"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 2. Juli 2026

Colonel Kilgores Blood & Thunder

Die aktuellen SFF-News von TOR Online enthalten u.a. einen Link zu Cynthia Wards kürzlich bei Reactor erschienenem Artikel Bored of the Swords. Der war mir auch vorher schon über den Weg gelaufen und meine erste Reaktion war, dass ich ihn etwas einseitig fand. Denn in den Teilen der Sword & Sorcery - Community, zu denen ich lockeren Kontakt halte, war mir nie die von Ward beklagte Tendenz zu einer "Homogensierung" des Genres auf den Typus des "männlichen (Barbaren)Kriegers" untergekommen. Im Gegenteil. Die Ära der "Clonans" gilt dort als ferne (und etwas belächelte) Vergangenheit, während man sich zugleich um Offenheit und größere Diversität bemüht. Aber bei aller Liebe zur Sword & Sorcery bin ich beileibe kein "Experte", der einen Gesamtüberblick über die Lage des Genres hätte. Die meisten Vertreter*innen der aktuellen S&S, denen ich z.B. auf Social Media folge, gehören zum engeren oder weiteren Umfeld der "New Edge". Und wie repräsentativ sie für die Gesamtheit der Szene sind, kann ich nicht beurteilen.    
 
Es hat immer einen ultrareaktionären Flügel in der Sword & Sorcery - Szene gegeben. Ich erinnere bloß an solche Ereignisse wie den Zusammenbruch des seinerzeit sehr anerkannten Blogs The Cimmerian, als sich dessen Herausgeber Leo Grin 2015 während der großen Puppy-Kriege auf die Seite des faschistischen Provokateurs Theodore Beale aka Vox Day schlug. Oder das berüchtigte Vorwort, das Robert M. Price 2020 für die von ihm geplante Anthologie Flashing Swords #6 verfasst hatte. Ein wüster antifeministischer und queerfeindlicher Erguss, der am Ende dazu führte, dass das Buch mit neuem Inhalt bei irgendeinem obskuren rechtslastigen Kleinverlag erscheinen musste, nachdem Pulp Hero Press und die meisten der beteiligten Autoren abgesprungen waren.
 
Über beide Fälle habe ich vor Zeiten schon mal etwas ausführlicher geschrieben. Und ich zweifle nicht daran, dass es vergleichbares Gelichter auch heute noch in der Szene gibt.
 
Eines der wenigen konkreten Beispiele, die Ward in ihrem Artikel anführt, ist das neue Magazin Battleborn, dessen erste Ausgabe dieses Jahr erschienen ist. Nun möchte ich dessen Herausgeber Sean CW Korsgaard nicht einfach auf eine Stufe mit einem Leo Grin oder Bob Price stellen. Dazu weiß ich viel zu wenig über ihn. Aber wenn man sich das von ihm verfasste Vorwort auf Amazon durchliest, kommt einen schon ein leichtes Gruseln an. 
 
Wie Korsgaard im letzten Herbst in einem auf Black Gate veröffentlichten Interview gesagt hat, soll sich Battleborn ganz auf "action-heavy, character-driven fiction" konzentrieren. Das Magazin soll damit eine Tradition fortsetzen, die er in einem Gutteil der neueren Sword & Sorcery vernachlässigt sieht:
I want that in every issue of Battleborn, fire and fury, chest-thumping bravado, that heroic tradition that has left audiences on the edges of their seats since we began gathering around the campfires to swap stories of valor, countless centuries ago. 
Das Vorwort zur ersten Ausgabe ist in einem bewusst hyperbolischen Stil geschrieben, was sich dann u.a. so liest: 
So if the love of chest-thumping, fist-pumping, blood-and-thunder sword-and-sorcery beats like a battle drum in your chest, I leave you with this: Welcome to the Frontlines of Fantasy, soldier. Glory awaits! Always Forward!  
Auf den ersten Blick mag das vor allem als ein missglückter Versuch erscheinen, den Geist der alten Adventure-Pulps heraufzubeschwören. Aber schon bei diesem kurzen Beispiel sollte die Menge an militärischen Vokabeln ins Auge stechen.
 
Das gesamte Vorwort ist in der Persona des "Commanders" geschrieben, den wir uns so vorstellen dürfen: "A hulking figure [in uniform] smoking a cigar with a mad gleam in his eyes". Colonel Kilgore als "Tharg" oder "Crypt Keeper" eines Sword & Sorcery - Magazins? Das wirkt zwar erst mal etwas eigentümlich, macht hier aber tatsächlich Sinn.
 
Sean CW Korsgaard ist selbst Army-Veteran. Für sich allein heißt das natürlich noch nichts. Aber er nutzt wirklich jede sich bietende Gelegenheit, um darauf hinzuweisen. Und tatsächlich ist die literarische Tradition des "Blood and Thunder" nicht die einzige Tradition, die er in dem Vorwort hochhält: 
I was the latest man in my family to serve my country, an unbroken tradition that goes back to the American Revolution. Two of my uncles had even attended boot camp at Fort Benning. 
Man könnte sich fragen, was das in einem Vorwort zu einem Magazin mit phantastischen Abenteuerstories zu suchen hat. Aber es ist tatsächlich mehr als patriotisches Getue des Herausgebers. Korsgaard stellt eine unmittelbare Verbindung zwischen US - militaristischer Tradition und seiner Vorstellung von Sword & Sorcery her: 
It was a lesson my officers and sergeants would beat into my head, in some cases quite literally, over the years. As much as learning how to fire a rifle or march in formation, they spoke of warrior tradition and history, of Valley Forge and Patton's tanks, Audie Murphy and Alvin York, the way a priest might have holy writ and saints. That you may learn from their examples, so when the time comes, your knees don't buckle and you stand firm. Legacy and tradition, tales of heroes and glory, passed from one generation to another. A tradition as old as Gilgamesh and Beowulf, and sword-and-sorcery is steeped in it, even more than most genres.
Im Kontext von 2026 kann ich das nicht anders lesen, als dass hier die Heroic Fantasy mit dem sog. "Warrior Ethos" verknüpft wird, von dem die ungezügeltesten Vertreter des US-Imperialismus wie Pete Hegseth so gerne schwadronieren. D.h. mit der faschistischen Ideologie, die sie in Vorbereitung auf weitere neokoloniale Unternehmungen und letztlich auf einen 3. Weltkrieg in den US-Streitkräften zu verankern versuchen.
 
In genau diesem Zusammenhang fällt übrigens auch das "[we] follow in the footsteps of great men", das Cynthia Ward in ihrem Artikel erwähnt. Korsgaard erzählt nämlich, das seien die letzten Worte gewesen, die ihm sein Großvater bei Eintritt in die Armee mit auf den Weg gegeben habe: "Stand proud. Be brave. You follow in the footsteps of great men". Dass in einer unter diesem Blickwinkel (miss)verstandenen Sword & Sorcery wenig oder gar kein Platz für den Beitrag existiert, den Frauen von Beginn an als Autorinnen, Künstlerinnen, Herausgeberinnen und Fans geleistet haben, ist nicht verwunderlich.
 
Ich kann kein Urteil über den Inhalt von Battleborn abgeben, da ich nicht vorhabe, auch nur eine einzige Ausgabe des Magazins zu erwerben. Aber ich möchte den beteiligten Autor*innen nicht einfach unterstellen, dass sie Korsgaards Sicht auf das Genre (und seine damit verbundene militaristische Gedankenwelt) teilen würden. Viele von ihnen sehen in dem Ganzen vielleicht bloß einen Versuch, die Welt erneut mit "Two-Fisted Adventure Stories" im Geiste der alten Pulps zu beglücken. Ich hoffe das zumindest inständig. Besonders traurig finde ich, dass Battleborn das Andenken des im letzten Jahr verstorbenen Howard Andrew Jones für sich instrumentalisiert, der im Impressum als "Lodestar / Editor Emeritus" angeführt wird. Jones hat wie wenig andere dazu beigetragen, die Basis für das aktuelle Wiederaufleben der Sword & Sorcery zu legen. Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, dass er mit dem Geist von Korsgaards Vorwort d'accord gegangen wäre.      

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