielmehr sei er in den Besitz eines Volkes gelangt, das unbemerkt von den modernen Bewohnern der Halbinsel hier in den Wäldern hause. Mary Austins Schilderung des Strandspaziergangs, auf dem die Idee von den verstohlenen und geheimnisvollen "Outliers" geboren wurde, lässt uns die Atmosphäre erahnen, in der dieses fantastische Spiel gespielt wurde:

That was the morning after the severest storm any of us had known at Carmel, and we were exploring the beach toward Mission Point, strewn with the many colored treasure of the deep. Along the tide mark drifts of yellowish sea-scum piled or broke and skimmed the opalescent sands like great birds, overhead a scum of cloud veiled the foreshore; seaward the liquid turquoise of the bay splashed and cradled. In the tide shallows unfamiliar purple sea-snails wallowed clumsily and it was while we were helping them back to deep water that Vernon [Kellog] suggested that there might be other helpers about, genii loci as invisibly incomprehensible to us as we were to the murex-tinted creatures of the sea bottoms.

Selten ist mir der König der Bohème sympathischer gewesen als in Mary Austins Bericht von ihrer gemeinsamen Schatzsuche.
Die meisten der Fabeln um "des Königs Hort" und die "Outliers" sind nie aufgezeichnet worden. Und vielleicht ist das auch gut so. Solchen Geschichten darf man nicht zu nahe treten, wenn sie ihren Zauber bewahren sollen. Schwarz auf Weiß, losgerissen von der Landschaft Carmels und dem Leben der fabulierenden Bohèmiens, würden sie vermutlich viel von ihrem ursprünglichen Charme einbüßen. Mit ihrem Roman Outland gewährt uns Austin jedoch zumindest einen kleinen Einblick in dieses Märchenreich. Sie erzählt darin, wie sie zusammen mit einem etwas spießigen, befreundeten Akademiker, der wohl nach Vernon Kellogs Vorbild gezeichnet ist, den "Outliers" begegnet und eine Zeit lang unter ihnen lebt. Die Handlung dreht sich – wie könnte es anders sein – um "des Königs Hort", den ein anderer Stamm – das "Far Folk" – den "Outliers" abzujagen versucht. Sterling taucht in der Rolle eines ebenso charismatischen wie hinterhältigen Vertreters dieses "Far Folk" auf. Zugegeben, würde man den Hintergrund nicht kennen, so wäre Outland – abgesehen von der eigenwilligen Syntax der Autorin – nicht sonderlich interessant. Die Schilderung der "Outliers" weist Parallelen zum Leben der amerikanischen Ureinwohner auf, mit deren Kultur sich Austin intensiv auseinandergesetzt hatte, aber in anderen Werken – wie etwa dem Theaterstück The Arrow-maker – hat ihre Beschäftigung mit den Indianern zu sehr viel anregenderen Resultaten geführt.
Doch ob Austins Erzählung als eigenständiges Kunstwerk Bestand hat, interessiert hier eigentlich nicht. Worauf es mir ankommt, ist die Verbindung zwischen der Bohème von Carmel und der Phantastik. Wenn George Sterling das Talent dazu besessen hätte, dann hätte er entsprechende Erzählungen geschrieben. Wie Mary Austin erzählt: „What he would have liked to do when he was not doing what he did, would have been to produce tales of romantic fancy. He could have done with ‘Treasure Island,’ but would have preferred some of the less macabre tales of Poe or [Maurice] Hewlett's ‘Lore of Proserpine.’“ (19)
Was Sterling tatsächlich geschrieben hat, ist ein Zyklus von sechs in der Steinzeit angesiedelten Kurzgeschichten, die 1914 im Popular Magazine erschienen. Beim Verfassen der Babes in the Wood dürften allerdings eher monetäre Überlegungen im Vordergrund gestanden haben. Diese Spielart des Phantastischen erfreute sich damals offenbar einiger Beliebtheit. Acht Jahre zuvor war Jack Londons Roman Before Adam erschienen, und Sterlings Stories stießen auf genug Interesse, um das Magazin dazu zu bewegen, mit J. C. Beechams Zweiteiler Out of the Miocene nachzulegen. Noch Robert E. Howard würde 1925 mit der Steinzeitstory Spear and Fang seinen Einzug in die Welt der Pulpmagazine halten.
Als Clark Ashton Smith in den 20er Jahren phantastische Geschichten zu verfassen begann, war dies also kein Bruch mit den Traditionen von Carmel. Seine Stories waren natürlich sehr viel düsterer und bizarrer als alles, was sich Sterling und seine Freunde am Strand von Monterey ausgedacht hätten. Grund hierfür war nicht nur sein eigene Persönlichkeit, sondern auch das veränderte Umfeld, in dem er lebte und arbeitete. Doch insbesondere in seiner Freundschaft mit H. P. Lovecraft sollte sich zeigen, dass der spielerische Zug, die reine Lust am Fantasieren auch bei ihm stark entwickelt war. Wie wir noch sehen werden, hatte sich da trotz allem etwas vom alten Zauber Carmels erhalten.

Die romantischen Neigungen der Bohème konnten mitunter allerdings auch reichlich groteske Züge annehmen, so etwa wenn die munteren Gesellen in griechische Gewänder gehülllt durch die Wälder tollten oder sich Porter Garnett als nackter Satyr mit Hörnern und Ziegenbärtchen ablichten ließ. Und so spaßig es auch anmutet, wenn die "Crowd" Isabel Fraser in Giuseppe Coppas Restaurant öffentlich zur "Königin der Bohème" ausrief, wobei "Ihre Majestät" auf einer Leiter über den Köpfen des Publikums thronte – im Grunde feierte sie in solchen Momenten doch nur sich selbst und ihre angebliche Überlegenheit über die "Spießer". 
Kein Wunder, dass sich nicht selten ein gehöriges Maß an Selbstüberschätzung in die Inszenierungen der Bohème mischte. Als Künstler wie Garnett und Robert I Aiken sich daranmachten, die Wände von Coppa’s mit einem prachtvollen Fresko zu verzieren, gehörte dazu auch ein "Temple of Fame" genannter Fries, auf dem die Namen der Bohèmiens neben denen von Titanen wie Dante, Rabelais oder Goethe prangten. Muss man noch deutlicher werden? George Sterling selbst war zwar alles in allem eher bescheiden, doch seine Gefährten sparten nicht mit übertriebenem Lob, besangen ihn als den neuen Milton oder Spenser. Und war es nicht ähnlich vermessen, wenn Clark Ashton Smith in seinem Gedicht an Nora May French die junge Dichterin mit der großen Sappho verglich? Freilich wurde er selbst oft genug mit John Keats auf eine Stufe gestellt ... Kevin Starr macht für diese maßlose Selbstüberschätzung den trotz der raschen Entwicklung Kaliforniens immer noch unbezweifelbaren Provinzialismus der Bay Area verantwortlich: „San Francisco's isolation might give rise to a splendid originality, but it could also lead to narcissism and a self-justifying tolerance for the third-rate, the soothing critical climate, as well as the sunshine, was in danger of filling up San Francisco with poseurs, unchallenged by circumstances of discernment. Bohemia often concealed a colossal idleness.“ (20) In dieser Interpretation steckt sicher viel wahres, doch braucht es eigentlich nicht die Besonderheiten der Pazifikküste, um die Eigenheiten der Bohème zu verstehen.
Auf einer Festivität in den frühen 20er Jahren trat Sterling als Dante kostümiert auf. (21) Ungefähr ein Jahrzehnt zuvor hatten sich im gar nicht so provinziellen München Stefan George und Karl Wolfskehl auf einem "Dichterzug" als Dante und Homer präsentiert. Und der Mummenschanz mit Toga und Lorbeerkranz war da nicht die einzige Parallele. Die pseudosakrale Atmosphäre des George-Kreises mit seinem Meisterkult und seinen Fantasien von dichterischem Sehertum und Neuem Reich herrschte bei den Kaliforniern zwar nicht – hier ging es sehr viel lockerer und humorvoller zu –, aber auch die Gemeinschaft von Carmel war so etwas wie eine verschworene Bruderschaft, die sich bewusst von der übrigen Welt isolierte. Es ist immer wieder dasselbe: Wenn Künstler in dem verständlichen Wunsch, sich von der bürgerlichen Gesellschaft abzugrenzen, den Rückzug in eine selbstgemachte Gegenwelt antreten, verstärkt das automatisch den in ihrer sozialen Stellung bereits angelegten Trend, den eigenen kleinen Zirkel für das Universum zu halten. Es gibt keinen besseren Nährboden für künstlerischen Größenwahn. Mangel an Selbstkritik und wechselseitige Lobhudeleien sind für solche Cliquen ebenso typisch wie verletzte Eitelkeiten und kleinliche Eifersucht.

Wenn die Selbstüberschätzung der Bohèmiens zu Vergleichen mit Dante, Milton oder Keats führte, so war dies hauptsächlich peinlich. Doch derselbe Zug konnte schnell zur arroganten Überheblichkeit gegenüber der Masse der Menschen werden, die man dann sämtlichst zu den verhassten "Spießern" zählte. Der Kampf gegen das Spießertum ist oft nicht mehr als der wohlfeile Ersatz für eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der herrschenden Ordnung. Er reduziert die Rebellion auf bloße Meinungsverschiedenheiten in Fragen des persönlichen Geschmacks und Lebenswandels. Bestenfalls ist das naiv, als würde das Fortbestehen der bürgerlichen Ordnung von Kleidermoden, Haarschnitt oder Fragen der Sexualmoral abhängen. Doch häufig genug dient es auch als "progressive" Maske für elitäre Massenverachtung. In den Augen der Bohèmiens waren die "Spießer" dann in erster Linie nicht mehr die Bourgeois mit ihrem heuchlerischen Puritanismus, ihrer Gier und ihrer Afterkultur, sondern die "Proleten" beiderlei Geschlechts mit ihrer mangelnden Bildung, ihrer "Vulgarität" und dem Dreck unter den Fingernägeln. Nichts fällt leichter, als die zu verachten, denen durch unsere soziale Ordnung der Zugang zur wahren Kulur verwehrt wird, während man selbst eine Universität besucht hat.

Anders als bei den Münchener Kosmikern und George-Jüngern waren die bizarren Kostümierungen in Carmel zwar wohl kaum ernst gemeint. Dennoch lassen sie sich als äußere Anzeichen für einen inneren Mangel an Lebenskraft interpretieren. Das geistig-kulturelle Inventar dieser Gegenwelt war ein aus allen möglichen Epochen und Kulturkreisen zusammengeklaubtes Sammelsurium. Seine Versatzstücke entstamten u.a. der Antike, Omar Khayyams Rubaiyat, einem romantisch verklärten Mittelalter, einem imaginierten keltischen Heidentum, der germanischen Mythologie sowie der asiatischen Kultur und Religion, wobei das Wissen um letztere wohl in erster Linie nicht durch die chinesischen und japanischen Bewohner des Goldenen Staates oder Dichter wie Yone Noguchi, sondern über die Theosophie – selbst schon ein äußerst eklektisches Gebräu – zu den Künstlern gelangt war. (22) 
The Atonement of Pan, St. Patrick at Tara, The Quest of the Gorgon, The Green Knight, The Rout of the Philistines, Montezuma, The Hamadryads, The Sons of Baldur ... Eine Liste der "Grove Plays" des Bohemian Club vermittelt einen hübschen Eindruck von diesem Mischmasch. In ihm zeigte sich nicht nur, dass die Bohèmiens unfähig waren, etwas wirklich eigenes und neues zu schaffen. Wer die Traditionen der Jahrhunderte auf diese Art als einen Selbstbedienungsladen zur persönlichen Sinngebung benutzt, offenbart damit auch eine erschreckende Oberflächlichkeit. Denn selbverständlich konnten sich die Künstler keine von ihnen wirklich organisch aneignen. Sie konnten sie sich bloß überstreifen wie ihre griechischen Gewänder, die sie ja auch nicht zu antiken Hellenen machten. 
Wenn das Verlangen nach einer tieferen Geistigkeit tatsächlich so existenziell gewesen wäre, wie sie behaupteten, hätte es durch solch eine Maskerade kaum befriedigt werden können. Aber machen wir uns nichts vor – das unkonventionelle Verhalten, das epater le bourgeois und das beständige Betonen der eigenen Suche nach wahrer Schönheit war nicht selten auch bloß Pose. Man kann selbst den Weltschmerz zu einem modischen Accessoire machen. In beinah jedem Bohèmien steckte ein kleineres oder größeres Stückchen von Bunthorne, dem "Helden" der Gilbert & Sullivan - Oper Patience, einer nicht gerade tiefsinnigen, aber nichtsdestoweniger amüsanten Parodie auf Décadents und Präraffaeliten:

If you’re anxious for to shine in the high aesthetic line as a man of culture rare,
You must get up all the germs of the transcendental terms, and plant them everywhere.
You must lie upon the daisies and discourse in novel phrases of your complicated state of mind,
The meaning doesn’t matter if it’s only idle chatter of a transcendental kind.
And everyone will say,
As you walk your mystic way,
If this young man expresses himself in terms too deep for me,
Why, what a singularly deep young man this deep young man must be!“

Be eloquent in praise of the very dull old days which have long since passed away,
And convince 'em, if you can, that the reign of good Queen Anne was Culture's palmiest day.
Of course you will pooh-pooh whatever's fresh and new, and declare it's crude and mean,
For Art stopped short in the cultivated court of the Empress Josephine.
And every one will say,
As you walk your mystic way,
If that's not good enough for him which is good enough for me,
Why, what a very cultivated kind of youth this kind of youth must be !“ (23)



(1) Edmund Wilson: The Boys in the Back Room. In: Ders.: Classics and Commercials. A Literary Chronicle of the Fourties. S. 45f.
(2) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 299; 300.
(3) Nora May French: ‘Bells From Over The Hills Sound Sweet’. In: Dies.: Poems. S. 74.
(4) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. : David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 300.
(5) George Sterling: The Gardens of the Sea. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 87.
(6) George Sterling: The Swimmers. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 54f.
(7) Clark Ashton Smith: To Nora May French
(8) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 301.
(9) Dante Gabriel Rossetti: The Blessed Damozel. In: Gisela Hönnighausen (Hg.): Die Präraffaeliten. Dichtung, Malerei, Ästhetik, Rezeption. S. 133.
(10) Zit. nach: Dana Gioa: Nora MayFrench.
(11) Zit. nach: Pamela Herr: NoraMay French Biographical Sketch.
(12) Charles Baudelaire: Der Albatros. In: Ders.: Die Blumen des Bösen.
(13) Clark Ashton Smith: The BlackBook. § 188.
(14) Zit. nach: Jim Fisher: GeorgeSterling: Poet of the Skies.
(15) George Sterling: The Apothecary’s. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 49.
(16) Zit. nach: Pamela Herr: Nora May French Biographical Sketch.
(17) Nora May French: A Place of Dreams. In: Dies.: Poems. S. 85.
(18) Mary Austin: The Land of Little Rain. S. 267f.; 280f.
(19) Mary Austin: A Poet in Outland.
(20) Kevin Starr: Americans and the California Dream, 1850-1915. S. 260. Zit. nach: Jim Fisher: George Sterling: Poet of the Skies.
(21) Vgl.: Gobind Behari Lal: San Francisco’s bohemia of yesteryear and future. In: Suzanne B. Riess: Gobind Behari Lal. A Journalist From India, At Home In The World. S. 184.
(22) Sterlings Schwägerin Lila Havens war Theosophin und hatte ihr Haus in Piedmont im "asiatischen" Stil ausschmücken lassen.
(23) W. S. Gilbert: Patience; or Bunthorne’s Bride. S. 24f.