"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 19. August 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 17. August 2018

Hitlers England

Im Mai 1956 beschloss der siebzehnjährige Kevin Brownlow, der gerade seine Ausbildung bei World Wide Pictures begonnen hatte, einen Film zu drehen, der in einem von den Nazis besetzten Großbritannien spielen sollte. Wie es dazu kam, schilderte er sechs Jahre später gegenüber der Zeitschrift Film: 
The first film I made, The Capture, was based on a Maupassant story about the Franco-Prussian occupation. It was a failure and I wanted to make another occupation film. I’d just gone into the film industry as an office boy and walking from the laboratory. I saw a car draw up outside a delicatessen. Some Germans jumped out and began conversing with each other and it seemed vivid and odd. That was the click.
Alternativhistorische Geschichten, die einen Sieg der Achsenmächte postulierten, waren auch 1956 nichts gänzlich unbekanntes. Neben antifaschistischen Dystopien aus der Vorkriegszeit wie Katharine Burdekins Swastika Night (1937) seien vor allem  Noël Cowards 1947 uraufgeführtes Theaterstück Peace in Our Time* sowie der phantastische Roman The Sound of his Horn (1952) von Sarban (John William Wall) genannt. Der vielleicht bekannteste Vertreter der Gattung, Philip K. Dicks The Man in the High Castle, sollte allerdings erst sechs Jahre später erscheinen.
Ob Brownlow von irgendeinem dieser Werke beeinflusst wurde, ist mir nicht bekannt. Ich halte es aber eher für unwahrscheinlich. Peace in Our Time war scheinbar kein besonders großer Publikumserfolg und wurde auch später nur sehr selten aufgeführt, vor allem da das Stück über vierzig handelnde Figuren besitzt. Und was The Sound of his Horn betrifft ist Brownlows Film, der den Titel It Happened Here** erhalten sollte, in seinem quasi-dokumentarischen Realismus Meilen weit entfernt von der bizarren Alptraumvision eines der Menschenjagd frönenden Nazi-Feudalherren, die Sarban in seinem Roman entwirft. Weniger verstörend ist er deshalb allerdings nicht.

Doch bevor wir uns dem Streifen selbst zuwenden, wollen wir uns zuerst einmal seine erstaunliche Entstehungsgeschichte betrachten.

Brownlows ursprüngliche Vorstellung ging wohl eher in Richtung B-Movie und das Ganze sollte mit einem richtig großen Knall  – dem Abwurf einer amerikanischen Atombombe über Nordengland  – enden. Doch dann lernte er den ein Jahr jüngeren Geschichtsenthusiasten Andrew Mollo kennen, der das bisher Geschriebene und Gefilmte wegen mangelnder Authentizität einer vernichtenden Kritik unterzog. Brownlow zerstörte den Großteil des bereits gefilmten Materials, und gemeinsam machten sich die beiden erneut ans Werk, diesmal mit einem an Fanatismus grenzenden Anspruch auf historische Genauigkeit, was sie außerdem schon bald zu der Überzeugung führte, "that to give it any validity, it must have political meaning. Otherwise it would be just a romp in Nazi uniform."

Die sich über acht Jahre hinziehende Produktion war das Werk einer Schar enthusiastischer Amateure und Semi-Amateure. It Happened Here verfügte praktisch über keinerlei Budget. Gedreht wurde auf 16mm - Film. Das Team bestand aus über 900 Freiwilligen, zu denen auch eine ganze Reihe Vertreter des britischen SciFi - Fandoms wie Pat Kearney und Jim Linwood gehörten.***  Uniformen, Waffen und Militärfahrzeuge {u.a. einen  allerdings fahruntüchtigen Jagd-Panzer Panther} besorgte man sich aus privaten Sammlungen. Unter den Darstellern befanden sich nur eine wenige professionelle Schauspieler wie Sebastian Shaw, der den antifaschistischen Doktor Fletcher verkörperte.
In einer ziemlich umstrittenen Entscheidung besetzten Brownlow und Mollo nicht nur die Rollen deutscher Soldaten mit ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, sondern auch die einiger englischer Faschistenführer mit echten britischen Nazis. Der berüchtigste von ihnen war ohne Zweifel Frank Bennett, von dem Linwood später erzählt hat: 
Bennett was [...] a member of Colin Jordan's British National Socialist Movement. He was a well-known figure in the King’s Road, Chelsea, wearing a leather raincoat and exercising his bull-terrier, Baldur. The dog was named after Baldur von Schirach, leader of the Hitler Youth and Gauleiter of Vienna. Bennett claimed to have shaken Hitler’s hand during the Berlin Olympics and had escaped internment during the war by joining the Merchant Navy so he wouldn’t have to kill Germans. Andrew and Kevin met him at a party at which he became immediately enthusiastic about the film.
"I shall play Hitler," he had proclaimed. 
Although he did affect a little moustache and hair brushed down one side of his face, he bore a closer resemblance to Captain Mainwaring in Dad’s Army than the Fuehrer.
Bennett und seine Gesinnungsgenossen hatten offenbar die irre Vorstellung, der Film werde es ihnen erlauben, ihre nationalsozialistische Weltanschauung in einem "fairen Licht" darzulegen. Was Brownlow später zu dem Kommentar veranlasste, er habe ihnen die Gelegenheit geboten, "to condemn themselves out of their own mouths." 

Nach sechs Jahren leidenschaftlicher Arbeit drohte das Projekt 1962 doch noch an Geldmangel zu scheitern, aber zum Glück erwies sich Tony Richardson als Retter aus der Not.
Als Theaterregisseur hatte Richardson zur Gruppe der "angry young men" gehört, die auf die eine oder andere Weise gegen die britische bürgerliche Gesellschaft und ihre heuchlerische Moral aufzubegehren und sich dabei mit der Arbeiterklasse zu identifiizieren versuchten  1958 hatte er zusammen mit Stückeschreiber John Osborne und Produzent Harry Saltzman Woodfall Film Productions gegründet, die zu einer der führenden Vertreterinnen der britischen "New Wave" wurde  Das Debüt der Firma war eine Adaption von Osbornes Stück Look Back in Anger (1959) gewesen, an dessen Drehbuch Nigel Kneale mitgearbeitet hatte. Die Regie war natürlich von Richardson selbst übernommen worden.
Andrew Mollo arbeitete Anfang der 60er für Woodfall Films und lernte auf diesem Weg Tony Richardson kennen. Dieser zeigte sich von It Happened Here beeindruckt und erklärte sich bereit, die Fertigstellung des Films zu finanzieren, vorausgesetzt das Format ließe sich auf kommerziell verwendbare 35mm konvertieren. Das wurde bewerkstelligt, und für die noch zu drehenden Szenen stellte Stanley Kubrick unbenutztes Filmmaterial zur Verfügung, das bei der Produktion von Dr. Strangelove abgefallen war.

Im Mai 1964 war It Happened Here endlich fertiggestellt, und es begann die Tour über die Filmfestivals und die Suche nach einem Verleih.
Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen zeigten sich die Kritiker scheinbar nicht sonderlich begeistert. Hinzu kam, dass einige jüdische Verbände lauten Protest gegen den Film erhoben und ihn als antisemitisch verurteilten. Dennoch gelang es schließlich, United Artists als Verleih zu gewinnen. Allerdings erst, nachdem Brownlow und Mollo sich einverstanden erklärt hatten, dass eine sechsminütige Szene, die besonders heftige Kritik auf sich gezogen hatte, aus der kommerziellen Fassung herausgeschnitten wurde. Wir werden darauf noch zurückkommen. In englischen Kinos lief It Happened Here im Mai 1966 an. Trotz des zensorischen Eingriffs erhob der Jewish Chronicle erneut den Vorwurf des Antisemitismus und verdammte den Film als "a deplorable effort, and an insult to England"

United Artists erwiesen sich bei der breiteren Vermarktung des Filmes als eher glücklos. Vielleicht hatten sie auch kein wirkliches Interesse daran. Kevin Brownlow erhielt jedenfalls keinen einzigen Penny von UA ausgezahlt, und die Kontroverse um seinen Debütfilm hatte auf seine weitere Karriere vermutlich einen ziemlich negativen Einfluss. Wie er Jahrzehnte später einmal gesagt hat:
Had I not made It Happened Here, and approached the job of directing the conventional way, I might be watching a more substantial retrospective of my work at the NFT. To have the reputation in the industry – deserved or not – as an iconoclast, a crypto fascist and general irritant didn’t encourage producers. 
Er drehte nur noch einen weiteren Spielfim, gleichfalls als Indieproduktion: Den 1975 fertiggestellten Winstanley über die frühkommunistischen "Digger" während der Englischen Revolution.  Einen Namen machte sich Brownlow schließlich vor allem mit seinen Dokumentationen über die Stummfilmära sowie durch seine unablässigen Bemühungen um den Erhalt, die Restauration und das erneute Zugänglich-Machen von Filmen wie Napoléon (1927) von Abel Gance. 1990 gelang es ihm, die Rechte an It Happened Here zurückzuerhalten und den Film in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen.
Andrew Mollo wurde ein bekannter Experte für Militärgeschichte, der als Berater u.a. bei der Produktion von John Sturges' The Eagle Has Landed (1976), Roman Polanskis The Pianist (2002) und Oliver Hirschbiegels Der Untergang (2004) mitwirkte.
Aus dem It Happened Here - Team startete nur Kameramann  Peter Suschitzky eine echte Karriere in der Filmindustrie. Er arbeitete u.a. mit Joseph Losey (Figures in a Landscape [1970]), John Boorman (Leo the Last [1970]) und Ken Russell (Lisztomania [1975] & Valentino [1977]) zusammen, war der DP bei The Rocky Horror Picture Show (1975) und The Empire Strikes Back (1980), um schließlich David Cronenbergs bevorzugter Kameramann zu werden.

Doch nun zum Film selbst.


It Happened Here ist ein finsteres, kompromissloses und äußerst intelligentes Kunstwerk.

Wenn Zeitungen wie der Jewish Chronicle den Film seinerzeit so heftig verurteilten, so scheint mir dabei der {absurde} Vorwurf des Antisemitismus ein bloßer Vorwand gewesen zu sein. Was konservativere Kritiker vor allem in Rage versetzt haben muss, ist, dass It Happened Here gegen den patriotischen Mythos des "We shall never surrender"**** und die nicht weniger mythische Vorstellung vom Antifaschismus des britischen Establishments verstößt. Kein Wunder, dass sie in dem Film ein "insult to England" sahen.   

Das beginnt bereits mit der einführenden Sequenz, die im quasi-dokumentarischen Stil den alternativen Verlauf der Geschichte und damit das Setting der Geschichte beschreibt: Das Dritte Reich ist 1940 nach der Evakuierung der britischen Truppen aus Dünkirchen Sieger im "Kampf um England" geblieben. Dem "Blitz" folgte eine Bodeninvasion, und nachdem der anfänglich heftige militärische Widerstand gebrochen worden war,  wurde von den Nazis ein Quisling-Regime mit dem britischen Faschistenführer Oswald Mosley an der Spitze errichtet.
Soweit ist das bloß die zur Etablierung des Settings nötige Alternativhistorie. Doch dann erfahren wir, dass nach dem Durchbruch der Roten Armee im Jahre 1944 ein Großteil der deutschen Besatzungstruppen aus England abgezogen und an die Ostfront verlegt wurde. Im Kampf gegen die wieder aufflammende Partisanenbewgung, die von den USA unterstützt wird, stützt sich Mosleys Regierung in erster Linie auf die englische Freiwilligenlegion, die in die Wehrmacht integriert wurde, sowie auf britische SS-Verbände. Das Regime der Schwarzhemden ist also nicht bloß ein von deutschen Bajonetten an der Macht gehaltener "Fremdkörper", sondern verfügt offenbar über eine eigene soziale Basis im Land

Protagonistin des Films ist die Krankenschwester Pauline, großartig gespielt von der Laiendarstellerin Pauline Murray, die zu einer Mitläuferin der faschistischen Diktatur wird. Durch ihre Augen lernen wir die gruselige Realität von Hitlers England kennen.

Als die Bevölkerung im Südwesten Englands in Reaktion auf die anwachsende Aktivität der Partisanen evakuiert wird {wer sich danach noch in der Region befindet, gilt automatisch als feindlicher Kämpfer}, gelangt Pauline nach London.
Die Szenerie der Hauptstadt mit den deutlich sichtbaren Wunden des "Blitzes", dem von Stacheldraht umgebenen Ghetto, den allgegenwärtigen Propagandaplakaten, die zur Arbeit in Deutschland, zum Eintritt in die SS oder zum "gemeinsamen Kampf gegen Juden und Kommunisten"  aufrufen, sowie den allenthalben unter den Klängen von Marschmusik durch die Straßen stampfenden faschistischen Kohorten ist verschiedentlich mit George Orwells 1984 verglichen worden. Doch ich finde, das trifft die Atmosphäre nicht ganz. Brownlow und Mollo bezogen ihre Inspiration u.a. aus dem 1944 herausgegeben Buch A Paris, sous les bottes des Nazis. Ihre Version von London ist weniger dystopisch als vielmehr realistisch. Auch unter dem neuen Regime geht das Leben weiter. Selbst die Besatzer erscheinen nicht durchweg als uniformierte Monster. Wir sehen deutsche Soldaten, die mit ihren Freundinnen spazieren gehen oder für Andenkenfotos vor dem Albert Memorial posieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass das Ganze nicht extrem bedrückend wirken würde. Nur eben nicht so überzogen, wie das in Dystopien oft der Fall ist.

Pauline wünscht, ihre Arbeit als Krankenschwester wieder aufzunehmen, ist jedoch anfangs nicht bereit, der Immediate Action Organisation (IAO) beizutreten. Sie will sich von allem Politischen fernhalten. Doch nachdem sie Zeugin einer Schlägerei zwischen faschistischen Kollaborateuren und Arbeitern geworden ist, ändert sie ihre Meinung. Zum einen ist die IAO der einzige Weg, auf dem sie eine Anstellung bekommen kann, zum anderen hält sie es für ihre Pflicht, die Mächte von "Law & Order" zu unterstützen. Auch wenn diese momentan die schwarzen Uniformen mit dem Blitzemblem von Oswald Mosleys British Union of Fascists (BUF) tragen.

Ihre Ausbildung und Indoktrination wird in Form einer filmischen Monatge dargestellt, unterlegt mit der für zeitgenössische Propagandastreifen üblichen Musik. Die Wirkung ist ziemlich verstörend. Vielleicht am gruseligsten ist die nächtliche Trauerfeier für einen von den Partisanen getöteten Öffizier, vor allem, wenn die Rekrutinnen & Rekruten im flackernden Fackelschein eine englischsprachige Version des Horst-Wessel-Liedes anstimmem.
Teil dieser Sequenz ist außerdem ein beeindruckend gemachter Film-im-Film, der die offizielle Version der Entstehung des Regimes vermitteln soll. Der Propandastreifen beginnt mit Szenen des Weihnachtsfriedens von 1914, die dazu verwendet werden, die Idee der "germanischen Brudervölker" zu vermitteln, die vom "Weltjudentum" gegeneinander aufgehetzt wurden. Die spontanen Fraternisierungen zwischen britischen und deutschen Soldaten erscheinen somit in perverser Weise als Vorwegnahme des Bündnisses zwischen dem Dritten Reich und dem faschistischen England. Es folgt die "Kampfzeit der Bewegung" in den 20er/30er Jahren. Wir sehen Oswald Mosley als Redner bei einer Demonstration. Es kommt zu einer Straßenschlacht zwischen Schwarzhemden und Kommunisten, die einen an die "Schlacht von Cable Street" vom Oktober 1936 denken lässt. Als Hauptfeinde erscheinen neben den "Bolschewiken" die "jüdischen Großkapitalisten", deren Einfluss auf die schwache, korrupte und desorientierte Regierung erst zum Chaos im Inneren und schließlich zum Krieg gegen Deutschland geführt habe. Die deutsche Invasion wird selbstverständlich als Befreiung dargestellt, die es den "wahren Patrioten" erlaubt habe, mit der Zerschlagung des Bolschewismus, der Errichtung des korporatistischen Staates und der "Lösung der jüdischen Frage" England zu wahrer Größe und Ehre zurückzuführen.
Die Sequenz findet ihren Abschluss in der lange Zeit zensierten, sechsminütigen Szene. In der Rolle faschistischer Ausbilder versuchen Frank Bennett und zwei weitere Neonazis einer Gruppe von Rekrutinnen, zu denen auch Pauline gehört, die "nationalsozialistische Weltanschauung" darzulegen. Den Rekrutinnen ist es erlaubt, Fragen zu stellen und ihre Zweifel vorzubringen. Für mich war das eine der effektvollsten Szenen des ganzen Filmes. Die Nazi-Ideen vom "jüdischen Untermenschentum" und den "Vorzügen der Euthanasie" wirken nur um so grauenerregender, wenn sie einem nicht als Parolen entgegengebrüllt, sondern in einem ruhigen, "vernünftigen" Tonfall vorgetragen werden. Und da die Rekrutinnen diese Ideen zumindest "maßvoll" hinterfragen dürfen, wird zugleich die Absurdität dieser Weltanschauung bloßgestellt. So erklären Bennett & Co z.B., der Bolschewismus und das Judentum seien "quasi identisch", palavern aber wenig später vom "jüdischen Kapitalismus". Auf diesen Widerspruch angesprochen, wissen sie natürlich keine vernünftige Antwort zu geben. Überhaupt können sie auf sämtliche Einwürfe nicht anders reagieren als mit der stupiden Wiederholung vorgefertigter Parolen.
Jim Linwood hat die Publikumsreaktion auf diese Szene während einer der ersten Aufführungen im Jahr 1964 einmal so geschildert:
The Board of Deputies of British Jews [...], whilst applauding the film's motives, thought that the six-minute improvised scene in which the real Nazis (including Frank Bennett) propounded their views to Pauline might influence immature minds. In fact in this scene the fascists' opinions were so self-condemning and ludicrous that at the Odeon Leicester Square showing the audience burst into derisive laughter, drowning out Bennett and his cronies who had come along to applaud.
Eine der Stärken von It Happened Here besteht darin, dass der Film den Faschismus nicht einfach als eine Ausgeburt des Bösen darstellt, die sich jedem rationalen historischen Verständnis entzieht. Indem er einige seiner zentralen ideologischen Standpunkte zur Sprache bringt, lässt er zumindest implizit erahnen, wie der Faschismus zur Macht gelangen konnte. Der starke Staat als Retter in einer von heftigen sozialen Konflikten geprägten Zeit. Populistische antikapitalistische Phrasen. Die enge Verflechtung von Antisemitismus und Antikommunismus. Vor allem letzteres ist von großer Bedeutung, wenn man das Phänomen der Kollaboration verstehen will. Die englische Freiwilligenlegion und die englischen SS-Verbände sind ja den realen Vorbildern ebensolcher Einheiten aus einer ganzen Reihe europäischer Länder nachempfunden, welche nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion entstanden, um das Hitlerregime in seinem selbsterklärten "Kreuzzug der europäischen Völker gegen den Bolschewismus"**** zu unterstützen, der schließlich auch den Weg zum Holocaust ebnete.

Freilich bleibt es in It Happened Here unklar, welche Teile des alten Establishments sich mit den Nazibesatzern arrangiert haben. Zu unbedeutend kann dieser Bestandteil jedoch nicht sein, andernfalls wäre Mosleys Regime kaum funktionstüchtig und wäre nach dem Abzug der meisten Wehrmachtseinheiten sehr schnell zusammengebochen. Auffällig ist, dass der Film nirgends auch nur andeutet, wie sich das britische Königshaus angesichts der Invasion verhalten hat. Diese hypothetische Frage war vielleicht selbst für Brownlow und Mollo ein zu heißes Eisen.

Doch nun zurück zur eigentlichen Handlung.

Auch nach ihrer IAO-Ausbildung ist Pauline keine hundertprozentig überzeugte Nationalsozialistin geworden. Das wird durch eine ganze Reihe kleiner Szenen verdeutlicht. Sie blättert offensichtlich gelangweilt durch einen Stapel von Propagandamagazinen, wechselt während der Radioübertragung einer Rede des "Leaders" (Mosley) den Sender und reagiert zunehmend genervt auf die allgegenwärtige Marschmusik. Auch ist deutlich zu erkennen, wie unwohl sie die Blicke machen, die man ihr in ihrer schwarzen Uniform im Bus zuwirft. Doch als sie ihren alten Freund Dr. Fletcher und seine Frau besucht und feststellen muss, dass die beiden Kontakt zum Widerstand unterhalten, verteidigt sie ihre Entscheidung, sich auf die Seite der "Ordnung" gegen die "mörderischen Partisanen" gestellt zu haben.
Allerdings käme es ihr nie in den Sinn, das Paar an die Polizei zu verraten. Als es dennoch zur Verhaftung der Fletchers kommt, hat das auch für Pauline unangenehme Konsequenzen, da sie bei ihren Besuchen vom örtlichen Blockwart beobachtet wurde. Sie wird gemaßregelt und zur "Rehabilitation" in ein ländliches Hospital versetzt.
Zuerst scheint sich diese Strafversetzung als überraschend angenehm zu erweisen. Das Krankenhaus ist ein idyllisch gelegenes altes Gebäude inmitten eines großen Parks. Sie wird vom Personal sehr freundlich aufgenommen. Und sie darf sogar ihre Uniform ablegen und endlich wieder in die normale Krankenschwestertracht schlüpfen. Die Hauptaufgabe des Hospitals besteht offiziell in der Behandlung von osteuropäischen Zwangsarbeitern aus einem nahe gelegenen Lager, die an Typhus erkrankt sind. Doch dann muss Pauline mit Grauen feststellen, dass das Krankenhaus in Wirklichkeit ein Euthanasie-Zentrum ist. Keiner der russischen oder polnischen Männer, Frauen und Kinder verlässt lebend das Gelände. In einer extrem eindringlichen Szene bekommen wir zu sehen, wie all die "netten" Krankenschwestern und Ärzte Pauline zu erklären versuchen, warum das, was sie hier tun völlig in Ordnung und letztenendes sogar human sei. Die Banalität des Bösen.
Hiermit ist der Punkt erreicht, an dem Pauline nicht länger stillschweigend mitmachen kann. Wir sehen, wie sie in Handschellen nach London transportiert wird. Doch bevor sie dort ankommt, wird der Zug von Partisanen überfallen.

Der Film endet auf einer sehr düsteren Note. Pauline hat sich bereit erklärt, als Krankenschwester für die Partisanen und ihre amerikanischen Verbündeten zu arbeiten. Aus dem Radio erklingen Durchsagen der "British Liberation Army", die ähnlich propagandistisch aufgeblasen wirken wie die faschistischen Radioprogramme, die wir zuvor immer wieder zu hören bekommen haben. Zur selben Zeit werden in einem nahegelegenen Dorf Angehörige der englischen Freiwilligenlegion nach ihrer Kapitulation von den Partisanen mit Maschinengewehren niedergemacht.
Diese Schlussszene muss wohl im Zusammenhang mit einer Bemerkung gesehen werden, die Dr. Fletcher früher im Film gemacht hatte: "The appalling thing about fascism is that you've got to use fascist methods to get rid of it". Eine meiner Ansicht nach höchst fragwürdige Einschätzung.

Doch auch wenn mir dieses Ende etwas problematisch erscheint, ist It Happened Here ganz ohne Frage einer der beeindruckendsten Filme, die ich seit langem gesehen habe.


* Digital Drama hat eine Hörspielversion des Stückes produziert, die ich mir aber noch nicht angehört habe.
** Ich nehme mal an, der Titel wurde in Anlehnung an Sinclair Lewis' dystopischen Roman It Can't Happen Here (1935) ausgewählt, der die Entstehung eines faschistischen Regimes in den USA  beschreibt.
*** Linwood lebte Anfang der 60er zusammen mit ein paar Kumpels in einem Haus in West Hampstead, "[where] we played host to some of the less conservative elements in Anglofandom [...] including, at one time or another, Les Spinge editor Dave Hale, Mike Moorcock, Barry Bayley, George Locke, Ivor Mayne, Chris Miller (founder of the Oxford University SF Group), Ken Potter, Tony and Simone Walsh, Cliff Teague, Rog Peyton, and assorted girlfriends. The most significant event although we didn’t realise it at the time occurred one evening when a breathless Moorcock crashed into the communal kitchen announcing: "I've got New Worlds." The card school paused for a moment and then resumed play, not knowing then how those four words would change forever both the fannish world we knew and science fiction almost beyond recognition."
**** "We shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender" (Winston Churchill, 4. Juni 1940)
***** Vgl. Arno J. Mayer: Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die "Endlösung". S. 341.

Samstag, 11. August 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 10. August 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E11: "Gambit"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Bevor wir in die Episode selbst einsteigen, ein kurzes Travis-Update. Bei unserer letzten Begegnung war der Ex-Commander eine Art inoffizieller Undercover-Agent für Servalan, der sich {über einen beträchtlichen Zeitraum, möchte man meinen} das Vertrauen der Verschwörergruppe um Ven Glynd und Gouverneurin Le Grand erschlichen hatte. In Gambit ist er plötzlich wieder ein einsamer Renegat, der auf eigene Faust seine Rache an Blake zu vollstrecken versucht und nicht gerade auf gutem Fuß mit der Obersten Befehlshaberin steht. Sinn macht das zwar nicht, soll uns aber auch nicht weiter stören. Denn wenn man bereit ist, über dieses eigenartige Kontinuitätsproblem hinwegzuschauen, macht Gambit wirklich eine Menge Spaß.

In Pressure Point hatte Blake von Servalan selbst, die im Augenblick ihres scheinbaren Triumphes in den äonenalten Fehler aller Erzbösewichter -- Geschwätzigkeit -- verfallen war, erfahren, dass "Control", das Computer-Nervenzentrum der Föderation, auf einen fernen Planeten verlegt wurde, dessen genaue Lage nicht einmal der Führungsriege des Regimes bekannt ist. In Countdown war es unserem Helden dann gelungen, dem sterbenden Offizier Provine den Namen des Cyberchirurgen Docholli zu entlocken, der als einziger wissen soll, wo sich der mysteriöse "Star One" befindet.

Dochollis Aufgabe war es, die Erinnerungen der Techniker zu löschen, die "Star One" gebaut hatten. Am Ende setzte er sich jedoch selbst ab und befindet sich seitdem auf der Flucht vor Servalans Agenten. Und auch wenn er einmal einer der führenden Cyberchirurgen der Föderation war -- reich und privilegiert -- dürfte seine Lage inzwischen deutlich anders aussehen, wie Blake ganz richtig bemerkt: "When you've been on the run for as long as Docholli has, everything costs: false identity papers, phony visas. I mean no one's going to stick out their neck helping him unless they stick out their hand first."
Wenn wir Docholli (Denis Carey) zum ersten Mal zu sehen bekommen, macht er denn auch wirklich einen reichlich heruntergekommenen Eindruck. Es hat ihn in die unabhängige Kolonie Freedom City verschlagen, wo er nun in einer billigen Kneipe hockt und seiner Gewohnheit entsprechend versucht, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit in Alkohol zu ertränken. Als einer seiner letzten, ganz und gar nicht zufriedenen "Patienten" aufkreuzt und den Cyberchirurgen umlegen will, tritt überraschenderweise Travis als sein Beschützer in Aktion. Der einäugige Ex-Commander hat sich zu Dochollis "Leibwächter" erklärt, da er hofft, dass früher oder später Blake auftauchen wird, um nach dem Arzt zu suchen.

Servalan ist unseren Helden diesmal einen Schritt voraus und befindet sich gleichfalls bereits in Freedom City. Da die Station nicht der Juridisktion der Föderation untersteht, ist die Oberste Befehlshaberin gezwungen, die Hilfe des dekadenten Krantor (Aubrey Woods) in Anspruch zu nehmen. Der Besitzer des Spielkasinos "The Big Wheel" scheint so etwas wie der örtliche Pate und der ungekrönte König von "Freedom City" zu sein. Wie sehr schnell deutlich wird, haben die beiden denkbar wenig füreinander übrig. Servalan weist die schleimigen sexuellen Avancen Krantors mit kaum verhohlener Verachtung zurück. Etwas später wird sie gegenüber ihrem Handlanger Jarriere (Harry Jones) erklären: "When the Federation finally cleans out this cesspit, I shall have that vulpine degenerate eviscerated with a small and very blunt knife." Für den Moment braucht sie zwar Krantors Hilfe bzw. die seiner Totschläger, um Docholli und Travis in die Hände zu bekommen, aber um die zu erhalten, sollte ein Mindestmaß an professioneller Höflichkeit und das In-Aussicht-Stellen einer angemessen hohen finanziellen Entschädigung wohl genügen.

Derweil hat endlich auch die Liberator Freedom City erreicht. Blake begibt sich zusammen mit Jenna und Cally auf die Oberfläche, um nach Docholli zu suchen.
Dass Vila auf dem Schiff bleiben soll, ist nach seiner Drogeneskapade auf der ähnlich freizügigen Station Space City in Shadow im Grunde nur vernünftig. Aber diesmal findet er einen unerwarteten Verbündeten in Avon. Eigentlich sind die beiden ja nicht gerade gute Freunde. Avon hält Vila für einen ausgemachten Idioten, Vila Avon für einen arroganten Egoisten. Aber eines verbindet sie: Die Gier nach Geld. Und so beschließen sie, gemeinsam mit der Hilfe von Supercomputer Orac im "Big Wheel" die Bank zu sprengen.

Gambit war Robert Holmes' zweiter Beitrag zu Blake's 7. Und nach seinem eher mittelmäßigen Einstand in Killer, legt er hier ein echtes Prachtstück hin.
Krantor und sein Kompagnon Toise (John Leeson), die die ganze Zeit über zur Feier von Mardi Gras in Pseudo-Rokoko-Aufmachung durch die Gegend laufen, geben ein wirklich grandios dekadentes Gauner-Pärchen ab. Und ein Gutteil der Episode besteht aus ihren und Servalans´Versuchen, sich gegenseitig auszutricksen.
Einen Strich durch die Rechnung machen ihnen dabei das unerwartete Auftauchen von Blake & Genossinnen, sowie die patente Bardame Chenie (Nicolette Roeg), die Docholli in ihr (goldenes) Herz geschlossen hat. Der größte Verlierer ist jedoch Travis, der von allen Parteien ausgenutzt wird und völlig gedemütigt zurückbleibt. Eine Erfahrung, die seine Rolle in der finalen Episode der Staffel vielleicht etwas nachvollziehbarer erscheinen lässt.
Und ganz nebenbei ziehen auch noch Vila und Avon mit großem Erfolg ihren Coup im "Big Wheel" durch.

Am Ende wissen unsere Helden & Heldinnen zwar immer noch nicht, wo sich "Star One" befindet, aber immerhin haben sie erfahren, dass sich der einzige Techniker, dessen Gedächtnis nicht von Docholli gelöscht wurde, auf dem barbarischen Planeten Goth aufhalten soll.



Sonntag, 5. August 2018

Strandgut der Woche

Samstag, 4. August 2018

Madam, will you walk, will you talk with me?

Richter George Jeffreys (1645-89), der "Hanging Judge", verdiente sich seinen finsteren Ruf als besonders rücksichtsloser und grausamer Verteidiger des Restaurationsregimes von Charles II. und James II., der eine führende Rolle bei der blutigen Unterdrückung der letzten Anhänger des "Good Old Cause" der Revolution spielte. Als Lord Chief Justice hatte er den Vorsitz sowohl 1683 bei dem Hochverratsprozess gegen den Republikaner Algernon Sidney, als auch 1685 bei den berüchtigten "Bloody Assizes" inne, in deren Verlauf Hunderte von Anhängern der gescheiterten Monmouth-Rebellion im Eilverfahren abgeurteilt wurden. Der König dankte es ihm, indem er ihn zum Lord Chancellor erhob. Beim einfachen Volk hingegen erwarb Jeffreys sich damit unsterblichen Hass, was er nach dem Staatsstreich von 1688 (der sog. "Glorious Revolution") deutlich zu spüren bekommen sollte. Sein Leben endete im Tower.

Wenn man erfährt, dass Judge Jeffreys eine prominente Rolle in einer der unheimlichen Geschichten spielt, die M.R. James 1911 in More Ghost Stories of an Antiquary herausgab, wird man vielleicht spontan annehmen, die blutige Reputation des Richters werde als Aufhänger für die Story benutzt. Überraschenderweise ist dem jedoch nicht der Fall. Ehrlich gesagt, hinterlässt der "Hanging Judge" hier gar keinen so unsympathischen Eindruck. Doch das ist nur einer der Gründe, warum ich Martin's Close so interessant finde.

Da wäre zuerst einmal das Format der Geschichte.
Die Eröffnungssequenz ist relativ typisch gehalten: Während einer Reise durch den Westen Englands stößt der Erzähler, in dem wir unschwer M.R. James selbst erkennen können, in einer ungenannten ländlichen Gemeinde auf eine kuriose kleine Gemarkung -- "a very few square yards, hedged in with quickset on all sides, and without any gate or gap leading into it" --, die von den Einheimischen "Martin's Close" genannt wird. Angeblich soll sich dort das Grab eines Mannes befinden, der nahebei im 17. Jahrhundert gehängt wurde. Von Alters her ranken sich um den Ort Geschichten von einer Geistererscheinung, doch die Details sind keinem der heute noch Lebenden mehr bekannt. Auch nach seiner Rückkehr in die heimatliche "neighbourhood of libraries" (Cambridge) gelingt es dem Erzähler voerst nicht, genaueres über das Schicksal des damals hingerichteten George Martin Esquire herauszufinden. Doch Jahre später gelangt zufällig das Protokoll der Gerichtsverhandlung in seinen Besitz. Der Hauptteil von Martin's Close besteht aus der gekürzten Wiedergabe dieses Protokolls, von der Verlesung der Anklageschrift bis zur Verkündung des Urteils durch Judge Jeffreys.

M.R. James war ein begeisterter Leser solch alter Gerichtsprotokolle, geben sie doch nicht nur einen Einblick in das Leben und Denken vergangener Generationen, sondern auch in die authentische Sprache des "einfachen Volkes" jener Zeiten, der wir in offiziellen Dokumenten und Chroniken nicht begegnen. Man kann sich gut vorstellen, wieviel Spaß es ihm gemacht haben muss, den Stil dieser Protokolle nachzuahmen. Ähnliche literarische Unternehmungen hatte er schon in jungen Jahren unternommen. Auf jedenfall erhält Martin's Close damit eine sehr eigene Form, besteht der Großteil der Erzählung doch aus dem Wortwechsel zwischen Richter, Ankläger und Zeugen.

Die Datierung der Verhandlung hat mir zuerst etwas Probleme bereitet. In der Anklageschrift heißt es, der Mord sei " upon the 15th day of May, in the 36th year of our sovereign lord King Charles the Second" begangen worden, und etwas später spricht der Ankläger von "Christmas of last year, that is the year 1683". Wie kann 1684 das sechsunddreißígste Jahr der Herrschaft Charles II. sein, wenn die Monarchie doch überhaupt erst 1660 wieder aufgerichtet wurde? Die Antwort ist denkbar simpel: Sein Vater Charles I. war 1649 hingerichtet worden, und nach der Restauration zählte man dies offenbar ganz einfach als das erste Regierungsjahr des neuen Königs, obwohl England für die nächsten elf Jahre in Wirklichkeit ein republikanischer Commonwealth gewesen war.
Man könnte meinen, solche antiquarischen Details seien ja nun wirklich nebensächlich, aber zumindest für mich tragen sie viel zum Charme von M.R. James bei. Sie verleihen seinen Geschichten eine Aura von Authentizität.

Der Angeklagte George Martin ist von Exeter nach London gebracht worden, da ein fairer Prozess mit unparteiischen Geschworenen  in seiner Heimatgrafschaft nicht hätte durchgeführt werden können. Grund dafür ist Martins soziale Stellung als Mitglied der landbesitzenden Gentry.
Anfangs noch häufiger von dem ungeduldigen Judge Jefrreys unterbrochen, beginnt der Anklänger den Fall in aller nötigen Weitschweifigkeit darzulegen. Zu Beginn charakterisiert er das Mordopfers Ann Clark. "A poor country girl", aber mit durchaus respektablen und liebevollen Eltern, "[she] was one to whom Providence had not given the full use of her intellects, but was what is termed among us commonly an innocent or natural". Martin trifft sie zufällig bei einem abendlichen Tanzvergnügen in ihrem Heimatdorf, an dem Ann freilich nur als stumme Zuschauerin teilnimmt. Er macht sich einen Spaß daraus, die junge Frau zum Tanz aufzufordern, obwohl die Dorfbewohner ihn davon abhalten wollen. Ann realisiert nicht, dass sie eigentlich das Opfer eines ziemlich grausamen Scherzes geworden ist, sondern ist vielmehr "greatly tickled with having got hold (as she conceived it) of so likely a sweetheart". Zumal Martin in den folgenden Wochen immer wieder in das Dorf kommt und sich mit ihr trifft. Dabei dient die Melodie des Liedes, zu dem sie getanzt haben -- Madam will you walk, will you talk with me? -- als Erkennungszeichen zwischen den beiden. Die Situation ändert sich dramatisch, als Martin eine Heirat mit einer wohlhabenden Tochter seiner eigenen sozialen Kreise in Aussicht gestellt wird. Von nun an ist ihm die anhängliche Ann bloß noch lästig. Er schlägt sie sogar auf offener Straße mit seiner Reitpeitsche. Doch zu spät: Als die unziemliche "Affäre" in den Kreisen der Gentry bekannt wird, wird die bevorstehende Verlobung abgesagt. Einige Zeit später, genauer gesagt am 15. Mai,  wird ein erneutes Treffen zwischen Martin und Ann Clark beobachtet: "Upon that day the prisoner comes riding through the village, as of custom, and met with the young woman: but in place of passing her by, as he had lately done, he stopped, and said some words to her with which she appeared wonderfully pleased, and so left her; and after that day she was nowhere to be found, notwithstanding a strict search was made for her."
An diesem Punkt setzt das übernatürliche Moment der Geschichte ein. Denn die ermordete und in einen Brunnen geworfene Ann Clark kehrt aus ihrem feuchten Grab zurück, um ihren Mörder zu verfolgen. Doch trotz einiger atmosphärisch recht gelungener Szenen, wird es dabei nie so richtig unheimlich, denn die Struktur der Erzählung schafft eine gar zu große Distanz zwischen dem Leser und dem gruseligen Geschehen. Wir hören von den Geistererscheinungen in den Zeugenaussagen eines Prozesses, dessen Protokoll der eigentliche Erzähler der Geschichte gefunden hat. Damit sind wir als Leserinnen & Leser zwei, wenn nicht gar drei "Schritte" weit von den Ereignissen entfernt.  
Ein Detail möchte ich aber doch hervorheben: Ann Clarks "Geist" ist nicht so immateriell, wie man es von Vertretern dieser phantastischen Gattung vielleicht gewohnt ist. Die Indizien weisen eher auf eine Art Wandelnden Leichnam hin. Und das ist durchaus typisch für M.R. James, besitzen dessen "Gespenster" doch sehr oft eine beunruhigend körperliche, haptische Qualität.

Doch das unheimliche Element ist für mich nicht die wirkliche Stärke von Martin's Close.

Da wäre zuerst einmal die Lebendigkeit der protokollierten Wortwechsel.
Wir bekommen einen recht guten Eindruck von Judge Jeffreys Persönlichkeit. Zwar wirkt er weniger sadistisch, als sein Ruf ihn erscheinen lässt, aber er ist ohne Zweifel ein reichlich autoritärer Bursche mit einem Hang zur Einschüchterung. Als ein kleiner Junge als Zeuge aussagen soll, versucht der Ankläger ihn zu beruhigen -- "Now, child, don’t be frighted: there is no one here will hurt you if you speak the truth." --, doch Jeffreys hält nichts von solchen Nettigkeiten: "Ay, if he speak the truth. But remember, child, thou art in the presence of the great God of heaven and earth, that hath the keys of hell, and of us that are the king’s officers, and have the keys of Newgate; and remember, too, there is a man’s life in question; and if thou tellest a lie, and by that means he comes to an ill end, thou art no better than his murderer; and so speak the truth." Jeffreys' Zynismus und seine {historische verbriefte} Vorliebe für schwarzen Humor sind gleichfalls deutlich erkennbar. Als zum ersten Mal von der Tanzmelodie die Rede ist, gibt er folgenden Kommentar ab: "I doubt it is the first time we have had dance-tunes in this court. The most part of the dancing we give occasion for is done at Tyburn. [Looking at the prisoner, who appeared very much disordered.]" Tyburn war Londons Galgenstätte. Hinzu kommen einige neckische Momente, wenn Jeffreys Schwierigkeiten damit hat, den ländlichen Dialekt der Zeugen zu verstehen. Schließlich wird sogar ein "Übersetzer" zur Hilfe gerufen.
    
Der zweite Punkt ist der Charakter des Verbrechens. Anders als in den meisten Geschichten von M.R. James sind die übernatürlichen Ereignisse in Martin's Close eine Form der Strafe für den Missbrauch an einem Schwächeren. George Martin ist gleich in dreifacher Hinsicht Ann Clark gegenüber privilegiert: Er ist ein Mitglied der Gentry; er ist ein Mann; und sie ist offenbar in irgendeiner Form geistig behindert.
Wie Tina Rath in einem in Ghosts and Scholars erschienenen Artikel recht überzeugend darlegt, knüpft die Geschichte an ein verbreitetes folkloristisches Motiv an: Ein Edelmann verführt ein Bauernmächen und ermordet diese, nachdem sie schwanger geworden ist. Zur Untermauerung ihrer These zitiert sie Verse aus zwei Volksliedern, die in der Tat eine Menge Parallelen zur Handlung von Montys Story aufweisen:

"Ann Clark suffers the fate of "fair Susan":

 
With seeming kindness in his face which made poor Susan gay
He did appoint a lonely place to meet with her next day
The hour arriv'd, she hasten'd there to the appointment true
Where the deceitful murderer the lovely damsel slew.

When she beheld his deadly knife she rais'd her lovely face
Crying, Oh! spare, Oh! spare my life and leave me to disgrace
Have pity on your unborn babe tho' you have none for me;
Alas! a dark untimely grave my bridal bed will be.

And of the "Oxford Girl":

 
He pulled a dagger from his coat and laid her down to the ground
And there the blood came trickling a trickling from the wound

He grabbed her by her curly locks and he dragged her to the stream
There he bides a-thinking when at last he throws her in.
"

Freilich deutet Martin's Close nirgends offen an, dass Ann Clark schwanger geworden wäre. Wir können nicht einmal sicher sein, dass es eine sexuelle Beziehung zwischen ihr und Martin gegeben hat. Vielmehr betonen die Zeugen immer wieder ausdrücklich, wie wenig attraktiv das junge Mädchen gewesen sei.
Und doch scheint mir Tina Raths Argumentation sehr überzeugend zu sein: Wir wissen, dass sich die beiden immer wieder nicht nur im Dorf, sondern auch auf dem Moor getroffen haben. Ich kann mir schwerlich einen anderen Grund für diese Treffen denken, als dass Martin die naive Vernarrtheit Anns sexuell ausgenutzt hat. Und was die Schwangerschaft betrifft: Es ist in der Tat auffällig, dass der Mord keine impulsive Reaktion auf die Auflösung der standesgemäßen Verlobung ist, wie der öffentliche Peitschenschlag, sondern offenbar sehr kaltblütig geplant wurde. Eine Martin erst kurz zuvor bekannt gewordene Schwangerschaft Anns wäre für dieses Verhalten eine ausgezeichnete Erklärung.
Doch wie auch immer man über die Details des Falles denken mag, man wird ein zustimmendes Kopfnicken und Grinsen kaum unterdrücken können, wenn Judge Jeffreys den von panischer Angst vor der untoten Ann Clark erfüllten Martin mit folgenden Worten zum Galgen schickt: "And I hope to God, that she will be with you by day and by night till an end is made of you."         


PS: Gäbe es Will Ross & Mike Taylors grandiosen A Podcast to the Curious nicht, würde auch dieser Blogpost nicht existieren.
PPS: Niemand anderes als der unvergleichliche Jess Franco hat einen Film über George Jeffreys gedreht. Mit Christopher Lee in der Hauptrolle!  Ich denke, ich werde mir schon allein aus Bildungsgründen morgen The Bloody Judge (1970) anschauen müssen.

Sonntag, 29. Juli 2018

Neues von Mansfield Dark

In der Vergangenheit habe ich auf diesem Blog schon zweimal die Werbetrommel für die außergewöhnlichen phantastischen Kurzfilme des britischen Indie-Filmemacher-Paares Richard und Daniel Mansfield gerührt. Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich hier ihre Adaptionen von Amelia B. Edwards The Phantom Coach und E. F. Bensons The Room in the Tower vorgestellt. Und vor etwas mehr als einem Jahr folgte hier ihre Version von M.R. James' Count Magnus.
Inzwischen haben die beiden zwei weitere ihrer Adaptionen klassischer Horrorgeschichten auf Youtube frei zugänglich gemacht:
nach der Kurzgeschichte von M.R. James
 und
The Upper Berth
nach der Erzählung von F. Marion Crawford 
Beide sind in dem für Richard Mansfields phantastische Scherenschnittfilme typischen Stil gehalten, in The Upper Berth allerdings vermischt mit menschlichen Silhouetten. 
Ich halte beide Filme für äußerst sehenswert, aber mein persönlicher Favorit ist ohne Frage die James-Adaption. In einem Interview mit John Guy Collick hat der Filmemacher erzählt:
I chose Disappearance as my second adaptation [neben Count Magnus] partly because it has always been one of my favourite MRJ tales and I felt I could see it working well as a shadow film. He writes the nightmare wonderfully and I wanted to be able to bring it to life.
Auch für mich hat diese Story immer einen besonderen Platz unter Montys Spukgeschichten besessen. Und Mansfields Visualisierung der Traumsequenz mit ihrer extrem makabren Version einer Punch & Judy - Show ist wirklich großartig und ziemlich verstörend.
Stilistisch etwas anders, aber nicht weniger faszinierend, ist
Spring Heeled Jane
eine Kooperation zwischen den Mansfields und der Londoner Geschichtenerzählerin Vanessa Woolf aus dem Jahre 2012. Die ursprüngliche Fassung der während des "Blitz" angesiedelten Story findet sich hier.

Das Repertoire von Richard & Daniels Produktionsfirma Mansfield Dark besteht aber nicht nur aus relativ kurzen Scherenschnittfilmen, sondern umfasst auch eine Reihe von längeren LGBT - und Horrorfilmen. Von diesen habe ich mir vor kurzem endlich wenigstens einen angeschaut:
Angesichts des Titels wird es kaum verwundern, zu erfahren, dass neben Herk Harveys legendärem Low Budget - Horrorflick Carnival of Souls (1962) Piers Haggards Folk Horror - Klassiker Blood on Satan's Claw (1971) zu Richard Mansfields absoluten Genrelieblingen zählt. 
Allerdings hat der Film selbst, trotz des wundervollen Soundtracks von Cunning Folk, nicht wirklich etwas von Folk Horror an sich, sieht man einmal vom Setting {ländliches England} und einigen herumflatternden Krähen ab, die mich denn doch an die Eröffnungssequenz von Haggards Film erinnert haben. Ursprünglich sollte der Streifen scheinbar Scare Bear heißen, was dem Inhalt deutlich näher gekommen wäre. 
Damit will ich nichts über dessen Qualität ausgesagt haben, denn alles in allem ist Blood on Satan's Paw ein wirklich faszinierendes, eigenwilliges und berührendes Werk. Wer von einem Horrorfilm in erster Linie Jump Scares und Gore erwartet, wird zwar sicher enttäuscht werden, aber Freundinnen & Freunden einer leicht surrealen Weirdness kann ich den Streifen nur wärmstens ans Herz legen.

Wir befinden uns in den 70er Jahren. Der etwas wunderliche Tommy (Henry Regan) begibt sich mit einem Metalldetektor und einer Handkamera bewaffnet in einem Wald auf "Schatzsuche", dabei dokumentiert er sein Unternehmen mit Hilfe eines Kassettenrekorders. 
Wie er selbst erklärt, hat er diese Örtlichkeit seit langem gemieden, und schon bald wird klar, dass Tommys Wanderung durch den Wald in Wirklichkeit eine Reise in die Vergangenheit des jungen Mannes ist, die {anfangs ungewollte} Konfrontation mit einem äußerst schmerzhaften Erlebnis aus seiner Kindheit -- dem Verschwinden seiner kleinen Schwester Grace. 
Der Wald selbst erhält durch die allenthalben im Boden steckenden bunten Lollies, die Tommy offenbar nicht wahrnimmt, sofort einen unwirklichen Charakter. Einmal taucht in der Ferne auch schon erstmals eine bizarre Gestalt im Kaninchenkostüm auf. Die "Schätze", die Tommy ausgräbt, entpuppen sich allesamt als Gegenstände, die ihn an seine Kindheit und an Grace erinnern: Spielzeugroboter, ein Spielzeugtelefon und schließlich ein Teddybär. Spätestens als er im Rauschen des Windes Grace' Stimme zu hören vermeint, die den alten Nursery Rhyme Ringa Ring o' Roses vor sich hin singt {eine Anspielung auf Sapphire and Steel?}, ist er sich sicher, dass seine verschwundene {entführte? ermordete?} Schwester, Kontakt zu ihm aufnehmen will. Allerdings sieht sich Tommy sehr bald schon auch mit dem finsteren "Mr. Bones" konfrontiert -- Grace' Entführer und "Freund", der die Gestalt eines riesigen, alles andere als niedlichen Teddybären besitzt. Was folgt sind u.a. eine surreale "Drogenrauschszene", in der Tommy den "Acid Rabbits" begegnet; ein äußerst verstörendes Marionettenspiel in einem winzigen Puppenhäuschen und ein verdammt düsteres Finale.
Die Handlung von Blood on Satan's Paw lässt sich nicht auf simple Weise, Szene für Szene, aufschlüsseln. Doch ganz offenbar geht es in dem Film um Trauer, Schmerz, Verdrängung und das Gefühl von Schuld.

Was bleibt mir zu sagen? Ich kann allen Freundinnen & Freunden der Phantastik wirklich nur empfehlen, sich einmal ein paar Filme von Mansfield Dark anzuschauen. Die beiden haben ein weitaus größeres Publikum verdient, als sie bisher zu haben scheinen.

Strandgut der Woche

Donnerstag, 26. Juli 2018

Weiden

After leaving Vienna, and long before you come to Budapest, the Danube enters a region of singular loneliness and desolation, where its waters spread away on all sides regardless of a main channel, and the country becomes a swamp for miles upon miles, covered by a vast sea of low willow-bushes. 

Ich habe vor ein paar Tagen wieder einmal Algernon Blackwoods Novelle The Willows gelesen.
Nun kann ich zwar nicht von mir behaupten, mit dem literarischen Gesamtwerk des Autors aufs Innigste vertraut zu sein, und von den Erzählungen aus seiner Feder, die ich kenne, haben mich beileibe nicht alle vom Hocker gerissen. Aber The Willows bleibt für mich – auch und gerade nach meiner erneuten Lektüre – eines der unbestreitbaren Meisterwerke der Weird Fiction.

Wie ich vor Zeiten in einem Post, der hauptsächlich seiner Story Ancient Sorceries {der mit den Katzen!} gewidmet ist, etwas ausführlicher beschrieben habe, wuchs Blackwood (1869-1951) in einem geistig engen und stark vom Calvinismus geprägten Milieu auf. Mit sechzehn Jahren schickten ihn seine Eltern nach Königsfeld im Schwarzwald, wo er eine Zeit lang die Schule der Herrenhuter Brüdergemeine besuchte. Gegen diese kleingeistige Welt rebellierte er schließlich auf zwei recht unterschiedlichen Wegen: Der eine führte ihn hinaus in die Natur – zuerst in den Schwarzwald, später u.a. in die Alpen, das Tal der Donau und die wilden Wälder Kanadas. Der andere erschloss sich ihm in der religiösen Philosophie Indiens, der Weisheit der Upanischaden, der Bhagavad-Gita und der buddhistischen Sutren, die er freilich nicht unmittelbar, sondern vermittelt über die synkretistische Heilslehre der Theosophie kennenlernte. Beide Formen der inneren Revolte verschmolzen am Ende zu einer sehr eigenen Form von Pantheismus, in der die Natur und das Numinose zu einer Einheit geworden sind, die zugleich Ehrfurcht und Staunen, als auch Furcht und Schrecken hervorrufen kann.
The Willows ist eine der Erzählungen Algernon Blackwoods, in denen diese Weltanschauung einen äußerst beeindruckenden und verstörenden literarischen Ausdruck gefunden hat.

Eine Inhaltsangabe zu liefern, die auch nur andeutungsweise die besondere Atmosphäre von The Willows einzufangen vermag, erscheint mir unmöglich. Darum begnüge ich mich damit, das Szenario knapp zu skizzieren
Der Erzähler befindet sich zusammen mit seinem schwedischen Freund {beide bleiben namenlos} auf einer Kanu-Tour die Donau hinab – von der Quelle bis zur Mündung. {Ein Unternehmen, das Blackwood selbst einmal unternommen hatte, wenn ich mich recht erinnere.}
In seiner Schilderung ihrer bisherigen Reise erscheint der Fluss als ein lebendiges Wesen mit einer individuellen Persönlichkeit. Das ist natürlich bloß als poetisches Bild gedacht. Doch als die zwei Pressburg (Bratislava) hinter sich lassen und in die jenseits der Stadt gelegene menschenleere Au- und Sumpflandschaft vorstoßen, wird dieses Bild in gewisser Weise beunruhigende Wirklichkeit.
Die beiden beschließen auf einer der zahllosen kleinen Inselchen, die von buschartigen Weiden bewachsen sind und durch die steigende Flut ständig an Umfang verlieren, zu übernachten. Schon bald stellt sich bei dem Erzähler das Gefühl ein, dass er und sein Freund eine Welt betreten haben, in die sie nicht hineingehören und die ihnen feindlich gesonnen ist:
Great revelations of nature, of course, never fail to impress in one way or another, and I was no stranger to moods of the kind. Mountains overawe and oceans terrify, while the mystery of great forests exercises a spell peculiarly its own. But all these, at one point or another, somewhere link on intimately with human life and human experience. They stir comprehensible, even if alarming, emotions. They tend on the whole to exalt.
With this multitude of willows, however, it was something far different, I felt. Some essence emanated from them that besieged the heart. A sense of awe awakened, true, but of awe touched somewhere by a vague terror. Their serried ranks, growing everywhere darker about me as the shadows deepened, moving furiously yet softly in the wind, woke in me the curious and unwelcome suggestion that we had trespassed here upon the borders of an alien world, a world where we were intruders, a world where we were not wanted or invited to remain – where we ran grave risks perhaps!
Als die beiden im schwindenden Licht erst eine vorbeischwimmende Leiche zu entdecken glauben, die sich dann aber doch als ein Otter entpuppt {oder vielleicht auch nicht?}, und kurz darauf ein Boot erblicken, dessen Insasse warnend mit den Armen herumzugestikulieren scheint, um sich schließlich zu bekreuzigen, heitert das die Stimmung auch nicht eben auf.
Und in der Tat: Was die menschlichen Eindringlinge auf diesem kleinen Inselchen erwartet, ist ein sich ständig steigernder Alptraum, der die beiden in den nächsten 36 Stunden beinahe in den Wahnsinn treiben wird.

Das Konzept des "kosmischen Horrors" wird für gewöhnlich mit dem Namen H.P. Lovecraft verknüpft. Doch was uns in The Willows entgegentritt, ist im Grunde ganz dasselbe. Kein Wunder, dass der Gentleman von Providence {und auch sein Freund Clark Ashton Smith} die Geschichte zu seinen absoluten Favoriten zählte.
Zwar interpretiert Blackwoods Erzähler die unheimlichen Ereignisse am Ende als Folge eines zeitlich begrenzten Eindringens einer fremden, andersweltlichen Realität in unser Universum. {Der Autor hatte leider einen Hang dazu, all zu oft "okkulte" Erklärungen für das von ihm Geschilderte zu liefern.} Doch zum einen müssen wir als Leser uns dieser Interpretation ja nicht unbedingt anschließen. Und zum anderen entspringt die besondere Atmosphäre von The Willows meiner Ansicht nach gerade nicht der Konfrontation mit etwas völlig fremdem, andersweltlichen, sondern der menschenleeren Landschaft, in der unsere Reisenden unerwünschte Eindringlinge sind. Dabei wird die Natur zum Numinosen, das oberflächlich Bekannte zum Fremden und Unheimlichen, das scheinbar Friedvolle zum Bedrohlichen.

Wie gesagt, ich finde es schwer, den besonderen Reiz dieser Erzählung in Worte zu fassen. Man muss sie gelesen haben.



PS: Warum hat sich eigentlich noch niemand an einer Verfilmung von The Willows versucht? Abendfüllend könnte der Streifen zwar sicher nicht sein, aber wenn man es richtig anpacken würde, gäbe Blackwoods Erzählung  ganz sicher den Stoff für einen faszinierenden kleinen Film von sagen wir mal einer Stunde Länge her. Voraussetzung wäre freilich eine möglichst zurückhaltende und ganz auf Atmosphäre konzentrierte Herangehensweise.
{Eine Drehbuchbearbeitung von Wayne K. Spitzer existiert offenbar sogar.}

PPS: Kuriosum am Rande: In Ingeborg Bachmanns Roman Malina kann man ganze Passagen aus Friedrich Polakovics' Übersetzung von The Willows entdecken. Nicht dass sie als solche gekennzeichnet wären ...

Samstag, 21. Juli 2018

Strandgut der Woche