Es ist ein Vierteljahr her seit Cynthia Wards Artikel Bored of the Swords: The Rebirth of Sword & Sorcery and the Death of the Weird erschienen ist und doch beschäftigt er mich immer noch, denn er bietet ein ausgezeichnetes Sprungbrett für eigene Gedankengänge. Vermutlich wird das hier nicht einmal der letzte von ihm inspirierte Beitrag sein.
Ward beklagt u.a., dass die Sword & Sorcery im Zuge ihrer aktuellen "Wiedergeburt" viel von ihrer ursprünglichen Weirdness eingebüßt habe.
Ich finde es sehr erfreulich, dass sie dabei einmal wieder den Blick darauf lenkt, wie wild, wüst, bunt und vielgestaltig das Subgenre in der Vergangenheit sein konnte. Und es ließe sich noch hinzufügen, dass das Element des Weirden von Beginn an fester Bestandteil der S&S war. Conan erblickt in seinem ersten Abenteuer (The Phoenix on the Sword) die "vast shadowy outlines of the Nameless Old Ones" zwar bloß in Form verblasster Wandmalereien, doch Jirel of Joiry steigt schon in ihrem Debüt (The Black God's Kiss) in eine phantasmagorische Anderswelt hinab. Ohne viel Übertreibung ließe sich die "Ur - Sword & Sorcery" als "Weird Fiction mit Schwertern" bezeichnen.
Allerdings denke ich, dass man darüber nicht vergessen darf, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Die S&S der 70er Jahre konnte mitunter sehr abgefahren sein, doch zugleich war das die Blütezeit der Clonans, jener immer gleichen muskelbepackten Barbaren, deren Lebensinhalt hauptsächlich darin bestand, gegen ebenso einförmige böse Zauberer und schleimige Monster zu kämpfen, sowie ganze Heerscharen leichtbekleideter Maiden vor einem gar grausigen Schicksal zu erretten. Und wie ich letztes Jahr am Beispiel von Lin Carter gezeigt habe, gab es auch damals Leute, die eine sehr enge Vorstellung von dem hatten, wie Sword & Sorcery auszusehen habe. Die wirklich "weirde" S&S stellte auch in der Vergangenheit nur einen Teilbereich dar, während der dominierende Part mindestens genau so "homogenisiert" war, wie das, was Cynthia Ward aktuell auzumachen glaubt.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es freilich. Trotz des Wiedererwachens der letzten Jahre ist die Sword & Sorcery momentan immer noch eine ziemlich nischige Angelegenheit, die beinah ausschließlich in Magazinen, e-Zines, Kleinverlagen und im Selfpublishing beheimatet ist. Zumindest wenn man darunter ausschließlich die Autor*innen fasst, die ihr Werk ausdrücklich und bewusst in die Traditionen der S&S stellen. Wie Ward selbst schreibt: "the modern S&S revival is arising from the margins and is still largely an underground scene". In den 70ern hingegen war das Subgenre quasi der Mainstream.
Daraus könnte man ableiten, dass aufgrund der sehr viel größeren Breite damals automatisch auch mehr Platz für "weirde" Abweichler existiert haben müsste. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob diese Rechnung wirklich aufgeht. Eine "Underground" - Strömung, die keinen Massenmarkt zu bedienen versucht, steht sehr viel weniger unter dem Druck, sich gängigen Konvention unterzuordnen. Darum sollte in ihr eigentlich auch eine größere Experimentierfreiheit herrschen. Andererseits wird es in einer überschaubaren Szene einzelnen Personen oder kleinen Gruppen tendenziell leichter fallen, die Deutungshoheit an sich zu reißen und zu dekretieren, wer und was dazugehört und wer und was nicht.
Genau das ist es auch , was Cynthia Ward in ihrem Artikel beschreibt. Ich frage mich nur, wie erfolgreich diese Möchtegern-Gatekeeper darin sind, ihre Vorstellung von Sword & Sorcery durchzusetzen. In Foren oder anderen virtuellen Räumen, in denen sie das große Wort schwingen, mögen sie für eine unangenehme Atmosphäre sorgen, in der viele sich nicht willkommen fühlen werden. (Und das gilt sicher in besonderem Maße für Frauen oder queere Personen). Das ist zweifelsohne ärgerlich genug. Aber es ist eine völlig andere Frage, wie stark ihr Einfluss auf den schöpferischen Teil der Szene ist.
Wenn ein Herausgeber wie Jason M. Waltz vehement eine sehr scharf und eng definierte Vorstellung von Sword & Sorcery vertritt, spiegelt sich das natürlich auch in von ihm zusammengestellten Anthologien wie Neither Beg Nor Yield wider. Wogegen es erst einmal ja auch nichts einzuwenden gibt. Aber wird das Subgenre als Ganzes aktuell tatsächlich von derartig engen Sichtweisen beherrscht?
Darauf kann ich keine ausreichend fundierte Antwort geben. Über das letzte halbe Jahr habe ich zwar verhältnismäßig viel aktuelle(re) Sword & Sorcery gelesen, aber ich bin weit davon entfernt, einen allgemeinen Überblick über das zu haben, was die Szene im Verlauf des "Wiedererwachens" hervorgebracht hat. Was ich jedoch mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass die Weirdness alles andere als tot ist.
Nach meiner Leseerfahrung ist die aktuelle Sword & Sorcery nicht weniger bunt und vielgestaltig als das, was Cynthia Ward über die Vergangenheit schreibt. Wir begegnen in ihr so unterschiedlichen Figuren wie
- einer ziemlich kaputten Ex-Ritterin, die es nach einem missglückten Tempelraub in eine alptraumhafe Anderswelt verschlägt, in der die Gefahren eher psychischer als körperlicher Natur sind (Molly Tanzer: The City of Tears)
- einer in Zauberei dilettierenden Prinzessin und ihrer Leibwächterin und Geliebten (Luana Saittas Zeynep & Kawtar - Geschichten)
- einem Nekromanten, der sich in ein Geistermädchen verliebt (John R. Fultz: Return of the Quill; in A Book of Blades, Vol. 2)
- einem kämpferischen Akolythen, dessen Initiation in einen Spinnenkult zugleich seine Transition war, und der sich außerdem in eine riesige Spinne verwandeln kann (D.A. Straiths The Spider-God's Boon; in Shatter the Sun);
- diebischen Bardinnen (J. VanZile: Sonatina of Sorcery)
- zwei geschlechtslosen (oder non-binären) Kämpfer*innen, die halb-pflanzlicher Natur zu sein scheinen (Elwin Cotman: Return to Sundra; in Shatter the Sun)
- einem Dieb, dessen eigentliche Abenteuer erst nach seiner Hinrichtung beginnen (Leighton Connor: The Scarlet Shroud)
- einem Stückeschreiber in einem phantastischen Elisabethanischen England, in dem die Sidhe eine Botschaft in London unterhalten und finstere Magier ihre Intrigen spinnen (Scott Odens Martin Kestrel - Geschichten; in Old Gods and Other Tales)
- der Tochter eines Nomadenvolkes, die durch ein phantastisches Zentralasien streift, mal mit und mal ohne ihre Räubergeliebte Sister Chaos an der Seite (Bryn Hammonds Goatskin - Geschichten)
- einem schwulen Söldner und seiner Kumpelin, die ohne es zu wollen in den Eifersuchtsstreit zwischen einer Spinnen- und einer Wespengöttin verstrickt werden (T.A. Markitan: Wanna Bet?; in A Book of Blades, Vol. 1)
- einer vhalgod - Kriegerin, die von ihrer gestaltswandlerischen Lebensgefährtin so beschrieben wird: "Taller than is human wont, as are all the vhalgodkind, and ashy of complexion, whitish shading into grey, dark about the eyes and lips. and blunt black claws to her fingers and toes, fanged foreteeth, harsh-boned and craggy-featured". (K. V. Johansen: Breath and Bone)
Diese Auswahl ist natürlich weder erschöpfend noch kann sie aus oben genannten Gründen als repräsentativ gelten. Aber sie sollte reichen, um einen Eindruck vom Abwechslungsreichtum aktueller Sword & Sorcery zu vermitteln.
Und um zusätzlich noch auf einige spezifischere Motive einzugehen:
Cynthia Ward schreibt über die alte Zeit: "The star might even be a cat".
Okay, Mark E. Rogers' Samurai Cat mag leider in der Tat nicht mehr unter uns weilen. Aber dafür haben wir z.B. Bryan Youngs Pip Strongpaw, "the last of the great Catriders of the Northern Burrows and a mouse on a mission", und seine Abenteuer Ice Hawk's Aerie, In the Land of the Giants, The Sapphire and the Sorceress und The Hunt for Violet Shatterwing. Und wem eine Maus als Sword & Sorcery - Held zu "niedlich" ist -- wie wäre es mit Thomas Grayfsons Pigborne und Pigborne: The Speechless Tide? Allesamt Teil des famosen, von Michael A. Stackpole initiierten Chain Story - Projektes.
Und wie steht es um "the disabled and the maimed and the accursed"?
Der Typus des "verfluchten Helden" scheint mir recht gut von Jason M. Waltz' "Lord of Vengeance" vertreten zu werden. Dank seines magischen Schwertes Retribution ist Dirke zu einer Art Avatar des Gottes der Rache geworden. Im Auftrag seines Königs und ehemaligen Freundes Edwar hat er Vergeltung an dessen "Feinden" zu üben, wobei er von Mal zu Mal einen immer größeren Teil seiner menschlichen Natur einbüßt, während er zugleich mehr und mehr an der Legitimation für seine blutigen Taten zu zweifeln beginnt.
Allerdings habe ich bislang nur ganz kurz in das "Lord of Vengeance" - Universum hineingeschnuppert, kann dazu also auch nur wenig konkretes sagen. Doch gibt es noch eine ganze Reihe anderer Beispiele, so etwa den Protagonisten von David J. Lynchs A Beautiful World. Talian irrt seit einer halben Ewigkeit durch die Welt, um ein verfluchtes Schwert loszuwerden, das ihn dazu zwingt, jeden, den er erblickt, zu töten. Um nicht zu einem massenmordenden Monster zu werden, brennt er sich in regelmäßigen Abständen die (immer wieder nachwachsenden) Augen aus.
Weniger körperlich, aber dafür psychisch "maimed" ist Philipp Maddens Ælfwine, der nach der Erfahrung einer blutigen Schlacht von der Furcht verfolgt wird, sich allmählich in einen Berserker-Werwolf zu verwandeln (Wolfmarked).
Und was "the disabled" betrifft, ist die körperlich behinderte Schreiberin Ymke, die in The Red Man and Others von Remco van Straten & Angeline B. Adams gemeinsam mit der eher kleinwüchsigen Söldnerin Kaila und dem jugendlichen Trickbetrüger Sebastian gegen eine korrupte Kirche antritt, dafür ein in meinen Augen sehr viel überzeugenderes Beispiel als der alte Elric.
Ein weiterer Punkt, den Ward erwähnt, ist das Auftauchen von SciFi-Elementen in der traditionellen Sword & Sorcery, was es so heute nicht mehr gäbe: "Visions of a space-faring future might be glimpsed [...] An alien might fall to earth".
In dieser Hinsicht deckt sich mein Eindruck tatsächlich weitgehend mit dem ihren. In den 70er Jahren waren solche Genre-Mischungen keine Seltenheit. Man braucht bloß an einen S&S-Klassiker wie Tanith Lees Birthgrave - Trilogie zu denken. Seit damals haben sich die Genregrenzen wohl in der Tat merklich verhärtet. Ein anekdotischer Beleg für diese Entwicklung: Als Marion Zimmer Bradley 1984 den ersten Band ihrer Sword and Sorceress - Anthologien herausbrachte, war eine der drei Grundregeln, die sie für die Auswahl möglicher Geschichten aufgestellt hatte, der Ausschluss aller Sci-Fi - Elemente, ja sogar der "language of science fiction". Schon allein die Verwendung des Begriffs "mutant" hätte eigentlich zur Disqualifizierung von Emma Bulls The Rending Dark führen müssen, wenn die Herausgeberin ihre eigenen Regeln konsequent befolgt hätte.
Völlig verloren gegangen ist aber selbst dieses Motiv nicht. So stößt z.B. Charles Clarkes Held Turkael in The White Tower (A Book of Blades Vol. 2) im Dschungel auf ein Gebäude, das sich in bester Borbarads Fluch - Manier als ein uraltes Raumschiff entpuppt. Und das Erscheinungsbild der Nachfahren der Außerirdischen dürfte zudem als eine Anspielung auf Robert E. Howards The Tower of the Elephant gedacht sein.
Eigentlich besteht keinerlei Beziehung zwischen der Weirdness einer Story und der Diversität ihres Figurenensembles. Doch Cynthia Wards Artikel vermischt die beiden Fragen miteinander und schließt mit der Behauptung, der heutige S&S-Held "usually has a straight white cisgender male identity".
Richtig ist sicher, dass die Mehrheit der Protagonisten, trotz der Existenz von Magazinen wie New Edge Sword & Sorcery oder Anthologien wie Shatter the Sun - Queer Tales of Untold Adventure, heute wie früher dieser Charakterisierung entspricht. Aber es gibt doch genug Beispiele, die dieser Generalisierung entgegenstehen. Eine ganze Reihe davon habe ich ja schon erwähnt. Und ich traue mich zu behaupten, dass deren Anzahl im Vergleich zu den 60er - 80er Jahren deutlich gestiegen ist. So wüsste ich etwa nicht, dass es in der alten Sword & Sorcery Transgender-Held*innen wie Wren, die Protagonistin von Luana Saittas Merynthia's Master, oder June Orchard Parkers Kriegerin Astartha (How Many Deaths Till Vengeance?) gegeben hätte.
Doch das ist wie gesagt eine ganz andere Frage, die einen eigenen Beitrag verdient hätte.
Wenn es hingegen darum geht, wie weird, wild und abgefahren Sword & Sorcery auch heute sein kann, ist S.E. Lindbergs Dyscrasia Fiction - Universum dafür ein besonders grandioses Beispiel.
Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm im zweiten Band der vom Rogues in the House - Podcast herausgebenen Anthologien - Reihe A Book of Blades in Gestalt der Kurzgeschichte Breaching Earth's Womb. Protagonistin ist dort Leech, eine der drei Töchter des Golem-Arztes Doktor Grave. Nachdem ich in Band 1 derselben Reihe einer weiteren Story (Embracing Ember) begegnet und in Ausgabe #2 des Whetstone - Magazins auf die "Geburtsgeschichte" der drei (Raising Daughters) gestoßen war, beschloss ich schließlich, mir Lindbergs Band Grave's Daughters zu besorgen, der die Erzählungen um die Golem-Töchter zu einem größeren Zyklus verwebt.
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| Cover von Bastien Lecouffe-Deharme für Grave's Daughters |
Kernstück des Dyscrasia Fiction - Universums ist eigentlich eine Romantrilogie, bestehend aus Lords of Dsycrasia, Helen's Daimones und Spawn of Dyscrasia. Diese habe ich (noch) nicht gelesen. Der sich daraus ergebende Mangel an Hintergrundinformationen hat den fremdartigen Eindruck, den die Welt von Grave's Daughters auf mich gemacht hat, sicher noch verstärkt, aber auch ohne das ist sie zweifelsohne sehr bizarr und grotesk.
Inmitten einer trostlos und abweisend wirkenden Landschaft aus Sümpfen und Hügeln erhebt sich die alte "Keep of Looming Cromlechs". In ihren Mauern und in den unter ihr gelegenen Gewölben von "Grotto Borrough" lebt eine relativ kleine menschliche Gemeinschaft. Nur sehr selten wagen sich deren Mitglieder ins Umland hinaus, lauern dort doch dämonische Monstren wie die gefürchteten Gargylen. Über dieser Szenerie liegt eine bedrückende und irgendwie postapokalyptisch anmutende Atmosphäre. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass hier jemals die Sonne scheint. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Erzählung tobt über den fernen Berggipfeln permanent ein Gewittersturm, bei dem es sich bizarrerweise um eine vernunftbegabte Entität handelt. Jenseits des Marschlandes lassen sich allerdings auch die Lichter von "City Tonn" erahnen, einer zweiten Menschensiedlung, in deren Schmieden und Hochöfen so etwas wie eine Industrielle Revolution im Gang zu seien scheint.
Noch tiefer im Erdreich verborgen als "Grotto Borrough" liegt die Heimstatt von Doktor Grave. Und von dessen "Disscetion Theatre" führen Gänge immer weiter hinab in die "Underworld", wo larvenartige Würmer und andere Ungeheuer hausen, sich aber auch die "Hearth Forge" befindet, in der der Doktor zu Beginn des Zyklus seine drei Töchter ins Leben ruft.
Die Fremdartigkeit dieser Welt wird noch dadurch verstärkt, dass wir sie durch nicht-menschliche Augen betrachten.
Doktor Grave mag eine humanoide Gestalt haben, aber er ist ein aus Erdreich und alchemischen Substanzen geformter Golem mit einem kleinen Homunculus als Herzen. Und trotz seiner Erscheinung wurde er nicht einmal von Menschen geschaffen, sondern von einem Volk riesiger Insekten, das in alter Zeit über diese Lande herrschte. Menschen waren für diese nur als Sklaven oder Futter von Interesse. Graves ursprüngliche Aufgabe war es, für das Wohlergehen der Brut der Insektenkönigin zu sorgen. Doch als diese von einer mysteriösen Blutkrankrankheit befallen wurde, konnte er weder ihr Leben retten, noch den Aufwuchs ihrer Nachkommenschaft sicherstellen. Ohne Mutter unfähig sich über das Larvenstadium hinauszuentwickeln, bevölkern die Kinder der "Einst-Königin" nun als "Larvalwyrmen" die "Underworld". Graves' Sympathien wandten sich daraufhin den Menschen in der "Keep of Looming Cromlechs" zu, denen er den Weg in eine bessere Zukunft zu eröffnen versucht. Gleichzeitig erwachte in ihm das Verlangen, selbst Leben zu kreieren und eine eigene Familie zu gründen.
Beides führte schließlich zur Erschaffung seiner drei Töchter. Als er ihre Körper formte, gab er ihnen nicht nur von seinem eigenen "Blut", sondern auch von der Substanz seiner zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen "Elementar"-Gattin Fae. Humanoide Gestalt gab er ihnen nicht nur in Anlehnung an seine eigene Erscheinungsform, sondern auch, weil er hoffte, dass sie ihn bei seinem Bemühen um eine lichtere Zukunft für die Menschen unterstützen würden. Allerdings gab er ihnen zugleich einen freien Willen: "The Rule of Independence is infused in your blood. You will control your own heart". Und wie viele Väter vor und nach ihm, muss auch Doktor Grave in der Folge feststellen, dass Kinder sich nicht immer zu dem entwickeln, was man sich bei ihrer Geburt vorgestellt oder gewünscht hatte.
"Dyscrasia" ist ein Begriff, der ursprünglich aus der antiken "Vier-Säfte-Lehre" stammt und dort ein Ungleichgewicht zwischen Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle bezeichnet. Lindberg verbindet diese Vorstellung mit alchemistischen Motiven, um das Bild einer kranken Welt zu zeichnen. In einigen Szenen kann sich das zu krassem Body Horror steigern oder so bizarre Formen annehmen wie die Pilzflechten, die auf dem Körper einer der Golem-Töchter wachsen. Fruchtbarkeit/Unfruchtbarkeit ist ein immer wieder auftauchendes Thema. Doch zugleich besteht immer auch die Hoffnung auf letztendliche Genesung. Veränderung und Entwicklung können sowohl als (krankhafte) Mutation wie als (alchemische) Transmutation erscheinen.
Den menschlichen Kern der Erzählung bildet jedoch stets die Beziehung zwischen Grave und seinen Töchtern. Die drei entwickeln sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Leech versucht als einzige ihrem Vater nachzueifern und die Geheimnisse von Medizin und Geomantie zu ergründen. Ember verlangt es schon sehr früh danach, bewundert und begehrt zu werden. Sie genießt die sexuelle Macht, die sie auf die Menschen ausübt, und stilisiert sich zwischenzeitlich zur "Göttin" der "Keep of Looming Cromlechs". Melanie schließlich fühlt sich von früh an von ihrem Vater missverstanden und im Stich gelassen, wendet sich von den Menschen ab und zieht sich in ihr eigenes Reich aus Schlamm und Gewürm zurück, wo sie die Rolle einer "Mutter" und Königin für die "Larvalwyrmen" zu übernehmen versucht. Doktor Grave liebt alle seine Töchter, doch fühlt er sich im Umgang mit ihnen oft etwas hilflos. An einem Punkt sieht er sich sogar gewungen, seine Axt Ferrus Hewnmaw gegen die ganz von Verbitterung und Hass zerfressene Melanie zu schwingen.
Was für mich den besonderen Reiz von Grave's Daughters ausmacht, ist das Nebeneinander traumartig-phantasmagorischer Panoramen und sehr menschlicher Momente. Auf der einen Seite Szenerien von monströsen Insektenschwärmen, magischen Gewitterstürmen, dem nekromantischen Erwachen einer toten Vergangenheit oder titanenhaft umherstapfenden Riesenstatuen. Auf der anderen kurze, einfühlsame Einblicke in die letztlich doch sehr menschlichen Gefühle unserer nicht-menschlichen Held*innen: Liebe, Hass, Verlangen, Ehrgeiz, Verbitterung, Trauer. Dabei sehen wir die Welt im Verlauf des Zyklus abwechselnd durch die Augen aller vier.
Und auch wenn die Erzählung oft sehr finster ist, endet sie doch mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf die beginnende Heilung und Wiedergeburt einer verwüsteten Welt.
P.S.: Ich spiele mit dem Gedanken, gegen Jahresende einen ausführlicheren Artikel über meine Sword & Sorcery - Lektüre 2026 zu schreiben. Dann werde ich vielleicht einige der hier erwähnten Geschichten und Bücher noch einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen.







