"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 18. Januar 2026

Die Geburtsstunde der Grimdark? (1/2)

Glen Cooks Black Company, deren erster Band 1984 bei Tor erschien, wird oft als Startpunkt oder Pionier der Grim & Gritty - Strömung innerhalb der Fantasy bezeichnet. So schrieb z.B. auch Alessandra Reß 2019 in einem Beitrag für TOR Online:
Auf Elric folgte in den 80er Jahren Glen Cooks Die Schwarze Schar, dessen Handlung aus Sicht einer Gruppe ruchloser Söldner erzählt wird. War es bei Elric noch Tragik, die die Hoffnungslosigkeit verursachte, ist es bei Cook ein gewisser Nihilismus, der heute das Bild des Grimdark mitprägt.
Der Autor selbst hat dazu keine dezidierte Meinung. Vor allem deshalb nicht, weil er die Entwicklungen im Genre schon seit langem nicht mehr mitverfolgt. Wie er vor kurzem in einem Interview mit dem Grimdark Magazine erklärt hat:
Some writers have been influenced by what I’ve written. They have told me so. Don’t know about the grimdark thing. Hadn’t heard of it until earlier this year. For most of the past 20 years I have been doing the J. D. Salinger thing. Can’t honestly comment on evolution. 
Meine erste Begegnung mit Cook war die Kurzgeschichte Abgetrennte Köpfe (Severed Heads), die ich vor Jahrzehnten in Schwertschwester gelesen habe, der deutschen Ausgabe des ersten Bandes von Marion Zimmer Bradleys Sword and Sorceress - Reihe. Die Rape-Revenge-Story, die Teil seines Dread Empire - Universums ist, gehörte zu den Beiträgen, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließen. Finster ist sie ohne Zweifel, aber als nihilistisch würde ich sie nicht beschreiben. Die "abgetrennten Köpfe" des Titels beziehen sich bezeichnenderweise nicht auf die Rache Narrimans an ihrem Vergewaltiger, sondern auf einen Ausspruch ihres väterlichen Freundes Al Jahez: "What are we without friends? Just severed heads rolling across the sands". Und am Ende geht es in der Geschichte auch darum, im Verlangen nach Rache nicht die eigene Menschlichkeit gänzlich zu verlieren.
 
Ich sehe in der Grim & Gritty eine der Ausdrucksformen einer zynischen Misanthropie, die spätestens von den 90er Jahren an große Teile der amerikanischen Kultur (und nicht nur dieser) zu dominieren begann. Ich werde im zweiten Teil dieses Beitrags darauf zurückkommen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen meiner Ansicht nach für die Entstehung der Grim & Gritty (mit)verantwortlich waren. Für den Moment mag es genügen zu sagen, dass ich darin das Symptom einer tiefen Krise sehe, die bis heute nicht überwunden ist, sondern in vielerlei Hinsicht nur noch katastrophalere Formen angenommen hat.
 
Doch gerade weil ich der Grim & Gritty so extrem kritisch gegenüberstehe, hat es mich immer interessiert, ob und inwieweit die Black Company tatsächlich als deren erste bedeutende Vertreterin gelten kann. Letztes Jahr hatte ich nun endlich Gelegenheit, die ursprüngliche Trilogie The Black Company (1984), Shadows Linger (1984) und The White Rose (1985) zu lesen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann verstehen, warum diese Romane so oft als Startpunkt der Grimdark bezeichnet werden. Und ich halte das nicht einmal für grundsätzlich falsch. Zugleich denke ich aber auch, dass sie sich in einer Reihe von wichtigen Aspekten deutlich von späteren Vertretern dieser Strömung unterscheiden. Und sie waren ein echtes Lesevergnügen für mich.
 
QuelleNeighborhood News, 4. August 1982
 
Glen Cook kam 1944 in New York zur Welt, wuchs aber in Kalifornien auf. Schon früh entwickelte er einen Heißhunger auf Bücher aller Art.
Well, I read a lot of... just about everything, really, but my next-door neighbor gave me a set of Tarzan books when I was, maybe 8. Read those, a lot of Burroughs type stuff, and I was really big on Westerns for a long time, Civil War stuff, before I discovered Science Fiction. Basically anything in the library that the librarian would let me take ...
Eine besondere Vorliebe für die SF erwachte gleichfalls recht früh, wenn auch offenbar nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern: 
The first science fiction book I read was The Naked Sun by Isaac Asimov. It was my father’s book. He caught me reading it, he took it away from me, slapped me upside the head, told me that I didn’t want to read that garbage because it will rot my brain.
Wann Cook mit eigenen Schreibversuchen begann, weiß er selbst nicht mehr so genau, aber als er im Alter von 12/13 Jahren (7th grade) aufgrund einer schweren Erkrankung längere Zeit das Bett hüten musste, nutzte er die "Freiheit von der Schule", um Hawk -- "a western story set during the Civil War from the viewpoint of a hawk watching the action" -- und einen ersten Kurzroman zu Papier zu bringen. Es wird kaum verwundern, dass sich von diesem "Frühwerk" nichts erhalten hat außer ein paar vagen Erinnerungen: "It was science fiction. Aliens came to earth and got involved in an ancient battle between Ramses II and the Hittites." Interessant finde ich freilich, dass schon hier zwei Interessen zum Ausdruck gelangten, die Cook sein Leben lang begleiten würden: Geschichte und Militär. Während seiner High School - Zeit steuerte er zwar noch "a couple of the traditional beginner pieces" zu einigen schulischen Publikationen bei, doch hatte er trotz seiner Liebe zum Geschichtenerzähen vorerst wohl keine Ambitionen, "professioneller" Schriftsteller zu werden.
 
Glens Vater war Offizier gewesen, hatte aber wohl schon vor längerer Zeit seinen Abschied von der Truppe genommen. Bereits an der High School nahm Cook am ROTC (Reserve Officers' Training Corps) - Programm teil, um dann 1962 der Navy beizutreten, mit dem Ziel, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. 1986 erzählte er darüber: "For a while I thought it was what I wanted to do with my life. 
Ich habe keine Ahnung, wie der Dienst in den US-Streitkräften zu dieser Zeit genau aussah. Der Koreakrieg lag bereits beinah ein Jahrzehnt zurück, die imperialistische Intervention in Vietnam beschränkte sich vorerst noch auf eine überschaubare Anzahl an "militärischen Beratern" und CIA-Agenten. Cook diente auf Zerstörern und nahm an Manövern teil, konnte aber anscheinend gleichzeitig ein Studium an der Universität von Missouri beginnen. Frage mich schon, wie das in der Praxis ausgesehen hat. (1)
Für das spätere Schreiben der Black Company war Cooks Zeit in der Navy jedenfalls von immenser Bedeutung, konnte er sich bei der Schilderung des Soldatendaseins doch auf persönliche Erfahrungen stützen. Auch bei der Charakterzeichnung vieler Mitglieder des Söldnertrupps griff er auf reale Vorbilder zurück.
The characters are real soldiers. They're not soldiers as imagined by people who've never been in the service. That's why service guys like it. They know every guy who's in the books, and I knew every guy who's in the books. Most of the early characters were based on guys I was in the service with. The behavior patterns are pretty much what you'd expect if you were an enlisted man in a small unit. 
1965 verließ Cook den aktiven Dienst, blieb aber bis 1972 Mitglied der Reserve. 
In keinem der Interviews, die ich gelesen habe, geht er auf die Gründe für diese Entscheidung ein. Er gehörte zu dieser Zeit zur 3rd Force Reconnaissance Company der Marines, die im September desselben Jahres den Einsatzbefehl für Vietnam erhielt -- als Teil der von Präsident Lyndon B. Johnson eingeleiteten Eskalation, in deren Verlauf Hunderttausende von G.I.s nach Südostasien verschickt wurden, um dort zu töten und getötet zu werden. So weit ich weiß spricht nichts dafür, dass Cook dem Kampfeinsatz entgehen wollte oder der US-Intervention kritisch gegenübergestanden hätte. Es war wohl reines Glück, dass ihm die Hölle des Krieges (und ein möglicher früher Tod) erspart blieben.   
 
Jedenfalls brach er zur selben Zeit auch sein Studium ab, da er es nicht länger finanzieren konnte. Ein Freund vermittelte ihm schließlich einen Job bei General Motors in St. Louis. Für die nächsten 32 Jahre würde er in unterschiedlichen Fabriken und Positionen für den Konzern arbeiten, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1997.  
Nicht dass ihm die Arbeit dort so viel Spaß gemacht hätte.  
There were a lot of days I sat in the parking lot for a while and talked myself into going in. I always made it through the door. A lot of guys couldn't make that final step.
Doch eine Anstellung bei GM bedeutete in den 60er Jahren immer noch ein relativ hohes Maß an ökonomischer Sicherheit und Stabilität. 
 
Die Autoindustrie bildete nicht nur einen der wichtigsten Standpfeiler der amerikanischen Wirtschaft, sie hatte auch eine zentrale Rolle bei dem gespielt, was der Wirtschaftshistoriker Robert Collins einmal als "effort to create a private-sector welfare state" beschrieben hat. In der Vergangenheit war sie Schauplatz heftigster Klassenkämpfe gewesen -- vom Auto Lite - Streik in Toledo 1934, über die Sit-Down - Streiks in Flint, Michigan, 1936/37 und den River Rouge - Streik 1941 bis zum einhundertdreizehn Tage andauernden General Motors - Streik von 1945/46. Die UAW (United Auto Workers) war eine der stärksten Gewerkschaften der USA. Aber nachdem ihre Reihen im Zuge der "Red Scare" - Hetze von allen radikalen und sozialistischen Elementen "gesäubert" worden waren, hatte sie 1950 unter der Führung von Walter Reuther im sog. "Treaty of Detroit" mit den "Großen Drei" (Ford, Chrysler und General Motors) dem alten Anspruch der Arbeiterschaft auf (Mit)Kontrolle über die Produktion ("Industrial Democracy") abgeschworen und die existierenden Eigentums- und Machtverhältnisse offiziell anerkannt. Im Kontext des gewaltigen Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit waren die Kapitalisten im Gegenzug zu weitreichenden ökonomischen Zugeständnissen bereit gewesen. Neben signifikanten Lohnerhöhungen gehörten dazu auch eine konzerngebundene Krankenversicherung und Altersvorsorge. Damit wurde der "Treaty of Detroit" zum Vorreiter allgemeinerer gesellschaftlicher Entwicklungen, in deren Verlauf in den 50er Jahren breitere Schichten der arbeitenden Bevölkerung erstmals in den Genuss eines bescheidenen Wohlstands gelangt waren.
 
QuelleSt. Louis Magazine Vol. 21 No. 8, July 1989
 
Mit dem Schreiben begann Cook erst wieder 1968, als veränderte Arbeitsbedingungen eine gute Gelegenheit dafür boten. Wie man einem Artikel aus dem St. Louis Magazine vom Juli 1989 entnehmen kann: 
[I]n 1968, GM acquired an old Shell facility on the North Side and sent Cook there as part of a contingent to take scrap metal out of the plant. It meant for some long days. "We worked 11-1/2 hours a day every day except Sunday, when we just had to work eight," he says.
While the days were long, Cook had little to do. "All I had to do was sit by the phone and wait for it to ring. Someone would tell me how much scrap we had produced on the shift and I would write it down and carry the piece of paper from one place to another."
Cook filled those empty hours reading, mostly fantasy and science fiction. As the story often goes, one day he read a book that was so awful he decided he could do better.
"I went to the Goodwill and got myself a typewriter for five dollars," he says. "It was a Royal mechanical typewriter from the 1920s or '30s. It was so old, I couldn't get ribbons for it. I had to buy a ribbon, take the ribbon off the new spool and wind it by hand onto one of the spools that came with the typewriter."
Cook started spending his time at the plant writing. And writing. And writing.
Der unmittelbare Anlass soll die Lektüre eines Fantasyromans von Lin Carter gewesen sein, den Cook irgendwann wütend in die Ecke gepfeffert habe. "I threw it across the room and swore I could do better". Das klingt zwar ein bisschen so wie der legendäre (?) Karrierestart von Edgar Rice Burroughs (2), wirkt auf mich deshalb aber nicht weniger glaubwürdig. Zudem Cook sich stets beeilt, hinzuzufügen: "I found out it's harder than I thought it would be".
 
Eines der ersten Manuskripte, das er (ohne Erfolg) an einen Verlag schickte, war ein 1.800 Seiten starker Tolkien-Klon. "It really never deserved to be published. I mean, I like the Lord of the Rings, but it has already been written." Da lässt sich nicht drüber streiten. Ein Jahrzehnt später hätten seine Chancen damit vielleicht besser gestanden. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er die Phase der bloßen Nachahmerei längst hinter sich gelassen. Ein anderes frühes Projekt war "The Sword Called Precious Pearl, which was an unlikely mix of an E.R.R. Eddison setting and plot with Leiberesque characters written in the style of Clark Ashton Smith". Das klingt für meinen Geschmack schon sehr viel interessanter, gelangte aber gleichfalls nie zur Veröffentlichung. (3)
 
Auch würde Glen Cook schon recht bald Abstand davon nehmen, der barock-dekadenten Sprache eines Smith oder Eddison nachzueifern. Er begann, engere Kontakte zum SFF-Fandom zu knüpfen, besuchte seine ersten Cons und nahm 1970 schließlich am dritten Clarion Workshop (damals noch in Pennsylvania) teil. Dort trieb man ihm u.a. seine Vorliebe für einen ausschweifenden Stil aus:   
Clarion can't teach you talent, but it can show you what you're doing wrong. I learned not to overwrite, to keep things simple as far as sentence structure is concerned. My early attempts at writing were very much influenced by classical British fantasy writers who tended to be very flowery and ornate and lapsed into classical Greek as they were going along [laughs] and expected you to follow it. I learned that modern American readers aren't interested in that. I learned a number of valuable lessons at Clarion.
Vor allem aber lernte er hier seine spätere Ehefrau Carol kennen.
 
Irgendwann um diese Zeit muss Glen Cook auch die persönliche Bekanntschaft von Fritz Leiber gemacht haben. Leider weiß ich nur wenig konkretes über die Beziehung, die sich zwischen den beiden entwickelte. In einem Interview von 2012 bezeichnete Cook Leiber als seinen "mentor".  Und in einem anderen hat er sogar einmal erzählt: "I actually lived with Fritz briefly after his wife Jonquil died". 
Jonquil Leiber starb im Herbst 1969 an einer Überdosis Schlaftabletten. Um die Weihnachtszeit desselben Jahres übersiedelte Fritz von Venice (Los Angeles) nach San Francisco. Der Tod seiner Frau stürzte ihn für drei Jahre in einen Abgrund aus Alkohol und Depressionen. Eine Erfahrung, die er später in seinem Roman Our Lady of Darkness, einem meiner persönlichen Lieblingsbücher verarbeiten würde.  
Vor diesem finsteren und tragischen Hintergrund wäre es natürlich besonders interessant, genaueres über die Beziehung zwischen Leiber und Cook zu erfahren, die sich zur selben Zeit entwickelt haben muss.
 
Es brauchte recht lange, bis es Glen Cook gelang, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Zwar erschien 1972 mit The Heirs of Babylon der erste Roman aus seiner Feder, doch alles in allem waren die 70er Jahre eine Zeit mühseligen Vorankommens. Anfangs verstand er nicht recht, mit Absagen umzugehen:
I had a problem with rejection […] I would send out a book. If it came back, I would send it out one more time. Then, if it came back the second time, I would put it in a drawer and forget about it.
Glücklicherweise fand er mit Russell Galen relativ bald einen Agenten, der sich seiner annahm. Dennoch erschienen in den folgenden Jahren nur eine Handvoll seiner Kurzgeschichten in Magazinen wie Witchcraft & Sorcery, dem Literary Magazine of Fantasy & TerrorFantasticAmazing sowie dem Magazine of Fantasy & Science Fiction.  
Die Wende kam 1979 mit dem Erscheinen des ersten Dread Empire - Romans A Shadow of All Night Falling bei Berkley Books. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. In den 80ern erschienen pro Jahr bis zu drei Romane von Glen Cook und etablierten ihn mit Zyklen wie StarfishersDarkwarThe Black Company und seiner Fantasy - Hardboiled Detective - Reihe Garrett, P.I.
 
Doch selbst in dieser Zeit zog Glen Cook nie ernsthaft in Erwägung, seinen Brotjob an den Nagel zu hängen und Berufsschriftsteller zu werden. Zwar erklärte er 1982 in einem Interview: "I would rather be writing than anything", fügte jedoch sofort hinzu: "but generally the world doesn't let you do that." Eigenen Angaben zufolge war sein Einkommen aus den Büchern "never more than hobby money". 1971 hatten er und Carol geheiratet und in den folgenden Jahren waren drei Söhne zur Welt gekommen. Der Verdienst, den Cook mit seiner schriftstellerischen Arbeit machen konnte, schien nie groß (und sicher) genug zu sein, um eine Familie ernähren und ein Eigenheim unterhalten zu können. Zumal ihm seine Anstellung bei General Motors neben dem Monatslohn ja auch noch "an insurance package and benefits" sicherte.   
 
Er entwickelte eine Routine, wie er während seiner Schichten an den nächsten Büchern arbeiten konnte: "A very large proportion of my work gets created at work, on my breaks and at lunchtime. Then catch-as-catch-can at other times." 2002 erzählte er in einem Interview mit Quantum Muse:
I got a job that almost nobody else wanted. It was hard to learn, but once I did learn it, I could do it with almost no mental effort, so I was able to work on my writing. I wrote three books a year on that job.
Zu Hause wurde dann hauptsächlich ins Reine getippt.
 
Dass Glen Cook die meisten seiner Bücher geschrieben hat, während er bei GM am Fließband stand, ist für mich ein nicht unwichtiges Detail. Ich bin stets sehr skeptisch, wenn im Zusammenhang mit der Grimdark von "Realismus" die Rede ist  In den meisten Fällen verbergen sich dahinter bloß Zynismus, Nihilismus und Misanthropie, die in meinen Augen in letzter Konsequenz  nur eine sich "edgy" gebärende Form von Konformismus darstellen. Und wie wir noch sehen werden, halte ich auch in Bezug auf die Welt der Black Company den Begriff "realistisch" nur für sehr bedingt anwendbar. Doch was sicher zutrifft ist, dass sich Cooks Romane durch eine schmutzige Erdigkeit auszeichnen. Dass sie den Versuch darstellen, eine epische Fantasyhandlung aus der Sicht des "Fußvolks" zu schildern, weshalb ich sie auch eher der Sword & Sorcery als der High Fantasy zurechne. Und darin spiegelt sich ganz sicher etwas von Cooks eigener Lebenserfahrung wider. Wie er selbst einmal über seine Arbeit bei GM erzählt hat:
One thing working there did do, especially early on, was allow me to come in daily contact with the kind of people who actually do the world's work instead of the sort who spend their whole lives inside academe and don't have a clue. 
Diese populistische Perspektive prägt seine Geschichten und ihre Figuren: "The people in my stories pretty much think and act like working-class people."
 
Allerdings sollten wir uns stets vor Augen halten, dass die Arbeiterklasse, in deren Reihen Glen Cook 1965 eingetreten war, die Verbindung zu ihrer militanten Vergangenheit schon seit längerem weitgehend verloren hatte. Der Wirtschaftsboom der 50er Jahre war zum Nährboden für einen kleinbürgerlichen Konformismus geworden. Er wurde flankiert von einer unablässigen propagandistischen Verherrlichung des "American Way of Life", der Erhebung des Antikommunismus zu einer Art säkularen Staatsreligion und viel flaggenschwingendem Patriotismus. Der offiziellen Arbeiterbewegung war dabei eine zentrale Rolle zugekommen. Die in der AFL-CIO zusammengeschlossenen Gewerkschaften fungierten nicht länger als Kampforgane, sondern sahen sich als "Partner" der Unternehmensleitungen, ihre führenden Vertreter predigten Nationalismus und Klassenzusammenarbeit und ordneten die Arbeiterklasse politisch der Demokratischen Partei unter.
 
Solange der Nachkriegsboom anhielt und mit ihm auch der Lebensstandard breiterer Schichten der Bevölkerung weiter anstieg, blieb diese Ordnung weitgehend stabil. Das änderte sich Ende der 60er Jahre auf dramatische Weise. Der Kapitalismus geriet in seine tiefste Krise seit der Großen Depression. Das Bretton-Woods-System, das den Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit abgegeben hatte, brach in sich zusammen. Weltweit kam es zu einem gewaltigen Aufschwung des Klassenkampfes.
Der französische Generalstreik vom Mai/Juni 1968 oder Italiens "Heißer Herbst" von 1969 dürften zwar sehr viel bekannter sein, aber auch die USA blieben keineswegs verschont von dieser Entwicklung. Die gesamten 70er Jahre waren dort geprägt von einer Reihe z.T. äußerst militanter Arbeitskämpfe. Den Auftakt bildete der "wilde" Streik von 200.000 Postangestellten im März 1970 -- in offener Rebellion gegen die Nixon-Administration und ihre "eigene" Gewerkschaftsführung. Vielleicht noch dramatischer war der "Wildcat" - Streik der Trucker (Teamster), der einen Monat später ausbrach und sechs Wochen andauerte. (4) 
Im Vergleich zu diesen war der landesweite General Motors - Streik, der offiziell am 15. September 1970 begann, eine relativ geordnete Affäre. Einer Einschätzung des Wall Street Journal nach verfolgten Unternehmens- und Gewerkschaftsführung dabei sogar dasselbe Ziel, nämlich die Militanz der Arbeiterschaft zu brechen. Der Streik sollte helfen
to wear down the expectations of members, expectations that in the current situation have been whetted by memories of recent good times and by the bite of inflation. This trimming of hopes eases the difficult task of getting members to ratify settlements leaders have negotiated. (More than one of every 10 agreements hammered out by union officials is rejected by union members.) (5)
Ein solcher Arbeitskampf könnte als Sicherheitsventil für die aufgestauten Frustrationen der Arbeiter dienen und außerdem ihre Loyalität gegenüber der Gewerkschaft festigen. 
Nichtsdestotrotz war der Streik, der 400.000 Arbeiter in 145 Fabriken erfasste und 67 Tage andauerte, ein bedeutendes Ereignis. Seit 1945 hatte die UAW keinen nationalen Streik mehr bei GM organisiert, mit dem Argument, das Unternehmen sei zu groß, als dass eine solche Konfrontation Aussicht auf Erfolg haben könnte. Auch zeigte sich schnell, dass die "Ermattungsstrategie" der Gewerkschaftsführung ihre eigenen Gefahren in sich barg. Schon vor dem offiziellen Beginn des Arbeitskampfes war es an einigen Standorten zu "wilden" Arbeitsniederlegungen gekommen. Und da der Streik nicht allein um Lohnfragen geführt wurde, die auf nationaler Ebene ausgehandelt wurden, sondern in seinem Verlauf auch zahllose lokale Forderungen aufs Tapet gelangten, musste die bürokratische Führung der UAW um Leonard Woodcock stets befürchten, die Kontrolle über die Ereignisse zu verlieren. Schließlich wurde der Arbeitskampf hinter dem Rücken der Streikenden mit einem "geheimen" Übereinkommen beendet.  
Both sides agree that if the strike had dragged on past Thanksgiving, it would have paved the way for an epic dispute continuing into the new year. Such a possibility could have tipped the scales within the U.A.W. from a … strengthening of Woodcock to a messy strike beyond the control of the top leaders. (6)
Viele der Forderungen, die von Rank-and-File - Mitgliedern auf lokaler Ebene aufgestellt worden waren, blieben unbeantwortet und an manchen Orten dauerten die Arbeitsniederlegungen auch nach dem offiziell verkündeten Ende noch eine Zeit lang an. Dass die Militanz der GM - Arbeiter nicht gänzlich gebrochen worden war, zeigte sich u.a. zwei Jahre später bei dem berühmten Lordstown - Streik, der sich vor allem gegen die immer heftigere Arbeitshetze an den Fließbändern richtete, von der UAW-Führung aber bewusst isoliert und abgewürgt wurde.
 
Für die meisten GM-Arbeiter und ihre Familien muss der Streik von 1970 ein hartes und einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Viele von ihnen mussten mit einem Streikgeld von $30 - $40 die Woche über die Runden kommen. Nicht wenige waren gezwungen, auf staatliche Unterstützung wie "Food Stamps" zurückzugreifen. Andererseits war die Solidarität mit den Streikenden in der Bevölkerung sehr groß. (7)       
 
Für Glen Cook muss der Streik ja eine konkrete persönliche Erfahrung gewesen sein. Ob und wie das ihn und sein Weltbild beeinflusst hat, weiß ich freilich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, als habe er politisch je auf der Linken gestanden, aber das alleine sagt für mich noch nicht viel aus. Ganz sicher haben die gesellschaftlichen Entwicklungen der 70er Jahre ihren Niederschlag in Teilen seines Werkes gefunden. TunFaire, die Fantasymetropole, in der seine Garrett, P.I. - Geschichten spielen, ist bewusst nach dem Vorbild von St. Louis entworfen. Und in einem Interview mit Strange Horizons aus dem Jahr 2005 leugnet er nicht, dass die Stadt dabei "the feel of an American city in the 1970s" habe: "striking economic divisions, racial unrest, and an unpopular war abroad. " Allerdings fügt er sofort hinzu:
[B]ut it's not just the 1970s. That's the history of mankind, especially in large cities. Take a city like Byzantium. There were a thousand different neighborhoods, all different religions. People would regularly riot against one another and commit murder.
Mir scheint dies exemplarisch für Cooks Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu sein. Er will die Welt möglichst illusionslos betrachten ("pay attention to the real world, not the world you want to be"), aber letztenendes führt das bei ihm dazu, dass er Ereignisse und Entwicklungen aus ihrem konkreten historischen Zusammenhang löst und einer pessimistischen und im Kern sehr konservativen Geschichtsphilosophie ("That's the history of mankind") unterordnet, einer Art "Es gibt nichts neues unter der Sonne". (8) Dazu gehört sicher auch, dass er die Bedeutung, die kriegerische Auseinandersetzungen für die gesellschaftliche Entwicklung spielen, deutlich überschätzt: "[H]istories always seem to revolve around the wars that shape cultures and civilizations."
 
Es verwundert nicht, dass sich Spuren davon auch in den Black Company - Romanen finden. Doch dazu mehr in (hoffentlich) einer Woche ...
   
 
 
 
(1) In der Broschüre zur World Fantasy Convention 2006 heißt es in einer biographischen Notiz zu Glen Cook, der dort einer der "Guests of Honor" war, er habe die Universität nach seinem Abschied von der Navy "on the GI bill" besucht. Das macht zwar Sinn, fügt sich aber schlecht in den Rest seines Lebenslaufes ein.  
 
(2) Der soll sich nach der Lektüre einiger Pulp-Magazine gedacht haben: "I had gone thoroughly through some of the all-fiction magazines and I made up my mind that if people were paid for writing such rot as I read I could write stories just as rotten." Woraufhin er A Princess of Mars schrieb.
 
(3) Oder handelt es sich bei den beiden um ein und dieselbe Erzählung? An anderer Sttelle beschreibt Cook The Sword Called Precious Pearl nämlich als "a bastard child of Tolkien and E.R.R. Eddison"?
 
(4) Interessanterweise war St. Louis dabei ein zentraler Schauplatz. Wie der Chef von Lee Way Motor Freight, Inc. im Mai 1970 gegenüber dem Wall Street Journal erklärte: "We’ve been unable to operate into the East because of the Teamsters union in St. Louis, whose roving pickets have stopped all our drivers at various Mississippi River crossings." (Zit. nach: Jeremy Brecher: Strike! (Revised, Expanded and Updated Edition). S. 231.
 
(5) Wall Street Journal, 29. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 235.
 
(6) Wall Street Journal, 5. Oktober 1970. Zit. nach: Ebd. S. 236. 
 
(7) Vgl. dazu: Timothy J. Minchin: "A Gallant Fight": The UAW and the 1970 General Motors Strike(Der Artikel vertritt eine gänzlich unkritische Haltung gegenüber der Gewerkschaftsführung, enthält aber eine Reihe interessanter Informationen) Judy Putnam: Rememebering the GM strike from 1970: Peanut butter and jelly sandwiches.  
 
(8) George Orwell hat den eigentlichen Inhalt derartiger Geschichtsvorstellungen einmal sehr treffend so beschrieben: "It is not very difficult to see that this idea is rooted in the fear of progress. If there is nothing new under the sun, if the past in some shape or another always returns, then the future when it comes will be something familiar. At any rate what will never come -- since it has never come before -- is that hated, dreaded thing, a world of free and equal human beings." (As I Please, 25. Februar 1944)   
 
 

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