"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Posts mit dem Label utopie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label utopie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 13. August 2023

Phantastisches Potpourri

Real Life lässt mir zur Zeit leider nicht die Muße und Energie, um an irgendwelchen längeren Texten für den Blog zu arbeiten. Und alles spricht dafür, dass sich das auch diesen Monat nicht ändern wird. Doch damit die Spinnenweben hier nicht völlig die Überhand gewinnen, dachte ich mir, es wäre vielleicht ganz nett, wenn ich mich zur Abwechselung einmal an etwas kürzeren Kommentaren zu einigen Phantastik-Sachen versuchen würde, die ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe.

 

Doctor Who – Die Sylvester McCoy - Ära   

Ulkigerweise ist es noch gar nicht so lange her, dass ich in einer E-Mail-Korrespondenz erklärt habe, dass ich nur alle halbe Jahre oder so Lust auf Doctor Who bekommen und mir dann ein paar der alten Serials anschauen würde, um der Tardis daraufhin für die nächsten sechs Monate wieder Ade zu sagen. Und jetzt habe ich mich stattdessen in kürzester Zeit durch die Ära des Siebten Doktors (1987-89) gebinget.

Ich hatte erwartet, dass die Serie gegen Ende ihrer klassischen Laufzeit stark abbauen würde. Schließlich wird man sie ja kaum ohne Grund 1989 abgesetzt haben. Und tatsächlich enthalten die drei Staffeln viel Mittelmäßiges. Aber auch einige echte Highlights. 
 
Sylvester McCoys Inkarnation des Doctors war mir jedenfalls sehr sympathisch. Anfangs wirkt das Nebeneinander beinah clownesk anmutender und dann wieder sehr ernster Momente zwar etwas unausgeglichen, aber das gibt sich mit der Zeit. Und im Grunde fand ich es sogar ganz nett, dass der Siebte Doctor anfangs manchmal geradezu durch seine Abenteuer stolpert, mitunter sogar im wahrsten Sinne des  Wortes. Eher abgeturnt hat es mich dagegen, dass in einigen der späteren Serials wie Silver Nemesis Szenen aufzutauchen beginnen, die andeuten, dass er kein gewöhnlicher Time Lord, sondern eine sehr viel mächtigere und mysteriösere Gestalt ist. Eine Idee, die in anderer Form in "New Who" wieder aufgegriffen wurde. Was ich persönlich für einen großen Fehler halte. Ich finde es sehr viel ansprechender, wenn der Doctor einfach ein leicht anarchische Typ ist, der aus Neugier und Spaß durch Raum und Zeit reist, um zwischendurch in Not geratenen Leuten zu helfen, weil er ein gutes Herz (oder zwei) hat. Halbgötter und SciFi-Erlösergestalten sind nicht nach meinem Geschmack.
Sophie Aldreds Quasi-Punkmädchen Ace mit ihrer Respektlosigkeit und ihrer Vorliebe dafür, Sachen in die Luft zu sprengen, ist als Companion sehr einnehmend. Und es wäre schön gewesen, wenn wir die Chance gehabt hätten, im Laufe der Zeit noch mehr über ihre Hintergrundsgeschichte zu erfahren. Die wenigen kurzen Einblicke, die wir erhalten, sind jedenfalls recht interessant und tragen mit dazu bei, Ace im Unterschied zu früheren Companions als eine Figur erscheinen zu lassen, die sich entwickelt und verändert.
 
Leider sind die Drehbücher wie gesagt von eher durchwachsener Qualität. 
Zwei von ihnen stammen aus der Feder von Ben Aaronovitch, der heute vor allem für seine Rivers of London - Bücher bekannt sein dürfte.  
Remembrance of the Daleks war mir streckenweise zu selbstreferentiell. Das geht so weit, dass wir in dieser 1964 spielenden Geschichte im Fernsehen die (angedeutete) Ausstrahlung der allerersten  Doctor Who - Episode An Unearthly Child zu sehen bekommen! Eine nebenbei hingeworfene Anspielung auf Nigel Kneales Quatermass fand ich hingegen recht nett. Insgesamt wirkt das Serial wie ein endgültiger Abschied von den Daleks. Ähnliches gilt für Kevin Clarkes Silver Nemesis und die Cybermen. Und an sich wäre es vielleicht gar keine so schlechte Idee gewesen, diese bekanntesten Doctor Who - Bösewichter auf Dauer loszuwerden, Aber da die Serie ein Jahr später ohnehin eingestellt wurde, hatte das keine echten Auswirkungen.
Aaronovitchs zweiter Beitrag Battlefield enthält zwar einige neckische Elemente. Wer kann schon arthurischen Rittern, die mit Laserpistolen in der Gegend herumschießen, widerstehen? Und vor allem die Konfrontation zwischen dem pensionierten Lethbridge-Stewart (Nicholas Courtney) und seiner Nachfolgerin Brigadier Winifred Bambeta (Angela Bruce) hat Charme. Doch die Story selbst wirkt leider etwas wirr und unausgegoren.
Dasselbe Problem hatte ich mit Ian Briggs The Curse of Fenric und Marc Platts Ghost Light. Besonders frustrierend fand ich es bei letzterem, da ich von der ersten Hälfte eigentlich recht angetan war. Das Serial hat nicht nur eine hübsch weirde Atmosphäre und bietet einige Einblicke in Ace' Backstory, es steckt auch voller erst einmal spannend wirkender Motive und Ideen, die im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Darwins Evolutionstheorie im Viktorianischen Zeitalter zu stehen scheinen. Zwischendurch hatte ich außerdem das Gefühl, die Geschichte könnte sich in eine von H.G. Wells' The Island of Dr. Moreau inspirierte Richtung entwickeln. Doch am Ende erwies sich das alles als falsch. Keine der Ideen wird wirklich konsequent durchgeführt und in der zweiten Hälfte beginnt das Ganze mehr und mehr auseinanderzufallen. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack.
 
Wie steht's aber nun um die Highlights?
 
Zugegebenermaßen ist die Auflösung von Stephen Wyatts Paradise Towers ähnlich unbefriedigend. Dennoch hatte ich sehr viel mehr Spaß mit dem Serial. Wofür in erster Linie das Setting und die Figuren verantwortlich waren. 
Die Geschichte spielt in einem gigantischen, jedoch ziemlich heruntergekommenem Wohnkomplex, in den vor Zeiten die gesamte weibliche Zivilbevölkerung des Planeten umgesiedelt wurde, nachdem man die Männer in den Krieg geschickt hatte. Seitdem ist jeder Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Das riesige Gebäude wird bevölkert von rivalisierenden Mädchengangs (den "Kangs"), die einen eigenen Slang entwickelt haben und deren Mitglieder Namen wie "Fire Escape" (Julie Brennon) und "Bin Liner" (Annabel Yuersha) tragen; ältlichen "Rezzies" ("Residents"), von denen einige inzwischen dem Kannibalismus frönen; dem selbsterklärten "Superhelden" und "Manly Man" Pex (Howard Cooke), den niemand ernst nimmt; sowie den faschistoiden "Caretakern", die für "Ordnung" sorgen sollen und dabei blind einem absurd komplexen Regelwerk mit unzähligen Paragraphen und Unterparagraphen gehorchen. Sie alle leben in ständiger Angst vor den mörderischen "Putzrobotern", die von einer mysteriösen Höllenmaschine im verbotenen Kellergeschoss kontrolliert werden, mit der der Chief Caretaker (Richard Briers) eine heimliche Übereinkunft getroffen hat.
Die Auflösung der Geschichte entschärft zwar fast völlig das sozialkritische Moment, dennoch habe ich in dem Szenario einen deutlichen Kommentar auf den gesellschaftlichen Verfall und wachsenden Autoritarismus der Thatcher-Ära gesehen.
 
Dass sich im Doctor Who der 80er Jahre lange nicht mehr so viele sozialkritische Untertöne finden wie ein Jahrzehnt zuvor, hat sicher eine Reihe von Gründen. Überraschend ist es jedoch nicht, wenn man sich die politische Atmosphäre der Zeit vergegenwärtigt. Zwar ging den Tories die Rechtsentwicklung der BBC bei weitem nicht schnell und weit genug, aber die ultrareaktionäre Wende, die mit dem Regierungsantritt Margaret Thatchers  1979 eingesetzt hatte, hinterließ auch in der "offiziellen" Kultur deutliche Spuren. Ganz abtöten ließ sich der antiautoriäre Funken, der stets im Herzen des Franchises gebrannt hatte, freilich nicht. Und in den wenigen Fällen, in denen ein Doctor Who - Serial der Sylvester McCoy - Ära wieder einmal deutlicher politische Themen aufgriff, war die oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime der Eisernen Lady unüberhörbar. Einem Daily Telegraph - Artikel von 2010, zufolge soll Script Editor Andrew Cartmel bei seinem Antritt 1986 auf die Frage des Produzenten John Nathan-Turner, was er mit seiner Arbeit an Doctor Who zu erreichen hoffe, gar geantwortet haben: "I'd like to overthrow the government". Und McCoy selbst hat einmal erklärt: "Our feeling was that Margaret Thatcher was far more terrifying than any monster the Doctor had encountered". (1) Am deutlichsten tritt dies in Graeme Currys The Happiness Patrol (1988) zutage.
 
Die Bevölkerung der Kolonie Terra Alpha lebt unter der tyrannischen Herrschaft von Helen A (Sheila Hancock), die jedweden Ausdruck von Traurigkeit, Unzufriedenheit oder Melancholie zu einem Verbrechen erklärt hat. Unter der Parole "Happiness Will Prevail" ist oberflächliche Fröhlichkeit zur Pflicht aller geworden. Abweichendes Verhalten wird mit dem Tode bestraft.    
Um ehrlich zu sein, ist The Happiness Parol mindestens ebenso wirr wie einige der oben erwähnten Serials, aber da das Ganze den Look und Vibe eines absurden Theaterstücks besitzt, hat mich das in diesem Fall nicht weiter gestört. Im Gegenteil, hier passt das. Das ganze Szenario ist einfach grandios durchgeknallt. Als Illustration mag ausreichen, dass Helen A.'s bevorzugter Scharfrichter der grotesk-robotische Kandyman ist, der seine Opfer in Sirup ertränkt.
Die Figur der Despotin soll zweifelsohne Thatcher-Assoziationen hervorrufen. Ihr Regime ist allerdings keine simple Eins-zu-Eins - Allegorie auf die Toryregierung. Weshalb einige Kommentator*innen sogar so weit gegangen sind, den aktuell-politischen Inhalt des Serials ganz zu leugnen. Was ich für völlig verfehlt halte. In The Happiness Patrol geht es um Konformismus und Autoritarismus. Beides ohne Zweifel Aspekte des Regimes der Eisernen Lady. Und die Demonstrationszüge der als "Dronen" bezeichneten Arbeiter*innen, die einem Begräbniszug gleichend durch die Straßen der Metropole marschieren, sollen ohne Zweifel Reminiszenzen an den großen Bergarbeiterstreik von 1984/85 wecken und wirken zugleich wie eine Vorwegnahme der "Anti - Poll Tax" - Demonstrationen von 1990.
 
Mein absoluter Favorit, The Greatest Show in the Galaxy, stammt erneut von Stephen Wyatt. Die Geschichte um einen intergalaktischen Zirkus, in dem die unglücklichen (und nicht ganz freiwilligen) Akteure drei ewig gelangweilte Götter, die die Gestalt einer verwöhnten Spießerfamilie angenommen haben, unterhalten müssen und bei Misserfolg exekutiert werden, ist großartig grotesk-surreal in Szene gesetzt. Streckenweise erreicht das beinah alptraumhafte Qualität oder erinnert an die besten Zeiten von Terry Gilliam. Auch lässt sich das Ganze als Parabel auf den Untergang der Ideale der Counter Culture interpretieren. Was 1988 vielleicht nicht mehr das aktuellste Thema war, mich aber dennoch berührt hat. Denn als Beispiel für das unausweichliche Scheitern jeder Bohème-Revolte besitzt das Schicksal der Hippies ja eine gewisse Zeitlosigkeit.
 
Beide Serials demonstrieren, wie man die mit dem geringen Budget der Serie einhergehenden Einschränkungen zum eigenen Vorteil wenden kann, wenn man auf eine "realistische" Ästhetik verzichtet.
 
Der allerletzte Beitrag zum klassischen Doctor Who, der Dreiteiler Survival (1989), wurde von Rona Munro geschrieben, die später u..a. auch für die Drehbücher von Ken Loachs Ladybird, Ladybird (1994) und Max Färberböcks Aimée & Jaguar (1999) verantwortlich zeichnete. 
Nicht der schlechteste Abschluss, auch wenn das Serial unverkennbare Schwächen besitzt. Immerhin statten wir dabei Ace' Heimatort, einer trostlosen, englischen Kleinstadt, einen Besuch ab und lernen endlich auch ihre ehemals beste Freundin Shreela (Sakuntala Ramanee) persönlich kennen, von der wir zuvor bereits erfahren hatten, dass die Wohnung ihrer Familie Ziel eines rassistischen Brandanschlags geworden war. Die Figur von "Sergeant" Paterson (Julian Holloway), der den frustrierten örtlichen Jugendlichen Fitness & Selbstverteidigung beibringt und ihnen dabei gleichzeitig eine martialisch-sozialdarwinistischee Weltsicht ("survival of the fittest") einzutrichtern versucht, ist eindeutig als ein Kommentar auf die "dog-eat-dog" - "Moral" der Thatcher-Ära gedacht. Was auf nicht ganz geglückte Weise mit einem Plot um außerirdische "Gepard-Menschen" verknüpft wird, die ganz für die Jagd leben. Und der Master (Anthony Ainley) hat auch noch einen letzten Auftritt.
 
 
Red Sonja - Endithors Tochter
 
Nachdem mich Die Hölle lacht so angenehm unterhalten hatte, dauerte es nicht lange, bis ich mir auch den vierten der sechs von David C. Smith & Richard L. Tierney geschriebenen Romane über die Abenteuer des hyrkanischen She-Devils vornahm. Und die Lektüre erfüllte mich doch wirklich mit dem berauschenden Gefühl, dass die von Band zu Band immer besser werden und sich dabei zugleich immer weiter von den abgeschmackten Klischees entfernen, die man mit dieser Figur verbinden könnte. In Endithors Tochter (Endithor's Daughter) trägt Sonja vielleicht am deutlichsten die Züge der "Working Class - Heldin", die Smith einmal in einem Interview beschrieben hat. Dabei wird die von Roy Thomas ererbte Hintergrundsgeschichte mit ihren unerfreulicheren Elementen (Vergewaltigung, Göttererscheinung & "Keuschheitsschwur") nicht einmal mehr pro forma erwähnt, wie das in Die Hölle lacht noch geschehen war. 
Die gesamte Handlung spielt in der Stadt Shadizar. Sonja, die sich hier eigentlich nur für ein paar Tage amüsieren und zugleich nach einem neuen Söldnerinnenjob Ausschau halten will, wird eher zufällig in die blutigen Auseinandersetzungen zwischen einigen der ortsansässigen Adeligen hineingezogen. Der mächtige Lord Nalor hat seinen Rivalen Endithor unter dem Vorwand der Hexerei hinrichten lassen. Dessen Tochter sucht nun nach Rache, wobei sie sich selbst der schwarzen Künste bedient. All das könnte unserer Heldin völlig gleichgültig sein, zumals sie ihre Verachtung für die Aristokraten recht unverblümt zur Schau stellt, wenn nicht ein Bekannter von ihr in das Ganze verstrickt würde und Nalor außerdem einen Vampir als Verbündeten hätte. Als dann auch noch einer der Straßenjungen, mit denen sie sich angefreundet hat, von dem Untoten ermordet wird, kann sie nicht länger die unbeteiligte Beobachterin spielen. Ob Endithors Tochter, die im Zuge ihres magischen Rachefeldzugs immer größere Teile ihrer Menschlichkeit einbüßt, dabei eher potenzielle Verbündete oder zusätzliche Gegnerin ist, bleibt fast bis zum Ende offen.
Leider scheint es Band 5: Der Prinz der Hölle (Against the Prince of Hell) darauf abgesehen zu haben, meinen positiven Eindruck zu widerlegen. Das Szenario wirkt wie eine wiederaufgewärmte Version von Band 1: Der Ring von Ikribu, dem bislang schwächsten Teil der Reihe. Und der Text weist da selbst ausdrücklich drauf hin! Aber das ist nur der Anfang der inhaltlichen wie strukturellen Probleme, die ich mit dem Roman habe. Falls ich ihn doch noch irgendwann fertiglesen sollte, werde ich einen etwas ausführlicheren Kommentar dazu abgeben. Für den Moment mag es reichen zu erwähnen, dass von Seite Eins an das ganze "Keuschheitsgelübde" - Gedöns eine Wiederauferstehung erfährt und die Bösewichter ein kushitischer (also schwarzer) Hexer und eine böse Bisexuelle sind ... 
 
 
Conspiracy of Ravens
 
Ich bin dem Comics-Autoren-Paar Leah Moore & John Reppion zum ersten Mal in Zusammenhang mit ihrer zweibändigen Adaption klassischer M.R. James - Geschichten Ghost Stories of an Antiquary begegnet. (2) Moore ist außerdem eine der Autorinnen des von Gail Simone zusammengestellten Bandes Legends of Red Sonja (den ich hier eigentlich auch mal etwas ausführlicher vorstellen könnte). Von der YA-Story Conspiracy of Ravens, die die beiden zusammen mit der Zeichnerin Sally Jane Thompson kreiert haben, hörte ich zum ersten Mal vor Jahren im Rahmen eines kurzen Interviews des stets hörenswerten A Podcast to the Curious. Reppion beschreibt sie dort etwas flapsig als eine Geschichte über "a magical girl super-hero team, kind of", in der es um "flying around, super-powers, birds, myths, magic" gehe. Vor kurzem hatte ich endlich Gelegenheit, mir den Band einmal selbst vorzunehmen.
Die fünfzehnjährige Anne erbt überraschend den viktorianischen Landsitz einer Tante, von deren Existenz sie bis dahin überhaupt nichts gewusst hatte. Ihre geschiedenen Eltern, die beide aus beruflichen Gründen die meiste Zeit in Übersee verbringen, derweil ihre Tochter in einem Internat  untergebracht ist, drängen sie dazu, umgehend dem Verkauf des alten Herrenhauses zuzustimmen. Aber Anne zögert, zumal es schon bald zu äußerst mysteriösen Ereignissen kommt, die ganz offenbar mit der unverhofften Erbschaft im Zusammenhang stehen. Gemeinsam mit ihrer Geek-Freundin Binky (die nur dank eines Stipendiums dieselbe teure Schule besucht) macht sie sich daran, das Geheimnis von Ravenhall zu lüften. Wie sich herausstellt, ist Anne eines von fünf Mädchen, die dazu ausersehen sind, die Nachfolge eines viktorianischen Superheldinnen-Teams anzutreten, das hier einst sein Hauptquartier hatte. Jedes  seiner Mitglieder besaß eine Art Totem-Vogel und mit ihm verbundene außergewöhnliche Kräfte. Annes Vogel ist der Rabe. Aber so cool es auch ist, plötzlich eine freundliche Roboter-Assistentin zu haben oder in einer Wolke von Raben durch die Gegend fliegen zu können, dauert es nicht lange, bis auch einige Bösewichter aus der Vergangenheit des Teams auftauchen. Ein Grund mehr, schnellstmöglich die übrigen vier Mädchen ausfindig zu machen und "The Dissimulation" ernsthaft wieder zum Leben zu erwecken.
Wirklich umgehauen hat mich Conspiracy of Ravens jetzt zwar nicht, aber sehr charmant ist der Band ohne Frage. Und ich mochte die nie aufdringlich präsentierten Real Life - Elemente am Rande des phantastischen Abenteuers. Binkys Status als "scholarship nerd" und das damit verbundene Stigma; Annes Eltern, die ihre Tochter immer wieder dazu benutzen, ihre eigenen Konflikte auszufechten; die ärmlichen Verhältnisse, unter denen Jenny (eine weitere der jungen Superheldinnen) zusammen mit ihrem Bruder und ihrem alleinerziehenden Vater lebt.
 
 
The Horse of the Invisible
 
Bis vor kurzem war ich der festen Überzeugung, dass es keinerlei Filmadaptionen der Geschichten um William Hope Hodgsons okkulten Detektiv Thomas Carnacki gibt. Doch dann machte mich ein Tweet von Jim Moon auf die Existenz der 1971/73 ausgestrahlten ITV-Anthologie The Rivals of Sherlock Holmes aufmerksam. In zwei Staffeln und 26 Episoden dürfen wir dort die Abenteuer aller möglichen viktorianischen und edwardianischen Detektive miterleben, deren Erlebnisse ungefähr zeitgleich mit denen von Arthur Conan Doyles berühmtem Großmeister des deduktiven Denkens zu Papier gebracht wurden. Die Vielfalt der Ermittler (inklusive dreier Frauen) ist zweifelsohne faszinierend, allerdings wird man in den Episoden unweigerlich auch auf Elemente stoßen, die bei heutigen Betrachter*innen ein leichtes Unwohlsein hervorrufen könnten. Die Bezeichnung "Gypsy" für eine der Heldinnen ist da noch eher harmlos, zumal Fergus Humes Hagar of the Pawn-Shop zumindest in der TV-Adaption von The Mystery of the Amber Beads eine ausnehmend sympathische Figur und völlig frei von irgendwelchen stereotypen Zügen ist. Etwas unangenehmer wird es da schon mit der Charakterisierung irischer Republikaner, russischer Revolutionäre oder der Bevölkerung Haitis, denen man in einigen der anderen Episoden begegnet. Nun, ich schätze dererlei ist angesichts der literarischen Quellen unausweichlich und findet sich ja z.B. auch in der von mir hochgeschätzten Sherlock Holmes - Serie mit Jeremy Brett. Wirklich überrascht hat mich allerdings, dass die fünfte Episode der ersten Staffel doch tatsächlich ein Carnacki-Abenteuer, genauer gesagt The Horse of the Invisible, ist. Und der Ghost-Finder dabei von niemand anderem als dem großen Donald Pleasence gespielt wird. Viel zu sagen habe ich über das 50 Minuten lange Filmchen freilich nicht. Inhaltlich hält es sich erstaunlich eng an die literarische Vorlage. Auffällig ist allerdings, dass Pleasence seinem Carnacki eine gewisse "social awkwardness" verleiht. Eine interessante Entscheidung und nicht ohne Reiz. Persönlich mag ich den Ghost-Finder ja vor allem deshalb, weil er so etwas wie der "moderate Skeptiker" unter den klassischen okkulten Detektiven ist, der nicht von vornherein alles auf übernatürliche Kräfte zurückführt. Und außerdem nie einen Hehl aus seiner eigenen Angst macht.
 

Sultana's Dream        

Wo ich zum ersten Mal auf den Titel der 1905 im Indian Ladies' Magazine veröffentlichen feministischen Utopie von Rokeya Sakhawat Hossain gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise in einem Beitrag auf Strange Horizons? Jedenfalls hat es beschämend lang gedauert, bis ich mir die kurze Erzählung einmal tatsächlich zu Gemüte geführt habe. Dabei ist es wirklich nicht schwer, eine Version des Textes im Internet zu finden. 
Eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Erzählung, die diese sicher verdient hätte, würde u.a. eine eingehendere Beschäftigung mit dem Leben der Autorin und den sozialen und politischen Verhältnissen im Bengalen des beginnenden 20. Jahrhunderts voraussetzen. Da ich das momentan nicht leisten kann, muss ich mich auf ein paar spontane erste Eindrücke beschränken.
Der Inhalt der Geschichte ist schnell zusammengefasst. Die Ich-Erzäherin erhält eines Nachts Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sie in das wundersame matriarchalische "Ladyland" entführt, in dem die traditionellen Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt wurden: Alle öffentlichen Posten sind von Frauen besetzt, während die Männer daheim im zenana (~Harem) hocken. Das Reich ist ein blühendes Gartenparadies voller Frieden und Harmonie. Verbrechen und Gewalt sind unbekannt. Im Stile vieler klassischer Utopien besteht der Großteil der Erzählung aus einer Beschreibung der sozialen, technologischen und politischen Verhältnisse in "Ladyland", sowie aus einem kurzen Abriss der historischen Entwicklungen, die zu diesem idyllischen Zustand geführt haben.
Man kann sich leicht vorstellen, wie provokant Sultana's Dream zum Zeitpunkt seines Erscheinens gewirkt haben muss. Und einige interessante Ideen enthält die Erzählung ganz zweifellos. 
So legt Rokeya Sakhawat Hossain zwar viel Gewicht auf Bildung und Wissenschaft (letztenendes waren es die Errungenschaften der Universitätsgelehrtinnen, die die Gründung von "Ladyland" ermöglichten), stellt ihr Utopia aber nicht als eine zeitgenössische Industriegesellschaft dar. Vielmehr ist die Industrie der Vergangenheit mit all ihrem Schmutz und ihrer Zerstörung verschwunden, da die Wirtschaft des Reiches völlig auf der Nutzung von Solarenergie basiert. Die Form, in der das geschieht, ist freilich ziemlich fantastisch und hat nichts mit unseren heutigen Technologien zu tun. Ebenso wie die "Wassergewinnung aus der Atmosphäre" und das "Wetterkontrollsystem", mit denen "Ladyland" dank dem Erfindungsreichtum seiner Wissenschaftlerinnen gesegnet ist, wirkt das ein wenig wie "herbeigezauberte" Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Doch zumindest bildet Sultana's Dream damit einen interessanten Gegensatz zu den technokratischen Utopien eines Edward Bellamy oder H.G. Wells.
Sehr nett auch die Erwiederung auf das unter "aufgeklärten" männlichen Chauvinisten der Zeit beliebte vulgärmaterialistische Argument, dass die Gehirne der Männer "bigger and heavier than women's" seien und damit deren Überlegenheit unter Beweis stellen würden: "Yes, but what of that? An elephant also has got a bigger and heavier brain than a man has. Yet man can enchain elephants and employ them, according to their own wishes."
Allerdings kann ich nicht umhin, auch auf einige sehr signifikante Schwächen von Rokeya Sakhawat Hossains Vision hinzuweisen. Abgesehen von der Umkehrung der Geschlechterrollen scheint sich nämlich nichts an der sozialen Ordnung des Reiches geändert zu haben. Nicht nur ist "Ladyland" weiterhin eine Monarchie, die Erzählung geht auch mit keinem Wort auf Eigentumsformen und Besitzverhältnisse ein. Die Klassenstruktur der Gesellschaft dürfte sich demnach nicht verändert haben, Reichtum und Armut noch genauso wie unter dem Patriarchat vorhanden sein. Gesellschaftliche Probleme wie Verbrechen, Gewalt und Bürokratismus haben sich hingegen wundersamer Weise in Luft aufgelöst, weil ihre einzige Wurzel offenbar in der "triebhaften" Natur der Männer bestand.
Was mir denn doch etwas arg simplistisch erscheint.
Abschließend möchte ich noch auf die siebenundzwanzig Linolschnitte hinweisen, die die Künstlerin Chitra Ganesh inspiriert von Sultana's Dream geschaffen hat und von denen ich ehrlicherweise sagen muss, dass sie beeindruckender auf mich gewirkt haben als die eigentliche Erzählung. 

Damit ist das Ende dieses Potpourris erreicht. Ich habe in letzter Zeit zwar auch mal wieder in Robbie Morrisons zwischen 1997 und 2012 auf den Seiten von 2000 AD erschienenen Comics-Zyklus Nikolai Dante reingeblättert und außerdem damit begonnen, meine Bekanntschaft mit der erstmals 1984-86 bei ITV ausgestrahlten TV-Serie Robin of Sherwood zu erneuern, an die ich nur noch ganz vage Kindheitserinnerungen hatte. Doch beide haben eine etwas ausführlichere Besprechung verdient. Und wer weiß, vielleicht komme ich ja sogar irgendwann dazu, diese zu schreiben.


(1) Dass der Artikel das Ganze als eine Verschwörung subversiver Elemente darstellt, die Doctor Who infiltrierten, entspricht den Traditionen des konservativen britischen Gossenjournalismus.

(2) Der gute Mr. Jim Moon hat die beiden Bände hier und hier besprochen.

Montag, 18. Februar 2019

Stargazy on Zummerdown

Im Februar 1974 sah sich der konservative Premierminister Edward Heath angesichts einer seit Jahren immer stärker anwachsenden Welle militanter Streiks und Massendemonstrationen gezwungen, Neuwahlen anzuberaumen. Die Tories verloren wenn auch nur knapp , und nach einer ominösen Übergangsperiode von vier Tagen, während derer Heath sich weigerte, 10 Downing Street zu räumen, bildete die Labour Party eine neue Regierung mit Harold Wilson als Premier. Ein wichtiger Wendepunkt der britischen Nachkriegsgeschichte war erreicht. 
Heaths Sturz kann als Höhepunkt der gewaltigen Klassenkämpfe betrachtet werden, die das Vereinigte Königreich in der ersten Hälfte der 70er Jahre erschütterten. Doch es sollte sich schon bald zeigen, dass die Arbeiterklasse bloß einen Scheinsieg errungen hatte.
Labours Wahlmanifeste vom Februar und Oktober 1974 hatten ein umfangreiches Programm sozialer Reformen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung, einen weiteren Ausbau des Wohlfahrtsstaates und eine höhere Besteuerung der Reichen versprochen. Aber es dauerte nicht lange, und es wurde immer deutlicher, dass die Ära des Keynesianismus und nationalen Reformismus, die die Zeit nach dem 2. Weltkrieg geprägt hatten, unwiderruflich zuende war. Verantwortlich dafür waren nicht irgendwelche übelwollenden Politiker, sondern die objektive Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft. 
Als James Callaghan 1976 den Posten des Labour-Vorsitzenden und Premierministers übernahm, erklärte er öffentlich: "We used to think that you could spend your way out of a recession and increase employment by cutting taxes and boosting government spending. I tell you in all candour that that option no longer exists...." Als er sich wenig später gezwungen sah, beim Internationalen Währungsfond einen für damalige Verhältnisse gewaltigen Kredit von $3,9 Milliarden aufzunehmen, forderte dieser im Gegenzug ein energisches Zusammenstreichen der Staatsausgaben. Callaghan haderte zwar mit dem IWF, leitete jedoch nichtsdestoweniger angesichts von steigender Arbeitslosigkeit und Inflation deflationäre Kürzungsmaßnahmen ein, die als direkter Vorläufer der monetaristischen Wirtschaftspolitik gelten können, welche Margaret Thatcher in den 80er Jahren dann mit ungebremster Brutalität durchsetzen würde. Die Labour-Linke, die trotz gelegentlicher Sonntagsreden über den Sozialismus nie bereit war, die bürgerliche Ordnung ernsthaft in Frage zu stellen,  wusste dem keine andere Alternative entgegenzuhalten, als eine Rückkehr zum nationalen Protektionismus. Callaghans Regierung wurde immer instabiler. In ihrem letzten Jahr 1977/78 konnte sie sich nur noch mit Hilfe der Liberalen halten. Ihr endgültiger Zusammenbruch kam mit den Massenstreiks im öffentlichen Dienst im "Winter of Discontent" 1978/79. Der Bankrott des sozialdemokratischen Reformismus ebnete den Weg zur Macht für die extrem rechten Kräfte um die Eiserne Lady, die im Mai 1979 in 10 Downing Street einzog.

Eine zugegeben etwas langwierige Einleitung für einen Post, in dem ich doch eigentlich bloß kurz von einem weiteren kuriosen Fund berichten will, den ich neulich in der schier unerschöpflichen Fundgrube des Bizarren gemacht habe, welche die britische TV-Phantastik der 70er Jahre darstellt. Aber ich glaube, dass eine Vertrautheit mit diesem historischen Hintergrund nötig ist, um Michael Fergusons & John Fletchers Fernsehspiel Stargazy on Zummerdown richtig einzuordnen, das am 15. März 1978 im Rahmen der BBC2-Reihe Play of the Week ausgestrahlt wurde. Zumal das Stück selbst keinen Hehl aus seiner zeitgeschichtlichen Verankerung macht. Auf seine Existenz aufmerksam geworden bin ich übrigens durch einen kleinen Eintrag auf der stets interessanten Website A Year In The Country.

Im 23. Jahrhundert besteht Großbritannien bzw. Albion, wie seine Bewohner es nun wieder nennen, aus kleinen ländlichen und industriellen Gemeinden, die nur locker im "Commonwealth of New Harmony" unter Leitung der "Reformed Celtic Church" vereinigt sind. Lediglich im Norden des Landes scheinen sich Überbleibsel der alten Industriestädte mit ihren riesigen Fabriken erhalten zu haben. Das Setting wirkt zugleich postapokalyptisch und idyllisch, was dem Stück von Anfang an einen sehr eigenen Ton verleiht. Viele der fortgeschrittenen technischen Geräte (Computer etc.), die sich nach wie vor in Verwendung befinden, wirken wie Relikte einer untergegangenen Zivilisation, die nur mit Mühe und Not am Laufen gehalten werden, doch niemanden scheint dies ernsthaft zu beunruhigen. Eigenartigerweise hören wir zugleich immer wieder von einem Raumschiff, das gerade irgendwo gebaut werde.
"New Harmony" entstand nach einer Ära blutiger Bürgerkriege, der "großen Reformation", ohne dass anfangs wirklich klar wäre, um was damals eigentlich gekämpft wurde. Allerdings wird von einem der brutalsten feindlichen Truppenverbände  erzählt, er habe aus Vertretern der "managerial class" bestanden und habe Melonen als Teil ihrer Uniform getragen!
Wer das jetzt etwas absurd {und gar zu offensichtlich} findet, hat natürlich nicht ganz unrecht, aber Stargazy on Zummerdown ist über weite Strecken im Ton einer ländlichen Groteske gehalten. Der Film versucht nicht, ein realistisches Bild der Welt von "New Harmony" zu zeichnen. Schon allein die Sets {gedreht wurde ausschließlich im Studio} verleihen dem Ganzen etwas artifizielles – mehr Bühnenstück als Film. Bevölkert wird diese Szenerie von überzogen gezeichneten Archetypen, die Namen wie Opinionated Alice oder Contrary Harry tragen.
Im Zentrum der Geschichte steht die traditionelle Rivalität zwischen der ländlichen Gemeinschaft der "Aggros" und der industriellen Gemeinde der "Toonies". Wie stets versammeln sich Vertreter der beiden Gruppen am Mittsommertag ("Stargazy"), um ihr Handelsabkommen für das nächste Jahr auszuhandeln und sich daneben mit allerlei spaßigen Wettbewerben {und viel Bier} zu unterhalten. Den Vorsitz führt dabei der "neutrale" Abt des örtlichen Klosters.
Wir kommen in den Genuss solch kurioser Vergnügungen wie eines Wettkampfs im Austausch kreativer Beleidigungen {mit einem greisen Reverend als Schiedsrichter, der schließlich in Ohnmacht fällt} oder eines Duells im Essen von rohen Zwiebeln.
Schließlich beginnen die Matriarchin der "Aggros" und der Vorsitzende der "Toonies" ihre Verhandlungen. Die beiden müssen zu einer Übereinkunft gelangen, bevor eine dicke Wachskerze heruntergebrannt und der Abend heraufgezogen ist. Doch ihre kleinlichen Konflikte erweisen sich als zu stark. Als die Zeit abgelaufen ist, bricht Finsternis über die "Bühne" herein und der Ton des Films ändert sich auf dramatische Weise.
In seinem Appell an die zerstrittenen Gemeinden beschwört der Abt zuallererst die "Lehren der Geschichte" herauf und ruft als Kronzeugen den Historiker Sydney auf, der allsogleich mit einem Vortrag über die Geschichte der Industriegesellschaft beginnt – unterlegt mit illustrierendem Stock-Footage-Material. Beginnend mit der Zerschlagung der feudalen Agrarverfassung im 16. Jahrhundert zeichnet dieser ein denkbar finsteres Bild der Moderne als einer Ära der grausamsten Entmenschlichung, die ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert mit der Einführung der Fließbandproduktion erreichte. Doch der Siegeszug des stählernen Leviathans mit dem Doppelantlitz Kapitalismus-Kommunismus fand schließlich in einer gewaltigen Krise sein Ende, deren Anfang auf das Jahr 1973 datiert werden könne. Einem allgemeinen Zusammenbruch der Wirtschaft folgte eine Ära von Revolten und Bürgerkriegen, bis aus dem blutigen Chaos "New Harmony" geboren wurde.
Im Anschluss an diesen "historischen Exkurs" hält der Abt eine lange utopistische Predigt, in der er "Aggros" und "Toonies" an die Werte ihrer Gesellschaft erinnert, die die Selbstentfremdung und Versklavung des Menschen durch Industrialisierung und Zentralisierung überwunden habe und in der Gemeinschaft und Individuum endlich wieder miteinander ausgesöhnt seien. Diese wahrhaft menschliche Ordnung dürfe nicht durch sinnlose, irrationale Rivalitäten in Gefahr gebracht werden. Die Feierlichkeiten von "Stargazy" dienten ja gerade dazu, diesen ein spielerisches und damit ungefährliches Ventil zu eröffnen.
Das Stück endet mit der Versöhnung der beiden Gruppen und der Hochzeit der "Aggro"-Astronomin Ruth und des "Toonie"-Historikers Sydney, die gemeinsam mit dem umherziehenden "Elektro-Krämer" Israel Tonge auf Wanderschaft gehen, um die Welt jenseits ihrer kleinen Gemeinden kennenzulernen.

Es ist schon etwas erstaunlich, dass Stargazy on Zummerdown ein so genaues Datum für den Anbruch der finalen Krise der Industriegesellschaft liefert. Ein Datum zudem, das in der Vergangenheit und nicht in irgendeiner spekulativen Zukunft liegt. 
Andererseits ist es nicht so verwunderlich, dass für Drehbuchautor John Fletcher gerade 1973 eine solch apokalyptische Bedeutung angenommen hatte. Wir wir gesehen haben, bildete dieses Jahr zusammen mit dem folgenden den Höhepunkt der gewaltigen Klassenkämpfe der frühen 70er. Für viele schien es damals so, als befände sich Großbritannien am Vorabend einer Revolution. Dies galt sowohl für die Linke, als auch für die Rechte. Während Gerry Healy, der Führer der trotzkistischen Workers Revolutionary Party seine Anhänger davon zu überzeugen versuchte, dass ein Sturz der Heath-Regierung bloß die erste Etappe in einer sich rasch entfaltenden sozialistischen Umwälzung sein werde – "Wenn die Arbeiterklasse mit den Herren fertig werden kann, den Tories, dann auch mit deren reformistischen Knechten."* –, spielten einige Vertreter des konservativen Establishments bereits mit der Idee eines Staatsstreichs und der Bildung einer Junta unter Lord Mountbatten. Zu diesem erhofften oder befürchteten Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung war es zwar nicht gekommen. Weder Revolution noch Diktatur hatte sich materialisiert. Doch wachsende Inflation und steigende Arbeitslosigkeit machten mehr als deutlich, dass die Krise noch lange nicht überwunden war. Ein halbes Jahr nach Austrahlung von Stargazy on Zummerdown begann der "Winter of Discontent".

Die Antwort, die John Fletcher mit seinem Stück auf diese Krise zu geben versucht, steht in der Tradition des im 19.Jahrhundert von Denkern wie Thomas Carlyle und John Ruskin begründeten Romantischen Antikapitalismus.** Stargazy on Zummerdown hat mich deshalb auch ein wenig an David Rudkins Penda's Fen (1974) erinnert, auch wenn es diesem faszinierenden und vielschichtigen Film ganz sicher nicht ebenbürtig ist.*** Der Marxismus erscheint Fletcher bloß als der nicht weniger abstoßende Zwillingsbruder des Kapitalismus. Er bietet keine Lösung. Stattdessen gelte es scheinbar, auf vorbürgerliche Gesellschaftsformen zurückzugreifen. Aus gutem Grund erscheint die gewaltsame Auflösung der feudalen Agrarverfassung im Zuge der "Enclosures" des 16./17. Jahrhunderts mit den sie flankierenden Armengesetzen, die ein besitz- und wehrloses Proletariat schufen, in Sydneys Vortrag als so etwas wie der historische Sündenfall. Fletcher war scheinbar ein autodidaktischer Historiker, der sich insbesondere für das Mittelalter und das revolutionäre 17. Jahrhundert interessierte, und sein "New Harmony" wirkt in vielem tatsächlich wie eine Wiedergeburt des "Merry Old England". Dazu passt dann auch sehr gut der volksstückhafte Charakter des Films mit seinem "deftigen" Humor. Nicht dass Fletcher für eine Flucht zurück ins-Mittelalter plädieren würde. Zwar stellt er der Anonymität der kapitalistischen Industriegesellschaft die Rückkehr zu einem Leben in überschaubaren und quasi-familiären Gemeinschaften entgegen, doch natürlich herrscht in "New Harmony" kein Neofeudalismus. Vielmehr scheinen die kleinen Gemeinden auf kommunalem Eigentum zu basieren {was ein Bisschen an William Morris' News From Nowhere oder die Ideen Pjotr Kropotkins erinnert}. Auch hat man sich nicht völlig von den Errungenschaften des Industriezeitalters verabschiedet. Die "Toonies" unterhalten weiterhin Bergwerke und Eisengießereien, produzieren Solargeneratoren und andere Maschinen. Auch stehen die Naturwissenschaften nach wie vor in hohem Ansehen. Ja selbst die neue Religion der "Reformed Celtic Church" mit ihrem Sonnenkult spiegelt dies in gewisser Weise wieder. Vor allem jedoch haben die Gründer von "New Harmony" mit dem Bau eines Raumschiffes ein gemeinschaftliches Menschheitsprojekt geschaffen, zu dem all die kleinen Gemeinschaften direkt ("Toonies") oder indirekt ("Aggros") einen Beitrag leisten, und das damit verhindern soll, dass diese völlig auseinanderdriften.

Stargazy on Zummerdown ist ein filmisches Kuriosum, das auf eigenwillige Weise Licht auf die gesellschaftlichen Befindlichkeiten im krisengeschüttelten Großbritannien der 70er Jahre wirft. Schon allein sein exzentrischer Charakter lässt einen Besuch lohnenswert erscheinen. Ich erinnere bloß noch einmal: Wettbewerbe im kreativen Beleidigen und Zwiebelessen ...  



*  Zit.nach: David North: Gerry Healy und sein Platz in der Geschichte der Vierten Internationale. S.87.
** Ich habe mich vor Zeiten hier einmal etwas ausführlicher mit diesemThema beschäftigt.
*** Vgl. meine alte Besprechung von Rudkins filmischem Meisterwerk. 

   

Freitag, 25. August 2017

Back in the U.S.S.R. (VIII)

In den Gedichten Nikolai Kljujews und Sergei Jessenins, von denen hier bereits einmal die Rede war, nahm der Traum von einem russischen Bauernparadies, das aus der Revolution hervorgehen sollte, naturgemäß die Gestalt einer in poetische Bilder gekleideten Vision an. Sehr viel nüchterner tritt er uns in Alexander W. Tschajanows kurzer Erzählung Reise meines Bruders Alexej ins Reich der bäuerlichen Utopie entgegen.

Der Verfasser war weder Bauer noch Dichter, sondern ein Ökonom  und Agrarwissenschaftler, der sich eher nebenbei auch als Schriftsteller betätigte.
Tschajanows literarisches Werk besteht in erster Linie aus fünf zwischen 1918 und 1928 geschriebenen und publizierten unheimlich-phantastischen Erzählungen, die ganz in der Tradition der Romantik und vor allem in der E.T.A. Hoffmanns stehen voller "mermaids, mirrors, mesmerists, and card-playing demons who worship Satan in London gentlemen’s clubs." (1) Jelena Belaserskaja, die Ehefrau von Michail Bulgakow, erwähnt in ihren Memoiren, dass die Geschichten einen tiefen Eindruck auf ihren Mann hinterließen und schließlich zu einer der Inspirationsquellen für sein phantastisches Meisterwerk Der Meister und Margarita (1940) wurden.
Im Unterschied zu diesen ist die Reise meines Bruders Alexej ins Reich der bäuerlichen Utopie sehr viel direkter ein Ausdruck von Tschajanows politischen und sozialen Idealen. 

1888 in eine bürgerliche Familie hineingeboren, studierte Alexander Wassiljewitsch Tschajanow von 1906-12 am Moskauer Agrarinstitut, um anschließend selbst zu lehren und zu publizieren. Wenn man Wikipedia glauben darf, arbeitete er ab 1914 für verschiedene staatliche Institutionen. Nach der Revolution wurde er 1919 zum Direktor des Seminars für Landwirtschaftliche Ökonomie an der Moskauer Timirjasew-Akademie ernannt. Ein Posten, den er für zehn Jahre innehaben sollte, obwohl er kein marxistischer Ökonom war, und seine Ansichten über die Entwicklung der bäuerlichen Wirtschaft in diamentralem Gegensatz zu denen Lenins standen, wie sie dieser  u.a. in seiner umfangreichen Studie Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland dargelegt hatte. (2) Er wäre sogar beinahe Mitglied der Staatlichen Planungsbehörde GOSPLAN geworden, doch wurde seine Ernennung im letzten Moment widerrufen.

Tschajanow war ein begeisterter Anhänger der Kooperativbewegung, stand jedoch der Idee einer sozialistischen, kollektiv organisierten Landwirtschaft äußerst skeptisch gegenüber. In den Jahren von Stalins Aufstieg zur absoluten Macht dürfte ihn dies allerdings kaum in Konflikt mit der dominierenden Clique im Politbüro gebracht haben. Eher im Gegenteil, denn in ihrem Verlangen nach Ruhe und Stabilität verfolgte die Bürokratie, die in Stalin ihren Woschd (Führer) gefunden hatte, fürs erste eine ausgesprochen zurückhaltende Wirtschaftspolitik, die im Agrarsektor vor allem die wohlhabenderen Schichten des Dorfes begünstigte. In ihrem Kampf erst  gegen die Linke, dann gegen die Vereinigte Opposition (Trotzki, Sinowjew, Kamenew) ging die Stalinfraktion ein vorübergehendes Bündnis mit dem rechten Flügel der Bolschewistischen Partei um Nikolai Bucharin (3), Alexei Rykow und Michail Tomski ein.
Zwei Jahre nach der Zerschlagung der Vereinigten Opposition sollte sich die stalinistische Führung dann allerdings mit einer rasch wachsenden ökonomisch-politischen Krise auf dem Lande konfrontiert sehen, auf die sie nicht anders zu antworten verstand, als mit einem überhasteten, ultraradikalen Kurswechsel.

Jewgeni Preobraschenski, der wohl bedeutendste Ökonom in den Reihen der Linken Opposition, hatte 1921 in seiner Schrift Von der N.E.P. zum Sozialismus dargelegt, wie die auf Lenins Intitiative hin eingeleitete "Neue Ökonomische Politik", die eine partielle Wiederherstellung der Marktwirtschaft darstellte, schließlich in den Sozialismus hinüberwachsen sollte. {Als Kuriosum am Rande sei erwähnt, dass diese Abhandlung – wenn schon nicht dem Inhalt, so doch der Form nach – in Verwandtschaft zur literarischen Phantastik steht, denn Preobraschenski kleidete seine Überlegungen in die Gestalt einer Vortragsreihe, die im Jahre 1970 – lange nach dem Sieg der Weltrevolution – im Moskauer Polytechnischen Museum von dem Historiker Minajew, "who was also a fitter in a railway workshop", gehalten wird.}
Doch die wirtschaftliche Entwicklung unter der NEP verlief anders als erhofft. Zwar erholte sich der Agrarsektor relativ rasch, doch das Wachstum der staatlichen Industrie blieb im Vergleich dazu immer weiter zurück. Eine zentrale Planung existierte fast nur auf dem Papier, und aus fiskalischen Gründen fuhr man die staatlichen Kredite an die Industrie massiv herunter – mit den abzusehenden Folgen. Dieses Ungleichgewicht zeigte sich am augenscheinlichsten in der sog. "Schere": Während der Getreidepreis immer weiter fiel, stieg der Preis für Industrieprodukte rapide an. Vor allem den besser gestellten Bauern (Kulaken) floss zwar immer mehr Geld zu, doch konnten sie sich dafür kaum mehr leisten. Sowohl Preobraschenski als auch Trotzki kritisierten diese Wirtschaftspolitik aufs schärfste, doch alle Aufrufe der Linken Opposition, Planung und Industrialisierung zu intensivieren, stießen bei der herrschenden Fraktion auf taube Ohren. (4)
Schließlich begannen die Kulaken, ihr Getreide zu horten, die Versorgung der städtischen Bevölkerung schien bedroht, und die wachsende Furcht, es könne früher oder später zu einem offenen Bauernaufstand gegen das Regime kommen, war wohl nicht ganz unbegründet. Die bürokratische Führung wusste darauf nicht anders zu reagieren als mit der desaströsen Politik der restlosen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Ende 1929 eingeleitet wurde. Dieser abenteuerliche Kurswechsel führte schon bald zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen auf dem Land, fürchterlichen Hungsernöten und dem Tod von Millionen. Die ihn flankierende mörderische Politik der "Liquidierung des Kulakentums als Klasse" bedeutete in Wahrheit die Entfesselung von Massenterror gegen breite Schichten der bäuerlichen Bevölkerung.

Dass Alexander Tschajanow alsbald ins Visier der GPU geriet, ist nicht weiter verwunderlich. Unter den radikal veränderten politischen Bedingungen galt der Ökonom nunmehr als "Verteidiger des Kulakentums" und damit als gemeingefährlicher Konterrevolutionär. Er wurde 1930 verhaftet und zwei Jahre später in einem geheimen Prozess gegen die fiktiven Verschwörer der fiktiven "Arbeiter-Bauern-Partei" zu fünf Jahren Zwangsarbeit in Kasachstan verurteilt. Kaum hatte er seine Strafe abgebüßt, landete er 1937 im Zuge des Großen Terrors erneut vor einem stalinistischen Tribunal, das ihn diesmal im Schnellverfahren zum Tode verurteilte. Noch am selben Tag fand er sich vor dem Erschießungskommando wieder. {Preobraschenski ereilte übrigens im selben Jahr das gleiche Schickasl, obwohl er 1929 vor Stalin kapituliert hatte}
Bizarrerweise hatten Stalins Mordschergen den Namen der angeblichen Verschwörergruppe, zu deren Führungszirkel der Wirtschaftswissenschaftler gehören sollte, Tschajanows Reise meines Bruders Alexej ins Reich der bäuerlichen Utopie entlehnt. So verknüpft ein makabres Band die utopische Erzählung mit dem tragischen Schicksal, dem ihr Verfasser schließlich anheimfallen sollte.
 
Protagonist der 1920 erstmals veröffentlichten, aber unvollendet gebliebenen Erzählung, ist der Soziologe und Sowjetangestellte Alexei Kremnew offensichtlich ein alter ego des Autors.
Im Eingangskapitel sehen wir ihn durch das abendliche Moskau nach Hause wandern, nachdem er einer öffentlichen Versammlung im Audimax des Polytechnischen Museums beigewohnt hat – derselben Instiution also, in der Preobraschenskis Minajew seine Vorträge halten würde. Die in der nahen Zukunft angesiedelte Szenerie wirkt bedrückend und leicht dystopisch. Unser Protagonist wird als "Besitzer des Arbeitsbuches Nr. 37.413" eingeführt. Wo einst Antiquariate zum Stöbern in alten Büchern einluden, kann "man jetzt beim trüben Licht der Laterne die kurze Aufschrift 'Glawbum' lesen". (5) Diese Welt, in der "sich der Sozialismus als uneingeschränkter Herrscher" betrachten darf, wirkt wenig einladend. (6) Und so empfindet es offensichtlich auch Kremnew, wenn er in seiner Wohnung angekommen über seiner Sammlung sozialistisch-utopischer Klassiker wie William Morris, Tschernyschewski und Fourier ins Grübeln gerät:
Eure einsamen Träume sind heute allgemeine Überzeugungen, eure großartigen, kühnen Ideen – offizielles Program und graue Alltäglichkeit! [...] Seid ihr's zufrieden, ihr Pioniere der Utopie?
Recht bezeichnend ist allerdings, worin einer der Hauptgründe für Kremnews Unbehagen besteht:
[I]n seinem Kopf brannten schmerzhaft die Worte, Sätze und Bruchstücke von Sätzen, die er eben erst auf dem Meeting im Polytechnischen Museum vernommen hatte: "Indem wir den heimischen Herd zerstören, versetzen wir der bourgeoisen Gesellschaft den Todesstoß!" "Unser Dekret, das die häusliche Verpflegung verbietet, wirft das süße Gift der bourgeoisen Familie hinaus aus unserem Dasein und verankert das sozialistische Prinzip bis ans Ende aller Zeiten." "Die familiäre Behaglichkeit gebiert eigensüchtige Wünsche, die Freude des Kleinbesitzers birgt in sich die Keime des Kapitalismus." Der übermüdete Kopf schmerzte dumpf und war bereits daran gewöhnt zu denken, ohne den Verstand dabei zu gebrauchen, ohne Schlussfolgerungen zu ziehen, während die Beine mechanisch dem halbzerstörten heimischen Herd zusteuerten, der gemäß dem eben erst veröffentlichten und erläuterten Dekret vom 27. Oktober 1921 innerhalb einer Woche dem völligen Untergang geweiht sein sollte.
Das erinnert mich doch sehr stark an Iwan Babitschews "Kopfkissenrede" aus Juri Oleschas Roman Neid, den ich hier vor Zeiten schon einmal besprochen habe:
Genossen! Man will euch euren teuersten Besitz nehmen: euren häuslichen Herd. Die Pferde der Revolution donnern über die Hintertreppen, zerstampfen unsere Kinder und Katzen und brechen in unsere Küchen ein. Frauen, der Herd, euer Stolz, euer Ruhm, ist bedroht! Mütter und Frauen, die Elefanten der Revolution wollen eure Küche niedertrampeln. (7)
Die Vorstellung, der Kommunismus strebe die Aufhebung der Familie an, hatte seine bürgerlichen Gegner seit jeher besonders in Rage versetzt. Natürlich erließ die Sowjetregierung nie ein Dekret, das dem in Tschajanows Erzählung geähnelt hätte. Dennoch reagiert der Schriftsteller hier auf sehr reale Entwicklungen im revolutionären Russland.

Die gesellschaftliche Emanzipation der Frau gehörte zu den erklärten Zielen der Bolschewiki. Nicht zufällig war es die Oktoberrevolution, die mit Alexandra Kollontai als Volkskommissarin für soziale Fürsorge erstmals eine Frau auf einen Ministerposten erhob.
Neben der selbstverständlichen rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter erließ die revolutionäre Regierung eine ganze Reihe dahingehender Gesetze: Verwandlung der Eheschließung in einen simplen Verwaltungsakt im Stile einer "eingetragenen Partnerschaft"; eine extrem unbürokratische Scheidungsregelung ohne langwierige Prozesse oder "schuldige Parteien"; eine neue Sexualgesetzgebung, die u.a. die Homosexualität entkriminalisierte (8); Legalisierung der Abtreibung; Einführung von bezahltem Mutterschaftsurlaub und anderen arbeitsrechtlichen Regelungen im Interesse der Arbeiterinnen usw.
Doch den Bolschewiki war bewusst, dass solche gesetzlichen Initiativen nur der erste Schritt auf einem schweren und langen Weg sein konnten. Wie Alexandra Kollontai 1921 in einer Vortragsreihe, die sie an der Swerdlow-Universität vor Arbeiterinnen und Bäuerinnen hielt, erklärte, änderte die "formale Gleichheit vor dem Gesetz" nicht automatisch, dass "die Frau [...] aufgrund der noch bestehenden bürgerlichen Traditionen weiterhin diskriminiert und entmündigt" wurde. Dies könne sich nur ändern, wenn die materiellen Grundlagen, auf denen diese Traditionen erwachsen waren, beseitigt würden.
Solange die Frau an den heimischen Herd gefesselt und zugleich von ihrem "Gatten und Ernährer" abhängig blieb, war an an eine wirkliche Emanzipation nicht zu denken. Um noch einmal Kollontai zu zitieren: "Vor dem Hintergrund der Geschichte der Frau ist die 'Trennung von Küche und Ehe' tatsächlich eine sehr wichtige Reform; für die Frau nicht weniger wichtig als die Trennung von Staat und Kirche." (9) Wie ein bolschewistisches Propagandaplakat kämpferisch verkündete: "Nieder mit der Küchensklaverei und vorwärts zu einem neuen Leben!" Um dieses Ziel zu erreichen, galt es, die Bedeutung des Einfamilienhaushalts durch das Errichten eines dichten Netzwerks von Krippen, Kindergärten, Volkskantinen, öffentlichen Wäschereien usw. immer weiter abzuschwächen und den Übergang zu neuen, kollektiven Formen des Zusammenlebens voranzutreiben. (10)
Unter den Bedingungen von extremem materiellem Mangel und Bürgerkrieg, wie sie während der ersten Jahre der Revolution herrschten,  konnten alle dahingehenden Bemühungen natürlich bestenfalls zu sehr primitiven und unzureichenden Resultaten führen. Für alle Verehrer der traditionellen Werte von "Heim & Herd" mussten sie dennoch einen direkten Angriff auf ihr Allerheiligstes darstellen.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Tschajanow zu diesen Verehrern gehörte. Ob und wie sich das in seinen Visionen einer utopischen Zukunft niedergeschlagen hat, werden wir noch sehen.

Kehren wir also zu Alexej Kremnew in seiner traurigen Moskauer Wohnung zurück. Kaum hat der gute Mann einen Band des revolutionären Slawophilen Alexander Herzen aufgeschlagen, da wird er auch schon von einem magischen "Zeitwirbel" erfasst, der ihn in das Jahr 1984 schleudert.
Dort hält man ihn irrtümlich für den Amerikaner Charlie Man, der das "neue Russland" besucht, um sich "über die Ingenieuranlagen auf dem Gebiet der Bodenbearbeitung zu informieren." Kremnew beeilt sich nicht, dieses Missverständnis aufzuklären, eröffnet sich ihm damit doch die Gelegenheit, seine Neugier über diese Welt der Zukunft zu befriedigen, ohne dabei Verdacht zu erregen. Und ganz offensichtlich hat sich in den letzten sechzig Jahren vieles verändert, wie ihm schon sein erster Blick aus dem Fenster offenbart: 
Am blauen Himmel schwammen dicke, herbstliche Wolkenschiffe. Neben ihnen, etwas tiefer, unmittelbar über der Erde schwebten einige Luftschiffe, kleinere und größere, von seltsamer Gestalt, und ihre sich drehenden metallischen Teile funkelten in der Sonne. Unten breitete sich die Stadt aus ...
Zweifellos, dies war Moskau. Links ragten die riesigen Kremltürme, rechts schimmerte rot die Sucharewka, und dort in der Ferne erhoben sich stolz die Kadaschi. Ein schon seit vielen, vielen Jahren bekannter Anblick. Doch wie sich ringsum alles verändert hatte! Verschwunden waren die steinernen Monumentalbauten, die einst den Horizont überzogen, ganze Gebäudekomplexe waren nicht mehr vorhanden, das Haus Nirenseje stand nicht mehr an seinem Platz...
Statt dessen versank die ganze Umgebung in Gärten ... Die gesamte Fläche bis dicht an den Kreml füllten weit ausladende Baumgruppen, in denen einsame Inseln architektonischer Einheiten zurückblieben. Alleen kreuzten das grüne, sich bereits gelb färbende Meer. Auf ihnen bewegten sich lebhafte Ströme von Fußgängern, Autos und Equipagen. All dies atmete den Hauch klarer Frische, zuversichtlicher Lebensfreude.
Zweifellos, dies war Moskau, aber ein neues Moskau, ein verwandeltes, lichteres.
Unter Leitung des freundlichen Nikifor Alexejewitsch Minin beginnt er seine Erkundungstour.

Nun gehört seit jeher ein spannender Plot nicht unbedingt zu den Grundcharakteristika utopischer Literatur. Und Tschajanows Erzählung macht da keine Ausnahme. Aber natürlich lesen wir solche Bücher auch nicht, um uns von der Handlung fesseln zu lassen oder vielschichtige Charaktere  kennenzulernen. Uns interessiert hauptsächlich die in ihnen entworfene Gestalt einer alternativen Gesellschaftsordnung. Die Reise meines Bruders Alexej ins Reich der bäuerlichen Utopie ist darüberhinaus auch eine Kritik an den Zielen und Idealen der bolschewistischen Revolution.

Wie wir erfahren, hatte die in den 20er Jahren errichtete sozialistische Weltrepublik keinen langen Bestand. Schuld daran war der deutsche Nationalismus:
Die Idee einer kriegerischen Revanche war mit keinerlei Dogmen des Sozialismus aus der deutschen Seele auszumerzen, und aus nichtigem Anlass, wegen der Verteilung der Kohle aus dem Saargebiet, hatten die deutschen Gewerkschaften ihren Präsidenten Radek dazu gezwungen, die deutschen Metallarbeiter und Bergleute zu mobilisieren und das Saarland mit militärischer Gewalt zu besetzen, noch bevor eine Entscheidung in dieser Frage auf einem Kongress des Mirsownarchos [Weltwirtschaftsrat] herbeigeführt werden konnte.Europa war erneut in seine Bestandteile zerfallen. Das Gebäude der Welteinheit stürzte ein, und ein blutiger Krieg begann. (11)
Dass Tschajanow keine sonderlich gute Meinung von den Deutschen hat, wird im Laufe der Erzählung mehr als einmal sehr deutlich. Bizarrerweise spielt dabei die Anthroposophie die Rolle der Staatsideologie der verhassten deutschen Räterepublik!
Nachdem das proletarische Regime durch einen Konflikt anlässlich des "Dekrets über die zwangsweise Einführung der »Eugenik«-Methoden" (12) zerbrochen war, gelangten in Russland im Laufe der 30er Jahre die Bauernparteien an die Macht und setzten eine radikale gesellschaftliche Umwälzung in Gang. Kernstück dessen war die völlige Auflösung der Städte und die Umsiedelung ihrer Bewohner auf das flache Land. Ehemalige Metropolen wie Moskau sind bloß noch "soziale Knotenpunkte eines allgemeinen Landlebens" von weitläufigen Parks durchzogene Ansammlungen kultureller Institutionen, historischer Gebäude und riesiger Hotels, deren permante Einwohnerschaft maximal ein paar Tausende zählt. Grundlage der Ökonomie ist die bäuerliche Einzelwirtschaft, die Tschajanow als die ideale Form des menschlichen Lebens feiert:
Wir betrachteten und betrachten sie immer noch als die vollendetste Form wirtschaftlicher Tätigkeit. Hier tritt der Mensch der Natur entgegen, hier kommt die Arbeit in schöpferische Berührung mit allen Kräften des Kosmos und lässt neue Lebensformen entstehen. Jeder Arbeiter wird zu einem Schöpfer, jede Äußerung seiner Individualität ein Kunstwerk der Arbeit. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass Leben und Arbeiten auf dem Lande äußerst gesund sind, dass das Leben eines Landwirts außerordentlich vielseitig ist, und andere Selbstverständlichkeiten. Dies ist der natürliche Zustand des Menschen, aus dem er von dem Dämon Kapitalismus vertrieben wurde.
Diese Idealisierung des bäuerlichen Lebens geht mit einer slawophil anmutenden Verherrlichung "altrussischer" Kultur einher. Zwar können die Menschen der Zukunft das Wetter mit Hilfe ihrer "Meteorophoren" kontrollieren und fliegen, wenn's schnell gehen soll, rasch mal mit einem "Aeropil" nach Moskau, doch auf dem Jahrmarkt von Belaja Kolp
[pfiffen] die kleinen Lausbuben [wie in der guten alten Zeit] auf tönernen, vergoldeten kleinen Hähnen, wie sie dies im übrigen bereits zur Zeit eines Iwan Wassiljewitsch oder in Groß-Nowgorod getan hatten. Eine zweireihige Harmonika spielte schwungvoll zur Polka auf. Mit einem Wort: Alles war genau so, wie es sein sollte.
Die Bauerngarde trägt "malerische Strelitzenkostüme", Susdaler Ikonen und "Geistliche Glockenkonzerte" stehen hoch im Kurs, das Knöchelspiel ist zum Nationalsport erhoben worden und die traditionelle russische Kochkunst feiert fröhliche Urstände – ergänzt durch ein paar Bananen und Koka-Saft.  Die neue Nationalhymne ist übrigens Alexander Skrjabins Prometheus.
Apropos Kochkunst: Selbstverständlich hat sich auch die traditionelle Familie von den Erschütterungen der "großen Revolution" erholt und bildet erneut die Kernzelle der Gesellschaft – mit dem graubärtigen Patriarchen an der Spitze und dem Töchterlein in der Küche. {Fairerweise sei allerdings hinzugefügt, dass wir der guten Katharina, in die sich Kremnew selbstredend leidenschaftlich verliebt, später auch kurz als Schwadronskommandeurin in der "leichten Kavallerie der Amazonen" begegnen}. Dem siebten Kapitel seiner Erzählung hat Tschajanow den Zusatz beigefügt "das alle, so sie es wünschen, davon überzeugt, dass eine Familie eine Familie ist und immer eine Familie bleiben wird". Er hätte kaum deutlicher werden können.

Das erste neue Monument, das Kremnew bei seiner Fahrt durch das deurbanisierte Moskau ins Auge sticht, ist eine gewaltige Säule
Sie war aus lauter Kanonenmündungen hergestellt, und ein mit einem Basrelief geschmücktes metallisches Band rankte sich an ihr spiralenförmig von unten nach oben. Drei aus Bronze gegossene, riesige Figuren, die mit dem Rücken zueinander standen und sich freundschaftlich an der Hand hielten, krönten diese kolossale Säule. Kremnew hätte fast laut aufgeschrieen, als er die ihm wohlbekannten Gesichter erblickte. Kein Zweifel: auf den Tausenden vonGeschützmündungen standen einander freundschaftlich stützend Lenin, Kerenski und Miljukow. .
Kremnews Überraschung ist verständlich, denn solch eine brüderliche Harmonie zwischen dem Führer der Bolschewiki, dem in der Oktoberrevolution gestürzten Ministerpräsidenten und dem imperialistischen Haupt der bürgerlich-liberalen Kadettenparte muss in der Tat absurd wirken. Doch liegt in dieser absurden Umarmung der Kerngedanke von Tschajanows Utopie als einer Mixtur aus Liberalismus, Sozialismus und Agrarpopulismus. Neben den bäuerlichen Einzelwirtschaften existieren sowohl ein weitgespanntes Geflecht kooperativer Zusammenschlüsse als auch einige Restbestände eines gezähmten Kapitalismus. Eine der ersten Initiativen der Bauernregierung war die Wiedereinführung des "persönlichen Anreizes": Wie der alte Alexej Minin, der zu ihren Führern gehörte, berichtet:
Als wir die Organisation des Wirtschaftslebens übernahmen, haben wir unverzüglich alle Motoren, die die private Wirtschaftstätigkeit stimulieren, in Gang gesetzt, als da sind: Leistungslohn, Tantiemen für Organisatoren, und wir haben zusätzlich zu den Preisen Prämien auf jene Produkte der bäuerlichen Wirtschaft gezahlt, deren Förderung wir für unerlässlich hielten, wie z. B. die Produkte des Maulbeerbaums im Norden.     
Zugleich bemühte man sich, die Besitzunterschiede durch ein ausgeklügeltes Steuersystem auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Tschajanows emphathisches Bekenntnis zum politischen Pluralismus und seine Abneigung gegen dikatorische Gewaltmaßnahmen seitens des Staates wirken zwar sehr sympathisch, aber auch etwas naiv im Kontext einer Revolution, die sich zum Zeitpunkt der Niederschrift der Erzählung nicht bloß gegen die weißen Armeen der Konterrevolution verteidigen musste, sondern auch gegen die britischen, französischen, amerikanischen, japanischen Interventionstruppen  – um nur die wichtigsten zu nennen. Auch ist ziemlich klar, dass die Initiatoren seiner erträumten Bauernrevolution gleichfalls nicht davor zurückschreckten, ihr Utopia mit Hilfe von Dynamit und Maschinengewehren zu errichten, auch wenn sie inzwischen auf dererlei Werkzeuge verzichten können.

Interessanterweise verliert Kremnew am Ende das Vertrauen seiner Gastgeber, wird gar für einen deutschen Spion gehalten, versucht vergeblich, seine Herkunft aus der Vergangenheit zu beweisen, und geht "allein, ohne Beziehungen und mittellos" "einem Leben in einem fast unbekannten utopischen Land entgegegen". Man bedauert es beinahe, dass Tschajanow nie dazu gekommen ist, seine Erzählung zu vollenden. 
 



(1) Obwohl die Wahl E.T.A. Hoffmanns als literarisches Vorbild im Kontext der frühsowjetischen Literatur auf den ersten Blick recht exzentrisch anmuten mag, war Tschajanow darin doch nicht alleine. Aus gutem Grund hatte sich eine der bedeutendsten literarischen Gruppierungen der frühen 20er Jahre, zu der u.a. Wsewolod Iwanow, Nikolai Nikitin, Konstantin Fedin, Nikolai Tichonow, Wenjamin Kawerin und Viktor Schklowski gehörten, den Namen "Serapionsbrüder" gegeben. In ihrem 1922 veröffentlichten, von Lew Lunz verfassten "Manifest", hieß es u.a.: "Für wen sind wir Serapionsbrüder? Wir sind für den Eremiten Serapion. Wir glauben, dass literarische Phantastereien eine Wirklichkeit sind. Wir wollen keinen Utilitarismus. Wir schreiben nicht für die Propaganda. Die Kunst ist real wie das Leben selbst, und so wie das Leben selbst ist sie ohne Ziel und Sinn, sie existiert, weil sie existieren muss." (Zit. nach: Gleb Struve: Geschichte der Sowjetliteratur. S. 73.)

(2) Eine englische Übersetzung von Tschajanows wirtschaftswissenschaftlichem Hauptwerk Organizatsiya krest'yanskogo khostyaistva (Peasant Farm Organisation) findet sich hier.

(3) Yep, das ist derselbe Bucharin, dem wir in einem früheren Beitrag als Führer der sog. Linkskommunisten während der ersten Jahre der Revolution begegnet sind. Intellektuell brillant, äußerst begeisterungsfähig und persönlich sehr gutmütig, zeichnete sich der in Lenins politischem "Testament" als "Liebling der ganzen Partei" beschriebene Bucharin nicht eben durch theoretische Standfestigkeit aus.

(4) Diese Zusammenfassung simplifiziert die wirtschaftlichen Fragen der Zeit natürlich sehr stark und ignoriert u.a. die zentrale Bedeutung, die dabei dem internationalistischen Charakter der Oktoberrevolution und damit zusammenhängend den Folgen des Scheiterns der Revolution in Westeuropa – vor allem in Deutschland – zukam. Wer an einer etwas ausführlicheren Darlegung interessiert ist, sei auf Nick Beams Aufsatz "Socialism in One Country" and the Soviet economic debates of the 1920s verwiesen:. Part 1 * Part 2a * Part 2b

(5) GLAWBUM = Staatliches Hauptamt für Papierzuteilung.

(6) Interessanterweise vertreten einige Literaturwissenschaftler die These, Tschajanows Erzählung könnte eine der Inspirationen für Jewgeni Samjatins berühmte Dystopie Wir (1924) gewesen sein. 
 
(7) Jurij Olescha: Neid. S. 148.

(8) Was nicht heißen soll, man habe Homosexualität allgemein vorurteilsfrei betrachtet. 
Die Beziehung der sozialistischen Arbeiterbewegung zu Schwulen und Lesben war lange Zeit äußerst zwiespältig. Was angesichts der über Jahrhunderte verfestigten homophoben Vorurteile wohl auch kaum anders hätte sein können. Marx und Engels hatten auf den von Karl Heinrich Ulrichs in den 1860ern unternommenen Versuch, eine erste politische Schwulenorganisation in Deutschland zu schaffen, noch mit Spott und Häme reagiert. August Bebel hingegen erwies sich Ende der 1890er als streitbarer Kämpfer gegen den berüchtigen §175. Magnus Hirschfeld berichtet über die offene Haltung des Sozialistenführers: "Als ich Bebel im Sommer 1897 auf seine Aufforderung hin in Schöneberg besuchte, teilte er mir mit, dass ihm der Gegenstand unserer Petition [zur Abschaffung des §175] sehr wichtig erscheine, dass er den Entschluss gefasst habe, die Frage vor versammeltem Hause selbst vorzubringen. [Was Bebel in der Reichtagssitzung vom 13. Januar 1898 auch tat.] Da er nicht Medizin studiert hatte, sich demnach nicht von vornherein als Sachverständiger für alles ansah, was Leib und Seele des Menschen betrifft, stützte er seine Kenntnisse nicht auf Homosexuelle, die zufälligerweise zu ihm kamen, sondern suchte sie wie ein echter Forscher an ihren Sammelpunkten auf, hörte unvoreingenommen an, wie sie ihr Tun und Lassen erklärten, was sie zu ihrer Rechtfertigung vorbrachten und vertiefte sich dann in die einschlägige Literatur." (Zit. nach: Hans-Georg Stümke: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. S. 38.) 
Für die in der revolutionären Sowjetära erlassenen Gesetze war wohl vor allem die Überzeugung ausschlaggebend, dass der Staat sich nicht in das Sexualleben erwachsener Menschen einzumischen habe und nicht dazu berufen sei, den "Sittenwächter" zu spielen. Wie Grigori Batkis, der Direktor des Instituts für Sozialhygiene, 1923 erklärte: "[D]ie sowjetische Rechtsprechung [legt] die absolute Nichteinmischung von Staat und Gesellschaft in sexuelle Belange fest, solange die Interessen des Einzelnen nicht angerührt werden. Bezüglich Homosexualität, Sodomie und anderer Formen der sexuellen Befriedigung, die in der europäischen Rechtsprechung als Akt gegen die öffentliche Moral angesehen werden, behandelt die sowjetische Regelung sie genauso wie sogenannten 'natürlichen' Verkehr."
Doch unter den Mitgliedern der bolschewistischen Partei gab es in sexuellen Fragen zweifelsohne sehr unterschiedliche Ansichten. Erwähnt sei allerdings, dass der Rat der Volkskommissare mit Grigori Tschitscherin ein offen schwules Mitglied hatte.
Mit dem endgültigen Triumph der stalinistischen Bürokratie kam es in den 30er Jahren auch auf diesem Gebiet zu einer reaktionären Kehrtwende und 1933 wurde Homosexualität erneut unter Strafe gestellt.

(9) Alexandra Kollontai: Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung. S. 171; 196.

(10) Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Bolschewiki glaubten keineswegs, dass durch eine solche Veränderung der materiellen Rahmenbedingungen die alten patriarchalischen Denk - und Verhaltensweisen automatisch und von heute auf morgen aussterben würden. Ihnen war durchaus klar, dass es dazu einer bewussten kulturellen Anstrengung bedurfte. Auch gaben sich Leute wie Lenin oder Trotzki keinerlei Illusionen darüber hin, dass viele Kommunisten trotz ihrer Lippenbekenntnisse zur "Frauenbefreiung" im täglichen Leben immer noch ganz die alten Chauvinsten waren. "Leider heißt es auch bei vielen unserer Genossen: 'Kratzt den Kommunisten, und der Philister erscheint'. Natürlich muss man an der empfindlichsten Stelle kratzen, an seiner Mentalität in puncto Frau. [...] Das alte Herrenrecht des Mannes lebt versteckt weiter." (Zit. nach: Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin. In: Dies. Ausgewählte Reden und Schriften. Bd. III. S. 150.) "[W]e often witness psychological contrasts in the same mind. A man is a sound communist devoted to the cause, but women are for him just “females,” not to be taken seriously in any way." (Leon Trotsky: The Struggle for Cultured Speech). Bolschewistische Feministinnen wie Alexandra Kollontai hatten immer wieder gegen heftige Widerstände seitens der mehrheitlich männlichen Parteimitgliederschaft anzukämpfen.
P.S.: Fjodor Gladkows "proletarischer" Roman Zement (1927) ist in vielerlei Hinsicht ein bestenfalls mittelmäßiges Werk, doch die ungeschönte Darstellung der zwischenmenschlichen Konflikte, die durch die beginnende Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen ausgelöst wurden, rechtfertigt eine Lektüre.

(11) Zwar spielte der in Polen, Deutschland und Sowjetrussland aktive  Karl Radek in der Tat eine wichtige Rolle in der Entwicklung der deutschen kommunistischen Bewegung, aber dass Tschajanow ihn zum künftigen Gewerkschaftsführer macht, wirkt trotzdem etwas bizarr.

(12) Worauf genau Tschajanow hier anspielt, ist mir nicht ganz klar. Wir assoziieren die Eugenik heute in erster Linie mit Faschismus und Rassismus, doch während ihrer "Blütezeit" finden wir ihre Ideen über das gesamte politische Spektrum verbreitet. Auch in Sowjetrussland besaß sie ihre Anhänger, obwohl Friedrich Engels derartige Vorstellungen im abschließenden Kapitel seines Anti-Dühring (1878) auf verdiente Weise der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Dennoch wäre es reichlich übertrieben, behaupten zu wollen, die Eugenik habe zu den zentralen Programmpunkten der Bolschewiki gehört.

Sonntag, 21. August 2016

Back in the U.S.S.R. (II)

Teil 1 * Teil 3
  
Konstantin Ziolkowskis Vision einer Kolonisierung des Weltalls durch eine Menschheit, die sich im Zuge dieses Unternehmens selbst vervollkommnen und u.a. den Tod überwinden* werde, fielen nicht nur bei den sowjetischen Raumfahrtenthusiasten der 20er Jahre auf fruchtbaren Boden. Seine kosmistische Philosophie mit ihrer Mischung aus technologisch-wissenschaftlichem Utopismus und quasi-religiösem Mystizismus fand auch bei vielen Vertretern des suprematistischen Flügels der russischen Avantgarde einen starken Widerhall.

In Gestalt des Malers und Designers Iwan Kudrjaschow existierte sogar eine direkte Verbindung zwischen dem Raketenpionier und dem Kreis der Künstler & Künstlerinnen um Kasimir Malewitsch: 
Kudriashev [...] was the son of a master model builder. In this capacity the elder Kudriashev had been invited by Tsiolkovskii to Kaluga, where the rocket engineer needed someone who could build wooden mock-ups of this machines. The young art student accompanied his father on these journeys, and actually helped translate Tsiolkovskii’s technical drawings into miniature space ships.**
Ab 1918 studierte Kudrjaschow als Schüler Malewitschs an der neugegründeten Freien Staatlichen Kunstwerkstatt (SVOMAS) in Moskau. 1919 ging er nach Orenburg, um dort eine weitere SVOMAS aufzubauen, und gründete ein Jahr später eine Sektion der UNOVIS in der Stadt – der suprematistischen Künstlervereinigung, die von Malewitsch, El Lissitzy und anderen in Vitebsk gegründet worden war, nachdem ersterer die Leitung der örtlichen Kunstschule  von Marc Chagall übernommen hatte. 1921 leitete Kudrjaschow die Evakuierung von Kindern aus dem Hungergebiet um Smolensk, um anschließend nach Moskau zurückzukehren, wo er von da an leben und arbeiten würde.
In den ersten Jahren nach der Revolution entwarf Kudrjaschow vor allem Designs für Agitprop-Wagen und die Ausschmückung von Theaterhäusern wie dem Ersten Sowjettheater und dem Sommertheater der Roten Armee in Orenburg. {Wir werden in späteren Beiträgen etwas ausführlicher auf das faszinierende Phänomen des "Theateroktober" eingehen}. In den 20er Jahren wandte er sich dann verstärkt seinen "kosmischen Konstruktionen" zu – abstrakten Gemälden, die man zwar nicht unmittelbar mit Ziolkowskis Ideen in Verbindung bringen kann, die aber doch eine verwandte Faszination für einen Vorstoß in die Unendlichkeit zwischen den Sternen zum Ausdruck bringen. Wie Ross Wolfe in einem Beitrag auf seiner Website The Charnel-House schreibt, wo man sich auch einige von Kudrjaschows Werken anschauen kann:
Brilliant, brooding, and celestially driven, Kudriashev was often given to interstellar flights of the imagination. He dreamed of nighttime passages between the Earth and other planets. This of course reflected the gravitational pull of Tsiolkovskii’s cosmism, which always held extraterrestrial ambitions. Many of his darker paintings from the 1920s convey this sense of cosmic loneliness – that of a solitary mind launched and set adrift in a cold vessel, wandering through the black expanse of space.   
Kudrjaschow war beileibe nicht der einzige suprematistische Künstler, dessen Fanatsie in interstellare Räume vorstieß. Man braucht sich z.B. bloß einmal Ilja Tschaschniks berühmtes Gemälde Kosmos (1925) anzuschauen. Die in der Schwärze unterhalb des gewaltigen roten Kreises schwebende Konstruktion lässt sich unschwer als eine Raumstation interpretieren, und wie David Walsh in seinem Essay Bolshevism and the avant-garde artists schreibt: "The enormity of the task, the terrifying emptiness of the universe, the flimsiness of the vessel, are clear to the viewer." Das Motiv der "Raumstation" spielte eine prominente Rolle im Suprematismus der frühen 20er Jahre, so u.a. im Werk von Lasar Chidekel, der erst bei Chagall, dann bei Malewitsch in die Lehre gegangen war:
From the Chagallian metaphorical ascent over side streets familiar from childhood, he was already within arm’s length of the systematized flights into the endless limits of Suprematist space. Malevich’s destruction of Renaissance perspective and the horizon line led to the revelation of another space that of the boundless cosmos, which became the space onto which Lazar Khidekel would project his Suprematist compositions. Here, between sky and earth, having overcome gravity, geometricized structures were formed in weightlessness. Before becoming the volumes of futuristic cities above the Earth, these structures drifted into the status of space stations of earthlings.
Diese Neigung zum Kosmischen war aber nicht auf suprematistische Kreise beschränkt, wie z.B. Konstantin Yuons großartiges Gemälde Neuer Planet (1921) belegt.
 
Zeigten sich die Suprematisten vor allem fasziniert von der Unendlichkeit des Raumes, bezogen andere ihre Inspiration aus der Möglichkeit, diese Unendlichkeit zu überbrücken. Funk- und Radiotechnik waren relativ neue Erfindungen und weckten das Interesse zahlloser Enthusiasten, die sich in der Gesellschaft der Freunde des Radios zusammenschlossen.*** Der damit verbundene ekstatisch-freiheitliche Geist fand einen großartigen architektonischen Ausdruck in dem zwischen 1919 und '22 unter der Leitung von Wladimir Schukow errichteten Moskauer Sendeturms, der unter den erbärmlichen Verhältnissen, die im heutigen Putin-Oligarchen-Russland herrschen, seit Jahren vom Abriss bedroht ist. Künstlerisch-utopisch weitergedacht führte das dieser Technik innewohnende Potential zu Werken wie Wladimir Ljuschins Modell einer Station für Interplanetarische Kommunikation (1922).

Lasar Chidekel blieb nicht bei seinen im Raum schwebenden Konstruktionen stehen, sondern machte sich daran, eine suprematistische Architektur zu entwickeln, was ihn in der zweiten Hälfte der 20er Jahre schließlich zum Konzept des Aerograd führte – einer "grünen" Stadt der Zukunft, die auf gewaltigen, doch zugleich graziösen Pylonen errichtet über dem Wasser "schweben" sollte.
Khidekel’s aerial city was conceived on a human scale, and even in the mid-1920s was technologically viable. It was designed to promote a humane development of civilization, in which the individual and nature were equally important. Khidekel believed in harmony between humankind and nature, and regarded human culture and nature as governed by the same laws of natural forces. Stemming from his childhood appeal to the starry sky, Chagallian takeoff, and understanding of Suprematist composition as a living, self-evolving organism, Khidekel’s planetary vision always retained warmth and humanity. His skillfully executed pictorial-architectural sketches of cities of the future are dominated by different shades of green, infusing architectural design with a new dimension – the environmental – sadly absent from most futuristic utopias as well as the phantasmagorias of the twentieth century.
Chidekel war nicht der einzige sowjetische Künstler, der Visionen künftiger Städte entwarf. Neben einer Reihe von Modellen, die ihren Ausgang von Ebenezer Howards Idee der  Garden Cities of To-morrow nahmen****, seien auf jedenfall noch Gustav Klutsis' Zeichnungen der Dynamische Stadt (1919-21) sowie Georgi Krutikows Entwürfe für eine fliegende "Stadt der Zukunft" erwähnt, die dieser 1929 als Abschlussarbeit an der WChUTEMAS einreichte – den manchmal als "russisches Bauhaus" beschriebenen "Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten".

Natürlich ließe sich diskutieren, inwieweit man all das als "phantastische" Kunst bezeichnen sollte. Auch wenn sich z.B. Krutikow selbstverständlich bewusst war, dass seine von riesigen Zepellinen in der Luft gehaltenen Wohnkomplexe wenn überhaupt erst in ferner Zukunft realisierbar seien würden, sahen die Künstler der sowjetischen Avantgarde ihre futuristischen Visionen doch nicht als reine Fantasiegebilde, sondern als Vorwegnahme der Realität einer künftigen klassenlosen Gesellschaft.  
"Utopisch" wäre darum vielleicht eine angemessenere Charakterisierung. Zwar wollen die meisten, die heutzutage dieses Adjektiv in Bezug auf die sowjetische Avantgarde verwenden, damit vermutlich zum Ausdruck bringen, dass in ihren Augen die Idee einer auf sozialer Gleichheit, Solidarität und Menschlichkeit basierenden Gesellschaft von vornherein eine Illusion gewesen sei. Doch auch wenn man diese Ansicht nicht teilt, besitzt das Attribut in gewisser Hinsicht seine Berechtigung. Nicht nur versuchten die Künstler & Künstlerinnen sehr oft die Verhältnisse einer kommenden kommunistischen Gesellschaft künstlich vorwegzunehmen, lange bevor die materielle Basis für eine solche existierte, sie tendierten auch dazu, der Menscheit der Zukunft in gewissem Maße vorzuschreiben, wie diese leben solle. Bei all der Fülle an faszinierenden Ideen, die sie im Zuge dieses Unternehmens entwickelten, enthält das avantgardistische Projekt deshalb doch auch ein Körnchen intellektuellen Hochmuts.


  
* Ein Wunschtraum, der seinen Ausdruck auch in Alexander Bogdanows medizinischen Experimenten fand. Der geistige Führer des Proletkult glaubte in der Technik der Blutttransfusion einen Jungbrunnen gefunden zu haben. Am Ende führte dies allerdings bloß zu seinem vorzeitigen Ableben. Aus heutiger Sicht mag all das ziemlich absurd erscheinen, doch solche überzogenen Fantasien sind offenbar Bestandteil jeder revolutionären Epoche. So war die Überzeugung, die befreite Menschheit werde physische Unsterblichkeit erlangen, schon einmal hundert Jahre zuvor in der Ära der Französischen Revolution von dem  anarchistischen Denker William Godwin Ehemann der feministischen Pionierin Mary Wollstonecraft & Vater von Mary Shelley – verkündet worden. 
** Michael Holquist: Tsiolkovsky as a Moment in the Prehistory of the Avant-garde. In: John E. Bowlt & Olga Matich (Hg.): Laboratory of Dreams. The Russian Avant-garde and Cultural Experiment. S. 102. 
*** Vgl. Leon Trotsky: Radio, Science, Technique and Society
**** Ich hoffe, in einem künftigen Beitrag auf Alexander W. Tschajanows kurze Erzählung Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie einzugehen. Dann werden wir uns auch etwas näher mit den frühsowjetischen Vorstellungen einer "Auflösung der Städte" beschäftigen.