"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 10. September 2012

Fragen über Fragen

Vor ein paar Tagen kam mir der Gedanke, es wäre eigentlich ganz interessant, sich wieder einmal John Carpenters The Fog anzuschauen. Würde der Nebel des Grauens nach zwei Jahrzehnten meine durchweg guten Erinnerungen bestätigen? Oder würde es ihm ähnlich ergehen wie In the Mouth of Madness, der sich bei einem kürzlichen Wiedersehen als keineswegs so spukig und originell entpuppte, wie mein Gedächtnis mir über viele Jahre vorzugaukeln versucht hatte?

Nun habe ich momentan nicht die Möglichkeit, nach Antonio Bay zurückzukehren, und so wird meine ursprüngliche Frage wohl vorerst unbeantwortet bleiben müssen. Stattdessen nahm auf einmal eine sehr viel allgemeinere in meinem Hirn Gestalt an. John Carpenter ist zweifellos einer der großen Namen im Genre-Kino. Doch andererseits gilt sein Oeuvre als reichlich durchwachsen. Und mal ehrlich, was hat er uns in den letzten zwei Jahrzehnten nicht so alles vorgesetzt? Zuerst bewies er mit Village of the Damned (1995), dass er auch miese Remakes von alten SciFi-Horror-Flicks machen kann. Dann leistete er mit Ghosts of Mars (2001) seinen Beitrag zur kurzlebigen und durchweg mauen cinematographischen Liebelei mit dem Roten Planeten in den frühen 2000ern. All dies toppte er schließlich, indem er das Remake seines eigenen Klassikers The Fog (2005) schrieb und produzierte. Selbst für die Recyclingmaschine von Hollywood ein eher seltenes Ereignis. Angesichts dieser wenig beeindruckenden Leistungen frage ich mich, ob er überhaupt jemals so gut gewesen ist, dass er seinen Ruf tatsächlich verdient hätte.

Oh nein, ich bin nicht auf die verrückte Idee gekommen, in Frage stellen zu wollen, dass Carpenter eine wichtige Rolle in der Geschichte des phantastischen Kinos gespielt hat. Aber bedeutet das automatisch, dass er ein großer Filmemacher war oder ist? Werfen wir doch kurz gemeinsam einen Blick auf die Liste seiner klassischen Werke aus den 70ern & 80ern (wobei ich The Fog logischerweise außen vor lasse).

>> Dark Star (1974) <<
Mit einem lächerlichen Budget von 60.000 $ schufen Carpenter und Dan O'Bannon in ihren  Studententagen diesen durchgedrehten Film, der nicht nur als der direkte Vorläufer von Alien gelten kann (wofür O'Bannon das Drehbuch schrieb), sondern zu einem Kultklassiker unter allen Liebhabern des Grotesken geworden ist. Kein Wunder also, dass er trotz aller handwerklichen Mängel ganz oben auf meiner persönlichen Carpenter-Hitliste steht. Er war es, der fünf Jahre vor Ridley Scotts Riesenerfolg das dreckige Space-Proleten-Milieu ins SciFi-Kino einführte. (Man kann zwar die Ansicht vertreten, Douglas Trumbulls Silent Running [1972] habe da auch seinen Beitrag geleistet, aber dessen Öko-Thema gibt ihm doch einen deutlich anderen Vibe). Allein schon deshalb gebührt ihm höchste Anerkennung. Außerdem: Wer könnte einen Film nicht lieben, der eine philosophische Diskussion mit einer unwilligen Bombe enthält?

{Eine Empfehlung am Rande: In Hypnobobs 80 "The Origins of ALIEN" unterhält sich Jim Moon mit den BlackDogern Lee Medcalf und Darran Barnard u.a. auch über Dark Star. Anhören!}

>> Halloween (1978) << 
Nicht dass er das wirkliche Gründungswerk des Subgenres gewesen wäre, aber sein Erfolg löste zusammen mit dem von Sean S. Cunninghams Friday 13th (1980) die Slasher-Film-Welle der 80er Jahre aus. Eine Mode, mit der ich persönlich nie besonders viel habe anfangen können. Meine Erinnerungen an Halloween sind verschwommen, aber nicht negativ. Spannend war der Streifen schon. Vielleicht aber lassen die zahllosen unoriginellen Slasher-Flicks späterer Jahre dieses Urgestein auch besser erscheinen, als es eigentlich ist? Doch davon einmal abgesehen: War die Richtung, die Carpenter und Cunningham dem Mainstream-Horror des nächsten Jahrzehnts verliehen, wirklich so begrüßenswert? Im Allgemeinen stehe ich akademisch-feministischer Kritik und Analyse ja eher skeptisch gegenüber, aber so ganz abwegig erscheint es mir in der Tat nicht, im von Halloween geprägten Muster des Slasher-Films eine konservative Reaktion auf die kulturellen Veränderungen der 70er Jahre zu sehen. Werden die Jugendlichen durch Michael Myers & Co. nicht tatsächlich für ihren Hedonismus, ihre sexuelle Freizügigkeit, ihre Rebellion gegen elterliche Autorität 'bestraft'? Und werden Frauen im Slasher-Film nicht wirklich auf eine Art und Weise zu Opfern gemacht, die aufgrund der starken sexuellen Konnotation noch sehr viel unangenehmer wirkt, als das Klischee der kreischenden Frau in den alten Horror-Flicks? Carpenters Erklärung, Laurie überlebe nicht deshalb das Massaker, weil sie dem konservativen Ideal der Jungfrau entspricht, sondern weil sie ihre unterdrückte Sexualität in Aggression umwandle und sich deshalb gegen Myers verteidigen könne, wirkt auf mich jedenfalls ausgesprochen bizarr: "The one girl who is the most sexually uptight just keeps stabbing this guy with a long knife. She's the most sexually frustrated. She's the one that's killed him. Not because she's a virgin but because all that sexually repressed energy starts coming out. She uses all those phallic symbols on the guy." Oder wollte sich John damit bloß über die freudianisch-feministischen Theorien seiner Kritikerinnen & Kritiker lustig machen?

{Nebenbei bemerkt: Ist Whedon mit seiner 'Dekonstruktion' dieser Klischees in Cabin in the Woods nicht über zehn Jahre zu spät dran? Manchmal habe ich den Eindruck, der gute Joss habe sich seit den Tagen, als er Buffy keierte, gedanklich nicht mehr groß weiterentwickelt.}

>> Escape from New York (1981) <<
Jetzt stoßen wir in gefährliches Terrain vor. Kurz gesagt: Ich hasse diesen Film. Carpenter hat einmal verlauten lassen, er sei als eine (verspätete) Reaktion auf die Nixon-Ära und den Watergate-Skandal konzipiert gewesen. Aber wie Wikipedia so hübsch schreibt: "[He] proved incapable of articulating how the film related to the scandal." In meinen Augen schloss sich Carpenter mit diesem Streifen dem immer stärkeren Trend im amerikanischen Kino an, die Bevölkerung der Innenstädte als einen barbarischen, gewalttätigen, verbrecherischen Mob darzustellen. Eine Entwicklung, die bereits Mitte der 70er Jahre eingesetzt hatte. Carpenter bezog seine Inspiration u.a. von Brian Garfields Death Wish (1974), dem Streifen, mit dem Charles Bronson seine traurige Karriere als schnauzbärtige Verkörperung der Selbstjustiz begonnen hatte. Eine Zeit lang spielte er sogar mit dem Gedanken, Bronson für die Rolle des "Snake" Plissken zu verpflichten. Der gleichzeitige Zynismus gegenüber den Vertretern des Establishments, die in Filmen wie Escape from New York als doppelzüngige Gauner im Nadelstreifenanzug dargestellt werden, ändert nichts am reaktionären Inhalt dieses ganzen Trends.

>> The Thing (1982) <<
In einer Zeit, in der wir uns Jahr für Jahr mit Remakes herumschlagen müssen, deren einzige Funktion darin zu bestehen scheint, uns alle zu Kinonostalgikern zu machen, tut es gut, sich immer mal wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, dass auch der Genrefilm eine Reihe wirklich guter Remakes hervorgebracht hat. Carpenters Neuauflage des Christian Nyby & Howard Hawks - Klassikers The Thing From Another World aus dem Jahre 1951 ist zweifellos ein Vertreter dieser raren Spezies. Habe ich irgendetwas grundsätzliches gegen ihn einzuwenden? Eigentlich nicht, aber ... Es war wieder einmal der unvergleichliche Mr. Jim Moon, der mir die Augen dafür öffnete, wieviel Carpenters Schocker Philip Kaufmans vier Jahre zuvor in die Kinos gelangtem Invasion of the Body Snatchers verdankt.* Die Ähnlichkeiten beschränken sich nicht darauf, dass beide gelungene Remakes von SciFi-Horror-Filmen aus den Fifties sind. Was den visuellen Stil betrifft, so kann man die beunruhigenden 'Geburtssequenzen' aus Body Snatchers (die bei mir als Kind echt Alpträume verursacht haben) in ihrer 'organischen' Qualität duchaus als das Vorbild für die berühmten Verwandlungsszenen in The Thing betrachten. Wichtiger jedoch ist, dass beide Filme dasselbe Gefühl tiefer Verunsicherung und paranoider Furcht zum Ausdruck bringen. Hinter jedem noch so bekannten Gesicht kann sich ein bösartiges, unmenschliches Wesen verbergen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Kaufman diese Empfindung sehr viel deutlicher in der sozialen Realität verankert. Das eigentliche Thema seines Films ist Entfremdung und Isolation, die sich in der großstädtisch-kapitalistischen Gesellschaft aus dem Zerfall der traditionellen Formen von Gemeinschaft (Familie, Gemeinde usw.) entwickeln, welche noch einen Rest von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln vermochten. The Thing bleibt in dieser Hinsicht sehr viel veschwommener. Ihm könnte man ebensogut die Aussage entnehmen, dass sich in jedem Menschen ein blutgieriges Monster verbergen kann. Betrachtet man ihn (wie Carpenter dies selbst tut) als Auftakt zu einer Trilogie, deren zweiter Teil Prince of Darkness (1987) ist, so erscheint diese Interpretation sogar als die wahrscheinlich richtigere.

>> Big Trouble in Little China (1986) <<
Das beste, was man über Michael Ritchies The Golden Child sagen kann, ist, dass es ohne diesen fürchterlichen Streifen auch kein Big Trouble in Little China geben würde. Hätte 20th Century Fox nicht einen Konkurrenten zu Paramounts Eddie Murphy - Vehikel ins Rennen schicken wollen, Carpenter hätte nie die Gelegenheit gehabt, seine Liebe zu verrückten Hongkong-Flicks cineastisch auszuleben – und uns wäre ein Höllenspaß entgangen. Normalerweise hasse ich es, wenn mir jemand sagt, ich müsse mein Gehirn abschalten, um einen bestimmten Film genießen zu können. Aber wenn es um die Abenteuer von Jack, Wang & Gracie in ihrem epischen Kampf gegen den bösen Unsterblichen Lo Pan geht, würde man von mir genau das gleiche Sprüchlein zu hören bekommen. Wer anfängt, bei Big Trouble in Little China nach innerer Logik zu suchen, oder sich über die offensichtlich mangelhaften Englischkenntnisse diverser Darsteller mokiert, ist bereits verloren. Er wird nie den kunterbunten Nonsense dieses Films genießen können. Sicher – nach objektiven Maßstäben gemessen, ist dies kein guter Film ... also vergiss einmal für eins, zwei Stunden die objektiven Maßstäbe! Wo sonst im phantastischen Kino begegnet uns ein Held wie Kurt Russels Trucker Jack Burton? Ein Typ, der offensichtlich zu viele John Wayne - Western gesehen hat und sich für eine Mischung aus dem Duke und Indiana Jones hält – was er in Wirklichkeit natürlich nicht ist, so dass er die meiste Zeit über völlig planlos und unfähig durch die Gegend stolpert? Und was all jene betrifft, die den Film für ein übles rassistisches Machwerk in der Tradition der alten Fu Manchu - Flicks halten ... Ich kann ihnen nicht wirklich stichfeste Gegenargumente liefern. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er in diesem Streifen ein Paradebeispiel für orientalistische Klischees oder einen charmanten B-Movie-Spaß sehen will.

{Wer etwas lesen will, was noch absurder ist als der Plot von Big Trouble in Little China, den verweise ich auf einen Artikel von David Sirota, der es tatsächlich fertig bringt, den Streifen als eine metaphorische Darstellung amerikanischer Außenpolitik zu interpretieren!}

Alles in allem sieht es meiner Meinung nach nicht so schlecht aus mit John Carpenters Klassikern. Doch andererseits würde es mir schwerfallen, einen von ihnen als 'Meisterwerk' zu bezeichnen. Ganz sicher würde ich mich nicht denen anschließen, die in ihm einen der künstlerisch bedeutenden phantastischen Filmemacher sehen. Dazu sind mir seine intellektuellen wie handwerklichen Schwächen einfach zu offensichtlich. Allerdings hat mir dieser kurze Ausflug in die 80er Jahre Lust darauf gemacht, einmal wieder zwei hier noch nicht behandelte Carpenter-Streifen hervorzukramen, anzuschauen und etwas ausfühlicher zu besprechen: Prince of Darkness, den ich in gewisser Weise für einen der lovecraftianistischen Filme halte, die ich kenne, und They Live, Carpenters auf bewundernswerte Weise missglückten Versuch einer Auseinandersetzung mit der Reagan-Ära.
Und so schließe ich mit der altbekannten Formel:
Fortsetzung folgt ...    


*Vgl. Jim Moons traditionellen Schlusskommentar (1:28:44) in Episode 106 des BlackDog Podcast "Vegetables are bad for your health".

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.