"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 19. Mai 2022

Ein Ring sie zu ... ?

Am 1. Februar dieses Jahres starb im Alter von 85 Richard L. Tierney -- einer der Großen Alten der Sword & Sorcery und der Weird Fiction. Ich habe vor, in nicht gar zu ferner Zukunft einen etwas längeren Beitrag über seinen Simon of Gitta - Zyklus zu schreiben, in dem ich mich dann auch etwas eingehender mit Leben & Werk des Schriftstellers beschäftigen werde. Doch erschien mir dieses Projekt eine ausreichende Entschuldigung, um mir die sechs Red Sonja - Romane zu organisieren, die Tierney zusammen mit David C. Smith in den 80ern für Ace Books geschrieben hat. Schließlich habe ich in dieser Hinsicht inzwischen einen gewissen Ruf zu wahren. Das erste dieser Bücher -- The Ring of Ikribu -- wurde kurioserweise später selbst wieder im Rahmen von The Savage Sword of Conan als Comic adaptiert. Da die Idee auch den Zuspruch einiger Twitter-Bekannter gefunden hat, habe ich beschlossen, zuerst einmal eine kurze Besprechung dieses Zwillings-Werkes hier einzuschieben.
 
Richard Tierney und David Smith hatten sich Mitte der 70er Jahre durch den Esoteric Order of Dagon, eine damals sehr rührige Assoziation lovecraftianischer Fans und Fanzines, und den Kritiker Dirk Mosig kennengelernt. Wie Smith 2019 in einem Interview mit Joe Bonadonna erzählt hat:
We were both early members of the Esoteric Order of Dagon, the Lovecraft APA, and Dirk had kindly agreed to read and comment on the manuscript of Oron, which I’d completed in 1974. Sword-and-Sorcery fiction is not really something Dirk is interested in, or wasn’t at the time, but he liked Oron and mentioned it to Dick. By this time, I’d learned about Dick’s work, and he agreed to read Oron. I met Dick and Dirk and other good people in the fall of 1975, when I traveled with Roger Bryant, who was then the editor of the EOD, to St. Paul for Oktoberfest.
Oron war Smiths erster Sword & Sorcery - Roman, das Debüt seines gleichnamigen conanhaften Heroen und der Startpunkt für einen schließlich fünf Bände umfassenden Zyklus. Durch Tierneys Vermittlung gelangte das Manuskript auf den Schreibtisch des New Yorker Literaturagenten Kirby McCauley. Der nahm Kontakt zu Roberta Grossman von Zebra Books auf. Oron konnte er dort zwar nicht auf Anhieb unterbringen (der Roman würde erst 1978 erscheinen), aber dafür erhielt Smith das Angebot, ein Bran Mak Morn - Pastiche für den Verlag zu schreiben, da man befürchtete, dass Karl Edward Wagner diesen Auftrag nicht in der verabredeten Zeit erledigen werde. Smith lieferte alsbald ein Exposé für For the Witch of the Mists ab, aber auch dieses Projekt zerschlug sich erst einmal. Stattdessen sollte er nun einen Roman über Howards Piraten "Black" Terence Vulmia schreiben. Was ihm gar nicht ungelegen kam.
I’d always wanted to write a pirate novel and had an abandoned one in my files. Roberta accepted my initial chapter and outline, and I spent the winter of 1976-1977 in my little apartment in Erie, Pennsylvania, during one of the worst blizzards of the century, writing about pirates and witches in the Caribbean. 
Kaum war das Manuskript von The Witch of the Indies akzeptiert, als auch der Bran Mak Morn - Roman erneuts aufs Tapet kam, denn Wagner hatte die Arbeit an Queen of the Night inzwischen tatsächlich endgültig aufgegeben. Smith beschloss, das Projekt gemeinsam mit seinem Kumpel Dick Tierney anzugehen. Dieser hatte selbst bereits einige Erfahrung mit Howard-Pastiches. 1974 hatte er im Auftrag von Donald M. Grant und Glenn Lord den Sammelband Tigers of the Sea zusammengestellt. Von den darin enthaltenen Geschichten über den irischen "Wikinger" Cormac McArt waren Tigers of the Sea und The Temple of Abomination Fragmente, die Tierney fertiggeschrieben hatte.*
 
For the Witch of the Mists öffnete die Tür für den Deal mit Ace Books. McCauley vermittelte Smith und Tierney einen Vertrag über vier Red Sonja - Bücher, der später auf sechs erweitert wurde. The Ring of Ikribu erschien 1981. Die beiden schrieben durchschnittlich zwei der Romane pro Jahr. Neben ihren persönlichen Projekten. Der Modus Operandi, den sie dabei entwickelten, sah folgendermaßen aus: Am Anfang stand ein gemeinsames Brainstorming. "He and I would toss ideas around for a while" (Tierney). Woraufhin Smith einen ersten Entwurf zu Papier brachte. Diesen würde Tierney dann mehr oder weniger stark überarbeiten und "aufpolieren": "I’d then work it over thoroughly, often deleting and rewriting whole sections and finally polishing it up for publication." Nach Smiths Einschätzung war dies die den jeweiligen Vorlieben und Talenten der beiden perfekt angepasste Arbeitsteilung:      
Dick and I were friends, and he told me right up front that he’d prefer to have me do the first drafts, and I agreed. His natural habitat was the library, where he could read and do research to his heart’s content. I was most comfortable looking at a blank sheet of paper and putting down whatever scene was there in my imagination at the time. So I did all the first drafts and Dick polished them.
Die Vorgaben seitens des Verlages waren offenbar sehr allgemein gehalten und die beiden hatten ziemlich große Freiheit in ihrer Gestaltung der Figur, wie Tierney erzählt:
We were told to follow Roy Thomas’s conception of her as a Hyborian Age heroine, but as you know, we didn’t present her as the comic-book babe in the steel bikini through most of the novel series.
Bei den ersten paar Büchern schickte Smith seinen Entwurf dennoch erst einmal an Roy Thomas, um dessen Segen zu erhalten. Doch so wie es aussieht, brachte dieser kaum Änderungswünsche vor. Smith erwähnt nur einen einzigen Fall im Zusammenhang mit The Ring of Ikribu:   
I remember that in the first one, he nixed my idea of having a Cimmerian warrior show up south of the border. He was right, of course; it was just my idea of trying to sneak in a Conan-type character for a scene or two.
Mit dem hünenhaften Söldner Som gibt es eine Nebenfigur in dem Roman, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie ursprünglich dieser Cimmerier gewesen ist. Handfeste Belege habe ich dafür allerdings nicht.
 
Doch bevor wir uns dem Inhalt des Romanes zuwenden, noch ein kleiner Schlenker: Zwei Jahre zuvor war in der Novemberausgabe 1979 von Space and Time eine Story von David C. Smith mit dem Titel The Blood Ransom of Ikribu erschienen. So wie es aussieht wurde sie in dem 2020 bei Pulp Hero Press herausgebenen Sammelband Tales of Attluma als Blood Ransom erneut abgedruckt. Demnach gehört sie zu dem Zyklus von Kurzgeschichten, die in der Welt von Smiths Clonan Oron angesiedelt sind. Oder wurde diesem zumindest nachträglich vom Autor zugeordnet. Leider habe ich keine Ahnung, ob eine Beziehung zwischen der Story und dem Red Sonja - Roman besteht. Ist der Ikribu aus dem Titel derselbe finstere Ältere Gott? Und entspricht das mythisch-metaphysische Element des Romans -- und damit auch seine "Philosophie" -- dementsprechend in erster Linie Smiths Ideen? Wäre interessant zu wissen ...
 
Das Buch selbst beginnt jedenfalls mit einem Fehlgriff, denn die Erzählung wäre meines Erachtens sehr viel effektvoller gewesen, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die Konfrontation zwischen dem Äonen alten, kürzlich aus seinem Todesschlaf erwachten Hexer Asroth und dem exilierten Herzog und Söldnerführer Pelides gibt im Grunde alle wichtigen Momente der Hintergrundsgeschichte Preis. Wir erfahren, dass Pelides im Auftrag des Magiers ein antikes Artefakt, den titelgebenden "Ring von Ikribu", finden und heben sollte. Erzürnt über den anhaltenden Misserfolg seines Handlangers und dessen "Repektlosigkeit" (=Mangel an Unterwürfigkeit) belegt Asroth ihn mit einem fürchterlichen Fluch, der das Gesicht des Herzogs auf so grausige Art verunstaltet, dass sein bloßer Anblick jeden Betrachter in den Wahnsinn stürzen würde. Nachdem er noch ein paar von Pelides' besten Kriegern mit wenig mehr als einer Handbewegung ins Jenseits befördert hat, startet er einen erneutem Versuch, mit Hilfe seiner magischen Künste den ´Fundort des Rings ausfindig zu machen. Und unter Aufbietung all seiner Kräfte gelingt es ihm tatsächlich, die kurze Vision einer Stadt heraufzubeschwören. Einer Stadt, die er kennt ...
 
Die eigentliche Handlung startet an einem der Lieblingsörtlichkeiten  der Sword & Sorcery -- einer eher nicht so noblen Taverne, in der's hoch hergeht. Vor einem tagelangen, wüsten Unwetter Schutz suchend, hat sich hier ein wilder Haufen von Söldnern und Haudegen eingefunden. Der junge, idealistisch-naive Allas bemüht sich vergebens, unter ihnen Soldaten für seinen Herrn Olin anzuheuern, der einen Feldzug zur Rückeroberung seiner Stadt Suthad vorbereitet. Schließlich wird eine seiner pathetischen Reden durch die Ankunft eines weiteren Neuankömmlings unterbrochen -- der Roten Sonja.
 
Es lässt sich nicht vermeiden, wir müssen kurz darauf zu sprechen kommen: Unsere Heldin trägt auch bei ihrem Romandebüt den Chainmail Bikini:
Hochgewachsen und hellhäutig war sie, mit langem, zerzaustem flammendrotem Haar -- und sie trug Rüstung. Von ihrem Waffengürtel hingen ein Langschwert in der Scheide und ein Dolch. Ihre Rüstung bestand aus einem knappen Mieder aus Schuppenblättchen, das bis unter ihren Busen reichte, und einem kurzen Rock. Eine gut gearbeitete, silberne Rüstung war es, doch von großem Nutzen sicher nicht. Vermutlich trug sie sie auch weniger zum Schutz, denn als Zeichen ihres ungezähmten Geistes.
Einerseits ist das nachvollziehbar. Schließlich ist Der Ring von Ikribu eine Art Tie-In - Novel zu der Comicfigur. Und zu dieser Zeit war der Bikini nun einmal Sonjas Standardkostüm. Die von Frank Thorne gezeichnete Serie war zwar 1979 eingestellt worden, aber auch in der in der Oktoberausgabe 1980 von Conan the Barbarian erschienenen Story A War of Wizards trägt sie ihn immer noch. Das würde sich erst 1983 mit dem Neustart der Soloserie ändern.
Andererseits wirkt diese "Rüstung" im Kontext eines Romans noch sehr viel unsinniger als in einem Comic. Die Sword & Sorcery - Kunst der 70er Jahre -- mit ihren Wurzeln in der Pulp-Kunst früherer Jahrzehnte -- strebte keine "realistischen" Darstellungen an. Sie hatte "cool" auszusehen. Natürlich kann man die extrem sexualisierte Erscheinung einer Figur wie Red Sonja aus guten Gründen kritisieren. Aber in der visuellen Ästhetik der S&S - Comics der Zeit macht der Chainmail Bikini durchaus "Sinn". Er soll sexy wirken. Eine andere Daseinsberechtigung braucht er nicht. Bei der Übertragung in ein nicht-optisches Medium geht dies weitgehend verloren. Wodurch seine eigentliche Absurdität erst recht ins Auge springt und nun mit etwas lahm wirkenden "Erklärungen" kaschiert werden muss.
Allerdings ist es schon auffällig, dass der Chainmail Bikini im Rest des Buches höchstens noch einmal flüchtig Erwähnung findet. Die Einführungsszene wirkt deshalb mehr wie eine Pflichtübung. Sonjas Attraktivität wird zwar immer mal wieder hervorgehoben, aber sie wird dabei nicht übermäßig sexualisiert. Eine Szene, auf die wir noch genauer zu sprechen kommen werden, ist dabei besonders interessant. Vor allem, wenn man zum Vergleich Esteban Marotos Comic-Adaption hinzuzieht.
David C. Smith hat über seine Herangehensweise an die Figur einmal folgendes gesagt:  
What I am proudest about, regarding the Sonjas, is that I was very aware that we were writing stories about a strong woman character, and I loved that idea. I like strong women; I like intelligent women; those are the types of women who raised me and whom I grew up around, basically country people and working class people, regular folks. They’d been raised during the Great Depression and lived through World War II. My dad and his brothers had fought overseas in wartime. They all knew what the world was made of. This is how I grew up. So I considered Sonja to be the kind of good-looking redhead country woman who could walk into a truck stop, put down as many beers as any guy, beat him at arm wrestling, and kick the ass of any trucker who tried to go too far with her. 
"Strong Woman" ist sicher so ein Begriff, der mit etwas Vorsicht zu genießen ist, kann er doch sehr schnell zu einem Klischee werden. Aber Sonja als eine Art Working Class - Heldin zu sehen, kommt natürlich sehr meinen eigenen Ideen von Sword & Sorcery als der plebejischen Fantasy entgegen. Und ist mir entsprechend sympathisch. 
 
Was sich nach Sonjas Ankunft in der Taverne abspielt, entspricht ziemlich genau dem "Truck Stop" - Szenario. In späteren Red Sonja - Comics begegnet man unzähligen Variationen auf diese Szene. Aber als Smith & Tierney ihren Roman schrieben, war sie glaube ich noch nicht völlig zum Klischee verkommen. Jedenfalls sorgt sie dafür, dass wir sehr schnell ein gutes Bild von Sonja bekommen: She doesn't take bullshit und ist verdammt flink mit der Klinge. Anders als später üblich, ist es kein männliches Großmaul, das den Ärger auslöst, sondern eine der Schankmaiden, die die Kriegerin verspottet und provoziert, wofür sie einen ordentlichen Tritt in den Hintern bekommt. Was dann allerdings einer der Söldner als Beleidigung "seines Mädchens" auffasst, so dass es doch noch zu Schwertgeklirre und Blutvergießen kommt.
Sonja hat damit sofort den Respekt aller Anwesenden gewonnen. Als es Allas gelingt, sie für Lord Olins Feldzug anzuheuern, dauert es deshalb nicht lange, und der ganze wilde Haufen folgt ihrem Beispiel. Zu dem Trupp gehört auch der Hüne Som, ein erfahrener, aber im Grunde irgendwie gutmütig wirkender Veteran, der schon bald kameradschaftliche Bande mit unserer Heldin anknüpft.
 
Im Heerlager angekommen trifft Sonja zuerst einmal Herzog Pelides. Der ehemalige Kriegsherr trägt nunmehr einen schwarzen Helm mit maskenartigem Visier, um sein grausiges Antlitz zu verbergen. Da es Asroth war, der Suthad angegriffen und erobert hat, hat Pelides sich Olin angeschlossen, da er hofft, im Verlauf des Feldzugs seine persönliche Rache an dem Hexer nehmen zu können. Sonja misstraut ihm instinktiv und schätzt ihn als gefährlichen Fanatiker ein.
Die einzige Frau im Lager scheint Tias zu sein, Allas' Geliebte (oder Verlobte?), die mindestens ebenso naiv wie er selbst ist. Da der junge Offizier sich "natürlich" ein bisschen in Sonja verknallt hat, ist Eifersucht fürs erste ihr hervorstechendes Charaktermerkmal. Überhaupt macht sie über weite Strecken des Buches keinen sonderlich sympathischen Eindruck, wirkt wie ein reiches, verzogenes Gör, das ständig schmollt und schimpft, wenn es einmal nicht nach ihrem Kopf geht. Doch wenn man sich ihre Lage einmal richtig vor Augen führt, ist ihr Verhalten eigentlich gut nachvollziehbar. Als Tochter einer aristokratischen Familie in behüteten Verhältnissen aufgewachsen, wurde sie auf brutalste Weise aus diesen herausgerissen und in eine Situation versetzt, in der sie sich gänzlich hilflos und verloren fühlen muss. Dass sie sich um so fester an Allas klammert, ist eigentlich verständlich. Interessanterweise ist sie die einzige Person, die einen Funken Menschlichkeit und Mitgefühl in dem sonst emotional völlig tot wirkenden Pelides zu wecken vermag. Auch macht sie im Laufe der Erzählung von allen Figuren die vielleicht stärkste charakterliche Entwicklung durch.
Und dann ist da natürlich noch Olin selbst. Ein charismatischer Heerführer mit menschlichen Zügen, der allerdings völlig auf die Rückeroberung seiner Stadt fixiert ist und im weiteren Verlauf der Handlung selbst zunehmend fanatischer wird.
 
Obwohl sie ja eigentlich bloß als einfache Söldnerin angeheuert wurde, dauert es nicht lange und Sonja gehört zum inneren Kreis um Olin. Als das Lager von geflügelten Monstren überfallen wird, bei denen es sich makabrer Weise um die schwarzmagisch mutierten, von den Toten auferweckten Leibgardisten des Fürsten handelt, kann sie ihr überragendes Kampfgeschick unter Beweis stellen, was ihr schon einmal seinen Repekt einbringt. Doch beginnt der Heerführer alsbald auch noch ganz andere Gefühle für sie zu entwickeln.
 
An diesem Punkt spaltet sich die Geschichte -- für mich zumindest -- in zwei Teile auf. Auf der einen Seite die eigentliche "Abenteuer"handlung, die mir ziemlich gut gefallen hat. Auf der anderen die Olin-Sonja-"Romanze", von der ich das leider nicht unbedingt behaupten kann.
 
Beginnen wir mit dem Positiven. Nachdem das Heer in Richtung Suthad aufgebrochen ist, legt sich eine langsam wachsende bedrohlich-beunruhigende Atmosphäre über die Erzählung, die Smith & Tierney recht geschickt heraufzubeschwören verstehen. Des Nachts erspäht man geheimnisvolle Lichter (Lagerfeuer?) in der Ferne, am Morgen ist fernes Donnergrollen zu vernehmen, das mit Sicherheit kein Gewitter ankündigt. Man stößt auf keinerlei Widerstand und als man schließlich die Stadt erreicht, wirkt diese auf den ersten Blick wie ausgestorben. Tatsächlich gibt es zwar einige Überlebende, doch scheinen diese sämtlichst den Verstand verloren zu haben und schlurfen zombiegleich durch die Gassen. Auf Straßen und Plätzen liegen überall Haufen verrottender, stinkender Leichen, an denen sich die Aaskäfer gütlich tun. Von Asroth und seiner "Geisterarmee" findet sich keine Spur. Ist der Hexer noch in Suthad oder hat er sich zurückgezogen? Und wenn ja, warum? Ist dies eine Falle? Warum hat Asroth die Stadt überhaupt überfallen? Der Anblick von so viel scheinbar sinnlosem Tod und Leid versetzt Olin allmählich in einen monomanischen Zustand von Hass, hilfloser Wut und Rachsucht. Derweil kommt es zu immer heftigeren Spannungen zwischen den regulären Truppen und den Söldnerhaufen, die sich selbst durch eine partielle Freigabe der Stadt zum Plündern nicht lange befriedigen lassen.
 
An dieser Stelle zeigt sich meiner Ansicht nach besonders deutlich, warum es besser gewesen wäre, wenn es den Prolog nicht geben würde. Die verstörende Atmosphäre wäre noch einmal um einiges intensiver, wenn wir als Leser*innen genau so wenig über Asroth und seine Ziele wüssten, wie Sonja und ihre Gefährten. Wenn die Zerstörung, die er über Suthad und seine Bewohner gebracht hat, uns ebenso willkürlich und sinnlos erscheinen würde. Auch wäre es sehr viel effektvoller gewesen, wenn wir Asroth nicht am Anfang der Geschichte als alten Mann auf seinem Thron gesehen hätten, sondern er für den gesamten Handlungsverlauf eine finstere ferne Präsenz geblieben wäre. Zumal wir ihm nicht noch einmal als "normalem", lebendigen Menschen begegnen werden. Ich schätze, der Prolog existiert hauptsächlich dazu, den Lesenden einen leichteren Einstieg in die Geschichte zu ermöglichen. Aber leichter ist eben nicht immer besser.

Als Sonja für sich allein durch die verödeten Straßen streift, erblickt sie plötzlich eine Gestalt, die irgendwie nicht hierhin zu gehören scheint:
Es war keine große Gestalt -- dem Gang nach ein Mann. Er trug eine einfache graue Kutte, wie sie sie an Priestern, Einsiedlern und auch Zauberern gesehen hatte. Er schien auf nichts ringsum zu achten; trotzdem stahl er sich dahin, als wäre er auf der Flucht.
Sie stellt den Mann, der sich als Stygier namens Sopis entpuppt. Er lässt sich widerstandslos in den Palast führen, in dem Olin sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, zeigt dabei aber keinerlei Furcht, sondern vermittelt eher den Eindruck abgeklärter Überlegenheit.
Als es kurz darauf zum Ausbruch offener Feindselighkeiten zwischen Söldnern und regulären Truppen kommt, nutzt Sopis die Verwirrung, um sich erneut davonzustehlen. Nur Sonja folgt ihm und gelangt dabei schließlich in ein höchst merkwürdiges Turmgemach:
Sonjas erster und verwirrter Eindruck war, daß der Raum eine Falle für sie darstellte. Er war auf die verrückteste Weise gewinkelt und zwar mit voller Absicht. Der Fußboden schien schräg abwärts zu einer Ecke zu verlaufen, die Decke sich in seltsamer Weise in die entgegengesetzte Richtung zu neigen, und die Wände waren schief. Die Geometrie war verkehrt. Sonja spürte, daß irgendwie Dinge -- Menschen -- Kräfte -- so sicher in diesen wahnsinnigen Winkeln festgehalten werden konnten, wie ein Kind einen Käfer in einem Weinbecher festzuhalten vermochte.
Eigentlich macht es überhaupt keinen Sinn, dass sich dieses lovecraftianische Gemach in einem der Türme des Fürstenpalastes von Suthad befindet. Am ehesten ließe sich vorstellen, dass die Anwesenheit Asroths den Raum selbst "verzerrt" hat. Nichtsdestoweniger ist das ein angemessener Ort für Sopis' Enthüllungen über die wahre Bedeutung der Ereignisse. Nun erfährt auch Sonja von dem Ring von Ikribu, den der von den Toten auferstandene Hexer in dieser Stadt gesucht, aber nicht gefunden hat. Sopis selbst offenbart sich als Mitglied einer stygischen Bruderschaft, die den Älteren Gott Ikribu verehrt und gleichfalls nach dem Ring verlangt. Allerdings nicht, um damit die Welt zu erobern, sondern um Asroth für immer zu zerstören. Man könnte meinen, dies müsse Sopis und Sonja zu Verbündeten machen, doch als der Priestermagier ihr mit triumphalem Grinsen den Ring zeigt, weiß sie, dass der Kerl nicht vorhat, sie nach seinem Vortrag am Leben zu lassen.
Allein das Auftauchen der großartig grotesken Tentakelmonster, die Asroth auf Olins Heer angesetzt hat, verhindert das vorzeitige Ableben unserer Heldin. Beim Einsturz des Turmes kommt Sopis selbst ums Leben und der Ring fällt in Sonjas Hände.
Nach einem weiteren blutigen Gemetzel sieht die Situation folgendermaßen aus: Obwohl sein Heer inzwischen deutlich zusammengeschmolzen ist, will Olin zu Asroths gar nicht so ferner Festung marschieren und mit dem Hexer abrechnen. Pelides wiederum lässt endlich erkennen, dass auch er hinter dem Ring her ist. Und er hat keinen Zweifel, dass dieser sich inzwischen in Sonjas Besitz befindet. Diese selbst ist sich unsicher, was zu tun ist, und hält das Artefakt fürs erste vor Freund und Feind verborgen.
 
An diesem Punkt drängt sich dann leider für ein halbes Kapitel die "Romanze" in den Vordergrund.
Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass Olin und Sonja romantische Gefühle füreinander entwickeln. Ich hätte so einen Subplot zwar nicht gebraucht, aber an sich ist daran natürlich nichts schlimmes. Das Problem sind die Gründe, warum es dennoch nicht zu einer Beziehung zwischen den beiden kommen kann. Denn wir haben es in diesen Romanen ja mit der von Roy Thomas geschaffenen Figur zu tun. Sie hat also den berüchtigten "Keuschheitseid" abgelegt und geschworen, nur mit dem Mann Sex zu haben, der sie im Zweikampf bezwingen kann.
Das Motiv selbst ist übrigens ziemlich alt. So enthält z.B. bereits die im 10. Jahrhundert entstandene arabische Geschichtensammlung Tales of the Marvellous and News of the Strange (Kitab al-Hikayat al-Ajiba wa-l-Akhbar al-Ghariba) die Figur der Prinzessin Mayasa, "[who] would only accept as a husband a man who could defeat her in combat". Thomas selbst erwähnt im Vorwort zu Der Ring von Ikribu einige Zeilen aus W. B Yeats' Theaterstück On Baile's Strand als Inspiration. In diesem, auf den heldenepischen Überlieferungen des Ulster-Zyklus basierenden Drama erzählt die Figur Fintain von der amazonenhaften Königin Aoife: "I overheard her telling that she never had but one lover, and that he was the only man who overcame her in battle."**
Doch im Falle von Red Sonja ist das Motiv halt unauflöslich mit dem Hintergrund ihrer Vergewaltigung und der anschließenden Göttererscheinung verbunden, durch die die in ihr schlummernde Kraft entfesselt wurde. Und dazu möchte ich eigentlich gar nichts weiter sagen, sondern bloß Jessica Amanda Salmonsons Kommentar aus Amazons! zitieren: "Ich persönlich finde den Gedanken, daß man Frauen erst einmal vergewaltigen muß, damit sie die Wandlung vom 'Opfer' zum 'Kämpfer' vollziehen können, nicht gerade einnehmend."***Und sie drückt das noch zurückhaltend aus.
Smith & Tierney trifft hier keine direkte Schuld. Sie hatten sich an Roy Thomas' Vorlage zu halten. Wenn Sonjas Gedanken zu den schrecklichen Ereignissen aus ihrer Vergangenheit abschweifen, wird zum Teil wörtlich Thomas' erstmals 1975 erschienene Story The Day of the Sword zitiert. Aber es ist nun einmal so, dass sobald ein romantisches Element Eingang in eine dieser Geschichten findet, das beinah automatisch in unangenehme Gefilde führen muss. Manches in Der Ring von Ikribu spricht dafür, dass Smith & Tierney die "Göttererscheinung" (und damit auch den "Keuschheitseid") psychologisch zu deuten versuchen. Aber ein pulpiger, actiongeladener Sword & Sorcery - Roman scheint mir kaum der geeignete Ort für eine ernsthafte Beschäftigung mit den psychologischen Folgen sexueller Gewalt zu sein. Und entsprechend "unangemessen" wirkt auch das Ergebnis. Auch hätte ich wirklich dankend darauf verzichten können, einen Blick in Red Sonjas erotische Träume zu werfen.
Glücklicherweise erschöpft sich der ganze "romantische" Subplot mehr oder weniger in dem einen Kapitel. In dem müssen wir dann zwar die etwas abgeschmackte Abfolge von *Kuss* -- Sonja: "Ich will ja, aber ich kann nicht!" -- Olin: "Warum nicht?" -- Sonja: "...." -- Olin: "Sag es mir!" -- Sonja: "Mein Eid" -- Olin: "Dann kämpfen wir halt" durchlaufen. Aber zum Glück für alle Beteiligten (einschließlich der Leserschaft) tauchen zur rechten Zeit noch ein paar finstere stygische Magierpriester auf, die das Duell der beiden unterbrechen und die Handlung wieder in abenteuerlichere Bahnen lenken.          
 
Abenteuerlichere und zunehmend finstere.
Olins Armee ist auf etwa tausend Mann zusammengeschrumpft, als sie sich erneut in Marsch setzt. Niemand scheint so recht zu wissen, was geschehen soll, wenn man die Festung Asroths erreicht hat. Besteht überhaupt eine Chance, mit Schwertern und Speeren gegen die magischen Kräfte des Hexers anzukommen? Doch der Fürst ist unerbittlich in seinem Verlangen, Asroth seiner gerechten Strafe zuzuführen, und versteht, seine Mannen mitzureißen. Derweil verlangt Pelides immer aggressiver, dass man ihm den Ring aushändige. Nur er sei in der Lage, Asroth mit Hilfe des Artefaktes zu bezwingen. Doch Sonja bleibt unschlüssig und ihr Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Herzog ist unverändert groß. 
Rosig ist die Lage also ohnehin nicht, doch bald schon legt sich eine immer bedrückendere Atmosphäre über die Truppe, die nicht allein auf die wenig hoffnungsvolle Situation zurückgeführt werden kann. Ein Soldat, der plötzlich von Wahnsinn übermannt seine Kameraden attackiert, ist nur der erste Vorbote für das kommende Unheil. Pelides' Warnung in den Wind schlagend führt Olin das Heer in ein Sumpfgebiet, da dies der direkteste Weg zu Asroths Festung ist. Unter den Männern machen sich Angst und Verunsicherung breit. Dann beginnen eine ganze Reihe von ihnen im Schlaf zu sterben. Sonja selbst fällt dem beinah zum Opfer. Die Situation eskaliert schnell, als erst Horden von Zombies und schließlich der zu monströsem Leben erwachende Sumpf selbst über die rasch dahinschmelzende Truppe herfallen.
 
Ich war etwas überrascht, wie kompromisslos finster der Ton des Romans auf diesen letzten hundert Seiten wird. Olins Feldzug entpuppt sich mehr und mehr als ein ebenso blutiges wie sinnloses Unterfangen. Seine Leute sterben zu Hunderten. Am Ende sind von den 1000 Mann, die Suthad verlassen haben, wenig mehr als ein Dutzend übrig. Der Heerführer selbst wirkt dabei zunehmend verblendet. Wenn Tias ihm schließlich vorwirft, ein Wahnsinniger zu sein, der sie alle ins Verderben führt, fällt es schwer, der verzweifelten jungen Frau zu widersprechen. Schließlich findet Olin selbst den Tod im Kampf gegen die Sumpfmonster. Und am Ende sind es nicht Sonja und die kleine Schar der Überlebenden, die Asroth zur Strecke bringen, sondern Pelides und die stygischen Priestermagier.
Erstaunlicherweise funktioniert der "romantische" Subplot in diesem Kontext am Besten. Sonja und Olin sprechen zwar nicht noch einmal über ihre Gefühle, aber dafür gibt es ein-zwei Momente, in denen wir spüren können, was sie füreinander empfinden, ohne dass es dafür leidenschaftliche Deklamationen oder heiße Küsse bräuchte. Und wenn Sonja bei Olins Tod jede Selbstkontrolle verliert und sich voll berserkerhafter Wut und Verzweifelung auf die Monster stürzt, ist dies gleichfalls eine ziemlich eindrückliche Szene.
Auch mit Allas stellen Smith & Tierney in diesem letzten großen Abschnitt noch einmal interessantes an. Zuerst bekommt man den Eindruck, der junge Offizier solle den Typ des naiven Jünglings verkörpern, der durch die Erfahrung des Krieges zum "Mann" heranreift. Doch bei genauerer Betrachtung trifft das eigentlich nicht zu. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieses (üble) Klischee sunbersiv unterlaufen wird. Denn der Feldzug erweist sich ja letztenendes als völlig sinnlos. Wenn Allas tatsächlich einen Reifeprozess durchmacht, so nicht, weil er im Kampf "gestählt" wurde und gelernt hat, andere totzuschlagen, sondern weil er Wahnsinn und Leid miterlebt hat, ohne an ihnen zu zerbrechen. Ähnliches gilt für Tias.
 
Das Grauen dieses hoffnungslosen Feldzugs ist eng verknüpft mit dem Ring, ohne dass ganz klar wäre, wie genau wir diese Verbindung zu verstehen haben. Pelides erzählt Olin folgendes über die Natur des Artefaktes:
Dieser Gott, Ikribu, soll ein Gott des Blutes und Kampfes gewesen sein. Die schwarzen Armeen des alten Kheba und Ishadris verehrten ihn als Kriegsgott und opferten Tausende in Schlachten ihm zu Ehren. Und zuvor soll er einer der Älteren Götter gewesen sein -- jene Gottheiten, die den Menschen und alle andere Leben erschufen, um sich von den Kräften zu nähren, die durch Leiden und Tod ausgestrahlt werden. Einige ihrer Artefakte wurden besonders dazu erschaffen, die Menschen auf den Pfad des Wahnsinns und Untergangs zu führen, eben damit die Kräfte frei würden für die Älteren Götter. Der Ring soll ein derartiges Artefakt sein; ein Ring der Macht, ein Ring des Wahnsinns!
Ist es am Ende gar nicht Asroths Magie, gegen die Olin und seine Männer kämpfen und durch die sie schließlich zugrunde gehen, sondern die des Ringes? Ist es sein Einfluss, der den Fürsten auf seinen letztlich sinnlosen Kreuzzug gegen den Hexer getrieben hat? Ist das große Gemetzel, dem am Ende nur ein kleines Häuflein entkommt, in Wahrheit ein riesiges Schlachtopfer, an dem sich der monströse und ewig gierige Ikribu ergötzen kann?
Der Roman gibt darauf keine eindeutige Antwort. Der Ring schützt Sonja zeitweise vor einigen der übernatürlichen Bedrohungen. Er rettet Pelides das Leben und spielt eine wichtige Rolle bei der letztlichen Vernichtung Asroths. Und doch ist er ganz offenbar ein böses, verderbenbringendes Artefakt. Er steht für die Kräfte von Wahnsinn und Chaos. 
Der Einfluss des lovecraftianischen kosmischen Horrors ist hier unverkennbar. Aber mit diesem Motiv werden wir uns im Zusammenhang mit den Simon of Gitta - Geschichten noch zur Genüge beschäftigen, in denen Cthulhu-Mythos und spätantike Gnosis eine ganz eigentümliche Verbindung eingehen. Darum hierzu erst einmal nichts weiter.
Diese Kräfte völlig zu überwinden, scheint dem Menschen unmöglich zu sein. Dennoch gilt es, ihnen mit erhobenem Haupt entgegenzutreten. Am Ende sagt Sonja zu den stygischen Priestermagiern, die Ikribu dienen und ihm Opfer darbringen, um ihn zu besänftigen:
Eines Tages finden wir [Menschen] vielleicht die Kräfte und das Wissen, gegen diese Ungeheuer vorzugehen und sie zu vernichten, so daß sie nicht mehr >beschwichigt< werden müssen. Ich wollte, ich könnte mein Schwert dafür leihen. 
Ein wenig erinnert mich das an die Worte von Robert E. Howards Solomon Kane in Wings in the Night:
Over the souls of men spread the condor wings of colossal monsters and all manner of evil things prey upon the heart and soul and body of Man. Yet it may be in some far day the shadows shall fade and the Prince of Darkness be chained forever in his hell. And till then mankind can but stand up stoutly to the monsters in his own heart and without, and with the aid of God he may yet triumph.
Hierin liegt auch der Grund, warum die Geschichte für mich bei aller Düsternis nicht die Grenze zum Grimdark überschreitet. Olins Feldzug, dem Aberhunderte zum Opfer fallen, erweist sich letztendes zwar als sinnlos, aber seine Motive waren nicht fehlgeleitet, auch wenn sie sich gegen Ende vielleicht mit blindem Fanatismus vermischen. Das Ganze ist eher tragisch als zynisch. Das zeigt sich auch in der Figurenzeichnung. Strahlende Helden gibt es sicher keine in Der Ring von Ikribu, aber auch keine amoralischen Antihelden, die gerade deshalb "cool" und "edgy" wirken sollen. Mit Ausnahme Asroths, der eher eine finstere "Macht" als ein Individuum ist, zeigen am Ende alle zumindest Spuren von Menschlichkeit und Empathie, selbst so düster-zweideutige Gestalten wie Pelides und die Stygier. Und gerade darin besteht für mich eine der Stärken des Romans.
 
Abschließend noch ein paar Worte zur deutschen Ausgabe. Bizarrerweise versucht der Klappentext die Red Sonja - Bücher als Tie-in - Novels zum Brigitte Nielsen / Arnold Schwarzenegger - Streifen von 1985 zu verkaufen, indem er die filmische Backstory der Figur anzitiert: "Als die Soldaten der grausamen Königin Gedren ihre Eltern und ihren Bruder ermorden, schwört sie ihre Familie zu rächen." Ich habe keine Ahnung, wie bekannt die Red Sonja - Comics Mitte der 80er Jahre hierzulande waren. Aber bei Heyne dachte man sich offenbar, mit dem Film könnte man eher Leser*innen ködern. Die Qualität von Lore Strassls Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich das englische Original ja nicht kenne. Auffällig sind aber ein paar Archaismen wie "Dämmernis" und "Jungmann" -- obwohl ich finde, das letzterer Begriff Allas irgendwie sehr gut charakterisiert. Im englischen Text gibt es wohl eine Szene, in der plötzlich eher unpassende Ausdrücke wie "assholes" und "get fucked" fallen. Die wurden in der Übersetzung allem Anschein nach rausredigiert und durch angemessenere "hyborianische" Schimpfworte wie "ihr Hunde" ersetzt. Was durchaus den Wünschen von Tierney und Smith entsprochen haben dürfte. Denen hatte damit nämlich ein Copyeditor bei Ace einen bösen Streich gespielt, wie Smith in einem Interview erzählt:
I didn’t write that and neither did Dick. In fact, he found a copy of the book on the racks first, in December 1981, and phoned me in anger to ask how the hell I’d managed to put anachronistic cuss words into those scenes. I ran out and found a copy of the book and saw it for myself. I phoned Kirby, and that led to Susan Allison’s phoning me to explain that she’d had nothing to do with it, that those changes had been inserted into the copy by an angry copyeditor who’d done it because he’d been fired. So, thanks, unknown asshole, whoever you are and wherever you are out there now.
Über die von Roy Thomas getextete, von Estaban Maroto gezeichnete Comic.Adaption habe ich nur wenig zu sagen. Sie erschien erstmals 1995 in Nr 230-33 von Savage Sword of Conan. Eine kolorierte Fassung wurde 2010 bei Dynamite als Nr. 1-4 von Classic Red Sonja Re-Mastered herausgegeben. Über die Qualität der Zeichnungen reicht es vielleicht zu sagen, dass Esteban Maroto sich später sehr deutlich von dem Comic distanziert hat und ihn als eine Auftragsarbeit bezeichnete, die er am liebsten ungeschehen machen würde. In seinem Vorwort zu The Ballad of the Red Goddess ("Letter to a Redheaded Goddess") klingt das folgendermaßen:
They asked me to do a story with you dressed in a steel breastplate and some leather straps, which made you look like a Roman centurion or a transvestite disguised as a drag queen. I'm a contractor who must work for money, so I accepted the job. It was like making love with a street hooker, some episodes I'd rather forget and hope you can forgive me.    
Mit dem Fehlen des Chainmail Bikinis hatte ich jetzt keine Probleme. Und gerade in den späten Ausgaben von Savage Sword of Conan sind mir auch schon schludriger gezeichnete Comics untergekommen. Doch wenn man The Ring of Ikribu durchblättert, hat man tatsächlich fast nirgends den Eindruck, ein Werk von Maroto vor Augen zu haben. Und schon das allein ist im Grunde ein vernichtendes Urteil.
Nur an zwei Stellen hatte ich das Gefühl, Anklänge an seinen persönlichen Stil erkennen zu können. Und vielleicht nicht zufällig sind beides Szenen, in denen Maroto Sonja nackt und "erotisch" in Szene setzen konnte. Dabei finde ich vor allem die Darstellung des Alptraums, der unsere Heldin beinahe in den Abgrund des Todes reißt, sogar ziemlich gelungen und eine der besten Passagen des Comics. In gewisser Weise noch interessanter ist allerdings das andere Beispiel, denn dabei handelt es sich um eine Badeszene. Solche finden sich in Comics (und auch Filmen) ja häufig aus keinem anderen Grund als dem, eine Entschuldigung dafür zu liefern, warum man eine weibliche Figur unbekleidet zeigen kann. Und Maroto hat sie auch sofort genutzt, um Sonjas Körper möglichst erotisch darzustellen. Doch erstaunlicherweise gibt es diese Szene tatsächlich auch im Roman, wo sie allerdings eine völlig andere Funktion besitzt. Dort fungiert das Bad als eine Art "privater Raum", in dem erst Tias, dann Pelides "Vier-Augen-Gespräche" mit Sonja führen können, abseits der "Öffentlichkeit" von Olins Kriegsrat. Dass unsere Heldin dabei nackt ist, wird auch nicht ansatzweise dazu genutzt, sie zu sexualisieren oder eine "erotische Spannung" zu erzeugen. Ich will Maroto nicht vorwerfen, dass er die Gelegenheit auf seine Art "ausgenutzt" hat. Finde es bloß interessant, wie die Übertragung in ein visuelles Medium einer Szene plötzlich einen ganz anderen Vibe verleihen kann.
Inhaltlich hält sich der Comic zwar ziemlich genau an seine Vorlage. Doch entsteht leider nie so richtig die bedrückend-bedrohliche Atmosphäre, die so viel zur Qualität des Romanes beiträgt. Alles in allem sicher nicht der schlechteste Red Sonja - Comic, den ich je gelesen hätte, aber auch keiner, den ich irgendjemanden in die Hand drücken würde.



 

* Solche "posthumen Kollaborationen" (um August Derleths Begriff zu verwenden) waren in den 70ern eine weitverbreitete Praxis, nicht nur im Zusammenhang mit dem Howard-Boom, der durch L. Sprague de Camps Neuauflage der Conan-Stories bei Lancer Books ausgelöst worden war. So "vollendete" z.B. Lin Carter vier Clark Ashton Smith - Fragmente, die im wiederbelebten Weird Tales (1973) und Ted Whites Fantastic (1975/76) erschienen. Drei der Stories nahm er auch gleich in seine eigenen Year's Best Fantasy Stories - Anthologien auf. Vier weitere würde er in den 80er Jahren anfertigen.

** William Butler Yeats: On Baile's Strand. Meiner (sicher sehr bruchstückhaften) Kenntnis altirischer Heldenepik zufolge, hatte Aoife anders als Mayasa (oder Sonja) allerdings keinen vergleichbaren Eid abgelegt. Vielmehr gehört zu den drei Forderungen, die Cú Chulainn nach ihrer Niederlage an sie stellt, die, ihm einen Sohn zu gebären ...  

*** Jessica Amanda Salmonson: Amazonen!. S. 68. 

Montag, 16. Mai 2022

Strandgut

Dienstag, 19. April 2022

Strandgut

Montag, 18. April 2022

A Trip Down Memory Lane

Meine allerersten Begegnungen mit der phantastischen Literatur liegen irgendwo verborgen im Dunkel kindlicher Vergangenheit. Mit ziemlicher Sicherheit wird es sich dabei um irgendwelche Bücher gehandelt haben, die mir von meinem Vater vorgelesen wurden. Aber außer ganz vagen Erinnerungen an eine SciFi-Geschichte über Kinder auf einem Generationenschiff (?), hat sich da nichts erhalten. Irgendwo in dieser Dunkelzone dürften sich auch Otfried Preußler Kinderbuch-Klassiker Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst und Der kleine Wassermann herumtreiben. Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter waren zwar sehr wichtig für meine künftige Fantasy-Fan-Karriere, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den beiden zuerst in Gestalt ihrer filmischen Adaptionen begegnet bin.
 
Den wirklichen Startpunkt bildeten auf jedenfall Michael Endes Die Unendliche Geschichte und Momo. Doch es dauerte nicht lange, und mir fiel Der Herr der Ringe in die Hände. Und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst 11/12 Jahre alt gewesen sein kann, verschlang ich schon bald auch Das Silmarillion, Nachrichten aus Mittelerde und alles, was ich sonst noch so vom alten Tolkien in die Finger bekam. Erst beim Buch der Verschollenen Geschichten mit seinen seitenlangen editorischen Anmerkungen von Christopher Tolkien war ich dann doch etwas überfordert (und gelangweilt). Die weitere Chronologie meiner phantastischen Lektüre kann ich nicht mehr im Detail nachvollziehen. Einen zeitlich klar verortbaren Einschnitt bilden erst wieder die ersten zwei Dragonlance - Trilogien (Chronicles und Legends), da es sich bei denen um die ersten englischsprachigen Bücher handelte, die ich abseits des Schulunterrichts gelesen habe. Aber das war natürlich einige Jahre später.
Auffällig ist allerdings, dass sich unter den Büchern meiner Post-Ende-Zeit kaum welche befanden, die ausdrücklich für Kinder oder Jugendliche geschrieben worden wären. (Den Hobbit mal beiseite gelassen.) Sicher, einen Harry Potter hatten wir in den 80ern nicht, aber ein paar Titel hätten sich ja schon angeboten. Für einen guten Freund von mir waren z.B. LLoyd Alexanders Taran und der Zauberkessel und Otfried Preußlers Krabat wichtige Meilensteine gewesen. Doch beide würde ich selbst erst sehr viel später lesen. Übersetzungen von Susan Coopers The Dark Is Rising (Wintersonnenwende) und Alan Garners The Moon of Gomrath (Der Mond von Gomrath) wären theoretisch zwar zugänglich gewesen, sind mir aber nie unter die Augen gekommen. Den ersten Narnia-Band (also die deutsche Version von The Lion, the Witch and the Wardrobe) hab ich tatsächlich irgendwann von Verwandten geschenkt bekommen, doch offenbar war C.S. Lewis schon damals nicht nach meinem Geschmack. 
Ursula K. Le Guins Earthsea - Romane waren in Amerika zwar ausdrücklich als Jugendbücher vermarktet worden und auch auf dem Cover meiner Heyne-Ausgabe der Trilogie prangte ein Blurb folgenden Inhalts: "Ausgezeichnet mit dem Globe Hornbook Award als bestes Jugenbuch des Jahres". Dennoch fällt es mir etwas schwer, sie unter dieser Kategorie zu fassen.
Die einzigen Fantasybücher, die sich ganz ohne Frage an ein jugendliches Publikum richteten, und die dennoch einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben, waren zwei Bände von Graham Dunstan Martin, die hierzulande unter den ultragenerischen Titeln Das magische Schwert und Die magische Krone 1984 als Schneiderbücher erschienen sind.* Was sie ja bereits eindeutig zuordnet und mit ein Grund dafür gewesen sein dürfte, warum sie nie zu größerer Bekanntheit gelangten. So zumindest mein Eindruck. Allerdings scheinen auch die englischen Originale Giftwish und Catchfire nach den 80er Jahren nie wieder neu aufgelegt worden zu sein.
 
Schon vor ein paar Jahren hatte ich den ersten Band wieder einmal gelesen und dabei erneut viel Spaß gehabt. Als vor einiger Zeit ein Gespräch auf das Thema Jugendfantasy der eigenen Kindheit kam, dachte ich mir deshalb, es könnte eigentlich ganz nett sein, beide Bücher noch einmal einem Reread zu unterziehen (sie sind ja nicht lang) und anschließend hier darüber zu berichten.
 
Ich habe nur wenig Informationen über den britischen Autor Graham Dunstan Martin finden können, der am 27. März des letzten Jahres im Alter von 88 verstorben ist. Nach seinem YA-Debüt erschienen zwischen 1984 und '88 noch vier weitere phantastische Werke aus seiner Feder: The Soul Master, Time-Slip, The Dream Wall und Half a Glass of Moonshine. Das bisschen, was ich über sein Oeuvre in Erfahrung bringen konnte, legt nahe, dass er politisch und weltanschaulich ein strammer Konservativer und wütender Antikommunist gewesen sein muss. Im postapokalyptischen Szenario von Time-Slip wurde der 3. Weltkrieg durch "the disarmament of Western Europe in 1998" ausgelöst und The Dream Wall schildert ein sowjetisiertes Zukunftsbritannien mit "renamed towns (Leninpool, Engelsburgh, Marxeter), labour and death camps, secret police called "People's Friends' forever bursting through doors at 3am to meet their growing arrest quota, etc.".** Eine besonders leidenschaftliche Feindschaft scheint er für den philosophischen Materialismus gehegt zu haben, dessen "Widerlegung" er in späteren Jahren mindestens zwei ganze Bücher widmete: Does It Matter?: The Unsustainable World of the Materialists (2005) und Living On Purpose: Meaning, Intention and Value (2008).

Außer einem leicht "(sprach)philosophisch" angehauchten Kapitel in Giftwish enthalten seine beiden Fantasyerzählungen allerdings nichts, was auf diesen weltanschaulichen Hintergrund hindeuten würde. In motivischer Hinsicht wirken sie nicht sonderlich "konservativ". Manch Element weist sogar in eine ganz andere Richtung. Und so belegen die beiden Bände einmal mehr, dass man ein Buch nicht nach den politischen Überzeugungen seines Verfassers beurteilen sollte.
 
Giftwish (Das magische Schwert) wirkt auf den ersten Blick wie eine archetypische Questen-Fantasy-Geschichte: Jugendlicher Held begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, um einen Dunklen Herrscher zu bezwingen und ein verlorengegangenes magisches Artefakt zurückzugewinnen. Dabei scheint Protagonist Ewan ganz dem Klischee des "auserwählten Bauernjungen" zu entsprechen. Doch von Anfang an gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass Martin diesem klassischen Erzählmodell zumindest einige etwas ungewöhnlichere Akzente verleihen wird.
Das beginnt bereits damit, dass die prophezeiten "Zeichen", mit deren Hilfe Ewan als der vorhergesagte "Meister" identifiziert wird, ganz offensichtlich von den Autoritäten manipuliert wurden. Und von Stadtgardist bis Bürgermeister wirken diese eher bedrohlich, denn vertrauenserweckend. Dennoch erhält der königliche Zauberer Listhelm erst einmal Gelegenheit, in einer Art Gandalf-Monolog die (vermeintliche) Hintergrundsgeschichte darzulegen:
Vor einhundert Jahren kam es zum Krieg zwischen Dammark und dem Verbotenen Reich. Dabei wurde das Heer der Invasoren vom Beschwörer der Geister und der Toten angeführt und bestand zum Teil aus monströsen "Geschöpfen aus den Bergen -- Kobolde, geflügelte Kämpfer, Werwölfe, Drachen, eidechsenartige Basilisken". Nach anfänglichen Niederlagen gelang es Listhelms Großvater Trixfix schließlich, die schwarze Magie des Geisterbeschwörers zu brechen und das Schlachtenglück zu wenden. Das feindliche Heer wurde völlig aufgerieben, sein teuflischer Anführer erschlagen. Um Dammark auf ewig vor dieser Bedrohung zu schützen, versiegelte der Zauberer die Grenzen mit einem gewaltigen Bann gegen die finsteren Mächte aus dem Nachbarland. Doch nun mehren sich die Anzeichen dafür, dass dieser Zauber seine Kraft verliert. Dürre und drohende Hungersnot in Dammark sind ohne Zweifel Folgen schwarzer Magie und im Grenzland berichtet man erneut von Ungeheuern, die aus den Verbotenen Bergen herabgestiegen seien und das Volk tyrannisierten. Der Erbe des Geisterbeschwörers rührt sich und bedroht den Frieden des Reiches. Der Bann muss erneuert werden. Und dies kann nur der prophezeite "Meister" -- Ewan.
Auf den ersten Blick haben wir es also mit einer Gondor-Mordor-Situation zu tun. Das Reich des Guten gegen das Reich des Bösen. Die zu Ruinen verfallene Grenzfestung Mitterach, auf einer Insel im (nun beinah ausgetrockneten) Fluss Elze gelegen, erinnert vielleicht nicht zufällig ein bisschen an Tolkiens Osgiliath. Hier befindet sich auch das Grab des Geisterbeschwörers, in dessen unterirdischen Gewölben Ewan die Zeremonie der Erneuerung durchführen soll. Aber kaum ist er dort angekommen, nehmen die Ereignisse eine üble Wendung. Das Ritual muss mit Blut besiegelt werden -- seinem Blut! Zwar gelingt es ihm, dem gleichaltrigen Finte, der das Opfer durchführen sollte, zu entkommen, wobei ihm auch noch ein geheimnisvolles altes Schwert in die Hände fällt, doch wohin soll er sich nun wenden? Seine Flucht führt ihn unwissentlich über die Grenze in das kleine, unabhängige Reich Felsgau. Als seine Verfolger ihn einholen, wird er von den Soldaten des dortigen Herrschers gerettet und nach Burg Wendesinn geleitet. Hier residiert der exzentrische Magier Lautermund, der sich als die eigentliche "weise Mentorfigur" der Geschichte entpuppt, auch wenn er anders als der würdevolle Listhelm anfangs nicht unbedingt diesen Eindruck macht: "ein kleines rundliches Männlein in Schlafmütze und Morgenrock, mit listigen Knopfaugen und einem Paar riesiger Pantoffeln".
In guter Märchenmanier muss Ewan drei Aufgaben für Lautermund bewältigen, wobei er einen (vorerst unscheinbaren) Ring gewinnt. Außerdem erfährt er, dass die Lage deutlich anders aussieht, als ihm zuvor erzählt wurde. Der Geisterbeschwörer war und ist eine Macht des Bösen, kein Zweifel, aber der Krieg vor hundert Jahren besaß seine eigentlichen Wurzeln in der Unterdrückung von Finsterreich durch Dammark.*** Und Trixfix' großer Bann war zwar ein beachtliches Zauberkunststück, aber im Kern fehlgeleitet. Indem er alles, was aus dem zum "Verbotenen Reich" erklärten Nachbarland stammt, als "böse" ausschloss, schnitt er Dammark auf lange Sicht von seinen eigenen Lebensadern ab. Der Bann ist nicht schwächer geworden, wie Listhelm glaubt, sondern das Gegenteil: Er schließt inzwischen nicht nur die Magie von Finsterreich aus, sondern auch das Wasser der Flüsse, die in den Bergen entspringen, die Regenwolken, die von dorther über die Ebenen getrieben werden usw. 
Doch den Bann einfach aufzuheben, wäre keine Lösung, denn der Geisterbeschwörer stellt eine sehr reale Bedrohung dar. Der einzige Weg, diese zu neutralisieren, bestände darin, die lang verlorene magische "Krone der Einheit" zurückzugewinnen. Unglücklicherweise dürfte diese in unmittelbarer Nachbarschaft zur Burg des Dunklen Herrschers begraben liegen. Um sie zu heben, bräuchte es einen Helden ... Ewan sträubt sich zuerst dagegen, diese Rolle anzunehmen. Schließlich war sein angeblicher Auserwähltenstatus ein offenbarer Betrug, von Listhelm eingefädelt. Aber Lautermund erklärt ihm, dass es letztenendes völlig egal ist, ob er vom Schicksal auserkoren wurde oder nicht. Wichtig ist bloß, dass er sich bemüht, das richtige zu tun. Und so beginnt Ewans eigentliche Queste.
 
Der leicht subversive Touch, dass Finsterreich eben kein Mordor, sondern einfach ein recht wilder Landstrich mit ganz gewöhnlichen -- und einigen weniger gewöhnlichen -- Bewohnhern ist, dürfte mir vor 35 Jahren entgangen sein. Nichtsdestoweniger war es wohl vor allem die Schilderung des fremden Landes, in das Ewan zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gefährten**** aufbricht, die einen so bleibenden Eindruck bei mir hinterließ. Einer der Gründe dafür war sicher, dass der Szenerie völlig die Grandiosität abgeht, die man sonst so häufig in der High Fantasy findet. Der Maßstab ist sehr viel bescheidener, die Atmosphäre "erdiger". Finsterreich ist ein Land der Berge und Wälder. Da und dort schmiegen sich kleine Weiler oder winzige Burgen in die Täler. Nach mächtigen Zitadellen oder titanischen Befestigunganlagen à la Minas Morgul oder Morannon hält man hier vergeblich Ausschau. Für den aus der Tiefebene von Dammark stammenden Ewan ist allerdings schon allein diese Landschaft fremdartig und "abenteuerlich". Dem wirklich Phantastischen begegnet er anfangs aber nur in Form von Sagen und Geschichten. Da gibt es z.B. die ganz aus Baumhäusern bestehende Siedlung Krähbaum, deren Bewohner erzählen, dass ihre Vorfahren einst Flügel besessen hätten, die ihnen irgendwann vom Geisterbeschwörer gestohlen worden seien. Oder die Drachenanbeter von Höhlenschild, von denen er erfährt, dass weibliche Drachen keine Flügel besitzen, sondern durch Erde und Fels "schwimmen" können als wären sie Wasser.  
Erst als er in einem nebelverhangenen Tannenforst von seinen Gefährten getrennt wird, macht er zum ersten Mal ganz unmittelbar die Erfahrung, dass der Ruf, den Finsterreich in Dammark genießt, nicht gänzlich unberechtigt ist. Die Begegnungen mit dem Magischen sind zwar eher flüchtig, aber zu ihnen gehören u.a. eine zottelige, bärenartige Kreatur (die, wie wir später erfahren, den putzigen Namen "Polsterfuß" trägt), ein scheuer Jüngling mit dem Kopf eines Wolfes und die Wilde Jagd, die in dieser Welt offenbar zwischen den Zeiten hin und her reist.
 
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Graham Dunstan Martins Schilderung dieser Begegnungen zwar durchaus stimmungsvoll ist, der Grund, warum sie sich so tief in mein Bewusstsein eingebrannt haben, aber nur teilweise etwas mit dem Text zu tun hat. 
Die erneute Lektüre des Buches hat mir stärker als je zuvor die Bedeutung und die Funktionsweise der inneren Visualisierung von Gelesenem vor Augen geführt. Zuerst ist mir das im Zusammenhang mit Mitterach aufgefallen. In meiner Erinnerung hatte ich ein sehr deutliches Bild der verfallenen Festung als eines aus rötlichem Sandstein gehauenen Bauwerks vor mir. Im Buch jedoch findet sich auch nicht der kleinste Ansatz dafür. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eines der (unbewussten?) Vorbilder für diese Visualisierung die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz gewesen ist. In meiner Kindheit habe ich den Sommerurlaub häufiger zusammen mit meiner Familie im Hunsrück verbracht und dabei nicht nur unzählige Burgen an Rhein und Mosel, sondern eben auch diese Festung besucht. Damit verbundene Eindrücke haben sich in meinem Hirn wohl unauflöslich mit Martins Schilderung von Mitterach verschmolzen. Für die Waldszenerie von Finsterreich gibt es zwar keine so konkreten Vorlagen, an die ich mich erinnern könnte, aber auch hier hatte ich mir im Geiste offenbar sehr viel lebendigere Bilder geschaffen, als sie der Text in Wirklichkeit zeichnet. Der Wald als Landschaft und Umgebung war von früh an fester und wichtiger Bestandteil meiner Lebenswelt gewesen und hatte meine Fantasie immer schon zu allerlei Geschichten und Imginationen angereizt. Kein Wunder also, dass ich Martins Erzählung an diesem Punkt sozusagen persönlich "aufgeladen" habe. 
Das bedeutet aber natürlich auch, dass ein unbedarfter Leser vermutlich nicht dasselbe Vergnügen aus dem Text beziehen wird wie ich damals.
 
Wie dem auch sei, Ewans Waldabenteuer führen ihn jedenfalls am Ende nach Holterthal und zur Burg Eschgeier, dem Sitz der mächtigen Hexe Magifitz, vor der er bereits mehrfach gewarnt wurde, die überraschenderweise aber einen ausgesprochen gastfreundlichen und hilfsbereiten Eindruck auf ihn macht. Hier lernen wir auch endlich die zweite Hauptfigur der beiden Bücher kennen: Die junge Hexe Funkelfang. Magifitz' Adoptivtochter ist zugleich die "Stern-Zwillingsschwester" der dammark'schen Prinzessin Sternfall und trägt seit einer magischen Operation ihrer Lehrmeisterin die Seelen beider Mädchen in sich, während die Prinzessin im fernen Dammark in eine Art Koma gefallen ist.
Dass Funkelfang am Anfang ihrer Beziehung Ewan das Leben rettet (und nicht etwa umgekehrt), ist durchaus bezeichnend. Klug, kompetent und selbstbewusst ist sie seine ebenbürtige Gefährtin. Was in einem Jugend-Fantasy-Buch der frühen 80er glaub ich noch nicht selbstverständlich war. 
"Natürlich" enden die beiden als ein Paar. Das gehört wohl einfach zu den Konventionen einer solchen Geschichte. Aber immerhin verschont uns Martin fast völlig mit all dem emotionalen Hickhack, den man bei der Schilderung einer "ersten großen Liebe" vielleicht erwarten würde. Das sähe in heutiger YA-Fantasy vermutlich anders aus (oder sind das bloß meine Vorurteile?). 
Allerdings fällt es mir ohnehin schwer, Giftwish unter dieses Label zu fassen. Das Buch trägt zwar sicher gewisse Züge einer Coming-of-Age-Story (der Aufbruch ins Unbekannte als Metapher für das Erwachsenwerden), aber spätestens ab dem Beginn der eigentlichen Queste hat man kaum mehr das Gefühl, es mit einem sechzehnjährigen Protagonisten zu tun zu haben. Ähnliches gilt für die gleichaltrige Funkelfang. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man das als eine erzählerische Schwäche auffassen sollte. Ewan ähnelt in vielem dem jungen Burschen aus dem Märchen. Und von dem erwartet man ja auch nicht, irgendwelche Teenager-Probleme zu haben.
 
Hinter Holterthal mehren sich die phantastischen Begegnungen, wenn Ewan, Funkelfang und ihr kleiner Trupp in die menschenleere Gebirgslandschaft von Düsteralb hinaufziehen: Menschenfressende Eichenmonster (eine kuriose Mischung aus Tolkiens Ents und den Riesen aus Jack and the Beanstalk), die Erddrachin Morguna (eitel, hochmütig, aber eigentlich auch recht sympathisch) und Mäng, die grotesk-monströse "Hand" des Geisterbeschwörers.  Schließlich ist die Anhöhe über dem Bergsee Himmelsteuf erreicht und die Bühne für die finale Konfrontation mit dem Dunklen Herrscher bereitet.

Auch bei dieser fällt der im Vergleich zur gängigen High Fantasy bescheidene Maßstab auf. Unser Dark Lord residiert nicht in einer titanischen Festung à la Barad-dûr, sondern zusammen mit einer kleinen Schar Bewaffneter in einer winzigen Burg. Zwar setzt er sich selbst als eine Herrschergestalt von mythischer Größe in Szene:
[I]ch sitze auf Burg Mitternacht, im Zentrum meines Spinnennetzes, und spinne. Du weißt, wie sie mich in der Alten Sprache nennen: den Spinner der Schwarzen Fäden. Nicht ein Finger rührt sich in ganz Finsterreich, ohne daß ich es weiß. Kein Mann schwingt seinen Speer, keine Frau wiegt ihr Kind, ohne daß ich es sehe und einverstanden bin. Ich sitze im Zentrum der Welt, hier auf Mitternacht. Ich spinne die Fäden. Ich lege den Menschen die Worte in den Mund. Und ich lasse euch tanzen an meinen Fäden.
Doch es ist ziemlich klar, dass Schattenspinn in Wirklichkeit nicht über diese gottgleiche Macht verfügt, sondern einfach ein ältlicher Zauberer ist.
Trotzdem braucht es einige überraschende Wendungen, eine mutige Rettungsaktion Funkelfangs und den Besuch einer "Welt-hinter-der-Welt", bis die "Krone der Einheit" gewonnen, der Geisterbeschwörer bezwungen und die Geschichte (vorerst) zu einem glücklichen Abschluss gebracht ist. Dem märchenhaften Charakter gemäß werden Held & Heldin am Ende selbstverständlich König & Königin von Finsterreich.
 
Über Graham Dunstan Martins Stil hab' ich kaum etwas zu sagen. Hie und da weist er ganz leichte Anklänge an jenen "onkelhaften" Tonfall auf, der Tolkien im nachhinhein an seinem eigenen Hobbit so sehr missfiel. Doch fand ich das nur selten wirklich störend. Unbedingt erwähnt werden muss allerdings die Schlusspartie des Buches, denn ich kann mich nicht erinnern, dass mir ein vergleichbares Zoom Out irgendwoanders noch einmal begegnet wäre:
Ein dunkelhaariges Mädchen steht am Kopfende einer lärmenden Festtafel und lächelt wie ein Baum im Sommer, aber das Blau ihrer Augen ist dunkler geworden in Erinnerung an das vergangene Böse; ein blonder Junge, der aus Gewohnheit die Brauen runzelt und dem Hartnäckigkeit um die Mundwinkel geschrieben steht; ein rundlicher, lächelnder Magier; Männer im Lederwams, die Helme neben sich; graue, wallende Bärte, rubinfarbener Wein im Gegenlicht; ein langer schwarzer Eichentisch; eine grün-weiß-rpte Fahne, die langsam verblaßt; ein Flackern der Fackeln; ein erleuchteter Raum voller Bewegung ... Sie alle schrumpfen und weichen zurück, mit immer größerer Geschwindigkeit, verglühen in der Ferne, werden immer winziger, fallen in die Dunkelheit von Zeit und Raum, verschwinden in einem fernen Pünktchen. Wenn unser Planet jemals dort war, dann ist dieser Ort jetzt unvorstellbar fern, am anderen Ende der Galaxis. Wir sagen ihnen allen Lebewohl.
Ich bin mir gar nicht einmal sicher, ob mir das Ergebnis gefällt, aber ich finde diesen Versuch, einen filmischen Effekt erzählerisch nachzuahmen, auf jedenfall interessant.
 
Catchfire (Die magische Krone) hat in meiner Kindheit/Jugend keinen ähnlich tiefen Eindruck auf mich gemacht wie der erste Band. Und meine erneute Lektüre hat mir glaube ich recht deutlich vor Augen geführt, warum das so gewesen ist. 
Das erste, was einem beim Aufschlagen des Buches ins Auge sticht, ist jene typische Landkarte, die schon damals zur Standardausrüstung jedes "generischen" Fantasyromanes gehörte. Die hatte es in Giftwish nicht gegeben, und ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich bei ihrem Anblick war. Nicht nur weil die dargestellte Geographie von Finsterreich nicht dem Bild entsprach, das ich mir zuvor selbst von dem wilden Land gemacht hatte. Irgendwie verloren Orte wie Eschgeier und Echswil, das Schuppengebirge und der Kaptalwald außerdem etwas von ihrem Zauber, sobald man sie derart konkret in einer fiktiven Landschaft festnagelte. Und tatsächlich fand ich in der Erzählung selbst kaum etwas von der magischen Atmosphäre wieder, die mich zuvor in ihren Bann geschlagen hatte. 
Setting und Struktur des Romans trugen dazu einiges bei. Zuerst einmal spielt ein Gutteil der Handlung nicht in Finsterreich, sondern in Dammark. Und das Land ist per Defintion banaler und langweiliger. Es ist ja das Reich, aus dem alles wirklich Magische ausgeschlossen wurde. Die Kunst, die Leute wie Listhelm pflegen, besteht aus peniblem Ritualismus, der -- wie wir in diesem Buch erfahren -- kaum wirkliche Ergebnisse mehr zeitigt. Auch folgt die Handlung nicht länger dem Questenmodell. Was für sich genommen natürlich nichts negatives ist, aber doch bedeutet, dass wir nicht noch einmal jenen abenteuerlichen Aufbruch ins Unbekannte miterleben dürfen.
 
Den Inhalt möchte ich gar nicht im Detail nachzeichnen. Ewan und Funkelfang verschlägt es gegen ihren Willen auf magische Weise nach Dammark. Da der Große Zauberbann immer noch in Kraft ist, verliert die junge Hexe damit für den Augenblick ihre magischen Fähigkeiten. Nach einigem hin und her fallen die beiden Listhelm und Finte in die Hände -- dem Kerl also, der Ewan in Mitterarch opfern sollte und der sich nun als arroganter und mächtiger Aristokrat entpuppt. Funkelfang nutzt den Umstand, dass sie Prinzessin Sternfall aufs Haar gleicht, um sich einen (wenn auch sehr knapp bemessenen) Freiraum zu sichern. Ewan derweil gelingt die Flucht und er begibt sich auf eine sechs Kapitel umfassende Mini-Queste, um einen Weg zu finden, den Zauberbann zu brechen. Was gar nicht so einfach ist, da das Grab des Geisterbeschwörers mittlerweile von einem mysteriösen maulwurfartigen Monster bewacht wird und nicht mehr zugänglich ist. Dabei lernt er Morgunas Gemahl, den Himmelsdrachen Ramur kennen, und macht schließlich sogar einen Abstecher ins Totenreich.
 
Inhaltlich betrachtet ist Catchfire nicht ohne Reiz. In thematischer Hinsicht vielleicht sogar ein interessanteres und reiferes Buch als sein Vorgänger.
Schon in Giftwish hatte es erste Ansätze dazu gegeben, Listhelm und den Geisterbeschwörer als Pendants darzustellen. Nun wird der königliche Zauberer zum Hauptgegenspieler. In einer Art Prolog erfahren wir, wie er seinen Schatten "verloren" hat. Seitdem hält er sich für eine Inkarnation von Reinheit und Unfehlbarkeit. "Sein weißes Gewand leuchtete wie eine Laterne. Er strahlte wie ein aus Licht gearbeiteter Scherenschnitt. Er warf keinen Schatten." Man könnte beinahe meinen, dies sei als ein kritischer Kommentar auf Tolkiens Gandalf den Weißen gemeint. Jedenfalls ist Listhelm eine recht eindrucksvolle Verkörperung verblendeter Selbstgerechtigkeit.
Im Vergleich zum eher märchenhaften Tonfall von Giftwish spielen in Catchfire "realistisch-"-politische Fragen eine größere Rolle. So stellt Ewan an einem Punkt die interessante Beobachtung an, dass es dem König von Dammark vermutlich ganz recht war, dass Schattenspinn über Finsterreich herrschte:
Weil er, solange Finsterreich wirklich zu fürchten war, seine Leute leicht regieren konnte. Er brauchte nur zu sagen: "Denkt an die Bosheit in Finsterreich! Haltet zusammen, wehret dem Übel, tut, was ich euch sage!" Ein Land läßt sich wunderbar beherrschen, [...] wenn man behaupten kann, daß es von außen bedroht wird. 
Gut möglich, dass das als ein Kommentar auf den Kalten Krieg der 80er Jahre gedacht war, von dem wir aktuell ja eine Art gruselige Wiederauferstehung erleben. Auf jedenfall rückt es das Gut vs. Böse - Schema der klassischen High Fantasy in ein ungewohnt kritisches Licht.
In einer Nebenhandlung erfahren wir außerdem, dass die Bevölkerung des Grenzlandes zu Finsterreich unter nationaler Unterdrückung zu leiden hat. Das Volk darf nicht länger die Alte Sprache verwenden und wird von den Dammarkern voller Verachtung als rückständige Barbaren behandelt. (In diesem Zusammenhang kommt es auch zu einer Variation of die Schibboleth-Szene aus dem biblischen Buch der Richter).
Und schließlich darf Finte als vollendeter Repräsentant einer hochmütigen und grausamen Aristokratie gelten.
Natürlich darf man all das nicht überbewerten. Keines dieser Themen wird wirklich tiefer angegangen. Die Geschichte mit den Grenzländern z.B. verliert sich sehr schnell im Nichts und wird dann nicht noch einmal aufgegriffen. Auch endet das Buch mit der Restituierung des gerechten Königtums, das somit als Lösung für alle Probleme erscheint. Zwar gibt es noch eine neckische Wendung, wenn wir ganz am Ende erfahren, dass die magische "Krone der Einheit" überhaupt nicht verloren gegangen, sondern von den Königen in der Vergangenheit bewusst beiseite geschafft und verscharrt worden war, da sie die unangenehme Eigenschaft besitzt, dass man nur als gerechter Herrscher unter ihr regieren kann. Aber die Erzählung lässt keinen Zweifel daran, dass Ewan und Funkelfang genau dies in Zukunft tun werden.
 
Stärker noch als in Giftwish hat man in Catchfire kaum je das Gefühl, es mit einem sechzehnjärigen Protagonistenpaar zu tun zu haben. Niemand behandelt sie wie Jugendliche und mit Finte ist einer ihrer größten Antagonisten zwar nicht älter als sie, führt sich aber als mächtiger Vasall auf, der sogar dem König drohen kann. Erfreulicherweise erweist sich Funkelfang während ihres Soloabenteuers am Hof von Mitterweiß als ebenso klug wie tatkräftig. Nachdem es zur Wiedervereinigung mit ihrem Stern-Zwilling Sternfall gekommen ist, wobei die beiden endgültig zu einer Person verschmelzen, nimmt sie sehr schnell das Heft in die Hand. Was ihr willensschwacher und wankelmütiger Vater, König Dermot, trotz halbherziger Proteste widerstandslos geschehen lässt, da er schnell einsehen muss, dass sie das Regieren sehr viel besser versteht als er. So gesehen ist es vielleicht schon gerechtfertigt, dass ihr Name der Titel des Romanes ist. Auch wenn Ewan die mehr traditionell "heroischen" Taten vollbringen darf.
 
Die größte Schwäche des Romans ist sicher, dass er zuviele Themen und Handlungsstränge enthält, um ihnen allen ausreichend Raum zur Entfaltung geben zu können. Zumal Martin offenbar das Gefühl hatte, dieser zweite Teil verlange nach epischeren Dimensionen. Weshalb er neben allem anderen auch noch die Bedrohung durch ein bis dahin nie genanntes drittes Reich einführt, dessen Armeen in das von Hunger und Seuchen geschwächte Dammark einfallen. Hätte er sich doch besser ganz auf den Zauberbann, Listhelm und Funkelfangs Abenteuer im Königspalast konzentriert. Aber anscheinend wollte er diesmal die Handlung unbedingt in einer richtigen Schlacht gipfeln lassen.
 
Alles in allem hatte ich dennoch viel Spaß bei diesem kleinen Ausflug in die Fantasy meiner Kindheit und Jugend. Ich weiß zwar nicht, ob ich Leuten, die die beiden Bücher nicht selbst schon einmal gelesen haben, empfehlen würde, sich nun auf die antiquarische Jagd nach ihnen zu begeben. Trotz aller Eigenheiten würden sie auf ein heutiges Lesepublikum wahrscheinlich schon etwas altbacken und bieder wirken. Gänzlich im Orkus des Vergessens zu verschwinden, haben sie meiner Ansicht nach aber auch nicht verdient.

 

 

* Leider auch ohne die großartige Cover-Illustration von Kristina Rodanas.

** Dave Langford: The Complete Critical Assembly. The Collected White Dwarf (and GM, and GMI) SF Review Columns. S. 177.

*** Wenn man unbedingt will, könnte man hierin einen leichten Anklang an Martins antikommunistische Überzeugungen sehen: Die Rebellion ist zwar gerechtfertigt, aber an ihrer Spitze steht eine böse Macht. Und wie die Geschichte noch zeigen wird, liegt die Lösung des Problems nicht im Umsturz, sondern in der Restituierung eines "guten" Königtums.

**** Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine traditionelle "Heldengruppe", sondern um einen kleinen Trupp Bewaffneter, die Lautermund als Begleitschutz mitschickt, und von denen wir nicht einmal die Namen erfahren, abgesehen von Hauptmann Hagun. Einige von ihnen ereilt dann auch das traditionelle Red Shirt - Schicksal.