Als Liebhaber der Sword & Sorcery ist man ja beinah dazu verpflichtet, eine eher negative Meinung über L. Sprague de Camp zu haben. Sei es sein respektloser Umgang mit Robert E. Howards literarischem Nachlass (das Umschreiben historischer Abenteuer in Conan - Stories für Gnome Books in den 50ern), seine "Überarbeitungen" der Conan - Geschichten für ihre Neuveröffentlichung bei Lancer Books ab 1966, die Verwandlung des Cimmeriers in eine lukrative "Marke" unter seiner Kontrolle in den 70ern, der platte Freudianismus seiner Howard - Biographie Dark Valley Destiny (1983) -- es gibt wahrlich genug Gründe für den üblen Ruf, den er heutzutage in weiten Teilen der Szene genießt. Auch wenn dabei berechtigte Kritik sicher öfters mal in undifferenzierte Verdammung umschlägt.
Manch ein Fan zählt vermutlich auch die zahllosen Conan-Pastiches, die de Camp von 1967 bis 1980 gemeinsam mit Lin Carter zu Papier brachte, zu den "Sünden" des guten Mannes. Dazu habe ich keine persönliche Meinung, da ich kein einziges der Bücher gelesen habe. Sehr viel interessanter finde ich ohnehin seinen ersten eigenen originären Beitrag zum Genre, den Pusadian - Zyklus.
Wie man diesem Beitrag von Gary Romeo auf dem Blog spraguedecampfan entnehmen kann, war es Fletcher Pratt, der L. Sprague de Camp 1950 mit Conan the Conqueror, der bei Gnome Books erschienenen Version von The Hour of the Dragon, bekannt machte. Anders als sein Autorenkumpel war de Camp sofort Feuer und Flamme:
Pratt thought little of Conan the Conqueror, holding it weak on internal logic. But when I began it, I was so fascinated as to be, you might say, struck all of a heap. I hunted up all the Howard stories I could find. With my head full of prehistoric adventure fantasy. in November 1950 I started a Bronze Age fantasy of my own ...
Der Arbeitstitel war The Gorgon God und offenbar brauchte es einige Anläufe, bis de Camp den Roman schließlich bei Wings Publishing unterbringen konnte. Dort erschien er im Winter 1951 in der vierten Ausgabe von Two Complete Science-Adventure Books als The Tritonian Ring. Kombiniert mit H.G. Wells' Klassiker The Time Machine. Einige Jahre später erwarb Twayne die Rechte für eine Buchversion und 1953 kam der Roman erneut auf den Markt, diesmal zusammen mit drei kürzeren Pusadian - Erzählungen (The Stronger Spell, The Owl and the Ape & The Eye of Tandyla), die in der Zwischenzeit in verschiedenen Magazinen veröffentlicht worden waren.
Ich würde ganz sicher nicht so weit gehen, The Tritonian Ring als einen vergessenen Klassiker der Sword & Sorcery zu bezeichnen. Aber meiner Ansicht nach gebührt ihm durchaus ein respektabler Platz in den Annalen des Genres. Und er hätte es verdient, "wiederentdeckt" zu werden, falls das nötig sein sollte.
L. Sprague de Camp gelang es zur selben Zeit über Donald Wollheim Kontakt zu Oscar Friend, dem Chef von Gnome Books, aufzunehmen. Ab 1952 "überarbeitete" er dort eine ganze Reihe von Howard-Stories für die Veröffentlichung und verfasste Einleitungen zu vier Conan-Bänden. Glaubt man Friend, so versuchte de Camp wohl schon zu dieser Zeit, die Kontrolle über den Cimmerier an sich zu reißen. Am 14. März 1954 schrieb der Verleger jedenfalls in einem Brief an P.M. Kuykendall, in dessen Besitz sich die Rechte an Robert E. Howards literarischem Nachlass befanden:
There is one smart writer now who has been doing some work for us in rewriting several Howard stories, and he keeps pressing for a larger cut and keeps slipping in side remarks to the effect that if he wants to he can and will go ahead on his own and write about Conan as the author is dead, etc., etc. And I’ve warned him that I’ll sue the pants off him if he makes one silly move of this nature before the CONAN material runs out of copyright (56 years). (1)Vor diesem Hintergrund erstaunt es um so mehr, dass The Tritonian Ring keineswegs eine Art simples Howard-Pastiche darstellt.
In seiner Rezension von Conan the Conqueror, die in der Aprilnummer 1951 von Astounding Science Fiction erschien, kritisierte de Camp Howard vor allem für "a tendency carelessly to throw his imaginary world together anyhow, so that the poor carpentry shows".
In seinen eigenen Werken "korrigierte" er gerne die "Fehler", die er bei anderen Autoren auszumachen glaubte. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl sein Zeitreiseroman Lest Darkness Fall (1939), den er in Reaktion auf Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur's Court verfasste. Ebenso ist die bronzezeitliche Welt von The Tritonian Ring als Gegenentwurf zum bunten Wirrwar des Hyborian Age zu sehen. Alle dargestellten Kulturen befinden sich annähernd auf dem gleichen zivilisatorischen Entwicklungsniveau. Unterschiede erklären sich in erster Linie aus geographischen Begebenheiten oder dem (mangelnden) Zugriff auf bestimmte Rohstoffe. Und anders als bei Howard gibt es keine offensichtlichen Analoge zu realhistorischen Völkern, es sei denn, man wäre geneigt, einige rassistische Klischees wie die blutgierigen, kamelreitenden Wüstennomaden oder die schwarzen Kannibalen zu dieser Kategorie zu zählen. In einer Vorbemerkung zur 1971 erschienen Neuauflage des Romans betont de Camp zwar, die Geschichte habe "nothing to do with my serious opinions on such subjects as lost continents, human prehistory, and the origins of civilization", aber hier und da ist doch etwas von seinem Interesse an realen frühen Kulturen und ihrer Technologie zu spüren.
All das macht die Welt von The Tritonian Ring sicher etwas in sich konsistenter. Und für einen Kritiker wie Damon Knight bestand darin auch eine der hervorstechenden Qualitäten des Romans:
De Camp himself is a Howard enthusiast of long standing; still, Howard’s dream-stuff must have irritated him occasionally for its stubborn refusal to take into account that a sword must be forged, that a king must have subjects, and in short that men are not made of gingerbread nor cities of spun sugar.De Camp's love for swordplay and pageantry has never blinded him to any of these facts, as people lucky enough to have read Divide and Rule or The Stolen Dormouse know without being told. For those who haven't, one example will do: Howard handed his barbarian hero a steel blade, without worrying about where it came from. De Camp, considering that steel would be as anachronistic as a wristwatch, hands his a bronze-bladed sword -- and shows him carefully straightening out the dents in it after each encounter. (2)
In seinem 1956 erschienen Essayband In Search of Wonder wiederholt er diese Einschätzung, wenn er schreibt: "Howard's tales lack the de Camp verisimilitude -- Howard never tried, or never tried intelligently, to give his preposterous saga the ring of truth".
Es fällt nicht schwer, zu verstehen, warum Damon Knight in diesem vermeintlich größeren "Realismus" den Hauptvorzug von The Tritonian Ring zu erkennen glaubte. Der Kritiker und Ex-Futurian war Vertreter und Verfechter einer sich selbst als "rationalistisch" verstehenden Science Fiction. Mit Fantasy konnte er ganz allgemein wenig anfangen und hielt das Genre im Grunde für den Ausdruck einer kranken Psyche: "All the great fantasies, I suppose, have been written by emotionaly crippled men." (3) De Camps Worldbuilding in The Tritonian Ring schien ihm dagegen Ausdruck eines rationaleren Geistes zu sein und rückte die Erzählung damit zumindest etwas näher an sein eigenes Ideal heran.
Mir hingegen erschien dieser Aspekt bei der Lektüre eher nebensächlich. Was Damon Knight in seiner Rezension schreibt, erinnert ein wenig an Teile von Poul Andersons Essay On Thud and Blunder, der 1978 im dritten Band von Andrew Offutts Anthologien-Reihe Swords Against Darkness erschienen ist. Und im Grunde halte ich viel von Andersons Forderung, dass sich Heroic Fantasy - Autor*innen mehr Gedanken darüber machen sollten, wie die Gesellschaft, in der ihre Geschichten spielen, funktioniert und wie das Alltagsleben in ihr aussehen würde. Aber genau das macht de Camp in The Tritonian Ring eigentlich nicht. Und seine Welt wirkt auf mich auch nicht "realistischer" oder "glaubwürdiger" als etwa das Hyborian Age. Allein schon deshalb, weil dem der Ton entgegensteht, in dem der Roman geschrieben ist. Schaut man sich ein bisschen unter den Rezensionen um, die 1954 nach der Buchveröffentlichung erschienen, liest man da viel von "swashbuckling cloak-and-dagger swordplay" (4) oder "swashbuckling fun with a touch of bawdiness" (5). Falsch ist das zwar nicht, aber es wundert mich doch ein wenig, dass dabei nirgends der ironische Unterton erwähnt wird, der sich durch das gesamte Buch zieht, und der zumindest für mich The Tritonian Ring zu einer so vergnüglichen Lektüre gemacht hat. Nicht dass das Buch eine offene Parodie auf Howard oder die gesamte Sword & Sorcery der ersten Generation wäre. Aber es ist doch ganz offensichtlich mit einem amüsierten Schmunzeln geschrieben worden.
Schon die Eröffnungsszene setzt den Ton für den Rest der Erzählung. Wir werden Zeugen einer Götterversammlung. Den Unsterblichen droht eine fürchterliche Gefahr, deren genaue Natur zwar auch ihnen verschlossen ist, die aber irgendwie mit dem Prinzen Vakar von Lorsk zusammenhängt. Also beschließen sie, ein besonders kriegswütiges Volk, die "Gorgonen", zu einem Eroberungsfeldzug gegen den Kontinent Poseidonis (oder Pusard) anzustacheln, auf dem sich auch Lorsk befindet.
Sieht man in The Tritonian Ring eine Art Antwort auf Howards Conan-Geschichten, dann fällt zuerst einmal auf, dass ein solches Szenario dort unvorstellbar gewesen wäre. Götter tauchen bei Howard nicht als handelnde Figuren auf. Und der Cimmerier selbst vertritt eine erklärt skeptische Sicht, wenn es um derartige Fragen geht. ("I have known many gods. He who denies them is as blind as he who trusts them too deeply." [Queen of the Black Coast]). De Camp nimmt hier eher Bezug auf antike Heldenepen wie Homers Odyssee oder Vergils Aeneis. Allerdings schildert er dabei die Götter auf eine Art, die es uns unmöglich macht, sie (und damit den ganzen mythischen Unterbau der Handlung) hundertprozentig ernst zu nehmen. So etwa, wenn er schreibt:
"We might pray to our gods for guidance," said the small bat-eared god of the Coranians, whereupon all the gods laughed, being hardened skeptics.Manchmal ist es nicht mehr als ein scheinbar achtlos hingeworfener Nebensatz, mit dem de Camp diese ironische Wirkung erzielt. So etwa, wenn sich die Erzählung zum ersten Mal unserem Helden Vakar zuwendet und die Beschreibung des Königspalastes von Lorsk in einer stürmischen Frühlingsnacht mit der Bemerkung endet: "Outside in the castle courtyard the pigs huddled together to keep warm." Man könnte das zwar als Teil des vermeintlichen "Realismus" auffassen, doch zugleich wird der Szene damit etwas von ihrer genreüblichen Gravitas genommen.
Während Gerüchte über eine bevorstehende Invasion der Gorgonen den König erreichen, führen die divinatorischen Rituale des Hofmagiers Ryn und der Hexe Gra zu einem überraschenden Ergebnis: "Send Prince Vakar to seek the thing the gods most fear." Und so beginnt das Abenteuer.
Floyd C. Gale, regelmäßiger Rezensent von Galaxy Science Fiction, schrieb einmal "de Camp did a remarkable job when he tossed his inhibitions to the wind and out-Conaned Conan in his own Tritonian Ring". (6) Ein Kommentar, der sich natürlich auch daraus erklärt, dass Sword & Sorcery für die meisten damals identisch mit Conan war, der aber dennoch etwas irreführend ist. Denn Vakar ist alles andere als ein Clonan. Ebensowenig ist er der "Gallant Prince", als den ihn Robert Frazier in seiner Rezension für Fantastic Universe beschrieben hat. Im Grunde ist er überhaupt keine sonderlich "heroische" Gestalt. Was die Figur zu einem der interessantesten Bestandteile des Romans macht.
Bei seinem ersten Auftritt beschreibt de Camp seine Erscheinung als "a bit vacuous (for age and experience had not yet stamped his features with character) and a bit foppish." Als designierter Thronerbe eines Königreiches ist Vakar zu Beginn der Handlung etwas verwöhnt und versnobt. So ärgert er sich zum Beispiel gehörig, dass er auf seine Queste, die er in aller Heimlichkeit antreten soll, weder seine schmucke Prunkrüstung noch einen ganzen Tross von Bediensteten mitnehmen kann. Sein einziger Begleiter ist sein leidgeprüfter Leibsklave Fual. Kaum haben die beiden die Hauptstadt hinter sich gelassen, wird Vakar auch schon vom erstbesten Schankwirt übers Ohr gehauen, weil er nicht die geringste Vorstellung davon hat, wieviel man für eine Übernachtung und ein Abendmahl normalerweise bezahlt. Im Laufe seiner abenteuerlichen Reisen kommt es zwar zu einem gewissen Reifungsprozess. Nachdem er selbst eine Auspeitschung hat über sich ergehen lassen müssen, kommt ihm zum Beispiel der Gedanke, dass er in Zukunft vielleicht darauf verzichten sollte, den armen Fual bei jedem noch so kleinsten Vergehen zu verprügeln. Doch alles in allem bleibt er für einen Heroic Fantasy - Protagonisten bis zum Schluss angenehm "durchschnittlich". Aber eben auch etwas aristokratischer Schnösel.
Vor allem ist Vakar kein großer Krieger, auch wenn er sich in den meisten Kämpfen, in die er während seines Abenteuers verwickelt wird, durchaus zu behaupten versteht. Während der ersten großen Rauferei wird beschrieben, dass er sich "caterpillar-like" über das Schiffsdeck bewege. Ein hübsches Beispiel für de Camps Stil, denn dabei sollen wir sicher an die "panthergleiche Geschmeidigkeit" denken, mit der Helden wie Conan für gewöhnlich ihre Kämpfe bestreiten.
Vakar hat auch überhaupt nicht die Ambition, ein großer Heroe zu werden. Immer wieder beklagt er sich darüber, dass er seine Zeit viel lieber damit verbringen würde, seine Nase in irgendwelche Bücher zu stecken oder den Lehren der Philosophen zu lauschen. Für den Spross eines Königreiches, das allgemein für seine Krieger und Athleten berühmt ist, ist Vakar außergewöhnlich gebildet ("[he] could read over a thousand pictographs") und hat die Angewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit alliterierende Verse aus irgendwelchen Epen zu zitieren. Noch ganz am Ende seiner Queste sagt er zu seiner Angebeteten Königin Porfiria:
I am neither hero nor adventurer, but a quiet bookish fellow who would like to settle down in Sederado and study philosophy. In all these fights and flights I have never known that mad joy of battle of which the epics speak. Before the combat I am frightened, during it I am confused, and after it I am weary and disgusted.
Vakars eher unheroischer Charakter spiegelt sich auch in der Beziehung wieder, die sich zwischen ihm und Porfiria entwickelt. Ja, sie ist das typische "Love Interest" für unseren Helden und nicht viel mehr (über weite Teile der Handlung verschwindet sie sogar ganz). Aber sie verliebt sich nicht deshalb in ihn, weil er so "männlich", stark und heldenhaft wäre, sondern einfach weil sie ihn nett und sympathisch findet. Ganz zu Beginn der Erzählung beschreibt sie Vakar, dem sie zehn Jahre zuvor schon einmal begegnet ist, ihrem Chefratgeber gegenüber so:
Though no great beauty or mighty athlete, there was something about him -- an irreverent wit, a soaring fancy, a keenness of insight, unlike most of his lumpish compatriots
Und als sie sich dann wiederbegegnen ist das erste, worauf sie ihn anspricht, ein Tanzwettbewerb, den die beiden damals gemeinsam gewonnen hatten.
Freilich möchte ich nicht die Illusion aufkommen lassen, dass The Tritonian Ring in Bezug auf Geschlechterklischees oder die Darstellung von Sex außergewöhnlich fortschrittlich wäre. Porfiria wird zwar als selbstständig und klug dargestellt, und de Camp macht sie nie zur Damsel-in-distress, die von Vakar gerettet werden müsste. Doch andererseits reißt sie sich beim abendlichen Festgelage nach ein paar Gläsern Wein die Kleider vom Leib und legt einen nackten Tanz zu Ehren der Mondgöttin hin.
De Camp hat eine Vorliebe für kleine Anzüglichkeiten und einige der sexy Abenteuer, die Vakar auf seiner Queste erlebt, werden einem vielleicht einen irritierten Stoßseufzer entlocken. Andere fand ich hingegen durchaus amüsant. So wenn sich eine aufreizend-halbnackte Tänzerin unserem Helden umgehend an den Hals wirft, nur um sich wenige Augenblicke später in einen Zombie zu verwandeln, der als bloße Ablenkung zu ihm in sein Schlafgemach geschickt wurde. Das scheint mir dann doch klar als eine Parodie auf das Klischee des "unwiderstehlich-männlichen" Sword & Sorcery - Helden à la Conan gedacht zu sein, dem jede hübsche Maid früher oder später hilflos an die Brust sinkt.
Soweit zu unserem Protagonisten. Seine Queste ist eine hübsch abstruse Hetzjagd, die Vakar kreuz und quer durch de Camps bronzezeitliche Welt führt, immer mit dem gorgonischen Zauberer Qasigan auf seinen Fersen. Natürlich entpuppt sich der namensgebende "Ring der Tritonen" als der Gegenstand, den die Götter am meisten fürchten. Doch ironischerweise wird Vakar das Schmuckstück nur ganz kurz in Händen halten, bevor es auch schon (mitsamt einem bösen König) im Magen eines Krokodils verschwunden ist. Stattdessen muss unser Held dann das Meteoreisen finden, aus dem der Ring geschmiedet wurde, um sich ein neues Artefakt anfertigen zu lassen.
Bei der Schilderung der Länder, die Vakar und Fual durchwandern, fühlte ich mich manchmal eher an Gulliver's Travels als an das Hyborian Age erinnert, auch wenn de Camp selbstredend nicht den Witz und die satirische Schärfe eines Jonathan Swift besitzt. Besonders gelungene Beispiele waren für mich zum einen das Nekromantenreich Belem, dessen Herrscher am liebsten das ganze gemeine Volk enthaupten lassen und in Untote verwandeln würde, denn könnte es bessere Untertanen geben als kopf- und damit auch hirnlose Zombies? Zum anderen die "nackten Puritaner" von Gamphasantia, die nicht nur jede Art von Bekleidung ablehnen, sondern sich auch für das tugendhafteste Volk der Welt halten, in Wirklichkeit aber ein Haufen bigotter, xenophober Ignoranten und Heuchler sind, die es jedem verbieten, die "verderbten" Länder jenseits ihrer Grenzen zu besuchen und die unerwünschte Fremde ohne viel Federlesens den Löwen zum Fraß vorwerfen, da sie dann ja selbst kein Blut vergießen, das Problem aber trotzdem beseitigt ist. Neben solchen satirischen Abstechern enthält The Tritonian Ring freilich noch genug Swashbuckler-Spaß mit Monsterkrabben, Medusen und miesen Magiern.
Abschließend stellt sich mir die Frage, ob der Roman darüberhinaus noch so etwas wie eine "tiefere Bedeutung" hat. Vakar ist eine Art "Auserwählter", aber er ist das auf eine eigentümlich verdrehte Weise. Er handelt nicht im Auftrag göttlicher Mächte oder eines abstrakten "Schicksals". Die Götter sind vielmehr seine Widersacher. Was ihn besonders macht ist, dass die Unsterblichen keinen direkten Kontakt zu ihm aufnehmen und ihn nicht mittels Visionen oder Träumen manipulieren können. Und das Meteoreisen, das er aufspüren soll, besitzt die Fähigkeit, auch andere Menschen vom göttlichen Einfluss abzuschirmen. Deshalb fürchten die Götter es so sehr:
In time the gods took counsel, for it occurred to them that if knowledge of this metal became widespread, all men would seek to carry a bit of it, and then the gods would be unable to communicate with men, who would forget the gods and cease to worship them, which for a god is virtual death.
Man könnte das Ganze als eine Art Metapher auf die beginnende Emanzipation der Menschheit von der Macht des Mythos interpretieren. Gegen Ende der Erzählung prophezeit Porfirias Hexenvertraute Charsela denn auch:
"The star-metal will some day cast the very gods from their thrones, for with it men will be cut off from their gods, as to benefits, punishments, and mere communication."
"Then no more gods?" said Rethilio [der Philosoph].
"No; there will be gods, but mere ineffectual wraiths, kept in being by their priests to enable these priests to live without toil on the offerings of the credulous. I have seen it in my visions."
"And then," said Vakar, "all men would be like me, who have never conversed with the smallest godlet. Which might not be a bad thing."
So weit ich weiß war L. Sprague de Camp überzeugter Atheist und Materialist. Aber auch wenn eine entsprechende Botschaft ohne Frage in The Tritonian Ring enthalten ist, bleibt die Erzählung als Ganzes letztlich zu leichtfüßig-ironisch, um sie in dieser Hinsicht ganz ernst zu nehmen.
The Tritonian Ring erschien ganz am Ende der ersten Phase der Sword & Sorcery. Die Lesergunst hatte sich zu dieser Zeit bereits weitgehend der Science Fiction zugewandt. Und wie wir bereits am Beispiel von Damon Knight gesehen haben, hegte man im Kreis der SF-Fans oft nur wenig Sympathie für Geschichten über schwertschwingende Helden und finstere Zauberer. So spricht z.B. auch die Rezension in der Februarausgabe 1954 des Magazine of Fantasy & Science Fiction recht herablassend von "swordplay and bloodshed, which seem to us to bear little relation to science fiction or fantasy." (7) De Camps eigener Aussage zufolge, brachten ihm die ersten beiden Veröffentlichungen des Romans (die Pulpversion von 1951 & die Buchversion von 1953) zusammen gerade einmal "a meager $600" ein. Erst als The Tritonian Ring 1968 erneut aufgelegt wurde (und das dann auch noch mit einem Frank Frazetta - Cover) stellte sich ein größerer Erfolg ein. Der Sword & Sorcery - Boom der zweiten Phase war in vollem Gange und die inzwischen siebzehn Jahre alte Erzählung konnte bequem auf der Welle mitschwimmen. Weitere Auflagen folgten 1971 und 1977 (dann sogar bei Ballantine / Del Rey). Dennoch fand The Tritonian Ring nie wirklich Aufnahme in den "Kanon der Klassiker". Was vielleicht auch nicht ganz unbegründet ist. Dennoch fände ich es nett, wenn das Buch nicht völlig in Vergessenheit geriete. Und man sich auch in S&S-Kreisen L. Sprague de Camps nicht allein im Negativen erinnern würde.
(1) Zit nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 309.
(2) Science Fiction Adventures, Mai 1954. S. 124.
(3) Damon Knight: In Search of Wonder. Essays on Modern Science Fiction. S. 19.
(4) Fantastic Universe, Mai 1954. S. 159. (Robert Frazier).
(5) Astounding, August 1954. S. 151. (P. Schuyler Miller).
(6) Galaxy Science Fiction, Juli 1956. S. 102.
(7) Magazine of Fantasy & Science Fiction, Februar 1954. S. 94.




