"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 23. Mai 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E07: "Children of Auron"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Unter den aktuellen Umständen könnte eine Episode über eine tödliche Epidemie, die in Windeseile eine gesamte Planetenbevölkerung dahinrafft, als ein etwas ungünstiger Wiedereinstiegspunkt für unseren Blake's 7 - Rewatch erscheinen, aber daran lässt sich nun einmal nichts ändern.

Roger Parkes hatte seinen Einstand als Blake's 7 - Autor in der zweiten Staffel mit Voice from the Past feiern können, und wir haben dort bereits kurz auf seine langjährige Erfahrung mit SciFi-Stoffen hingewiesen, die er bei der Mitarbeit an The Prisoner (1967), Out of the Unkown (1971), Doomwatch (1971/72) und Survivors (1976/77) hatte sammeln können.  Sein Debüt war eine ziemlich gelungene, wenn auch strukturell etwas unausgewogene Geschichte über die politischen Machtkämpfe innerhalb der Föderation gewesen. Schaun wir mal, ob er in Beitrag Nr. 2 diese Qualität zu halten versteht.

Wie der Titel ja bereits nahelegt, ist Children of Auron eine Cally-Episode. Dabei wird die Hintergrundsgeschichte der Ex-Partisanin einem ziemlich heftigen Retconning unterzogen. Bei ihrem allerersten Auftritt in Time Squad hatte es geheißen, sie sei von den Auronar ausgesandt worden, um den Freiheitskämpfern von Saurian Major gegen die Föderation beizustehen. Und zwei Staffeln lang schien es ganz so, als sei sie mit dem vollen Segen ihrer Heimatwelt auf diese Mission gegangen. In Dawn of the Gods wurde dann erstmals angedeutet, dass sie sich vor ihrer Abreise mit ihrem Volk überworfen habe. Und nun erfahren wir, dass sie eine regelrechte Ausgestoßene ist. Mit etwas gutem Willen kann man das rückblickend zwar schon irgendwie alles unter einen Hut kriegen, aber niemand wird auch nur für einen Moment glauben, dies sei von vornherein so geplant gewesen.

Mit dem durch den Intergalaktischen Krieg geschaffenen Chaos sieht Avon seine Chance gekommen, einen persönlichen Rachefeldzug zu beginnen. Wie wir während der zweiten Staffel in der Episode Countdown erfahren haben, war er während seiner kriminellen Karriere mit einer Frau namens Anna Grant liiert, die ihm offenbar sehr viel bedeutete. Er selbst entging der Verhaftung, doch sie geriet in die Hände der Föderation und starb unter der Folter. Nun endlich scheint der Zeitpunkt gekommen, den dafür verantwortlichen "Verhörspezialisten" Shrinker aufzuspüren und zu "exekutieren", wie Avon sich auszudrücken beliebt. Also nimmt die Liberator zum ersten Mal seit langem wieder Kurs auf die Erde.
Cally ist die einzige unter der Crew, die dieses Vorhaben ablehnt und das auch offen zum Ausdruck bringt. Rache ist in ihren Augen ein sinnloses Verlangen. Was Avon dazu veranlasst, ein paar spöttische Kommentare über die Moral der Auronar und ihre politische Neutralität abzugeben: "Too good to become involved with the rest of humanity. [...] Neutrality or passivism, it all boils down to the same gutless inanity." Cally protestiert. Schließlich gebe es Auronar wie sie selbst, die aktiv am Kampf gegen die Föderation teilgenommen haben.
Cally: We're not all gutless, you see.
Villa: And the Aurons punished you for your defiance, didn't they?
Tarrant: Were you exiled?
Cally: Yes. Why do you imagine I've never gone back? Affection for him?
Die rhetorisch gedachte Frage am Schluss ist eine nette kleine Anspielung auf die enge Beziehung, die von Beginn an zwischen Cally und Avon bestanden hat, obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind.

Doch bevor die Liberator auch nur in die Nähe des Sonnensystem gelangt, erreicht Cally ein telepathischer Hilferuf von ihrer Zwillingsschwester Zelda. Auf der Heimatwelt scheint es zu irgendeiner furchtbaren Katastrophe gekommen zu sein.
Der stets misstrauische Avon wittert zwar eine Falle, doch diesmal wird er von seinen Kameradinnen & Kameraden überstimmt. Und so sehr ihm das auch missfallen mag, noch werden solche Entscheidungen auf der Liberator von allen gemeinsam getroffen.
Tarrant: Zen, reroute to planet Auron.
Avon: Just like that?
Tarrant: A democracy. You're outvoted, Avon. Three to two.
Vila: Four to one. I like to stay with the winners whenever possible.      
Tatsächlich haben sowohl Cally als auch Avon recht. Auf Auron ist es in der Tat zu einer medizinischen Katastrophe ungeheuren Ausmaßes gekommen, die das Überleben der gesamten Bevölkerung bedroht. Und doch handelt es sich um eine Falle.

Die Regierung von Auron verfolgt seit Jahrzehnten eine strikt isalotionistische Politik. Zugleich wurde die natürliche Form der Fortpflanzung durch eine Art des Klonens ersetzt, bei der aus dem Erbgut eines einzelnen Individuums jeweils eine Reihe identischer "Nachkommen" (so wie Cally und Zelda) erzeugt werden. Doch das hat unglücklicherweise auch dazu geführt, dass die junge Generation über praktisch keine Abwehrkräfte gegen außerplanetarische Krankheitserreger mehr verfügt. Eine Schwäche, die sich Servalan auf perfide Weise zunutze gemacht hat, indem sie den Piloten eines Patrouillenschiffs mit fremdartigen Viren infizierte.
Unsere Weltraumdiktatorin ist immer noch dabei, ihr halbzerfallenes Imperium wieder auf die Beine zu bekommen. Warum es zum Erreichen dieses Ziels nötig ist, die gesamte Bevölkerung eines neutralen Planeten auszurotten, will freilich auch dem Captain ihres Kriegsschiffs Deral (Rio Fanning) nicht ganz einleuchten. Sicher, eine solche Demonstration skrupelloser Gewalt könnte geeignet sein, potentielle Rebellen und Abweichler einzuschüchtern. Dennoch bekommt man den Eindruck, dass dieses Unternehmen selbst dem sicher nicht zimperlichen Föderationsoffizier etwas arg brutal vorkommt. Aber Servalan hat für alle Fälle sowieso den jüngeren Ginka (Ric Young) bei der Hand. Der glaubt, bei der letzten Beförderung übergangen worden zu sein, und brennt nur darauf, der Präsidentin seine grenzenlose Loyalität unter Beweis zu stellen. Erst recht, wenn er dabei auch noch Derals Autorität untergraben kann.
Als Servalan ihrem Captain begeistert von den Klontechniken der Auronar berichtet, glaubt dieser, ihre wahren Motive durchschaut zu haben: "So this is your reason. Nothing to do with rebuilding the Federation. You simply want to reproduce." Ein Gedanke, den er vielleicht besser nicht laut ausgesprochen hätte. Denn selbstverständlich will die Präsidentin nicht, dass der Eindruck entsteht, ihr gehe es bei dieser Aktion bloß um die Befriedigung irgendwelcher persönlichen Wünsche. Ihr eigentliches Ziel sei es die Liberator nach Auron zu locken. Habe man erst einmal die Kontrolle über das mächtigste Kriegsschiff der Galaxis, stehe der Konsolidierung der Föderation nichts mehr im Wege. Die Klontechnik sei ein bloßer Bonus. Deral ist zumindest klug genug, von nun an den Mund zu halten. 

Auf Auron ist die Lage inzwischen verzweifelt. Die fremde Epidemie breitet sich rasend schnell aus. Einer der alten Ratsmitglieder (Ronald Leigh-Hunt), der für die verheerende  Isolationspolitik verantwortlich war, befiehlt alles für eine Evakuierung genetischen Materials vorzubereiten. Zugleich weist er die gegen ihn gerichtete Kritik der Wissenschaftlerin Franton (Sarah Atkinson), deren Vater die Klontechnik entwickelte, brüsk zurück. Nicht seine Politik, sondern der Intergalaktische Krieg, sei für diese Katastrophe verantwortlich. Bei den außerirdischen Krankheitserregern müsse es sich um Überreste einer biologischen Waffe handeln.
Als Servalans Schiff den Planeten erreicht und die Präsidentin "großzügig" ihre "Hilfe" anbietet, geht der Alte ohne zu zögern darauf ein, obwohl Franton ihn vor einer möglichen Falle warnt und darauf beharrt, es sei besser, auf die Liberator zu warten.
Ironischerweise ist Franton die erste (und einzige) Erkrankte, die tatsächlich behandelt wird, denn Servalan braucht ihre Dienste im "Bio-Replikations-Zentrum".

In der Tat läuft für die Diktatorin erst einmal alles nach Plan. Nachdem Avon, Cally und Tarrant herunterteleportiert sind, werden sie von Föderationstruppen gefangen genommen. Derweil lässt sich die Präsidentin eine Blutprobe entnehmen, aus der ihre Klone herangezüchtet werden sollen. Wenig später kann sie dann in Siegerpose dem auf der Liberator zurückgebliebenen Vila ihre Forderungen diktieren. Captain Deral wird hinaufgeschickt. Angeblich als Unterhändler, doch in Wahrheit natürlich, um mit der Waffe in der Hand die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen.

Zu dumm für Servalan, dass sie vergessen hat, dass es ja auch noch Dayna gibt. Auch hat Cally zur selben Zeit ihrer Schwester eine telepathische Nachricht zukommen lassen und sie über den Ernst der Lage aufgeklärt. Das Blatt wird sich schnell wenden.

Children of Auron hat viel nettes zu bieten.
Auch wenn wir hier zum ersten Mal von der extrem isolationistischen Politik der Auronar hören, ist ihr furchtbares Schicksal doch eine interessanter Kommentar darauf, was passieren kann, wenn sich eine Gesellschaft völlig vom Rest der Welt abschottet.
Endlich einmal darf Dayna wieder eine etwas aktivere Rolle spielen. Sie überwältigt nicht nur gemeinsam mit Vila den Föderationscaptain, sondern ist auch diejenige, die ihre auf dem Planeten befindlichen Kameraden & Kameradinnen schließlich rettet.
Wenn Servalan die Bombardierung der Regierungsgebäude befiehlt, bekommen wir einige sehr hübsche, explodierende Modelle und viel brutalistische Architektur zu sehen.
Das Gekabbel zwischen dem ergrauten Captain Deral und dem jungen und skrupellosen Karrieristen Ginka macht viel Spaß. Und keiner der beiden überlebt die Episode. Die Kaltblütigkeit, mit der die Liberator - Crew Deral am Ende in seinen sicheren Tod schickt, ist bemerkenswert. 
Und dann wäre da natürlich auch noch Servalans Wunsch, Nachkommen in die Welt zu setzen. Natürlich könnte man darin einen Ausdruck der überkommenen Vorstellung sehen, dass es in der "Natur" jeder Frau liege, eine Mutter werden zu wollen. Dass unsere kaltblütige und machtversessene Weltraumdiktatorin das Klonen dem "natürlichen Weg" vorzieht, wäre dann ein Anzeichen für ihre eigene "Unnatürlichkeit". Eine Deutung mit ziemlich unangenehmen Implikationen. Aber ich denke, man kann das auch anders betrachten. Servalan geht es nicht wirklich um "Mutterschaft", sondern um eine Form von Unsterblichkeit. Was sie sich wünscht, sind ja keine Kinder, sondern perfekte Kopien ihrer selbst. Näher kann man einem Fortleben nach dem Tod eigentlich nicht kommen. Und ein solches Verlangen passt sehr gut zu Servalans narzisstischem Charakter, ohne dass man deswegen auf irgendwelche höchst fragwürdigen Ideen über die "weibliche Natur" zurückgreifen müsste.

Samstag, 16. Mai 2020

Strandgut

Freitag, 15. Mai 2020

Groovy Sword & Sorcery

"I feel like a character from Howard or Tolkien!"


Als Dick Giordano im April 1968 auf Steve Ditkos Intiative von Charlton Comics zu D.C. wechselte, brachte er eine Reihe alter Kollegen mit zu seinem neuen Arbeitgeber. Das Unternehmen befand sich zu diesem Zeitpunkt stark unter Druck, denn Erzkonkurrent Marvel hatte unter der Ägide von Stan Lee und Jack Kirby mit innovativen Ideen zumindest für den Moment eindeutig die Oberhand auf dem amerikanischen Comic-Markt gewonnen. Giordano und seine Jungs sollten das Ruder herumreißen und eine Gegenattacke starten. Wie er in einem Interview mit Comic Book Artist erzählt hat: "When I went to DC, they wanted me to respond to Marvel. I didn't have a choice because DC was trying to get back the business that Marvel had taken away from them." Auf jedenfall wurde dem Verlag mit der Charlton - Truppe eine ordentliche Dosis frisches Blut zugeführt. Um einen alten Artikel von Talent Pool zu zitieren: "The Charlton talent came to DC from a different culture of comics. At DC, the office seemed like a snapshot from 1950, with a crowd of short-haired men in white shirts and ties. The jeans-wearing, poorly barbered Charlton crowd visibly represented a different generation." Zu dieser jungen Truppe gehört auch der Autor Denny O'Neil.

O'Neils Aufgabenbereich bei D.C. war anfangs zweigeteilt.
Zum einen überarbeitete er eine ganze Reihe bereits existierender Helden und verlieh ihnen einen neuen Vibe. Hier leistete er seine bedeutendsten Arbeiten. So war er zusammen mit Zeichner Mike Sekowsky für die radikale Umgestaltung Wonder Womans verantwortlich, die mit Nr. 178 im Oktober 1968 die sog. "Depowered" - Ära der Heldin einleitete, über die ich mich vor Zeiten bereits einmal ausführlich ausgelassen habe. Daneben trug er auch einige Episoden zur Justice League of America bei. Seinen richtig großen Wurf landete er allerdings erst Anfang der 70er Jahre mit der gemeinsam mit Neal Adams entwickelten "gesellschaftlich relevanten" Green Lantern / Green Arrow - Serie, die ein weites Spektrum aktueller politischer und sozialer Themen ansprach.  Hinzu kam seine Version von Batman, die den Caped Crusader in den frühen 70ern aus den campy Gefilden der Adam West - Ära in düsterere Regionen zurückführte. (1)
Zum anderen sollte er neue Figuren kreieren oder ausgestalten. Dabei hatte er deutlich weniger Erfolg. Zwar schrieb er eine kurze Serie über den Creeper, eine Art heroische Variante des Jokers, aber dem Burschen war kein großes Fortleben beschieden. Noch trauriger erging es O'Neils ureigenster Schöpfung Nightmaster. Der Gute musste schon nach drei Auftritten in Showcase, D.C.'s Testfeld für neue Figuren und Konzepte, den Rückzug ins Comic-Nirvana antreten. Und als er mehr als zwanzig Jahre später eine Wiederauferstehung erleben durfte, musste er dabei viele Aspekte seiner ursprünglichen Persönlichkeit ablegen.          

Dennoch wollen wir uns heute etwas eingehender mit diesem sehr kurzlebigen Kerl beschäftigen. War er doch nicht nur der erste Sword & Sorcery - Held, der bei einem der großen amerikanischen Comic-Verlage einen Auftritt hatte, sondern erwies sich dabei auch als eine erstaunlich eigenwillige Gestalt. Keine Angst, wir haben es nicht mit einem zweiten Crom the Barbarian zu tun.

Doch bevor wir uns ihm selbst und seinen Abenteuern zuwenden, ein "kleiner" Exkurs in die Geschichte des Begriffs "Sword & Sorcery". (2) Das ist ja das schöne an Blogs. Man kann schreiben, wozu man Lust hat, ohne sich an irgendwelche redaktionellen Vorgaben halten zu müssen. Ich hoffe bloß, dass zumindest einige aus meiner Leserschaft genau so viel Spaß an solchen Abschweifungen haben, wie ich. 

Nightmasters erster Auftritt in Nr. 82 (Mai 1969) von Showcase wurde auf dem Cover als "A Great New Sword and Sorcery Saga" beworben. Allerdings ging man offenbar davon aus, dass sich nicht jeder in D.C.'s Leserschaft unter dieser Bezeichnung etwas vorstellen konnte. So besteht Denny O'Neils Nachwort größtenteils aus einer Art Einführung in die "wonderful species of storytelling loosely labeled the literature of Sword and Sorcery" und beschreibt, was sie ihm und seinen Kollegen bedeute. Und dabei wird sehr schnell deutlich, dass der Autor den Begriff sehr viel weiter fasst, als wir das heutzutage gewohnt sind:
Maybe you've never lost yourself in the adventures of John Carter, slayer of malevolent Martians. Or followed the mighty Barbarian Conan as he bests black magic with wit and an active blade. Or conspired with the Grey Mouser and Fafhrd against absolutely slimy noblemen. Or – is it possible? – even shared the perils of the Hobbits in their quest for the Ring.
Als wichtigste Repräsentanten gelten O'Neil also nicht bloß Robert E. Howard und Fritz Leiber, sondern auch Edgar Rice Burroughs mit seinen Barsoom - Romanen und J.R.R. Tolkien mit dem Lord of the Rings. Erwähnung finden außerdem Michael Moorcocks Stormbringer und Stealer of Souls. Als zusätzliche Inspirationsquelle wird "the science fiction of  Samuel R. Delany and Roger Zelazny" genannt. (4) Eine bunte Mischung von Autoren und Werken, die wir heute in drei bis vier Subgenres der phantastischen Literatur aufteilen würden.

Doch wir befinden uns hier in einer Zeit, als die in späteren Jahrzehnten dann immer kleinteiliger werdende Kategorisierung der phantastischen Literatur, ihre Aufteilung in unzählige Genres und Subgenres, erst ganz am Anfang stand. Selbst der Überbebegriff "Fantasy" hatte sich meines Wissens nach noch nicht vollständig durchgesetzt, zumindest nicht in den Marketing-Abteilungen der Verlage, verdankt er seine Konsolidierung doch in hohem Maße der Ballantine Adult Fantasy - Reihe, deren erster Band im selben Monat Mai des Jahres 1969 erschien.   
In Fankreisen hatte man natürlich schon seit längerem über solche Fragen diskutiert. Fankultur war immer schon so. Und hier war acht Jahre zuvor auch erstmals der Begriff "Sword & Sorcery" aufgetaucht.
Im März 1961 erschien die erste Nummer des von der Philadelphia Science Fiction Society (PSFS) unter Leitung von George Heap herausgegebenen Fanzines Ancalagon. Das gerade einmal sieben Seiten starke Heftchen besteht hauptsächlich aus einem Artikel über "Fantasy-Adventure", in dem Heap versucht, definitive Merkmale zu finden, an Hand derer man eine unter dieser Bezeichnung zusammenzufassende Subspezies der "Fantasy" von anderen Spielarten derselben abgrenzen könne. Als Vertreter der ihm dabei vorschwebenden Gruppe zählt er auf: Poul Andersons The Broken Sword, L. Sprague de Camps Tritonian Ring, E.R. Eddisons The Worm Ouroboros und seine Zimiamvian Trilogy, Robert E. Howards Conan - Stories, Henry Kuttners The Dark World, Fritz Leibers Fafhrd & The Gray Mouser - Geschichten, A. Merritts Ship of Ishtar, Fletcher Pratts Well of the Unicorn, J.R.R. Tolkiens Hobbit und The Lord of the Rings sowie Jack Vances The Dying Earth. Edgar Rice Burroughs' Bücher werden bereits als "Science Fiction" ausgeschlossen.
In der zweiten Ausgabe von Ancalagon (April 1961) findet sich dann eine Antwort von Fritz Leiber auf Heaps Artikel, in der dieser zum allerersten Mal die Bezeichnung "Sword & Sorcery" vorschlägt:
ANCALAGON looks nice [...] and the article on fantasy adventure – a field which I feel more certain than ever should be called the sword-and-sorcery story. This accurately describes the points of culture-level and supernatural element [zwei von Heaps Definitionsmerkmalen] and also immediately distinguishes it from the cloak-and-sword (historical adventure) story – and (quite incidentally) from the cloak-and-dagger (international espionage) story too! The word sorcery implies something more and other than historical human witchcraft, so even the element of an alien-yet-human world background is hinted at. At any rate I'll use sword-and-sorcery as a good popular catchphrase for the field. [...]

Of course there will always be wide fringes of border-land around a story-area like this, and too-carefull efforts at placing any single story or sets of stories may result in a sort of nonsense. For instance Burrough's John Carter stories have so much the feel of sword-and-sorcery (rather than science fiction) that one immediately wants at least a new category for them – sword-and-superscience? To me, Burroughs' Mars stories are Atlantis-on-Mars and no more science fictin that Smith's /Clark Ashton/ stories of Atlantis – or no less science fiction... Ah well.
Wenige Monate später wiederholte sich dieselbe Diskussion in ganz ähnlicher Form noch einmal auf den Seiten des sehr viel professionelleren und auflagenstärkeren Fanzines Amra, des offiziellen Organs der Hyborian Legion. Diesmal war es Michael Moorcock, der im Mai in seinem Artikel Putting a Tag on It die Frage nach einer adäquaten Genrebzeichnung aufwarf. Sein eigener Favorit war "Epic Fantasy". (4) Leider liegt mir der Essay nicht in seiner vollständigen Form vor, doch scheint Moorcock dabei gleichfalls eine aus heutiger Sicht recht heterogene Gruppe von Büchern und Autoren im Auge gehabt zu haben:           
So, all in all, I would say that Epic Fantasy is about the best name for the sub-genre, considering its general form and roots. Obviously, Epic Fantasy includes the Conan, Kull, and Bran Mak Morn stories of R E Howard; the Grey Mouser/Fafhrd stories by Fritz Leiber; the Arthurian tetralogy by T H White; the Middle Earth stories of J R R Tolkien; “The Worm Ouroboros” by E R Eddison; the Zothique stories of Clark Ashton Smith; some of the works of Abraham Merritt (“The Ship of Ishtar”, etc.); some of H Rider Haggard’s stories (“Alan and the Ice Gods”, etc.); “The Broken Sword” by Poul Anderson; the Gormenghast trilogy of Mervyn Peake (it just gets in, I think); the Poictesme stories of James Branch Cabell (including “Jurgen”, ‘Silver Stallion”, and others) and “The Well of the Unicorn” by Fletcher Pratt.
So wie es aussieht, bestand Fritz Leibers Antwort in der Juliausgabe aus einer zum Teil wörtlichen Wiederholung seiner Ausführungen in Ancalagon.

Anders als z.B. Joseph A. McCullough in seinem auf Black Gate erschienen Essay The Demarcation of Sword and Sorcery behauptet, wurde der Begriff ursprünglich also keineswegs in Abgrenzung zu Werken wie Tolkiens Lord of the Rings erfunden. Diese Trennung vollzog sich vielmehr erst am Ende eines langwierigen Prozesses, der mindestens ein Jahrzehnt umfasste. Dabei stand keineswegs von vornherein fest, dass sich der Begriff Sword & Sorcery überhaupt allgemein durchsetzen würde.

Von den professionellen Magazinen der Zeit spielte Fantastic (Stories of Imagination) die wohl wichtigste Rolle in der Entwicklung der Sword & Sorcery. Im Dezember 1958 hatte Cele Goldsmith die Leitung von Fantastic und Schwestermagazin Amazing übernommen, um die beiden in kürzester Zeit zu zwei der führenden Publikationen der amerikanischen SF&F zu machen. Sie war es, die Fritz Leiber davon überzeugte, sich nach einer Pause von gut fünf Jahren erneut Fafhrd und dem Gray Mouser zuzuwenden. In der ganz Leiber gewidmeten Novemberausgabe 1959 erschien mit Lean Times in Lankhmar der Auftakt zu einer ganzen Reihe neuer Geschichten um die beiden Halunken, die sämtlichst auf den Seiten von Fantastic erschienen. Dort gab im Mai 1963 auch John Jakes' Barbar Brak mit der Kurzgeschichte Devils in the Wall sein Debüt. Und wie wurde im November desselben Jahres dessen erstes längeres Abenteuer Witch of the Four Winds angepriesen? "In the Tradition of Conan, here is a ringing novel of sword and sorcery"! (5)
Doch dieses interessante Detail bedeutet natürlich noch lange nicht, dass S&S als Genrebegriff zu dieser Zeit bereits allgemein anerkannt gewesen wäre. Im Gegenteil. Einen Monat später erschien die von L. Sprague de Camp herausgegebene Anthologie Swords & Sorcery. In der Einleitung zu ihr versuchte De Camp die Genrebezeichnung "Heroic Fantasy" zu prägen. Dabei trat er sehr autoritativ auf:  
"Heroic fantasy" is the name of a class of stories laid, not in the world as it is or was or will be, but as it ought to have been to make a good story. The tales collected under this name are adventure-fantasies, laid in imaginary prehistoric or medieval worlds, when (it's fun to imagine) all men were mighty, all women were beautiful, all problems were simple, and all life was adventurous. (6)
Als Vorläufer werden William Morris, Lord Dunsany und E.R. Eddison genannt. Eher nebenbei fällt auch der Name Tolkien. Der Lord of the Rings wird also auch weiterhin nicht ausgeschlossen. Der Fokus liegt aber mehr auf den amerikanischen Pulps mit Howard, Clark Ashton Smith und C. L. Moore sowie deren Nachfolgern à la Fantastic sowie Büchern wie Jack Vances Dying Earth und Poul Andersons Three Hearts and Three Lions.

L. Sprague de Camp war ohne Zweifel ein wichtiger Wegbereiter des Ende der 60er Jahre einsetzenden Sword & Sorcery - Booms. Wenn auch weniger als Schriftsteller, war sein dicht an Howards Vorbild ausgerichteter Pusadian - Zyklus doch bereits 1958 zu einem Ende gekommen. In dieser Hinsicht waren John Jakes mit Brak dem Barbaren und Lin Carter mit den ab 1965 erscheinenden Thongor - Romanen wichtiger. (7)  De Camps Bedeutung bestand vielmehr in seiner Rolle als Herausgeber. Zum einen veröffentlichte er nach Swords and Sorcery mit The Spell of Seven (1965) und The Fantastic Swordsmen (1967) zwei weitere einflussreiche Anthologien, vor allem aber war er ab 1966 für die Neuauflage der Conan-Stories bei Lancer Books verantwortlich. Und was auch immer man von der vorsichtig ausgedrückt – nonchalanten Art halten mag, mit der er dabei mit Robert E. Howards literarischem Erbe umsprang, waren die von Frank Frazettas ikonischen Covern gezierten Taschenbücher doch ohne Zweifel eine der wichtigsten Stimulanzien für den bald darauf einsetzenden Boom.
Um so erstaunlicher mag es erscheinen, dass es De Camp nicht gelang, seine bevorzugte Genrebzeichnung durchzudrücken. Das zeigt sich sehr schön im Vorwort zu seinem 1967 erschienen Conan-Band, für die er Teile der alten Einleitung zu Swords and Sorcery erneut verwendete. Seine Formulierung ist merklich zurückhaltender geworden: 
"Heroic fantasy" is the name I have given to a subgenre of fiction, otherwise called the "sword-and-sorcery" story.
Wir dürfen also davon ausgehen, dass sich der Begriff Sword & Sorcery in der Zwischenzeit mehr oder weniger konsolidiert hatte. Freilich war De Camps Bemühen nicht völlig erfolglos. "Heroic Fantasy" wurde später immer mal wieder, und auch von großen Verlagen, als synonymer Begriff verwendet.

Um herauszufinden, wie genau sich dieser Prozess abgespielt hatte, wäre es vermutlich nötig, sich durch sämtliche Magazine und Fanzines der Zeit zu wühlen. Und natürlich müsste man sich auch anschauen, wann der Begriff von den Marketing-Abteilungen der Verlage aufgegriffen wurde. Zu letzterem kann ich bloß sagen, dass ich unter den Covern der relevanten Bücher dieser Periode (1963-67) kein einziges gefunden habe, auf dem die Bezeichnung Sword & Sorcery in Reinform und klar erkennbar als Genrebzeichnung zu finden wäre. Am nächsten kommt dem noch das Cover von Lin Carters Thongor against the Gods (1967) mit der Aufschrift: "Exciting science, sword and sorcery in the tradition of Robert E. Howard and A. Merritt". Noch scheint der Begriff "fantasy-adventure" beliebter gewesen zu sein. Unter dieser Rubrik erschienen zum Beispiel auch die ersten Gor - Bücher von John Norman bei Ballantine.
Das änderte sich mit dem nunmehr einsetzenden Boom. 1967 erschienen Conan und Conan the Usurper, Lin Carters Thongor against the Gods sowie The Stealer of Souls und Stormbringer, die ersten amerikanischen Veröffentlichungen von Michael Moorcocks Elric-Geschichten. (8). 1968 stieg die Flut merklich an mit Conan the Avenger, Conan the Wanderer und Conan the Freebooter, Lin Carters Thongor in the City of Magicians und Thongor at the End of Time, der ersten Buchfassung von John Jakes' Brak the Barbarian und Fritz Leibers bei Ace Books erschienen Bänden Swords in the MistSwords Against Wizardry und The Swords of Lankhmar.
Auf dem Cover des letzteren finden wir dann auch zum ersten Mal den Begriff Sword & Sorcery in Reinform, wenn auch in einer vielleicht etwas merkwürdig anmutenden Kombination: "A wonder novel of Fafhrd the barbarian and the Gray Mouser by the foremost master of sword-and-sorcery science-fiction". Wie anfangs schon einmal erwähnt, war selbst die Trennung zwischen SF und Fantasy in vielen Verlagsstuben noch nicht in Gänze vollzogen. (9) Im nächsten Jahr betrat dann Gardner Fox' Conan-Klon Kothar die Bühne. Und von dessen Abenteuern wurden gleich zwei Kothar of the Magic Sword (1969) und Kothar and the Conjurer's Curse (1970) – auf dem Cover als Sword & Sorcery gekennzeichnet. 

Damit ist natürlich noch nicht die Frage beantwortet, wann sich die Trennung zwischen Sword & Sorcery und dem, was später als High Fantasy bezeichnet wurde , vollzog. In seinem Vorwort zu The Swords of Lankhmar schreibt Fritz Leiber:
It strikes me (and something might be made of this) that Fafhrd and the Gray Mouser are almost at the opposite extreme from the heroes of Tolkien. My stuff is at least equally as fantastic as his, but it's an earthier sort of fantasy with a strong seasoning of "black fantasy" or of black humor, to use the current phrase for something that was once called gallows' humor (9)
Man könnte das als ersten wichtigen Schritt auf dem Weg zu dieser Trennung interpretieren. Allerdings grenzt Leiber seine Geschichten in demselben Vorwort auch von Robert E. Howards Conan - Stories ab:
One of the original motives for conceiving Fafhrd and the Mouser was to have a couple of fantasy heroes closer to true human stature than supermen like Conan and Tarzan and many another.
Auch positioniert er sich selbst nicht als Vertreter eines bestimmten Subgenres, das er Tolkien entgegenstellen würde. Er spricht hier ausschließlich über seine eigenen Schöpfungen. Dennoch ist es wohl nicht ganz falsch, wenn man aus seinen Formulierungen deutliche Anklänge an das spätere Gegensatzpaar heraushört.

Meine These ist, dass die Trennung das Ergebnis von zwei sich überlappenden Boom-Ereignissen war. Das Erscheinen der Taschenbuchausgaben des Lord of the Rings löste 1965 eine gewaltige Welle von Tolkienbegeisterung aus. Erstaunlicherweise führte das zwar nicht unmittelbar zum Auftauchen irgendwelcher Kopien oder Nachahmungen – es sollte über zehn Jahre brauchen, bis endlich Terry Brooks' The Sword of Shannara erschien –, aber es erhöhte ohne Zweifel ganz immens das Prestige des "Professors". Was entscheidend dazu beigetragen haben könnte, dass die Vertreter des wenige Jahre später {unabhängig davon?} ausbrechenden Sword & Sorcery - Booms sich dazu gedrängt fühlten, ihre Art der Fantasy von der Tolkiens abzugrenzen. Auch von Verlagsseite könnte es unter diesen Umständen sinnvoll erschienen sein, ein eigenes Label für die Art von Stories zu prägen, die sich mehr mit den Abenteuern von Barbaren und Gaunern als mit weltumspannenden Konflikten zwischen Gut und Böse beschäftigten. 

Doch kehren wir nach dieser langen Abschweifung endlich zurück zu Nightmaster

Denny O'Neil bezeichnet den Comic in seinem Nachwort als "a labor of love and curiosity". Glaubt man seinen Worten, so war das Kreieren eines Sword & Sorcery - Comics für alle Beteiligten eine Herzensangelegnheit, der sie sich mit großer Leidenschaft widmeten. Und anders als L. Sprague de Camp, der in seinem Vorwort zu Swords and Sorcery den uneingeschränkten Eskapismus zum einzigen Ziel dieser Art von Literatur erklärt hatte (10), beharrt O'Neil darauf, dass diese Stories sehr wohl eine relevante Botschaft enthielten. Sie erzählten vom Ringen der Menschheit mit bösen und zerstörerischen Mächten: 
They [die Helden der S&S] are us as we would be if we were stronger, smarter and more determined than we are. They represent flesh and bones that, however frail they might be, are fired with the need to survive and conquer. They are, in short, humanity. 
Und schaut man in das Nachwort des dritten Nightmaster - Abenteuers in Showcase #84, so bekommt man ein Gefühl dafür, dass O'Neil diese hoffnungsvolle Botschaft im Kontext der sozialen Konflikte der Zeit verstanden wissen wollte. Schon in Showcase #82 hatte er geschrieben: "When we needed a dose of evil, we looked in our morning papers." Hier nun nennt er als eines der Vorbilder für seinen Helden "a man in Jennings, Missouri, who left his home about 30 years ago to enlist in a war that was none of his business simply because he hated tyranny. The Spanish Civil War wasn't paper, and the man in Jennings has am ugly scar to prove it." Nightmaster ist natürlich kein "politischer" Comic, aber er versucht doch eine Verbindung herzustellen zwischen den Abenteuern der Sword & Sorcery - Literatur und dem rebellischen Geist der Jugend am Ende der 60er Jahre.

Das zeigt sich besonders deutlich am Anfang der Geschichte. Denn unser Held beginnt seine Karriere keineswegs als schwertschwingender Heroe in einer Fantasywelt, sondern als Rockmusiker im zeitgenössischen New York. Interessant ist dabei auch, dass die Erzählung durchgehend in der 2. Person geschrieben ist, was denk ich die Identifikation des Lesers mit dem Protagonisten verstärken soll. 
Nach einem besonders euphorischen Konzert werden Jim Rook und seine Freundin Janet Jones von drei Typen agepöbelt, die diesem dreckigen "creep" mal zeigen wollen, "how real Americans handle worthless hippies". Doch Jim mag ja ein {ziemlich kurzhaariger} Hippie sein, aber er ist nicht nur schlagfertig: "If you're American, I'm applying for Martian citizenship", sondern lässt sich auch nicht gerne herumschubsen: "You think, because I don't look like a bank manager I'm weak ... Because I favor peace, I'm a coward ... Fair prey for bullies?" "Come on, bargain-basement nazis! Knock me if you can!" Und schon bald ist eine wilde Schlägerei ausgebrochen, bei der die "fascists" den Kürzeren ziehen. Diese Eröffnungssequenz zeigt uns Jim Rook nicht nur als unangepassten Rebellen, sondern auch als rechten Hitzkopf. Nebenbei erfahren wir außerdem, dass er ein "slum kid" ist. Ein Grund mehr, warum er die spießige "uptown" - Familie seiner Freundin so überhaupt nicht leiden kann.
Auf dem Nachhauseweg betreten Jim und Janet {ziemlich unmotiviert} ein verlassenes Geschäft mit dem ominösen Namen "Oblivion" und schwupps! ... schon werden sie von einem interdimensionalen Strudel erfasst und voneinander getrennt. 
Unser Held findet sich alsbald in Gesellschaft eines blaustichigen Gnomenkönigs wieder, der ihm erklärt, dass einer seiner Vorfahren der sagenumwobene Krieger "Nacht" {wird im zweiten Heft klugerweise in "Roke" umbenannt} gewesen sei, dem einst von dem mächtigen Magier "Farben" {hatte O'Neil gerade einen Deutscheinführungskurs belegt?} das magische "Sword of the Night" verliehen wurde. Mit diesem erschlug er den bösen Brom, wurde aber von Farben hintergangen und in unsere Welt verbannt. Seitdem schwingen die finsteren Warlocks in der phantastischen Welt von Myrra das Zepter. Jimmys Bestimmung sei es, das Werk seines Ahnen fortzusetzen und die Mächte des Bösen mit der magischen Klinge zu bekämpfen, die excaliburmäßig in den Mauern des Schlosses steckt. Verständlicherweise sträubt er sich gegen dieses Ansinnen: "Look, grandpa, a hero I am not. A musician that's what I am."  Doch als es zu einem Warlock - Überfall kommt, reißt er notgedrungen das Schwert aus der Wand und stellt erstaunt fest, dass die Klinge auf wundersame Weise seine Bewegungen führt und ihn zu einem überragenden Kämpfer macht. Freilich glaubt er immer noch, auf einem besonders bizarren Trip zu sein: "I feel like a charakter from Howard or Tolkien! Pretty soon, though, I'm gonna wake up and find this is a spaced-out dream! And I'm gonna swear off reading sword-and-sorcery sagas!" Erst als er erfährt, dass Janet in die Klauen der Warlocks geraten ist, ist er bereit, sein Schicksal anzunehmen und Nightmaster zu werden. Er wird standesgemäß kostümiert, erhält einen goofy Sidekick und eine Riesenheuschrecke als Reittier und auf geht's zur ersten Etappe des Abenteuers, der Gebirgsfestung der Eishexe.
Dieses erste Heft (Some Forbidden Fate) ist eine recht kuriose Mixtur. Am interessantesten ist sicher der einleitende Teil. Der Übergang nach Myrra fällt zwar hübsch psychedelisch aus, doch die Welt selbst erinnert eher an Märchenfantasy denn an Sword & Sorcery. Am bizarrsten jedoch ist Nightmasters Kostüm. Man bekommt den Eindruck, dass die Entscheidungsträger bei D.C. unsicher waren, ob das Publikum einen waschechten Fantasyhelden akzeptieren würde. Also stattete man Nightmaster mit Cape & Cowl im Stile eines Superhelden aus, so als wollte man eine Art visuelle Brücke zu gewohnteren Comicgefilden schlagen. Vielleicht spiegelt sich darin aber auch der Stil des Zeichners wieder, handelte es sich doch um den D.C. - Oldtimer Jerry Grandetti.

Mit dem zweiften Heft (Sing a Song of Sorcery) vollzieht sich ein merklicher Wandel und die Atmosphäre beginnt mehr nach echter Sword & Sorcery zu schmecken. Als Zeichner übernimmt der junge Bernie Wrightson, der sich zu diesem Zeitpunkt noch ganz am Anfang seiner Karriere befand.
Die Handlung beginnt ohne große Umschweife mit einem wilden Zweikampf zwischen Nightmaster und dem hörnerbehelmten Barbaren Tark (eigentlich Tickeytarkapolis Trootrust). Als es Jim gelingt den muskelbepackten Kerl mit einem Judogriff zu Boden zu schleudern, kapituliert er. Und wie sich alsbald herausstellt, ist Tark selbst ein erklärter Feind der Warlocks. Unter seinem Schutz stehen außerdem zwei Sirenen, deren Stimmen von den üblen Bösewichtern gestohlen wurden. Warum also nicht ein Bündnis schließen und gemeinsam gegen die Warlocks kämpfen? Gesagt, getan. Die vier erreichen wenig später die Festung des finsteren Magierherzogs. Doch anders als etwa die Burg der Eishexe im ersten Teil entpuppt sich selbige als ein ausgewachsenes Mittelalterstädtchen, in dem man natürlich auch eine stilgerechte Taverne findet, in der man nach zünftiger Sword & Sorcery - Manier erst einen Humpen Bier leert, um sich anschließend mit der Stadtwache herumzuprügeln. Doch bevor unsere Helden in die eigentliche Burg vorstoßen können, versucht sich der Herzog auch schon mit der gefangenen Janet auf seinem fliegenden Mondschiff davonzumachen.
Das zweite Heft macht deutlich mehr Spaß und ist eine sehr viel rundere Sache als sein Vorgänger. Die Welt Myrra, von der wir nun sogar eine Karte präsentiert bekommen, wirkt deutlich größer und "realer". Etwas ulkige Ideen wie die, dass Myrras Bewohner durch die Herrschaft der Warlocks zu blauhäutigen Gnomen eingeschrumpft wurden, werden stillschweigend fallengelassen. Ebenso die absurden Namen "Nacht" und "Farben". Nebenbei erfahren wir nun auch, dass die Warlocks eine Invasion unserer Welt planen. Vor allem aber ist Tark der Barbar eine höchst willkommene Ergänzung. Mit ihm bekommt das Ganze gleich sehr viel mehr Schmackes.

Ohne ihn kämen wir auch nicht in den Genuss des Auftakts von Come Darkness, Come Death, der uns einige der Schwächen unseres Helden offenbart. Wie wir bereits im ersten Heft gesehen haben, ist Jim ein ziemlich impulsiver Geselle, der sich schnell zu unüberlegten Handlungen hinreißen lässt, wenn ihn die Wut packt. Und so überschüttet er, nachdem Janets Befreiung fürs erste missglückt ist, aus lauter Frustration Tark mit diversen Beleidigungen. Was sich der Barbar natürlich nicht lange gefallen lässt, und so kreuzen die beiden erneut die Klingen. Erst als eine Heerschar monströser Spinnen über sie herfallen, bekommt Nightmaster wieder einen klaren Kopf. Er sieht ein, dass sein Gefährte diese Welt sehr viel besser kennt als er, und dass er dessen Ratschlägen darum besser folgen sollte, anstatt ihn als "big oaf" und hässlichen Dummkopf zu beschimpfen. Wieder versöhnt, suchen die beiden den Beistand des exzentrischen alten Zauberers Grouch. Doch auch der Warlock-Herzog und sein Hofmagier haben noch einige Asse im Ärmel. Und dann wären da auch noch diese fliegenden Killerpflanzen.
Das dritte Heft ist eine solide Forsetzung von Nummer 2. Einzig dass die Handlung zu einem völlig überhasteten {wenn auch bloß vorläufigen} Abschluss gebracht wird und sich Jim und Janet am Ende wieder auf den Straßen New Yorks befinden, mindert den Spaß. Aber ich nehme einmal an, dass das zu den Vorgaben gehörte. Die Miniserie war ja in erster Linie eine Art Testballon und nicht der Auftakt zu einer echten "Saga", was auch immer auf dem Cover stand.

In seinem Nachwort zu Some Forbidden Fate hatte Denny O'Neil geschrieben: "Jim Rook may vanish into the limbo reserved for three-D movies, Edsel autos and other ideas that tried to grab a piece of popularity, and missed." Unglücklicherweise war genau das sein Schicksal. Über die Gründe dafür kann man natürlich bloß spekulieren. Der Start der Miniserie war sicher etwas holprig und unausgegoren, aber im weiteren Verlauf gewinnen Nightmasters Abenteuer doch schnell an Charme und Atmosphäre. Und die Idee, eine Art Hippie-Musiker in einen Sword & Sorcery - Helden zu verwandeln, ist auf jedenfall originell und hätte meines Erachtens durchaus Potential gehabt für einige interessante Verknüpfungen zwischen den Abenteuern auf Myrra und Ereignissen in der realen Welt. War es also einfach zu früh für einen Comic dieses Genres? Schließlich sollte selbst der wenig später bei Marvel an den Start gehende Conan anfangs etwas Probleme damit haben, ein Publikum zu finden. Und der hatte immerhin den Vorteil, ganz unmittelbar an den Erfolg der bei Lancer Books erscheinenden Anthologien anknüpfen zu können. Wohl nicht zufällig verlieh John Buscema dem Cimmerier eine Erscheinung, die sich deutlich an Frank Frazettas Gemälden orientierte, als er nach einigen Nummern die Serie als Zeichner übernahm.

Nun denn, was auch immer die Gründe für Nightmasters ruhmloses Ende gewesen sein mögen, ich finde es auf jedenfall bedauerlich, dass Jim und Tark keine weiteren Abenteuer in der phantastischen Welt von Myrra erleben durften. Und wer weiß, vielleicht wäre in künftigen Geschichten sogar Janet über ihre undankbare Rolle als damsel-in-distress hinausgewachsen. Wir werden es nie erfahren. Was wir in Form der drei Hefte haben, ist ein interessantes Kuriosum aus einer Zeit als die Sword & Sorcery in Taschenbuchform Triumphe feiern konnte, aber scheinbar noch nicht bereit war, auch die Welt der Comics zu erobern.   


 

                 
    


(1) Wer etwas mehr über den Einfluss, den die Batman - TV-Serie auf die Comics der 60er Jahre hatte, sowie über die von O'Neil und Neal Adams vollzogene Wende in den frühen 70er Jahren wissen will, dem seien Episode 3 und 4 von Mr. Jim Moons epischer Podcast-Reihe The Natural History of the Batman empfohlen. 

(2) Ich hatte über diese Frage einen netten kleinen Gedankenaustausch auf Twitter mit Frank Böhmert, Cora Buhlert und "Lake Hermanstadt". Vielen Dank euch dreien noch mal!

(3) O'Neil und Delany hatten sich 1967 persönlich kennengelernt. Der bedeutendste Beitrag des  Schriftstellers zur eigentlichen Sword & Sorcery, die Nevèrÿon - Geschichten, begann freilich erst ein Jahrzehnt später (1979) zu erscheinen.

(4) Eine Entscheidung, an der Moorcock offenbar immer festgehalten hat, trägt doch noch seine berühmt-berüchtigte, erstmals 1987 erschienene Essaysammlung Wizardry and Wild Romance den Untertitel A Study of Epic Fantasy.

(5) Fantastic Stories of Imagination. November 1963. S. 69.

(6) L. Sprague de Camp: Swords and Sorcery: Stories of Heroic Fantasy. S. 7.

(7) Die drei gründeten Mitte der 60er Jahre die Swordsmen and Sorcerers' Guild of America (SAGA), in die bald auch Poul Anderson, Fritz Leiber, Michael Moorcock, Andre Norton und Jack Vance aufgenommen wurden. Literarisch aktiv wurde diese Gruppe aber erst in den 70ern. Vorerst handelte es sich bloß um eine lockere Vereinigung, deren Mitglieder auf Conventions gemeinsam einen Heben gingen und sich gegenseitig absurde Titel im Stile von "Purple Druid of the Gibbering Horde of the Slime Pits of Zugthakya" (Lin Carter) verliehen. Moorcock war eigenen Angaben zufolge nie ein "really [...] active member", was nicht verwundert, saß er doch in Großbritannien und hatte mit der Herausgabe von New Worlds vermutlich ohnehin alle Hände voll zu tun.

(8) Einzig die Kurzgeschichte Kings in Darkness war in den USA zuvor bereits in The Spell of Seven veröffentlicht worden. The Singing Citadel erschien im selben Jahr in The Fantastic Swordsmen.

(9) Der Fairness halber muss man allerdings hinzufügen, dass Swords of Lankhmar mit dem Auftritt des weltenreisenden Deutschen Karl Treuherz ja tatsächlich ein SF-Element enthält. Und wohl nicht zufällig zeigt die Coverillustration sein Konterfei. Interessanterweise gilt dasselbe bereits für die Maiausgabe 1961 von Fantastic, in der die Novelle Scylla's Daughter erschienen war, die Leiber später zum Roman The Swords of Lankhmar erweitern würde. 

(9) In: Fritz Leiber: The Second Book of Lankhmar. S. 3.

(10) "Heroic fantasy is escape reading in which you escape clear out of the real universe."

Freitag, 1. Mai 2020

Strandgut

Mittwoch, 22. April 2020

Make Hyrkania Great Again

Vor über einem Jahr habe ich mich in diesem Blogpost relativ ausführlich mit der Inkarnation Red Sonjas beschäftigt, die Gail Simone zwischen 2013 und 2015 in einer achtzehnteiligen Serie für Dynamite entwickelte. Ich schrieb damals unter anderem: "Zumindest für mich ist ihre Sonja das, was diese Sword & Sorcery - Heldin eigentlich schon immer hätte sein sollen". Leider jedoch war dieser Version der Figur kein langes Fortleben beschieden. Was nicht heißen soll, dass ich nicht auch einigen der neueren Varianten des She-Devils durchaus etwas abgewinnen könnte. So habe ich vor, hier bald einmal meine Gedanken zu Mark Russells letztjährigem Run und einigen seiner Spin-offs darzulegen. Dennoch bleibt meine Sympathie für Simones Sonja ungebrochen. Und so finde ich es schon etwas schade, dass sie außerhalb der ursprünglichen drei Stories Queen of the Plagues, Art of Blood and Fire und The Forgiving of Monsters nur wenige weitere Auftritte hatte. Die Autorin selbst schrieb noch zusammen mit Jim Zub eine vierteilige Conan / Red Sonja - Miniserie (2015), die mich jedoch nicht recht zu begeistern vermochte, und initiierte außerdem den sehr sympathischen Sammelband Legends of Red Sonja (2013/14), in dem sie die Talente von Künstlerinnen wie Leah Moore, Carla Speed McNeil, Meljean Brook, Tamora Pierce, Nancy A. Collins, Devin K. Grayson, Cassandra James, Tula Lotay, Nicola Scott und Rhianna Pratchett bündelte. Doch darüber hinaus scheint ihre Version der ikonischen Sword & Sorcery - Heldin nicht sehr lange fortexistiert zu haben. So weit ich das erkennen kann, gibt es da nur noch Red Sonja: Berserker (2014) von Nancy Collins & Fritz Casas. Und natürlich den unmittelbaren Nachfolger von Gail Simones Run in der "Hauptserie", der zwar offiziell als "Volume 3" bezeichnet wird, aber bloß aus sechs im Jahre 2016 erschienen Heften besteht: The Falcon Throne von Marguerite Bennett und Aneke* {mit einem kleineren Beitrag von Diego Galindo}. Diesem wollen wir uns heute etwas eingehender widmen.

Schon einige der Episoden von Art of Blood and Fire enthielten eine ziemlich unverhüllt politische Komponente. The Falcon Throne geht in dieser Hinsicht noch einmal ein gutes Stück weiter. Was mein Vergnügen an der Story leider etwas geschmälert hat. Dabei ist mir die Message selbst voll und ganz sympathisch. Doch spätestens dann, wenn eine Autorin sich nicht damit begnügt, ihre Geschichte zur Trägerin einer bestimmten Botschaft zu machen, sondern ihre Figuren dieselbe auch noch offen aussprechen lässt, ist für mich die Grenze zur didaktischen Literatur oder zum Agitprop überschritten, und mit denen hab' ich halt so meine Probleme. Was jetzt nicht als ein allgemeines Verdammungsurteil missverstanden werden soll.

Ich habe keine Ahnung, wie die Arbeitsabläufe bei einem großen Comic-Verlag wie Dynamite aussehen. Dementsprechend habe ich auch keine Vorstellung davon, wann genau The Falcon Throne geschrieben und gezeichnet wurde. Aber es scheint mir ziemlich offensichtlich, dass Marguerite Bennetts Story eine Reaktion auf Donald Trumps Wahlkampagnen von 2015/16, seinen "America First" - Nationalismus und sein gezieltes Schüren von Rassismus, nationalem Chauvinismus und Xenophobie darstellt.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des alten Königs von Hyrkania. Obwohl sie eigentlich wenig für Monarchen und Edelleute übrig hat, versucht Sonja, das Leben des greisen Herrschers zu retten, indem sie ihm das Herz des monströsen Thunder Bull bringt. Doch die Wundermedizin schlägt nicht an. Irgendwann lassen sich Alter und Tod nicht länger betrügen. Auf seinem Sterbebett bittet der König unsere Heldin, seine Nachfolge anzutreten und das Volk von Hyrkania gegen seine zahlreichen Feinde zu verteidigen. Aber Sonja lehnt ab, da sie sich nur zu genau vorstellen kann, was für eine Königin sie sein würde: Rauschende Orgien bis ans Ende ihrer Tage ... Stattdessen verlässt sie ihre Heimat, um erneut auf der Suche nach Abenteuern die Welt zu durchstreifen.
Als sie Jahre später zurückkehrt, hat sich Hyrkania unter der Herrschaft eines neuen Königs stark verändert. Aus dem lockeren Bündnis von Stämmen und Klans ist eine geeinte Nation geworden. Dörfer haben sich zu kleinen Städten entwickelt. Die Wirtschaft floriert. Überall scheinen Friede und Ordnung zu herrschen. Die Bevölkerung wirkt glücklich und zufrieden. Sonja allerdings ist schon bald frustriert und gelangweilt. Es gibt keine Monster mehr, die man bekämpfen, keine bedrohten Jungfrauen, die man befreien könnte. Ja selbst für eine zünftige Kneipenschlägerei scheint kein Platz mehr im neuen Hyrkania zu sein. 
Doch natürlich zeigt sich alsbald, dass die Dinge keineswegs so rosig sind, wie es den Anschein macht. Als Sonja Zeugin davon wird, wie eine Familie, die über die Grenze zu fliehen versucht, um sich dem Militärdienst zu entziehen, von einem Trupp Bewaffneter den "Black Talons" der Generälin Taerga überfallen wird, zögert sie nicht lange. Kein noch so pathetischer Appell an ihren "Patriotismus""You are a true daughter of Hyrkania" kann sie davon abhalten, wehrlose Leute gegen "swine in hobnailed boots" zu verteidigen.     
Unter der Herrschaft des Königs auf dem Falkenthron ist Hyrkania zu einer imperialistischen Autokratie geworden. Wer ein Wort der Opposition äußert, findet sich sehr schnell im Kerker oder einem Strafbataillon wieder. Derweil wird in den Theatern und Tavernen des Landes Stimmung gegen alle "Fremden" gemacht, werden rassistische Vorurteile geschürt und die Nachbarvölker lächerlich gemacht und mit Schmutz beworfen. Denn das endlich zu seiner wahren Größe gekommene Hyrkania sei dazu berufen, die Welt zu beherrschen. 
Like flocks the nations of the world   wing and flap and fly
In terror from a ringing shriek –   the true king of the sky!
There comes a bird of fearsome grace   hunting far above   
To shadow Khitai's golden crane   and Pathenia's dove
To rend Cimmeria's raven   and Zamora's mocking jay
To shred Stygia's ibis   in its bright and piercing gaze!
The falcon flies, the falcon drops   deadly as a stone
To save our land, to serve our king   we hail the Falcon Throne!    
Schon bald findet Sonja ihre erste Verbündete in Gestalt der Schauspielerin Midyan, die endgültig genug davon hat, auf höheren Geheiß ihre Komödien mit rassistischen Witzen und ähnlichem Müll anreichern zu müssen. Doch bevor man sich daran machen kann, zusammen mit Sonjas Ex-Geliebter, der Oratorin Lyna, eine ordentliche Widerstandsbewegung auf die Beine zu stellen, wartet auf unsere Heldin erst mal ein gehöriger Schock: Der neue König entpuppt sich nämlich gleichfalls als ein ehemaliger Liebhaber der Abenteurerin. Und Savas behauptet sogar, ihr Vorbild habe ihn bei seinem Aufstieg zur absoluten Macht inspiriert.

Man sieht schon, besonders subtil wird hier nicht vorgegangen. 
Natürlich könnte man argumentieren, dass es Themen gibt, die so wichtig sind, dass man ruhig auch mal den Holzhammer schwingen darf. Und ich würde gar nicht einmal behaupten, dass dem nicht tatsächlich so wäre. Aber selbst dann gibt es für mich noch einen feinen Unterschied zwischen Direktheit und Plakativität.
So gefällt mir das anfängliche Gespräch zwischen Midyan und dem Prinzipal Leshko eigentlich ganz gut. Sie ist empört über den Dreck, den sie auf der Bühne deklamieren soll, doch er verweist darauf, dass die Obrigkeiten ihr Theater jederzeit dichtmachen könnten. Leshko ist wie Midyan selbst ein "Ausländer", aber um seinen Laden am Laufen zu halten, ist er zu jedem Kompromiss bereit, auch wenn es ihm selbst nicht gefällt. Und schließlich bringt er das ebenso alte wie dumme Totschlagargument: "We need to do what sells. Give the people what they want."
Etwas anders sieht es aus, wenn Midyan plötzlich von der Bühne herab zu deklamieren beginnt: "Is this who we are? As a people? As a nation? Cruel an arrogant? Have you no compassion ..." Da ist für mich jene feine Linie überschritten und die Wirkung ist nicht länger die von der Autorin beabsichtigte. Obwohl ich die zum Ausdruck gebrachten Überzeugungen voll und ganz teile.

Da The Falcon Throne seine politischen Inhalte so unverhohlen zur Schau trägt, halte ich es zudem für legitim, die Geschichte von einem ebenso unverhüllt politischen Standpunkt aus zu kritisieren. 
Ich finde es bemerkenswert, dass Savas' Herrschaft als eine Ära des wirtschaftlichen Aufschwungs dargestellt wird, an dem die Mehrheit der Bevölkerung offenbar partiziperen konnte. Materiell gesehen scheint es ihnen im "neuen" Hyrkania tatsächlich besser zu gehen. Hand in Hand damit geht die Tendenz, die Masse der einfachen Leute als einen leicht zu manipulierenden Pöbel darzustellen, der nur gar zu schnell bereit ist, auf den Schwächeren herumzutrampeln. Mir scheint sich darin etwas von den Schwachpunkten der Ideologie wiederzuspiegeln, die heutzutage nicht nur unter Amerikas "Linken" und Liberalen vorherrscht. 
Rechtsextreme Bewegungen und Regime dienen im Kern der Verteidigung der im Kapitalismus herrschenden sozialen Ungleichheit. Zwar sind gesellschaftlich marginalisierte Gruppen für gewöhnlich ihre ersten Opfer, weil sie am wehrlosesten sind und sehr leicht als Sündenböcke benutzt werden können. Rassismus ist eine wichtige Komponente rechter Politik, aber sie erschöpft sich nicht in ihm. Denn in letzter Konsequenz richtet sich die Gewalt dieser Bewegungen und Regime gegen die gesamte Arbeiterklasse und hat zum Ziel, deren Ausbeutung noch zu verschärfen und jeden Widerstand dagegen zu brechen. Unter der Herrschaft rechtsautoritärer Regierungen geht es der arbeitenden Bevölkerung deshalb keineswegs materiell besser, sondern schlechter.
Doch vielen heutigen "Linken" ist eine solche materialistische Betrachtungsweise völlig fremd. Sie sehen in rechtsextremen Bewegungen in erster Linie einen simplen Ausdruck der Bigotterie und Intoleranz ihrer Anhänger. Dementsprechend erscheint ihnen Trumps Regime einfach als eine Inkarnation des Rassismus und der Rückständigkeit breiter Schichten der weißen Bevölkerung der USA.
Ganz abgesehen davon, dass sich dahinter nicht selten eine extrem herablassende Sicht auf die Arbeiterklasse verbirgt, führt eine solche Interpretation auch dazu, dass man den Kampf gegen die Rechten mit ausschließlich moralischen Argumenten zu führen versucht. Statt hervorzuheben, dass deren Politik im diametralen Gegensatz zu den elementarsten materiellen Interessen der überwältigenden Mehrheit steht, begnügt man sich mit Appellen an die "better angels of our nature", um Lincolns Formulierung zu verwenden. 
Und ganz genauso spielt es sich auch in The Falcon Throne ab. Die Revolution gegen Savas, die am Ende ausbricht, besitzt ihren Ursprung ausdrücklich darin, dass das Volk von Hyrkania sich auf seine wahren Tugenden zurückbesonnen hat.

Doch lassen wir's für den Moment gut sein mit solch politisch-ideologischen Streitfragen und wenden wir uns lieber der nicht uninteressanten Figur des Despoten Savas zu.
Der ehemalige Händler hat es offenbar nie verwunden, dass Sonja ihn einst nach einer halbjährigen Beziehung verlassen hat. Natürlich ist es Bullshit, wenn er behauptet, seine Liebe zu ihr habe ihn dazu getrieben, ein eroberungslüsterner Despot zu werden. Aber man kann sich schon vorstellen, dass sein angeknackstes männliches Selbstbewusstsein eine psychologische Rolle bei seinem politischen Aufstieg gespielt hat. Auch wenn er das lieber so ausdrückt, dass er "ihrer würdig" habe werden wollen. Jedenfalls kann kein Zweifel daran bestehen, dass er über die Jahre einen ausgewachsenen Red Sonja - Fetisch entwickelt hat. So hat er seine drei Elite-Kriegerinnen zu bizarr-gruseligen Kopien seines Bildes der Abenteurerin geformt. Einschließlich rotgefärbter Haare.
Anders als die echte Sonja tragen die drei Killerinnen den klassischen Chainmail-Bikini. Was wohl als ein Kommentar auf die sexuelle Fetischisierung der Figur verstanden werden darf, die ohne Frage in der langen Geschichte Red Sonjas immer mitgeschwungen ist.
Doch daneben gibt es auch hier eine deutlicher politische Komponente. Savas will Red Sonja zu einer Symbolfigur für sein "neues" Hyrkania machen. Und er ist ehrlich überrascht, als sie nicht bereit ist, in diese Rolle zu schlüpfen.
Am Ende geht es darum, wofür die überlebensgroße Figur Red Sonja eigentlich steht: Für arrogante Gewalt und Rücksichtslosigkeit oder für Individualismus und Menschlichkeit? 
Als die von Savas besonders fanatischem "Sonja-Klon" Kanara gefangene Midyan versucht, sich das Vertrauen des Königs zu erschleichen, schlägt sie vor, er solle dem Volk einfach seine Elite-Killerin als die "echte" Sonja präsentieren und sie anschließend heiraten. Sie selbst werde zu diesem Anlass ein Theaterstück über die Großtaten der hyrkanischen Nationalheldin schreiben. Doch da Midyan in ihrem Werk die tatsächlichen Abenteuer Sonjas auf die Bühne bringt, wobei Marguerite Bennett und Aneke direkt auf Gail Simones Comics anspielen, hat dessen Aufführung ganz und gar nicht die von Savas erhoffte Wirkung. Im Gegenteil – das Stück wird zum Auslöser eines allgemeinen Aufstands, denn es führt dem Volk von Hyrkania vor Augen, worin seine wahren Werte eigentlich bestehen.
Derweil hat sich Sonja selbst im Gebirge einen Phönix-Roc eingefangen, um auf diesem Symbol der Wiedergeburt in die finale Schlacht zu reiten.

Auch wenn ich wie gesehen so einiges an The Falcon Throne zu kritisieren habe, ist mir die Miniserie im Ganzen doch sehr sympathisch. Und ich finde es schade, dass Bennett und Aneke nur sechs Hefte zur Verfügung standen, um ihre Geschichte zu erzählen. Das führt vor allem im letzten Band zu einer arg überhasteten Erzählweise, die es den beiden nicht erlaubt, einige wichtige Wendungen und Momente der Handlung in angemessener Ruhe und Ausführlichkeit darzustellen. Dennoch würde ich allen Freundinnen & Freunden der rothaarigen Kriegerin durchaus empfehlen, bei Gelegenheit einmal in diesen Sechsteiler reinzublättern.   

       

* Die übrigens auch die fünfteilige Valeria - Miniserie für Marvels Age of Conan gezeichnet hat.