Es ist inzwischen dreizehn Jahre her, seit ich mich hier in einer Reihe von Blogbeiträgen mit dem Werk von Nigel Kneale beschäftigt habe. Ursprünglich wollte ich dabei den gesamten phantastischen Teil seines Oeuvres abdecken, doch am Ende blieb es bei Artikeln zu seiner Adaption von George Orwells Nineteen Eighty-Four (1954), den drei "klassischen" Quatermass - Miniserien The Quatermass Experiment (1953), Quatermass II (1955) und Quatermass and the Pit (1958/59) sowie dem Hammer-Film The Abominable Snowman (1957). Die "Tour" brach recht abrupt mit einer Art Überleitungs-Artikel ab, der eigentlich zu einer Besprechung von The Year of the Sex Olympics (1968) führen sollte. Sehr viel später habe ich dann noch einen Beitrag zu seinem Fernsehspiel Murrain (1975) nachgeliefert.
In ihrer ursprünglichen Form fortsetzen werde ich die "Nigel Kneale - Tour" sicher nicht. Das würde in meinen Augen u.a. voraussetzen, dass ich erst einmal die alten Beiträge gründlich überarbeiten müsste. Und dazu fehlt mir ehrlich gesagt die Motivation. Doch da ich das Werk des britischen Drehbuchschreibers und Autors nach wie vor sehr schätze und zudem vor kurzem Andy Murrays Biographie Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale gelesen habe, die schon seit einiger Zeit bei mir herumstand, könnte ich mir zumindest vorstellen, ab und an kleinere oder größere Beiträge über die noch nicht behandelten Filme und Miniserien zu schreiben. Ich denke dabei vor allem an The Year of the Sex Olympics (1968), Beasts (1976), die vierte Quatermass - Miniserie (1979) und Kneales Adaption von Susan Hills The Woman in Black (1989). Beginnen möchte ich heute aber mit ein paar Bemerkungen zu The Road (1963).
Im Januar 1963 war Sidney Newman zum "Head of Drama" der BBC ernannt worden. Director General Hugh Carletone Greene sah in dem vom Konkurrenten ITV Abgeworbenen einen Verbündeten in seinem Ringen um eine Modernisierung des Senders, der sich bis Anfang der 60er immer noch stark an Geschmack und Moral der konservativen Mittelklasse orientiert hatte. Zu Newmans ersten Aktionen gehörte es, mit First Night ein neues Format für unabhängige Fernsehspiele einzurichten. In diesem Rahmen wurde am 29. September 1963 auch Nigel Kneales unter der Regie von Christopher Morahan verfilmtes Stück The Road ausgestrahlt.
Leider gehört The Road zu den Werken Kneales, von denen sich keine Aufzeichnung erhalten hat. Die BBC hielt es lange nicht für nötig, ihre Produktionen in einem Archiv für spätere Zeiten zu bewahren. Genrefans sind in diesem Zusammenhang vermutlich vor allem die vielen verlorenen Episoden von Doctor Who ein Begriff. Aber auch im Oeuvre von Nigel Kneale hat diese Gepflogenheit empfindliche Lücken hinterlassen. Neben The Road fehlen uns aus diesem Grund u.a. Wine of India (1970), The Chopper (1971), Jack and the Beanstalk (1974) sowie die ursprüngliche Farbversion von The Year of the Sex Olympics (1968). Ein kleiner Trost ist, dass das Script 1976 in einem Sammelband von Ferret Fantasy veröffentlicht wurde. (1)
Die Handlung ist im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts irgendwo im ländlichen England angesiedelt. Dem jungen Sam Towler (Rodney Bewes) ist des Nachts in einem nahen Wald etwas zugestoßen, was er nur als Geistererscheinung beschreiben kann. Wie aus dem Nichts erklangen plötzlich fremdartige Geräusche und der Lärm einer großen Menschenmenge. Der ansässige Squire Sir Timothy Hassall (James Maxwell), eine Art Amateur-Naturphilosoph, will dem vermeintlichen Spuk auf den Grund gehen. Doch just zu diesem Zeitpunkt trifft der auf Einladung seiner Frau Lavinia (Ann Bell) aus London angereiste Mr. Gideon Cobb (John Phillips) in dem Ort ein. Cobb ist dank seiner scharfen Zunge ein Held der Salons und Kaffeehäuser der Hauptstadt. Kneale selbst beschreibt ihn als einen "sub-Johnsonian iconoclast". Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Männern und ihren Weltanschauungen steht im Zentrum des Fernsehspiels.
Sir Timothy hält es für am wahrscheinlichsten, dass das von Sam beobachtete Phänomen der "Nachhall" eines lange zurückliegenden Ereignisses ist. Genauer gesagt habe er das Heer von Königin Baodicea (Boudica) gehört, dass im 1. Jahrhundert auf dem Rückzug vor den römischen Legionen durch diese Gegend gekommen sein soll. Aber auch wenn er offensichtlich an die Existenz des Übernatürlichen glaubt, sieht er sich doch als "Wissenschaftler", der den wahren Ursprung des "Spuks" mit Hilfe eines Experiments aufdecken will, bei dem er sich naturwissenschaftlicher, quasi-alchimistischer und magisch-symbolischer Hilfsmittel und Apparaturen bedient.
Mr. Cobb hingegen hält das alles für ausgemachten Humbug, der nichts anderes als Hohn und Spott verdient. Als selbsterklärter "Philosoph" glaubt er, dass die Menschen sich von all diesen Trugbildern ihrer Imagination und dem überlieferten Aberglauben befreien müssten, um die Welt so zu sehen, wie sie ist:
They must scour their minds clean, ready for a new usage. Then turn their whole imagination right round -- away from all the romantic fancies that delight it and then blur and deaden it. And bring that imagination to bear instead on the real world it has taken for granted, and see into it. And seek its deepest sense. The truth is all round us, but it is hard. And ordinary. And supreme.Dies werde den Weg öffnen zu einer neuen Welt, in der sich die Menschheit mit Hilfe der Maschine von Elend, Mühsal und allen anderen Lasten der Vergangenheit befreien werde:
The great steam pumps we see now -- are going to have a million descendants. In a hundred years—in two, certainly -- machines will do all the world’s fetching and carrying. They’ll be more obedient, loyal and industrious than any slaves in history. They’ll carry men through the air and over the seas.
Andy Murray schreibt über das Stück: "The pairing of Sir Timothy and Cobb parallels that of Quatermass and Colonel Breen in Quatermass and the Pit." (2) Dem kann ich mich nur teilweise anschließen. Richtig ist sicher, dass zwischen den beiden die zentralen Themen ausgefochten werden. Aber anders als in Quatermass and the Pit lassen sich die Kontrahenten dabei nicht so leicht in eine "gute" und eine "schlechte" Partei einteilen. Der Professor verkörpert ohne Frage Nigel Kneales Ideal einer Verschmelzung von Vernunft und Humanität, während der Colonel als Repräsentant eines stumpfsinnigen Militarismus gezeichnet ist, den der Autor ganz offensichtlich zutiefst verachtet. In The Road sieht das etwas komplizierter aus.
Zweifelsohne ist Mr. Cobb die deutlich unsympathischere Figur. Er ist arrogant, selbstverliebt und genießt es, andere Menschen mit seinem rhetorischen Geschick zu beeindrucken und zu "unterwerfen". Und dass er eigentlich hierher gekommen ist, um die Ehefrau seines Gastgebers zu verführen, spricht auch nicht eben für ihn.
Ein besonders grelles Licht auf Cobbs Persönlichkeit (und die Widersprüchlichkeiten seiner Weltanschauung) wirft die Beziehung zu seinem schwarzen Diener Jethro (Clifton Jones). Eigenartigerweise wird Jethro selten erwähnt, wenn es um The Road geht, dabei halte ich ihn für eine wichtige und interessante Figur. Ein Ex-Sklave aus Jamaika, wurde er in jungen Jahren von Cobb "erworben", der ihm daraufhin eine umfassende Erziehung zu Teil werden ließ. Allerdings nicht aus humanitären Gründen. Jethro stellt für seinen Herrn eine Art "Experiment" dar, mit dem dieser zu beweisen versucht, wie man aus einem "primitiven Wilden" einen "zivilisierten Menschen" machen könne. Und entsprechend verhält er sich auch ihm gegenüber.
Cobb: Jethro’s an experiment -- (to Sir Timothy) You see, I make them too. On the whole, he works.Sir Timothy: He’s a man.Cobb: He is now. Almost. He was bought in slavery by an old friend of mine. His mind was a child’s. Less, with nothing in it but a little darkness. I emptied it clean, poured in new impressions and the ideas they formed. Nothing old or false, no cant. I set him at all matters, to seek truth. Tested his brain against others in argument. And at last -- that savage is the equal of any man in the kingdom.Sir Timothy: Then why do you not respect him?Cobb (astonished): Respect? Respect, sir, is no part or parcel of the matter. You might as sensibly ask me to respect him for the silver buckles I’ve put upon him.
Nigel Kneale hätte es so zwar sicher nicht ausgedrückt, aber für mich zeigt sich darin der bürgerliche Charakter der Aufklärungsphilosophie, deren Repräsentant Cobb ist. In der Theorie gehört zu seiner strahlenden Zukunftsvision zwar auch die Gleichheit aller Menschen: "There'll be neither squire nor servant then." Aber in der Realität ist er eben doch ein bourgeoiser "Gentleman" und verhält sich entsprechend gegenüber jenen, die in der sozialen Hierarchie unter ihm stehen. Er ist dabei vielleicht sogar noch herablassender als der Squire, weil er alle traditionellen "Sentimentalitäten" im Miteinander der Menschen verachtet. Cobb ist zwar ein Abolitionist (weil er Sklaverei für nicht mehr zeitgemäß hält), aber Jethro ist für ihn trotzdem so etwas wie ein Stück "Eigentum", in das er Zeit und Geld "investiert" hat.
Der ehemalige Sklave nimmt das übrigens nicht einfach so hin. An einer Stelle beschreibt Kneale seine Haltung gegenüber Cobb wie folgt:
Jethro watches him with an irony that is never far below the surface. Resentment at being taken for granted has taught him subtle ways to provoke, and to use them when Cobb is ruffled
Und im Verlaufe der Nacht des "Experimentes" im Wald sagt er ihm dann sogar offen ins Gesicht, was er von ihm hält: "Here in this place, I can! I am not real to you, am I? I’m
something you made, not a man. But the man is speaking to you now!"
Im Vergleich dazu wirkt der höfliche Sir Timothy sicher sehr viel einnehmender. Und auch sein wiederholt ausgesprochener Grundsatz "I have an open mind" nimmt sich gegenüber Cobbs Arroganz erst einmal ziemlich sympathisch aus. Selbst seine Exzentrizität ist nicht ohne Charme. So etwa wenn er die Szenerie seines "Experiments" mit pseudo-römischen Theaterrequisiten ausschmücken lässt, die als eine Art Köder für den "Spuk aus der Antike" dienen sollen.
Aber nachdem er gar zu lange von Cobb provoziert wurde und sich zudem einer der Dörfler einen kleinen Spaß mit dem "Experiment" erlaubt hat, kommt es zu einem Ausbruch von beinah fanatischer Aggressivität. Und anders als der mondäne Spötter greift der Squire dabei zu seiner Flinte. Zwar wird niemand verletzt, aber man fühlt sich gedrängt, Cobb zuzustimmen, wenn dieser Lavinia zumurmelt: "He is ruthless in his way [...] One of a blind, mad pack! They will do things!"
Andererseits hat auch Cobb durchaus seine Momente. So etwa, wenn er sich über "Gerechtigkeit" auslässt, einen Wert, für den seine Zukunftsmenschen keinen Gebrauch mehr haben würden:
Justice, sir, is a god -- the god of misers! It defines the way we may snatch from each other and then guard our grabbings! You say justice and you exalt a golden blindfold lady. I see a gibbet and a thing hanging with eyes pecked out!
Und letztenendes sind sowohl Mr. Cobb als auch Sir Timothy auf ihre je eigene Weise Repräsentaten des "Age of Reason". Der eine als Theoretiker, der andere als Praktiker und Empiriker. Und darum geht es in dem Stück letztenendes. Sie beide bauen an jener Straße in die Zukunft mit, der The Road seinen (doppeldeutigen) Namen verdankt. Einer Zukunft, die nicht Cobbs grandioser Vision entsprechen wird, sondern deren wahre Natur sich offenbart, als klar wird, worum es sich bei dem "Spuk" in Wirklichkeit handelt. Kein "Nachhall" aus der Vergangenheit, sondern ein kurzer "Blick" in die Zukunft.
Die Figuren des Stücks können natürlich nicht wissen, was die Geräusche genau bedeuten, die im Finale plötzlich über sie hereinbrechen. Doch für die Zuschauenden konnte kein Zweifel daran bestehen, was sie da hören: Der Lärm unzähliger Autos, eine Massenkarambolage, die Stimmen verängstigter und verzweifelter Menschen, die vor irgendetwas zu flüchten versuchen, und schließlich die fürchterliche Detonation einer thermonuklearen Bombe. Die Geräuschkulisse dieses finalen, alptraumhaften Twists, kreiert von Brian Hodgson und dem legendären Radiophonic Workshop der BBC, muss ungeheuer effektvoll gewesen sein.
Man könnte versucht sein, The Road als eine Art Kommentar zur Dialekt der Aufklärung zu lesen. Allerdings weiß ich nicht, ob Nigel Kneale mit der demoralisierten Philosophie Adornos und Horkheimers vertraut war, die die Schrecken des 20. Jahrhunderts letztenendes zum unausweichlichen Produkt des aufklärerischen Denkens erklärte. Und persönlich denke ich ohnehin, dass eine solche Interpretation zu kurz greifen würde. Auch wenn in dem Stück sicher viel von Kneales zunehmendem Pessimismus mitschwingt, denke ich nicht, dass man es als eine grundsätzliche Absage an Wissenschaft, Technik und Zukunftsoptimismus verstehen sollte. Dafür wirkt es in der Widersprüchlichkeit seiner Figuren zu differenziert auf mich. Ganz sicher jedoch sollte es als eine Warnung vor dem verstanden werden, was die zu einer Waffe pervertierte Wissenschaft der Menschheit einmal bescheren könnte. Nebenbei bemerkt: The Road entstand ein Jahr nach der Kubakrise.
(1) Man findet es auch im Internet Archive als Teil der von David Drake zusammengestellten Anthologie Bluebloods.
(2) Andy Murray: Into the Unknown - The Fantastic Life of Nigel Kneale. S. 123.

