"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


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Mittwoch, 2. Mai 2012

Die Goblin Girls sind wieder da!

Seit einigen Tagen öffnet die Frühlingsausgabe von Goblin Fruit allen Freundinnen und Freunden phantastischer Lyrik wieder einmal das Tor zu einer Welt von Poesie und Magie.

Ich muss zugeben, dass ich selbst noch nicht die nötige Ruhe gefunden habe, um die Gedichte auf angemessene Weise zu goutieren. Auch ist selten alles, was Amal El-Mohtar und Jessica P. Wick in ihrem Magazin präsentieren, nach meinem Geschmack. Dennoch kann ich jedem, der sowohl Phantastik als auch Lyrik liebt, einen Besuch bei den Goblin Girls nur wärmstens empfehlen. Als kleiner Appetitanreger zwei (freilich nicht mehr ganz taufrische) Videos:



Montag, 9. April 2012

Zwei Arten Nostalgie (I)


Ich habe mich hier vor einiger Zeit bereits einmal etwas ausführlicher über Steampunk ausgelassen. Nun hat Ann VanderMeer das Inhaltsverzeichnis ihrer in Arbeit befindlichen dritten Steampunk-Anthologie Steampunk Revolution veröffentlicht. Die Liste der Autorinnen und Autoren liest sich recht beeindruckend, sie enthält u.a. Jeffrey Ford, Lev Grossman, N.K. Jemison, Garth Nix, Bruce Sterling, Catherynne M.Valente, Genevieve Valentine und Jeff VanderMeer. Der Band wird auch Amal El-Mohtars großartige Kurzgeschichte To Follow the Waves, sowie eine erweitere Version ihres Essays Towards a Steampunk Without Steam enthalten. In letzterem stellt die Autorin nicht nur die begrüßenswerte Forderung auf, das Subgenre möge endlich aus dem selbstgebauten Gefängnis eines pseudoviktorianischen London ausbrechen, sondern macht auch folgende interessante Bemerkung: "I could write about how steampunk is our Victorian Medievalism – how our present obsession with bustles and steam engines mirrors Victorian obsessions with Gothic cathedrals and courtly love. I could write about nostalgia, about the aesthetics of historical distance, and geek out!"


Ist die viktorianische Ära für Steampunk-Autorinnen und -Autoren tatsächlich das gleiche, was das Mittelalter für romantische und viktorianische Dichter und Dichterinnen gewesen ist? Ist die Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit wirklich ein- und dieselbe?


Parallelen sind ganz ohne Zweifel vorhanden. Aus einer als negativ wahrgenommenen Gegenwart versetzt man sich zurück in eine Vergangenheit, die übersichtlicher, schöner, ‘menschlicher’ und kultivierter erscheint. Das Bild, das von dieser Vergangenheit entworfen wird, orientiert sich in beiden Fällen eher an literarischen Darstellungen als an der historischen Realität. Die Gentleman-Abenteurer und genialen Erfinder des Steampunk haben so wenig oder viel mit dem 19. Jahrhundert zu tun wie Tennysons edle Rittersleut mit dem Europa des Hochmittelalters.
Dennoch existieren da meiner Meinung nach gravierende Unterschiede. Die viktorianischen Künstler lebten in einer Zeit des triumphierenden Industriekapitalismus, und wenn sie ihre sehnsuchtsvollen Blicke zurück auf das Mittelalter lenkten, schauten sie dabei auf ein vorbürgerliches Zeitalter.

Natürlich darf man nicht alle von ihnen über einen Kamm scheren. Der schon erwähnte Alfred Lord Tennyson etwa steckte in seinen Idylls of the King die viktorianische – also bürgerliche – Moral ganz einfach in eine mittelalterliche Ritterrüstung und verlieh ihr so eine romantische Aura. Und Walter Scotts Ivanhoe verkündet in erster Linie die Heilslehre von der nationalen Einheit, in deren Dienst sogar eine so urrebellische Gestalt wie Robin Hood gestellt wird. Doch ausgehend von der englischen Romantik existierte daneben auch eine mehr oder weniger deutlich sich artikulierende antibürgerliche Strömung.

Es würde zu lange dauern, die Beziehung zwischen Romantik und Revolution genauer darzulegen. Doch da dies ein wenig in Vergessenheit geraten zu scheint, sei zumindest auf die bedeutende Rolle hingewiesen, die William Godwin in den romantischen Kreisen gespielt hatte. Der Ehemann der feministischen Pionierin Mary Wollstonecraft (A Vindication of the Rights of Woman) war einer der ersten Theoretiker des Anarchismus, der in seinem Hauptwerk An Inquiry Concerning Political Justice erklärt hatte, dass die Menschheit nach ihrer Befreiung von Privateigentum und staatlicher Gewalt zu quasi grenzenloser Selbstvervollkommnung fähig sei. Selbst Samuel Coleridge, der später zu einem begeisterten Lobsänger von Thron und Altar werden würde, hatte Godwin 1794 als Propheten gefeiert, dessen Stimme "in Passion's stormy day,/ When wild I roam'd the bleak Heath of Distress,/ Bade the bright form of Justice meet my way –/ And told me that her name was Happiness." (1)
Godwins und Wollstonecrafts Tochter Mary erlangte Berühmtheit als Verfasserin von Frankenstein und heiratete Percy Bysshe Shelley, den politisch radikalsten unter den Dichtern der Romantik. Obwohl dieser ganz sicher nichts für die feudalen Überreste in der sozialen und politischen Ordnung seines Vaterlandes übrig hatte, gab er doch der alten Aristokratie mit ihrer Kultiviertheit und ihrem Standesethos in gewisser Hinsicht den Vorzug vor den bürgerlichen Parvenus: "Ihre Mitglieder besitzen eine gewisse edle Großzügigkeit sowie verfeinerte Sitten und Ansichten, die zwar weder Philosophie noch Tugend sind, doch als Ersatz dafür anerkannt werden und zumindest eine Religion darstellen, die gegenüber jenen ehrwürdigen Namen Hochachtung einflößt. Die andere ist eine Aristokratie von Anwälten, Steuereinnehmern, Staatspensionären, Wucherern, Börsenmaklern, Provinzbankiers samit ihrer Gefolg- und Nachkommenschaft. Das ist eine Klassen von Schuften, die anderen die Haut abziehen und in deren Dienst für die Übung der edleren Fähigkeiten des Geistes kein Raum ist, nicht einmal für deren Mißbrauch."(2)

Von dieser Position aus konnte man natürlich sehr leicht zu ausgesprochen reaktionären Ansichten gelangen, hatte doch auch Edmund Burke – der geistige Vater des britischen Konservatismus – in seinen Reflections on the French Revolution gejammert: "[T]he age of chivalry is gone. That of sophisters, economists, and calculators, has succeeded; and the glory of Europe is extinguished for ever." (3) Aber während Burke den Kapitalismus rechtfertigte, indem er erklärte: "[The laws of commerce [...] are the laws of nature, and consequently the laws of God"(4), konnte die Sehnsucht nach dem Mittelalter bei anderen Denkern mit einem heftigen Angriff auf das bürgerliche Gesellschaftssystem einhergehen. Thomas Carlyle etwa sprach in seinem 1843 erschienen Buch Past and Present seinen Bannfluch über das bürgerliche England aus und stellte ihm zugleich das mittelalterliche Kloster von St. Edmundsbury als positiven Gesellschaftsentwurf entgegen. Wortgewaltig verurteilte er die ‘aufgeklärte Selbstsucht’ der liberalen Ökonomen: "Free-trade, Competition, and Devil take the hindmost, our latest Gospel yet preached!" Anders als diese sah er in einem Zustand, in dem die Gesellschaft in isolierte Individuen zerfallen war, die in ständiger Konkurrenz zueinander standen, und das Geld zum einzigen Vermittler gesellschaftlicher Beziehungen geworden war, nichts natürliches. Ganz im Gegenteil: "[W]e for the present, with our Mammon-Gospel, have come to strange conclusions. We call it a Society; and go about professing openly the totalest separation, isolation. Our life is not a mutual helpfulness; but rather, cloaked under due laws-of-war, named 'fair competition' and so forth, it is a mutual hostility. We have profoundly forgotten everywhere that Cash-payment is not the sole relation of human beings; we think, nothing doubting, that it absolves and liquidates all engagements of man. [...] Cash-payment never was, or could except for a few years, be the union-bond of man to man. Cash never yet paid one man fully his deserts to another; nor could it, nor can it, now or henceforth to the end of the world." (5) Im Feudalismus des Mittelalters erblickte Carlyle nicht zu unrecht eine Gesellschaft, die auf völlig anderen Grundlagen beruht hatte. Sein Freund und ‘Schüler’ John Ruskin, der bedeutendste Kunstkritiker des Viktorianismus, führte diese Gedanken weiter fort.

Ruskin ist eine der faszinierendsten Gestalten des viktorianischen Englands. Berühmt geworden durch sein entschiedenes Eintreten für das Werk des Landschaftsmalers J.M.W. Turner im ersten Band seiner Modern Painters (1843), wurde er ab 1848 zum Inspirator und Förderer der Präraffaeliten und leistete mit The Seven Lamps of Architecture (1849) und The Stones of Venice (1851-53) einen wichtigen Beitrag zur neuerlichen Wertschätzung der gotischen Architektur. Zudem formulierte er in seinen Schriften Grundsätze wie den der ‘Materialgerechtigkeit’, die die Arts and Crafts - Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und auch noch das Bauhaus beeinflussen sollten. Bis 1848 von strenger evangelikaler Frömmigkeit, wandte er sich nach einer zehnjährigen, schmerzhaften Glaubenskrise 1858 von der Religion ab. Hatte bisher Gott im Zentrum seiner Weltanschauung und Ästhetik gestanden, so nahm diesen Platz von da ab der Mensch ein. Dies führte ihn u.a. dazu, sich verstärkt mit sozialen und ökonomischen Fragen zu beschäftigen, was ihn schließlich mit Büchern wie Unto this Last (1860), Munera Pulveris (1862/63), The Crown of Wild Olive (1866), Time and Tide (1867) und Fors Clavigera (1871-80) zum vielleicht bekanntesten radikalen Gesellschaftskritiker seiner Zeit machte.
Im fünften Band von Modern Painters (1860) beschreibt Ruskin im Rahmen einer allegorischen Interpretation von Turners Gemälde The Goddess of Discord Choosing the Apple of Contention in the Garden of the Hesperides, worin für ihn das ‘große spirituelle Faktum’ seiner Zeit bestand: im Aufstieg des ‘Drachen’, des "evil spirit of wealth", der als neuer Gott Britanniens über einem schwefelfarbenen "paradise of smoke" thront. (6) Ebenfalls in Modern Painters formuliert er das ‘Gesetz der Hilfe’, das sich als grundlegendes Gesetz des Lebens in der Komposition eines Gemäldes ebenso ausdrücken müsse wie in der Organisation einer Gesellschaft: "Composition may best be defined as the help of everything in the picture by everything else. [...] Government and cooperation are in all things and eternally the laws of life. Anarchy and competition, eternally, and in all things, the laws of death." (7) Wie Carlyle erschien deshalb auch ihm die durch den Kapitalismus herbeigeführte Atomisierung der Gesellschaft als zutiefst unnatürlich. Sie war in seinen Augen das Symptom einer schleichenden und tödlichen Krankheit. Die liberale politische Ökonomie Adam Smiths und David Ricardos verwarf er in Unto this Last als pseudowissenschaftliche Rechtfertigung nackter Selbstsucht. Die Wirtschaft habe nicht der blinden Akkumulation des Kapitals, sondern der Bereicherung des Lebens zu dienen: "[T]he real science of political economy, which has yet to be distinguished from the bastard science, as medicine from witchcraft, and astronomy from astrology, is that which teaches nations to desire and labour for the things that lead to life: and which teaches them to scorn and destroy the things that lead to destruction." Der Gedankengang gipfelt in Ruskins berühmter Definition des Reichtums: "THERE IS NO WEALTH BUT LIFE. Life, including all its powers of love, of joy, and of admiration. That country is the richest which nourishes the greatest number of noble and happy human beings; that man is richest who, having perfected the functions of his own life to the utmost, has also the widest helpful influence, both personal, and by means of his possessions, over the lives of others." (8) Doch eben diese Art Reichtum kann der Kapitalismus nicht schaffen.

Amal El-Mohtar schreibt von der Begeisterung der Viktorianer für gotische Kathedralen, und es war gerade Ruskins intensive Beschäftigung mit gotischer Kunst und Architektur, die ihn zu einigen seiner interessantesten Ideen führte. In The Nature if Gothic hebt er die ‘Grobheit’ (‘Roughness’) als einen der charakteristischen Züge dieser Kunstform hervor. Gotische Bauten, Steinmetzarbeiten und Skulpturen sind nicht perfekt, aber gerade das ist Teil ihrer künstlerischen Größe. Denn diese Unvollkommenheit ist Ausdruck wahrer Menschlichkeit. Jeder Mensch besitzt ein kreatives Potential, aber kein Mensch ist perfekt. Wünscht man eine makellose Ausführung, so muss man – anders als die gotischen Baumeister – die Kreativität des einzelnen Handwerkers ersticken: "Observe, you are put to a stern choice in this matter. You must either make a tool of the creature, or a man of him. You cannot make both. Men were not intended to work with the accuracy of tools, to be precise and perfect in all their actions. If you will have that precision out of them, and make their fingers measure degrees like cog-wheels, and their arms strike curves like compasses, you must inhumanize them. All the energy of their spirits must be given to make cogs and compasses of themselves [...] On the other hand, if you will make a man of the working creature, you cannot make a tool. Let him but begin to imagine, to think, to try to do anything worth doing; and the engine-turned precision is lost at once. Out come all his roughness, all his dulness, all his incapability [...]: but out comes the whole majesty of him also." Das Studium der Gotik führte Ruskin so ganz wie von selbst zu einer scharfen Kritik der modernen, industriellen Produktionsweise, die den Arbeiter seiner Menschlichkeit beraubt, sein schöpferisches Potential abtötet, ihn zu einer ‘lebenden Maschine’ macht. "[T]o feel their souls withering within them, unthanked, to find their whole being sunk into an unrecognized abyss, to be counted off into a heap of mechanism numbered with its wheels, and weighed with its hammer strokes, this nature bade not; this God blesses not; this humanity for no long time is able to endure." Eine wichtige Rolle spielt dabei die immer weiter fortschreitende Arbeitsteilung: "We have much studied, and much perfected, of late, the great civilized invention of the division of labour; only we give it a false name. It is not, truly speaking, the labour that is divided; but the men: – Divided into mere segments of men – broken into small fragments and crumbs of life; so that all the piece of intelligence that is left in a man is not enough to make a pin, or a nail, but exhausts itself in making the point or the head of a nail." Dazu gehört vor allem auch die strikte Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit: "We are always in these days endeavouring to separate the two; we want one man to be always thinking, and another to be always working, and we call one a gentleman, and the other an operative; whereas the workman ought often to be thinking, and the thinker often to be working, and both should be gentlemen, in the best sense. As it is, we make both ungentle, the one envying, the other despising, his brother; and the mass of society is made up of morbid thinkers, and miserable workers. Now it is only by labour that thought can be made healthy, and only by thought that labour can be made happy, and the two cannot be separated with impunity."
Ruskin gelangte auf diese Weise zu Einsichten, wie wir sie ganz ähnlich auch bei Fourier und Marx finden. In seiner Gegenüberstellung von feudalem und bürgerlichem England zeigte sich wie nie zuvor das revolutionäre Potential der romantischen Mittelalterbegeisterung:
"There might be more freedom in [medieval] England, though her feudal lords’ lightest words were worth men's lives, and though the blood of the vexed husbandman dropped in the furrows of her fields, than there is while the animation of her multitudes is sent like fuel to feed the factory smoke, and the strength of them is given daily to be wasted into the fineness of a web, or racked into the exactness of a line.
And, on the other hand, go forth again to gaze upon the old cathedral front, where you have smiled so often at the fantastic ignorance of the old sculptors; examine once more those ugly goblins, and formless monsters, and stern statues, anatomiless and rigid; but do not mock at them, for they are signs of the life and liberty of every workman who struck the stone; a freedom of thought, and rank in scale of being, such as no laws, no charters, no charities can secure; but which it must be the first aim of all Europe at this day to regain for her children."
Der widernatürliche und unmenschliche Charakter, den die Arbeit im industriellen Kapitalismus angenommen hat, bildet für Ruskin den Kern der modernen Misere. Diese kann deshalb auch nicht behoben werden, indem man die Arbeiter belehrt oder ihnen Moralpredigten hält, "for to teach them is but to show them their misery, and to preach to them, if we do nothing more than preach, is to mock at it. It can be met only by a right understanding, on the part of all classes, of what kinds of labour are good for men, raising them, and making them happy; by a determined sacrifice of such convenience, or beauty, or cheapness as is to be got only by the degradation of the workman; and by equally determined demand for the products and results of healthy and ennobling labour." (9)

John Ruskin war der wohl bedeutendste Vertreter eines romantisch-konservativen Antikapitalismus im viktorianischen England, und er und seine Ideen spielen eine zwar wenig beachtete, aber dennoch nicht ganz unwichtige Rolle in der ‘Vorgeschichte’ der modernen Fantasy. Nicht nur gehörte zu seinen engen Freunden George MacDonald, der mit Büchern wie Phantastes und Lilith zurecht als einer der Gründerväter des Genres gilt, von ihm führt auch eine direkte Entwicklungslinie zu G.K. Chesterton & Hilaire Belloc, sowie darüber hinaus – so zumindest meine Überzeugung – zu J.R.R. Tolkien. Vor allem aber war er der große Vorgänger und Inspirator von William Morris.

Zeigen uns Ruskins Werke einerseits, zu was der konservative Antikapitalismus in seinen besten Momenten fähig war, so demonstriert uns sein Leben andererseits, dass diese Philosophie in eine Sackgasse führen musste. Auch wenn er sich mitunter als ‘Kommunist’ bezeichnete, liefen seine Reformbestrebungen, zu deren Umsetzung er 1871 die Guild of St.George gründete, letztenendes auf eine Wiederbelebung des zünftigen Handwerks hinaus. Seine Größe bestand darin, in einer Zeit, in der die Bourgeoisie nach dem Zerfall der Chartistenbewegung die britische Gesellschaft so gut wie unangefochten dominierte, seine geistige Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Doch es war nicht allein die Feindschaft der ‘guten Gesellschaft’, die ihn zu jener immer größeren Isolation verdammte, die schließlich auf tragische Weise sein Schicksal besiegeln sollte. Voller Verbitterung schrieb er 1873 im siebzehnten Brief von Fors Clavigera: "St. George’s war! Here since last May [...] have I been asking whether any one would volunteer for such a battle? Not one human creature, except a personal friend or two, for mere love of me, has answered." (10) Es fanden sich weder die wohlmeinenden Geschäftsleute, die seine Gilde finanziert hätten, noch die respektvollen Proletarier, die wild darauf gewesen wären, sich in zünftige Handwerker verwandeln zu lassen. Fünf Jahre später wandte Ruskin sich erneut der Religion zu und entwickelte außerdem eine Faszination für den damals äußerst populären Spiritismus, wobei seine unglückliche Liebe zu der im selben Jahr verstorbenen Rose la Touche eine wohl nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Die von Halluzinationen begleiteten psychischen Zusammenbrüche, die ihn ab Februar 1878 heimsuchten, mögen vielfältige Ursachen gehabt haben. So besteht kein Zweifel, dass er ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität hatte. Aber das schreckliche Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit, das ihn nächtliche Kämpfe mit dem Satan ausfechten ließ, während sich die Gegenstände in seinem Zimmer in "fantastic, malignant, and awful imps and devils and witches" (11) verwandelten, verschmolz zunehmend mit seiner Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Er sah sich umgeben von einer vom Teufel beherrschten Welt, die scheinbar unaufhaltsam auf den Abgrund der Hölle zusteuerte. Blickte er aus dem Fenster seines Refugiums Brantwood im idyllischen Lake District, so sah er über dem Horizont Englands – einer apokalyptischen Warnung gleich – jene pestilenzialischen Wolken auftauchen, die er 1884 in seiner bizarren Schrift The Storm-Cloud of the Nineteenth Century beschrieben hat. So gesehen gewinnt Ruskins Wahnsinn symbolische Bedeutung.
Der romantisch-konservative Antikapitalismus war an einem Scheidepunkt angelangt. Aus sich selbst heraus konnte er keine lebensfähige Alternative zur herrschenden Gesellschaftsordnung entwickeln, sondern war dazu verurteilt, zu einem bloßen Antimodernismus zu degenerieren – durchsetzt mit wirren Träumen von einer Rückkehr zum Feudalismus und erfüllt vom Geist der Hoffnungslosigkeit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden wir viele seiner Vertreter im Umfeld der faschistischen Bewegungen.
Die einzige Alternative zu dieser Entwicklung bestand darin, die Grenzen des radikalen Toryismus endgültig zu überschreiten und sich einem Sozialismus zuzuwenden, der nicht wie Ruskins ‘Kommunismus der alten Schule’ in einer Mischung aus Thomas Mores Utopia, radikaler Agrarreform und mittelalterlichem Zunfthandwerk bestand. Der Aufstand der Pariser Kommune von 1871 brachte Ruskin beinahe dazu, die Bedeutung des Klassenkampfes zu verstehen. Im siebten Brief von Fors Clavigera schrieb er: "The Real War in Europe, of which this fighting in Paris is the Inauguration, is between these [Capitalists] and the workmen, such as these have made him." (12) Aber auch wenn er die Kapitalisten für den Ausbruch der Revolution verantwortlich machte, folgte er in seiner Darstellung der Aufständischen als brandschatzende Vandalen ganz der bürgerlichen Propaganda. Wäre er auf unmittelbarere Weise mit einer revolutionären Massenbewegung konfrontiert worden, so hätte er vermutlich ähnlich wie Carlyle reagiert, der die europäische Revolution von 1848 mit seinen protofaschistischen Latter-Day Pamphlets beantwortet hatte. Im England seiner Zeit war dies jedoch nicht der Fall. Die Jahrzehnte, in denen Ruskin seine Gedanken entwickelte, waren geprägt durch einen mächtigen Wirtschaftsauf-schwung, der bis 1873 – dem Beginn der sog. ‘Großen Depression des 19. Jahrhunderts’ – anhielt. Auf dieser Grundlage entstand eine Gewerkschaftsbewegung, die ausschließlich ökonomische und sozialreformerische Ziele verfolgte und der es tatsächlich gelang, den Lebensstandard eines Teils der britischen Arbeiterklasse anzuheben. Auf das bürgerliche Publikum mussten Ruskins Ideen fürchterlich radikal wirken, doch in Wirklichkeit bildeten auch sie nur einen Teil dieser reformistischen Strömung. Erst William Morris würde den alles entscheidenden Schritt tun, und damit der dem konservativen Antikapitalismus entwachsenen Tradition eine neue Entwicklungsmöglichkeit eröffnen.


(1) To William Godwin, Author of 'Political Justice'. In: The Complete Poetical Works of Samuel Taylor Coleridge. Bd. 1. S. 86
(2) Percy Bysshe Shelley: Die Reform aus philosophischer Sicht. In: Ders.: Dichtung und Prosa. S. 582f.
(3) Edmund Burke: Reflections on the French Revolution. S. 126.
(4) Edmund Burke: Scarcity. S. 22. Zit. nach: Linda C. Raeder: The Liberalism/Conservatism of Edmund Burke and F.A. Hayek: A Critical Comparison.
(5) Thomas Carlyle: Past and Present. S. 99; 87 & 109.
(6) Vgl.: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 5-6.
(7) Zit. nach: George P. Landow: Ruskin. Kap. 3.
(8) John Ruskin: Unto This Last: Ad Valorem.
(9) John Ruskin: The Nature of Gothic. S. 17f.; 22; 22f.; 29; 19f.; 23.
(10) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 226.
(11) Zit. nach: George P. Landow: The Aesthetic and Critical Theories of John Ruskin. Kap. 4-3.
(12) John Ruskin: Fors Clavigera. Bd. 1. S. 97.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Teutonen-Steampunk (II)

(Anmerkungen eines Ignoranten)

Frustriert darüber, dass sich die großen deutschen Verlage offenbar nicht für Steampunk zu begeistern vermögen, machte sich Stefan Holzhauer (alias 'Professor Xanathon') im letzten Jahr daran, einen alternativen Weg für die Veröffentlichung deutschsprachiger Steampunk-Stories zu schaffen. (1) Seine selbstgestellte 'Mission' beschrieb er wie folgt:

Das Projekt STEAMPUNK-CHRONIKEN ist ein Experiment – ein Experiment, von dem ich derzeit noch nicht sagen kann, ob es erfolgreich sein wird. Aber das ist gerade das Spannende an Experimenten. Es geht um Autoren, um Leser, um Veröffentlichungen und um eBooks. Und selbstverständlich geht es auch um spannenden Lesestoff.
Es heißt:
- die "großen, etablierten" deutschen Verlage sagten: "Steampunk interessiert niemanden"
- eBooks sind ungeliebt, teuer und mit DRM verseucht
- Man muss bei einem Verlag unterkommen, um etwas veröffentlichen zu können
- Ohne Copyright und DRM geht in Sachen eBooks gar nichts
Ich sage:
- Falsch!

Herausgekommen ist dabei die Kurzgeschichten-Anthologie Æthergarn ein hübsch anzusehendes eBook, das man sich hier für umme runterladen kann (auch wenn freiwillige Geldgaben natürlich willkommen sind). Der erste Band der Steampunk-Chroniken enthält die folgenden zehn Stories:

- Das Herz, der Schlund und das Blut von Tedine Sanss (2)
- Die Jagd nach dem Kometentier von Sean O'Connell
- Lillys Zukunft von Andreas Dresen
- Die Jesaja-Mission von Alexandra Keller
- Den Tod falsch einsortiert von Andreas Wolz
- Ruf der Sterne von Tanja Meurer
- Es ist nicht leicht, kein Held zu sein von Bernd Meyer
- Die Schatten des Æthers von Andreas Suchanek
- Gedanken an Schmetterlinge von Thomas Wüstemann
- Die letzte Grenze von Dieter Bohn

Es widerstrebt mir, mit dem Ergebnis eines so idealistischen und sympathischen Projektes gar zu hart ins Gericht zu gehen. Doch andererseits ist niemandem geholfen, wenn über die deutlichen Schwächen der Anthologie hinweg gesehen wird.

Carsten Steenbergen, Autor und Mitglied des Steamtown-Teams, schreibt in seinem Vorwort:
"Für die im Sonnlicht blinkende Rückseite des Edelmetalls – den Punk – muss man die ausgetretenen Pfade verlassen, bereit sein, sich gegen die allgemeine Meinung der Gesellschaft (beziehungsweise der Verlage und Buchhändler) zu stemmen. Vor allem Konventionen Konventionen sein lassen."
Leider jedoch wirken die meisten der hier versammelten Geschichten auf mich alles andere als unkonventionell, und auch vom Punk habe ich nur wenig spüren können.

Die mit Abstand interessanteste Story ist Thomas Wüstemanns Gedanken an Schmetterlinge. Sie unterscheidet sich so deutlich vom Rest der Anthologie, dass ich sie mir für das Ende aufsparen will. Was an den übrigen neun zuerst einmal auffällt ist, dass keine von ihnen eine Alternative zu dem sattsam bekannten pseudoviktorianischen Ambiente zu entwickeln versucht. ‘Deutschen’ Steampunk bekommen wir also nicht geboten (auch wenn der Protagonist von Lillys Zukunft einen deutschen Namen trägt). Erstaunlich (und etwas beunruhigend) fand ich es, dass die Frage des Kolonialismus außer in Bohns Die letzte Grenze nirgends angesprochen wird. Wenn man die Geschichten liest, könnte man den Eindruck bekommen, es würde überhaupt kein Empire geben. Mit ein Grund dafür mag aber auch das übergeordneten Thema der Anthologie – Raumfahrt in der Ära des Steampunk – gewesen sein, denn dieses führt beinahe automatisch fort von den gesellschaftlichen Realitäten des viktorianischen England in eher ‘klassisch’ scientifictionale Gefilde.

Ein besonders krasser Beleg dafür ist Suchaneks Die Schatten des Æthers. Die Geschichte hat genau genommen überhaupt nichts mit Steampunk zu tun, sondern ist eine fürchterlich banale SciFi-Story (gefleddert wurden u.a. die Leichen von Invasion of the Body Snatchers, Alien und Event Horizon), in die ein paar steampunkige Gimmicks eingebaut worden sind, während das britische Königreich die Rolle der Star Trek - Föderation übernommen hat (das Ætherschiff Berlin besitzt eine multinationale Besatzung, zu der u.a. ein asiatischer [!!] Offizier gehört, der allerdings nicht Sulu heißt) und die Marsianer als Ersatz-Vulkanier fungieren. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie diese Story ihren Weg in die Anthologie gefunden hat.

Doch keine Angst, Suchaneks Geschichte ist nicht repräsentativ für Æthergarn. Am nächsten steht ihr noch Sean O’Connells Die Jagd nach dem Kometentier. Über die Hatz auf ein Weltraumungeheuer lässt sich wenig gutes oder schlechtes berichten. Wirklich geärgert hat mich allerdings, dass der Autor das Schiff seiner Helden Pequod genannt hat. Wer auf Moby Dick anspielt, sollte schon etwas mehr zu bieten haben als eine simple Monsterjagd. Und wo wir gerade bei Anspielungen sind: Dass ein marsianisches Ætherschiff den Namen Utopia Planitia trägt, mag man noch mit dem Argument durchgehen lassen, dass so ja eine Tiefebene auf dem Roten Planeten heisst, aber wenn unser Captain dann auch noch anfängt, Earl Grey zu schlürfen, muss der kleine Trekkie in mir doch laut aufstöhnen. Falls irgendein tieferer Sinn in diesen Star Trek - Reminiszenzen stecken soll, dann ist er wohl in Richtung des ‘Boldly go where no man has gone before’ zu suchen. Doch für mich hat die sinnlose Jagd auf eine exotische Kreatur nichts mit dem Forscherdrang von Picard & Co zu tun. Andererseits lässt sich die Geschichte aber auch nicht als Kritik am Großwildjägertum der viktorianischen ‘Entdecker’ lesen (was sehr schön gewesen wäre), dazu sind die Ähnlichkeiten mit dem Walfang (einem harten Beruf, keinem Gentlemansport) zu augenfällig. Und was zum Teufel hat der Begriff ‘Oortsche Wolke’ in einer Steampunkgeschichte zu suchen? Jan Hendrik Oort postulierte die Existenz der nach ihm benannten ‘zirkumsolaren Kometenwolke’ erstmals in den 1950er Jahren! Dieser atmosphärische Fauxpax zeigt sehr schön, dass auch O’Connells Story letztenendes nichts anderes ist als oberflächlich auf Steampunk gestylte SciFi-Dutzendware.

Wenden wir uns den interessanteren Teilen der Anthologie zu. Tedine Sanss verfolgt in Das Herz, der Schlund und das Blut ein ehrenwertes Ziel. Sie will den Dreck und das Elend offenlegen, die sich unter der glänzenden Oberfläche der pseudoviktorianischen Steampunkwelt verbergen. Leider bedient sie sich dazu einer viel zu simplen Methode. Sie lässt einen bornierten Society-Journalisten zufällig auf das Maschinendeck eines Ætherschiffs stolpern, wo er dann von einem der Arbeiter herumgeführt wird und zu sehen bekommt, wieviel Schweiß und Opfer es kostet, dieses stolze Gefährt in den Weltraum aufsteigen zu lassen. Als Leser fühlt man sich dabei auf ähnliche Weise geschulmeistert wie der Protagonist. Und das ist kein gutes Gefühl. Denn es ist ja nicht so, als hätten wir das nicht ohnehin schon gewusst. Statt uns stampfende Kolben und schwitzende Proletarier zu zeigen, wäre es nötig gewesen, uns auf dramatische Weise – also anhand lebendiger Figuren, ihrer Empfindungen und Interaktionen – spüren zu lassen, was es bedeutet, in einer Gesellschaft von so krasser Ungleichheit zu leben. Wieder einmal zeigt sich, dass gute Vorsätze leider noch keine guten Geschichten machen.

Der Plot von Lillys Zukunft wirkt auf den ersten Blick wie ein echt grauenhaftes Klischee: Netter Junge aus der Oberschicht versucht die goldherzige Prostituierte, in die er sich verliebt hat, aus den Klauen ihres fiesen Zuhälters zu befreien. Oh Gott! Doch glücklicherweise ist Andreas Dresens Geschichte ein gut Stück intelligenter als ich anfangs befürchtete. Sein naiver Protagonist Johann identifiziert sich nämlich mit den Helden der zeitgenössischen Abenteuerliteratur:
Alles, was er wusste, hatte er von seinem Privatlehrer gelernt und aus den Büchern seines Vaters. Aus ihnen wusste er, wie er sein Leben gestalten wollte und wie man sich als Held zu benehmen hatte. So wie Phileas Fogg seine Aouda in Jules Vernes »In achtzig Tagen um die Welt« vom Scheiterhaufen der Brahmanen rettete und aus Indien mit ins zivilisierte London nahm, so wollte er seine Lilly den Klauen Eugenes entreißen und entführen in ein besseres Leben an seiner Seite in den Kolonien. Kein Widerstand, keine Gefahr waren zu groß, um dieses edle Ziel zu erreichen. Dass sich sein Vater um die Details kümmern müsste, störte Johann nicht mehr. Denn auch Phileas Fogg wäre ohne seinen Diener Passepartout wahrscheinlich noch nicht einmal über den Ärmelkanal gekommen." (S. 60)
So lässt sich Johanns letztlich erfolgloser Versuch, seine Angebete zu retten, sehr wohl als eine Kritik an der Weltfremdheit und dem inhärenten  Chauvinismus und Paternalismus des viktorianischen Bildes vom Gentleman-Helden lesen. Die Machinaisten mit ihrer Maschinenreligion wirken dabei freilich wie überflüssiges Beiwerk. Sie hinterlassen den Eindruck, als habe der Autor mit ihnen zweifelsfrei beweisen wollen, dass seine Geschichte das Label Steampunk verdient.

Der erfrischend ironische Ton von Alexandra Kellers Die Jesaja-Mission ließ mich einiges erwarten, doch leider hat mich die Auflösung um so mehr enttäuscht. Was als Satire auf das kolonialistische ‘Entdeckertum’ (inklusive christlichem Missionseifer) beginnt, endet in einer etwas wirren Story über superintelligente Ratten, die offenbar die Invasion der Erde planen. Es kann aber auch sein, dass ich da irgendwas mit dem ‘Rattenmenschen’ von Todt nicht mitbekommen habe. Eine Anspielung vielleicht? Wenn, worauf? Ich bin etwas verwirrt. Denn sprachlich hätte die Autorin wirklich sehr viel mehr erreichen können. Besonders gut hat mir eine Szene gefallen, die aus der Sicht des Bordhundes Attila geschrieben ist.

In Andreas Wolz’ Den Tod falsch einsortiert geht es um mechanische Kalkulatoren (3) und den ‘menschlichen Faktor’, aber irgendwie hat mich das alles kalt gelassen. Nicht dass es eine schlechte Geschichte wäre, sie enthält bloß nichts, was mein Interesse hätte wecken können. Auch habe ich eine tiefe Abneigung gegen Stories, die Auftragskiller in einem sympathischen Licht erscheinen lassen, auch dann, wenn es sich bei ihren Opfern ‘bloß’ um jene handelt, die ‘ihrer gerechten Strafe’ entgangen sind. Selbstjustiz als „Müllabfuhr der Gerechtigkeit" (S. 104) ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. (Womit ich natürlich nicht sagen will, Wolz würde solche Taten tatsächlich gut heißen. Aber sie sollen offenbar keinen Abscheu in uns auslösen.)

Mit Tanja Meurers Ruf der Sterne tue ich es mir aus anderen Gründen schwer. Wie man auf ihrer Website erfahren kann, hat die Autorin bereits früher Geschichten über Annabelle Talleyrand – eine Wissenschaftlerin in einem mechanischen Körper – und ihre Freundin Zaida – eine unsterbliche angolanische Magierin – geschrieben. Derzeit arbeitet sie an einem Roman über die beiden. Insofern ist es vielleicht verständlich, dass wir in Ruf der Sterne nur wenig Hintergrundsinformationen über das Paar erhalten. Für den unbedarften Leser ist das allerdings ziemlich irritierend. Annabelles Roboterkörper mag man als Steampunk-Gimmick abbuchen, aber was soll man mit der seltsamen Zauberin anfangen, die einen kurzen Auftritt hat (und offenbar eine wichtige Person ist), jedoch absolut nichts von Bedeutung für die Handlung beiträgt? Apropos Zaida: Vielleicht werde ich in nächster Zeit einmal etwas über die Stories schreiben, die Tanja Meurer auf ihrer Website veröffentlicht hat. Da das Element, das mir bei diesen besonders große Probleme bereitet, in Ruf der Sterne kaum vorhanden ist, beschränke ich mich darauf, ganz vorsichtig die Frage zu stellen, ob ich der einzige bin, für den eine afrikanische Magierin in einem viktorianisch-englischen Setting ein bisschen nach Exotismus schmeckt? Zur Beurteilung der vorliegenden Story sehr viel wichtiger sind freilich einige recht gravierende Logiklöcher. Sollte tatsächlich niemand außer der brillanten Annabelle in der Lage sein, zu erkennen, dass die angeblichen Raumschiffe gemäß newtonscher Gesetze unmöglich fliegen können? Und warum ermordet Ingenieur Erhardt, der den Tod seines Sohnes rächen will, nicht einfach seinen Partner Vock, sondern jagt stattdessen ein ganzes Werk mitsamt einhundertfünfzig Arbeitern in die Luft? Wahnsinn? Das ist mir eine etwas zu simple Begründung.

Mit Es ist nicht leicht, kein Held zu sein betreten wir erneut humoristische Gefilde. Die Ironie ist manchmal vielleicht etwas bemüht, aber alles in allem ist die Geschichte über den gar nicht heroischen, sondern eher etwas trägen und versnobten Sir Geoffrey, von dem dennoch jeder erwartet, dass er als ein ‘echter Nelson’ ein geborener Kriegsheld sein müsse, wirklich amüsant. Am Ende rettet Butler Lionel den Tag und die Familienehre seines Herren.

Und dann wäre da noch Dieter Bohns Die letzte Grenze, eine Geschichte, die mich trotz eines wirklich originellen Einfalls, verärgert zurück gelassen hat. Thema ist mal wieder der erste Flug zum Mond, was technisch anders, aber nicht wirklich realistischer, als bei Verne oder Wells abläuft. An Bord der der Explorer befinden sich Lord Nicolas McGuire, Lord Ralph Cumberland und Lady Ellen Thornton. Während Cumberland ein erzkonservativer Vertreter von König und Vaterland ist, gibt Lady Ellen die Radikale. McGuire ist in erster Linie Gentleman. Während ihres Flugs in den Weltraum ergehen sie sich in erhitzten Streitgesprächen, wobei es vor allem um den Fluch oder Segen des Kolonialismus geht. Das hört sich dann so an:
»Und was geschieht, wenn wir diese neuen Welten erobert haben?«, fragte die junge Frau [...]. »Werden wir dann das Leid, mit dem wir unseren eigenen Planeten zu Grunde richten, auch auf neue Planeten exportieren? Ich war in Afrika und ich habe gesehen, was wir zivilisierten Weißen mit den schwarzen Eingeborenen gemacht haben! Sie haben uns mit offenen Armen empfangen – und wir machten Leibeigene aus ihnen!« »Mich dünkt, Eure Ansichten sind recht … liberal, Mylady«, sagte Lord Cumberland mit einem missbilligenden Heben der Augenbraue. »Bei Ihnen klingt das wie ein Schimpfwort! Spricht es denn gegen die Würde unseres Standes, die Würde anderer Menschen … die Würde aller Menschen zu achten?« (S. 191f.)
Oder so:
»Warum sind Sie überhaupt mitgekommen? Auf einer Reise, die möglicherweise das Fundament für neue Kolonien legt?« »Um zu verhindern, dass Menschen wie Sie für Gott und den König Besitz von anderen Wesen und deren Ländereien ergreifen und zugrunde richten – wie es in Afrika oder der Neuen Welt geschehen ist!« »Sie beleidigen Ihr Land, Mylady! Wenn Sie ein Mann wären…« »Was dann? Würden Sie mir dann in männlichem Imponiergehabe den Fehdehandschuh hinwerfen? Um einen Menschen, der anderer Meinung ist als Sie, mundtot zu machen? – Ja nicht auf die Argumente der anderen hören, lieber gleich diese Meinung tilgen(S. 197f.)
Habe ich mich bei den übrigen Geschichten darüber beklagt, dass sie die Existenz des Empire einfach ignorieren, so ist diese Behandlung des Themas für mich genauso unbefriedigend. Zuerst einmal ist es nie gut, wenn man als Schriftsteller eine Figur als Sprachrohr für die eigenen Ideen verwendet. Außerdem hätte man in der Aristokratie des edwardianischen England mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemanden mit ähnlich fortschrittlichen Ansichten finden können. Niemand hätte sie als ‘liberal’ bezeichnet. Einen so entschiedenen Antikolonialismus vertraten zu dieser Zeit nur die Anhänger und Anhängerinnen der radikalen sozialistischen Linken. Selbst die Fabier (4) und Henry Hyndman – der Führer der Social Democratic Federation – lehnten den Kolonialismus nicht grundsätzlich ab, sondern wollten ihn bloß reformieren und ‘humanisieren’. Erschwerend kommt hinzu, dass Cumberland und Lady Ellen Karrikaturen, keine Personen sind.
Der wahre Held der Geschichte ist der ‘gemäßigte’ Lord Nicolas, der sich weniger Gedanken über das Empire oder andere politische oder weltanschauliche Fragen macht, sondern sich stattdessen lieber in die streitbare Lady verliebt,  „dieses aufgeschlossene, scharfzüngige, quirlige, streitbare, starke … und zarte Wesen" (S. 196). Allein schon diese Formulierung lässt einen befürchten, wohin das ganze sich entwickeln wird. Und – leider leider – man wird nicht enttäuscht. Den großen Gag, der den Höhepunkt der Handlung bildet, möchte ich hier nicht verraten. Es sei nur so viel gesagt, dass die ‘letzte Grenze’ aus dem Titel nicht nur eine Anspielung auf Star Trek 5 ist. Was mich jedoch wirklich angekotzt hat – ein milderer Ausdruck wird meinen Gefühlen nicht gerecht –, ist, dass wir es bei Bohns Story letztenendes mit der x-ten Variante des ‘radikale Emanze wird durch die Liebe eines Mannes von ihren überspannten Ideen geheilt’ zu tun haben. Denn natürlich sinkt Ellen am Ende aufseufzend in die Arme ihres Nicolas, und sobald die beiden auf die Erde zurück gekehrt sind, wird’s ans Kindermachen gehen:
»Wird man uns überhaupt glauben, Nicolas?« Seit dem Start hatte sie seine Nähe gesucht, so als bräuchte sie in einen Halt für ihr Leben. »Dürfen wir das den Menschen überhaupt sagen?« »Die Wahrheit lässt sich nicht verschweigen! Eine Weile kann man sie vielleicht unterdrücken, aber es werden andere kommen.« Nicolas legte seinen Arm um sie … und sie ließ es sich gefallen. Die Zeiten des demonstrativen Zurschaustellens ihrer Unabhängigkeit waren vorbei. [...] Er drückte seine Stirn an ihre. »Ich werde bei Dir sein und wir werden die Unruhen, die da kommen mögen, überstehen. Gemeinsam!« Sie sah ihn mit einem Augenaufschlag an und ein klein wenig blitzte in ihren Augen der Lausejunge auf. »Dann können wir die Geheimnisse vielleicht Nicolas John McGuire, dem Vierten, überlassen?« (S. 206f.)

Wenden wir uns lieber ganz schnell Thomas Wüstemanns Gedanken an Schmetterlinge zu!
Was an dieser Geschichte sofort positiv auffällt ist die Originalität des Settings. Endlich einmal kein pseudoviktorianisches England, keine korsetttragenden Ladies und distinguierten Gentlemen. Stattdessen finden wir uns an Bord des mexikanischen ‘Drachen’ (Luftschiffs) Acalli (5) wieder, der im Auftrag der jungen Republik in den Kampf gegen die ehemalige Kolonialmacht Spanien zieht. Wüstemann kombiniert die Geschichte des Mexikanischen Unabhängigkeitskrieges von 1810-21 mit Steampunk-Elementen. Kommandant der Acalli ist Agustin de Iturbide, der allerdings eher wie eine Mischung aus dem realen ‘Libertador’ und dem ‘Napoleon des Westens’ López de Santa Anna wirkt. Seine Rolle in dieser Alternativhistorie ist zudem ungleich bedeutender als in der realen Geschichte Mexikos, da die Aufständischen nur dank seiner in den Besitz der überlegenen, auf Dampfkraft basierenden Technologie der Spanier gelangt sind. Seitdem gilt er als der große Held der Revolution.

Eine der faszinierendsten Aspekte des ‘Drachen’ ist die (der patriotischen Ideologie seiner Erbauer entsprungene) Verknüpfung von Technik und aztekischer Mythologie:
Die Acalli war das erste Schiff, das in Auftrag und alleiniger Ausführung der neu entstandenen Republik gebaut worden war, und es stand ganz im Zeichen der Geschichte. Mateo war ein Nahua, ein Nachfahr der großen Azteken. So blickte er mit dem Gedanken an seine Ahnen auf den Schlund des Drachen, jedes Mal wenn er eine Schaufel Kohle ins Feuer beförderte: die metallene Verkleidung der Maschine war verziert mit Ideogrammen aus der alten Zeit, einer Darstellung von Mictlan, der Unterwelt, und von Mictlantecuhtli, dem Herrscher über die Toten. Dies war die Art der Konstrukteure, die Hierarchien an Bord zu versinnbildlichen – hier unten herrschten der Tod und das Feuer. Oben an Deck, an der Spitze des Schiffes, thronte Ehecatl, der Herr des Windes, und lenkte sie in die Kälte der Stratosphäre." (S. 161)
In diesem mythischen Element drückt sich auch etwas von der Beziehung zwischen den Arbeitern und der riesigen Maschine aus. Das Luftschiff ist für sie beinahe so etwas wie ein Lebewesen, doch sehen sie in ihm nicht etwa eine Art Reittier (was ja vielleicht naheliegend wäre), sondern eher ein quasigöttliches Ungeheuer, dem sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Aus gutem Grund wird das Maschinendeck mit der Unterwelt identifiziert, die dort schuftenden Maschinisten als „namenlose Höllendiener" (S. 171) beschrieben.
Held der Geschichte ist der fünfzehnjährige Emilio, ein ebenso verträumter wie nachdenklicher Junge, der auf Drängen seiner Mutter und unter der Obhut des ‘Drachenbändigers’ (Maschinisten) Mateo an Bord der Acalli gelangt ist und dort als einer der ‘Weichensteller’ dient, „die über große Ventile den Verlauf des Dampfes durch das Schiff" lenken. Seine Beziehung zu dem ‘Drachen’ ist vielschichtig und ambivalent. Technisch interessiert – er liest entsprechende Handbücher – pflegt er zugleich eine quasiromantische Sicht auf die ihn umgebende Welt: „Wenn die rotglühenden Dampfzirkel, die durch die Rohre schießen, Schmetterlinge wären, dachte Emilio heute, dann wäre das Okular mein Schmetterlingsnetz, mit dem ich sie in meinem Kopf konserviere. Ich darf nur den Gedanken an sie nicht verlieren" (S. 165). Doch vielleicht ist letzteres auch nur ein Versuch, sich etwas von der ‘Unschuld’ und Sicherheit seiner Vergangenheit als Hütejunge zu bewahren. Denn noch stärker als seine Kameraden spürt er das Ausgeliefertsein an die (Kriegs)Maschine, der er ‘dient’: „Als Emilio den Blick nach unten senkte [...] entdeckte er einen Vogel, der kaum einen Kilometer unter dem Schiff und weit über den letzten Wolken die Schwingen ausbreitete. [...] Der Vogel kann Reißaus vor dem Drachen nehmen, dachte Emilio. Ich muss gemeinsam mit dem Ungeheuer zurück zum Boden. Oder mit ihm sterben" (S. 163). „Emilio fühlte sich sehr verloren. In seinem alten Leben, da hatte er die Dinge beeinflussen können. Wenn ihm eine Pflanze einzugehen drohte, dann gab er mehr Wasser. Wenn ihm ein Pflug kaputtging, dann reparierte er ihn mit allem, was eben greifbar war – zumeist ein starkes Stück Seil. Hier war er den Geschehnissen ausgeliefert. Er hatte die Kontrolle verloren" (S. 165).
Ich habe Wüstemanns Story als eine Geschichte über den Menschen im mechanisierten Krieg der Moderne gelesen, abhängig von den Entscheidungen einer Elite, die ihm so fremd ist wie die Götter, und zu einem Rädchen im Getriebe einer Maschinerie degradiert, von der sein Überleben abhängt und die er als einzelner nicht beeinflussen kann. Als Gruppe sind es zwar die Maschinisten, die den ‘Drachen’ kontrollieren und die darum de facto über sehr viel mehr Macht verfügen, als die Offiziere, wie Emilio ganz richtig erkennt: „Er [Iturbide] mochte der Held einer Nation sein, aber hier, als Kommandant der Angriffsarmee, war er dem Verlauf der Ereignisse so ausgeliefert wie jeder an Bord. Ohne seine Mannschaft war er verloren. So hatten die Drachenbändiger am Ende vielleicht mehr Kontrolle als die oberste Hoheit selbst. Wenigstens konnten sie das Schiff steuern und notfalls die Flucht einleiten" (S. 169). Auf sich allein gestellt ist jedoch ein jeder von ihnen vollkommen machtlos. Sie sind „gesichtslose Menschen, die gegen die Technik kämpften" (S. 173).
Die Geschichte erreicht ihren Höhepunkt mit der unausweichlichen Schlacht gegen ein spanisches Luftschiff. Und immer wieder wird die Hilflosigkeit der Menschen, ihre Unterordnung unter die (Kriegs)Maschine hervorgehoben. Als Emilio mexikanische Soldaten auf dem schwerelosen Schlachtfeld der Stratosphäre kämpfen sieht, heißt es von ihnen: „Die Gesichter waren hinter Apparaten verborgen, die sie mehr dem Schiff anglichen, als sie noch menschlich erscheinen zu lassen. [...] So ist es also, wenn Drachen kämpfen, dachte er. Man lässt alles Menschliche fallen und wird Teil der Bestie" (S. 173). Er selbst wird zu so einer maskierten Marionette gemacht, als man ihn losschickt, das beschädigte Rahsegel des ‘Drachen’ zu reparieren: „Aller Widerstand strömte aus Emilio heraus. Dann sollte es halt so sein. Er wurde einer der Gesichtslosen, ein Rad im Getriebe der Drachen-bändiger und erfüllte seine Pflicht. Vorbei waren die Träumereien. Er setzte die Maske auf [...] Von jetzt an, dachte Emilio noch, sehe ich alles aus dem Blickfeld des Drachen" (S. 174).
Schließlich opfert sich Emilio in einem heldenhaften Akt zur Verteidigung der Acalli, und scheint so zu beweisen, „dass dieses eine Mal tatsächlich eine Person das Schicksal der anderen in der Hand hatte" (S. 181). Doch selbst als Toter bleibt er ein Werkzeug in den Händen anderer. Noch bevor die Nachricht von seinem Tod seine Mutter erreicht hat, wird sich die Regierung bereits seiner bemächtigt und ihn zu einem Propaganda-Märtyrer für das Vaterland gemacht haben.

Gedanken an Schmetterlinge ist nicht makellos. Stilistisch hätte die Geschichte durchaus noch die eine oder andere Überarbeitung vertragen können. Dennoch bildet sie das Kronjuwel der Anthologie.
Allerdings muss ich zum Schluss doch noch ein paar kritische Anmerkungen über das alternativhistorische Setting loswerden. So sehr es mich gefreut hat, einmal das pseudoviktorianische England hinter mir lassen zu dürfen, frage ich mich doch, ob die Epoche nach dem Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg eine kluge Wahl gewesen ist. Die Geschichte erwähnt neben Luftschiffen und gepanzerten Schienenwagen mehrfach Radiosendungen. Tatsächlich scheint das Radio so weit verbreitet zu sein, dass es das wichtigste Propagandamittel der Republik bildet. Das gibt der Erzählung das Flair des beginnenden 20., nicht des beginnenden 19. Jahrhunderts. Wäre es da nicht sinniger gewesen, wenn Wüstemann sich an der Mexikanischen Revolution von 1911 orientiert hätte? Tatsächlich scheint er die Inspiration für einige Elemente seiner Geschichte eher aus dieser Ära bezogen zu haben. So waren es meines Wissens nach erst die mexikanischen Nationalisten und Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, die sich wieder vermehrt auf die indianischen Wurzeln ihrer Heimat zurückbesannen, man denke z.B. an Diego Riveras gewaltige Wandgemälde am Palacio Nacional in Mexico City: (1), (2). Das reale Iturbide-Regime hätte sich kaum auf die aztekische Tradition berufen. (Nahuatl war glaube ich sogar verboten). Auch die betont ‘revolutionäre’ Propaganda passt eher zu den nationalistischen Regierungen des 20. Jahrhunderts. Für gut sieben Jahrzehnte wurde der mexikanische Staat schließlich von der Partido Revolucionario Institucional beherrscht. In vielerlei Hinsicht wäre eine solche Orientierung allerdings gleichfalls problematisch gewesen. Es hätte z.B. keine spanische Kolonialmacht gegeben, gegen die die Acalli hätte kämpfen können. Das Regime, das in Wüstemanns Geschichte aus dem Aufstand hervorgegangen ist, nennt sich zwar Republik, ist jedoch offenbar eine Oligarchie der ‘Hoheiten’. Das entspricht in etwa dem Ausgang des Unabhängigkeitskrieges, im Falle der Revolution von 1911 wäre eine solche Darstellung hingegen zu simpel gewesen. Da das Thema seiner Geschichte nicht Revolution, sondern mechanisierter Krieg ist, kann ich Wüstemanns Entscheidung letztlich nachvollziehen. Dennoch wirkt das Setting etwas irritierend, wie eine Steampunk-Story, die während der Napoleonischen Kriege spielt – und ich weiß nicht, ob Temeraire mit Zeppelinen an Stelle von Drachen funktionieren würde.

Auch wenn mich Æthergarn also nicht gerade vom Hocker gerissen hat, hoffe ich natürlich dennoch, dass Stefan Holzhauer sein Projekt Steampunk-Chroniken fortsetzen wird, und bin gespannt, was der bereits angekündigte Band 1.5 zu bieten haben wird. Was mich freuen würde, wäre allerdings, wenn sich die beteiligten Autorinnen und Autoren in Zukunft etwas mehr von inzwischen auch schon recht verstaubten Konventionen lösen würden. Warum immer aus der Perspektive von Mitgliedern der privilegierten Oberschicht erzählen? Und warum sich auf die Welt eines pseudoviktorianischen England beschränken? Thomas Wüstemann hat gezeigt, dass es auch anders geht.
Welch faszinierende Möglichkeiten sich eröffnen, wenn man das viktorianische Korsett einmal gesprengt hat, zeigt z.B. das Tasneem Project des britisch-muslimischen Anarchisten Yunus Yakoub Muslim (alias Julaybib Ayoub). Oder Amal El-Mohtars großartige, erstmals in SteamPowered I veröffentlichte Kurzgeschichte To Follow the Waves, die man sich bei PodCastle anhören kann. (Viele Steampunker würden vermutlich behaupten, dass das ja kein 'echter' Steampunk ist, aber die Ansichten von Spießern gleich welcher Couleur gehören geflissentlich ignoriert).

Und wer jetzt zum Abschluss noch ein bisschen Musik genießen will, den verweise ich auf John Anealios Steampunk Girl.


(1) Ein Interview mit Holzhauer über das Projekt findet sich im Zauberspiegel.
(2) Man kann sich Tedine Sanss' Geschichte auch auf dem Fantasy Channel von Rena Larf vorlesen lassen.
(3) Ob er dabei wohl an Charles Babbage und seine 1832 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte 'Difference Engine' gedacht hat?
(4) Die Fabian Society war eine reformsozialistische Organisation, zu deren prominentesten Mitgliedern George Bernard Shaw, H.G. Wells, Edith Nesbit, Virginia Woolf, Annie Besant, Ramsay MacDonald sowie Sidney & Beatrice Webb gehörten.
(5) 'Acalli' bedeutet 'Schiff' in Nahuatl, der Sprache der Azteken.

Dienstag, 24. Januar 2012

Sword & Sorcery unter dem Halbmond

Wie C.S.E. Cooney vorgestern in ihrer unnachahmlich mitreißenden Art auf Black Gate verkündet hat, ist endlich Saladin Ahmeds erster Roman Throne of the Crescent Moon erschienen! Eine Nachricht, auf die ich seit über einem Jahr sehnsüchtigst gewartet habe, auch wenn es sicher noch einige Zeit dauern wird, bis ich selber das Buch in Händen halten kann.
   
Der Name Saladin Ahmed begegnete mir zum ersten Mal im November 2010, als Black Gate ein Gespräch zwischen dem arabisch-amerikanischen Schriftsteller und Mythpunk-Poetin Amal El-Mohtar veröffentlichte, in dem sich die beiden über die Darstellung von islamischen und arabischen Kulturen in der Fantasy unterhalten. Dabei müssen sie leider konstatieren, dass es im Genre nach wie vor von stereotypen, wenn nicht offen rassistischen Zerrbildern nur so wimmelt. Wie Saladin Ahmed sehr richtig bemerkt: "If you’ve got a fantasy map at the beginning of the book, you can be pretty sure that, to the east of the Europeish landmass, there will be a big ol’ desert, and it will be inhabited by fierce, proud nomads who wear flowing robes and chop people’s heads off. This handful of central casting shtick is a stark contrast to history’s reality of remarkably varied Islamic cultures."
Wie so oft haben wir es dabei natürlich auch mit Altlasten der Gründerväter zu tun. Man denke nur an Robert E. Howards Shemites und C.S. Lewis' unsägliches Calormen. In Tolkiens Werken findet sich zwar nichts ähnlich offensichtliches, aber bei der Schilderung von Saurons Truppenaufmarsch und der Schlacht auf den Pelennor-Feldern schimmert doch recht deutlich das Vorbild des in der mittel-alterlichen Literatur beliebten Motivs vom großen Kampf zwischen Okzident und Orient durch.
Auch wenn man so etwas dem alten Mediävisten vielleicht noch durchgehen lassen kann, bei heutigen Fantasyautoren ist es kaum verzeihlich, wenn sie in ihren Sekundärwelten "‘Islam’ and ‘Arab’ to a stock set of signifiers" reduzieren, als da wären: "fanaticism, honor, violence, sexism, absolutism, scimitars, veils, turbans, and, above all, the harsh, unforgiving desert that produces a harsh, unforgiving people."*

Erst recht nicht in unserer Zeit.
Schon während seiner Jugend im Detroiter Arbeiterviertel Dearborn bekam Saladin Ahmed den antiarabischen Rassismus sehr deutlich zu spüren, wie er auf seiner Website erzählt: "By the early 1980s, Dearborn was also rapidly, if reluctantly, becoming home to the country’s largest concentration of Arab Americans. The racism this aroused in some of the town’s white residents stays with me to this day: The man who was mayor for most of my youth got elected using brochures bemoaning 'the Arab problem.' There were board of education meetings full of screaming white parents trying to prevent Arab kids from being bussed into 'their' schools. The Arab American community center that my father helped found was burned to the ground twice by arsonists. Twice."
In den letzten zehn Jahren dürfte das in mancherlei Hinsicht nur noch schlimmer geworden sein. Stimmungsmache gegen Muslime gehört in den meisten westlichen Staaten inzwischen zum politischen Alltag, derweil dieselben Staaten neokoloniale Kriege in islamischen Ländern wie dem Irak, Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, Libyen – morgen vielleicht schon Syrien oder dem Iran  – führen.
Natürlich sind stereotype Darstellungen aller möglichen Kulturen in der Fantasyliteratur nicht eben eine Seltenheit. In diesem Kontext halte ich es jedoch für doppelt wichtig, die klischeehaften Zerrbilder, die das Genre über den Islam verbreitet, ins Visier zu nehmen. Man betrachte sich etwa Peter V. Bretts leider sehr erfolgreichen Bücher Das Lied der Dunkelheit (The Painted Man) & Das Flüstern der Nacht (The Desert Spear). Diese lassen sich ohne große Probleme als Übertragung der Post-9/11-Paranoia eines Islamophoben in die Gefilde von Faërie interpretieren.

Glücklicherweise gibt es aber auch Gegenbeispiele. So gab das Apex Magazine im November 2010 (damals noch mit Catherynne M. Valente als Redakteurin) eine ganz 'arabisch-islamischen' Themen gewidmete Ausgabe heraus – quasi als Antwort auf Elizabeth Moons berüchtigten islamo-phoben 'Citizenship'-Blog. Das Team von Cabinet des Fées reagierte gleichfalls sehr entschieden. Auch Howard Andrew Jones' The Desert of Souls soll in dieser Hinsicht erstaunlich gut sein.** Oder wie wäre es mit Nisi Shawls wunderhübscher Kurzgeschichte The Pragmatical Princess?

Aber selbstverständlich sind es nicht in erster Linie 'politische' Gründe gewesen, die mich so ungeduldig auf Throne of the Crescent Moon haben warten lassen. Vielmehr hatte mir die Lektüre seiner Kurzgeschichten Where Virtue Lives und Judgement of Swords and Souls gezeigt, dass wir von Saladin Ahmed wirklich gute – und damit meine ich ebenso spannende wie intelligente Sword & Sorcery in einer phantastisch-islamischen Welt erwarten durften. Ich freue mich einfach darauf, ein ganzes Buch lang an der Seite des alten, weltweisen Ghul-Jägers Adoulla Makhslood, seines arg tugendhaften Schülers Raseed bas Raseed und des Kriegermädchens Zamia*** durch die brodelnden Straßen von  Dhamsawaat zu streifen. Wilde Kämpfe mit abscheulichen Monstern, politische Intrigen um den Kalifen und den 'Falcon Prince' sowie die Gefühle eines alternden Helden (Adoulla ist über 60!) – das ist es, was ich von Throne of the Crescent Moon erwarte. Und wenn ich C.S.E. Cooneys Urteil trauen darf, wird mich Saladin Ahmed nicht enttäuschen. Ich kann sie so gut verstehen, wenn sie schreibt: "If Throne had been a bad book, I’d have been cast down to the depths of despair and egregious woe and aggressive lethargy from my disappointment." Doch stattdessen – "the Happy Dance." Ich möchte mittanzen!


* Ich musste da sofort an die Novadis aus Das Schwarze Auge denken, allerdings enden meine Kenntnisse über Aventurien in den frühen 1990er Jahren.
** Auf SF Signal kann man von ihm auch einen interessanten Artikel über die 'Wurzeln arabischer Fantasy' lesen.
*** Gut, Zamia kommt nicht in Where Virtue Lives vor, aber wenn ich mir Layla bas Layla aus Judgment anschaue, weiß ich, dass sie mich nicht enttäuschen wird.