"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Montag, 17. Juni 2013

"Signal to Noise"

Ende der 80er Jahre gründeten Steven Brust, Emma Bull, Bill Colsher, Lojo Russo und Adam Stemple {Sohn von Jane Yolen} in Minneapolis die kurzlebige Folk Jazz - Band Cats Laughing. Auf ihrer ersten LP The Bootleg Issue findet sich u.a. eine Vertonung von
aus Emma Bulls wunderbarem Roman War for the Oaks (1987), einem der Gründungswerke der Urban Fantasy, die damals noch nichts mit schmachtenden Teengirls und glitzernden Vampiren zu tun hatte.

Drinking coffee,
Have to stay awake and think of you.
Aching awfully,
Knowing my perceptions aren’t true.
If you were what I’ve made you
Not as your acts betrayed you
How could I keep away?
But things still lead me on,
A word, and then it’s gone.
What lives here, and what’s stray?
Tell me, please, what’s signal and what’s noise?

Interference
Or is that the broadcast that I’ve got?
Your appearance
Renders me incapable of thought.
Here’s your voice on the phone.
Your sweet and sullen tone,
What am I to believe?
Did you blow me a kiss
Or was that just tape hiss?
When I hang up, will you grieve?
Have pity, now, what’s signal and what’s noise?

Here’s your photo,
I found it cleaning out my bottom drawer.
When you wrote, oh,
I couldn’t keep from wondering what for.
Through the gray, through the grain,
A picture taken in the rain,
That doesn’t show your face.
Connected dots don’t make a line,
You confuse me every time,
Confusion has its place,
But just this once, what’s signal and what’s noise?

Als Flash Girls präsentierten Emma Bull und Lorraine Garland später noch einmal eine andere Version desselben Songs.

Donnerstag, 16. August 2012

Die Fallstricke einer verfehlten Ideologie

In den letzten Wochen tobte ein Sturm durch Teile der englischsprachigen phantastischen Netzgemeinde, der abwechselnd Wut, Ekel, Enttäuschung und zynisches Amüsement in mir hervorrief. Inzwischen haben sich die Wogen wieder etwas geglättet, und man könnte zurecht fragen, warum ich mich jetzt noch dazu äußere. Ich habe lange gezögert, dies zu tun, weil ich die ganze Angelegenheit reichlich unappetitlich finde. Aber da mit Catherynne M. Valente eine Autorin, deren Werk ich sehr schätze, dabei eine wichtige (und wenig bewundernswerte) Rolle  gespielt hat, und die Themen, um die es ging, für jeden, der eine kritischere Beschäftigung mit phantastischer Kunst befürwortet, von Bedeutung sind, habe ich mich dann doch zur Abfassung dieses Posts durchgerungen.

Auslöserin des ganzen Spektakels war acrackedmoon alias Requires Hate (RH), Verfasserin des Blogs Requires Only That You Hate, die in den letzten Monaten aufgrund ihrer hasserfüllten, von Gewaltfantasien durchtränkten und mit ad hominem-Attacken gegen diverse SFF-Autoren & -Autorinnen sowie -Fans gespickten Posts  & Tweets zu einer fragwürdigen Berühmtheit gelangt ist. Oberflächlich betrachtet richten sich ihre giftigen Angriffe gegen angebliche Fälle von Rassismus, Sexismus und anderen bösen -ismen in der phantastischen Literatur, und mitunter pickt sie sich dabei Bücher heraus, die tatsächlich nach einer kritischen Behandlung verlangen. Ihr Image als radikale 'Social Justice'-Kämpferin hat dazu geführt, dass sie eine Reihe von Unterstützern & Unterstützerinnen gefunden hat, unter denen sich auch so bekannte Namen wie Cat Valente, Lavie Tidhar, Aliette de Bodard, Nick Mamatas und Rachel Swirsky finden. Der World SF Blog kooperierte mehrfach mit ihr, so im Falle der (nicht besonders geistreichen) Western Cultural Imperialism Bingo Card und einer 'Roundtable'-Diskussion über 'nichtwestliche SF', an der neben ihr de Bodard, Swirsky, Joyce Cheng, Rochita Loenen-Ruiz und Ekaterina Sedia teilnahmen. Bereits zuvor hatte man ihr ein Forum zur Verfügung gestellt, um ihre lange Fehde mit R. Scott Bakker aus ihrer Sicht darzustellen.
Ich habe RH, soweit ich mich erinnere, erstmals über Lake Hermanstadt kennenglernt, und mich selbst auch einmal auf sie berufen, was mir inzwischen verdammt peinlich ist. Später begegnete sie mir mehr oder weniger regelmäßig bei FerretBrain unter dem Pseudonym valse de la lune. Dort benimmt sie sich im Allgemeinen zivilisierter als gewöhnlich, was sich dadurch erklärt, dass sie sich bei FerretBrain in einem von den Ideen der Identitätspolitik durchtränkten Umfeld bewegt. Wer sie verärgert ist allerdings auch hier nicht vor ihren aggressiven Tiraden sicher.

Eine etwas intensivere Beschäftigung mit RH führt sehr bald zu der interessanten Erkenntnis, dass es sich bei ihr keineswegs um einen Neuling im Netz handelt. Vielmehr verfügt sie über eine ebenso lange wie berüchtigte Historie unter dem Pseudonym Winterfox. (1) Relativ neu ist lediglich ihre Verwandlung in die fanatische Vertreterin einer besonders extremen Form der Identitätspolitik.
Wann genau sie zum erstenmal die Weiten des Internets unsicher machte, darüber gehen die Meinungen auseinander (1999/2000?). Sicher ist nur, dass sie ihren ersten Auftritt in der Fanfic-Community hatte. Dort erwarb sie sich sehr schnell einen äußerst üblen Ruf, denn sie wies schon damals all die Charakterzüge auf, die sie heute in der 'politischen' Polemik an den Tag legt: Maßlose Arroganz und das ungezügelte Verlangen, andere Menschen zu verhöhnen und verbal niederzuknüppeln. Objekt ihres besonderen Hasses war die Fanfic-Autorin Link's Queen. Eine an den Debatten jener Zeit beteiligte Person erinnert sich: "Anyone with an ounce of compassion and common sense could figure out that Link's Queen was (and probably still is) bat-shit insane just from the stuff she'd post [...]  But not Winterfox. She derived such fun from bullying and rallying the dogpiling of someone with so little grip on reality that for a lot of people she lost any credibility as far as her speil about being so far above any of those lowly little immature fanfic writers and readers. There's arguing and heated disagreements with people you don't like, and there's flaming an unarmed opponent; Winterfox loved to engage in the latter". Ähnliche Verhaltensweisen zeigte sie offenbar auch in der Gamer-Community.

Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. spielten in diesen Debatten keine Rolle. Und so schält sich erst recht vor diesem Hintergrund ein sehr unangenehmes psychologisches Profil heraus. Winterfox/RH ist offenbar eine extrem von sich selbst eingenommene Person, der es nicht ernsthaft darum geht, ihre Standpunkte argumentativ zu vertreten, sondern die es genießt,  zu verletzen und zu demütigen. Es bereitet ihr augenscheinlich ein sadistisches Vergnügen, andere Menschen durch den Schmutz zu ziehen, über sie zu triumphieren  und auf ihnen herumzu-trampeln. Ist das Opfer wehrlos, so erhöht dies noch ihren Genuss.

Wann genau Winterfox die Identitätspolitik für sich entdeckte, ist mir nicht bekannt. Ihren ersten großen Coup landete sie jedoch scheinbar bei 50books_poc, einer Community, die sich mit den Werken farbiger Autorinnen & Autoren beschäftigt. Dort startete sie heftige Attacken vor allem gegen N.K. Jemisin und Cindy Pon. Wer irgendetwas positives über die Bücher dieser Autorinnen zu sagen wagte, sah sich schon bald mit Kommentaren im Stile von "Your liking for this pile of verbal diarrhea proves what morons fantasy fans are" konfrontiert. Schließlich beschimpfte Winterfox Cindy Pon als "stupid fuck", und der Sturm brach los. Die ganze Affäre nahm schnell tragikomische Züge an und führte zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Community. Rauchende Ruinen hinter sich zurücklassend verließ Winterfox daraufhin Livejournal, um sich anderen Gefilden zuzuwenden.

Man ist versucht, anzunehmen, ihre Hinwendung zu 'Social Justice'-Themen sei letztenendes darauf zurückzuführen, dass die Identitätspolitik ihr die einmalige Gelegenheit eröffnete, ihrem Hang zu wüsten Pöbeleien nachzugeben und sich dabei auch noch mit dem Heiligenschein einer höheren Moral zu umgeben und frenetischen Applaus zu empfangen. Doch wie auch immer es sich damit verhalten mag, die Ideologie der ID-Politik und die Gepflogenheiten des SJ-Milieus bieten einer Trollin ihres Kalibers in der Tat ausgezeichnete Entfaltungsmöglichkeiten. Mit fast schon bewunderswertem Geschick versteht sie es, die Glaubenssätze der ID-Politik zu verwenden, um sich selbst unangreifbar und ihre Opfer wehrlos zu machen. Da RH ausschließlich unter Pseudonymen auftritt, ist es völlig unmöglich, ihre Aussagen bezüglich der eigenen Person irgendeiner Prüfung zu unterziehen. Glaubt man ihr jedoch, so ist sie eine lesbische Thailänderin chinesischer Abstammung. (2) Freilich soll sie sich selbst auch schon als asexuell bezeichnet haben. Doch  wie dem auch sei, auf jedenfall befindet sie sich in einer nach den Regeln der ID-Politik geführten Diskussion in einer nahezu unübertrefflich guten Ausgangsposition. Nach der Logik der ID-Politik verleihen RHs Geschlecht, ihre Herkunft, Hautfarbe und sexuelle Orientierung ihren Aussagen zu entsprechenden Themen von vornherein eine größere Autorität. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass sie sich selten mit den Argumenten ihrer Kontrahenten abgibt, sondern diese stattdessen aggressiv bedrängt, ihre Hautfarbe offenzulegen. Ist die Person weiß, so hat sich die Diskussion eh erledigt. Jüngst hat 'Uncle Steve' mit dieser Methode Bekanntschaft schließen müssen und das Erlebnis auf seinem Livejournal beschrieben. (3) Oft wartet RH auch gar nicht erst auf ein entsprechendes 'Geständnis', sondern geht ganz einfach davon aus, dass jeder, der etwas an ihren Verdammungsurteilen auszusetzen hat, automatisch weiß und männlich sein muss. Dass sie dabei häufiger schon mal farbige Frauen erwischt hat, tut ihrer Glaubwürdigkeit bei ihren Fans offenbar keinen Abbruch. Während ihres Feldzugs gegen Cindy Pon trieb RH den SJ-Fetischismus um Authentizität und Identität auf solche Höhen, dass er engültig ins Lächerliche umschlug: Aufgrund ihrer chinesischen Abstammung bezeichnete sie sich selbst als 'asian-asian', was ihr das Recht geben sollte, besser über Fragen der chinesischen Kultur zu urteilen als Pon, die immerhin in Taiwan geboren wurde!

RHs monomanischer antiweißer Rassismus wird in weiten Teilen des SJ-Milieus nicht als solcher wahrgenommen, da man dort davon ausgeht, dass es so etwas wie Rassismus gegen Weiße überhaupt nicht geben kann. (4) Dies erlaubt es RH, mit den denkbar verachtungswürdigsten Äußerungen davonzukommen.
Als eine transsexuelle Frau in Bezug auf ihren 'Stil' anmerkte "I will say this: hate speech gets people like me killed", erntete sie bloß Hohn und Spott von der großen Verteidigerin der Unterdrückten: "Yes, hate speech directed at white westerners really will get someone killed". Einmal mehr bewies RH damit, dass ihr die elementare Fähigkeit zur Empathie fehlt.  Keiner ihrer SJ-Fans zog auch nur in Betracht, dass sie mit diesem Tweet möglicherweise ihre Voruteile gegenüber Transsexuellen bzw. Transgenders verraten haben könnte. Aber nicht doch! Mit solchen Unterstellungen würde man ja bloß sein 'weißes Privileg' ausnutzen. Schamlosigkeit ist ein viel zu schwaches Wort für dieses Verhalten!
Dass nebenbei hingeworfene Bemerkungen wie "well, shooting white men on sight is always a good option really" bei den SJ-Kämpfern nicht einmal ein Stirnerunzeln hervorrufen, ist weiter nicht verwunderlich. Dabei sind die Gewalt- und Folterfantasien, in denen RH regelmäßig schwelgt, wirklich mehr als nur ein bisschen beunruhigend. Eine Psychologin könnte da vielleicht genaueres zu sagen. Zu den bevorzugten Objekten von RHs sadistischen Tagträumen zählte in jüngerer Vergangenheit vor allem der Schriftsteller Paolo Bacigalupi:
"As for Bacigalupi, flay him alive slowly, pour salt, pour acid, dismember and keep alive as long as possible".
"If I see Bacigalupi being beaten in the street I'll stop to cheer on the attackers and pour some gasoline on him".
"Your country [the USA] could be carpet-bombed tomorrow and all your servicepeople murdered in their sleep, and the world'll be a better place". (5)
Wer sich etwas Humanität oder auch bloß guten Geschmack bewahrt hat, sollte spätestens nach diesen Ausfällen RH angewidert den Rücken kehren. Doch stattdessen werden Äußerungen solcher Art von vielen SJ-Kämpfern als 'feurige Rhetorik' entschuldigt, mitunter sogar bewundert. Im besten Fall bekommt man von ihnen zu hören, RH gehe manchmal vielleicht etwas zu weit in ihren Verbalattacken. Grundsätzliche Kritik ist jedenfalls verboten, denn damit würde man gegen eine der elementaren Gesetze der ID-Politik verstoßen: 'The Argument of Tone'. Ich bin dieser bizarren Regel erstmals bei FerretBrain begegnet. Als Alasdair Czyrnyj – von allen FerretBrainern wohl derjenige, der der ID-Politik am wenigsten ergeben ist – seinem Ärger über valse de la lune = RH nach langem Zögern endlich einmal Luft machte, musste er sich von einem seiner Community-Kollegen folgende Predigt anhören: "When you whine about tone, it just shows your privilege and the lack of awareness of that privilege which is in itself, a privilege. If you, a non-racist, say something racist even unintentionally and a person of color calls you out on it in a tone you dislike, do you disregard what that person has to say? It is not the responsibility of that person to make sure your feelings are okay when it is your statement that continues the dominant culture's oppressiveness. The comment doesn't need to be racist. It could be sexist, misogynistic, ablist, agist, homophobic, transphobic, sizist, classist, and whatever I'm missing. Those statements still devalue the human." Jede Kritik an der menschenverachtenden Sprache von RH ist demnach rassistisch und (Gipfel der Ironie!) verletzt die Menschenwürde von RH. Dabei ist es RHs modus operandi, jeden, den sie nicht leiden kann, zu entmenschlichen, zu Abschaum oder schlimmerem zu erklären! Natürlich entschuldigte sich Alasdair brav bei der 'unterdrückten' valse de la lune, ein Verhalten, dass man bei vielen von RHs zaghafteren Kritikern beobachten kann und das bei mir Reminiszenzen an das stalinistische Ritual der 'Selbstkritik' wachruft.

Damit das klar ist, ich habe nichts gegen eine aggressive, gerne auch mal mit Obszönitäten gespickte Polemik. So liebe ich z.B. Hal Duncans wütende, wortreiche und witzige Attacken gegen alle möglichen homophoben Arschlöcher. Aber zum einen spricht das selbsternannte Oberhaupt der Sodomitischen Weltverschwörung seinen Kontrahenten nicht das Recht ab, ihm mit gleicher Münze zurückzuzahlen, zum anderen ist er nicht darauf aus, diese zu erniedrigen und zu entmenschlichen. Einmal davon abgesehen, dass Duncan vermutlich einfach eine sehr viel humanere Persönlichkeit ist als RH, liegt der Grund für diesen Unterschied auch in der Weltanschauung, die seinen Polemiken zugrundeliegt. Er ist ein Anarchist, dessen Ideal eine Gesellschaft der Gleichen ist, in der die Menschen befreit von den Fesseln repressiver Moral, geleitet von Vernunft, Leidenschaft und Mitgefühl ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können. Es fällt schwer auszumachen, welches Ideal RH besitzt. Aus ihren Texten spricht nichts außer Hass, Egoismus und Willen zur Macht. Und doch findet sie Unterstützung bei Menschen, die sehr wohl über Intelligenz und Mitgefühl verfügen. Bei Idealisten, die glauben, in ihr eine besonders feurige Mitstreiterin gegen die Übel unserer Gesellschaft gefunden zu haben. Dieser ebenso traurige wie irritierende Umstand ist die einzige Rechtfertigung für meine ausführliche Beschäftigung mit RH. Und so kommen wir denn nun endlich zu den Ereignissen der letzten Wochen, die der eigentliche Auslöser für diesen Post waren.

Doch halt, es gibt eine Vorgeschichte, die kurz erzählt werden muss. Eine Vorgeschichte, deren Protagonistinnen Catherynne M. Valente, Kari Sperring und RequiresHate sind. Ich bin ein großer Fan von Cat Valentes literarischem Werk (soweit ich es gelesen habe), doch wenn man ihren Blog liest, wird man sehr bald feststellen müssen, dass sie nicht nur eine gewisse Affektiertheit, sondern auch leicht narzisstische Züge und einen starken Hang zum Selbstmitleid an den Tag legt.  Alle diese Charaktereigenschaften äußerten sich im vorliegenden Fall auf ziemlich unangenehme Weise.
Am 24. Mai postete Valente einen Text mit dem aus Jim Hensons Labyrinth entlehnten Titel I Have Fought My Way Here To The Castle Beyond The Goblin City, der ihrer Liebe zu Edinburgh gewidmet ist. Darin schreibt sie über ihren ersten Besuch in Großbritannien im Alter von 21 Jahren: "My life changed the moment that train pulled out of the brick archways and into the rolling green countryside beyond London – it was just beginning to be autumn then, and the trees were full of crows. I remember thinking about bird magic, auguries, every story I’d ever heard about England and Scotland. [...] It was the first time I wanted something with that desperate, pure fire – and made it happen, by myself, with will and work. After all, if you grow up loving fairy tales and King Arthur and saints who battle monsters, you want the British Isles the way some kids want boyfriends." Nachdem in zahlreichen Kommentaren ein vergleichbar romantisiertes Bild von Großbritannien gezeichnet worden war, meldete sich die walisische Schriftstellerin Kari Sperring zu Worte und gab in keineswegs aggressiver Weise ihrem Unbehagen darüber Ausdruck, dass ihre Heimat von vielen Nichtbriten oft auf seine Mythen und Legenden reduziert werde. Großbritannien sei ein reales Land mit realen Menschen und nicht Robin Hoods Sherwood Forest oder König Arthurs Camelot. Nichts daran ließ sich vernünftigerweise als 'Angriff' auf Cat Valente interpretieren, aber diese ist gegenüber jedweder Kritik äußerst dünnhäutig und beklagte sich sogleich in verletztem Tonfall, Sperring habe ihr ihre schönen Erinnerungen kaputt gemacht. Außerdem werde sie als Amerikanerin ohnehin überall auf der Welt unfair behandelt. Im nächsten Moment tauchte RH auf und fiel in gewohnt bösartiger Weise über Sperring her. (6) Danach verlegte sie ihre Attacken auf Twitter, wo sie Sperring weiter verhöhnte und als Nutznießerin des Imperialismus beschimpfte. Der Druck auf die Schriftstellerin wurde schließlich so groß, dass diese einen Selbstmordversuch beging. Als sie dies später Valente gegenüber schilderte, erhielt sie folgende Antwort: "You know...I am also a clinical depressive. What you said to me sunk me into a hole for weeks, drove me away from the Internet, left me in tears and unable to pull myself out of any of it. I will say again that I am totally perplexed as to why I bear responsibility for the actions of someone I've never met because I don't disavow her strongly enough for others taste, something that smacks of thought police to me do much more strongly than anything critics say about books, but if RH bears fault for what her words did to you, you bear fault for what yours did to me. You destroyed me, Kari, for weeks. In a lot of ways I still don't feel comfortable blogging like I used to. But I didn't want to say anything, because my issues are my own and I have to deal with them. No one will help me, and as a pro, you have plenty of people to back you up. [sic!] But please don't forget that you too call people out when you think they're wrong, and with words that wound." Der Mangel an Empathie und das Ausmaß an Narzissmus und Selbstmitleid sind hier wirklich erschreckend. Ich weiß verflucht gut, was es bedeutet, an Depressionen zu leiden, und ich kann Valentes Gefühlsreaktionen deshalb nachvollziehen, doch ist dies keine Entschuldigung dafür, sich gegenüber einer Frau, die gerade versucht hat, sich das Leben zu nehmen, wie ein selbstgerechtes Arschloch aufzuführen.

Auch ist Valentes Charakterisierung ihres Verhältnisses zu RH ziemlich heuchlerisch. Es ist nicht das erste Mal, dass ihr Blog von RH benutzt wurde, um eine Vendetta gegen jemanden zu entfachen. Als die irische YA-Autorin Sarah Rees Brennan es dort wagte, ihrer Abneigung gegenüber RH Ausdruck zu verleihen ("at another point I saw her discuss wanting to put dog piss in a water pistol and fire it in a [...] author's mouth"), erging es ihr noch übler als Kari Sperring. Auch in diesem Fall verlegte RH ihre Attacken nach ersten Vorgeplänkeln auf Twitter, wo sie dann u.a. behauptete, die meisten Iren seien nicht viel besser als Nazis. Valente muss der Fall bekannt sein, ist sie doch eine regelmäßige Besucherin von RHs Twitter-Account und kommuniziert dort mit ihr. Ihre wiederholten Beteuerungen, sie kenne RH nicht, bedeuten lediglich, dass sie ihr noch nie 'im Fleische' begegnet ist. Und wer ist das schon? Tatsächlich hat sie öffentlich ihre Bewunderung für RH bekundet: "I love Requires. [...] She's important, because she doesn't care about sacred cows. And we have so many of those in SFF." Dies geschah im Kommentar zu ihrem eigenen Post Let Me Tell You About the Birds and the Bees, in dem sie RH als ein Beispiel für die ungerechte Behandlung von Rezensentinnen und Autorinnen anführt. Nun wird niemand, der nicht entweder blind oder willentlich ignorant ist, den mitunter massiven Sexismus in Teilen der phantastischen Netzgemeinde leugnen können. Auch RH hat davon sicher schon eine Menge abgekriegt. Bloß ist sie für die Rolle des 'verfolgten Opfers' nun wirklich nicht die Richtige. (7) Valentes Versuch, sie dennoch zu einem solchem zu stilisieren, hörte sich wie folgt an: "[S]he was called a rabid animal by Peter Watts,  a luminary in our field, who received very little public condemnation for his statements. (A rabid animal! Because she thought a book was sexist! I thought humorless feminists were the ones who took things too seriously!)" Wer sich die Mühe macht, Watts' Artikel wirklich zu lesen, wird feststellen, dass Valentes Darstellung eine bewusste Verfälschung ist. Watts bezeichnete RH nicht deshalb als 'rabid animal', weil sie ein Buch (R. Scott Bakkers Prince of Nothing) als sexistisch kritisiert hatte. Er tat dies, um damit auf RHs dehumanisierende Sprache hinzuweisen. (8) Als er dies in einem Kommentar zu Valentes Post klarzustellen versuchte, wurde er wie zu erwarten von der versammelten Fangemeinde niedergebrüllt.

Catherynne M. Valentes Nähe zu RH lässt sich nicht ernsthaft bestreiten. Deshalb ist es gut nachzuvollziehen, warum sich Liz Williams ausgerechnet an sie wandte und um eine Stellungnahme zu RHs Verhalten bat. Williams ist die Verfasserin der Inspector Chen - Bücher und als solche in den Augen von RH selbstverständlich eine Kulturimperialistin ersten Ranges. Doch ging es ihr nicht darum. Sie schrieb: "[O]ne of your fans - Requires Meds - has repeatedly called for writers to be attacked (Paolo Bacigalupi, apparently, deserves to have acid flung in his face; others guilty of the crime of being white writers should be shot, stabbed, or blown up). Requires Meds operates anonymously from behind a keyboard, and is a well known gaming troll, so her chances of actually carrying any of the death threats out are probably around zero and I suspect she is merely pathetic." Valente brachte die üblichen Entschuldigungen für RHs Tiraden vor: "Her rhetoric is inflammatory. It is intended to be. I do not and have never believed they represented serious threats. Obviously, I do not approve of acid attacks, for crying out loud. But in rhetoric, we exaggerate for effect." Zugegebenermaßen hatte sich Williams einen denkbar ungünstigen Ort ausgesucht, um eine Debatte über RH zu beginnen, ging es in Valentes Post doch um einen Fall von sexueller Belästigung auf der diesjährigen Readercon. Dass ändert aber nichts an der Berechtigung ihrer Frage, ob Valente das Verhalten RHs verurteile, was diese nicht wirklich tat. Sie veröffentlichte daraufhin am 1. August einen Post über RH auf ihrem Livejournal, der die SJ-Trollin recht adäquat charakterisierte: "Seeks Attention has only very recently come to my own attention, mainly by dint of the online equivalent of jumping up and down and swearing, but has had a long history of trolling in the gaming community and has been flung off multiple comms under a long list of aliases for anti-social behaviour (shows up, randomly spews venom at people, is told to go away – typical trollshit). More recently, she’s discovered the wonderful world of social justice, and is now busily blogging away, focusing most of her attacks on white male writers, but also making a point of attacking women, including transwomen and women of colour (referring to one author as ‘a stupid fuck’: this level of subtle analysis is pretty standard). The usual response to criticisms of SA is ‘she makes some good points’ – she may well do, but those points come with a massive side-order of obscene bullshit that overwhelms the main course. There’s also been a near constant Twitter feed, since Seeks Attention appears neither to work nor sleep, of threats against specific authors – Paolo Bacigalupi is one – including acid attacks, shooting people and blowing them up. SA has a particular thing about US servicemen and Western tourists, and has suggested mass killings of both. You don’t have to agree with Western warmongering or sex tourism, both of which are pretty foul, to have issues with this. She’s also accused rape survivors of being rape apologists and reserves particular ire for Asian-Americans, basically for not being Asian enough. Or possibly for breathing air – it’s hard to tell." Man kann sich vorstellen wie RHs Anhänger & Anhängerinnen reagierten. Um einen ungefähren Eindruck davon zu bekommen, schaue man z.B. bei sf-drama  vorbei. Wirklich peinlich wurde es jedoch, als Cat Valente (9) tagsdarauf einen Post veröffentlichte, in dem sie behauptete, man habe ihr ein Ultimatum gestellt, sich von RH loszusagen, und sie sei außerdem bedrängt worden, ihren  Usernamen yuki_onna abzulegen. Nach wie vor war sie nicht bereit, ein deutliches Wort über RH zu sagen. Vielmehr erweckte sie den Anschein, das bemitleidenswerte Opfer einer Hexenjagd zu sein. Es dauerte einige Zeit, bis sich herausstellte, dass mit dem angeblichen Ultimatum in Wirklichkeit Liz Williams einsamer Kommentar gemeint war (der kein Ultimatum enthalten hatte) und sich die Usernamen-Geschichte auf eine kurze Bemerkung in einer LJ-Diskussion bezog, in der es um die heuchlerischen Doppelstandards von RH gegangen war. Niemand hatte verlangt, Valente solle ihren Usernamen ändern. In den Mahlstrom der nun tobenden 'Debatte' wurde in gewisser Weise auch Caitlin R. Kiernan hineingezogen, die sich bereits am 20. & 25. Juli sehr deutlich zu RH geäußert hatte und bei der es sich um das von Liz Williams erwähnte Vergewaltigungsopfer handelt, das von RH als 'Apologetin von Vergewaltigung' beschimpft worden war.

Wie ich zu Anfang bereits gesagt habe, wirkt all dies auf mich zugleich abstoßend, lächerlich und traurig. Meine Achtung und meine Sympathie für den Menschen Catherynne M. Valente ist in den letzten anderthalb Wochen beträchtlich gesunken, auch wenn ich ich ihre Erzählungen und Bücher (soweit mir bekannt) nach wie vor liebe. Aber schön, es ist nie gut, jemanden zu idealisieren. Sehr viel mehr hat mich erschreckt, wie eine Ideologie, deren angebliches Ziel darin besteht, die Interessen der Unterdrückten und Benachteiligten zu vertreten, bei so vielen Menschen zu Inhumanität und Kleingeistigkeit führen kann. Es war widerlich und empörend zu sehen, wie Liz Williams von glühenden SJ-Kämpfern als 'ableist' verdammt wurde, weil sie Requires Hate in Requires Med umgetauft hatte, während der Selbstmordversuch von Kari Sperring denselben Leuten nicht ein Wörtchen des Mitgefühls oder Verständnisses zu entlocken vermochte. Wie blind muss man sein, um aus einer selbstgerechten Sadistin wie RH eine mutige Heldin zu machen?! Was bitte ist mutig daran, andere Menschen mit Scheiße zu bewerfen, während man sich hinter einem Pseudonym versteckt und Gegenangriffe nicht zu fürchten braucht, da man sich gar nicht erst auf irgendwelche Diskussionen mit dem 'untermenschlichen Abschaum' einlässt, der es wagt, sich gegen seine öffentliche Abschlachtung zu wehren?

Die meisten Kritiker & Kritikerinnen von RH vertreten selbst die Standpunkte der Identitätspolitik. Es wäre deshalb nicht fair, wollte man sie als repräsentativ für das ganze SJ-Milieu hinstellen. Doch gerade weil sie dessen Ideologie auf die Spitze treibt, treten bei ihr einige grundlegende Merkmale der ID-Politik besonders deutlich hervor.

Selbst viele, die ihr kritisch gegenüberstehen, gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass RH zu den  'Unterdrückten' und 'Marginalisierten' gehört, einzig weil sie eine Frau ist, die aus Thailand stammt. Tatsächlich jedoch spricht sehr vieles dafür, dass es sich bei ihr um eine extrem privilegierte Person handelt. Ihre chinesische Abkunft kombiniert mit der von ihr selbst mehrfach erwähnten Ausbildung in Großbritannien machen es sehr wahrscheinlich, dass sie der dünnen thailändischen Oberschicht entstammt. Dies würde auch ihre erstaunliche Realitätsferne erklären.
Ihre Bemerkungen zu allen möglichen Themen belegen immer wieder aufs Neue, dass sie offenbar nicht die geringste Ahnung von der sozialen Wirklichkeit hat – weder was Thailand noch was die Länder der westlichen Welt betrifft. Es ist nicht verwunderlich, dass Pat von Pat's Fantasy Hotlist ganz selbstverständlich davon ausging, es bei RH mit jemandem aus dem Westen zu tun zu haben, der noch nie in Südostasien gewesen ist, als diese sein Reisetagebuch als rassistisch attackierte. In einigen der Passagen, über die sie herfiel, hatte Pat die Folgen der sozialen Ungleichheit in Bangkok beschrieben:
"It's kind of odd that some aspects of Bangkok could put any Western city to shame, and all the while show you sides straight out of a Third World country when you turn around and face the other way [...] It's kind of sad to see fat and old Western men walking hand in hand with pretty young Thai girls. They're absolutely everywhere and not likely to go away. There are a couple of universities here, so hopefully there is a brighter future for any Thai young women".
Das mag nun keine messerscharfe soziale Analyse sein (schließlich handelt es sich um Reiseimpressionen), aber es ist doch ziemlich klar, dass Pat im Sextourismus eine Folge der Armut in Thailand sieht. Für RH aber bewies er damit nur, dass er ein paternalistisches und imperialistisches Schwein ist. Sie betonte, Thailand verfüge über "tons of universities" und ging mit keinem Wort darauf ein, dass zahllose junge Frauen durch ökonomische Umstände in die Prostitution gezwungen werden. Für eine Radikalfeministin etwas merkwürdig, oder?
Kaum jemandem scheint der eigentümliche Umstand aufzufallen, dass RH sich als Kämpferin für die soziale Gerechtigkeit geriert und immer wieder ihre thailändische Herkunft betont, jedoch nie ein Wörtchen über die fürchterlichen sozialen Verhältnisse in ihrer Heimat verliert. Thailand ist eine der sozial ungleichsten Länder außerhalb von Afrika. Eine kleine und obszön reiche Elite, deren Mitglieder sich oft wie echte Aristokraten aufführen, herrscht über eine zum Teil völlig verelendete Bevölkerung. Die Universitäten, auf die RH so stolz hinweist, stehen in erster Linie deren Kindern offen und zementieren de facto noch den Abstand zwischen Arm und Reich. Die Interessen dieser Klasse werden von einem autoriären und korrupten Staat verteidigt, dessen Rückgrat Militär und Monarchie bilden, und dessen demokratische Fassade durch die zahlreichen mehr oder weniger offenen Staatsstreiche der letzten Jahre stark abgeblättert ist. Die Massenproteste der 'Rothemden' im Jahr 2010 waren der erste mächtige, wenn auch politisch diffuse Ausdruck für eine Revolte der arbeitenden Massen gegen diese Ordnung. Entsprechend rigoros ging das Militär gegen sie vor. Von dieser sozialen und politischen Realität findet sich auch nicht der leiseste Widerhall in RHs Posts.
Vieles an ihr wird verständlicher, wenn man davon ausgeht, dass sie die Bewohnerin einer kleinen und äußerst privilegierten Welt ist, über deren Grenzen hinauszuschauen sie entweder nicht willens oder nicht fähig ist. Wie anders ließe sich z.B. erklären, dass sie einmal allen Ernstes eine ausufernde Debatte darüber geführt hat, warum jeder, der ein iPhone und kein Android besitzt, in ihren Augen ein Trottel ist? Doch nicht nur solch bizarre Anekdoten erscheinen plötzlich nachvollziehbarer, auch auf ihre realitätsfernen Ausführungen zu ernsteren Themen fällt ein ganz anderes Licht. So veröffentlichte RH z.B. im April einen Post, in dem sie die Nutzlosigkeit der YA-Literatur unter Beweis stellen wollte. Der Anfang liest sich so: "I’ve never understood the argument that Twilight, Eragon, or the latest YA shitfest of the week 'at least gets kids reading.' Let me explain: I’m coming at this with a vastly different perspective. I’m from a country where English is not a first language, and in this climate 'at least it gets kids reading' does indeed have merit, in the sense that if it gets kids to read in English and thus get them to achieve proficiency with the language, it would be excellent and awesome, because we need that. We need to speak English to survive. We need to speak English just to get by. It’s not a choice. [...] But that is not the argument first-world Anglophones usually make [...] Getting kids to achieve proficiency in English isn’t the goal or the problem, because this is about Anglophonic children in first-world countries, not kids who need to cope in an imperialist world where speaking English is a matter of survival.'" Wenn sie von Thailand spricht, so versteht sie darunter offensichtlich nur die Mittel- und Oberschicht. Für die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung ihrer Heimat dürften Englischkenntnisse nämlich keine Frage des Überlebens sein. Und was ihr Bild des Westens angeht: Wer sich auch nur ein bisschen mit der Realität in den USA (oder Deutschland) auskennt, weiß, dass die Fähigkeit, mit geschriebenen Texten umzugehen, für viele Kinder keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Vielmehr stellen Analphabetismus und Halbanalphabetismus nicht zuletzt aufgrund der wachsenden sozialen Ungleichheit auch in der sog. '1. Welt' echte Probleme dar. Ich habe selbst eine gute Bekannte, die damit zu kämpfen hat. Aber für RH sind halt alle Weißen und 'Westler' privilegierte Unterdrücker. Da sie selbst sich in ihrem ganzen Leben vermutlich noch nie Gedanken über Geld machen musste, existieren ökonomisches Elend und seine Folgen für sie nicht. Wie sonst könnte sie solch offensichtlich absurde Dinge schreiben wie: "I doubt I have class privilege over most white western men".

Jetzt lässt sich auch besser verstehen, warum sich bei RH das Getue um 'soziale Gerechtigkeit' mit einem so absoluten Mangel an Empathie vereinbaren lässt. Sie schäumt regelmäßig vor Wut über die 'Unterdrücker', solange es sich bei diesen um weiße 'Imperialisten' (=Bewohner eines westlichen Landes) handelt, aber sie zeigt an keiner Stelle Sympathie oder auch nur ehrliches Interesse für die Unterdrückten. Sie ist blind für echtes Elend und echtes Leid. Verständlich, verdankt sie ihre universitäre Bildung und ihre scheinbar unbegrenzte Freizeit, die es ihr erlauben, ihre unzähligen Feldzüge im Internet zu führen, doch mit ziemlicher Sicherheit einer sozialen Stellung, die selbst auf brutaler Ausbeutung basiert. Sich dies einzugestehen ist ihr unmöglich, denn dann müsste sie von ihrem hohen Ross herabsteigen und könnte nicht länger andere über deren angeblich 'privilegierten Status' belehren.

Die meisten Anhänger der Identitätspolitik, operieren wie RH mit Abstraktionen: 'die Frauen', 'die Männer', 'die Weißen', 'die Farbigen', 'die Homosexuellen' usw. Dabei blenden sie den alles dominierenden und entscheidenden Charakterzug der Gesellschaft, in der wir leben, aus. Die Tatsache nämlich, dass es sich bei ihr um eine Klassengesellschaft handelt. Zwar haben die ID-Ideologen den Begriff 'classism' erfunden, den sie manchmal neben 'sexism', 'racism', 'ableism' etc. stellen, aber mir ist bis heute nicht klar geworden, ob sie damit die materiellen Besitzunterschiede meinen, oder ob 'classism' bloß ein postmodernes Wort für Snobismus ist. Auf jedenfall reagieren die meisten SJ-Kämpfer äußerst ungehalten, wenn man die Klassenfrage ins Spiel bringt. (10) Meist tun sie sie hastig als 'Ablenkungsstrategie' ('derailing') ab. Die Gründe dafür sind nicht schwer zu erraten.
Mit 'Identität' ist bei ihnen ja nicht die individuelle Persönlichkeit, sondern die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gemeint, die von ihrer Klassenzusammensetzung her stets heterogen ist. Und dennoch soll man sich in erster Linie mir ihr identifizieren und es wird postuliert, alle ihrer Angehörigen hätten dieselben Interessen. Dabei würde ein kurzer Blick in die soziale Realität sehr schnell zeigen, dass dem nicht so ist. Meike Schlecker hatte als Mitglied der Geschäftsleitung nicht dieselben, sondern diametral entgegengesetzte Interessen wie die Verkäuferinnen des für seine Sklaventreibermethoden berüchtigten Konzerns. Dass sie alle Frauen waren änderte daran nichts. Ebenso wäre es absurd, wollte man behaupten, ein Mann wie Czem Özdemir könne aufgrund seiner Herkunft für die Mehrheit der Türken und Türkinnen in Deutschland sprechen. Zwischen beiden klafft ein sozialer Abgrund.
Ich übertreibe natürlich. Die meisten Anhänger der ID-Politik sind nicht wirklich blind für solche Tatsachen, sie rücken bloß andere Elemente der sozialen Realität ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Doch das allein reicht oft schon, um bei ihnen ein völlig verzerrtes Bild der gesellschaftlichen Situation entstehen zu lassen. Ich nehme als Beispiel noch einmal Catherynne M. Valente, diesmal in ihrer Funktion als Vertreterin des Feminismus. Im März veröffentlichte sie einen Post mit dem Titel American Politics Are A Black, Morbid Circus And We're All Crammed in the Clown Car, in dem sie eine Reihe der beunruhigenden politischen Entwicklungen in den USA beschreibt. Gut vier Fünftel des Textes sind dem 'War on Women' gewidmet, den ein einflussreicher Teil der Republikanischen Partei eröffnet hat. Was hingegen keine Erwähnung findet sind a) steigende Arbeitslosigkeit und Verelendung breiter Bevölkerungsschichten; b) massiver Abbau des ohnehin erbärmlichen Sozialsystems; c) Ausbau eines zunehmend autoritären Staatsapparates; d) Militarismus und Krieg. Dabei sind dies die Themen, die die Mehrheit der Amerikanerinnen & Amerikaner unmittelbar berühren. Und nur im Rahmen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen, die allesamt Kennzeichen der tiefen Krise des US-Kapitalismus sind, lässt sich auch der Aufstieg der christlich-fundamentalistischen Rechten und mit ihm die Angriffe auf die Rechte der Frauen verstehen. Doch Valentes feministische Ideologie macht sie blind für diese Zusammenhänge. Sie glaubt, die Gefahr gehe von einigen Ewiggestrigen aus, die die USA in die 50er Jahre zurückführen wollten. Schlimmer noch, sie macht einen Gutteil der US-amerikanischen Bevölkerung für all das verantwortlich: "A huge part of the country I live in wants to silence and crush people like me – and that 'like me' has multiple vectors. Female, queer, young, liberal, artist, techie." Mit keinem Wort hingegen kritisiert sie die Regierung. Natürlich nicht, entspricht diese doch in mancherlei Hinsicht den Wunschträumen der ID-Ideologen. An ihrer Spitze steht ein Farbiger und eines der mächtigsten Mitglieder des Kabinetts ist mit Hillary Clinton eine Frau. Sie ist der lebendige Beweis für das Scheitern der Identitätspolitik, und deshalb muss man sich ihr gegenüber blind stellen.

Viele Anhängerinnen und Anhänger der Identitätspolitik sind zweifllos ehrlich daran interessiert, gesellschaftliche Übel und Ungerechtigkeiten wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie zu bekämpfen. Und natürlich müssen diese bekämpft und ausgerottet werden. Doch die ID-Ideologie selbst besitzt einen sozialen Inhalt, der einen wirklich erfolgversprechenden Kampf gegen sie faktisch unmöglich macht. Sie entstand in den späten 70er und vor allem in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die zuvor radikalisierten Mittelklasseintellektuellen endgültig von der Masse der arbeitenden Bevölkerung abwandten und vielfach einen steilen sozialen Aufstieg begannen. Im Kern drückt sie deren Interesse aus, in die herrschende Elite aufgenommen zu werden.

Versucht man die positiven Ziele von SJ-Kämpfern zu ergründen, so steht man oft vor einem gewaltigen Problem. In den meisten Fällen definieren sie sich ausschließlich über ihre Gegnerschaft zu etwas. Bei so jemandem wie RH mag die Abwesenheit eines angestrebten Ideals besonders augenfällig sein, aber im Grunde ist es ganz allgemein schwierig, zu sagen, wie bei der 'Sozialen Gerechtigkeit' die Gerechtigkeit eigentlich genau aussehen soll. Bohrt man etwas nach, so stellt sich für gewöhnlich heraus, dass man sich darunter so etwas wie eine universale Quotenregelung vorzustellen hat. Die existierende soziale Hierarchie wird nicht in Frage gestellt, es geht lediglich darum, der eigenen Gruppe einen 'fairen' Anteil auf jeder ihrer Stufen zu erkämpfen. Doch für die Mehrheit, auch für die Mehrheit in jeder einzelnen Gruppe, wäre damit in Wahrheit nichts gewonnen. Solange die Gesellschaft als ganzes auf Ungleichheit basiert, diese Ungleichheit sogar immer weiter zunimmt, ist es für 99% der Bevölkerung völlig gleichgültig, wie sich das herrschende 1% bezüglich Genderzugehörigkeit, ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung zusammensetzt. Ehrgeizigen Aufsteigern aus der Mittelklasse hingegen kommt die ID-Politik in ihrem Bemühen an die Fleischtöpfe von Reichtum und Einfluss zu gelangen, sehr entgegen. Hierin mag auch der Grund liegen, warum eine so offensichtlich vom Willen zur Macht zerfressene Person wie RH bei einigen SJ-Kämpfern eine verwandte Saite zum Schwingen bringt. Ihre Äußerungen bringen oft eine eigenartige Mischung aus Arroganz, dem Wunsch zu Dominieren und dem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, zum Ausdruck. Eine Mélange, die sehr gut zu Menschen passt, die glauben, dass sie aufgrund ihrer Bildung und ihrer 'Intelligenz' einen höheren Status verdient hätten, als sie momentan innehaben. Mit Empfindungen echter Empathie, mit den Idealen von Solidarität und Gleichheit, verträgt sich eine solche psychische Verfasstheit hingegen nicht.

John Scalzi hat die Philosophie der Identitätspolitik vor einiger Zeit  sehr schön auf den Punkt gebracht. In einem kleinen Aufsatz vergleicht er 'das Leben' mit einem Computerspiel, bei dem der heterosexuelle weiße Mann auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad beginnen darf, während alle anderen auf entsprechend schwierigeren Graden spielen müssen. Autor Steven Brust hat ihm darauf eine ganze fabelhafte Antwort gegeben, der ich mich nur voll und ganz anschließen kann, und mit der ich diesen Post beenden will. Es gäbe noch vieles zu sagen, so etwa über die z.T. sehr negativen Auswirkungen der ID-Politik auf die Kunst (und um Kunst sollte es doch eigentlich gehen). Aber für heute soll endgültig Schluss sein. Ich übergebe Steven das Wort:

"My problem can be stated thus: All of this effort put into either a) How do we make the game more fair, or b) At least making us aware of how unfair the rules are,  makes it that much harder to focus on what is, to me, most important: THE FUCKING GAME SUCKS.
I don’t want to play it, I don’t want to be forced to play it, I don’t want strangers to have no choice but to play it; I don’t like smug assholes 'dropping out' to live in the woods and then claiming they aren’t playing it.
The game needs to go.  It needs to be replaced by a game that doesn’t have a wealth stat, or an education stat, because those things are just always maxed for everyone.  It needs to be replaced by a game in which the stats are different talents, and the only thing to put points in are interests and passions.
John calls his game real life, and he’s right, it is.  But I passionately, deeply believe it isn’t the only choice for what real life can be.  Most people will believe my desire here is unrealistic, and dismiss it; but we must not forget that many of these people believe (or believed) that voting for Obama made a difference, so exactly who is unrealistic is open for debate.  In terms of material wealth and capacity for wealth production, there is, at present, enough to create the game I want, or at least get pretty close. In order to concentrate on changing the rules for stat setting, you must believe the game is always going to be there, more or less the same.
 I will never accept that."


(1) Ein weiteres ihrer bekannten Pseudonyme ist pyrofennec.
(2) Ihre Angaben fluktuieren offenbar, so soll sie einmal behauptet haben, sie sei in Thailand, einmal, sie sei in Honkong zur Welt gekommen. Es gibt einige Leute, die überzeugt sind, in ihren Posts eine Menge Indizien gefunden zu haben, die darauf hindeuten, dass sie weder aus Thailand stammt noch dort lebt. Ich kann das nicht beurteilen und gehe im Folgenden davon aus, dass sie in diesem Punkt die Wahrheit sagt.
(3) Ob es sich bei Advancedcookie um ein weiteres Pseudonym RHs handelt oder ob wir es bloß mit einem besonders fanatischen Fan zu tun haben, der Stil und Methode seiner Meisterin nahezu perfekt imitiert, ist bisher ungeklärt.
(4) Für ein besonders tragisches Beispiel der Vermischung von SJ-Ideologie und Rassismus siehe hier.
(5) Autor Colum Paget spielte eine zeitlang ernsthaft mit dem Gedanken, seine grade begonnene Schriftstellerkarriere wieder aufzugeben, nachdem RH bei Twitter erklärt hatte, man solle ihm den Kopf abschlagen.
(6) RHs freundschaftliches Verhältnis zu Cat Valente gibt dem uneingeweihten Betrachter Rätsel auf. Es gehört zu RHs Lieblingsbeschäftigungen, in den Werken westlicher Autorinnen & Autoren nach vermeintlichen Belegen für die Todsünde der 'cultural appropriation' zu suchen. So gesehen müsste sie Valentes Bücher eigentlich in der Luft zerfetzen und die öffentliche Hinrichtung der Schriftstellerin fordern, bedient sich diese doch ganz ungeniert bei Mythen und Märchen aus allen möglichen Kulturen. Auch würde RH über jeden anderen kübelweise Beleidigungen und Verspottungen ausschütten, der es wie Valente wagte zu behaupten, man habe ihn wegen seines amerikanischen Akzentes unfair behandelt. Stattdessen tritt RH nicht nur hier als Cats beißwütige Verteidigerin auf. Genießt sie einfach bloß die Nähe zu einer einigermaßen bekannten Künstlerin oder ist ihre Form der 'Literaturkritik' am Ende nur eine clevere Methode, um alles, was nicht ihrem persönlichen Geschmack entspricht, zu wertlosem rassistischem, sexistischem, kulturimperialistischem Schund erklären zu können, und spart deshalb jeden aus, dessen Werk ihr gefallen hat?  
(7) Ein sehr viel besseres und damals gleichfalls relativ aktuelles Beispiel wären z.B. die misogynen Anfeindungen gewesen, die Liz Bourke in den Kommentaren zu einer ihrer Rezensionen bei Strange Horizons entgegenschlugen.
(8) "Also, there is at least one rabid animal who hates it [Bakkers Buch], someone who goes by the monicker 'acrackedmoon'. Notice what I did there: I reduced a fellow human being to the status of a mentally-diseased animal. I thought long and hard about doing that. It surprises me a little that I’m willing to sink so low, so early in the discussion (maybe I won’t; maybe I’ll have second thoughts and edit it out before I post.) (Guess not.) I’d generally show more restraint, but for the fact that acm has beaten me to that particular punch by referring to Scott Bakker as 'a self-important little roach'. She calls him a number of other things, too, but I figure that particular shot justifies my own epithet (which at least accords acm the dignity of remaining a mammal)."
(9) Die ohne beim Namen genannt zu werden, von Williams' erwähnt worden war: "She [RH] is also, ironically, noted for her drooling support of an author whose, ahem, somewhat negative remarks about the Japanese are plastered all over the fanwank sites". Williams' spielte dabei auf eine Reihe abfälliger Bemerkungen Valentes über Japan an, wo diese eine Zeit lang als Ehefrau eines US-Offiziers auf einer Marinebasis gelebt hatte.
(10) Der Sozialist und Fantasyautor Will Shetterly ist für dieses Verbrechen vom 'politisch korrekten' SFF-Fandom zum 'Unberührbaren' erklärt worden, dessen Name nur noch unter Beschimpfungen oder ironischem Gelächter genannt werden darf. Ich stimme nicht mit allem 100%ig überein, was Shetterly auf seinem Blog schreibt, halte diesen aber auf jedenfall für sehr lesenwert.

Freitag, 20. Januar 2012

Pleased to meet you

Milton, Satan und Steven Brusts To Reign in Hell

In der Ausgabe #50 von The Geek’s Guide to the Galaxy schwätzen John Joseph Adams und David Barr Kirtley mit Grady Hendrix über den Satan. Dabei kommen sie natürlich auch auf Paradise Lost zu sprechen, denn es gibt wohl kein literarisches Werk, das unsere Vorstellung von Luzifer so nachhaltig geprägt hätte wie John Miltons großartiges Epos. Bedauerlicherweise legen die drei dabei ein mangelndes Verständnis des Dichters und seiner Zeit an den Tag. Bekanntlich trägt Satan in einigen Passagen von Paradise Lost die Züge eines stolzen Rebellen gegen die himmlische Tyrannei, was ihn in den Augen moderner Leserinnen und Leser durchaus sympathisch erscheinen lässt. Und da unsere Geeks wissen, dass Milton zur Zeit des Englischen Bürgerkriegs lebte, stellen sie deshalb die Vermutung auf, die Gestalt des aufrüherischen Engels sei als eine Warnung vor den Folgen eines Umsturzes der gottgewollten Ordnung gedacht gewesen. Das jedoch kann auf keinen Fall stimmen, denn Milton war nicht nur ein Zeitgenosse der Englischen Revolution, sondern auch ein enthusiastischer Mitstreiter im Kampf gegen Charles I., dessen Hinrichtung er öffentlich rechtfertigte. Nach dem Sturz der Monarchie arbeitete er als ‘Secretary for Foreign Tongues’ für die Regierung des Commonwealth und verfasste in dieser Funktion eine Reihe antiroyalistischer und republikanischer Streiftschriften. Sein revolutionärer Optimismus, der schon durch Oliver Cromwells despotische Herrschaft stark getrübt worden war, bekam durch die Restauration der Stuart-Monarchie 1660 zwar endgültig den Todesstoß versetzt, dennoch hielt der Dichter im Herzen der ‘guten, alten Sache’ der Revolution bis zum Ende seines Lebens die Treue, wie u.a. sein Lesedrama Samson Agonistes zeigt. Völlig zurecht schreibt Byron in der Zueignung zum Don Juan über ihn:

He deigned not to belie his soul in songs,
Nor turn his very talent to a crime;

He did not loathe the Sire to laud the Son,
But closed the tyrant-hater he begun. (1)

Wie auch immer man die Gestalt Satans interpretieren will – und das ist eine sehr komplexe Frage –, als antirevolutionärer oder antidemokratischer Buhmann ist er ganz sicher nicht gedacht.

Ich finde es einfach schade, dass auch viele literarisch interessierte Menschen offenbar den historischen Kontext nicht mehr kennen, in dem Paradise Lost entstanden ist. Auch fürchte ich, dass ganz allgemein das Wissen um die Ereignisse der Englischen Revolution mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Revolutionen sind halt nicht mehr en vogue. Wer weiß denn heute noch, dass Großbritannien einmal – wenn auch nur für kurze Zeit – eine Republik gewesen ist? Sensationslüsterne oder sentimentale Berichte über die ‘Royals’ bekommen wir beinahe jede Woche aufgetischt, aber ich habe noch nie eine TV-Sendung über Cromwell oder die Leveller gesehen, von Gerrard Winstanley und den kommunistischen Diggern ganz zu schweigen. Doch vielleicht ist das sogar ganz gut so, denn ich möchte lieber nicht wissen, was Leute wie Guido Knopp mit dem Lordprotector anstellen würden. Sich einmal auf eigene Faust mit dieser Epoche der englischen Geschichte zu beschäftigen, sei dennoch einem jeden empfohlen. Sie ist ebenso spannend wie inspirierend. Mein Buchtip wäre da Christopher Hills Cromwell-Biographie God’s Englishman – selbst schon fast so was wie ein Klassiker.

Wenn mich das, was die Geeks über Milton zu sagen haben, also eher traurig gestimmt hat, bin ich den beiden andererseits ausgesprochen dankbar dafür, dass sie mich zum Lesen eines Buches animiert haben, von dessen bloßer Existenz ich ohne sie nichts gewusst hätte: Steven Brusts To Reign in Hell.

Es waren die englischen Romantiker, die als erste in Satan den wahren Helden von Paradise Lost erblickten. William Blake etwa erklärt in The Marriage of Heaven and Hell: "The reason Milton wrote in fetters when he wrote of Angels & God, and at liberty when of Devils & Hell, is because he was a true Poet and of the Devil’s party without knowing it." Dies war der Beginn einer literarischen Tradition, in der Satan nicht länger der böse Versucher und Erzfeind der Menschheit ist, sondern der stolze Rebell gegen die Despotie Gottes – und damit gegen jede Herrschaft und Hierarchie; der „erste Freidenker und Weltenbefreier" , wie ihn Michail Bakunin nannte. Als Beispiele fallen mir da spontan Charles Baudelaire und die Dichter der Décadence sowie Anatole France mit seinem Roman La révolte des anges (Aufruhr der Engel) ein. (2) Dieses Motiv fand seinen Weg auch in Teile der modernen Fantasy. So schrieb Clark Ashton Smith, der selbst so etwas wie ein später Décadent war und eine Nachdichtung der Fleurs du Mal verfasste, ein Satan Unrepentant betiteltes Gedicht, in dem der gestürzte Engel – "abased, majestic, fallen, beautiful, and unregretful" – in der Finsternis des Abgrunds mit "unsubmissive brow and lifted mind" geduldig dem Tag entgegenschaut, an dem der göttliche Tyrann schließlich doch noch fallen wird – "that hour of consummation and of doom,/ of justice, and rebellion justified." Aber auch in einigen neueren Fantasyromanen begegnen wir ihm. So ist es das Ziel Lord Asriels in Philip Pullmans His Dark Materials, Luzifers Niederlage wiedergutzumachen und eine zweite Revolution gegen ‘the Authority’ (‘Gott’) zu entfesseln. Und in Vellum, dem ersten Band von Hal Duncans The Book of All Hours, taucht Luzifer zusammen mit Prometheus als der Archetyp des ewigen Rebellen auf. (3)

Meiner kleinen Sammlung luziferischer Phantastik kann ich nun also Steven Brusts To Reign in Hell hinzufügen, und der Roman wird darin einen Ehrenplatz bekommen. Am bekanntesten ist Brust sicher für seine Vlad Taltos - Reihe, er gehörte aber auch zur Bordertown-Clique und hat zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Emma Bull (War for the Oaks) mit Freedom and Necessity eines der besten Bücher geschrieben, die ich im vergangenen Jahr das Vergnügen hatte zu lesen. To Reign in Hell gehört zu seinen frühesten Werken (1984). Wie bei His Dark Materials ist der Titel ein Zitat aus Paradise Lost (4), und ich würde wetten, dass Pullman Brusts Buch gelesen hatte, bevor er die Abenteuer Lydia Belacquas aufzuzeichnen begann. Der Bezug zu Miltons Epos ist allerdings sehr viel enger, denn auch Brust erzählt die Geschichte vom Zerwürfnis zwischen Jahwe und Satan, dem Krieg im Himmel und der Erschaffung der Welt. Das Großartige dabei ist, dass er nicht einfach in luziferischer Tradition Gott zum bösen Tyrannen und den Teufel zum idealistischen Revolutionär erklärt. Seine Erzählung ist sehr viel komplexer.

Yaweh (Jahwe) ist nicht der Schöpfer des Universums, sondern bloß einer der ‘erstgeborenen’ Engel, die aus dem Urchaos (‘cacoastrum’) hervorgegangen sind. Er und seine Geschwister Satan, Luzifer, Michael, Raphael, Leviathan und Belial schufen im Kampf gegen dieses Chaos, das sie sofort wieder zu verschlingen suchte, quasi unbewusst einen geordneten Kosmos – den Himmel. Doch in immer neuen Wellen droht das ‘cacoastrum’ die Ordnung zu überschwemmen und zu vernichten. Schon dreimal mussten die Engel gegen diese ‘Flut’ (‘flux’) antreten, und jedesmal wurde dabei neues Leben geschaffen, aber auch altes Leben zerstört. Im Kampf gegen die zweite Welle entstanden u.a. Abdiel, Lilith, Asmodai, Beelzebub, Ariel, Harut (5) und Mephistopheles, im Kampf gegen die dritte die große Masse der Himmlischen Heerscharen. Einige Engel wurden dabei verletzt oder verloren ihre ursprüngliche Gestalt. Leviathan wurde in ein Seeungeheuer, Belial in einen Drachen, Ariel in eine Eule und Beelzebub in einen Hund verwandelt. Harut erblindete. Viele starben.
Um diesen verheerenden Kreislauf zu durchbrechen, schlägt Yaweh vor, dass die Engel aktiv gegen das Chaos vorgehen und einen neuen Weltenbau errichten sollten, der für immer vor der ‘Flut’ sicher wäre. Das Problem ist, dass die Ausführung dieses Planes viele Opfer kosten würde, und keiner der Erzengel, die in ihn eingeweiht sind, ist sich sicher, ob die ‘einfachen’ Engel bereit sein werden, ihr Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Es stellt sich die Frage, ob man sie im Interesse des ‘höheren Guten’ zur Mitarbeit zwingen dürfe.
Satan, der mit der Aufgabe betraut wird, dafür zu sorgen, dass jeder die ihm zugewiesene Arbeit ausführt, beginnt anzuzweifeln, ob er oder irgendwer sonst das Recht hat, seinen Mitengeln den eigenen Willen aufzuzwingen. Aber auch Yaweh ist zu Beginn keineswegs begeistert von der Vorstellung, irgendwem Befehle zu erteilen. Erst der intrigante Abdiel, der es auf Satans Posten abgesehen hat, facht mithilfe von Lügen und Manipulationen einen Konflikt zwischen den beiden an, der sich dann wie von selbst immer weiter verschärft und schließlich zur Errichtung einer Despotie und zum Bürgerkrieg im Himmel führt.
Nachdem Yaweh davon überzeugt worden ist, dass Satan die Ausführung des Plans gewaltsam verhindern wolle, beginnt er bewaffnete Truppen aufzustellen – die neun Engelschöre der christlichen Mythologie. Die ersten Orden (Cherubim und Seraphim) sind noch relativ klein und sollen lediglich dem persönlichen Schutz Yawehs dienen, doch schon bald werden größere Einheiten gebildet, deren Aufgabe die gewaltsame Unterdrückung der Opposition ist. Und natürlich finden sich auch sofort Engel, die sich an der neugewonnen Macht über ihre Brüder und Schwestern berauschen, die bereit sind, blind zu gehorchen, um selbst befehlen zu können.
Beruhte Yawehs Autorität anfangs ausschließlich auf seinem Ansehen und seinen Fähigkeiten, so verwandelt er sich nun sukzessive in das Oberhaupt eines monarchischen Staates. Diese neue Realität verlangt auch nach einer neuen Ideologie, und so erklärt er sich selbst zum Schöpfer und Herrn des Universums. Er tut dies nicht aus Machtgier, sondern weil er glaubt, dass der Plan, der doch dem Nutzen aller Engel dient, nur auf diese Weise zur Ausführung gelangen könne. Das zumindest versucht er sich einzureden. Der Prozess erreicht seinen Höhepunkt mit einer großen Massenversammlung, in deren Verlauf Yaweh, Abdiel und Raphael aus der Liebe und Verehrung der ‘einfachen’ Engel den Gottessohn Yeshuah formen, der sofort zum Erben Yawehs und zum König des Himmelreiches ausgerufen wird. (6)
Die Opposition zeigt sich sehr viel weniger organisiert. Satan ist alles andere als ein geborener Rebell. Lange Zeit verhält er sich unentschieden und zögerlich, wandert relativ ziellos mit seinem Freund Beelzebub durch den Himmel und kann sich zu keiner entscheidenden Tat durchringen. Sein Lieblingssatz lautet: ‘Ich muss darüber nachdenken’. Es sind vor allem die von Abdiel in Umlauf gebrachten Gerüchte und sein Ruf als mutiger Kämpfer, den er sich während der dritten Welle erworben hat, die ihn in den Augen der unzufriedenen Engel dennoch zum einzig möglichen Führer einer Revolution machen. Dabei wäre die impulsive und kompromisslose Lilith für diese Rolle sicher sehr viel besser geeignet. Vor allem ist Satan lange Zeit nicht bereit, sich an die ‘einfachen’ Engel zu wenden, obwohl es ihm doch angeblich um deren Freiheit geht. Erst als Yaweh mit der Erschaffung Yeshuahs die Himmlischen Heerscharen in einen Haufen gläubiger und kniefälliger Untertanen zu verwandeln droht, organisieren Lilith, Luzifer und Asmodai eine Massenversammlung vor den Toren von Satans Festung und zwingen ihn so, endlich öffentlich Stellung zu beziehen. Aber selbst dann noch befürtwortet er den Verhandlungsweg, als die Orden unter Führung Michaels über die Versammelten herfallen, ein Blutbad anrichten und die Festung niederbrennen.
Man hat das Gefühl, es sei vor allem diese Zerstörung seines Heimes und die damit verbundene Demütigung, die Satan dazu bewegen, schließlich den bewaffneten Aufstand zu entfesseln. Als sich durch das Eingreifen des pragmatischen Zaphkiel eine letzte Möglichkeit zur Versöhnung eröffnet, beweist er dann aber doch Prinzipientreue. Um die eigene Autorität nicht zu zerstören, verlangt Yaweh von ihm eine öffentliche Unterwerfung :

"Just what," said Satan, "are you asking?"
"That you publicly say that you were wrong to oppose me. To call on those who trust you to serve me. To back up my claim to being supreme Lord of Heaven. To bow down to Yeshuah as King Anointed after me, the supreme being of Heaven."

Yaweh hat eine Lüge in die Welt gesetzt, um seine Herrschaft zu legitimieren, und nun kann er sie nicht widerrufen, ohne damit auch seine Macht aufzugeben. Doch wenn er wirklich ‘Gott’ ist, dann muss Satan die Rolle des reuigen Sünders spielen, und dazu ist dieser nicht bereit.

Satan's eyes blazed with green fire. "I'll see myself thrown into the flux first!"
Yaweh's eyes opened wide. "I don't understand."
"Every decision you have made, as far as I know, has been right. Every decision I have made, from what I can see, has been wrong. But there is one thing: I have never lied about who I was, what I was doing, or why I was doing it. You have done all of these."
Yaweh started to speak, but Satan cut him off.
"I know why you did it now, and I understand. But I will not support you in these lies and half-truths. All I have left from this mayhem is that I know I was always honest and did the best I could. I will not throw that out.
No! There has been too much. I will not admit to something I think is wrong. Had you gone before all the hosts and simply told them the truth instead of creating a false image of yourself as some sort of god, and creating this, this thing [Yeshuah] here as some sort of demigod, this wouldn't have happened."

So kommt es dann doch zur großen Entscheidungsschlacht an den Ufern von Leviathans Meer, in deren Verlauf die vierte Welle ausgelöst und Satan mit seinen Verbündeten in das Chaos hinausgeschleudert wird. Und während diese verzweifelt versuchen, eine neue Zuflucht im ‘cacoastrum’ zu errichten (die ‘Hölle’), machen sich Yaweh und seine Anhänger daran, den großen Plan in die Tat umzusetzen und unsere Welt zu erschaffen. Der Kampf aber ist nicht zu Ende, er wird wieder aufflammen, wie sich Satan in der Schlusspassage des Buches vor Augen führt, während er über seine vergangenen Fehler und die Zukunft nachdenkt:

He was probably going to be leader of the angels who had fallen from Heaven, whether he wanted to or not. This time he would be a leader, for good or for ill. He looked at the newly formed globe and nodded. Yes, his people would be safe there. But, of course, they had been right: Yaweh would not allow them peaceful access to that place.
So, by that reasoning, why should Satan allow them peaceful access to it either? The new angels who lived there wouldn't know Satan from Yaweh. They would just as soon harbor one as the other. Yaweh, of course, would want them to reject Satan – why shouldn't Satan be equally polite? He nodded to himself. Another war, that's what it would be. This time, the battlefield would be the minds of the weak, new angels.
Yaweh, of course, would lie, and his minions would scheme – Satan would rely on the truth. Yaweh would want to be worshiped. Satan would be content with being accepted.
He knew that, sooner or later, it would become a physical match once more, and they would line themselves up and settle things for good. It might not be soon, but it would happen.
He looked out at the blue-green battlefield and felt pity for the angels over whom they would fight. This time, however, he would not let that stop him. Yaweh had been a good teacher, Heaven a good school. Satan had learned.
Angels and mortals / Sometimes have to pay –

Es gibt vieles, was mich an To Reign in Hell begeistert.

Zuerst einmal liebe ich es, wenn moderne Autoren oder Autorinnen mythologische Stoffe auf kluge Weise neu bearbeiten, und ich mache da keinen Unterschied zwischen christlichen, shintoistischen (Catherynne M. Valentes The Grass-Cutting Sword) oder sumerischen (Hal Duncans Vellum) Mythen.

Dann wäre da die Vielzahl an eigenwilligen Gestalten, die neben Satan und Yaweh die Handlung bevölkern. Die Erzählperspektive springt sehr schnell (manchmal etwas zu schnell) von einem zum anderen. Da gibt es zum Beispiel den Shakespeare-Englisch sprechenden Beelzebub, der als Hund seinem Meister Satan treu, aber keineswegs ‘hündisch’ ergeben ist. Den seine Rede stets in (nicht immer gelungene) Verse kleidenden Träumer Ariel, der zum ersten, tragischen Opfer des Konfliktes wird. Den sensiblen, blinden Musiker Harut (eine Anspielung auf Miltons Blindheit?) und seine Freundin Leviathan, die das Meer nicht verlassen kann und deshalb eher Beobachterin des sich entfaltenden Bürgerkriegs ist, auch wenn sie sich spätestens nach Ariels Ermordung auf die Seite Satans schlägt. Den immer skrupelloser werdenden Ehrgeizling Abdiel. Den nicht besonders schlauen, aber eigentlich grundehrlichen Michael, der dennoch zum Schlächter wird. Den unheimlichen, aber irgendwie auch faszinierenden Yeshuah. Den kleinen Faschisten Camael. Den immer ironischen Individualisten Mephistopheles (eine Hommage an Goethes Faust). Und natürlich die leidenschaftliche Lilith, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dem zögerlichen Satan vor der letzten Schlacht ordentlich die Meinung sagt: "We have, still, a chance of winning. That is despite of you, not because of you."

Vor allem aber ist es die kritische Intelligenz der Erzählung, die mich beeindruckt hat. Steven Brust wirft eine Reihe wichtiger Fragen auf, ohne irgendwelche simplen Antworten zu geben.
Wann z.B. rechtfertigt der Zweck die Mittel, und welcher Zweck rechtfertigt welche Mittel?
Satans Zweifel an Yawehs Plan entzünden sich an der Frage, ob es legitim sei, bei der Durchsetzung eines guten Zieles Zwang anzuwenden. Er ist der Meinung, da jeder Engel sein Leben bei dem Kampf gegen das Chaos aufs Spiel setzen muss, sollte auch jeder das Recht haben, sich gegen dieses riskante Unternehmen zu entscheiden. Doch als er sich entgegen seiner ursprünglichen Intention an der Spitze einer Aufstandsbewegung wiederfindet, hilft ihm diese Philosophie nicht mehr weiter. Sein Zurückschrecken vor jeder Gewaltanwendung verhindert nicht nur nicht den Bürgerkrieg, es führt dazu, dass jene, die ihm folgen und ihm vertrauen, dem Angriff von Yawehs Truppen völlig unvorbereitet und damit schutzlos ausgeliefert sind. Er muss erst lernen, dass es seine Aufgabe als Führer ist, auch harte Entscheidungen zu fällen, die seinem mitfühlenden Geist widerstreben, denn als Pazifist kann man keine Kriege gewinnen. Was die beiden Parteien am Ende trennt ist weniger die Frage der Gewalt, als vielmehr der Wahrheit. Um jede Kritik an seinen Entscheidungen zu unterdrücken, schafft Yaweh die Lüge seiner eigenen Göttlichkeit. Er wird damit zum ersten in einer langen Reihe von Führern, die für sich Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen. Dabei nutzt er geschickt die Liebe und das Vertrauen seiner Gefolgsleute aus, was in der Erschaffung Yeshuahs als eines Götzen des Gehorsams seinen symbolischen Ausdruck findet. Satan hingegen bleibt seiner ursprünglichen Überzeugung treu und behauptet zu keiner Zeit, besser als irgendjemand sonst zu wissen, was für alle das Beste ist. Als Führer muss er zwar lernen, Befehle zu erteilen, aber zugleich ist er fest davon überzeugt, dass er diejenigen, die ihm folgen, nicht belügen darf, wenn er sein Ziel nicht verraten will. Freiheit lässt sich nicht mit Lügen erkämpfen. Die Wahrheit ist die stärkste Waffe der Revolution.

In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass Steven Brusts Eltern Jean und Bill Veteranen des amerikanischen Trotzkismus waren , und er sich selbst als ein „Trotskyist sympathizer" bezeichnet. Es schadet nicht, parallel zu To Reign in Hell Trotzkis Büchlein Ihre Moral und unsere zu lesen. Der Roman ist (Luzifer sei Dank!) keine allegorische Darstellung trotzkistischer Orthodoxie, aber er spricht neben vielem anderen auch Fragen an, die in der Auseinandersetzung der Linken Opposition mit dem Stalinismus und seinen Apologeten eine wichtige Rolle spielten. So war es z.B. die feste Überzeugung Trotzkis, die erste Pflicht eines Revolutionärs bestehe darin, der Arbeiterklasse unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, wie hart und unangenehm diese auch sein möge. Und da wir gerade beim Marxismus sind: Yawehs Gründung der Engelschöre und die damit einhergehende Errichtung einer Monarchie im Himmel hat mich an Lenins Ausspruch erinnert, jeder Staat bestehe in letzter Konsequenz aus „besonderen Formationen bewaffneter Menschen" – eine Wahrheit, die den Mitgliedern der amerikanischen Occupy-Bewegung letztes Jahr im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt wurde.

Yawehs Schicksal wiederum zeigt, wie rasch sich ein wohlmeinender Autoritarismus in eine Despotie verwandeln kann, die zu ihrem Erhalt auf immer neue Lügen und Gewalttaten angewiesen ist.

Von besonderer Bedeutung für die Qualität von To Reign in Hell sind die Figuren Sith und Kyriel. Die beiden Freunde gehören zu den ‘einfachen’ Engeln, und wir lernen sie fast nur durch ihre Gespräche kennen, in die wir im Laufe der Erzählung immer wieder hineinlauschen. So ist es uns möglich, die Ereignisse auch ‘von unten’, sozusagen aus der Perspektive des Volkes, zu betrachten. Die Konflikte unter den ‘Erstgeborenen’ und Erzengeln sind ja zuerst einmal Auseinandersetzungen zwischen Vertretern einer Elite. Keiner der Beteiligten wendet sich an die Himmlischen Heerscharen und unterbreitet diesen die strittigen Fragen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sich Sith und Kyriel sehr unsicher verhalten. Da niemand ihnen die relevanten Informationen zukommen lässt, kann man auch nicht erwarten, dass sie sich bewusst für eine Seite entscheiden. Instinktiv stehen sie Yawehs Plan zwar skeptisch gegenüber, dennoch lassen sie sich ohne zu zögern in die Engelschöre eingliedern. Hier zeigt sich Satans zweite große Schwäche. Lange Zeit über hält er sein Zerwürfnis mit Yaweh für ein rein persönliches Problem, obwohl es dabei in letzter Konsequenz um das Schicksal aller Engel geht. Theoretisch ist er zwar ein ‘Demokrat’, aber bis zum offenen Ausbruch des Bürgerkriegs kommt er nicht auf die Idee, dass es seine verdammte Pflicht wäre, die ‘einfachen’ Engel über den Plan und seine Kritik an ihm aufzuklären. Das einzige, woran Engel wie Sith und Kyriel sich orientieren können, sind deshalb verschwommene Gerüchte. Als Michaels Truppen ihr Blutbad unter den Oppositionellen anrichten, desertieren sie (wie viele andere auch), da sie an solchen Verbrechen nicht teilnehmen wollen. Aber sie haben keine klare Vorstellung davon, was nun zu tun sei. Als Satan eigene Truppen aufstellt, um gegen Yaweh zu marschieren, schließen sie sich diesen an, aber man kann dies kaum als eine bewusste Entscheidung bezeichnen. Sie haben schlicht keine Alternative:

"Did you see them, Sith?"
"Yes, Kyriel. What of it?"
"I have an idea of where they're going."
"So?"
"Uh, Sith, you haven't seemed interested in much since – well, since we left. Are you regretting it?"
"No... no, I'm not regretting it. It's more that I don't know what to do."
"I know. That's why I mentioned that army that Michael was leading. I'll bet they're going after Satan. We could follow and join Satan if we wanted to."
"So what? Satan isn't doing anything. You heard him talking as well as I did. What is he doing about anything? He just stood there while they – it doesn't matter."
"Sith, he's all we have."
"Well if he's – oh, I don't know. All right, I guess we can follow them. Why not?"

Als revolutionärer Führer versagt Satan nicht nur durch sein Zögern. Er versteht auch nicht, dass seine Partei nur dann gewinnen kann, wenn diejenigem, die ihm folgen, wirklich wissen, wofür – und nicht bloß wogegen – sie kämpfen. Als die Aufständischen trotz eines Waffenstillstands von Yawehs Engeln attackiert und vernichtend geschlagen werden, läuft Kyriel zum offensichtlich sehr viel besser organisierten und rücksichtsloseren Feind über, denn "the right side is the one that wins." Sith fällt in diesem Kampf. In der Endschlacht an den Ufern des Meeres schließlich steht Kyriel Satan selbst gegenüber:

He [Satan] strode forward to where a group of angels were receiving instructions from Yaweh. As he came near, one of them saw him and moved to interpose himself.
"Who are you?" asked Satan.
"I'm called Kyriel."
"Then move, Kyriel. I'm here to destroy him who you think of as God. If you get in my way, I'll destroy you, too."
Kyriel shook his head. „My best friend has already been destroyed by serving you. You may as well take me, too."
By this time several of the others were moving forward. Satan noticed this and nodded. „Very well, then," he said. There was a flash from his breast, and Kyriel was no more.

Gerade in ihrer Knappheit zeigt diese Szene sehr deutlich, dass auch der gerechteste Krieg grausam und in Bezug auf den einzelnen ungerecht ist. Denn auch der Soldat, der für eine schlechte Sache kämpft, ist in den meisten Fällen ja kein schlechter Mensch. Obwohl Brust die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt anerkennt, ignoriert er doch nicht deren Opfer.

Dies sind nur einige der Themen, die Steven Brust anreißt. Für mich ist To Reign in Hell ein weiterer Beleg dafür, was Fantasy zu leisten vermag. Wenn ihr's noch nicht getan habt, lest diesen Roman!

(Ich derweil überlege mir, ob es nicht an der Zeit wäre, mal wieder den abgegriffenen Milton-Band hervorzukramen.)



(1) George Gordon Byron: Don Juan. Dedication. X, 5-8. In: The Works of Lord Byron. Bd. 6. S. 6.
(2) Nebenbei bemerkt bezog der alte Scharlatan Aleister Crowley, der selber ein eher mittelmäßig begabter Dichter und Swinburne-Epigone war, aus eben dieser Tradition einen Gutteil Inspiration für seine satanistisch-mystische ‘Philosophie’. Na ja, immerhin haben wir dem Somerset Maughans The Magician + die Verfilmung von Rex Ingram (mit Paul ‘Golem’ Wegener als Oliver Haddo=Aleister Crowley) zu verdanken.
(3) Wer sich für literarische Kuriositäten interessiert findet dasselbe Paar auch in der 13. Ausgabe (März 1919) von Max Eastmans sozialistischem Magazin The Liberator. In einer von Arturo Giovanitti verfassten Geschichte mit dem Titel The Senate of the Dead, die dem Andenken des im Januar ermordeten Karl Liebknecht gewidmet ist, nehmen die beiden ihren Platz unter den verdienten Revolutionären der Vergangenheit ein (S. 14). In ihrer Mischung aus Pathos und Schmalz ist die Story leider übelster Revolutionskitsch.
(4) Satan: "Better to reign in Hell than to serve in Heav’n" (I, 263).
(5) Harut ist der Name eines Engels im Qu’ran (Sura 2, 102).
(6) Die Figur des Yeshuah zeigt, wie eng der Bezug zu Milton ist. Für diesen war Christus nämlich keine ewige, sondern eine erschaffene und Gott Vater untergeordnete Person. Seine Proklamation zum König löst in Paradise Lost den Aufstand Satans und seiner Engel aus.