"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 18. Februar 2019

Stargazy on Zummerdown

Im Februar 1974 sah sich der konservative Premierminister Edward Heath angesichts einer seit Jahren immer stärker anwachsenden Welle militanter Streiks und Massendemonstrationen gezwungen, Neuwahlen anzuberaumen. Die Tories verloren wenn auch nur knapp , und nach einer ominösen Übergangsperiode von vier Tagen, während derer Heath sich weigerte, 10 Downing Street zu räumen, bildete die Labour Party eine neue Regierung mit Harold Wilson als Premier. Ein wichtiger Wendepunkt der britischen Nachkriegsgeschichte war erreicht. 
Heaths Sturz kann als Höhepunkt der gewaltigen Klassenkämpfe betrachtet werden, die das Vereinigte Königreich in der ersten Hälfte der 70er Jahre erschütterten. Doch es sollte sich schon bald zeigen, dass die Arbeiterklasse bloß einen Scheinsieg errungen hatte.
Labours Wahlmanifeste vom Februar und Oktober 1974 hatten ein umfangreiches Programm sozialer Reformen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung, einen weiteren Ausbau des Wohlfahrtsstaates und eine höhere Besteuerung der Reichen versprochen. Aber es dauerte nicht lange, und es wurde immer deutlicher, dass die Ära des Keynesianismus und nationalen Reformismus, die die Zeit nach dem 2. Weltkrieg geprägt hatten, unwiderruflich zuende war. Verantwortlich dafür waren nicht irgendwelche übelwollenden Politiker, sondern die objektive Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft. 
Als James Callaghan 1976 den Posten des Labour-Vorsitzenden und Premierministers übernahm, erklärte er öffentlich: "We used to think that you could spend your way out of a recession and increase employment by cutting taxes and boosting government spending. I tell you in all candour that that option no longer exists...." Als er sich wenig später gezwungen sah, beim Internationalen Währungsfond einen für damalige Verhältnisse gewaltigen Kredit von $3,9 Milliarden aufzunehmen, forderte dieser im Gegenzug ein energisches Zusammenstreichen der Staatsausgaben. Callaghan haderte zwar mit dem IWF, leitete jedoch nichtsdestoweniger angesichts von steigender Arbeitslosigkeit und Inflation deflationäre Kürzungsmaßnahmen ein, die als direkter Vorläufer der monetaristischen Wirtschaftspolitik gelten können, welche Margaret Thatcher in den 80er Jahren dann mit ungebremster Brutalität durchsetzen würde. Die Labour-Linke, die trotz gelegentlicher Sonntagsreden über den Sozialismus nie bereit war, die bürgerliche Ordnung ernsthaft in Frage zu stellen,  wusste dem keine andere Alternative entgegenzuhalten, als eine Rückkehr zum nationalen Protektionismus. Callaghans Regierung wurde immer instabiler. In ihrem letzten Jahr 1977/78 konnte sie sich nur noch mit Hilfe der Liberalen halten. Ihr endgültiger Zusammenbruch kam mit den Massenstreiks im öffentlichen Dienst im "Winter of Discontent" 1978/79. Der Bankrott des sozialdemokratischen Reformismus ebnete den Weg zur Macht für die extrem rechten Kräfte um die Eiserne Lady, die im Mai 1979 in 10 Downing Street einzog.

Eine zugegeben etwas langwierige Einleitung für einen Post, in dem ich doch eigentlich bloß kurz von einem weiteren kuriosen Fund berichten will, den ich neulich in der schier unerschöpflichen Fundgrube des Bizarren gemacht habe, welche die britische TV-Phantastik der 70er Jahre darstellt. Aber ich glaube, dass eine Vertrautheit mit diesem historischen Hintergrund nötig ist, um Michael Fergusons & John Fletchers Fernsehspiel Stargazy on Zummerdown richtig einzuordnen, das am 15. März 1978 im Rahmen der BBC2-Reihe Play of the Week ausgestrahlt wurde. Zumal das Stück selbst keinen Hehl aus seiner zeitgeschichtlichen Verankerung macht. Auf seine Existenz aufmerksam geworden bin ich übrigens durch einen kleinen Eintrag auf der stets interessanten Website A Year In The Country.

Im 23. Jahrhundert besteht Großbritannien bzw. Albion, wie seine Bewohner es nun wieder nennen, aus kleinen ländlichen und industriellen Gemeinden, die nur locker im "Commonwealth of New Harmony" unter Leitung der "Reformed Celtic Church" vereinigt sind. Lediglich im Norden des Landes scheinen sich Überbleibsel der alten Industriestädte mit ihren riesigen Fabriken erhalten zu haben. Das Setting wirkt zugleich postapokalyptisch und idyllisch, was dem Stück von Anfang an einen sehr eigenen Ton verleiht. Viele der fortgeschrittenen technischen Geräte (Computer etc.), die sich nach wie vor in Verwendung befinden, wirken wie Relikte einer untergegangenen Zivilisation, die nur mit Mühe und Not am Laufen gehalten werden, doch niemanden scheint dies ernsthaft zu beunruhigen. Eigenartigerweise hören wir zugleich immer wieder von einem Raumschiff, das gerade irgendwo gebaut werde.
"New Harmony" entstand nach einer Ära blutiger Bürgerkriege, der "großen Reformation", ohne dass anfangs wirklich klar wäre, um was damals eigentlich gekämpft wurde. Allerdings wird von einem der brutalsten feindlichen Truppenverbände  erzählt, er habe aus Vertretern der "managerial class" bestanden und habe Melonen als Teil ihrer Uniform getragen!
Wer das jetzt etwas absurd {und gar zu offensichtlich} findet, hat natürlich nicht ganz unrecht, aber Stargazy on Zummerdown ist über weite Strecken im Ton einer ländlichen Groteske gehalten. Der Film versucht nicht, ein realistisches Bild der Welt von "New Harmony" zu zeichnen. Schon allein die Sets {gedreht wurde ausschließlich im Studio} verleihen dem Ganzen etwas artifizielles – mehr Bühnenstück als Film. Bevölkert wird diese Szenerie von überzogen gezeichneten Archetypen, die Namen wie Opinionated Alice oder Contrary Harry tragen.
Im Zentrum der Geschichte steht die traditionelle Rivalität zwischen der ländlichen Gemeinschaft der "Aggros" und der industriellen Gemeinde der "Toonies". Wie stets versammeln sich Vertreter der beiden Gruppen am Mittsommertag ("Stargazy"), um ihr Handelsabkommen für das nächste Jahr auszuhandeln und sich daneben mit allerlei spaßigen Wettbewerben {und viel Bier} zu unterhalten. Den Vorsitz führt dabei der "neutrale" Abt des örtlichen Klosters.
Wir kommen in den Genuss solch kurioser Vergnügungen wie eines Wettkampfs im Austausch kreativer Beleidigungen {mit einem greisen Reverend als Schiedsrichter, der schließlich in Ohnmacht fällt} oder eines Duells im Essen von rohen Zwiebeln.
Schließlich beginnen die Matriarchin der "Aggros" und der Vorsitzende der "Toonies" ihre Verhandlungen. Die beiden müssen zu einer Übereinkunft gelangen, bevor eine dicke Wachskerze heruntergebrannt und der Abend heraufgezogen ist. Doch ihre kleinlichen Konflikte erweisen sich als zu stark. Als die Zeit abgelaufen ist, bricht Finsternis über die "Bühne" herein und der Ton des Films ändert sich auf dramatische Weise.
In seinem Appell an die zerstrittenen Gemeinden beschwört der Abt zuallererst die "Lehren der Geschichte" herauf und ruft als Kronzeugen den Historiker Sydney auf, der allsogleich mit einem Vortrag über die Geschichte der Industriegesellschaft beginnt – unterlegt mit illustrierendem Stock-Footage-Material. Beginnend mit der Zerschlagung der feudalen Agrarverfassung im 16. Jahrhundert zeichnet dieser ein denkbar finsteres Bild der Moderne als einer Ära der grausamsten Entmenschlichung, die ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert mit der Einführung der Fließbandproduktion erreichte. Doch der Siegeszug des stählernen Leviathans mit dem Doppelantlitz Kapitalismus-Kommunismus fand schließlich in einer gewaltigen Krise sein Ende, deren Anfang auf das Jahr 1973 datiert werden könne. Einem allgemeinen Zusammenbruch der Wirtschaft folgte eine Ära von Revolten und Bürgerkriegen, bis aus dem blutigen Chaos "New Harmony" geboren wurde.
Im Anschluss an diesen "historischen Exkurs" hält der Abt eine lange utopistische Predigt, in der er "Aggros" und "Toonies" an die Werte ihrer Gesellschaft erinnert, die die Selbstentfremdung und Versklavung des Menschen durch Industrialisierung und Zentralisierung überwunden habe und in der Gemeinschaft und Individuum endlich wieder miteinander ausgesöhnt seien. Diese wahrhaft menschliche Ordnung dürfe nicht durch sinnlose, irrationale Rivalitäten in Gefahr gebracht werden. Die Feierlichkeiten von "Stargazy" dienten ja gerade dazu, diesen ein spielerisches und damit ungefährliches Ventil zu eröffnen.
Das Stück endet mit der Versöhnung der beiden Gruppen und der Hochzeit der "Aggro"-Astronomin Ruth und des "Toonie"-Historikers Sydney, die gemeinsam mit dem umherziehenden "Elektro-Krämer" Israel Tonge auf Wanderschaft gehen, um die Welt jenseits ihrer kleinen Gemeinden kennenzulernen.

Es ist schon etwas erstaunlich, dass Stargazy on Zummerdown ein so genaues Datum für den Anbruch der finalen Krise der Industriegesellschaft liefert. Ein Datum zudem, das in der Vergangenheit und nicht in irgendeiner spekulativen Zukunft liegt. 
Andererseits ist es nicht so verwunderlich, dass für Drehbuchautor John Fletcher gerade 1973 eine solch apokalyptische Bedeutung angenommen hatte. Wir wir gesehen haben, bildete dieses Jahr zusammen mit dem folgenden den Höhepunkt der gewaltigen Klassenkämpfe der frühen 70er. Für viele schien es damals so, als befände sich Großbritannien am Vorabend einer Revolution. Dies galt sowohl für die Linke, als auch für die Rechte. Während Gerry Healy, der Führer der trotzkistischen Workers Revolutionary Party seine Anhänger davon zu überzeugen versuchte, dass ein Sturz der Heath-Regierung bloß die erste Etappe in einer sich rasch entfaltenden sozialistischen Umwälzung sein werde – "Wenn die Arbeiterklasse mit den Herren fertig werden kann, den Tories, dann auch mit deren reformistischen Knechten."* –, spielten einige Vertreter des konservativen Establishments bereits mit der Idee eines Staatsstreichs und der Bildung einer Junta unter Lord Mountbatten. Zu diesem erhofften oder befürchteten Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung war es zwar nicht gekommen. Weder Revolution noch Diktatur hatte sich materialisiert. Doch wachsende Inflation und steigende Arbeitslosigkeit machten mehr als deutlich, dass die Krise noch lange nicht überwunden war. Ein halbes Jahr nach Austrahlung von Stargazy on Zummerdown begann der "Winter of Discontent".

Die Antwort, die John Fletcher mit seinem Stück auf diese Krise zu geben versucht, steht in der Tradition des im 19.Jahrhundert von Denkern wie Thomas Carlyle und John Ruskin begründeten Romantischen Antikapitalismus.** Stargazy on Zummerdown hat mich deshalb auch ein wenig an David Rudkins Penda's Fen (1974) erinnert, auch wenn es diesem faszinierenden und vielschichtigen Film ganz sicher nicht ebenbürtig ist.*** Der Marxismus erscheint Fletcher bloß als der nicht weniger abstoßende Zwillingsbruder des Kapitalismus. Er bietet keine Lösung. Stattdessen gelte es scheinbar, auf vorbürgerliche Gesellschaftsformen zurückzugreifen. Aus gutem Grund erscheint die gewaltsame Auflösung der feudalen Agrarverfassung im Zuge der "Enclosures" des 16./17. Jahrhunderts mit den sie flankierenden Armengesetzen, die ein besitz- und wehrloses Proletariat schufen, in Sydneys Vortrag als so etwas wie der historische Sündenfall. Fletcher war scheinbar ein autodidaktischer Historiker, der sich insbesondere für das Mittelalter und das revolutionäre 17. Jahrhundert interessierte, und sein "New Harmony" wirkt in vielem tatsächlich wie eine Wiedergeburt des "Merry Old England". Dazu passt dann auch sehr gut der volksstückhafte Charakter des Films mit seinem "deftigen" Humor. Nicht dass Fletcher für eine Flucht zurück ins-Mittelalter plädieren würde. Zwar stellt er der Anonymität der kapitalistischen Industriegesellschaft die Rückkehr zu einem Leben in überschaubaren und quasi-familiären Gemeinschaften entgegen, doch natürlich herrscht in "New Harmony" kein Neofeudalismus. Vielmehr scheinen die kleinen Gemeinden auf kommunalem Eigentum zu basieren {was ein Bisschen an William Morris' News From Nowhere oder die Ideen Pjotr Kropotkins erinnert}. Auch hat man sich nicht völlig von den Errungenschaften des Industriezeitalters verabschiedet. Die "Toonies" unterhalten weiterhin Bergwerke und Eisengießereien, produzieren Solargeneratoren und andere Maschinen. Auch stehen die Naturwissenschaften nach wie vor in hohem Ansehen. Ja selbst die neue Religion der "Reformed Celtic Church" mit ihrem Sonnenkult spiegelt dies in gewisser Weise wieder. Vor allem jedoch haben die Gründer von "New Harmony" mit dem Bau eines Raumschiffes ein gemeinschaftliches Menschheitsprojekt geschaffen, zu dem all die kleinen Gemeinschaften direkt ("Toonies") oder indirekt ("Aggros") einen Beitrag leisten, und das damit verhindern soll, dass diese völlig auseinanderdriften.

Stargazy on Zummerdown ist ein filmisches Kuriosum, das auf eigenwillige Weise Licht auf die gesellschaftlichen Befindlichkeiten im krisengeschüttelten Großbritannien der 70er Jahre wirft. Schon allein sein exzentrischer Charakter lässt einen Besuch lohnenswert erscheinen. Ich erinnere bloß noch einmal: Wettbewerbe im kreativen Beleidigen und Zwiebelessen ...  



*  Zit.nach: David North: Gerry Healy und sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale. S.87.
** Ich habe mich vor Zeiten hier einmal etwas ausführlicher mit diesemThema beschäftigt.
*** Vgl. meine alte Besprechung von Rudkins filmischem Meisterwerk. 

   

Samstag, 9. Februar 2019

Strandgut


Mittwoch, 30. Januar 2019

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E13: "Star One"

Ein Blake's 7 - Rewatch

Es ist eine halbe Ewigkeit her seit unserem letzten Besuch im grandiosen Universum von Blake's 7, doch endlich ist es so weit – wir kehren zurück auf die Liberator, um mitzuerleben, ob es unserem ebenso charismatischen wie egomanischen Freiheitskämpfer und seinen Genossen im großen, von Chris Boucher geschriebenen Finale der 2. Staffel tatsächlich gelingt, "Star One" – das ultrageheime Computer-Nervenzentrum der totalitären Föderation – zu zerstören und die langersehnte Revolution gegen das Regime und Supreme Commander Servalan einzuleiten.

Die Episode beginnt mit Szenen einer fürchterlichen Katastrophe, als zwei Raumschiffe – ein Personentransporter mit 4000 Passagieren an Bord und ein unbemanntes Lastschiff, das irgendwelche Erze befördert – miteinander kollidieren, obwohl das automatisierte Lotsensystem ihre Flugbahnen eigentlich aufeinander abgestimmt haben sollte. 
Und das ist offenbar kein vereinzeltes Ereignis, wie der Offizier Durkim (John Bowen) der Obersten Befehlshaberin in ihrem Hauptquartier berichtet. Nicht nur die Flugkoordination ist offenbar im Begriff, zusammenzubrechen, die Wetterkontrollsysteme auf den Koloniewelten spielen verrückt, mit verheerenden Folgen für die betroffenen Planeten. Die einzig vernünftige Erklärung scheint die Sabotage von "Star One" zu sein, was Servalan jedoch nur schwer zu akzeptieren vermag. Schließlich ist der Standort des Kontrollzentrums selbst der Führungsriege der Föderation nicht bekannt. Wie also könnte man so einen Angriff zurückschlagen?
Diese Eröffnungssequenz ist wirklich intelligent konstruiert. Sie zeigt uns, welch furchtbare Verheerungen unter der unschuldigen Zivilbevölkerung angerichtet werden würden, wenn Blake seinen Plan, "Star One" zu zerstören, tatsächlich durchführte. Allerdings würde selbst Blake's 7 nicht so weit gehen, den nominellen Helden der Serie zu einem Massenmörder zu machen. Und so bekommen wir im direkten Anschluss daran zu sehen, dass diese Katastrophen nicht auf das Konto der Liberator - Crew gehen. Diese hat zwar den ungefähren Standort von "Star One" lokalisiert, der sich ominöserweise jenseits der Grenzen der Milchstraße im sternenlosen Raum zwischen unserer Galalxis und Andromeda befindet, ist sich aber noch nicht im Klaren darüber, ob man den letzten und entscheidenden Schritt wirklich machen soll. 
Erstaunlicherweise ist es Avon, der am heftigsten auf einer Durchführung des Plans beharrt: "Why are you listening to this drivel, Blake? We can take Star One, let's get on with it." Der Grund dafür ist natürlich nicht, dass der alte Zyniker plötzlich zu einem überzeugten Anhänger der Revolution geworden wäre. Er will das Ganze bloß endlich hinter sich bringen und Blake damit ein für alle Mal loswerden: 
Avon: As far as I am concerned you can destroy whatever you like. You can stir up a thousand revolutions, you can wade in blood up to your armpits. Oh, and you can lead the rabble to victory, whatever that might mean. Just so long as there is an end to it. When Star One is gone it is finished, Blake. And I want it finished. I want it over and done with. I want to be free.
Cally: But you are free now, Avon. 
Avon: I want to be free of him.
Blake: I never realized. You really do hate me, don't you?
Avon: When we have dealt with Star One, I will take you back to Earth and then the Liberator is mine, agreed?
Blake: Agreed. Assuming the others go along with it.
Worauf Jenna und Vila mit der berechtigten Frage "Why should we?" reagieren. Doch Avon scheint sich ausreichend sicher zu sein, dass er die Kontrolle über die Liberator übernehmen kann, wenn Blake erst einmal aus dem Weg ist, unabhängig davon, was die anderen darüber denken. Für ihn gilt der Handel.
Es ist Cally, die die eigentlich wichtige Frage ausspricht: "Are we fanatics? ... Many, many people will die without Star One ... Are you sure that what we're going to do is justified?" Blakes Antwort ist entlarvend: 
It has to be. Don't you see, Cally? If we stop now then all we have done is senseless killing and destruction. Without purpose, without reason. We have to win. It's the only way I can be sure that I was right. 
Wieder einmal zeigt es sich, dass am Ende von Blakes Gedankengängen immer er selbst steht. Die Frage, ob Millionen Menschenleben möglicherweise ein zu hoher Preis für die Freiheit sein könnten, interessiert ihn nicht wirklich. Für ihn geht es letztenendes nur darum, recht behalten zu haben. Wenn er vor dem letzten entscheidenden Akt zurückschreckte, würde sein ganzes Selbstbild in sich zusammenbrechen.
Derweil hat sich Servalan dazu durchgerungen, die Realität der Lage zu akzeptieren, und nutzt das wachsende Chaos für einen Militärcoup gegen die zivile Führung. Ihre offizielle Rechtferigung für diesen Schritt ist, dass unter den gegebenen Umständen nur die Armee in der Lage sei, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch natürlich wissen wir, dass es schon seit längerem heftige Spannungen zwischen dem zivilen und dem militärischen Flügel der Föderation gegeben hat. Wir dürfen also davon ausgehen, dass die Krise, so bedrohlich sie für sich genommen auch ist, der Obersten Befehlshaberin als willkommener Anlass erscheinen musste, einen schon seit längerem gehegten Plan in die Tat umzusetzen und sich selbst zur Diktatorin zu machen. Durkim erhält von ihr den Befehl, "Star One" umgehend zu lokalisieren, wenn er nicht das Schicksal anderer "Verräter" gegen die neue Führung teilen will: "I will not be President of a ruined empire."
Inzwischen hat die Liberator einen Planeten erreicht, der um einen einsamen Weißen Zwerg kreist. Das muss der Standort von "Star One" sein. Doch Avon entdeckt noch etwas anderes: Jenseits des Minisystems, in Richtung auf die Andromedagalaxie, befindet sich ein gigantisches Minenfeld. Sollte "Star One" also nicht nur ein Kontrollzentrum, sondern ein Verteidigungsbollwerk gegen eine potentielle intergalaktische Invasionsstreitmacht sein? {Und nein, wir diskutieren jetzt nicht die Unsinnigkeit von Minenfeldern im Weltraum. Wenn TNG in Redemption mit was ganz ähnlichem durchkommt, hab' ich keine Probleme, das auch in Blake's 7 zu akzeptieren.} 
Auf der Station selbst währenddessen glaubt die Technikerin Lurena (Jenny Twigge) einer Verschwörung ihrer Kollegen auf der Spur zu sein, die scheinbar dabei sind, die Anlage zu sabotieren. Doch die Wahrheit ist noch sehr viel bedrohlicher. Tatsächlich ist Lurena die einzige Überlebende der ursprünglichen Besatzung. Alle anderen wurden bereits von gestaltwandlerischen Außerirdischen ersetzt. Die Invasion von der Andromeda ist schon in vollem Gange ...
Von all dem wissen unsere Helden & Heldinnen natürlich nichts, also beginnen sie mit ihrer eigenen Sabotageaktion. Zumal Blake keine weitere Zeit verschwenden will, nun, da sie soweit gekommen sind. Allerdings dauert es nicht lange, bis er und Cally auch schon der {scheinbaren} Besatzung von "Star One" in die Hände gefallen sind. Deren Anführer Stott (David Webb) allerdings hält Blake verwirrenderweise für Ex-Commander Travis, der gekommen sei, um den "finalen Akt" seines "großen Verrats" persönlich durchzuführen. Doch warum sich mit Rätseln aufhalten, wenn man die relative Freiheit, die unser Heldenpaar aufgrund dieses Missverständnisses genießt, nutzen kann, um die mitgebrachten Sprengsätze zu montieren?
Zu spät realisiert Blake seinen fatalen Fehler. Wenigstens ist Jenna klug genug, umgehend eine Nachricht an Servalan zu schicken, sobald die Liberator die herannahende Invasionsflotte entdeckt. Cally und Avon versuchen, die Sprengsätze zu entschärfen. Doch es ist zu spät. Es wurde bereits eine Bresche in das Minenfeld geschlagen. Am Ende stellt sich die Liberator alleine der gewaltigen Übermacht der Angreifer entgegen. Es besteht zwar keine Chance auf Sieg {und nur eine geringe auf Überleben}, aber vielleicht gelingt es wenigstens, die Flotte solange aufzuhalten, bis die Streitkräfte der Föderation den Sektor erreicht haben ...

Star One ist ein wirklich würdiger Abschluss der zweiten Staffel. 
Einmal mehr ist Travis der größte Schwachpunkt der Story. Der Mann ist zwar ein ausgewachsener Psychopath, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass er das Gefühl hat, von allen verraten worden zu sein. Aber ist das wirklich Grund genug, um mit gestaltswandlerischen Schleimmonstern aus der Andromedagalaxie zu kooperieren und vergnügt den Knopf zu drücken, der die gesamte Menschheit zum Untergang verdammt? 
Seine Verwicklung in die Geschichte macht eigentlich nur Sinn, wenn man einen Blick hinter die Kulissen der Produktion wirft. 
Als Chris Boucher die Episode schrieb, war klar, dass Gareth Thomas und Sally Knyvette in der dritten Staffel nicht mehr mit von der Partie sein würden. Thomas hatte sich entschieden, auszusteigen, nachdem seinem Wunsch, einmal selbst bei einigen Episoden Regie zu führen, nicht nachgekommen worden war, und er ein Angebot der Royal Shakespeare Company erhalten hatte. Knyvette ihrerseits wollte die Schauspielerei zumindest vorerst an den Nagel hängen und stattdessen ein Drama- und Literaturstudium beginnen {was sie dann auch getan hat}.
Ursprünglich hatte man sogar mit dem Gedanken gespielt, Blake und Jenna in der Folge sterben zu lassen, doch offenbar glaubte man, das wäre für das Publikum dann doch etwas zu schockierend. {Was fast ein bisschen lustig wirkt, wenn man an das legendär niederschmetternde Finale der vierten und letzten Staffel von Blake's 7 denkt.} Doch wie dem auch sei, auf jedenfall war man der Überzeugung, dass Travis ohne seine Nemesis Blake als Figur nicht länger funktionieren würde, also entschied man sich dazu, ihm in Star One wenigstens einen dramatischen Abgang zu ermöglichen, auch wenn seine Anwesenheit psychologisch vielleicht nicht unbedingt Sinn macht.
Doch davon einmal abgesehen, ist das Finale eine wirklich starke Folge. Durch den Auftritt der außerirdischen Invasoren erscheinen sowohl Blakes revolutionärer Fanatismus als auch Servalans Griff nach der Macht plötzlich gegenstandslos. Beide scheinen zwar für einen Moment ihr Ziel erreicht zu haben, doch löst sich ihnen dieses zwischen den Fingern in Nichts auf. 
Der Cliffhanger am Ende der Folge erscheint sehr viel düsterer und dramatischer als im Finale der ersten Staffel. Im Grunde übernimmt die Liberator - Crew hier ein Selbstmordkommando. Und auch wenn wir natürlich wissen, dass sie dabei nicht alle sterben werden, ist die letzte Szene, in der unsere Helden & Heldinnen der herannahenden Invassionsflotte entgegen schauen, doch ziemlich packend.

Übrigens spielte Terry Nation eine Zeit lang mit der Idee, aus den außerirdischen Angreifern die von ihm in den 60er Jahren kreierten Daleks zu machen! Ich bin mir nicht ganz sicher, warum das schließlich verworfen wurde. Aber ob ein solches Crossover mit Doctor Who wirklich klug gewesen wäre?

Montag, 28. Januar 2019

Red Sonjas Wiedergeburt

Als ich vergangenen Oktober während der Recherche für meinen zweiten Beitrag zur frühen Sword & Sorcery (1) auf Abwege geriet und für ein paar Wochen die wunderlichen Gefilde der Red Sonja - Comics aus den 70ern erkundete, war ich von dem, was mir dabei begegnete, alles in allem recht angetan. Ich habe darüber seinerzeit bereits etwas ausführlicher berichtet. 

Die alten Comics von Marvel stellen ein relativ überschaubares Feld dar: Zwei bis vier Serien {abhängig davon, ob man die Marvel Features [1975/76] und die zweite, gerade einmal zwei Hefte umfassende "Reihe" [1983] mitzählt}, sowie eine Reihe von Gastauftritten in Conan the Barbarian, Savage Sword of Conan und Kull and the Barbarians. Doch zu Beginn der 2000er trennte sich die Firma von ihren alten Sword & Sorcery - Helden. Während es Conan zu Dark Horse verschlug, fand Sonja eine neue Heimat bei Dynamite. (2) Und dort sind seit 2005 eine Unzahl neuer Comics über die rothaarige Abenteurerin erschienen.
Bis vor kurzem war ich mit Sonjas Dynamite - Phase nur durch ein paar in einem Kölner Comicshop eher zufällig erworbene Bände bekannt, die völlig aus dem Zusammenhang gerissene Episoden aus einer ganzen Reihe von Serien  enthielten. Doch in den letzten Wochen habe ich mich darangemacht, ihre neue Heimat etwas methodischer zu erkunden, und bin dabei auf einige recht interessante Entdeckungen gestoßen. Interessant vor allem, wenn man die beiden etwas größeren "Zyklen", die ich im Zuge dieses Unternehmens gelesen habe, vergleichend nebeneinanderstellt. Dabei handelt es sich einerseits um den Einzelband Red Sonja: Blue (2011) und seine Sequel-Serie Red Sonja: Unchained (2013), die von Peter V. Brett geschrieben wurden, und andererseits um Gail Simones Neuinterpretation der Figur in einer achtzehnteiligen Serie, die von 2013 bis 2015 erschien. {Auch gelesen habe ich das von Simone angestoßene und geleitete "Gemeinschaftswerk" Legends of Red Sonja [2013/14], mit dem ich mich in diesem Post aber nicht beschäftigen werde}.

Peter V. Brett dürfte vielen möglicherweise als Autor des Dämonen-Zyklus bekannt sein. Ich selbst habe keines seiner Bücher gelesen und kann dementsprechend auch nicht sagen, ob es irgendwelche Parallelen in Ton und Thematik zwischen seinen Romanen und den Comics gibt.
Die Initialidee für Blue scheint gewesen zu sein, eine Erklärung dafür liefern zu wollen, warum die "klassische" Sonja zwischen ihrer 70er-Phase und der Rückkehr in den 80ern den allseits bekannten Chainmail-Bikini gegen eine blaue Tunika eintauschte. Was dabei herausgekommen ist, liest sich über weite Strecken zwar recht unterhaltsam, wirkt vor allem im Vergleich zu Gail Simones Reboot aber wie ein letzter Abgesang auf die alte Version der Figur mitsamt ihrer eher fragwürdigen Aspekte.

Sonja ist von der Schankwirtin Landre angeheuert worden, ihren Sohn aus den Klauen des örtlichen Schwarzmagiers zu befreien. Als Belohnung winken ein warmes Winterquartier mit unbegrenztem Zugriff auf Speisekammer und Weinkeller. Der erwartungsgemäß größenwahnsinnige Hexer braucht den "unschuldig-jungfräulichen" Bregan als Opfer für den Dämonen Bhamothes. Weder der bärtige Geselle noch sein schakalköpfiger Höllenpatron stellen eine ernsthafte Herausforderung für unsere Heldin dar. Allerdings geht im Eifer des Gefechtes ihre "Rüstung" zu Bruch, und so zieht sie dem erschlagenen Dämon ganz einfach den blauen Pelz über die Ohren und schneidert sich daraus eine Tunika. Der befreite Bregan entwickelt schon bald eine ziemlich ungesunde und aufdringliche Obsession für Sonja. Als er schließlich so weit geht, ihren berüchtigten "Schwur" gegen sie zu verwenden ("Everyone knows the tale of Sonja the Red. You met a goddess and swore to love the first man who beats you in a fight"), und die betrunkene Kriegerin zum Kampf herausfordert, erschlägt sie den jungen Mann in einem Anfall von Wut.

Unabhängig von Peter V. Bretts bewussten Intentionen {die mir unbekannt sind}, demonstrieren Blue und seine Sequels meiner Ansicht nach recht anschaulich, warum der von Gail Simone dann vollzogene Bruch mit vielen Aspekten der "klassischen" Red Sonja - Figur dringend nötig war. 
Dreh- und Angelpunkt ist dabei natürlich der "Schwur".
Ist man gnädig gestimmt, könnte man annehmen, dass dieser ursprünglich dazu dienen sollte, zu verhindern, dass Red Sonja nur gar zu schnell zur bloßen "Gefährtin" und "Bettgenossin" irgend eines männlichen Helden würde. Wie groß diese Gefahr in der Tat war, zeigt der Handlungsstrang um den Muskelmann und Magier Summaro aus der ersten Marvel-Reihe. Letztlich spiegelt sich in dem "Schwur" wohl bloß die in den 70er Jahren noch weit verbreitete Vorstellung wieder, dass eine Frau ihre Selbstständigkeit und Stärke nur bewahren kann, wenn sie auf alle sexuellen und romantischen Beziehungen verzichtet.
Was nicht heißen soll, dass er nicht von Anfang an eine gelinde ausgedrückt "fragwürdige" Zutat war. Erst recht gekoppelt mit der alten Hintergrundsgeschichte von Sonjas Vergewaltigung. {Die für Blue allerdings schon nicht mehr kanonisch zu scheint.} 
Dass die Kriegerin immer mal wieder mit ihrem "Schwur" hadert, ist nichts neues. Das war schon in den Marvel-Tagen so. Doch Blue geht in dieser Hinsicht besonders weit und zeichnet Sonja als einen im Kern extrem einsamen und unglücklichen Menschen. Das Motiv der betrunken auf dem Tisch tanzenden Glücksritterin ist beinah so alt wie die Figur selbst {The Song of Red Sonja in Nr. 24 von Conan the Barbarian [März 1970]}, aber bei Peter Brett ist das kein Ausdruck von Lebensfreude und gemeinschaftlichem Spaß, sondern eher eine Form von Flucht. Bregan ist eigentlich keine sonderlich sympathische Figur. Letztenendes ist er bloß der aufdringliche Typ, der nicht kapieren will, dass "Nein" "Nein" bedeutet, und sein jugendliches Alter ist für dieses Verhalten nur eine schwache Entschuldigung. {Nicht dass er es verdient hätte, gleich enthauptet zu werden, aber Sonjas Wut ist nur zu gut nachvollziehbar.} Trotzdem hat er nicht ganz unrecht, wenn er zu unserer Heldin sagt: "Anyone can see you hate being alone ... You can't go a night without drinking youself to sleep, unless you've killed something." Schließlich hatte sie selbst ihre allnächtlichen Sauforgien der Wirtin gegenüber mit den Worten gerechtfertigt: "It's not like any fun awaits in my bed."
Macht das Sonja irgendwie zu einer interessanteren oder vielschichtigeren Figur? Nicht wirklich. Zuerst einmal wirkt es problematisch, wie Sex hier zur unabdingbaren Voraussetzung für echte Intimität gemacht wird. Vor allem jedoch wird mit dem Fortbestand des "Schwurs" Sonjas Persönlichkeit zwangsläufig immer über ihr Verhältnis zu Sex definiert. Ganz gleich wie man es dreht und wendet, am Ende steht immer etwas verkrampftes. Zumal der "Schwur" selbst keine wirkliche erzählerische Funktion mehr besitzt. {Wenn meine obige Vermutung bezüglich der ursprünglichen Intentionen denn stimmt}. Er soll von der Leserschaft ganz sicher nicht als eine Art "Vergewaltigungsherausforderung" wahrgenommen werden. Aber als was dann? Ist Sonjas überlegenes Kampfgeschick vielleicht gar nicht ihr eigenes Verdienst, sondern eine göttliche Gabe, die mit mit Bruch des "Schwurs" verloren gehen würde? Ich glaube, eine derartige Interpretation hat es in der Geschichte der Figur einmal gegeben, aber sie liefe in gewisser Weise auf eine Herabstufung Sonjas als eigenständiger Persönlichkeit hinaus. Blue will sich hier offenbar nicht festlegen. Sonja selbst gibt diese Begründung für ihr Festalten an dem "Schwur": "Is that why we keep vows? Because of the price of breaking them? Perhaps your word isn't worth the piss in a Stygian chamber pot, boy, but mine is all I have." Kein wirklich überzeugendes Argument, finde ich. Aus reiner Prinzipientreue einen Eid halten, der einem freudvolle Aspekte der menschlichen Existenz verweigert, ohne zu wissen, warum man ihn eigentlich ablegen musste? Das wirkt auf mich reichlich masochistisch.  

Ob Peter V. Brett mit seiner Geschichte den "Schwur" und seine Konsequenzen für die Red Sonja - Figur kritisch hinterfragen wollte? Das erscheint mir unwahrscheinlich, vor allem, wenn man sich die Sequel - Reihe Unchained betrachtet. 
Bregans gewaltsamer Tod hat Sonja zu einer gejagten Mörderin gemacht, die außerdem noch von ihren eigenen Schuldgefühlen gequält wird. Doch damit nicht genug – mit dem Vergießen "unschuldigen Blutes" hat sie außerdem dem Dämonen Bhamothes, dessen Pelz sie ja immer noch trägt, eine Möglichkeit eröffnet, sich erneut in unserer Welt zu manifestieren. Und ihr eigener Körper droht dabei zu Bhamothes neuem Gefäß zu werden. Ein zweiter Handlungsstrang dreht sich um die Historikerin {und Gelegenheitsmagierin} Lady Merisan, in deren Auftrag Sonja in das Grab der Kriegerkönigin Gheta eindringt, um die persönlichen Tagebücher der legendären Monarchin zu entwenden, und für die sie anschließend als Leibwächterin arbeitet.
Unchained präsentiert uns zwei Anti-Sonjas. Zumindest könnte man die Story so interpretieren. 
Die eine ist unsere Heldin selbst, sobald Bhamothes von ihrem Körper Besitz ergreift. Wie bei einem extremen Fall dämonischer Besessenheit wohl nicht anders zu erwarten, verwandelt sie sich schließlich in ein blutgieriges Monstrum, das sich umgehend daranmacht, wüste Metzeleien unter der örtlichen Bevölkerung anzurichten. Da diese Verwandlung eine direkte Folge von Sonjas eigener, in einem Moment blinder Wut begangener Mordtat an Bregan ist, könnte man die Besessenheit als eine symbolische Darstellung ihres Hangs zu impulsiver Gewalt deuten. Sich mit diesem Charakterzug Sonjas kritisch auseinanderzusetzen, wäre an sich durchaus lohnenswert, doch Brett weiß nichts wirklich interessantes dazu zu sagen. Am Ende wird sogar angedeutet, dass die Ermordung Bregans in Wirklichkeit auf Bhamothes Manipulationen zurückzuführen sein könnte. Bei Gail Simone werden wir einer sehr viel gelungeneren Herangehensweise an dieses Thema begegnen.
Die zweite Anti-Sonja ist natürlich Gheta. Und da wird es dann wirklich problematisch. Die Königin war nämlich nicht nur eine gefürchtete Amazone, sondern auch berüchtigt für ihr äußerst vielgestaltiges Sexleben. Dessen pikante Details sind der einzige Grund, warum sich Lady Merisan und ihre potentiellen Käufer für die Tagebücher interessieren. Gheta wird regelmäßig als "the harlot queen" bezeichnet. Da sie zugleich eine fluchbeladene und bösartige Untote ist, fällt es schwer, dies anders zu interpretieren als eine Form von "Slut-Shaming" im Fantasygewand – inklusive des miesen alten Motivs der "bösen Bisexuellen".

Alles in allem scheinen mir Blue und Unchained zu zeigen, dass Red Sonja in ihrer "klassischen" Gestalt endgültig in einer Sackgasse angekommen war. Es brauchte einen Befreiungsschlag, und diesen sollte Gail Simone denn auch auf höchst charmante Weise ausführen. Interessanterweise arbeitete sie dabei mit Walter Geovani zusammen, der auch Blue gezeichnet hatte.

Als die neue Serie Anfang März 2013 auf der Emerald City Comicon angekündigt wurde, beschrieb die Autorin ihre Herangehensweise wie folgt: 
It's like this...even most of the best female heroines when I was a kid were pretty polite. What I love about Sonja is that she isn't polite, she says what she means and if you give her any lip about it, hello, sword in the gut. She's smart, she has a heart, she has some compassion. But when it's go time, she's a hellraiser, a mad general, she's a sword edge virtuosa, she's death on wheels. She is the woman you never want to mess with. I can relate, Sonja. No offense to all her guy writers, but THIS Red Sonja is about sex and swords! It's everything you love about Red Sonja, except with more monsters getting stabbed in the eye.
Was das Quantum an Monsteraction betrifft, erfüllt die Serie zwar nicht so ganz die hier geweckten Erwartungen, insbesondere, wenn man zum Vergleich an die verrückten Tage der 70er Jahre - Sonja zurückdenkt. Aber davon abgesehen vermittelt Gail Simones Kommentar einen recht guten Eindruck von ihrer Neuinterpretation der Figur.
Ihre Reihe ist keine Dekonstruktion des "klassischen" Charakters. Ebensowenig handelt es sich bei der neuen Sonja um einen aggressiv formulierten Gegenentwurf zu ihren Vorgängerinnen, die  – ob nun implizit oder explizit  – als sexistisch verdammt würden. Wo Gail Simone ganz offen Teile des alten Konzeptes aufs Korn nimmt, geschieht dies mit mildem Spott. So etwa wenn Sonja dem dandyhaften Fechtmeister Oscric "the Untouched" begegnet, der nun seinerseits den alten "Schwur" abgelegt hat: "I will never lie with anyone, will never give myself in bed. Unless they first defeat me in battle." Was unsere Heldin so kommentiert: "That is without question the stupidest thing I have ever heard." Und das ist dann auch schon alles, was die Geschichte über diesen Punkt zu sagen hat.
Es ist deutlich zu spüren, dass dem Projekt eine echte Liebe zu der ursprünglichen Figur zu Grunde liegt. Gail Simone befreit Sonja bloß von all den etwas fragwürdigen Zutaten, die nicht nur mitunter einen leicht unangenehmen Beigeschmack hinterlassen, sondern auch ihrer vollen Entfaltung im Weg gestanden hatten. Zumindest für mich ist ihre Sonja das, was diese Sword & Sorcery - Heldin eigentlich schon immer hätte sein sollen, aber nicht sein konnte, solange man die Altlast des "Schwurs" und aller damit verbundenen krampfigen Komplikationen nicht losgeworden war.
Eine schöne Illustration für Simones Umgang mit der Figur ist der Chainmail Bikini. Obwohl dieser von mancher Seite ja gern als ein besonders krasses Beispiel der übersexualisierten Darstellung von Frauen in der Fantasykunst verdammt wird, wirft sie ihn nicht einfach über Bord. Vielmehr bekommen wir die ikonische Kostümierung im Laufe der Serie immer mal wieder zu sehen. Dabei wird er anders als bei Peter V. Brett nie zum Anlass für irgendwelche ironischen Kommentare. {Bei diesem fällt absurderweise sogar mal ganz direkt der Begriff "Chainmal Bikini"! Was eher peinlich wirkt. Handwerker in einem pseudomittelalterlichen Fantasydorf sollten keinen Begriff kennen, der seine Entstehung den Atombombentests der zweiten Hälfte der 40er verdankt!} Gail Simone hat offenbar kein Problem mit der erotischen Komponente der Figur, was sehr gut zu dem  unverkrampftem Umgang mit Sexualität passt, der ihre Geschichten auszeichnet. Andererseits ist der Bikini bei ihr nicht Sonjas einzige Form von Rüstung oder Bekleidung. Die Abenteurerin schlüpft von Heft zu Heft in recht unterschiedliche Kostüme. Damit wird die Identifikation der Figur mit der ebenso spärlichen wie ikonischen Rüstung aufgebrochen, sie wird nicht länger so stark über das definiert, was sie trägt.
Was "sex and swords" betrifft enthält die gesamte Serie zwar nur eine einzige echte Sexzene, und auch diese ist recht brav gehalten, dennoch ist Gail Simones Formulierung nicht völlig irreführend. Mit dem "Schwur" aus dem Weg nimmt auch dieser Aspekt von Sonjas Persönlichkeit eine Form an, die ganz ihrer im Allgemeinen so impulsiven und leidenschaftlichen Natur entspricht. Dabei sucht sie nie eine romantische Beziehung. Sex ist für Sonja einfach Spaß und steht dabei in einer Reihe mit anderen sinnlichen Genüssen wie Alkohol {auf den sie einen schier unstillbaren Durst besitzt}. Sie ist offensichtlich bisexuell, ohne dass die Comics dies je zum "Thema" machen oder irgendwie "problematisieren" würden.     

Gail Simones Red Sonja besteht aus drei längeren Geschichten – Queen of the Plagues (#1-#6), Art of Blood and Fire (#7.#12) und The Forgiving of Monsters (#13-#16) –, sowie einer Art Epilog (#17-#18).

Heft #1 und #3 präsentieren uns zwei Hintergrundsstories für unsere Heldin, eine völlig neue und eine revidierte Version der "klassischen".
Zu Beginn von Queen of the Plagues erleben wir, wie die Armee des edlen König Dimath den Sieg über die Truppen des Tyrannen Bazrat von Zamora erringt. {Die Geschichte dieses Krieges wird nie näher erläutert.} Nach dem Einzug in die befreite Hauptstadt Patra werden im Kerker des Palastes die letzten beiden Überlebenden von Bazrats grausamen Gladiatorenspielen entdeckt. Zwei halbtote Sklavinnen, die im Verlaufe dreier Jahre unzählige Male in der Arena gestanden haben. Die eine von ihnen ist Red Sonja, die andere Dark Annisia.
Diese Backstory erklärt wohl zur Genüge Sonjas glühenden Hass auf Sklaverei, der zu einer wichtigen Motivation für unsere Heldin in Art of Blood and Fire werden wird, sowie ihr tiefes Misstrauen gegenüber allen Monarchen und Aristokraten. {Auch wenn man davon ausgehen kann, dass sie für diese ohnehin noch nie viel übrig hatte.}
In Heft #3 dann blickt die dem Tode nahe Sonja auf das prägende Erlebnis ihrer Jugend zurück. Was wir dabei zu sehen bekommen, gleicht anfangs in vielem der alten Story aus The Day of the Sword (1975). Sonja wächst in einem kleinen Dorf in Hyrkania auf. Eines Tages erscheint dort ein Trupp von Briganten, der ihre Familie {Vater, Mutter, zwei Brüder} ermordet. Das Abmetzeln von Familie/Stamm/Volk, das die Heldin bzw. den Helden aus dem überkommenen Sozialgefüge herausreißt und mit der Anfangsmotiviation der Rache versorgt, ist ein alter Klassiker. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir das Motiv bisher häufiger im Sword & Sorcery - Film als in der - Literatur untergekommen ist – von Conan the Barbarian (1982) bis Ator l'invincibile (1982) und von Hundra (1983) bis Gunan Il Guerriero (1982). Dass Gail Simone von diesem Grundkonzept nicht abweicht, wundert mich darum auch nicht groß. Doch dann kommen die wirklich wichtigen Veränderungen: (1) Sonja wird nicht vergewaltigt. Das miese alte Motiv, der primäre Antrieb der Heldin liege darin begründet, ein Opfer sexueller Gewalt zu sein, wird endgültig über Bord geworfen. (2) Ebensowenig kommt es zu einer göttlichen Erscheinung oder dem Ablegen irgendeines "Schwurs". Sonja ist das, was sie ist, aus eigener Kraft geworden, und nicht dank irgendeiner Göttin.
Mit diesen beiden Hintergrundsgeschichten ist die Grundlage für die Neuinterpretation der Figur gelegt.

Queen of the Plagues ist ohne Zweifel die düsterste der drei Geschichten.

Kurz nach ihrer Befreiung durch Dimath trennen sich die Wege von Sonja und Annisia.
Doch unsere Heldin ist noch nicht gar zu weit in das wilde cimmerische Grenzland vorgestoßen, als sie auch schon von den Schwestern Ayla und Nias zurückgerufen wird, zwei überenthusiastischen jungen Mädchen, die Sonja ständig mit pompösen Titeln wie "Our Radiant Ladyship" anreden und Botinnen des Königs sind. Eine geheimnisvolle Seuche hat sich im Lande breitgemacht, durch die Dimaths Armee dezimiert wurde. Nun sieht sich Patra der Bedrohung durch ein zamoranisches Heer ausgesetzt, das alle von der Krankheit befallenen Städte dem Erdboden gleichmacht.
Da Dimath der erste König ist, von dem Sonja sagen kann, er habe Mitgefühl mit irgendjemandem gezeigt, kehrt die Kriegerin nach Patra zurück und versucht dort, den noch einigermaßen gesunden Teil der Bevölkerung, der hauptsächlich aus Frauen besteht, in wenigen Tagen zu einer kampffähigen Truppe zu machen. Doch als das riesige zamoranische Heer, das zu einem Gutteil aus monströsen Fischmenschen besteht, die Stadt erreicht, zeigt sich schon bald, dass keine Hoffnung auf Sieg besteht. Dimath fällt inmitten des Gemetzels und Sonja trifft auf den gefürchteten Feldherrn der Zamoraner, bei dem es sich zu ihrem Erschrecken um Dark Annisia handelt.
Die Erfahrungen ihrer dreijährigen Kerkerhaft und all der blutigen Arenakämpfe haben die junge Frau offenbar an den Rand des Wahnsinns geführt. Sie glaubt sich ständig von den Geistern all der von ihr Erschlagenen umgeben, mit denen sie Zwiesprache hält und die von ihr verlangen, dass sie ihre einsame Existenz im Totenreich erträglicher mache, indem sie ihnen möglichst viele neue Gefährten hinterher schicke.  Walter Geovanis Visualisierung dieser aus "Survivor's Guilt" geborenen Halluzinationen ist ziemlich beeindruckend. Annisia sieht in Sonja eine Verräterin am Andenken der von ihnen beiden Getöteten, und damit eine Verräterin an ihrer gemeinsamen Vergangenheit, was noch durch ihre einstigen Gefühle für Sonja verschärft wird.
Als während des Zweikampfs bei Sonja die ersten Symptome der Seuche ausbrechen und sie ihre Kräfte verlassen, bietet ihr die einstige Gefährtin einen Handel an: Sie wird die Bewohner von Patra fürs erste verschonen und sich damit begnügen, eine Quarantäne über die Stadt zu verhängen, wenn Sonja im Gegenzug ihre Niederlage eingesteht und in die Wildnis zurückkehrt, um dort in der Einsamkeit zu sterben. Unserer Heldin bleibt nichts anderes übrig, als auf diesen Handel einzugehen.
Aber selbstverständlich wartet in der verschneiten Landschaft der Grenzlande nicht der Tod auf sie. Auch wenn sie ihm verdammt nahe kommt. Wieder sind es Ayla und Nias, die ihr ein lebensrettendes Heilmittel bringen und sie nach Patra zurückführen. Und dort stellt sich schließlich heraus, dass sowohl Sonja als auch Annisia Opfer einer Intrige geworden sind, als deren Drahtzieher sich der gestürzte Tyrann Bazrat und Dimaths Alchimistensohn erweisen.
Am Ende siegt zwar "das Gute", doch Sonja sieht sich umgeben von Leichen, zu denen auch die ihrer einstigen Gefährtin gehört.    

Art of Blood and Fire ist in einem sehr viel lockereren Stil gehalten. Vor allem im ersten Heft #7 fühlte ich mich sogar ein bisschen an die durchgeknallten Stories der Original-Serie von 1977-79 erinnert. 

König Samala liegt im Sterben. Während er sich ein gewaltiges Mausoleum errichten lässt, beauftragt er Red Sonja damit, "the world's six greatest artisans" einzusammeln und zu ihm zu bringen, damit sie an seiner Abschiedsfeier von diesem Leben teilnehmen können: Der Welt größte/n Koch, Kurtisane, Tierbändiger, Fechtmeister, Astronomen und Tänzer. Wenn ihr dies in der vorgegebenen Zeit gelingen sollte, verspricht der Monarch, allen seinen Sklaven die Freiheit zu schenken. Doch sollte sie an der Aufgabe scheitern, werden dieselben gemeinsam mit ihrem Herrscher lebendig begraben. So wenig Sonja auch für Despoten wie Samala übrig hat, kann sie diesen Auftrag doch nicht ablehnen. Schließlich geht es um das Schicksal Tausender. Nichtsdestrotz erscheint ihr das Unternehmen reichlich absurd. Und der Umstand, dass sie die erste Zielperson – den Meisterkoch Gribaldi – in irgendeinem übelriechenden Sumpf unter feinschmeckerischen Kannibalen suchen muss, ist nicht eben geeignet, diese Einschätzung zu verändern.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Art of Blood and Fire einen stärker episodischen Charakter besitzt. Jedes der sechs Hefte ist einem der gesuchten Charaktere gewidmet. Außer dem Abschlussband, der ja auch noch das große Finale an Samalas Hof erzählen muss {Merke: Traue nie dem Wort eines Königs!}, und in dem deshalb nur wenig Platz bleibt, um den Meistertänzer Rakaua einzuführen. Was Gail Simone allerdings für eine wirklich neckische Eröffnungssequenz zu nutzen versteht: Die übelgelaunte Sonja stürmt mit gezücktem Schwert in ein Wirtshaus, bereit, jeden niederzumetzeln, der sich ihr in den Weg zu stellen wagt. Doch überraschenderweise erwartet man sie mit offenen Armen. Es gibt keine Widerstände zu überwinden, Rakaua ist bereits abreisebereit und Sonjas Aggressivität läuft auf ulkige Weise ins Leere.
Einige der Episoden enthalten klar erkennbare "politische" Botschaften, am deutlichsten die um den "Sterngucker" Plaitius, der als unverhüllte Fantasy-Version Galileos aufgrund seiner häretischen heliozentrischen Lehren in den Kerkern einer Hyborian Age - Variante der Heiligen Inquisition schmachtet. Nebenbei bekommen dabei auch der ebenso frauen- wie sinnenfeindliche Puritanismus und die Geld- und Machtgier einer etablierten, hierarchisch organisierten Religion ihr Fett ab. Besonders subtil ist das zugegebenermaßen nicht, aber was soll's? Ein anderes Beispiel wäre die Kurtisane Aneva, die gerade dabei ist, eine Gilde {sprich Gewerkschaft} für Prostituierte zu gründen, um ihre Berufsgenossinnen von der Ausbeutung durch den örtlichen Militärkommandanten und Chef-Zuhälter Captain Ferox zu befreien. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Elemente der Geschichte unter einem uns allen wohl sattsam bekannten Flügel des Phantastik-Fandoms zu dem üblichen Krakeelen über "politische Agenden" und SJWs geführt hat.
Der sympathischste Aspekt von Art of Blood and Fire besteht jedoch sicher aus den Interaktionen zwischen Sonja und den von ihr eingesammelten "Künstlern", deren Interessen und Leidenschaften ihr oft fremd und unverständlich sind. Warum z.B. muss Koch Gribaldi jede Mahlzeit so theatralisch zelebrieren, wenn man sich ebensogut einfach ein Stück Wild über dem Lagerfreuer braten könnte? Und weshalb weigert sich Plaitius halsstarrig, seinen bizarren Theorien über Planeten und Sterne formal abzuschwören, auch wenn ihn das das Leben kosten könnte? Für die praktisch denkende Sonja macht das alles anfangs wenig Sinn, aber mit der Zeit entwickelt sie Respekt und Zuneigung für ihre eigentümlichen Gefährten. Vielleicht am nettesten ist dabei die Freundschaft, die sich zwischen ihr und der Kurtisane Aneva entwickelt.

The Forgiving of Monsters beginnt auf einer ziemlich düsteren Note, findet aber einen ausgesprochen optimistisch-humanen Abschluss.
Der größenwahnsinnige Magier, der in Krypta oder Turm seinen finsteren Geschäften nachgeht und nur darauf zu warten scheint, dass Sonja endlich auftaucht, um ihn ins Jenseits zu befördern, gehört zum festen Repertoire des Red Sonja - Kosmos. Kalas-Ra bildet da keine Ausnahme. Allerdings kann der üble Geselle mit einem recht originellen Fluch aufwarten, als er endlich auf der Klinge unserer Heldin verröchelt: "You will never again forgive."
Sonja macht sich darüber vorerst keine großen Gedanken, zumal sie schon bald den von Selbstzweifeln geplagten Feuerzauberer Havan im Schlepptau hat, der sie für eine mächtige Hexenmeisterin hält, die ihm seine verlorengegangenen Kräfte zurückgeben könne. Der anhängliche Bursche ist zwar schon etwas lästig, aber wenigstens sieht er ziemlich gut aus ...
Bald schon allerdings zeigen sich die verheerenden Auswirkungen des Fluchs. Als die dankbare Bevölkerung eines benachbarten Dorfes, deren Kinder regelmäßig von Kalas-Ra entführt und im Zuge seiner diabolischen Experimente ermordet worden waren, Sonjas Sieg über den Magier feiert, und der Schankwirt ihr dabei aus Versehen einen Becher Wein über die Kleidung schüttet, prügelt die von blindem Zorn gepackte Abenteurerin den armen Kerl halb tot.  Nur mit Mühe und Not gelingt es den Anwesenden, das Schlimmste zu verhindern. Kurz zuvor hatte Sonja unter den Gästen des Wirtshauses Fellan entdeckt, den letzten Überlebenden des Brigantentrupps, der einst ihre Familie ermordete. Der hat die Situation klugerweise genutzt, um sich davon zu machen. Unsere Heldin, die hier ohnehin nicht mehr willkommen ist, macht sich umgehend auf die Jagd nach ihm. Endlich scheint der Zeitpunkt gekommen, ihre Rache zu vollenden. Dass sich zur selben Zeit Kalas-Ras Bruder Katharas-Ra mit ganz ähnlichen Zielen aufmacht, um dem Dorf einen Besuch abzustatten, kompliziert die Lage noch zusätzlich.
Eine mitunter ziemlich gewalttätige Impulsivität gehörte seit jeher zu Sonjas Charaktereigenschaften. So gesehen ist der Fluch bloß die Verstärkung einer immer schon vorhandenen Tendenz. Es ist darum auch kaum zu weit hergeholt, wenn man The Forgiving of Monsters als eine Art kritischen Kommentar auf diesen Aspekt unserer Heldin liest. Damit verknüpft wird das Motiv der Rache.
Sobald Sonja alle Hemmungen in Bezug auf ihren schnell aufflammenden Zorn und ihren Hang zu Aggressivität und Gewalt verloren hat, droht sie sehr rasch selbst zu einem mordgierigen Monster zu werden. Allerdings dauert es nicht gar zu lange, bis sie realisiert, welche Gefahr sie in diesem Zustand für die Menschen in ihrer Umgebung darstellt. In ihrer Verzweifelung weiß sie sich nicht anders zu helfen als durch einen grausigen Akt von Selbstverstümmelung. Sie verbrennt sich ihre Hände bis auf die Knochen!
Doch die Story endet wie gesagt auf einer positiven Note. Während Sonja im Sterben liegt {und im Jenseits einen kleinen Zweikampf mit dem [weiblichen] Tod ausfechtet}, versammeln sich alle ihre Freundinnen & Freunde aus den vorherigen Geschichten um ihr Lager, wo bereits Havan und die Dorfbewohner Wache halten. Ihre sechs Gefährten aus Art of Blood and Fire, die Leute von Patra mit den inzwischen zu Generälinnen gewordenen Ayla und Nias an der Spitze, ja selbst eine von den Toten zurückgekehrte Annisia. Und während Sonja aus eigener Kraft den Fluch von Kalas-Ra überwindet, wird ihre physische Gesundheit schließlich durch ein von Ayla, Nias und Annisia mitgeführtes Elixier wieder hergestellt. Ihre Rückkehr ins Leben wird, wie es sich für eine Red Sonja - Geschichte gehört, mit einer großen Party gefeiert, bei der der Wein in Strömen fließt.
Die "klassische" Red Sonja war eigentlich immer eine Einzelgängerin gewesen. Oft hatte sie sogar den Anschein erweckt, unfähig zu sein, längerwährende zwischenmenschliche Beziehungen eingehen zu können. Selbst der unselige "Schwur" ist von manchen Autoren in der Vergangenheit auf psychologisierende Weise mit diesem Charakterzug in Verbindung gebracht worden. {So lässt Peter V. Brett in Blue den jungen Bregan sagen: "Hiding behind your vow so you never have to care for anyone."} Zwar zieht auch Gail Simones Sonja meist allein auf Suche nach Gold, Wein, Sex und Abenteuern durch die Lande, aber sie ist sehr wohl fähig, innige Freundschaften zu schließen, die ihr sehr viel bedeuten und die mehr als einmal die Quelle ihrer Kraft und ihres Erfolgs sind. {Ein Motiv, das auch am Ende von Legends of Red Sonja steht.} 
Aber noch ist die Geschichte nicht ganz zu Ende. Erneut macht sich Sonja auf die Suche nach Fellan. Doch als sie den Mörder schließlich gefunden hat, verzichtet sie auf den Vollzug ihrer Rache. Zwar weiß sie nicht, ob sie dessen Beteuerungen von Reue und Umkehr glauben kann, doch sie will sich nicht länger von destruktiven Rachegelüsten beherrschen lassen: "I'm not doing it for your sake, Fellan. But for my own."

Wie eingangs erwähnt bilden Heft #17 und #18 eine Art Epilog. 

Nach einer wilden Nacht mit viel Alkohol und Sex sieht sich die arg verkaterte Sonja überraschend mit einer Gruppe von Nonnen  – drei jungen Novizinnen und einer ältlichen Äbtissin – konfrontiert, die in ihr die auserwählte Beschützerin ihrer heiligen Bibliothek sehen. Die tyrannische Herrscherin ihres Heimatlandes ist der Ansicht, dass Mädchen nicht in den Genuss von Bildung gelangen sollten, und will deshalb ihren Orden zerschlagen und ihre Bücherschätze vernichten.
Sonja ist anfangs nicht unbedingt wild darauf, in die ihr aufgedrängte Rolle zu schlüpfen. Die Nonnen sind ja ganz nett, aber ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um einen Haufen Bücher zu verteidigen? Sie selbst hat nie richtig Lesen und Schreiben gelernt und kann darum auch nicht nachvollziehen, was an irgendwelchen bekritzelten Papieren und Pergamenten so schützenswert sein soll. Doch dann beginnt eine der Novizinnen, ihr die Geschichte von Gravaha, einer Märchenheldin aus Sonjas Heimat Hyrkania, vorzulesen ...
Der Meta-Charakter dieses Epilogs ist unverkennbar. Es geht darum, wie uns Abenteuergeschichten nicht bloß unterhalten, sondern auch inspirieren können. Es geht um den Wert von Bildung und jeder Art von Literatur {für Mädchen, aber sicher nicht nur für diese}. Am Ende beginnt die Novizin Ubriah ein eigenes Buch zu schreiben: "She Devil with a Sword. The Adventures of Red Sonja" ...

Ich hätte gerne noch auf einige andere Punkte aus den Comics hingewiesen, manchen Absatz vielleicht auch lieber noch einmal überarbeitet, aber wenn ich noch länger an diesem Post herumschreibe, werde ich ihn am Ende vermutlich frustriert in die Ecke werfen und gar nicht veröffentlichen. Also kommen wir lieber rasch zum Schluss ...

Alles in allem ist Gail Simones & Walter Geovanis Red Sonja - Serie ganz einfach großartiger Sword & Sorcery - Spaß. Nicht gerade tiefgründig, aber dafür erfüllt von einem rebellischen, plebejischen, lebensbejahenden und humanen Geist. Allen Freundinnen & Freunden des Genres kann ich deshalb nur empfehlen, sich die Comics bei Gelegenheit einmal anzuschauen.



(1) Ich werde die Artikelreihe auf jedenfall fortsetzen, es kann aber noch etwas dauern, bis der nächste Beitrag fertiggestellt sein wird.
(2) Anfang 2018 hat Marvel die Rechte an dem Cimmerier zurückgekauft und dieses Jahr wird wohl ein neuer Marvel - Conan erscheinen.

Strandgut

Sonntag, 13. Januar 2019

Strandgut

Mittwoch, 2. Januar 2019

Strandgut

Ich habe endgültig beschlossen, kein wöchentliches Strandgut mehr zu veröffentlichen. 
Im letzten Jahr sind hier ganz allgemein weniger Beiträge erschienen als je zuvor, und ich gehe nicht davon aus, dass sich an dieser Tendenz in näherer Zukunft viel ändern wird. Das führte dazu, dass der Blog mitunter einer Aneinanderreihung von Linklisten glich, und dieser Anblick wirkte irgendwie deprimierend. Wie ich das Strandgut in Zukunft handhaben werde, weiß ich noch nicht. Alle zwei Wochen? Eine Art Monatsrückblick? Wir werden sehen ...