"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 6. Januar 2013

Englands green & pleasant Land

Vor einiger Zeit habe ich hier im Zusammenhang mit Ingrid Pitt schon einmal den 1981 erstmals ausgestrahlten Fernsehfilm Artemis '81 erwähnt, in dem die Vampirlady in einer kleinen Nebenrolle als "Hitchcock Blonde" zu sehen ist. Dabei erklärte ich auch, dass ich mir aufgrund seines eigenartigen Charakters kein echtes Urteil über den Streifen erlauben werde, bevor ich ihn nicht wenigstens ein weiteres Mal gesehen habe.
Das ist bisher noch nicht geschehen, doch habe ich dafür einiges über den Drehbuchautor David Rudkin hinzugelernt, was eine erneute Beschäftigung mit Artemis '81 erst recht interessant erscheinen lässt. Rudkin gehört offenbar zu den bedeutenden Vertretern der britischen Phantastik – sowohl in der Welt des Theaters {er schuf u.a. eine Bühnenfassung von Bulgakows Der Meister und Margarita}, als auch in der des Kinos {das Drehbuch für François Truffauts Fahrenheit 451 stammte aus seiner Feder}, vor allem aber in der des Fernsehens. So zeichnete er u.a. für die hübsch verstörende Adaption von M.R. James' The Ash-Tree verantwortlich, die 1975 im Rahmen der traditionellen Ghost Stories for Christmas gesendet wurde. Noch sehr viel faszinierender aber ist sein Fernsehspiel Penda's Fen aus dem Jahre 1974.

Regisseur Alan Clarke, der eher für sozialrealistische und explizit politische Werke bekannt ist, hat einmal erklärt, ihm selbst sei nicht ganz klar, worum es in Penda's Fen eigentlich gehe. Tatsächlich macht es einem der Film nicht unbedingt leicht. Folgende Szenen mögen einen ungefähren Eindruck von seiner eigenwilligen, symbolistischen Ästhetik vermitteln:



Verglichen mit Artemis '81 scheint mir Penda's Fen dennoch sehr viel zugänglicher zu sein. Hatte ich dort das Gefühl, höchstens ab und an einige Grundthemen erahnen zu können, so fügt sich hier nach und nach alles zu einem einigermaßen verständlichen Bild zusammen. Manche Einzelteile wirken zwar auch dann noch mysteriös, aber alles in allem hinterlässt der Film einen zwar vielschichtigen, aber nicht unnötig verwirrenden Eindruck. Nichtsdestotrotz bleibt er offen für unterschiedliche Interpretationen, und ich würde meine eigene weder als die einzig mögliche noch notwendigerweise als die "korrekte" bezeichnen. Dem Werk von Rudkin und Clarke wäre eine wiederholte Betrachtung und eine ebenso detaillierte wie ausführliche Auseinandersetzung angemessen. Alles, was ich hier leisten kann, ist, ein paar der Gedanken zu skizzieren, die mir nach meiner allerersten Begegnung mit ihm gekommen sind. Und ich fürchte, auch das wird mir nicht besonders gut gelingen.

Der siebzehnjährige Stephen (Spencer Banks), Sohn eines Pastors und Schüler an einer Art Kadettenanstalt, ist aufgrund seines Mangels an "Männlichkeit", seines Desinteresses an Rugby und ähnlichen Sportarten, seiner Liebe zur klassischen Musik usw. ein von Lehrern wie Mitschülern verachteter und verspotteter Außenseiter. Zu Beginn des Filmes versucht er seine Einsamkeit durch ein krampfhaftes Hochhalten der traditionellen Werte von Patriotismus, Autorität und christlicher Religion sowie durch eine ungemein irritierende Arroganz zu kompensieren. Im Laufe der Geschichte gelingt es ihm, diesen Panzer aufzubrechen und seine Stellung zu sich selbst, seinen Mitmenschen und der Welt neu zu definieren, um am Ende als ein selbstbewusstes Individuum ins Erwachsenendasein hinaustreten zu können. Wichtige Wendepunkte sind dabei u.a., dass er seine eigene Homosexualität anzunehmen lernt, und mit der Erkenntnis konfrontiert wird, dass er ein Adoptivkind ist. Im Laufe dieser Entwicklung stellt er nach und nach all die Werte in Frage, die er so lange mit Feuereifer vertreten hat, um sie schließlich zu verwerfen.

Im Zentrum des Filmes scheint mir das Thema Tradition zu stehen, das jedoch nicht auf einseitig ablehnende, sondern auf differenziertere Weise angegangen wird. Viele der in dieser Hinsicht bedeutungsvollen Details werden mir vermutlich schon allein deshalb entgangen sein, weil es um explizit englische Traditionen geht  – nicht unbedingt mein Spezialgebiet. So bin ich z.B. nur sehr unzureichend vertraut mit dem musikalischen Werk von Edward Elgar (1857-1934), das eine wichtige Rolle in Penda's Fen spielt. Zwar habe ich mir inzwischen eine Aufführung seines Oratoriums The Dream of Gerontius angehört, aber das lässt sich wohl kaum als "Vertrautheit" bezeichnen. Dennoch glaube ich, dass selbst mein bescheidenes Wissen ausreicht, um zu verstehen, warum gerade Elgar eine so prominente Stellung in der Erzählung einnimmt.  Einerseits ist er von patriotischen Kreisen zu einer Art nationalen Ikone gemacht worden und gilt dort als der "englische" Komponist schlechthin. Eine Passage aus Pomp and Circumstance ist heute vermutlich vor allem in Form der jingoistischen Hymne Land of Hope and Glory* bekannt. Andererseits sah sich Elgar selbst stets als eine Art Außenseiter in der britischen Gesellschaft. Künstlerisch stand er ganz in der Tradition der kontinentaleuropäischen klassischen Musik. Sozial fühlte er sich als ein aus einfachen Verhältnissen stammender Mann im extrem standesbewussten und versnobten britischen Establishment nie wirklich heimisch. Und religiös blieb er als gläubiger Katholik immer der misstrauisch beäugte und heimlich verachtete "Papist".  Seine Person und sein Werk verkörpern darum sehr gut den ambivalenten Charakter der Tradition, um den es in Penda's Fen geht.

Die Tradition, der sich Stephen zu Beginn vepflichtet fühlt, ist die "offizielle" Tradition der herrschenden Elite: Nationaler Chauvinismus, Autoritarismus und die Bigotterie der organisierten Religion. Aber es gibt auch eine andere Tradition. Eine Tradition des Nonkonformismus, der Rebellion. Letztere findet ihre symbolische Verkörperung in der Gestalt von König Penda. Die Geschichte spielt in dem Dorf Pinvin in Worcestershire, dessen Name ursprünglich "Penda's Fen" bedeutet haben soll. Der historische Penda von Mercia (gest. 655) war der letzte große heidnische angelsächsische Herrscher. Bei Rudkin wird er zum Vertreter all jener Kräfte, die der modernen, kapitalistischen Gesellschaft Widerstand leisten.
In der Schlussszene des Films findet sich Stephen auf den Höhen der Malvern Hills wieder. Der "Vater" und die "Mutter" Englands treten an ihn heran und wollen ihn zum "reinen" und "unschuldigen" Erben ihres Reiches einsetzen. In deutlicher Anspielung auf die Versuchung Christi in der Wüste zeigen sie ihm das "grüne Land", das ihm untertan sein werde. Doch Stephen weist sie zurück. Er sei nicht "rein" und wolle auch nicht "rein" sein. Stattdessen wendet er sich König Penda zu, der ihn zum Erben der geheimen Flamme der Rebellion erklärt, die im wahren Herzen Englands brenne.

Was haben wir uns unter dieser Flamme vorzustellen? Welches sind die Kräfte, auf die Rudkin im Kampf gegen die heutige Gesellschaft zählt? Man wird von einem Film wie Penda's Fen keine eindeutige Antwort auf diese Fragen erwarten können.
Relativ früh ist in einer Szene einmal von landesweiten Streiks die Rede. Ein Fingerzeig auf den historischen Kontext, in dem man die Geschichte sehen muss. Seit 1971/72 wurde Großbritannien von einer sich immer weiter verstärkenden Welle militanter Arbeitskämpfe erschüttert, die sich gegen die erst 1970 ins Amt gelangte Tory-Regierung von Premierminister Heath richteten. Erstmals seit dem Generalstreik von 1926 war es dabei zu landesweiten Arbeitsniederlegungen im Bergbau gekommen. Fünfmal rief die Regierung den nationalen Notstand aus, bis sie sich 1974 schließlich gezwungen sah, Neuwahlen anzuberaumen. Mit dem Slogan "Who runs Britain, the government or the unions?" hoffte Heath, Teile der Mittelklasse gegen die Arbeiterbewegung mobilisieren zu können. Stattdessen erlitt er eine klare Niederlage an den Wahlurnen, war jedoch für mehrere Tage nicht bereit, 10 Downing Street zu räumen. Wie inzwischen bekannt geworden ist,  spielten Teile der britischen Elite zu diesem Zeitpunkt ernsthaft mit dem Gedanken an einen Militärputsch. Soweit kam es nicht, und Labours Harold Wilson bildete eine Minderheitsregierung.
Diesen aufgewühlten Hintergrund sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man sich Penda's Fen anschaut. Unmittelbar zu sehen bekommt man allerdings nichts von der quasi vorrevolutionären Stimmung, die in vielen Teilen des Landes damals herrschte. Das erklärt sich zum einen aus der ländlichen Umgebung, in der die Geschichte spielt. Doch zugleich drückt sich darin wohl auch etwas von Rudkins eigener Sicht auf die Gesellschaft aus.
Als Vertreter der älteren Generation, die in gewisser Weise die Tradition des Nonkonformismus an Stephen weitergeben, bekommen wir mit dem Pastor und einem linken Schriftsteller zwei reichlich pessimistische Charaktere präsentiert. Ersterer hat sein Buch über den Verrat der Evangelisten an den revolutionären Ideen Jesu nie veröffentlicht und ist entgegen seiner Überzeugung ein offizieller Diener der Kirche geblieben, letzterer hält in erster Linie leicht paranoide Reden über die allgegenwärtigen Verschwörungen der Mächtigen und hofft nur noch darauf, dass die ganze Zivilisation eines Tages zusammenbrechen werde, damit auf ihren Trümmern eine neue Ordnung erstehen könne. Man geht wohl nicht völlig fehl, wenn man in diesen beiden Figuren etwas von Rudkin selbst zu erkennen glaubt. Sein König Penda erklärt am Ende, England stehe am Beginn eines dunklen Zeitalters. Von Hoffnung auf eine baldige Veränderung zum Besseren ist nichts zu spüren. Es geht nur darum, die schwache Flamme der Rebellion nicht ganz verlöschen zu lassen. Angesichts dieses Pessimismus ist es nicht verwunderlich, dass man in Penda's Fen deutliche Spuren eines allgemeinen Antimodernismus erkennen kann, der die Zivilisation an sich für den großen Feind hält. Dafür sprechen sowohl die Figur des linken Stückeschreibers als auch das Heraufbeschwören der heidnischen Vergangenheit als Gegenentwurf zur modernen, bürgerlichen Gesellschaft.

Vor allem letzteres lässt an jenen damals gerade in Mode kommenden antimodernen und ökologisch angehauchten Neopaganismus denken, der mir bei The Moon Stallion so unangenehm aufgestoßen ist. Dass ich im Falle von Penda's Fen weniger allergisch reagiere, hat mehrere Gründe.
Zuersteinmal lässt sich der Film nicht auf dieses Thema reduzieren. Kein echtes Kunstwerk besteht nur aus seiner "Botschaft", erst recht nicht, wenn es sich in so hohem Maße symbolhafter und bildlicher Ausdrucksformen bedient wie Penda's Fen. Und selbst wenn man sich auf die deutlicher auszumachenden Motive beschränkt, wird man neben dem antimodernen Zug noch sehr viel mehr entdecken können. Eine wichtige Rolle spielt z.B. die Auseinandersetzung mit einer christlich-manichäischen Moral und Weltsicht, die die Realität in "gut" und "böse", "rein" und "unrein", "tugendhaft" und "sündig" einteilt. Aus gutem Grund erscheinen Stephen in seinen Visionen oder Träumen Engel und Dämonen, und in seinem finalen Befreiungsakt weist er vor allem das Attribut der "Reinheit" zurück, in dem sich moralische, sexuelle und rassisch-nationale Elemente vermischen.
Was meine Reaktion jedoch vor allem bestimmt hat ist das erwähnte Motiv der Tradition. Auch wenn sich in Penda's Fen ohne Zweifel Elemente jener demoralisierten, zivilisationsmüden Mentalität ausmachen lassen, die sich in den 70er Jahren in Teilen der "linken" Intelligenzija breitmachte, knüpft der Film doch zugleich an eine Traditionslinie an, die mir selbst sehr am Herzen liegt. Ich meine damit jenen romantischen Antikapitalismus, dessen Ursprung sich {wie könnte es anders sein} unter den Dichtern der Englischen Romantik findet; dessen größte Vertreter im 19. Jahrhundert Thomas Carlyle, John Ruskin und in gewisser Hinsicht William Morris waren; und zu dessen letzten großen Nachkommen ich u.a. J.R.R. Tolkien zähle.
Direkt vor der Schlussszene auf den Malvern Hills sehen wir den Direktor von Stephens Schule auf der Abschlussfeier die ersten Zeilen von William Blakes berühmtem Gedicht And did those feet in ancient time vortragen. Er bezeichnet es als die "zweite Nationalhymne aller Engländer", und tatsächlich ist es seit Hubert Parrys Vertonung im Ersten Weltkrieg als ein nationalistisches Lied missbraucht worden. Ursprünglich aber war es Ausdruck eben jenes romantischen Antikapitalismus, zu dessen bedeutendsten Gründervätern der revolutionäre Dichter, Maler und Visionär Blake gehörte:

And did those feet in ancient time.
Walk upon Englands mountains green:
And was the holy Lamb of God,
On Englands pleasant pastures seen!

And did the Countenance Divine,
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here,
Among these dark Satanic Mills?

Bring me my Bow of burning gold;
Bring me my Arrows of desire:
Bring me my Spear: O clouds unfold!
Bring me my Chariot of fire!

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand:
Till we have built Jerusalem,
In Englands green & pleasant Land
*
Einmal mehr weist Rudkin hier also auf den zwiespältigen Charakter der Tradition hin. Dasselbe Gedicht kann sowohl der Verherrlichung des nationalen Chauvinismus dienen als auch den Geist der Rebellion in uns anfeuern. Der Blick über die grünen Hügel von Worcestershire in der sich unmittelbar anschließenden Schlussszene wirkt wie ein bildgewordener Kommentar zu Blakes Versen: Dies ist "Englands green & pleasant Land". Hierfür gilt es zu kämpfen, aber nicht so wie es uns die nationalen Chauvinsten einreden wollen. Es gibt zwei Britannien. Das eine ist unser Feind (verkörpert in "Vater und Mutter"), das andere unsere Heimat und unser Erbe.
An anderer Stelle habe ich mich schon einmal etwas ausführlicher über den romantischen Antikapitalismus ausgelassen. Wenn ich dort  geschrieben habe, dass er im Grunde schon bei Ruskin in einer Sackgasse angelangt war, so meinte ich damit, dass er als politische Philosophie bereits zur Zeit der Präraffaeliten seine Ohnmacht bewiesen hatte. Künstlerisch konnte er sich auch danach noch als durchaus fruchtbar erweisen. Sich dieses Erbe bewusst zu machen und es sich kritisch anzueignen, halte ich für ein äußerst lohnenswertes Unterfangen. Tradition bedeutet nicht automatisch Konservatismus. Natürlich darf man sich ihr nicht einfach blind anschließen. Eben darauf weist auch Rudkin hin, wenn er seinen König Penda zu Stephen sagen lässt, "Vater und Mutter Englands" wollten, dass er für immer ein Kind bleibe. Doch wenn wir diese kindliche Unselbstständigkeit im Umgang mit der Tradition überwunden haben, kann sie eine große Quelle der Kraft und der Inspiration für uns sein.


PS: So weit meine Schreibereien über Penda's Fen. Ob es mir gelungen ist, auszudrücken, was ich an diesem Film so faszinierend finde? Ich fürchte nicht. Und so kann ich meine Leserinnen & Leser nur auffordern, sich den Streifen selbst einmal anzuschauen. Es lohnt sich wirklich!   

 
* "Land of Hope and Glory, Mother of the Free,/ How shall we extol thee, who are born of thee?/ Wider still and wider shall thy bounds be set;/ God, who made thee mighty, make thee mightier yet,/ God, who made thee mighty, make thee mightier yet." Elgar war nicht glücklich über diese Verwendung seiner Musik und soll einmal eine Aufführung, in der der ursprünglich nicht zu dem Stück gehörende Gesang vorgetragen wurde, wütend verlassen haben.
** aus dem Vorwort zu Milton a Poem

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