"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Freitag, 4. Oktober 2013

Eine Einladung in die Bibliothek der Träume

Bilden die Sterne gerade irgendeine finstere Konstellation und rührt sich im fernen R'lyeh der träumende Cthulhu in seinem Grab, oder warum kann ich mich momentan nicht dem Bannkreis lovecraftianischer Geschichten entziehen? Während ich selbst noch an meiner Besprechung von Dan Gildarks Film Cthulhu herumfeile, hat Hypnogorias Mr. Jim Moon der Öffentlichkeit soeben sein erstes Hörbuch präsentiert:    


Nach der im letzten Dezember erschienenen phantastischen Anthologie Seven of Spectres hat damit endlich das zweite Produkt der Hypnogoria Press das Licht der Welt erblickt.

In vergangenen Episoden seines exzellenten Podcasts Hypnobobs hat uns Mr. Moon schon öfters in die Bibliothek der Träume eingeladen, wo wir am knisternden Kaminfeuer sitzen und seiner einschmeichelnden Stimme lauschen durften, die uns Geschichten von E.F. Benson, Perceval Landon, Arthur Conan Doyle, Clark Ashton Smith, M.R. James, H.G. Wells oder William Hope Hodgson vortrug. Einmal mehr sind nun alle Liebhaber & Liebhaberinnen des Unheimlichen und Phantastischen aufgerufen, es sich mit einem guten Glas Port in einem der alten Lehnstühle bequem zu machen. Wie stets ergänzt unser Gastgeber die von ihm vorgetragene Geschichte mit einigen interessanten Details über deren Entstehung. Und wie stets ist es ein Vergnügen, sich von ihm in die Welt des Makabren und Wundersamen entführen zu lassen.

Hören und erwerben kann man The Haunter of the Dark unter dieser Adresse.

Samstag, 3. August 2013

Weihnacht im Sommer

Ich bin kein großer Sommerliebhaber, das wird mir dieser Tage wieder sehr deutlich bewusst. Oh ja, Sommerabende sind etwas wunderschönes! Aber müssen diesen denn unbedingt Tage vorangehen, an denen das Quecksilber auf über 30° steigt, mein Kreislauf und mein Hirn zu streiken beginnen, und mir allenthalben die Brille aufgrund von Schweißfluss von der Nase zu rutschen droht?
Diese Antipathie gegen die herrschende Jahreszeit könnte einer der Gründe dafür gewesen sein, warum sich meine Gedanken Anfang August plötzlich weihnachtlichen Themen zugewandt haben. Nachdem ich mir vorgestern zur Feier des Geburtstags von M.R. James wieder einmal die wunderbar verstörende Rudkin/Clark - Adaption von The Ash Tree angeschaut hatte, bekam ich plötzlich Lust, mich den übrigen klassischen Ghost Stories for Christmas zuzuwenden, die die BBC in den 70er Jahren produziert hat. Freilich gelang es mir nur, die Monty-Verfilmung A Warning to the Curious (1972), die Dickens-Adaption The Signalman (1976) und das eigenartige Original Stigma (1977) aufzuspüren. Allesamt sehenswerte Produktionen, über die ich vielleicht in Kürze etwas genauer berichten werde. Und da ich schon einmal dabei war, hörte ich mir auch gleich die Hypnobobs - Episode The Ghosts of Christmas Television Past an, die ich mir sträflicherweise bisher noch nicht zu Gemüte geführt hatte und in der Mr. Jim Moon ausführlich über diese und viele weitere Klassiker des phantastischen Weihnachtsfernsehens berichtet.
Da ich mich nun bereits in einer bizarren Art von hochsommerlicher Weihnachtsstimmung befand, fand ich es nur passend, dazu An Even Scarier Solstice aufzulegen, die zweite Scheibe mit cthulhuiden Weihnachtsliedern aus der wundersamen Werkstatt der H.P. Lovecraft Historical Society. Und damit nicht nur ich etwas davon habe, nun also eines dieser festlichen Werke: Death to the World    



Death to the world! Cthulhu's come:
Let Earth abhor this thing.
Let every mind prepare for doom,
As anguish and woe he'll bring.

Up from the sea, R'lyeh did rise:
The cultists awestruck dumb.
With ancient rites so wretched and perverse,
Cthulhu's time has come.

Death to the world! Cthulhu reigns.

The Great Old Ones destroy
With wrath and doom, so cruel and foul,
Replete with obscene joy.

He rules the Earth with dreadful might,
And through our ghastly dreams
His twisting turning tentacles
Elicit from us maddened screams.
Cthulhu's time has come.

Dienstag, 23. Juli 2013

Ist der Heilige Gral tatsächlich gefunden?

Da erreicht mich dank Hypnogorias unvergleichlichem Mr. Jim Moon gestern doch diese im ersten Moment fantastisch klingende Nachricht. Sollte es wirklich wahr sein? Ist das lange verloren geglaubte Originalfilmmaterial von The Wicker Man tatsächlich gefunden worden? Und kann das Kronjuwel des Brit-Horrors der frühen 70er Jahre nun also endlich in der Form wiederhergestellt werden, die Regisseur Robin Hardy ihm ursprünglich verleihen wollte? Wenn dies in der Tat der Fall wäre, so würde für viele Horrorfans ein jahrzehntelang gehegter Traum in Erfüllung gehen. 
Freilich halte ich es für klüger, erst einmal skeptisch zu bleiben. Genaugenommen ist Hardys Ankündigung recht verschwommen, obwohl darin von einem "Original" die Rede ist. Die Erwähnung der Filmfirma Abraxas könnte sogar bedeuten, dass der "neue" Wicker Man der US-Version von 1979 entsprechen wird, die drei Minuten kürzer ist als der 99minütige sog. "Director's Cut".*
Wir werden abwarten müssen.

Doch selbst wenn sich Hardys Erklärung schließlich als simpler PR-Trick entpuppen sollte, hat sie mir doch bereits jetzt einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Denn dank ihrer habe ich – gleichfalls über Jim Moon – das 2002 erschienene Album Nuada der britischen Folk Rock - Gruppe Candidate kennenlernen dürfen.

Die großartige Musik von Paul Giovanni macht bekanntlich einen wichtigen Teil der Magie von The Wicker Man aus, und zumindest Willow's Song ist über die Jahrzehnte zigmal gecovert worden. Joel und Alex Morris waren schon immer von ihr fasziniert gewesen. Sie war es, die in ihnen die Liebe zum Folk geweckt hatte, und als sie schließlich Candidate gründeten, war eines ihrer ersten Lieder eine Coverversion von Corn Riggs. Als das dreißigste Jubiläum des Filmes heraufzog, entschlossen sie sich deshalb, ein dem Wicker Man gewidmetes Album zu produzieren. Dazu begaben sie sich nach Schottland, wo der Film gedreht worden war. Wie Joel Morris 2011 in einem Interview mit Owen Williams erzählt hat:
None of the film’s shot on an island: it’s all cleverly edited mainland locations, almost all of them in South West Scotland.  Looks amazing, though, and you’re totally fooled by the title sequence of the seaplane. Movie magic, eh? Wicker country is on the mainland round Dumfries and Galloway, and we flew up there with a few ideas, which we played in the locations (the only significant Wicker place we didn’t visit on the trip was Plockton, still mainland, but up on the coast in the Scottish highlands, where Woodward’s plane lands; I made a special pilgrimage there a few years back on honeymoon, to collect the set, much to the delight and barely concealed boredom of my wife). We recorded stuff – demos really – in Anwoth church, the Ellangowan hotel and Burrow Head, where the burning takes place.  [...]
Bits of the trip made it to the record as audio snippets that Ian knitted into the running order (you can hear us at the beginning sitting between the Wicker Man’s legs at Burrow Head, playing pennywhistles and guitars, and the birds at the start of Beautiful Birds are the gulls from that same cliffside). But the main thing was to spend three nights soaking up the atmosphere, thinking and talking about the film and the landscape and so on, so that when we got home, we knew what we were all trying to capture.
Nuada ist kein "Konzeptalbum". Keines der Lieder nimmt Bezug auf die Handlung des Filmes, vielmehr sind sie alle inspiriert von der Atmosphäre und dem Geist des Wicker Man.
  1. Barrel of Fear
  2. Sowing Song
  3. Tomorrow's Tomorrow
  4. Beautiful Birds
  5. Song of the Oss
  6. Save Us
  7. Circle of Ash
  8. Burrowhead
  9. Rain on the Roof
  10. Island 34
  11. Modern Parlance 
* Für ausführliche Informationen über die unterschiedlichen Versionen des Wicker Man siehe hier.

Samstag, 16. Februar 2013

Drei M.R. James - Kurzfilme

Seit einer 1951 zum ersten Mal ausgestrahlten Verfilmung von The Tractate Middoth unter dem Titel The Lost Will of Dr. Rant (mit einem jungen Leslie Nielsen in der Hauptrolle), haben eine ganze Reihe der klassischen Spukgeschichten von Montague Rhodes James im Laufe der Jahrzehnte eine filmische Adaption erfahren – wenn auch beinahe ausschließlich in Gestalt von Fernsehproduktionen. Am bekanntesten dürften Jacques Tourneurs auf Casting the Runes basierender Kinofilm Night of the Demon (1958), Jonathan Millers Oh Whistle and I'll Come to You (1968) und David Rudkins & Lawrence Gordon Clarks The Ash-Tree (1975) sein. Alle drei ein absolutes Muss für jeden Liebhaber des phantastischen Films.

In den letzten Jahren hat Stephen Gray dem ohnehin schon recht umfangreichen Kanon von M.R. James - Adaptionen mit seinen Kurzfilmen


eine weitere faszinierende Facette hinzugefügt. Keine der drei Stories gehört zu Montys populärsten Werken, aber in diesen praktisch ohne Budget produzierten Filmchen entfalten sie die ganze ihnen innewohnende beunruhigende Macht. Ein echter Geheimtip!

Die Ende letzten Jahres fertiggestelte Version von The Haunted Dolls' House wird übrigens nicht mehr lange frei zugänglich sein, da Gray sie auf einer Reihe von Kurzfilmfestivals vorführen will, und es zu dem üblichen Reglement solcher Veranstaltungen gehört, dass dort präsentierte Werke nicht im Internet zu sehen sein dürfen. Also keine Zeit verlieren!
Wer die zugrundeliegende Geschichte lesen will, kann dies u.a. auf Grays eigener Website A Thin Ghost, wo man nicht nur alle zu Montys Lebzeiten veröffentlichen Stories, sondern auch eine Sammlung faszinierender Illustrationen und Infos über sämtliche existierenden Filmadaptionen findet. Vorlesen lassen kann man sie sich in Episode 102 von Jim Moons Hypnobobs. Die Weihnachtsausgabe des äußerst empfehlenswerten A Podcast to the Curious von Will Ross & Mike Taylor enthält außerdem ein ausführliches Interview mit dem Filmemacher.

Montag, 11. Februar 2013

Wölfisches Vergnügen

Gestern war der Geburtstag von "Wolf Man" Lon Chaney Jr., was ich für einen ausreichenden Grund halte, um mir heute einmal wieder Curt Siodmaks Universal-Klassiker aus dem Jahre 1941 anzuschauen – nicht der erste Werwolffilm, aber der vielleicht einflussreichste und sicher einer der schönsten.


Doch bevor ich mich erneut in die schaurig-nebligen Gefilde von Wales aufmache, wo
Even a man who is pure in heart
And says his prayers by night
May become a wolf when the wolfbane blooms
and the autumn moon is bright
wollte ich noch rasch eine kleine Liste lykanthropischer Leckerli für meine Leserinnen und Leser zusammenstellen:

1) Zur musikalischen Einstimmung erst einmal Warren Zevons Klassiker Werewolves of London:


2) Wer sich für ein paar einführende Informationen zu Lon Chaney Jrs. Leben und Karriere sowie für die Fährnisse alter Tricktechniken interessiert, der schaue bei Beths  Artikel auf Creature Buzz vorbei.

3) Wer hingegen einer ebenso umfassenden wie unterhaltsamen Einführung in die Geheimnisse des Werwolfwesens zu lauschen wünscht, den verweise ich auf Mr. Jim Moons Podcast-Serie An Introduction To Werewolvery * The Wolf At The Door * Birth of the Werewolf * On-Air Wolf! * Even a man who is pure in heart ... * Children of the Wolf Man

4) Für alle, die es lieber etwas humorig haben, könnte die zweite Episode der Monster Hunters: The Heir of the Dog das richtige sein, denn natürlich mussten sich auch Roy Steel und Lorrimer Chesterfield bereits einmal mit einem Lykanthropen herumschlagen.

5) Und last but not least treibt der Loup-Garou auch in Clark Ashton Smiths Averoigne sein Unwesen, so etwa in der wundervollen Kurzgeschichte The Enchantress of Sylaire.

Montag, 4. Februar 2013

Clark Ashton Smiths phantastische Poesie

Wie schön, dass Mr. Jim Moon meine Liebe zu Klarkash-Ton teilt. In der neuesten Episode von Hypnobobs lädt er seine Hörer & Hörerinnen zu einer "phantastischen Reise durch einen Ozean aus Klang und Musik" ein, auf der sie eine kleine Auswahl aus Clark Ashton Smiths Poesie kennenlernen können:
Wer die Gedichte noch einmal nachlesen will, der sei erneut auf die Website The Eldritch Dark verwiesen.

Montag, 21. Januar 2013

Let's have some fun !

Ich hätte den heutigen Tag wirklich nicht besser beginnen können als mit der neuesten Episode von Mr. Jim Moons Hypnobobs
Es bereitet mir ohnehin stets großes Vergnügen, den Gentleman aus Darlington bei seinen Streifzügen durch die Gefilde des Wunderbaren und Phantastischen zu begleiten. Diesmal aber hat er sich außerdem ein besonders liebenswertes Objekt für seine Betrachtungen ausgesucht. Vier klassische phantastische Filme der 70er Jahre voller Gummimonster und fesselnder Abenteuer: The Land That Time Forgot (1974), At the Earth's Core (1976), The People That Time Forgot (1977) und The Warlords of Atlantis (1978). Die ersten drei basieren auf Stories aus der Feder des großen Pulp-Pioniers und Tarzan-Schöpfers Edgar Rice Burroughs. Das soll jetzt aber nur insofern eine Rolle spielen, als es darauf hindeutet, womit wir es bei diesen Flicks zu tun haben. Mit prallem, fantasievollem, buntem, altmodischem, abenteuerlichem Unsinn! Und davon könnten wir wahrhaftig mal wieder eine ordentliche Dosis gebrauchen! All der modische Zynismus und düstere Pseudorealismus unserer Zeit hat dazu geführt, dass die Phantastik nur noch selten einer ihrer wichtigsten Aufgaben gerecht wird: Ganz einfach, Spaß zu machen und Freude zu bereiten!

Sonntag, 20. Januar 2013

Von Arkham ins Hinterland

Samstag Abend ... Die Nacht begann über dem verschneiten Herzen des Odenwaldes hereinzubrechen. Zeit, den Sessel zurecht zu rücken, ein kühles Bierchen zu öffnen und sich zu überlegen, mit welchem cineastisch-phantastischen Werk (oder Machwerk) ich mir die nächsten anderthalb Stunden versüßen könnte.
Sollte ich mir zuerst einmal Rocketship XM zu Ende anschauen? – Lieber nicht, den hatte ich nach gut dreißig Minuten abgebrochen, weil der "charmante" Chauvinismus der 50er Jahre irgendwann einfach zu unerträglich geworden war ... Tja, was dann? ... Im Gedenken an Edgar Allan Poes Geburtstag wäre es vielleicht passend, sich wieder einmal einen von Roger Cormans grandiosen Adaptionen der Werke des Meisters des Makabren zu Gemüte zu führen. The Masque of the Red Death möglicherweise oder The Fall of the House of Usher? ... Hmmm ... Doch was erblicke ich da auf einmal inmitten von Jim Moons wunderbarer Gallerie The Lost Art of Movie Posters? Eine 70er-Jahre-Verfilmung von H.P. Lovecrafts The Dunwich Horror?
Mir war nicht ganz unbekannt, dass die klassische Erzählung des Gentlemans von Providence ihren Weg auf die Leinwand gefunden hat. Wenn ich mich recht entsinne, sogar schon mindestens zweimal. Im Allgemeinen jedoch stehe ich filmischen Adaptionen von Lovecrafts Geschichten eher skeptisch gegenüber. Von den großartigen Werken der H.P. Lovecraft Historical Society einmal abgesehen. Ja, ich mag Cormans Charles Dexter Ward - Adaption The Haunted Palace mit Vincent Price. {Die Gestalten der deformierten Dorfbewohner haben ihrerzeit einen bleibenden Eindruck auf meiner jungen Psyche hinterlassen}. Doch darüber hinaus ... Es scheint nicht eben leicht zu sein, das Éch-Pi-Els Fantasie entsprungene Grauen auf Celluloid zu bannen.
Dennoch packte mich auf einmal das unbändige Verlangen, mir Daniel Hallers Flick aus dem Jahre 1970 anzuschauen. {Produzent: Roger Corman. Dem alten Schlockmeister ist einfach nicht zu entkommen!} Auf rottentomatoes erfährt er zwar die einmalig miese Bewertung von sage und schreibe 20% (!!) und rangiert damit sogar noch weit hinter so legendären Gurken wie Troll 2 (42%) oder Bride of the Monster (44%), aber wer verlässt sich schon auf rottentomatoes? Die dort versammelten Kritiker haben schließlich auch einem so grotesken Haufen cineastischen Bullshits wie Revenge of the Sith eine positive Wertung von 80% verpasst.

Wie dem auch sei, die Entscheidung war jedenfalls gefallen ...
                                        ... und die Enttäuschung folgte sozusagen auf dem Fuße.

Was ich bei Youtube auf den ersten Blick für eine vollständige Fassung des Streifens gehalten hatte, entpuppte sich als eine Ansammlung mit katalanischen Untertiteln versehener Schnipsel, die zusammengenommen ungefähr die erste Hälfte des Films ausmachen. Das vorhandene Material wirkt ziemlich interessant. Dean Stockwell als Wilbur Whateley mit Sixties-Schnauzbart ist nicht ohne gruseligen Charme, und einige der Szenen im Anwesen der Hexersippe üben einen nicht unbeträchtlichen psychedelischen Reiz aus. Man wird daran erinnert, dass der Regisseur für das Design der phantastischen Sets von Pit and Pendulum und Fall of the House of Usher verantwortlich war. Außerdem wären da noch die grotesken Traumszenen, in denen sich die Studentin Nancy (Sandra Dee) von einer Horde Horror-Hippies verfolgt sieht.


Verdammt ärgerlich also, dass einem die zweite Hälfte des Flicks vorenthalten wird. Ich werde wohl mal schauen, ob man ihn irgendwo zu einem vertretbaren Preis erwerben kann.
Doch da ich nun schon einmal einen {wenn auch brutal unterbrochenen} Trip nach Dunwich unternommen hatte, dachte ich mir, wenn ich schon nichts Definitives über Hallers Streifen erzählen kann, wäre dies vielleicht die richtige Gelegenheit, ein bisschen in meinen alten Lovecraft-Aufzeichnungen herumzuwühlen und etwas über den echten Horror of Dunwich zusammenzubasteln.

Die 1928 geschriebene Geschichte ist wie  The Whisperer in Darkness im Hinterland von Neuengland angesiedelt, und die einführende Passage gehört zum evokativsten, atmosphärisch dichtesten, was Lovecraft je geschrieben hat. Viel zu selten scheint mir darauf hingewiesen zu werden, dass eine seiner größten Stärken in der Schilderung von Landschaften bestand, die unter seiner Feder einen eigenartig beunruhigenden und bedrohlichen Charakter annahmen. Ich kann es mir nicht verkneifen, die Passage in voller Länge zu zitieren:
When a traveller in north central Massachusetts takes the wrong fork at the junction of the Aylesbury pike just beyond Dean’s Corners he comes upon a lonely and curious country. The ground gets higher, and the brier-bordered stone walls press closer and closer against the ruts of the dusty, curving road. The trees of the frequent forest belts seem too large, and the wild weeds, brambles, and grasses attain a luxuriance not often found in settled regions. At the same time the planted fields appear singularly few and barren; while the sparsely scattered houses wear a surprisingly uniform aspect of age, squalor, and dilapidation. Without knowing why, one hesitates to ask directions from the gnarled, solitary figures spied now and then on crumbling doorsteps or on the sloping, rock-strown meadows. Those figures are so silent and furtive that one feels somehow confronted by forbidden things, with which it would be better to have nothing to do. When a rise in the road brings the mountains in view above the deep woods, the feeling of strange uneasiness is increased. The summits are too rounded and symmetrical to give a sense of comfort and naturalness, and sometimes the sky silhouettes with especial clearness the queer circles of tall stone pillars with which most of them are crowned.
Gorges and ravines of problematical depth intersect the way, and the crude wooden bridges always seem of dubious safety. When the road dips again there are stretches of marshland that one instinctively dislikes, and indeed almost fears at evening when unseen whippoorwills chatter and the fireflies come out in abnormal profusion to dance to the raucous, creepily insistent rhythms of stridently piping bull-frogs. The thin, shining line of the Miskatonic’s upper reaches has an oddly serpent-like suggestion as it winds close to the feet of the domed hills among which it rises.
As the hills draw nearer, one heeds their wooded sides more than their stone-crowned tops. Those sides loom up so darkly and precipitously that one wishes they would keep their distance, but there is no road by which to escape them. Across a covered bridge one sees a small village huddled between the stream and the vertical slope of Round Mountain, and wonders at the cluster of rotting gambrel roofs bespeaking an earlier architectural period than that of the neighbouring region. It is not reassuring to see, on a closer glance, that most of the houses are deserted and falling to ruin, and that the broken-steepled church now harbours the one slovenly mercantile establishment of the hamlet. One dreads to trust the tenebrous tunnel of the bridge, yet there is no way to avoid it. Once across, it is hard to prevent the impression of a faint, malign odour about the village street, as of the massed mould and decay of centuries. It is always a relief to get clear of the place, and to follow the narrow road around the base of the hills and across the level country beyond till it rejoins the Aylesbury pike. Afterward one sometimes learns that one has been through Dunwich.
Vergleichbare Schilderungen finden sich auch in The Whisperer in Darkness, und nicht nur hierin verraten beide Erzählungen sehr deutlich den Einfluss des von Lovecraft verehrten Arthur Machen. Dieser hatte in Geschichten wie The Novel of the Black Seal und The Shining Pyramid auf ganz ähnliche Weise das Hügelland seiner walisischen Heimat in eine archaische Welt voll unterirdischer Schrecken verwandelt und zur Kulisse für seine ganz eigene Interpretation der keltischen Feenüberlieferungen gemacht. Hinter den Mythen vom Kleinen Volk verbergen sich bei ihm die Nachkommen der vorkeltischen Bevölkerung Britanniens, die einst vor den Eroberern unter die Erde geflohen sind und dort über die Jahrhunderte hinweg weitergelebt haben – ein primitiver Stamm abgrundtief hässlicher, bösartiger, zwergenhafter Kreaturen, Rückentwicklungen der Evolution.
Während The Whisperer in Darkness sich mit einiger Berechtigung als eine Art Verpflanzung dieser Machenschen Feengeschichten auf den amerikanischen Kontinent interpretieren lässt, verhält es sich mit The Dunwich Horror anders. Die oben zitierte Eingangspassage zeigt zwar deutliche Anklänge an den Stil Machens, doch die eigentliche Bedeutung dieses ‘backwater’-Szenarios ist eine andere als in den Geschichten des walisischen Schriftstellers. Lovecraft spart zwar nicht mit Anspielungen auf alte Legenden und das "unheilige" Erbe der indianischen Ureinwohner, aber wichtig ist vor allem das Bild, das er von den Bewohnern des gottverlassenen Fleckchens Dunwich zeichnet. Von ihnen heisst es, sie seien
repellently decadent, having gone far along that path of retrogression so common in many New England backwaters. They have come to form a race by themselves, with the well-defined mental and physical stigmata of degeneracy and inbreeding. The average of their intelligence is woefully low, whilst their annals reek of overt viciousness and of half-hidden murders, incests, and deeds of almost unnamable violence and perversity. The old gentry, representing the two or three armigerous families which came from Salem in 1692, have kept somewhat above the general level of decay; though many branches are sunk into the sordid populace so deeply that only their names remain as a key to the origin they disgrace.
Der Typus des degenerierten Hinterwäldlers taucht mehrfach in Lovecrafts Werk auf, so in Beyond the Wall of Sleep, The Lurking Fear und vielleicht am krassesten in The Picture in the House. (1)
Zum einen spiegelt sich darin wohl die Verachtung des Autors für die ländliche Bevölkerung wider. Bäuerlich geprägte Regionen waren in seinen Augen Überbleibsel der Barbarei, wie sein texanischer Freund Robert E. Howard mehr als einmal zu hören bekam. Darüberhinaus aber sind all die entarteten Primitivlinge, die sich in den Hügeln bei Dunwich (2) oder den Catskillbergen herumtreiben, bloß einmal mehr Verkörperungen des in Lovecrafts Werk allgegenwärtigen Motivs von Degeneration, Fäulnis und Zerfall.
Wie ich in einigen früheren Blogeinträgen (hier und hier) bereits etwas ausführlicher dargelegt habe, sehe ich in diesem Motiv vor allem einen Ausdruck der Furcht Lovecrafts vor dem Niedergang der Zivilisation, die unterhöhlt und zersetzt von Kommerzialismus, Industrie, Kosmopolitismus, "Rassenvermischung", Demokratie und Sozialismus ihrem drohenden Untergang entgegen gehe, woraufhin die dann befreiten animalischen und triebhaften Kräfte in Gestalt des rebellierenden Pöbels eine Orgie der Vernichtung veranstalten würden.
So gesehen finde ich es eigentlich recht passend, dass die Gestalt Wilbur Whateleys in Hallers Film mit der Gegenkultur der 60er Jahre in Verbindung gebracht wird, stellte diese in den Augen der Konservativen doch gleichfalls eine zersetzende Bewegung dar, die die Grundlagen der bürgerlichen Ordnung und Moral zu zerstören drohte. Das sexuelle Motiv, das dabei vor allem durch erwähnte Traumsequenz eingeführt wird,  erweist sich bei näherer Betrachtung gleichfalls als gar nicht so abwegig, wie man vielleicht annehmen könnte.
Eine Analyse des Ekels vor allem Sexuellen, der in vielen von Lovecrafts Geschichten zum Ausdruck kommt, würde einen eigenen kleinen Aufsatz erfordern. So muss es an dieser Stelle genügen festzuhalten, dass im Weltbild des Schriftstellers ein absoluter Gegensatz zwischen dem Animalischen und Körperlichen auf der einen und dem Rationalen und Ästhetischen auf der anderen Seite bestand. Die Verneinung des Sexuellen war für ihn geradezu die Vorbedingung für die Entwicklung von Kultur:
And as for Puritan inhibitions – I admire them more every day. They are attempts to make of life a work of art – to fashion a pattern of beauty in the hog-wallow that is animal existence – and they spring out of that divine hatred for life which marks the deepest and most sensitive soul ... An intellectual Puritan is a fool – almost as much of a fool is an anti-Puritan – but a Puritan in the conduct of life is the only kind of man one may honestly respect. I have no respect or reverence whatever for any person who does not live abstemiously and purely – I can like and tolerate him ... but in my heart I feel him to be my inferior – nearer the abysmal amoeba and the Neanderthal man ... (3)
Es erscheint darum kaum verwunderlich, dass Sex, wenn er überhaupt in Lovecrafts Erzählungen auftaucht, stets als ein Vehikel der Degeneration dargestellt wird, als ein Schritt hin zu Urschleim und Neandertaler.
The Dunwich Horror ist dafür ein besonders interessantes Beispiel, da die Geschichte alle explizit sexuellen Konnotationen ganz bewusst vermeidet. Dabei handelt es sich bei ihr ja um eine Art Adaption der guten alten Teufelsbuhlschaft an den Cthulhu-Mythos:
Lavinia, die Tochter des Dunwicher Hexers Whateley, wird in der Walpurgisnacht ("May-Eve") von Yog-Sothoth geschwängert und bringt zwei Kinder zur Welt. Den humanoiden Wilbur, der nach dem Tod seines Großvaters dessen okkulte Studien fortsetzt mit dem Ziel, den Großen Alten das Tor zu dieser Welt zu öffnen, und eine absolut monströse Kreatur, die in ihrem Äußeren eher dem unirdischen Vater nachschlägt und sich von Blut ernährt.
Ein waschechter ‘pulp-hack’ hätte bei so einem Szenario natürlich nicht mit zweideutigen Anspielungen auf die unappetitlichen Vorgänge der Walpurgisnacht gespart. Lovecraft hingegen bemüht sich nach Kräften, den sexuellen Ausgangspunkt seiner Geschichte möglichst rasch vergessen zu machen. Was sich zwischen Lavinia und dem widerwärtigen Yog-Sothoth abgespielt haben mag, bleibt viel zu nebulös und unwirklich, um die Fantasie des Lesers zu entzünden. Dass Sex auch hier mit Degeneration im Zusammenhang steht – die Whateleys sind dekadente Nachkommen ehemaliger Kleinadeliger und die Vermischung mit Yog-Sothoth ist so etwas wie der krönende Abschluss des jahrhundertelangen Niedergangs ihrer Sippe – scheint deshalb kaum von zentraler Bedeutung zu sein. Dennoch spielt das Thema Sexualität auf einer abstrakteren Ebene meiner Ansicht nach auch hier eine wichtige Rolle.
An dieser Stelle kommt erneut Arthur Machen ins Spiel.  Nicht ohne Grund wohl spielt Lovecraft auf dessen Roman The Great God Pan an. Als Wilbur in der Universitätsbibliothek in Arkham das Necronomicon auszuleihen versucht, macht sich der Bibliothekar Dr. Armitage so seine Gedanken über den merkwürdigen Besucher:
He thought of Wilbur, goatish and ominous, once again, and laughed mockingly at the village rumours of his parentage.
“Inbreeding?” Armitage muttered half-aloud to himself. “Great God, what simpletons! Shew them Arthur Machen’s Great God Pan and they’ll think it a common Dunwich scandal! But what thing – what cursed shapeless influence on or off this three-dimensioned earth  – was Wilbur Whateley’s father? Born on Candlemas  – nine months after May-Eve of 1912, when the talk about the queer earth noises reached clear to Arkham  – What walked on the mountains that May-Night? What Roodmas horror fastened itself on the world in half-human flesh and blood?”

Machens Roman erzählt auf suggestive und zum Teil sehr verstörende Weise von der Furcht der viktorianischen Gesellschaft vor den entfesselten Kräften der Sexualität. Er beginnt mit einer Gehirnoperation, die an einer jungen Frau vorgenommen wird, und die bewirken soll, dass diese die unter der Oberfläche der Welt verborgene Wirklichkeit wahrnehmen kann – jene Naturkräfte, die die Alten in Gestalt des Gottes Pan verehrten und fürchteten. In Folge der Prozedur wird die Frau schwachsinnig, schenkt jedoch neun Monate später einer Tochter das Leben. Im weiteren Verlauf der Erzählung erfahren wir aus den Berichten unterschiedlicher Personen, wie das Mädchen – Helen Vaughan – zu einer wunderschönen, aber irgendwie unheimlichen jungen Frau heranwächst und reihenweise Männer ins Verderben, in Wahnsinn und Selbstmord stürzt. Die ‘fürchterlichen Schandtaten’, zu denen Helen ihre Verehrer verleitet, sind ohne Zweifel sexueller Natur, auch wenn Machen sich dabei ganz bewusst auf verschwommene Andeutugen beschränkt.
Nun sind ganz sicher weder Wilbur noch sein monströser Bruder in dem gleichen Sinne wie Helen Vaughan Verkörperungen von Sinnlichkeit und Sexualität. An ihnen ist nichts verführerisches, sie sind einfach bloß widerwärtig. Und doch lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen und Machens ‘Heldin’ ausmachen – abgesehen davon, dass sie alle drei keinen menschlichen Vater haben. Der gehirnchirurgische Eingriff am Anfang von The Great God Pan ist ja tatsächlich erfolgreich. Die junge Frau sieht die wahre Beschaffenheit der Welt, sie wirft einen Blick auf die unmenschlichen Kräfte, die die Natur beherrschen, und diese Erkenntnis raubt ihr den Verstand. Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte, so wird deutlich, dass Machen den Sexualtrieb zu den bedrohlichsten dieser Kräfte zählt. Trotz all des magischen Brimboriums – Walpurgisnacht, Beschwörungsformeln, Opfer – ließe sich die Begegnung Lavinias mit Yog-Sothoth auf dem Sentinel Hill durchaus mit der Hirnoperation vergleichen. In beiden Fällen findet eine Konfrontation mit der fürchterlichen Wahrheit statt, die sich hinter der scheinbar so geordneten Welt verbirgt. Und wie Machens Gott Pan repräsentieren auch Lovecrafts Große Alte die ungezügelte Macht des Triebhaften. Zumindest ist das ein Aspekt ihres Wesens. Als Produkte dieses Zusammentreffens verkörpern sowohl Helen Vaughan als auch Lavinias Kinder das Eindringen dieser zerstörerischen Gewalten in die Welt der Menschen.
 Dies wird vielleicht noch etwas deutlicher, wenn man sich die Gegenspieler der Whateley-Sippe anschaut. The Dunwich Horror ist die einzige Lovecraft-Geschichte, in der es so etwas wie einen klassischen Kampf ‘Gut gegen Böse’ gibt. Um so wichtiger ist, wer hier die Rolle der Verteidiger der Menschheit übernimmt. Als Dozenten der Miskatonic-Universität sind Dr. Armitage, Prof. Rice und Dr. Morgan exemplarische Vertreter jener vernunftorientierten und gebildeten Elite, die Lovecraft in seinen politischen und sozialen Reflexionen stets dem triebhaften Mob entgegenstellt. Wilbur Whateley hingegen zeichnet sich durch seine "mixed occult erudition and general illiteracy" aus. Anders als etwa bei Clark Ashton Smith sind Zauberer bei Lovecraft meist keine kultivierten Aristokraten, die in Schlössern leben, sondern primitive Hinterwälder, die bevorzugt in halb eingestürzten Häusern oder vermoderten Katen hausen und sich mit viel Dreck und schimmligen Büchern umgeben.
In seinem Buch The Philosophy of H. P. Lovecraft vertritt Timo Airakinsen die These, in The Dunwich Horror gehe es um "a cultural struggle between the familial, fecund and religious Whateleys and the clinical, bureaucratic and rigid academics of Miskatonic" (4) Gegen diese Interpretation ließe sich manches einwenden. So bilden die Whateleys zwar tatsächlich eine Sippe, doch der Umstand, dass Wilbur offenbar seine eigene Mutter tötet und auch seine Großmutter einen "unexplained death by violence" gefunden hat , spricht nicht eben für ihren Familiensinn. Und was das angeblich ‘klinische’ Leben der Akademiker betrifft, so hat Dr. Armitage eine Frau – für einen lovecraftschen Helden beinah eine kleine Sensation. Trotzdem denke ich, dass Airakinsens Ansatz gar nicht so falsch ist. Die dizipliniert arbeitenden, in geordneten Verhältnissen lebenden Intellektuellen aus Arkham sind tatsächlich die Repräsetanten der Zivilisation, denen in den Whateleys das Produkt von Degeneration und Barbarei gegenübersteht. Dunwich gleicht in vielerlei Hinsicht Innsmouth. Die heruntergekommenen Bewohner des Dorfes leiden zwar selbst unter dem Treiben der monströsen Kreatur, doch ihr verrottetes Gemeinwesen, in dem alle Regeln von Anstand, Gesetz und Moral zerbrochen sind, ist der Misthaufen, auf dem dieses Ungetüm herangewachsen ist.
Dass die Whateley-Brut im Gegensatz zu den kopflastigen Akademikern das Sinnenverhaftete und Triebhafte verkörpert, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in ihrem Aussehen. Von Wilbur heisst es: "He was, however, exceedingly ugly despite his appearance of brilliancy; there being something almost goatish or animalistic about his thick lips, large-pored, yellowish skin, coarse crinkly hair, and oddly elongated ears." Da mag man noch an die klassischen Bilder von Satyr und Teufel denken. Doch über das, was sich unter seiner Kleidung verbirgt, bekommen wir später zu lesen:
Below the waist, though, it was the worst; for here all human resemblance left off and sheer phantasy began. The skin was thickly covered with coarse black fur, and from the abdomen a score of long greenish-grey tentacles with red sucking mouths protruded limply. Their arrangement was odd, and seemed to follow the symmetries of some cosmic geometry unknown to earth or the solar system. On each of the hips, deep set in a kind of pinkish, ciliated orbit, was what seemed to be a rudimentary eye; whilst in lieu of a tail there depended a kind of trunk or feeler with purple annular markings, and with many evidences of being an undeveloped mouth or throat.
Ist es gar zu freudianisch, bei schmatzenden Tentakeln, die aus dem Unterleib einer Kreatur heraushängen, an Sexuelles zu denken? Und erwecken die zahllosen Münder nicht zugleich die Vorstellung von Schmecken, Besabbern und Verschlingen und damit von primtiver Sinnenhaftigkeit? Natürlich ist das keine bewusste Symbolik. Doch vergessen wir nicht, dass Lovecraft die Inspiration für seine Monstren nicht selten aus seinen Träumen bezog. Nicht zufällig wohl stellt er der Erzählung ein Zitat aus Charles Lambs Essay Wiches and Other Night-Fears voran, in dem sich der englische Romantiker u.a. mit den Alpträumen seiner Kindheit beschäftigt:
Gorgons, and Hydras, and Chimaeras – dire stories of Celaeno and the Harpies – may reproduce themselves in the brain of superstition – but they were there before. They are transcripts, types – the archetypes are in us, and eternal. How else should the recital of that which we know in a waking sense to be false come to affect us at all?
Wir dürfen also wohl davon ausgehen, dass Wilbur Whateley mehr ist als ein besonders groteskes Ungetüm.
Lavinias zweites Kind zeichnet sich im Gegensatz zu der wenigstens noch ansatzweise humanoiden Gestalt seines Bruders vor allem durch seine Formlosigkeit aus.Wie einer der Dorfbewohner bei seinem Anblick ausruft: "nothin’ solid abaout it – all like jelly, an’ made o’ sep’rit wrigglin’ ropes pushed clost together".  Die Auflösung jeder festen Struktur ist in Lovecrafts ‘Phänomenologie des Grauens’ das Endprodukt des Verfalls. Seine fürchterlichsten Ungeheuer sind stets gallertartig. Doch zumindest verfügt das Monstrum über "ten or twenty maouths or trunks a-stickin’ aout all along the sides, big as stovepipes, an’ all a-tossin’ an’ openin’ an’ shuttin’". Genau in diesem interessanten Detail besteht also Familienähnlichkeit mit Wilbur. Von Intelligenz hingegen ist nichts zu spüren. Die groteske Kreatur, die nach Einschätzung ihres Bruders nicht viel "earth brain" besitzt, scheint nur einen Antrieb zu kennen: Das Verlangen nach Nahrung. Wenn Wilbur einen verschlagenen Eindruck macht, so ist dafür sein menschliches Erbteil verantwortlich. Sein Zwilling wirkt einfach nur monströs.
Yog-Sothoth und seine Artgenossen dürften ihm in dieser Hinsicht gleichen, sie sind triebgesteuerte Bestien und keine schlauen Verführer. Das Verbrechen der Whateleys besteht darin, dass sie diesen Kräften des Geistlos-Animalischen einen Zugang zu unserer Welt öffnen wollen: "the beings those Whateleys were so fond of – the beings they were going to let in tangibly to wipe out the human race and drag the earth off to some nameless place for some nameless purpose." Nach der Vernichtung der Menschheit sollen nur noch Kreaturen wie Lavinias zweites Kind gemeinsam mit den Großen Alten die Welt bevölkern.
Warum der alte Whateley die abscheulichen Wesen ‘von draußen’ bei ihrem Vorhaben unterstützt, ist eigentlich nicht recht nachzuvollziehen, denn auf einer vom Menschen ‘gereinigten’ Erde, wie Wilbur es nennt, wäre natürlich auch für solche wie ihn kein Platz mehr. Zwar ist mehrmals in der Erzählung von antiken Goldmünzen die Rede, mit denen der Hexer seine Rechnungen begleicht und deren Herkunft niemand zu nennen weiß, und wir dürfen wohl davon ausgehen, dass die Großen Alten ihm den Fundort dieses Schatzes verraten haben. Aber reicht das aus, um sein ganzes Leben dem Ziel der Ausrottung der Menschheit zu widmen und dafür auch die eigene Tochter zu opfern?
Denselben scheinbaren Haken weisen viele von Lovecrafts Geschichten auf. Es gibt einfach kein glaubwürdiges Motiv, warum irgendjemand die hirnlosen Götter des Cthulhu-Mythos bei ihrem zerstörerischen Werk unterstützen sollte. Diese Kreaturen scheinen wenig geeignet, einem die Vorteile zu verschaffen, die man sich für gewöhnlich von einem Pakt mit dem Teufel verspricht. Unter den Großen Alten wird man keinen Mephisto und keinen Samiel finden.
Doch die Frage ist letztlich falsch gestellt. Lovecrafts Geschichten gehorchen einer anderen Logik. Ein Mann wie Whateley will Yog-Sothoth nicht deshalb ein Tor in unsere Welt öffnen, weil er sich dadurch irgendeinen Gewinn verspricht, sondern weil die Großen Alten in Reimform das verkörpern, was ihn selbst auszeichnet. Ganz Dunwich steht für den Zerfall aller überkommenen Ordnung und Moral. Die Whateleys sind ein besonders reines Produkt dieses krankhaften Milieus. Lavinias monströse Kinder stehen am Ende einer Entwicklung, die nicht erst mit dem alten Hexenmeister begonnen hat. Der selbstzerstörerische Zug im Handeln des alten Whateley ist aber nicht nur auf diese eher abstrakte Weise folgerichtig, er ist selbst Ausdruck der Dekadenz. Wer die Ordnung der Gesellschaft zerstören will, der arbeitet – ob bewusst oder unbewusst – auf die allgemeine Vernichtung hin, denn er will die animalischen Urgewalten im Menschen entfesseln. Dem Triumph der Anarchie aber werden auch auch die Anarchisten zum Opfer fallen.
So zumindest sah es der selbsternannte Aristokrat Howard Phillips Lovecraft.


(1) Ein weiteres Beispiel wären die degenerierten Bewohner des Dorfes Chorazin [eine Anspielung auf M.R. James’ Count Magnus] in The Diary of Alonzo Typer, allerdings bin ich mir nicht sicher, wie groß der Anteil HPLs an der 1935 entstandenen Geschichte ist, die als eine Kooperation zwischen ihm und William Lumley gilt.
(2) Wikipedia zufolge stellt Dunwich nach Lovecrafts eigenen Angaben "a vague echo of the decadent Massachusetts countryside around Springfield –  say Wilbraham, Monson and Hampden" dar.
(3) H. P. Lovecraft: Selected Letters. Bd. I. S. 315. Vgl.: contrasoma.com/writing/lovecraft.html
(4) Zit. nach: Bruce Lord: The Genetics of Horror: Sex and Racism in H. P. Lovecraft’s Fiction.

Samstag, 19. Januar 2013

Zum Gedenken an Edgar Allan Poe

Moralisten haben immer hilflos vor der Frage gestanden, warum Poes "morbide" Geschichten geschrieben werden mussten. Sie mussten geschrieben werden, weil Altes sterben und sich auflösen muss, weil die alte Psyche allmählich demontiert werden muss, bevor etwas Neues entstehen kann.
Der Mensch muss sogar von sich selbst befreit werden. Und das ist ein schmerzhafter und manchmal ein gespenstischer Prozess.*
So schrieb D.H. Lawrence über den großen amerikanischen Meister des Phantastischen und Makabren. Ich weiß nicht, ob ich mich seinen Ausführungen anschließen würde, aber sie enthalten auf jedenfall einen interessanten Gedanken. 
Einer der Gründe für die bleibende Faszination, die von Poe ausgeht, besteht darin, dass er zu jenen Dichtern gehört, deren Werk sich nicht auf eindeutige Weise aufschlüsseln lässt. Jede neuerliche Begegnung mit seinen Gedichten und Kurzgeschichten – d.h. den besten unter ihnen – stellt uns erneut vor Rätsel, zieht uns mit ihrer Mischung aus Schönheit und Morbidität unausweichlich in ihren Bann, lässt uns nicht zur Ruhe kommen

Zur Feier seines 204. Geburtstags nun das Gedicht The Conqueror Worm, vorgetragen von Vincent Price:


PS: Mr. Jim Moon präsentiert aus gegebenem Anlass eine Zusammenstellung all seiner Podcasts, in denen er sich mit dem Werk Poes und dessen filmischen Adaptionen beschäftigt hat, auf seiner Website Hypnogoria.

* D.H. Lawrence: Edgar Allan Poe. In: Ders.: Überlegungen zum Tod eines Stachelschweins. Essays. S. 217.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Die Zeit der Gespenster

Now I remember those old women's words,
Who in my wealth would tell me winter's tales
And speak of spirits and ghosts that glide by night

Christopher Marlowe, The Jew of Malta (II, 1)


Unaufhaltsam nähert sich die Weihnachtszeit – die Zeit von flackerndem Kerzenschein, geschmückten Tannenbäumen, duftenden Lebkuchen ... und Gespenstergeschichten. So jedenfalls, wenn wir uns einer der wirklich nachahmenswerten Traditionen unserer britischen Freunde & Freundinnen anschließen, wofür ich hier mit allem Nachdruck plädieren will.
Oft bekommt man zu hören, dass es sich dabei um eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters, ja vielleicht sogar um eine Kreation von Charles Dickens höchstpersönlich, handele, aber wie Mr. Jim Moon in einem seiner stets lesenswerten Posts dargelegt hat, reichen die Wurzeln wenigstens bis in die Zeit von Good Queen Bess zurück. Damals freilich lief das Ganze noch unter der Bezeichnung "winter's tales", wie uns z.B. obiges Zitat von Christopher Marlowe zeigt – dem fantastischen Vorläufer und Rivalen Will Shakespeares mit der sympathischen Schwäche für amoralische Übermenschen und schwule Könige ...
Was einem Freund oder einer Freundin des Phantastischen in diesem Zusammenhang als allererstes einfallen dürfte, sind jedoch die klassischen Spukgeschichten von Montague Rhodes James. Berichtet Monty doch selbst, dass er viele von ihnen einem Kreis von Freunden, Kollegen und Studenten in der Julzeit vorgetragen habe. Will man sich einen Eindruck davon machen, wie dies wohl ausgesehen haben könnte, dann gibt es dafür kaum eine bessere Gelegenheit als die im Jahre 2000 produzierten Ghost Stories for Christmas mit Christopher Lee. Die erste Episode (A Warning to the Curious) habe ich hier bereits vor geraumer Zeit einmal vorgestellt, nun will ich die zweite präsentieren, die auf M.R. James' Geschichte Number 13 basiert:


Und da wir es gerade mit dem guten Monty zu tun haben, kann ich nun auch ganz elegant zum eigentlichen Anlass für diesen Post übergehen – WERBUNG.
Wer klassische Gespenstergeschichten wie Number 13 liebt, der sollte sich nicht nur die aktuelle Episode von Hypnobobs zu Gemüte führen, in der Mr. Jim Moon eine´weitere Geschichte von M.R. James – The Haunted Dolls' House  – vorträgt. Er oder sie dürfte sich vielleicht auch für das erste eBook interessieren, das der Bibliothekar der Träume soeben auf den Markt gebracht hat: Seven of Spectres.


Der Band enthält sieben schaurige Geschichten, u.a.von Edith Nesbit, W.F. Harvey, Bram Stoker und M.R. James. Jede von ihnen ist mit einer Einführung versehen, die sich sicher ganz wie Jims Podcasts durch enzyklopädisches Wissen, geistreichen Witz und eleganten Stil auszeichnen. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle Liebhaber & Liebhaberinnen des  gepflegten Grauens (so sie denn über ein Kindle verfügen).

Freitag, 30. November 2012

Etwas vom Besten der 70er Jahre - und doch nicht genug

'Placet' war vor einigen Wochen so lieb, mich im Anschluss an meinen kurzen Post über The Moon Stallion auf die australische Kinderserie The Lost Islands hinzuweisen, die als eine Art Kontrastprogramm zur Technikfeindlichkeit der Geschichte von Diana und dem Weißen Pferd dienen könne. Und da diese offenbar vor allem in Israel Kultstatus genießt, finden sich bei Youtube tatsächlich alle 26 Folgen – mit hebräischen Untertiteln.


1976 unter der Leitung von Michael Laurence und Roger Mirams produziert, verkörpert die Serie einige der besten Züge dessen, was man den Geist der 70er nennen kann. Leider allerdings tut sie dies auf eine im Ganzen gesehen ziemlich uneinheitliche Weise.

Ein reicher Philanthrop hat zur Förderung der Völkerverständigung vierzig Kinder aus aller Herren Länder zu einer Weltumsegelung auf der "United World" eingeladen. Doch schon kurz nach ihrer Abfahrt gerät das Schiff in einen Hurrikan. Bei der Evakuierung werden versehentlich fünf Kinder zurückgelassen, die sich am nächsten Morgen an den Strand einer unbekannten Insel (im Indischen Ozean?) gespült finden. Das Korallenriff, welches die Insel umgibt, macht eine Flucht unmöglich, und so sind die drei Jungen und zwei Mädchen gezwungen, es sich hier vorerst einmal häuslich einzurichten. Wie sich schnell herausstellt, ist das Eiland keineswegs unbewohnt. In einer nur "das Tal" ("The Valley") genannten Siedlung leben vielmehr die Nachkommen englischer Kolonisten, die während ihrer Überfahrt  nach "New Holland" (Australien) im 18. Jahrhundert gleichfalls hier strandeten. Die Gemeinde der "Q-People" (sie nennen sich so, da alle Familiennamen mit Q beginnen) wird von einem mysteriösen Despoten beherrscht, der nur der "Q" genannt wird und angeblich das Geheimnis der Unsterblichkeit entdeckt hat. Der "Q" hat sämtlichen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt verboten, da er glaubt, dass Wissen in der Hand des Volkes zum Chaos führen müsse. In den Neuankömmlingen sieht er (nicht ohne Grund) eine Bedrohung für seine Herrschaft und befiehlt darum deren baldigste Gefangennahme und Hinrichtung. In der Familie Quinn (vor allem Tochter Helen, Sohn Jason und dem kleinen Aaron) sowie dem alten Jeremiah Quizzle – dem Leibdiener des "Q" – finden die Kinder aber auch Freunde und Verbündete, mit deren Hilfe sie den Handlangern des Diktators – allen voran Premierminister Rufus Quad und seinen Gehilfen Mr. Quell und Mr. Quig – immer wieder ein Schnippchen schlagen.

Was die Serie sympathisch macht, sind  – wie bereits gesagt – vor allem die ihr zugrundeliegenden Ideale, auch wenn diese mitunter etwas gar zu belehrend in den Vordergrund gerückt werden.
Durch die Vorgeschichte ja bereits angelegt wäre da zuerst einmal die Überwindung nationaler Vorurteile und Animositäten. Zur Zeit der ersten Ausstrahlung von The Lost Islands war die internationale Zusammensetzung der Heldengruppe – bestehend aus dem Australier Tony, dem Amerikaner David, dem Engländer Mark, der Deutschen Anna und der Chinesin Su Ying – sicher etwas ziemlich ungewohntes.
Dazu gesellt sich ein deutlich antiautoritäres Element, schließlich befinden sich die Kinder im ständigen Kampf mit den anerkannten Herrschern der Insel. Quad, Quell und Quig erscheinen mit ihren prächtigen Rauschebärten schon rein äußerlich als Repräsentanten eines patriarchalen Autoritarismus. Zugleich werden sie eins ums andere Mal der Lächerlicherlkeit preisgegeben und damit jeder wirklichen Autorität beraubt. Für den "Q" gilt beinahe dasselbe. Als mysteriöser Kapuzenträger entspricht er zwar dem Klischeebild des "Dark Lord", wirkt jedoch oft genug eher wie ein bloßer Popanz. So etwa wenn ihm die Kinder eine aus Schrott fantasievoll zusammengebastelte "Laserkanone" als ultimative Waffe andrehen.
Ihre Überlegenheit über den "Q" basiert auf ihrem technischen Wissen, diversen modernen Gerätschaften und ihrer aufgeklärten Weltsicht. Wie 'Placet' ja bereits angedeutet hatte, zeichnet sich The Lost Islands durch eine uneingeschränkt positive Einstellung zu Technik, Wissenschaft und Fortschritt aus. Aberglaube und Fortschrittsfeindlichkeit errscheinen als Mächte, die es zu überwinden gilt und die die natürlichen Verbündeten des Despotismus sind. Ich fürchte, in einer heute produzierten Kinderserie würde dieser Gegensatz kaum mehr in dieser Unbedingtheit aufgestellt werden.
Das bedeutet wiederum nicht, dass die moderne Welt der im 18. Jahrhundert steckengebliebenen Gemeinschaft der Q-People einfach als strahlendes Vorbild entgegengestellt würde. Mehr als einmal bekommen wir zu hören, dass auch jenseits der Insel vieles im Argen liegt.  Doch eine in Stagnation gefangene Gesellschaft kann nicht die Alternative sein. In einem Punkt allerdings erscheinen zumindest einige der Kinder tatsächlich in schlechterem Licht als die Q-People. An verschiedenen Stellen auf der Insel liegen Goldmünzen vergraben. Den Bewohnern des Tals dienen sie lediglich als hübsche Schmuckstücke, unter den Kindern hingegen wecken sie augenblicklich Schatzsucher-Fantasien. Als Tony in der Behausung des "Q" eine Karte entdeckt, auf der die Orte verzeichnet sind, an denen das Gold verborgen liegt, riskiert er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Begleiterin Anna, um eine Kopie anzufertigen. Jeremiah Quizzle, der gerade noch verhindern kann, dass Rufus Quad die beiden entdeckt, kann diese Obsession beim besten Willen nicht verstehen und fragt verwundert, ob diese Gier nach "Schätzen" bei den Bewohnern der "Außenwelt" allgemein verbreitet sei. Anna muss das bejahen, setzt aber hinzu, dass es hoffentlich nicht immer so bleiben werde. Jeremiah entgegnet: "Amazing! You want treasure? Look to the sky! The sun be treasure, the air you breathe be treasure, the birds ... the fish in the sea ... The world be cramped with treasure. And it be there for all to enjoy." Das ist sicher etwas simpel und klingt ein wenig nach "Hippie-Indianer-Weisheiten", aber schließlich haben wir es hier mit einer Kinderserie zu tun, und in diesem Rahmen reicht mir das als Hinweis auf die Wurzel der meisten Übel in der "Außenwelt".

Soviel zum positiven Erbe der 70er Jahre, das seinen Niederschlag in The Lost Islands gefunden hat. Einige Einschränkungen müssen allerdings gemacht werden. So ist es schon ziemlich auffällig, dass gerade der Amerikaner David sich als veritabler Alleskönner auszeichnet. Und dabei wird recht häufig seine nationale Herkunft ausdrücklich hervorgehoben. Manchmal wirkt das zwar eher ironisch (so z.B. wenn die anderen anfangen, "Stars and Stripes Forever" zu singen und dabei kaum je den richtigen Ton treffen), doch dann wieder kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige unter den Machern der Serie tatsächlich der Meinung waren, die USA seien "das tollste Land auf Erden". 
Ebenso muss man sich fragen, warum wir nicht einmal im Vorspann auch nur ein einziges schwarzes Gesicht unter den Kindern an Bord der "United World" entdecken können. Doch bevor man der Serie impliziten Rassismus unterstellt, sollte man sich vergegenwärtigen, dass der traditionelle australische Rassismus, der in der Geschichte dieses Staates nebenbei bemerkt seit der Gründung eine zentrale Rolle gespielt hat, immer sehr stark antiasiatische Züge getragen hat. Was der Figur der Su Ying eine besondere Bedeutung verleiht, die hier als eine Art "Vertreterin der Farbigen" auftritt.
Und da wir gerade bei Su Ying sind. Die Frauenemanzipation steckte bei australischen Fernsehmachern Mitte der 70er Jahre offenbar noch in den Kinderschuhen {was natürlich nicht wirklich erstaunlich ist}. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Su Ying weiß mit Pfeil & Bogen umzugehen; Helen bestreitet erfolgreich ein Pferderennen) herrscht in den meisten Episoden deutlich erkennbar die traditionelle Rollenverteilung vor. Die Jungs ziehen auf Abenteuer aus, die Mädchen bleiben im Versteck oder kümmern sich um Kranke und Verletzte.

Das größte Problem, das ich mit der Serie hatte, war jedoch nicht "ideologischer" Natur. Vorausschicken sollte ich dabei wohl, dass ich mich nicht für die bestgeeignete Person halte, um eine Kinderserie zu beurteilen. Es fällt mir eher schwer, mich in die Perspektive eines Zehnjährigen zurückzuversetzen. Gut möglich, dass mich in diesem Alter nichts von dem gestört hätte, was mich heute irritiert. Für sich genommen sind die meisten Episoden sicherlich abenteuerlich oder witzig genug, und der nicht unbeträchtliche internationale {interessanterweise weniger australische} Erfolg der Serie in den 70ern muss ja seine Gründe gehabt haben.
Woran ich mich vor allem gestoßen habe, ist die mangelnde Kontinuität. Figuren werden eingeführt und von Ereignissen wird berichtet, die nicht selten eine Woche später wieder vergessen zu sein scheinen, ganz gleich wie wichtig sie für den Moment auch waren. So etwa wenn Tony sich in das Mündel des "Q" verliebt oder die Kinder dem alten Dorfzauberer zu seiner Wiedereinsetzung verhelfen. Es gibt einige Minihandlungsbögen, die sich über mehrere Episoden erstrecken, doch auch sie verlaufen häufig im Nichts, so die Befreiung von Vater Quinn, der auf der Sträflingsinsel  Malo festgehalten wird, oder die sich entwickelnde Freundschaft zwischen Su Ying und einem der Wachen von Rufus Quad. Und was auf die Handlung zutrifft, gilt ebenso für die ihr zugrundeliegenden Ideen. Scheint eine Episode thematisieren zu wollen, dass Mädchen ebensogut wie Jungs auf Abenteuer ausziehen können, finden wir Anna und Su Ying in der nächsten bereits wieder wie selbstverständlich beim Nähen oder Essenkochen. Aus all dem ergibt sich vor allem, dass die Kinder keine wirklichen Entwicklungsprozesse durchmachen, was schade ist, da die Ansätze dazu in vielen Episoden vorhanden sind. Man hat das deutliche Gefühl, als habe es den Machern an einer Gesamtkonzeption für die Serie gemangelt. Selbst das anfänglich zentrale Mysterium um die angebliche Unsterblichkeit des "Q" verliert irgendwann jede Bedeutung, obwohl es nie wirklich aufgeklärt wird.
All dies kulminiert in einem völlig überhasteten und unbefriedigenden Finale. In der vorletzten Episode entdecken die Kinder im Sumpf ein altes Panzerfahrzeug aus dem 2. Weltkrieg und bringen es wieder zum Laufen. Mit Hilfe des furchteinflößenden Vehikels, das die Q-People zuerst für ein Monster halten, gelingt es ihnen dann in der Schlussfolge eine Revolution der Inselbewohner gegen den "Q" und den Premierminister auszulösen, deren Durchführung wie ein Kinderspiel anmutet. Und dann ist ganz einfach Schluss!
Dieses wie hingeschludert wirkende Finale hat in mir die Vermutung aufkommen lassen, dass die Serie ursprünglich sehr viel länger geplant war, dann aber plötzlich eingestellt wurde. Leider habe ich nichts finden können, was diesen Verdacht bestätigen würde. Die Indizien jedoch sind augenfällig. Der Entschluss, es zur Abwechselung einmal mit Revolution zu versuchen, kommt wie aus heiterem Himmel. Bisher hatten die Kinder eigentlich stets versucht, irgendwelchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Obwohl sich im Laufe der Serie immer wieder recht deutlich gezeigt hatte, dass unter den Q-People ein weitverbreiteter Unmut über die Herrschaft des "Q" existiert {die Mehrheit der Männer scheint bereits nach Malo deportiert worden zu sein}, hatten die Kinder vor dem Ende nie versucht, die Entwicklung einer Rebellion zu fördern. Möglichkeiten dazu hätte es einige gegeben.
So schön es darum auch ist, wenn man die Revolution einmal wieder als Motor des Fortschritts dargestellt sieht, so unbefriedigend bleibt es, dass die ganze vorangehende Handlung in keiner Weise auf dieses Finale hinarbeitet. Der letzte Akt verliert seinen dramatischen Wert, wenn er sich nicht folgerichtig aus den anderen Akten entwickelt. Ebenso enttäuschend ist es, dass kein einziges der Geheimnisse, die den "Q" umgeben, gelüftet wird. Weder erfahren wir etwas genaueres über seine wirkliche Identität noch über seine scheinbare Unsterblichkeit. Obwohl vieles für einen vorzeitigen Abbruch der Serie spricht, gibt es verwirrenderweise auch Anzeichen, aus denen man schließen könnte, die Macher hätten sich die Möglichkeit einer Fortsetzung offenhalten wollen. Der "Q" wird zwar geschlagen, aber nicht endgültig besiegt und demaskiert. Quad und seinen Spießgesellen gelingt es, den Aufständischen zu entkommen. Sollte der Versuch der Bösewichte, ihre verlorengegangene Macht wieder zurückzugewinnen, im Zentrum einer zweiten Staffel stehen? Ich hab keine Ahnung.

Und so erscheint The Lost Islands trotz aller sympathischen Züge letztendlich als eine Serie, die aufgrund eines eklatanten Mangels an vorausschauender Gestaltung einen Gutteil des Potentials verspielt, das in ihr gesteckt hätte. Wer keine nostalgischen Erinnerungen mit ihr verbindet oder sich speziell für das Kinderfernsehen vergangener Jahrzehnte interessiert, wird fürchte ich nicht viel lohnendes in ihr finden können.
      
      
à à And Now For Something Completely Different ß ß

Da diese ganze "70er Jahre - Kinder - TV" - Geschichte mit meinen Schreibereien über Children of the Stones begonnen hat, noch ein kleiner Nachschlag: Letzte Woche kaperten sich Odile Thomas von Sending a Wave und Hypnogorias Mr. Jim Moon den Highway to Mars - Podcast, um sich einmal in aller Ruhe knapp zwei Stunden lang über dieses Juwel des britischen phantastischen Fernsehens zu unterhalten. Reinhören!

Montag, 29. Oktober 2012

Die runden Hundert

Für Leserinnen und Leser meines Blogs dürfte es kein Geheimnis sein, dass ich geradezu vernarrt bin in Hypnogorias Mr. Jim Moon. Eben gerade hat der Magus von Darlington die hundertste Episode seines phantastischen Podcasts online gebracht, und ich kann ihm bloß aus ganzem Herzen zu diesem denkwürdigen Jubiläum gratulieren. Möge er uns noch lange mit seiner Stimme, seinem Witz und seinem Wissen beglücken! Dem, der keine Schwierigkeiten damit hat, auch einem englischsprachigen Podcast zu folgen, kann ich nur wärmstens empfehlen, sich einmal die Woche in der Bibliothek der Träume einzufinden. Es dürfte äußerst schwer fallen, eine ähnlich elegant gemachte, sympathische und in höchstem Maße informative Sendung über das Phantastische in Film und Literatur zu finden wie


Samstag, 13. Oktober 2012

"Pickman's Model"

Im April 1926 kehrte H.P. Lovecraft nach zwei glücklosen Jahren in New York in seine Heimatstadt Providence zurück. Im darauffolgenden Jahr schrieb er an Clark Ashton Smith:
What I absolutely must have - & that is about the only thing really essential to me - is a general atmosphere exactly like that of my youth - the same scenes, the same kind of faces & voices & thoughts & opinions around me - the same type of sounds & impressions. I did not realise my dependence on these things till I tried living in New York, but then I was very soon made to see my essential attachment to them. I discovered that the cosmic & cosmopolitan element in me is the thinnest of veneers, & that I am actually - so far as all the deeper emotions & springs of action are concerned - an extremely localised New Englander of the most pronounced type. In New York my mental processes were virtually atrophied for want of contact with the impressions which form their exclusive nourishment - I was an unassimilated alien there, & always would have been. Only the return home liberated & resuscitated my faculties, such as they are. [...] That ethereal sense of identity with my own native & hereditary soil & institutions is the one essential condition of intellectual life - & even of a sense of complete existence & waking reality - which I cannot do without. Like Antaeus of old, my strength depends on repeated contact with the soil of the Mother Earth that bore me.
Der Vergleich mit Antaeus war nicht ganz unberechtigt. Im Laufe des Jahres 1926/27 schrieb Lovecraft u.a. The Silver Key, The Dream-Quest of Unkown Kadath, The Case of Charles Dexter Ward, Pickman's Model, The Call of Cthulhu und The Colour Out of Space. Daneben beendete er seine 1925 begonnene Studie über die Geschichte der Horrorliteratur Supernatural Horror in Literature. Es war die vielleicht produktivste Phase seines Lebens und ein wichtiger Wendepunkt in seiner Entwicklung als Schriftsteller.  Mit Supernatural Horror vergewisserte er sich seiner Position innerhalb einer literarischen Tradition, die mit der gothic novel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte, und konkretisierte zugleich seine Vorstellung von der ‘kosmischen Angst’ als dem eigentlichen Thema der Horrorliteratur. Obwohl Lord Dunsany in dem ausführlichen Essay immer noch eine herausragende Stellung einnimmt, endete Lovecrafts eigene an Dunsany orientierte Phase der ‘Traumland-Geschichten’ mit The Silver Key und The Dream-Quest.  Der bizarre und farbenfrohe Exotismus des irischen Dichters wird ersetzt durch ein neues, sehr viel nüchterneres ästhetisches Ideal, das seine Verkörperung in dem exzentrischen Maler makabrer und phantastischer Szenerien in Pickman's Model gefunden hat:
Pickman war - gemessen an Beobachtung und Ausführung - in jeder Beziehung ein durch und durch genauer, ja fast wissenschaftlich vorgehender Realist.
Die Kurzgeschichte enthält nicht nur viel von Lovecrafts eigenen Gedanken über phantastische Kunst, sondern ist zugleich auch eine seiner wirklich gelungenen Horrorstories. Um so erfreulicher, dass uns Mr. Jim Moon in der jüngsten Ausgabe von Hypnobobs mit einer Lesung von Pickman's Model beglückt. Freunde und Freundinnen des gepflegten Grauens, gießt euch einen guten Port ein, macht es euch bequem und lauscht der sanften Stimme von Darlingtons Bibliothekar der Träume!

Donnerstag, 27. September 2012

Who you gonna call?


Es war cool, mit elf Jahren Ghostbusters (1984) im Kino zu sehen, und der Film besitzt auch bei heutiger Betrachtung noch seinen Charme. Er mag nicht gut genug sein, um den Kultstatus zu genießen, der ihm von manchen zugesprochen wird, aber ein Streifen, der Godzilla in Tokio durch den Marshmallow Man in New York ersetzt, verdient auf jedenfall Sympathie. Ghostbusters II (1989) hingegen war ein Film, den niemand machen wollte und der nie hätte gedreht werden dürfen.
Seit damals machen immer mal wieder Gerüchte über ein zweites Sequel die Runde und animieren selbst Atheisten wie mich dazu, Stoßgebete gen Himmel zu senden, dass dies niemals Wirklichkeit werden möge. Und Eru Ilúvatar scheint tatsächlich unsere Meinung zu teilen. Dafür hat Regisseur Ivan Reitman nun plötzlich die Idee ins Spiel gebracht, statt eines Sequels könne man ja ebensogut ein Remake produzieren: "I think Ghostbusters probably should be remade, if we can get it all right. We're working on it, so we'll see." Beruhigenderweise handelt es sich bei dieser Ankündigung wohl eher um den traurigen Versuch Reitmans, eine Idee am Leben zu erhalten, für deren Umsetzung sich niemand wirklich zu interessieren scheint, als um eine ernstzunehmende Drohung. Aus Sicht der Produzenten hätte ein Remake freilich den unbestreitbaren Vorteil, dass man damit das Problem von Bill Murrays Mitarbeit aus der Welt geschafft hätte. Wie dem auch sei, wir können nur hoffen, dass alle Versuche, das Franchise wiederzubeleben, weiterhin so erfolgreich verlaufen, wie in den letzten zwanzig Jahren.

Eher lustig mutet es dagegen  an, dass Arnold Schwarzenegger nach wie vor ernsthaft zu glauben scheint, dass er auch im Rentenalter noch glaubhaft mörderische Kampfroboter verkörpern könne. Allerdings haben sich die Perspektiven für Terminator 5 aus anderen Gründen offenbar wieder verdüstert. Hatte Arnie im Juni noch vollmundig verkündet, der Dreh werde 2013 beginnen und es sei sogar schon ein sechster Teil in Planung, so reagierte er kürzlich genervt und sarkastisch auf entsprechende Nachfragen: "I think (producer) Megan Ellison owns the rights to 'Terminator 16,' or whatever it is. They have been trying to put a script together but I've not seen it, so I've no idea. There's nothing on the drawing board at this point. Nothing on the plan" Möglich also, dass es uns erspart bleiben wird, die nächste Etappe im ewigen Niedergang der Terminator-Saga miterleben zu müssen.
Schwarzenegger war nie ein Schauspieler im eigentlichen Sinne des Wortes, und er hat in einer Unzahl wirklich fürchterlicher Filme mitgewirkt. Dennoch will ich nicht verhehlen, dass ich eine eigentümliche Art von Sympathie für ihn empfinde. Ohne Arnie wären eine Reihe legendärer 80er Jahre - Flicks wie Conan, Predator, Total Recall oder eben Terminator nicht das, was sie sind. {Was genau sie sind, möchte ich jetzt nicht zu beschreiben versuchen. Keine wirklich guten Filme, vermutlich, aber in ihrer Simplizität irgendwie nicht ohne Reiz.} Schlimm genug, dass er gerade an dem peinlichen Gipfeltreffen alternder Eighties-Action-Stars The Expendables 2 teilgenommen hat. Die Schmach eines fünften Terminators wünsche ich ihm eigentlich überhaupt nicht.

Zwei Produkte der Ideenarmut Hollywoods, denen wir ganz sicher nicht mehr entgehen werden, sind José Padilhas Remake von RoboCop und Zack Snyders Reboot von Superman als Man of Steel.

Was RoboCop angeht, so bin ich ja der Meinung, dass das Original von 1987 genauso wie Starship Troopers von 1997 vor allem ein Beleg dafür ist, dass Paul Verhoeven bei aller guten Absicht nie richtig verstanden hat, wie man einen satirischen Film dreht. Padilhas Streifen wird deshalb bei mir zumindest nicht mit irgendwelchen rosigen Erinnerungen kollidieren können. Was Drew McWeeny vor gut einem Monat auf Twitter über das Script zu sagen hatte, das auf wer weiß welchen Wegen in seine Hände gelangt ist, klingt allerdings ziemlich gruslig:
In the film, when Murphy is turned into Robocop 1.0, it’s described “a high-tech version of the ’80s suit.” Then they show a focus group scene where criminals laugh at the design. “He looks like a toy from the ’80s!” So they redesign him to look “meaner” as Robocop 2.0, who passes focus group approval.
Sich in einem Remake darüber lustig zu machen, dass man ein Remake macht – das ist genau die Art selbstgefälliger Cleverness, die heute so gerne mit Intelligenz verwechselt wird.
And we meet the ED-209s in the field in Iran, where they’re used to subdue suicide bombers.
Ahhh … now they just dropped Robocop 3.0 onto an Al Queda training camp to see what he does.
Ich verzichte auf einen langen und wütenden Kommentar ...
Glaubt man McWeeny, so muss das Script wirklich fürchterlich sein. Er beschreibt sein Leseerlebnis sehr nett wie folgt:
I feel like one of those little potato people staring directly into The Dark Crystal. And, yet, pages keep turning…
Angesichts von José Padilhas bisher erfolgreichstem Film Tropa de Elite ist anzunehmen, dass RoboCop ebenfalls voller voyeuristischer Gewaltdarstellungen sein und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken versuchen wird, der von dem Cyborg-Bullen und seinen Schöpfern vertreteten Law & Order - Mentalität kritisch gegenüberzustehen. Und was bei dem brasilianischen Film nicht geklappt hat, wird erst recht nicht bei einem Hollywood-Action-Blockbuster funktionieren.

Und Man of Steel? Hey, Zack Snyder führt die Regie. Muss ich da nach Dawn of the Dead, 300 und Sucker Punch noch irgendwas zu sagen?! Okay, ein ganz kurzer Kommentar: Snyder ist ein Filmemacher, dessen  'künstlerische Vision' {hust, hust} sich darauf beschränkt, coole Bilder auf die Leinwand zu zaubern. Und auf einen coolen Supermanfilm kann ich dankend verzichten. Jim Moon hat BlackDogs Lee Medcalf diese Woche, milde ausgedrückt, in Erstaunen versetzt, als er erklärte, der legendär miese Superman 4: The Quest for Peace (1987) sei bei näherer Betrachtung immer noch besser als Bryan Singers Superman Returns (2006).* Ich stehe da ganz auf der Seite von Mr. Moon. Ein Superman-Flick hat 'cartoonish', nicht cool zu sein.

* Vgl.: BlackDog Podcast Episode 130 "Superman Poor": 1:31:20.

Montag, 10. September 2012

Fragen über Fragen

Vor ein paar Tagen kam mir der Gedanke, es wäre eigentlich ganz interessant, sich wieder einmal John Carpenters The Fog anzuschauen. Würde der Nebel des Grauens nach zwei Jahrzehnten meine durchweg guten Erinnerungen bestätigen? Oder würde es ihm ähnlich ergehen wie In the Mouth of Madness, der sich bei einem kürzlichen Wiedersehen als keineswegs so spukig und originell entpuppte, wie mein Gedächtnis mir über viele Jahre vorzugaukeln versucht hatte?

Nun habe ich momentan nicht die Möglichkeit, nach Antonio Bay zurückzukehren, und so wird meine ursprüngliche Frage wohl vorerst unbeantwortet bleiben müssen. Stattdessen nahm auf einmal eine sehr viel allgemeinere in meinem Hirn Gestalt an. John Carpenter ist zweifellos einer der großen Namen im Genre-Kino. Doch andererseits gilt sein Oeuvre als reichlich durchwachsen. Und mal ehrlich, was hat er uns in den letzten zwei Jahrzehnten nicht so alles vorgesetzt? Zuerst bewies er mit Village of the Damned (1995), dass er auch miese Remakes von alten SciFi-Horror-Flicks machen kann. Dann leistete er mit Ghosts of Mars (2001) seinen Beitrag zur kurzlebigen und durchweg mauen cinematographischen Liebelei mit dem Roten Planeten in den frühen 2000ern. All dies toppte er schließlich, indem er das Remake seines eigenen Klassikers The Fog (2005) schrieb und produzierte. Selbst für die Recyclingmaschine von Hollywood ein eher seltenes Ereignis. Angesichts dieser wenig beeindruckenden Leistungen frage ich mich, ob er überhaupt jemals so gut gewesen ist, dass er seinen Ruf tatsächlich verdient hätte.

Oh nein, ich bin nicht auf die verrückte Idee gekommen, in Frage stellen zu wollen, dass Carpenter eine wichtige Rolle in der Geschichte des phantastischen Kinos gespielt hat. Aber bedeutet das automatisch, dass er ein großer Filmemacher war oder ist? Werfen wir doch kurz gemeinsam einen Blick auf die Liste seiner klassischen Werke aus den 70ern & 80ern (wobei ich The Fog logischerweise außen vor lasse).

>> Dark Star (1974) <<
Mit einem lächerlichen Budget von 60.000 $ schufen Carpenter und Dan O'Bannon in ihren  Studententagen diesen durchgedrehten Film, der nicht nur als der direkte Vorläufer von Alien gelten kann (wofür O'Bannon das Drehbuch schrieb), sondern zu einem Kultklassiker unter allen Liebhabern des Grotesken geworden ist. Kein Wunder also, dass er trotz aller handwerklichen Mängel ganz oben auf meiner persönlichen Carpenter-Hitliste steht. Er war es, der fünf Jahre vor Ridley Scotts Riesenerfolg das dreckige Space-Proleten-Milieu ins SciFi-Kino einführte. (Man kann zwar die Ansicht vertreten, Douglas Trumbulls Silent Running [1972] habe da auch seinen Beitrag geleistet, aber dessen Öko-Thema gibt ihm doch einen deutlich anderen Vibe). Allein schon deshalb gebührt ihm höchste Anerkennung. Außerdem: Wer könnte einen Film nicht lieben, der eine philosophische Diskussion mit einer unwilligen Bombe enthält?

{Eine Empfehlung am Rande: In Hypnobobs 80 "The Origins of ALIEN" unterhält sich Jim Moon mit den BlackDogern Lee Medcalf und Darran Barnard u.a. auch über Dark Star. Anhören!}

>> Halloween (1978) << 
Nicht dass er das wirkliche Gründungswerk des Subgenres gewesen wäre, aber sein Erfolg löste zusammen mit dem von Sean S. Cunninghams Friday 13th (1980) die Slasher-Film-Welle der 80er Jahre aus. Eine Mode, mit der ich persönlich nie besonders viel habe anfangen können. Meine Erinnerungen an Halloween sind verschwommen, aber nicht negativ. Spannend war der Streifen schon. Vielleicht aber lassen die zahllosen unoriginellen Slasher-Flicks späterer Jahre dieses Urgestein auch besser erscheinen, als es eigentlich ist? Doch davon einmal abgesehen: War die Richtung, die Carpenter und Cunningham dem Mainstream-Horror des nächsten Jahrzehnts verliehen, wirklich so begrüßenswert? Im Allgemeinen stehe ich akademisch-feministischer Kritik und Analyse ja eher skeptisch gegenüber, aber so ganz abwegig erscheint es mir in der Tat nicht, im von Halloween geprägten Muster des Slasher-Films eine konservative Reaktion auf die kulturellen Veränderungen der 70er Jahre zu sehen. Werden die Jugendlichen durch Michael Myers & Co. nicht tatsächlich für ihren Hedonismus, ihre sexuelle Freizügigkeit, ihre Rebellion gegen elterliche Autorität 'bestraft'? Und werden Frauen im Slasher-Film nicht wirklich auf eine Art und Weise zu Opfern gemacht, die aufgrund der starken sexuellen Konnotation noch sehr viel unangenehmer wirkt, als das Klischee der kreischenden Frau in den alten Horror-Flicks? Carpenters Erklärung, Laurie überlebe nicht deshalb das Massaker, weil sie dem konservativen Ideal der Jungfrau entspricht, sondern weil sie ihre unterdrückte Sexualität in Aggression umwandle und sich deshalb gegen Myers verteidigen könne, wirkt auf mich jedenfalls ausgesprochen bizarr: "The one girl who is the most sexually uptight just keeps stabbing this guy with a long knife. She's the most sexually frustrated. She's the one that's killed him. Not because she's a virgin but because all that sexually repressed energy starts coming out. She uses all those phallic symbols on the guy." Oder wollte sich John damit bloß über die freudianisch-feministischen Theorien seiner Kritikerinnen & Kritiker lustig machen?

{Nebenbei bemerkt: Ist Whedon mit seiner 'Dekonstruktion' dieser Klischees in Cabin in the Woods nicht über zehn Jahre zu spät dran? Manchmal habe ich den Eindruck, der gute Joss habe sich seit den Tagen, als er Buffy keierte, gedanklich nicht mehr groß weiterentwickelt.}

>> Escape from New York (1981) <<
Jetzt stoßen wir in gefährliches Terrain vor. Kurz gesagt: Ich hasse diesen Film. Carpenter hat einmal verlauten lassen, er sei als eine (verspätete) Reaktion auf die Nixon-Ära und den Watergate-Skandal konzipiert gewesen. Aber wie Wikipedia so hübsch schreibt: "[He] proved incapable of articulating how the film related to the scandal." In meinen Augen schloss sich Carpenter mit diesem Streifen dem immer stärkeren Trend im amerikanischen Kino an, die Bevölkerung der Innenstädte als einen barbarischen, gewalttätigen, verbrecherischen Mob darzustellen. Eine Entwicklung, die bereits Mitte der 70er Jahre eingesetzt hatte. Carpenter bezog seine Inspiration u.a. von Brian Garfields Death Wish (1974), dem Streifen, mit dem Charles Bronson seine traurige Karriere als schnauzbärtige Verkörperung der Selbstjustiz begonnen hatte. Eine Zeit lang spielte er sogar mit dem Gedanken, Bronson für die Rolle des "Snake" Plissken zu verpflichten. Der gleichzeitige Zynismus gegenüber den Vertretern des Establishments, die in Filmen wie Escape from New York als doppelzüngige Gauner im Nadelstreifenanzug dargestellt werden, ändert nichts am reaktionären Inhalt dieses ganzen Trends.

>> The Thing (1982) <<
In einer Zeit, in der wir uns Jahr für Jahr mit Remakes herumschlagen müssen, deren einzige Funktion darin zu bestehen scheint, uns alle zu Kinonostalgikern zu machen, tut es gut, sich immer mal wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, dass auch der Genrefilm eine Reihe wirklich guter Remakes hervorgebracht hat. Carpenters Neuauflage des Christian Nyby & Howard Hawks - Klassikers The Thing From Another World aus dem Jahre 1951 ist zweifellos ein Vertreter dieser raren Spezies. Habe ich irgendetwas grundsätzliches gegen ihn einzuwenden? Eigentlich nicht, aber ... Es war wieder einmal der unvergleichliche Mr. Jim Moon, der mir die Augen dafür öffnete, wieviel Carpenters Schocker Philip Kaufmans vier Jahre zuvor in die Kinos gelangtem Invasion of the Body Snatchers verdankt.* Die Ähnlichkeiten beschränken sich nicht darauf, dass beide gelungene Remakes von SciFi-Horror-Filmen aus den Fifties sind. Was den visuellen Stil betrifft, so kann man die beunruhigenden 'Geburtssequenzen' aus Body Snatchers (die bei mir als Kind echt Alpträume verursacht haben) in ihrer 'organischen' Qualität duchaus als das Vorbild für die berühmten Verwandlungsszenen in The Thing betrachten. Wichtiger jedoch ist, dass beide Filme dasselbe Gefühl tiefer Verunsicherung und paranoider Furcht zum Ausdruck bringen. Hinter jedem noch so bekannten Gesicht kann sich ein bösartiges, unmenschliches Wesen verbergen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Kaufman diese Empfindung sehr viel deutlicher in der sozialen Realität verankert. Das eigentliche Thema seines Films ist Entfremdung und Isolation, die sich in der großstädtisch-kapitalistischen Gesellschaft aus dem Zerfall der traditionellen Formen von Gemeinschaft (Familie, Gemeinde usw.) entwickeln, welche noch einen Rest von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln vermochten. The Thing bleibt in dieser Hinsicht sehr viel veschwommener. Ihm könnte man ebensogut die Aussage entnehmen, dass sich in jedem Menschen ein blutgieriges Monster verbergen kann. Betrachtet man ihn (wie Carpenter dies selbst tut) als Auftakt zu einer Trilogie, deren zweiter Teil Prince of Darkness (1987) ist, so erscheint diese Interpretation sogar als die wahrscheinlich richtigere.

>> Big Trouble in Little China (1986) <<
Das beste, was man über Michael Ritchies The Golden Child sagen kann, ist, dass es ohne diesen fürchterlichen Streifen auch kein Big Trouble in Little China geben würde. Hätte 20th Century Fox nicht einen Konkurrenten zu Paramounts Eddie Murphy - Vehikel ins Rennen schicken wollen, Carpenter hätte nie die Gelegenheit gehabt, seine Liebe zu verrückten Hongkong-Flicks cineastisch auszuleben – und uns wäre ein Höllenspaß entgangen. Normalerweise hasse ich es, wenn mir jemand sagt, ich müsse mein Gehirn abschalten, um einen bestimmten Film genießen zu können. Aber wenn es um die Abenteuer von Jack, Wang & Gracie in ihrem epischen Kampf gegen den bösen Unsterblichen Lo Pan geht, würde man von mir genau das gleiche Sprüchlein zu hören bekommen. Wer anfängt, bei Big Trouble in Little China nach innerer Logik zu suchen, oder sich über die offensichtlich mangelhaften Englischkenntnisse diverser Darsteller mokiert, ist bereits verloren. Er wird nie den kunterbunten Nonsense dieses Films genießen können. Sicher – nach objektiven Maßstäben gemessen, ist dies kein guter Film ... also vergiss einmal für eins, zwei Stunden die objektiven Maßstäbe! Wo sonst im phantastischen Kino begegnet uns ein Held wie Kurt Russels Trucker Jack Burton? Ein Typ, der offensichtlich zu viele John Wayne - Western gesehen hat und sich für eine Mischung aus dem Duke und Indiana Jones hält – was er in Wirklichkeit natürlich nicht ist, so dass er die meiste Zeit über völlig planlos und unfähig durch die Gegend stolpert? Und was all jene betrifft, die den Film für ein übles rassistisches Machwerk in der Tradition der alten Fu Manchu - Flicks halten ... Ich kann ihnen nicht wirklich stichfeste Gegenargumente liefern. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er in diesem Streifen ein Paradebeispiel für orientalistische Klischees oder einen charmanten B-Movie-Spaß sehen will.

{Wer etwas lesen will, was noch absurder ist als der Plot von Big Trouble in Little China, den verweise ich auf einen Artikel von David Sirota, der es tatsächlich fertig bringt, den Streifen als eine metaphorische Darstellung amerikanischer Außenpolitik zu interpretieren!}

Alles in allem sieht es meiner Meinung nach nicht so schlecht aus mit John Carpenters Klassikern. Doch andererseits würde es mir schwerfallen, einen von ihnen als 'Meisterwerk' zu bezeichnen. Ganz sicher würde ich mich nicht denen anschließen, die in ihm einen der künstlerisch bedeutenden phantastischen Filmemacher sehen. Dazu sind mir seine intellektuellen wie handwerklichen Schwächen einfach zu offensichtlich. Allerdings hat mir dieser kurze Ausflug in die 80er Jahre Lust darauf gemacht, einmal wieder zwei hier noch nicht behandelte Carpenter-Streifen hervorzukramen, anzuschauen und etwas ausfühlicher zu besprechen: Prince of Darkness, den ich in gewisser Weise für einen der lovecraftianistischen Filme halte, die ich kenne, und They Live, Carpenters auf bewundernswerte Weise missglückten Versuch einer Auseinandersetzung mit der Reagan-Ära.
Und so schließe ich mit der altbekannten Formel:
Fortsetzung folgt ...    


*Vgl. Jim Moons traditionellen Schlusskommentar (1:28:44) in Episode 106 des BlackDog Podcast "Vegetables are bad for your health".