"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 5. Oktober 2020

Strandgut

Sonntag, 4. Oktober 2020

Willkommen an Bord der "Liberator" – S03/E08: "Rumours of Death"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Meine Vertrautheit mit dem Doctor Who - Franchise ist bis heute eher kursorisch und basiert größtenteils auf meiner Online-Bekanntschaft mit einigen britischen Fans, für die die Serie seit Kindestagen fester Bestandteil ihres Lebens ist. Doch in den letzten Monaten habe ich tatsächlich einige etwas umfangreichere Abstecher in dieses Universum gemacht.

Natürlich werde ich mich nie mit den Feinheiten der Lore einer Serie auskennen, die zumindest den Anschein zu erwecken versucht, ein bald sechzig Jahre umfassendes erzählerisches Kontinuum darzustellen. Und um ehrlich zu sein, besitze ich diesen Ehrgeiz auch gar nicht. Denn ein echter Whovianer werde ich wohl ohnehin nicht mehr werden. Ich spiele allerdings mit dem Gedanken, hier wenigstens irgendwann einmal ein paar meiner Gedanken zu den beiden Jodie Whittaker - Staffeln niederzulegen. Doch nicht heute. Verraten kann ich aber vielleicht jetzt schon, dass mir von allen "neuen" Doctor Who - Sachen (2005+), die ich bisher gesehen habe, die Staffel mit Christopher Eccleston am besten gefallen hat. Nicht zuletzt wegen Billie Pipers Working Class - Mädel Rose Taylor als Companion.

Ich habe mich aber ohnehin mehr in der Ära des Vierten Doktors Tom Baker, vor allem in Staffel 14 bis 17 (1977-1979), herumgetrieben. Dabei hatte ich recht viel Spaß mit Serials wie

  • The Sun Makers – Revolution gegen eine bürokratisch-kapitalistische Despotie
  • The Pirate Planet – Der Beitrag von Douglas Adams
  • The Power of Kroll – Antikolonialistische Geschichte, die mich ein bisschen an Le Guins The Word for World is Forest erinnert hat. Außerdem: Riesenoktopus!
  • The Talons of Weng-Chiang Sehr nettes Arthur Conan Doyle - Sax Rohmer - Pastiche
  • The Ribos Operation – Ein interstellarer Warlord will einen "primitiven" Planeten als neuen Stützpunkt erwerben. Außerdem: Trickbetrüger, ein Stadtwachen-Orakel und ein visionärer Häretiker à la Galileo Galilei oder Giordano Bruno 
  • The Stones of Blood – Mörderische Menhire
  • The Androids of Tara – "Mittelalter"-Abenteuer mit finalem Fechtkampf
  • The Horror of Fang Rock  – Eine Nacht im Leuchtturm, belagert von einem Killer-Alien

Nebenbei habe ich dabei sofort Roboter-Hund K-9 ins Herz geschlossen.

Vor allem aber hatte ich die Gelegenheit, mir endlich einmal Chris Bouchers Beitrag zu Doctor Who zu Gemüte zu führen, bestehend aus The Face of Evil, The Robots of Death und Image of the Fendahl. Vor allem im zweiten Serial erinnerten mich die pointierten und zynischen Dialoge sehr deutlich daran, warum er der beste Drehbuchautor von Blake's 7 und als Script Editor einer der Hauptverantwortlichen für die überragende Qualität der Serie ist. Und so dachte ich mir, dass wir einmal einen etwas längeren Blick auf sein Leben und seine Karriere werfen sollten, bevor wir unseren Rewatch mit einer seiner Episoden fortsetzen.

Geboren 1943, wuchs Chris Boucher in der Kleinstadt Maldon, in Essex, auf. Sein genauer sozialer Hintergrund ist mir unbekannt, doch bezeichnete er sich selbst gern als "a working class lad". Schon relativ früh wurde er ein begeisterter Leser und entwickelte bald eine besondere Liebe zur Science Fiction:

I was a fan from the moment of discovering American pulp mags like Amazing Stories, and Astounding Science Fiction, and British stuff like New Worlds. I went on from them to general anthologies, and then on to particular writers.

Obwohl er in einem traditionell-religiösen Umfeld aufwuchs – "I was a choirboy; I was confirmed; I was wracked with non-specific guilt [...] I prayed a lot for forgiveness" – wandte er sich später vom Glauben ab und wurde ein überzeugter Atheist. Wann genau dies geschah, weiß ich zwar nicht, doch scheint er schon früh das Bedürfnis gehabt zu haben, aus dem familiären Mileu auszubrechen, und man kann sich gut vorstellen, dass parallel dazu auch eine Art geistiger Rebellion stattfand. So machte er sich unmittelbar nach seinem Schulabschluss zusammen mit einem Kumpel auf den "Landweg" nach Australien – quer durch den Nahen Osten bis nach Kalkutta/Kolkata. Nach der Überfahrt auf den Fünften Kontinent arbeitete er dort ein Jahr lang bei der Eisenbahn.  
Als er schließlich nach Hause zurückkehrte war er freilich völlig pleite – "I had five shillings old money in my pocket" – und musste erst einmal wieder bei den Eltern unterschlüpfen. Schließlich fand er einen Job bei Calor Gas, der Firma, bei der auch sein Vater angestellt war: "I became what was laughingly known as a management trainee". Das Unternehmen ermöglichte ihm sogar den Besuch der jungen Universität von Essex. Allerdings musste er dort Wirtschaftswissenschaften studieren, wofür er denkbar wenig Interesse aufbringen konnte. Dennoch machte er brav seinen Bachelor-Abschluss.
Mit zweinundzwanzig Jahren heiratete Chris Boucher. Vorerst war die finazielle Lage des jungen Paares stabil, da beide arbeiteten. Doch als Bouchers Frau Lyn vier Jahre später schwanger wurde und ihren Job aufgeben musste, schien es geboten, sich nach einer weiteren Einnahmequelle umzuschauen. Und so versuchte Boucher sich erstmals als Autor:

I did some, what I discover later were called, three-line quickies, for a television programme called Braden's Week and also I wrote a couple of short stories and sent them off to women's magazines. I think I did a science fiction story as well, which I whacked off somewhere and then sat back and waited for the money to start flooding in.      

Antwort erhielt er nur von der BBC. Mit der allerdings entwickelte sich rasch eine auch finanziell sehr zufriedenstellende Zusammenarbeit. Es dauerte nicht gar zu lange und Boucher konnte mit dem Verkauf seiner Scripts wöchentlich etwa £30 einstreichen, was für die Zeit eine recht ordentliche Summe war. Er nahm die Dienste eines professionellen Agenten – John Hays – in Anspruch, und dieser bemühte sich redlich, neue Kanäle für seinen Klienten zu eröffnen, die es diesem schließlich erlauben sollten, seinen Brotjob bei Calor Gas an den Nagel zu hängen. Einer seiner Ratschläge bestand darin, es einmal bei Doctor Who zu versuchen, denn die Serie war bekannt dafür, auch Drehbücher nicht-etablierter Autoren anzunehmen. Und so landete ein Spec Script mit dem Titel The Silent Scream 1975 auf dem Schreibtisch von Script Editor Robert Holmes.

Zusammen mit Produzent Philip Hinchcliffe hatte Holmes begonnen, Doctor Who in düsterere, unheimlichere und surrealere Gefilde als bisher zu lenken. Was dem "genial, supremely talented hack", wie ihn Taylor Parkes einmal beschrieben hat, alsbald den Zorn der berüchtigten christlich-konservativen Aktivistin und Möchtegernzensorin Mary Whitehouse einbrachte, die in solch frivolem Treiben natürlich bloß eine weitere Attacke der "halbkommunistischen" BBC auf die moralische Gesundheit von Großbritanniens heranwachsender Generation erblickte. Chris Boucher schien Holmes ein geeigneter Mitstreiter bei diesem infernalischen Unternehmen zu sein. The Silent Scream fand dabei zwar keine weitere Verwendung, doch dafür lieferte Boucher schließlich ein Drehbuch mit dem provokanten Titel The Day God Went Mad ab. Gedreht und ausgestrahlt wurde es am Ende als The Face of Evil (Januar 1977). 

In diesem Serial begegnet der Doctor auf einem Dschungelplaneten zwei Völkern – den primitiven Sevateem und den technisch hochentwickelten Tesh –, bei denen es sich in Wirklichkeit um die Nachfahren einer irdischen Weltraumexpedition handelt. Von ihrer Herkunft wissen sie allerdings nichts mehr. Die KI ihres alten Raumschiffs, Xoanon, die beide Gruppen als ihren Gott verehren, ist geistig verwirrt und verfolgt den wahnsinnigen Plan, eine Art Übermenschenrasse zu züchten. Wie sich herausstellt ist der Doctor selbst aufgrund eines Besuchs in der Vergangenheit für den Zustand Xoanons verantwortlich und wird deshalb von den Sevateem als Inkarnation des Teufels ("The Evil One") angesehen.

Mit Face of Evil schuf Chris Boucher auch die Figur der Sevateem Leela, die bis zum Ende der 15. Staffel (The Invasion of Time, Februar/März 1978) die Gefährtin (Companion) des Doctors bleiben sollte. Eigenwillig, impulsiv, kämpferisch und stets bereit, ihr Wurfmesser zu zücken, wich sie ziemlich stark vom Typus ihrer Vorgängerinnen ab.  
Boucher bezog Inspiration u.a. aus dem Vorbild der militanten palästinensischen Kämpferin Leila Khaled, die 1969/70 an zwei von der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) organisierten Flugzeugentführungen beteiligt gewesen war. Was möglicherweise auch etwas über seine politischen Überzeugungen aussagt.
She was from a time when plane hijacking was still considered to be an almost idealistic, brave and noble thing to do. She was jailed for her beliefs and no one had been killed, she was glamorous, she was articulate, but she also became the precursor of some rather less appealing people and happenings.

Leila Khaled wurde nicht zuletzt durch Eddie Adams' berühmte Fotografien für viele Linke im Westen zu einer Art Ikone, die ähnlich wie Che Guevara die vermeintliche Romantik des "bewaffneten Kampfes" verkörperte. Ein Themenkomplex, der meiner Ansicht nach bei Blake's 7 eine wichtige Rolle spielt, worüber ich hier schon einmal etwas ausführlicher gesprochen habe.    

Chris Boucher hatte Leela als "a reaction against the little screaming companion type" konzipiert. Allerdings wurden keineswegs alle späteren Scripts ihrem starken Charakter gerecht. Ich denke da vor allem an The Invisible Enemy von Bob Baker & Dave Martin, in dem sie streckenweise geradezu infantilisiert wird. Auch kollidierte Schauspielerin Louise Jameson schon bald mit Tom Bakers berüchtigtem übergroßen Ego, der zudem die Gewaltbereitschaft der Figur nicht leiden konnte. Dennoch war Leela alles in allem sicher eine interessante Bereicherung für das Universum von Doctor Who.

In The Robots of Death landen der Doctor und Leela auf einem riesigen Bergwerksfahrzeug, das seine Existenz sehr deutlich dem Spice Harvester aus Dune verdankt. Die Besatzung besteht aus einer kleinen Gruppe dekadenter Menschen und einem Haufen Roboter. Als ein Mord geschieht, beginnt jeder jeden zu verdächtigen, da die Blechkameraden angeblich so programmiert sind, dass sie Menschen nicht verletzen können ... In The Image of the Fendahl entpuppt sich eine von einem reichen Privatmann finanzierte paläontologische Ausgrabung als ein okkultes Unternehmen, in dessen Verlauf eine Gruppe von Kultisten eine mächtige außerirdische Entität wiederzubeleben versucht, die einst auf dem heute zerstörten (und von den Timelords in einer "Zeitschleife" versiegelten) Fünften Planeten existierte. Beim Versuch, dies zu verhindern, genießen der Doctor und Leela die Unterstützung der örtlichen "Kräuterhexe" Ma Tyler und ihres Enkels.    

Wie es Boucher selbst einmal so hübsch ausgedrückt hat: "[A]nyone who says they write completely original material is either insane or a liar, or possibly both." Und so machte er nie einen Hehl daraus, dass sich in seinen Scripts fast immer Elemente finden lassen, die er aus Werken anderer entlehnt hatte sei es Harry Harrisons Captive Universe bei The Face of Evil, Frank Herberts Dune (und möglicherweise etwas Isaac Asimov) bei The Robots of Death oder Nigel Kneales Quatermass and the Pit und Kurt Vonneguts The Sirens of Titan bei Image of the Fendahl.   

1977 war ein Jahr des Umbruchs für Doctor Who. Nach dem Ende der 14. Staffel wurde Hinchcliffe als Produzent von Graham Williams abgelöst. Dieser besaß die ausdrückliche Order, die Serie wieder in "kindgerechtere" Bahnen zu lenken. Schon zuvor hatte sich BBC Director General Sir Charles Curran öffentlich bei Mary Whitehouse für die "Gewaltexzesse" in Robert Holmes' (ziemlich coolem) Serial The Deadly Assassin "entschuldigt". Nun knickte man endgültig vor der konservativen Aktivistin ein.  Holmes selbst blieb zwar noch etwas länger als Drehbuchautor dabei, aber auch sein Abschied war bereits eine abgemachte Sache. Die unablässigen Attacken durch Whitehouse und ihre Gefolgschaft hatten ihn zunehmend verbittert und erschöpft. Das dürfte auch mit ein Grund dafür gewesen sein, warum er es ablehnte, die Position des Script Editors bei Blake's 7 zu übernehmen. 

Dafür schlug er Produzent David Maloney als Ersatz Chris Boucher vor. Und der war nur zu bereit, den Posten zu übernehmen. Auch wenn das bedeutete, dass er nicht länger für Doctor Who schreiben durfte. Er sollte es nicht bereuen: "[I]t was the best move I ever made. It was the happiest work related experience I've ever had before or since. It was great!". Das einzige, worüber er sich im Nachhinein ärgerte, war, dass er sich nicht in angemessener Weise von Calor Gas verabschiedete, denen er nun endlich für immer den Rücken kehrten konnte:

[M]y only regret about leaving was that I didn't go to the guy I was working for and tell him to stick his job up his arse, and that is a sort of regret. You know, I should have just stopped in and said, "Listen you bastard, you can take your job and stick it where the sun don't shine, and you're a miserable prick to boot."
Als Boucher zum Team stieß, hatte Terry Nation schon einen kleinen Stapel von Script-Entwürfen zu Papier gebracht. Dennoch war sein Einfluss auf den Charakter, den die Serie schließlich annehmen sollte, von Anfang an nicht unbeträchtlich. Zumindest wenn man seiner eigenen Einschätzung folgt:
Terry had a much clearer notion of right and wrong than I did, and saw the series as basically Robin Hood in space. Whereas I sort of warped it a bit and tried to make it more ambiguous, so that in the end it became more like Che Guevara and the Dirty Dozen.
Ich denke, Bouchers tiefe Abneigung gegen jede Form von moralischem Absolutismus spielte eine wichtige Rolle für seinen Beitrag zu Blake's 7. Er war nicht an irgendwelchen glasklaren Gut vs Böse - Parabeln interessiert, sondern daran, wie Menschen durch die Umstände geformt werden, unter denen sie leben.

I don't believe there is such a thing as fundamental evil. [...] I don't think you can say, "ooh look at that bastard. There is a chunk of pure evil.” I mean evil arises out of situations, it arises out of inadequacies, pain and ignorance and fear, and I suspect it's awfully easy to stumble into evil and to stumble into being evil, or into being what is perceived as evil, but I don't believe that it starts out that way. I often get depressed by the way society appears to be going, where you hear strange politicians, and God knows we've got a lot of those now, saying, "it's no excuse to say that joy-riding and rioting arise because of unemployment," and I find myself yelling at the television, "no one's saying that it's an excuse, they're saying it's an explanation, you stupid twat."

Nach dem Ende von Blake's 7 arbeitete Chris Boucher hauptsächlich im Krimigenre, so bei Juliet Bravo (1982), Bergerac (1983-87) und The Bill (1987). Nur einmal noch kehrte er in TV - Science Fiction - Gefilde zurück. Doch die von ihm selbst konzipierte Serie Star Cops (1987) war eine von zahlreichen Problemen geplagte Produktion und wurde bereits nach neun Episoden wieder eingestellt. In späteren Jahren (1999-2005) schrieb Boucher vier Doctor Who - Romane für BBC Books, in denen der Vierte Doktor und Leela neue Abenteuer erleben. Außerdem entwickelte er die Hörspiel-Serie Kaldor City (2001), deren Setting auf The Robots of Death zurückgreift, in der aber auch eine Figur aus Bouchers Blake's 7 - Episode Weapon auftaucht. 

Avon war von Anfang an eine von Chris Bouchers Lieblingsfiguren. Dafür war zum einen die exzellente Zusammenarbeit mit Schauspieler Paul Darrow verantwortlich. Doch lag ihm sicher auch der ambivalente Charakter des selbstverliebten Computergenies:

I was always careful to make sure that Avon could have an idealistic reason for doing something, and also a totally selfish and cynical one, and you pays your money and you takes your choice. I don't think to my mind the character was really sure of his own motives anyway

Und so ist es nur angebracht, dass die Folge, mit der wir uns nun beschäftigen wollen, eindeutig eine Avon-Episode ist.

Wie wir aus Children of Auron wissen, will Avon das Chaos nach dem Ende des Intergalaktischen Krieges nutzen, um endlich eine offene Rechnung mit dem "Verhörexperten" (Folterknecht) Shrinker zu begleichen, den er für den Tod seiner Partnerin Anna verantwortlich macht. 
Nachdem der Ausbruch einer Pandemie auf Callys Heimatwelt dieses Unternehmen erst einmal unterbrochen hatte, ist die Liberator inzwischen endlich im Erdorbit angelangt. Avon hat sich absichtlich gefangen nehmen lassen, da er überzeugt davon ist, dass früher oder später Shrinker (John Bryans) zu Verhör & Folterung in seiner Zelle auftauchen wird. Der Plan geht auf und wenig später schon findet sich der uniformierte Sadist auf der Liberator wieder. Shrinker gibt eine ziemlich jämmerliche Figur ab, sobald er nicht länger das Sagen hat. Wie wohl nicht anders zu erwarten, versucht er sich hinter dem altgedienten "[I]  only ever followed orders" - Argument zu verstecken, aber damit kommt er hier nicht weit. Nur Cally ist nach wie vor wenig begeistert von Avons Racheplänen.
Cally: Are you sure you want to go on with it?
Avon: Yes, I'm sure I want to go on with it. Look, Cally, I know you don't want any part of this. All right, I'm not going to give you any part of it. You're out. This is mine. I'm doing it. 
Cally: And what am I doing, Avon? Just following orders, like him? 
...  
Tarrant: He's an animal, Cally.  
Cally: Yes, and it's contagious, isn't it?

Aber natürlich lässt sich Avon dadurch nicht aufhalten. Zusammen mit Shrinker lässt er sich in eine Höhle ohne Ausgang teleportieren und beginnt sein Verhör. Der völlig verängstigten Folterknecht beteuert, nie eine Anna Grant gekannt zu haben, aber er erinnert sich schließlich an den Fall. Wie sich zeigt, war der große Bankbetrug, den Avon und Anna durchziehen wollten, keineswegs der "geniale Coup", für den unser arrogantes Computergenie ihn immer gehalten hat: 

Avon: I'd found my way around the security programs in the banking computers. I was about to undermine confidence in the entire Federation credit system. Anna and I were going to be so rich that no one could touch us. And we were almost there.     
Shrinker: You were never even close. I remember you now -- you're Kerr Avon, the great bank fraud. 
Avon: That's what I just said. 
Shrinker:  Bartolomew was running you. 
Avon: Running me? 
Shrinker: Central Security -- Bartolomew was their best agent. They were on to you from the start. But they were convinced that you were political, so Bartolomew stayed close and let you run. Anyone that you so much as looked at was marked for collection. 

Shrinker gelingt es, Avon davon zu überzeugen, dass nicht er, sondern der ominöse Bartolomew für Annas Tod verantwortlich gewesen sein muss. Das bewahrt ihn allerdings nicht vor einem ziemlich grausamen Schicksal.

Derweil bereitet man sich in Servalans neuer Residenz auf einen Staatsempfang vor, mit dem die vollständige Niederschlagung der Aufstände gefeiert werden soll, die nach den Ereignissen von Star One offenbar wirklich ausgebrochen waren.
Dabei stellen wir als Zuschauende erstaunt fest, dass Anna (Lorna Heilbron) offenbar nicht nur nicht tot, sondern unter dem Namen Sula die Ehefrau eines mächtigen Politikers, Councilor Chesku (Peter Clay) ist. Die Situation wird noch mysteriöser, als Sula ihren Gatten kaltblütig ermordet und zusammen mit einem kleinen Guerilla-Trupp die Stürmung des Palastes vorbereitet.

Ein Gutteil der Episode dreht sich überhaupt nicht um Avons Versuch, Annas "Mörder" zu finden, sondern um diesen versuchten Staatsstreich. Dabei bekommen wir die Ereignisse vor allem aus der Sicht zweier Offiziere, Major Grenlee (Donald Douglas) und Section Leader Forres (David Haig), zu sehen, die für Überwachung und Sicherheit der Residenz verantwortlich sind. Von Boucher waren die beiden offenbar als eine Art "comedy double" konzipiert. Nun sind ihre Dialoge zwar nicht ganz so witzig und schlagfertig, wie man vielleicht erhofft hätte. Aber dafür zeichnen sie recht hübsch das Bild zweier "kleiner Nummern", die für ihre Vorgesetzten zwar nichts als Verachtung übrig haben, dabei jedoch sehr genau wissen, dass die Parole "Maul halten" zu heißen hat, wenn sie nicht seeehr großen Ärger bekommen wollen.

Forres: One law for the rich, eh Major?
Grenlee: There's no law for the rich, Forres, and even less for the rich, personal friends of the President.
Forres: They are only civilians, though.
Grenlee: If you want to get on in this man's army, Forres, you've got to learn to distinguish between civilians who are and civilians who aren't.
Forres: Sir. [Thinks twice] Are and aren't what, sir? 
Grenlee: When you know that, Section Leader, you'll be ready for promotion.
Forres: I don't know that I'd want it -- promotion, I mean. 
Und dass die beiden bei der Erstürmung der Residenz dann ganz "nebenbei" von den Rebellen über den Haufen geschossen werden, ist fast ein bisschen schockierend. Gerade weil sie bis dahin so was wie die "comedy sidekicks" der Handlung gewesen waren.

Wie so oft in Blake's 7 erscheinen auch in Rumours of Death die Revolutionäre in einem durchaus kritischen Licht. So erzählt Shrinker über den ersten großen Aufstand: 

One of the first targets of the Rebellion was Central Security. That was where they made their mistake. They were obsessed with revenge. By the time they'd finished kicking the corpses, they, they'd lost their chance, and the, the President had regrouped her forces.
Und auch der von Sula geführte Staatsstreich wirkt ambivalent. Die Guerilleros scheinen überzeugte Freiheitskämpfer zu sein. Doch was ist mit ihrer Anführerin? Ihr Stellvertreter Hob (David Gilles), der offenbar der ursprüngliche Organisator der Gruppe war, erklärt nach dem "Sieg" recht deutlich:

We didn't fight to put you behind that desk, Sula. [Sie hat wie selbstverständlich Servalans Platz eingenommen.]
Aber droht nicht genau das bei dieser "Revolution" herauszukommen? Sulas echte Motive werden uns zwar nicht enthüllt, doch wir wissen, dass sie zum Führungszirkel des totalitären Regimes gehörte. Können wir wirklich glauben, dass sie plötzlich zu einer ehrlichen Demokratin geworden ist? Wir haben schon in der Vergangenheit (Voice From the Past) gesehen, wie Vertreter des Establishments versucht haben, ihren eigenen Griff nach der Macht als einen selbstlosen Kampf für die Freiheit darzustellen. Warum sollte das nicht auch für Sula gelten? Zumal wir inzwischen wohl davon überzeugt sein dürften, dass sie "Bartolomew" gewesen ist. Verstellung war ihr Beruf.

Avon weiß zu diesem Zeitpunkt von all dem natürlich noch nichts. Er befindet sich weiterhin auf seinem Rachefeldzug. Nach der Enttäuschung mit Shrinker ist sein Ziel nunmehr Servalan selbst. Sie zumindest muss wissen, wer sich hinter dem Decknamen "Bartolomew" verbirgt.
Und auch wenn das für ihn selbst ein sehr persönliches Unternehmen ist, beharren seine Kameraden & Kameradinnen darauf, ihn zu begleiten.
Avon: This has nothing to do with you -- any of you.
Tarrant: That's true.
Dayna: On the other hand, you have something to do with us.
Cally: We've talked about it and discovered we care what happens to you. 
Tarrant: Within reason, of course. 
Dayna: We're as surprised about it as you are. 
Vila: Not to mention, embarrassed.
Ob es ihm passt oder nicht, die Gang wird das gemeinsam durchziehen.
Als sie die Präsidentenresidenz erreichen, berät der selbsterklärte "Volksrat" ("People's Council") der Rebellen gerade eifrigst darüber, ob man Servalan umgehend hinrichten oder als Werkzeug zur Konsolidierung der neuen Macht benutzen soll, wie Sula es vorgeschlagen hat. Und so gelingt es ihnen unbemerkt in den Keller vorzustoßen, wo sie die in Ketten gelegte Präsidentin finden.
Wie Tarrant ganz richtig erkennt, ist Servalans Selbstbewusstsein durch diesen Coup zum ersten Mal ernsthaft erschüttert worden. Sie war zuvor schon in prekären Situationen, aber das hier ist anders. Sie wurde im Zentrum ihrer Macht von einem kleinen Trupp Guerilleros überwältigt, gedemütigt und gefangen gesetzt. 
Avon:  Is that it? Have you finally lost your nerve? Have you murdered your way to the wall of an underground room?
Doch noch ist sie nicht völlig gebrochen:
It's an old wall, Avon, it waits. I hope you don't die before you reach it. 

Und tatsächlich erwartet Avon ein ähnlich erschütterndes Erlebnis, als Anna/Sula auftaucht und er realisiert, dass eine der wenigen Personen, die er wirklich geliebt und der er vertraut hat, eine Agentin des Feindes war.

Avon: Of all the things I have known myself to be, I never recognized the fool.
Rumours of Death ist eine der exzellentesten Episoden der dritten Staffel. Neben Chris Bouchers Drehbuch ist dafür vor allem Paul Darrow verantwortlich. Deutlich spüren wir die heftigen Emotionen, von denen der sonst so eisig-sarkastische Avon hier beherrscht wird. Sein hasserfülltes Verlangen nach Rache ebenso wie die verzweifelte Desillusionierung, als sich ihm die grausame Wahrheit offenbart. Großartig!

Samstag, 19. September 2020

Strandgut

Mittwoch, 16. September 2020

Let Me Tell You Of The Days Of High Adventure

In the Darkness, Hunting von Janrae Frank

Als ich mich vor einem Monat an dieser Stelle mit Jessica Amanda Salmonsons bahnbrechender Sword & Sorcery - Anthologie Amazons!  aus dem Jahr 1979 beschäftigte, die u.a. Janrae Franks Kurzgeschichte The Wolves of Nakesht enthält, versprach ich, alsbald auch den Sammelband In the Darkness, Hunting zu besprechen, der sämtliche Stories enthält, die Frank im Verlauf von zwei Jahrzehnten über die Kriegerin Chimquar geschrieben hat. Zugegeben, ich bin nicht unbedingt gut darin, solche Versprechen zu halten. Im Grunde sind sie ja bloß Ideen für Artikel, die mir im jeweiligen Moment reizvoll zu schreiben erscheinen, die aber gar zu oft nie ihre Verwirklichung erleben. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Ich habe leider nur sehr bruchstückhafte Informationen über Janrae (Janice) Franks Leben finden können. Sie wurde 1954 geboren, doch wo genau in Amerika sie aufwuchs, ist mir unbekannt. Ende der 70er lebte sie jedenfalls in (oder in der Nähe von) Arlington (Texas). Im Alter von acht Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung (Polio). "While in the CD ward, she was given an expensive pen and pencil set by her grandmother, who told her 'Whip them with a pencil.'" Dies bildete wohl den ersten Anstoß für sie, sich schreibend zu betätigen. Zugleich entwickelte sie sich während ihrer anstrengenden Rekonvaleszenz zu einer heißhungrigen Leserin. 

Über ihren formalen Bildungsweg ist mir nichts bekannt. Ebensowenig weiß ich, wann genau sie ihre Lieber zur Phantastik entdeckte und mit der Erschaffung ihrer Sekundärwelt Daverana begann, in der auch die Chimquar-Geschichten angesiedelt sind. Auf jedenfall nahm sie 1977/78 erstmals Kontakt zu Jessica Amanda Salmonson auf. "That was partly because her zine was the only entry under fantasy in the Writer's Digest. I had not yet learned about Locus and other sources of market gossip", schreibt sie im Vorwort zu The Ruined Tower. Bei dem erwähnten Magazin handelte es sich wohl um Windhaven - A Matriarchal Fanzine, das Salmonson in diesen Jahren herausgab. Dies war Janrae Franks erster "professioneller" Deal, auch wenn die Bezahlung bloß aus ein paar Autorexemplaren bestand. The Ruined Tower erschien später als Chapbook bei Atalanta Press. Doch als Salmonson kurz darauf begann, im Auftrag von DAW Books Amazons! zusammenzustellen, wandte sie sich erneut an Frank und bat um eine weitere Chimquar-Geschichte. Die Autorin erzählt:
I never expected to get paid for it; it was another 4theluv as they call it now. I got a letter from her and carried it around in my purse for a week without opening it because I was having some family problems and had taken temporary refuge at the friend's home. When my folks and I got things (apologies mostly) worked out and I went home, I finally opened it and there was a check inside with a note saying she had just sold an anthology to DAW and my story was her first purchase. It became my first pro sale. When Amazons came out I walked into a bookstore in an Arlington, Texas mall and found it had come out sooner than I expected. With my boyfriend trailing me, I bought a copy and managed, by iron will, to get out of the bookstore before breaking into a loud Rebel Yell and racing through the mall to the car.
Amazons! schlug gehörig Wellen in der Szene und wurde 1980 mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. In der Folge scheint auch Janrae Franks Chimquar für kurze Zeit eine recht beliebte Figur gewesen zu sein. 1979/80 erschienen zwei weitere Stories über ihre Abenteuer (Last Night of the Troll und The Hawk That Hunted Lions) in Nr. #4 und #5 von Lois Wickstroms Magazin Pandora. Etwas schwerer fiel es, einen Abnehmer für die Novelle In the Darkness, Hunting, zu finden. Doch schließlich erschien auch sie 1980 in der Anthologie Dragontales von TSRs Kim Mohan.
Janrae Frank hatte eigentlich vor, die Stories zu einer regelrechten Saga auszubauen:
I was striving to figure out how the character was different when she first came to the Great Plains of Murshay'di and what might have led into her becoming the person she appeared as in Wolves of Nakesht. I wanted to show over the course of a number of adventure shorts how the character evolved.
Aber offensichtlich ebbte das Interesse an Chimquar sehr schnell wieder ab.
Über die Gründe dafür kann man natürlich bloß spekulieren. Jessica Salmonson erwähnt in ihrem Vorwort zu dem Sammelband eine New Yorker Verlegerin, die eines von Janrae Franks Manuskripten mit dem Argument abgelehnt habe, dass "the author's writing was just a little rough around the edges". Eine Einschätzung, der man zwar schwerlich widersprechen kann, wenn man den Sammelband gelesen hat, die aber kaum ein ausreichender Grund dafür ist, warum Chimquar so rasch wieder von der Bühne der Sword & Sorcery abtrat.
Natürlich erlebten die 80er Jahre die Wende hin zu ellenlangen High Fantasy - Epen à la Shannara Midkemia, Belgariad oder Mithgar. Und interessanterweise hatte Frank selbst eine solche "epische" Trilogie (The Moonstone of Riyanon) geschrieben, "[which] sold to Donning/Starblaze in 1980, but never came out because of a change of editors". Doch der Wandel der Moden bedeutete ja nicht, dass das Subgenre der Barbaren und Gauner mit Anbruch des Jahrzehnts schlagartig aus den Regalen verschwunden wäre. Das allein kann also auch kaum der Grund für Chimquars Verschwinden gewesen sein. Salmonson vertritt allerdings die Ansicht, dass das Interesse an "echten" Amazonenfiguren wie dem Lionhawk schon Anfang der 80er sehr rasch nachgelassen habe:
In the wake of [...] Amazons! […] a floodgate opened, and amazon heroic fantasy became a commonplace. For a year or two these included pretty good books exploring genuinely imaginative landscapes. In a very short time, however, the "women writers' perspective" of sword and sorcery began to resemble nothing so much as it resembled historical love stories, which is to say, bodice rippers, somewhat liberated from the damselish weaknesses of girls in love, but even so less about magic and adventure or heroism as about the sentimentality of getting together with some hot swordsman.
Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Janrae Frank selbst in ihrem 1985 in der Washington Post erschienen Artikel Women Warriors and Earth Mothers und verknüpft dies dort mit der Entwicklung vom radikalen Feminismus der 60er/70er zum sog. Post-Feminismus der 80er Jahre.
Dies könnte erklären, warum eine Figur wie Chimquar, die zu keinem Zeitpunkt über ihre romantischen Beziehungen definiert wird, offenbar so rasch an Popularität einbüßte.

Wie dem auch sei, auf jedenfall wandte sich Janrae Frank schon bald verstärkt journalistischer, später auch verlegerischer Tätigkeit zu. Einige ihrer Essays erschienen in dem weithin geschätzten Fanzine Thrust. Sie schrieb u.a. für Cinefantastique und Movieline. Erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre wandte sie sich erneut Chimquar zu. Vorerst allerdings ohne die da bei entstandenen Geschichten (The Changeling Son [1996] und A String of Werewolves' Teeth [1999]) auch veröffentlichen zu können. Dies geschah erst 2004 im Rahmen des bei Wildside Press erschienenen Sammelbandes In the Darkness, Hunting. Wenig später begann Frank damit, ihre umfangreichen Dark Fantasy - Zyklen Dark Brothers of the Light, Lycan Blood und Journey of the Sacred King als e-Books herauszugeben, die gleichfalls alle auf Daverana angesiedelt sind, von denen aber wohl nur die letzte in direkter Verbindung zu den Chimquar-Geschichten steht.

Janrae Frank starb am 12. Januar 2014 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Es ist ziemlich klar, dass die Autorin stark vom Second Wave - Feminismus der 70er Jahre geprägt wurde. In Women Warriors and Earth Mothers legt sie zwar eine durchaus nunacierte Sicht an den Tag und begnügt sich nicht damit, die Entwicklung in den 80er Jahren einfach als eine Art "Verrat" an der feministischen Phantastik der vorangegangenen Jahrzehnte zu verdammen. Allerdings gibt Frank in demselben Artikel auch dem damals weit verbreiteten simplistischen Bild von der Geschichte des Genres Ausdruck, demzufolge Frauen vor der "Revolution" der späten 60er und 70er in der amerikanischen Phantastik extrem marginalisiert gewesen seien und ihre Identität regelmäßig "behind deliberately ambiguous names, like Leigh Brackett, or with initials, like C.L. Moore" hätten verstecken müssen. Was in dieser verabsolutierten Form (und gerade in Bezug auf die beiden namentlich erwähnten Autorinnen) schlicht inkorrekt ist. Janrae Frank trug selbst ganz direkt zum Fortleben dieses Mythos bei, als sie 1994 zusammen mit ihrer Partnerin Jean Marie Stine und Forrest J. Ackerman die Anthologie New Eves: Science Fiction About the Extraordinary Women of Today and Tomorrow herausgab. Die Storysammlung, die einen Überblick über den Beitrag zur Science Fiction liefert, den Autorinnen von Francis Stevens (1918) bis Nancy Kress (1986) geleistet haben, war ohne Zweifel ein begrüßenswertes Unternehmen. Das von den drei Herausgeber*innen verfasste Vorwort entwirft jedoch leider "an amazingly confused account of the 1930s", um Eric Leif Davins Partners in Wonder zu zitieren* Die dort aufgestellte Behauptung, es habe in diesem Jahrzehnt einen bewussten (und erfolgreichen) Versuch gegeben, Autorinnen aus den SF-Pulps zu verdrängen, lässt sich durch nichts belegen und widerspricht den tatsächlichen Veröffentlichungszahlen. Da New Eves scheinbar auch sehr gerne im akademischen Bereich benutzt wurde, begegnet man dieser verzerrten Sicht auf die 30er auch heute noch immer mal wieder.
Mit In the Darkness, Hunting hat das alles zwar nichts tun, aber es ist halt eines meiner Pet Peeves. Nicht weil es mir darum gehen würde, ein idealisiertes Bild der Pulp-Ära als eines egalitären Utopias zu zeichnen. Was natürlich offensichtlicher Unsinn wäre. Sondern weil die Tendenz, die gesamte Vergangenheit des Genres als eine Art "finsteres Zeitalter" darzustellen, im Grunde nur dazu beiträgt, die Diversität der Stimmen, die immer schon existiert hat, zu verschleiern und das Klischee der SF als eines Boys' Club zu zementieren.

Ich habe keine Ahnung, wann Janrae Frank und Jean Marie Stine (geb. Henry Eugene Stine) ein Paar wurden. Auf jedenfall hatten sie eine gemeinsame Tochter, Sovay Jennifer Fox. Stine war selbst SciFi-Autorin und verarbeitete in vielen ihrer Werke offenbar ihre Erfahrungen mit der eigenen Transsexualität: "Issues concerning gender, such as change, role reversal and misalignment thereof, are recurrent themes in Stine's work." 2008 und 2010 erschienen ihre Stories in den beiden Sammelbänden Trans-Sexual: Transgressive Erotica for Gender Queers und Herstory & Other Science Fictions.
Ich erwähne dies eigentlich nur, weil auch die Figur Chimquar in der Vergangenheit mitunter auf eine Art interpretiert wurde, die sie in einen motivisch ähnlichen Zusammenhang stellt. So schreibt Jessica Amanda Salmonson in ihrem Vorwort zu In the Darkness, Hunting:
Her culturally intergendered nature was a fascinating addition. This was highly original at the time of first composition, and surprisingly not exploitive. Had these stories gotten the attention they deserved in the 1970s they might have been recognized as ground-breaking, as were the intergender characterizations in Ursula LeGuin's Left Hand of Darkness and John Varley's Gaea series, which were among the works that helped bring science fiction to maturity. All these years later when GLBT fantasy and science fiction is sufficiently common it even has its own awards and award categories, Chimquar may not seem as novel as she would have seemed twenty-five years ago when nothing like her had ever been seen in heroic fantasy. The stories really were in the vanguard, not in the wake, of changes that occurred in genre fiction during the 1970s.
Ich habe das Gefühl, dass eine derartige Einschätzung falsche Erwartungen bei Leser*innen wecken könnte. Gender spielt ohne Frage eine nicht unwichtige Rolle in den Stories, doch geht es dabei durchweg um kulturell determinierte Geschlechterrollen, nicht um Genderidentitäten.

Doch bevor wir näher auf diese Frage eingehen, ist es wohl langsam an der Zeit für einen kurzen Überblick über den eigentlichen Inhalt der Geschichten. Dabei verzichte ich darauf, zu versuchen, nachzuzeichnen, wie sich Janrae Franks Umgang mit ihrer Figur im Verlauf von mehr als zwanzig Jahren verändert hat. Zumal die Stories vor ihrer Neuveröffentlichung noch einmal überarbeitet wurden. In the Darkness, Hunting versucht eine Art Saga von Chimquar the Lionhawk zu sein, und genau so werde ich den Band auch behandeln.
 
Der wirkliche Name unserer Heldin lautet Tomyris und sie stammt aus dem Amazonenreich von Shaurone, dessen Bewohnherinnen keine gewöhnlichen Menschen sind, sondern "a genetic and magical mutation", was sich in einer längeren Lebensdauer und einer stärkeren körperlichen Konstitution niederschlägt. Auch braucht es zur Zeugung einer Shaurani drei Partner*innen: "sire, bloodmother and wombmother".** Tomyris war Heerführerin im großen Krieg gegen die dämonischen Waejontori, doch nachdem sie in blindem Zorn eine junge Adelige erschlug, wurde sie in die Verbannung geschickt. Statt im Nachbarreich abzuwarten, bis ihre politisch einflussreiche Schwester für die Aufhebung des Urteils sorgen kann, wandert die wütende und vom Grauen des Krieges schwer gezeichnete Tomyris weiter nach Osten, bis sie in die Steppenlande der nomadisierenden Euzadi-Stämme gelangt.

In The Changeling Son begegnet unsere Heldin in einer verfallenen Tempelanlage dem alten Euzadi-Schamanen Azkani und seiner jungen Begleiterin Sarana. Während die drei einen verzweifelten Kampf gegen eine mörderische Rotte von Nakesht – werwolfartigen Kreaturen – führen müssen, sieht sich Tomyris vor die Frage gestellt, wie ihre Zukunft im Exil aussehen soll. Impulsiv schreckt sie davor zurück, erneut emotionale Bande zu anderen Menschen zu knüpfen, und fühlt sich stattdessen zu einem ziellosen Einzelgängerdasein getrieben. Doch Azkani, der sich am Ende als ihr lang verschollener Vater entpuppt (Koinzidenzen ohne Grenzen!), schlägt ihr ein Leben unter den Euzadi vor. Dazu müsste sie freilich die Identität eines Mannes annehmen, da die Stämme eine Frau wie sie niemals in ihren Reihen akzeptieren würden. Derweil ist Sarana, selbst eine Außenseiterin unter ihrem Volk, sehr deutlich an einer romantisch-sexuellen Beziehung mit der Kriegerin interessiert. 

Sarana war offensichtlich eine späte Zutat zum Chimquar-Zyklus. Gut möglich, dass es Frank in den 70er/80er Jahren noch unmöglich erschienen wäre, im Rahmen einer Sword & Sorcery - Story eine lesbische Liebesbeziehung zu schildern. Ebenso könnte sich darin aber auch das gewandelte Verhältnis der Autorin zu ihrer eigenen Sexualität widerspiegeln. Wie dem auch sei, jedenfalls ist die junge Frau in The Hawk That Hunted Lions spurlos verschwunden und wird auch später nie wieder erwähnt. Die Geschichte schildert Tomyris' endgültige Verwandlung zu Chimquar. Sie erringt ihren (herkulesmäßigen) Löwenfellumhang und den Beinamen "Lionhawk", erwirbt sich den Respekt der Dazalero Euzadi und ihres Häuptlings Maruic und gewinnt die ewige Feindschaft des Verräters Bakran. Dass sie in Wahrheit eine Frau ist, wissen auch im Stamm nur einige wenige wie Azkani und Maruic. Außerdem übernimmt sie die Verantwortung für zwei Waisenkinder – Hazier und seine kleine Schwester Makajia –, deren Eltern einem Drachen zum Opfer gefallen sind.

In the Darkness, Hunting ist nicht nur die längste, sondern ohne Zweifel auch die ehrgeizigste Erzählung der Saga. Oberflächlich betrachtet enthält die Novelle alle Zutaten einer klassischen Sword & Sorcery - Geschichte: Monsterkämpfe, eine holde Maid in Gefahr und einen finsteren Zauberer. Doch daneben geht es um Chimquars fortdauernde Schwierigkeiten, einen ihr gemäßen Platz in der Welt zu finden, in der sie seit ihrem Exil gezwungen ist zu leben.
Der Lionhawk ist inzwischen zum anerkannten Kriegsführer der Dazalero Euzadi geworden. Maruics anfangs skeptische Haltung hat sich zu Respekt und sogar Freundschaft gewandelt. Doch der Umstand, dass der Häuptling Chimquars wahre Identität kennt, wird schon bald zu einem Problem. Denn der wünscht sich mehr als bloß eine Freundschaft und kann das nicht anders ausdrücken als durch ein aggressiv-übergriffiges Verhalten, das man problemlos als eine versuchte Vergewaltigung bezeichnen kann. Und Chimquar fasst das auch genau so auf. Nunmehr allein unterwegs in der Steppe rettet sie wenig später die hübsche Scheiharia vor einem Trupp monströser Laufvögel, die offenbar unter dem Bann eines Schwarzmagiers stehen. Wie jede gute Damsel-in-Distress verliebt sich Scheiharia natürlich sofort in ihren "Retter", den sie ebenso selbstverständlich für einen Mann hält. Chimquar fühlt sich äußerst unwohl in dieser Situation und lässt sich schließlich zu einer impulsiven Gewalttätigkeit hinreißen. Dass sie sich wieder einemal von ihrer alten Schwäche hat überwältigen lassen, die ja auch für ihre Verbannung verantwortlich war, stürzt sie in tiefe Selbstzweifel. Doch als Scheiharia erneut in die Klauen des finsteres Zauberers fällt, söhnt sie sich mit Maruic aus und setzt alles daran, um "ihre Frau" zu befreien. Dabei muss sie sich auch noch mit ihrem zwölfjährigen Ziehsohn Hazier herumschlagen, der glaubt es sei an der Zeit, dass er ein "Mann" wird, und der sie deshalb in die Magierstadt Marique begleiten will.
Diese Novelle zeigt am Besten, was ich damit meine, dass es in den Chimquar-Stories um Geschlechterrollen, nicht aber um Genderidentitäten geht. Tomyris/Chimquar sieht sich selbst nie anders denn als eine Frau. Alle ihre Probleme erwachsen aus den in der Gesellschaft der Euzadi existierenden Geschlechterrollen. Sie zwingen sie dazu, die Identität eines Mannes anzunehmen. Und sie machen es zugleich unmöglich, dass sie irgendeine romantische Beziehung eingeht, obwohl sie keinesfalls frei von sexuellem Verlangen ist. Auch wenn sie nicht wirklich in Maruic "verliebt" ist, wäre sie einer sexuellen Beziehung vielleicht gar nicht einmal abgeneigt. Jedenfalls nicht vor dessen Übergriff. Doch das würde automatisch dazu führen, dass sie ihre Identität als Frau offenlegen müsste. Und dann bliebe ihr keine andere Wahl, als auch die Rolle einer Euzadi-Frau zu spielen. Was ihrem ganzen Wesen widerspräche. Ironischerweise basiert Maruics Zuneigung vermutlich gerade darauf, dass Chimquar eben keine typische Euzadi-Frau ist, doch gegen die Macht kultureller Konventionen kommt auch ein Häuptling nicht an. Noch komplizierter wird es, als Scheiharia ins Spiel kommt. Chimquar fühlt sich zwar sexuell zu ihr hingezogen, kann aber auf ihre Avancen ebensowenig eingehen. Schließlich hat diese sich in einen "Mann" verliebt, und wie wir aus The Changeling Son wissen, gilt Homosexualität in der Gesellschaft der Euzadi als ein verachtenswertes Tabu. Sich ihr gegenüber als Frau zu erkennen zu geben, hätte vermutlich verheerende Konsequenzen. Und so schlüpft Chimquar in die traditionelle Männerrolle, erklärt ihren "Besitzanspruch" an Scheiharia ("my woman"), kann ihrem Verlangen aber dennoch nicht nachgeben.
Der kleine Subplot um Hazier fügt sich dem sehr gut bei. Einerseits zeigt er Chimquar in einer Art "Mutterrolle". Andererseits muss sie sich damit auseinandersetzen, dass ihr "Sohn" logischerweise den Männlichkeitsvorstellungen zu folgen versucht, die in der Kultur existieren, in der er aufwächst. Und diese Kultur ist nicht die seiner "Mutter".

In Last Night of the Troll sorgt Hazier erneut für Schwierigkeiten. Der inzwischen Sechzehnjährige zeigt erstmals Interesse für Mädchen. Was natürlich weiter nicht schlimm wäre, wenn das Objekt seines Begehrens nicht ausgerechnet die Tochter des Bauern wäre, bei dem Chimquar und ihr Ziehsohn für die Nacht Unterschlupf gefunden haben. Und an der ist unglücklicherweise auch ein creepy Nachbar interessiert, der sich am Ende als eine Art Dämonenhalbblut entpuppt.
Eine gediegene kleine Sword & Sorcery - Story, bei deren Lektüre es mich allerdings langsam etwas zu irritieren begann, dass Chimquar bei ihren Abenteuern andauernd über irgendwelche finsteren Gesellen stolpert, die stets auf die eine oder andere Weise mit jenen dämonischen Waejontari und ihren Höllengöttern in Verbindung stehen, gegen die Tomyris in dem Großen Krieg kämpfen musste, der bei ihr so tiefe Spuren hinerlassen hat. Ab und an etwas konventionellere Gegenspieler wären eine angenehme Abwechselung gewesen.    

Ähnliches gilt für A String of Werewolves' Teeth. Gefallen hat mir an dieser Story allerdings, dass Chimquar dabei jemandem aus ihrer Vergangenheit begegnet, der kein hehrer Paladin, sondern der Chef der örtlichen Assassinengilde ist. Das gibt dem im Allgemeinen doch sehr "High Fantasy" - mäßig anmutenden Hintergrund unserer Heldin einen etwas schmutzigeren Anstrich, was mir ausgesprochen sympathisch ist. Auch zeigt sich Chimquar hier von ihrer weicheren Seite, wenn sie auf ein Abenteuer auszieht, um die entführte Tochter eines alten Freundes zu retten.

In The Ruined Tower muss Chimquar ihre eigene "Tochter" Makajia aus den Klauen eines ... na, was schon? richtig! ... eines Waejontori-Nekromanten befreien. Dabei ist sie auf die Hilfe der mysteriösen und nicht sehr vertrauenserweckenden "Zigeunerin" ("gypsy") Anna angewiesen, die erstaunlich viel über die wahre Identität unserer Heldin zu wissen scheint.
Auch dies eine durchaus lesenswerte kleine S&S - Story, die uns von einer lebendig geschilderten Tavernenszene durch die nächtlichen Straßen der Hafenstadt Marleone und unterirdische, monsterbevölkerte Tunnel bis zu einem verfallenen Turm und in die Gemächer des gestaltswandlerischen Nekromanten führt. Auch die finale Enthüllung von Annas wahrer Natur und ihrer Motive ist nicht ohne Reiz.
Über die Verwendung des Begriffs "gypsy" möchte ich kein Urteil fällen, da es diesbezüglich auch unter Sinti und Roma sehr unterschiedliche Ansichten gibt. Allerdings schmeckt zumindest die Schilderung von Annas erstem Auftritt in der Taverne schon etwas nach entsprechenden Klischees. Und ich fand es sehr merkwürdig, dass Janrae Frank an einigen Stellen auch die Bezeichnung "Rom" verwendet, ist ihre Welt Daverana doch anders als etwa Robert E. Howards Hyborian Age keine mythische Vergangenheit unserer Erde.

Damit wären wir bei The Wolves of Nakesht, der Story, die Chimquar 1979 der Fantasyleserschaft bekannt machte. In ihr muss sich unsere Heldin – diesmal zusammen mit Hazier und Makajia – erneut mit den werwolfartigen Nakesht herumschlagen. Und auch ihr alter Erzfeind Bakran hat noch einmal einen Auftritt.
Leider sind einige der Probleme, die ich bei meiner ersten Lektüre der Geschichte in Amazons! hatte, geblieben. Zwar kann ich nun die Partien, in denen Chimquar nach all den Jahren ihres Exils erstmals wieder mit Shaurani-Amazonen zusammentrifft, besser einordnen. Und auch das Ende, wenn sie endlich wieder mit ihrer Schwester Anaria vereint wird, besitzt nach der Lektüre der übrigen Geschichten etwas von der Gravitas, die der Szene eigentlich zukommt. Doch vieles bleibt weiterhin verwirrend und mysteriös. Warum haben Chimquar und ihre "Kinder" vor dem Beginn der Geschichte die Euzadi verlassen? Und was ist das für in Krieg, in den das Reich von Shaurone verwickelt zu sein scheint? Diese Fragen werden auch durch die vorhergehenden Stories nicht beantwortet. Alles in allem ist Wolves of Nakesht dennoch ein angemessener Abschluss der Saga.

Bevor wir zum Ende kommen, noch ein paar kritische Anmerkungen zum Worldbuilding von In the Darkness, Hunting. Wie wir gesehen haben, hatte Janrae Frank schon früh mit der Entwicklung ihrer Sekundärwelt Daverana begonnen und siedelte schließlich die allermeisten ihrer Fantasystories und -romane in ihr an. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie die Geschichte und Geographie, die Kulturen und Kreaturen von Daverana und die der Welt zugrundeliegende Mythologie mit ihren Höllengöttern und ihren apokalyptischen Kriegen sehr detailliert ausgearbeitet hat. Doch die Art, in der sich das in den Stories niederschlägt, besteht leider gar zu oft in dem, was ich gerne als RPG - Worldbuilding bezeichne. Man bekommt sehr deutlich den Eindruck, dass Janrae Frank ein riesiges Quellenbuch neben sich liegen hat, in dem alle Details ihrer Welt in fein säuberlich kategorisierter Form niedergelegt sind. Und während sie ihre Geschichten schreibt, greift sie immer mal wieder zu diesem Wälzer und zitiert aus ihm. Und man kann spüren, dass sie das macht. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn es um Chimquars Vergangenheit in Shaurone geht. Dann bekommen wir sehr häufig Spezialbegriffe wie ha'taren und bradae vorgesetzt. Die werden uns zwar knapp erklärt, doch wird ihnen damit kein wirkliches Leben eingehaucht. Die entsprechenden Passagen sind nicht eigentlich Infodumps. Dazu sind sie zu kurz. Dennoch wirken sie wie Fremdkörper und stören den Erzählfluss und die Atmosphäre der Geschichte. Ein weiteres Beispiel wäre etwa der folgende kurze Abschnitt aus The Ruined Tower:
"Chimquar!" Hazier shouted. She caught the alarm in his voice, whirling, sword in hand.
Bright light streamed from an opening in the ground, silhouetting eight seven foot shapes. The stench of decaying flesh hung upon those eaters of carrion, warriors of Diangar; and she knew them by it.
"Kargrens!“ Spawn of demons and satyr women, they hated the bright sun of the plains, haunting the shadowed woodlands. It took great power to summon them from the north.
Die Kargrens sind offenbar so was wie Ghule, die im Dienst eines Nekromanten stehen. Das ist alles, was man als Lesender über sie wissen muss. Und das ergibt sich bereits aus ihrer Erscheinung bzw. dem sie umgebenden Leichengeruch. Die Information, dass sie der Verbindung zwischen Dämonen und weiblichen Satyrn entsprungen sind und grelles Sonnenlicht nicht mögen, fügt dem nichts hinzu. Der entsprechende Absatz wirkt vielmehr wie ein Auszug aus dem "Monster Manual".
Dieselbe Kurzgeschichte enthält allerdings auch ein Beispiel dafür, wie dasselbe Worldbuilding auf organische Weise in die Erzählung einfließen und deren Atmosphäre verstärken kann. Es handelt sich dabei um die schon erwähnte Tavernenszene vom Anfang der Story:  
All manner of myn filled the Red Lion's smoky, ill-lit common room. She scanned the faces from the doorway, seeking the young pair. Eyes turned to discern her nature, but those that knew the Euzadi tribesmyn did not stare. She glided through the crowded room, making for a table in the farthest corner where she could have the wall to her back. 
Two fae stood behind a Casrain merchant while he argued with a Marleonan buyer, their pale, pale skin shimmered faintly in the lamplight. Their almond eyes narrowed to slits, following Chimquar as she passed. The blond braids and beards of the Ocealayen Sea Hawks, kandoyarin from the City of the Five Captains, stood out conspicuously. They roared a bawdy chantey, grabbing at the serving wenches.
Man darf davon ausgehen, dass sich in Franks Quellenbuch ein ganzes Kapitel über die "fae" findet. Doch sie verzichtet darauf, uns weitere Infromationen zu geben als dass dieses Volk "pale skin" und "almond eyes" besitzt. Dasselbe gilt von den "Sea Hawks" mit ihren "blond braids and beards". Zwei evokative Namen und ein paar äußerliche Details und schon entsteht vor unserem inneren Auge ein Bild der von allen möglichen exotischen und fremdländischen Gestalten bevölkerten Taverne in einer kosmopolitischen Hafenstadt.
Ein interessantes Detail von Janrae Franks Worldbuilding ist jedoch ganz sicher die Sprache. So verwendet sie u.a. das Wort "myn" als geschlechtsneutrales Plural. Allerdings dürfte ihr Einsatz des generischen Maskulinums gerade auf heutige deutschsprachige Leser*innen etwas eigenartig wirken: "I eliminated the feminine endings on words (priest instead of priestess) except when necessary to show cultural differences.

Was bleibt zum Abschluss zu sagen? Janrae Franks Geschichten sind vielleicht keine vergessenen Meisterwerke der Sword & Sorcery. Aber auf jedenfall stellen sie einen weiteren Beleg dafür dar, dass das Genre auch schon in den 70er Jahren sehr viel vielgestaltiger war als man ihm manchmal unterstellt. Chimquar the Lionhawk ist eine komplexe und ziemlich interessante Figur, und ihre Abenteuer geben durchweg unterhaltsame Lektüre ab. Auch wenn keine der kürzeren Geschichten an die Qualität von In the Darkness, Hunting heranreicht.



* Eric Leif Davin: Partners in Wonder. Women and the Birth of Science Fiction 1926-1965. S. 138.
** Wie genau sich das abspielt, wird in den Chimquar-Geschichten nicht erörtert.