"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 19. Juni 2018

City Under the Sea

Als der wunderbare Mr. Jim Moon im zweiten Teil seiner neuesten Podcast-Miniserie Spawn of the Gill-man, welche den ärmlicheren Verwandten von Jack Arnolds ikonischem Monster gewidmet ist, die fernab der Schwarzen Lagune die wilden Weiten des B-Movies der 50er und 60er Jahre bevölkerten, unter anderem auch auf Jacques Tourneurs War-Gods of the Deep aka City Under the Sea (1967) zu sprechen kam, fühlte ich mich animiert, dem Streifen gleichfalls wieder einmal einen Besuch abzustatten. Zumal mich seit einigen Wochen ohnehin das Verlangen gepackt hat, meinem filmeschauenden Dasein eine ordentliche und lang vermisste Dosis Vincent Price zuzuführen.



Als im Januar 1965 Tomb of Ligeia in Amerika anlief, war dies das Ende von Roger Cormans berühmtem achtteiligen Edgar Allan Poe - Zyklus. Der eher mäßige Erfolg an den Kinokassen schien Cormans Eindruck zu bestätigen, dass "the series was just running out of steam". Er wandte sich anderen Gefilden zu. 
Doch in der Chefetage von American International Pictures (AIP) vergaß man nicht, dass der Name Poe für beinah ein Jahrfünft ein vorzüglicher Kassenmagnet gewesen war. Und so dauerte es nicht lange, bis Jim Nicholson und Sam Arkoff in Kooperation mit der britischen Firma Bruton Film ein weiteres Projekt ins Auge fassten, das sich in das Gewand des Meisters des Makabren hüllen sollte. Produzent würde Daniel Haller sein, der als Produktionsdesigner und Art Director viel zur opulent-dekadenten Atmosphäre von Cormans Filmen beigetragen hatte. Anders als bei einigen Vertretern von AIPs sogenanntem "zweiten Poe-Zyklus", wie Witchfinder General aka The Conqueror Worm (1969) und Cry of the Banshee (1970), war man noch nicht so weit, Streifen, die auch nicht das Geringste mit dem Werk des großen Dichters zu tun hatten, mit dessen Namen zu versehen. {Obwohl Corman selbst mit The Haunted Palace [1963] den Präzedenzfall dafür geliefert hatte.} Etwas kurios war der Plan trotzdem:
Man wandte sich an den bekannten Drehbuchschreiber Charles Bennett, dessen beeindruckendes Oeuvre sowohl eine Reihe von Hitchcock-Filmen der 20er/30er Jahre (Blackmail [1929],The Man Who Knew Too Much [1934], The 39 Steps [1935], Secret Agent [1936], Sabotage [1936], Young and Innocent [1937]) als auch einige phantastische Abenteuerstreifen der frühen 60er Jahre (The Lost World [1960], Voyage to the Bottom of the Sea [1961], Five Weeks in a Balloon [1962]) umfasste. Was ihn als besonders geeignet für den Job erscheinen ließ, war jedoch vor allem seine Zusammenarbeit mit Jacques Tourneur bei der Adaption von M.R. James' Casting the Runes, die 1957 als Night of the Demon in die Kinos gelangt war. Diesem ehrwürdigen Veteranen wurde nun Edgar Allan Poes Gedicht The City in the Sea mit den Worten in die Hand gedrückt: "Can you take this and make it into a story?"
Bennett nahm die Herausforderung an und war mit dem Ergebnis sogar ziemlich zufrieden. Doch dann erhielt er die Nachricht, dass AIP einige Überarbeitungen an dem Script wünschte und ihn dafür nach Großbritannien "einlud", wo der Film gedreht wurde. Die Reise bezahlen wollten Arkoff & Nicholson allerdings nicht. Bennett lehnte entrüstet ab: "Their idea of money was abolutely so trivial that it would have cost me money to go!" Also reichte man das Drehbuch an Louis M. Heyward weiter.
Die Karriere des guten Mannes hatte im TV-Comedy-Bereich begonnen, und auch nachdem er bei AIP eingestiegen war, zeichneten sich seine Arbeiten als Drehbuchschreiber oder Produzent häufig durch ein humorvolles Elelement aus. Von grotesken Farcen wie Dr. Goldfoot and the Bikini Machine (1965) und The Ghost in the Invisible Bikini (1966) bis zu den subtileren Tönen von The Abominable Dr. Phibes (1971) und Dr. Phibes Rises Again (1972). Lange nachdem er sich von AIP getrennt hatte, würde er außerdem an der Produktion des berüchtigten Hanna-Barbera-Flicks KISS Meets the Phantom of the Park (1978) mitwirken. Es verwundert deshalb nicht, dass Heyward dem Script von War-Gods of the Deep vor allem etwas Humor hinzufügte, insbesondere in Gestalt des exzentrischen Malers Harold Tufnell-Jones mit seinem über alles geliebten Huhn Herbert.
Bennett hasste, was man mit seinem Drehbuch angestellt hatte und erklärte später: "I should never have had anything to do with War-Gods of the Deep. It was simply horrid, the worst thing I was ever involved in, I think."* AIPs britische Partner waren gleichfalls nicht angetan. Es kam zu einer wütenden Auseinandersetzung zwischen Daniel Haller und dem englischen Produzenten George Willoughby, der sich schließlich ganz von dem Projekt zurückzog.

Nachdem man von dieser etwas verkorksten Produktionsgeschichte gehört hat, wird man vielleicht nicht mit den allergrößten Erwartungen an den Film herantreten. Doch immerhin saß während des Drehs mit Jacques Tourneur ein echter Meister des phantastischen Kinos auf dem Regiestuhl, der Genrefans vor allem aufgrund seiner Arbeiten mit Val Lewton aus den 40er Jahren (Cat People [1942], I Walked With a Zombie [1943], The Leopard Man [1943]), sowie des schon erwähnten Night of the Demon bekannt sein dürfte. Fällen wir also keine vorschnellen Urteile, sondern schauen uns den Film selbst einmal etwas genauer an.

War-Gods of the Deep beginnt mit wundervoll atmosphärischen Bildern des Meeres, während Vincent Price die ersten Zeilen von Poes The City in the Sea vorträgt. Ein grandioser Auftakt, vor allem da ich keinen perfekteren Rezitator von Poes Lyrik kenne als den unsterblichen Vincent.
Dann setzt der Plot ein: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts finden. Fischer eine an die Steilküste von Cornwall angeschwemmte Leiche. Der zufällig vorbeikommende Ben Harris (Tab Hunter), ein Bergwerksingenieur aus Amerika, identifiziert den Toten als einen örtlichen Rechtsanwalt, der für Jill Tregillis (Susan Hart) gearbeitet hat. Da es sich bei der jungen Frau um eine Landsmännin handelt {und der gute Ben ganz offensichtlich schwer verliebt in sie ist}, macht er sich auf, um sie persönlich über das verfrühte Ableben ihres Rechtsberaters zu informieren. In dem alten Hotel auf der Klippe angekommen, muss er feststellen, dass Jill bereits Gesellschaft bekommen hat: Den ziemlich wunderlichen, anfangs in einem Kilt herumlaufenden Maler Harold Tufnell-Jones (David Tomlinson) und sein Huhn Herbert.
Doch jede Irritation über diese neue Bekanntschaft {und jeder Gedanke an den toten Rechtsanwalt} sind schon bald vergessen, als Jill von einer unheimlichen Kreatur entführt wird. Etwas nasser Seetang ist die einzige Spur, doch mit der Hilfe von Herbert dem Huhn entdecken die beiden schließlich eine Geheimtür, die sie zuerst zu einem geheimnisvollen Mahlstrom, und -- nachdem sie in diesen gefallen sind -- in eine uralte Stadt unter dem Meer führt. Wenig später sind sie allerdings dann auch schon Gefangene des finsteren Captains (Vincent Price) und seiner Schmugglerbande, die seit bald hundert Jahren hier unten hausen und nicht altern, allerdings auch nicht mehr ans Sonnenlicht zurückkehren können, wenn sie nicht sterben wollen.
Der Captain sieht sich selbst als König der versunkenen Stadt und der zu Fischmenschen degenerierten Nachfahren ihrer Erbauer. Doch unglücklicherweise droht der benachbarte Vulkan, der bislang die geheimnisvollen Maschinen betrieben hat, die das Leben hier unten überhaupt erst ermöglichen, in Bälde auszubrechen und das ganze Reich unter der See zu zerstören.
Der meist recht tolpatschig und etwas lächerlich wirkende Tufnell-Jones beweist nicht zum letzten Mal, dass er ein helleres Köpfchen als unser "männlicher" Held hat und überzeugt den Captain, Ben sei ein weltberühmter Geologe und vermutlich der Einzige, der eine Lösung für das Vulkanproblem finde könnte. Das verschafft den beiden etwas Zeit, um erst Jill zu finden, die der Captain scheinbar für die Wiedergeburt seiner lange verstorbenen Gemahlin hält, und mit Hilfe des greisen Reverend Ives (John le Mesurier) einen Fluchtplan auszuhecken.

War-Gods of the Deep ist ein wirklich wunderliches Genre-Mischmasch.
Da er als eine Art Fortsetzung des Corman'schen Poe-Zyklus gedacht war, ist der Film verzweifelt bemüht, irgendwelche Verbindungen zu The City in the Sea herzustellen. An einem Punkt entdecken unsere Helden sogar eine Erstausgabe der Poe'schen Gedichte, die genau an der richtigen Stelle aufgeschlagen ist, was Anlass zur Rezitation einiger weiterer Verse gibt. Und wenn der Captain von sich selbst sagt, dass er für die Fischmenschen "der Tod" sei, der von seinem Turm auf sie herabschaue, dann ist das eine deutliche Anspielung auf die Zeilen: "While from a proud tower in the town / Death looks gigantically down". Das bedrohlich-rote Glühen des Vulkans wiederum wird zu den Schlussversen des Gedichts in Beziehung gesetzt:
The waves have now a redder glow
The hours are breathing faint and low -
And when, amid no earthly moans,
Down, down that town shall settle hence,
Hell, rising from a thousand thrones,
Shall do it reverence.
Mit Geist und Inhalt des Gedichtes hat all das natürlich nichts zu tun. Eher schon poe'esk wirkt die Wahnidee des Captains, dass seine verstorbene Gattin zu ihm zurückgekehrt sei. Und der Film geht mit diesem Motiv auf erstaunlich zurückhaltende Weise um. Nie wird offen ausgesprochen, dass dies der Grund für Jills Entführung war. Wir als Zuschauer müssen uns das aus einer Reihe von Indizien, Andeutungen und dem ausdrucksvollen Spiel von Vincent Price zusammenreimen.
So gesehen haftet dem Streifen tatsächlich noch etwas von dem Gothic Horror der Corman'schen Filme an. Und mit Daniel Haller als Produzenten verwundert es nicht, dass auch die Sets noch einiges von der entsprechenden Atmosphäre besitzen. Das gilt sowohl für das alte viktorianische Hotel als auch für die leicht mesopotamisch angehauchte versunkene Stadt.

Doch andererseits ist es recht vielsagend, dass AIP den Streifen in Amerika nicht unter dem ursprünglichen Titel City Under the Sea herausbrachte, der ja zumindest noch an Poes Gedicht angeklungen hätte. In der Tat nämlich steht War-Gods of the Deep zugleich noch in einer ganz anderen Tradition. Der der auf Romanen von Jules Vernes fußenden phantastischen Abenteuerfilme wie Disneys 20.000 Leagues Under the Sea (1954), Cy Enfields & Ray Harryhausens The Mysterious Island (1961) und AIPs eigenem Master of the World (1961). Vincent Price'es Captain mit seinen wahnhaften Herrscherallüren haftet ein Bisschen was von Nemo oder Robur an, während unser "square-jawed hero" Ben zugleich -- wie Mr. Jim Moon ganz richtig bemerkt -- auf die Doug McClure - Helden der von AIP und Amicus coproduzierten Edgar Rice Burroughs - Adaptionen der 70er Jahre vorausweist.** Auch hatte Charles Bennett wohl nicht ganz Unrecht, wenn er Herbert das Huhn als einen offensichtlichen Nachkommen von Gertrud der Gans aus Henry Levins Journey to the Center of the Earth (1959) identifizierte.

Zwar kann ich Bennetts Wut und Frustration über die Behandlung, die ihm und seinem Drehbuch widerfuhr, nachvollziehen, und würde recht gerne einmal das ursprüngliche Script lesen, seinem Verdammungsurteil über den letztendlich gedrehten Film kann ich mich jedoch nicht anschließen.
Ohne Zweifel macht die Story so gut wie keinen Sinn, und die Handlung in der versunkenen Stadt besteht aus nicht viel mehr als dem zweimaligen Durchlaufen der Plot-Punkte "Gefangennahme" & "Fluchtversuch". Viele Elemente der Geschichte bleiben unterentwickelt. Das gilt nicht nur für die Beziehung zwischen dem Captain und Jill, sondern auch für die zwischen ersterem und den Fischmenschen. Auch erfahren wir nie, wie Reverend Ives in die Gesellschaft der Schmuggler geraten ist. Und warum noch gleich hat die Bande den armen Rechtsanwalt ermordet?
Dennoch finde ich, dass der Film durchaus Charme besitzt, gerade durch die eigenartige Verschmelzung von Elementen aus Gothic Horror und phantastischem Abenteuerfilm. Er ist sicher kein Meisterwerk, aber als farbenfroher Fantasy-Nonsense mit einer ordentlichen Prise Gothic - Atmosphäre ist er nicht ohne seinen ganz eigenen Reiz.

Die Löchrigkeit des Plots hat mich nur einer Stelle wirklich gestört. Und diese bildet ganz allgemein den größten Schwachpunkt von War-Gods of the Deep. Dass es sich dabei ausgerechnet um das große Finale handelt, ist freilich ziemlich bedauernswert.
Ben, Harold und Jill sind in wunderbar steampunkige Taucheranzüge geschlüpft und haben sich auf den Weg zum Goldenen Schrein gemacht, in dem es einen Ausgang zur Oberwelt geben soll. Natürlich nehmen der Captain und seine Mannen die Verfolgung auf, und auch die Fischmenschen schwimmen eiligst herbei, um das Entkommen unserer Helden zu verhindern. Es folgt eine Unterwasser-Jagd. Das bereitet in filmischer Hinsicht gewisse Probleme. Von den Fischmenschen einmal abgesehen {die an Land als bloß schemenhaft auszumachende Gestalten mit schwarzem Seetang-Haar ohnehin sehr viel eindrucksvoller waren}, sind alle Beteiligten zu äußerst schwerfälligen Bewegungen verdammt. Das allein schon raubt der Szene viel an ihrer eigentlich nötigen Dynamik. Und es hilft auch nicht gerade, dass sich das an sich dramatische Geschehen in völliger Stille abspielt. So realistisch das auch sein mag. Der Versuch, dem entgegenzuwirken, indem uns immer mal wieder die Gesichter unserer Helden in ihren Taucherhelmen gezeigt werden, wirkt eher kontraproduktiv, da allein schon die merklich andere Beleuchtung keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass sich die betreffenden Personen nicht unter Wasser, sondern in einem Studio befinden. {Sehr nett allerdings ist es, wenn wir zu sehen bekommen, dass Harold seinen Helm mit Herbert dem Huhn teilt!} Unglücklicherweise dachte man bei AIP offenbar, die Unterwasseraufnahmen seien so beeindruckend {und für sich genommen sind sie ja auch recht cool}, dass man die Sequenz möglichst in die Länge strecken sollte, was natürlich ganz und gar nicht die erwünschte Wirkung hat.
Der löchrige Plot kommt ins Spiel, nachdem es im Goldenen Schrein zum an sich ziemlich gelungenen letzten Aufeinandertreffen zwischen unseren Helden und dem Captain gekommen ist. Statt nämlich den versprochenen "trockenen" Ausgang zu finden, legen die drei noch einmal Taucheranzüge an und marschieren unter Wasser zum Strand. Hätten sie das nicht ebensogut ohne den Umweg über den Schrein machen können? Dieses unglückliche Plotdetail verstärkt nur einmal mehr den Eindruck, dass die finale Sequenz einfach zu lang {und damit etwas langweilig}geraten ist

Einmal an Land darf das Trio dann allerdings einen hübsch dramatischen unterseeischen Vulkanausbruch beobachten, derweil Vincent Price die Schlussverse von The City in the Sea vorträgt. Und allein das schon hat mich sofort wieder mit allen unleugbaren Schwächen dieses kleinen, aber charmanten Films versöhnt. 

 

Tom Weaver: Double Feature Creature Attack: A Monster Merger of Two More Volumes of Classic Interviews. S. 25.
** Vgl. meine Besprechung von At the Earth's Core.(1976).

Samstag, 16. Juni 2018

Strandgut der Woche

Samstag, 9. Juni 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 8. Juni 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E09: "Countdown"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Blake mag für viele in der Föderation inzwischen ein legendärer Volksheld sein, und vermutlich gibt es mehr als eine Ballade, die über seine heroischen Taten gesungen wird, aber wenn's darum geht, einen echten Aufstand gegen das totalitäre Regime zu organisieren, sind ihm Cauder (James Kerry), Ralli (Lindy Alexander) und Vetnor (Sidney Kean) auf dem Planeten Albion um Meilen voraus.
Unser fanatischer Freiheitskämpfer hat in der Vergangenheit zwar immer mal wieder kurzzeitige Bündnisse mit Revolutionärinnen wie Avalon (Project Avalon) und Kasabi (Pressure Point) geschlossen, aber seine Vorstellung revolutionärer Aktion bestand eigentlich immer in spektakulären Alleingängen. Kein Wunder also, dass er nichts von der Rebellion auf Albion mitgekriegt hat. Es ist bloßer Zufall, dass die Liberator den Planeten erreicht, kurz nachdem die Aufständischen das Hauptquartier der Besatzer gestürmt haben.
Blake befindet sich auf der Suche nach dem Föderationsoffizier Provine (Paul Shelley), von dem er Informationen über den wahren Standort von "Control" zu erlangen hofft. Auch die niederschmetternden Erlebnisse von Pressure Point haben ihn nicht von seiner Obsession für das Computer-Nervenzentrum der Föderation geheilt, mit dessen Zerstörung er den Sturz des Regimes herbeizuführen gedenkt.
Die siegreichen Revolutionäre von Albion freilich haben ganz andere Probleme. Kurz bevor ihre Kommandozentrale eingenommen wurde, haben die Föderationsoffiziere den Countdown eines nuklearen Sprengkopfs gestartet, dessen Detonation alles Leben auf dem Planeten auslöschen würde, ohne die Infrastruktur zu zerstören oder eine langfristige Verstrahlung der Oberfläche zu verursachen.
Natürlich ist die Liberator - Crew sofort bereit, bei der Entschärfung der Bombe zu helfen. Ein Job, wie geschaffen für Avon. Doch dann entpuppt sich der Söldner Del Grant (Tom Chadbon), den die Rebellen zur militärischen Koordinierung ihres Aufstands angeheuert hatten, als ein alter Bekannter unseres Tech-Genies, der einen mörderischen Hass auf diesen hegt.
Dennoch lassen sich die beiden schließlich gemeinsam in eine verlassene Station auf dem Südpol des Planeten teleportieren, wo sich nach Oracs Berechnungen der Sprengkopf befinden muss. Zuvor schärft Blake dem Söldner allerdings ein: "One more thing: if anything happens to Avon, I will come looking for you."
Nachdem dies erledigt wäre, macht er sich in den Korridoren des Kommadokomplexes auf die Jagd nach Major Provine, der inzwischen seine Uniform losgeworden ist und sich mit einem extra für diesen Zweck bereitgestellten Raumgleiter in den Orbit schießen lassen will, um dort in aller Ruhe die atomare Detonation abzuwarten und danach auf den "gesäuberten" Planeten zurückzukehren.

Nach den eher mittelmäßigen Episoden Killer und Hostage bildet diese von Terry Nation geschriebene Folge den Auftakt für den alles in allem sehr gelungenen finalen Teil der zweiten Staffel.
Die Handlung ist straff erzählt und lässt keine Längen inmitten der ständig steigenden Bedrohlichkeit der Situation aufkommen. Es gibt keine unnötigen Abschweifungen, alles bleibt konzentriert auf die beiden Hauptelemente: Major Provine und die Konfrontation zwischen Avon und Grant, derweil unaufhörlich die Bombe am ticken ist.

Für den abschließenden Handlungsbogen der Staffel bildet Provine zwar den wichtigeren Part, erhält Blake von ihm doch am Ende den Namen des Cyber-Chirurgen Docholli, der als einziger wissen soll, wo sich "Control", oder "Star One" wie das Kontrollzentrum inzwischen genannt wird, befindet. Dennoch sind Avon und Grant die eigentlichen Stars von Countdown.
Der Söldner macht Avon für den Tod seiner Schwester Anna verantwortlich. Offenbar waren die beiden in der Zeit von Avons krimineller Karriere miteinander liiert. Die Polizei war ihnen dicht auf den Fersen, und während Avon unterwegs war, um einen seiner Kontakte in der Unterwelt aufzusuchen und die für ihre Flucht nötigen Visa zu organisieren, wurde Anna verhaftet und starb später unter der Folter.
Wir haben Avon nie als einen Menschen kennengelernt, der es für nötig empfinden würde, seine Handlungen gegenüber anderen zu rechtfertigen. Wenn er dennoch bemüht ist, Grant seine Sicht der Ereignisse darzulegen, während die beiden in der vereisten Südpolstation gemeinsam die Bombe zu entschärfen versuchen, dann macht das deutlich, wie wichtig ihm diese Episode aus seinem Leben ist: Er hatte keine Chance, Anna zu retten. Eine Reihe unglücklicher Umstände verhinderten, dass er rechtzeitig zu ihr zurückkehren konnte. Dabei bleibt er dennoch ganz der alte Avon, nach außen hin stets kühl, beherrscht und leidenschaftslos. Aber wir spüren, dass es unter der Oberfläche in ihm brodelt. Und wenn er die mit Blake getroffene Vereinbarung bricht und sich nicht zum abgemachten Zeitpunkt in Sicherheit bringt, sondern bis zum buchstäblich letzten Moment an der Deaktivierung des Sprengkopfs weiterarbeitet, dann könnte man meinen, er tue dies, um dem Bruder der Frau, die er über alles geliebt hat, zu beweisen, dass er eben nicht der zynische Egoist ist, als der er sich anderen gegenüber so gerne präsentiert. Paul Darrows schauspielerische Leistung in diesen Szenen ist wirklich beeindruckend.

Und wieder einmal schließt die Episode mit einem kurzen und pointierten Wortwechsel zwischen Blake und Avon.
Blake: Are you going to tell me about Anna?
Avon: You wouldn't understand.
Blake: Wouldn't I?
Avon: I doubt it.
Avons Reaktion verrät eine Menge darüber, wie er Blake sieht. Trotz dessen immer wieder aggressiv verkündetem Freiheitsfanatismus hält er ihn für unfähig, die wirklich menschlichen Gefühle individueller Liebe und Verbundenheit nachempfinden zu können. Und diese Einschätzung mag mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthalten.

Interessanterweise wird Blake's 7 die Geschichte von Anna und Avon später noch einmal aufgreifen. Dies wird allerdings erst in der dritten Staffel geschehen. 

Sonntag, 3. Juni 2018

Geheimnisvolles Chronopolis

Es fällt nicht unbedingt leicht, unmittelbar Zugang zu Piotr Kamlers über einen Zeitraum von fünf Jahren zwischen 1977 und 1982 entstandenen phantastischen Animationsfilm Chronopolis zu finden. Aber wenn man sich einmal auf ihn eingelassen hat, belohnt einen der Streifen, der von Luc Ferrari, einem der Pioniere der musique concrète, mit einem faszinierenden Soundtrack versehen wurde, mit einem Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird.

In seiner heute am weitesten verbreiteteten Form, die 1988 angefertigt wurde und als die offizielle Version gilt, verfügt das Werk des polnischen Künstlers über keinen erzählerischen Kommentar, und auch wenn der Film durchaus Elemente einer linearen Handlungsstruktur aufweist, bleibt vieles doch abstrakt, mysteriös und ambivalent.

In einer zyklopischen Stadt über den Wolken lebt eine Gruppe von Göttern, deren unsterbliche Existenz schon seit langem nur noch aus Ödnis und Monotonie besteht. 
Das wiederholt heraufbeschworene Bild einer sich öffnenden Tür, hinter der sich eine öffnende Tür verbirgt, die den Blick auf eine weitere sich öffnende Tür freigibt, veranschaulicht sehr schön die Sinnlosigkeit dieses Daseins, verrät aber auch etwas von der nach wie vor vorhandenen Sehnsucht der Götter, vielleicht doch noch etwas entdecken zu können, was ihrer Existenz neues Leben einhauchen könnte. 
Wir sehen die riesigen, statuesken Gestalten. deren Erscheinung ein wenig an das pharaonische Ägypten oder alte mesoamerikanische Kulturen denken lässt, eine Reihe von Kreaturen erschaffen: Durch die Lüfte fliegende Scheiben, insektenschwarmartige Gruppen schwarzer Punkte, umherhüpfende Bälle. Doch sie alle bleiben entweder unmittelbare Gefangene der Willkür ihrer Schöpfer oder werden Teil eines sinnentleerten, industriellen Prozesses, der offenbar auf kein wirkliches Ziel hinausläuft. Über dem Ganzen liegt eine extrem bedrückende Atmosphäre, auch wenn die Götter nichts bewusst bösartiges oder grausames an sich haben..
Daneben bekommen wir immer wieder eine Gruppe menschlicher Bergsteiger zu sehen, die eine scheinbar endlose Felsklippe hinaufklettern. Ihre Bemühungen haben etwas sisyphusartiges.
Schließlich ensteht inmitten der ewigen Monotonie der göttlichen Schöpfungsakte etwas, das der Silhouette eines Vogels ähnelt. Anders als alle vorherigen Kreationen scheint diese keine Gefangene der Welt von Chronopolis zu sein. Sie fliegt zu der Klippe der Bergsteiger und macht sich an deren Seil zu schaffen. Wenig später verliert eine der menschlichen Gestalten den sicheren Halt an der Felswand. Sie kann ihren Gefährten nicht länger folgen. Ihre Hilferufe bleiben unbeantwortet. Zuguterletzt stürzt sie in die Tiefe, wobei es nicht eindeutig ist, ob wir das als einen Unfall oder ein gewolltes Loslassen interpretieren sollen.
Doch der Bergsteiger zerschellt nicht etwa am Fuße der Klippe, sondern beginnt durch die Lüfte zu gleiten und landet schließlich auf der gigantischen Architektur von Chronopolis. Zu dem offenbar ohnmächtig gewordenen gesellt sich einer der hüpfenden Bälle. Nachdem er wieder erwacht ist, kommt es zu einer spielerischen Interaktion zwischen dem Menschen und dem Ball. Er tätschelt ihn liebevoll. Die beiden tanzen zusammen. Der Bergsteiger befreit ein von der Maschinerie der Götter zuvor dort eingesperrtes Etwas aus dem Ball. Die Seele der Kreatur?
Als die beiden schließlich vor die riesenhaften Beherrscher der Stadt gebracht werden, beginnen deren Gestalten sich aufzulösen wie Statuen, die in Sekundenschnelle zu Staub zerfallen. Eine tintenschwarze Finsternis ergießt sich über die Metropole.
In der abschließenden Szene sehen wir den Bergsteiger und den Ball auf einer scheinbar endlosen Linie in eine weiße Leere hineinwandern.

Chronopolis ist offen für die unterschiedlichsten Interpetationen. 
Ich denke, es ist ziemlich klar, dass der Film etwas über die Seelenlosigkeit der modernen Gesellschaft und den Wert menschlicher Individualität sagen will. Doch worin genau seine Botschaft besteht? Und ob wir das Ende als optimistisch oder hoffnungslos auffassen sollen? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Jeder wird da seine ganz eigene Interpretation finden müssen. Was nur für diesen wirklich faszinierenden Film spricht. 



PS: Eine frei zugängliche Version von Chronopolis findet sich im Internet Archive.
 
 
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Strandgut der Woche

Sonntag, 27. Mai 2018

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Sonntag, 20. Mai 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 18. Mai 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E08: "Hostage"

Ein Blake's 7 - Rewatch
 
Der Beginn von Hostage verdeutlicht noch einmal sehr schön, dass die vorangegangene Episode Killer ein klassischer Lückenbüßer war, und es wundert einen nicht, wenn man erfährt, dass Robert Holmes' Folge ihren Platz ursprünglich vor den Ereignissen von Pressure Point und Trial haben sollte. Der Aufhänger der Story in Killer war ja der Diebstahl einer Dechiffriemaschine gewesen, mit deren Hilfe die Liberator ihren Verfolgern in Zukunft leichter ausweichen könnte. Hostage jedoch startet mit dem bislang massivsten Angriff eines Föderationsgeschwaders auf das Schiff unserer Helden & Heldinnen. Einzig die überlegene Geschwindigkeit der Liberator rettet sie noch einmal davor, von den Strahlenkanonen ihrer Gegner pulverisiert zu werden.

Kein schlechter Auftakt für die Episode.

Die Liberator ist der Gefahr gerade erst entronnen, da erreicht sie eine verschlüsselte Funknachricht von niemand anderem als unserem alten Freund Travis. Der ehemalige Space Commander ist seit dem Ende von Trial ja gleichfalls ein von der Föderation gejagter Renegat und bietet Blake deshalb ein Bündnis an. Um seinem Anliegen etwas Nachdruck zu verleihen, hat der einäugige Psychopath allerdings auch gleich mal Inga, die Tochter von Blakes totgeglaubtem Onkel Ushton, als Geisel genommen und droht die junge Frau zu töten, falls die Liberator nicht umgehend Kurs auf die ehemalige Sträflingskolonie Exbar nimmt, um sich dort mit ihm zu treffen.
Im Grunde hält keiner an Bord Travis' Angebot für sonderlich glaubwürdig. Nur Vila ist sich da nicht ganz so sicher. Avon geht sogar so weit, zu erklären, es sei für alle Beteiligten das Beste, wenn der Exoffizier mit der Augenklappe möglichst bald in die Hände der Föderation fallen würde.
Aber natürlich kann Blake Inga nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.
Und während sich die Liberator nach Exbar aufmacht, kommen wir in den Genuss einer famosen Szene in Servalans Hauptquartier.

Blakes Überraschungsangriff in Trial und Travis' Flucht haben die Position der Obersten Befehlshaberin gegenüber ihren Rivalen in der zivilen Führungsriege weiter geschwächt. Das wird deutlich, als mit Counsellor Joban (Kevin Stoney) ein Politiker auf die Station kommt, der selbst zu jener Gruppe gehörte, die Servalans Aufstieg aktiv unterstützte, ihr jetzt aber sehr deutlich zu verstehen gibt: "I would not like to think I might have been wrong in my choice."
Inhaltlich bietet die Szene zwar nichts neues, aber es ist stets ein Vergnügen, Jacqueline Pearce im verbalen Duell mit einem ebenbürtigen Kontrahenten zu erleben. Und Kevin Stoney, der Freundinnen & Freunden der britischen TV-Phantastik u.a. aus Doctor Who (1965/66; 1968; 1975), The Avengers (1967), The Prisoner (1967) I, Claudius (1976) und Quatermass (1979) bekannt sein könnte, gibt einen wirklich formidablen Sparring Partner für die Oberste Befehlshaberin ab. Joban und Servalan sind zwei intrigante Schlangen, die ganz genau wissen, dass jeder von ihnen seinem Gegenüber ohne zu zögern einen Dolch in den Rücken stoßen würde, sobald dies opportun erschiene. Und keiner lässt den anderen hierüber im Dunkeln, ohne dabei je die Maske charmant lächelnder Höflichkeit abzulegen.
Aber auch wenn Servalans Lage momentan nicht die rosigste ist, bietet sich ihr doch ein kleiner Lichtblick, als sie eine anonyme Funknachricht erreicht, in der ihr Exbar als  das Versteck des Renegaten Travis angezeigt wird. Schlau wie sie ist, vermutet die Oberste Befehlshaberin sofort, dass eine Verbindung zwischen der Botschaft und der Liberator besteht, und lässt allsogleich ein Raumschiff bereit machen, um sich selbst zu der ehemaligen Sträflingskolonie zu begeben.

Derweil ist die Liberator bereits im Orbit über dem Planeten angekommen. Avon beharrt weiterhin darauf, das Risiko sei zu groß, doch Blake lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, hinunter zu teleportieren. Doch was, wenn plötzlich Raumjäger der Föderation auftauchen sollten? "Then you'll have to leave me down there." – "That could happen.
Cally spürt deutlich, dass mit Avon irgend etwas nicht stimmt, spricht ihre Vermutung aber nicht offen aus. Also begibt sich Blake auf die Oberfläche, wo er schon bald auf Ushton (John Abineri) trifft, der ihm den Weg zu der alten Funkstation weist, in der Travis sein Lager aufgeschlagen hat. 
Je mehr Zeit verstrichen ist, desto nervöser wird Avon, bis er schließlich den für alle überraschenden Beschluss fasst, gleichfalls hinunterzugehen, begleitet von dem wenig begeisterten Vila.

Leider nimmt die Handlung von diesem Punkt an eine ziemlich voraussehbare Entwicklung. Hostage hätte eine sehr viel interessantere Episode werden können, wenn Travis seinen Vorschlag zu einem aus der Not geborenen Bündnis zumindest halbwegs ernst gemeint hätte. Spätestens seit Shadow wissen wir, dass Blake in der Wahl seiner Verbündeten nicht eben wählerisch ist. Gut möglich also, dass er sich darauf eingelassen hätte, zumindest für den Moment mit dem ehemaligen Space Commander zusammenzuarbeiten, was der Ausgangspunkt für manch spannende Komplikationen hätte werden können. Doch wie das letzte Drittel der zweiten Staffel leider recht deutlich zeigt, wussten die Autoren von Blake's 7 offensichtlich nicht so recht, was sie mit Travis anfangen sollten, nachdem sie ihn zum Renegaten gemacht hatten. Und so bleibt er im Modus des Superbösewichts gefangen. 
Wie alle von Anfang an vermutet hatten, ist das Ganze eine Falle, die der einäugige Schurke Blake gestellt hat, um zusammen mit einer Bande von "Crimos" ("Criminal Psychopaths") die Liberator zu kapern. Nicht besonders spannend. Positiv fällt dabei bloß auf, dass James Coyle als Molok einen wirklich gruselig überzeugenden irren Sadisten abgibt. Und natürlich ist es schön, zu sehen, wie Cally und Jenna den Kerl austricksen und ins All teleportieren. Auch die Styroporfelsen, mit denen die übrigen "Crimos" erledigt werden, besitzen ihren Charme. Weniger charmant, eher schon etwas creepy, ist die glücklicherweise bloß angedeutete romantische Beziehung zwischen Blake und Inga (Judy Buxton).

Der interessanteste Aspekt von Hostage ist einmal mehr Avon. Natürlich war er es, der die anonyme Nachricht an Servalan geschickt hat, in der Hoffnung, die Föderation werde vor der Liberator auf Exbar eintreffen und das Problem Travis ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Als sein Plan nicht aufgeht, sieht er sich vor ein ernsthaftes Problem gestellt. In gewisser Hinsicht eröffnet sich ihm nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sowohl den Ex-Commander als auch Blake loszuwerden. Doch zu einem solch kaltblütigen Verrat ist er letztlich nicht fähig. Wenn er Blake gegenüber erklärt, "You are still assuming that we will risk our lives for you", dann will er ihm damit zu verstehen geben, dass der egomanische Freheitskämpfer nach den Ereignissen von Pressure Point und Gans Tod besser nicht mehr wie selbstverständlich von dieser Annahme ausgehen sollte. Doch am Ende tut er selbst genau das. Er riskiert sein Leben, um Blake zu retten.

Die Episode schließt mit der Wiederbegegnung von Travis und Servalan. Die Oberste Befehlshaberin verzichtet darauf, den Renegaten gefangen nehmen zu lassen. Offenbar glaubt sie, dass er ihr als heimlicher Verbündeter gegen Blake von größerem Nutzen sein könnte.

Sonntag, 13. Mai 2018

Strandgut der Woche

Samstag, 5. Mai 2018

Strandgut der Woche

Dienstag, 1. Mai 2018

"You were mean and cruel / Right from the start. / Now you really / Have no HEART."

Nachdem mir meine wundervolle englische Horror-Freundin Beth diesbezüglich vor kurzem eine strenge Rüge erteilte, habe ich mich umgehend daran gemacht, eine meiner vielen Wissenslücken zu schließen, und mir mit Tales from the Crypt (1972) den einzigen Portmonteau-Streifen von Amicus angeschaut, den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte.*

Neben The Vault of Horror (1973; hier besprochen) ist dies die zweite Grusel-Anthologie der britischen Produktionsfirma, die auf den EC-Comics der 50er Jahre basiert, und außerdem der letzte Amicus-Streifen, bei dem der große Freddie Francis Regie führte. Anlass genug, einmal einen etwas umfassenderen Blick auf dessen künstlerische Laufbahn zu werfen.

Der am 22. Dezember 1917 im Londoner Stadtteil Islington geborene und 2007 verstorbene Filmkünstler dürfte den größten Teil seines Ruhmes der Arbeit als Kameramann verdanken. Als solcher gewann er neben vielen anderen Auszeichnungen zwei Oscars für Sons and Lovers (1960) und Glory (1989).

Seine Karriere in der Filmindustrie begann, als er mit sechzehn Jahren Lehrling des Standfotografen Louis Pothero wurde, was ihn erstmals auf das Gelände der späteren Ealing Studios führte. Ab 1936 arbeitete er u.a. als "Clapper Boy" {wie nennt man das eigentlich auf Deutsch?} und später als Kamerassistent in den Elstree Studios. Nach dem Ausbruch des Krieges und seinem Eintritt in die Armee wurde Francis Mitglied des Army Kinema Service (AKS) und arbeitete beim Dreh zahlreicher Trainingsfilme in den Wembley Studios mit. Er selbst erachtete die dabei gesammelten Erfahrungen für entscheidend: 
[T]hat is when I really started, I started operating and became a DP [Director of Photography], which was great. It took a war to do it, but one got a lot of training. 
Nach dem Ende des Krieges arbeitete Francis in der ersten Hälfte der 50er Jahre als Kameramann unter so bedeutenden Regisseuren wie Michael Powell & Emeric Pressburger, Carol Reed, John Huston und René Clément. Er erneuerte seine Freundschaft mit Kameramann Oswald Morris, der ihn bei Golden Salamander (1950), seinem ersten Film als DP, in sein Team aufnahm.
He was a wonderful operator, very experienced. On [John Huston's] Moulin Rouge (1952) we were expected to do all sorts of strange things with the camera. Freddie was throwing the very heavy three-strip Technicolor camera around very well and it was a great help to me because I was occupied lighting it. Our characters worked wonderfully well. Our interests were the same, we loved ribbing each other and there was great banter between us. Freddie was great.
Für Freundinnen und Freunde des phantastischen Films von besonderem Interesse dürfte seine Mitarbeit an The Tales of Hoffmann (1951) sein Powells & Pressburgers grandioser Adaption der auf E.T.A. Hoffmanns unheimlichen Erzählungen basierenden Oper von Jacques Offenbach.**

Schließlich durfte Francis bei John Hustons Moby Dick (1956) die Aufgaben eines DP übernehmen, wenn auch vorerst nur für die "Second Unit". Doch im selben Jahr erhielt er bei dem in Portugal gedrehten Kriegsfilm A Hill in Korea dann erstmals die volle Kontrolle über die Cinematographie.
In der Folge arbeitete er u.a. mit Joseph Losey, Karel Reisz, Jack Cardiff und Jack Clayton zusammen. Sein wichtigstes Werk aus dieser Ära dürfte in unserem Zusammenhang The Innocents (1961) sein. Francis selbst betrachtete Claytons Verfilmung von Henry James' klassischer Horrorerzählung The Turn of the Screw, die nebenbei bemerkt zu meinen absoluten Genrelieblingen gehört, als den besten Film jener Zeit, an dem er mitwirkte.
The Innocents was one of Francis’s favourite films. It was shot in B&W and in cinemascope. Clayton didn’t want it in scope but had to relent. Francis created an effect that at times gave a non-scope look that worked very well. He said it was the best film he had ever photographed. 
Nach einer wirklich beeindruckenden und erfolgreichen Karriere als Kameramann, beschloss Francis zu Beginn der 60er Jahre, es als Regisseur zu versuchen:
I got a lot of fun out of being a cameraman, but obviously directing is more interesting. One thing wrong with being a cameraman in Britain is that from the financial point of view you have to keep working all the time and you often have to work with people whose work,frankly, doesn't excite you. When I got the opportunity to direct I decided to try it and if I wasn't excited with what I did, well, that would be my own problem, and no one else's.
Ironischerweise war sein Regiedebüt, die Komödie Two and Two Make Six (1961), ganz und gar kein Projekt, das ihn besonders begeistert hätte.
I decided to do a film with a script I didn't much like. Stupidly I thought I could make a good movie anyway. But, of course, you can't.
Es war sein zweiter Film, die britisch-deutsche Koproduktion The Brain (1962) dritte Adaption von Curt Siodmaks Klassiker Donavan's Brain , der das Interesse von Hammer Film Productions weckte. In der Folgezeit drehte er für die große Brit-Horror-Schmiede Paranoiac (1963), The Evil of Frankenstein (1964), Nightmare (1964), Hysteria (1965) und Dracula Has Risen from the Grave (1968). 

Francis pflegte einen deutlich anderen Stil als Terence Fisher, dessen Filme für die klassische Periode des House of Hammer prägend waren:
Fisher was always dead serious about his horror films, which almost invariably revolved around big subjects like good-vs-evil, and his direction, while elegant, was also very straightforward as if to emphasize on that.
Freddie Francis on the other hand was above all else a very visual, less story-driven director, and especially with his transition into colour [in The Evil of Frankenstein], he also became very playful, stylistically, and often his movies used circus-, sideshow- and carneval-elements, which in turn of course made the films much more light-hearted than Fisher's, and while he was able to create atmosphere just as well as Fisher, his emphasis was more diffuse and less focussed on the very central themes of humanity.
Dies war möglicherweise einer der Gründe, warum Freddie Francis Mitte der 60er Jahre zu Amicus Film Productions wechselte. {Seine einmalige Rückkehr für Dracula Has Risen from the Grave war einzig dem Umstand geschuldet, dass Fisher sich aus gesundheitlichen Gründen von dem Projekt zurückziehen musste}. 1964 drehte er mit Dr. Terror's House of Horrors (1965) die erste Horror-Anthologie der Firma. 
Aber auch wenn Amicus heute in erster Linie für dieses Format bekannt sein dürfte, das Milton Subotsky dem von ihm verehrten Klassiker Dead of Night (1945) abgeschaut hatte, war das Repertoire der Firma doch deutlich breiter gefächert. Was sich auch an Francis' Output der nächsten Jahre ablesen lässt. Dem "konventionellen" Horrorstreifen  The Skull (1965) – den der Regisseur als einen seiner visuell gelungensten Werke erachtete –, folgten der Thriller The Psychopath (1966), die bizarren Deadly Bees (1966) und der Alien Invasion - Flick They Came from Beyond Space (1967). Erst dann kehrte er mit Torture Garden (1968; hier besprochen) und Tales from the Crypt (1972) wieder zum Portmanteau-Format zurück.

Was Freddie Francis an seiner Arbeit im Genefilm besonders schätzte war, dass er sich dabei ganz darauf konzentrieren konnte, mit Hilfe der Kamera Atmosphäre zu schaffen: "[T]hese films are 99% visual ... [they] depend on the ability to tell one's stories with the camera". 
Dennoch wurde es ihm mit der Zeit scheinbar etwas unangenehm, in die Nische des Horrorregisseurs gedrängt zu werden. Zwar drehte er in der ersten Hälfte der 70er Jahre u.a. noch The Creeping Flesh (1973) für die dritte {und etwas in Vergessenheit geratene} Brit-Horror-Schmiede Tigon Pictures sowie The Ghoul (1975) und Legend of the Werewolf (1975) für Tyburn – die von seinem eigenen Sohn Kevin gegründete Produktionsfirma, die erfolglos versuchte, den "Gothic Horror" der 60er am Leben zu erhalten** –, doch am Ende des Jahrzehnts beschloss er schließlich, in sein angestammtes Metier zurückzukehren.

Sein triumphales Comeback als Director of Photography konnte Freddie Francis 1980 mit David Lynchs The Elephant Man feiern. Es folgten u.a. The French Lieutenant's Woman (1981) von Karel Reisz & Harold Pinter, Lynchs Dune (1984)****, Walter Murchs Return to Oz (1985), Edward Zwicks Glory (1989) und Martin Scorceses Remake von Cape Fear (1989). Sein letzter Film als DP war Lynchs The Straight Story (1999).

Bevor wir uns endlich dem Film selbst zuwenden, rasch noch ein paar Worte zu den legendären EC - Horror - Comics.
Obwohl Tales from the Crypt, The Haunt of Fear und The Vault of Horror bloß ein knappes Jahrfünft lang – von 1950 bis 1954/55 – erschienen, ist ihr Einfluss auf die Popkultur doch erstaunlich groß. Zu ihrer Zeit waren die von EC-Boss William Gaines und seinem Redakteur Al Feldstein ins Leben gerufenen Serien äußerst erfolgreich und bedrohten ernsthaft die Vorherrschaft der Superhelden in der Welt der Comics. In ihrer eigenwilligen Mischung aus Horror, Gewalt und schwarzem Humor bildeten sie ein subversives Antidot zum Klima des öffentlich verordneten Konformismus, der im Amerika des Kalten Krieges herrschte.
Ihr Ende nahte, als nach der Veröffentlichung von Fredric Werthams berüchtigtem Schmöker Seduction of the Innocent 1954 eine Woge moralischer Panikmache über die Comicindustrie hereinschlug. Um staatlichen Zensurmaßnahmen zuvorzukommen, schuf die Comics Magazine Association of  America, bei deren Gründung Gaines ironischerweise eine wichtige Rolle gespielt hatte, noch im selben Jahr den Comics Code. Eine ganze Unterabteilung dieses Regelwerks der Selbstzensur, dessen Ziel darin bestand, jedes potentiell subversive Element aus dem Medium zu verbannen, richtete sich unverhohlen gegen die EC-Horror-Comics und ähnliche Publikationen:
  1. No comic magazine shall use the words horror or terror in its title.
  2. All scenes of horror, excessive bloodshed, gory or gruesome crimes, depravity, lust, sadism, masochism shall not be permitted.
  3. All lurid, unsavory, gruesome illustrations shall be eliminated.
  4. Inclusion of stories dealing with evil shall be used or shall be published only where the intent is to illustrate a moral issue and in no case shall evil be presented alluringly nor so as to injure the sensibilities of the reader.
  5. Scenes dealing with, or instruments associated with walking dead, torture, vampires and vampirism, ghouls, cannibalism, and werewolfism are prohibited.    
William Gaines' selbstbewusster Auftritt vor einem Untersuchungsausschuss des Senats war sicher nicht geeignet, den drohenden Untergang von EC abzuwenden, doch dafür erwies sich der Verleger damit als bewundernswert prinzipientreuer Kämpfer gegen die Zensur. Er war nicht bereit, sich dem Comic Code zu unterwerfen, woraufhin er öffentlich als amoralisches Monstrum an den Pranger gestellt wurde. Als er schließlich doch kapitulierte, war es zu spät. Im Frühjahr 1956 erschien der letzte EC-Comic. In der Folge konzentrierte sich Gaines ganz auf die Herausgabe von MAD.

Die fünf Geschichten, aus denen der Film zusammengesetzt ist, stammen aus The Vault of Horror #35 (... And All Through the House), Tales from the Crypt #23 (Reflection of Death), The Haunt of Fear #12 (Poetic Justice), The Haunt of Fear #22 (Wish You Were Here) und Tales from the Crypt #46 (Blind Alleys). 

Unter den allseits bekannten Klängen von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll schweift die Kamera über einen hübsch verfallenen Friedhof, um uns schließlich in ein unterirdisches Gewölbe zu führen. Dort hat sich eine Gruppe von Touristen zusammen gefunden, um unter der Leitung eines Fremdenführers einen Rundgang durch die Katakomben zu unternehmen, die verfolgten Mönchen in der Ära Heinrichs VIII. als Zufluchtsstätte dienten. Fünf von ihnen bleiben etwas hinter der Gruppe zurück, verirren sich in dem Labyrinth staubiger Gänge und landen schließlich in einer Art Krypta, wo sie von einem mysteriösen Kuttenträger (Ralph Richardson) erwartet werden, der sie dazu zwingt, ihre übelsten Impulse offenzulegen und deren Konsequenzen ins Auge zu schauen. 
Diese Eröffnungssequenz weist große Ähnlichkeiten mit der aus Torture Garden auf, allerdings besitzt Richardsons Crypt Keeper nicht annähernd das Charisma von Burgess Merediths Dr. Diabolo.

In der ersten Episode ... And All Through The House dürfen wir miterleben, wie Joanne Clayton (Joan Collins)***** am Weihnachtsabend ihren Mann ermordet und sich anschließend mit dem unangenehmen Problem konfrontiert sieht, dass ein der Irrenanstalt entsprungener mörderischer Psychopath im Santa Claus - Kostüm ihr Haus umschleicht. Mieses Timing! Und dummerweise hat Joannes kleine Tochter keinen größeren Wünsch, als endlich einmal den Weihnachtsmann in persona zu treffen ...
Nicht der stärkste Auftakt. Allerdings spielt Joan Collins die Rolle der mörderischen Ehefrau mit sichtlichem Vergnügen und die Story besitzt einen hübsch fiesen Ton: Das kitschige Idyll einer Familienweihnacht, die mit dem gezielten Schwung eines Schürhakens endet; Joannes methodische Kaltblütigkeit beim Verwischen der Spuren, während im Hintergrund Christmas Carols geschmettert werden; die unschuldige Begeisterung des kleinen Mädchens, das den leibhaftigen Santa Claus vor ihrer Haustür entdeckt zu haben glaubt.

Leider fällt Reflection of Death demgegenüber eher noch etwas ab. Carl Maitland (Ian Hendry) verlässt Frau und Kinder, um sich mit seiner Geliebten Susan Blake (Angela Grant) aus dem Staub zu machen. Während ihrer nächtlichen Autofahrt in ein neues Leben kommt es zu einem Unfall. Der Wagen landet im Straßengraben und Carl verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, scheint überraschend viel Zeit verstrichen zu sein. Er irrt durch die Nacht. Fremden, denen er dabei begegnet, ergreifen panisch die Flucht vor ihm. Schließlich gelangt er zu Susans Haus, wo ihm die grausige Wahrheit bewusst wird, dass er inzwischen ein halbvermoderter Wandelnder Leichnam ist.
Dies ist ohne Zweifel die schwächste der fünf Geschichten, auch wenn Freddie Francis vor allem während der Sequenz, in der Carl durch die nächtliche Landschaft irrt {welche gänzlich aus der Perspektive des zurückgekehrten Toten gefilmt ist} eine hübsch unheimliche Atmosphäre heraufzubeschwören versteht.

Mit Poetic Justice folgt dann allerdings einer der beiden absoluten Höhepunkte von Tales from the Crypt. Peter Cushing spielt den einsamen und etwas wunderlichen, aber herzensguten Witwer Arthur Grimsdyke, der mit einem ganzen Rudel von Hunden in einem heruntergekommenen Anwesen lebt und die Kinder der Nachbarschaft regelmäßig mit alten Spielzeugen beschenkt, die er aus dem Müll gefischt und repariert hat. Seinem versnobten Nachbarn James Elliott (Robin Phillips) ist der alte Mann jedoch ein Dorn im Auge. Für ihn ist Grimsdykes halbverfallenes Haus ein Schandfleck für das luxuriöse Viertel, zumal das Grundstück eigentlich eine wertvolle Immobilie sein könnte. Also startet der widerliche Geselle eine hinterhältige Terrorkampagne gegen den gutmütigen Exzentriker. Er sorgt dafür, dass ihm seine Hunde weggenommen werden, setzt das Gerücht in Umlauf, der "schmutzige Alte" könnte ein pädophiler Perverser sein, so dass die Kinder nicht mehr zu ihm kommen dürfen, und schickt ihm schließlich am Valentinstag einen ganzen Stapel von Grußkarten mit Versen wie "Some people live in the country./ Some people live in the town./ Why don't you do us a service,/ Jump in the river and drown." Grimsdyke erhängt sich. Doch der Tod hat in einer EC-Geschichte noch niemanden davon abgehalten, Rache an seinen Peinigern zu nehmen. Und so ereilt natürlich auch den miesen James schließlich sein gerechtes Schicksal, begleitet von einem sehr treffenden Valentinstag - Verschen.
Peter Cushing ist einfach wunderbar in der Rolle des liebenswert-schrulligen Mr. Grimsdyke. Die Story erhält eine berührend persönliche Note, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dessen Ehefrau Helen im Januar 1971 verstorben war. Ein tragisches Ereigniss, das den großen Schauspieler in tiefe Depressionen gestürzt hatte. Grimsdykes tote Gattin, mit deren Porträt der Alte immer wieder persönliche Zwiesprache hält, trägt denselben Namen.

Wish You Were Here ist eine gemeine kleine Variante auf W.W. Jacobs' klassische Kurzgeschichte The Monkey's Paw. Was sie interessant macht ist vor allem, dass ihre Protagonisten Ralph (Richard Greene) und Enid (Barbara Murray) ganz genau wissen, dass sie in einer Version von The Monkey's Paw stecken und dennoch glauben, schlauer als die Figuren in Jacobs' Story sein zu können. Was uns zu dem hübsch makabren Szenario eines von den Toten zurückgewünschten und mit ewigem Leben ausgestatten Mannes führt, dessen Leib dummerweise zwecks Konservierung bereits mit Formaledhyd vollgepumpt wurde, und der nun von seiner eigenen Ehefrau in Stücke gehackt wird, in der missgeleiteten Hoffnung, ihn damit von seinen höllischen Qualen erlösen zu können.

Tales from the Crypt endet mit einem zweiten fulminanten Höhepunkt in Gestalt von Blind Alleys. Der hochmütige und herzlose Major William Rogers (Nigel Patrick) übernimmt die Leitung eines Blindenasyls. Eine Aufgabe, von der er selbst zugibt, keine Ahnung zu haben, die er jedoch mit der ganzen Arroganz, Effizienz und Unmenschlichkeit anpackt, die ihm als Offizier zur zweiten Natur geworden sind. Aus "wirtschaftlichen Gründen" wird bei den Insassen erbarmungslos an Heizkosten und Verpflegung gespart, während sich's der Major zusammen mit seinem Schäferhund Shane in seinen wohlig warmen, mit wertvollen Gemälden geschmückten Räumlichkeiten bei Wein und üppigen Mahlzeiten wohl sein lässt. Als einer der ältlichen Blinden an Unterkühlung stirbt, kommt es unter Führung von George Carter (Patrick Magee) zur Revolte der Insassen. Den Major erwartet eine angemessen grausliche Strafe, bei der Rasierklingen und ein ausgehungerter Shane eine wichtige Rolle spielen. Und natürlich geht dabei im entscheidenden Moment das Licht aus ...
Blind Alleys funktioniert einfach auf allen Ebenen. Freddie Francis' Regie und Cinematographie verbinden sich mit einer exzellenten Story {pointiert, fies und äußerst befriedigend} und großartigen schauspielerischen Darbietungen zu einem wundervollen Ganzen. Besonders hervorgehoben sei dabei Patrick Magee, ein wirklich außergewöhnlicher Schauspieler, der auf der Bühne mit Samuel Beckett und Harold Pinter zusammengearbeitet hatte, in Peter Brooks Theater- und Filmversion von Peter Weiss' Marat/Sade (1967) den Göttlichen Marquis verkörperte und Freunden & Freundinnen des phantastischen Kinos aus so unterschiedlichen Filmen wie Roger Cormans The Masque of the Red Death (1964), Stanley Kubricks Clockwork Orange (1971) und Robert Fuests The Final Programme (1973) bekannt sein dürfte. Sein George Carter besitzt eine wirklich beunruhigende Präsenz.

Als Ganzes betrachtet ist Tales from the Crypt für mich weder die beste EC-Comic-Adaption von Amicus – da würde ich den Lorbeer Roy Ward Bakers The Vault of Horror (1973; hier besprochen) verleihen –, noch der beste Portmanteau-Streifen, den Freddie Francis für Milton Subotsky und Max Rosenberg gedreht hat. Doch anderthalb Stunden hübsch makabrer Unterhaltung bietet der Film auf jedenfall – und manchmal sogar etwas mehr als das.






* Das Format des Portmanteau-Horrorfilms scheint seit den Tagen von Amicus etwas aus der Mode gekommen zu sein, trotz Kultstreifen wie George A. Romeros Creepshow (1982) oder Michael Doughertys Trick 'r Treat (2007). Mit Ghost Stories von Andy Nyman & Jeremy Dyson können wir uns allerdings gerade an einem neuen Film erfreuen, der in vielem als eine sympathische und liebevoll gemachte Hommage an diese altehrwürdige Form des Brit-Horrors gelten kann. 
** George A. Romero war übrigens ein großer Bewunderer dieses Films.
*** Ich habe mich in meiner Besprechung von The Ghoul etwas ausführlicher über die kurze und kuriose Geschichte des Unternehmens ausgelassen.
**** Trotz seiner eigenen Regiekarriere im Horrorfilm hatte Francis nichts übrig für Spezialeffekte und übernahm die Aufgabe nur wegen seiner Freundschaft mit David Lynch. 
***** Trekkies mögen sich an sie als Edith Keeler aus der berühmten TOS-Episode The City on the Edge of Forever erinnern.