"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 13. Juni 2021

Strandgut

Donnerstag, 10. Juni 2021

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E09: "Sarcophagus"

Ein Blake's 7 - Rewatch

[M]y overall plan, if time and continuance had allowed, was to have been to write in depth about all the characters – including the ship herself. Even the bothering Orac. (Those who know anything of my other work know robot psychology has never deterred me from leaping in headfirst.) 

Leider sollte Tanith Lee nie die Gelegenheit erhalten, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Dennoch müssen wir Chris Boucher auf ewig dankbar dafür sein, dass er die Schriftstellerin während der Vorbereitungsphase zur dritten Staffel aufforderte, ein Drehbuch zu Blake's 7 beizusteuern. Wie er auf die Idee kam, weiß ich nicht genau. Lee war zu diesem Zeitpunkt (1978/79) bereits eine recht berühmte SFF-Autorin, auch wenn die meisten ihrer Romane in Amerika bei Don & Elsie Wolheims DAW Books erschienen, seit sich ihr Sword & Sorcery Epos The Birthgrave (1976) für britische Verlage als zu "edgy" erwiesen hatte. Da Boucher selbst ein begeisterter SF-Leser war, darf man wohl annehmen, dass er ein Fan ihrer Bücher war und sich deshalb an sie wandte. Wie dem auch sei, auf jedenfall lief er mit diesem Ansinnen offene Türen ein, denn Tanith Lee war ihrerseits von Anfang recht begeistert von Blake's 7 gewesen. Wie sie in einem Interview mit dem Fanzine Scorpio Attack erzählt hat:

I’d watched almost every episode from the first. After that first show, the nature of the programme seemed to change – the first was very dark, political – worrying. But then fantasy came in more definitely, and the adventures began. I enjoyed both aspects very much. I had, mostly unconsciously, been aware of other potential aspects in the characters that weren’t being used. Chris Boucher gave me the chance to explore these, or some of them. 

Und so schrieb Lee mit Sarcophagus ihr erstes TV-Drehbuch. Für Staffel 4 würde sie dann noch ein weiteres Script beisteuern.

Doch bevor wir uns die Episode ein wenig näher anschauen, eine kurze Vorbemerkung. Ich bin über ein paar Rezensionen gestolpert, in denen erklärt wird, Sarcophagus sei mehr Fantasy als Science Fiction. Ganz falsch ist das vielleicht nicht, aber ich frage mich dennoch, ob es ein bloßer Zufall ist, dass dies ausgerechnet über eine Folge geschrieben wird, deren Drehbuch von der einzigen Autorin verfasst wurde, die an Blake's 7 mitgewirkt hat. Hard SF war die Serie ohnehin nie, und man wird schwerlich behaupten können, eine Episode wie James Folletts Dawn of the Gods sei weniger "Fantasy". Ich erinnere kurz: Da ging's um einen luziferischen Gott, der in einem Schwarzen Loch wohnt, und dessen "Großwesir" im Kostüm eines Varieté-Magiers durch die Gegend stolziert ...  Sollte bei diesen Kommentaren also nicht vielleicht doch ein klein wenig das dumme alte Vorurteil mitschwingen, Frauen könnten keine Science Fiction schreiben?

Freilich besitzt Sarcophagus in der Tat einen sehr eigenen Ton. So beginnt die Episode mit einer etwa fünf Minuten langen, völlig dialogfreien und leicht surreal anmutenden Szene. Was für ein Ritual die silberhäutigen Robenträgerinnen da durchführen, bleibt vorerst mysteriös, doch werden dabei von ihnen drei maskierte Gestalten heraufbeschworen: Der Narr, die Musikantin und der Krieger. Schließlich erscheint ungerufen noch eine dritte, bedrohlich wirkende Figur, die von der zelebrierenden Priesterin aber rasch gebannt wird. Erst zum Abschluss wird klar, dass es sich bei dem Ganzen scheinbar um eine Begräbniszeremonie gehandelt hat.

Sprung auf die Liberator. Cally hat sich seit Stunden in ihre Kajüte verkrochen und hängt trübsinnigen Gedanken über ihre untergegangene Heimatwelt Auron nach. Als Avon kommt, um sie auf die Brücke zu rufen, erkennt er sofort, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Und obwohl es ihm nie leicht fällt, seine wahren Gefühle für andere zu zeigen, versucht er ihr auf seine unterkühlte Art Trost zu spenden.

Schon diese kleine Szene zeigt, dass Tanith Lee ein gutes Gespür für die Figuren hatte. Sarcophagus ist im Grunde eine "Bottle Episode", die völlig auf den Auftritt irgendwelcher Gastcharaktere verzichtet. Wenn man von dem surrealen Prolog einmal absieht. Anders als bei solchen Episoden üblich, war der Grund dafür allerdings nicht Kostenersparnis. Lee wollte sich ganz bewusst auf das Kernensemble konzentrieren: "[T]he ill-assorted crew were a glorious ‘family’ to tackle. I could detect a lot of stuff inevitably going on behind their individual masks – some of it obvious and some obscure, tantalising." Mit einer Handvoll Dialogzeilen gelingt es ihr, gleich zwei für die Geschichte wichtige Momente hervorzuheben: Callys Trauer und das Gefühl der Einsamkeit, das für sie als Telepathin unter Nicht-Telepathen besonders schmerzhaft sein muss. Sowie die besondere Beziehung, die zwischen ihr und Avon besteht. Denn obwohl die beiden so grundverschiedene Persönlichkeiten sind, verbindet sie doch ein Gefühl von gegenseitigem Respekt und sogar ehrlicher Zuneigung.

Die anschließende Szene auf der Brücke zeigt, dass Lee auch für die Beziehungen zwischen den übrigen Mitgliedern der Crew ein gutes Auge besitzt. Das gilt sowohl für kleine Details, so etwa, wenn Dayna großen Spaß daran zu haben scheint, den armen Vila zu necken und zu provozieren. Vor allem aber für den großen "Alpha-Männchen" - Konflikt zwischen Tarrant und Avon. Der bricht sofort auf, als ein fremdartiges (und scheinbar unbemanntes) Raumschiff in der Nähe der Liberator auftaucht und man sich entscheiden muss, ob man weiterhin einem Asteroiden mit wertvollen Metallen nachjagen oder lieber das mysteriöse Gefährt untersuchen soll. Avon hält letzteres nicht für besonders ratsam, wird jedoch von den anderen überstimmt. Wenn er daraufhin Tarrant "befiehlt", auf der Liberator zu bleiben, während er selbst zusammen mit Cally und Vila auf das fremde Schiff teleportieren wird, wirkt das wie der Versuch, seine angegriffene "Dominanz" wiederherzustellen. Allerdings hat er wohl noch einen anderen Grund dafür. Denn allen beiden ist Callys merkwürdige Reaktion beim Erscheinen des Schiffes aufgefallen. Doch während Avon seine Gedanken lieber bei sich behält, hat Tarrant sein Misstrauen gegenüber der Telepathin offen zum Ausdruck gebracht. 

Das fremde Schiff entpuppt sich als eine Art fliegender Sarkophag, der schon seit einer halben Ewigkeit durchs All gewandert sein muss. Stärker noch als zuvor machen sich bei Cally irgendwelche Psi-Einflüsse bemerkbar, auch wenn sie das weiterhin ihren Kameraden gegenüber leugnet. Und das, obwohl das Gefühl einer fremden Präsenz schließlich so stark wird, dass sie ihre Strahlenpistole abfeuert. Als dadurch ein Selbstzerstörungsmechanismus ausgelöst wird und das Trio zur Liberator zurückgeholt werden soll, werden Vila und Avon vom Teleporter unerklärlicherweise zurückgelassen. Erst als Cally noch einmal zurückkehrt und ihre Freunde direkten Körperkontakt mit ihr haben, gelingt es, alle drei herüberzuholen, kurz bevor das fremde Schiff explodiert. Außer einem merkwürdigen, eiförmigen Artefakt (und einem Ring, den Cally heimlich eingesteckt hat) konnte nichts geborgen werden.

Die seltsame Fehlfunktion des Teleporters verstärkt Tarrants Misstrauen gegenüber Cally noch weiter. Er sagt ihr unumwunden ins Gesicht, dass sie etwas verheimliche. Sie reagiert ausweichend. Bevor er sie weiter bedrängen kann, greift Avon ein. ("Shut up!") Warum genau er dies tut, ist etwas unklar. Schließlich hegt er selbst einen ganz ähnlichen Verdacht. Aber vermutlich geht es ihm einfach gegen den Strich, dass ausgerechnet Tarrant eine Freundin von ihm unter Druck setzt. Augenblicklich explodiert der untergründig stets vor sich hin brodelnde Konflikt zwischen den beiden.
Tarrant: Don't try and bluff your way with me, Avon. I know what's been needling you right from the start. With Blake gone, you thought you'd got it made, didn't you? Thought you'd got control of this ship and a crew of three who'd say, "Yes, Avon. Whatever you want, Avon." But you reckoned without me.
Avon: That wouldn't be too difficult.
Tarrant: Oh, really? I don't think so. When you found me on the Liberator, it was quite a blow. And every time you look at me, it hits you harder, doesn't it? I'm faster than you and I'm sharper. As far as it goes, I've made a success of my life. But you? The only big thing you ever tried to do you failed at. The greatest computer swindle of all time ... but you couldn't quite pull it off, could you? If it hadn't been for Blake, you'd be rotting on Cygnus Alpha right now. No, you failed, Avon. But I win. Not just at games, at life.
Avon: You also talk too much.
Tarrant: Be thankful I'm restricting myself to talk.
Avon: Well now, that's fascinating. You mean you can do something else?
Bevor die beiden handgreiflich werden können, geht Dayna dazwischen. 
Schließlich kommt man überein, dass es das Beste wäre, um die Gemüter zu beruhigen, wenn der Rest der Crew Vilas Vorbild folgen und sich erst mal eine Runde aufs Ohr hauen würde.
 
Was folgt ist die einzige Gesangseinlage in der Geschichte von Blake's 7. Während wir Bilder der in der sternenübersäten Schwärze des Alls schwebenden Liberator zu sehen bekommen, hören wir Josette Simon (Dayna) folgende Verse singen:
I left my world to wander in
this endless midnight sky,
for space is just a starry night
where no suns ever rise 

Tanith Lee hat über diesen eigenwilligen Part ihres Drehbuchs gesagt:

I was startled when, having allocated the song, I learned Josette was a professional singer. I thought she sang magically, and was more than happy. [...] And why the song? Well I compose them now and then, and this one arrived with the script, music and words.
Welche erzählerische Funktion diese Gesangseinlage hat? Zum einen schafft sie eine Atmosphäre von Verlorenheit, auch wenn es dabei sicher sinnvoller gewesen wäre, wenn Jan Chappell (Cally) die Verse gesungen hätte. Zum anderen kennzeichnet sie den Wendepunkt, von dem ab die Episode *wirklich weird* wird.
 
Zuerst kommt es zu einigen leichten Spukhaus- und Poltergeistphänomenen. Dann fällt das eiförmige Artefakt, dessen Funktionsweise auch Supercomputer Orac nicht wirklich zu ergründen vermochte (wobei er sich seiner typisch irritierende Ausdrucksweise bedient: "I am not willing to speculate on so tenuous and oblique a basis."), wie fauliges Obst in sich zusammen. Die Systeme der Liberator werden von heftigen Energiefluktuationen erfasst und ein Eindringlingsalarm ausgelöst.
 
Was ist geschehen? Eine außerirdische Entität, bei der er sich um die "Seele" der auf dem Sarkophag-Schiff Bestatteten handelt, ist in Callys Bewusstein eingedrungen. Dabei hat sie deren Gefühl der Einsamkeit ausgenützt.

Cally, you've been so long alone. Cut off from your people. You've been homesick for your own world, your own kind, haven't you? For someone to communicate with. True communication: one brain speaking to another. But you won't ever be alone again, Cally. Not now, not for as long as you live.

Deshalb hat Cally zu lange gezögert, um sich energisch gegen diese psychische Überbahme zu wehren und liegt nun in einer Art Koma. Die Entität hat ihren Körper als Blaupause verwendet, um sich einen neuen Leib zu erschaffen, ohne dabei freilich auf goldglänzende Haut und prächtige Gewänder zu verzichten. Um ihre noch instabile physische Form aufrechtzuerhalten, pumpt sie nicht nur die Energieressourcen der Liberator an, sondern saugt auch vampirgleich Callys immer schwächer werdende Lebenskräfte in sich auf. Freilich hat sie im Zuge dieser Reinkarnation auch Callys Erinnerungen und Teile ihrer Persönlichkeitsstruktur in sich aufgenommen. Unglücklicherweise besitzt sie aber auch die Fähigkeit, tödliche Energieblitze auszuteilen.

Da die Wiederauferstandende in ihrem alten Leben offenbar eine Art Aristokratin war, genügt es ihr nicht, die Liberator zu kapern. Sie hätte auch ganz gerne ihre Domestiken zurück. ("When I was alive before, I was accustomed to being served by intelligent menials.) Also sollen Vila, Dayna und Tarrant in die im Prolog eingeführten archetypischen Rollen von Hofnarr, Musikantin und Krieger schlüpfen. Was u.a. dazu führt, dass wir die Drei immer mal wieder kurz in der entsprchenden Gewandung durch die Gegend laufen sehen.

Etwas schade finde ich es, dass nicht Dayna die Kriegerrolle verpasst bekommt. Bei allem, was wir über sie wissen, würde das eigentlich wie die Faust aufs Auge passen. Und warum nicht Tarrant eine bisher unbekannte Vorliebe fürs Leierspielen andichten? Das wäre bei ihm nicht überraschender als bei der aggressiv-impulsiven Amazone. Nun ja ... Vila freilich ist für die Rolle des Gauklers und Narren wie geschaffen. (Und in The Keeper hatte er sie ja sogar schon einmal gespielt). Allerdings legt die Auferstandene (bzw. Tanith Lee) dabei eine recht profunde Einsicht in seine Persönlichkeit an den Tag: "He has a very high IQ and yet he acts like an imbecile." Interessanterweise war Lee scheinbar eine von denen gewesen, die Chris Boucher dazu gedrängt hatte, eine Episode in die Staffel aufzunehmen, in der der liebenswerte Dieb und Feigling einmal der Held sein darf. Was mit City At The Edge Of The World dann ja auch gemacht wurde.

Am Ende ist es Avon, der den Schwachpunkt der Auferstandenden erkennt und auszunutzen versteht. Da ein Teil von Callys Persönlichkeit in ihr fortlebt, gilt das auch für die Gefühle, die sie ihm gegenüber hegt. Deshalb ist es ihr unmöglich, ihn zu töten, als er sich ihr herausfordernd entgegenstellt. Und so kann Avon schließlich in die Rolle der geheimnisvollen vierten Figur aus dem Prolog schlüpfen. Einer Figur, die man nun als eine symbolische Verkörperung des Todes interpretieren kann. Allerdings bedeutet der "Tod" für das außerirdische Wesen nicht einfach ein Verlöschen:

I HAVE to keep this body. I have to live. I've waited so long. Centuries. More time than you could comprehend. How can you imagine what it must be like to be dead, to exist in nothingness, in nowhere. Blind, deaf, dumb, and yet to be sentient, aware, waiting. Centuries of waiting. I have to find my world again, my people, my home. I want to breathe and see and feel. And know. Don't send me back into the dark, Avon, let me live.

Angesichts eines derartigen Schicksals ist man beinah geneigt, Mitgefühl für die Wesenheit zu empfinden, ganz gleich wie hochmütig und gnadenlos sie sich zuvor auch aufgespielt hatte. Avon zögert natürlich trotzdem keinen Moment, den Ring zu zerstören, der die eigentliche Verbindung zwischen der Verstorbenen und dieser Welt darstellt, und sie damit in ihre Limboexistenz zurückzustoßen.

Dass Cally von einer fremden Intelligenz auf telepathische Weise manipuliert wird, ist natürlich keine neue Idee. Vergleichbare Episoden hatte es zuvor schon eine ganze Reihe gegeben. Was Sarcophagus zu etwas besonderem macht, ist zum einen die wunderbar bizarre Atmosphäre, die mit dem Prolog etabliert wird und vor allem in der zweiten Hälfte der Handlung dann voll zum Durchbruch gelangt. Außerdem ist die Auferstandene kein eindimensionaler Bösewicht, sondern verfügt über eine wirkliche Persönlichkeit. Jan Chappell gelingt es sehr überzeugend, sowohl ihre arrogant-aristokratische Fassade, als auch die Furcht und Verlorenheit, die sich dahinter verbergen, zum Ausdruck zu bringen. Schließlich aber verbindet Tanith Lee das geläufige Motiv mit einem tiefen Verständnis der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander. All dies zusammen macht Sarcophagus zu einem weiteren Highlight der dritten Staffel von Blake's 7.

Montag, 24. Mai 2021

Strandgut

Samstag, 22. Mai 2021

Dan Dare - The Audio Adventures

Dan Dare ist britisches SciFi-Urgestein, älter noch als selbst Doctor Who. Die Abenteuer des "Pilot of the Future", die seit April 1950 als Comic Strips in The Eagle erschienen, bildeten für mehrere Generationen von Kindern im Vereinigten Königreich die Eingangspforte in das Genre. Selbst ein späterer New Wave - Ikonoklast wie M. John Harrison begann mit ihnen seine lebenslange Reise in die Welt des Phantastischen.
 
Spiritus rector des Eagle war der anglikanische Reverend Marcus Morris. Sein Magazin war als eine Art Antidot gegen die "fürchterlichen", "amoralischen", "gewalttätigen" US-Horror-Comics gedacht, die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch in England großer Beliebtheit erfreuten. Kein Wunder also dass Dan Dare ganz den Typus des aufrechten, moralisch einwandfreien Actionhelden verkörperte -- eine Art britischer Buck Rogers, der zugleich Vertreter der "ehrenhaften" Traditionen des Empire ist. Aus gutem Grund wird der Comic manchmal als "Biggles in Space" beschrieben. Daneben waren es die äußerst detaillierten Zeichnungen von Frank Hampson, sowie verhältnismäßig komplexe, oft viele Ausgaben des Eagle überspannende Handlungsbögen, die Dan Dares Abenteuer charakterisierten. Als Morris 1959 den Posten des Herausgebers aufgab und das Magazin an Odhams Press überging, drängten die neuen Besitzer das kreative Team, die Geschichten um den "Pilot of the Future" stromlinienförmiger und "moderner" zu gestalten. Woraufhin auch Hampson seinen Abschied nahm und Frank Bellamy die Leitung übernahm. 

Der ursprüngliche Comic fand 1967 sein Ende, doch über die Jahrzehnte kehrte Dan Dare immer mal wieder in neuen Inkarnationen zurück, u.a. auf den Seiten von 2000 A.D. (1977-79). Dabei änderten sich Ton und Stil zum Teil drastisch. Am krassesten vielleicht in Grant Morrisons Dare von 1990, einem finster-nihilistischen Kommentar auf die bleierne Zeit der Thatcher-Ära.
 
Verglichen mit so extremen "Neuinterpretationen" nimmt sich das Hörspiel The Voyage to Venus, das man sich derzeit bei BBC Radio 4 zu Gemüte führen kann, beinahe "klassisch" aus. Was jedoch in meinen Augen keineswegs etwas schlechtes ist. 
2016 brachte das Studio B7 Media, das u.a. auch für eine ganze Reihe von Blake's 7 - Hörspielen verantwortlich zeichnet, eine erste Staffel von Dan Dare - Adaptionen heraus, von der Voyage to Venus das Eröffnungskapitel ist. The Red Moon Mystery und Marooned on Mercury werden im Laufe der nächsten Wochen gleichfalls bei der BBC zugänglich gemacht werden. 2018 folgte eine zweite Staffel.
Nun kenne ich bislang ja nur den Auftakt des Ganzen, doch der hat mir ausgesprochen gut gefallen. Story und Figuren wurden auf unaufdringliche und geschickte Weise modernisiert, ohne dass die abenteurliche Geschichte dadurch etwas von ihrem Pulp-Charme eingebüßt hätte. Ein Riesenspaß ganz nach meinem Geschmack! 
 
Die Handlung wurde in die Gegenwart oder nahe Zukunft verpflanzt. Im Zentrum steht das ursprüngliche Trio Dan Dare, Professor (Jocelyn Mabel) Peabody und Digby. Allerdings wurden alle drei Figuren mehr oder weniger stark umgeformt.
Col. Dan Dare (Ed Stoppard) ist ein wagemutiger Testpilot für die Royal Air Force. Doch seit sein Vater vor Jahren bei einem Testflug ums Leben gekommen ist und von der RAF-Führung anschließend zum Sündenbock für das Unglück gestempelt wurde, ist sein Verhältnis zu den Militärs gespannt. Sein größter Traum ist es, einmal am Vorstoß in den Weltraum teilzunehmen. Aber da das britische Raumfahrtprogramm offiziell eingemottet wurde, scheinen die Chancen dafür ziemlich schlecht zu stehen. Doch dann wird er eines Tages überraschend zum militärischen Leiter der eigentlich gar nicht mehr aktiven Abteilung beordert. Es stellt sich heraus, dass vor einiger Zeit ein UFO von der Venus in England abgestürzt ist. In der Folge  wurde das Raumfahrtprogramm im Geheimen wieder gestartet. Angesichts staatlicher Budgetkürzungen allerdings weitgehend in privatisierter Form. Neben dem Militär hat darum nun vor allem die Eagle Corporation (Zwinker! Zwinker!) das Sagen.
Deren Repräsentantin ist Prof. Peabody (Heida Reed). Wenn Dan anfangs ziemliche Probleme mit ihr hat, so nicht, weil ihm eine Frau als Vorgesetzte zugeteilt wurde, sondern weil er ganz allgemein  wenig für Befehlshierarchien übrig hat und ihm außerdem die Idee, die Erforschung des Weltraums zu einem profitgetriebenen Geschäft zu machen, gehörig gegen den Strich geht. Trotzdem sagt er natürlich nicht nein, als man ihm anbietet, an einer Expedition zur Venus teilzunehmen. Auch wenn die Gründe, warum man ausgerechnet ihn für diesen Posten ausgewählt hat, nicht unbedingt schmeichelhaft klingen. Dans überragende Fähigkeiten als Testpilot waren dabei natürlich schon von Bedeutung, doch wie Peabody ganz offen erklärt, ging es der Eagle Corporation auch darum, der Öffentlichkeit eine werbewirksame Heldenfigur präsentieren zu können. Und dafür stellte der wagemutige Col. Dare eine ideale Wahl dar, nicht zuletzt, weil er "easy on the eyes" ist!
Digby (Geoff McGivern) hat die stärksten Veränderungen erfahren. Im ursprünglichen Comic war er Dan Dares "Batman" (~ "Offiziersbursche") und spielte in erster Linie die Rolle eines Comic Relief - Charakters. Davon hat sich nichts erhalten, außer seinem Working Class - Background. Lieutenant und in Ehren ergrauter Veteran mit zwanzig Jahren Diensterfahrung, wird der ruppige Digby dem Team als "militärischer Berater" zugeteilt. Gegen Ende von Voyage to Venus deutet sich allerdings an, dass ihn seine Vorgesetzten noch mit einer anderen, wahrscheinlich etwas zwielichtigeren Mission betraut hatten.
 
Und damit wären wir auch schon bei der wahrscheinlich deutlichsten tonalen Veränderung gegenüber dem Original: Es steht zwar nicht im Zentrum, doch schwingt in der ganzen Story ein unverkennbares Misstrauen gegenüber Autoritäten, dem Militär und der Großíndstrie mit. 
Die eigentliche Handlung ist trotzdem feinster, "traditioneller" Pulp-Spaß. Den in dem abgestürzten UFO angegebenen Koordinaten folgend, erreichen unsere Held*innen mit ihrem Raumschiff Anastasia die Venus. Auf der Oberfläche des Planeten könnte es selbstverständlich kein Leben geben, doch im dichten Wolkenmeer der Atmosphäre entdecken sie eine gewaltige fliegende Stadt. Aber die erwartete freundliche Begrüßung bleibt aus, stattdessen werden sie umgehend gefangen genommen und vor den Mekon (Raad Rawi) geführt -- Dan Dares traditionellen Erzwidersacher. Der hyperintelligente Diktator herrscht mit eiserner Faust und eiskalter Logik über das Volk der Treen. Doch Sondar (Bijan Daneshmand) und seine mutigen Rebellen wollen seiner Tyrannei ein Ende setzen und hoffen dabei auf die Unterstützung der Erdlinge.
Das Regime des Mekon erinnert zwar recht deutlich an antikommunistische Klischees aus der Ära des Kalten Krieges, aber das gehört für mich beinahe zum Flair einer solchen Geschichte. Viel wichtiger fand ich es, dass unsere Held*innen wirkliche Held*innen sein dürfen. Peabody spielt anfangs zwar mit dem Gedanken, ob man nicht zu einer profitablen Übereinkunft mit dem Mekon gelangen könnte. Und Digby fragt sich, ob der Diktator nicht im Recht ist, wenn er Sondars "Terroristen" das Handwerk zu legen versucht. Doch am Ende schlagen alle drei Befehle und Profit in den Wind und entscheiden sich, das zu tun, was richtig ist: Den unterdrückten Treen in ihrem Kampf um die Freiheit beizustehen.
 
Ich bin schon sehr gespannt, welche Abenteuer unser Trio in The Red Moon Mystery erleben wird. Für den Moment kann ich bloß noch einmal betonen, dass alle Freund*innen hübsch pulpiger SciFi auf jedenfall die Gelegenheit nutzen sollten, sich die erste Staffel von Dan Dare - The Audio Adventures zu Gemüte zu führen, solange sie auf BBC Radio 4 zugänglich ist. Es lohnt sich!

Dienstag, 11. Mai 2021

Sword, Sorcery & Psychedelia

In der Welt der Sword & Sorcery - Comics ist Zeichner Esteban Maroto vielleicht am bekanntesten dafür, dass er Red Sonja ihren berühmt-berüchtigten Chainmail Bikini verpasste. Zuerst in einem Pin-up, das im Januar 1973 in der "Giant Sword & Sorcery" - Ausgabe von Comixscene erschien, dann ein Jahr später in einer Standalone - Zeichnung für Band 3 von Savage Tales. (1) Ob man ihn dafür feiern oder verfluchen sollte, muss jede*r für sich selbst entscheiden. In der Folge arbeitete er auch am allerersten Soloabenteuer des She-Devils mit, das im August 1974 unter dem simplen Titel Red Sonja in Band 1 von The Savage Sword of Conan abgedruckt wurde. Es sollten zwei Jahrzehnte vergehen, bis Maroto zu Red Sonja zurückkehren würde, um die Adaption von David C. Smiths und Richard L. Tierneys Roman The Ring of Ikribu für Savage Sword of Conan #230-233 zu zeichnen. Zu dieser Zeit war der Chainmail Bikini aus der Mode gekommen, was Maroto überhaupt nicht gefiel. Wie er in Letter to a Redheaded Goddess schreibt:

They asked me to do a story with you dressed in a steal breastplate and some leather straps, which made you look like a Roman centurion or a transvestite disguised as a drag queen. I'm a contractor who must work for money, so I accepted the job. It was like making love with a street hooker, some episodes I'd rather forget and hope you can forgive me. (2)
Über Marotos Kostümgeschmack (und seine Ausdrucksweise) kann man sicher geteilter Meinung sein, aber dass die Zeichnungen in The Ring of Ikribu tatsächlich von ziemlich mieser Qualität sind, lässt sich nicht leugnen. Savage Sword of Conan lag Mitte der 90er in den letzten Zügen, und das sieht man dem Magazin auch an.
Der optisch beeindruckendste Beitrag, den Esteban Maroto zum Red Sonja - Universum geleistet hat, ist ohne Zweifel der 2018 bei Dynamite erschienene Band The Ballad of the Red Goddess. Exquisite Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen hier und da einzelne Elemente durch eine blutrote Farbgebung akzentuiert werden. Allerdings ist die von Roy Thomas geschriebene Geschichte ein sehr bewusster Rückgriff auf die "klassische" Ära und wirkt darin beinah wie eine gewollte Provokation. Zum x-ten Mal wird Sonjas Origin Story erzählt, wobei all die fragwürdigen Elemente (Vergewaltigung, Göttererscheinung, "Keuschheitsschwur"), die seit Gail Simones Run (2013-15) aus den Comics verschwunden waren, eine Wiederauferstehung erleben. Das zentrale Motiv von Ballad of the Red Goddess ist die Verwandlung vom "Opfer" zur "Heldin", und bizarrerweise fällt der Höhepunkt dieser Metamorphose mit Sonjas Wahl des Chainmail Bikinis als Rüstung zusammen. So visuell großartig der Band auch ist, hinterlässt die Lektüre deshalb einen etwas unangenehmen Beigeschmack.
Aber genug jetzt von Red Sonja. Denn eigentlich wollen wir heute einen Blick in einen ganz anderen Comic werfen, der in den frühen Tagen von Marotos Karriere entstand, Jahre bevor die hyrkanische Abenteurerin aus dem Stadttor von Makkalet auf die Bühne von Conan the Barbarian stürmte
 
Geboren 1942 in Madrid gehörte Esteban Maroto zusammen mit Carlos Giménez zu den Schülern von Manuel López Blanco, dem Gründer der sog. "Escuela de Madrid". Sein erster richtig großer Erfolg war die SciFi-Comicreihe Cinco por Infinito (hierzulande anscheinend als Die Fünf von Terra bekannt), die ab 1967 im Magazin Delta 99 erschien. Wie viele spanische Comics-Künstler der Zeit, arbeitete auch Maroto schon bald stark für den ausländischen Markt. Die Verbindungen wurden u.a. von Joseph Toutains berühmter Agentur Selecciones Illustradas (S.I.) hergestellt, über die er 1971 dann zu Warren Publishing gelangte. (3) Seine Mitarbeit an Creepy, Eerie und Vampirella etablierte ihn in der amerikanischen Szene und führte ihn schließlich auch zu Marvel und DC. Die britische Leserschaft hatte seine Zeichnungen allerdings schon früher kennengelernt -- unter anderem auf den Seiten eines Magazins mit dem verführerischen (aber etwas irreführenden) Titel Dracula.
 
Eigentlich ein spanisches, von dem Verlag Buru Lan de Ediciones herausgebenes Magazin, erschienen die ersten zwölf Ausgaben von Dracula doch auch in englischer Übersetzung bei der New English Library. Gemessen an den Standards britischer Comics jener Zeit, müssen die gerade einmal vierundzwanzig Seiten starken Hefte ein recht ungewöhnlicher, aber auch ziemlich teurer, Spaß gewesen sein. Wie man auf Blimey! nachlesen kann:

With just 24 pages for 13p it was considerably more expensive than other comics. (Most IPC comics were 3p for 32 pages back then, whilst Mighty World of Marvel was 40 pages for 5p.) However this was no ordinary comic. [...] it was full colour throughout (at a time when most British comics were mainly black and white) and was printed on quality paper stock. Dracula was closer in format to the partwork magazines that were increasing in number around that time 
Der Graf selbst hat übrigens nur einen einzigen Auftritt in den Heften, und selbst die Bezeichnung "Horror-Comic" ist eigentlich nicht ganz zutreffend, denn nur ungefähr die Hälfte der abgedruckten Stories lassen sich tatsächlich diesem Genre zuordnen. 
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, enthält jede Ausgabe von Dracula vier Geschichten von vier verschiedenen Künstlern. 
Am eigenwilligsten wirkten auf mich dabei die Arbeiten von Enric Sió. In einem eher skizzenhaften Stil gehalten und mitunter beinah völlig auf Text und Dialoge verzichtend, entfalten viele seiner Stories einen wirklich verstörenden Effekt oder sind schlicht bizarr. 
José Beá konzentriert sich stark auf die Figur des okkulten Detektivs Sir Leo Wooldrich, dessen Abenteuer zwar in viktorianischen Zeiten angesiedelt sind, der aber auch -- wie John Coulthart ganz richtig bemerkt -- leichte Anklänge an Michael Moorcocks Jerry Cornelius aufweist. Wofür Zeichenstil und Farbgebung eine nicht unwichtige Rolle spielen. 
In Alberto Solsonas Agar-Agar wird's dann richtig Sixties - psychedelisch, wenn sich eine blauhaarige Hippie-Elfe ("sprite") vom Planeten Xanadu auf eine abenteuerliche Reise zu anderen Welten begibt. Dabei begegnet sie nicht nur allerlei mythischen und phantastischen Kreaturen, sondern auch einem eingebildeten Superhelden, fernsehsüchtigen Marsianern und dem Prinzen aus Schneewittchen. Eigentlich soll es bei ihrer Expedition irgendwie um die Rettung ihres Volkes gehen, aber die fröhlich-freizügige Agar-Agar nutzt den Trip in erster Linie dazu, sich immer neue Liebhaber zu angeln. Alle Gefahren, denen sie auf ihrer Odyssee begegnet, weiß sie mit Klugheit, Witz und Magie zu überwinden. Nebenbei watscht sie dabei die Übel von Kapitalismus und Konsumgesellschaft ab. Für mich stellten die acht Episoden Agar-Agar den absoluten Höhepunkt von Dracula dar. Grund dafür sind in erster Linie die prachtvollen, hübsch bunten und stark psychedelisch angehauchten Zeichnungen. Der ganze Comic wirkt wie ein putziges Zeitfenster in die Swinging Sixties. Sicher gibt's den einen oder anderen Cringe-Moment, wenn die Sexual Politics der Zeit hervorlugen. Doch alles in allem fand ich die Stories amüsant und sympathisch. Und dann ist da noch der historische Kontext. Immerhin entstand Agar-Agar einige Jahre vor dem Ende der Franco-Diktatur. Meine Kenntnisse sind da zwar sehr oberflächlich. So  kam es offenbar in den 60ern selbst unter dem faschistischen Regime zu einer zaghaften Liberalisierung und die Zensur wurde etwas gelockert. Aber die katholische Hierarchie und ihre erzkonservativen Moralvorstellungen (u.a. natürlich auch patriarchale Geschlechterordnung und "Heiligkeit der Ehe") hatten ja immer eine wichtige Rolle im repressiven System des Francoismus gespielt. Vor diesem Hintergrund müssen Hedonismus und fröhliche Promiskuität der Hippie-Elfe noch etwas subversiver und rebellischer wirken.
Den Anfang jeder Ausgabe von Dracula aber bildet eine Episode von Esteban Marotos Sword & Sorcery - Comic Wolff. Und den wollen wir uns jetzt einmal etwas genauer anschauen.
 
Der barbarische Held der Geschichte ist ein klassischer Clonan. Wie groß dabei der Einfluss der frühen Roy Thomas / Barry Smith - Comics war, kann ich nicht beurteilen, aber ganz sicher war Maroto mit den berühmten Frank Frazetta - Covern vertraut. Die Ähnlichkeiten mit dem Cimmerier gehen so weit, dass auch Wolff regelmäßig den Gott Crom anruft, obwohl das im Kontext der Geschichte überhaupt keinen Sinn macht. Auch die Namen anderer Götter des Hyborian Age wie Mitra und Set werden ab und an fallengelassen. Dabei ist das Setting der Geschichte erstaunlicherweise gar keine Kopie der howard'schen Welt. Wie wir gleich zu Anfang erzählt bekommen, lebt Wolff vielmehr in einer postapokalyptischen Zukunft. Die alte Welt ist in einem gewaltigen Kataklysmus, dem "Day of Doom", untergangen, "when the sky itself wept blood". Auch wenn das nie ausdrücklich gesagt wird, sollen wir dabei vermutlich an einen weltweiten Atomkrieg denken. Ein klein wenig erinnert das Szenario an Fred Saberhagens Empire of the East - Bücher. Denn hier wie dort wurden durch das apokalytpische Ereignis die Gesetze der Realität selbst verändert, Magie und phantastische Kreaturen ins Leben gerufen. Allerdings war der dritte Band Changeling Earth, in dem die wahre Natur des 'großen Wandels' ("The Change") enthüllt wird, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen. Wie dem auch sei, jedenfalls wandert Wolff durch eine Welt, in der nur sehr wenige Menschen, dafür aber um so mehr Monster zu leben scheinen. Hier gibt's keine stolzen Burgen oder brodelnden Fantasymetropolen, ja nicht einmal eine schmierige Taverne, in der sich ein durstiger Barbar einen hinter die Binde kippen könnte. 
Gleich zu Anfang wird Wolffs Stamm in genreklassischer Weise von den Handlangern der bösen "Witches" (hier als geschlechtsneutraler Begriff verwendet) abgemetztelt. Ziel unseres Helden ist es, seine Ehefrau Bruma, die mit den übrigen Überlebenden in irgendwelche teuflischen Sümpfe verschleppt wurde, zu retten. Diese Queste stellt den übergreifenden Handlungsbogen des Ganzen dar. Tatsächlich jedoch besitzt Wolff einen äußerst episodischen und ziemlich erratischen Charakter. In beinahe jeder Folge trifft der Barbar auf einen neuen Antagonisten (häufig eine Antagonistin!) und darf sich nebenbei noch mit irgendwelchen Monstern herumprügeln. Nur selten wird der Handlungsfaden von einer zur nächsten Episode fortgeführt. Zum Teil erreicht diese sprunghafte Erzählweise geradezu groteske Höhen. So wird unser Barbar zwischendurch mal zu einem Werwolf (!), was im übernächsten Heft dann aber auch schon wieder vergessen ist. Oder er macht sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen "fourth manuscript of Rep-tah", das den Schlüssel zur Vernichtung der "Witches" enthalten soll, findet dieses zwar nie, triumphiert am Ende aber doch über seine diabolischen Widersacher. Ganz krass wird es, wenn Wolff in einem Heft endlich die sadistische, peitschenschwingende Hexe Sadya erschlägt, wir die Gute im nächsten dann aber wieder putzmunter auf ihrem Drachen durch die Gegend fliegen sehen!
Aber um ehrlich zu sein, es ist ohnehin nicht die Story, die die Lektüre von Wolff zu einem Vergnügen macht. Sicher, es gibt zahllose wunderhübsch bizarre Details. So etwa, wenn Wolff sich in Wolfsgestalt mit einer Werwölfin paart. (Trotz seiner angeblich so unsterblichen Liebe zu Bruna hat der Barbar keine Probleme damit, immer wieder kurzlebige sexuelle Beziehungen zu allerlei Hexen, Werwölfinnen & Prinzessinnen einzugehen). Oder wenn ein Zauberer seine Beschwörung mit den Worten schließt: "In long-dead R'lyeh where mighty Rep-tah lies sleeping" (Cthulhu fhtagn!) Oder wenn leichte Zardoz - Vibes aufkommen, als der virile Barbar einem unfruchtbar gewordenen Magiergeschlecht zu einem Nachkommen verhelfen soll.
Alles nett kurios, aber letztenendes sind es Esteban Marotos zum Teil wirklich atemberaubend schöne Zeichnungen, von denen Wolff lebt. Auch hier sind die Einflüsse der Sixties-Psychedelia deutlich spürbar. Allein schon in der Farbgebung. Doch anders als in Solsonas Agar-Agar haftet dem Stil nichts Pop Art - mäßiges an. Vielmehr fühlt man sich an Décadence und Fin de Siècle erinnert. Dazu passt es sehr gut, dass der Barbar auf seiner Queste immer wieder überlebensgroßen Femme Fatales begegnet, von Sadya und der "Sorceress of the Red Mist" über Hohepriesterin Tanit (bei der eindeutig Alphonse Muchas Salammbô als Vorbild diente) und Werwölfin Rulah bis zur göttlichen "Mother of All Waters". Neben diesen grandios in Szene gesetzten Frauengestalten wirkt Möchtegern-Conan Wolff blass und langweilig. Sie und die zum Teil einfach wunderbar bizarr anzuschauende Welt, die sie bevölkern, sind es, was Wolff zu so viel mehr macht als einem schlampig konstruierten Clonan-Comic.

 

(1) Glaubt man Esteban Marotos Bemerkungen im Vorwort zu Ballad of the Red Goddess, so war es eine ausdrückliche Order von Stan Lee, Sonja noch mehr Sex Appeal zu verleihen: "In his own words: 'Show as much skin as possible'"

(2) In: Red Sonja: The Ballad of the Red Goddess. S. 10. 

(3) Über die Geschichte des Verlags habe ich mich im Zusammenhang mit Amazonia schon einmal etwas genauer ausgelassen.

  

Strandgut

Dienstag, 20. April 2021

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