"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Montag, 24. März 2025

D&Ds Red Sonja

Im Juli 1980 erschien in Nr. 39 des Dragon ein Artikel von Kyle Gray mit dem Titel Points to ponder. In diesem beschäftigt sich die Verfasserin mit Kämpferinnen in D&D und den Problemen, die "MCDMs (Male Chauvinist Dungeon Masters)" deren Spielerinnen oftmals bereiten würden. Nach einem kurzen Abschnitt über Vorbilder aus Sage und Mythos -- von den Amazonen der Antike bis zu Brünhild und den Walküren -- wendet sie sich Kriegerinnen aus der Fantasyliteratur zu. Erfreulicherweise beginnt sie ihren kurzen Überblick mit C.L. Moore: "One of the earliest and the best of these is C. L. Moore’s Jirel of Joiry, the fierce woman fighter who has no problems competing with her male counterparts". Der größte Teil ist freilich Robert E. Howards schwertschwingenden Heldinnen gewidmet, Valeria und Belit aus den Conan-Stories sowie Dark Agnes, "his Sword-Woman, who could outfight and outdrink any man." Den prominentesten Platz nimmt allerdings wenig überraschend die vermutlich populärste Sword & Sorcery - Heldin der 70er Jahre ein:
Probably the most famous of Howard’s women warriors, thanks to Marvel Comics, is Red Sonja. Red Sonja of Rogantino, a red-haired warrior, appeared in the Howard story “Shadow of the Vulture,” which took place during the Crusades. Many years later Roy Thomas, writer of Marvel’s Conan the Barbarian, used this story as the basis for a Conan tale, and Red Sonja, warrior woman of Hyrkania, was born. During her career, Sonja has outsmarted and outfought Conan and many other men, and is undoubtedly the epitome of a female warrior. (1)
Kyle Gray konnte natürlich nicht ahnen, dass D&D-Spieler*innen sechs Jahre später die Gelegenheit erhalten würden, ganz offiziell in die Rolle von Red Sonja zu schlüpfen.
 
Wie es dazu kam? Lasst euch nieder und lauscht der Saga.
 
Red Sonja ist das zwar noch nicht, aber Bill Willinghams Illustration für Isle of Dread (1981) weist doch verdächtige Ähnlichkeiten mit ihr auf.

Kyle Gray schreibt in dem selben Artikel, "Heroic fantasy" sei "the main influence of Dungeons & Dragons". Und in der Tat war das Spiel in seinen Anfängen viel stärker von der Sword & Sorcery geprägt als etwa von Tolkien, trotz der Hobbits (Halblinge), Balrogs (Balors) und Ents (Treants). Gary Gygax beschrieb im März 1985 in einem Artikel für den Dragon die Geschichte seiner persönlichen Beziehung zur Fantasyliteratur wie folgt:
By the tender age of twelve, I was an avid fan of the "pulps" (magazines of those genres), and I ranged afield to assimilate whatever I could find which even vaguely related to these exciting yarns. [...] Somewhere I came across a story by Robert E. Howard, an early taste of the elixir of fantasy to which I rapidly became addicted. Even now I vividly recall my first perusal of Conan the Conqueror [Hour of the Dragon], Howard's only full-length novel. After I finished reading that piece of sword & sorcery literature for the first time, my concepts of adventure were never quite the same again.
Entsprechend wurden im Vorwort zur allerersten Ausgabe des Regelwerkes (1974) als Inspiration neben "Burroughs' Martian adventures" "Howard's Conan saga", "the de Camp and Pratt fantasies" und "Fritz Leiber's Fafhrd and the Gray Mouser" genannt, Tolkien hingegen nicht. (2) Und im bekannten Appendix N des Dungeon Masters Guide (1979) bekommt man zu lesen: "The most immediate influences upon AD&D were probably de Camp & Pratt, REH, Fritz Leiber, Jack Vance, HPL, and A. Merritt".
 
Erol Otus' grandioses Cover für Deities & Demigods (1979)
 
In den frühen Tagen pflegte TSR einen recht unbekümmerten Umgang mit "geistigem Eigentum" anderer. Was besonders ironisch wirkt, da das Unternehmen selbst sich sehr schnell den Ruf erwarb, alles und jeden wegen vermeintlicher Copyright-Verletzungen zu verklagen. Es ist darum wenig überraschend, dass die 1976 erschienene Spielhilfe Gods, Demi-Gods & Heroes von Robert Kuntz & James Ward neben Kapiteln über alle möglichen irdischen Pantheone und Mythologien auch eines über "Robert E. Howard's Hyborea" enthält. Dort bekommt man u.a. Spielwerte für Conan selbst geliefert -- wenn es einem denn gelingt, die entsprechende Passage in dem absurd unübersichtlichen Büchlein zu finden (sie beginnt auf S. 45). Warum der Cimmerier seinen Weg nicht auch in die 1979 veröffentlichte erste Auflage von Deities & Demigods gefunden hat, weiß ich leider nicht. Immerhin gibt es dort ja auch Kapitel über Moorcocks "Melnibonéan" und Leibers "Nehwon Mythos" (sowie Cthulhu & Co) Allerdings präsentierte Gygax persönlich ein Jahr später in der Aprilnummer 1980 des Dragon seine eigene Version der Spielwerte Conans. 
 
Schon 1976 hatte TSR Ärger mit Saul Zaentz' Tolkien Enterprises bekommen, die zu dieser Zeit die weltweiten Verfilmungs- und Merchandising-Rechte für Hobbit, Lord of the Rings und Silmarillion hielten. Stein des Anstoßes war das bereits in Produktion befindliche Brettspiel Battle of the Five Armies gewesen. Doch Gary Gygax zufolge gingen die Forderungen weit über das Einstampfen dieses Spiels hinaus:     
The action also demanded we remove balrog, dragon, dwarf, elf, ent, goblin, hobbit, orc, and warg from the D&D game. Although only balrog and warg were unique names we agreed to hobbit as well, kept the rest, of course.
Im Fall von Deities & Demigods hatte es zwar gewisse Bemühungen gegeben, sich im Vorfeld rechtlich abzusichern, doch war man dabei offenbar reichlich naiv vorgegangen. Wie der für die Produktion des Bandes verantwortliche Lawrence Schick einmal erzählt hat:
As the editor of the book, I can clear up a couple of points about the Melnibonean and Cthulhu Mythos clusterfrogs. I had, in fact, gotten permission directly from Michael Moorcock to use the Elric material in DDG, which was a naive, n00b mistake: I should have gone through his agent, as Chaosium did, when they made the arrangements for “Stormbringer.” When it comes to rights, agent > author.
Meanwhile, Gary had written to someone he knew at Arkham House (the name escapes me) for permission to use the Cthulhu Mythos. They said yes, largely because even then that mythos was an open-source setting, and they didn’t really have the right to say no. However, Chaosium felt they had acquired the exclusive right to do Lovecraft games, and were willing to fight for it. TSR was not, because they figured the book would sell with or without the squids.
Und so verschwanden die entsprechenden Kapitel (und leider auch die wunderbar grotesk-putzigen Illustrationen von Erol Otus) aus späteren Auflagen des Bandes.
 
Als wenige Jahre später John Milius' Conan the Barbarian in den amerikanischen Kinos auftauchte und zu einem Riesenerfolg wurde, dachte man sich bei TSR anscheinend, dass es dies auszunützen gelte und man diesmal auf Nummer Sicher gehen und eine offizielle Lizenz erwerben sollte. Erstes Resultat dessen war das Abenteuermodul Conan Unchained!, das 1984 mit Arnie auf dem Cover erschien und im Vorwort als "first of a series of Conan adventures" beschrieben wurde.

Gygax war nicht der einzige im frühen TSR-Team, der ein Faible für Pulp-Phantastik und Sword & Sorcery hatte. Man denke z.B. an Tom Moldvay und seine grandiose "Pulp-Trio" The Isle of Dread (1981), Castle Amber (1982) und The Lost City (1982). Das erste der drei Module hatte Moldvay zusammen mit David "Zeb" Cook geschrieben. Und der wiederum hat in einem Interview einmal erzählt:
I love pulp stories and grew up reading a lot of the classic pulp stuff. As a kid I read Conan, Solomon Kane, most al the Tarzan novels, Doc Savage, the Shadow, Vance, Lovecraft, etc. The Fafhrd and Gray Mouser stories by Leiber were among my favorites -- he created this really interesting world and characters that made great stories. Laumer, deCamp, Farmer, Zelazny, Lin Carter, Bloch were a few more.
Für mich am gelungsten spiegelt sich das in seinem Zweiteiler Master of the Desert Nomads (1983) und Temple of Death (1983) wider. 
 
Cooks eigenen Angaben zufolge war schon das Szenario von Dwellers of the Forbidden City (1981) stark von Robert E. Howards Red Nails inspiriert worden. Tatsächlich war er wohl ein besonders leidenschaftlicher Fan des Cimmeriers, und so macht es nur Sinn, dass ihm die Aufgabe übertragen wurde, auch das erste offizielle Conan-Abenteuer für AD&D zu schreiben. Dabei begnügte er sich nicht damit, die Handlung einfach im Hyborian Age anzusiedeln, er führte außerdem eine Reihe von Regeländerungen ein, die dem Spiel eine spezifisch "howard'sche" Atmosphäre verleihen sollten: Der "Fear Factor" sollte Conans instinktive Furcht vor und Abneigung gegen Zauberei und andere "widernatürliche" Kräfte simulieren, die "Luck Points" den Spieler*innen ermöglichen, heroische Taten "beyond the range of the AD&D rules" zu vollbringen. Zudem weist Cook darauf hin, dass Magie in dieser Welt selten und meist mit dunklen Mächten verbunden sei. Kleriker im üblichen Sinne (und damit Heilmagie!) gibt es praktisch überhaupt nicht.
 
Im Vorwort schreibt Cook, das Abenteuer bestehe aus drei Begegnungstypen -- "normal, random, and plot encounters". Es sind vor allem letztere, die seinen Charakter bestimmen:
Plot encounters form the parts of a story that the player characters act through. To continue the story from one encounter to another, the choices the characters have will be very limited. You must he careful to gently control plot encounters. You want the characters to do specific things, but you do not want to force them.
Conan Unchained! gehört also zu dem Typ Abenteuer, den man oft mit den Arbeiten von Tracy & Laura Hickman verbindet und dessen wohl berühmtester früher Vertreter -- die Dragonlance - Kampagne -- im selben Jahr 1984 an den Start ging. (3) Es geht hier nicht um das freie Erkunden von Wildnis und Dungeon, sondern um das "Nachspielen" einer Geschichte mit klar festgelegten Plotpoints. Dabei schlüpfen die Spieler*innen in die Rollen von Conan, Valeria und ihren aus den De Camp - Pastiches stammenden Gefährten Juma und Nestor. Die Handlung ist recht deutlich von The Devil in Iron inspiriert worden. Nachdem ein turanisches Heer, das gegen den abtrünnigen Lokalherrscher Kustafa marschiert und dem man sich als Söldner*innen angeschlossen hat, von schwarzer Magie dezimiert und zerschlagen wurde, landet man unter den Kozaki, den wilden Briganten der Steppe. Dort muss man sich eine Machtposition erkämpfen, um anschließend auf Antreiben der hübschen Amrastisi, Favoritin des Khans von Turan, auf eine Insel im Binnenmeer von Vilayet überzusetzen und den bösen Zauberer Bhir-Vedi zu bezwingen. Nicht unbedingt das originellste Szenario. Aber wenn man Lust darauf hat, einfach mal eine generische Conan-Story "nachzuspielen", und bereit ist, dabei dem vorgegebenen Handlungsweg zu folgen, ohne groß eigene Entscheidungsmöglichkeiten zu haben, ist Conan Unchained! vielleicht gar nicht einmal so übel. Vorausgesetzt Spielleitung und Spieler*innen gelingt es gemeinsam, die entsprechende Atmosphäre heraufzubeschwören.
 
Große Begeisterungsstürme scheint das Modul dennoch nicht ausgelöst zu haben, denn die vollmundig angekündigte Conan-Serie endete bereits im selben Jahr mit Conan Against Darkness! Diesmal sollte es richtig episch werden. Man spielt Conan als König von Aquilonia und bekommt es mit Thoth-amon zu tun, dem finsteren stygischen Zauberer, den L. Sprague de Camp (und ihm folgend Roy Thomas) zum Erzfeind des Cimmeriers aufgebaut hatten. Interessanterweise war David "Zeb" Cook an diesem Modul nicht mehr beteiligt. Als Hauptautor wird Ken Rolston angeführt. Möglich, dass Cook zu dieser Zeit bereits an dem separaten Conan RPG arbeitete, das TSR 1985 (und wohl leicht überhastet) auf den Markt bringen würde. Dem war zwar auch keine große Zukunft beschieden (nach drei Modulen war auch hier schluss), aber mit seinem Erscheinen schien es eigentlich erst recht keinen Grund mehr zu geben, weitere AD&D-Abenteuer im Hyborian Age zu veröffentlichen.
 
Was Red Sonja Unconquered zu einem noch größeren Kuriosum macht, als es das Modul ohnehin schon ist.

Clyde Caldwells Cover für Red Sonja Unconquered

Geschrieben wurde es von Anne Gray McCready. In Nr. 111 (Juli 1986) des Dragon frindet sich ein kurzer TSR Profiles - Artikel über sie. Der ist freilich eher humorig gehalten und so bin ich mir nicht ganz sicher, was man davon halten soll, dass er hauptsächlich aus wiederholten Beteuerungen McCreadys besteht, sie sei "basically a normal person, unlike all these other people [...] The rest of the staff is weird. I am normal. [...] Normal. Not one of the weirdos." Dass sie "hardly knew what the D&D game is about", als sie 1983 (oder '82?) bei TSR zu arbeiten begann, erscheint mir nicht unglaubwürdig, aber man darf wohl davon ausgehen, dass sie in der Folgezeit tiefer in die Fantasy-Nerd-Kultur eingestiegen war. Sie arbeitete als Lektorin (Editor) an einer ganzen Reihe von Modulen und Boxsets mit, u.a. auch an den beiden Conan - Abenteuern. Bei Conan Against Darkness! war sie offenbar sogar für die Storyentwicklung verantwortlich. Und so ist es vielleicht nicht ganz so überraschend, dass sie schließlich Red Sonja Unconquered schrieb.
 
Warum das Abenteuer überhaupt produziert wurde, ist eine andere Frage, die ich nicht wirklich zu beantworten vermag. Ein Jahr zuvor war der Red Sonja - Film mit Brigitte Nielsen (und Arnold Schwarzenegger) in die Kinos gekommen. Aber das Modul enthält (soweit ich erkennen kann) keinerlei Anspielungen auf den Streifen. Und anders als die Conan - Abenteuer wird sein Cover auch nicht von einem Szenenfoto geschmückt, sondern von einer Clyde Caldwell - Illustration, die sich klar an den Frank Thorne - Comics der 70er Jahre (oder den Boris Vallejo - Covern der Buchreihe) orientiert, d.h. Sonja im Chainmail Bikini darstellt. Dasselbe gilt für die Illustrationen im Inneren. Doch interessanterweise greift der Text nicht auf die ursprüngliche, von Roy Thomas und Clair/Clara Noto geschriebene Reihe zurück, sondern auf die sog. "3. Serie", die Marvel 1983 gestartet hatte und in der der "She-Devil" nicht länger diese ebenso ikonische wie unpraktische Rüstung trägt. Wie in den Conan - Modulen bekommen wir auch hier eine vorgefertigte Abenteurergruppe präsentiert, zu der neben Sonja mit Galon, Kynon und Achmal drei Figuren aus eben dieser Serie gehören. Und am Anfang des Moduls steht außerdem ein Zitat aus The Ring of Ikribu, dem ersten Red Sonja - Roman von David C. Smith & Richard L. Tierney, der 1981 erschienen war. Alles scheint in meinen Augen dafür zu sprechen, dass Anne Gray McCready relativ gut mit dem aktuellen Stand des Franchises vertraut war. 
 
Leider sagt das nicht automatisch auch etwas über die Qualität des Abenteuers aus. Der Anfang ist recht cool, denn wie in einer klassischen Sword & Sorcery - Story starten wir auch hier mitten in der Action. Die Spielleitung liest der Sonja - Spielerin folgenden kurzen Text vor:
Your blow flattens the sweaty mercenary against the crumbling wall. His bloodied chest heaves with each labored breath. Nearly dead, he reaches feebly to the sky to fend off your final blow. But you wait, and he falls back, crimson droplets trickling slowly from his wounds.
You stand silent, momentarily saddened by the waste of this well-muscled youth. But the shouts and screams of your companions quickly snap you back to attention. None of you are safe yet.  
   
Sonja und ihre Gefährten sind gerade dabei, einen Haufen marodierender Söldner zu erledigen, die ein kleines Dorf in den hyrkanischen Hügeln überfallen haben.
So weit, so nett, doch was folgt ist leider eine ziemlich einfallslose Geschichte über einen miesen Zauberer, der ein magisches Artefakt aus dem Grab seines verhassten Bruders bergen will, um so grenzenlose Macht zu erlangen. Den Spieler*innen bleibt dabei so gut wie keine Handlungsfreiheit. Sie werden genötigt, dem Magier erst bei seiner Suche zu helfen, um sich anschließend gegen ihn zu stellen und ihn zu bezwingen. Viel mehr gibt es über die Handlung eigentlich nicht zu sagen.
 
Bleibt die Frage, wie das Modul mit der Figur Red Sonja umgeht. So bin ich mir z.B. nicht ganz sicher, was ich davon halten soll, dass immer wieder betont wird, wie überrascht alle NPCs davon sind, einer Frau mit Schwert zu begegnen, die dann auch noch mit demselben umzugehen versteht. Ganz neckisch fand ich dagegen die Idee, dass die Gruppe zwischendurch nächtens von einem Succubus heimgesucht wird, der den Männern nach und nach die Lebensenergie absaugt, während Sonja ("natürlich") immun gegen diese Attacken ist. Für wirklich problematisch halte ich allerdings die Art, wie Sonjas berühmt-berüchtigter "Keuschheitseid" regeltechnisch verarbeitet wird. Ich zitiere die entsprechende Passage in ihrer Gänze:
The vow Sonja took is that she will love no man who cannot defeat her fairly in battle. This means she may not compromise herself in any way to further her goals. She may use her feminine wiles to a certain extent, but the power of her beauty is likely to overcome many men, so this approach could work against Sonja.
Make sure that the person playing Sonja understands this vow. If Sonja abuses her power over men during the adventure, she will lose some of her exceptional abilities for the rest of the adventure. It's up to you to decide if such a situation arises. If it does, Sonja's Strength falls to 8, her Dexterity to 11, and her Constitution to 7. She also loses 8 Luck Points and 35 hit points. She can be surprised on 1-3 on 1d6. 
Das ist nun wirklich cringy. Geht das Abenteuer also davon aus, dass die Spielerin der Figur beinah automatisch versuchen werde, ihre "feminine wiles" einzusetzen, statt rechts und links Köpfe abzuschlagen, wie es Sonjas Gewohnheit ist? Und wie haben wir das zu verstehen, dass stets die Gefahr bestehe, dass Männer von der "Macht ihrer Schönheit" "überwältigt" würden? Die Implikationen sind gruselig und unangenehm. Dass Sonja in einem solchen Fall dann zu (regeltechnischer) Schwäche und Hilflosigkeit verdammt wird, spricht außerdem dafür, dass wir es hier mit einer Interpretation der Figur zu tun haben, derzufolge Sonjas überragende Fähigkeiten nicht ihr eigener Verdienst, sondern Folge eines "göttlichen Segens" sind.
 
Zugegeben, in den Comics und Büchern dieser (und der vorangegangenen) Ära ließe sich so manches finden, womit man diese Herangehensweise an die Figur rechtfertigen könnte. Aber eben auch schon so einiges, was in eine andere Richtung weist. Und es ist schade, dass Anne Gray McCready sich ausgerechnet hierfür entschieden hat. Alles in allem ist Red Sonja Unconquered nur als ein Kuriosum aus der Geschichte des "She-Devils" von Interesse. Und vermutlich nicht einmal ein gutes Beispiel für die Art von Kriegerin in D&D, für die Kyle Gray sechs Jahre zuvor eine Lanze gebrochen hatte.     





(1) So ungern ich auch den Besserwisser gebe, muss ich doch anmerken, dass Shadow of the Vulture nicht während der Kreuzzüge, sonden während der Belagerung Wiens durch das Heer des Osmanen- Sultans Süleyman I. im Jahre 1529 spielt.
 
(2) Im selben Jahr erschien ein Artikel von Gygax in dem Wargaming-Fanzine La Vivandière mit dem Titel Fantasy Wargaming and the Influence of J.R.R. Tolkien, in dem neben Robert E. Howard "Poul Anderson, L. Sprague de Camp and Fletcher Pratt, Fritz Leiber, H.P. Lovecraft, A. Merritt, Michael Moorcock, Jack Vance, and Roger Zelazny" als Inspirationsquellen für Chainmail und das ursprüngliche D&D genannt werden und es u.a. heißt: "Tolkien includes a number of heroic figures, but they are not of the "Conan" stamp. They are not larger-than-life swashbucklers who fear neither monster nor magic. [...] Would a participant in a fantasy game more readily identify with Bard of Dale? Aragorn? Frodo Baggins? or would he rather relate to Conan, Fafhrd, the Grey Mouser, or Elric of Melnibone? The answer seems all too obvious."
 
(3) Ich verweise an dieser Stelle auf den ausführlichen Artikel, den ich vor zwei Jahren im Rahmen meines alljährlichen "Klassiker-Rereads" mit Alessandra Reß zu diesem Thema geschrieben habe.

Samstag, 9. November 2024

Sonjas letztes Abenteuer

Als ich mich 2022 etwas intensiver mit Richard L. Tierney und seinen Simon of Gitta - Geschichten beschäftigte (1 * 2 * 3), besorgte ich mir in diesem Zusammenhang auch gleich die sechs Red Sonja - Romane, die dieser Anfang der 80er Jahre zusammen mit seinem Kumpel David C. Smith geschrieben hatte. In einem Anlauf durchgelesen habe ich sie freilich nicht. Nur den (nicht wirklich einladenden) Auftakt The Ring of Ikribu (Der Ring von Ikribu) und Band 2 Demon Night (Die Nacht der Dämonen) habe ich mir damals unmittelbar vorgenommen. Ein Jahr später griff ich dann spontan zu When Hell Laughs (Die Hölle lacht) und war angenehm überrascht von der Lektüre. Dieser Eindruck wurde durch Band 4 Endithor's Daughter (Endithors Tochter) noch weiter verstärkt. Der Anfang von Against the Prince of Hell (Der Prinz der Hölle) war dann allerdings ziemlich ernüchternd (milde ausgedrückt) und ich muss gestehen, dass ich das Buch bis heute nicht fertiggelesen habe. Stattdessen nun also Star of Doom (Der Stern des Untergangs).
 
Bei den Heyne-Ausgaben sind die Coverillustrationen von Boris Vallejo aus irgendwelchen Gründen etwas durcheinander geraten. Bei den Ace-Büchern gehörte die hier zu Against the Prince of Hell.
 
Um's gleich vorweg zu sagen, das Buch hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen.
 
Die Herangehensweise an die Figur Red Sonja lässt sich grob in zwei Hauptarten unterteilen. Auf der einen Seite steht die eher erdige Variante der umherstreifenden Glücksritterin, die sich ab und an als Söldnerin verdingt, aber eben so gerne in wüsten Schenken Männer unter den Tisch trinkt, um tagsdarauf in irgendwelche Paläste oder Tempel einzusteigen und Könige und Priester um ihre Schätze zu erleichtern. Auf der anderen die eher "mythische", in der Sonja als irgendwie "Auserwählte" erscheint, die sich mit Göttern und Halbgöttern wie dem (leider oft furchtbar langweiligen) "Ersatz - Thulsa Doom / Thoth Amon" Kulan Gath herumschlägt (so vor allem in einem Gutteil der älteren Dynamite - Comics).

Nicht selten findet man natürlich auch Mischformen aus beidem. In den Romanen überwiegt oft die eine oder andere Seite. Und vermutlich wird es niemanden wundern, dass meine klaren Favoriten (Die Hölle lacht und Endithors Tochter) eher der erdigen Variante zuneigen. Auch vermute ich, dass in diesem speziellen Fall die beiden Formen mit den jeweiligen Vorlieben der beiden Autoren parallel gingen. Dabei würde ich David C. Smith eher mit der ersteren identifizieren, hat er in einem Interview mit DMR Books, aus dem ich immer wieder gerne zitiere, "seine" Sonja doch einmal als eine Art Working Class - Heldin beschrieben:  
    
What I am proudest about, regarding the Sonjas, is that I was very aware that we were writing stories about a strong woman character, and I loved that idea. I like strong women; I like intelligent women; those are the types of women who raised me and whom I grew up around, basically country people and working class people, regular folks. They’d been raised during the Great Depression and lived through World War II. My dad and his brothers had fought overseas in wartime. They all knew what the world was made of. This is how I grew up. So I considered Sonja to be the kind of good-looking redhead country woman who could walk into a truck stop, put down as many beers as any guy, beat him at arm wrestling, and kick the ass of any trucker who tried to go too far with her.
Richard L. Tierney seinerseits scheint mir ganz gerne Elemente seiner "düsteren Kosmologie" mit ihren halb cthulhuid, halb gnostisch angehauchten Zügen in die Romane eingeflochten zu haben, wenn auch sicher nie so explizit wie in seinen ureigensten Geschichten um Simon of Gitta oder den Zeitreisenden John Taggart. Dabei wird dann natürlich auch Sonja zu einem "wahren Geist" mit einer besonderen "Bestimmung".

Der Stern des Untergangs beginnt mit einer etwas längeren Vorgeschichte. Irgendwo in den Weiten der Steppe östlich von Brythunien erhebt sich seit Urzeiten eine geheimnisvolle Zikkurat. Als eines Nachts im benachbarten Gebirge ein Meteorit einschlägt, begibt sich eine Gruppe von Zauberern, die in dem gewaltigen Bauwerk leben, unter der Führung ihres Meisters Thotas auf die Suche nach dem "gefallenen Stern". Was sie damit erreichen wollen, bleibt vorerst unklar, aber Bo-ugan, der Hetmann eines der benachbarten Dörfer, hat das deutliche Gefühl, dass hier Böses im Gange ist. Und um das Übel gleich im Keim zu ersticken, organisiert er einen Angriff auf die Zikkurat. Die Attacke wird zwar zurückgeschlagen, doch das Gefecht bildet nur den Auftakt für einen jahrelangen blutigen Konflikt.
Ich fand es recht cool, wie Smith & Tierney beschreiben, wie die zehnjährige Belagerung der Zikkurat das Umland und das Leben der dort ansässigen Menschen von Grund auf verändert. Eine völlig neue Infrastruktur entsteht: Brücken werden geschlagen, ein Ring aus Forts und Außenposten errichtet, Bo-ugans Dorf wächst zu einer kleinen Stadt heran, als immer mehr Krieger und Söldner aus aller Herren Länder herbeiströmen, um die Belagerungsstreitmacht zu verstärken. Die Kämpfe selbst lassen leichte Assoziation zum Grabenkrieg von 1914-18 aufkommen. Unzählige Menschen sterben beim Kampf um ein paar Meter Boden. Ein Ende scheint nicht abzusehen. Was derweil in der Zikkurat geschieht, bleibt nebulös.
 
In dieses Szenario wird nun Red Sonja gestellt. Und gerade dieser Anfangspart hat mir recht gut gefallen, bewegen wir uns dabei doch noch ganz auf "erdigem" Niveau, trotz der offensichtlich überirdischen Bedrohung, die von Thotas und dem "Stern" ausgeht. Aus der Sicht der Söldnerin lernen wir die Routinen von Belagerung und Lagerleben kennen, sehen dabei, wie Sonja sich in dieses Umfeld einfügt, dabei als Frau zwar ohne Zweifel eine Ausnahmeerscheinung ist, von den allermeisten ihrer Kameraden aber dennoch mit Respekt behandelt wird. (Auf den pflichtgemäßen Auftritt einiger typischer herumpöbelnder chauvinistischer Arschlöcher wird zwar nicht verzichtet, doch werden diese eindeutig als unangenehme Ausnahmen dargestellt und wenig später auch schon aus dem Lager geworfen). 
Vor allem aber wird die Figur von Sonjas Kumpel Iatos eingeführt. Als Homosexueller ist der schon etwas ältere Krieger ein vielleicht noch größerer Außenseiter in der Macho-Männer-Gesellschaft der Söldnerhaufen. Er wird als "unabhängiger Geist" beschrieben, "der gleichermaßen Schwertkämpfer und Gelehrter, Tatmensch und Denker" ist. Die Beziehung, die zwischen ihm und Sonja besteht, hat mich an Kapitän Tio aus Die Hölle lacht erinnert, auch wenn sie sicher tiefer geht. Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe und pflegen einen angenehm unverkrampften und humorvollen Umgang. Man bekommt sehr schnell das Gefühl, dass sie sich wirklich mögen und sich Gedanken umeinander machen. Leider ähnelt das Schicksal des lebensweisen und zum Philosophieren neigenden Söldners dem des guten Captains, und er verschwindet bereits recht früh aus der Handlung. Wenn auch auf weniger drastische Weise. Ich hätte ihn sehr gerne für das gesamte Abenteuer mit dabei gehabt.
Denn unglücklicherweise verbleibt die Geschichte nur für gut fünfzig Seiten in dieser Umgebung, um dann in eine ziemlich klassische Queste überzugehen. Und damit sind wir wohl gezwungen, uns der Figur des Daron zuzuwenden.
 
Der in der Vorgeschichte noch als reichlich impulsiv und hitzköpfig geschilderte Bo-ugan hat sich in den Jahren der Belagerung offenbar zu einem ebenso fähigen wie umsichtigen und auf seine Art bescheidenen Anführer gewandelt. Als er von der Anwesenheit Sonjas in seiner Truppe erfährt, lässt er sie deshalb umgehend zu sich rufen. Völlig unprätenziös und ohne irgendwelche "Generalsallüren" bittet er die erfahrene Kriegerin um ihren Rat. Tief frustriert davon, immer mehr Soldaten in einen scheinbar sinnlosen Tod zu schicken, sucht er nach einer Möglichkeit, den Krieg mit einem entscheidenden Manöver endlich siegreich beenden zu können. Doch auch Sonja fällt auf die Schnelle keine erfolgversprechende neue Taktik ein. Dafür meldet sich ihr Begleiter Daron zu Wort: Er hätte vielleicht eine Idee, wie dies zu bewerkstelligen wäre. Den genauen Inhalt seines Planes will er jedoch nicht offenlegen. Stattdessen bittet er darum, sich zusammen mit Sonja (und einem weiteren Begleiter) für einige Zeit von der Truppe entfernen zu dürfen, um die mysteriöse "Unterstützung", die ihm vorschwebt, zu organisieren. Bo-ugan willigt ein. Alsbald beginnt damit der Questen-Teil des Romans.
 
Anfangs erfahren wir wenig genaueres über Daron. Der junge Mann hat sich schon vor einiger Zeit mit Sonja zusammengetan und die beiden verbindet offensichtlich ein freundschaftliches Band. Auch scheint es sich bei ihm um einen zu finsteren Grübeleien neigenden Charakter zu handeln. Der Grund dafür wird schnell ersichtlich, nachdem man sich auf die gemeinsame Suche begeben hat. Daron ist der Sohn eines "nicht ganz menschlichen" Magiers, dem er in seinem bewussten Leben jedoch nie begegnet ist. In ihm schlummert deshalb ein magisches Erbe, das er selbst nicht wirklich versteht und das ihn beunruhigt. Sein (ehrlich gesagt ziemlich schwammiger) Plan ist es, nunmehr seinen -- nach allem, was er weiß -- äußerst mächtigen Vater zu suchen. Ob es ihm dabei tatsächlich darum geht, Hilfe für Bo-ugan und die Belagerer zu organisieren, oder ihn eher persönliche Motive antreiben bleibt zweideutig.
 
Bei allem abenteuerlichen Drumherum bildet die Beziehung zwischen Sonja und Daron doch das Herzstück des Romans. Und reden wir nicht lange drum herum: natürlich entwickeln die beiden sehr schnell romantische Gefühle füreinander. Aber keine Angst, es gibt immer noch genug gruselige Sumpfmonster, böse Hexen, dämonische Zauberer, herumwankende Zombies und epische Schlachten. Und wenn ich ehrlich sein soll, so ist dies hier von allem mir bekannten "romantischen Subplots" um Red Sonja aus der Ära vor Gail Simones "Befreiung" der Figur die angenehmste. Oder doch zumindest die am wenigsten unangenehme oder nervige.    
Grund dafür ist vor allem, dass Smith & Tierney für diesen ihren letzten Roman das ganze Ding mit dem "Keuschheitsgelübde" ("Ich gebe mich nur dem Mann hin, der mich im Kampf besiegt hat") kommentarlos über Bord geworfen haben. Was schon recht erstaunlich ist, sollten die Bücher doch ohne Zweifel an die Popularität der 70er Jahre - Comics von Roy Thomas, Clair/Clara Noto & Frank Thorne anknüpfen. Aber Ace Books hatte ihnen ziemliche große Freiheiten im Umgang mit der Figur eingeräumt. Schon in Die Hölle lacht war dabei der Chainmail Bikini (beinah wortwörtlich) über Bord gegangen. Den trug Sonja in den frühen 80ern freilich auch in den Comics wenn überhaupt nur noch selten. Dieser zweite massive Eingriff in die "Lore" ist da schon sehr viel radikaler, und es wundert mich ehrlich gesagt, dass die Autoren damit durchgekommen sind. Meines Wissens nach sind sie damit die einzigen, die etwas derartiges vor Gail Simone gewagt hätten. Wie dem auch sei, auf jeden Fall kommt es dank dessen nicht zur Wiederholung solcher Cringe-Szenen wie des Zweikampfs zwischen Sonja und Olin in Der Ring des Ikribu.
Natürlich ist das Ganze trotzdem eine alles andere als unkomplizierte Beziehung, die nicht mit einem "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" abschließt. Zum einen ist da Darons Zauberererbe und sein (vor allem anfangs) mitunter etwas fragwürdiges Benehmen, die es Sonja nicht gerade einfach machen, ihm ganz zu vertrauen und sich ihm zu öffnen. Doch zudem ist die Kriegerin auch in dieser abgewandelten Variante eine Person, die vor gar zu intimen Beziehungen erst einmal zurückschreckt. Dies wird allerdings nicht mit irgendeinem "Eid" begründet, sondern rein psychologisch mit den grausamen Erfahrungen erklärt, die sie in ihrer Vergangenheit machen musste. In diesem Zusammenhang wird zwar auch in Stern des Untergangs ihre Vergewaltigung erwähnt (diesen Teil der "traditionellen" Origin Story sind Smith & Tierney also nicht losgeworden), doch wenigstens erscheint sie dabei nicht als das alles definierende Ereignis von Sonjas Leben, das aus der "unschuldigen" jungen Frau die "starke" Kämpferin gemacht habe, wie dies unglücklicherweise vor gar nicht so langer Zeit noch einmal in The Ballad of the Red Goddess von Roy Thomas und Esteban Maroto geschehen ist.* Die Art, in der die Vergewaltigung erwähnt wird (und sie wird in der Tat nur erwähnt), macht sie vielmehr zu einem Teil all der Gewalt und Grausamkeit, die den Blick unserer Heldin auf die Welt geprägt haben. Die Gefahr, die daraus erwächst, charakterisiert Iatos am Anfang der Geschichte in einem Gespräch mit seiner Freundin so:
Was ist, wenn du Schläge erwartest und statt dessen als nächstes Musik hörst? Wenn du Schläge erwartest, reagierst du auf Musik vielleicht so wie auf einen Schlag. Wessen Schuld ist das? Wenn du unter Feinden aufgewachsen bist, hältst du jeden für einen Feind. Wenn du daran gewöhnt bist, ein Messer zum Töten zu verwenden, wie kannst du dir dann beibringen, dass es auch zum Brotschneiden verwendet werden kann -- oder um ein wundervolles Kunstwerk aus einem Stück Holz zu schnitzen?
Sonjas Einzelgängerinnentum, die Schwierigkeiten, die sie damit hat, sich anderen Menschen zu öffnen und Bindungen einzugehen, erhält damit zumindest eine psychologisch plausible Begründung. Und wir sollen Stern des Untergangs wohl auch als eine Erzählung darüber lesen, wie es ihr unter viel Mühen erstmals gelingt, diese Isolation aufzubrechen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Geschichte in dieser Form gebraucht hätte, aber das ist mehr eine persönliche Geschmacksfrage.
 
Allerdings finden sich die anfang beschriebenen zwei Herangehensweisen auch in der Darstellung der Beziehung zwischen Sonja und Daron. Die beiden sind nicht einfach bloß zwei Menschen, die sich ineinander verlieben, sondern zwei "wahre Seelen", die über Äonen miteinander verbunden sind und sich im Ablauf unzähliger Wiedergeburten immer wieder finden und verlieren. Für diese Offenbarung ist der alte Magier Ban-Itos verantwortlich, den sie im Laufe ihrer Queste befreien und der sich ihnen im Kampf gegen Thotas anschließt. Diese mystische Überhöhung einer zwischenmenschlichen Beziehung trägt recht deutlich die Handschrift von Richard L. Tierney. Ganz genauso verfährt er in seinen Simon of Gitta - Geschichten. Dort hatte mich das nicht groß gestört, aber hier wirkt es auf mich irgendwie so, als werde damit der Beziehung etwas von ihrer Menschlichkeit entzogen. 
 
Je länger die Geschichte dauert, desto mehr überwiegt jene Sichtweise, die in Sonja nicht einfach eine Abenteurerin, sondern eine "Heldin mit Bestimmung" sieht. Zu diesem Zweck wird sogar die mysteriöse "Göttererscheinung" ("Mann-Frau-Wesen-Gott-Göttin-Geschick") aus Roy Thomas' ursprünglicher "Origin Story" The Day of the Sword erneut heraufbeschworen. Deren wahre Natur war in den alten Comics meines Wissens nach nie hundertprozentig geklärt worden. Hier nun wird sie von Ban-Itos als eine Manifestation von Sonjas eigenem "wahren/metaphysischen Ich" interpretiert. Das finde ich zwar minimal befriedigender als den Göttinnenschmus, der zu Beginn der Dynamite - Ära eine Zeit lang populär werden sollte, aber ich hätte auf diese Art mystischer Zutaten auch gut verzichten können.
 
Ebenfalls auf Tierney zurückgehen dürfte die wahre Natur des "Sterns", die einmal mehr von Ban-Itos enthüllt wird. Der vermeintliche Meteorit ist in Wirklichkeit ein Ajar-Alazwat, "eine der Kreaturen der Alten Götter, die die Kraft aller leidenden Lebewesen anziehen und sie ihren Herren weiterleiten". Das ist ein direkter Bezug auf Tierneys "düstere Kosmologie", wie sie besonders ausführlich in der Simon of Gitta - Geschichte The Throne of Achamoth beschrieben wird, in der der Held während einer Astralreise die unterschiedlichen Planetensphären durchwandert und dabei die in den Himmelskörpern hausenden "Archonten" beobachtet, böse "Untergötter", deren Aufgabe es ist, die durch Leid und Schmerz freigesetzten Energien der Erdbewohner aufzufangen und an die "Primal Gods" (die "Lords of Pain") weiterzuleiten, die sich von ihnen ernähren. Dieser kosmologische Hintergrund spielt in Der Stern des Untergangs freilich keine zentrale Rolle. Der Ajar-Alazwat erscheint hier im Grunde als eine Art cthulhuider Großer Alter, den Thotas in seiner Hybris an sich zu ketten versucht hat, um seine Macht auszunutzen. Mit verheerenden Folgen für alle Beteiligten (und potenziell die gesamte Welt).
 
Wie inzwischen wohl deutlich erkennbar sein sollte, besteht Ban-Itos' Aufgabe vor allem darin, den Experten fürs Mystische und Infodumper Extraordinaire zu geben. Natürlich sorgt er während des finalen Sturms auf die Zikkurat außerdem für zusätzliche magische Firepower. Doch zwischendurch (und vor allem am Ende) schlüpft er darüberhinaus in die Rolle eines väterlichen Freundes für Sonja. Es hätte mir deutlich besser gefallen, wenn die entsprechenden Gespräche (mit der nötigen Anpassung) zwischen Sonja und Iatos stattgefunden hätten. Nicht nur weil ich den schwulen Söldner mag, sondern mehr noch weil deren Beziehung stärker freundschaftlich-ebenbürtig auf mich gewirkt hat. Es gibt zwar ein paar Szenen, die das Gravitätische der Ban-Itos - Figur etwas auflockern, aber irgendwie bleibt er halt doch der archetypische "alte Weise".
 
Nicht unerwähnt bleiben darf außerdem die etwas problematische Gestalt des Urrim. Der junge Soldat ist aufgrund einer schweren Kopfverletzung "schwachsinnig" geworden. Warum Daron ihn unbedingt auf die Queste mitschleppen will, ist Sonja anfangs nicht klar, doch entwickelt sie schon bald starke Beschützerinneninstinkte gegenüber ihrem oft hilflosen und furchterfüllten Reisegefährten. Doch als man die Wohnstatt der Sumpfhexe Osylla, einer alten Bekannten von Darons Vater, erreicht, wird der äußerst makabre Grund für Urrims Anwesenheit sehr schnell klar. Daron ahnte schon im Voraus, dass es zur Vollendung der Queste möglicherweise ein Menschenopfer brauchen werde. Und Urrims Leben sei doch in seinem jetzigen Zustand ohnehin "wertlos", seine Ermordung geradezu ein "Akt der Erlösung"! An der Stelle musste ich denn doch heftig schlucken, ist das doch gruselig nah an Euthanasie und dem Gerede von "nicht lebenswertem Leben"!
Nun ist Sonja zwar angemessen entsetzt von diesem Vorhaben und würde eher die Klinge mit ihrem Gefährten kreuzen als diese Opferung zuzulassen. Auch ist Osylla eindeutig als "böse" gekennzeichnet und Daron befindet sich zu diesem Zeitpunkt möglicherweise noch unter dem Einfluss seines semi-dämonischen "Zauberererbes". Nichts spricht dafür, dass es sich bei der Ermordung Urrims um etwas anderes als eine finstere Tat handelt. Dennoch lässt unsere Heldin das grausige Ritual schließlich geschehen, nachdem sie eine Art "göttliche Vision" erhalten hat. Und an einer späteren Stelle in der Erzählung wird ziemlich klar angedeutet, dass Urrims Seele tatsächlich Befreiung erlangt hat. 
Alles in allem ein etwas unangenehmes Storyelement. Oder doch zumindest eines, das man meiner Ansicht nach etwas anders hätte handhaben müssen. Man hätte vielleicht etwas interessantes daraus machen können, doch nur, wenn die aus pragmatischen Motiven vollbrachte Bluttat andere Konsequenzen für unsere Protagonist*innen nach sich gezogen hätte. Zumindest auf psychologischer Ebene.
 
Wie also lautet mein Fazit zu Der Stern des Untergangs? Meine persönlichen Favoriten bleiben ganz ohne Frage Die Hölle lacht und Endithors Tochter, daran hat sich nichts geändert. Ich mag Red Sonja halt vor allem als die Glücksritterin mit dem rebellischen Geist. Und die bekommen wir hier höchstens am Anfang kurz zu sehen. Dennoch enthält der Roman sicher die eine oder andere packende Szene oder interessante Idee. Und ich denke, man wird Smith & Tierney zugute halten müssen, dass der Romance-Teil zumindest nicht unangenehm oder cringe-worthy ist. Würde ich das Buch noch einmal lesen? Vermutlich nicht. Aber die kleine Saga um den She-Devil hätte auch einen sehr viel schlechteren Abschluss finden können.
 
 
 
BTW: In nicht ganz zwei Wochen wird nach Jahrzehnten tatsächlich ein neuer Red Sonja - Roman erscheinen. Von niemand anderem geschrieben als von Gail Simone, die damit (so weit ich weiß) ihr Roman-Debüt ablegt! Auch wenn ich sehr gespannt darauf bin, steht allerdings noch nicht fest, ob ich mir die Hardcover-Version von Red Sonja: Consumed besorgen oder doch lieber auf das Softcover warten werde.
     
 
 
                

* Ich halte Rape-Revenge-Stories zwar nicht für grundsätzlich inakzeptabel, aber gerade in der Heroic Fantasy ist dieser Trope inflationär oft verwendet worden. Und wie Jessica Amanda Salmonson schon 1979 in ihrer bahnbrechenden Anthologie Amazons! geschrieben hat: "Ich persönlich finde den Gedanken, dass man Frauen erst einmal vergewaltigen muss, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zur 'Kämpferin' vollziehen können, nicht gerade einnehmend."

Sonntag, 13. August 2023

Phantastisches Potpourri

Real Life lässt mir zur Zeit leider nicht die Muße und Energie, um an irgendwelchen längeren Texten für den Blog zu arbeiten. Und alles spricht dafür, dass sich das auch diesen Monat nicht ändern wird. Doch damit die Spinnenweben hier nicht völlig die Überhand gewinnen, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, wenn ich mich zur Abwechselung einmal an etwas kürzeren Kommentaren zu einigen Phantastik-Sachen versuchen würde, die ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe.

 

Doctor Who – Die Sylvester McCoy - Ära   

Ulkigerweise ist es noch gar nicht so lange her, dass ich in einer E-Mail-Korrespondenz erklärt habe, dass ich nur alle halbe Jahre oder so Lust auf Doctor Who bekommen und mir dann ein paar der alten Serials anschauen würde, um der Tardis daraufhin für die nächsten sechs Monate wieder Ade zu sagen. Und jetzt habe ich mich stattdessen in kürzester Zeit durch die Ära des Siebten Doktors (1987-89) gebinget.

Ich hatte erwartet, dass die Serie gegen Ende ihrer klassischen Laufzeit stark abbauen würde. Schließlich wird man sie ja kaum ohne Grund 1989 abgesetzt haben. Und tatsächlich enthalten die drei Staffeln viel Mittelmäßiges. Aber auch einige echte Highlights. 
 
Sylvester McCoys Inkarnation des Doctors war mir jedenfalls sehr sympathisch. Anfangs wirkt das Nebeneinander beinah clownesk anmutender und dann wieder sehr ernster Momente zwar etwas unausgeglichen, aber das gibt sich mit der Zeit. Und im Grunde fand ich es sogar ganz nett, dass der Siebte Doctor anfangs manchmal geradezu durch seine Abenteuer stolpert, mitunter sogar im wahrsten Sinne des  Wortes. Eher abgeturnt hat es mich dagegen, dass in einigen der späteren Serials wie Silver Nemesis Szenen aufzutauchen beginnen, die andeuten, dass er kein gewöhnlicher Time Lord, sondern eine sehr viel mächtigere und mysteriösere Gestalt ist. Eine Idee, die in anderer Form in "New Who" wieder aufgegriffen wurde. Was ich persönlich für einen großen Fehler halte. Ich finde es sehr viel ansprechender, wenn der Doctor einfach ein leicht anarchische Typ ist, der aus Neugier und Spaß durch Raum und Zeit reist, um zwischendurch in Not geratenen Leuten zu helfen, weil er ein gutes Herz (oder zwei) hat. Halbgötter und SciFi-Erlösergestalten sind nicht nach meinem Geschmack.
Sophie Aldreds Quasi-Punkmädchen Ace mit ihrer Respektlosigkeit und ihrer Vorliebe dafür, Sachen in die Luft zu sprengen, ist als Companion sehr einnehmend. Und es wäre schön gewesen, wenn wir die Chance gehabt hätten, im Laufe der Zeit noch mehr über ihre Hintergrundsgeschichte zu erfahren. Die wenigen kurzen Einblicke, die wir erhalten, sind jedenfalls recht interessant und tragen mit dazu bei, Ace im Unterschied zu früheren Companions als eine Figur erscheinen zu lassen, die sich entwickelt und verändert.
 
Leider sind die Drehbücher wie gesagt von eher durchwachsener Qualität. 
Zwei von ihnen stammen aus der Feder von Ben Aaronovitch, der heute vor allem für seine Rivers of London - Bücher bekannt sein dürfte.  
Remembrance of the Daleks war mir streckenweise zu selbstreferentiell. Das geht so weit, dass wir in dieser 1964 spielenden Geschichte im Fernsehen die (angedeutete) Ausstrahlung der allerersten  Doctor Who - Episode An Unearthly Child zu sehen bekommen! Eine nebenbei hingeworfene Anspielung auf Nigel Kneales Quatermass fand ich hingegen recht nett. Insgesamt wirkt das Serial wie ein endgültiger Abschied von den Daleks. Ähnliches gilt für Kevin Clarkes Silver Nemesis und die Cybermen. Und an sich wäre es vielleicht gar keine so schlechte Idee gewesen, diese bekanntesten Doctor Who - Bösewichter auf Dauer loszuwerden, Aber da die Serie ein Jahr später ohnehin eingestellt wurde, hatte das keine echten Auswirkungen.
Aaronovitchs zweiter Beitrag Battlefield enthält zwar einige neckische Elemente. Wer kann schon arthurischen Rittern, die mit Laserpistolen in der Gegend herumschießen, widerstehen? Und vor allem die Konfrontation zwischen dem pensionierten Lethbridge-Stewart (Nicholas Courtney) und seiner Nachfolgerin Brigadier Winifred Bambeta (Angela Bruce) hat Charme. Doch die Story selbst wirkt leider etwas wirr und unausgegoren.
Dasselbe Problem hatte ich mit Ian Briggs The Curse of Fenric und Marc Platts Ghost Light. Besonders frustrierend fand ich es bei letzterem, da ich von der ersten Hälfte eigentlich recht angetan war. Das Serial hat nicht nur eine hübsch weirde Atmosphäre und bietet einige Einblicke in Ace' Backstory, es steckt auch voller erst einmal spannend wirkender Motive und Ideen, die im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Darwins Evolutionstheorie im Viktorianischen Zeitalter zu stehen scheinen. Zwischendurch hatte ich außerdem das Gefühl, die Geschichte könnte sich in eine von H.G. Wells' The Island of Dr. Moreau inspirierte Richtung entwickeln. Doch am Ende erwies sich das alles als falsch. Keine der Ideen wird wirklich konsequent durchgeführt und in der zweiten Hälfte beginnt das Ganze mehr und mehr auseinanderzufallen. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack.
 
Wie steht's aber nun um die Highlights?
 
Zugegebenermaßen ist die Auflösung von Stephen Wyatts Paradise Towers ähnlich unbefriedigend. Dennoch hatte ich sehr viel mehr Spaß mit dem Serial. Wofür in erster Linie das Setting und die Figuren verantwortlich waren. 
Die Geschichte spielt in einem gigantischen, jedoch ziemlich heruntergekommenem Wohnkomplex, in den vor Zeiten die gesamte weibliche Zivilbevölkerung des Planeten umgesiedelt wurde, nachdem man die Männer in den Krieg geschickt hatte. Seitdem ist jeder Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Das riesige Gebäude wird bevölkert von rivalisierenden Mädchengangs (den "Kangs"), die einen eigenen Slang entwickelt haben und deren Mitglieder Namen wie "Fire Escape" (Julie Brennon) und "Bin Liner" (Annabel Yuersha) tragen; ältlichen "Rezzies" ("Residents"), von denen einige inzwischen dem Kannibalismus frönen; dem selbsterklärten "Superhelden" und "Manly Man" Pex (Howard Cooke), den niemand ernst nimmt; sowie den faschistoiden "Caretakern", die für "Ordnung" sorgen sollen und dabei blind einem absurd komplexen Regelwerk mit unzähligen Paragraphen und Unterparagraphen gehorchen. Sie alle leben in ständiger Angst vor den mörderischen "Putzrobotern", die von einer mysteriösen Höllenmaschine im verbotenen Kellergeschoss kontrolliert werden, mit der der Chief Caretaker (Richard Briers) eine heimliche Übereinkunft getroffen hat.
Die Auflösung der Geschichte entschärft zwar fast völlig das sozialkritische Moment, dennoch habe ich in dem Szenario einen deutlichen Kommentar auf den gesellschaftlichen Verfall und wachsenden Autoritarismus der Thatcher-Ära gesehen.
 
Dass sich im Doctor Who der 80er Jahre lange nicht mehr so viele sozialkritische Untertöne finden wie ein Jahrzehnt zuvor, hat sicher eine Reihe von Gründen. Überraschend ist es jedoch nicht, wenn man sich die politische Atmosphäre der Zeit vergegenwärtigt. Zwar ging den Tories die Rechtsentwicklung der BBC bei weitem nicht schnell und weit genug, aber die ultrareaktionäre Wende, die mit dem Regierungsantritt Margaret Thatchers  1979 eingesetzt hatte, hinterließ auch in der "offiziellen" Kultur deutliche Spuren. Ganz abtöten ließ sich der antiautoriäre Funken, der stets im Herzen des Franchises gebrannt hatte, freilich nicht. Und in den wenigen Fällen, in denen ein Doctor Who - Serial der Sylvester McCoy - Ära wieder einmal deutlicher politische Themen aufgriff, war die oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime der Eisernen Lady unüberhörbar. Einem Daily Telegraph - Artikel von 2010, zufolge soll Script Editor Andrew Cartmel bei seinem Antritt 1986 auf die Frage des Produzenten John Nathan-Turner, was er mit seiner Arbeit an Doctor Who zu erreichen hoffe, gar geantwortet haben: "I'd like to overthrow the government". Und McCoy selbst hat einmal erklärt: "Our feeling was that Margaret Thatcher was far more terrifying than any monster the Doctor had encountered". (1) Am deutlichsten tritt dies in Graeme Currys The Happiness Patrol (1988) zutage.
 
Die Bevölkerung der Kolonie Terra Alpha lebt unter der tyrannischen Herrschaft von Helen A (Sheila Hancock), die jedweden Ausdruck von Traurigkeit, Unzufriedenheit oder Melancholie zu einem Verbrechen erklärt hat. Unter der Parole "Happiness Will Prevail" ist oberflächliche Fröhlichkeit zur Pflicht aller geworden. Abweichendes Verhalten wird mit dem Tode bestraft.    
Um ehrlich zu sein, ist The Happiness Parol mindestens ebenso wirr wie einige der oben erwähnten Serials, aber da das Ganze den Look und Vibe eines absurden Theaterstücks besitzt, hat mich das in diesem Fall nicht weiter gestört. Im Gegenteil, hier passt das. Das ganze Szenario ist einfach grandios durchgeknallt. Als Illustration mag ausreichen, dass Helen A.'s bevorzugter Scharfrichter der grotesk-robotische Kandyman ist, der seine Opfer in Sirup ertränkt.
Die Figur der Despotin soll zweifelsohne Thatcher-Assoziationen hervorrufen. Ihr Regime ist allerdings keine simple Eins-zu-Eins - Allegorie auf die Toryregierung. Weshalb einige Kommentator*innen sogar so weit gegangen sind, den aktuell-politischen Inhalt des Serials ganz zu leugnen. Was ich für völlig verfehlt halte. In The Happiness Patrol geht es um Konformismus und Autoritarismus. Beides ohne Zweifel Aspekte des Regimes der Eisernen Lady. Und die Demonstrationszüge der als "Dronen" bezeichneten Arbeiter*innen, die einem Begräbniszug gleichend durch die Straßen der Metropole marschieren, sollen ohne Zweifel Reminiszenzen an den großen Bergarbeiterstreik von 1984/85 wecken und wirken zugleich wie eine Vorwegnahme der "Anti - Poll Tax" - Demonstrationen von 1990.
 
Mein absoluter Favorit, The Greatest Show in the Galaxy, stammt erneut von Stephen Wyatt. Die Geschichte um einen intergalaktischen Zirkus, in dem die unglücklichen (und nicht ganz freiwilligen) Akteure drei ewig gelangweilte Götter, die die Gestalt einer verwöhnten Spießerfamilie angenommen haben, unterhalten müssen und bei Misserfolg exekutiert werden, ist großartig grotesk-surreal in Szene gesetzt. Streckenweise erreicht das beinah alptraumhafte Qualität oder erinnert an die besten Zeiten von Terry Gilliam. Auch lässt sich das Ganze als Parabel auf den Untergang der Ideale der Counter Culture interpretieren. Was 1988 vielleicht nicht mehr das aktuellste Thema war, mich aber dennoch berührt hat. Denn als Beispiel für das unausweichliche Scheitern jeder Bohème-Revolte besitzt das Schicksal der Hippies ja eine gewisse Zeitlosigkeit.
 
Beide Serials demonstrieren, wie man die mit dem geringen Budget der Serie einhergehenden Einschränkungen zum eigenen Vorteil wenden kann, wenn man auf eine "realistische" Ästhetik verzichtet.
 
Der allerletzte Beitrag zum klassischen Doctor Who, der Dreiteiler Survival (1989), wurde von Rona Munro geschrieben, die später u..a. auch für die Drehbücher von Ken Loachs Ladybird, Ladybird (1994) und Max Färberböcks Aimée & Jaguar (1999) verantwortlich zeichnete. 
Nicht der schlechteste Abschluss, auch wenn das Serial unverkennbare Schwächen besitzt. Immerhin statten wir dabei Ace' Heimatort, einer trostlosen, englischen Kleinstadt, einen Besuch ab und lernen endlich auch ihre ehemals beste Freundin Shreela (Sakuntala Ramanee) persönlich kennen, von der wir zuvor bereits erfahren hatten, dass die Wohnung ihrer Familie Ziel eines rassistischen Brandanschlags geworden war. Die Figur von "Sergeant" Paterson (Julian Holloway), der den frustrierten örtlichen Jugendlichen Fitness & Selbstverteidigung beibringt und ihnen dabei gleichzeitig eine martialisch-sozialdarwinistischee Weltsicht ("survival of the fittest") einzutrichtern versucht, ist eindeutig als ein Kommentar auf die "dog-eat-dog" - "Moral" der Thatcher-Ära gedacht. Was auf nicht ganz geglückte Weise mit einem Plot um außerirdische "Gepard-Menschen" verknüpft wird, die ganz für die Jagd leben. Und der Master (Anthony Ainley) hat auch noch einen letzten Auftritt.
 
 
Red Sonja - Endithors Tochter
 
Nachdem mich Die Hölle lacht so angenehm unterhalten hatte, dauerte es nicht lange, bis ich mir auch den vierten der sechs von David C. Smith & Richard L. Tierney geschriebenen Romane über die Abenteuer des hyrkanischen She-Devils vornahm. Und die Lektüre erfüllte mich doch wirklich mit dem berauschenden Gefühl, dass die von Band zu Band immer besser werden und sich dabei zugleich immer weiter von den abgeschmackten Klischees entfernen, die man mit dieser Figur verbinden könnte. In Endithors Tochter (Endithor's Daughter) trägt Sonja vielleicht am deutlichsten die Züge der "Working Class - Heldin", die Smith einmal in einem Interview beschrieben hat. Dabei wird die von Roy Thomas ererbte Hintergrundsgeschichte mit ihren unerfreulicheren Elementen (Vergewaltigung, Göttererscheinung & "Keuschheitsschwur") nicht einmal mehr pro forma erwähnt, wie das in Die Hölle lacht noch geschehen war. 
Die gesamte Handlung spielt in der Stadt Shadizar. Sonja, die sich hier eigentlich nur für ein paar Tage amüsieren und zugleich nach einem neuen Söldnerinnenjob Ausschau halten will, wird eher zufällig in die blutigen Auseinandersetzungen zwischen einigen der ortsansässigen Adeligen hineingezogen. Der mächtige Lord Nalor hat seinen Rivalen Endithor unter dem Vorwand der Hexerei hinrichten lassen. Dessen Tochter sucht nun nach Rache, wobei sie sich selbst der schwarzen Künste bedient. All das könnte unserer Heldin völlig gleichgültig sein, zumals sie ihre Verachtung für die Aristokraten recht unverblümt zur Schau stellt, wenn nicht ein Bekannter von ihr in das Ganze verstrickt würde und Nalor außerdem einen Vampir als Verbündeten hätte. Als dann auch noch einer der Straßenjungen, mit denen sie sich angefreundet hat, von dem Untoten ermordet wird, kann sie nicht länger die unbeteiligte Beobachterin spielen. Ob Endithors Tochter, die im Zuge ihres magischen Rachefeldzugs immer größere Teile ihrer Menschlichkeit einbüßt, dabei eher potenzielle Verbündete oder zusätzliche Gegnerin ist, bleibt fast bis zum Ende offen.
Leider scheint es Band 5: Der Prinz der Hölle (Against the Prince of Hell) darauf abgesehen zu haben, meinen positiven Eindruck zu widerlegen. Das Szenario wirkt wie eine wiederaufgewärmte Version von Band 1: Der Ring von Ikribu, dem bislang schwächsten Teil der Reihe. Und der Text weist da selbst ausdrücklich drauf hin! Aber das ist nur der Anfang der inhaltlichen wie strukturellen Probleme, die ich mit dem Roman habe. Falls ich ihn doch noch irgendwann fertiglesen sollte, werde ich einen etwas ausführlicheren Kommentar dazu abgeben. Für den Moment mag es reichen zu erwähnen, dass von Seite Eins an das ganze "Keuschheitsgelübde" - Gedöns eine Wiederauferstehung erfährt und die Bösewichter ein kushitischer (also schwarzer) Hexer und eine böse Bisexuelle sind ... 
 
 
Conspiracy of Ravens
 
Ich bin dem Comics-Autoren-Paar Leah Moore & John Reppion zum ersten Mal in Zusammenhang mit ihrer zweibändigen Adaption klassischer M.R. James - Geschichten Ghost Stories of an Antiquary begegnet. (2) Moore ist außerdem eine der Autorinnen des von Gail Simone zusammengestellten Bandes Legends of Red Sonja (den ich hier eigentlich auch mal etwas ausführlicher vorstellen könnte). Von der YA-Story Conspiracy of Ravens, die die beiden zusammen mit der Zeichnerin Sally Jane Thompson kreiert haben, hörte ich zum ersten Mal vor Jahren im Rahmen eines kurzen Interviews des stets hörenswerten A Podcast to the Curious. Reppion beschreibt sie dort etwas flapsig als eine Geschichte über "a magical girl super-hero team, kind of", in der es um "flying around, super-powers, birds, myths, magic" gehe. Vor kurzem hatte ich endlich Gelegenheit, mir den Band einmal selbst vorzunehmen.
Die fünfzehnjährige Anne erbt überraschend den viktorianischen Landsitz einer Tante, von deren Existenz sie bis dahin überhaupt nichts gewusst hatte. Ihre geschiedenen Eltern, die beide aus beruflichen Gründen die meiste Zeit in Übersee verbringen, derweil ihre Tochter in einem Internat  untergebracht ist, drängen sie dazu, umgehend dem Verkauf des alten Herrenhauses zuzustimmen. Aber Anne zögert, zumal es schon bald zu äußerst mysteriösen Ereignissen kommt, die ganz offenbar mit der unverhofften Erbschaft im Zusammenhang stehen. Gemeinsam mit ihrer Geek-Freundin Binky (die nur dank eines Stipendiums dieselbe teure Schule besucht) macht sie sich daran, das Geheimnis von Ravenhall zu lüften. Wie sich herausstellt, ist Anne eines von fünf Mädchen, die dazu ausersehen sind, die Nachfolge eines viktorianischen Superheldinnen-Teams anzutreten, das hier einst sein Hauptquartier hatte. Jedes  seiner Mitglieder besaß eine Art Totem-Vogel und mit ihm verbundene außergewöhnliche Kräfte. Annes Vogel ist der Rabe. Aber so cool es auch ist, plötzlich eine freundliche Roboter-Assistentin zu haben oder in einer Wolke von Raben durch die Gegend fliegen zu können, dauert es nicht lange, bis auch einige Bösewichter aus der Vergangenheit des Teams auftauchen. Ein Grund mehr, schnellstmöglich die übrigen vier Mädchen ausfindig zu machen und "The Dissimulation" ernsthaft wieder zum Leben zu erwecken.
Wirklich umgehauen hat mich Conspiracy of Ravens jetzt zwar nicht, aber sehr charmant ist der Band ohne Frage. Und ich mochte die nie aufdringlich präsentierten Real Life - Elemente am Rande des phantastischen Abenteuers. Binkys Status als "scholarship nerd" und das damit verbundene Stigma; Annes Eltern, die ihre Tochter immer wieder dazu benutzen, ihre eigenen Konflikte auszufechten; die ärmlichen Verhältnisse, unter denen Jenny (eine weitere der jungen Superheldinnen) zusammen mit ihrem Bruder und ihrem alleinerziehenden Vater lebt.
 
 
The Horse of the Invisible
 
Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es keinerlei Filmadaptionen der Geschichten um William Hope Hodgsons okkulten Detektiv Thomas Carnacki gibt. Doch dann machte mich ein Tweet von Jim Moon auf die Existenz der 1971/73 ausgestrahlten ITV-Anthologie The Rivals of Sherlock Holmes aufmerksam. In zwei Staffeln und 26 Episoden dürfen wir dort die Abenteuer aller möglichen viktorianischen und edwardianischen Detektive miterleben, deren Erlebnisse ungefähr zeitgleich mit denen von Arthur Conan Doyles berühmtem Großmeister des deduktiven Denkens zu Papier gebracht wurden. Die Vielfalt der Ermittler (inklusive dreier Frauen) ist zweifelsohne faszinierend, allerdings wird man in den Episoden unweigerlich auch auf Elemente stoßen, die bei heutigen Betrachter*innen ein leichtes Unwohlsein hervorrufen könnten. Die Bezeichnung "Gypsy" für eine der Heldinnen ist da noch eher harmlos, zumal Fergus Humes Hagar of the Pawn-Shop zumindest in der TV-Adaption von The Mystery of the Amber Beads eine ausnehmend sympathische Figur und völlig frei von irgendwelchen stereotypen Zügen ist. Etwas unangenehmer wird es da schon mit der Charakterisierung irischer Republikaner, russischer Revolutionäre oder der Bevölkerung Haitis, denen man in einigen der anderen Episoden begegnet. Nun, ich schätze dererlei ist angesichts der literarischen Quellen unausweichlich und findet sich ja z.B. auch in der von mir hochgeschätzten Sherlock Holmes - Serie mit Jeremy Brett. Wirklich überrascht hat mich allerdings, dass die fünfte Episode der ersten Staffel doch tatsächlich ein Carnacki-Abenteuer, genauer gesagt The Horse of the Invisible, ist. Und der Ghost-Finder dabei von niemand anderem als dem großen Donald Pleasence gespielt wird. Viel zu sagen habe ich über das 50 Minuten lange Filmchen freilich nicht. Inhaltlich hält es sich erstaunlich eng an die literarische Vorlage. Auffällig ist allerdings, dass Pleasence seinem Carnacki eine gewisse "social awkwardness" verleiht. Eine interessante Entscheidung und nicht ohne Reiz. Persönlich mag ich den Ghost-Finder ja vor allem deshalb, weil er so etwas wie der "moderate Skeptiker" unter den klassischen okkulten Detektiven ist, der nicht von vornherein alles auf übernatürliche Kräfte zurückführt. Und außerdem nie einen Hehl aus seiner eigenen Angst macht.
 

Sultana's Dream        

Wo ich zum ersten Mal auf den Titel der 1905 im Indian Ladies' Magazine veröffentlichen feministischen Utopie von Rokeya Sakhawat Hossain gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise in einem Beitrag auf Strange Horizons? Jedenfalls hat es beschämend lang gedauert, bis ich mir die kurze Erzählung einmal tatsächlich zu Gemüte geführt habe. Dabei ist es wirklich nicht schwer, eine Version des Textes im Internet zu finden. 
Eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Erzählung, die diese sicher verdient hätte, würde u.a. eine eingehendere Beschäftigung mit dem Leben der Autorin und den sozialen und politischen Verhältnissen im Bengalen des beginnenden 20. Jahrhunderts voraussetzen. Da ich das momentan nicht leisten kann, muss ich mich auf ein paar spontane erste Eindrücke beschränken.
Der Inhalt der Geschichte ist schnell zusammengefasst. Die Ich-Erzäherin erhält eines Nachts Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sie in das wundersame matriarchalische "Ladyland" entführt, in dem die traditionellen Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt wurden: Alle öffentlichen Posten sind von Frauen besetzt, während die Männer daheim im zenana (~Harem) hocken. Das Reich ist ein blühendes Gartenparadies voller Frieden und Harmonie. Verbrechen und Gewalt sind unbekannt. Im Stile vieler klassischer Utopien besteht der Großteil der Erzählung aus einer Beschreibung der sozialen, technologischen und politischen Verhältnisse in "Ladyland", sowie aus einem kurzen Abriss der historischen Entwicklungen, die zu diesem idyllischen Zustand geführt haben.
Man kann sich leicht vorstellen, wie provokant Sultana's Dream zum Zeitpunkt seines Erscheinens gewirkt haben muss. Und einige interessante Ideen enthält die Erzählung ganz zweifellos. 
So legt Rokeya Sakhawat Hossain zwar viel Gewicht auf Bildung und Wissenschaft (letztenendes waren es die Errungenschaften der Universitätsgelehrtinnen, die die Gründung von "Ladyland" ermöglichten), stellt ihr Utopia aber nicht als eine zeitgenössische Industriegesellschaft dar. Vielmehr ist die Industrie der Vergangenheit mit all ihrem Schmutz und ihrer Zerstörung verschwunden, da die Wirtschaft des Reiches völlig auf der Nutzung von Solarenergie basiert. Die Form, in der das geschieht, ist freilich ziemlich fantastisch und hat nichts mit unseren heutigen Technologien zu tun. Ebenso wie die "Wassergewinnung aus der Atmosphäre" und das "Wetterkontrollsystem", mit denen "Ladyland" dank dem Erfindungsreichtum seiner Wissenschaftlerinnen gesegnet ist, wirkt das ein wenig wie "herbeigezauberte" Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Doch zumindest bildet Sultana's Dream damit einen interessanten Gegensatz zu den technokratischen Utopien eines Edward Bellamy oder H.G. Wells.
Sehr nett auch die Erwiederung auf das unter "aufgeklärten" männlichen Chauvinisten der Zeit beliebte vulgärmaterialistische Argument, dass die Gehirne der Männer "bigger and heavier than women's" seien und damit deren Überlegenheit unter Beweis stellen würden: "Yes, but what of that? An elephant also has got a bigger and heavier brain than a man has. Yet man can enchain elephants and employ them, according to their own wishes."
Allerdings kann ich nicht umhin, auch auf einige sehr signifikante Schwächen von Rokeya Sakhawat Hossains Vision hinzuweisen. Abgesehen von der Umkehrung der Geschlechterrollen scheint sich nämlich nichts an der sozialen Ordnung des Reiches geändert zu haben. Nicht nur ist "Ladyland" weiterhin eine Monarchie, die Erzählung geht auch mit keinem Wort auf Eigentumsformen und Besitzverhältnisse ein. Die Klassenstruktur der Gesellschaft dürfte sich demnach nicht verändert haben, Reichtum und Armut noch genauso wie unter dem Patriarchat vorhanden sein. Gesellschaftliche Probleme wie Verbrechen, Gewalt und Bürokratismus haben sich hingegen wundersamer Weise in Luft aufgelöst, weil ihre einzige Wurzel offenbar in der "triebhaften" Natur der Männer bestand.
Was mir denn doch etwas arg simplistisch erscheint.
Abschließend möchte ich noch auf die siebenundzwanzig Linolschnitte hinweisen, die die Künstlerin Chitra Ganesh inspiriert von Sultana's Dream geschaffen hat und von denen ich ehrlicherweise sagen muss, dass sie beeindruckender auf mich gewirkt haben als die eigentliche Erzählung. 

Damit ist das Ende dieses Potpourris erreicht. Ich habe in letzter Zeit zwar auch mal wieder in Robbie Morrisons zwischen 1997 und 2012 auf den Seiten von 2000 AD erschienenen Comics-Zyklus Nikolai Dante reingeblättert und außerdem damit begonnen, meine Bekanntschaft mit der erstmals 1984-86 bei ITV ausgestrahlten TV-Serie Robin of Sherwood zu erneuern, an die ich nur noch ganz vage Kindheitserinnerungen hatte. Doch beide haben eine etwas ausführlichere Besprechung verdient. Und wer weiß, vielleicht komme ich ja sogar irgendwann dazu, diese zu schreiben.


(1) Dass der Artikel das Ganze als eine Verschwörung subversiver Elemente darstellt, die Doctor Who infiltrierten, entspricht den Traditionen des konservativen britischen Gossenjournalismus.

(2) Der gute Mr. Jim Moon hat die beiden Bände hier und hier besprochen.

Sonntag, 14. Mai 2023

Eine hyrkanische Überraschung

Eigentlich stehen gerade ganz andere Bücher auf meinem "Leseplan", aber da es mich vor ein paar Wochen nach einer simplen und unterhaltsamen Lektüre für nebenbei verlangte, griff ich kurzentschlossen zum dritten der sechs Red Sonja - Romane, die ich mir in ihrer deutschen Übersetzung (von Lore Strasser) letztes Jahr im Zuge meiner Beschäftigung mit Richard L. Tierney besorgt hatte. Und was soll ich sagen? -- Ich war angenehm überrascht!
 
Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Die Hölle lacht (When Hell Laughs) ist sicher keine "große Literatur". Aber das sollte man von so einem Roman ja auch nicht erwarten. Eine nicht unwichtige Rolle für den guten Eindruck, den das Buch auf mich gemacht hat, spielte außerdem ganz sicher der Umstand, dass die Erinnerung an Raven - Swordsmistress of Chaos noch relativ frisch in meinem Gedächtnis war. Und es macht ja durchaus Sinn, die beiden miteinander zu vergleichen. Beide sind Pulp - Sword & Sorcery mit einer schwertschwingenden Heldin. Auch die Bücher von Richard L. Tierney und David C. Smith erheben nicht den Anspruch, mehr als das zu sein. Ebensowenig wurden sie mit irgendeiner bewusst "progressiven" oder feministischen Zielsetzung geschrieben. Smith hat seine Herangehensweise an die Figur der Heldin einmal wie folgt geschildert:
What I am proudest about, regarding the Sonjas, is that I was very aware that we were writing stories about a strong woman character, and I loved that idea. I like strong women; I like intelligent women; those are the types of women who raised me and whom I grew up around, basically country people and working class people, regular folks. They’d been raised during the Great Depression and lived through World War II. My dad and his brothers had fought overseas in wartime. They all knew what the world was made of. This is how I grew up. So I considered Sonja to be the kind of good-looking redhead country woman who could walk into a truck stop, put down as many beers as any guy, beat him at arm wrestling, and kick the ass of any trucker who tried to go too far with her.             
Dieses Bild von Sonja als Working Class - Heldin reichte offenbar vollkommen aus, um eine ähnlich aufdringliche Sexualisierung der Figur, wie wir sie in Raven gesehen haben, zu verhindern. Was keine Selbstverständlichkeit ist, wenn man bedenkt, dass die Bücher ihre Existenz der Popularität der von Frank Thorne gezeichneten Comics verdankten. Und wie ich selbst weiland in meinem großen "Fell-Bikini-Beitrag" geschrieben habe:
Dass Red Sonja -- insbesondere in der Gestalt, die ihr Frank Thorne zwischen 1975 und '77  verlieh, nicht nur Teil dieser Tradition (der Blech-Bikini-Maiden aus den Pulps), sondern auch einflussreich in der weiteren Entwicklung des Typus der "sexy Amazone" war, steht außer Frage. Esteban Maroto, der ihr als erster den Chainmail Bikini verpasste, hat einmal erzählt, es sei eine ausdrückliche Order von Stan Lee gewesen, der Figur den größtmöglichen "Sex Appeal" zu verleihen: "In his own words: 'Show as much skin as possible.'" Und nachdem Marvel die Solo-Serie 1977 eingestellt und Thorne seinen Abschied von der "Mainstream"-Comics-Industrie genommen hatte, schuf der Zeichner nicht zufällig mit Ghita of Alizzar seine eigene Sword & Sorcery - Heldin, deren Abenteuer dann einen unverblümt erotischen Charakter besaßen.
Smith & Tierney entschieden sich sehr bewusst dazu, mit dieser Tradition zu brechen. Und da man ihnen von Seiten des Verlags (Ace Books) ziemlich große Freiheiten ließ, fühlten sie sich bei ihrem dritten Roman offenbar sicher genug, um selbst das äußere Zeichen dessen loszuwerden -- den Chainmail Bikini. Dabei verspotteten sie zugleich einige der mit der "ikonischen Rüstung" verbundenen Klischees. So habe ich es zumindest aufgefasst.
 
Doch bevor ich erkläre, was damit gemeint ist, erst einmal eine kurze Plot-Zusammenfassung:
 
Die im Fluss Shirki gelegene Insel Os Harku ist Verbannungsort für alle Arten von Verbrechern aus dem aquilonischen Reich. Eine der Rotten, zu denen sich die Verbannten zusammengeschlossen haben, wird von dem hünenhaften Vanir Urdus angeführt. Als Urdus den Fehler begeht, den shemitischen Hexer Athu, der zu seiner Gruppe gehört, vor aller Augen grausam zu demütigen, verschreibt dieser seine Seele einer finsteren Gottheit, um blutige Rache nehmen zu können. Dabei nutzt er das Verlangen seiner Schicksalsgenossen aus, der Insel um jeden Preis entfliehen zun wollen.
Derweil amüsiert sich Sonja damit, auf einer Vergnügungsbarke den Shirki herunterzuschippern und die mitfahrenden Aristos, Edeldamen und Pfeffersäcke mit ihrem skandalösen Auftreten zu schockieren. Dabei hat sie sich auch einen Verehrer in Gestalt des Hohen Richters Lord Sir Desmos eingefangen, den sie (für einen Adeligen) zwar ganz nett, aber auch recht irritierend findet.
Wie das Schicksal es will, ist es natürlich genau dieses Schiff, das in das von Athu heraufbeschworene Unwetter gerät und an der Küste von Os Harku auf Grund läuft, um allsogleich von Urdus' wilder Bande geentert zu werden. Den folgenden Kampf überleben nur Kapitän Tio, Sonja und Desmos, denen es gelingt, sich mit einem Beiboot davonzumachen, nachdem ein Sieg unmöglich erscheint. Letzterer verdankt sein Überleben freilich ganz der tatkräftigen Unterstützung unserer Heldin. 
Als die drei tags darauf an Bord der Kriegsgaleere des aquilonischen Oberst Hubarthis in die Gewässer um die Insel der Verbannten zurückkehren, ergeht es ihnen nicht viel besser. Urdus gelingt es mit einem semi-selbstmörderischen Manöver das Schlachtenglück auf seine Seite zu zwingen und am Ende ist Tio tot und Sonja, Desmos, Hubarthis und die überlebenden Soldaten Gefangene.
Der Jubel der Verbannten ist allerdings etwas voreilig, denn das Ufer, das sie schon bald in der gekaperten  und halbzerstörten Galeere erreichen, ist nicht das Festland, wie sie fälschlicherweise annehmen. Dank Athus dunkler Magie befinden sie sich nachwievor auf der verdammten Insel. Und haben jetzt nicht mal mehr ein seetüchtiges Gefährt. Der Hexer hat derweil munter Blut und Lebensessenz der zahlreichen Erschlagenen (gleich ob "Freund" oder Feind) in einer Holztruhe eingesammelt, um sich für sein großes "Lehmwerk" bereit zu machen.* Und natürlich dauert es auch nicht lange, bis weitere aquilonische Truppen auf der Insel landen.
 
Zu Beginn der Erzählung trägt Sonja noch (wie in den ersten beiden Büchern auch) den Chainmail - Bikini. Doch als es zum ersten großen Kampf an Bord der Luxusbarke kommt, wird er ihr inmitten des wilden Handgemenges im wahrsten Sinne des Wortes vom Leib gerissen. Als ich an diesem Punkt meiner Lektüre angelangt war und sich klar abzuzeichnen begann, was da gerade passiert, hätte ich am liebsten laut aufgeschrien: >Oh nein! Bitte nicht das!< Um so überraschter war ich dann, als Sonjas Nacktheit im weiteren Verlauf der Szene weder zum Anlass für eine sexualisierte Beschreibung ihres Körpers genommen, noch mit Motiven drohender sexueller Gewalt verbunden wird. Und als sich dann auch noch herausstellte, dass das Ganze eigentlich nur passiert, damit unsere Heldin im Anschluss daran endlich in eine praktikablere Rüstung schlüpfen kann, erschien mir die Szene im Rückblick gar wie eine deutliche Verspottung sexploitation-lastiger S&S à la Raven. Denn ich denke, Smith & Tierney waren sich vollauf bewusst, dass sie bei vielen Genrelesern der Zeit ganz bestimmte Erwartungen wecken würden, wenn sie schreiben, dass einer von Sonjas Gegnern während des Kampfgetümmels "den Schnallenverschluß ihres Mieders zu fassen" bekommt. Erwartungen, die sie dann nicht nur nicht erfüllen, sondern denen sie in gewisser Weise auch noch eine symbolische Ohrfeige verpassen, indem sie in der Folge den Chainmail Bikini ganz und für immer über Bord werfen. Nicht ohne zuvor die glaubwürdigste Herkunftsgeschichte für die absurde "Rüstung" präsentiert zu haben, die mir je untergekommen ist. Denn wie Sonja Tio erzählt, hatte ursprünglich ein lüsterner Despot, in dessen Hände sie (kurzzeitig) gefallen war, den Bikini anfertigen lassen, um die Kriegerin damit zu verhöhnen. Natürlich überlebte der Widerling seinen derben Spaß nicht lange, und Sonja trug "diesen Witz von einer Rüstung" danach "allein aus Freude daran, es einem Mann heimzuzahlen, der sich darüber lustig machte". Was auf mich wie ein zusätzlicher spöttischer Hieb gegen die alte Pulp-Tradition der Amazone im Blech-BH  gewirkt hat.
 
Was hab ich sonst noch so über das Buch zu sagen?  
 
Verglichen mit dem ersten Red Sonja - Roman Der Ring von Ikribu, den ich vor einem Jahr hier besprochen habe, ist das Szenario von Die Hölle lacht hübsch low-key. Fast die gesamte Handlung spielt sich in einem überschaubaren Areal der Insel ab und beteiligt sind nicht mehr als ein paar Dutzend Menschen. Obwohl sich im Hintergrund auch hier drohend die Gestalt irgendeines finsteren "Älteren Gottes" erhebt, bleibt dessen Präsenz schemenhaft. Es geht nicht um welterschütternde Bedrohungen oder Ereignisse. Was mir gefallen hat. 
Auf lange Sicht hätte Athu zwar das Potenzial, zu einer wirklich dämonischen Gestalt heranzuwachsen, aber davon ist er noch weit entfernt. Mehrfach reflektiert er darüber, wie ihn jeder Schritt auf seinem Weg weiter von der eigenen Humanität entfremdet; wie er andere Menschen nicht länger als Seinesgleichen wahrnimmt und die eigenen menschlichen Emotionen und Triebe immer größere Verachtung, ja Ekel, in ihm wachrufen. Am Ende der Geschichte streift er dann im wahrsten Sinne des Wortes seine "menschliche Hülle" ab und wird zu einem echten Monster, aber selbst dann ist er noch lange kein regelrechter "Dark Lord".
Der zweite Antagonist Urdus ist eine gänzlich "bodenständige" und dabei sogar überraschend differenzierte Figur. Handelt es sich bei ihm einerseits zwar ganz fraglos um einen ziemlich brutalen, skrupellosen und tyrannischen Gesellen, verfügt er andererseits doch über echte Führungsqualitäten und scheint sich ehrlich dazu verpflichtet zu fühlen, den Mitgliedern seiner Bande einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Weshalb zumindest einige von ihnen echte Loyalität gegenüber ihm empfinden.
Auch die Figuren auf "aquilonischer" Seite sind bei aller Skizzenhaftigkeit der Zeichnung doch recht lebendig wirkende Gestalten.
Meine vielleicht größte Enttäuschung war der frühe Tod von Tio. Zwischen ihm und Sonja besteht ein beinah kumpelhaftes Verhältnis, das viel damit zu tun hat, dass sie der gleichen sozialen Schicht entstammen, während sich um sie herum Edelleute und Offiziere tummeln. Ich mochte den unverkrampften Umgang, den die beiden miteinander pflegen, und den humorvollen Ton, den sie dabei oft anschlagen. Aber vermutlich wollten Tierney & Smith das Ensemble möglichst klein halten und den Fokus ganz auf Sonjas Beziehung zu Desmos legen. Deshalb der frühe Abgang des Kapitäns.
Und es ist nicht so, als besäße die Gestalt des Hohen Richters nicht ebenfalls ihren Reiz. Erfreulicherweise tritt seine anfängliche Verliebtheit rasch in den Hintergrund und die Geschichte konzentriert sich stattdessen auf seine inneren Konflikte. Ursprünglich ein großer Eiferer für die "Gerechtigkeit", die er mit "dem Gesetz" identifizierte, verurteilte er seinen eigenen Bruder, der einen politischen Mord begangen hatte, zur lebenslangen Verbannung nach Os Harku. Seitdem quälen ihn Schuldgefühle und Selbstzweifel. Auch ist er sich zumindest partiell bewusst geworden, dass er als Richter weniger der Repräsentant hehrer Ideale als vielmehr ein Rädchen in einer reichlich korrupten Maschinerie ist. Was ihn an Sonja anzieht ist ihre anarchische Geisteshaltung, ihre Verachtung für Regeln und "gute Sitte". Der Moment innerer Emanzipation, den Desmos im Laufe der Erzählung erfährt, wirkt allerdings weniger befreiend als vielmehr verstörend, besteht er doch in einem ohne Skrupel und Gewissensbisse begangenen Akt blutiger Gewalt. Und am Ende kehrt er zurück in seine Welt der Bürokraten und Edelleute. Vielleicht etwas reifer und einsichtiger geworden, aber nicht von Grund auf gewandelt.
Und dann ist da noch Major Thobis. Als Anführer des zweiten Soldatentrupps, der auf die Insel kommt, spielt er zwar eine nicht unwichtige Rolle, da sich Sonja, Hubarthis & die anderen ohne sein Eingreifen kaum hätten befreien können. Aber im Grunde ist er eine bloße Nebenfigur und interagiert nie wirklich mit unseren Hauptheld*innen. Dennoch verleihen ihm Smith & Tierney einen wirklichen menschlichen Charakter. Ganz und gar nicht zum Soldaten geboren, wäre er eigentlich lieber Schreiber geblieben. Doch der Offiziersposten ist deutlich besser bezahlt und wenn er sparsam genug ist, könnte er sich nach seiner Pensionierung vielleicht ein kleines Landgut kaufen. ("Thobis liebte das Gärtnern.") Allerdings hegt er den Verdacht, dass der Freund, der ihm die Stellung bei der Armee besorgt hat, eine Affäre mit seiner Frau hat. Haben die beiden das Ganze am Ende eingefädelt, um ihn loszuwerden? Doch so sehr ihn dieser Gedanke auch quält, wirkt er nicht eigentlich verbittert oder fatalistisch. Er will nicht sterben. Und auch wenn das seinem Naturell nicht wirklich entspricht, erweist er sich als ein fähiger, umsichtiger und mutiger Offizier. Wenn er dann schließlich doch ums Leben kommt, wirkt das erstaunlich berührend. Zumal seine Todesszene so ganz und gar nicht dem Blood & Thunder entspricht, das man bei einem solchen Buch vielleicht erwarten würde, sondern auf morbide Art geradezu zärtlich-poetisch klingt. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier in Länge zu zitieren:
Aus dem Augenwinkel sah er durch einen einfallenden Sonnenstrahl eine flüchtige Bewegung. Er hörte ein Geräusch und spürte einen heftigen Schlag auf den Rücken. Dann wurde er fast sanft nach vorn geschoben, und als sein Kopf nach unten zuckte, sah er die Spitze eines Pfeils und ein kurzes Stück des Schaftes unmittelbar unterhalb des Brustkorbs aus dem Leib ragen.
Staunend starrte er darauf. In diesem kurzen Moment erschien es ihm merkwürdig, daß er den Laut gehört hatte, ehe er Schmerz empfand.
Unendlich langsam schien die Zeit zu vergehen. Das erste Blut quoll aus der Wunde und rann an ihm entlang auf den Moosboden.
Da erst spürte er den Schmerz.
[...]
Er stürzte nach vorn. Die Welt wurde schwarz, außer dem Fleckchen Waldboden, das noch in seinem Blickfeld war und das ihn anzuspringen schien.
[...]
Er sah nur ein winziges Stück des Waldbodens, ein verwelktes braunes Blatt, auf dem drei Wassertropfen glitzerten. Das Blatt war so nah, daß es fast seinen Augapfel zu berühren schien, trotzdem sah er es ganz deutlich.
Dann wurde das Blatt schwarz und zwei der Wassertropfen verschwammen.
Thobis hörte keine Vögel, aber ein würziger Duft schlug in seine Nase. Der Duft fruchtbarer Erde. Der Duft, den er aus dem Garten seines Vaters kannte.
Der Duft seiner Frau.
Er würgte. Er sah seine Frau in dem dritten Wassertropfen. Sie lächelte ihn an, so wie damals, ehe sie verheiratet gewesen waren. Wieder würgte er, als Blut aus seinen Mundwinkeln sickerte und der Schmerz ihn zusammenzuschnüren schien. Der letzte Wassertropfen verdunkelte sich ...
Thobis versuchte, sich zu bewegen -- konnte es nicht. Er fing zu weinen an.
Der Tropfen verschwamm ...
Das Bild seiner Frau verschwand. Er schrie nach ihr.
Der Tropfen war nicht mehr.
Als ich im Rahmen meiner epischen Blogserie über Tierneys Simon of Gitta - Geschichten zu The Soul of Kephri gelangte, interpretierte ich diese Story u.a. als kritische Auseinandersetzung mit Robert E. Howards Ideen über Barbarei und Zivilisation. Etwas ähnliches findet sich auch am Ende von Die Hölle lacht. Wenn Desmos und Sonja zum Abschied in irgendeiner Taverne ein Bier trinken und sich über die zurückliegenden gemeinsamen Abenteuer unterhalten, kommt die Rede dabei auch auf Sonjas tiefe Abneigung gegen Regeln und Gesetze. Zuerst missversteht sie den Richter:
"Ihr haßt das Ganze, nicht wahr?"
"Was? Die Städte? Nein, die mag ich. Man kann in den Städten genauso wild und frei sein wie in der Steppe, wenn man will. Es ist eine Sache der inneren Einstellung."
In den Conan - Geschichten verkörpert die Stadt stets die "Zivilisation" und damit auch die Heuchelei, Doppelzüngigkeit und Dekadenz, die Howard mit derselben idetifizierte und denen er sein Ideal des "Barbaren" entgegenstellte. Dem wird hier implizit eine Absage erteilt. Tierney & Smith greifen zwar das anarchische Element der howard'schen Sword & Sorcery auf. Ihre Sonja hat nichts übrig für eine von Artistos und Bürokraten beherrschte Ordnung. Und wenn sie sich nicht einfach von ihren Trieben beherrschen lässt, so weil sie sich selbst zu kontrollieren versteht, nicht weil sie sich irgendwelchen Gesetzen unterordnen würde: "Ich halte mich selbst in Zucht, Desmos, und gestatte es niemand anderem." Doch verbinden sie diesen widerständischen Gestus ganz ausdrücklich nicht mit irgendeiner äußerst fragwürdigen Philosophie über die Tugenden des "barbarischen" Daseins. Bei ihnen hat er eher etwas von einem individualistischen Anarchismus. 
 
Noch einmal: Die Hölle lacht ist "simple" Pulp - Sword & Sorcery. Nicht mehr. Aber Pulp - Sword & Sorcery wie sie mir gefällt.

 
 
      

 * Dass sich Athus mysteriöses Werk am Ende als eine Art monströser Golem erweist, könnte einem vielleicht etwas unangenehm aufstoßen. Schließlich ist der Zauberer ein Shemit. Ob man darin Spuren von Antisemitismus erkennen will, muss wohl jede/r für sich selbst entscheiden. Was die Traditionen angeht, an die Tierney & Smith hier anknüpfen, verweise ich auf Bobby Deries ausführlichen Essay Conan and the Shemites: Robert E. Howard and Antisemitism.