Ich habe regelmäßig viel Spaß mit den Zeichnungen und Skizzen der serbischen Künstlerin Clade Mirya, die diese auf Bluesky veröffentlicht, insbesondere mit den Shenanigans ihres Sword & Sorcery - Trios Conan, Jirel und Elric.* Vielleicht waren sie es, die mich in letzter Zeit dazu animiert haben, mir erneut ein paar Gedanken über Michael Moorcocks Beitrag zu meinem Lieblingssubgenre zu machen. Denn vor allem Elric ist zwar ohne Zweifel eine ikonische Figur der S&S, aber wenn ich ehrlich sein soll, finde ich es gar nicht so leicht, die Erzählungen über die verschiedenen Inkarnationen des "Eternal Champion" mit meinem persönlichen Verständnis von Sword & Sorcery in Einklang zu bringen. Und da ich mir kürzlich für ein paar Talerchen den alten Bastei Lübbe - Sammelband Der Herzog von Köln besorgt habe und nun dabei bin, nach Elric und Corum auch Dorian Hawkmoon kennenzulernen, erlebt dieser Eindruck zudem eine aktuelle Auffrischung. Grund genug, hier einmal ein paar meiner diesbezüglichen Gedanken schriftlich niederzulegen.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bislang hab ich recht viel Spaß mit Ritter des schwarzen Juwels (The Jewel in the Skull). Bekanntlich hat Moorcock die Runestaff - Geschichten in Rekordzeit runtergetippt (Tage, maximal Wochen), und das merkt man dem Roman auch an. Das ist weder sprachlich-stilistisch fein gearbeitet, noch strukturell sonderlich durchdacht. Aber allein schon das hübsch durchgeknallte Szenario um das dekadente und pervers-sadistische Finstere Imperium von Granbretan(ien) mit seinen Ornithoptern, seiner "wissenschaftlichen" Magie und seinem wie ein Fötus in seiner "Thronkugel" voller Nährflüssigkeit herumschwimmenden Unsterblichen Hochkönig macht Laune.** Und jede Story, in der Lanzenträger auf riesigen Flamingos in die Schlacht reiten, hat ohne ohnehin was gut bei mir. Dennoch frage ich mich erneut, inwieweit ich diese Geschichte überhaupt als Sword & Sorcery bezeichnen würde.
Es gibt eine Reihe von Aspekten, die es mir schwer machen, Moorcocks Werke in diesem Kontext zu verorten.
Zuerst einmal finde ich es erstaunlich, dass ausgerechnet der alte Anarchist Moorcock seine S&S-Helden durch die Bank zu Aristokraten gemacht hat.
Es stimmt natürlich, dass es von früh an auch adelige Held*innen im Subgenre gegeben hat, von C.L Moores eher bescheidener Châtelaine Jirel of Joiry bis zu waschechten Prinzen wie Henry Kuttners Elak of Atlantis oder L. Sprague de Camps Vakar. Für sich genommen wäre das also sicher noch kein Argument, dass gegen die Aufnahme von Elric, Corum oder Dorian Hawkmoon sprechen würde. Für mich persönlich allerdings ist die Sword & Sorcery meist eben gerade nicht eine Literatur von Fürsten und Königinnen, sondern eher von Glücksrittern, Söldnern, Spitzbuben und Abenteurern, die nicht in Burgen oder Schlössern, sondern in verrufenen Spelunken oder auf der Landstraße zu Hause sind. Ich mag das Subgenre auch deshalb so sehr, weil ich in ihm mit Saladin Ahmed eine Art "blue collar fantasy" sehe. Als Moorcock seine Geschichten schrieb, dürften die bekanntesten Vertreter der Sword & Sorcery jedenfalls Conan, Fafhrd und der Grey Mouser (vielleicht noch Cugel the Clever) gewesen sein, also durchweg "plebejische" Figuren. Doch in seinen eigenen Stories treten Gestalten dieses Typus wenn überhaupt, dann als Sidekicks des Helden auf. Ich denke da an Moonglum oder Jhary-a-Conel.
Im Zuge der aktuellen Wiederbelebung der Sword & Sorcery (und vor allem im Umfeld der New Edge) ist oft (und meines Erachtens zu recht) davon die Rede, dass der "Outsider" - Held zu den definierenden Elementen des Subgenres gehöre. Das muss sich zwar nicht immer auf die soziale Stellung beziehen. Und auf ihre Art sind wohl auch Elric und Corum "Außenseiter". Dennoch wollen sie mir da nicht so recht reinpassen.
Hinzu kommt, dass Moorcocks Zyklen allesamt vor dem Hintergrund gewaltiger kosmischer Konflikte spielen. Nicht jedes einzelne Abenteuer, in das ein Elric verwickelt wird, mag unmittelbar damit verknüpft sein, doch im Ganzen geht es stets um den äonenumspannenden Kampf zwischen den Mächten von Chaos und Ordnung. Und als Inkarnation des "Eternal Champion" kommt dem Helden dabei eine entscheidende Rolle zu. Von seinem Handeln kann das Schicksal ganzer Welten abhängen.
Die Sword & Sorcery bewegt sich für gewöhnlich in bescheideneren Gefilden. Ihre Held*innen kämpfen nicht mit Göttern und retten auch keine Welten. Wenn's hochkommt, schlagen sie mal einem fiesen Zauberer oder lokalen Warlord das Haupt ab. Oder sie machen sich auf die Jagd nach irgendeinem Monster, das die örtliche Landbevölkerung tyrannisiert. Wenn sie nicht ohnehin gerade dabei sind, die Juwelen aus dem Schatzgewölbe eines reichen Händlers oder Edelmanns zu klauen. Oft genug aber versuchen sie auch einfach bloß, sich irgendwie durchzuschlagen und zu überleben. Vor allem aber sind Sword & Sorcery - Held*innen keine "Auserwählten". Sie sind nicht die ausführenden Organe irgendwelcher Götter oder eines anonymen "Schicksals". Was mit ein Grund dafür sein dürfte, warum sie sich eher selten auf klassische Questen begeben.
Gehört für mich Moorcocks Werk also überhaupt nicht zur Sword & Sorcery? Ich weiß nicht. Einerseits halte ich dogmatisch geführte Genre-Diskussionen selten für besonders sinnvoll. Ich werde darum auch nicht Elric oder Corum die Tür weisen. Andererseits habe ich das Gefühl, dass es fruchtbringender wäre, wenn man Moorcocks Zyklen weniger im Kontext der Sword & Sorcery, als vielmehr vor dem Hintergrund älterer britischer Fantasy à la E.R. Eddison betrachten würde. Gerade zu The Worm Ouroboros mit seinen überlebensgroßen Helden und mythischen Konflikten scheint es mir da deutlich mehr Berührungspunkte zu geben. Ein Gedanke, den man bei Gelegenheit mal fortführen und vertiefen könnte. Aber nicht heute.
* Ein kleiner, einseitiger Comic aus ihrer Feder wird auch Teil von Molly Tanzers Jirel of Joiry - Novelle Blue Fire sein, die diesen Winter bei Brackenbury Books (New Edge) erscheinen soll.
** Und hat wohl so einige spätere SciFi- und Fantasywelten wie Warhammer 40k und Myranor beeinflusst.
"Zuerst einmal finde ich es erstaunlich, dass ausgerechnet der alte Anarchist Moorcock seine S&S-Helden durch die Bank zu Aristokraten gemacht hat."
AntwortenLöschenVielleicht findet sich ein Fingerzeig darin, dass Briten und Kontinentaleuropäer bemerkenswert unterschiedliche Assoziationen zum Adel haben können. Auf der Insel war es, soweit ich weiß, für Adlige nie derart krass verpönt, Geld zu verdienen oder jedenfalls in Kaufmanns- (aka Kaperbriefinhaber-) Familien einzuheiraten. Ich war jedenfalls ganz verblüfft, was mir in der alten Bleiwüste "Geschichtliche Grundbegriffe" im Lemma "Adel" alles an völlig unbekannten Modellen und Verständnissen von Adel begegnete. Die Frage könnte dann sein, wie viel Abneigung gegen den wilhelminisch-preußischen Landrat aus stark staatstreuem Dienstadel an die englische Piratenaristokratie herangetragen wird (Sebastian Haffner merkt in seiner pompösen Churchill-Bildmonographie an, dass Vater Churchill eine Frau aus indianisch-amerikanischer Familie geheiratet habe; was ließ Haffner das überhaupt als beachtlich sehen?). Was diesen Kaufmanns- und Piratenadel angeht, steht uns auf dem Kontinent vielleicht auch eine Art High-Church-Blick auf eine Low-Church-Rasselbande im Weg.
Eine andere Assoziation: Mit großen runden Augen lese ich gerade Dieter Thomäs "Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds", ein Werk, mit dem sich möglicherweise manche Figuren der S&S mit einiger Tiefe erklären lassen. Bei Thomas Hobbes, der überhaupt vor seinem aktuellen Strohmann-Status gerettet wird, tauchte etwa schon der adlige bzw. reiche Störenfried auf, der gefährlicher/heikler für die brave Mittelschichtsgesellschaft sei als der arme Außenseiter; das ließ mich an Moorcocks Helden denken. Man müsste natürlich mehr zu Moorcocks Biografie wissen, um sich z.B. eine Idee davon zu machen, mit welchen philosophischen Klassikern in welcher Lesart er zu Schulzeiten gequält wurde. Das war ja vor 70 Jahren auf einem anderen Planeten.
Thomäe hat kein leichtfüßiges Modebuch, sondern einen ganzen Apparat an interessanten Verweisen zusammengetragen (und organisiert sogar seine Darstellung explizit als - allerdings hoch intellektuelle - Abenteuergeschichte, nicht z.B. als Ideen- oder Diskursgeschichte). Mangels leichter Füße stehe ich noch am Anfang, aber mir scheint das für die zweieinhalb Moorcock-Exegeten, die mir gelegentlich in der Timeline begegnen (ich selbst bin keiner), mehr Potenzial zu haben als manche chicke neue Literatur aus der linken Boutique.
Besten Dank übrigens für Ihr online gestelltes Werk. Ich bin über eine merkwürdige Assoziation (Kästners und Dürrenmatts Orientparodien, Paul Scheerbart -> Mausling-Zitat) darauf gekommen. Um es ganz zu würdigen, fehlt mir viel zu viel an S&S-Kenntnis, aber von Katzenklaue geschrieben würde ich eines dieser 100-Seiten-Reclam-Bücher gern zu S&S lesen. Man muss das Format doch nicht allein dem Dath überlassen.