"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Dienstag, 11. Dezember 2012

Horror im Zeitalter von Englands Revolutionen

Teil 1: Witchfinder General

Während unserer Streifzüge durch die phantastischen Gefilde des britischen Horrors der 60er und 70er Jahre sind wir bisher ausschließlich Filmen der beiden wohl bekanntesten Produktionsfirmen der Ära begegnet: Hammer und Amicus. Doch sie waren nicht die einzigen, die in jener Zeit mit Genre-Werken ihr Geld verdienten, was nicht verwundert, da diese Nische inmitten der krisengeschüttelten englischen Filmindustrie damals noch am ehesten Gewinn abzuwerfen versprach. Zumindest eine dritte Produktionsfirma verdient es, in Erinnerung behalten zu werden: Tigon British Film Productions, gegründet 1966 von Tony Tenser, der zuvor bereits als Produzent von Roman Polanskis ersten englischsprachigen Filmen Repulsion (1965) und Cul-de-sac (1966) fungiert hatte.
Mit einem Großteil der Beiträge Tigons zum phantastischen Kino bin ich selbst nicht vertraut. Ein Zustand, den ich baldmöglichst zu ändern gedenke, klingt manches hier doch recht verführerisch: So ist Curse of the Crimson Altar (1968) nicht nur angeblich eine Art Adaption von Lovecrafts Dreams in the Witch-House, sondern auch Boris Karloffs letzter englischsprachiger Film, bevor er für den knappbemessenen Rest seiner Karriere im spanischen Horror untertauchte. In The Body Stealers (1969) wurde die fliegende Untertasse aus dem zweiten Doctor Who - Film  (Daleks  Invasion Earth [1966]) recycelt. Und The Haunted House of Horror (1969) gilt als einer der frühen Vorläufer des Teen-Slasherfilms der 80er Jahre. Bekannte Namen wie Peter Cushing, Christopher Lee und Ian Ogilvy springen allenthalben ins Auge. Außerdem Robert Flemyng, der unter Genrefans wohl vor allem für seine Titelrolle in Riccardo Fredas L'Orribile segreto del Dr. Hichcock / The Horrible Dr. Hitchcock (1962) bekannt sein dürfte, später aber auch kleinere Parts in Jack Golds sträflich unterschätztem The Medusa Touch (1978), Steven Soderberghs Kafka (1991) und Shadowlands (1993)  Richard Attenboroughs Film über die Liebesbeziehung zwischen C.S. Lewis und Joy Davidman  übernehmen sollte.

Doch welch verborgene Schätze und Kuriositäten in Tigons Sortiment auch noch auf uns warten mögen, heute werden wir uns erst einmal mit den wahrscheinlich bekanntesten Filmen aus Tony Tensers Werkstatt beschäftigen: Michael Reeves' Witchfinder General (1968) und Piers Haggards Blood on Satan's Claw (1970).
Im zweiten Teil der BBC-Dokumentation A History of Horror stellt Mark Gatiss  die beiden neben The Wicker Man (1973) und erklärt das Trio zu den bedeutendsten Vertretern eines kurzlebigen Subgenres, das er "Folk Horror" tauft. Eine interessante, meiner Meinung nach aber nicht ganz geglückte Kombination. Einerseits existieren zwar  in der Tat stilistische und motivische Ähnlichkeiten zwischen Haggards Film und The Wicker Man, doch passt Witchfinder General dabei nicht recht ins Schema. Andererseits berühren sich Reeves' Streifen und Blood on Satan's Claw in ihrem gemeinsamen historischen Setting, was wiederum auf Robin Hardys Geniestreich nicht zutrifft. Was für alle drei gilt ist, dass sie sich deutlich von den Konventionen sowohl der "gotischen" Hammer-Produktionen als auch der Portmanteau-Streifen aus dem Hause Amicus abheben. Damit stellten sie, wie Gatiss ganz richtig bemerkt, u.a. den Versuch dar, dem im Niedergang begriffenen Brit-Horror neues Leben einzuhauchen, womit ihnen jedoch leider kein Erfolg beschieden war.

Witchfinder General und Blood on Satan's Claw spielen beide im 17. Jahrhundert. Ersterer während des Bürgerkriegs genauer gesagt 1645, im Jahr der Schlacht von Naseby , letzterer irgendwann nach der "Glorious Revolution" von 1688/89, in der William von Oranien mit Unterstützung eines Großteils der englischen Elite James II. gestürzt hatte und vom Parlament zum neuen König gemacht worden war.* In der Geschichte Englands war dieses Jahrhundert eine Ära tiefer Umwälzungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – von Ökonomie, Politik und Religion bis hin zu Essgewohnheiten und Kleidermoden. Wie Christopher Hill in seinem Buch The Century of Revolution sehr anschaulich dargelegt hat, vollzog sich in ihm die Geburt des modernen bürgerlichen England mit vielen seiner charakteristischen Züge. Und wie jede Epoche revolutionärer Kämpfe und Konvulsionen war auch diese eine Zeit großer Verunsicherung, in der Institutionen und Wertvorstellungen, die für Jahrhunderte als unantastbar gegolten hatten, quasi über Nacht umgestürzt wurden. Coleridge sprach von der "grand crisis of morals, religion and government". Um bloß das offensichtlichste Beispiel zu nennen: Die Hinrichtung eines Königs von Gottes Gnaden im Januar 1649 bedeutete den blutigen Bruch mit einer uralten politischen und religiösen Tradition. Die Welt schien aus dem Lot geraten, und eine neue gesellschaftliche, moralische und geistige Ordnung musste sich erst allmählich herausbilden und stabilisieren.

Vor diesem Hintergrund haben wir unsere beiden Filme zu betrachten.

Schon die Eröffnungsszene von Witchfinder General macht deutlich, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Horrorstreifen zu tun haben. Inmitten einer idyllisch anmutenden grünen Hügellandschaft mit friedlich grasenden Schafen wird ein Galgen errichtet. Die Dorfbewohner schleppen eine in Todesangst kreischende Frau herbei. Als sie am Fuße des Galgens ohnmächtig zusammenbricht, schüttet man ihr einen Eimer Wasser ins Gesicht. Sie soll ihre Hinrichtung bewusst miterleben. Dazu trägt ein Pastor Passagen aus der Offenbarung des Johannes vor. Der Kontrast zwischen der Schönheit der Landschaft und der Grausamkeit der Menschen wird sich als eines der Leitmotive des Filmes erweisen. Es folgen die Titles vor dem Hintergrund der verfremdeten Gesichter verzweifelter, leidender und gefolterter Frauen. Anschließend vermittelt uns eine Erzählerstimme aus dem Off einen Eindruck vom historischen Kontext, in dem sich die Geschichte abspielen wird: "England is in the grip of bloody civil war ... the structure of law and order has collpased ... local magistrates indulge their individual whims ... justice and injustice are dispensed in more or less equal quantities ... an atmosphere in which the unscrupulous revel".
Im Zentrum der Geschichte steht die historische Gestalt des berüchtigten Hexenjägers Matthew Hopkins, der gemeinsam mit seinem Kompagnon John Stearne für die blutigsten Hexenverfolgungen der englischen Geschichte verantwortlich war, in deren Verlauf zwischen 1644 und 1646 schätzungsweise 300 Menschen (in der überwältigenden Mehrzahl Frauen) dem Henker überantwortet wurden. Hopkins und Stearne betrieben ihr mörderisches und einträgliches Handwerk vor allem in Suffolk, Essex und Norfolk, d.h. in einer Region, die sich fest unter parlamentarischer Kontrolle befand. Dennoch wäre es falsch, wollte man in ihnen Vertreter jener Kräfte sehen, auf denen die revolutionäre Bewegung basierte. Hopkins Behauptung, das Parlament habe ihn zum "Witchfinder General" ernannt, war frei erfunden, und in historischer Perpektive gesehen war es gerade die Puritanische Revolution, die das Ende der Hexenverfolgungen einleitete. Um Christopher Hills Cromwell-Biographie God's Englishman zu zitieren:
The second wife of Oliver's grandfather, Sir Henry Cromwell, was alledged to have been killed by witchcraft, and in 1593 a woman was hanged for the crime. Sir Henry endowed a sermon against witchcraft, to be preached at Huntingdon [Cromwells Heimatort] annually for all time. Oliver must have heard many such sermons. In 1646 a witch was executed at Huntingdon. Yet the occupation of  Scotland by English troops under Cromwell's command led to a virtual cessation of witch persecution there. In England the burning of witches was coming to an end, and educated men were ceasing to believe in their existence. The last execution of a witch in England took place in 1685, the last known trial in 1717.**

Begrüßenswerterweise stellt auch Reeves' Film die Hexenverfolgungen nicht als Produkt der Revolution, sondern der allgemeinen Zerrüttung der Gesellschaft dar. Der Protagonist Richard Marshall ist selbst ein "Roundhead", d.h. ein Soldat in der New Model Army, und Cromwell, der einen Kurzauftritt hat, wirkt sogar recht sympathisch. Wir erleben, wie er nach gewonnener Schlacht in kameradschaftlicher Atmosphäre zusammen mit seinen Offizieren ein zünftiges Mahl genießt, was der realen Persönlichkeit des künftigen Lordprotectors tatsächlich eher entsprechen dürfte, als das verbreitte Klischee vom fanatischen Puritaner mit Leichenbittermiene.  


Die eigentliche Erzählung folgt den Konventionen einer klassischen Rachegeschichte, die jedoch am Ende eine unerwartete Wendung nimmt. Während eines kurzen Urlaubs von der Truppe reitet Richard (Ian Ogilvy) zurück in sein Heimatdorf Brandeston und besucht dort Pastor John Lowes (Rupert Davies), den Vater seiner Verlobten Sarah (Hilary Dwyer). Lowes, der der parlamentarischen Partei kritisch gegenübersteht, nimmt ihm das Versprechen ab, seine Tochter so bald wie möglich von hier fortzubringen, dann dürfe er sie heiraten. Im Dorf nämlich beginnt man zu munkeln, er sei ein heimlicher Papist und Royalist, und der Pastor hat das Gefühl, dies werde bald eine böse Wendung nehmen. Richard jedoch muss zuerst einmal zurück zu seinem Regiment. Beinahe zur selben Zeit treffen Matthew Hopkins (Vincent Price) und John Stearne (Robert Russell) in Brandeston ein. Lowe wird als vermeintlicher Hexer verhaftet und ersten Folterungen unterworfen. Sarah versucht ihren Vater zu retten, indem sie Hopkins zu verstehen gibt, sie sei bereit,mit ihm zu schlafen. Ein Angebot, auf das der "fromme" Hexenjäger bereitwillig eingeht. Lowe wird vorerst verschont, doch als Stearne die momentane Abwesenheit seines "Meisters" ausnutzt und Sarah vergewaltigt, verliert dieser jedes Interesse an dem Mädchen und lässt ihren Vater und zwei weitere "Hexen" hinrichten. Als Richard zurückkommt und von der verzweifelten Sarah erfährt, was man ihr und ihrem Vater angetan hat, "heiratet" er sie in einem improvisierten Zeremoniell und schwört gleichzeitig, Rache zu nehmen an Hopkins und seinem Kumpanen. Sarah zieht auf sein Betreiben hin nach Lavenham. Unglücklicherweise begibt sich auch der Hexenjäger an diesen Ort, um dort seinem grausigen Geschäft nachzugehen. Richard derweil macht sich nach dem Sieg der New Model Army bei Naseby gemeinsam mit zwei Kameraden auf die Jagd nach Hopkins und gelangt dabei gleichfalls nach Lavenham. Stearne versucht Hopkins zur Flucht vor dem zu allem bereiten Rächer zu überreden, doch dieser erwiedert eiskalt: "You're forgetting our powers... he could be a witch." Und so werden Richard und Sarah als "Hexen" verhaftet. Während Hopkins dem jungen Soldaten ein "Geständnis" abzupressen versucht, indem er ihn die Folterung seiner Geliebten miterleben lässt, gelingt es diesem, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Er stürzt sich auf den Hexenjäger. Als kurz darauf seine Kameraden in das Verlies eindringen, bietet sich ihnen ein grausiger Anblick. Richard hackt wie wahnsinnig mit einer Axt auf den halbtoten Hopkins ein. Als einer der Soldaten dem Hexenjäger den Gnadenschuss verpasst, heult Richard auf: "You took him from me... You took him from me... You took him from me..." Und Sarah bricht in irre, verzweifelte Schreie aus, mit denen der Film endet.

Michael Reeves war ohne Zweifel ein talentierter junger Regisseur, der möglicherweise einer der Meister des Genres hätte werden können, wäre er nicht bald nach Fertigstellung von Witchfinder General im Alter von 25 Jahren an einer Überdosis Barbiturate gestorben. Seine Karriere hatte er als Regieassistent seines Idols Don Siegel begonnen, um 1966 in Italien seinen ersten Film – La Sorella di Satana aka The She Beast aka Revenge of the Blood Beast  – mit Horror-Ikone Barbara Steele zu drehen. Aus eigener Anschauung kann ich über diesen Streifen nichts sagen, aber sein nächtes Werk der für Tigon produzierte Film The Sorcerers (1967)  zeigt bereits sehr deutlich, dass er und Drehbuchautor Tom Baker ein Händchen für unkonventionelle und intelligente Genrefilme hatten. Die unglückliche Konfrontation zwischen jugendlichem Ennui, Gier nach Leben und Verbitterung des Alters inmitten der Welt der Swinging Sixties verdient es nicht nur wegen Boris Karloff, Catherine Lacey und Ian Ogilvy gesehen zu werden.

Wäre es Reeves möglich gewesen, seine künstlerische Vision ohne Einschränkungen umzusetzen, so wäre Witchfinder General vielleicht wirklich das Juwel des Brit-Horrors geworden, welches viele heute in ihm sehen wollen. Doch leider war dem nicht so. Dafür gab es mehrere Gründe.
Zuerst einmal war Witchfinder General eine Koproduktion von Tigon und American International Pictures. Und während Reeves für die Rolle des Matthew Hopkins ursprünglich Donald Pleasance vorgesehen hatte, bestand AIP darauf, dass ihr hauseigener Horrorstar Vincent Price den Hexenjäger spielen sollte. Letztenendes erwies sich dies als gar nicht so schlecht, doch der Weg dorthin war äußerst dornig. Es gibt zahllose Geschichten darüber, wie sich Steeves und Price am Set gegenseitig anfeindeten. Der große Vincent drückte es so aus:
Michael Reeves didn’t really know how to deal with actors. He really got all our backs up. He’d come to you and say the one thing you shouldn’t tell an actor that gives him no security at all. We didn’t get on at all. He would stop me and say, ‘Don’t move your head like that.’ And I would say, ‘Like what? What do you mean?’ and he’d say, ‘There – you’re doing it again. Don’t do that.’ He was only twenty-four years old when he did that film. He had only done two others. He didn’t know how to talk to actors. He hadn’t the experience, or talked to enough of them, to know how. All the actors on the picture had a very bad time.
Ian Ogilvy, der seit den Tagen ihrer gemeinsamen Amateurfilme an allen von Reeves' Projekten beteiligt gewesen war, bestätigt, dass es dem Regisseur schwer fiel, Schauspielern seine Ideen zu vermitteln und sie anzuleiten:
I was always the hero, and he was always threatening to fire me and get somebody else. I would say ‘Okay,’ and he would always come back to me, because he liked working with people he knew. He didn’t like directing actors at all. He used to say, ‘Cast it right, and that will do.’ So he really liked getting on with making the movie. If he found an actor he could leave alone, he would use them over and over again. I was just the one he used again.
Es ist verständlich, warum Reeves nicht glücklich darüber war, mit Vincent Price arbeiten zu müssen. Das wirklich gruselige an der Figur des Matthew Hopkins ist das kleinliche, dreckige und banale seiner Bösartigkeit.  Er ist keiner jener Schurken mit Stil und Flair, die Price so oft mit Bravour gespielt hatte. Sein oft übertrieben theatralischer und leicht ironischer Habitus wäre hier gänzlich Fehl am Platze gewesen.
Hopkins gibt zwar vor, "das Werk des Herrn" zu vollbringen, aber im Grunde spricht nichts dafür, dass er selbst an Hexerei und Teufelswerk glaubt. Sein Kumpan Stearne versucht gar nicht erst, den Eindruck zu erwecken, als verfolge er neben Sadismus, Saufen und Sex noch irgendwelche anderen Interessen. Im Vergleich dazu bemüht Hopkins sich zwar, nach außen hin das Image des gestrengen und gesetzestreuen Hexenjägers aufrecht zu erhalten. Nichtsdestoweniger geht es auch ihm offensichtlich nur um das Einsacken stattlicher Belohnungen und das Missbrauchen wehrloser Frauen. Der bekannte Filmkritiker Robin Wood hat das Paar einmal als eine grausige Parodie auf Don Qixote und Sancho Pansa beschrieben: "Hopkins with his head in the clouds, convinced he is doing God’s work; Stern with his feet on the ground, doing what he does because he does it well and gets paid for it." Dem kann ich mich nicht recht anschließen. Hopkins spielt den "Don Qixote", auch gegenüber Stearne, aber in Wirklichkeit ist er nicht der Fanatiker, der auf perverse Weise idealistische Großinquisitor. Im Herzen ist er genauso ein mieses kleines Dreckschwein wie sein Helfer. Das faszinierende an ihrer Beziehung besteht darin, dass Stearne seinen "Meister" längst durchschaut hat und ihn dies auch immer wieder spüren lässt. Zwischen den beiden herrscht eine permanente Spannung, genährt von gegenseitiger Verachtung. Hopkins  freilich ist der intelligentere und kaltblütigere der beiden, was ihm auf Dauer die Oberhand sichert.
Man kann sich Donald Pleasance sehr gut in der Rolle des Matthew Hopkins vorstellen. Er hätte das heuchlerische und widerwärtige dieser Figur sicher sehr gut herausgearbeitet. Doch erstaunlicherweise ist es gerade Vincent Price, dessen Spiel den vielleicht bedeutendsten Beitrag zur Qualität von Witchfinder General leistet. Trotz ihrer "Kommunikationsprobleme" gelang es Mike Reeves schließlich , seinen ungeliebten Hauptdarsteller in die gewünschte Richtung zu treiben. Price realisierte dies erst im Nachhinein:
Afterwards, I realized what he wanted was a low-key, very laid-back, menacing performance. He did get it, but I was fighting with him almost every step of the way. Had I known what he wanted, I could have cooperated. I think it’s one of the best performances I’ve ever given.
Man kann dem guten Vincent da eigentlich bloß beipflichten. Und die Tatsache, dass es Price ist, der den Hexenjäger auf so großartige Weise spielt, verleiht dem Ganzen noch eine zusätzliche Nuance. Denn so zurückhaltend er auch agiert, es bleibt dennoch etwas von dem ihm eigenen würdevollen Stil erhalten, bloß wissen wir, dass es sich in diesem Fall nur um eine Fassade handelt, hinter der sich die primitiven Gelüste des wahren Matthew Hopkins verbergen.

Wenn AIPs Einmischung – unabhängig von den Beweggründen der amerikanischen Finanziers – zu letztlich positiven Resultaten  führte, lässt sich selbiges nicht über die anderen beiden Stolpersteine sagen, mit denen sich Reevs herumärgern musste: Dem geringen Budget (83.000  £) und der Zensur.
Der wichtigste Grund, warum Witchfinder General nicht der Film geworden ist, der er hätte werden können, besteht meiner Meinung nach darin, dass es ihm nicht gelingt, die allgemeine Atmosphäre von Gewalt, Angst und Unsicherheit plastisch darzustellen, aus der das Grauen der Hexenverfolgungen entsprang. Von den Folterungen und Hinrichtungen abgesehen, ist der Streifen erstaunlich unblutig. Einen Teil der Verantwortung dafür muss den Zensoren zugesprochen werden. Reeves und Baker hatten erleben müssen, wie ihre ersten zwei Scripte von staatlicher Stelle als "pervers" und "sadistisch" zurückgewiesen wurden. Und selbst der schließlich fertiggestellte Film wurde noch mit der Schere malträtiert. Doch so ärgerlich dies auch ist, als verheerender erwies sich letztlich das Geldproblem. Entscheidend ist dabei vor allem, dass eine Sequenz gestrichen wurde, die die Schlacht von Naseby dargestellt hätte. Der geköpfte Soldat wäre dabei zwar ohnehin der Zensur zum Opfer gefallen, doch auch ohne solch drastische Bilder, hätte man auf diese Weise einen Eindruck davon vermitteln können, was jener "blutige Bürgerkrieg", von dem zu Beginn die Rede war, für die Engländer jener Zeit wirklich bedeutete. So bekommen wir nicht mehr zu sehen als eine Handvoll Soldaten im Grünen und die Requirierung einiger Pferde, was nicht ausreicht, um den blutigen Hexenwahn in seinem historischen Kontext zu verankern.

Dennoch bleibt Witchfinder General ein wirklich sehenswerter Film, nicht nur wegen Vincent Price, sondern auch, weil er die gerade heutzutage so beliebte Rachestory kritisch unterläuft, indem er den zu Beginn so "edel" anmutenden Rächer am Ende zu einem blutgierigen und sadistischen Monstrum macht. Niemand wird Genugtuung empfinden, wenn er oder sie miterleben muss, wie Richard Marshall immer wieder auf den am Boden liegenden, wehrlosen Hopkins einhackt.


* Hier und da liest man zwar, auch dieser Film spiele in den 1640er Jahren, doch bringt der Richter einen ironischen Trinkspruch auf  "Seine Katholische Majestät" James III. aus, auf dass er "für immer im Exil bleibe", was eindeutig belegt, dass die Handlung nach dem Sturz von James II. spielt, als dessen Sohn im französischen Exil zum jakobitischen Thronprätendenten ausgerufen worden war.
** Christopher Hill: God's Englishman. Oliver Cromwell and the English Revolution. S. 258.

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