"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 23. Oktober 2026

The Weird's Not Dead

Es ist ein Vierteljahr her seit Cynthia Wards Artikel Bored of the Swords: The Rebirth of Sword & Sorcery and the Death of the Weird erschienen ist und doch beschäftigt er mich immer noch, denn er bietet ein ausgezeichnetes Sprungbrett für eigene Gedankengänge. Vermutlich wird das hier nicht einmal der letzte von ihm inspirierte Beitrag sein.
 
Ward beklagt u.a., dass die Sword & Sorcery im Zuge ihrer aktuellen "Wiedergeburt" viel von ihrer ursprünglichen Weirdness eingebüßt habe. 
Ich finde es sehr erfreulich, dass sie dabei einmal wieder den Blick darauf lenkt, wie wild, wüst, bunt und vielgestaltig das Subgenre in der Vergangenheit sein konnte. Und es ließe sich noch hinzufügen, dass das Element des Weirden von Beginn an fester Bestandteil der S&S war. Conan erblickt in seinem ersten Abenteuer (The Phoenix on the Sword) die "vast shadowy outlines of the Nameless Old Ones" zwar bloß in Form verblasster Wandmalereien, doch Jirel of Joiry steigt schon in ihrem Debüt (The Black God's Kiss) in eine phantasmagorische Anderswelt hinab. Ohne viel Übertreibung ließe sich die "Ur - Sword & Sorcery" als "Weird Fiction mit Schwertern" bezeichnen.
Allerdings denke ich, dass man darüber nicht vergessen darf, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Die S&S der 70er Jahre konnte mitunter sehr abgefahren sein, doch zugleich war das die Blütezeit der Clonans, jener immer gleichen muskelbepackten Barbaren, deren Lebensinhalt hauptsächlich darin bestand, gegen ebenso einförmige böse Zauberer und schleimige Monster zu kämpfen, sowie ganze Heerscharen leichtbekleideter Maiden vor einem gar grausigen Schicksal zu erretten. Und wie ich letztes Jahr am Beispiel von Lin Carter gezeigt habe, gab es auch damals Leute, die eine sehr enge Vorstellung von dem hatten, wie Sword & Sorcery auszusehen habe. Die wirklich "weirde" S&S stellte auch in der Vergangenheit nur einen Teilbereich dar, während der dominierende Part mindestens genau so "homogenisiert" war, wie das, was Cynthia Ward aktuell auzumachen glaubt.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es freilich. Trotz des Wiedererwachens der letzten Jahre ist die Sword & Sorcery momentan immer noch eine ziemlich nischige Angelegenheit, die beinah ausschließlich in Magazinen, e-Zines, Kleinverlagen und im Selfpublishing beheimatet ist. Zumindest wenn man darunter ausschließlich die Autor*innen fasst, die ihr Werk ausdrücklich und bewusst in die Traditionen der S&S stellen.  Wie Ward selbst schreibt: "the modern S&S revival is arising from the margins and is still largely an underground scene". In den 70ern hingegen war das Subgenre quasi der Mainstream. 
Daraus könnte man ableiten, dass aufgrund der sehr viel größeren Breite damals automatisch auch mehr Platz für "weirde" Abweichler existiert haben müsste. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob diese Rechnung wirklich aufgeht. Eine "Underground" - Strömung, die keinen Massenmarkt zu bedienen versucht, steht sehr viel weniger unter dem Druck, sich gängigen Konvention unterzuordnen. Darum sollte in ihr eigentlich auch eine größere Experimentierfreiheit herrschen. Andererseits wird es in einer überschaubaren Szene einzelnen Personen oder kleinen Gruppen tendenziell leichter fallen, die Deutungshoheit an sich zu reißen und zu dekretieren, wer und was dazugehört und wer und was nicht.      
Genau das ist es auch , was Cynthia Ward in ihrem Artikel beschreibt. Ich frage mich nur, wie erfolgreich diese Möchtegern-Gatekeeper darin sind, ihre Vorstellung von Sword & Sorcery durchzusetzen. In Foren oder anderen virtuellen Räumen, in denen sie das große Wort schwingen, mögen sie für eine unangenehme Atmosphäre sorgen, in der viele sich nicht willkommen fühlen werden. (Und das gilt sicher in besonderem Maße für Frauen oder queere Personen). Das ist zweifelsohne ärgerlich genug. Aber es ist eine völlig andere Frage, wie stark ihr Einfluss auf den schöpferischen Teil der Szene ist. 
 
Wenn ein Herausgeber wie Jason M. Waltz vehement eine sehr scharf und eng definierte Vorstellung von Sword & Sorcery vertritt, spiegelt sich das natürlich auch in von ihm zusammengestellten Anthologien wie Neither Beg Nor Yield wider. Wogegen es erst einmal ja auch nichts einzuwenden gibt. Aber wird das Subgenre als Ganzes aktuell tatsächlich von derartig engen Sichtweisen beherrscht?       
 
Darauf kann ich keine ausreichend fundierte Antwort geben. Über das letzte halbe Jahr habe ich zwar verhältnismäßig viel aktuelle(re) Sword & Sorcery gelesen, aber ich bin weit davon entfernt, einen allgemeinen Überblick über das zu haben, was die Szene im Verlauf des "Wiedererwachens" hervorgebracht hat. Was ich jedoch mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass die Weirdness alles andere als tot ist.
 
Cover von Matthew Spencer für Shatter the Sun - Queer Tales of Untold Adventure

Nach meiner Leseerfahrung ist die aktuelle Sword & Sorcery nicht weniger bunt und vielgestaltig als das, was Cynthia Ward über die Vergangenheit schreibt. Wir begegnen in ihr so unterschiedlichen Figuren wie 
  • einer ziemlich kaputten Ex-Ritterin, die es nach einem missglückten Tempelraub in eine alptraumhafe Anderswelt verschlägt, in der die Gefahren eher psychischer als körperlicher Natur sind (Molly Tanzer: The City of Tears)
  • einer in Zauberei dilettierenden Prinzessin und ihrer Leibwächterin und Geliebten (Luana Saittas Zeynep & Kawtar - Geschichten)  
  • einem Nekromanten, der sich in ein Geistermädchen verliebt (John R. Fultz: Return of the Quill; in A Book of Blades, Vol. 2)
  • einem kämpferischen Akolythen, dessen Initiation in einen Spinnenkult zugleich seine Transition war, und der sich außerdem in eine riesige Spinne verwandeln kann (D.A. Straiths The Spider-God's Boon; in Shatter the Sun);
  • diebischen Bardinnen (J. VanZile: Sonatina of Sorcery)
  • zwei geschlechtslosen (oder non-binären) Kämpfer*innen, die halb-pflanzlicher Natur zu sein scheinen (Elwin Cotman: Return to Sundra; in Shatter the Sun)
  • einem Dieb, dessen eigentliche Abenteuer erst nach seiner Hinrichtung beginnen (Leighton Connor: The Scarlet Shroud)
  • einem Stückeschreiber in einem phantastischen Elisabethanischen England, in dem die Sidhe eine Botschaft in London unterhalten und finstere Magier ihre Intrigen spinnen (Scott Odens Martin Kestrel - Geschichten; in Old Gods and Other Tales)
  • der Tochter eines Nomadenvolkes, die durch ein phantastisches Zentralasien streift, mal mit und mal ohne ihre Räubergeliebte Sister Chaos an der Seite (Bryn Hammonds Goatskin - Geschichten)
  • einem schwulen Söldner und seiner Kumpelin, die ohne es zu wollen in den Eifersuchtsstreit zwischen einer Spinnen- und einer Wespengöttin verstrickt werden (T.A. Markitan: Wanna Bet?; in A Book of Blades, Vol. 1) 
  • einer vhalgod - Kriegerin, die von ihrer gestaltswandlerischen Lebensgefährtin so beschrieben wird: "Taller than is human wont, as are all the vhalgodkind, and ashy of complexion, whitish shading into grey, dark about the eyes and lips. and blunt black claws to her fingers and toes, fanged foreteeth, harsh-boned and craggy-featured". (K. V. Johansen: Breath and Bone) 
Diese Auswahl ist natürlich weder erschöpfend noch kann sie aus oben genannten Gründen als repräsentativ gelten. Aber sie sollte reichen, um einen Eindruck vom Abwechslungsreichtum aktueller Sword & Sorcery zu vermitteln.
 
Und um zusätzlich noch auf einige spezifischere Motive einzugehen: 

Cynthia Ward schreibt über die alte Zeit: "The star might even be a cat".
Okay, Mark E. Rogers' Samurai Cat mag leider in der Tat nicht mehr unter uns weilen. Aber dafür haben wir z.B. Bryan Youngs Pip Strongpaw, "the last of the great Catriders of the Northern Burrows and a mouse on a mission", und seine Abenteuer Ice Hawk's Aerie, In the Land of the Giants, The Sapphire and the Sorceress und The Hunt for Violet Shatterwing. Und wem eine Maus als Sword & Sorcery - Held zu "niedlich" ist -- wie wäre es mit Thomas Grayfsons Pigborne und Pigborne: The Speechless Tide? Allesamt Teil des famosen, von Michael A. Stackpole initiierten Chain Story - Projektes.
 
Und wie steht es um "the disabled and the maimed and the accursed"? 
Der Typus des "verfluchten Helden" scheint mir recht gut von Jason M. Waltz' "Lord of Vengeance" vertreten zu werden. Dank seines magischen Schwertes Retribution ist Dirke zu einer Art Avatar des Gottes der Rache geworden. Im Auftrag seines Königs und ehemaligen Freundes Edwar hat er Vergeltung an dessen "Feinden" zu üben, wobei er von Mal zu Mal einen immer größeren Teil seiner menschlichen Natur einbüßt, während er zugleich mehr und mehr an der Legitimation für seine blutigen Taten zu zweifeln beginnt.
Allerdings habe ich bislang nur ganz kurz in das "Lord of Vengeance" - Universum hineingeschnuppert, kann dazu also auch nur wenig konkretes sagen. Doch gibt es noch eine ganze Reihe anderer Beispiele, so etwa den Protagonisten von David J. Lynchs A Beautiful World. Talian irrt seit einer halben Ewigkeit durch die Welt, um ein verfluchtes Schwert loszuwerden, das ihn dazu zwingt, jeden, den er erblickt, zu töten. Um nicht zu einem massenmordenden Monster zu werden, brennt er sich in regelmäßigen Abständen die (immer wieder nachwachsenden) Augen aus.
Weniger körperlich, aber dafür psychisch "maimed" ist Philipp Maddens Ælfwine, der nach der Erfahrung einer blutigen Schlacht von der Furcht verfolgt wird, sich allmählich in einen Berserker-Werwolf zu verwandeln (Wolfmarked).  
Und was "the disabled" betrifft, ist die körperlich behinderte Schreiberin Ymke, die  in The Red Man and Others von Remco van Straten & Angeline B. Adams gemeinsam mit der eher kleinwüchsigen Söldnerin Kaila und dem jugendlichen Trickbetrüger Sebastian gegen eine korrupte Kirche antritt, dafür ein in meinen Augen sehr viel überzeugenderes Beispiel als der alte Elric.

Cover von Jesus Garcia für das zweite Book of Blades
 
Ein weiterer Punkt, den Ward erwähnt, ist das Auftauchen von SciFi-Elementen in der traditionellen  Sword & Sorcery, was es so heute nicht mehr gäbe: "Visions of a space-faring future might be glimpsed [...] An alien might fall to earth".
In dieser Hinsicht deckt sich mein Eindruck tatsächlich weitgehend mit dem ihren. In den 70er Jahren waren solche Genre-Mischungen keine Seltenheit. Man braucht bloß an einen S&S-Klassiker wie Tanith Lees Birthgrave - Trilogie zu denken. Seit damals haben sich die Genregrenzen wohl in der Tat merklich verhärtet. Ein anekdotischer Beleg für diese Entwicklung: Als Marion Zimmer Bradley 1984 den ersten Band ihrer Sword and Sorceress - Anthologien herausbrachte, war eine der drei Grundregeln, die sie für die Auswahl möglicher Geschichten aufgestellt hatte, der Ausschluss aller Sci-Fi - Elemente, ja sogar der "language of science fiction". Schon allein die Verwendung des Begriffs "mutant" hätte eigentlich zur Disqualifizierung von Emma Bulls The Rending Dark führen müssen, wenn die Herausgeberin ihre eigenen Regeln konsequent befolgt hätte.
Völlig verloren gegangen ist aber selbst dieses Motiv nicht. So stößt z.B. Charles Clarkes Held Turkael in The White Tower (A Book of Blades Vol. 2) im Dschungel auf ein Gebäude, das sich in bester Borbarads Fluch - Manier als ein uraltes Raumschiff entpuppt. Und das Erscheinungsbild der Nachfahren der Außerirdischen dürfte zudem als eine Anspielung auf Robert E. Howards The Tower of the Elephant gedacht sein.
 
Eigentlich besteht keinerlei Beziehung zwischen der Weirdness einer Story und der Diversität ihres Figurenensembles. Doch Cynthia Wards Artikel vermischt die beiden Fragen miteinander und schließt mit der Behauptung, der heutige S&S-Held "usually has a straight white cisgender male identity". 
Richtig ist sicher, dass die Mehrheit der Protagonisten, trotz der Existenz von Magazinen wie New Edge Sword & Sorcery oder Anthologien wie Shatter the Sun - Queer Tales of Untold Adventure, heute wie früher dieser Charakterisierung entspricht. Aber es gibt doch genug Beispiele, die dieser Generalisierung entgegenstehen. Eine ganze Reihe davon habe ich ja schon erwähnt. Und ich traue mich zu behaupten, dass deren Anzahl im Vergleich zu den 60er - 80er Jahren deutlich gestiegen ist. So wüsste ich etwa nicht, dass es in der alten Sword & Sorcery Transgender-Held*innen wie Wren, die Protagonistin von Luana Saittas Merynthia's Master, oder June Orchard Parkers Kriegerin Astartha (How Many Deaths Till Vengeance?) gegeben hätte.
 
Doch das ist wie gesagt eine ganz andere Frage, die einen eigenen Beitrag verdient hätte.
 
Wenn es hingegen darum geht, wie weird, wild und abgefahren Sword & Sorcery auch heute sein kann, ist S.E. Lindbergs Dyscrasia Fiction - Universum dafür ein besonders grandioses Beispiel.
 
Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm im zweiten Band der vom Rogues in the House - Podcast herausgebenen Anthologien - Reihe A Book of Blades in Gestalt der Kurzgeschichte Breaching Earth's Womb. Protagonistin ist dort Leech, eine der drei Töchter des Golem-Arztes Doktor Grave. Nachdem ich in Band 1 derselben Reihe einer weiteren Story (Embracing Ember) begegnet und in Ausgabe #2 des Whetstone - Magazins auf die "Geburtsgeschichte" der drei (Raising Daughters) gestoßen war, beschloss ich schließlich, mir Lindbergs Band Grave's Daughters zu besorgen, der die Erzählungen um die Golem-Töchter zu einem größeren Zyklus verwebt.

Cover von Bastien Lecouffe-Deharme für Grave's Daughters

Kernstück des Dyscrasia Fiction - Universums ist eigentlich eine Romantrilogie, bestehend aus Lords of Dsycrasia, Helen's Daimones und Spawn of Dyscrasia. Diese habe ich (noch) nicht gelesen. Der sich daraus ergebende Mangel an Hintergrundinformationen hat den fremdartigen Eindruck, den die Welt von Grave's Daughters auf mich gemacht hat, sicher noch verstärkt, aber auch ohne das ist sie zweifelsohne sehr bizarr und grotesk. 
 
Inmitten einer trostlos und abweisend wirkenden Landschaft aus Sümpfen und Hügeln erhebt sich die alte "Keep of Looming Cromlechs". In ihren Mauern und in den unter ihr gelegenen Gewölben von "Grotto Borrough" lebt eine relativ kleine menschliche Gemeinschaft. Nur sehr selten wagen sich deren Mitglieder ins Umland hinaus, lauern dort doch dämonische Monstren wie die gefürchteten Gargylen. Über dieser Szenerie liegt eine bedrückende und irgendwie postapokalyptisch anmutende Atmosphäre. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass hier jemals die Sonne scheint. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Erzählung tobt über den fernen Berggipfeln permanent ein Gewittersturm, bei dem es sich bizarrerweise um eine vernunftbegabte Entität handelt. Jenseits des Marschlandes lassen sich allerdings auch die Lichter von "City Tonn" erahnen, einer zweiten Menschensiedlung, in deren Schmieden und Hochöfen so etwas wie eine Industrielle Revolution im Gang zu seien scheint.
Noch tiefer im Erdreich verborgen als "Grotto Borrough" liegt die Heimstatt von Doktor Grave. Und von dessen "Disscetion Theatre" führen Gänge immer weiter hinab in die "Underworld", wo larvenartige Würmer und andere Ungeheuer hausen, sich aber auch die "Hearth Forge" befindet, in der der Doktor zu Beginn des Zyklus seine drei Töchter ins Leben ruft.
 
Die Fremdartigkeit dieser Welt wird noch dadurch verstärkt, dass wir sie durch nicht-menschliche Augen betrachten. 
 
Doktor Grave mag eine humanoide Gestalt haben, aber er ist ein aus Erdreich und alchemischen Substanzen geformter Golem mit einem kleinen Homunculus als Herzen. Und trotz seiner Erscheinung wurde er nicht einmal von Menschen geschaffen, sondern von einem Volk riesiger Insekten, das in alter Zeit über diese Lande herrschte. Menschen waren für diese nur als Sklaven oder Futter von Interesse. Graves ursprüngliche Aufgabe war es, für das Wohlergehen der Brut der Insektenkönigin zu sorgen. Doch als diese von einer mysteriösen Blutkrankrankheit befallen wurde, konnte er weder ihr Leben retten, noch den Aufwuchs ihrer Nachkommenschaft sicherstellen. Ohne Mutter unfähig sich über das Larvenstadium hinauszuentwickeln, bevölkern die Kinder der "Einst-Königin" nun als "Larvalwyrmen" die "Underworld". Graves' Sympathien wandten sich daraufhin den Menschen in der "Keep of Looming Cromlechs" zu, denen er den Weg in eine bessere Zukunft zu eröffnen versucht. Gleichzeitig erwachte in ihm das Verlangen, selbst Leben zu kreieren und eine eigene Familie zu gründen.  
Beides führte schließlich zur Erschaffung seiner drei Töchter. Als er ihre Körper formte, gab er ihnen nicht nur von seinem eigenen "Blut", sondern auch von der Substanz seiner zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen "Elementar"-Gattin Fae. Humanoide Gestalt gab er ihnen nicht nur in Anlehnung an seine eigene Erscheinungsform, sondern auch, weil er hoffte, dass sie ihn bei seinem Bemühen um eine lichtere Zukunft für die Menschen unterstützen würden. Allerdings gab er ihnen zugleich einen freien Willen: "The Rule of Independence is infused in your blood. You will control your own heart". Und wie viele Väter vor und nach ihm, muss auch Doktor Grave in der Folge feststellen, dass Kinder sich nicht immer zu dem entwickeln, was man sich bei ihrer Geburt vorgestellt oder gewünscht hatte.
 
"Dyscrasia" ist ein Begriff, der ursprünglich aus der antiken "Vier-Säfte-Lehre" stammt und dort ein Ungleichgewicht zwischen Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle bezeichnet. Lindberg verbindet diese Vorstellung mit alchemistischen Motiven, um das Bild einer kranken Welt zu zeichnen. In einigen Szenen kann sich das zu krassem Body Horror steigern oder so bizarre Formen annehmen wie die Pilzflechten, die auf dem Körper einer der Golem-Töchter wachsen. Fruchtbarkeit/Unfruchtbarkeit ist ein immer wieder auftauchendes Thema. Doch zugleich besteht immer auch die Hoffnung auf letztendliche Genesung. Veränderung und Entwicklung können sowohl als (krankhafte) Mutation wie als (alchemische) Transmutation erscheinen.
 
Den menschlichen Kern der Erzählung bildet jedoch stets die Beziehung zwischen Grave und seinen Töchtern. Die drei entwickeln sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Leech versucht als einzige ihrem Vater nachzueifern und die Geheimnisse von Medizin und Geomantie zu ergründen. Ember verlangt es schon sehr früh danach, bewundert und begehrt zu werden. Sie genießt die sexuelle Macht, die sie auf die Menschen ausübt, und stilisiert sich zwischenzeitlich zur "Göttin" der "Keep of Looming Cromlechs". Melanie schließlich fühlt sich von früh an von ihrem Vater missverstanden und im Stich gelassen, wendet sich von den Menschen ab und zieht sich in ihr eigenes Reich aus Schlamm und Gewürm zurück, wo sie die Rolle einer "Mutter" und Königin für die "Larvalwyrmen" zu übernehmen versucht. Doktor Grave liebt alle seine Töchter, doch fühlt er sich im Umgang mit ihnen oft etwas hilflos. An einem Punkt sieht er sich sogar gewungen, seine Axt Ferrus Hewnmaw gegen die ganz von Verbitterung und Hass zerfressene Melanie zu schwingen. 
 
Was für mich den besonderen Reiz von Grave's Daughters ausmacht, ist das Nebeneinander traumartig-phantasmagorischer Panoramen und sehr menschlicher Momente. Auf der einen Seite Szenerien von monströsen Insektenschwärmen, magischen Gewitterstürmen, dem nekromantischen Erwachen einer toten Vergangenheit oder titanenhaft umherstapfenden Riesenstatuen. Auf der anderen kurze, einfühlsame Einblicke in die letztlich doch sehr menschlichen Gefühle unserer nicht-menschlichen Held*innen: Liebe, Hass, Verlangen, Ehrgeiz, Verbitterung, Trauer. Dabei sehen wir die Welt im Verlauf des Zyklus abwechselnd durch die Augen aller vier.
 
Und auch wenn die Erzählung oft sehr finster ist, endet sie doch mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf die beginnende Heilung und Wiedergeburt einer verwüsteten Welt.        
 
            
 
P.S.: Ich spiele mit dem Gedanken, gegen Jahresende einen ausführlicheren Artikel über meine Sword & Sorcery - Lektüre 2026 zu schreiben. Dann werde ich vielleicht einige der hier erwähnten Geschichten und Bücher noch einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Montag, 21. September 2026

Moorcock und die Sword & Sorcery

Ich habe regelmäßig viel Spaß mit den Zeichnungen und Skizzen der serbischen Künstlerin Clade Mirya, die diese auf Bluesky veröffentlicht, insbesondere mit den Shenanigans ihres Sword & Sorcery - Trios Conan, Jirel und Elric.* Vielleicht waren sie es, die mich in letzter Zeit dazu animiert haben, mir erneut ein paar Gedanken über Michael Moorcocks Beitrag zu meinem Lieblingssubgenre zu machen. Denn vor allem Elric ist zwar ohne Zweifel eine ikonische Figur der S&S, aber wenn ich ehrlich sein soll, finde ich es gar nicht so leicht, die Erzählungen über die verschiedenen Inkarnationen des "Eternal Champion" mit meinem persönlichen Verständnis von Sword & Sorcery in Einklang zu bringen. Und da ich mir kürzlich für ein paar Talerchen den alten Bastei Lübbe - Sammelband Der Herzog von Köln besorgt habe und nun dabei bin, nach Elric und Corum auch Dorian Hawkmoon kennenzulernen, erlebt dieser Eindruck zudem eine aktuelle Auffrischung. Grund genug, hier einmal ein paar meiner diesbezüglichen Gedanken schriftlich niederzulegen.

 
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bislang hab ich recht viel Spaß mit Ritter des schwarzen Juwels (The Jewel in the Skull). Bekanntlich hat Moorcock die Runestaff - Geschichten in Rekordzeit runtergetippt (Tage, maximal Wochen), und das merkt man dem Roman auch an. Das ist weder sprachlich-stilistisch fein gearbeitet, noch strukturell sonderlich durchdacht. Aber allein schon das hübsch durchgeknallte Szenario um das dekadente und pervers-sadistische Finstere Imperium von Granbretan(ien) mit seinen Ornithoptern, seiner "wissenschaftlichen" Magie und seinem wie ein Fötus in seiner "Thronkugel" voller Nährflüssigkeit herumschwimmenden Unsterblichen Hochkönig macht Laune.** Und jede Story, in der Lanzenträger auf riesigen Flamingos in die Schlacht reiten, hat ohnehin was gut bei mir. Dennoch frage ich mich erneut, inwieweit ich diese Geschichte überhaupt als Sword & Sorcery bezeichnen würde. 
 
Es gibt eine Reihe von Aspekten, die es mir schwer machen, Moorcocks Werke in diesem Kontext zu verorten.
 
Zuerst einmal finde ich es erstaunlich, dass ausgerechnet der alte Anarchist Moorcock seine S&S-Helden durch die Bank zu Aristokraten gemacht hat. 
Es stimmt natürlich, dass es von früh an auch adelige Held*innen im Subgenre gegeben hat, von C.L Moores eher bescheidener Châtelaine Jirel of Joiry bis zu waschechten Prinzen wie Henry Kuttners Elak of Atlantis oder L. Sprague de Camps Vakar. Für sich genommen wäre das also sicher noch kein Argument, dass gegen die Aufnahme von Elric, Corum oder Dorian Hawkmoon sprechen würde. Für mich persönlich allerdings ist die Sword & Sorcery meist eben gerade nicht eine Literatur von Fürsten und Königinnen, sondern eher von Glücksrittern, Söldnern, Spitzbuben und Abenteurern, die nicht in Burgen oder Schlössern, sondern in verrufenen Spelunken oder auf der Landstraße zu Hause sind. Ich mag das Subgenre auch deshalb so sehr, weil ich in ihm mit Saladin Ahmed eine Art "blue collar fantasy" sehe. Als Moorcock seine Geschichten schrieb, dürften die bekanntesten Vertreter der Sword & Sorcery jedenfalls Conan, Fafhrd und der Grey Mouser (vielleicht noch Cugel the Clever) gewesen sein, also durchweg "plebejische" Figuren. Doch in seinen eigenen Stories treten Gestalten dieses Typus wenn überhaupt, dann als Sidekicks des Helden auf. Ich denke da an Moonglum oder Jhary-a-Conel.
Im Zuge der aktuellen Wiederbelebung der Sword & Sorcery (und vor allem im Umfeld der New Edge) ist oft (und meines Erachtens zu recht) davon die Rede, dass der "Outsider" - Held zu den definierenden Elementen des Subgenres gehöre. Das muss sich zwar nicht immer auf die soziale Stellung beziehen. Und auf ihre Art sind wohl auch Elric und Corum "Außenseiter". Dennoch wollen sie mir da nicht so recht reinpassen.    
 
Hinzu kommt, dass Moorcocks Zyklen allesamt vor dem Hintergrund gewaltiger kosmischer Konflikte spielen. Nicht jedes einzelne Abenteuer, in das ein Elric verwickelt wird, mag unmittelbar damit verknüpft sein, doch im Ganzen geht es stets um den äonenumspannenden Kampf zwischen den Mächten von Chaos und Ordnung. Und als Inkarnation des "Eternal Champion" kommt dem Helden dabei eine entscheidende Rolle zu. Von seinem Handeln kann das Schicksal ganzer Welten abhängen.
Die Sword & Sorcery bewegt sich für gewöhnlich in bescheideneren Gefilden. Ihre Held*innen kämpfen nicht mit Göttern und retten auch keine Welten. Wenn's hochkommt, schlagen sie mal einem fiesen Zauberer oder lokalen Warlord das Haupt ab. Oder sie machen sich auf die Jagd nach irgendeinem Monster, das die örtliche Landbevölkerung tyrannisiert. Wenn sie nicht ohnehin gerade dabei sind, die Juwelen aus dem Schatzgewölbe eines reichen Händlers oder Edelmanns zu klauen. Oft genug aber versuchen sie auch einfach bloß, sich irgendwie durchzuschlagen und zu überleben. Vor allem aber sind Sword & Sorcery - Held*innen keine "Auserwählten". Sie sind nicht die ausführenden Organe irgendwelcher Götter oder eines anonymen "Schicksals". Was mit ein Grund dafür sein dürfte, warum sie sich eher selten auf klassische Questen begeben.
 
Gehört für mich Moorcocks Werk also überhaupt nicht zur Sword & Sorcery? Ich weiß nicht. Einerseits halte ich dogmatisch geführte Genre-Diskussionen selten für besonders sinnvoll. Ich werde darum auch nicht Elric oder Corum die Tür weisen. Andererseits habe ich das Gefühl, dass es fruchtbringender wäre, wenn man Moorcocks Zyklen weniger im Kontext der Sword & Sorcery, als vielmehr vor dem Hintergrund älterer britischer Fantasy à la E.R. Eddison betrachten würde. Gerade zu The Worm Ouroboros mit seinen überlebensgroßen Helden und mythischen Konflikten scheint es mir da deutlich mehr Berührungspunkte zu geben. Ein Gedanke, den man bei Gelegenheit mal fortführen und vertiefen könnte. Aber nicht heute.
 
 
  

* Ein kleiner, einseitiger Comic aus ihrer Feder wird auch Teil von Molly Tanzers Jirel of Joiry - Novelle Blue Fire sein, die diesen Winter bei Brackenbury Books (New Edge) erscheinen soll.   

** Und hat wohl so einige spätere SciFi- und Fantasywelten wie Warhammer 40k und Myranor beeinflusst.

Montag, 31. August 2026

The Tritonian Ring

Als Liebhaber der Sword & Sorcery ist man ja beinah dazu verpflichtet, eine eher negative Meinung über L. Sprague de Camp zu haben. Sei es sein respektloser Umgang mit Robert E. Howards literarischem Nachlass (das Umschreiben historischer Abenteuer in Conan - Stories für Gnome Books in den 50ern), seine "Überarbeitungen" der Conan - Geschichten für ihre Neuveröffentlichung bei Lancer Books ab 1966, die Verwandlung des Cimmeriers in eine lukrative "Marke" unter seiner Kontrolle in den 70ern, der platte Freudianismus seiner Howard - Biographie Dark Valley Destiny (1983) -- es gibt wahrlich genug Gründe für den üblen Ruf, den er heutzutage in weiten Teilen der Szene genießt. Auch wenn dabei berechtigte Kritik sicher öfters mal in undifferenzierte Verdammung umschlägt.
 
Manch ein Fan zählt vermutlich auch die zahllosen Conan-Pastiches, die de Camp von 1967 bis 1980 gemeinsam mit Lin Carter zu Papier brachte, zu den "Sünden" des guten Mannes. Dazu habe ich keine persönliche Meinung, da ich kein einziges der Bücher gelesen habe. Sehr viel interessanter finde ich ohnehin seinen ersten eigenen originären Beitrag zum Genre, den Pusadian - Zyklus. 
 
Wie man diesem Beitrag von Gary Romeo auf dem Blog spraguedecampfan entnehmen kann, war es Fletcher Pratt, der L. Sprague de Camp 1950 mit Conan the Conqueror, der bei Gnome Books erschienenen Version von The Hour of the Dragon, bekannt machte. Anders als sein Autorenkumpel war de Camp sofort Feuer und Flamme:
Pratt thought little of Conan the Conqueror, holding it weak on internal logic. But when I began it, I was so fascinated as to be, you might say, struck all of a heap. I hunted up all the Howard stories I could find. With my head full of prehistoric adventure fantasy. in November 1950 I started a Bronze Age fantasy of my own ...
Der Arbeitstitel war The Gorgon God und offenbar brauchte es einige Anläufe, bis de Camp den Roman schließlich bei Wings Publishing unterbringen konnte. Dort erschien er im Winter 1951 in der vierten Ausgabe von Two Complete Science-Adventure Books als The Tritonian Ring. Kombiniert mit H.G. Wells' Klassiker The Time Machine. Einige Jahre später erwarb Twayne die Rechte für eine Buchversion und 1953 kam der Roman erneut auf den Markt, diesmal zusammen mit drei kürzeren Pusadian - Erzählungen (The Stronger Spell, The Owl and the Ape & The Eye of Tandyla), die in der Zwischenzeit in verschiedenen Magazinen veröffentlicht worden waren.
 

Ich würde ganz sicher nicht so weit gehen, The Tritonian Ring als einen vergessenen Klassiker der Sword & Sorcery zu bezeichnen. Aber meiner Ansicht nach gebührt ihm durchaus ein respektabler Platz in den Annalen des Genres. Und er hätte es verdient, "wiederentdeckt" zu werden, falls das nötig sein sollte.
 
L. Sprague de Camp gelang es zur selben Zeit über Donald Wollheim Kontakt zu Oscar Friend, dem Chef von Gnome Books, aufzunehmen. Ab 1952 "überarbeitete" er dort eine ganze Reihe von Howard-Stories für die Veröffentlichung und verfasste Einleitungen zu vier Conan-Bänden. Glaubt man Friend, so versuchte de Camp wohl schon zu dieser Zeit, die Kontrolle über den Cimmerier an sich zu reißen. Am 14. März 1954 schrieb der Verleger jedenfalls in einem Brief an P.M. Kuykendall, in dessen Besitz sich die Rechte an Robert E. Howards literarischem Nachlass befanden:   
There is one smart writer now who has been doing some work for us in rewriting several Howard stories, and he keeps pressing for a larger cut and keeps slipping in side remarks to the effect that if he wants to he can and will go ahead on his own and write about Conan as the author is dead, etc., etc. And I’ve warned him that I’ll sue the pants off him if he makes one silly move of this nature before the CONAN material runs out of copyright (56 years). (1)
Vor diesem Hintergrund erstaunt es um so mehr, dass The Tritonian Ring keineswegs eine Art simples Howard-Pastiche darstellt. 
 
In seiner Rezension von Conan the Conqueror, die in der Aprilnummer 1951 von Astounding Science Fiction erschien, kritisierte de Camp Howard vor allem für "a tendency carelessly to throw his imaginary world together anyhow, so that the poor carpentry shows". 
In seinen eigenen Werken "korrigierte" er gerne die "Fehler", die er bei anderen Autoren auszumachen glaubte. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl sein Zeitreiseroman Lest Darkness Fall (1939), den er in Reaktion auf Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court verfasste. Ebenso ist die bronzezeitliche Welt von The Tritonian Ring als Gegenentwurf zum bunten Wirrwar des Hyborian Age zu sehen. Alle dargestellten Kulturen befinden sich annähernd auf dem gleichen zivilisatorischen Entwicklungsniveau. Unterschiede erklären sich in erster Linie aus geographischen Begebenheiten oder dem (mangelnden) Zugriff auf bestimmte Rohstoffe. Und anders als bei Howard gibt es keine offensichtlichen Analoge zu realhistorischen Völkern, es sei denn, man wäre geneigt, einige rassistische Klischees wie die blutgierigen, kamelreitenden Wüstennomaden oder die schwarzen Kannibalen zu dieser Kategorie zu zählen. In einer Vorbemerkung zur 1971 erschienen Neuauflage des Romans betont de Camp zwar, die Geschichte habe "nothing to do with my serious opinions on such subjects as lost continents, human prehistory, and the origins of civilization", aber hier und da ist doch etwas von seinem Interesse an realen frühen Kulturen und ihrer Technologie zu spüren.
All das macht die Welt von The Tritonian Ring sicher etwas in sich konsistenter. Und für einen Kritiker wie Damon Knight bestand darin auch eine der hervorstechenden Qualitäten des Romans:
De Camp himself is a Howard enthusiast of long standing; still, Howard’s dream-stuff must have irritated him occasionally for its stubborn refusal to take into account that a sword must be forged, that a king must have subjects, and in short that men are not made of gingerbread nor cities of spun sugar.
De Camp's love for swordplay and pageantry has never blinded him to any of these facts, as people lucky enough to have read Divide and Rule or The Stolen Dormouse know without being told. For those who haven't, one example will do: Howard handed his barbarian hero a steel blade, without worrying about where it came from. De Camp, considering that steel would be as anachronistic as a wristwatch, hands his a bronze-bladed sword -- and shows him carefully straightening out the dents in it after each encounter. (2) 
In seinem 1956 erschienen Essayband In Search of Wonder wiederholt er diese Einschätzung, wenn er schreibt: "Howard's tales lack the de Camp verisimilitude -- Howard never tried, or never tried intelligently, to give his preposterous saga the ring of truth".
Es fällt nicht schwer, zu verstehen, warum Damon Knight in diesem vermeintlich größeren "Realismus" den Hauptvorzug von The Tritonian Ring zu erkennen glaubte. Der Kritiker und Ex-Futurian war Vertreter und Verfechter einer sich selbst als "rationalistisch" verstehenden Science Fiction. Mit Fantasy konnte er ganz allgemein wenig anfangen und hielt das Genre im Grunde für den Ausdruck einer kranken Psyche: "All the great fantasies, I suppose, have been written by emotionaly crippled men." (3) De Camps Worldbuilding in The Tritonian Ring schien ihm dagegen Ausdruck eines rationaleren Geistes zu sein und rückte die Erzählung damit zumindest etwas näher an sein eigenes Ideal heran. 
Mir hingegen erschien dieser Aspekt bei der Lektüre eher nebensächlich. Was Damon Knight in seiner Rezension schreibt, erinnert ein wenig an Teile von Poul Andersons Essay On Thud and Blunder, der 1978 im dritten Band von Andrew Offutts Anthologien-Reihe Swords Against Darkness erschienen ist. Und im Grunde halte ich viel von Andersons Forderung, dass sich Heroic Fantasy - Autor*innen mehr Gedanken darüber machen sollten, wie die Gesellschaft, in der ihre Geschichten spielen, funktioniert und wie das Alltagsleben in ihr aussehen würde. Aber genau das macht de Camp in The Tritonian Ring eigentlich nicht. Und seine Welt wirkt auf mich auch nicht "realistischer" oder "glaubwürdiger" als etwa das Hyborian Age. Allein schon deshalb, weil dem der Ton entgegensteht, in dem der Roman geschrieben ist. 
Schaut man sich ein bisschen unter den Rezensionen um, die 1954 nach der Buchveröffentlichung erschienen,  liest man da viel von "swashbuckling cloak-and-dagger swordplay" (4) oder "swashbuckling fun with a touch of bawdiness" (5). Falsch ist das zwar nicht, aber es wundert mich doch ein wenig, dass dabei nirgends der ironische Unterton erwähnt wird, der sich durch das gesamte Buch zieht, und der zumindest für mich The Tritonian Ring zu einer so vergnüglichen Lektüre gemacht hat. Nicht dass das Buch eine offene Parodie auf Howard oder die gesamte Sword & Sorcery der ersten Generation wäre. Aber es ist doch ganz offensichtlich mit einem amüsierten Schmunzeln geschrieben worden.
 
Schon die Eröffnungsszene setzt den Ton für den Rest der Erzählung. Wir werden Zeugen einer Götterversammlung. Den Unsterblichen droht eine fürchterliche Gefahr, deren genaue Natur zwar auch ihnen verschlossen ist, die aber irgendwie mit dem Prinzen Vakar von Lorsk zusammenhängt. Also beschließen sie, ein besonders kriegswütiges Volk, die "Gorgonen", zu einem Eroberungsfeldzug gegen den Kontinent Poseidonis (oder Pusard) anzustacheln, auf dem sich auch Lorsk befindet. 
 
Sieht man in The Tritonian Ring eine Art Antwort auf Howards Conan-Geschichten, dann fällt zuerst einmal auf, dass ein solches Szenario dort unvorstellbar gewesen wäre. Götter tauchen bei Howard nicht als handelnde Figuren auf. Und der Cimmerier selbst vertritt eine erklärt skeptische Sicht, wenn es um derartige Fragen geht. ("I have known many gods. He who denies them is as blind as he who trusts them too deeply." [Queen of the Black Coast]). De Camp nimmt hier eher Bezug auf antike Heldenepen wie Homers Odyssee oder Vergils Aeneis. Allerdings schildert er dabei die Götter auf eine Art, die es uns unmöglich macht, sie (und damit den ganzen mythischen Unterbau der Handlung) hundertprozentig ernst zu nehmen. So etwa, wenn er schreibt:
"We might pray to our gods for guidance," said the small bat-eared god of the Coranians, whereupon all the gods laughed, being hardened skeptics. 
Manchmal ist es nicht mehr als ein scheinbar achtlos hingeworfener Nebensatz, mit dem de Camp diese ironische Wirkung erzielt. So etwa, wenn sich die Erzählung zum ersten Mal unserem Helden Vakar zuwendet und die Beschreibung des Königspalastes von Lorsk in einer stürmischen Frühlingsnacht mit der Bemerkung endet: "Outside in the castle courtyard the pigs huddled together to keep warm." Man könnte das zwar als Teil des vermeintlichen "Realismus" auffassen, doch zugleich wird der Szene damit etwas von ihrer genreüblichen Gravitas genommen. 
 
Während Gerüchte über eine bevorstehende Invasion der Gorgonen den König erreichen, führen die divinatorischen Rituale des Hofmagiers Ryn und der Hexe Gra zu einem überraschenden Ergebnis: "Send Prince Vakar to seek the thing the gods most fear." Und so beginnt das Abenteuer.
 
Floyd C. Gale, regelmäßiger Rezensent von Galaxy Science Fiction, schrieb einmal "de Camp did a remarkable job when he tossed his inhibitions to the wind and out-Conaned Conan in his own Tritonian Ring". (6) Ein Kommentar, der sich natürlich auch daraus erklärt, dass Sword & Sorcery für die meisten damals identisch mit Conan war, der aber dennoch etwas irreführend ist. Denn Vakar ist alles andere als ein Clonan. Ebensowenig ist er der "Gallant Prince", als den ihn Robert Frazier in seiner Rezension für Fantastic Universe beschrieben hat. Im Grunde ist er überhaupt keine sonderlich "heroische" Gestalt. Was die Figur zu einem der interessantesten Bestandteile des Romans macht. 
Bei seinem ersten Auftritt beschreibt de Camp seine Erscheinung als "a bit vacuous (for age and experience had not yet stamped his features with character) and a bit foppish." Als designierter Thronerbe eines Königreiches ist Vakar zu Beginn der Handlung etwas verwöhnt und versnobt. So ärgert er sich zum Beispiel gehörig, dass er auf seine Queste, die er in aller Heimlichkeit antreten soll, weder seine schmucke Prunkrüstung noch einen ganzen Tross von Bediensteten mitnehmen kann. Sein einziger Begleiter ist sein leidgeprüfter Leibsklave Fual. Kaum haben die beiden die Hauptstadt hinter sich gelassen, wird Vakar auch schon vom erstbesten Schankwirt übers Ohr gehauen, weil er nicht die geringste Vorstellung davon hat, wieviel man für eine Übernachtung und ein Abendmahl normalerweise bezahlt. Im Laufe seiner abenteuerlichen Reisen kommt es zwar zu einem gewissen Reifungsprozess. Nachdem er selbst eine Auspeitschung hat über sich ergehen lassen müssen, kommt ihm zum Beispiel der Gedanke, dass er in Zukunft vielleicht darauf verzichten sollte, den armen Fual bei jedem noch so kleinsten Vergehen zu verprügeln. Doch alles in allem bleibt er für einen Heroic Fantasy - Protagonisten bis zum Schluss angenehm "durchschnittlich". Aber eben auch etwas aristokratischer Schnösel.
Vor allem ist Vakar kein großer Krieger, auch wenn er sich in den meisten Kämpfen, in die er während seines Abenteuers verwickelt wird, durchaus zu behaupten versteht. Während der ersten großen Rauferei wird beschrieben, dass er sich "caterpillar-like" über das Schiffsdeck bewege. Ein hübsches Beispiel für de Camps Stil, denn dabei sollen wir sicher an die "panthergleiche Geschmeidigkeit" denken, mit der Helden wie Conan für gewöhnlich ihre Kämpfe bestreiten. 
Vakar hat auch überhaupt nicht die Ambition, ein großer Heroe zu werden. Immer wieder beklagt er sich darüber, dass er seine Zeit viel lieber damit verbringen würde, seine Nase in irgendwelche Bücher zu stecken oder den Lehren der Philosophen zu lauschen. Für den Spross eines Königreiches, das allgemein für seine Krieger und Athleten berühmt ist, ist Vakar außergewöhnlich gebildet ("[he] could read over a thousand pictographs") und hat die Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit alliterierende Verse aus irgendwelchen Epen zu zitieren. Noch ganz am Ende seiner Queste sagt er zu seiner Angebeteten Königin Porfiria:
I am neither hero nor adventurer, but a quiet bookish fellow who would like to settle down in Sederado and study philosophy. In all these fights and flights I have never known that mad joy of battle of which the epics speak. Before the combat I am frightened, during it I am confused, and after it I am weary and disgusted. 
Vakars eher unheroischer Charakter spiegelt sich auch in der Beziehung wieder, die sich zwischen ihm und Porfiria entwickelt. Ja, sie ist das typische "Love Interest" für unseren Helden und nicht viel mehr (über weite Teile der Handlung verschwindet sie sogar ganz). Aber sie verliebt sich nicht deshalb in ihn, weil er so "männlich", stark und heldenhaft wäre, sondern einfach weil sie ihn nett und sympathisch findet. Ganz zu Beginn der Erzählung beschreibt sie Vakar, dem sie zehn Jahre zuvor schon einmal begegnet ist, ihrem Chefratgeber gegenüber so: 
Though no great beauty or mighty athlete, there was something about him -- an irreverent wit, a soaring fancy, a keenness of insight, unlike most of his lumpish compatriots
Und als sie sich dann wiederbegegnen ist das erste, worauf sie ihn anspricht, ein Tanzwettbewerb, den die beiden damals gemeinsam gewonnen hatten.
 
Freilich möchte ich nicht die Illusion aufkommen lassen, dass The Tritonian Ring in Bezug auf Geschlechterklischees oder die Darstellung von Sex außergewöhnlich fortschrittlich wäre. Porfiria wird zwar als selbstständig und klug dargestellt, und de Camp macht sie nie zur Damsel-in-distress, die von Vakar gerettet werden müsste. Doch andererseits reißt sie sich beim abendlichen Festgelage nach ein paar Gläsern Wein die Kleider vom Leib und legt einen nackten Tanz zu Ehren der Mondgöttin hin. 
De Camp hat eine Vorliebe für kleine Anzüglichkeiten und einige der sexy Abenteuer, die Vakar auf seiner Queste erlebt, werden einem vielleicht einen irritierten Stoßseufzer entlocken. Andere fand ich hingegen durchaus amüsant. So wenn sich eine aufreizend-halbnackte Tänzerin unserem Helden umgehend an den Hals wirft, nur um sich wenige Augenblicke später in einen Zombie zu verwandeln, der als bloße Ablenkung zu ihm in sein Schlafgemach geschickt wurde. Das scheint mir dann doch klar als eine Parodie auf das Klischee des "unwiderstehlich-männlichen" Sword & Sorcery - Helden à la Conan gedacht zu sein, dem jede hübsche Maid früher oder später hilflos an die Brust sinkt.
 
Soweit zu unserem Protagonisten. Seine Queste ist eine hübsch abstruse Hetzjagd, die Vakar kreuz und quer durch de Camps bronzezeitliche Welt führt, immer mit dem gorgonischen Zauberer Qasigan auf seinen Fersen. Natürlich entpuppt sich der namensgebende "Ring der Tritonen" als der Gegenstand, den die Götter am meisten fürchten. Doch ironischerweise wird Vakar das Schmuckstück nur ganz kurz in Händen halten, bevor es auch schon (mitsamt einem bösen König) im Magen eines Krokodils verschwunden ist. Stattdessen muss unser Held dann das Meteoreisen finden, aus dem der Ring geschmiedet wurde, um sich ein neues Artefakt anfertigen zu lassen.
 
Bei der Schilderung der Länder, die Vakar und Fual durchwandern, fühlte ich mich manchmal eher an Gulliver's Travels als an das Hyborian Age erinnert, auch wenn de Camp selbstredend nicht den Witz und die satirische Schärfe eines Jonathan Swift besitzt. Besonders gelungene Beispiele waren für mich zum einen das Nekromantenreich Belem, dessen Herrscher am liebsten das ganze gemeine Volk enthaupten lassen und in Untote verwandeln würde, denn könnte es bessere Untertanen geben als kopf- und damit auch hirnlose Zombies? Zum anderen die "nackten Puritaner" von Gamphasantia, die nicht nur jede Art von Bekleidung ablehnen, sondern sich auch für das tugendhafteste Volk der Welt halten, in Wirklichkeit aber ein Haufen bigotter, xenophober Ignoranten und Heuchler sind, die es jedem verbieten, die "verderbten" Länder jenseits ihrer Grenzen zu besuchen und die unerwünschte Fremde ohne viel Federlesens den Löwen zum Fraß vorwerfen, da sie dann ja selbst kein Blut vergießen, das Problem aber trotzdem beseitigt ist. Neben solchen satirischen Abstechern enthält The Tritonian Ring freilich noch genug Swashbuckler-Spaß mit Monsterkrabben, Medusen und miesen Magiern.
 
Abschließend stellt sich mir die Frage, ob der Roman darüberhinaus noch so etwas wie eine "tiefere Bedeutung" hat. Vakar ist eine Art "Auserwählter", aber er ist das auf eine eigentümlich verdrehte Weise. Er handelt nicht im Auftrag göttlicher Mächte oder eines abstrakten "Schicksals". Die Götter sind vielmehr seine Widersacher. Was ihn besonders macht ist, dass die Unsterblichen keinen direkten Kontakt zu ihm aufnehmen und ihn nicht mittels Visionen oder Träumen manipulieren können. Und das Meteoreisen, das er aufspüren soll, besitzt die Fähigkeit, auch andere Menschen vom göttlichen Einfluss abzuschirmen. Deshalb fürchten die Götter es so sehr: 
In time the gods took counsel, for it occurred to them that if knowledge of this metal became widespread, all men would seek to carry a bit of it, and then the gods would be unable to communicate with men, who would forget the gods and cease to worship them, which for a god is virtual death.
Man könnte das Ganze als eine Art Metapher auf die beginnende Emanzipation der Menschheit von der Macht des Mythos interpretieren. Gegen Ende der Erzählung prophezeit Porfirias Hexenvertraute Charsela denn auch:
"The star-metal will some day cast the very gods from their thrones, for with it men will be cut off from their gods, as to benefits, punishments, and mere communication."
"Then no more gods?" said Rethilio
[der Philosoph].
"No; there will be gods, but mere ineffectual wraiths, kept in being by their priests to enable these priests to live without toil on the offerings of the credulous. I have seen it in my visions."
"And then," said Vakar, "all men would be like me, who have never conversed with the smallest godlet. Which might not be a bad thing."
So weit ich weiß war L. Sprague de Camp überzeugter Atheist und Materialist. Aber auch wenn eine entsprechende Botschaft ohne Frage in The Tritonian Ring enthalten ist, bleibt die Erzählung als Ganzes letztlich zu leichtfüßig-ironisch, um sie in dieser Hinsicht ganz ernst zu nehmen.      
 

The Tritonian Ring erschien ganz am Ende der ersten Phase der Sword & Sorcery. Die Lesergunst hatte sich zu dieser Zeit bereits weitgehend der Science Fiction zugewandt. Und wie wir bereits am Beispiel von Damon Knight gesehen haben, hegte man im Kreis der SF-Fans oft nur wenig Sympathie für Geschichten über schwertschwingende Helden und finstere Zauberer. So spricht z.B. auch die Rezension in der Februarausgabe 1954 des Magazine of Fantasy & Science Fiction recht herablassend von "swordplay and bloodshed, which seem to us to bear little relation to science fiction or fantasy." (7) De Camps eigener Aussage zufolge, brachten ihm die ersten beiden Veröffentlichungen des Romans (die Pulpversion von 1951 & die Buchversion von 1953) zusammen gerade einmal "a meager $600" ein. Erst als The Tritonian Ring 1968 erneut aufgelegt wurde (und das dann auch noch mit einem Frank Frazetta - Cover) stellte sich ein größerer Erfolg ein. Der Sword & Sorcery - Boom der zweiten Phase war in vollem Gange und die inzwischen siebzehn Jahre alte Erzählung konnte bequem auf der Welle mitschwimmen. Weitere Auflagen folgten 1971 und 1977 (dann sogar bei Ballantine / Del Rey). Dennoch fand The Tritonian Ring nie wirklich Aufnahme in den "Kanon der Klassiker". Was vielleicht auch nicht ganz unbegründet ist. Dennoch fände ich es nett, wenn das Buch nicht völlig in Vergessenheit geriete. Und man sich auch in S&S-Kreisen L. Sprague de Camps nicht allein im Negativen erinnern würde.   

 

 

(1) Zit nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 309.

(2) Science Fiction Adventures, Mai 1954. S. 124.

(3) Damon Knight: In Search of Wonder. Essays on Modern Science Fiction. S. 19.

(4) Fantastic Universe, Mai 1954. S. 159. (Robert Frazier).

(5) Astounding, August 1954. S. 151. (P. Schuyler Miller).

(6) Galaxy Science Fiction, Juli 1956. S. 102.

(7) Magazine of Fantasy & Science Fiction, Februar 1954. S. 94.  

Donnerstag, 2. Juli 2026

Colonel Kilgores Blood & Thunder

Die aktuellen SFF-News von TOR Online enthalten u.a. einen Link zu Cynthia Wards kürzlich bei Reactor erschienenem Artikel Bored of the Swords. Der war mir auch vorher schon über den Weg gelaufen und meine erste Reaktion war, dass ich ihn etwas einseitig fand. Denn in den Teilen der Sword & Sorcery - Community, zu denen ich lockeren Kontakt halte, war mir nie die von Ward beklagte Tendenz zu einer "Homogensierung" des Genres auf den Typus des "männlichen (Barbaren)Kriegers" untergekommen. Im Gegenteil. Die Ära der "Clonans" gilt dort als ferne (und etwas belächelte) Vergangenheit, während man sich zugleich um Offenheit und größere Diversität bemüht. Aber bei aller Liebe zur Sword & Sorcery bin ich beileibe kein "Experte", der einen Gesamtüberblick über die Lage des Genres hätte. Die meisten Vertreter*innen der aktuellen S&S, denen ich z.B. auf Social Media folge, gehören zum engeren oder weiteren Umfeld der "New Edge". Und wie repräsentativ sie für die Gesamtheit der Szene sind, kann ich nicht beurteilen.    
 
Es hat immer einen ultrareaktionären Flügel in der Sword & Sorcery - Szene gegeben. Ich erinnere bloß an solche Ereignisse wie den Zusammenbruch des seinerzeit sehr anerkannten Blogs The Cimmerian, als sich dessen Herausgeber Leo Grin 2015 während der großen Puppy-Kriege auf die Seite des faschistischen Provokateurs Theodore Beale aka Vox Day schlug. Oder das berüchtigte Vorwort, das Robert M. Price 2020 für die von ihm geplante Anthologie Flashing Swords #6 verfasst hatte. Ein wüster antifeministischer und queerfeindlicher Erguss, der am Ende dazu führte, dass das Buch mit neuem Inhalt bei irgendeinem obskuren rechtslastigen Kleinverlag erscheinen musste, nachdem Pulp Hero Press und die meisten der beteiligten Autoren abgesprungen waren.
 
Über beide Fälle habe ich vor Zeiten schon mal etwas ausführlicher geschrieben. Und ich zweifle nicht daran, dass es vergleichbares Gelichter auch heute noch in der Szene gibt.
 
Eines der wenigen konkreten Beispiele, die Ward in ihrem Artikel anführt, ist das neue Magazin Battleborn, dessen erste Ausgabe dieses Jahr erschienen ist. Nun möchte ich dessen Herausgeber Sean CW Korsgaard nicht einfach auf eine Stufe mit einem Leo Grin oder Bob Price stellen. Dazu weiß ich viel zu wenig über ihn. Aber wenn man sich das von ihm verfasste Vorwort auf Amazon durchliest, kommt einen schon ein leichtes Gruseln an. 
 
Wie Korsgaard im letzten Herbst in einem auf Black Gate veröffentlichten Interview gesagt hat, soll sich Battleborn ganz auf "action-heavy, character-driven fiction" konzentrieren. Das Magazin soll damit eine Tradition fortsetzen, die er in einem Gutteil der neueren Sword & Sorcery vernachlässigt sieht:
I want that in every issue of Battleborn, fire and fury, chest-thumping bravado, that heroic tradition that has left audiences on the edges of their seats since we began gathering around the campfires to swap stories of valor, countless centuries ago. 
Das Vorwort zur ersten Ausgabe ist in einem bewusst hyperbolischen Stil geschrieben, was sich dann u.a. so liest: 
So if the love of chest-thumping, fist-pumping, blood-and-thunder sword-and-sorcery beats like a battle drum in your chest, I leave you with this: Welcome to the Frontlines of Fantasy, soldier. Glory awaits! Always Forward!  
Auf den ersten Blick mag das vor allem als ein missglückter Versuch erscheinen, den Geist der alten Adventure-Pulps heraufzubeschwören. Aber schon bei diesem kurzen Beispiel sollte die Menge an militärischen Vokabeln ins Auge stechen.
 
Das gesamte Vorwort ist in der Persona des "Commanders" geschrieben, den wir uns so vorstellen dürfen: "A hulking figure [in uniform] smoking a cigar with a mad gleam in his eyes". Colonel Kilgore als "Tharg" oder "Crypt Keeper" eines Sword & Sorcery - Magazins? Das wirkt zwar erst mal etwas eigentümlich, macht hier aber tatsächlich Sinn.
 
Sean CW Korsgaard ist selbst Army-Veteran. Für sich allein heißt das natürlich noch nichts. Aber er nutzt wirklich jede sich bietende Gelegenheit, um darauf hinzuweisen. Und tatsächlich ist die literarische Tradition des "Blood and Thunder" nicht die einzige Tradition, die er in dem Vorwort hochhält: 
I was the latest man in my family to serve my country, an unbroken tradition that goes back to the American Revolution. Two of my uncles had even attended boot camp at Fort Benning. 
Man könnte sich fragen, was das in einem Vorwort zu einem Magazin mit phantastischen Abenteuerstories zu suchen hat. Aber es ist tatsächlich mehr als patriotisches Getue des Herausgebers. Korsgaard stellt eine unmittelbare Verbindung zwischen US - militaristischer Tradition und seiner Vorstellung von Sword & Sorcery her: 
It was a lesson my officers and sergeants would beat into my head, in some cases quite literally, over the years. As much as learning how to fire a rifle or march in formation, they spoke of warrior tradition and history, of Valley Forge and Patton's tanks, Audie Murphy and Alvin York, the way a priest might have holy writ and saints. That you may learn from their examples, so when the time comes, your knees don't buckle and you stand firm. Legacy and tradition, tales of heroes and glory, passed from one generation to another. A tradition as old as Gilgamesh and Beowulf, and sword-and-sorcery is steeped in it, even more than most genres.
Im Kontext von 2026 kann ich das nicht anders lesen, als dass hier die Heroic Fantasy mit dem sog. "Warrior Ethos" verknüpft wird, von dem die ungezügeltesten Vertreter des US-Imperialismus wie Pete Hegseth so gerne schwadronieren. D.h. mit der faschistischen Ideologie, die sie in Vorbereitung auf weitere neokoloniale Unternehmungen und letztlich auf einen 3. Weltkrieg in den US-Streitkräften zu verankern versuchen.
 
In genau diesem Zusammenhang fällt übrigens auch das "[we] follow in the footsteps of great men", das Cynthia Ward in ihrem Artikel erwähnt. Korsgaard erzählt nämlich, das seien die letzten Worte gewesen, die ihm sein Großvater bei Eintritt in die Armee mit auf den Weg gegeben habe: "Stand proud. Be brave. You follow in the footsteps of great men". Dass in einer unter diesem Blickwinkel (miss)verstandenen Sword & Sorcery wenig oder gar kein Platz für den Beitrag existiert, den Frauen von Beginn an als Autorinnen, Künstlerinnen, Herausgeberinnen und Fans geleistet haben, ist nicht verwunderlich.
 
Ich kann kein Urteil über den Inhalt von Battleborn abgeben, da ich nicht vorhabe, auch nur eine einzige Ausgabe des Magazins zu erwerben. Aber ich möchte den beteiligten Autor*innen nicht einfach unterstellen, dass sie Korsgaards Sicht auf das Genre (und seine damit verbundene militaristische Gedankenwelt) teilen würden. Viele von ihnen sehen in dem Ganzen vielleicht bloß einen Versuch, die Welt erneut mit "Two-Fisted Adventure Stories" im Geiste der alten Pulps zu beglücken. Ich hoffe das zumindest inständig. Besonders traurig finde ich, dass Battleborn das Andenken des im letzten Jahr verstorbenen Howard Andrew Jones für sich instrumentalisiert, der im Impressum als "Lodestar / Editor Emeritus" angeführt wird. Jones hat wie wenig andere dazu beigetragen, die Basis für das aktuelle Wiederaufleben der Sword & Sorcery zu legen. Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, dass er mit dem Geist von Korsgaards Vorwort d'accord gegangen wäre.      

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Straße in die Zukunft

Es ist inzwischen dreizehn Jahre her, seit ich mich hier in einer Reihe von Blogbeiträgen mit dem Werk von Nigel Kneale beschäftigt habe. Ursprünglich wollte ich dabei den gesamten phantastischen Teil seines Oeuvres abdecken, doch am Ende blieb es bei Artikeln zu seiner Adaption von George Orwells Nineteen Eighty-Four (1954), den drei "klassischen" Quatermass - Miniserien The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) sowie dem Hammer-Film The Abominable Snowman (1957). Die "Tour" brach recht abrupt mit einer Art Überleitungs-Artikel ab, der eigentlich zu einer Besprechung von The Year of the Sex Olympics (1968) führen sollte. Sehr viel später habe ich dann noch einen Beitrag zu seinem Fernsehspiel Murrain (1975) nachgeliefert.
 
In ihrer ursprünglichen Form fortsetzen werde ich die "Nigel Kneale - Tour" sicher nicht. Das würde in meinen Augen u.a. voraussetzen, dass ich erst einmal die alten Beiträge gründlich überarbeiten müsste. Und dazu fehlt mir ehrlich gesagt die Motivation. Doch da ich das Werk des britischen Drehbuchschreibers und Autors nach wie vor sehr schätze und zudem vor kurzem Andy Murrays Biographie Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale gelesen habe, die schon seit einiger Zeit bei mir herumstand, könnte ich mir zumindest vorstellen, ab und an kleinere oder größere Beiträge über die noch nicht behandelten Filme und Miniserien zu schreiben. Ich denke dabei vor allem an The Year of the Sex Olympics (1968), Beasts (1976), die vierte Quatermass - Miniserie (1979) und Kneales Adaption von Susan Hills The Woman in Black (1989). Beginnen möchte ich heute aber mit ein paar Bemerkungen zu The Road (1963).
 
Im Januar 1963 war Sidney Newman zum "Head of Drama" der BBC ernannt worden. Director General Hugh Carleton Greene sah in dem vom Konkurrenten ITV Abgeworbenen einen Verbündeten in seinem Ringen um eine Modernisierung des Senders, der sich bis Anfang der 60er immer noch stark an Geschmack und Moral der konservativen Mittelklasse orientiert hatte. Zu Newmans ersten Aktionen gehörte es, mit First Night ein neues Format für unabhängige Fernsehspiele einzurichten.  In diesem Rahmen wurde am 29. September 1963 auch Nigel Kneales unter der Regie von Christopher Morahan verfilmtes Stück The Road ausgestrahlt.            
 

Leider gehört The Road zu den Werken Kneales, von denen sich keine Aufzeichnung erhalten hat. Die BBC hielt es lange nicht für nötig, ihre Produktionen in einem Archiv für spätere Zeiten zu bewahren. Genrefans sind in diesem Zusammenhang vermutlich vor allem die vielen verlorenen Episoden von Doctor Who ein Begriff. Aber auch im Oeuvre von Nigel Kneale hat diese Gepflogenheit empfindliche Lücken hinterlassen. Neben The Road fehlen uns aus diesem Grund u.a. Wine of India (1970), The Chopper (1971), Jack and the Beanstalk (1974) sowie die ursprüngliche Farbversion von The Year of the Sex Olympics (1968).  Ein kleiner Trost ist, dass das Script 1976 in einem Sammelband von Ferret Fantasy veröffentlicht wurde. (1) 
 
Die Handlung ist im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts irgendwo im ländlichen England angesiedelt.  Dem jungen Sam Towler (Rodney Bewes) ist des Nachts in einem nahen Wald etwas zugestoßen, was er nur als Geistererscheinung beschreiben kann. Wie aus dem Nichts erklangen plötzlich fremdartige Geräusche und der Lärm einer großen Menschenmenge. Der ansässige Squire Sir Timothy Hassall (James Maxwell), eine Art Amateur-Naturphilosoph, will dem vermeintlichen Spuk auf den Grund gehen. Doch just zu diesem Zeitpunkt trifft der auf Einladung seiner Frau Lavinia (Ann Bell) aus London angereiste Mr. Gideon Cobb (John Phillips) in dem Ort ein. Cobb ist dank seiner scharfen Zunge ein Held der Salons und Kaffeehäuser der Hauptstadt. Kneale selbst beschreibt ihn als einen "sub-Johnsonian iconoclast". Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern und ihren Weltanschauungen steht im Zentrum des Fernsehspiels. 
 
Sir Timothy hält es für am wahrscheinlichsten, dass das von Sam beobachtete Phänomen der "Nachhall" eines lange zurückliegenden Ereignisses ist. Genauer gesagt habe der vermutlich das Heer von Königin Baodicea (Boudica) gehört, das im 1. Jahrhundert auf dem Rückzug vor den römischen Legionen durch diese Gegend gekommen sein soll. Aber auch wenn er offensichtlich an die Existenz des Übernatürlichen glaubt, sieht sich der Squire doch als "Wissenschaftler", der den wahren Ursprung des "Spuks" mit Hilfe eines Experiments aufdecken will, bei dem er sich naturwissenschaftlicher, quasi-alchimistischer und magisch-symbolischer Hilfsmittel und Apparaturen bedient. 
Mr. Cobb hingegen hält das alles für ausgemachten Humbug, der nichts anderes als Hohn und Spott verdient. Als selbsterklärter "Philosoph" glaubt er, dass die Menschen sich von all diesen Trugbildern ihrer Imagination und dem überlieferten Aberglauben befreien müssten, um die Welt so zu sehen, wie sie ist:
They must scour their minds clean, ready for a new usage. Then turn their whole imagination right round -- away from all the romantic fancies that delight it and then blur and deaden it. And bring that imagination to bear instead on the real world it has taken for granted, and see into it. And seek its deepest sense. The truth is all round us, but it is hard. And ordinary. And supreme.
Dies werde den Weg öffnen zu einer neuen Welt, in der sich die Menschheit mit Hilfe der Maschine von Elend, Mühsal und allen anderen Lasten der Vergangenheit befreien werde: 
The great steam pumps we see now -- are going to have a million descendants. In a hundred years—in two, certainly -- machines will do all the world’s fetching and carrying. They’ll be more obedient, loyal and industrious than any slaves in history. They’ll carry men through the air and over the seas.

 


Andy Murray schreibt über das Stück: "The pairing of Sir Timothy and Cobb parallels that of Quatermass and Colonel Breen in Quatermass and the Pit." (2) Dem kann ich mich nur teilweise anschließen. Richtig ist sicher, dass zwischen den beiden die zentralen Themen von The Road ausgefochten werden. Aber anders als in Quatermass and the Pit lassen sich die Kontrahenten dabei nicht so leicht in eine "gute" und eine "schlechte" Partei einteilen. Der Professor verkörpert ohne Frage Nigel Kneales Ideal einer Verschmelzung von Vernunft und Humanität, während der Colonel als Repräsentant eines stumpfsinnigen Militarismus gezeichnet ist, den der Autor ganz offensichtlich zutiefst verachtet. In The Road sieht das etwas komplizierter aus.
 
Zweifelsohne ist Mr. Cobb die deutlich unsympathischere Figur. Er ist arrogant, selbstverliebt und genießt es, andere Menschen mit seinem rhetorischen Geschick zu beeindrucken und zu "unterwerfen". Und dass er eigentlich hierher gekommen ist, um die Ehefrau seines Gastgebers zu verführen, spricht auch nicht eben für ihn.
Ein besonders grelles Licht auf Cobbs Persönlichkeit (und die Widersprüchlichkeiten seiner Weltanschauung) wirft die Beziehung zu seinem schwarzen Diener Jethro (Clifton Jones). Eigenartigerweise wird Jethro selten erwähnt, wenn es um The Road geht, dabei halte ich ihn für eine wichtige und interessante Figur. Ein Ex-Sklave aus Jamaika, wurde er in jungen Jahren von Cobb "erworben", der ihm daraufhin eine umfassende Erziehung zu Teil werden ließ. Allerdings nicht aus humanitären Gründen. Jethro stellt für seinen Herrn eine Art "Experiment" dar, mit dem dieser zu beweisen versucht, wie man aus einem "primitiven Wilden" einen "zivilisierten Menschen" machen könne. Und entsprechend verhält er sich auch ihm gegenüber. 
Cobb: Jethro’s an experiment -- (to Sir Timothy) You see, I make them too. On the whole, he works. 
Sir Timothy: He’s a man. 
Cobb: He is now. Almost. He was bought in slavery by an old friend of mine. His mind was a child’s. Less, with nothing in it but a little darkness. I emptied it clean, poured in new impressions and the ideas they formed. Nothing old or false, no cant. I set him at all matters, to seek truth. Tested his brain against others in argument. And at last -- that savage is the equal of any man in the kingdom. 
Sir Timothy: Then why do you not respect him? 
Cobb (astonished): Respect? Respect, sir, is no part or parcel of the matter. You might as sensibly ask me to respect him for the silver buckles I’ve put upon him. 
Nigel Kneale hätte es so zwar sicher nicht ausgedrückt, aber für mich zeigt sich darin der bürgerliche Charakter der Aufklärungsphilosophie, deren Repräsentant Cobb ist. In der Theorie gehört zu seiner strahlenden Zukunftsvision zwar auch die Gleichheit aller Menschen: "There'll be neither squire nor servant then." Aber in der Realität ist er eben doch ein bourgeoiser "Gentleman" und verhält sich entsprechend gegenüber jenen, die in der sozialen Hierarchie unter ihm stehen. Er ist dabei vielleicht sogar noch herablassender als der Squire, weil er alle traditionellen "Sentimentalitäten" im Miteinander der Menschen verachtet. Cobb ist zwar ein Abolitionist (weil er Sklaverei für nicht mehr zeitgemäß hält), aber Jethro ist für ihn trotzdem so etwas wie ein Stück "Eigentum", in das er Zeit und Geld "investiert" hat. 
Der ehemalige Sklave nimmt das übrigens nicht einfach so hin. An einer Stelle beschreibt Kneale seine Haltung gegenüber Cobb wie folgt: 
Jethro watches him with an irony that is never far below the surface. Resentment at being taken for granted has taught him subtle ways to provoke, and to use them when Cobb is ruffled
Und im Verlaufe der Nacht des "Experimentes" im Wald sagt er ihm dann sogar offen ins Gesicht, was er von ihm hält: "Here in this place, I can! I am not real to you, am I? I’m something you made, not a man. But the man is speaking to you now!"
 
Im Vergleich dazu wirkt der höfliche Sir Timothy sicher sehr viel einnehmender. Und auch sein wiederholt ausgesprochener Grundsatz "I have an open mind" nimmt sich gegenüber Cobbs Arroganz erst einmal ziemlich sympathisch aus. Selbst seine Exzentrizität ist nicht ohne Charme. So etwa wenn er die Szenerie seines "Experiments" mit pseudo-römischen Theaterrequisiten ausschmücken lässt, die als eine Art Köder für den "Spuk aus der Antike" dienen sollen.
Aber nachdem er gar zu lange von Cobb provoziert wurde und sich zudem einer der Dörfler einen kleinen Spaß mit dem "Experiment" erlaubt hat, kommt es zu einem Ausbruch von beinah fanatischer Aggressivität. Und anders als der mondäne Spötter greift der Squire dabei zu seiner Flinte. Zwar wird niemand verletzt, aber man fühlt sich gedrängt, Cobb zuzustimmen, wenn dieser Lavinia zumurmelt: "He is ruthless in his way [...] One of a blind, mad pack! They will do things!"
 
Andererseits hat auch Cobb durchaus seine Momente. So etwa, wenn er sich über "Gerechtigkeit" auslässt, einen Wert, für den seine Zukunftsmenschen keinen Gebrauch mehr haben würden:
Justice, sir, is a god -- the god of misers! It defines the way we may snatch from each other and then guard our grabbings! You say justice and you exalt a golden blindfold lady. I see a gibbet and a thing hanging with eyes pecked out!
Und letztenendes sind sowohl Mr. Cobb als auch Sir Timothy auf ihre je eigene Weise Repräsentaten des "Age of Reason". Der eine als Theoretiker, der andere als Praktiker und Empiriker. Und darum geht es in dem Stück letztenendes. Sie beide bauen an jener Straße in die Zukunft mit, der The Road seinen (doppeldeutigen) Namen verdankt. Einer Zukunft, die nicht Cobbs grandioser Vision entsprechen wird, sondern deren wahre Natur sich offenbart, als klar wird, worum es sich bei dem "Spuk" in Wirklichkeit handelt. Kein "Nachhall" aus der Vergangenheit, sondern ein kurzer "Blick" in die Zukunft. 
 
Die Figuren des Stücks können natürlich nicht wissen, was die Geräusche genau bedeuten, die im Finale plötzlich über sie hereinbrechen. Doch für die Zuschauenden konnte kein Zweifel daran bestehen, was sie da hören: Der Lärm unzähliger Autos, eine Massenkarambolage, die Stimmen verängstigter und verzweifelter Menschen, die vor irgendetwas zu flüchten versuchen, und schließlich die fürchterliche Detonation einer thermonuklearen Bombe. Die Geräuschkulisse dieses finalen, alptraumhaften Twists, kreiert von Brian Hodgson und dem legendären Radiophonic Workshop der BBC, muss ungeheuer effektvoll gewesen sein.
 
Man könnte versucht sein, The Road als eine Art Kommentar zur Dialekt der Aufklärung zu lesen. Allerdings weiß ich nicht, ob Nigel Kneale mit der demoralisierten Philosophie Adornos und Horkheimers vertraut war, die die Schrecken des 20. Jahrhunderts letztenendes zum unausweichlichen Produkt des aufklärerischen Denkens erklärte. Und persönlich denke ich ohnehin, dass eine solche Interpretation zu kurz greifen würde. Auch wenn in dem Stück sicher viel von Kneales zunehmendem Pessimismus mitschwingt, denke ich nicht, dass man es als eine grundsätzliche Absage an Wissenschaft, Technik und Zukunftsoptimismus verstehen sollte. Dafür wirkt es in der Widersprüchlichkeit seiner Figuren zu differenziert auf mich. Ganz sicher jedoch sollte es als eine Warnung vor dem verstanden werden, was die zu einer Waffe pervertierte Wissenschaft der Menschheit einmal bescheren könnte. Nebenbei bemerkt: The Road entstand ein Jahr nach der Kubakrise.   



(1) Man findet es auch im Internet Archive als Teil der von David Drake zusammengestellten Anthologie Bluebloods.
 
(2) Andy Murray: Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale. S. 123. 

Sonntag, 29. März 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (2/3)

 Teil 1

Aus einer Woche sind mehrere Monate geworden, aber schließlich habe ich es doch geschafft, einen weiteren Teil meiner Gedanken zu Glen Cooks Black Company "zu Papier" zu bringen. Allerdings beschränke ich mich darin ganz auf den ersten Band der Trilogie. Dieser Blogbeitrag wird also noch einen dritten Teil bekommen. Wann das geschehen wird, steht noch in den Sternen, aber ich hoffe doch, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird.  
 
 
Glen Cook schrieb die Black Company ursprünglich in Form einer Reihe aufeinander aufbauender Novellen, von denen allerdings nur Raker, das spätere dritte Kapitel, in der Augustausgabe 1982 des Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht wurde. 
 
Ganz ausdrücklich sei es ihm bei seiner Erzählung um den Söldnertrupp nicht darum gegangen, bewusst die Konventionen der epischen oder heroischen Fantasy zu brechen. Zwar habe er die Idee gehabt, seine Geschichte "from the viewpoint of the grunts" zu erzählen und diese dabei anfangs zu den "'bad guys'" zu machen, doch sei dies keine "Wow! Wouldn’t this be a kickass twist? kind of decision" gewesen. "I’ve never seen the Black Company series as especially different. Some people seem to disagree."
 
Über Cooks Agenten Russell Galen gelangte das Manuskript schließlich auf den Schreibtisch der für  die Horrorsparte Verantwortlichen bei Tor. Deren erste Reaktion war ablehnend. Vor allem, da es ihr unmöglich war, Sympathien für irgendeine der Figuren zu entwickeln. Was der Autor einmal etwas sarkastisch so kommentiert hat:
Well, I wanted to write a book about real medieval mercenaries. These aren't kind and gentle people. Not exactly left-leaning democrats. 
Doch einige Wochen später erreichte Cook eine weitere Nachricht der Editorin, die ungefähr so lautete: "I can't get this out of my head. There is something here that works and I want to do the book." Also trafen sich die beiden während der World Fantasy Convention 1983 in Chicago, palaverten stundenlang über das Buch (wobei auch eine Menge Alkohol geflossen sein soll) und brachten die Geschichte schließlich in eine Form, mit der beide leben konnten. Das führte u.a. auch dazu, dass die Black Company, die ursprünglich nur ein einziger Roman sein sollte, auf eine (erste) Trilogie anwuchs.  
 
Cover von Didier Graffet für die französische Ausgabe von The Black Company 
 
Ich sollte an dieser Stelle wohl noch einmal betonen, dass ich bislang nur diese erste Trilogie gelesen habe. Meine Einschätzung basiert also ausschließlich auf The Black Company, Shadows Linger und The White Rose. Gut möglich, dass manches in späteren Büchern ganz anders aussieht.
 
Abgesehen von einem signifikaten Teil von Shadows Linger (und einem kleineren in The White Rose) wird die Geschichte ganz in der ersten Person und von Croaker, dem Regimentsarzt und offiziellen Chronisten der Black Company, erzählt. Nun ist es sicher nicht ganz falsch, in ihm eine Art Stand-In für den Autor zu sehen. In einem Interview mit J. Buck Caldwell hat Cook sogar mal ganz offen erklärt: "Croaker is me". Dennoch halte ich es für wichtig, sich beim Lesen stets bewusst zu sein, dass man die Ereignisse aus einem ganz bestimmten, keineswegs "neutralen" oder "objektiven" Blickwinkel erzählt bekommt. Und dass wir als Lesende dabei nicht in jedem Fall Croakers Sicht auf die Dinge unbesehen übernehmen sollten. 
 
Dennoch war es vor allem seine Erzählstimme, die mich sofort gefesselt und dann nicht mehr losgelassen hat. Ihm zu lauschen, ist einfach ausgesprochen unterhaltsam, ganz gleich, was er einem erzählt. Grund dafür ist u.a. sein sarkastischer Sinn für Humor. Dass dieser auch eine Art mentaler Überlebensstrategie für Croaker darstellt, wird recht früh in einem kurzen Wortwechsel mit seinem besten Kumpel Elmo hervorgehoben:
"One of these days you're going to say something without getting sarcastic and I'll curl up and die, Croaker."
"Keeps me sane, friend."
"That's debatable, Croaker. Debatable." 
Vor allem im ersten Buch legt Croaker eine sehr zynische Sicht auf die Welt und die Rolle, die die Black Company in ihr spielt, an den Tag. Aber selbst dann fühlt er sich zumindest dazu gedrängt, immer wieder zu versuchen, das Verhalten des Söldnertrupps zu rechtfertigen. Er ist jemand, der zu Reflexionen neigt und sich seine eigenen Gedanken macht, was ihn beinahe automatisch dazu führt, nichts einfach so hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen. Auch hat er sich trotz seines blutigen Handwerks eine gewisse Menschlichkeit bewahrt. Auch wenn er es selten zulässt, dass davon seine Handlungen bestimmt werden.
 
Um Croakers Verhalten und das seiner Kameraden zu verstehen, muss man sich klar machen, was die Black Company eigentlich ist und was sie für ihre Mitglieder bedeutet.
 
Der Elite-Söldnertrupp ist "the last of the Free Companies of Khatova". Wer oder was Khatova war, weiß zum Zeitpunkt der ersten Trilogie allerdings keiner mehr. Ein Land? Eine Stadt? Ein Herrscher oder ein Feldherr? Aber auch wenn der Ursprung der Company im Nebel der Vergangenheit verlorengegangen ist, spielt ihre jahrhundertealte Tradition -- von den Chronisten festgehalten -- eine wichtige Rolle für ihr Selbstverständnis. Zu Croakers Aufgaben gehört es nicht nur, die Taten der Company aufzuzeichnen, sondern auch in regelmäßigen Abständen öffentliche Lesungen aus den Annalen zu veranstalten, um die Moral der Truppe mit (möglichst passenden) Exempeln aus ihrer langen Geschichte zu stärken.
Dennoch bekommt man nicht das Gefühl, dass dieser auf Tradition basierende "Truppen-Patriotismus" das wichtigste Element für den Zusammenhalt der Black Company ist. Für Croaker persönlich ist er vermutlich wichtiger als für viele seiner Kameraden. Andere, "banalere" Gründe dürften für die meisten von ihnen sehr viel ausschlaggebender sein.
 
Psychologische Studien über Soldaten im 2. Weltkrieg (aus unterschiedlichsten Armeen) haben öfters zu dem Ergebnis geführt, dass die wichtigste Antriebskraft derselben nicht ideologischer Natur gewesen sei, sondern aus der sog. "Primary Group Cohesion" bestanden habe, d.h. aus dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen kleinen Einheit. William Manchester hat dies in seinen Kriegsmemoiren Goodbye Darkness so beschrieben:
Those men on the line were my family, my home. They were closer to me than ... my friends had ever been or would be. They had never let me down, and I couldn't do it to them ... Men, I now knew, do not fight for flag or country, for the Marine Corp or glory or any other abstraction. They fight for one another. (1)
Daran musste ich bei der Lektüre der Black Company mehr als einmal denken.  
 
Für deren Mitglieder können ideelle oder ideologische Antriebe natürlich erst recht kaum eine Rolle spielen. Schließlich sind sie Söldner und kämpfen weder für ein "Vaterland" noch für eine Idee, sondern für bare Münze. Zugleich besteht ihr gesamtes Leben in gewisser Hinsicht aus einem nie endenden Feldzug, auch wenn sich die Company selbstverständlich nicht permanent im Kampfeinsatz befindet. Aber "Frieden" gibt es für sie praktisch nicht, denn der Krieg ist ihr Handwerk. 
Die Verbundenheit zur eigenen Truppe wird für diese Berufskrieger deshalb sicher eine noch weit größere Rolle spielen als dies im Soldatendasein ohnehin schon der Fall ist. Zumal die Black Company die einzige soziale Gemeinschaft ist, die für sie noch existiert. Croaker und seine Kameraden stammen ursprünglich aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Aber mit dem Eintritt in die Company haben sie jede Verbindung zu dieser Vergangenheit gekappt. Für viele von ihnen war das sogar einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich dem Söldnerleben verschrieben haben. Das gilt selbst für den Kommandanten der Company, von dem Croaker erzählt:
In all the years I have known the Captain I have learned almost nothing about him. Just a hint here and there, fleshed out by speculation.
He was born in one of the Jewel Cities. He was a professional soldier. Something overturned his personal life. Possibly a woman. He abandoned commission and titles and became a wanderer. Eventually he hooked up with our band of spiritual exiles.
We all have our pasts. I suspect we keep them nebulous not because we are hiding from our yesterdays but because we think we will cut more romantic figures if we roll our eyes and dispense delicate hints about beautiful women forever beyond our reaches. Those men whose stories I have uprooted are running from the law, not a tragic love affair.  
In dieser Hinsicht erinnert die Black Company stark an das Bild, das wir uns traditionell von der Französischen Fremdenlegion machen. Zu ihren ungeschriebenen Gesetzen gehört es, einen Kameraden niemals nach der "Zeit davor" zu fragen.
 
Wenn die Company längere Zeit an einem Ort stationiert ist, können sich zwar Beziehungen zur ansässigen Bevölkerung ausbilden, doch sind diese von Natur aus temporär. Wie Croaker zu Beginn des Buches im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppe aus der Stadt Beryl erzählt:
You stop moving and immediately put down roots. You accumulate things. You find a woman. Then the inevitable happens and you have to leave it all. There was a lot of pain floating around our barracks.
Wenn die Black Company für ihre Mitglieder so etwas wie "Heimat" oder "Familie" darstellt, man seine Kameraden als "Brüder" betrachtet, ist das nicht Ausdruck eines faschistoid-militaristischen Männerbündlertums, sondern einfach die natürliche Konsequenz dieser Lebensumstände. Und wird von Cook überdies ohne jede Romantisierung geschildert.
Daraus erklärt sich auch, warum das Überleben der Company als Gruppe für Leute wie Croaker einen so hohen Wert darstellt. Wir werden in den späteren Teilen der Trilogie noch sehen, welch entscheidenden Einfluss auf die Handlung das haben wird.
 
Dass die Company einfach für den Meistbietenden kämpfen würde, wie man in einigen Besprechungen der Bücher zu lesen bekommt, ist übrigens nicht ganz richtig. Denn sie besitzt sehr wohl so etwas wie einen "Ehrenkodex", auch wenn der nichts mit "Ritterlichkeit" oder ähnlichem zu tun hat. Eher schon könnte man ihn als eine Art "Berufsethos" beschreiben. Zum einen haben die Söldner den Anspruch, ihr blutiges Handwerk besser, geschickter und vor allem erfolgreicher zu betreiben als jede vergleichbare Truppe. Darüberhinaus legen sie aber auch besonderen Wert auf ihre unverbrüchliche Loyalität, wenn sie erst einmal angeheuert worden sind. Im Laufe ihrer langen Geschichte hat die Black Company vielen Herren gedient. Aber nie hat sie einen von ihnen verraten.
 
Entsprechend bedeutungsvoll ist es, dass das erste Buch mit genau so einem Verrat beginnt.
 
Seit einiger Zeit steht die Black Company im Dienst des Syndics von Beryl. Doch dessen Herrschaft wird zunehmend instabiler. Erst recht, nachdem ein geheimnisvoller Gesandter aus dem Norden eingetroffen ist, dessen Ziel offenbar darin besteht, den Stadtstaat in das Protektorat einer fremden Großmacht zu verwandeln. Und zeitgleich ein Monster beginnt, die Straßen der Metropole unsicher zu machen. Der Captain der Company gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es Selbstmord wäre, dem Syndic noch länger die Treue zu halten. Croaker, der als Chronist diesen Prinzipienbruch vor der Nachwelt rechtfertigen muss, ist nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung, beharrt aber nicht auf seinem Protest. Also fällt die Company den regulären Truppen von Beryl in den Rücken und zieht anschließend mit ihrem neuen Patron nach Norden. Zu spät realisieren die Söldner, in wessen Dienst sie damit getreten sind.
 
Vor langer Zeit herrschte der "Dominator", ein kaum mehr als Mensch zu bezeichnender Meister der Schwarzen Magie, über ein gewaltiges Reich des Bösen. Am Ende wurde seine Tyrannei durch einen Aufstand beendet, an dessen Spitze eine Frau stand, die nur als "The White Rose" bekannt ist. Doch weder der "Dominator", noch seine Gemahlin oder seine mächtigsten Gefolgsleute, die sogenannten "Taken" (2), konnten wirklich getötet werden. Vielmehr wurden sie zu (wie man hoffte) "ewigem" Totenschlaf in den Hügelgräbern der "Barrowlands" verdammt. Unglücklicherweise nahm die Wachsamkeit der Nachgeborenen über die Generationen mehr und mehr ab, bis die unvorsichtige Neugier des Magiers Bomanz schließlich zur Katastrophe führte. Der "Dominator" selbst blieb zwar eingeschlossen, doch seine ehemalige Gattin, die "Lady", erhob sich erneut und errichtete zusammen mit den "Taken" ein neues finsteres Imperium. In ihren Diensten steht von nun an auch die Black Company.   
 
Der Struktur des ersten Buches sieht man noch ziemlich deutlich dessen Entstehungsgeschichte an. Viele der frühen Kapitel besitzen einen novellenartigen Charakter und erzählen weitgehend in sich abgeschlossene Episoden. Im Auftrag der "Lady" (und ihres neuen Patrons Soulcatcher) zieht die Black Company in den Kampf gegen eine Rebellenbewegung, die erneut das Banner der "Weißen Rose" (3) aufgerichtet hat. Zur Schilderung großer Schlachten kommt es dabei vorerst nicht, vielmehr erleben wir mit, wie die Company nacheinander einige der wichtigsten Führer des Widerstandes ausschaltet, ohne dass dadurch das Ende des Krieges irgendwie näher zu rücken scheint. 
 
Trotz ihres episodischen Charakters führen diese Kapitel aber auch einige Elemente ein, die eine wichtige Rolle in der Gesamt-Trilogie spielen werden. Das sind vor allem drei:
- Recht bald schon entwickelt sich eine heftige Feindschaft zwischen der Black Company und dem "Limper", einem der zehn "Taken".
- Kurz nach ihrer Ankunft im Norden schließt sich ein Mann namens Raven der Company an. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er aus aristokratischen Kreisen, hat seinen Rang jedoch eingebüßt, wobei Verrat mit im Spiel gewesen sein dürfte. Irgendwie fügt er sich nie so richtig in die Truppe ein, obwohl er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zum Captain entwickelt. Croaker steht ihm ambivalent gegenüber. Es fällt ihm schwer, ihn und seine Motive richtig einzuschätzen. Relativ früh auf dem Feldzug rettet Raven das taubstumme Mädchen "Darling" vor einer Gruppe marodierender Soldaten des "Limper". In der Folge wird "Darling" zu so etwas wie dem "Maskottchen" der Black Company und ihr Wohlergehen scheint schon bald Ravens höchstes (wenn nicht einziges) Ziel zu sein.
- Nachdem die Company das Hauptquartier von Whisper, der brillantesten Heerführerin der Rebellen, eingenommen hat, fällt Croaker und seinen Kameraden ein Haufen alter Aufzeichnungen in die Hände, die möglicherweise die Wahren Namen der "Taken" und der "Lady" enthalten könnten. Was eine mächtige Waffe gegen diese darstellen würde.
 
Vor allem aber machen uns die Kapitel näher mit der Black Company und dem Kreis um Croaker bekannt: Dem Captain, seiner "rechten Hand", dem Lieutenant, Elmo, Otto, Hagop und anderen. Die markantesten Figuren sind dabei sicher die drei Magier der Truppe: Silent, der nie ein Wort spricht (warum, weiß keiner), sich aber vermutlich mehr Gedanken macht als die meisten seiner Kameraden. Auch wenn er nach außen hin kalt, rücksichtslos und manchmal grausam erscheint, bekommt man doch den Eindruck, dass sich hinter dieser Fassade ein ziemlich komplexes Gefühlsleben verbirgt. One-Eye, das älteste Mitglied der Company und der einzige Schwarze, den es in der "schwarzen" Schar noch gibt. Er hat eine Nase fürs Finanzielle, stets gute Kontakte zum örtlichen Schwarzmarkt, und ist neben Croaker der einzige in der Truppe, der über medizinische Kenntnisse verfügt, auch wenn seine Rezepturen oft etwas "ungewöhnlich" ausfallen. An Exzentrizität wird er höchstens noch von Goblin übertroffen. Zwischen den beiden herrscht eine nie endende Rivalität. Ständig versuchen sie sich mit ihren Zauberformeln gegenseitig zu übertreffen. Ihre "Scherze" können mitunter recht gewalttätig ausfallen und ihr Mangel an Disziplin führt manchmal zu unnötiger Gefahr, aber trotz allem sind sie im Herzen eigentlich Freunde, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Wir erhalten außerdem ein Gefühl für das Leben, das diese Menschen führen -- zwischen extremer Gewalt und Langeweile, Kartenspielen und "Kommandoeinsätzen". 
 
Mehr als einmal bin ich bei der Recherche auf Vergleiche der Black Company - Bücher mit der Vietnamkriegsliteratur der Zeit gestoßen. Steven Erikson etwa hat einmal geschrieben: "Reading his [Cook's] stuff is like reading Vietnam war fiction on peyote". Diese Kommentare veranlassten mich dazu, einmal wieder eines der "Originale" aus dem Regal zu pflücken -- Dispatches (An die Hölle verraten) von Michael Herr. Was mich sehr schnell davon überzeugt hat, wie unangemessen ein solcher Vergleich ist. Nichts in Cooks Büchern lässt sich mit der Flut an subjektiven Eindrücken, kurzen Szenen, Skizzen und Anekdoten vergleichen, die Herr im Stil des Gonzo-Journalismus über seine Leser*innen hereinbrechen lässt und die bei diesen schon bald zu Übelkeit und Desorientierung führen muss. Das ist kein bloß stilistischer Unterschied. Herr vermittelt auf diese Weise ein extrem intensives Bild des schieren Wahnsinns von Vietnam in all seinen grausigen Facetten. Dabei ist Dispatches nicht einmal aus einer expliziten Antikriegsperspektive geschrieben, Herr versucht einfach bloß zu schildern, "wie es war". (4) Man mag einwenden, dass An die Hölle verraten keine fiktionale Literatur ist und sich deshalb nur schlecht als Vergleich eignet, aber Elemente aus dem Buch sind in fiktionale (wenn auch filmische) Werke wie Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) eingeflossen, an deren Drehbüchern Michael Herr mitgeschrieben hat. Auf jeden Fall entwickelt Cooks Roman zu keinem Zeitpunkt eine vergleichbare Energie. Was ich gar nicht als Kritik verstanden wissen will. Andernfalls wäre The Black Company kaum eine so unterhaltsame Lektüre. 
 
Dass man rein inhatlich einige Anklänge an Vietnam aus dem Roman heraushören kann, will ich hingegen gar nicht leugnen. Was nicht verwunderlich ist, dürfte dies doch der Krieg gewesen sein, der zu Beginn der 80er Jahre den meisten Amerikanern noch sehr gegenwärtig war. Die Black Company kämpft auf Seiten einer imperialen Großmacht gegen eine Bewegung von Aufständischen. Da kann man natürlich Parallelen zur US-Armee und den Partisanen der National Liberation Front (NLF) ziehen. Das Gefühl, von einer feindseligen Bevölkerung umgeben zu sein und hinter jedem fremden Gesicht einen potenziellen Rebellen vermuten zu müssen, ähnelt jedenfalls ganz sicher der Erfahrung amerikanischer Soldaten in Vietnam. Und so wie der Gegner im GI-Jargon als "Charlie" (Viet Cong = Victor Charlie) bezeichnet wurde, spricht man in der Company stets von "the Rebel" im Singular. Auch hat mich eine von Whispers Strategien spontan an die Tet-Offensive von 1968 denken lassen, auch wenn die Ähnlichkeiten in Wirklichkeit vermutlich nicht gar so groß sind.
 
Nichts von all dem sollte einen allerdings dazu verleiten, in dem Buch eine Art Vietnamkriegsallegorie zu sehen. Und wenn man schon nach Anspielungen suchen will, so sind die auf Tolkiens Lord of the Rings sehr viel eindeutiger.
 
Zuerst einmal erinnern die "Taken" unschwer an die Nazgûl, auch wenn sie anders als die Ringgeister über individuelle Persönlichkeiten, Motive und Ziele verfügen, und zumindest einige von ihnen dabei fast menschlich wirken können. Wenn sie sich auf ihren Fliegenden Teppichen durch die Lüfte schwingen, lässt das anfangs zwar auch ein bisschen an Tolkien denken, doch wird man darin im weiteren Verlauf der Erzählung (und erst recht im dritten Band) vor allem das Fantasyäquivalent zu Helikoptern, Düsenjägern oder Bombern erkennen. (5)
Gar kein Zweifel an einer bewussten Anspielung auf den Lord of the Rings besteht hingegen, wenn erstmals die Rede vom "Auge" der "Lady" ist. Goblin soll telepathischen Kontakt zu Soulcatcher aufnehmen. Doch unglücklicherweise befindet sich der Patron der Black Company zu diesem Zeitpunkt gerade im Turm der "Lady" und der Zauberer gerät deshalb ungewollt in das Blickfeld ihres "Auges".
Goblin let out a long, shrill screech as chilling as an owl's when you are alone in the woods at midnight. One-Eye charged at the sound.
Such moments make me doubt the sincerity of their animosity.
Goblin moaned. "He's in the Tower. He's with the Lady. I see her through his eyes ... his eyes ... his eyes ... The darkness! Oh, God, the darkness. No! Oh, God, no! No!" His words twisted into a shriek of pure terror. That faded to, "The Eye. I see the Eye. It's looking right through me."
Raven and I exchanged frowns and shrugs. We did not know what he was talking about.
Goblin sounded like he was regressing toward childhood. "Make it stop looking at me. Make it stop. I've been good. Make it go away."  
Da wird man doch unwillkürlich an Pippin und den Palantir denken müssen. 
Wie sich später herausstellt, ist das "Auge" allerdings eher ein magisches Instrument, mit dessen Hilfe die "Lady" den Geist eines Menschen zu durchleuchten und ihm sämtliche Gedanken und Erinnerungen zu entreißen vermag. Verglichen mit Sauron findet hier also eine Art "Entmythologisierung" statt.
Dasselbe gilt für den "Turm", der zwar selbstverständlich an Barad-dûr erinnern soll, sich aber gerade nicht inmitten einer Wüstenei à la Mordor erhebt. Auch wenn solche Vorstellungen unter den Rebellen weitverbreitet sind.
Nearer the Tower the land became less pastoral, but never reflected the gloom Rebel propagandists placed around the Lady's stronghold. No brimstone and barren, broken plains. No bizarre, evil creatures strutting over scattered human bones. No dark clouds ever rolling and grumbling in the sky. 
Der "Turm" ist auch der Schauplatz der gewaltigen Schlacht von Charm, die den Höhepunkt darstellt, auf den die Handlung des ersten Buches bei aller Episodenhaftigkeit der frühen Kapitel zusteuert. 
 
Die vereinigten Heere der Rebellion marschieren auf die Festung der "Lady". Am Himmel ist ein Komet aufgetaucht, der der Überlieferung nach dort auch beim Sieg über den "Dominator" gestanden haben soll. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Das einzige, was zur Erfüllung der alten Prophezeiungen fehlt, ist das verheißene Erscheinen einer Wiedergeburt der "Weißen Rose" selbst. Die "Lady" lässt es nicht zu einer offenen Feldschlacht kommen, sondern konzentriert sich darauf, ihre Stellung zu befestigen und den "Turm" bis zur Ankunft eines Entsatzheeres zu halten.
 
Die Schlacht von Charm ist ein gewaltiges Gemetzel, bei dem Zehntausende den Tod finden, und in dessen Verlauf sich die "Lady" aller ihrer offenen und verborgenen Feinde entledigt. Nicht nur gelingt es ihr, die gesamte Streitmacht der Rebellen auf einen Schlag zu vernichten, sie nutzt das Chaos auch, um eine Reihe von "Taken" auszuschalten, die heimlich mit dem "Dominator" im Bunde standen und dessen Wiedererweckung herbeiführen wollten. Dass dabei auch eine erkleckliche Anzahl ihrer eigenen Männer das Leben lassen müssen, nimmt sie bereitwillig in Kauf.
 
Epische Schlachtschilderungen in der Fantasyliteratur lassen mich oft kalt. Im Grunde halte ich es da mit dem alten Tolkien, der einmal gesagt hat: "Schlachten pflegen einander allzu ähnlich zu sehen".(6). Die letzte Fantasyschlacht, die mich wirklich gepackt hat, war diejenige in Steven Brusts Dragon. Denn die wird nicht nur aus der Sicht der "Grunts" geschildert, sondern dank Vlad Taltos als Erzähler auch mit einem ironischen Blick auf all das militaristische Gedöns. Die Schlacht von Charm hatte auf mich nicht ganz dieselbe Wirkung. Croaker & Kumpanen gehören zwar zum "Fußvolk", stehen aber nicht unmittelbar im "Schützengraben". Als Elitetruppe bildet die Black Company vielmehr den letzten Schutzwall um den "Feldherrenhügel" der "Lady". Auch wenn das fürchterliche Gemetzel bei Croaker zum ersten Mal echte Kriegsmüdigkeit aufkommen lässt, bleibt er für große Teile des blutigen Geschehens doch hauptsächlich "Beobachter" (wenn er nicht gerade im Lazarett zugange ist). Vor allem jedoch wird die Belagerung zum Anlass für die besondere Beziehung, die sich zwischen ihm und der "Lady" entwickelt, und die dann vor allem im dritten Band zu einer merklichen Perspektivverschiebung der gesamten Erzählung führen wird.

Von früh an entwickelt Croaker eine (vielleicht etwas ungesunde) Faszination für die finstere Dienstherrin der Company. Und da er auch abseits seiner offiziellen Funktion als Chronist gewisse schriftstellerische Neigungen hegt, beginnt er spaßeshalber Romanzen über sich und die "Lady" zu schreiben. Was auf Jahre hinaus zu einem "running gag" unter seinen spottlustigen Kameraden wird. Als die "Lady" ihn dann allerdings tatsächlich zu sich beordert, verlässt ihn sein Übermut sehr schnell und er hat die Hosen gestrichen voll. Denn die reale "Lady" ist alles andere als eine romantische Figur. Aus Gründen, die Croaker nicht wirklich versteht, wünscht sie, dass ein "objektiver" Bericht über die bevorstehende Schlacht angefertigt wird, und hat sich ihn für diese Aufgabe ausgewählt. Einerseits verstärkt das noch Croakers Position als  "Beobachter", anderereseits erfährt er dabei, dass der Führungszirkel der "Weißen Rose" (angeblich) von heimlichen Anhängern des "Dominators" durchsetzt ist. Vor allem aber erlebt er hautnah mit, wie die "Lady" mit Soulcatcher abrechnet, bei dem es sich in Wirklichkeit um die Schwester der Dunklen Herrin handelt. Und dieses Erlebnis lässt ihn erstmals so richtig an seiner zynischen Weltsicht zweifeln.
I could not get my feelings straight. I did not believe in evil as an active force, only as a matter of viewpoint, yet I had seen enough to make me question my philosophy. If the Lady were not evil incarnate, then she was as close as made no difference. 
Weiterreichende Konsequenzen für sein Handeln hat das vorerst zwar noch nicht, denn wie er selbst sagt:
There are limits to one's luck, one's power, to how much one dares resist. I hadn't the nerve to follow through on my impulse. Later, maybe. 
Ganz sicher jedoch hat es einen Einfluss darauf, wie Croaker auf die überraschende Wendung reagiert, mit der der erste Band zum Abschluss kommt. 
 
Erste subtile Anzeichen dafür hatte es zwar auch vorher schon gegeben, doch auf den letzten Seiten von The Black Company erweist es sich dann endgültig, dass die taubstumme "Darling" die wiedergeborene "White Rose" ist. Raven nutzt das Durcheinander der Schlacht, um zusammen mit seinem Schützling zu fliehen. Als Croaker ihm auf die Schliche kommt, lässt er ihm heimliche Unterstützung zukommen, wohlwissend, dass die "Lady" einen derartigen Verrat niemals verzeihen wird. Überraschenderweise schließt sich ihm dabei auch der Zauberer Silent an. Nicht dass Croaker nun im Inneren auf die Seite der Rebellion übergetreten wäre. Ihm geht es erst einmal bloß darum, das Leben einer Unschuldigen zu retten, die auch ihm etwas bedeutet. Doch zugleich hegt er zumindest die vage Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, die nicht von Leuten wie der "Lady" oder dem "Dominator" beherrscht wird. Seine Entscheidung wird noch sehr schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
 
Ich denke, danit wäre der Punkt erreicht, abschließend ein paar vorläufige Überlegungen zu The Black Company und der Grimdark anzustellen.
 
Glen Cook erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Söldnertruppe, die im Dienst einer Dunklen Herrscherin steht. Natürlich ist das Szenario dreckig, finster und blutig. Was würde man anderes bei dieser Prämisse erwarten? Und selbstverständlich sind unsere Protagonisten alles andere als liebenswert-nette Gestalten. Den meisten von ihnen würde man im realen Leben wohl lieber nicht über den Weg laufen. Wir bekommen zwar nur selten offen gezeigt, zu welchen Brutalitäten diese Männer fähig sind, aber an einer Stelle, als die Mitglieder der Company sich nach einem Sieg etwas "austoben", schreibt Croaker selbst über seine Kameraden.   
You know they are vicious, violent and ignorant. They are complete barbarians, living out their cruelest fantasies, their behavior tempered only by the presence of a few decent men. I do not often show that side because these men are my brethren, my family, and I was taught young not to speak ill of kin.
Doch für sich allein genommen macht das in meinen Augen noch nicht notwendigerweise "grim & gritty" aus. Wie ich im ersten Teil dieses Beitrags schon einmal gesagt habe, bin ich immer erst einmal skeptisch, wenn im Zusammenhang mit Grimdark der so häufig missbrauchte Begriff "Realismus" fällt. Aber hier scheint er mir wirklich angebracht zu sein. Das sind Leute, die den Krieg zu ihrem Beruf gemacht haben. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie sie zur Black Company gefunden haben. Selbst von Croaker hören wir wenig mehr, als dass er aus einem städtischen Umfeld stammt. Aber ganz gleich, warum sie sich ursprünglich dem Trupp angeschlossen haben, diese Art von Leben wird psychologische Auswirkungen haben. Wer längerfristig dabeibleibt, wird entweder über einen entsprechenden Charakter verfügen oder ihn entwickeln. Bestenfalls wird er sich wie Croaker dazu getrieben fühlen, "[to] hung armor plate over my moral soft spots".  Wie sonst sollte man das überstehen, ohne verrückt zu werden? Und um noch einmal auf Michael Herrs An die Hölle verraten zurückzugreifen: Die größte Ähnlichkeit bestand für mich zwischen dem, was Herr im Khe Sanh - Kapitel seines Buches über eine Gruppe von Marines erzählt, und Cooks Darstellung des Verhaltens seiner Söldner und ihrer Gruppendynamik. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Marines eine Heimat haben, in die sie zurückzukehren hoffen.
 
Für mich persönlich definiert sich die Grimdark in erster Linie über zwei Faktoren: Das Welt- und Menschenbild, das von dem fraglichen Werk zum Ausdruck gebracht wird, sowie die Art der Darstellung.
 
Wie schon mehrfach erwähnt, ist Croakers Sicht auf die Welt eine sehr zynische: 
Every ruler makes enemies. The Lady is no exception. The Sons of the White Rose are everywhere ... If one chooses sides on emotion, then the Rebel is the guy to go with. He is fighting for everything men claim to honor: freedom, independence, truth, the right ... All the subjective illusions, all the eternal trigger-words. We are minions of the villain of the piece. We confess the illusion and deny the substance.
There are no self-proclaimed villains, only regiments of self-proclaimed saints. Victorious historians rule where good or evil lies.
We abjure labels. We fight for money and an indefinable pride. The politics, the ethics, the moralities. are irrelevant. 
Ob die Erzählung diese Weltsicht bestätigt, ist jedoch eine ganz andere Frage. Und zwar eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so leicht beantworten lässt.
Fakt ist, dass wir mehrfach demonstriert bekommen, dass die Rebellenbewegung in der Wahl ihrer Mittel und der Art ihres Vorgehens nicht weniger skrupellos und brutal ist als die Truppen der "Lady". Das extremste Beispiel dafür ist die Folterkammer, die Croaker und seine Kameraden auf einem ihrer Einsätze entdecken.
Torture chambers exist, of course, but the mass of men never see them, so they never really believe in them. I'd never seen one before.
I surveyed the instruments, looked at Zouad strapped into a huge bizarre chair, and wondered why the Lady was considered such a villain. These people said they were the good guys, fighting for the right, liberty, and the dignity of the human spirit, but in method they were no better than the Limper.
Dies könnte den Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Problem revolutionärer Gewalt abgeben. Der komplexen Frage über die dialektische Beziehung zwischen Mitteln und Ziel, und wo die Linie verläuft, die man nicht überschreiten kann, ohne damit die eigenen Ideale zu verraten. Doch das geschieht nicht und Cook wäre vermutlich auch nicht der richtige Autor dafür. Und so bleibt in der Tat der Eindruck zurück, dass letztlich kein moralischer Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten besteht.
Die Frage bleibt vor allem deshalb so diffus, weil wir so wenig konkretes über die Welt erzählt bekommen, in der die Geschichte spielt. Der "Realismus" von Cooks Erzählung beschränkt sich völlig auf die Darstellung der Black Company als einer Einheit von Berufssoldaten. Alles jenseits davon bleibt äußerst skizzenhaft. Wir erhalten keinen wirklichen Eindruck von der sozialen, kulturellen und politischen Realität dieser Welt und können uns deshalb auch kein richtiges Bild von der Rebellion und ihren Zielen machen. In dieser Hinsicht bleibt alles auf einer abstrakt-moralischen Ebene.
Dennoch würde ich sagen, dass man das Buch nicht notwendigerweise als Bestätigung einer zynischen Weltsicht lesen muss. Auch wenn der Text ohne Zweifel entsprechende Tendenzen enthält. Doch spätestens wenn die "Lady" beinahe wortwörtlich Croakers ursprüngliche Ansichten wiederholt, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen, sollte uns das zu denken geben.
Evil is relative, Annalist. You can't hang a sign on it. You can't touch it or taste it or cut it with a sword. Evil depends on where you are standing, pointing your indicting finger. 
Croakers finaler Sinneswandel spricht gegen diesen zynischen Relativismus. Auf jeden Fall macht er die Dinge sehr viel weniger eindeutig. Wir werden noch sehen, wie sich diese Frage im Rest der Trilogie weiterentwickeln wird. 

Wenn ich was den ersten Punkt betrifft also durchaus Ansätze zur Grimdark in The Black Company erkennen kann, gilt das in keiner Weise für den zweiten. Glen Cook selbst hat einmal gesagt: "It doesn't glorify war; it's just people getting on with the job." Dieser Einschätzung würde ich mich weitgehend anschließen. Natürlich wird man beim Lesen eine gewisse Sympathie für Croaker und seine Kumpels entwickeln, auch wenn man sich der Greueltaten bewusst ist, die die Mitglieder der Black Company mitunter begehen können. Doch nie werden deren Gewalttaten als "cool" dargestellt. Unsere Protagonisten sind keine "edgy" Antihelden. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zu keinem Zeitpunkt ergeht sich Cook in der fasziniert-voyeuristischen Darstellung von Gewalt, die für mich eines der definierenden Merkmale der Grim & Gritty ist. Die Schilderung der Schlacht von Charm etwa ist nicht blutrünstiger als das, was man bei Tolkien oder anderen "Klassikern" zu lesen bekommt. Cook verschließt zwar nicht die Augen vor Grausamkeit, sinnloser Zerstörungswut, sexualisierter Gewalt und anderen verstörenden Realitäten des Krieges, aber er malt sie auch nicht auf geradezu genießerische Weise aus, um damit zu schockieren. Und das ist für mich von wirklich entscheidender Bedeutung.
 
Das letzte Wort zum Thema Grim & Gritty ist damit zwar noch nicht gesagt, aber der Rest wird warten müssen, bis ich meine Gedanken zu Band 2 & 3 der Trilogie ausformuliert habe. Für heute ist jedenfalls erst Mal schluss.    
 

 

 
 
(1) Zit. nach: James M. McPherson: For Cause & Comrades. Why Men Fought in the Civil War. S. 86. Natürlich spielt der Charakter des Krieges dabei eine wichtige Rolle.  In einem revolutionären Krieg dürften ideelle Motivationen eine größere Rolle spielen als in einem imperialistischen. McPhersons Untersuchungen zum Amerikanischen Bürgerkrieg sind dafür ein überzeugendes Beispiel.
 
(2) Die "Ten Who Were Taken" waren einst selbst mächtige Zauberer, die der "Dominator" in seine willfährigen Werkzeuge verwandelt hat. Ob sie lebendig, untot oder irgendetwas dazwischen sind, wird nie genau definiert. Sie tragen so farbenfrohe Namen wie Soulcatcher, The Limper, Shapeshifter, The Howler, Stormbringer, Bonegnasher, The Hanged Man, Moonbiter, Nightcrawler und The Faceless Man. 
 
(3) Ob der Name der Rebellenbewegung von der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Sophie & Hans Scholl, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Kurt Huber inspiriert wurde, weiß ich leider nicht. Bei Cooks leidenschaftlichem Interesse für Geschichte wäre dies zwar durchaus denkbar, doch ähnelt der Charakter der Bewegung in keiner Weise dem der historischen "Weißen Rose".
 
(4) Natürlich ist das Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Vietnamesen tauchen fast nur als Leichen oder als gesichtslose Kombattanten auf. Und wenn man etwas über den politischen und sozialen Kontext des Krieges erfahren will, ist man hier gleichfalls an der falschen Adresse. Das war nicht Herrs Anliegen. Dennoch ist An die Hölle verraten eine zwar alles andere als angenehme, aber dennoch sehr empfehlenswerte Lektüre. Nicht zuletzt aufgrund von Herrs tiefer Empathie für die einfachen Soldaten, ohne dass er deshalb die allgemeine Entmenschlichung und die geradezu "alltäglichen" Greueltaten ignorieren würde.
 
(5) Freilich kann man sich die Frage stellen, ob nicht auch Tolkiens "geflügelte Nazgûl" zumindestens teilweise den Schrecken des Luftkriegs entsprungen sind. Der "Professor" hegte einen besonders starken Hass auf diese Form der modernen Kriegsführung.
 
(6) Brief an Forrest J. Ackerman (Juni 1958). In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 210; S. 362.