"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 20. Januar 2012

Pleased to meet you

Milton, Satan und Steven Brusts To Reign in Hell

In der Ausgabe #50 von The Geek’s Guide to the Galaxy schwätzen John Joseph Adams und David Barr Kirtley mit Grady Hendrix über den Satan. Dabei kommen sie natürlich auch auf Paradise Lost zu sprechen, denn es gibt wohl kein literarisches Werk, das unsere Vorstellung von Luzifer so nachhaltig geprägt hätte wie John Miltons großartiges Epos. Bedauerlicherweise legen die drei dabei ein mangelndes Verständnis des Dichters und seiner Zeit an den Tag. Bekanntlich trägt Satan in einigen Passagen von Paradise Lost die Züge eines stolzen Rebellen gegen die himmlische Tyrannei, was ihn in den Augen moderner Leserinnen und Leser durchaus sympathisch erscheinen lässt. Und da unsere Geeks wissen, dass Milton zur Zeit des Englischen Bürgerkriegs lebte, stellen sie deshalb die Vermutung auf, die Gestalt des aufrüherischen Engels sei als eine Warnung vor den Folgen eines Umsturzes der gottgewollten Ordnung gedacht gewesen. Das jedoch kann auf keinen Fall stimmen, denn Milton war nicht nur ein Zeitgenosse der Englischen Revolution, sondern auch ein enthusiastischer Mitstreiter im Kampf gegen Charles I., dessen Hinrichtung er öffentlich rechtfertigte. Nach dem Sturz der Monarchie arbeitete er als ‘Secretary for Foreign Tongues’ für die Regierung des Commonwealth und verfasste in dieser Funktion eine Reihe antiroyalistischer und republikanischer Streiftschriften. Sein revolutionärer Optimismus, der schon durch Oliver Cromwells despotische Herrschaft stark getrübt worden war, bekam durch die Restauration der Stuart-Monarchie 1660 zwar endgültig den Todesstoß versetzt, dennoch hielt der Dichter im Herzen der ‘guten, alten Sache’ der Revolution bis zum Ende seines Lebens die Treue, wie u.a. sein Lesedrama Samson Agonistes zeigt. Völlig zurecht schreibt Byron in der Zueignung zum Don Juan über ihn:

He deigned not to belie his soul in songs,
Nor turn his very talent to a crime;

He did not loathe the Sire to laud the Son,
But closed the tyrant-hater he begun. (1)

Wie auch immer man die Gestalt Satans interpretieren will – und das ist eine sehr komplexe Frage –, als antirevolutionärer oder antidemokratischer Buhmann ist er ganz sicher nicht gedacht.

Ich finde es einfach schade, dass auch viele literarisch interessierte Menschen offenbar den historischen Kontext nicht mehr kennen, in dem Paradise Lost entstanden ist. Auch fürchte ich, dass ganz allgemein das Wissen um die Ereignisse der Englischen Revolution mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Revolutionen sind halt nicht mehr en vogue. Wer weiß denn heute noch, dass Großbritannien einmal – wenn auch nur für kurze Zeit – eine Republik gewesen ist? Sensationslüsterne oder sentimentale Berichte über die ‘Royals’ bekommen wir beinahe jede Woche aufgetischt, aber ich habe noch nie eine TV-Sendung über Cromwell oder die Leveller gesehen, von Gerrard Winstanley und den kommunistischen Diggern ganz zu schweigen. Doch vielleicht ist das sogar ganz gut so, denn ich möchte lieber nicht wissen, was Leute wie Guido Knopp mit dem Lordprotector anstellen würden. Sich einmal auf eigene Faust mit dieser Epoche der englischen Geschichte zu beschäftigen, sei dennoch einem jeden empfohlen. Sie ist ebenso spannend wie inspirierend. Mein Buchtip wäre da Christopher Hills Cromwell-Biographie God’s Englishman – selbst schon fast so was wie ein Klassiker.

Wenn mich das, was die Geeks über Milton zu sagen haben, also eher traurig gestimmt hat, bin ich den beiden andererseits ausgesprochen dankbar dafür, dass sie mich zum Lesen eines Buches animiert haben, von dessen bloßer Existenz ich ohne sie nichts gewusst hätte: Steven Brusts To Reign in Hell.

Es waren die englischen Romantiker, die als erste in Satan den wahren Helden von Paradise Lost erblickten. William Blake etwa erklärt in The Marriage of Heaven and Hell: "The reason Milton wrote in fetters when he wrote of Angels & God, and at liberty when of Devils & Hell, is because he was a true Poet and of the Devil’s party without knowing it." Dies war der Beginn einer literarischen Tradition, in der Satan nicht länger der böse Versucher und Erzfeind der Menschheit ist, sondern der stolze Rebell gegen die Despotie Gottes – und damit gegen jede Herrschaft und Hierarchie; der „erste Freidenker und Weltenbefreier" , wie ihn Michail Bakunin nannte. Als Beispiele fallen mir da spontan Charles Baudelaire und die Dichter der Décadence sowie Anatole France mit seinem Roman La révolte des anges (Aufruhr der Engel) ein. (2) Dieses Motiv fand seinen Weg auch in Teile der modernen Fantasy. So schrieb Clark Ashton Smith, der selbst so etwas wie ein später Décadent war und eine Nachdichtung der Fleurs du Mal verfasste, ein Satan Unrepentant betiteltes Gedicht, in dem der gestürzte Engel – "abased, majestic, fallen, beautiful, and unregretful" – in der Finsternis des Abgrunds mit "unsubmissive brow and lifted mind" geduldig dem Tag entgegenschaut, an dem der göttliche Tyrann schließlich doch noch fallen wird – "that hour of consummation and of doom,/ of justice, and rebellion justified." Aber auch in einigen neueren Fantasyromanen begegnen wir ihm. So ist es das Ziel Lord Asriels in Philip Pullmans His Dark Materials, Luzifers Niederlage wiedergutzumachen und eine zweite Revolution gegen ‘the Authority’ (‘Gott’) zu entfesseln. Und in Vellum, dem ersten Band von Hal Duncans The Book of All Hours, taucht Luzifer zusammen mit Prometheus als der Archetyp des ewigen Rebellen auf. (3)

Meiner kleinen Sammlung luziferischer Phantastik kann ich nun also Steven Brusts To Reign in Hell hinzufügen, und der Roman wird darin einen Ehrenplatz bekommen. Am bekanntesten ist Brust sicher für seine Vlad Taltos - Reihe, er gehörte aber auch zur Bordertown-Clique und hat zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Emma Bull (War for the Oaks) mit Freedom and Necessity eines der besten Bücher geschrieben, die ich im vergangenen Jahr das Vergnügen hatte zu lesen. To Reign in Hell gehört zu seinen frühesten Werken (1984). Wie bei His Dark Materials ist der Titel ein Zitat aus Paradise Lost (4), und ich würde wetten, dass Pullman Brusts Buch gelesen hatte, bevor er die Abenteuer Lydia Belacquas aufzuzeichnen begann. Der Bezug zu Miltons Epos ist allerdings sehr viel enger, denn auch Brust erzählt die Geschichte vom Zerwürfnis zwischen Jahwe und Satan, dem Krieg im Himmel und der Erschaffung der Welt. Das Großartige dabei ist, dass er nicht einfach in luziferischer Tradition Gott zum bösen Tyrannen und den Teufel zum idealistischen Revolutionär erklärt. Seine Erzählung ist sehr viel komplexer.

Yaweh (Jahwe) ist nicht der Schöpfer des Universums, sondern bloß einer der ‘erstgeborenen’ Engel, die aus dem Urchaos (‘cacoastrum’) hervorgegangen sind. Er und seine Geschwister Satan, Luzifer, Michael, Raphael, Leviathan und Belial schufen im Kampf gegen dieses Chaos, das sie sofort wieder zu verschlingen suchte, quasi unbewusst einen geordneten Kosmos – den Himmel. Doch in immer neuen Wellen droht das ‘cacoastrum’ die Ordnung zu überschwemmen und zu vernichten. Schon dreimal mussten die Engel gegen diese ‘Flut’ (‘flux’) antreten, und jedesmal wurde dabei neues Leben geschaffen, aber auch altes Leben zerstört. Im Kampf gegen die zweite Welle entstanden u.a. Abdiel, Lilith, Asmodai, Beelzebub, Ariel, Harut (5) und Mephistopheles, im Kampf gegen die dritte die große Masse der Himmlischen Heerscharen. Einige Engel wurden dabei verletzt oder verloren ihre ursprüngliche Gestalt. Leviathan wurde in ein Seeungeheuer, Belial in einen Drachen, Ariel in eine Eule und Beelzebub in einen Hund verwandelt. Harut erblindete. Viele starben.
Um diesen verheerenden Kreislauf zu durchbrechen, schlägt Yaweh vor, dass die Engel aktiv gegen das Chaos vorgehen und einen neuen Weltenbau errichten sollten, der für immer vor der ‘Flut’ sicher wäre. Das Problem ist, dass die Ausführung dieses Planes viele Opfer kosten würde, und keiner der Erzengel, die in ihn eingeweiht sind, ist sich sicher, ob die ‘einfachen’ Engel bereit sein werden, ihr Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Es stellt sich die Frage, ob man sie im Interesse des ‘höheren Guten’ zur Mitarbeit zwingen dürfe.
Satan, der mit der Aufgabe betraut wird, dafür zu sorgen, dass jeder die ihm zugewiesene Arbeit ausführt, beginnt anzuzweifeln, ob er oder irgendwer sonst das Recht hat, seinen Mitengeln den eigenen Willen aufzuzwingen. Aber auch Yaweh ist zu Beginn keineswegs begeistert von der Vorstellung, irgendwem Befehle zu erteilen. Erst der intrigante Abdiel, der es auf Satans Posten abgesehen hat, facht mithilfe von Lügen und Manipulationen einen Konflikt zwischen den beiden an, der sich dann wie von selbst immer weiter verschärft und schließlich zur Errichtung einer Despotie und zum Bürgerkrieg im Himmel führt.
Nachdem Yaweh davon überzeugt worden ist, dass Satan die Ausführung des Plans gewaltsam verhindern wolle, beginnt er bewaffnete Truppen aufzustellen – die neun Engelschöre der christlichen Mythologie. Die ersten Orden (Cherubim und Seraphim) sind noch relativ klein und sollen lediglich dem persönlichen Schutz Yawehs dienen, doch schon bald werden größere Einheiten gebildet, deren Aufgabe die gewaltsame Unterdrückung der Opposition ist. Und natürlich finden sich auch sofort Engel, die sich an der neugewonnen Macht über ihre Brüder und Schwestern berauschen, die bereit sind, blind zu gehorchen, um selbst befehlen zu können.
Beruhte Yawehs Autorität anfangs ausschließlich auf seinem Ansehen und seinen Fähigkeiten, so verwandelt er sich nun sukzessive in das Oberhaupt eines monarchischen Staates. Diese neue Realität verlangt auch nach einer neuen Ideologie, und so erklärt er sich selbst zum Schöpfer und Herrn des Universums. Er tut dies nicht aus Machtgier, sondern weil er glaubt, dass der Plan, der doch dem Nutzen aller Engel dient, nur auf diese Weise zur Ausführung gelangen könne. Das zumindest versucht er sich einzureden. Der Prozess erreicht seinen Höhepunkt mit einer großen Massenversammlung, in deren Verlauf Yaweh, Abdiel und Raphael aus der Liebe und Verehrung der ‘einfachen’ Engel den Gottessohn Yeshuah formen, der sofort zum Erben Yawehs und zum König des Himmelreiches ausgerufen wird. (6)
Die Opposition zeigt sich sehr viel weniger organisiert. Satan ist alles andere als ein geborener Rebell. Lange Zeit verhält er sich unentschieden und zögerlich, wandert relativ ziellos mit seinem Freund Beelzebub durch den Himmel und kann sich zu keiner entscheidenden Tat durchringen. Sein Lieblingssatz lautet: ‘Ich muss darüber nachdenken’. Es sind vor allem die von Abdiel in Umlauf gebrachten Gerüchte und sein Ruf als mutiger Kämpfer, den er sich während der dritten Welle erworben hat, die ihn in den Augen der unzufriedenen Engel dennoch zum einzig möglichen Führer einer Revolution machen. Dabei wäre die impulsive und kompromisslose Lilith für diese Rolle sicher sehr viel besser geeignet. Vor allem ist Satan lange Zeit nicht bereit, sich an die ‘einfachen’ Engel zu wenden, obwohl es ihm doch angeblich um deren Freiheit geht. Erst als Yaweh mit der Erschaffung Yeshuahs die Himmlischen Heerscharen in einen Haufen gläubiger und kniefälliger Untertanen zu verwandeln droht, organisieren Lilith, Luzifer und Asmodai eine Massenversammlung vor den Toren von Satans Festung und zwingen ihn so, endlich öffentlich Stellung zu beziehen. Aber selbst dann noch befürtwortet er den Verhandlungsweg, als die Orden unter Führung Michaels über die Versammelten herfallen, ein Blutbad anrichten und die Festung niederbrennen.
Man hat das Gefühl, es sei vor allem diese Zerstörung seines Heimes und die damit verbundene Demütigung, die Satan dazu bewegen, schließlich den bewaffneten Aufstand zu entfesseln. Als sich durch das Eingreifen des pragmatischen Zaphkiel eine letzte Möglichkeit zur Versöhnung eröffnet, beweist er dann aber doch Prinzipientreue. Um die eigene Autorität nicht zu zerstören, verlangt Yaweh von ihm eine öffentliche Unterwerfung :

"Just what," said Satan, "are you asking?"
"That you publicly say that you were wrong to oppose me. To call on those who trust you to serve me. To back up my claim to being supreme Lord of Heaven. To bow down to Yeshuah as King Anointed after me, the supreme being of Heaven."

Yaweh hat eine Lüge in die Welt gesetzt, um seine Herrschaft zu legitimieren, und nun kann er sie nicht widerrufen, ohne damit auch seine Macht aufzugeben. Doch wenn er wirklich ‘Gott’ ist, dann muss Satan die Rolle des reuigen Sünders spielen, und dazu ist dieser nicht bereit.

Satan's eyes blazed with green fire. "I'll see myself thrown into the flux first!"
Yaweh's eyes opened wide. "I don't understand."
"Every decision you have made, as far as I know, has been right. Every decision I have made, from what I can see, has been wrong. But there is one thing: I have never lied about who I was, what I was doing, or why I was doing it. You have done all of these."
Yaweh started to speak, but Satan cut him off.
"I know why you did it now, and I understand. But I will not support you in these lies and half-truths. All I have left from this mayhem is that I know I was always honest and did the best I could. I will not throw that out.
No! There has been too much. I will not admit to something I think is wrong. Had you gone before all the hosts and simply told them the truth instead of creating a false image of yourself as some sort of god, and creating this, this thing [Yeshuah] here as some sort of demigod, this wouldn't have happened."

So kommt es dann doch zur großen Entscheidungsschlacht an den Ufern von Leviathans Meer, in deren Verlauf die vierte Welle ausgelöst und Satan mit seinen Verbündeten in das Chaos hinausgeschleudert wird. Und während diese verzweifelt versuchen, eine neue Zuflucht im ‘cacoastrum’ zu errichten (die ‘Hölle’), machen sich Yaweh und seine Anhänger daran, den großen Plan in die Tat umzusetzen und unsere Welt zu erschaffen. Der Kampf aber ist nicht zu Ende, er wird wieder aufflammen, wie sich Satan in der Schlusspassage des Buches vor Augen führt, während er über seine vergangenen Fehler und die Zukunft nachdenkt:

He was probably going to be leader of the angels who had fallen from Heaven, whether he wanted to or not. This time he would be a leader, for good or for ill. He looked at the newly formed globe and nodded. Yes, his people would be safe there. But, of course, they had been right: Yaweh would not allow them peaceful access to that place.
So, by that reasoning, why should Satan allow them peaceful access to it either? The new angels who lived there wouldn't know Satan from Yaweh. They would just as soon harbor one as the other. Yaweh, of course, would want them to reject Satan – why shouldn't Satan be equally polite? He nodded to himself. Another war, that's what it would be. This time, the battlefield would be the minds of the weak, new angels.
Yaweh, of course, would lie, and his minions would scheme – Satan would rely on the truth. Yaweh would want to be worshiped. Satan would be content with being accepted.
He knew that, sooner or later, it would become a physical match once more, and they would line themselves up and settle things for good. It might not be soon, but it would happen.
He looked out at the blue-green battlefield and felt pity for the angels over whom they would fight. This time, however, he would not let that stop him. Yaweh had been a good teacher, Heaven a good school. Satan had learned.
Angels and mortals / Sometimes have to pay –

Es gibt vieles, was mich an To Reign in Hell begeistert.

Zuerst einmal liebe ich es, wenn moderne Autoren oder Autorinnen mythologische Stoffe auf kluge Weise neu bearbeiten, und ich mache da keinen Unterschied zwischen christlichen, shintoistischen (Catherynne M. Valentes The Grass-Cutting Sword) oder sumerischen (Hal Duncans Vellum) Mythen.

Dann wäre da die Vielzahl an eigenwilligen Gestalten, die neben Satan und Yaweh die Handlung bevölkern. Die Erzählperspektive springt sehr schnell (manchmal etwas zu schnell) von einem zum anderen. Da gibt es zum Beispiel den Shakespeare-Englisch sprechenden Beelzebub, der als Hund seinem Meister Satan treu, aber keineswegs ‘hündisch’ ergeben ist. Den seine Rede stets in (nicht immer gelungene) Verse kleidenden Träumer Ariel, der zum ersten, tragischen Opfer des Konfliktes wird. Den sensiblen, blinden Musiker Harut (eine Anspielung auf Miltons Blindheit?) und seine Freundin Leviathan, die das Meer nicht verlassen kann und deshalb eher Beobachterin des sich entfaltenden Bürgerkriegs ist, auch wenn sie sich spätestens nach Ariels Ermordung auf die Seite Satans schlägt. Den immer skrupelloser werdenden Ehrgeizling Abdiel. Den nicht besonders schlauen, aber eigentlich grundehrlichen Michael, der dennoch zum Schlächter wird. Den unheimlichen, aber irgendwie auch faszinierenden Yeshuah. Den kleinen Faschisten Camael. Den immer ironischen Individualisten Mephistopheles (eine Hommage an Goethes Faust). Und natürlich die leidenschaftliche Lilith, die kein Blatt vor den Mund nimmt und dem zögerlichen Satan vor der letzten Schlacht ordentlich die Meinung sagt: "We have, still, a chance of winning. That is despite of you, not because of you."

Vor allem aber ist es die kritische Intelligenz der Erzählung, die mich beeindruckt hat. Steven Brust wirft eine Reihe wichtiger Fragen auf, ohne irgendwelche simplen Antworten zu geben.
Wann z.B. rechtfertigt der Zweck die Mittel, und welcher Zweck rechtfertigt welche Mittel?
Satans Zweifel an Yawehs Plan entzünden sich an der Frage, ob es legitim sei, bei der Durchsetzung eines guten Zieles Zwang anzuwenden. Er ist der Meinung, da jeder Engel sein Leben bei dem Kampf gegen das Chaos aufs Spiel setzen muss, sollte auch jeder das Recht haben, sich gegen dieses riskante Unternehmen zu entscheiden. Doch als er sich entgegen seiner ursprünglichen Intention an der Spitze einer Aufstandsbewegung wiederfindet, hilft ihm diese Philosophie nicht mehr weiter. Sein Zurückschrecken vor jeder Gewaltanwendung verhindert nicht nur nicht den Bürgerkrieg, es führt dazu, dass jene, die ihm folgen und ihm vertrauen, dem Angriff von Yawehs Truppen völlig unvorbereitet und damit schutzlos ausgeliefert sind. Er muss erst lernen, dass es seine Aufgabe als Führer ist, auch harte Entscheidungen zu fällen, die seinem mitfühlenden Geist widerstreben, denn als Pazifist kann man keine Kriege gewinnen. Was die beiden Parteien am Ende trennt ist weniger die Frage der Gewalt, als vielmehr der Wahrheit. Um jede Kritik an seinen Entscheidungen zu unterdrücken, schafft Yaweh die Lüge seiner eigenen Göttlichkeit. Er wird damit zum ersten in einer langen Reihe von Führern, die für sich Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen. Dabei nutzt er geschickt die Liebe und das Vertrauen seiner Gefolgsleute aus, was in der Erschaffung Yeshuahs als eines Götzen des Gehorsams seinen symbolischen Ausdruck findet. Satan hingegen bleibt seiner ursprünglichen Überzeugung treu und behauptet zu keiner Zeit, besser als irgendjemand sonst zu wissen, was für alle das Beste ist. Als Führer muss er zwar lernen, Befehle zu erteilen, aber zugleich ist er fest davon überzeugt, dass er diejenigen, die ihm folgen, nicht belügen darf, wenn er sein Ziel nicht verraten will. Freiheit lässt sich nicht mit Lügen erkämpfen. Die Wahrheit ist die stärkste Waffe der Revolution.

In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass Steven Brusts Eltern Jean und Bill Veteranen des amerikanischen Trotzkismus waren , und er sich selbst als ein „Trotskyist sympathizer" bezeichnet. Es schadet nicht, parallel zu To Reign in Hell Trotzkis Büchlein Ihre Moral und unsere zu lesen. Der Roman ist (Luzifer sei Dank!) keine allegorische Darstellung trotzkistischer Orthodoxie, aber er spricht neben vielem anderen auch Fragen an, die in der Auseinandersetzung der Linken Opposition mit dem Stalinismus und seinen Apologeten eine wichtige Rolle spielten. So war es z.B. die feste Überzeugung Trotzkis, die erste Pflicht eines Revolutionärs bestehe darin, der Arbeiterklasse unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, wie hart und unangenehm diese auch sein möge. Und da wir gerade beim Marxismus sind: Yawehs Gründung der Engelschöre und die damit einhergehende Errichtung einer Monarchie im Himmel hat mich an Lenins Ausspruch erinnert, jeder Staat bestehe in letzter Konsequenz aus „besonderen Formationen bewaffneter Menschen" – eine Wahrheit, die den Mitgliedern der amerikanischen Occupy-Bewegung letztes Jahr im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt wurde.

Yawehs Schicksal wiederum zeigt, wie rasch sich ein wohlmeinender Autoritarismus in eine Despotie verwandeln kann, die zu ihrem Erhalt auf immer neue Lügen und Gewalttaten angewiesen ist.

Von besonderer Bedeutung für die Qualität von To Reign in Hell sind die Figuren Sith und Kyriel. Die beiden Freunde gehören zu den ‘einfachen’ Engeln, und wir lernen sie fast nur durch ihre Gespräche kennen, in die wir im Laufe der Erzählung immer wieder hineinlauschen. So ist es uns möglich, die Ereignisse auch ‘von unten’, sozusagen aus der Perspektive des Volkes, zu betrachten. Die Konflikte unter den ‘Erstgeborenen’ und Erzengeln sind ja zuerst einmal Auseinandersetzungen zwischen Vertretern einer Elite. Keiner der Beteiligten wendet sich an die Himmlischen Heerscharen und unterbreitet diesen die strittigen Fragen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sich Sith und Kyriel sehr unsicher verhalten. Da niemand ihnen die relevanten Informationen zukommen lässt, kann man auch nicht erwarten, dass sie sich bewusst für eine Seite entscheiden. Instinktiv stehen sie Yawehs Plan zwar skeptisch gegenüber, dennoch lassen sie sich ohne zu zögern in die Engelschöre eingliedern. Hier zeigt sich Satans zweite große Schwäche. Lange Zeit über hält er sein Zerwürfnis mit Yaweh für ein rein persönliches Problem, obwohl es dabei in letzter Konsequenz um das Schicksal aller Engel geht. Theoretisch ist er zwar ein ‘Demokrat’, aber bis zum offenen Ausbruch des Bürgerkriegs kommt er nicht auf die Idee, dass es seine verdammte Pflicht wäre, die ‘einfachen’ Engel über den Plan und seine Kritik an ihm aufzuklären. Das einzige, woran Engel wie Sith und Kyriel sich orientieren können, sind deshalb verschwommene Gerüchte. Als Michaels Truppen ihr Blutbad unter den Oppositionellen anrichten, desertieren sie (wie viele andere auch), da sie an solchen Verbrechen nicht teilnehmen wollen. Aber sie haben keine klare Vorstellung davon, was nun zu tun sei. Als Satan eigene Truppen aufstellt, um gegen Yaweh zu marschieren, schließen sie sich diesen an, aber man kann dies kaum als eine bewusste Entscheidung bezeichnen. Sie haben schlicht keine Alternative:

"Did you see them, Sith?"
"Yes, Kyriel. What of it?"
"I have an idea of where they're going."
"So?"
"Uh, Sith, you haven't seemed interested in much since – well, since we left. Are you regretting it?"
"No... no, I'm not regretting it. It's more that I don't know what to do."
"I know. That's why I mentioned that army that Michael was leading. I'll bet they're going after Satan. We could follow and join Satan if we wanted to."
"So what? Satan isn't doing anything. You heard him talking as well as I did. What is he doing about anything? He just stood there while they – it doesn't matter."
"Sith, he's all we have."
"Well if he's – oh, I don't know. All right, I guess we can follow them. Why not?"

Als revolutionärer Führer versagt Satan nicht nur durch sein Zögern. Er versteht auch nicht, dass seine Partei nur dann gewinnen kann, wenn diejenigem, die ihm folgen, wirklich wissen, wofür – und nicht bloß wogegen – sie kämpfen. Als die Aufständischen trotz eines Waffenstillstands von Yawehs Engeln attackiert und vernichtend geschlagen werden, läuft Kyriel zum offensichtlich sehr viel besser organisierten und rücksichtsloseren Feind über, denn "the right side is the one that wins." Sith fällt in diesem Kampf. In der Endschlacht an den Ufern des Meeres schließlich steht Kyriel Satan selbst gegenüber:

He [Satan] strode forward to where a group of angels were receiving instructions from Yaweh. As he came near, one of them saw him and moved to interpose himself.
"Who are you?" asked Satan.
"I'm called Kyriel."
"Then move, Kyriel. I'm here to destroy him who you think of as God. If you get in my way, I'll destroy you, too."
Kyriel shook his head. „My best friend has already been destroyed by serving you. You may as well take me, too."
By this time several of the others were moving forward. Satan noticed this and nodded. „Very well, then," he said. There was a flash from his breast, and Kyriel was no more.

Gerade in ihrer Knappheit zeigt diese Szene sehr deutlich, dass auch der gerechteste Krieg grausam und in Bezug auf den einzelnen ungerecht ist. Denn auch der Soldat, der für eine schlechte Sache kämpft, ist in den meisten Fällen ja kein schlechter Mensch. Obwohl Brust die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt anerkennt, ignoriert er doch nicht deren Opfer.

Dies sind nur einige der Themen, die Steven Brust anreißt. Für mich ist To Reign in Hell ein weiterer Beleg dafür, was Fantasy zu leisten vermag. Wenn ihr's noch nicht getan habt, lest diesen Roman!

(Ich derweil überlege mir, ob es nicht an der Zeit wäre, mal wieder den abgegriffenen Milton-Band hervorzukramen.)



(1) George Gordon Byron: Don Juan. Dedication. X, 5-8. In: The Works of Lord Byron. Bd. 6. S. 6.
(2) Nebenbei bemerkt bezog der alte Scharlatan Aleister Crowley, der selber ein eher mittelmäßig begabter Dichter und Swinburne-Epigone war, aus eben dieser Tradition einen Gutteil Inspiration für seine satanistisch-mystische ‘Philosophie’. Na ja, immerhin haben wir dem Somerset Maughans The Magician + die Verfilmung von Rex Ingram (mit Paul ‘Golem’ Wegener als Oliver Haddo=Aleister Crowley) zu verdanken.
(3) Wer sich für literarische Kuriositäten interessiert findet dasselbe Paar auch in der 13. Ausgabe (März 1919) von Max Eastmans sozialistischem Magazin The Liberator. In einer von Arturo Giovanitti verfassten Geschichte mit dem Titel The Senate of the Dead, die dem Andenken des im Januar ermordeten Karl Liebknecht gewidmet ist, nehmen die beiden ihren Platz unter den verdienten Revolutionären der Vergangenheit ein (S. 14). In ihrer Mischung aus Pathos und Schmalz ist die Story leider übelster Revolutionskitsch.
(4) Satan: "Better to reign in Hell than to serve in Heav’n" (I, 263).
(5) Harut ist der Name eines Engels im Qu’ran (Sura 2, 102).
(6) Die Figur des Yeshuah zeigt, wie eng der Bezug zu Milton ist. Für diesen war Christus nämlich keine ewige, sondern eine erschaffene und Gott Vater untergeordnete Person. Seine Proklamation zum König löst in Paradise Lost den Aufstand Satans und seiner Engel aus.

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