"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 23. November 2019

Strandgut

Montag, 11. November 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E05: "The Harvest of Kairos"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Es gibt einen einfachen Grund dafür, warum es mal wieder eine recht lange Unterbrechung in unserer Reise durch die phantastischen Welten von Blake's 7 gegeben hat. Ich hatte nämlich ehrlich gesagt nur sehr wenig Lust, mir diese Episode wieder einmal anzuschauen. Und dass, obwohl sie eine unglaublich putzige Riesenspinnen-Puppe und das Modell einer Mondlandefähre enthält. Daneben aber leider auch eine ziemlich deftige Dosis sexistischer Klischees.
Dies war Ben Steeds erstes Drehbuch für Blake's 7. Er würde noch zwei weitere zu der Serie beisteuern.  Und wenn man sie nebeneinander legt, bekommt das Gefühl, dass der Autor irgendwelche ziemlich wirren und unangenehme Ideen über Geschlechterbeziehungen gehabt haben muss.

Die Episode beginnt mit einer erneuten Konfrontation zwischen der Liberator und einem Jagdgeschwader der Föderation im Orbit eines fremden Planeten. Wie das Schiff unserer Heldinnen & Helden hierher gelangt ist, und warum sich Avon auf die Suche nach einem bizarren Felsbrocken gemacht hat, der in Wirlichkeit eine höchst komplexe Lebensform sein soll, bleibt unklar. Auf jedenfall gelingt es Terrant, die gegnerischen Jäger auszumanövrieren, und Servalan, die das Geschehen von ihrem Hauptquartier aus beobachtet, eine weitere Schlappe beizubringen.

Es macht durchaus Sinn, dass Terrant in einer solchen Situation das Kommando auf der Liberator führt und sich dabei als strategisch versiert erweist. Schließlich war er selbst einmal ein Offizier in der terranischen Flotte. In Sachen Weltraumkämpfe dürfte er der Experte in der Gang sein, zumal Piloten-Ass Jenna nicht länger mit von der Partie ist.
Weniger einleuchtend ist, warum Terrants Name dem Kommandostab der Föderation bekannt ist und Servalan in ihm ihren eigentlichen Widersacher sieht. Mit Blakes Name hätte der entsprechende Dialog vielleicht funktioniert, doch der Ex-Offzier hatte schlicht nicht genug Zeit, um sich einen derartigen Ruf zu erwerben.
Mit  dem bisherigen Verlauf der Staffel gut vereinbar ist hingegen, dass Servalans Position nach wie vor nicht hundertprozentig gefestigt ist und sich sogar einfache Soldaten und Arbeiter "below decks" erlauben, ihre Handlungen zu kritisieren. Wortführer dieses "unverschämten Pöbels" ist Jarvik, ehemals selbst Offizier, nun einfacher "construction worker".

Nach ihrer gelungenen Flucht macht sich unsere Gang nach Kairos auf, einem Planeten mit höchst  wertvollen Edelsteinvorkommen, die an jeder "vernal equinox" (Frühlings-Tag-Nacht-Gleiche) von der Föderation "geerntet" werden, bevor das Überleben von Menschen auf der Oberfläche erneut für fünfzehn Erdenjahre aus  mysteriösen Gründen unmöglich zu sein scheint.
Terrant hat sich zumindest für den Moment offenbar mit seinen Plänen durchsetzen können, die Liberator in ein Piratenschiff zu verwandeln. Als sein enthusiastischster Anhänger erscheint dabei Vila. Persönlich mag der Dieb zwar nicht viel für den autoritären und draufgängerischen Ex-Offizier übrig haben, doch die Aussicht auf schier unermesslichen Reichtum wirkt auf ihn ausgesprochen verführerisch. Sehr viel wichtiger für Terrants auf einmal so dominante Stellung dürfte es jedoch sein, dass Avons ganze Konzentration für den Moment dem komischen "intelligenten Felsbrocken" gehört. Die Kaperfahrt nach Kairos interessiert unseren Zyniker nur wenig. Wir dürfen deshalb auch davon ausgehen, dass Terrant nicht auf Dauer das große Wort auf der Brücke der Liberator wird schwingen können. Sobald er nicht länger von anderen Dingen abgelenkt wird, dürfte Avon kaum bereit sein, seinen Kontrahenten widerspruchslos den Captain spielen zu lassen. 

Derweil hat Servalan sich dazu entschlossen, den respektlosen und prahlerischen Jarvik beim Wort zu nehmen. Wenn er glaubt, die Liberator mit drei Raumjägern bezwingen zu können, möge er das doch bitte über Kairos unter Beweis stellen.
  
Jarvik (Andrew Burt) hätte das Potential dazu gehabt, eine wirklich interessante Figur zu sein. Wir erfahren nie den genauen Grund für seine Degradierung.  Er selbst erklärt dazu bloß: "Because I'm a human being." Seine völlige Respektlosigkeit gegenüber Servalan hat nur bedingt etwas mit ihr als Person zu tun. In erster Linie ist sie für ihn die Repräsentantin eines Systems, das Menschen zu gefügigen Maschinen macht und Leidenschaft durch kalte Berechnung und blinden Gehorsam ersetzt. Dieses System ist es, das er verachtet, nicht so sehr Servalan selbst:
But when was the last time you felt the warmth of the Earth's sun on your naked back? Or lifted your face to the heavens, and laughed with the joy of being alive? How long since you wept at the death of a friend? Doesn't mean a thing to you, does it, Madam President? You've surrounded yourself with machines and weapons, mindless men and heartless mutoids; and when they've done your work, and the machines have done your thinking, what is there left in you that feels?! 
Wie sich zeigt, war er bei seinen Männern ein beliebter Vorgesetzter. Was sicher auch damit zu tun hatte, dass er nicht bereit ist, bedenkenlos die Leben seiner Untergebenen zu opfern. "I have this primitive respect for life."
Es mag verwirrend erscheinen, dass er dennoch bereit ist, seine Dienste Servalan anzubieten. Aber für ihn ist die Eroberung der Liberator vor allem eine persönliche Herausforderung. Mehr noch, ein Duell mit einem Mann, den er respektiert. Denn Terrant diente einmal unter seinem Kommando.
Spätestens an diesem Punkt kommt dann allerdings auch eine Facette seines Charakters zum Vorschein, die ganz und gar nicht geeignet ist, Sympathien zu wecken.
In Abgrenzung zur sterilen, seelenlosen Ordnung der Föderation geriert Jarvik sich nämlich als Vertreter einer "natürlichen Primitivität", und das bedeutet in erster Linie einer primtiven "Männlichkeit". Er ist der Typ, der Frauen nicht mit ihrem Namen, sondern bloß mit "woman" anspricht. Sein "Wettstreit" mit Tarrant muss deshalb  auch stilgerecht in einem Kampf "Mann gegen Mann" enden, während er in Dayna keinen ernstzunehmenden Kontrahenten zu sehen vermag.
Dementsprechend ist natürlich auch seine herablassende Haltung gegenüber Servalan gepaart mit einer gewalttätigen sexuellen Aggressivität, die letztlich darauf  abzielt, die hochmütige Diktatorin in ein gefügiges Weibchen zu verwandeln. Und wie das Klischee es verlangt, findet die Oberste Befehlshaberin eine solche Behandlung zwar demütigend, aber irgendwie auch verdammt erregend.

Noch Fragen, warum ich nicht unbedingt wild darauf war, mir diese Episode erneut reinzuziehen?
Womit ich nicht gesagt haben will, dass Ben Steed den chauvinistischen Machismo Jervaks kritiklos darstellen würde. Der Kerl soll sicher nicht unserer Sympathieträger sein. Aber eben auch kein ausgemachter Bösewicht. Was zuerst einmal ja durchaus positiv einzuschätzen ist. Ambivalente Charaktere sind immer interessanter als eindimensionale Karrikaturen. Aber wie schon gesagt scheinen mir hinter der Figur einige höchst verworrene Ideen zu stehen, und auf dem Bildschirm nimmt sich das alles einfach ziemlich unangenehm aus.

Samstag, 9. November 2019

Strandgut

Montag, 4. November 2019

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure (8)

Robert Blochs "The Dark Isle"

Als ich vor gut zwei Wochen auf dem BuCon in Dreieich das Vergnügen eines kleinen Plausches mit Gerd Rottenecker hatte, meinte dieser, ich sollte mir doch unbedingt einmal seinen letzten Beitrag auf dem Blog der Bibliotheka Phantastika durchlesen. Er enthalte ein Detail, das mich ganz sicher interessieren würde und vielleicht Anlass für einen weiteren Eintrag in "Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure" geben könnte. Was, wie man hier sieht, dann auch der Fall gewesen ist. Noch einmal vielen Dank für diesen Hinweis!
Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs ließ der gute Gerd die Katze dann schon vorzeitig aus dem Sack: Er war vor einiger Zeit eher zufällig auf eine Sword & Sorcery - Geschichte gestoßen, die von niemand anderem geschrieben worden war, als von Robert Bloch!
In der Tat eine erstaunliche Entdeckung, vor allem wenn man dabei an den berüchtigten Leserbrief Blochs denkt, der in der Novemberausgabe 1934 von Weird Tales abgedruckt wurde:
I am awfully tired of poor old Conan the Cluck, who for the past fifteen issues has every month slain a new wizard, tackled a new monster, come to a violent sudden end that was averted (incredibly enough!) in just the nick of time, and won a new girlfriend, each of whose penchant for nudism won her a place of honor, either on the cover or on the inner illustration. Such has been Conan’s history, and from the realms of the Kushites to the lands of Aquilonia, from the shores of the Shemites to the palaces of Dyme-Novell-Bolonia, I cry: “Enough of this brute and his iron-thewed sword-thrusts may he be sent to Valhalla to cut out paper dolls.” I would like to see the above tirade in printI feel sure that many of your other readers would support meat least there is good material there for an argument. (1) 
Blochs Abneigung gegen die Figur Conan war nicht neu. Schon im April 1934 finden wir einen Eintrag in The Eyrie, in dem er ihn "the Cimmerian Chipmunk" nennt. Doch eine derart wortreiche Attacke war natürlich eine bewusste Provokation, die er einen Monat später mit der kurzen Bemerkung: "Conan vile, C.L. Moore splendid" noch einmal unterstrich. {Im Oktober war Moores erste Jirel-Story Black God's Kiss erschienen.}
Man kann sich gut vorstellen, dass die Fangemeinde des Cimmeriers nicht eben freundlich auf diese harsche Behandlung ihres Helden reagierte. Und es ist gut möglich, dass Herausgeber Farnsworth Wright auf eine ebensolche Reaktion spekuliert hatte, als er Blochs Brief veröffentlichte. Eine hübsche kleine Kontroverse, bei der die Emotionen hochkochen, ist schließlich immer gut fürs Geschäft. Man brauchte nicht lange zu warten. In der  Januarausgabe 1935 von Weird Tales eilte Fred Anger aus Berkeley (Kalifornien) zur Verteidigung von Conans angegriffener Ehre:
By the beard of the prophet! Several things concerning the November issue have aroused my ire, and several others have done just the opposite. [...] Robert E. Howard brought his serial, The People of the Black Circle, to a very nice close; it takes second place on my voting list. A-n-d, speaking of Robert E. Howard reminds me of our friend Conan. Robert Bloch's nasty crack about our blood-thirsty hero has certainly started something. For the past day the grindstones of Angerville have been whetting my ax, and I am now ready to charge into the fray waving the banner of Conan the Cimmerian. I used to consider Conan a vile and despicable hero, but I have changed and he is now foremost in my estimation as a hero. Bring on your tale by Bloch, The Secret in the Tomb, and I'll cut it to the ground. (2)
Blochs erste in Weird Tales veröffentlichte Kurzgeschichte war dann zwar nicht wie angekündigt The Secret in the Tomb, sondern The Feast in the Abbey, die in derselben Ausgabe erschien, in der Anger seine Herausforderung ausgesprochen hatte, aber Conans Champion hielt Wort und hinterließ zwei Monate später folgenden Kommentar über Blochs Debüt:
May I remark that Mr. Bloch's attempt at showing off his ability with big words failed miserably in my estimation? All that this story convinced me of was the fact that Mr. Bloch reads the dictionary. (3)
Keine ganz falsche Einschätzung, auch wenn ich die kannibalistische Version der Gralszeremonie in The Feast in the Abbey schon recht neckisch finde. {Ob die als eine bewusste Anspielung auf Motive der mittelalterlichen Literatur gedacht war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis}.
Allerdings war es vielleicht wirklich keine so kluge Wahl gewesen, einen der beliebtesten Serien-Helden des "Unique Magazine" ausgerechnet kurz vor dem eigenen Debüt zu attackieren. Conan-Fans wie W. Kirk Mashburn,  Jr. und A.S. Doan witterten unlautere Motive:
A reader who buys the magazine for entertainment, and has no personal stake at issue, has every right to offer whatever adverse criticism he thinks justified by what he considers the failure of any writer to come up to expectations. But for one writer, while seeking to establish his own footing, to attack another to the editor--that smacks to me of questionable ethics. Polecat ethics is what I mean (4)
While mentioning the Eyrie, I want to register a complaint against printing letters from authors who adversely criticize the work of other authors. Besides showing a lack of fairness and sportsmanship on the part of the writers, it indicates a lack of respect for the desires of the readers, who purchase the magazine and provide a market for their own stories. It is probable that Mr. Bloch wrote in haste and is repenting in leisure as regards his severe criticism of Conan, the admirable barbarian of Robert E. Howard's stories. (5)  
Auf Anraten Lovecrafts verfasste Bloch eine ausführliche Erwiederung auf diese Vorwürfe, die im Mai 1935 in The Eyrie abgedruckt wurde:  
I have been highly interested in the comments anent my so-called "attack" on Howard in the Eyrie. Now, in all fairness to myself and such readers as Mr. Mashburn, allow me to rise in my own defense against the accusation of using "polecat tactics". I believe the following points will serve to clear up the matter. 
1st. I did not attack Howard. On the contrary, my November letter contains only a pseudo-frenzied tirade against one of his heroes, Conan. If you recall, my previous Eyrie letter of April 1934 praises Mr. Howard to the skies for his fine Valley of the Worm and his Solomon Kane stories. At no time have I ever, directly or indirectly, maligned Mr. Howard's fine and obviously talented abilities as a writer; I confined myself solely to a criticism of Conan's career. 
2nd. I have no desire to "rival" Mr. Howard. I do not presume to pit my seventeen years and some months against his mature brain, nor shall I. 
 3rd. I wholly agree with Mr. Mashburn's views regarding the unethical policy of criticizing a fellow-author. But at the time I wrote that letter I had never had anything printed in WEIRD TALES or any other magazine; consequently, when it it appeared, I was not an author at all, but a plain reader, with a reader's rights of criticism. My letter was in November, my first tale in January. I had no intention of doing anything that might be construed as unethical, not can I be considered so in view of these facts. And that, I hope, settles matters. I am glad that some readers liked my story. (6)
Wer an den weiteren Details der Kontroverse {und Lovecrafts Verteidigung von Conan} interessiert ist, sei auf Bobby Deries ausführlichen Essay Fan Mail: Bloch vs. Conan verwiesen.

Nach all dem mag es in der Tat überraschend erscheinen, dass Bloch in seinen Pulp-Tagen selbst eine Sword &  Sorcery - Geschichte schrieb, die dann auch in Weird Tales veröffentlicht wurde. Allerdings hatte er ja mehrfach darauf hingewiesen, dass er eine ganze Menge für Solomon Kane übrig hatte. Seine Abneigung galt also nicht dem Genre per se, sondern speziell der Figur Conan. Eine Einstellung, die er auch später  nie revidierte, höchstens leicht abmilderte, wie z.B. einem Interview von 1979 zu entnehmen ist:
Time hasn’t mellowed my opinion of Conan, though I do pay my respects to Howard and the rest of his output in the introduction I wrote for Glenn Lord’s edited collection The Black Stone. Neither Conan nor [Seabury Quinns okkulter Detektiv] Jules de Grandin turned me on, though I was extremely taken with [C.L. Moores] Northwest Smith and Jirel of Joiry. 
Nachdem dies aus dem Weg wäre, nun zum eigentlichen Inhalt.

Vielen heute dürfte Robert Bloch wenn überhaupt, dann vermutlich nur noch als Autor der Romanvorlage zu Alfred Hitchcocks Klassiker Psycho (1960) bekannt sein. Das Buch inspiriert von der Geschichte des realen Serienmörders Ed Gein {der auch eine der Vorlagen für "Leatherface" in Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre [1974] werden sollte}  war 1959 bei Simon  & Schuster erschienen. Bald darauf machte Hollywood ein Angebot zum Erwerb der Filmrechte. Wie Bloch später erzählt hat: "The offer was blind: the would-be buyer’s name was not mentioned, only the price five thousand dollars." Schließlich einigte man sich auf $9000, was nach Abzug der Ansprüche von Verlag und Literaturagenten, für den Autor immerhin noch $6750 übrigließ. Auch wenn das verglichen mit den Summen, die der Film schließlich einspielen würde, vielleicht etwas mager wirkt, öffnete der Psycho-Deal dem Schriftsteller doch die Tür zum Film- und Fernsehgeschäft, wo er über die nächsten Jahre und Jahrzehnte viel Arbeit finden sollte. Seinem Namen begegnet man immer wieder, u.a. im Rahmen von Boris Karloffs Thriller (1960-62), Alfred Hitchcock Presents (1960-62), The Alfred Hitchcock Hour (1962-65), der britischen Anthologie-Serie Journey to the Unknown (1968), Tales From the Dark Side (1984-87) und Monsters (1988/89). Er schrieb die Drehbücher für William Castles Strait Jacket (1964) und The  Night Walker  (1964). Freundinnen & Freunden des klassischen Brit-Horrors wird sein Name vor allem im Zusammenhang mit Hammers großem kleinen Rivalen Amicus Productions ein Begriff sein. So basiert Freddie Francis' The Skull (1965)  der vielleicht gelungenste Beitrag der Produktionsfirma zum Gothic Horror der 60er Jahre – auf Blochs Story The Skull of the Marquis de Sade (Weird Tales, September 1945), und er selbst schrieb die Drehbücher für den Thriller Psychopath (1966) und die drei Portmanteau-Horror-Streifen Torture Garden (1967), The House That Dripped Blood (1971) und Asylum (1972). Und last but not least steuerte er auch drei Scripts für Star Trek (1966-69) bei: What Are Little Girls Made Of?, Catspaw und Wolf in the Fold. Beim Blick auf den letzten TOS-Titel fällt mir auf: Bloch hatte wohl eine besondere Faszination für den Serienkiller von Whitechapel, ist eine seiner berühmtesten Stories  doch sicher Yours truly, Jack the Ripper (Weird Tales, Juli 1943) ...

Doch vergessen wir für den Moment diese seine spätere Hollywood-Karriere und wenden uns stattdessen seinen frühen Tagen als Pulpster im Kreis um Lovecraft und Weird Tales zu.

Robert Albert Bloch wurde am 5. April 1917 in Chicago geboren. Seine Eltern Raphael "Ray" Bloch und Stella Loeb waren zwar von deutsch-jüdischer Herkunft, dennoch besuchte der kleine Robert die  methodistische Gemeinde. In der Emmerson Grammar School erwies er sich schon bald als ein intellektuell extrem frühreifes und hochbegabtes Kind.
Blochs Kindheit und Jugend waren einerseits geprägt von harschen ökonomischen Verhältnissen {sein Vater war ein kleiner Bankangestellter, seine Mutter Sozialarbeiterin}, andererseits von den kulturellen Umbrüchen der "Roaring Twenties": Jazz, Kino und der Boom der Pulps. Mit acht Jahren besuchte er eine Vorführung von The Phantom of the Opera. Lon Chaneys berühmte Demaskierungs-Szene versetzte ihn in Angst und Schrecken: "[I]t scared the living hell out of me and I ran all the way home to enjoy the first of about two years of recurrent nightmares". Zugleich jedoch weckte der Film sein Interesse an Horror. Zwei Jahre später gelangte erstmals eine Ausgabe von Weird Tales in seine Hände. Seine Tante Lil hatte ihm bei einem Besuch des Chicago Northwestern Railroad Depots  den Kauf eines beliebigen Magazins versprochen. Zum Erschrecken der guten Dame fiel seine Wahl auf die Augustausgabe von WT mit Hugh Rankins Illustration zu Otis Adelbert Klines Bride of Osiris auf dem Cover. Er entwickelte schnell einen geradezu suchtartigen Heißhunger auf das "Unique Magazine". Mit dem Beginn der Großen  Depression 1929 verlor Blochs Vater seinen Job und die Familie siedelte nach  Milwaukee über, wo Stella eine Anstellung beim Jewish Settlement House fand. Die Blochs wohnten in der East Knapp Street und an jedem Ersten des Monats rannte der junge Robert die Straße hinunter zum Ogden Smoke Shop, um sich die neueste Ausgabe seines geliebten Magazins zu besorgen: "[T]imes were very hard. Weird Tales cost twenty-five cents in a day when most pulp magazines cost a dime. I remember that meant a lot to me."
Bloch besuchte erst die Washington, dann die Lincoln High School. Dort lernte er Harold Gauer kennen, der ein lebenslanger Freund werden sollte. Blochs künstlerische Interessen waren vielfältig: Er malte und zeichnete, engagierte sich im Drama Department seiner Schule, schrieb Vaudeville-Nummern und trat auch selbst in ihnen auf. Eine erste Horrorstory aus seiner Feder erschien im schuleigenen Literaturmagazin The Quill.
Im Alter von sechzehn Jahren schickte Bloch 1933 dann schließlich einen Brief an H.P. Lovecraft, den er von allen Weird Tales - Autoren am meisten verehrte. In ihm erklärte er, dass er nach einer Möglichkeit suche, an einige von HPLs alten und längst vergiffenen Stories zu gelangen. Wie es die Art des Gentleman von Providence war, reagierte dieser prompt und mit großer Höflichkeit und ehrlichem Interesse auf die Anfragen seines jungen Fans. In einem Interview mit Randy and Jean-Marc Lofficier hat Bloch 1983 über den Beginn dieser Korrespondenz und was sie für ihn bedeutete erzählt:
So, I wrote to Weird Tales and I wrote to Lovecraft in care of them to ask whether or not he knew where I could get some of these stories that I'd read about. He told me that he'd be glad to lend me any copies of any of his stories. So, we got into correspondence.
In about the fourth letter he said, “There's something about the way you write that makes me think that perhaps you'd be interested in doing the same thing. Would you like to write some stories? I'd be glad to comment on them.” So, naturally, how could I resist? I wrote several stories which were very bad, and he didn't criticize them, he praised them. Which was just the kind of encouragement I needed.
When I got out of high school at seventeen, I bought a second hand typewriter, I sat down and I began to work. Six weeks later I sold my first story to Weird Tales. Lovecraft and I remained in close contact until the day he died in 1937.          
Wie bei einer Reihe anderer angehender Schriftsteller erwies sich  Lovecraft auch bei Bloch als ein unermüdlicher, geduldiger und stets aufmunternder Förderer. Rick Lai zählt in seinem äußerst detailreichen Essay The Lost Tales of  Robert Bloch ganze einundzwanzig Stories und Storyideen auf, die Bloch im Laufe der nächsten Jahre an Lovecraft schickte und die von diesem kommentiert und kritisiert wurden. Schon bald fand Bloch Aufnahme in den weiteren "Lovecraft-Zirkel" und begann auch mit anderen seiner Mitglieder Briefe auszutauschen. Ungefähr zur selben Zeit (1934/35)  fand er außerdem Zugang zu der in Milwaukee ansässigen Schriftstellergruppe The Fictioneers, der u.a. der Science Fiction - Autor Stanley G. Weinbaum angehörte.
Die ersten Stories, die Bloch bei Weird  Tales einreichte, wurden von Fanrnsworth Wright abgelehnt. Dafür erschienen Lilies (1934), The Laughter of a Ghoul (1934) und Black Lotus (1935) dann in William L. Crawfords Magazinen Marvel Tales und Unusual Stories bzw. dem Fantasy Fan. Sechs Wochen nach seinem Schulabschluss gelang es dem inzwischen Siebzehnjährigen im Juni 1934 dann, seine erste Geschichte The Secret in the Tomb an  das "Unique Magazine" zu verkaufen. Wie schon erwähnt wurde allerdings nicht sie, sondern The Feast in the Abbey als erste dort abgedruckt.

Es verwundert sicher nicht, dass ein Gutteil von Robert Blochs frühem Oeuvre sehr deutlich den Einfluss Lovecrafts verrät. Und wie viele andere Mitglieder des "Zirkels" tummelte auch er sich dabei  öfters auf der gemeinsamen Spielwiese des Cthulhu-Mythos. Schon in The Secret in the Tomb tauchen neben dem Necronomicon und Clark Ashton Smiths Book of Eibon der Nekromant Ludvig Prinn und sein Grimoire De Vermis Mysteriis auf. Blochs wohl bedeutendste  Beiträge zum Mythos, die sich später u.a. bei Henry Kuttner, August Derleth, Brian Lumley, F. Paul Wilson und Stephen King wiederfinden.
Wie bei Fans jedweder Art  häufig zu beobachten, wurde der Mythos in späterer Zeit von vielen Cthulhu-Jüngern fürchterlich ernst genommen. Doch für Lovecraft und seine Freunde stellte er in erster Linie ein amüsantes gemeinsames Spiel dar, das oft mit recht viel Humor betrieben wurde. Man griff die Ideen der Mitspieler auf und baute zahlreiche mehr oder minder verdeckte Anspielungen auf diese in die eigenen Stories ein. So wurde z.B. aus August Derleth der Comte d'Erlette, Verfasser der fürchterlichen Cultes des Ghoules und Clark Ashton Smith machte in Lovecrafts Whisperer in Darkness einen Auftritt als atlantischer Hohepriester Klarkash-Ton. In The Suicide in the Story (Weird Tales, Juni 1935) erwähnt Bloch einen gewissen Luveh-Keraph, Priester der Bast, in Anspielung auf Lovecrafts große Liebe zu Katzen. Ein besonders neckisches Beispiel für diesen spielerischen Umgang ist ganz sicher Blochs Story The Shambler From the Stars (Weird Tales,September 1935), in der eine deutlich nach Lovecrafts Vorbild gezeichnete Figur auf genüsslich geschilderte und besonders grausliche Weise von einer Kreatur aus den interstellaren Abgründen in Stücke gerissen wird. Bloch hatte für diesen makabren Scherz zuvor die Erlaubnis seines Freundes und Mentors eingeholt, die dieser ihm nur zu gerne erteilte. Er schickte ihm eine offiziöse, von fiktiven Gestalten wie Abdul Alhazred, Robert E. Howards Von Juntz und Clark Ashton Smiths Gaspard Du Nord beeidigte, Erklärung, die es dem Empfänger gestattete "to portray, murder, annihilate, disintegrate, transfigure, metamorphose, or otherwise manhandle the undersigned in the tale entitled The Shambler From the Stars". Lovecraft revanchierte sich außerdem bei Bloch, indem er in The Haunter of the Dark nun seinerseits den aus Milwaukee stammenden Autor Robert Blake {wink! wink!} ein recht unangenehmes Ende finden ließ. (7)
Das erste Mitglied des "Zirkels", dem  Bloch  persönlich begegnete, war August  Derleth, der ebenfalls in Wisconsin lebte. Seinen ersten Eindruck beschrieb er später so: "[He] fulfilled my expectations as a writer by wearing this purple velvet smoking jacket. That impressed me even more because Derleth didn't even smoke." Schon bald hatten die beiden Freundschaft geschlossen und statteten sich regelmäßig gegenseitige Besuche ab. Anfang 1937 schmiedeten sie den Plan, Lovecraft einen Besuch in Wisconsin zu ermöglichen. Der alte  Gentleman sollte mit dem Zug nach Milwaukee kommen und dort bei Bloch oder einem seiner Freunde unterschlüpfen. Gemeinsam könnte man die Redaktion von Weird Tales in Chicago besuchen, um anschließend bei Derleth in Sauk City einzukehren. Doch all dies zerschlug sich auf tragische Weise,  als sie die Nachricht von Lovecrafts plötzlichem Tod erreichte. Das Dahinscheiden seines Mentors erschütterte Bloch zutiefst: "The news of his fate came to me as a shattering blow; all the more so because the world at large ignored his passing. Only my parents and a few correspondents seemed to sense my shock, and my feeling that a part of me had died with him."

Bloch schrieb auch weiterhin für Weird Tales, zu deren wichtigsten Autoren er bald gehörte, konnte sich in den folgenden Jahren aber auch neue Märkte bei Amazing, Strange Tales und Unknown  erschließen. Sein Freundeskreis erweiterte sich zur selben  Zeit u.a. um Henry Kuttner, C.L. Moore und Ray Bradbury. Die lovecraftianische Frühphase allmählich hinter sich lassend, begann er, seine Horrorstories mit neuen Motiven zu füllen und sich auch in anderen phantastischen Genres auszuprobieren. Teil dieser Entwicklung war wohl auch die Kurzgeschichte The Dark Isle, die im Mai 1939 in Weird Tales erschien und seinen einzigen Ausflug in die Gefilde der Sword & Sorcery darstellt.

Anno Domini 60. Unter dem Kommando von Gaius Suetonius Paulinus nähert sich eine römische Flotte einer Insel vor der Küste von Wales. "The Celts knew it as Mona; the Britons called it Anglesey; but the Welsh spoke truly when they named the shunned spot 'Ynys Dywyll' – the Dark Isle." Hier sollen sich die großen Heiligtümer der Druiden befinden. Sie zu zerstören und die üble Brut dieser barbarischen Priester und Zauberer auszurotten, ist das Ziel des Generals.  An Bord eines der Schiffe befindet sich der Legionär Vincius, genannt "the Reaper", Veteran vieler Kriege und  Schlachten. Als in der Nacht vor der Landung ein untoter Druide über die Reling klettert, kommen unserem Helden erste Zweifel über die Weisheit der geplanten Invasion. Aber schließlich ist er ein Soldat und ein stolzer Vertreter Roms, also erwähnt er den unheimlichen Besuch lieber nicht gegenüber seinen Kameraden und Vorgesetzten. So was wär schlecht für die Moral. Doch tatsächlich verwandelt sich die Erstürmung der Insel am nächsten Morgen schon bald in eine blutige Katastrophe, als unzählige Legionäre den Tod von den vergifteten Pfeilen der Barbaren finden. Aus dem Angriff wird rasch ungeordnete Flucht. Der "Reaper" bleibt ohnmächtig auf dem Schlachtfeld zurück. Nachdem er wieder zu sich gekommen ist, trifft er in den Wäldern auf den ehemaligen Galeerensträfling Lupus, der schon seit einiger Zeit gegen seinen Willen hier auf Mona lebt. Lupus weiß zu berichten, dass die Druiden beabsichtigen, am nächsten Tag finstere magische Mächte gegen die römische Flotte zu entfesseln. Der einzige Weg, um die Insel rechtzeitig zu verlassen und die Legion zu warnen,  führt durch ein Gewirr unterirdischer Gänge, in denen unsere beiden Helden schließlich mit dem geballten Schrecken der druidischen Zauberkunst konfrontiert werden.

Die Story spielt vor dem historischen Hintergrund der Erstürmung Angleseys durch die Truppen des Suetonius Paulinus, die Tacitus in seinem Agricola erwähnt. Die Druiden erscheinen dabei noch ganz als die Menschenopfer zelebrierenden Barbaren aus der römischen Literatur. Nichts von netten  Öko-Priestern. Als großer Fan von The Wicker Man hat mir die Schilderung einer entsprechenden Opferzeremonie wie sie Caesar in De Bello Gallico beschrieben hat natürlich besonderen Spaß gemacht. Angereichert wird dies mit einem ordentlichen Schuss finsterer Magie und finaler Monster-Action. Als grimmiger Veteran ist Vincius ein astreiner Sword & Sorcery - Held, der sein Schwert  nicht weniger geschickt und gnadenlos zu schwingen weiß, wie Conan der Cimmerier. Und könnte es einen klangvolleren Spitznamen für einen Helden des Genres geben als "the Reaper"? 
In gewisser Hinsicht ist The Dark Isle dennoch eine Art Affront gegen die howard'sche Sword & Sorcery. Denn für diesen war Rom stets die ultimative Verkörperung der verhassten repressiven "Zivilisation" gewesen, wie man vielleicht am deutlichsten in der Bran Mak Morn - Geschichte Worms of the Earth sehen kann. Howards Sympathie hatte stets den Barbaren gehört. In der endlosen, aber immer freundschaftlich geführten Auseinandersetzung um "Zivilisation" und "Barbarei"  zwischen ihm und Lovecraft hatten die diametral entgegengesetzten Ansichten der beiden über das Imperium Romanum eine wichtige Rolle gespielt. So gesehen könnte man The  Dark Isle beinah als die unbewusste Umsetzung einer Idee interpretieren, die Lovecraft einmal in einem Briefe an C.L.  Moore formuliert hatte: "Or I might get back at Two-Gun by having a single cohort of the VIth Legion decapitate & otherwise dismember an entire tribe of his precious barbarians! S.P.Q.R.!"  (8) Bloß dass es bei Bloch keine einzelne Kohorte, sondern ein einzelner Legionär ist. Ein Legionär feilich, der mehr mit Howards als mit Lovecrafts Helden gemein hat.
Alles in allem ist The Dark Isle nicht bloß eine faszinierende Fußnote im Werk Robert Blochs, sondern eine gediegene kleine Sword & Sorcery - Geschichte, die sich alle Freundinnen & Freunde des Genres bei Gelegenheit ruhig einmal zu Gemüte führen sollten  



(1) Weird Tales, November 1934, S. 651.
(2) Weird Tales, Januar 1935, S. 141f.
(3) Weird Tales, März 1935, S. 399. 
(4) Weird Tales, März 1935, S. 396.
(5) Weird Tales, Mai 1935. S. 651.
(6) Ebd. S. 651f.
(7) Interessanterweise wurden Teile des Plots von The Haunter of the Dark von Hanns Heinz Ewers' Kurzgeschichte Die Spinne inspiriert, die Lovecraft in der von Dashiell Hammett zusammengestellten Anthologie Creeps by Night (1931) gelesen hatte. Aber natürlich finden sich bei ihm keinerlei Spuren der sexuellen Motive aus  Ewers' Story der typischen Décadence-Figur der vampirischen Femme Fatal oder der masochistischen Untertöne des Geschilderten. 
(8) Zit. nach: Bobby Derie: Conan and Jirel: Robert E. Howard and C. L. Moore. Part Two

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Strandgut

Freitag, 18. Oktober 2019

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure (7)

Das phantastische Oeuvre des Nictzin Dyalhis

Wenn ein Pulpautor unter einem so extravaganten Namen wie Nictzin Dyalhis geschrieben hat, ist das eigentlich bereits Grund genug, einmal einen Blick in sein Werk zu werfen, oder? 
Und da eine seiner Stories, die in der Februarausgabe 1934 von Weird Tales erschienene Geschichte The Sapphire Goddess, ohne gar zu viele geistige Verrenkungen der Sword & Sorcery zugerechnet werden kann, dachte ich mir, es sei legitim, sein Oeuvre im Rahmen unserer alten Blogpost-Reihe über die frühen Tage des Genres zu behandeln. 
Dyalhis genoss seinerzeit große Popularität bei der Leserschaft von Weird Tales. Fünf seiner gerade einmal acht Beiträge zum "Unique Magazine" konnten bei ihrer Erstveröffentlichung den begehrten Posten der Coverstory ergattern.* Doch heutigentags dürfte er weitgehend in Vergessenheit geraten sein, auch wenn 2018 eine Sammlung seiner phantastischen Geschichten bei DMR Books erschienen ist. Soweit ich weiß, ist keine seiner Stories je ins Deutsche übersetzt worden. Allerdings muss ich zugeben, nachdem ich eine Woche mit den Ausgeburten seines schriftstellerischen Gehirns verbracht habe, bin ich geneigt zu behaupten, dass dieses Schicksal vielleicht nicht so ganz unverdient ist. Aber bevor wir irgendwelche allgemeinen Urteile über die Qualität seines Werkes fällen, wollen wir uns selbiges erst einmal in aller Ruhe anschauen, und natürlich auch die Frage zu beantworten versuchen, wer sich hinter dem eigentümlichen Namen eigentlich verbarg.

Letzteres ist gar keine so leichte Aufgabe, denn es gibt kaum gesicherte Informationen über Nictzin Dyalhis und sein Leben. Das beginnt bereits beim Namen.  
Weird Tales - Herausgeber Farnsworth Wright bestätigte Donald Wandrei, dass alle Schecks, die er dem Schriftsteller ausgestellt hatte, "were made out to that name".** Pseudonyme zu benutzen war im Pulp-Geschäft zwar keine Seltenheit, aber "Nictzin Dyalhis" gehörte offenbar nicht in diese Kategorie. Es gibt ausreichend Belege dafür, dass der Autor dies als seinen regulären Namen verwendete. Aktenkundig wurde er als solcher erstmals im September 1918 im Zusammenhang mit seiner Einberufung in die Armee. Später taucht der Name u.a. in mehreren Volkszählungen auf. Als Geburtsort und -datum gab er 1918 Massachusetts und den 4. Juni 1873 an, allerdings gibt es genug Beweise dafür, dass er mit solchen "Fakten" recht leichtfertig umsprang. Seine Registrierungskarte aus dem 2. Weltkrieg z.B. führt Pima (Arizona) und den 4. Juni 1880 an. Vorsicht ist also geboten. Als Beruf finden wir in offiziellen Akten zwischen 1918 und 1930 "box nailer", "chemist" und "machinist (machine tool manufacturing)". Erst in der Volkszählung von 1940 bezeichnete er sich selbst als "writer for magazines".***
Einer der ganz wenigen aus der SFF-Gemeinde der Zeit, der Nictzin Dyalhis "im Fleische" begegnete, war Willis Connor. Besser bekannt für sein späteres Engagement in der amerikanischen Jazz-Szene und als Hirn und Stimme der Jazz Hour von Voice of America war Connor in jungen Jahren Herausgeber der Fanzine Science Fantasy Correspondent und stand in Briefkontakt mit H.P. Lovecraft. Wie genau er die Bekanntschaft von Dyalhis machte, ist mir unbekannt, doch verbrachte er eigenen Angaben zufolge in den frühen 40ern mehrere Wochenenden bei ihm in Salisbury (Maryland), "forgoing sleep for days and nights, talking, or, more often listening fascinated to the story of his life." Und was er dabei zu hören bekam, war in der Tat abenteuerlich, wie man seinem in der in der Septemberausgabe 1942 von Weird Tales abgedruckten Nachruf auf den Autor entnehmen kann:       
He had known wealth and poverty. He had lived much in the Orient, and had known intimately its splendor and squalor. A tiny blue dragon, tatooed on a vein on his wrist, proclaimed him a member of a Chinese occult society. He was one of the few white men to enter Tibet and leave with its secrets. Once he had stained his body and bluffed his way into a genuine voodoo ceremony in Haiti. For many years Rudyard Kipling was a close friend.****
Zwar ist es theoretisch denkbar, dass Nictzin Dyalhis tatsächlich einmal ein ferne Länder bereisender Abenteurer gewesen war. Schließlich wissen wir abolut nichts über die ersten gut fünfunddreißig Jahre seines Lebens. Aber die Wahrscheinlichkeit ist doch sehr viel größer, dass es sich bei ihm um einen eifrigen Schüler des guten Baron Münchhausen handelte.
Bezüglich des Namen schreibt Willis Connor:
Many must have thought (as I did at first) that he was using a pen-name. But Nictzin Dyalhis was his real name. Nic I'm not sure of, but Tzin means something wonderful to the Mexican Indians to whom he was related. And the name Dyalhis goes, back thousands of years, through his Scotch-English ancestry, to the Roman god Flamen Dialis -- from which were also derived the names Dallas and Douglas.
Anderen gegenüber behauptete der Schriftsteller scheinbar, sein Vater sei nicht schottischer, sondern walisischer Herkunft gewesen. Was nicht wirklich einen Unterschied macht, ist "Dyalhis" als Name doch weder in Schottland noch in Wales bekannt. Und die "indianische" Abstammung dürfte ebenso frei erfunden sein wie seine Behauptung, "Nictzin" stamme aus dem Aztekischen (Nahuatl), selbst wenn seine Mutter tatsächlich aus Guatemala gekommen sein sollte, wie er 1918 angegeben hatte. Seine Neigung, sich selbst und sein Leben mit einer exotischen Aura zu umgeben, hatte ihn schließlich sogar dazu gebracht, in offiziellen Dokumenten den Vornamen seiner zweiten Ehefrau Mary in "Netulyani" zu verwandeln! Die verschiedentlich aufgestellte These, "Nictzin Dyalhis" sei in Wirklichkeit die romantische Verballhornung eines geläufigen Namens wie Nicholas Douglas oder Dallas gewesen, klingt zwar recht überzeugend, ist aber durch nichts zu beweisen. Und so können wir letztenendes bloß festhalten, dass der Schriftsteller mit ziemlicher Sicherheit nicht mit seinem ungewöhnlichen Namen geboren worden war und es ganz allgemein mit der Wahrheit nicht sonderlich genau nahm.

Demtentsprechend unwahrscheinlich ist es natürlich auch, dass Dyalhis tatsächlich Mitglied einer "okkulten chinesischen Geheimgesellschaft" war, wo auch immer er das Drachen-Tatoo in Wirklichkeit hergehabt haben mochte. Allerdings legen seine phantastischen Kurzgeschichten nahe, dass er in der Tat ein reges Interesse an esoterischen Lehren besaß, wenn auch wohl eher an den modischen amerikanischen seiner Zeit und nicht an den asiatischen "Originalen". Vor allem in einigen seiner frühen Stories wie The Eternal Conflict (1925) und The Dark Lore (1927) finden sich Ideen über die Natur des Kosmos und der menschlichen Seele, die mit ziemlicher Sicherheit nicht Dyalhis' eigener Imagination, sondern irgendwelchen esoterischen Schriften entstammten. Auch zieht sich durch sein gesamtes Oeuvre das Motiv der Reinkarnation und der Erinnerung an vergangene Existenzen. Wie ernst es ihm mit all dem war, lässt sich freilich nicht sagen. Auffällig ist allerdings, dass die okkulten Motive weniger ein indisch-theosophisches als vielmehr ein deutlich christlich beeinflusstes Flair besitzen. Der Antagonist in The Eternal Conflict ist niemand anderer als Luzifer persönlich und The Dark Lore spielt größtenteils in der Hölle. Andererseits liegt den Geschichten ganz offensichtlich kein traditionelles, orthodox-christliches Weltbild zugrunde. Könnte es sich um rosenkreuzerische Einflüsse handeln? Mein Wissen ist da zu beschränkt, aber ein etwas wahlloses Herumblättern in Max Heindels 1909 veröffentlichtem Schmöker The Rosicrucian Cosmo-Conception or Mystic Christianity hat mir zumindest das vage Gefühl vermittelt, dass es da gewisse Ähnlichkeiten gibt. Putzigerweise finden sich in alten Weird Tales - Ausgaben Werbeanzeigen für den AMORC (Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis) mit der Catch-Line "Can We Recollect Our Past Lives?"

Nictzin Dyalhis begann seine Pulp-Karriere 1922 mit zwei Kurzgeschichten (Who Keep The Desert Law & For Wounding - Retaliation), die in Adventure erschienen und scheinbar "stories of Amerindian life" waren. Der Phantastik wandte er sich erst drei Jahre später zu, als er mit When the Green Star Waned seinen Einstand bei Weird Tales feiern konnte. 

Die SciFi-Geschichte fand eine euphorische Aufnahme bei der Leserschaft des "Unique Magazine". "Readers voted [it] the most popular story in the issue in which in appeared, the most popular story of 1925, and the fifth most popular of all stories printed between November 1924 and January 1940."***** Sie bildete bis zum Ende die Basis seiner Reputation. In der Januarausgabe 1929 wurde sie erneut abgedruckt, und noch The Sea-Witch (Dezember 1937) wurde im Magazin als eine neue Geschichte "written by the author of 'When the Green Star Waned'" angepriesen.  
Everett Bleiler bezeichnet die Story in Science Fiction: The Early Years als "one of the earliest space operas". Eine Charakterisierung, der ich mich nicht so ganz anzuschließen vermag. Dass sie "a seminal work in the history of pulp s-f" darstellt, bezweifle ich freilich nicht. "[I]t was read by most of the early writers and offered both conceptual and literary patterns". Allein schon die Tatsache, dass es sich bei ihr vermutlich um die Geburtsstunde des "Blasters" handelt {der hier allerdings noch "blastor" geschrieben wird}, macht sie zumindest zu einer interessanten Fußnote in der Geschichte des Genres. Auch geht es Bleiler keineswegs darum, ihre Bedeutung als literarisches Werk schönzureden, beschreibt er sie doch selbst als "distasteful and negligible".

So richtig unappetitlich wird es meiner Ansicht nach zwar erst im Sequel The Oath of Hul Jok (September 1928),  aber zweifelsohne finden sich recht deutliche Ansätze für diese Entwicklung auch schon in Dyalhis' Weird Tales - Debüt. Wenn sie mir nicht gar zu übel aufgestoßen sind, ich der Story sogar einen gewissen Charme nicht absprechen würde, ist dafür ausschließlich der eigentümliche Stil verantwortlich, in dem sie geschrieben wurde. Mir ist ehrlich gesagt nicht wirklich klar, wie When the Green Star Waned eigentlich gelesen werden sollte. Soweit ich sehen kann, wurde sie stets als eine ernsthafte Science Fiction - Geschichte aufgenommen. Aber ich kann mir nicht helfen, der zugleich plauderhafte und gestelzte Tonfall,  in dem sie durch den Mund des venusischen Chefchronisten Hak Iri erzählt wird, der schiere Irrsinn der holprigen Handlung, die verballhornten Planetennamen wie "Venhez", "Aerth", "Markhur" und "Ooranos" -- all das  und mehr verleihen der Geschichte in meinen Augen einen leicht parodistischen Zug, weshalb mich z.B. die beiläufig geschilderte Grausamkeit des Erzählten, die auch hier schon ins Auge sticht, noch nicht ganz so unangenehm berührt hat wie in der Fortsetzung.
Als Ron Ti, der genialste Wissenschaftler der Venus, die beunruhigende Entdeckung macht, dass "Aerth" keine der eigentlich zu erwartenden Lebenszeichen mehr von sich gibt, macht sich eine Clique von sieben befreundeten "Venhezians", allesamt Koryphäen auf ihrem Gebiet, mit einem "Aethir-Torp" (Äther/Raumschiff) auf, um auf dem "Grünen Stern" nach dem Rechten zu sehen. Sie finden eine postapokalyptische Landschaft vor. Wie sich nach einigem Rumgesuche heraustellt, ist die Erde von monströsen Mondbewohnern (den "Lunarions") erobert worden, die die überlebenden Reste der Menschheit telepathisch versklavt haben. {Wenn wir schließlich erfahren, wie es zu dieser Invasion gekommen ist, bekommen wir eine abstruse Mixtur aus pazifistischer Botschaft und "Yellow Peril" - Warnung vorgesetzt.} Da die "Lunarions" abgrundtief böse, ja geradezu blasphemische Geschöpfe sind {sie besitzen nicht einmal eine Seele!}, sehen unsere Helden es als ihre heilige Pflicht an, das Universum von diesen Ungeheuern zu befreien. Unglücklicherweise erweisen sie sich gegenüber den "Blastors" unserer Helden als immun {anders als die willenlosen Menschensklaven, die gleich Dutzendweise niedergemacht werden}, und so nimmt man schließlich einen "Lunarion" gefangen, damit Ron Ti in seinem Labor dessen Schwachstellen ausfindig machen kann. {An diesem Punkt kamen mir unangenehme Assoziationen zum Schicksal des "Brain Bug" am Ende von Paul Verhoevens Starship Troopers}. Die Story endet mit der völligen Vernichtung der "Lunarions".  

The Oath of Hul Jok  liest sich anfangs noch ähnlich amüsant wie When the Green Star Waned, vorausgesetzt man bringt es fertig, über einige krass sexistische Passagen hinwegzuschauen. Doch der im Laufe der Erzählung immer ungezügelter zutagetretende Sadismus erreicht schließlich Ausmaße, die bei mir eine beinah körperliche Übelkeit hervorgerufen haben.  
Dem letzten überlebenden "Lunarion" gelingt die Flucht von der Venus, nachdem er die sieben "love-girls" unserer Helden seiner telepathischen Kontrolle unterworfen hat. Sein Ziel ist offenbar die Erde, doch die wutentbrannten Venusianer kommen ihm zuvor. Anders als erwartet, hat die Menschheit in der Zwischenzeit nicht begonnen, ihre alte Zivilisation wieder aufzubauen. Des Rätsels Lösung ist schnell gefunden: Während der Zeit ihrer Herrschaft hatten sich die Mondwesen mit menschlichen Frauen gepaart, und die aus dieser Verbindung hervorgegangene Hypbridrasse hat in der Folge ihre eigene Diktatur über die Menschen errichtet. Warum diese neuen Bösewichter eine halbtierische Gestalt haben, ist freilich nicht so ganz klar. Jedenfalls sind es ebenso verworfene Geschöpfe wie ihre Erzeuger, die sich scheinbar die meiste Zeit mit gar grausigen und perversen Orgien vergnügen. 
Was folgt ist eine sich ständig steigernde Abfolge von Gewalttaten. Zuerst bekommen wir zu sehen, wie Hul Jok, der bärenstarke "Kriegsherr" der "Venhezians", die Schlangenprinzessin Idarbal würgt und gleich mehrmals ohnmächtig prügelt. Dann wird munter Völkermord geplant
Remember, this hell-brood you are wasting pity upon are but intelligent animals -- or reptiles rather -- they are un-naturalisms; depraved; given to loathly debaucheries; unfit to survive; for whom is no place in a decent universe! 
Der Höhepunkt aber ist die Folterszene, in der der venusische Chefmediziner Vir Dax vergnügt lächelnd Vivisektionen an einigen Vertretern der Hybridrasse vornimmt. Da kam's mir dann wirklich beinahe hoch. Und diese Typen sind unsere Helden!
Der widerliche Charakter der Geschichte erhält noch eine zusätzliche Dimension durch den kolonialistischen Subtext. Die sieben "Venhezians" spielen zwar die Rolle der "Befreier" für die erneut versklavten Erdenmenschen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie diese als ebenbürtige Partner im Kampf gegen die teuflischen Hybridwesen betrachten würden. Vielmehr halten sie es für selbstverständlich und sogar notwendig, dass diese sie als halbgöttliche Gestalten ansehen sollen. Auch werden sie nicht erneut den Fehler machen, die Erde nach dem Sieg und der Ausrottung der widernatürlichen Unholde einfach sich selbst zu überlassen. Vielmehr wird man ein venusisches Kolonialregime errichten, das solange das Sagen haben wird, bis die Menschen "reif" genug geworden sind, um sich selbst zu regieren.
Es war schon immer eine Spezialität des US-Imperialismus seine kolonialen Eroberungen als wohlmeinende "Befreiungsaktionen" darzustellen. Wie Leo Trotzki es einmal so schön ausgedrückt hat: "Amerika befreit immer jemand, das ist gewissermaßen der „Beruf“ dieses Landes." Bei der Lektüre von The Oath of Hul Jok musste ich da vor allem an die Annexion der Philippinen im Anschluss an den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 denken. Die anderen Großmächte brauchten etwas Zeit, um diesen Trick zu lernen, doch heute ist er natürlich als "Humanitäre Intervention" der allgemein verbreitete modus operandi imperialistischer Weltpolitik

The Eternal Conflict (Oktober 1925) erzählt von den Abenteuern eines Astralreisenden, der sich im Auftrag seiner "göttlichen" Schutzpatronin als Spion an Luzifers Hof einschleicht, um schließlich in einen offenen Krieg zwischen den Mächten des Guten und des Bösen, einer Art zweiten Engelsrebellion, verstrickt zu werden.
Einen Astralleib auf interstellarer Reise zu begleiten, ist nicht ohne Reiz, und verleiht der Story stellenweise einen beinahe schon psychedelischen Touch. Dabei fällt allerdings nicht zum ersten Mal auf, dass der gute Dyalhis recht merkwürdige Vorstellungen von Physik und Astronomie gehabt haben muss. Zugleich scheint mir diese Erzählung am deutlichsten von "authentischen" esoterischen Lehren beeinflusst zu sein. Ein nettes Detail dabei ist, dass der Protagonist, hochrangiges Mitglied eines in New York ansässigen "Okkulten Ordens", im "Privatleben" ein wohlhabender Geschäftsmann ist und als Metapher für das Zusammenspiel der überirdischen Mächte und Entitäten die hierarchische Arbeitsteilung in einem modernen Großkonzern verwendet:
This universe is a “going concern”, as we would say of a huge industrial plant. Such a plant has its general manager; assistant managers; super-intendents; foremen, etc. Why not the universe, which is the greatest plant of all?
Ungewollt sagt Dyalhis damit eine Menge über den sozialen Charakter moderner "esoterischer" Logen und Bruderschaften aus.

The Dark Lore (Oktober 1927) besteht größtenteils aus dem Erlebnisbericht einer archetypischen "verworfenen Frau", die erst ihre engelsgleich-unschuldig-blonde Schwester ermordet, dann mit einem Dämon anbandelt, um schließlich gar grausige Höllenstrafen zu erleiden. Die Höllenszenen sind dank ihrer phantasmagorischen Qualität zwar recht unterhaltsam, scheinen mir aber erneut einen unangenehmen Hang zum Sadismus zu verraten. So wird Dyalhis in seiner Schilderung zwar nicht explizit, macht aber doch ziemlich deutlich, dass seine Protagonistin u.a. von einer ganzen Horde von Dämonen vergewaltigt wird. Und dann gibt's da auch noch leicht lesbisch angehauchte Furien. Natürlich fällt es nicht leicht, zu bestimmen, wie ernst es dem Autor mit seiner Geschichte war. Sein Hauptinteresse lag sicher in der Schilderung der Höllenwelt. Dennoch ist die Story ihrer Form nach eine klassische Warnung an die "Sünderinnen & Sünder" mit der drohenden Strafe im Jenseits als metaphysischem Knüppel. Allerdings ist Dyalhis' Hölle kein Ort ewiger Verdammnis wie in der traditionellen christlichen Vorstellung, sondern ein temporäres Purgatorium, aus dem die meisten {oder vielleicht auch alle} Seelen am Ende gereinigt und der göttlichen Vergebung würdig hervorgehen.

Mit The Red Witch (April 1932) erleben wir den Übergang von Nictzin Dyalhis' früher "esoterischer" Phase zur heroischen Fantasy von The Sapphire Goddess, die hier allerdings noch im pseudo-steinzeitlichen Gewand auftritt. Aber so hatte ja selbst Robert E. Howards Karriere in Weird Tales begonnen (Spear and Fang, Juli 1925). Als Aufhänger dient dabei erstmals die Erinnerung an eine vergangene Existenz, ein in der phantastischen Literatur jener Zeit recht beliebtes Motiv -- man denke z.B. an Jack Londons The Star Rover (1915) oder Howards The Valley of the Worm (1934) und The Garden of Fear (1934) --, das bei Dyalhis aber zugleich als Überbleibsel seiner alten Faszination für das Okkulte erscheint. Beinah so, als bräuchte er eine Brücke, um sich in diese doch recht anders gearteten Gefilde der Phantastik vorzuwagen. Für sich genommen ist The Red Witch allerdings nicht sonderlich interessant, auch wenn mir die Figur des alten, verkrüppelten Juhor "the Snake" gefallen hat, der auf geschickte Weise Kriegshäuptling Athak solange manipuliert, bis dieser bereit ist, einen Rachefeldzug gegen den Kannibalenstamm zu organisieren, der Juhor die Liebe seines Lebens und seine körperliche Unversehrtheit genommen hat.

Womit wir zu der Story gekommen wären, die Nictzin Dyalhis' Aufnahme in unsere Blogpost-Reihe am ehesten rechtfertigt. Allerdings beginnt auch The Sapphire Goddess (Februar 1932) auf einer etwas ungewöhnlichen Note für eine Sword & Sorcery - Geschichte:
Suicide as a means of escaping trouble never appealed to me. I had studied the occult, and knew what consequences that course involved, afterward. But I was fed up on life. I was destitute, and had no friends who might help, even were I to appeal to them. At forty-eight, one does not easily regain solvency. And, gradually, I’d lost all ambition. Not even hope remained. If only there were some other road out – a door, forexample, into the hypothetical region of four dimensions … it certainly couldn’t be worse there than what I’d borne in the last three years ...
Und tatsächlich findet sich der Ich-Erzähler wenig später in einer phantastischen Welt wieder. Und nicht bloß das -- er wird auch augenblicklich in einen wilden Schwertkampf mit einigen fiesen Zwergen verwickelt. Und unerklärlicherweise weiß er plötzlich auch verdammt geschickt mit der Klinge umzugehen. Na, wenn das keine abenteuerliche Abwechselung ist! Wie ihm Krieger Zarf nach dem Scharmützel berichtet, ist er in Wirklichkeit König Karan von Octolan, dem von dem bösen Zauberer Djl Grm nicht bloß der Thron, sondern auch Gattin und Gedächtnis gestohlen wurden, woraufhin der fiese Geselle ihn auf eine andere Existenzebene {sprich: unsere Erde} verbannt habe. Die einzige Chance, die Erinnerung an sein wirkliches Leben zurückzuerhalten, besteht darin, die Hilfe eines anderen Magiers, des mächtigen Agnor Halit, zu gewinnen, der zwar nicht weniger teuflisch als Djl Grm, aber seit jeher mit diesem verfeindet sei. Den beiden schließt sich schon bald der kleine Koto an, Halbblut-Sohn eines mächtigen Elementargeistes, selbst aber eine eher jämmerliche Kreatur. So scheint es zumindest:
With a snivelling howl the poor wretch of a Hybrid blundered in awkwardly and flopped asprawl before me. He grasped his head in both ape-like paws, looked at Zarf out of terror-filled eyes, opened his ugly gash of a mouth, and emitted a raucous howl.
Gemeinsam macht sich das Trio auf durch die "Red Wilderness" zur "Sea of the Dead" und den "Mountains of Horror". Originelle Namen waren nicht unbedingt die Stärke von Dyahlis. Auf dem Weg begegnen sie Kotos Vater, der ihnen einige Hilfestellungen und Ratschläge zukommen lässt.
In den Ruinen einer uralten Metropole trifft Karan dann erstmals die geisterhaft-vampirische "Princess of Hell". Mit der eigentlichen Story hat die zwar nicht wirklich viel zu tun, aber Dyalhis liebte ganz offenbar die Figur des "dämonischen Weibes", das sich aus unerfindlichen Gründen in den Helden seiner Geschichten verguckt. In The Oath of Hul Jok war das Prinzessin Idarbal, in The Red Witch die eponymische Hexe {eine zugegeben sehr viel freundlichere Version des Topos, aber immer noch als solche erkennbar} und nun halt diese "Höllenprinzessin". Na ja ...
Schließlich taucht Agnor Halit auf und man schließt einen Deal. Der Zauberer ist bereit, unserem Helden seine Erinnerungen zurückzugeben, wenn dieser zuvor die Statue der "Sapphire Goddess" aus einer unterirdischen Katakombe entwendet und dem Magier übergeben hat.
In beinahe allen phantastischen Erzählungen von Nictzin Dyalhis schwingt -- mal stärker, mal schwächer -- ein unangenehmer Vibe mit, der ihre Lektüre nicht unbedingt zu einem Spaß macht. Im Falle von The Sapphire Goddess ist das natürlich der ganze Subplot um die "Princess of Hell". Aber davon einmal abgesehen, ist das eine wirklich vergnüglich zu lesende kleine Sword & Sorcery - Geschichte. Wie Fletcher Vredenburgh es so hübsch ausgedrückt hat, ist dies die "most brilliantly pulpy" seiner phantastischen Stories. Schon allein die Idee, dass unser Held die Hilfe eines explizit bösen Magiers benötigt, um zu triumphieren, ist recht reizvoll. Zumal sich Agnor Halit keineswegs als "missverstanden" oder "im Herzen eigentlich doch ganz okay" erweist. Der Typ ist tatsächlich ein fieser Bastard, aber er rettet dem amnesischen König Karan dennoch mehrfach das Leben. Die sympathischste Überraschung aber ist der kleine Koto. Wirklich alles andere als eine heroische Gestalt entpuppt er sich am Ende nicht nur als mindestens ebenso mutig wie seine Gefährten, sondern auch als deutlich schlauer denn Krieger Zarf oder der Ex-König und Ich-Erzähler selbst. Ihm allein ist es zu verdanken, dass die Geschichte ein Happy End besitzt. Und diese Wendung hätte ich Nictzin Dyalhis ganz ehrlich nicht zugetraut.

Schon irgendwie schade, dass es bei diesem einen Abstecher in die Sword & Sorcery geblieben ist. Aber scheinbar war Dyalhis' alte Faszination für das Esoterisch-Okkulte {die er ja auch in The Sapphire Goddess nicht ganz hatte  abschütteln können} einfach stärker.
Das soll jedoch nicht als eine Art Vorverurteilung seiner nächsten Geschichte, The Sea-Witch (Dezember 1937) missverstanden werden. Handelt es sich bei dieser doch um seine wohl gelungenste Variante auf die Themen vergangene Existenz und Reinkarnation.
Der knapp sechzigjährige John Craig, emeritierter Professor für Anthropologie,  Ethonologie und Ärchaologie, begegnet auf einem abendlichen Spaziergang am Strand der jungen Heldra Helstrom, die gerade auf unerklärliche Weise den Wogen des Meeres entstiegen zu sein scheint. Er nimmt die Frau, bei der es sich ganz offensichtlich nicht um eine normale Sterbliche handelt, bei sich auf. Gegenüber den Nachbarn gibt er sie als seine Nichte aus. Heldra scheint der alten Wikingerzeit entsprungen und belegt Craig mit dem Namen "Jarl Wulf", den sie in ihm wiedergeboren glaubt. Doch auch wenn ihm die junge Frau und ihr exzentrisches Verhalten schon bald ans Herz wachsen, beunruhigt ihn zunehmend, dass Heldra sich scheinbar mit den Schwarzen Künsten abgibt. Als mit Anbruch der sommerlichen Touristensaison auch der Playboy Michael Commnenus in dem Bardeort auftaucht, wenden sich die Dinge rasch zum Finsteren, denn Heldra ist auf der Suche nach Rache für ein lang zurückliegendes Verbrechen.
Zuerst einmal möchte ich keinen Zweifel daran lassen, dass die Beziehung zwischen dem alten Akademiker und der jungen "Seehexe" oft ziemlich creepy wirkt. Ich-Erzähler Craig ergeht sich ununterbrochen in Beschreibungen der sinnlich-verfühererischen Schönheit von Heldras körperlicher Erscheinung. {Dyalhis scheint eine Vorliebe für die Formulierung "shapely arms" gehabt zu haben}. Freilich gibt diese ihm dafür auch mehr als genug Anlässe, wenn sie immer wieder in höchst luftigen Gewändern durch die Gegend streift.
Und doch ist Heldra die mit Abstand interessanteste  Vertreterin von Dyalhis' "dämonischen" Frauengestalten. Anders als Idarbal oder die "Princess of Hell" ist sie kein Monster und keine teuflische Sadistin. Selbst wenn sie Craig auf magische Weise dazu zwingt, Teil ihrer Rachepläne an Michael Commnenus zu werden, ändert  das nichts  an  der ehrlichen Zuneigung, die sie für den alten Professor, ihren "Uncle John", empfindet. Doch die von Commnenus in einer vergangenen Existenz begangenen Verbrechen waren zu monströs, als dass sie nicht jedes sich ihr bietende Mittel einsetzen würde, um ihre Rache an ihm zu vollstrecken.
{Bemerkung am Rande: Nictzin Dyalis hielt Ragnar offenbar für einen Frauennamen und die altnordische Meeresgöttin Rán für eine männliche Gottheit!}

Die in der Septemberausgabe 1940 von Weird Tales erschienene Geschichte Heart of Atlantan bildet nicht unbedingt einen glücklichen Abschluss für sein phantatsisches Oeuvre. Erneut treten die Versatzstücke einer gar zu banal anmutenden "Esoterik" in den Vordergrund: Eine Séance; ein weibliches Medium; "automatisches Schreiben" und die Faszination für die "uralte Weisheit" des versunkenen Atlantis ... All das wirkt gar zu abgeschmackt. Einzig der in Gestalt einer titanischen Frauenstatue errichtete Tempel, in den sich die Protgaonistin flüchtet und in deren linker Brust sie das eponymische "Herz" findet, dessen Zerstörung den Untergang des Inselreiches einleitet, weiß zu beeindrucken.

Ist Nictzin Dyalhis' phantastisches Oeuvre eine vergessene Schatztruhe der Pulp-Phantastik?
Das  sicher nicht. Auch wenn zu erkennen ist, wie der Autor im Laufe der Jahre seinen Stil zu verfeinern gelernt hat, versteht er doch nie wirklich zu glänzen. Seine gar zu große Anhänglichkeit für die Abgeschmacktheiten der modernen Esoterik wirkt irgendwann ermüdend. Und gar zu oft stoßen wir auf  unappetitliche Elemente oder verstörende Vibes.
Dennoch möchte ich sein Werk nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Für alle Freundinnen und Freunde heroischer Pulp-Fantasy dürfte The Sapphire Goddess eine vergnügliche Lektüre abgeben, und auch einige seiner anderen Stories besitzen durchaus ihren Reiz. Nur um The Oath of Hul Jok sollte man einen möglichst weiten Bogen machen, es sei denn man hat Lust, einmal etwas wirklich widerliches zu lesen.
 
   
    

* April 1925 - Oktober 1927 - April 1932 - Februar 1934 - Dezember 1937
** Vgl.: Fletcher Vredenburgh: Rescued from the Vaults of Time: The Sapphire Goddess – The Fantasies of Nictzin Dyalhis. 
*** Vgl.: Bear Alley Books: Nictzin Dyalhis.
**** Weird Tales, September 1942, S. 122.
***** Tellers of Weird Tales: Nictzin Dyalhis (1873?-1942)