"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 20. Oktober 2018

Strandgut der Woche

Dienstag, 16. Oktober 2018

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure (1)

Von Khlit dem Kosaken zu Robert E. Howards ersten Helden

Das Bild, das viele heutzutage von den frühen Tagen der Sword & Sorcery haben, wird vermutlich ganz von der muskelbepackten Gestalt Conans des Cimmeriers dominiert. Und dabei dürfte diese weniger von Robert E. Howards Kurzgeschichten oder seiner Novelle The Hour of the Dragon geprägt sein, als vielmehr von John Milius' 1982 in die Kinos gelangtem Conan the Barbarian mit Arnold Schwarzenegger im Lendenschurz (1) sowie von Frank Frazettas ikonischen Gemälden, vor allem vielleicht von seinem berühmt-berüchtigten Cover für den 1966 von L. Sprague de Camp herausgegebenen Sammelband Conan the Adventurer inklusive aller damit verbundener Konotationen. (2)

*Völlig* falsch wäre dieses Bild zwar nicht, aber meiner Ansicht nach doch *sehr* eindimensional. Und da ich die Sword & Sorcery immer mal wieder gerne als das Subgenre der Fantasyliteratur bezeichne, das meinem Herzen am nächsten steht, möchte ich versuchen, einen kleinen Beitrag zu einer etwas differenzierteren Sichtweise zu leisten. Conan selbst werde ich dabei erst einmal ganz bewusst außenvorlassen. Mir schweben eher Blogposts zu solchen Themen vor wie Robert E. Howards "Sword Women" Red Sonya und Dark Agnes; Clark Ashton Smiths Beiträgen zur Sword & Sorcery; Fritz Leibers Adept's Gambit und der Geburt von Fafhrd & The Gray Mouser; Clifford Ball als einem der frühesten Nacheiferer Howards; Henry Kuttners Elak of Atlantis; sowie Catherine L. Moores Geschichten über die amazonenhafte Jirel of Joiry.

Beginnen aber will ich heute mit einem Blick zurück auf die Vor- und Frühgeschichte des Subgenres.

Mir ist verschiedentlich die These untergekommen, Lord Dunsanys 1908 in The Sword of Welleran herausgegebene Erzählung The Fortress Unvanquishable, Save For Sacnoth könne als die erste Sword & Sorcery - Story der Literaturgeschichte angesehen werden. Ich habe keine Ahnung, wer diese Ansicht zum ersten Mal formuliert hat. Möglicherweise geht sie auf die von L. Sprague de Camp 1967 herausgegebene Anthologie The Fantastic Swordmen zurück, die Dunsanys Geschichte neben Stories wie Henry Kuttners Dragon Moon und Michael Moorcocks The Singing Citadel stellte. Matthew David Surridge schreibt in einem seiner stets lesenwerten Essays für Black Gate über Dunsanys Werk:
Besides the plot elements I mentioned above, it also has a number of other fantasy staples; a semi-sentient sword, a scene where the great sword is forged, an evil giant spider, great abysses, vampires, even, unusual for Dunsany, the temptation of the male hero by a harem of sinister women [...] For me, all this adds up, and it feels like sword-and-sorcery, particularly compared to Dunsany’s other work
All das ist zweifelsohne richtig, dennoch fällt es mir schwer, The Fortress Unvanquishable, Save For Sacnoth als ein frühes Beispiel der Sword & Sorcery zu betrachten. Der poetisch-traumhafte und zugleich leicht ironische Tonfall der Geschichte erinnert mich so gar nicht an die eher "erdige" Atmosphäre, die ich mit dem Subgenre verbinde. Ihr Questencharakter und die deutlich dem Märchen entlehnten Elemente rücken sie für mich, wenn überhaupt, dann eher in die Nähe der High Fantasy. Lord Dunsany gebührt ganz sicher ein hervorragender Platz in den Annalen der phantastischen Literatur, aber dies ist meiner Ansicht nach nicht die Traditionslinie, in die man ihn stellen sollte. (3) In einem Brief an H.P. Lovecraft vom Oktober 1930 schrieb Robert E. Howard zwar, "I have read ... some of ... Dunsany...", und zwei Jahre später räumte er ihm einen Platz unter seinen Lieblingsdichtern ein, aber weder in Stil noch Inhalt scheint mir Howards eigene Fantasy groß von ihm beeinflusst worden zu sein.

Die Sword & Sorcery ist ein Kind der Pulps, und wenn wir ihre Vorläufer finden wollen, ist dies der Ort, an dem es zu suchen gilt.

Uns Freunden & Freundinnen des Phantastischen passiert es all zu leicht, den Status jener Magazine zu überschätzen, die den Genres gewidmet waren, die uns so am Herzen liegen. Doch wenn man den Pulpmarkt als Ganzes betrachtet, waren Publikationen wie Weird Tales, Wonder Stories oder Astounding relativ kleine Mitbewerber um die Gunst der lesenden Massen. Der unangefochtene Platzhirsch der Ära war jedenfalls das im Oktober 1910 erstmals erschienene Magazin Adventure, das auf eine dem heutigen Leser geradezu provokant erscheinende Weise den Eskapismus zu seinem höchsten und einzigen Ziel erklärt hatte: (4)
It is published in the hope and belief that hundreds of thousands of men and women will be glad to have a magazine wherein they can satisfy their natural and desirable hunger for adventure. (...)
If you care for stirring stories (and who does not?) – if you wish to get away for a brief time from the hard grind of the daily mill so that you can come back to it again with new zest, so that you can walk through the knotty problems and nagging limitations with renewed courage – get a copy of Adventure.
Adventure's meteoritenhafter Aufstieg zum "No. 1 Pulp" (Time Magazine, 1935) begann, nachdem Arthur Sullivant Hoffman 1912 die Leitung übernommen hatte. Dem energischen und eigenwilligen Hoffman gelang es mit regelmäßigen Kolumnen wie The Camp-Fire, in der sich Autoren wie Leser vorstellen konnten und ein Forum für Austausch und Kommunikation erhielten, ein gut vernetztes Fandom zu schaffen. Ab 1919 entstanden auf Hoffmans Initiative hin erst in den USA, dann auch in einer ganzen Reihe anderer Länder sog. "Camp-Fire Stations", Fanclubs mit offiziellen Mitglieder-Buttons. 1924 erreichte Adventure den Höhepunkt seiner Popularität. Das Magazin erschien dreimal im Monat in einer Auflage von mehreren Hunderttausend.
Solche organisatorischen Methoden, mit denen eine treue Leserschaft an das Magazin gebunden wurde, hätten natürlich nicht fruchten können, wenn Hoffman nicht zugleich einen festen Stamm talentierter Autoren für das Magazin zusammengestellt hätte. Neben Talbot Mundy,  H. Bedford-Jones, Hugh Pendexter, Gordon Young, W.C. Tuttle und T.S. Stribling gehörte zu diesem auch Harold Lamb. Und er war es, der den wohl bedeutendsten Ahnherrn der Sword & Sorcery schuf Khlit den Kosaken.

Sein erster Auftritt im November 1917 in der Kurzgeschichte Khlit ist noch nicht sonderlich bemerkenswert. Wir werden zwar mit dem Charakter bekannt gemacht, doch so richtig abenteuerlich geht es noch nicht zu. Das ändert sich ein wenig im Januar 1918, wenn der Kosake sich in Wolf's War aufmacht, um ganz auf sich allein gestellt die Angebete seines Adoptivsohns Menelitza aus den Fängen des Tatarenkhans Mirai zu befreien. Doch erst die dritte Geschichte Tal Taulai Khan (Februar 1918) bildet den wirklichen Startschuss für die Saga von Khlit, "dem Wolf", dem "Kosaken mit dem Krummschwert". Anders als man vielleicht erwarten würde, haben wir es bei Khlit nämlich nicht mit einem jugendlichen Heißsporn, sondern mit einem in Ehren ergrauten Krieger zu tun, der dank seines Kampfgeschicks und seiner Schläue schon viele Schlachten überlebt hat. Und als die junge Garde den alten "Wolf" ins Kloster abschieben will, verlässt der tief gekränkte Khlit seine Heimat an den Ufern des Dnjepr und beginnt ein unstetes Wanderleben, das ihn nach einem kurzen Abstecher an den Hof des Großkhans in den nächsten sechzehn Geschichten kreuz und quer durch Asien führen wird. 
Aus eigener Leserfahrung ist mir von diesen allerdings bloß noch die vierte Khlit-Story Alamut (August 1918) bekannt. Mal sehen, ob und wann es mir gelingen wird, die 2006 herausgegebene vierteilige Gesamtausgabe von Lambs Kosaken-Geschichten (Wolfs of the Steppes; Riders of the Steppes; Warriors of the Steppes; Swords of the Steppes) in die Finger zu bekommen. Die folgende Einschätzung stützt sich deshalb zu einem Gutteil auf sekundäre Quellen, vor allem auf diesen Artikel von Howard Andrew Jones, der für die 2006er-Edition verantwortlich war.
Was genau verbindet die Khlit-Stories in meinen Augen mit der Sword & Sorcery?
Da wäre zuerst einmal ihr Charakter als actionreiche Abenteuer vor einem exotischen Hintergrund, der auf die Leserschaft der Zeit kaum weniger phantastisch gewirkt haben muss als Howards Hyborian Age, Kuttners Atlantis oder Leibers Nehwon. Wirklich übernatürliche Elemente tauchen zwar nicht auf, aber einige der Bösewichter, wie der Astrologe Rashideddin in Alamut, geben zumindest vor, Zauberer zu sein, und sind von einer entsprechenden Aura umgeben.
Sehr viel wichtiger jedoch ist die Gestalt des Helden. Sieht man von seinem fortgeschrittenen Alter ab, ist Khlit, "der Wolf", in vielem ein typischer S&S - Protagonist: Ein stolzer und grimmiger Außenseiter und Underdog, der sich keiner Autorität beugt, und rastlos durch fremde Länder streift, stets auf der Suche nach Kampf und Abenteuer, wobei er nicht selten mit den Reichen und Mächtigen aneinandergerät. Sicher, anders als Conan, Fafhrd oder der Gray Mouser ist der Kosak kein Gauner und Dieb, sondern leiht seinen Schwertarm all denen, die in seinen Augen seine Unterstützung verdient haben. Doch zum einen ist eine kriminelle Karriere kein sine qua non für einen waschechten S&S-Helden {oder eine -Heldin}. Zum anderen wäre es falsch, Howards oder Leibers manchmal ziemlich amoralische Helden als unverbesserliche Egoisten darzustellen, die stets nur auf ihren eigenen Vorteil aus wären. Auch sie sind mitunter zu selbstlosem Heroismus fähig, auch wenn dies im allgemeinen sicher nicht ihre Hauptmotivation darstellt.
Einer der interessantesten Aspekte von Lambs Geschichten ist, dass Khlits vorausschauende Klugheit für seine Siege oft mindestens so wichtig ist wie sein Kampfgeschick. Immer wieder gelingt es ihm, seine Gegner auszutricksen, was häufig zu einer ziemlich überraschenden Wende am Ende einer Geschichte führt und verhindert, dass diese einen gar zu formelhaften Charakter annehmen. Aber auch diese taktische Schläue ist etwas, das der "Wolf" mit vielen S&S-Helden teilt. Selbst Conan war nie der tumbe Schlagetot, als der er so oft karrikiert wird.
Eine weitere sehr sympathische Facette von Harold Lambs Khlit-Geschichten ist, dass ihr Held im Laufe seiner vielen Reisen und Abenteuer allmählich lernt, einige seiner ursprünglichen, tief verwurzelten Vorurteile gegenüber Vertretern anderer Kulturen und Religionen zu überwinden. Er beginnt die Saga als unversöhnlicher Tatarenhasser und fanatischer "Verteidiger der orthodoxen Kirche" {auch wenn er nicht viel für Priester und Mönche übrig hat und seine Zeit selten mit Gebeten verschwendet}, um zu seinen Gefährten schließlich Mongolen, Hindus und vor allem den heroischen Muslimkrieger Abdul Dost zu zählen, den Lamb in vier Geschichten seinem Kosaken an die Seite stellt. Erste Anzeichen für diese Entwicklung zeigen sich bereits in Alamut. Khlit ist nicht eben begeistert, sich mit dem Tataren Toctamish zusammentun zu müssen, und die beiden lassen keine Gelegenheit ungenützt, einander zu beleidigen. Doch als der Kosake miterleben muss, wie Toctamish von Rashideddins Handlangern zu Tode gefoltert wird, kann er nicht anders, als tiefen Respekt für die unerschütterliche Loyalität des Tataren zu empfinden. In derselben Geschichte wird Khlit, der für Vertreterinnen des anderen Geschlechtes bislang kaum mehr als Verachtung übrig hatte, zum ersten Mal mit einer selbstbewussten, willensstarken Frau konfrontiert, deren Mut und Intelligenz ihm schließlich gleichfalls seinen Respekt abtrotzt. In der Tat ist die junge Perserin Berca das eigentliche Hirn und der treibende Wille hinter dem Sturz der Assassinenfestung, auch wenn sie dabei natürlich auf Khlits Unterstützung angewiesen ist. Der Kosake wird auf seinen Reisen noch mehrfach Frauen dieses Typs begegnen. 

Robert E. Howard bekam seine erste Ausgabe von Adventure im Jahr 1921 in die Finger. Die Familie war anderthalb Jahre zuvor nach Cross Plains gezogen. Der Ölboom hatte der texanischen Kleinstadt ein gewaltiges Bevölkerungswachstum, eine ganze Reihe neuer Hotels und Gaststätten, eine Handelskammer (Chamber of Commerce) und ein neues Gefängnis beschert. Was er ihr nicht gebracht hatte, war eine öffentliche Bücherei oder einen Buchladen. Um seine unersättliche Leselust zu befriedigen, war der fünfzehnjährige Robert, von gelegentlichen Bücherkäufen im 35 Meilen entfernten Brownwood abgesehen, ganz auf die Magazine angewiesen, die im Cozy Drug Store zum Verkauf angeboten wurden. Zwölf Jahre später schilderte er seine erste Begegnung mit Adventure in einem Brief an Lovecraft so:
I well remember the first [magazine] I ever bought. I was fifteen years old; I bought it one summer night when a wild restlessness in me would not let me keep still, and I had exhausted all the redaing material in the place. I'll never forget the thrill it gave me. Somehow it never had occured to me before that I could buy a magazine. It was an Adventure. I still have the copy. After that I bought Adventure fo many years, though at times it cramped my resources to pay the price. It came out three times a month, then ... I skimped and saved from one magazine to the next; I'd buy one copy and have it charged, and when the next issue was out, I'd pay for the one for which I owed, and have the other one charged, and so on. So I generally owed for one, but only one. (5)
Im selben Jahr schickte der junge Bob seine erste selbstgeschriebene Story an Adventure. Wie wohl nicht anders zu erwarten, wurde sie abgelehnt, und trotz anhaltender Versuche sollte es Howard auch in den weiteren fünfzehn Jahren seines all zu kurzen Lebens nie gelingen, eines seiner Werke in dem Magazin unterzubringen.
Harold Lamb wurde rasch einer von Howards absoluten Lieblingsautoren. Der Einfluss, den vor allem seine Kosaken-Geschichten auf den großen Pionier der Sword & Sorcery hatte, wurde von diesem Jahre später in gewisser Weise literarisch gewürdigt, indem er in Devil in Iron die Position eines "hetman of the Kozaki who dwell along the Zaporoska river" zu einer der vielen Stationen in Conans abenteuerlicher Laufbahn machte. (6) Freilich erhielten diese "Kosaken" bei ihm einen etwas anderen, dem Geist der Conan-Stories entsprechenden Charakter:
On the broad steppes between the Sea of Vilayet and the borders of the easternmost Hyborian kingdoms, a new race had sprung up in the past half-century, formed originally of fleeing criminals, broken men, escaped slaves, and deserting soldiers. They were men of many crimes and countries, some born on the steppes, some fleeing from the kingdoms in the West. They were called kozak, which means wastrel. Dwelling on the wild, open steppes, owning no law but their own peculiar code, they had become a people capable even of defying the Grand Monarch.
Doch mit Conan wollten wir uns ja vorerst noch nicht beschäftigen.
Im Herbst 1924 gelang es Howard zum ersten Mal, eine seiner Stories an den Mann zu bringen. Der Käufer war Weird Tales - Boss Farnsworth Wright, die Geschichte Spear and Fang ein kleines, actiongeladenes Steinzeitabenteuer mit Höhlenmenschen und Neandertalern – eine Spielart des Phantastischen, die sich Anfang des Jahrhunderts eine Zeit lang großer Beliebtheit erfreut hatte, man denke z.B. an Jack Londons Roman Before Adam (1906/07). Weird Tales sollte für einige Jahre zu Howards wichtigstem {eigentlich zu seinem beinah einzigen} Abnehmer werden.
Es folgten The Hyena – ein übernatürliches Afrikaabenteuer mit viel Geschwafel über "Rasseinstinkt" und ähnlichen Blödsinn – und The Lost Race. In letzterer bekommen wir es erstmals mit Howards sehr eigener Interpretation des Volks der Pikten zu tun – ein Motiv, das auch in seinen Sword & Sorcery - Geschichten immer wieder auftauchen würde, uns für en Moment aber nicht weiter beschäftigen soll.
Für uns interessanter wird es erst wieder mit In the Forest of Villefere. Die Story selbst ist zwar nicht viel mehr als eine leidlich spannende, ziemlich kurze Werwolfgeschichte, aber im September 1925 {inzwischen waren endlich auch die ersten Schecks von Weird Tales bei ihm eingetroffen} schrieb Howard eine Fortsetzung mit dem Titel Wolfshead, die seine erste Coverstory bei WT werden sollte. In einem Brief an seinen Freund Clyde Smith erzählt er:  
After reading it, I'm not altogether sure I went off my noodler when I wrote it. I sure mixed slavers, duelists, harlots, drunkards, maniacs and cannibals reckless. The narrator is a libertine and a Middle ages fop; the leading lady is a harlot, the hero is a lunatic, one of the main characters is a slave trader, one a pervert, one a drunkard, no they're all drunkards, but one is a gambler, one a duelist and one a cannibal slave. (7)
Ich bin mir nicht ganz sicher, wann genau die Geschichte spielen soll. Irgendwann in der frühen Neuzeit vermutlich. Der Erzähler Pierre, ein französischer Söldner, wird von dem portugiesischen Edelmann und Sklavenhändler Dom Vincente in dessen afrikanische Privatkolonie eingeladen, wo sich bereits eine illustre Gesellschaft von zwielichtigen Haudegen und Abenteurern versammelt hat:
Dom Vincente, of course, I knew, as I had been intimate with him for years; also his pretty niece, Ysabel, who was one reason I had accepted his invitation to come to that stinking wilderness. Her second cousin, Carlos, I knew and disliked a sly, mincing fellow with a face like a mink's. Then there was my old friend, Luigi Verenza, an Italian; and his flirt of a sister, Marcita, making eyes at the men as usual. Then there was a short, stocky German who called himself Baron von Schiller; and Jean Desmarte, an out-at-the-elbows nobleman of Gascony; and Don Florenzo de Seville, a lean, dark, silent man, who called himself a Spaniard and wore a rapier nearly as long as himself.
Zu der Gruppe gehört außerdem der düster und schwermütig anmutende De Montour, der Protagonist von In the Forest of Villefere. Es dauert nicht lange, und eine Reihe bestialischer Morde trüben die feucht-fröhliche Atmosphäre, während sich zugleich unter den "Eingeborenen" eine aufrüherische Stimmung breit zu machen scheint.

Wolfshead ist noch keine lupenreine Sword & Sorcery - Story, aber ich finde man kann sie durchaus als eine Vorstufe hin zu dem Subgenre betrachten. Howard fügt dem historischen Setting ein phantastisches Element hinzu und bevölkert es mit einer Schar wenig vertrauenserweckender, trink- und rauflustiger Gesellen, in denen wir dennoch irgendwie die "Helden" der Geschichte sehen sollen. Für einen echten S&S - Protagonisten ist der gute Pierre allerdings noch etwas zu inaktiv – er ist mehr Zeuge der Handlung, als dass er sie selbst vorantreiben würde. Und De Montour ist eine zu tragische Gestalt, um als wirklicher "Held" durchgehen zu können {vor allem, wenn man das wenig befriedigende "Happy End" ignoriert}.

Doch wie auch immer man Wolfshead selbst einschätzen will, mir scheint die Story ein erster Beleg dafür zu sein, dass sich die Sword & Sorcery aus der historischen Abenteuergeschichte entwickelt hat. Noch sehr viel deutlicher wird dies im Falle von Solomon Kane, der nun ganz ohne Zweifel ein echter S&S-Held ist und seinen ersten Auftritt drei Jahre später in Red Shadows haben würde. Die Geschichten um den grimmigen Puritaner, der sich selbst für das Werkzeug von Gottes Zorn und Gerechtigkeit hält, teilen mit Wolfshead das frühneuzeitliche Setting, die Vermischung von Historie und Phantastik sowie recht oft auch die afrikanische Kulisse. Doch da ich mich vor drei Jahren in diesem Blogpost schon einmal etwas ausführlicher mit Kane beschäftigt habe, will ich an dieser Stelle nicht weiter auf ihn eingehen.
Ebenso verzichte ich erst einmal darauf, The Shadow Kingdom und die Gestalt von König Kull unter die Lupe zu nehmen, obwohl es sich bei diesem um den anerkanntermaßen ersten hundertprozentigen Sword & Sorcery - Helden handelt. Doch ich denke, es macht wenig Sinn, sich mit Kull auseinanderzusetzen, ohne dabei den Bogen zu  Conan zu spannen, ist er doch dessen unmittelbarer Vorgänger. Schließlich handelt es sich bei The Phoenix on the Sword dem Debüt des Cimmeriers – um eine überarbeitete Fassung der Kull - Geschichte By This Axe I Rule.
Stattdessen will ich abschließend noch einen kurzen Blick auf Hawks of Outremere werfen, eine von Robert E. Howards während der Kreuzzüge angesiedelten Abenteuergeschichten, in der der wenig ritterliche Held Cormac FitzGeoffrey seinen ersten Auftritt hat.

Im Herbst 1930 wandte sich Farnsworth Wright an Howard mit dem Auftrag, Beiträge für dessen neues Magazin Oriental Stories zu schreiben. Erwünscht waren vor allem "historical tales – tales of the Crusades, of Genghis Khan, of Tamerlane, and the wars between Islam and Hindooism." (8) Für den geschichtsbegeisterten Howard genau das richtige Ding.
Direkter als irgendwo sonst eiferte er bei diesem Unternehmen dem von ihm bewunderten Harold Lamb nach, hatte dieser doch gleichfalls eine ganze Reihe historischer Abenteuergeschichten geschrieben, die vor dem Hintergrund der Kreuzzüge spielten. 
Was jedoch nicht bedeuten soll, dass Howard versucht hätte, Stil und Geist von Lambs Durandal - Zyklus nachzuahmen. Er verlieh den Stories von Beginn an eine sehr viel düsterere Atmosphäre. Die Ära der Kreuzzüge erscheint bei ihm nicht in einem verklärenden Licht. Statt ritterlicher Romantik bekommen wir es mit viel Blut, Schmutz und Leid zu tun. Seine Helden sind keine edlen Recken, sondern illusionslose Abenteurer oder zynische  Söldner. Cormac FitzGeoffrey ist ein exemplarischer Vertreter dieser Gattung und wird wohl nicht zu Unrecht oft als ein weiterer direkter Vorläufer zu Conan betrachtet.
FitzGeoffrey was clean-shaven and the various scars that showed on his dark, grim face lent his already formidable features a truly sinister aspect. When he took off his plain visorless helmet and thrust back his mail coif, his square-cut, black hair that topped his low broad forehead contrasted strongly with his cold blue eyes. A true son of the most indomitable and savage race that ever trod the bloodstained fields of battle, Cormac FitzGeoffrey looked to be what he was a ruthless fighter, born to the game of war, to whom the ways of violence and bloodshed were as natural as the ways of peace are to the average man.
Son of a woman of the O'Briens and a renegade Norman knight, Geoffrey the Bastard, in whose veins, it is said, coursed the blood of William the Conqueror, Cormac had seldom known an hour of peace or ease in all his thirty years of violent life. He was born in a feud-torn and blood-drenched land, and raised in a heritage of hate and savagery.
Dem Kreuzzug hat er sich nur deshalb angeschlossen, weil ihm im Irland permanenter Klanfehden der Boden allmählich zu heiß unter den Füßen geworden ist. Ewiger Außenseiter unter Gälen wie Normannen und Angelsachsen bedeuten ihm die traditionellen feudalen Hierarchien nichts. Stolz erklärt er inmitten des Schlachtgetümmels gegenüber Richard Löwenherz: "I am Cormac FitzGeoffrey and I have no master". Dass er ein mit heidnischen Runen geschmücktes Wikingerschwert führt, ist selbstverständlich kein Zufall. Der einzige höhere Wert, den dieser grimmige Krieger anerkennt, ist persönliche Loyalität. Und so startet er in Hawks of Outremer einen blutigen und rücksichtslosen Ein Mann - Rachefeldzug, nachdem er erfahren hat, dass sein Freund Gerard de Gissclin – ein idealistischer junger Edelmann ermordet wurde.  

Damit soll's für dieses Mal genug sein. Die enge Beziehung, die zwischen historischer Abenteuergeschichte und früher Sword & Sorcery besteht, wird uns allerdings auch in Zukunft noch weiter beschäftigen, sei es im Fall von Red Sonya und Dark Agnes, C.L. Moores Jirel of Joiry oder dem ersten Auftritt von Fritz Leibers Fafhrd und dem Gray Mouser.
 


(1) Ich bin mir der Ironie bewusst, dass der Titel dieser Blogpostreihe selbst aus dem Streifen stammt. Aber die Eröffnungssequenz von Conan the Barbarian, unterlegt mit der grandiosen Musik von Basil Poledouris, ist in ihrem absurden Pathos einfach so verdammt cool. ;-)
(2) Frazettas Werk ist längst zu einer Art Klischee geworden, wobei ich mich frage, wieviele andere Fantasygemälde denn tatsächlich ein vergleichbares Figurentableau darstellen.
(3) Anlässlich seines 135. Geburtstags habe ich mich vor fünf Jahren mal etwas ausführlicher über den guten Mann ausgelassen.
(4) Zit. nach: Richard Bleiler: A History of Adventure Magazine.
(5) Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 51.
(6) So beschreibt Conan seine damalige Position in The Hour of the Dragon. Der Name des Flusses ist vermutlich als eine Anspielung auf den "Zaporogian Siech", die ukrainische Heimat von Khlit, gedacht.
(7) Zit. nach.: Ebd. S.98.
(8) Zit. nach: Ebd. S. 145..

Sonntag, 7. Oktober 2018

Strandgut der Woche

Sonntag, 30. September 2018

Strandgut der Woche

Sonntag, 23. September 2018

Strandgut der Woche

Frank Belknap Long und die Frühzeit des Horrorcomics

Manchmal können einem mit planlosem Internet-Gesurfe verbrachte Sonntagnachmitage doch tatsächlich zu recht interessanten Entdeckungen führen. So ist es mir vor zwei Wochen ergangen.

Der vagen Idee folgend, möglicherweise einige Passagen aus einem alten Lovecraft-Essay zu einem Blogpost über den Cthulhu-Mythos verarbeiten zu können, hatte ich mir eine alte Episode des Videocasts der Lovecraft eZine über August Derleth angeschaut. Eine eher nebenbei fallengelassene Bemerkung führte mich dazu, nach genaueren Informationen über die Rolle zu suchen, die Lovecrafts enger Freund Frank Belknap Long bei der Entwicklung des Mythos gespielt hatte. Dabei stieß ich zufällig auf einen alten Artikel aus Worlds of Weird, der zwar nichts mit diesem Thema zu tun hatte, mir dafür aber einen interessanten Einblick in die nicht unwichtige Rolle eröffnete, die der Dichter und Pulpautor in der Frühgeschichte des amerikanischen Horrorcomics gespielt hat. Mein ursprüngliches Ziel war schon bald vergessen, nachdem ich mich daran daran gemacht hatte, diese faszinierende neue Spur ein wenig weiter zu verfolgen ...

Was Comics und ihre Geschichte betrifft, ist mein Wissen eher bescheiden. Aber natürlich war selbst mir bewusst gewesen, dass enge Beziehungen zwischen den Pulpmagazinen und den Comics der 30er und 40er Jahre bestanden, dass z.B. The Shadow und Doc Savage mehr oder weniger direkte Vorbilder für Batman gewesen sind. Weniger klar war mir, dass diese Verbindung auch in Gestalt von Autoren existierte, die zwischen den Medien hin- und herwechselten. Eigentlich nicht wirklich überraschend, schließlich waren die Pulps nicht unbedingt dafür bekannt, üppige Honorare zu zahlen. Sich nach einer zweiten Einnahmequelle umzuschauen, war da sicher für viele naheliegend. Zu den Phantastikautoren, die diesen Weg beschritten gehörten u.a. Otto Binder, Alfred Bester, Manly Wade Wellman, Henry Kuttner und Edmond Hamilton. Der Wechsel konnte übrigens auch in der umgekehrten Richtung erfolgen, wie im Falle von Gardner Fox, der erst für DC schrieb und 1940 mit der Justice Society of America das erste Superheldenteam ins Leben rief, ab 1944 aber auch Kurzgeschichten in Weird Tales und Planet Stories unterbringen konnte. In den 70ern würde er mit seinem Barbaren Kothar einen Beitrag zur Clonan-Flut jener Ära leisten, zugleich aber auch bei Marvels Tomb of Dracula mitmischen.

Im Falle von Frank Belknap Long führte der Weg zu den Comics über Mort Weisinger, einen der Großen des frühen SciFi-Fandoms und seit 1934 zusammen mit Julius Schwartz Leiter der SF-Literaturagentur Solar Sales Services, der in den frühen 40ern erst für Standard Magazines und dann für National Periodical Publications (später DC) zu arbeiten begann. Weisinger vermittelte seinem alten Bekannten einen Job als Autor für einige der frühen Superman - Stories. Etwas später erhielt Long auch von Fawcett Comics erste Aufträge, bei denen zu dieser Zeit auch Manly Wade Wellman ein Zubrot verdiente. Letzterer war sogar an der Kreation von Captain Marvel beteiligt, dem größten frühen Konkurrenten des "Man of Steel".* Gut fünf Jahre später schrieb Long in einem Brief an August Derleth über seine frühe Zeit in der Comicindustrie:
I got in on the ground floor in this field (I wrote some stuff for Superman and Fawcett as early as 1940) and though I’ve by no means completely mastered the medium I’ve acquired an intuitive grasp of the essentials which serves me in good stead today.
Etwas später begann Frank Belknap Long für den sog. "Sangor Shop" {offizieller Name Cinema Comics} zu arbeiten. B.W. Sangors Unternehmen publizierte selbst keine Comics, sondern produzierte Material, das dann an die großen Häuser weiterverkauft wurde.

Auf diesem Weg wurde Long schließlich zum alleinigen Autor der im Herbst 1948 veröffentlichten ersten Ausgabe des ersten regelmäßig erscheinenden amerikanischen Horrorcomic-Magazins Adventures Into the Unknown. {Eerie war zwar bereits 1947 in Kiosks und Zeitungsständen aufgetaucht, brauchte aber ganze vier Jahre, um eine zweite Ausgabe hervorzubringen.}
Ab 1943 begann Sangor unter dem Label American Comics Group eigene Hefte auf den Markt zu werfen. Als fünf Jahre später der Comic-Künstler Richard Hughes den Posten des Herausgebers bei ACG übernahm, war eines der von ihm angepeilten Projekte ein Magazin des Unheimlichen und Makabren.
Hughes hatte offenbar eine Menge für die Bücher von August Derleths Verlag Arkham House übrig. Und bei dem war 1946 mit Hounds of Tindalos auch die erste Sammlung von Frank Belknap Longs unheimlichen Geschichten erschienen, die zuvor in Magazinen wie Weird Tales veröffentlicht worden waren.** Da musste es naheliegend erscheinen, den Autor, der nachwievor für den "Sangor Shop" arbeitete, auf die Adventures Into the Unknown anzusetzen.***

Und das Ergebnis? Schaun wir mal.****

Die einundfünfzig Seiten starke erste Nummer von Adventures Into the Unknown enthält neben fünf regelrechten Comicstories eine einseitige Präsentation zum Thema Voodoo (Strange Spiritis), den ebenso kurzen Strip The Cursed Pistol, einen Beitrag zu der offenbar als dauerhafter Bestandteil der Serie konzipierten Rubrik True Ghosts of History (The Vengeful Specter of Lord Tyrone), sowie zwei einseitige Kurzgeschichten ohne Illustrationen (The Painted Grave und The Horrible Toys), von denen vor allem die erstere nicht ohne Reiz ist.
Werfen wir einen Blick auf die fünf eigentlichen Stories.
Das interessanteste an The Werewolf Stalks ist, dass wir hier einen schönen Beleg dafür bekommen, wie wenig scharf umrissen die Werwolfsmythologie zu diesem Zeitpunkt noch war. Wie ich letztes Jahr  in diessem Blogpost etwas genauer ausgeführt habe, entstammt vieles von dem, was wir heute ganz selbstverständlich mit unseren lykanthropischen Freunden verbinden, nicht folkloristischer Überlieferung, sondern dem klassischen Universal -Streifen The Wolf Man (1941) und seinen Sequels. Auch sieben Jahre nach dessen Kinopremiere war die Kanonisierung noch keineswegs abgeschlossen. So wird der Werwolf in der von Edvard Moritz gezeichneten Story zwar in bekannter Weise mittels einer silbernen Waffe ins Jenseits befördert, doch daneben finden sich auch einige für den heutigen Leser eher verwirrende Details. Dass die Verwandlung nicht unter dem Einfluss des Vollmondes stattfindet, sondern zu ganz willkürlichen Zeitpunkten, ist für sich genommen vielleicht noch nicht so erstaunlich, aber warum zählt The Werewolf Stalks den Lykanthropen zu den Untoten? Und seit wann hilft Knoblauch nicht bloß gegen Vampire, sondern auch gegen Werwesen?
It Walked By Night (Zeichner: Max Elkan) und Haunted House (Zeichner: King Ward) sind ziemlich generische Gespenstergeschichten. Bei der einen bekommen wir es mit einem rachsüchtigen Geist aus dem 18. Jahrhundert und einer Art Familienfluch zu tun. Die andere bedient sich des wohlbekannten Motivs einer Erbschaft, die erst angetreten werden kann, wenn man eine Nacht in einem Spukhaus verbracht hat. {Was mich zu der Frage geführt hat, wann und wo dieses Motiv eigentlich zum ersten Mal verwendet wurde?} Beide enthalten einen kleinen Twist am Schluss, der jedoch in keinem der Fälle zu irgendwelchen spektakulären Enthüllungen führt, auch wenn es schon ganz nett ist, erleben zu dürfen, wie sich ein vermeintlicher Van Helsing - Charakter als der eigentliche Bösewicht entpuppt. Auch hat mir Max Elkans Porträt einer mit Seetang behängten Lebenden Leiche gerade aufgrund des zurückhaltenden Stils recht gut gefallen. Alles in allem ist It Walked By Night die deutlich bessere Geschichte.
Der Worlds of Weird - Artikel erklärt die Aufnahme von Castle of Otranto mit Frank Belknap Longs "reverence for the legacy of brooding gothic fiction". Doch vielleicht dachte man sich bei ACG auch, die Adaption von Horace Walpoles berühmter Gothic Novel werde dem neugegründeten Magazin einen Hauch von Klasse verleihen und damit der zu erwarteden Kritik vorbeugen, Adventures Into the Unknown sei bloß ein Sammelsurium geschmacklosen Trashs. Jedenfalls scheint mir die Tatsache, dass die übernatürlichen Shenanigans in der von Long und Zeichner Al Ulmer entwickelten Version der Geschichte im Gegensatz zu Walpoles Vorlage keine mundane Erklärung finden, nicht unbedingt für ein von Ehrfurcht geprägtes Verhalten gegenüber einer literarischen Tradition zu sprechen.
Das echte Highlight der ersten Ausgabe ist jedenfalls zweifelsohne The Living Ghost (Zeichner: Fred Guardineer). Von allen Geschichten ist sie die mit Abstand innovativste und unterhält mit einer Unzahl bizarrer und verrückter Einfälle. Das beginnt bereits mit dem eponymischen Bösewicht, der zwar als "Geist" bezeichnet wird, in Wirklichkeit jedoch Luzifers rechte Hand Malevo ist, was erklärt, warum ihn der Geruch von Schwefel umgibt und er statt Füßen recht zierliche Ziegenhufe besitzt. Fliegen kann der Bursche übrigens auch. Und sein Antlitz ist so grauenerregend, dass es sich in einen Spiegel einbrennt! Eigentümlicherweise bezeichnet Dr. Vandyke -- der Van Helsing der Story, der es im Unterschied zu seinem großen Vorbild allerdings vorzieht, seinen Schreibtisch nicht zu verlassen, und der den gefährlichen Teil des Jobs lieber dem "manly hero" Tony überlässt -- das Ungeheuer auch als "only part man", was zwar keinerlei Sinn macht, aber auf den großartigen Schlusspart vorausdeutet, in dem der dämonischen Kreatur ein ganz banaler Gerichtsprozess gemacht wird, der sie auf den elektrischen Stuhl führt! Und das, nachdem unser Held in Quasi-Peplum-Manier einen riesigen Felsbrocken auf das Ungeheuer gerollt hatte!
Die einzige Motivation, die der "Living Ghost" für sein diabolisches Treiben hat, ist sein unstillbarer Hass auf die Menschheit. Es macht ihm ganz einfach Spaß, katastrophale Eisenbahnunfälle zu organisieren oder junge Liebespärchen während eines Dates in ihrem Auto zu überfallen. {Ich bin mir nicht sicher, ob letzteres Szenario zu diesem Zeitpunkt bereits ein Klischee war. In den 50ern begegnen wir ihm mehrfach in irgendwelchen Horror - und SciFi - B-Movies.}
Das ändert sich erst, als ihm Reporterin Gail über den Weg läuft, deren Schönheit es ihm so angetan hat, dass er sie zu seiner Braut und Königin machen will. Um ihr zu imponieren, beschwört er mit folgenden Verslein seine untoten Legionen herauf:
Come, oh dread and evil dead!
To me, oh Satan's host!
Bring doom and gloom from moldy tomb ...
Approach the Living Ghost!
Der Auftritt der ghulischen Gestalten dürfte der visuelle Höhepunkt der gesamten Ausgabe sein.
Der Spaß, den man mit The Living Ghost haben kann, wird lediglich von der recht starken Dosis Sexismus getrübt, die uns in beinah allen diesen "Abenteuern in das Unbekannte" aufgetischt wird. Wenn Tony seine geliebte Gail mit den Worten begrüßt: "Gail Leslie, the scoopless wonder! You're my favorite girl, but you're still a rotten detective!", lässt das nicht eben Gutes erwarten. Und der Umstand, dass sich die Reporterin in Wirklichkeit auf der richtigen Fährte befindet, ändert daran nur wenig. Denn es gehört zu den Standard-Topoi dieser Stories, dass stets dann, wenn eine Frau mutiges und eigenständiges Verhalten an den Tag legt, sie dies in eine prekäre Situation bringt, aus der der männliche Held sie am Ende befreien muss. Im Sequel zu The Living Ghost, das in der nächsten Nummer unter dem Titel Out of the Unknown erscheinen sollte, wird Gail sogar noch stärker auf die Rolle der "Damsel in Distress" reduziert.
Dennoch finde ich es bedauerlich, dass es bei dieser einen Fortsetzung geblieben ist, obwohl offensichtlich weitere Auftritte des Living Ghost geplant waren. Out of the Unknown ist zwar nicht ganz so durchgeknallt wie sein Vorgänger, doch dass sich Tony diesmal mit dem fürchterlichen Dark Phantom, dem äonenalten Erzfeind des Living Ghost, verbündet, um die erneut entführte Gail zu befreien, ist zumindest eine neckische Idee.

Alles in allem hat Nr. 2 von Adventures Into the Unkown auf mich den Eindruck einer qualitativen Steigerung hinterlassen. Erneut zeichnete Frank Belknap Long für die fünf Hauptstories verantwortlich. In einem Brief an August Derleth schrieb er über Kill, Puppets, Kill: "[It's] probably my best comic book story to date, in the weird genre. It's as mature as the medium permits at the present stage of development." Mir persönlich hat The Master's Hand ja noch ein bisschen besser gefallen. Vor allem, da wir es in ihr mit einer weiblichen Hauptfigur zu tun bekommen, die kein bloßes Opfer ist, sondern dank ihrer eigenen Fähigkeiten über ihren dämonischen Widersacher triumphiert. Auch wenn ihr das eingestandermaßen nur gelingt, indem sie zur Vollstreckerin des Erbes eines von ihr bewunderten Mannes wird. Am Ende besteht ihre Rolle darin, das zu vollenden, was diesem zu tun versagt geblieben war. Trotzdem immer noch um Klassen besser als die Damsels, die diese Stories im allgemeinen bevölkern.

Danach schrieb Frank Belknap Long der Grand Comic Database zufolge nur noch zwei weitere Stories für die dritte bzw. die siebte Ausgabe von AITU. Allerdings leistete er auf andere Weise noch einen nicht ganz unwichtigen Beitrag zur nun heraufdämmernden ersten Blütezeit des Horrorcomics.
Als die erste Nummer von Adventures Into the Unknown veröffentlicht wurde, lag das Erscheinen von Frederic Werthams berüchtigtem Schmöker Seduction of the Innocent noch in ferner Zukunft. Doch gab es auch 1948 schon genug Moralapostel und Möchtegernzensoren, die in solch makabrer Unterhaltung einen gemeingefährlichen Angriff auf die sittliche Gesundheit von Amerikas Jugend witterten. Angesichts dessen stand Fred Iger, Co-Besitzer von ACG, trotz Richard Hughes' Enthusiasmus der Fortsetzung von Adventures Into the Unknown skeptisch gegenüber. Wie Frank Belknap Long im November 1948 an August Derleth schrieb: "The recent attacks on all comic books have given him the jitters." Long plante zwar keine längerfristige Mitarbeit an dem Magazin, wollte aber dennoch etwas zu dessen Erhalt beitragen. Zum einen aus persönlicher Sympathie für Hughes: "He's a high-grade man with a background in the field, imaginative, sensitive, discerning. [...] [He's] a swell guy and has stuck out his neck on it." Zum anderen, weil er das Konzept des Magazins für durchaus interessant hielt: "I feel that a magazine of that type does no harm, and does increase popular interest in the weird, even though on a sub-literary level." Also wandte er sich an Derleth mit der Bitte, ihm eine kurze Notiz mit einer positiven Einschätzung zu Adventures Into the Unknown zu schicken, die man Fred Iger vorlegen könne. Was der Leiter von Arkham House denn auch tat. Long zufolge hatte dieses kleine Manöver die erwünschte Wirkung. "This is a fine stunt! Your letter re[garding] the comic book matter was just what the prescription called for, and it not only saved the patient, but was probably a deciding factor in the decision to carry on". Die überraschend guten Verkaufszahlen, dürften freilich auch nicht ganz unwichtig für Igers Entscheidung gewesen sein, das Projekt Adventures Into the Unknown fortzusetzen.

Unser heutiges Bild von der Frühzeit des amerikanischen Horrorcomics ist stark geprägt von den EC-Reihen Tales From the Crypt, The Vault of Horror und The Haunt of Fear, die zwischen 1950 und 1955 erschienen. Grund dafür ist sicher deren Kultstatus, ihr Einfluss auf die Populärkultur (man denke etwa an George A. Romeros & Stephen Kings Creepshow [1982] oder die Tales from the Crypt - TV-Serie der 90er) sowie die Tatsache, dass sie die wohl bekanntesten Opfer des 1954 eingeführten Comics Code waren.*****
Aber auch wenn wir in Adventures Into the Unknown nicht jene verführerische Mischung aus Gore und schwarzem Humor zu finden scheinen, die den EC-Comics zu ihrem legendären Status verholfen hat, gebührt dem Magazin doch die Ehre, der Pionier und Wegbereiter des Genres gewesen zu sein.
        

 

* Nein, nicht der Captain Marvel, von dem heute so viel die Rede ist, sondern dieser Kamerad hier:



** Ich habe die Titelstory, die gemeinhin als die erste Cthulhu-Mythos-Geschichte gilt, die nicht von Lovecraft selbst verfasst wurde, vor Zeiten hier besprochen.
*** Dem Artikel zufolge schrieb auch Manly Wade Wellman für AITU, die Grand Comic Database enthält allerdings keine entsprechenden Einträge.
**** Hundertsechsundvierzig der hundertvierundsiebzig Ausgaben von Adventures Into the Unknown finden sich auf Comic Book +.
***** Die beiden britischen Portmanteau-Streifen Tales from the Crypt (1972) und The Vault of Horror (1973) habe ich hier und hier besprochen.