"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 15. Juni 2016

Der Décadent der Fantasy (9)

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3 * Teil 4 * Teil 5 * Teil 6 * Teil 7 * Teil 8

Das Traumland

In seinem den kalifornischen Schriftstellern der 30er Jahre gewidmeten Essay The Boys in the Backroom weist der bekannte Kritiker Edmund Wilson auf den traumartigen Zauber hin, der über dem Land an der Pazifikküste liege und dessen Literatur stark mitgeprägt habe:

All visitors from the East know the strange spell of unreality which seems to make human experience on the Coast as hollow as the life of a troll-nest where everything is out in the open instead of being underground. I have heard a highly intelligent Los Angeles lawyer who had come to California from Colorado remark that he had periodically to pinch himself to remind himself of the fact that he was living in an abnormal, a sensational, world which he ought to get down on paper, but that he could never pull out of the trance sufficiently to react and to judge in what he still at the back of his mind considered the normal way.[...] This is partly no doubt a matter of climate: the empty sun and the incessant rains; and of landscape: the dry mountains and the void of the vast Pacific; of the hypnotic rhythms of day and night that revolve with unblurred uniformity, and of the surf that rolls up the beach with a beat that seems expressionless and purposeless after the moody assaults of the Atlantic. (1)

Auf dem Refugium der Bohème lastete dieser Bann des Irrealen besonders schwer. Es war eine Welt der sterbenden Romantik, die Clark Ashton Smith betrat, als er an einem Sommerabend 1912 über die Hügel von Monterey nach Carmel wanderte, während sich die Dämmerung auf die Wälder herabsenkte und die Bäume in fremdartige Schatten verwandelte.
The road ran obscurely through a black forest starred with infrequent lights, and seemed to end at the last visible light. A woman (Mrs. Michael Williams, I believe) redirected me. I had only to cross a wooden footbridge and follow a narrow, winding path down the ravine. There, in the pine-fragrant darkness, I came to the blurred outlines of a cabin and a house; I knocked on the cabin's door. A high, cracked, New England voice sang out, "Come in, Clark Ashton Smith!"
The cabin's kerosine lamp revealed a figure which, after all the years, and after the very silence and absence of death, seems much more presently alive and vital than many that walk the earth today. About him there was something of the world's youth, something of kinship with its eternal life and the agelessness of the sea. His fine brown acquiline features, his strange mingling of grace and vigor, made one think of a beardless Sylvan or Poseidon. Somehow, in spite of its modernness, his very costume contributed to the impression of viability: he wore golf clothes and stockings of dark green, with a green bow tie and brown canvas shoes. In lieu of a leopard-skin, of wreath of vine-leaves or sea-wrack, the garb was not too inappropriate.
His first gesture, after our greetings and explanations, was the pouring of a joint libation fron a wicker-covered gallon demi-john filled with muscatel. The spicy golden wine was indeed the nectar of Parnassus. It was made, I believe, in Monterey; but no muscatel of these latter seasons has ever had quite the same savor and potency. 
Die kleine Hütte, in der der Gast sich schließlich schlafen legte, hatte einst der jungen Dichterin Nora May French als Wohnstatt gedient. In ihr hatte sie fünf Jahre zuvor Selbstmord begangen. Und es entsprach Clark Ashtons Naturell, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn ihr Geist ihm des nachts einen Besuch abstatten würde. Für ihn kein furchteinflößender Gedanke. Im Gegenteil: „I'm sure that her ghost would be a lovely one.“ (2) Er hatte schon immer eine etwas eigenwillige Phantasie gehabt.

Tatsächlich wäre Nora May French neben dem König der Bohème wohl am ehesten dazu berufen gewesen, ihn in Carmel zu begrüßen. In ihren Versen fand der Geist der sterbenden Romantik seinen vielleicht reinsten Ausdruck. Unendlich zart und hoffnungslos traurig, sind sie voll der melancholischen Schönheit der kalifornischen Küste und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach etwas, was die Dichterin selbst nicht recht in Worte zu fassen vermag.

"Bells From Over The Hills Sound Sweet"
– Russian Proverb – 

Oh, when the afternoon is long and hazy
   So still the valley lies, so still, so still,
With sweeping smoky spirals blue and lazy,
  With yellow light aglow from hill to hill.
Sometimes the echoes startle with my singing;
  Sometimes a bird the heavy silence fills,
And always I can hear them ringing, ringing,
  My mocking bells, my Bells from over the Hills.

Sweetly, faintly ring they, cruel ring they:
  "Captive in your prison hear us call!"
Message from a life of action bring they,
  Life beyond these hills more sweet than all.
Would that I could heed their call and follow,
  Waking while this drowsy valley sleeps,
Follow Fortune over the hill and hollow,
  Wrest from her the treasures that she keeps!


My freedom gained, what fate would be for telling?
  Still hills and hills beyond would stretch for aye.
Peace in this little valley has its dwelling,
  And that the chase would profit who shall say?
For hopes and dear delights, ah, who can near them?
  Something ungained, the heart with longing fills,
And follow though I might I still should hear them,
  The mocking bells, the Bells from over the Hills.
(3) 
Mich erinnern dieses Gedicht und seine Schöpferin immer ein Bisschen an Tschechows Drei Schwestern. So wie Irina, Olga und Mascha sich nach Moskau als dem unbestimmten Symbol einer irgendwie sinnvolleren und erfüllteren Existenz sehnen und es doch nicht fertigbringen, ihr trauriges Provinznest und ihr kleinbürgerliches Leben hinter sich zu lassen, so verlangte es auch Nora May nach einem aktiven Dasein, das irgendwo "dort draußen" zu finden sein müsse. Aber weder wusste sie wirklich, wie dieses Leben aussehen müsste, noch fand sie in sich den Glauben und die Kraft, die ihr den Aufbruch ins Unbekannte ermöglicht hätten. Das Schicksal und die Verse der unglücklichen Dichterin hätten eine Warnung für Clark Ashton seien müssen. Doch ihre Wirkung auf ihn war offenbar eine völlig andere.

Als er am nächsten Morgen auf die Lichtung vor Sterlings Häuschen hinaustrat, fiel sein Blick vielleicht zu allererst auf die Tierschädel, die in den Ästen der Bäume hingen, welche hier einen großen Kreis bildeten - elfenbeinerne Fetische inmitten des sattgrünen Blattwerks. Der Zauber archaischer Zeiten lag über diesem Ort. Bei Cypress Point gab es ein Wäldchen, das man "Druid Grove" nannte. Ich bin mir sicher, dass sich beim Anblick des bizarren Kultplatzes ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Aus der Ferne drang das unablässige Rauschen des Meeres herüber. Dies hier war eine Welt nach seinem Geschmack.
In den nächsten Tagen und Wochen zeigte Sterling seinem Gast die Küste von Monterey mit ihren weißen Stränden und eindrucksvollen Klippen, die er so sehr liebte. „Truly, he was the genius of that scene [...] Like all who love life greatly, [he] loved the sea: its changing moods and colors and voices; and the things that lurked in its ultramarine depths or were cast up on its tawny beaches.“ (4) Vielleicht sprach er auf diesen Wanderungen von den geheimnisvollen Gärten unter den Wogen, jenem Reich fantastischer Farben und Formen, das er in einem seiner schönsten Décadence-Gedichte besungen hatte.

Splendid and chill those gardens shone.
Where sound is not, and tides are winds, -
Where, fugitive, the naiad finds
Eternal autumn, hushed and lone; (5)

Oder er erzählte ihm die Geschichte von den Fischern, die eines nachts in einer abgelegenen Bucht vor einem plötzlich aufgezogenen Sturm Schutz gesucht hatten. Als sie am Feuer saßen, hörten sie auf einmal über dem Brausen des Windes und dem Tosen der Brandung fremdartiges, unheimliches Gelächter und erblickten zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau, die aus den Wogen auftauchten und auf den Strand heraufkamen.

Ghostly they shone before the lofty spray -
Fairer than gods and naked as the moon,
The foamy fillets at their ankles strewn
Less marble-white than they.

Laughing they stood, then to our beacon's glare
Drew nearer, as we watched in mad surprise
The scarlet-flashing lips, the sea-green eyes,
The red and tangled hair. (6)

Die Wesen aus dem Meer sprachen Worte in einer unbekannten Sprache und in ihren Augen funkelte eisige Verachtung. Die Fischer aber flohen in wilder Panik, und nie wieder setzte ein Mensch seinen Fuß auf den Strand dieser einsamen Bucht. Ähnliche Szenarien werden uns in Smiths Gedichten und Erzählungen wiederbegegnen.

Schließlich gelangten die beiden auf ihren Streifzügen auch zu Point Lobos, jenem Ort also, den Sterling in An Altar of the West zu einem Weiheplatz der tranzendenten Schönheit verklärt hatte. Von diesen Klippen war Nora May Frenchs Asche im November 1907 dem Wind und den Wellen übergeben worden, und diese Szenerie hatte Clark Ashton vor Augen, als er vier Jahre später sein Gedicht an die verstorbene Dichterin zu verfassen begann:
 
Importunate, the lion-throated sea,
Blind with the mounting foam of winter, mourns
To cliffs where cling the wrenched and labored roots
Of cypresses, and blossoms granite-grown
Lose in the gale their tattered petals, cast
On bleak, tumultous cauldrons of the tide
Where fell thy molten ashes.

Zwar hatte er Nora May nie kennengelernt, doch fühlte er sich ihr offenbar sehr nahe.

No wraith of fog,
Twice-ghostly with the Hecatean moon,
Nor rack of blown, phantasmal spume shall rise,
But I will dream thy spirit walks the sea,
Unpacifed with Lethe. Thou art grown
A part of all sad beauty, and my soul
Hath found thy buried sorrow in its own
Inseparable for ever.
[...]
Of thee
The pearlèd fountains tell, and winds that take
In one white swirl the petals of the plum
And leave the branches lonely. (7)

Worin bestand die Verwandtschaft, die Clark Ashton so deutlich empfand?

Unmittelbarer Auslöser für Nora May Frenchs Selbstmord war wohl eine unglückliche Liebesaffäre gewesen, wobei man sich bis heute nicht darüber einig zu sein scheint, ob es dabei um Henry Anderson Lafler oder Jimmy Hopper ging. 
Die Emanzipation der Frau gehörte nicht eben zum Programm der Bohème von Carmel. Sterling etwa gab dem jungen Clark Ashton folgenden Rat: „Don't ever let a woman get the upper hand of you. [...] Rule them with a rod of iron.“ (8) Da hört man Nietzsches Peitsche knallen. Und die Alternative sah im Grunde nicht viel besser aus: Xavier Martinez’ Ehefrau Elsie wurde von den Bohèmiens bewundernd "The Blessed Damozel" genannt, nach dem Vorbild der madonnengleichen, unerreichbaren Geliebten in Dante Gabriel Rossettis berühmtem Gedicht:
The blessed damozel leaned out
From the gold bar of Heaven; 
Her eyes were deeper than the depth 
Of water stilled at even; 
She had three lilies in her hand, 
And the stars in her hair were seven. (9)
Nora May wäre sicher ebenso ungeeignet gewesen, die Rolle des unterwürfigen Weibchens wie die des ähtherischen Ideals zu spielen. Dennoch greift es meiner Meinung nach zu kurz, wollte man ausschließlich den auch in den Kreisen der Bohème unbestritten vorherrschenden sexistischen Geist der Zeit für ihren Tod verantwortlich machen. Nora May war im Herzen stets eine Rebellin gewesen. Und es gab wahrlich genug, wogegen es aufzubegehren galt. Als Tochter einer kultivierten New Yorker Familie, die sich 1888 vom Versprechen eines neuen Lebens ins boomende Los Angeles hatte locken lassen, um dort schon bald dem völligen wirtschaftlichen Ruin anheimzufallen, hatte sie in ihrem kurzen Leben bittere Armut und die geisttötende Monotonie stupider Gelegenheitsjobs kennengelernt. Auch war sie als selbstbewusste junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen wollte, immer wieder mit den Normen einer viktorianisch geprägten Gesellschaftsmoral aneinandergeraten. In einer Kurzgeschichte, die wenige Wochen vor ihrem Tod in der Saturday Evening Post erschien, beklagte sie sich darüber, dass jeder, der von den allgemein anerkannten Regeln abweicht, in Amerika als „queer“ verspottet werde, und erklärte mit einer Mischung aus Stolz und Resignation: „I am different. I don't see why I should pretend to deny that.“ (10) Sie wollte sich nicht domestizieren lassen. Der bekannte Humorist Gelett Burgess sprach bewundernd von ihrer „eager, curious, inquiring soul“. (11) Aber sie wusste nicht, wie sie ihrer instinktiven Revolte eine tragfähige Perspektive hätte geben sollen. Ihre zahlreichen und meist unglücklichen Affären mögen selbst ein Ausdruck dieser Orientierungslosigkeit gewesen sein. Wenn George Sterling Nora May einen "Sturmvogel" nannte, so haben wir dabei nicht an Maxim Gorkis stolzen Vorboten der Revolution, sondern eher an Baudelaires hilflosen und gedemütigten Albatros zu denken.

Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,
Das Schiffsvolk einen Albatros ergreift,
Den grossen Vogel, der in lässigen Flügen
Dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.

Doch, – kaum gefangen in des Fahrzeugs Engen
Der stolze König in der Lüfte Reich,
Lässt traurig seine mächtigen Flügel hängen,
Die, ungeschickten, langen Rudern gleich,

Nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.
Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!
Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,
Verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.

Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,
Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn;
Doch unten in des Volkes frechem Toben
Verhindern mächt'ge Flügel ihn am Gehn. (12)

Ähnlich dürfte sich auch Clark Ashton Smith gefühlt haben. Er sah die Dinge schon jetzt so, wie er sie zwei Jahrzehnte später mit bitterer Ironie in seinem Black Book beschreiben würde: „It is still possible for the free spirit to survive in America, if he can avoid starving to death, and does not mind isolation and obloquy too much. Just how long it will be possible for him to survive is a moot question.“ (13) Sein Bild des Dichters als des ewigen Außenseiters entsprach seinen realen Erfahrungen in Auburn. Verstärkt wurde es jedoch durch seine romantische Vorstellung vom Künstlertum. Das erklärt, warum er sich so gut mit Nora May French identifizieren konnte. Ihr Tod war für ihn sozusagen das natürliche Schicksal des wahren Künstlers.

Dabei übersah er, dass diese talentierte und eigenwillige junge Frau nicht nur an der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch an der Bohème verzweifelt war. Während einer der ausgelassenen Zusammenkünfte der Bohèmiens hatte man sie einmal ausrufen hören: „I have an idea that all sensible people will ultimately be damned.“ (14) Für nicht wenige aus der Runde sollte sich diese düstere Prophezeiung schließlich erfüllen. Nora May French war nicht die einzige, die die Zyankali-Phiole mit der Aufschrift "Frieden" bei sich trug. George Sterling, Jack London, Xavier Martinez – sie alle besaßen solch ein Fläschchen, in dem „prisoned rest the tender hands of Peace, [...] the sleep eternal“. (15)
Als die junge Dichterin im Herbst 1907 nach Carmel gekommen war, hatte es sich dabei um einen letzten verzweifelten Fluchtversuch vor einer Realität gehandelt, die sie nicht mehr länger ertragen konnte. Carrie Sterling meinte später, es sei zu diesem Zeitpunkt wohl bereits zu spät gewesen: „[T]he worm was at the bud & she couldn’t overcome it“. (16) Dafür spricht sicher vieles, doch auch unter besseren Umständen wäre das Traumland von Carmel vermutlich kein Quell neuen Lebens für Nora May geworden. Zu Beginn mag es auf sie den gleichen verführerischen Reiz ausgeübt haben wie fünf Jahre später auf Clark Ashton. Doch dieser Zauber konnte unmöglich anhalten. In ihrem Gedicht A Place of Dreams hatte sie geschrieben:

Here will we drink content, comrade of mine –
Here, where the little stream, to meet the sun,
Flows down a yellow rock like yellow wine.

Here will we launch a leaf to distant shores,
And in it shut a word for Wonderland
The blue Unknown beyond the sycamores. (17)

Meines Wissens nach beziehen sich diese Verse zwar nicht auf Carmel, aber die Küste und das Waldland von Monterey waren ganz sicher ein ausgezeichneter Ort zum Träumen. Das Verlangen nach dem "Unbekannten" konnten sie jedoch nicht stillen. Das Ersehnte lag irgendwo "jenseits der Sykomoren", denn bei ihm handelte es sich ja nicht um einen Ort im Raum – auch wenn sie von "Wonderland" sprach –, sondern um eine Form des Lebens. Und in dieser Hinsicht konnte Carmel keinen Ausweg bieten. Das Leben hier hatte etwas Irreales, glich einem nie enden wollenden Spiel. Nora May aber brauchte ein aktives, sinnerfülltes Dasein, nicht das Versinken in Fantasien und Träumereien. Carmel konnte als ein Refugium dienen, in das man sich für eine gewisse Zeit vor der tristen amerikanischen Wirklichkeit zurückzog, um die Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Befreiung von allen gesellschaftlichen Konventionen zu genießen. Eine Alternative zur realen Welt konnte es nicht bieten.

Natürlich besaß der Zauber des Unwirklichen, der über dem Ort lag, seinen unbestreitbaren Reiz. Das Spiel kann eine befreiende Wirkung ausüben, solange es nicht an die Stelle des wirklichen Lebens tritt. Ein Ausflug ins Feenreich ist etwas sehr schönes, vorausgesetzt man findet auch wieder den Weg zurück.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die Schriftstellerin und engagierte Feministin Mary Austin, neben Nora May French die einzige Frau, die dem Carmel-Kreis nicht als Ehefrau oder Geliebte, sondern als eigenständige Künstlerin angehörte. Berühmt geworden war sie durch ihr 1903 erschienenes Buch The Land of Little Rain, in dem sie die Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt sowie das menschliche Leben in der Region zwischen Sierra Nevada und Mojave-Wüste schildert, wobei sich lyrische und realistische Elemente mit einer Art poetischen Naturfrömmigkeit vermischen. Den Abschluss des Buches bildet die Beschreibung der von mexikanischen Einwanderern bewohnten Siedlung Las Uvas. Die Autorin zeichnet das Bild eines Utopias des einfachen Lebens: Das Dasein der Bewohner des "Kleinen Dorfes der Weinreben" ist gekennzeichnet von unbekümmerter Sorglosigkeit und natürlicher Arbeitsscheu, die sich der Yankee-Ethik von Fleiß, Ehrgeiz und Geldverdienen verweigert; von einem aufrichtigen Gemeinschaftsgefühl, einer ungebändigten Lebenslust und einer tiefen Volksfrömmigkeit, die ohne die bedrückenden Gedanken an Sünde und Schuld auskommt. El Pueblo de Las Uvas – das ist der Geruch von Blumen und reifem Obst; der Geschmack von Wein und Chili; der Klang des Vogelgezwitschers und der Gitarren.

Singing is in fact the business of the night at Las Uvas as sleeping is for midday. When the moon comes over the mountain wall new-washed from the sea, and the shadows lie like lace on the stamped floors of the patios, from recess to recess of the vine tangle runs the thrum of guitars and the voice of singing.
At Las Uvas they keep up all the good customs brought out of Old Mexico or bred in a lotus-eating land; drink, and are merry and look out for something to eat afterward; have children, nine or ten to a family, have cock-fights, keep the siesta, smoke cigarettes and wait for the sun to go down. And always they dance; at dusk on the smooth adobe floors, afternoons under the trellises where the earth is damp and has a fruity smell. A betrothal, a wedding, or a christening, or the mere proximity of a guitar is sufficient occasion; and if the occasion lacks, send for the guitar and dance anyway. [...] At Las Uvas every house is a piece of earth - thick walled, whitewashed adobe that keeps the even temperature of a cave; every man is an accomplished horseman and consequently bowlegged; every family keeps dogs, flea-bitten mongrels that loll on the earthen floors. They speak a purer Castilian than obtains in like villages of Mexico, and the way they count relationship everybody is more or less akin. There is not much villainy among them. What incentive to thieving or killing can there be when there is little wealth and that to be had for the borrowing! If they love too hotly, as we say ‘take their meat before grace,’ so do their betters. Eh, what! shall a man be a saint before he is dead? And besides, Holy Church takes it out of you one way or another before all is done. Come away, you who are obsessed with your own importance in the scheme of things, and have got nothing you did not sweat for, come away by the brown valleys and full-bosomed hills to the even-breathing days, to the kindliness, earthiness, ease of El Pueblo de Las Uvas. (18)

Gut möglich, dass Mary Austin in der Gemeinschaft von Carmel ihren Traum zumindest teilweise realisiert glaubte.
Aber das war nicht alles. Schon das "Kleine Dorf der Weinreben" war wenigstens zur Hälfte ein Märchen gewesen, hier nun öffneten sich ihr endgültig die romantischen Gefilde von Faerië. Und George Sterling war ihr treuester Gefährte bei den spielerischen Expeditionen in das Zauberreich. Jahre später schrieb sie über ihren Freund: „One of the poet's endearing traits, which he shared with all creative workers and most children, was a quick capacity for entering into an imagined situation and ‘playing’ at being whatever at the moment most interested him. His favorite play, reminiscent of his boyhood in Captain Kid's country, was the ‘lost treasure’“. 
Wieder befinden wir uns auf den Klippen von Point Lobos. Denn hier, so fabulierten Austin und Sterling, sei einst eine Dschunke im Meer versunken mit einem gewaltigen Schatz an Bord, der in früheren Zeiten einmal Teil einer königlichen Grablege gewesen war. Um diesen fiktiven Hort sponnen die beiden nun einen Reigen von Geschichten – über seine Ursprünge, wie er nach Monterey gelangt und was hier mit ihm geschehen war. Denn im Wasser dort unten befände er sich nicht mehr. Vielmehr sei er in den Besitz eines Volkes gelangt, das unbemerkt von den modernen Bewohnern der Halbinsel hier in den Wäldern hause. Mary Austins Schilderung des Strandspaziergangs, auf dem die Idee von den verstohlenen und geheimnisvollen "Outliers" geboren wurde, lässt uns die Atmosphäre erahnen, in der dieses fantastische Spiel gespielt wurde:

That was the morning after the severest storm any of us had known at Carmel, and we were exploring the beach toward Mission Point, strewn with the many colored treasure of the deep. Along the tide mark drifts of yellowish sea-scum piled or broke and skimmed the opalescent sands like great birds, overhead a scum of cloud veiled the foreshore; seaward the liquid turquoise of the bay splashed and cradled. In the tide shallows unfamiliar purple sea-snails wallowed clumsily and it was while we were helping them back to deep water that Vernon [Kellog] suggested that there might be other helpers about, genii loci as invisibly incomprehensible to us as we were to the murex-tinted creatures of the sea bottoms.

Selten ist mir der König der Bohème sympathischer gewesen als in Mary Austins Bericht von ihrer gemeinsamen Schatzsuche.
Die meisten der Fabeln um "des Königs Hort" und die "Outliers" sind nie aufgezeichnet worden. Und vielleicht ist das auch gut so. Solchen Geschichten darf man nicht zu nahe treten, wenn sie ihren Zauber bewahren sollen. Schwarz auf Weiß, losgerissen von der Landschaft Carmels und dem Leben der fabulierenden Bohèmiens, würden sie vermutlich viel von ihrem ursprünglichen Charme einbüßen. Mit ihrem Roman Outland gewährt uns Austin jedoch zumindest einen kleinen Einblick in dieses Märchenreich. Sie erzählt darin, wie sie zusammen mit einem etwas spießigen, befreundeten Akademiker, der wohl nach Vernon Kellogs Vorbild gezeichnet ist, den "Outliers" begegnet und eine Zeit lang unter ihnen lebt. Die Handlung dreht sich – wie könnte es anders sein – um "des Königs Hort", den ein anderer Stamm – das "Far Folk" – den "Outliers" abzujagen versucht. Sterling taucht in der Rolle eines ebenso charismatischen wie hinterhältigen Vertreters dieses "Far Folk" auf. Zugegeben, würde man den Hintergrund nicht kennen, so wäre Outland – abgesehen von der eigenwilligen Syntax der Autorin – nicht sonderlich interessant. Die Schilderung der "Outliers" weist Parallelen zum Leben der amerikanischen Ureinwohner auf, mit deren Kultur sich Austin intensiv auseinandergesetzt hatte, aber in anderen Werken – wie etwa dem Theaterstück The Arrow-maker – hat ihre Beschäftigung mit den Indianern zu sehr viel anregenderen Resultaten geführt.
Doch ob Austins Erzählung als eigenständiges Kunstwerk Bestand hat, interessiert hier eigentlich nicht. Worauf es mir ankommt, ist die Verbindung zwischen der Bohème von Carmel und der Phantastik. Wenn George Sterling das Talent dazu besessen hätte, dann hätte er entsprechende Erzählungen geschrieben. Wie Mary Austin erzählt: „What he would have liked to do when he was not doing what he did, would have been to produce tales of romantic fancy. He could have done with ‘Treasure Island,’ but would have preferred some of the less macabre tales of Poe or [Maurice] Hewlett's ‘Lore of Proserpine.’“ (19)
Was Sterling tatsächlich geschrieben hat, ist ein Zyklus von sechs in der Steinzeit angesiedelten Kurzgeschichten, die 1914 im Popular Magazine erschienen. Beim Verfassen der Babes in the Wood dürften allerdings eher monetäre Überlegungen im Vordergrund gestanden haben. Diese Spielart des Phantastischen erfreute sich damals offenbar einiger Beliebtheit. Acht Jahre zuvor war Jack Londons Roman Before Adam erschienen, und Sterlings Stories stießen auf genug Interesse, um das Magazin dazu zu bewegen, mit J. C. Beechams Zweiteiler Out of the Miocene nachzulegen. Noch Robert E. Howard würde 1925 mit der Steinzeitstory Spear and Fang seinen Einzug in die Welt der Pulpmagazine halten.
Als Clark Ashton Smith in den 20er Jahren phantastische Geschichten zu verfassen begann, war dies also kein Bruch mit den Traditionen von Carmel. Seine Stories waren natürlich sehr viel düsterer und bizarrer als alles, was sich Sterling und seine Freunde am Strand von Monterey ausgedacht hätten. Grund hierfür war nicht nur sein eigene Persönlichkeit, sondern auch das veränderte Umfeld, in dem er lebte und arbeitete. Doch insbesondere in seiner Freundschaft mit H. P. Lovecraft sollte sich zeigen, dass der spielerische Zug, die reine Lust am Fantasieren auch bei ihm stark entwickelt war. Wie wir noch sehen werden, hatte sich da trotz allem etwas vom alten Zauber Carmels erhalten.

Die romantischen Neigungen der Bohème konnten mitunter allerdings auch reichlich groteske Züge annehmen, so etwa wenn die munteren Gesellen in griechische Gewänder gehülllt durch die Wälder tollten oder sich Porter Garnett als nackter Satyr mit Hörnern und Ziegenbärtchen ablichten ließ. Und so spaßig es auch anmutet, wenn die "Crowd" Isabel Fraser in Giuseppe Coppas Restaurant öffentlich zur "Königin der Bohème" ausrief, wobei "Ihre Majestät" auf einer Leiter über den Köpfen des Publikums thronte – im Grunde feierte sie in solchen Momenten doch nur sich selbst und ihre angebliche Überlegenheit über die "Spießer". 
Kein Wunder, dass sich nicht selten ein gehöriges Maß an Selbstüberschätzung in die Inszenierungen der Bohème mischte. Als Künstler wie Garnett und Robert I Aiken sich daranmachten, die Wände von Coppa’s mit einem prachtvollen Fresko zu verzieren, gehörte dazu auch ein "Temple of Fame" genannter Fries, auf dem die Namen der Bohèmiens neben denen von Titanen wie Dante, Rabelais oder Goethe prangten. Muss man noch deutlicher werden? George Sterling selbst war zwar alles in allem eher bescheiden, doch seine Gefährten sparten nicht mit übertriebenem Lob, besangen ihn als den neuen Milton oder Spenser. Und war es nicht ähnlich vermessen, wenn Clark Ashton Smith in seinem Gedicht an Nora May French die junge Dichterin mit der großen Sappho verglich? Freilich wurde er selbst oft genug mit John Keats auf eine Stufe gestellt ... Kevin Starr macht für diese maßlose Selbstüberschätzung den trotz der raschen Entwicklung Kaliforniens immer noch unbezweifelbaren Provinzialismus der Bay Area verantwortlich: „San Francisco's isolation might give rise to a splendid originality, but it could also lead to narcissism and a self-justifying tolerance for the third-rate, the soothing critical climate, as well as the sunshine, was in danger of filling up San Francisco with poseurs, unchallenged by circumstances of discernment. Bohemia often concealed a colossal idleness.“ (20) In dieser Interpretation steckt sicher viel wahres, doch braucht es eigentlich nicht die Besonderheiten der Pazifikküste, um die Eigenheiten der Bohème zu verstehen.
Auf einer Festivität in den frühen 20er Jahren trat Sterling als Dante kostümiert auf. (21) Ungefähr ein Jahrzehnt zuvor hatten sich im gar nicht so provinziellen München Stefan George und Karl Wolfskehl auf einem "Dichterzug" als Dante und Homer präsentiert. Und der Mummenschanz mit Toga und Lorbeerkranz war da nicht die einzige Parallele. Die pseudosakrale Atmosphäre des George-Kreises mit seinem Meisterkult und seinen Fantasien von dichterischem Sehertum und Neuem Reich herrschte bei den Kaliforniern zwar nicht – hier ging es sehr viel lockerer und humorvoller zu –, aber auch die Gemeinschaft von Carmel war so etwas wie eine verschworene Bruderschaft, die sich bewusst von der übrigen Welt isolierte. Es ist immer wieder dasselbe: Wenn Künstler in dem verständlichen Wunsch, sich von der bürgerlichen Gesellschaft abzugrenzen, den Rückzug in eine selbstgemachte Gegenwelt antreten, verstärkt das automatisch den in ihrer sozialen Stellung bereits angelegten Trend, den eigenen kleinen Zirkel für das Universum zu halten. Es gibt keinen besseren Nährboden für künstlerischen Größenwahn. Mangel an Selbstkritik und wechselseitige Lobhudeleien sind für solche Cliquen ebenso typisch wie verletzte Eitelkeiten und kleinliche Eifersucht.

Wenn die Selbstüberschätzung der Bohèmiens zu Vergleichen mit Dante, Milton oder Keats führte, so war dies hauptsächlich peinlich. Doch derselbe Zug konnte schnell zur arroganten Überheblichkeit gegenüber der Masse der Menschen werden, die man dann sämtlichst zu den verhassten "Spießern" zählte. Der Kampf gegen das Spießertum ist oft nicht mehr als der wohlfeile Ersatz für eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der herrschenden Ordnung. Er reduziert die Rebellion auf bloße Meinungsverschiedenheiten in Fragen des persönlichen Geschmacks und Lebenswandels. Bestenfalls ist das naiv, als würde das Fortbestehen der bürgerlichen Ordnung von Kleidermoden, Haarschnitt oder Fragen der Sexualmoral abhängen. Doch häufig genug dient es auch als "progressive" Maske für elitäre Massenverachtung. In den Augen der Bohèmiens waren die "Spießer" dann in erster Linie nicht mehr die Bourgeois mit ihrem heuchlerischen Puritanismus, ihrer Gier und ihrer Afterkultur, sondern die "Proleten" beiderlei Geschlechts mit ihrer mangelnden Bildung, ihrer "Vulgarität" und dem Dreck unter den Fingernägeln. Nichts fällt leichter, als die zu verachten, denen durch unsere soziale Ordnung der Zugang zur wahren Kulur verwehrt wird, während man selbst eine Universität besucht hat.

Anders als bei den Münchener Kosmikern und George-Jüngern waren die bizarren Kostümierungen in Carmel zwar wohl kaum ernst gemeint. Dennoch lassen sie sich als äußere Anzeichen für einen inneren Mangel an Lebenskraft interpretieren. Das geistig-kulturelle Inventar dieser Gegenwelt war ein aus allen möglichen Epochen und Kulturkreisen zusammengeklaubtes Sammelsurium. Seine Versatzstücke entstamten u.a. der Antike, Omar Khayyams Rubaiyat, einem romantisch verklärten Mittelalter, einem imaginierten keltischen Heidentum, der germanischen Mythologie sowie der asiatischen Kultur und Religion, wobei das Wissen um letztere wohl in erster Linie nicht durch die chinesischen und japanischen Bewohner des Goldenen Staates oder Dichter wie Yone Noguchi, sondern über die Theosophie – selbst schon ein äußerst eklektisches Gebräu – zu den Künstlern gelangt war. (22) 
The Atonement of Pan, St. Patrick at Tara, The Quest of the Gorgon, The Green Knight, The Rout of the Philistines, Montezuma, The Hamadryads, The Sons of Baldur ... Eine Liste der "Grove Plays" des Bohemian Club vermittelt einen hübschen Eindruck von diesem Mischmasch. In ihm zeigte sich nicht nur, dass die Bohèmiens unfähig waren, etwas wirklich eigenes und neues zu schaffen. Wer die Traditionen der Jahrhunderte auf diese Art als einen Selbstbedienungsladen zur persönlichen Sinngebung benutzt, offenbart damit auch eine erschreckende Oberflächlichkeit. Denn selbverständlich konnten sich die Künstler keine von ihnen wirklich organisch aneignen. Sie konnten sie sich bloß überstreifen wie ihre griechischen Gewänder, die sie ja auch nicht zu antiken Hellenen machten. 
Wenn das Verlangen nach einer tieferen Geistigkeit tatsächlich so existenziell gewesen wäre, wie sie behaupteten, hätte es durch solch eine Maskerade kaum befriedigt werden können. Aber machen wir uns nichts vor – das unkonventionelle Verhalten, das epater le bourgeois und das beständige Betonen der eigenen Suche nach wahrer Schönheit war nicht selten auch bloß Pose. Man kann selbst den Weltschmerz zu einem modischen Accessoire machen. In beinah jedem Bohèmien steckte ein kleineres oder größeres Stückchen von Bunthorne, dem "Helden" der Gilbert & Sullivan - Oper Patience, einer nicht gerade tiefsinnigen, aber nichtsdestoweniger amüsanten Parodie auf Décadents und Präraffaeliten:

If you’re anxious for to shine in the high aesthetic line as a man of culture rare,
You must get up all the germs of the transcendental terms, and plant them everywhere.
You must lie upon the daisies and discourse in novel phrases of your complicated state of mind,
The meaning doesn’t matter if it’s only idle chatter of a transcendental kind.
And everyone will say,
As you walk your mystic way,
If this young man expresses himself in terms too deep for me,
Why, what a singularly deep young man this deep young man must be!“

Be eloquent in praise of the very dull old days which have long since passed away,
And convince 'em, if you can, that the reign of good Queen Anne was Culture's palmiest day.
Of course you will pooh-pooh whatever's fresh and new, and declare it's crude and mean,
For Art stopped short in the cultivated court of the Empress Josephine.
And every one will say,
As you walk your mystic way,
If that's not good enough for him which is good enough for me,
Why, what a very cultivated kind of youth this kind of youth must be !“ (23)



(1) Edmund Wilson: The Boys in the Back Room. In: Ders.: Classics and Commercials. A Literary Chronicle of the Fourties. S. 45f.
(2) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 299; 300.
(3) Nora May French: ‘Bells From Over The Hills Sound Sweet’. In: Dies.: Poems. S. 74.
(4) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. : David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 300.
(5) George Sterling: The Gardens of the Sea. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 87.
(6) George Sterling: The Swimmers. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 54f.
(7) Clark Ashton Smith: To Nora May French
(8) Clark Ashton Smith: George Sterling: Poet and Friend. In: David E. Schultz & S.T. Joshi (Hg.): The Shadow of the Unattained. S. 301.
(9) Dante Gabriel Rossetti: The Blessed Damozel. In: Gisela Hönnighausen (Hg.): Die Präraffaeliten. Dichtung, Malerei, Ästhetik, Rezeption. S. 133.
(10) Zit. nach: Dana Gioa: Nora MayFrench.
(11) Zit. nach: Pamela Herr: NoraMay French Biographical Sketch.
(12) Charles Baudelaire: Der Albatros. In: Ders.: Die Blumen des Bösen.
(13) Clark Ashton Smith: The BlackBook. § 188.
(14) Zit. nach: Jim Fisher: GeorgeSterling: Poet of the Skies.
(15) George Sterling: The Apothecary’s. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 49.
(16) Zit. nach: Pamela Herr: Nora May French Biographical Sketch.
(17) Nora May French: A Place of Dreams. In: Dies.: Poems. S. 85.
(18) Mary Austin: The Land of Little Rain. S. 267f.; 280f.
(19) Mary Austin: A Poet in Outland.
(20) Kevin Starr: Americans and the California Dream, 1850-1915. S. 260. Zit. nach: Jim Fisher: George Sterling: Poet of the Skies.
(21) Vgl.: Gobind Behari Lal: San Francisco’s bohemia of yesteryear and future. In: Suzanne B. Riess: Gobind Behari Lal. A Journalist From India, At Home In The World. S. 184.
(22) Sterlings Schwägerin Lila Havens war Theosophin und hatte ihr Haus in Piedmont im "asiatischen" Stil ausschmücken lassen.
(23) W. S. Gilbert: Patience; or Bunthorne’s Bride. S. 24f.

Dienstag, 17. Mai 2016

Der Décadent der Fantasy (8)

Auch wenn in diesen beiden Kapiteln erneut nichts über Clark Ashton Smith selbst zu lesen sein wird, nähern wir uns doch langsam aber sicher wieder dem guten Klarkash-Ton, geht es im Folgenden doch um den Kosmizismus im Werk von George Sterling und anderen Vertretern des kalifornischen Fin-de-siècle. Da Smiths eigenes Werk sehr stark von seiner "kosmischen Weltsicht" geprägt ist, ist es meiner Ansicht nach wichtig, sich anzuschauen, wie deren Vorläufer ausgesehen haben, um später sowohl die Kontinuitäten als auch die Unterschiede zwischen diesen beiden Formen oder Entwicklungsstufen des Kosmizismus herausarbeiten zu können.

(Ich habe übrigens keine Ahnung, wo die irritierenden weißen Streifen herkommen oder wie ich sie loswerden könnte. Meine Leser & Leserinnen mögen mir diese Unannehmlichkeit verzeihen.)

Teil 1 * Teil 2 * Teil 3 * Teil 4 * Teil 5 * Teil 6 * Teil 7


Ein neuer Hiob und der Kosmos
 
Schon Ambrose Bierce hatte George Sterling als den "Poeten der Himmel, Propheten der Sonnen" apostrophiert und dabei vor allem an sein erstes großes Werk The Testimony of the Suns gedacht. Bis heute gehört das epische Gedicht zu den bekanntesten Werken des Dichters. Jack London war so fasziniert von dem Poem seines Freundes, dass er es unter dem Titel Ephemera als das von aller Welt verkannte Meisterwerk des todkranken Russ Brissenden (1) in seinen Martin Eden einbaute:

It was a long poem of six or seven hundred lines, and it was a fantastic, amazing, unearthly thing. It was terrific, impossible; and yet there it was, scrawled in black ink across the sheets of paper. It dealt with man and his soul-gropings in their ultimate terms, plumbing the abysses of space for the testimony of remotest suns and rainbow spectrums. It was a mad orgy of imagination, was sailing in the skull of a dying man who half sobbed under his breath and was quick with the wild flutter of fading heart-beats. The poem swung in majestic rhythm to the cool tumult of interstellar conflict, to the onset of starry hosts, to the impact of cold suns and the flaming up of nebular in the darkened void; and through it all, unceasing and faint, like a silver shuttle, ran the frail, piping voice of man, a querulous chirp amid the screaming of planets and the crash of systems. (2)

Den Begriff "Kosmizismus" verbindet man heutzutage vor allem mit H. P. Lovecraft und einigen Schriftstellern aus seinem Umfeld, unter denen Clark Ashton Smith als der bedeutendste hervorragt. Man versteht darunter eine Sicht, die den Menschen in seiner kosmischen Bedeutungslosigkeit einem unendlichen, von unveränderlichen und gänzlich "inhumanen" Naturgesetzten beherrschten Universum gegenüberstellt.
Es ist verständlich und auch gar nicht völlig falsch, dass Leute wie S. T. Joshi in George Sterling den wichtigsten Vorläufer dieser philosophisch-ästhetischen Richtung sehen. Freilich betonen sie dabei oft über Gebühr die Rolle, die dieser Kosmizismus im Gesamtwerk Sterlings spielte. So erklärt Joshi in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Sterling-Band The Thirst of Satan: „Thematically, Sterling focused on the transience and evanescence of humanity in an endless cosmos that seems to have no purpose.“ In Wirklichkeit kommt der Idee des Schönen in seinem Œuvre eine sehr viel zentralere Rolle zu, und wie wir gleich sehen werden, beruht Testimony of the Suns auf ganz denselben Grundlagen und kann nur im Zusammenhang mit Sterlings stets unbefriedigter Sehnsucht nach Schönheit und Gemeinschaft verstanden werden. 
Das wird von all jenen übersehen, die den Kosmizismus hauptsächlich oder ausschließlich aus den naturwissenschaftlichen Umwälzungen der Zeit ableiten wollen. Scott Connors z.B. schreibt in seinem Aufsatz Gesturing Toward the Infinite: Sterling would assault the optimistic piety of the times in large part by making use of the discoveries of nineteenth-century science that were both a cause and a byproduct of the great change in the nation's character from agrarian republic to industrial democracy.“
Ohne Frage ist die Zerstörung des teleologischen Naturverständnisses durch die wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahrhunderts eine der unverzichtbaren Vorbedingungen für die Entstehung des Kosmizismus. 1830 hatte die englische Autorin Mary Roberts – Verfasserin zahlreicher populärer Naturkundebücher – noch ganz selbstverständlich schreiben können:

All die vielfältigen Teile der Natur sind wunderschön gestaltet, damit sie im Einklang tätig sein können. Wir erkennen die Hand Gottes in den niedrigsten und in unseren Augen oftmals verachtenswerten Geschöpfen; sie weist jedem Lebewesen seine Stellung zu und ordnet es auf so bewundernswerte Weise dem mächtigen Ganzen unter, dass jedes Teilchen der Materie, und jedes lebende Geschöpf, das kreucht, fleucht und sich auf Erden bewegt, im Dienste des allgemeinen Guten gebildet wird. (3)

Wir müssen heute schmunzeln, wenn wir so etwas lesen, doch über Jahrtausende war eben das die Art gewesen, in der man die Natur betrachtet hatte. Spätestens seit Darwins Revolution in der Biologie war das nicht mehr möglich. Hinzu kamen Erkenntnisse in anderen Wissenszweigen wie der Geologie und Astromomie, die den Horizont der Menschen in Raum und Zeit gewaltig erweiterten, und nichts mehr übrigließen von der Vorstellung einer lauschigen Heimstatt, die der Liebe Gott seinen Kinderchen mit soviel rührender Sorgfalt eingerichtet hatte.
Ohne die aus diesen Umwälzungen erwachsene neue Sicht der Welt wäre der Kosmizismus nicht denkbar. Doch handelt es sich bei ihm in erster Linie nicht um die künstlerische Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Scott Connors behauptet zwar, Sterling sei von Ernst Haeckels „scientific materialism“ (4) beeinflusst gewesen, doch bin ich mir nicht sicher, wie verlässlich solche Angaben sind. Jedenfalls fällt es schwer, in seinem Werk konkrete Belege für den Einfluss naturwissenschaftlicher Ideen zu finden. Platon, Keats und Shelley spielen da eine größere Rolle als Darwin, Huxley oder Haeckel. Die einzige Ausnahme bildet die Astronomie, mit der sich der Dichter in jungen Jahren einigermaßen intensiv beschäftigt hatte. Doch auch da ist Vorsicht geboten. Ein Grund für die häufige Verwendung astronomischer Bilder dürfte nämlich in dem Umstand zu suchen sein, dass die Namen der Sterne Sterlings ästhetischem Empfinden entgegenkamen. Man hat beinahe das Gefühl, als habe es ihm ein sinnliches Vergnügen bereitet, Worte wie Aldebaran, Arcturus oder Betelgeuse (=Beteigeuze) auszusprechen. Und sie passen ja tatsächlich ganz ausgezeichnet zur Sprachmagie der Décadence.

Mit was genau also haben wir es bei The Testimony of the Suns zu tun? Das Gedicht beginnt mit einem Blick in den Nachthimmel mit seinen ungezählten Sternen. Dabei wird der irdischen Sicht der Dinge (Time) die kosmische (Eternity) gegenübergestellt: 

Time, to thy sight what peace they [die Sterne] share
On Night's inviolable breast!
Remote in solitudes of rest,
Afar from human change or care.

Eternity, unto thine eyes
In war's unrest their legions surge,
Foam of the cosmic tides that urge
The battle of contending skies,

The war whose waves of onslaught, met
Where night's abysses storm afar,
Break on the high, tremendous bar
Athwart that central ocean set—

From seas whose cyclic ebb and sweep,
Unseen to Life's oblivious hours,
Are ostent of the changeless Pow'rs
That hold dominion of the Deep.

O armies of eternal night,
How flame your guidons on the dark!
Silent we turn from Time to hark
What final Orders sway your might. (5)

Eigentümlicherweise scheint kaum jemandem aufgefallen zu sein, dass dieser "kosmische Krieg" ein äußerst unpassendes Bild für die Vorgänge im Universum ist. Sterne bekämpfen sich nicht! Die Vorstellung ist weniger episch oder tragisch, als vielmehr ein klein Bisschen lächerlich, und lässt die Behauptung, wir hätten es hier mit einer objektiven Sicht der Welt zu tun, zumindest fragwürdig erscheinen. 
Sehr viel mehr Sinn macht das Panorama, wenn wir es als eine unbewusste Übertragung der Verhältnisse in der "dog eats dog" - Gesellschaft des ungezügelten Kapitalismus auf die Natur verstehen. Ein häufig zu beobachtendes Phänomen, wie es sich z.B. auch in den sozialdarwinistischen Anwandlungen Jack Londons zeigte. 
Was keineswegs bedeutet, dass es Sterling in seinem Gedicht nicht tatsächlich um "kosmische" Fragen gegangen wäre. Doch der, der diese Fragen stellte, war das Produkt einer bestimmten sozialen und kulturellen Umwelt. Das lyrische Ich von Testimony of the Suns ist nicht "der Mensch", sondern ein amerikanischer Intellektueller des beginnenden 20. Jahrhunderts. Was sucht er in den Weiten des Universums? Die Antwort ist eindeutig:

Child of unrest, but fain for peace,
Life dreams, in her expectant dark,
Of final things, and waits to hark
Conclusive trumpets crying cease.
  
Ruhe und Frieden, das Ende des ewigen Kampfes, die Gewissheit "ewiger Wahrheiten", danach verlangt es ihn. Und diesen Wunsch kann ihm die Natur nicht erfüllen.

O dream not all the worlds fulfill!
Unblest, unbidden, save of hope.
Not for finality the scope
And strength of that unaltered Will.

The eternal Night hath writ in stars
Denial of the ends ye name;
Ye stand rebuked by suns who claim
The consummation of her wars.

Hier müssen wir nun zwei Dinge klar voneinander unterscheiden: Worin bestehen die realen Wurzeln dieses Wunsches, und welche Gestalt nimmt der Wunsch innerhalb des Gedichtes an?
Eins sollte vorn vornherein klar sein: Worunter das lyrische Ich leidet und wonach es sich sehnt, hat absolut nichts mit der Tatsache zu tun, dass der Mensch im Verhältnis zum Universum ohne jede Bedeutung ist oder dass alles Leben auf Erden eines Tages zu Ende gehen wird. Kein Mensch empfindet in solch kosmischen Dimensionen. Was das Selbstgefühl des Menschen in erster Linie bestimmt ist sein Verhältnis zu anderen seiner Art, nicht zur Unendlichkeit des Weltalls. Die Rastlosigkeit, die Sterling als einen allgemeinmenschlichen Wesenszug darstellt, sollte in einer Reihe gesehen werden mit der Einsamkeit und Melancholie, die uns in so vielen seiner Gedichte begegnen. Der wahre Inhalt des Kosmizismus findet sich in dem Gedicht Mystery:

Men say that sundered by enormous nights
Burn star and nearest star.
That where companioned seem the sister lights
The great abysses are.
So held by Life's unsympathetic dark,
We press to hidden goals.
From gulfs unshared the friending fires we mark,
And we are lonely souls
Your hearts, O friends! beyond their veiling bars
Are hidden deep away.
Your faces gleam familiar as the stars,
And as unknown as they. (6)

Es ist der Wunsch nach wahrer Gemeinschaft und nach einem festen Platz, einer sicheren Orientierung in der Welt, die das lyrische Ich von Testimony of the Suns seine Fragen an das Universum stellen lässt. Doch "die Welt" ist nicht der unendliche Kosmos, sondern die menschliche Gesellschaft. Soziale Entwurzelung und die pessimistische Sicht auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die von feindseligen und unüberwindbaren Mächten beherrscht zu werden scheint, machen den eigentlichen Nährboden für Sterlings Gefühl der Verlorenheit und den Kosmizismus aus. Ich habe bereits früher darauf hingewiesen, dass die Bohèmiens dazu tendieren, ihre persönlichen Tragödien zu Weltendramen zu verklären. Eben dies geschieht hier. Sterling macht die eigene Verzweifelung zu einem allgemeingültigen Ausdruck der condicio humana. In einem Brief an Ambrose Bierce vom 3. Juni 1902 schrieb er: „I hope that it will be clear enough to the intellectual reader that my invocation to the stars is only an allegory of man's search of the universe for the secret of life." (7)
Wenn vom "Geheimnis des Lebens" oder auch vom "Sinn des Lebens" die Rede ist, gilt es stets Obacht zu wahren, denn was folgt, wird fast immer ein Stück mehr oder weniger verschleierter Religion sein. „Child of unrest, but fain for peace“ – das erinnert mich irgendwie an den berühmten Ausspruch des heiligen Augustinus: „Et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te“ – „Und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“. (8) Und tatsächlich – das Sternenepos ist eigentlich das Gedicht eines frommen Mannes, der nicht mehr an Gott glauben kann. Wie angenehm wäre es doch, wenn der Allmächtige uns an der Hand nehmen und einen Ausweg aus den Wirrnissen dieses Lebens zeigen würde. Oder wenn wir wenigstens im Glauben an ein glückliches Jenseits Trost zu finden vermöchten. 
 
Her [Life’s] fate, how stranger than we deem!
Tho' Faith behold with trusting eyes
A vision on transmuted skies –
The splendors of the human dream;

To live, tho' Pain and Sorrow cease;
To reach the high Eternal Heart;
To know Infinity, nor part;
To find the far Ideal, Peace –

Einige Mitglieder der "Carmel-Crowd" traten denn auch tatsächlich die Flucht in den Glauben an. Von diesen konvertierten eine ganze Reihe zum Katholizismus. Vermutlich weil diese Spielart des Christentums es besonders gut versteht, das ästhetische Empfinden sensibler Menschen anzusprechen – die Alleinseligmachende war schon immer die bevorzugte Kirche der Romantiker. Sie folgten damit den Spuren Charles W. Stoddards, der gegen Ende seines Lebens dem Orden der Franziskaner hatte beitreten wollen.
Sterling konnte diesen Weg nicht einschlagen, trotz seiner katholischen Erziehung. Doch das ersehnte Ideal blieb auch bei ihm ein religiöses. So wie er sich die Schönheit letztlich nur als platonische Idee vorzustellen vermochte, war Glück für ihn nur als ein aller Veränderung enthobener, ewiger Zustand denkbar. Mit anderen Worten – als Teilhabe am Göttlichen.

To hear within the deep of Law
The Word that moves her causal tides;
To know what Permanence abides
Beyond the veil the senses draw.

Er sucht "das Wort", also den Logos, die Weltvernunft, die sich hinter den äußeren Formen verbirgt. Und das ist ja ganz dasselbe "Wort", das im Prolog des Johannesevangeliums angerufen wird.
Nur wen es nach einem summum bonum im Sinne der alten Scholastiker verlangt, nach einem höchsten Gut, das sich durch Ewigkeit und Unveränderlichkeit auszeichnet, wird den permanenten Wandel, der sich in der Natur vollzieht, als Enttäuschung empfinden. Doch dieser Wunsch nach dem Ewigen kommt einer Negierung des Lebens gleich. Er sucht Erfüllung nicht in einer Tätigkeit, sondern in einem Zustand. Ziel und Sinn sind für Sterling Dinge, die von außen an den Menschen herangetragen, nicht von ihm selbst gesetzt und geschaffen werden. Wer so empfindet, dem muss der Anblick des Universums in der Tat grauenhaft erscheinen.

Without beginning, aim or end;
Supreme, incessant, unbegot;
The systems change, but goal is not,
Where the Infinities attend.

Bezeichnenderweise schließt The House of Orchids, das acht Jahre nach The Testimony of the Suns erschien, mit einem poetischen Stück, das den Titel The Forty-Third Chapter of Job trägt: Den Stil der King James - Bibel nachahmend fügt Sterling der großen Rede Gottes, der die Vorwürfe des zu Unrecht geschlagenen Gerechten mit dem Hinweis auf seine Allmacht zurückweist – „Shalt thou question My ways, or have dreams concerning My justice? Am not I the Lord?“ –, einen weiteren Abschnitt hinzu. Einer der Verse wirkt wie eine Erwiederung auf das "Star Poem": „Who art thou that eternity should hold parley with thee, or the pits of the sky be thy fortress?“ An die astronomischen Passagen aus dem 38. Kapitel des biblischen Weisheitsbuches anknüpfend (9) lässt er den HErrn ausrufen: „Who setteth Capella and Adicmar to be gods for a term, and a guide upon the deep to strange peoples;/ Who maketh Altair and Rigel the captains of His host; Who leaneth His spear upon Sirius ere the trumpets call;/ Who holdeth Vega His armor-bearer, and hangeth his buckler upon Aldebaran;/ Who hath convoked their chariots against the lamps of Evil, and their swords against the abyss?"
Die Beziehung zur Gedankenwelt der Testimony of the Suns ist offensichtlich. Und es scheint mir ein Beweis tiefster Resignation zu sein, dass der Dichter sein Buch mit einem "religiösen" Text ausklingen lässt, in dem dem leidenden und Gerechtigkeit einklagenden Menschen von der Gottheit entgegengerufen wird: „Be thou bowed down, nor question the pains that I have set over thee: for each thing have I ordained its shadow./ My thoughts are from eternity; I change not by reason of thy dismay. Thou shalt know Me for the Lord.“ (10)
Derselbe Band enthält Sterlings Verse auf das Grab des Franziskanerpaters Junipero Serra, in denen der Dichter selbst die Hiob-Frage stellt: 
 
Thou Power unseen whose hands implacable
Close in despair what man begins in hope, —
Unto what end, O Fate! unto what end
Dost thou hale forth on quests irradiant
Thy nobler sons? Is duty but a jest.
Seeing its guerdon given? In thy sight
Is Goodness even as Evil? Shall she find
Her wages also death? Wilt thou deride
Our ancient search for justice in thy ways?
With bitter viands evermore appease
Our hunger and our thirst for righteousness?
Dost fashion beauty for a moth's desire,
And sow thee life to garner thee but dust? (11)

Die Bildersprache der kosmischen Gedichte ist eine andere, aber das zugrundeliegende Gefühl ist dasselbe. Im Grunde verhält sich Sterling in Testimony of the Suns genauso wie Hiob, nur dass er seine Klagen nicht Gott, sondern dem Universum vorträgt. Das aber bedeutet, er behandelt die Natur als wäre sie ein göttliches Wesen. Ihre Antwort ist genauso niederschmetternd und genauso unanfechtbar wie die des alten Jahwe.

Sterlings Verhältnis zu Wissenschaft und Religion war ambivalent. So feierte er in den hymenhaften Gedichten, die er anlässlich der Panama-Pacific International Exposition von 1915 verfasste, Technik und Wissenschaft ganz im Sinne der Weltausstellung als Wegbereiter einer glücklicheren Zukunft. Aber das waren nicht mehr als die in altmodische Verse gekleideten Schulbuchweisheiten eines Fabiersozialisten, die der Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits ad absurdum geführt hatte. Einen etwas anderen und sehr viel ehrlicheren Ton schlägt er in dem 1919 veröffentlichten Sonett To Science an:

And if thou slay Him, shall the ghost not rise?
Yea! if thou conquer Him thine enemy,
His specter from the dark shall visit thee-
Invincible, necessitous and wise,

The tyrant and mirage of human eyes,
Exhaled upon the spirit's darkened sea,
Shares He thy moment of Eternity,
Thy truth confronted ever with His lies.

Thy banners gleam a little, and are furled;
Against thy turrets surge His phantoms tow'rs;
Drugged with His opiates the nations nod,

Refusing still the beauty of thine hours;
And fragile is thy tenure of this world
Still haunted by the monstrous ghost of God. (12)

S. T. Joshi nennt dies ein „superb atheistic sonnet“ (13), aber wenn das Gedicht eins verdeutlicht, so nicht Sterlings Atheismus, sondern die Tatsache, dass er sich offenbar nie ganz von dem "Gespenst Gott" zu befreien vermochte. Die scheinbare Unbesiegbarkeit des HErrn, die er wohl deshalb so heftig beklagte, weil er sie sozusagen am eigenen Leib erfuhr, ist ein schöner Beleg dafür, dass naturwissenschaftliche Argumente allein wenig gegen religiöse Sehnsüchte auszurichten vermögen. Elsie Whitaker Martinez hatte wohl nicht ganz Unrecht, als sie auf das katholische Element in der Persönlichkeit des Dichters hinwies. (14) Vergessen wir nicht, dass Father Tabb sein erster poetischer Mentor gewesen war. Sterlings Verhältnis zur Religion unterschied sich vielleicht gar nicht so sehr von dem, was er einmal über die Verse des dichtenden Paters geschrieben hatte:

So airy sweet the fragile song,
I deemed his visions true,
And roamed Edenic vales along,
Lit by celestial dew.
Illusive gleamed the timeless bow'rs;
The winds and streams were such
As Eve had mourned but ah, the flow'rs!
Too delicate for touch! (15)

Die Vision von Eden hatte die Berührung mit der Realität nicht überstanden. Das heisst aber nicht, dass damit auch die Sehnsucht nach dem Paradies gestorben wäre. Sie lebte fort, sowohl im Kult des Schönen als auch in der gebrochenen Form des Kosmizismus. Mit Sterlings religiösen Empfindungen verhielt es sich ähnlich wie mit seinem Platonismus. Bei dem griechischen Philosophen war die Liebe zum Schönen ("Eros") ja nur die erste Stufe des Aufstiegs zur Idee des Guten gewesen. Für Sterling war dieser Weg nunmehr blockiert. Was blieb war das Gefühl eines nie zu stillenden Verlangens.

Dass The Testimony of the Suns die Gefühlslage vieler Intellektueller ziemlich genau widerspiegelte, zeigt nicht nur die begeisterte Aufnahme, die das Gedicht u.a. bei Bierce, London und Smith fand, sondern auch die Tatsache, dass sich in vielen Werken Herman Scheffauers ein ganz ähnlicher Kosmizismus findet. Mit The Masque of the Elements verfasste dieser 1906 sogar eine eine Art Mysterienspiel über den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehehns im kosmischen Maßstab, und vergleichbare Gedanken finden sich bereits zuvor in einer ganzen Reihe seiner Gedichte, so etwa in Hymn to the Passing Earth:
When the cliff crumbles and the splintered peak
Feels the sharp fracture of the frost and snow;
When the fell deluge and the rivers seek
To drag green continents where oceans flow;
When moons are darkened and the suns lose lustre,
And the worn axles of old Earth turn slow,
While stars in terror round her orbit cluster
To peer upon her fall and overthrow,
And all Creation in an endless flowing,
Is tidal toward her still and secret springs,
Oblivious to his coming and his going,
Must Man be numbered with her mortal things? 
Scheffauers Gedicht endet allerdings auf einer trotzig-optimistischen Note:
Must Man, on Nature's temple threshold hoary,
Groan at the far futility of things ?
O great gray question! still the deeps lie shrouded
With midnights round the word for which we yearn.
What though across the Future's peaks unclouded
Ne'er sign nor answering symbol soar and burn
In light and not in shadow fall our race!
Nor shall the monster staves of Cosmos blight
Man in his mundane majesty of place
Nor halt his march against the evening height. (16)
In dem Versdrama Lilith, einem seiner interessantesten Werke, sollte Sterling eine ähnliche Position beziehen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Wir werden es im Folgenden noch öfters mit dem Kosmizismus zu tun bekommen. Darum wollen wir fürs Erste nur festhalten:
  1. Seine Wurzeln liegen nicht primär in den wissenschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, vielmehr benutzt er die durch die Zerstörung des teleologischen Naturverständnisses entstandene neue Sicht der Welt zum Ausdruck eines Gefühls der Verlorenheit, das sozial bedingt ist.
  2. Er ist keine objektive Darstellung der Situation des Menschen in einem unendlichen, sinnentleerten und gottlosen Universum, sondern eine Art demoralisierter Religiosität, die die Bedeutung des Lebens zwar immer noch außerhalb der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung, in einer ewigen Weltordnung, sucht, dort aber nicht mehr zu finden vermag. Damit ist er eine geradezu klassische Verkörperung des Nihilismus, wie ihn Nietzsche beschrieben hat.
Schließen wir diesen Abschnitt mit einem längeren Zitat aus Maurice Maeterlincks Ziel der Menschheit. Der Essay des belgischen Symbolisten zeigt uns einerseits, dass der Kosmizismus nicht nur in Amerika ein Grundbestandteil des Fin-de-siècle war, und verdeutlicht andererseits, dass auch ein Dècadent nicht notwendigerweise pessimistische oder misanthrope Schlüsse aus ihm ziehen musste: 

Wohin geht die Menschheit? Dieses Fragen nach Zweck und Ziel ist eine Art von Kleinstädterei und Schwäche unsres Geistes und hat mit der Realität des Weltalls anscheinend nichts gemein. Haben die Dinge ein Ziel? Warum sollten sie eines haben und was heißt überhaupt ein Ziel oder Zweck in einem unendlichen Getriebe? Aber wenn es auch wahrscheinlich ist, daß wir keine andere Bestimmung haben, als eine kurze Spanne Zeit ein bescheidenes Plätzchen einzunehmen, das, wenn wir nicht wären, von Grillen oder Veilchen eingenommen würde, ohne daß die Schönheit des Welthaushaltes darum getrübt würde, ohne daß die Geschicke der Erde um eine Stunde hinausgeschoben oder verkürzt würden, wenn wir auch nur gehen, um zu gehen, ohne irgendwo hinzugehen, so brauchen wir unser Interesse doch nicht auf dem unnützen Weg, den wir machen, zu beschränken. Wir können an vielen Dingen Anteil nehmen, und dies ist auch ganz vernunftgemäß und das Klügste und Höchste, was wir tun können. [...] Die Vernunft in ihrer Erdenferne wird unfruchtbar und lehrt uns nichts als Unbeweglichkeit, wenn sie, nach Erkenntnis der Kleinheit und Nichtigkeit unserer Leidenschaften und Hoffnungen, unseres ganzen Daseins und ihrer selbst, nicht wieder umkehrt und sich von neuem für die Kleinigkeiten und diese ganze Nichtigkeit erwärmt, als wären sie das Einzige, wozu sie auf dieser Welt taugt.

Maeterlinck schließt mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit, die nach Überwindung der gegenwärtigen Krise zu einem Reich der Muße führen werde,

wo die Arbeit, dank einer weniger papiernen Gerechtigkeit, dank den Maschinen, dank der landwirtschaftlichen Chemie, dank vielleicht der Medizin oder irgend einer eben auftauchenden Wissenschaft, weniger hart, weniger ununterbrochen, grob, tyrannisch und erbarmungslos sein wird. (17)

Dann wird es die höchste Aufgabe der Menschen sein, ihre so gewonnene Muße in einer würdigen und sie selbst moralisch und kulturell erhebenden Art zu nutzen.


Scissor Bill
 
Maeterlincks Essay zeigt sehr schön, dass der einzige Ausweg aus der kosmischen Verlorenheit in einer Hinwendung zur menschlichen Gesellschaft und im Glauben an die Überwindung der momentan in ihr herrschenden Verhältnisse besteht. Und tatsächlich bewies ja auch George Sterling Konsequenz genug, um im Sturz der bürgerlichen Ordnung die einzige Lösung für das Dilemma zu sehen, unter dem er litt. Doch wie wir gesehen haben, konnte er sich im Innersten nie wirklich mit dieser Perspektive identifizieren, und so eröffnete sie ihm auch keinen Ausweg aus seiner Einsamkeit und Melancholie. Ja, man könnte sogar die Vermutung aufstellen, sie habe seine seelische Zerrissenheit noch verstärkt. Es bleibt zu fragen, ob die Schuld dafür allein bei ihm selbst lag, seinem mangelnden Willen oder seiner psychischen Veranlagung.

Wie ich in einem früheren Kapitel ausgeführt habe, kann eine revolutionäre Arbeiterbewegung dem Bohèmien dabei helfen, seine psychologische Abhängigkeit vom bürgerlichen Milieu zu überwinden, seinem sozialen Niemandsland zu entfliehen und eine neue "Heimat" zu finden. Vorausgesetzt sie ist stark, selbstbewusst und energisch genug, um ihm Vertrauen in ihren letztendlichen Sieg einzuflößen. Ob diese Kriterien in den USA des beginnenden 20. Jahrhunderts erfüllt waren, muss jedoch bezweifelt werden.
Die amerikanische Arbeiterbewegung war zwar sehr militant und brachte eine Reihe herausragender Persönlichkeiten hervor, wie Eugene Debs, "Mother" Jones, "Big Bill" Haywood, "Rebel Girl" Elizabeth Gurley Flynn und Vincent "The Saint" St. John, doch die Sozialistische Partei wurde dem kaum gerecht. James P. Cannon – Wobblie, Kommunist der ersten Stunde und später Gründer und langjähriger Führer des amerikanischen Trotzkismus – hat sie im Rückblick einmal so charakterisiert:

All hues of the political rainbow, from dogmatic ultra-radicalism to Christian Socialism, showed up in the party from the start. The mixed assemblage was held together in uneasy unity by a loose organizational structure that left all hands free from any real central control. [...] To complete the picture of a socialist variety store, each party speaker, writer, editor and organizer, and – in actual practice – each individual, promoted his own kind of socialism in his own way; and the general unification, giving rise to the feeling of greater strength, stimulated all of them to greater effort. [...] The socialist movement, such as it was, was new in this country. In its experiences, as well as in its thinking, it lagged far behind the European movement. The different groups and tendencies espousing socialism had yet to test out the possibility of working out a common policy by working together in a single organization. The new Socialist Party provided an arena for the experiment. (18)

Die Heterogenität der Partei machte es leicht, sich "der Bewegung" zugehörig zu fühlen. Zugleich jedoch war es ihr unter diesen Umständen unmöglich, den Intellektuellen eine klare Perspektive zu präsentieren, die ihnen einen festen Halt hätte bieten können. Der herausfordernde Optimismus eines Jack London, wie er sich z.B. in seinem Essay Revolution zeigt, war zu einem Gutteil nur möglich, weil der Schriftsteller eine völlig unkritische Einstellung zur Arbeiterbewegung pflegte. So nannte er den glühenden Revolutionär Debs und den rechten Gewerkschaftsboss Gompers in einem Atemzug "Führer des Proletariats"! Kein Wunder, dass sich Londons Siegesgewissheit wenige Jahre später in Enttäuschung und Verbitterung verwandelte.
Die Sozialistische Partei wurde dominiert von Vertretern der Mittelschicht, Ärzten, Rechtsanwälten, Lehrern, Universitätsdozenten, Ingenieuren und überraschend vielen Pastoren, deren Bekehrung zum Sozialismus nicht unbedingt bedeutete, dass sie damit auch die Lebensweise und die Vorurteile ihrer Klasse abgeschüttelt hätten. Leo Trotzki, der 1917 im New Yorker Exil einige Erfahrungen mit diesen Führern sammeln konnte, sprach spöttisch von einem "Sozialismus der Babbitts". (19) Edwin Markhams Gedichte mit ihrer Mischung aus sentimentaler Menschheitsliebe, religiöser Phraseologie und verschwommenem Utopismus geben ein recht gutes Bild davon ab, wie man in diesen Kreisen dachte und empfand.
Noch schlechter stand es um die Gewerkschaftsbürokratie, denn dort verband sich borniertes Denken oft genug mit ungebremstem Karrierismus. Das galt für Samuel Gompers, den nationalen Vorsitzenden des AFL ("American Federation of Labor") ebenso wie für Patrick MacCarthy, den berüchtigten Gewerkschaftsboss von San Francisco. Die Stadtverwaltung der Union Labor Party war sogar nach den Maßstäben ihrer Zeit außergewöhnlich korrupt.
Ideologische Schwäche und Rückständigkeit der kalifornischen Arbeiterbewegung zeigten sich vielleicht am deutlichsten in ihrem antiasiatischen Rassismus. So wie Denis Kearneys Workingmen’s Party in den 1870ern der Champion der Anti-Coolie-Bewegung gewesen war, organisierte und finanzierte MacCarthys BTC ("Building Trades Council") nun die antijapanische Agitation. Obwohl sie sich offiziell zum Internationalismus bekannte, hielt sich die Sozialistische Partei zurück mit Kritik am Rassismus der Gewerkschaften. Sozialist Cameron King erklärte sogar ganz offen: „Our feelings of brotherhood toward the Japanese must wait until we have no longer reason to look upon them as an inflowing horde of alien scabs.“ (20) Der christliche Sozialist Jackson Stitt Wilson – von 1911 bis 1913 Bürgermeister von Berkeley – gehörte auf dem nationalen Parteitag von 1912 zu den lautstärksten Befürwortern restriktiver Einwanderungsbestimmungen. Wie in solchen Fällen üblich, mischte sich der Vorwurf des Lohndumping mit dem Glauben an die rassische und kulturelle Überlegenheit der Weißen, genauer gesagt der "Angelsachsen".
Die sozialistischen Zirkel, die Katayama Sen – einer der Pioniere der japanischen Arbeiterbewegung – unter den Issei von San Francisco gegründet hatte, änderten an dieser Einstellung wenig. Einige ihrer Mitglieder spielten möglicherweise eine Rolle bei der Gründung der kurzlebigen "Japanese-Mexican Labor Association" (JMLA), die im Jahre 1903 mehr als 1.200 mexikanische und japanische Landarbeiter im südkalifornischen Oxnard in einen erfolgreichen Streik führte. Die Reaktion der weißen AFL auf dieses großartige Beispiel für Klassensolidarität war ebenso erbärmlich wie symptomatisch. Sie war nur bereit, die JMLA in ihre Organisation aufzunehmen, wenn diese die Japaner aus ihren Reihen verbannte. Der mexikanische Arbeiterführer J. M. Lizarras reagierte mit wohlverdienter Verachtung auf Gompers unverschämte Forderung:

[O]ur Japanese brothers here were the first to recognize the importance of cooperating and uniting in demanding a fair wage scale. . . . They were not only just with us, but they were generous when one of our men was murdered by hired assassins of the oppressor of labor, they gave expression to their sympathy in a very substantial form. In the past we have counseled, fought and lived on very short rations with our Japanese brothers, and toiled with them in the fields, and they have been uniformly kind and considerate. We would be false to them and to ourselves and to the cause of unionism if we now accepted privileges for ourselves which are not accorded to them. We are going to stand by men who stood by us in the long, hard fight which ended in a victory over the enemy. (21)

Leider sahen die meisten weißen Gewerkschaftler die Sache nicht so wie Lizarras. Einzig die Wobblies führten einen kompromisslosen Kampf gegen jede Art von Diskriminierung. Sie vereinigten Weiße und Farbige, Amerikaner und Immigranten, Männer und Frauen, Ungelernte und Facharbeiter in ihrer "One Big Union". Einige von ihnen schlossen sich 1911 in Baja California der Revolutionsarmee des Anarchisten Ricardo Florez Magón an und kämpften Seite an Seite mit mexikanischen Peones und Cocopah Indianern gegen "El Caudillo" Porfirio Diaz und die Großgrundbesitzer.
Doch die Wobblies waren die Ausnahme. Es gab immer noch mehr als genug "Scissor Bills", von denen Joe Hill gesungen hatte:

You may ramble ‘round the country anywhere you will,
You’ll always run across the same old Scissor Bill.
He’s found upon the desert, he is on the hill,
He's found in every mining camp and lumber mill.
He looks just like a human, he can eat and walk,
But you will find he isn’t, when he starts to talk.
He’ll say, „This is my country“, with an honest face,
While all the cops they chase him out of every place.
Scissor Bill, he is a little dippy,
Scissor Bill, he has a funny face.
Scissor Bill should drown in Mississippi,
He is the missing link that Darwin tried to trace.

And Scissor Bill, he couldn’t live without the booze,
He sits around all day and spits tobacco juice.
He takes a deck of cards and tries to beat the Chink!
Yes, Bill would be a smart guy, if he only could think.
And Scissor Bill he says: „This country must be freed
From Niggers, Japs and Dutchmen and the gol durn Swede.“
He says that every cop would be a native son
If it wasn’t for the Irishman, the sonna fur gun.
Scissor Bill the „foreigners“ is cussin’;
Scissor Bill, he says: „I hate a Coon“;
Scissor Bill is down on everybody
The Hottentots, the Bushmen and the man in the moon.
 
Das rassistische Element in vielen Werken Jack Londons, sein dummes Geschwätz über die "gelbe Gefahr" und seine Begeisterung für die übelsten Seiten von Rudyard Kipling als dem Sänger des "White Man’s Burden" sind also weniger befremdlich, als man auf den ersten Blick annehmen möchte.
Sterling teilte mit seinem Freund den Glauben an die Überlegenheit der Angelsachsen als einer Art Eroberer- und Herrenrasse. In The Princess on the Headland kleidete er diese Überzeugung in Bilder einer düster-blutigen Romantik: Die Erbin eines Keltenkönigs verweigert sich den Männern ihres Volkes und wartet auf den Krieger, der über das Meer kommen und sie erobern wird.

At the thought of a Gaelic man
My heart is sister of ice.
T’is another for whom I wait,
Tho I have not kissed his sword :
He or none is my lord,
Tho our night be soon or late.

Dass es sich bei dem Herbeigesehnten um den angelsächsischen Eroberer handelt, ist klar, auch wenn dies nicht ausdrücklich gesagt wird. Er wird Tod und Vernichtung bringen, doch gleichzeitig eine neue Ära einleiten:

Sorrow I know he brings,
Battle, despair and change, —
Beauty cruel and strange,
And the shed bright blood of kings.

Und so träumt die Prinzessin von der lustvollen Unterwerfung unter den künftigen Bezwinger ihres Volkes:

Breast, be white for his sake!
Mouth, be red for the kiss!
Soul, be strong for your bliss!
Heart, be ready to break! (22)
  
Das Gedicht weckt unangenehme Assoziationen zu dem nur allzu bekannten Ariermythos, wobei das sexuelle Motiv dem ganzen noch zusätzlich eine besonders abstoßende Note verleiht. Ähnliche Phantasien von blonden und brutalen Eroberern und Herrenmenschen finden sich auch bei Jack London.

Einer der sympathischsten Züge Joaquin Millers war es, dass er sich diesem Rassenblödsinn strikt verweigerte und stattdessen in "The Hights" eine kleine Kolonie chinesischer und japanischer Künstler um sich scharte, zu denen u.a. der bekannte Dichter Yone Noguchi gehörte. Wie Elsie Whitaker Martinez erzählt: „At that time his ambition was to overthrow Kipling’s ‘East and West, never the twain shall meet’. Well, he was going to correct that. He succeeded in arranging several marriages between Americans and Japanese.“ (23) In dieser Hinsicht zeigte sich die junge Generation leider wenig bereit, von dem ergrauten "Byron der Sierras" zu lernen.
Selbst der alte Zyniker Ambrose Bierce erwies sich in seiner Einstellung zu "fremden Rassen" als sehr viel humaner und aufgeklärter denn so mancher Radikale. Während wir in Londons Valley of the Moon alle paar Seiten auf verächtliche Ausfälle gegen Chinesen, Japaner, Portugiesen, Mazedonier und sonstige "Ausländer" stoßen, verspottete Bierce in The Haunted Valley den amerikanischen Rassismus in Gestalt des bigotten Saloonbesitzers Dunfer, für den die Chinesen „a flight of devouring locusts“ sind und dessen christliche Moral so aussieht: „I saw him once in a towering rage because one of his herdsmen had permitted a travel-heated Asian to slake his thirst at the horse-trough in front of the saloon end of Jo's establishment. I ventured faintly to remonstrate with Jo for his unchristian spirit, but he merely explained that there was nothing about Chinamen in the New Testament, and strode away to wreak his displeasure upon his dog, which also, I suppose, the inspired scribes had over-looked.“ (24) Und hätte Bierce die rassistischen Linken treffsicherer verhöhnen können, als indem er in The Ashes of the Beacon San Francisco das Chaos der Revolution deshalb am besten überstehen lässt, weil „[it] was valorously and successfully defended by the Chinese“? (25)

Doch der Rassismus, von dem in Sterlings Werk ansonsten glücklicherweise wenig zu spüren ist, interessiert uns hier lediglich als Symptom. Dass sein Sozialismus nicht zur Überwindung seiner bigotten Vorurteile führte, ist bloß ein besonders deutliches Anzeichen für dessen innere Schwäche. Die endgültige Bestätigung dessen war Sterlings moralisch-politischer Kollaps während des Ersten Weltkriegs, auf den wir in einem späteren Kapitel eingehen werden. Den revolutionären Wobblies stand der Dichter des Wine of Wizardry so fern, wie seine kunstvoll-dekadenten Verse den ebenso schlichten wie intelligenten und witzigen Songs Joe Hills. Die Sozialistische Partei aber strahlte trotz der persönlichen Integrität von Leuten wie Eugene V. Debs nicht genügend moralische Kraft aus, um ihn aus seiner melancholischen Verlorenheit zu reißen. Und so wurde er letztenendes immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Dort aber konnte er keinen Frieden finden:

The stranger in my gates – lo! that am I,
And what my land of birth I do not know,
Nor yet the hidden land to which I go.
One may be lord of many ere he die,
And tell of many sorrows in one sigh,
But know himself he shall not, nor his woe,
Nor to what sea the tears of wisdom flow;
Nor why one star is taken from the sky.
An urging is upon him evermore,
And though he bide, his soul is wanderer,
Scanning the shadows with a sense of haste
Where fade the tracks of all who went before –
A dim and solitary traveller
On ways that end in evening and the waste. (26)

Schon die Übersiedelung nach Carmel 1905 war letztenendes nichts anderes als eine Flucht vor der sozialen Wirklichkeit gewesen – ein Akt des Defätismus. Im selben Jahr, in dem Sterling sich in sein Feenreich auf der Halbinsel Monterey zurückgezogen hatte, war Jack London kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten gereist und hatte Vorträge über die Russische Revolution gehalten ...

Fortsetzung folgt


(1) Nebenbei bemerkt mutet es schon etwas unheimlich an, dass London seinen besten Freund in Gestalt Brissendens einen ziemlich erbärmlichen Tod sterben lässt.
(2) Jack London: Martin Eden. S. 304f.
(3) Mary Roberts: The Conchologist’s Companion. Zit. nach: Stephen Jay Gould: Die unsichtbare Frau. In: Ders.: Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte. S. 252.
(5) George Sterling: The Testimony of the Suns. In: Ders.: The Testimony of the Suns and Other Poems. S. 43-84.
(6) George Sterling: Mystery. In: Ders.: The Testimony of the Suns and Other Poems. S. 114.
(7) Zit. nach: S.T. Joshi: Introduction to "The Thirst of Satan".
(8) Aurelius Augustinus: Confessiones. I, 1. Zit. nach: Kurt Flasch: Augustin. Einführung in sein Denken. S. 257.
(9) Canst thou bind the sweet influences of Pleiades, or loose the bands of Orion?/ Canst thou bring forth Maz-zaroth in his season? Or canst thou guide Arcturus with his sons?“ (Job 38, 31f.)
(10) George Sterling: The Forty-Third Chapter of Job. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 135; 136; 140; 139f.
(11) George Sterling: At the Grave of Serra. In: Ders.: The House of Orchids and Other Poems. S. 111f.
(12) George Sterling: To Science.
(13) S.T. Joshi: Introduction to "The Thirst of Satan".
(14) Vgl.: Elsie Whitaker Martinez: San Francisco Bay Area Writers and Artists. S. 167f.
(15) George Sterling: On Reading the Poems of Father Tabb. In: Ders.: The Testimony of the Suns and Other Poems. S. 121.
(16) Herman Scheffauer: Hymn to the Passing Earth. In: Ders.: Looms of Life. S. 74ff.
(17) Maurice Maeterlinck: Die Zukunft der Menschheit. In: Wolfgang Asholt & Walther Fähnders (Hg.): Fin de siècle. S. 199f.
(18) James P. Cannon: E.V. Debs.
(19) Vgl.: Leo Trotzki: Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. S. 248f.
(20) Zit. nach: Michael Kazin: Reform, Utopia, and Racism. The Politics of California Craftsmen. In: Daniel Cornford (Hg.): Working People of California. S. 331.
(21) Zit. nach: Tomás Almaguer: Racial Domination and Class Conflict in Capitalist Agriculture. The Oxnard Sugar Beet Workers’ Strike of 1903. In: Daniel Cornford (Hg.): Working People of California. S. 200.
(22) George Sterling: The Princess on the Headland. In: Ders.: Sails and Mirage and Other Poems. S. 95f.
(23) Elsie Whitaker Martinez: San Francisco Bay Area Writers and Artists. S. 182.
(24) Ambrose Bierce: The Haunted Valley. In: Ders.: Can Such Things Be. S. 102f.
(25) Ambrose Bierce: The Ashes of the Beacon. In: The Collected Works. Bd. 1. S. 33.
(26) George Sterling: „Omnia Exeunt In Mysterium“. In: Ders.: Beyond the Breakers and Other Poems. S. 93.