"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 29. März 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (2/3)

 Teil 1

Aus einer Woche sind mehrere Monate geworden, aber schließlich habe ich es doch geschafft, einen weiteren Teil meiner Gedanken zu Glen Cooks Black Company "zu Papier" zu bringen. Allerdings beschränke ich mich darin ganz auf den ersten Band der Trilogie. Dieser Blogbeitrag wird also noch einen dritten Teil bekommen. Wann das geschehen wird, steht noch in den Sternen, aber ich hoffe doch, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird.  
 
 
Glen Cook schrieb die Black Company ursprünglich in Form einer Reihe aufeinander aufbauender Novellen, von denen allerdings nur Raker, das spätere dritte Kapitel, in der Augustausgabe 1982 des Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht wurde. 
 
Ganz ausdrücklich sei es ihm bei seiner Erzählung um den Söldnertrupp nicht darum gegangen, bewusst die Konventionen der epischen oder heroischen Fantasy zu brechen. Zwar habe er die Idee gehabt, seine Geschichte "from the viewpoint of the grunts" zu erzählen und diese dabei anfangs zu den "'bad guys'" zu machen, doch sei dies keine "Wow! Wouldn’t this be a kickass twist? kind of decision" gewesen. "I’ve never seen the Black Company series as especially different. Some people seem to disagree."
 
Über Cooks Agenten Russell Galen gelangte das Manuskript schließlich auf den Schreibtisch der für  die Horrorsparte Verantwortlichen bei Tor. Deren erste Reaktion war ablehnend. Vor allem, da es ihr unmöglich war, Sympathien für irgendeine der Figuren zu entwickeln. Was der Autor einmal etwas sarkastisch so kommentiert hat:
Well, I wanted to write a book about real medieval mercenaries. These aren't kind and gentle people. Not exactly left-leaning democrats. 
Doch einige Wochen später erreichte Cook eine weitere Nachricht der Editorin, die ungefähr so lautete: "I can't get this out of my head. There is something here that works and I want to do the book." Also trafen sich die beiden während der World Fantasy Convention 1983 in Chicago, palaverten stundenlang über das Buch (wobei auch eine Menge Alkohol geflossen sein soll) und brachten die Geschichte schließlich in eine Form, mit der beide leben konnten. Das führte u.a. auch dazu, dass die Black Company, die ursprünglich nur ein einziger Roman sein sollte, auf eine (erste) Trilogie anwuchs.  
 
Cover von Didier Graffet für die französische Ausgabe von The Black Company 
 
Ich sollte an dieser Stelle wohl noch einmal betonen, dass ich bislang nur diese erste Trilogie gelesen habe. Meine Einschätzung basiert also ausschließlich auf The Black CompanyShadows Linger und The White Rose. Gut möglich, dass manches in späteren Büchern ganz anders aussieht.
 
Abgesehen von einem signifikaten Teil von Shadows Linger (und einem kleineren in The White Rose) wird die Geschichte ganz in der ersten Person und von Croaker, dem Regimentsarzt und offiziellen Chronisten der Black Company, erzählt. Nun ist es sicher nicht ganz falsch, in ihm eine Art Stand-In für den Autor zu sehen. In einem Interview mit J. Buck Caldwell hat Cook sogar mal ganz offen erklärt: "Croaker is me". Dennoch halte ich es für wichtig, sich beim Lesen stets bewusst zu sein, dass man die Ereignisse aus einem ganz bestimmten, keineswegs "neutralen" oder "objektiven" Blickwinkel erzählt bekommt. Und dass wir als Lesende dabei nicht in jedem Fall Croakers Sicht auf die Dinge unbesehen übernehmen sollten. 
 
Dennoch war es vor allem seine Erzählstimme, die mich sofort gefesselt und dann nicht mehr losgelassen hat. Ihm zu lauschen, ist einfach ausgesprochen unterhaltsam, ganz gleich, was er einem erzählt. Grund dafür ist u.a. sein sarkastischer Sinn für Humor. Dass dieser auch eine Art mentaler Überlebensstrategie für Croaker darstellt, wird recht früh in einem kurzen Wortwechsel mit seinem besten Kumpel Elmo hervorgehoben:
"One of these days you're going to say something without getting sarcastic and I'll curl up and die, Croaker."
"Keeps me sane, friend."
"That's debatable, Croaker. Debatable." 
Vor allem im ersten Buch legt Croaker eine sehr zynische Sicht auf die Welt und die Rolle, die die Black Company in ihr spielt, an den Tag. Aber selbst dann fühlt er sich zumindest dazu gedrängt, immer wieder zu versuchen, das Verhalten des Söldnertrupps zu rechtfertigen. Er ist jemand, der zu Reflexionen neigt und sich seine eigenen Gedanken macht, was ihn beinahe automatisch dazu führt, nichts einfach so hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen. Auch hat er sich trotz seines blutigen Handwerks eine gewisse Menschlichkeit bewahrt. Auch wenn er es selten zulässt, dass davon seine Handlungen bestimmt werden.
 
Um Croakers Verhalten und das seiner Kameraden zu verstehen, muss man sich klar machen, was die Black Company eigentlich ist und was sie für ihre Mitglieder bedeutet.
 
Der Elite-Söldnertrupp ist "the last of the Free Companies of Khatova". Wer oder was Khatova war, weiß zum Zeitpunkt der ersten Trilogie allerdings keiner mehr. Ein Land? Eine Stadt? Ein Herrscher oder ein Feldherr? 
Aber auch wenn der Ursprung der Company im Nebel der Vergangenheit verlorengegangen ist, spielt ihre jahrhundertealte Tradition -- von den Chronisten festgehalten -- eine wichtige Rolle für ihr Selbstverständnis. Zu Croakers Aufgaben gehört es nicht nur, die Taten der Company aufzuzeichnen, sondern auch in regelmäßigen Abständen öffentliche Lesungen aus den Annalen zu veranstalten, um die Moral der Truppe mit (möglichst passenden) Exempeln aus ihrer langen Geschichte zu stärken.
Dennoch bekommt man nicht das Gefühl, dass dieser auf Tradition basierende "Truppen-Patriotismus" das wichtigste Element für den Zusammenhalt der Black Company ist. Für Croaker persönlich ist er vermutlich wichtiger als für viele seiner Kameraden. Andere, "banalere" Gründe dürften für die meisten von ihnen sehr viel ausschlaggebender sein.
 
Psychologische Studien über Soldaten im 2. Weltkrieg (aus unterschiedlichsten Armeen) haben öfters zu dem Ergebnis geführt, dass die wichtigste Antriebskraft derselben nicht ideologischer Natur gewesen sei, sondern aus der sog. "Primary Group Cohesion" bestanden habe, d.h. aus dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen kleinen Einheit. William Manchester hat dies in seinen Kriegsmemoiren Goodbye Darkness so beschrieben:
Those men on the line were my family, my home. They were closer to me than ... my friends had ever been or would be. They had never let me down, and I couldn't do it to them ... Men, I now knew, do not fight for flag or country, for the Marine Corp or glory or any other abstraction. They fight for one another. (1)
Daran musste ich bei der Lektüre der Black Company mehr als einmal denken.  
 
Für deren Mitglieder können ideelle oder ideologische Antriebe natürlich erst recht kaum eine Rolle spielen. Schließlich sind sie Söldner und kämpfen weder für ein "Vaterland" noch für eine Idee, sondern für bare Münze. Zugleich besteht ihr gesamtes Leben in gewisser Hinsicht aus einem nie endenden Feldzug, auch wenn sich die Company selbstverständlich nicht permanent im Kampfeinsatz befindet. Aber "Frieden" gibt es für sie praktisch nicht, denn der Krieg ist ihr Handwerk. 
Die Verbundenheit zur eigenen Truppe wird für diese Berufskrieger deshalb sicher eine noch weit größere Rolle spielen als dies im Soldatendasein ohnehin schon der Fall ist. Zumal die Black Company die einzige soziale Gemeinschaft ist, die für sie noch existiert. Croaker und seine Kameraden stammen ursprünglich aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Zusammenhängen. Aber mit dem Eintritt in die Company haben sie jede Verbindung zu dieser Vergangenheit gekappt. Für viele von ihnen war das sogar einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich dem Söldnerleben verschrieben haben. Das gilt selbst für den Kommandanten der Company, von dem Croaker erzählt:
In all the years I have known the Captain I have learned almost nothing about him. Just a hint here and there, fleshed out by speculation.
He was born in one of the Jewel Cities. He was a professional soldier. Something overturned his personal life. Possibly a woman. He abandoned commission and titles and became a wanderer. Eventually he hooked up with our band of spiritual exiles.
We all have our pasts. I suspect we keep them nebulous not because we are hiding from our yesterdays but because we think we will cut more romantic figures if we roll our eyes and dispense delicate hints about beautiful women forever beyond our reaches. Those men whose stories I have uprooted are running from the law, not a tragic love affair.  
In dieser Hinsicht erinnert die Black Company stark an das Bild, das wir uns traditionell von der Französischen Fremdenlegion machen. Zu ihren ungeschriebenen Gesetzen gehört es, einen Kameraden niemals nach der "Zeit davor" zu fragen.
 
Wenn die Company längere Zeit an einem Ort stationiert ist, können sich zwar Beziehungen zur ansässigen Bevölkerung ausbilden, doch sind diese von Natur aus temporär. Wie Croaker zu Beginn des Buches im Zusammenhang mit dem Abzug der Truppe aus der Stadt Beryl erzählt:
You stop moving and immediately put down roots. You accumulate things. You find a woman. Then the inevitable happens and you have to leave it all. There was a lot of pain floating around our barracks.
Wenn die Black Company für ihre Mitglieder so etwas wie "Heimat" oder "Familie" darstellt, man seine Kameraden als "Brüder" betrachtet, ist das nicht Ausdruck eines faschistoid-militaristischen Männerbündlertums, sondern einfach die natürliche Konsequenz dieser Lebensumstände. Und wird von Cook überdies ohne jede Romantisierung geschildert.
Daraus erklärt sich auch, warum das Überleben der Company als Gruppe für Leute wie Croaker einen so hohen Wert darstellt. Wir werden in den späteren Teilen der Trilogie noch sehen, welch entscheidenden Einfluss auf die Handlung das haben wird.
 
Dass die Company einfach für den Meistbietenden kämpfen würde, wie man in einigen Besprechungen der Bücher zu lesen bekommt, ist übrigens nicht ganz richtig. Denn sie besitzt sehr wohl so etwas wie einen "Ehrenkodex", auch wenn der nichts mit "Ritterlichkeit" oder ähnlichem zu tun hat. Eher schon könnte man ihn als eine Art "Berufsethos" beschreiben. Zum einen haben die Söldner den Anspruch, ihr blutiges Handwerk besser, geschickter und vor allem erfolgreicher zu betreiben als jede vergleichbare Truppe. Darüberhinaus legen sie aber auch besonderen Wert auf ihre unverbrüchliche Loyalität, wenn sie erst einmal angeheuert worden sind. Im Laufe ihrer langen Geschichte hat die Black Company vielen Herren gedient. Aber nie hat sie einen von ihnen verraten.
 
Entsprechend bedeutungsvoll ist es, dass das erste Buch mit genau so einem Verrat beginnt.
 
Seit einiger Zeit steht die Black Company im Dienst des Syndics von Beryl. Doch dessen Herrschaft wird zunehmend instabiler. Erst recht, nachdem ein geheimnisvoller Gesandter aus dem Norden eintrifft, dessen Ziel offenbar darin besteht, den Stadtstaat in das Protektorat einer fremden Großmacht zu verwandeln. Und zeitgleich ein Monster beginnt, die Straßen der Metropole unsicher zu machen. Der Captain der Company gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es Selbstmord wäre, dem Syndic noch länger die Treue zu halten. Croaker, der als Chronist diesen Prinzipienbruch vor der Nachwelt rechtfertigen muss, ist nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung, beharrt aber nicht auf seinem Protest. Also fällt die Company den regulären Truppen von Beryl in den Rücken und zieht anschließend mit ihrem neuen Patron nach Norden. Zu spät realisieren die Söldner, in wessen Dienst sie damit getreten sind.
 
Vor langer Zeit herrschte der "Dominator", ein kaum mehr als Mensch zu bezeichnender Meister der Schwarzen Magie, über ein gewaltiges Reich des Bösen. Am Ende wurde seine Tyrannei durch einen Aufstand beendet, an dessen Spitze eine Frau stand, die nur als "The White Rose" bekannt ist. Doch weder der "Dominator", noch seine Gemahlin oder seine mächtigsten Gefolgsleute, die sogenannten "Taken" (2), konnten wirklich getötet werden. Vielmehr wurden sie zu (wie man hoffte) "ewigem" Totenschlaf in den Hügelgräbern der "Barrowlands" verdammt. Unglücklicherweise nahm die Wachsamkeit der Nachgeborenen über die Generationen mehr und mehr ab, bis die unvorsichtige Neugier des Magiers Bomanz schließlich zur Katastrophe führte. Der "Dominator" selbst blieb zwar eingeschlossen, doch seine ehemalige Gattin, die "Lady", erhob sich erneut und errichtete zusammen mit den "Taken" ein neues finsteres Imperium. In ihren Diensten steht von nun an auch die Black Company.   
 
Der Struktur des ersten Buches sieht man noch ziemlich deutlich dessen Entstehungsgeschichte an. Viele der frühen Kapitel besitzen einen novellenartigen Charakter und erzählen weitgehend in sich abgeschlossene Episoden. Im Auftrag der "Lady" (und ihres neuen Patrons Soulcatcher) zieht die Black Company in den Kampf gegen eine Rebellenbewegung, die erneut das Banner der "Weißen Rose" (3) aufgerichtet hat. Zur Schilderung großer Schlachten kommt es dabei vorerst nicht, vielmehr erleben wir mit, wie die Company nacheinander einige der wichtigsten Führer des Widerstandes ausschaltet, ohne dass dadurch das Ende des Krieges irgendwie näher zu rücken scheint. 
 
Trotz ihres episodischen Charakters führen diese Kapitel aber auch einige Elemente ein, die eine wichtige Rolle in der Gesamt-Trilogie spielen werden. Das sind vor allem drei:
- Recht bald schon entwickelt sich eine heftige Feindschaft zwischen der Black Company und dem "Limper", einem der zehn "Taken".
- Kurz nach ihrer Ankunft im Norden schließt sich ein Mann namens Raven der Company an. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er aus aristokratischen Kreisen, hat seinen Rang jedoch eingebüßt, wobei Verrat mit im Spiel gewesen sein dürfte. Irgendwie fügt er sich nie so richtig in die Truppe ein, obwohl er ein beinah freundschaftliches Verhältnis zum Captain entwickelt. Croaker steht ihm ambivalent gegenüber. Es fällt ihm schwer, ihn und seine Motive richtig einzuschätzen. Relativ früh auf dem Feldzug rettet Raven das taubstumme Mädchen "Darling" vor einer Gruppe marodierender Soldaten des "Limper". In der Folge wird "Darling" zu so etwas wie dem "Maskottchen" der Black Company und ihr Wohlergehen scheint schon bald Ravens höchstes (wenn nicht einziges) Ziel zu sein.
- Nachdem die Company das Hauptquartier von Whisper, der brillantesten Heerführerin der Rebellen, eingenommen hat, fällt Croaker und seinen Kameraden ein Haufen alter Aufzeichnungen in die Hände, die möglicherweise die Wahren Namen der "Taken" und der "Lady" enthalten könnten. Was eine mächtige Waffe gegen diese darstellen würde.
 
Vor allem aber machen uns die Kapitel näher mit der Black Company und dem Kreis um Croaker bekannt: Dem Captain, seiner "rechten Hand", dem Lieutenant, Elmo, Otto, Hagop und anderen. Die markantesten Figuren sind dabei sicher die drei Magier der Truppe: Silent, der nie ein Wort spricht (warum, weiß keiner), sich aber vermutlich mehr Gedanken macht als die meisten seiner Kameraden. Auch wenn er nach außen hin kalt, rücksichtslos und manchmal grausam erscheint, bekommt man doch den Eindruck, dass sich hinter dieser Fassade ein ziemlich komplexes Gefühlsleben verbirgt. One-Eye, das älteste Mitglied der Company und der einzige Schwarze, den es in der "schwarzen" Schar noch gibt. Er hat eine Nase fürs Finanzielle, stets gute Kontakte zum örtlichen Schwarzmarkt, und ist neben Croaker der einzige in der Truppe, der über medizinische Kenntnisse verfügt, auch wenn seine Rezepturen oft etwas "ungewöhnlich" ausfallen. An Exzentrizität wird er höchstens noch von Goblin übertroffen. Zwischen den beiden herrscht eine nie endende Rivalität. Ständig versuchen sie sich mit ihren Zauberformeln gegenseitig zu übertreffen. Ihre "Scherze" können mitunter recht gewalttätig ausfallen und ihr Mangel an Disziplin führt manchmal zu unnötiger Gefahr, aber trotz allem sind sie im Herzen eigentlich Freunde, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Wir erhalten außerdem ein Gefühl für das Leben, das diese Menschen führen -- zwischen extremer Gewalt und Langeweile, Kartenspielen und "Kommandoeinsätzen". 
 
Mehr als einmal bin ich bei der Recherche auf Vergleiche der Black Company - Bücher mit der Vietnamkriegsliteratur der Zeit gestoßen. Steven Erikson etwa hat einmal geschrieben: "Reading his [Cook's] stuff is like reading Vietnam war fiction on peyote". Diese Kommentare veranlassten mich dazu, einmal wieder eines der "Originale" aus dem Regal zu pflücken -- Dispatches (An die Hölle verraten) von Michael Herr. Was mich sehr schnell davon überzeugt hat, wie unangemessen ein solcher Vergleich ist. Nichts in Cooks Büchern lässt sich mit der Flut an subjektiven Eindrücken, kurzen Szenen, Skizzen und Anekdoten vergleichen, die Herr im Stil des Gonzo-Journalismus über seine Leser*innen hereinbrechen lässt und die bei diesen schon bald zu Übelkeit und Desorientierung führen muss. Das ist kein bloß stilistischer Unterschied. Herr vermittelt auf diese Weise ein extrem intensives Bild des schieren Wahnsinns von Vietnam in all seinen grausigen Facetten. Dabei ist Dispatches nicht einmal aus einer expliziten Antikriegsperspektive geschrieben, Herr versucht einfach bloß zu schildern, "wie es war". (4) Man mag einwenden, dass An die Hölle verraten keine fiktionale Literatur ist und sich deshalb nur schlecht als Vergleich eignet, aber Elemente aus dem Buch sind in fiktionale (wenn auch filmische) Werke wie Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Stanley Kubricks Full Metal Jacket (1987) eingeflossen, an deren Drehbüchern Michael Herr mitgeschrieben hat. Auf jeden Fall entwickelt Cooks Roman zu keinem Zeitpunkt eine vergleichbare Energie. Was ich gar nicht als Kritik verstanden wissen will. Andernfalls wäre The Black Company kaum eine so unterhaltsame Lektüre. 
 
Dass man rein inhatlich einige Anklänge an Vietnam aus dem Roman heraushören kann, will ich hingegen gar nicht leugnen. Was nicht verwunderlich ist, dürfte dies doch der Krieg gewesen sein, der zu Beginn der 80er Jahre den meisten Amerikanern noch sehr gegenwärtig war. Die Black Company kämpft auf Seiten einer imperialen Großmacht gegen eine Bewegung von Aufständischen. Da kann man natürlich Parallelen zur US-Armee und den Partisanen der National Liberation Front (NLF) ziehen. Das Gefühl, von einer feindseligen Bevölkerung umgeben zu sein und hinter jedem fremden Gesicht einen potenziellen Rebellen vermuten zu müssen, ähnelt jedenfalls ganz sicher der Erfahrung amerikanischer Soldaten in Vietnam. Und so wie der Gegner im GI-Jargon als "Charlie" (Viet Cong = Victor Charlie) bezeichnet wurde, spricht man in der Company stets von "the Rebel" im Singular. Auch hat mich eine von Whispers Strategien spontan an die Tet-Offensive von 1968 denken lassen, auch wenn die Ähnlichkeiten in Wirklichkeit vermutlich nicht gar so groß sind.
 
Nichts von all dem sollte einen allerdings dazu verleiten, in dem Buch eine Art Vietnamkriegsallegorie zu sehen. Und wenn man schon nach Anspielungen suchen will, so sind die auf Tolkiens Lord of the Rings sehr viel eindeutiger.
 
Zuerst einmal erinnern die "Taken" unschwer an die Nazgûl, auch wenn sie anders als die Ringgeister über individuelle Persönlichkeiten, Motive und Ziele verfügen, und zumindest einige von ihnen dabei fast menschlich wirken können. Wenn sie sich auf ihren Fliegenden Teppichen durch die Lüfte schwingen, lässt das anfangs zwar auch ein bisschen an Tolkien denken, doch wird man darin im weiteren Verlauf der Erzählung (und erst recht im dritten Band) vor allem das Fantasyäquivalent zu Helikoptern, Düsenjägern oder Bombern erkennen. (5)
Gar kein Zweifel an einer bewussten Anspielung auf den Lord of the Rings besteht hingegen, wenn erstmals die Rede vom "Auge" der "Lady" ist. Goblin soll telepathischen Kontakt zu Soulcatcher aufnehmen. Doch unglücklichereise befindet sich der Patron der Black Company zu diesem Zeitpunkt gerade im Turm der "Lady" und der Zauberer gerät deshalb ungewollt in den Blickfeld ihres "Auges".
Goblin let out a long, shrill screech as chilling as an owl's when you are alone in the woods at midnight. One-Eye charged at the sound.
Such moments make me doubt the sincerity of their animosity.
Goblin moaned. "He's in the Tower. He's with the Lady. I see her through his eyes ... his eyes ... his eyes ... The darkness! Oh, God, the darkness. No! Oh, God, no! No!" His words twisted into a shriek of pure terror. That faded to, "The Eye. I see the Eye. It's looking right through me."
Raven and I exchanged frowns and shrugs. We did not know what he was talking about.
Goblin sounded like he was regressing toward childhood. "Make it stop looking at me. Make it stop. I've been good. Make it go away."  
Da wird man doch unwillkürlich an Pippin und den Palantir denken müssen. 
Wie sich später herausstellt, ist das "Auge" allerdings eher ein magisches Instrument, mit dessen Hilfe die "Lady" den Geist eines Menschen zu durchleuchten und ihm sämtliche Gedanken und Erinnerungen zu entreißen vermag. Verglichen mit Sauron findet hier also eine Art "Entmythologisierung" statt.
Dasselbe gilt für den "Turm", der zwar selbstverständlich an Barad-dûr erinnern soll, sich aber gerade nicht inmitten einer Wüstenei à la Mordor erhebt. Auch wenn solche Vorstellungen unter den Rebellen weitverbreitet sind.
Nearer the Tower the land became less pastoral, but never reflected the gloom Rebel propagandists placed around the Lady's stronghold. No brimstone and barran, broken plains. No bizarre, evil creatures strutting over scattered human bones. No dark clouds ever rolling and grumbling in the sky. 
Der "Turm" ist auch der Schauplatz der gewaltigen Schlacht von Charm, die den Höhepunkt darstellt, auf den die Handlung des ersten Buches bei aller Episodenhaftigkeit der frühen Kapitel zusteuert. 
Die vereinigten Heere der Rebellion marschieren auf die Festung der "Lady". Am Himmel ist ein Komet aufgetaucht, der der Überlieferung nach dort auch beim Sieg über den "Dominator" gestanden haben soll. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Das einzige, was zur Erfüllung der alten Prophezeiungen fehlt, ist das verheißene Erscheinen einer Wiedergeburt der "Weißen Rose" selbst. Die "Lady" lässt es nicht zu einer offenen Feldschlacht kommen, sondern konzentriert sich darauf, ihre Stellung zu befestigen und den "Turm" bis zur Ankunft eines Entsatzheeres zu halten.
 
Die Schlacht von Charm ist ein gewaltiges Gemetzel, bei dem Zehntausende den Tod finden, und in dessen Verlauf sich die "Lady" aller ihrer offenen und verborgenen Feinde entledigt. Nicht nur gelingt es ihr, die gesamte Streitmacht der Rebellen auf einen Schlag zu vernichten, sie nutzt das Chaos auch, um eine Reihe von "Taken" auszuschalten, die heimlich mit dem "Dominator" im Bunde standen und dessen Wiedererweckung herbeiführen wollten. Dass dabei auch eine erkleckliche Anzahl ihrer eigenen Männer das Leben lassen müssen, nimmt sie bereitwillig in Kauf.
 
Epische Schlachtschilderungen in der Fantasyliteratur lassen mich oft kalt. Im Grunde halte ich es da mit dem alten Tolkien, der einmal gesagt hat: "Schlachten pflegen einander allzu ähnlich zu sehen".(6)Die letzte Fantasyschlacht, die mich wirklich gepackt hat, war diejenige in Steven Brusts Dragon. Denn die wird nicht nur aus der Sicht der "Grunts" geschildert, sondern dank Vlad Taltos als Erzähler auch mit einem ironischen Blick auf all das militaristische Gedöns. Die Schlacht von Charm hatte auf mich nicht ganz dieselbe Wirkung. Croaker & Kumpanen gehören zwar zum "Fußvolk", stehen aber nicht unmittelbar im "Schützengraben". Als Elitetruppe bildet die Black Company vielmehr den letzten Schutzwall um den "Feldherrenhügel" der "Lady". Auch wenn das fürchterliche Gemetzel bei Croaker zum ersten Mal echte Kriegsmüdigkeit aufkommen lässt, bleibt er für große Teile des blutigen Geschehens doch hauptsächlich "Beobachter" (wenn er nicht gerade im Lazarett zugange ist). Vor allem jedoch wird die Belagerung zum Anlass für die besondere Beziehung, die sich zwischen ihm und der "Lady" entwickelt, und die dann vor allem im dritten Band zu einer merklichen Perspektivverschiebung der gesamten Erzählung führen wird.

Von früh an entwickelt Croaker eine (vielleicht etwas ungesunde) Faszination für die finstere Dienstherrin der Company. Und da er auch abseits seiner offiziellen Funktion als Chronist gewisse schriftstellerische Neigungen hegt, beginnt er spaßeshalber Romanzen über sich und die "Lady" zu schreiben. Was auf Jahre hinaus zu einem "running gag" unter seinen spottlustigen Kameraden wird. Als die "Lady" ihn dann allerdings tatsächlich zu sich beordert, verlässt ihn sein Übermut sehr schnell und er hat die Hosen gestrichen voll. Denn die reale "Lady" ist alles andere als eine romantische Figur. Aus Gründen, die Croaker nicht wirklich versteht, wünscht sie, dass ein "objektiver" Bericht über die bevorstehende Schlacht angefertigt wird, und hat sich ihn für diese Aufgabe ausgewählt. Einerseits verstärkt das noch Croakers Position als  "Beobachter", anderereseits erfährt er dabei, dass der Führungszirkel der "Weißen Rose" (angeblich) von heimlichen Anhängern des "Dominators" durchsetzt ist. Vor allem aber erlebt er hautnah mit, wie die "Lady" mit Soulcatcher abrechnet, bei dem es sich in Wirklichkeit um die Schwester der Dunklen Herrin handelt. Und dieses Erlebnis lässt ihn erstmals so richtig an seiner zynischen Weltsicht zweifeln.
I could not get my feelings straight. I did not believe in evil as an active force, only as a matter of viewpoint, yet I had seen enough to make me question my philosophy. If the Lady were not evil incarnate, then she was as close as made no difference. 
Weiterreichende Konsequenzen für sein Handeln hat das vorerst zwar noch nicht, denn wie er selbst sagt:
There are limits to one's luck, one's power, to how much one dares resist. I hadn't the nerve to follow through on my impulse. Later, maybe. 
Ganz sicher jedoch hat es einen Einfluss darauf, wie Croaker auf die überraschende Wendung reagiert, mit der der erste Band zum Abschluss kommt. 
 
Erste subtile Anzeichen dafür hatte es zwar auch vorher schon gegeben, doch auf den letzten Seiten von The Black Company erweist es sich dann engültig, dass die taubstumme "Darling" die wiedergeborene "White Rose" ist. Raven nutzt das Durcheinander der Schlacht, um zusammen mit seinem Schützling zu fliehen. Als Croaker ihm auf die Schliche kommt, lässt er ihm heimliche Unterstützung zukommen, wohlwissend, dass die "Lady" einen derartigen Verrat niemals verzeihen wird. Überraschenderweise schließt sich ihm dabei auch der Zauberer Silent an. Nicht dass Croaker nun im Inneren auf die Seite der Rebellion übergetreten wäre. Ihm geht es erst einmal bloß darum, das Leben einer Unschuldigen zu retten, die auch ihm etwas bedeutet. Doch zugleich hegt er zumindest die vage Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Zukunft geben könnte, die nicht von Leuten wie der "Lady" oder dem "Dominator" beherrscht wird. Seine Entscheidung wird noch sehr schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
 
Ich denke, danit wäre der Punkt erreicht, abschließend ein paar vorläufige Überlegungen zu The Black Company und der Grimdark anzustellen.
 
Glen Cook erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Söldnertruppe, die im Dienst einer Dunklen Herrscherin steht. Natürlich ist das Szenario dreckig, finster und blutig. Was würde man anderes bei dieser Prämisse erwarten? Und selbstverständlich sind unsere Protagonisten alles andere als liebenswert-nette Gestalten. Den meisten von ihnen würde man im realen Leben wohl lieber nicht über den Weg laufen. Wir bekommen zwar nur selten offen gezeigt, zu welchen Brutalitäten diese Männer fähig sind, aber an einer Stelle, als die Mitglieder der Company sich nach einem Sieg etwas "austoben", schreibt Croaker selbst über seine Kameraden.   
You know they are vicious, violent and ignorant. They are complete barbarians, living out their cruelest fantasies, their behavior tempered only by the presence of a few decent men. I do not often show that side because these men are my brethren, my family, and I was taught young not to speak ill of kin.
Doch für sich allein genommen macht das in meinen Augen noch nicht notwendigerweise "grim & gritty" aus. Wie ich im ersten Teil dieses Beitrags schon einmal gesagt habe, bin ich immer erst einmal skeptisch, wenn im Zusammenhang mit Grimdark der so häufig missbrauchte Begriff "Realismus" fällt. Aber hier scheint er mir wirklich angebracht zu sein. Das sind Leute, die den Krieg zu ihrem Beruf gemacht haben. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie sie zur Black Company gefunden haben. Selbst von Croaker hören wir wenig mehr, als dass er aus einem städtischen Umfeld stammt. Aber ganz gleich, warum sie sich ursprünglich dem Trupp angeschlossen haben, diese Art von Leben wird psychologische Auswirkungen haben. Wer längerfristig dabeibleibt, wird entweder über einen entsprechenden Charakter verfügen oder ihn entwickeln. Bestenfalls wird er sich wie Croaker dazu getrieben fühlen, "[to] hung armor plate over my moral soft spots".  Wie sonst sollte man das überstehen, ohne verrückt zu werden? Und um noch einmal auf Michael Herrs An die Hölle verraten zurückzugreifen: Die größte Ähnlichkeit bestand für mich zwischen dem, was Herr im Khe Sanh - Kapitel seines Buches über eine Gruppe von Marines erzählt, und Cooks Darstellung des Verhaltens seiner Söldner und ihrer Gruppendynamik. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Marines eine Heimat haben, in die sie zurückzukehren hoffen.
 
Für mich persönlich definiert sich die Grimdark in erster Linie über zwei Faktoren: Das Welt- und Menschenbild, das von dem fraglichen Werk zum Ausdruck gebracht wird, sowie die Art der Darstellung.
 
Wie schon mehrfach erwähnt, ist Croakers Sicht auf die Welt eine sehr zynische: 
Every ruler makes enemies. The Lady is no exception. The Sons of the White Rose are everywhere ... If one chooses sides on emotion, then the Rebel is the guy to go with. He is fighting for everything men claim to honor: freedom, independence, truth, the right ... All the subjective illusions, all the eternal trigger-words. We are minions of the villain of the piece. We confess the illusion and deny the substance.
There are no self-proclaimed villains, only regiments of self-proclaimed saints. Victorious historians rule where good or evil lies.
We abjure labels. We fight for money and an indefinable pride. The politics, the ethics, the moralities. are irrelevant. 
Ob die Erzählung diese Weltsicht bestätigt, ist jedoch eine ganz andere Frage. Und zwar eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so leicht beantworten lässt.
Fakt ist, dass wir mehrfach demonstriert bekommen, dass die Rebellenbewegung in der Wahl ihrer Mittel und der Art ihres Vorgehens nicht weniger skrupellos und brutal ist als die Truppen der "Lady". Das extremste Beispiel dafür ist die Folterkammer, die Croaker und seine Kameraden auf einem ihrer Einsätze entdecken.
Torture chambers exist, of course, but the mass of men never see them, so they never really believe in them. I'd never seen one before.
I surveyed the instruments, looked at Zouad strapped into a huge bizarre chair, and wondered why the Lady was considered such a villain. These people said they were the good guys, fighting for the right, liberty, and the dignity of the human spirit, but in method they were no better than the Limper.
Dies könnte den Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Problem revolutionärer Gewalt abgeben. Der komplexen Frage über die dialektische Beziehung zwischen Mitteln und Ziel, und wo die Linie verläuft, die man nicht überschreiten kann, ohne damit die eigenen Ideale zu verraten. Doch das geschieht nicht und Cook wäre vermutlich auch nicht der richtige Autor dafür. Und so bleibt in der Tat der Eindruck zurück, dass letztlich kein moralischer Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten besteht.
Die Frage bleibt vor allem deshalb so diffus, weil wir so wenig konkretes über die Welt erzählt bekommen, in der die Geschichte spielt. Der "Realismus" von Cooks Erzählung beschränkt sich völlig auf die Darstellung der Black Company als einer Einheit von Berufssoldaten. Alles jenseits davon bleibt äußerst skizzenhaft. Wir erhalten keinen wirklichen Eindruck von der sozialen, kulturellen und politischen Realität dieser Welt und können uns deshalb auch kein richtiges Bild von der Rebellion und ihren Zielen machen. In dieser Hinsicht bleibt alles auf einer abstrakt-moralischen Ebene.
Dennoch würde ich sagen, dass man das Buch nicht notwendigerweise als Bestätigung einer zynischen Weltsicht lesen muss. Auch wenn der Text ohne Zweifel entsprechende Tendenzen enthält. Doch spätestens wenn die "Lady" beinahe wortwörtlich Croakers ursprüngliche Ansichten wiederholt, um ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen, sollte uns das zu denken geben.
Evil is relative, Annalist. You can't hang a sign on it. You can't touch it or taste it or cut it with a sword. Evil depends on where you are standing, pointing your indicting finger. 
Croakers finaler Sinneswandel spricht gegen diesen zynischen Relativismus. Auf jeden Fall macht er die Dinge sehr viel weniger eindeutig. Wir werden noch sehen, wie sich diese Frage im Rest der Trilogie weiterentwickeln wird. 

Wenn ich was den ersten Punkt betrifft also durchaus Ansätze zur Grimdark in The Black Company erkennen kann, gilt das in keiner Weise für den zweiten. Glen Cook selbst hat einmal gesagt: "It doesn't glorify war; it's just people getting on with the job." Dieser Einschätzung würde ich mich weitgehend anschließen. Natürlich wird man beim Lesen eine gewisse Sympathie für Croaker und seine Kumpels entwickeln, auch wenn man sich der Greueltaten bewusst ist, die die Mitglieder der Black Company mitunter begehen können. Doch nie werden deren Gewalttaten als "cool" dargestellt. Unsere Protagonisten sind keine "edgy" Antihelden. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zu keinem Zeitpunkt ergeht sich Cook in der fasziniert-voyeuristischen Darstellung von Gewalt, die für mich eines der definierenden Merkmale der Grim & Gritty ist. Die Schilderung der Schlacht von Charm etwa ist nicht blutrünstiger als das, was man bei Tolkien oder anderen "Klassikern" zu lesen bekommt. Cook verschließt zwar nicht die Augen vor Grausamkeit, sinnloser Zerstörungswut, sexualisierter Gewalt und anderen verstörenden Realitäten des Krieges, aber er malt sie auch nicht auf geradezu genießerische Weise aus, um damit zu schockieren. Und das ist für mich von wirklich entscheidender Bedeutung.
 
Das letzte Wort zum Thema Grim & Gritty ist damit zwar noch nicht gesagt, aber der Rest wird warten müssen, bis ich meine Gedanken zu Band 2 & 3 der Trilogie ausformuliert habe. Für heute ist jedenfalls erst Mal schluss.    
 

 

 
 
(1) Zit. nach: James M. McPherson: For Cause & Comrades. Why Men Fought in the Civil War. S. 86. Natürlich spielt der Charakter des Krieges dabei eine wichtige Rolle.  In einem revolutionären Krieg dürften ideelle Motivationen eine größere Rolle spielen als in einem imperialistischen. McPhersons Untersuchungen zum Amerikanischen Bürgerkrieg sind dafür ein überzeugendes Beispiel.
 
(2) Die "Ten Who Were Taken" waren einst selbst mächtige Zauberer, die der "Dominator" in seine willfährigen Werkzeuge verwandelt hat. Ob sie lebendig, untot oder irgendetwas dazwischen sind, wird nie genau definiert. Sie tragen so farbenfrohe Namen wie Soulcatcher, The Limper, Shapeshifter, The Howler, Stormbringer, Bonegnasher, The Hanged Man, Moonbiter, Nightcrawler und The Faceless Man. 
 
(3) Ob der Name der Rebellenbewegung von der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Sophie & Hans Scholl, Willi Graf, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Kurt Huber inspiriert wurde, weiß ich leider nicht. Bei Cooks leidenschaftlichem Interesse für Geschichte wäre dies zwar durchaus denkbar, doch ähnelt der Charakter der Bewegung in keiner Weise dem der historischen "Weißen Rose".
 
(4) Natürlich ist das Buch aus amerikanischer Sicht geschrieben. Vietnamesen tauchen fast nur als Leichen oder als gesichtslose Kombatanten auf. Und wenn man etwas über den politischen und sozialen Kontext des Krieges erfahren will, ist man hier gleichfalls an der falschen Adresse. Das war nicht Herrs Anliegen. Dennoch ist An die Hölle verraten eine zwar alles andere als angenehme, aber dennoch sehr empfehlenswerte Lektüre. Nicht zuletzt aufgrund von Herrs tiefer Empathie für die einfachen Soldaten, ohne dass er deshalb die allgemeine Entmenschlichung und die geradezu "alltäglichen" Greueltaten ignorieren würde.
 
(5) Freilich kann man sich die Frage stellen, ob nicht auch Tolkiens "geflügelte Nazgûl" zumindestens teilweise den Schrecken des Luftkriegs entsprungen sind. Der "Professor" hegte einen besonders starken Hass auf diese Form der modernen Kriegsführung.
 
(6) Brief an Forrest J. Ackerman (Juni 1958). In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 210; S. 362. 

Sonntag, 18. Januar 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (1/3)

Glen Cooks Black Company, deren erster Band 1984 bei Tor erschien, wird oft als Startpunkt oder Pionier der Grim & Gritty - Strömung innerhalb der Fantasy bezeichnet. So schrieb z.B. auch Alessandra Reß 2019 in einem Beitrag für TOR Online:
Auf Elric folgte in den 80er Jahren Glen Cooks Die Schwarze Schar, dessen Handlung aus Sicht einer Gruppe ruchloser Söldner erzählt wird. War es bei Elric noch Tragik, die die Hoffnungslosigkeit verursachte, ist es bei Cook ein gewisser Nihilismus, der heute das Bild des Grimdark mitprägt.
Der Autor selbst hat dazu keine dezidierte Meinung. Vor allem deshalb nicht, weil er die Entwicklungen im Genre schon seit langem nicht mehr mitverfolgt. Wie er vor kurzem in einem Interview mit dem Grimdark Magazine erklärt hat:
Some writers have been influenced by what I’ve written. They have told me so. Don’t know about the grimdark thing. Hadn’t heard of it until earlier this year. For most of the past 20 years I have been doing the J. D. Salinger thing. Can’t honestly comment on evolution. 
Meine erste Begegnung mit Cook war die Kurzgeschichte Abgetrennte Köpfe (Severed Heads), die ich vor Jahrzehnten in Schwertschwester gelesen habe, der deutschen Ausgabe des ersten Bandes von Marion Zimmer Bradleys Sword and Sorceress - Reihe. Die Rape-Revenge-Story, die Teil seines Dread Empire - Universums ist, gehörte zu den Beiträgen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließen. Finster ist sie ohne Zweifel, aber als nihilistisch würde ich sie nicht beschreiben. Die "abgetrennten Köpfe" des Titels beziehen sich bezeichnenderweise nicht auf die Rache Narrimans an ihrem Vergewaltiger, sondern auf einen Ausspruch ihres väterlichen Freundes Al Jahez: "What are we without friends? Just severed heads rolling across the sands". Und am Ende geht es in der Geschichte auch darum, im Verlangen nach Rache nicht die eigene Menschlichkeit gänzlich zu verlieren.
 
Ich sehe in der Grim & Gritty eine der Ausdrucksformen einer zynischen Misanthropie, die spätestens von den 90er Jahren an große Teile der amerikanischen Kultur (und nicht nur dieser) zu dominieren begann. Ich werde im zweiten Teil dieses Beitrags darauf zurückkommen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen meiner Ansicht nach für die Entstehung der Grim & Gritty (mit)verantwortlich waren. Für den Moment mag es genügen zu sagen, dass ich darin das Symptom einer tiefen Krise sehe, die bis heute nicht überwunden ist, sondern in vielerlei Hinsicht nur noch katastrophalere Formen angenommen hat.
 
Doch gerade weil ich der Grim & Gritty so extrem kritisch gegenüberstehe, hat es mich immer interessiert, ob und inwieweit die Black Company tatsächlich als deren erste bedeutende Vertreterin gelten kann. Letztes Jahr hatte ich nun endlich Gelegenheit, die ursprüngliche Trilogie The Black Company (1984), Shadows Linger (1984) und The White Rose (1985) zu lesen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann verstehen, warum diese Romane so oft als Startpunkt der Grimdark bezeichnet werden. Und ich halte das nicht einmal für grundsätzlich falsch. Zugleich denke ich aber auch, dass sie sich in einer Reihe von wichtigen Aspekten deutlich von späteren Vertretern dieser Strömung unterscheiden. Und sie waren ein echtes Lesevergnügen für mich.
 
QuelleNeighborhood News, 4. August 1982
 
Glen Cook kam 1944 in New York zur Welt, wuchs aber in Kalifornien auf. Schon früh entwickelte er einen Heißhunger auf Bücher aller Art.
Well, I read a lot of... just about everything, really, but my next-door neighbor gave me a set of Tarzan books when I was, maybe 8. Read those, a lot of Burroughs type stuff, and I was really big on Westerns for a long time, Civil War stuff, before I discovered Science Fiction. Basically anything in the library that the librarian would let me take ...
Eine besondere Vorliebe für die SF erwachte gleichfalls recht früh, wenn auch offenbar nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern: 
The first science fiction book I read was The Naked Sun by Isaac Asimov. It was my father’s book. He caught me reading it, he took it away from me, slapped me upside the head, told me that I didn’t want to read that garbage because it will rot my brain.
Wann Cook mit eigenen Schreibversuchen begann, weiß er selbst nicht mehr so genau, aber als er im Alter von 12/13 Jahren (7th grade) aufgrund einer schweren Erkrankung längere Zeit das Bett hüten musste, nutzte er die "Freiheit von der Schule", um Hawk -- "a western story set during the Civil War from the viewpoint of a hawk watching the action" -- und einen ersten Kurzroman zu Papier zu bringen. Es wird kaum verwundern, dass sich von diesem "Frühwerk" nichts erhalten hat außer ein paar vagen Erinnerungen: "It was science fiction. Aliens came to earth and got involved in an ancient battle between Ramses II and the Hittites." Interessant finde ich freilich, dass schon hier zwei Interessen zum Ausdruck gelangten, die Cook sein Leben lang begleiten würden: Geschichte und Militär. Während seiner High School - Zeit steuerte er zwar noch "a couple of the traditional beginner pieces" zu einigen schulischen Publikationen bei, doch hatte er trotz seiner Liebe zum Geschichtenerzähen vorerst wohl keine Ambitionen, "professioneller" Schriftsteller zu werden.
 
Glens Vater war Offizier gewesen, hatte aber wohl schon vor längerer Zeit seinen Abschied von der Truppe genommen. Bereits an der High School nahm Cook am ROTC (Reserve Officers' Training Corps) - Programm teil, um dann 1962 der Navy beizutreten, mit dem Ziel, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1986 erzählte er darüber: "For a while I thought it was what I wanted to do with my life. 
Ich habe keine Ahnung, wie der Dienst in den US-Streitkräften zu dieser Zeit genau aussah. Der Koreakrieg lag bereits beinah ein Jahrzehnt zurück, die imperialistische Intervention in Vietnam beschränkte sich vorerst noch auf eine überschaubare Anzahl an "militärischen Beratern" und CIA-Agenten. Cook diente auf Zerstörern und nahm an Manövern teil, konnte aber anscheinend gleichzeitig ein Studium an der Universität von Missouri beginnen. Frage mich schon, wie das in der Praxis ausgesehen hat. (1)
Für das spätere Schreiben der Black Company war Cooks Zeit in der Navy jedenfalls von immenser Bedeutung, konnte er sich bei der Schilderung des Soldatendaseins doch auf persönliche Erfahrungen stützen. Auch bei der Charakterzeichnung vieler Mitglieder des Söldnertrupps griff er auf reale Vorbilder zurück.
The characters are real soldiers. They're not soldiers as imagined by people who've never been in the service. That's why service guys like it. They know every guy who's in the books, and I knew every guy who's in the books. Most of the early characters were based on guys I was in the service with. The behavior patterns are pretty much what you'd expect if you were an enlisted man in a small unit. 
1965 verließ Cook den aktiven Dienst, blieb aber bis 1972 Mitglied der Reserve. 
In keinem der Interviews, die ich gelesen habe, geht er auf die Gründe für diese Entscheidung ein. Er gehörte zu dieser Zeit zur 3rd Force Reconnaissance Company der Marines, die im September desselben Jahres den Einsatzbefehl für Vietnam erhielt -- als Teil der von Präsident Lyndon B. Johnson eingeleiteten Eskalation, in deren Verlauf Hunderttausende von G.I.s nach Südostasien verschickt wurden, um dort zu töten und getötet zu werden. So weit ich weiß spricht nichts dafür, dass Cook dem Kampfeinsatz entgehen wollte oder der US-Intervention kritisch gegenübergestanden hätte. Es war wohl reines Glück, dass ihm die Hölle des Krieges (und ein möglicher früher Tod) erspart blieben.   
 
Jedenfalls brach er zur selben Zeit auch sein Studium ab, da er es nicht länger finanzieren konnte. Ein Freund vermittelte ihm schließlich einen Job bei General Motors in St. Louis. Für die nächsten 32 Jahre würde er in unterschiedlichen Fabriken und Positionen für den Konzern arbeiten, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997.  
Nicht dass ihm die Arbeit dort so viel Spaß gemacht hätte.  
There were a lot of days I sat in the parking lot for a while and talked myself into going in. I always made it through the door. A lot of guys couldn't make that final step.
Doch eine Anstellung bei GM bedeutete in den 60er Jahren immer noch ein relativ hohes Maß an ökonomischer Sicherheit und Stabilität. 
 
Die Autoindustrie bildete nicht nur einen der wichtigsten Standpfeiler der amerikanischen Wirtschaft, sie hatte auch eine zentrale Rolle bei dem gespielt, was der Wirtschaftshistoriker Robert Collins einmal als "effort to create a private-sector welfare state" beschrieben hat. In der Vergangenheit war sie Schauplatz heftigster Klassenkämpfe gewesen -- vom Auto Lite - Streik in Toledo 1934, über die Sit-Down - Streiks in Flint, Michigan, 1936/37 und den River Rouge - Streik 1941 bis zum einhundertdreizehn Tage andauernden General Motors - Streik von 1945/46. Die UAW (United Auto Workers) war eine der stärksten Gewerkschaften der USA. Aber nachdem ihre Reihen im Zuge der "Red Scare" - Hetze von allen radikalen und sozialistischen Elementen "gesäubert" worden waren, hatte sie 1950 unter der Führung von Walter Reuther im sog. "Treaty of Detroit" mit den "Großen Drei" (Ford, Chrysler und General Motors) dem alten Anspruch der Arbeiterschaft auf (Mit)Kontrolle über die Produktion ("Industrial Democracy") abgeschworen und die existierenden Eigentums- und Machtverhältnisse offiziell anerkannt. Im Kontext des gewaltigen Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit waren die Kapitalisten im Gegenzug zu weitreichenden ökonomischen Zugeständnissen bereit gewesen. Neben signifikanten Lohnerhöhungen gehörten dazu auch eine konzerngebundene Krankenversicherung und Altersvorsorge. Damit wurde der "Treaty of Detroit" zum Vorreiter allgemeinerer gesellschaftlicher Entwicklungen, in deren Verlauf in den 50er Jahren breitere Schichten der arbeitenden Bevölkerung erstmals in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands gelangt waren.
 
QuelleSt. Louis Magazine Vol. 21 No. 8, July 1989
 
Mit dem Schreiben begann Cook erst wieder 1968, als veränderte Arbeitsbedingungen eine gute Gelegenheit dafür boten. Wie man einem Artikel aus dem St. Louis Magazine vom Juli 1989 entnehmen kann: 
[I]n 1968, GM acquired an old Shell facility on the North Side and sent Cook there as part of a contingent to take scrap metal out of the plant. It meant for some long days. "We worked 11-1/2 hours a day every day except Sunday, when we just had to work eight," he says.
While the days were long, Cook had little to do. "All I had to do was sit by the phone and wait for it to ring. Someone would tell me how much scrap we had produced on the shift and I would write it down and carry the piece of paper from one place to another."
Cook filled those empty hours reading, mostly fantasy and science fiction. As the story often goes, one day he read a book that was so awful he decided he could do better.
"I went to the Goodwill and got myself a typewriter for five dollars," he says. "It was a Royal mechanical typewriter from the 1920s or '30s. It was so old, I couldn't get ribbons for it. I had to buy a ribbon, take the ribbon off the new spool and wind it by hand onto one of the spools that came with the typewriter."
Cook started spending his time at the plant writing. And writing. And writing.
Der unmittelbare Anlass soll die Lektüre eines Fantasyromans von Lin Carter gewesen sein, den Cook irgendwann wütend in die Ecke gepfeffert habe. "I threw it across the room and swore I could do better". Das klingt zwar ein bisschen so wie der legendäre (?) Karrierestart von Edgar Rice Burroughs (2), wirkt auf mich deshalb aber nicht weniger glaubwürdig. Zudem Cook sich stets beeilt, hinzuzufügen: "I found out it's harder than I thought it would be".
 
Eines der ersten Manuskripte, das er (ohne Erfolg) an einen Verlag schickte, war ein 1.800 Seiten starker Tolkien-Klon. "It really never deserved to be published. I mean, I like the Lord of the Rings, but it has already been written." Da lässt sich nicht drüber streiten. Ein Jahrzehnt später hätten seine Chancen damit vielleicht besser gestanden. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er die Phase der bloßen Nachahmerei längst hinter sich gelassen. Ein anderes frühes Projekt war "The Sword Called Precious Pearl, which was an unlikely mix of an E.R.R. Eddison setting and plot with Leiberesque characters written in the style of Clark Ashton Smith". Das klingt für meinen Geschmack schon sehr viel interessanter, gelangte aber gleichfalls nie zur Veröffentlichung. (3)
 
Auch würde Glen Cook schon recht bald Abstand davon nehmen, der barock-dekadenten Sprache eines Smith oder Eddison nachzueifern. Er begann, engere Kontakte zum SFF-Fandom zu knüpfen, besuchte seine ersten Cons und nahm 1970 schließlich am dritten Clarion Workshop (damals noch in Pennsylvania) teil. Dort trieb man ihm u.a. seine Vorliebe für einen ausschweifenden Stil aus:   
Clarion can't teach you talent, but it can show you what you're doing wrong. I learned not to overwrite, to keep things simple as far as sentence structure is concerned. My early attempts at writing were very much influenced by classical British fantasy writers who tended to be very flowery and ornate and lapsed into classical Greek as they were going along [laughs] and expected you to follow it. I learned that modern American readers aren't interested in that. I learned a number of valuable lessons at Clarion.
Vor allem aber lernte er hier seine spätere Ehefrau Carol kennen.
 
Irgendwann um diese Zeit muss Glen Cook auch die persönliche Bekanntschaft von Fritz Leiber gemacht haben. Leider weiß ich nur wenig konkretes über die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelte. In einem Interview von 2012 bezeichnete Cook Leiber als seinen "mentor".  Und in einem anderen hat er sogar einmal erzählt: "I actually lived with Fritz briefly after his wife Jonquil died". 
Jonquil Leiber starb im Herbst 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten. Um die Weihnachtszeit desselben Jahres übersiedelte Fritz von Venice (Los Angeles) nach San Francisco. Der Tod seiner Frau stürzte ihn für drei Jahre in einen Abgrund aus Alkohol und Depressionen. Eine Erfahrung, die er später in seinem Roman Our Lady of Darkness, einem meiner persönlichen Lieblingsbücher verarbeiten würde.  
Vor diesem finsteren und tragischen Hintergrund wäre es natürlich besonders interessant, genaueres über die Beziehung zwischen Leiber und Cook zu erfahren, die sich zur selben Zeit entwickelt haben muss.
 
Es brauchte recht lange, bis es Glen Cook gelang, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Zwar erschien 1972 mit The Heirs of Babylon der erste Roman aus seiner Feder, doch alles in allem waren die 70er Jahre eine Zeit mühseligen Vorankommens. Anfangs verstand er nicht recht, mit Absagen umzugehen:
I had a problem with rejection […] I would send out a book. If it came back, I would send it out one more time. Then, if it came back the second time, I would put it in a drawer and forget about it.
Glücklicherweise fand er mit Russell Galen relativ bald einen Agenten, der sich seiner annahm. Dennoch erschienen in den folgenden Jahren nur eine Handvoll seiner Kurzgeschichten in Magazinen wie Witchcraft & Sorcery, dem Literary Magazine of Fantasy & TerrorFantasticAmazing sowie dem Magazine of Fantasy & Science Fiction.  
Die Wende kam 1979 mit dem Erscheinen des ersten Dread Empire - Romans A Shadow of All Night Falling bei Berkley Books. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. In den 80ern erschienen pro Jahr bis zu drei Romane von Glen Cook und etablierten ihn mit Zyklen wie StarfishersDarkwarThe Black Company und seiner Fantasy - Hardboiled Detective - Reihe Garrett, P.I.
 
Doch selbst in dieser Zeit zog Glen Cook nie ernsthaft in Erwägung, seinen Brotjob an den Nagel zu hängen und Berufsschriftsteller zu werden. Zwar erklärte er 1982 in einem Interview: "I would rather be writing than anything", fügte jedoch sofort hinzu: "but generally the world doesn't let you do that." Eigenen Angaben zufolge war sein Einkommen aus den Büchern "never more than hobby money". 1971 hatten er und Carol geheiratet und in den folgenden Jahren waren drei Söhne zur Welt gekommen. Der Verdienst, den Cook mit seiner schriftstellerischen Arbeit machen konnte, schien nie groß (und sicher) genug zu sein, um eine Familie ernähren und ein Eigenheim unterhalten zu können. Zumal ihm seine Anstellung bei General Motors neben dem Monatslohn ja auch noch "an insurance package and benefits" sicherte.   
 
Er entwickelte eine Routine, wie er während seiner Schichten an den nächsten Büchern arbeiten konnte: "A very large proportion of my work gets created at work, on my breaks and at lunchtime. Then catch-as-catch-can at other times." 2002 erzählte er in einem Interview mit Quantum Muse:
I got a job that almost nobody else wanted. It was hard to learn, but once I did learn it, I could do it with almost no mental effort, so I was able to work on my writing. I wrote three books a year on that job.
Zu Hause wurde dann hauptsächlich ins Reine getippt.
 
Dass Glen Cook die meisten seiner Bücher geschrieben hat, während er bei GM am Fließband stand, ist für mich ein nicht unwichtiges Detail. Ich bin stets sehr skeptisch, wenn im Zusammenhang mit der Grimdark von "Realismus" die Rede ist  In den meisten Fällen verbergen sich dahinter bloß Zynismus, Nihilismus und Misanthropie, die in meinen Augen in letzter Konsequenz  nur eine sich "edgy" gebärende Form von Konformismus darstellen. Und wie wir noch sehen werden, halte ich auch in Bezug auf die Welt der Black Company den Begriff "realistisch" nur für sehr bedingt anwendbar. Doch was sicher zutrifft ist, dass sich Cooks Romane durch eine schmutzige Erdigkeit auszeichnen. Dass sie den Versuch darstellen, eine epische Fantasyhandlung aus der Sicht des "Fußvolks" zu schildern, weshalb ich sie auch eher der Sword & Sorcery als der High Fantasy zurechne. Und darin spiegelt sich ganz sicher etwas von Cooks eigener Lebenserfahrung wider. Wie er selbst einmal über seine Arbeit bei GM erzählt hat:
One thing working there did do, especially early on, was allow me to come in daily contact with the kind of people who actually do the world's work instead of the sort who spend their whole lives inside academe and don't have a clue. 
Diese populistische Perspektive prägt seine Geschichten und ihre Figuren: "The people in my stories pretty much think and act like working-class people."
 
Allerdings sollten wir uns stets vor Augen halten, dass die Arbeiterklasse, in deren Reihen Glen Cook 1965 eingetreten war, die Verbindung zu ihrer militanten Vergangenheit schon seit längerem weitgehend verloren hatte. Der Wirtschaftsboom der 50er Jahre war zum Nährboden für einen kleinbürgerlichen Konformismus geworden. Er wurde flankiert von einer unablässigen propagandistischen Verherrlichung des "American Way of Life", der Erhebung des Antikommunismus zu einer Art säkularen Staatsreligion und viel flaggenschwingendem Patriotismus. Der offiziellen Arbeiterbewegung war dabei eine zentrale Rolle zugekommen. Die in der AFL-CIO zusammengeschlossenen Gewerkschaften fungierten nicht länger als Kampforgane, sondern sahen sich als "Partner" der Unternehmensleitungen, ihre führenden Vertreter predigten Nationalismus und Klassenzusammenarbeit und ordneten die Arbeiterklasse politisch der Demokratischen Partei unter.
 
Solange der Nachkriegsboom anhielt und mit ihm auch der Lebensstandard breiterer Schichten der Bevölkerung weiter anstieg, blieb diese Ordnung weitgehend stabil. Das änderte sich Ende der 60er Jahre auf dramatische Weise. Der Kapitalismus geriet in seine tiefste Krise seit der Großen Depression. Das Bretton-Woods-System, das den Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit abgegeben hatte, brach in sich zusammen. Weltweit kam es zu einem gewaltigen Aufschwung des Klassenkampfes.
Der französische Generalstreik vom Mai/Juni 1968 oder Italiens "Heißer Herbst" von 1969 dürften zwar sehr viel bekannter sein, aber auch die USA blieben keineswegs verschont von dieser Entwicklung. Die gesamten 70er Jahre waren dort geprägt von einer Reihe z.T. äußerst militanter Arbeitskämpfe. Den Auftakt bildete der "wilde" Streik von 200.000 Postangestellten im März 1970 -- in offener Rebellion gegen die Nixon-Administration und ihre "eigene" Gewerkschaftsführung. Vielleicht noch dramatischer war der "Wildcat" - Streik der Trucker (Teamster), der einen Monat später ausbrach und sechs Wochen andauerte. (4) 
Im Vergleich zu diesen war der landesweite General Motors - Streik, der offiziell am 15. September 1970 begann, eine relativ geordnete Affäre. Einer Einschätzung des Wall Street Journal nach verfolgten Unternehmens- und Gewerkschaftsführung dabei sogar dasselbe Ziel, nämlich die Militanz der Arbeiterschaft zu brechen. Der Streik sollte helfen
to wear down the expectations of members, expectations that in the current situation have been whetted by memories of recent good times and by the bite of inflation. This trimming of hopes eases the difficult task of getting members to ratify settlements leaders have negotiated. (More than one of every 10 agreements hammered out by union officials is rejected by union members.) (5)
Ein solcher Arbeitskampf könnte als Sicherheitsventil für die aufgestauten Frustrationen der Arbeiter dienen und außerdem ihre Loyalität gegenüber der Gewerkschaft festigen. 
Nichtsdestotrotz war der Streik, der 400.000 Arbeiter in 145 Fabriken erfasste und 67 Tage andauerte, ein bedeutendes Ereignis. Seit 1945 hatte die UAW keinen nationalen Streik mehr bei GM organisiert, mit dem Argument, das Unternehmen sei zu groß, als dass eine solche Konfrontation Aussicht auf Erfolg haben könnte. Auch zeigte sich schnell, dass die "Ermattungsstrategie" der Gewerkschaftsführung ihre eigenen Gefahren in sich barg. Schon vor dem offiziellen Beginn des Arbeitskampfes war es an einigen Standorten zu "wilden" Arbeitsniederlegungen gekommen. Und da der Streik nicht allein um Lohnfragen geführt wurde, die auf nationaler Ebene ausgehandelt wurden, sondern in seinem Verlauf auch zahllose lokale Forderungen aufs Tapet gelangten, musste die bürokratische Führung der UAW um Leonard Woodcock stets befürchten, die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren. Schließlich wurde der Arbeitskampf hinter dem Rücken der Streikenden mit einem "geheimen" Übereinkommen beendet.  
Both sides agree that if the strike had dragged on past Thanksgiving, it would have paved the way for an epic dispute continuing into the new year. Such a possibility could have tipped the scales within the U.A.W. from a … strengthening of Woodcock to a messy strike beyond the control of the top leaders. (6)
Viele der Forderungen, die von Rank-and-File - Mitgliedern auf lokaler Ebene aufgestellt worden waren, blieben unbeantwortet und an manchen Orten dauerten die Arbeitsniederlegungen auch nach dem offiziell verkündeten Ende noch eine Zeit lang an. Dass die Militanz der GM - Arbeiter nicht gänzlich gebrochen worden war, zeigte sich u.a. zwei Jahre später bei dem berühmten Lordstown - Streik, der sich vor allem gegen die immer heftigere Arbeitshetze an den Fließbändern richtete, von der UAW-Führung aber bewusst isoliert und abgewürgt wurde.
 
Für die meisten GM-Arbeiter und ihre Familien muss der Streik von 1970 ein hartes und einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Viele von ihnen mussten mit einem Streikgeld von $30 - $40 die Woche über die Runden kommen. Nicht wenige waren gezwungen, auf staatliche Unterstützung wie "Food Stamps" zurückzugreifen. Andererseits war die Solidarität mit den Streikenden in der Bevölkerung sehr groß. (7)       
 
Für Glen Cook muss der Streik ja eine konkrete persönliche Erfahrung gewesen sein. Ob und wie das ihn und sein Weltbild beeinflusst hat, weiß ich freilich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, als habe er politisch je auf der Linken gestanden, aber das alleine sagt für mich noch nicht viel aus. Ganz sicher haben die gesellschaftlichen Entwicklungen der 70er Jahre ihren Niederschlag in Teilen seines Werkes gefunden. TunFaire, die Fantasymetropole, in der seine Garrett, P.I. - Geschichten spielen, ist bewusst nach dem Vorbild von St. Louis entworfen. Und in einem Interview mit Strange Horizons aus dem Jahr 2005 leugnet er nicht, dass die Stadt dabei "the feel of an American city in the 1970s" habe: "striking economic divisions, racial unrest, and an unpopular war abroad. " Allerdings fügt er sofort hinzu:
[B]ut it's not just the 1970s. That's the history of mankind, especially in large cities. Take a city like Byzantium. There were a thousand different neighborhoods, all different religions. People would regularly riot against one another and commit murder.
Mir scheint dies exemplarisch für Cooks Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu sein. Er will die Welt möglichst illusionslos betrachten ("pay attention to the real world, not the world you want to be"), aber letztenendes führt das bei ihm dazu, dass er Ereignisse und Entwicklungen aus ihrem konkreten historischen Zusammenhang löst und einer pessimistischen und im Kern sehr konservativen Geschichtsphilosophie ("That's the history of mankind") unterordnet, einer Art "Es gibt nichts neues unter der Sonne". (8) Dazu gehört sicher auch, dass er die Bedeutung, die kriegerische Auseinandersetzungen für die gesellschaftliche Entwicklung spielen, deutlich überschätzt: "[H]istories always seem to revolve around the wars that shape cultures and civilizations."
 
Es verwundert nicht, dass sich Spuren davon auch in den Black Company - Romanen finden. Doch dazu mehr in (hoffentlich) einer Woche ...
   
 
 
 
(1) In der Broschüre zur World Fantasy Convention 2006 heißt es in einer biographischen Notiz zu Glen Cook, der dort einer der "Guests of Honor" war, er habe die Universität nach seinem Abschied von der Navy "on the GI bill" besucht. Das macht zwar Sinn, fügt sich aber schlecht in den Rest seines Lebenslaufes ein.  
 
(2) Der soll sich nach der Lektüre einiger Pulp-Magazine gedacht haben: "I had gone thoroughly through some of the all-fiction magazines and I made up my mind that if people were paid for writing such rot as I read I could write stories just as rotten." Woraufhin er A Princess of Mars schrieb.
 
(3) Oder handelt es sich bei den beiden um ein und dieselbe Erzählung? An anderer Sttelle beschreibt Cook The Sword Called Precious Pearl nämlich als "a bastard child of Tolkien and E.R.R. Eddison"?
 
(4) Interessanterweise war St. Louis dabei ein zentraler Schauplatz. Wie der Chef von Lee Way Motor Freight, Inc. im Mai 1970 gegenüber dem Wall Street Journal erklärte: "We’ve been unable to operate into the East because of the Teamsters union in St. Louis, whose roving pickets have stopped all our drivers at various Mississippi River crossings." (Zit. nach: Jeremy Brecher: Strike! (Revised, Expanded and Updated Edition). S. 231.
 
(5) Wall Street Journal, 29. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 235.
 
(6) Wall Street Journal, 5. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 236. 
 
(7) Vgl. dazu: Timothy J. Minchin: "A Gallant Fight": The UAW and the 1970 General Motors Strike(Der Artikel vertritt eine gänzlich unkritische Haltung gegenüber der Gewerkschaftsführung, enthält aber eine Reihe interessanter Informationen) Judy Putnam: Rememebering the GM strike from 1970: Peanut butter and jelly sandwiches.  
 
(8) George Orwell hat den eigentlichen Inhalt derartiger Geschichtsvorstellungen einmal sehr treffend so beschrieben: "It is not very difficult to see that this idea is rooted in the fear of progress. If there is nothing new under the sun, if the past in some shape or another always returns, then the future when it comes will be something familiar. At any rate what will never come -- since it has never come before -- is that hated, dreaded thing, a world of free and equal human beings." (As I Please, 25. Februar 1944)   
 
 

Samstag, 22. November 2025

Trotz aller Clonans ...

Wie ich vor einigen Monaten in einem Beitrag, der eigentlich Roger Zelaznys Dilvish the Damned gewidmet war, schon einmal etwas ausführlicher dargelegt habe, war es Cele Goldsmith (Lalli), die an der Wende von den 50er zu den 60er Jahren als Herausgeberin von Fantastic die Grundlage für den späteren Sword & Sorcery - Boom legte. Sie überzeugte nicht nur Fritz Leiber, sich nach einer mehrjährigen Pause erneut den Abenteuern von Fafhrd und dem Grey Mouser zuzuwenden, sondern bot auch neuen Helden wie John Jakes' Brak dem Barbaren oder Zelaznys Dilvish eine Bühne.   
 
Im Dezember 1963 erschien dann die erste von am Ende vier Anthologien, die L. Sprague de Camp für Pyramid Books zusammenstellen würde: Swords and Sorcery (1963), The Spell of Seven (1965), The Fantastic Swordsmen (1967) und Warlocks and Warriors (1970). Inhaltlich boten sie zwar wenig neues, von Elrics Amerika-Debüt 1965 einmal abgesehen, aber die Auswahl der Geschichten trug zusammen mit den einleitenden Bemerkungen viel dazu bei, die Konturen des Subgenres zu definieren, das De Camp selbst übrigens lieber als "Heroic Fantasy" bezeichnete. (Der Begriff "Sword & Sorcery" war erstmals 1961 von Fritz Leiber ins Spiel gebracht worden (1))      
 
Der eigentliche Boom setzte zwar erst gegen Ende der 60er Jahre und in Reaktion auf die Neuveröffentlichung von Robert E. Howards Conan-Stories bei Lancer Books ein. Aber schon in dieser "Aufwärm-Phase" tauchten mit Brak und Lin Carters Thongor (ab 1965) die ersten Conan-Klone auf. Die Gattung war beinah so alt wie das Subgenre selbst. Ihr allererster Vertreter dürfte Clifford Balls Duar the Accursed gewesen sein, der nicht ganz ein Jahr nach Howards Selbstmord in Weird Tales erschienen war. Doch in der Folgezeit kam es zu einer wahren Flut von Clonans, die die Sword & Sorcery schon bald zu ersticken drohte. Allein 1968/69 erschienen neben mehreren Conan-Bänden zwei Thongor-Bücher, die erste Buchfassung von Brak the Barbarian sowie das Debüt von Gardner F. Fox' Kothar. Und das war erst der Anfang. (2)
 
Im Fandom wurde dies schon früh recht kontrovers diskutiert. Während die einen die Meinung vertraten, die S&S müsse sich weiterentwickeln, wenn sie nicht schon bald ein unrühmliches Ende finden wollte, blieb für die anderen der muskelbepackte Barbar das A und O des Subgenres und die vermeintliche Simplizität der Geschichten seine größte Tugend. Interessant ist die Position, die dabei L. Sprague de Camp und Lin Carter vertraten. Die beiden spielten eine wichtige Rolle während des Booms, und das nicht nur als Herausgeber und Verfasser von Howard-Pastiches. Doch zugleich legten sie eine leicht herablassende Haltung gegenüber der Sword & Sorcery an den Tag.
 
Schon in den 50ern hatte De Camp für Gnome Press ohne irgendwelche Skrupel einige von Howards historischen Abenteuergeschichten wie Hawks over Egypt und Road of the Eagles in Conan-Yarns umgeschrieben. Was er wie folgt kommentierte:
Robert E. Howard's heroes were mostly cut from the same cloth. It was mostly a matter of changing names, eliminating gunpowder, and dragging in a supernatural element. (3) 

Offensichtlich empfand er wenig Respekt für Howards literarisches Werk, was sich u.a. auch in seinen "Bearbeitungen" der Conan-Stories zeigte, für deren Veröffentlichung bei Lancer Books er verantwortlich war.

Und so wie es aussieht, galt dasselbe wohl auch für die Sword & Sorcery als Ganzes. Er hatte seinen Spaß mit dem Subgenre, sah in ihm aber nie mehr als simple Unterhaltung. Schon im Vorwort zu Swords and Sorcery (1963) erklärte er die "Heroic Fantasy" zu einer rein eskapistischen Literaturform: "Heroic fantasy is escape reading in which you escape clear out of the real universe." Zugleich sprach er ihr einen denkbar simplistischen Charakter zu:
"Heroic fantasy" is the name of a class of stories laid, not in the world as it is or was or will be, but as it ought to have been to make a good story. The tales collected under this name are adventure-fantasies, laid in imaginary prehistoric or medieval worlds, when (it's fun to imagine) all men were mighty, all women were beautiful, all problems were simple, and all life was adventurous. (4)
An dieser Sichtweise änderte sich auch später nichts. Noch in der Einleitung zu Warlocks and Warriors (1970) bekommt man zu lesen:
This is pure escape literature and makes no bones about it. Reading for serious purposes is fine, but even the most serious reader is better off if he sometimes reads something for the hell of it. In these stories one escapes clear out of the real world. (5)
Im Verlauf der 70er Jahre sicherte sich De Camp die völlige Kontrolle über die "Marke" Conan und baute eine ganze Industrie um den Cimmerier auf, was im Januar 1977 in der Gründung von Conan Properties, Inc. gipfelte. Die Clonan-Schwemme, die zur gleichen Zeit über das Subgenre hereinbrach, scheint ihn wenig gestört zu haben.
 
Bei Lin Carter sah es nicht viel anders aus. Die folgende Anekdote, die Joe Bonadonna -- Autor von Dorgo the Dowser -- in seinem Essay Imho: A Personal History of Sword & Sorcery and Heroic Fantasy erzählt, illustriert dies sehr schön:

(I)n 1970, I wrote a letter to Lin Carter, who was then the editor of Ballantine Books’ Adult Fantasy Series. I asked how to go about submitting a Conan novel I had written. Lin Carter was nice enough to reply quickly, telling me that only he and L. Sprague de Camp were licensed to write Conan stories. He suggested, however, that I change the name of Conan to one of my own choosing and change any other names borrowed from Howard, then submit the novel to a publisher as my own original creation. [...] In other words: I was advised to write a "Clonan" novel.
 
Lin Carter: Imaginary Worlds (mit einem Cover von Gervasio Gallardo)
  
Ironischerweise legte Carter seine entsprechenden Ansichten über die Sword & Sorcery ausgerechnet in Form einer Verteidigung des Subgenres nieder. Auslöser dafür war eine kurze Passage in einem genrehistorischen Essay von Alexei & Cory Panshin, der in der Augustausgabe 1972 von Fantastic unter dem Titel SF in Dimension: Mastery of Space and Time (1926-1935) erschienen war. Dort hatte man lesen können:
 [A]fter 1936, when Howard died, [Clark Ashton] Smith retired, and [C.L.] Moore turned to modern sf, sword and sorcery became a frozen form, a ritual dance after Howard. Early Moore and Smith continue to have influence on sf, but the sword and sorcery complex itself is a living fossil with no apparent ability to evolve.
Carter antwortete darauf im siebten Kapitel seines Buches Imaginary Worlds: The Art of Fantasy (1973). Dabei schlug er einen bewusst populistischen Tonfall an, indem er die Panshins zu Vertretern des Science Fiction - "Establishments" erklärte, deren Verdammungsurteil über die S&S der "general party-line" der "New Wavers" entspräche, womit er das in "old-school" - Kreisen des Fandoms verbreitete Vorurteil bediente, die Anhänger der New Wave seien ein Haufen abgehobener Elitisten.
 
Für Carter ist die Kritik der Panshins schon im Ansatz verfehlt, denn eine stilistische oder inhaltliche Weiterentwicklung der Sword & Sorcery erscheint ihm überhaupt nicht erstrebenswert.
Must a school of writing evolve? I wonder why. Evolution implies change into something else. But mere change for the sake of change, experiment for the sake of experiment -- the apparent aesthetic of the New Wave school of science fiction writing, to which I suppose Alexei Panshin belongs -- seems to a rather backwards-looking conservative like myself a pointless exercise in futility [...] 
There is absolutely no need for Sword & Sorcery to develop new maturities of style and theme
Seine Vorstellung von dem, was Sword & Sorcery ausmacht, ist äußerst eng und schließt jede Form von Innovation und Entwicklung per Definition aus.
Sword & Sorcery is the smallest, tightest literary genre I can think of, and one that is completely derivative. We who write it all work within the narrow tradition set down by Howard in the 1930s.
Offenbar sieht Carter keinen Widerspruch darin, im selben Kapitel Jack Vance den S&S-Autoren zuzurechnen, obwohl sich dessen Dying Earth - Geschichten schwerlich in solch eine ganz auf das Vorbild Howard ausgerichtete Tradition pressen lassen. Was den Eindruck noch verstärkt, dass es ihm bei dem Ganzen hauptsächlich um die Verteidigung von Clonans wie Jakes' Brak oder seinem eigenen Thongor geht, die beide als exemplarische Beispiele für die Sword & Sorcery angeführt werden. Deren Mangel an Originalität kann er natürlich nicht leugnen. Doch sei das eben kein Schwachpunkt, sondern vielmehr eines der definierenden Merkmale des gesamten Subgenres. Dessen ganze Existenz rechtfertigt sich für ihn in erster Linie aus einem Gefühl von Nostalgie, das die Geschichten bedienen sollen:
Most of us who write Sword & Sorcery do so out of a nostalgic affection of the genre and have no particular desire to change it, my own feeling being that "change" is not demonstrably synonymous with "improve." It's the sort of thing we loved in our teens (at least I did), and we contribute to the modern-day continuation of the genre out of fondness for what pleased us then. (6)  
Der Ruf nach komplexeren Charakteren, einer größeren thematischen Tiefe oder stilistischen Neuerungen und Experimenten macht vor diesem Hintergrund natürlich in der Tat wenig Sinn. Die Geschichten sollen ja möglichst simpel sein und bereits Bekanntes nachahmen. Andernfalls würden sie nicht den gewünschten Effekt erzielen können. Dass Lin Carter damit implizit auch die Werke Robert E. Howards, C.L. Moores und anderer Pioniere des Subgenres auf bloße Klischees reduzierte, möchte ich gar nicht weiter kommentieren. (7) 
 
Aber da er sich für seine Ausführungen der New Wave als "Feindbild" bediente, halte ich es für angebracht, darauf hinzuweisen, dass die Bewegung bereits zu dieser Zeit mehrere Werke hervorgebracht hatte, die im Dialog mit den Traditionen der Sword & Sorcery standen. Ich denke dabei vor allem an Joanna Russ' Alyx-Geschichten (1967/68) und M. John Harrisons The Pastel City (1971). Nach Carters Definition gehörten sie natürlich überhaupt nicht zum Subgenre, aber ich denke, man sollte in ihnen zumindest eine der möglichen Formen einer Weiterentwicklung sehen. (8) 
 
Doch auch in dem, was man wohl als den Mainstream bezeichnen könnte, erwies sich die Sword & Sorcery im Laufe der 70er Jahre als sehr viel entwicklungsfähiger als Carter dekretiert hatte. Auch kam die Kritik am Immergleichen der Clonans keineswegs nur von "außen" oder vom "Establishment", sondern ebenso aus der Mitte des Fandoms. Ausgerechnet auf den Seiten von Amra, dem offiziellen Organ der Hyborian Legion, konnte man schon früh solche Äußerungen des Unmuts vernehmen wie Brian Hvals On the State of Heroic Fantasy vom September 1970: 
I have been most tempted in the last few months to completely give up reading heroic fantasy. It has become almost impossible to seperate the reasonable reading from the literary trash displayed in the bookstore. Or perhaps I have finally been exhausted by the same repetitous plots of half-naked barbarians chaising equally naked women through numberless perils, the entire series of episodes menaced by some slimy Elder Evil (naked or half-naked?). All fantasy stories appear to be identical. Broads and broad-swords, brainless boozing barbarians! Despite repeated overdoses of fortified vitamins, my system can stand only so much of this monotonous rubbish. Even some of the recent "classics" are archaeological garbage. I pray that some god (benign or otherwise) will send these unworthy tomes to their tombs!
... But what is the worth of a single nugget if you have to toil through ten tons of literary dirt to find it? Readers may soon realize that it is not worth the effort. The Barbarian Bonanza may result in the Barbarian Bust! (9) 
Lin Carter hatte so getan, als könne er für die überwältigende Mehrheit der Sword & Sorcery - Fans sprechen. Aber auch unter ihnen gab es sicher viele, die nicht zufrieden damit waren, in dem Subgenre eine reine "Nostalgie-Nische" zu sehen. Die sich eher dem angeschlossen hätten, was Jessica Amanda Salmonson dann 1979 in ihrem Vorwort zu Amazons! schreiben würde:
Many of us are fond of heroic fantasy not "in spite" of its lacking merit, but because the unrestrained magic and adventure provide a limitless potential that has yet to be sufficiently plumbed. (10)  
Sicher, allein schon aus kommerziellen Gründen wurde die Flut der Clonans nie wirklich gebrochen, sondern versickerte erst in den 80er Jahren, als sich keine ausreichende Käuferschaft mehr für sie fand. Bis dahin gab es stets genug Verlage, die nichts anderes wollten als den nächsten Barbaren im Lendenschurz. Aber die Sword & Sorcery der 70er war eine Strömung, die im Gegensatz zu Lin Carters Ansichten breit genug war, um neben ihnen auch andere, unkonventionellere und innovativere Ansätze entstehen zu lassen. 
Einer der Gründe dafür war ohne Zweifel, dass sich der S&S - Boom parallel zum Aufblühen einer Phantastik-Fankultur entfaltete, zu der u.a. das Erscheinen einer Vielzahl unterschiedlichster Magazine, Semi-Prozines und Fanzines gehörte. So weit ich weiß war keines von ihnen ausschließlich der Sword & Sorcery gewidmet, aber Publikationen wie Dark Fantasy, The Diversifier, Fantasy Crossroads, Fantasy & Terror, Space & Time, Void, Whisper, Witchcraft & Sorcery, Weirdbook und Wyrd (11) boten auf jeden Fall eine Bühne für junge und unbekanntere Autor*innen, die hier erstmals ein etwas größeres Publikum erreichen konnten. Und damit tendenziell auch einen Raum für eigenwilligere Ideen und Herangehensweisen, den es zuvor nicht gegeben hatte.
Zumindest einige der Autor*innen gelangten auf diesem Weg schließlich auch in die bedeutenderen Anthologien der Zeit. Lin Carters Flashing Swords (1973-81) enthielt, vom fünften und letzten Band einmal abgesehen, zwar beinah ausschließlich Beiträge von Mitgliedern der S.A.G.A., der Mitte der 60er Jahre von De Camp, Carter und John Jakes gegründeten Swordsmen and Sorcerers' Guild of America. Doch in seinen Year's Best Fantasy Stories (1975-80) zeigte auch er sich sehr viel offener für "ungewöhnlichere" S&S und veröffentlichte u.a. Kurzgeschichten von Pat McIntosh, Tanith Lee, Charles R. Saunders, Roger Zelazny, Brian Lumley und Janet Fox. In Andrew Offutts Swords Against Darkness (1977-79) erschienen u.a. Stories von Richard L. Tierney, Ramsey Campbell, David Madison, Tanith Lee, Darrell Schweitzer, Charles R. Saunders, Charles de Lint, Brian Lumley und Ardath Mayhar. Am Ende der 70er Jahre erschienen dann außerdem einige Anthologien, die ganz ausdrücklich eine kritische Haltung gegenüber den Barbaren-Klischees vertraten und zu einer entsprechenden Weiterentwicklung des Subgenres beitragen wollten. Das gilt nicht nur für Jessica Amanda Salmonsons Amazons! (1979), sondern auf etwas andere Art z.B. auch für den von Gerald W. Page & Hank Reinhardt zusammengestellten Band Heroic Fantasy (1979). Dort heißt es in der Einleitung
The great cliche of modern heroic fantasy has been the muscular barbarian who seldom behaves as a human being, and whose muscles, as decribed in the stories, seldom seem to operate the way human muscles do
Dies gelte es zu korrigieren: "We did look for a strongly realistic approach to our fantasy, and we wanted characters we could believe in, and enjoy". Außerdem setzen sich zumindest einige der in der Anthologie versammelten Geschichten kritisch, ironisch oder reflektierend mit dem "heroischen Ideal" auseinander.
 
Trotz der Clonan-Schwemme erwies sich die Sword & Sorcery in den 70er Jahren also sehr wohl als entwicklungsfähig. Und die entsprechende Tendenz verstärkte sich zudem merklich in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Weshalb es meines Erachtens auch etwas zu kurz greift, wenn man den bald darauf einsetzenden Umschwung zur High Fantasy ausschließlich aus einem vermeintlichen Ersticken der S&S an ihren immer gleichen Klischees erklärt. Da spielten sicher auch noch eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle. Trotz des scheinbaren Triumphs der High Fantasy wäre es zudem falsch, zu glauben, dass alle Entwicklungsansätze der 70er am Ende im Sande verlaufen oder von den Behemoths der Endlos - Epen gänzlich überrollt worden wären. Einige von ihnen fanden in den 80ern sehr wohl ihre Fortsetzung in Werken wie etwa Glen Cooks Black Company oder Steven Brusts Vlad Taltos.
    

Swords Against Darkness III (mit einem Cover von Greg Theakston)
 

Ein für mich sehr ansprechendes Beispiel dafür, wie die Sword & Sorcery der 70er sich weiterentwickeln konnte, ist David Madisons 1975 in Band 3 von Swords Against Darknesss erschienene Kurzgeschichte Tower of Darkness
 
Leider habe ich nur sehr wenig Informationen über den Autor finden können. Andrew Offutt bezeichnet ihn in seinen einleitenden Bemerkungen als "Texan", das ist aber auch schon alles, was er an Konkretem über ihn mitteilt. Ansonsten weiß ich eigentlich nur, dass Madison 1979 Selbstmord begangen hat. Charles R. Saunders erzählte 2007 in einem Interview mit Steven Tompkins über ihn:
Even after all these years, I feel bad about David. He was one of the best of the generation of fantasy and S&S writers which came up through the fanzines and semi-prozines of the 1970s. His work could best be described as "punk S&S." (12)
Geschichten aus Madisons Feder erschienen in WyrdSpace & Time, The Diversifier, Dark Fantasy, Fantasy & Terror, Astral Dimensions sowie Dragonbane/Dragonfields, dem kurzlebigen Magazin, das Saunders gemeinsam mit Charles de Lint herausgab. Tower of Darkness war die einzige seiner Stories, die (auch) in der Publikation eines großen Verlages (Zebra Books) veröffentlicht wurde. In der Januarausgabe 1978 von Dark Fantasy kann man zwar in den einführenden Bemerkungen zu The Trouble with Timothy von einem "recent sale to Year's Best Fantasy" lesen, doch 1979 erschien überhaupt kein entsprechender Band in Lin Carters Antho-Reihe und auch 1980 gab es keinen (posthumen) Abdruck einer Madison-Geschichte.
 
Tower of Darkness ist Teil eines kleinen Zyklus um das Gauner- und Abenteurerpaar Marcus und Diana, dessen übrige Teile in Space & Time und The Diversifier erschienen sind und leider nie irgendwo anders neu abgedruckt wurden. Ich würde einiges für ein kleines Sammelbändchen mit den sieben Geschichten geben. Denn zumindest diese eine hat mir außergewöhnlich gut gefallen. 
 
Oberflächlich betrachtet ist der Plot von Tower of Darkness geradezu "klassisch": Unsere Held*innen, die ganz der leiber'schen Spitzbuben-Tradition entsprechen, gelangen eines Abends an die Tore der Stadt Nyza. Nachdem ein paar Silbermünzen den Besitzer gewechselt haben, lässt man sie ein, aber wirklich willkommen fühlen sich die beiden hier nicht. Die Bewohner der Stadt werden von einer abergläubischen (?) Furcht vor dem Dunkel der Nacht beherrscht, was dazu führt, dass man Diana und Marcus nicht einmal Einlass in ein Wirtshaus gewährt. Also bleibt den beiden nichts anderes übrig, als relativ ziellos durch die nächtlichen Straßen zu ziehen und dabei die Weinflasche hin und her wandern zu lassen. Schließlich gelangen sie zu einer Parkanlage im Zentrum der Stadt, die noch etwas melancholischer und finsterer wirkt als der Rest von Nyza und in der sich ein Turm und eine Stufenpyramide erheben. Der Turm entpuppt sich als ein Heiligtum der Sonne, in dem ein Priester die ganze Nacht über jede Stunde einen Gong schlägt. Unglücklicherweise verhindert die Sprachbarriere eine echte Kommunikation. Stattdessen taucht plötzlich eine sehr bleiche und magere Frauengestalt aus dem Dunkel auf und lädt unsere Held*innen in die Krypta unter der Pyramide ein, wo die "Verehrer des Mondes" ihre nächtlichen Feiern zelebrieren würden. Diana und Marcus sind selbst etwas überrascht, wie schnell sie bereit sind, dieser Einladung zu folgen ...
 
Das klingt auf den ersten Blick, wie schon gesagt, nicht übermäßig originell. Und ja, die "Verehrer des Mondes" entpuppen sich eine Seite später dann auch schon als waschechte Vampire. Aber das vermeintlich so "konventionelle" der Story verstärkt für mich nur seine in Wirklichkeit ziemlich subversive Qualität. Die beruht zuerst einmal (und vor allem) auf dem ungewöhnlichen Heldenpaar, das schon rein äußerlich ganz und gar nicht dem entspricht, was man vielleicht erwartet hätte.
The woman was tall and lithe, muscular without being awkward. Her heavy square-cut blond hair was confined by a circlet of beaten gold; other than that she wore no ornaments. A narrow white scar creased the perfection of her tan, pulling her right eyelid down slightly and giving her face a faint look of sleepy cynicism. A fantastically jeweled and embroidered peacock cape hung from her shoulders, contrasting oddly with her masculine linen blouse, rudely patched camvas pants, and the notched and rusty sabre in her belt. [...]
Her male companion was small, although supple and compactly built. He was blond, like the woman, with a pretty, faintly childish face and deep black eyes.
He was dressed in peach-colored satin trousers, soft white boots, and a shirt that was alive with needlepoint dragons. His mascara and eyeshadow had begun to run from perspiration, and there was a blue butterfly painted on his left cheek.  
In ihrer äußeren Erscheinung sind Marcus und Diana also erst einmal so etwas wie eine Umkehrung der traditionellen Genderklischees. Könnte man allein schon recht cool finden, aber wenn wir sie im weiteren Verlauf der Erzählung näher kennenlernen, erweist sich, dass sie viel mehr sind als das. Madison stellt nämlich nicht einfach bloß die üblichen Genderrollen auf den Kopf. Diana ist nicht das "Mannweib", Marcus nicht der "effiminierte" Mann. Selbst wenn die leicht betrunkene Diana ihren Geliebten "little doll" nennt, wirkt das weder herablassend noch so, als wolle sie ihn in die "weibliche Rolle" drängen. Es ist einfach ihr liebevoller Kosename für ihn. Letztenendes transzendieren die beiden in ihrer Charakterisierung die üblichen Genderrollen und -klischees und sind das, was solche Figuren sein sollten: Individuelle menschliche Persönlichkeiten. Und dazu noch sehr sympathische. Die Menschlichkeit der beiden Figuren wird durch kleine Randdetails wie das folgende, die für die unmittelbare Geschichte absolut keine Rolle spielen, noch verstärkt:
"The money ..."
"I've got it. Don't worry."
"I'm not worried, Terrence." 
She sometimes called him Terrence when she was a glass or two the better for it. He had the good sense not to object, and never asked who Terrence was when she sobered up.
Und diesen sehr menschlichen Charakter seiner beiden Hauptfiguren verbindet Madison mit einem ebensolchen Umgang mit dem "heroischen Ideal". So interpretiere zumindest ich das letzte Drittel der Geschichte, denn der Autor ist ein viel zu guter Erzähler, um uns irgendwelche offensichtlichen "Botschaften" um die Ohren zu hauen.
Diana und Marcus erweisen sich als kompetente Sword & Sorcery - Held*innen -- ebenso kampfgeschickt wie clever --, sobald es zum großen Gemetzel in der Krypta kommt. Wirklich besiegen können sie die Vampire zwar nicht, aber immerhin gelingt ihnen die Flucht in die labyrinthischen Gänge unter der Pyramide. Dennoch finden sie sich am Ende in einer scheinbar aussichtslosen Situation wieder. Und alle beide zeigen dabei, dass sie fähig sind, vor Angst und Verzweifelung in Tränen auszubrechen. Was ich ihnen (und Madison) hoch anrechne. Schließlich sind sie sogar so weit, gemeinsam Selbstmord begehen zu wollen, um damit dem Schicksal zu entgehen, vampirifiziert zu werden. Ich fand die Szene wirklich tief berührend.
Gerettet werden sie am Ende auf völlig unerwartete (und leicht ironische) Weise durch den Heroismus eines anderen. Einen Heroismus zudem, der nichts mit geschickt geschwungenen Schwertern zu tun hat, sondern mit echtem Mut und Selbstlosigkeit: Der Priester aus dem Turm ist ihnen offensichtlich gefolgt, um sie zu warnen. Die Pyramide hat er nie erreicht, sondern wurde bereits zuvor von den Vampiren überwältigt und getötet. Doch damit gab es auch niemanden mehr, der den Gong zur vollen Stunde schlagen konnte. Weshalb niemand mehr genau wissen konnte, wie nahe der Morgen in Wirklichkeit bereits war. Was den Vampiren zum Verhängnis wird.               
 
Ich kann zum Abschluss nur noch einmal betonen, wie gut mir Tower of Darkness gefallen hat. Und wie sehr ich es feiern würde, wenn irgendwer mal einen Sammelband mit den Marcus & Diana - Geschichten zusammenstellen würde. Das ist 70er - Jahre - Sword & Sorcery, die es verdient hätte, wiederentdeckt zu werden.   
 

 


(1) Ich habe vor Zeiten schon einmal hier versucht, etwas genauer nachzuvollziehen, wie sich die Genrebzeichnung Sword & Sorcery letztenendes durchgesetzt hat. 

(2) Um noch ein etwas unbekannteres frühes Beispiel für die Clonan-Schwemme zu erwähnen: Cora Buhlert hat kürzlich bei Galactic Journey Kenneth Bulmers 1970 erschienen Roman Swords of the Barbarians besprochen.  

(3) Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 236. 

(4) L. Sprague de Camp: Swords and Sorcery: Stories of Heroic Fantasy. S. 7.

(5) Zit. nach: Brian Murphy: Flame and Crimson. A History of Sword-and-Sorcery. S. 199. 

(6) Lin Carter: Imaginary Worlds: The Art of Fantasy. S. 146-48.

(7) Ich finde es bezeichnend, dass er Jirel of Joiry "Miss Moore's 'gal Conan'" nennt, so als sei sie nichts weiter als eine weibliche Form von Howards Barbaren. Was weder der Figur noch Moores Geschichten gerecht wird.

(8) Leider scheinen diese Werke auch heute noch von Teilen der S&S-Community ignoriert zu werden. So finden z.B. in Brian Murphys Flame and Crimson weder Alyx, noch Viriconium oder Samuel R. Delanys ab 1979 erschienene Nevèrÿon - Erzählungen Erwähnung.  

(9) Zit. nach: Brian Murphy: Flame and Crimson. S. 195/96.

(10) Jessica Amanda Salmonson: Amazons!. S. 15 

(11) Nicht unerwähnt bleiben soll auch Sorcerer's Apprentice, das von Liz Danforth geleitete Hausmagazin von Flying Buffalo (Tunnels & Trolls). Hier erschienen u.a. Stories von Tanith Lee, Janet Fox und Charles de Lint sowie im Sommer 1979 mit Garden of Blood die erste neue Dilvish - Geschichte von Roger Zelazny. 

(12) Das Interview wurde ursprünglich für den Cimmerian geführt, fand sich später aber auch auf Saunders' Website. Diese existiert inzwischen allerdings auch nicht mehr, und leider lässt sich der Text auch über die WaybackMachine nicht mehr aufrufen.