"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 29. Mai 2016

Cthulhuide Vibes aus Tokio

Auf Anregung meiner lieben Freundin Beth – für deren Blog Magical Horror ich hier noch einmal die Werbetrommel rühren will – habe ich mir vor ein paar Wochen vorgenommen, meine Bekanntschaft mit dem asiatischen Horrorkino ein Bisschen zu vertiefen. Nicht dass mir diese Provinz des cineastischen Grauens bisher völlig unbekannt gewesen wäre, aber ich muss zugeben, dass mein Wissen in dieser Hinsicht unglücklicherweise ziemlich bescheiden ist.

Wo sollte ich beginnen? Nun ja, der offensichtlichste Einstiegspunkt war natürlich Japan.

Zu Beginn der 2000er fand der sogenannte J-Horror plötzlich einen erstaunlich starken Widerhall bei einem breiteren Publikum im Westen, und für einige Jahre war es nichts ungewöhnliches, Kommentare wie diesen hier zu lesen: "When it comes to the finer points of modern horror, nobody does the genre better and with more skill than the Japanese." Viele westliche Kritiker erblickten im Land der Aufgehenden Sonne "the primary spawning ground for some of the most disconcerting, atmospheric and pessimistic horror offerings for years". Verantwortlich dafür waren in erster Linie Ringu / The Ring (1998) und Honogurai Mizu no soko kara / Dark Water (2002) von Hideo Nakata sowie Takashi Shimizus Ju-on / The Grudge (2002). Von allen drei Filmen wurden schon bald US-Remakes angefertigt.
Das Ironische an diesem Phänomen war, dass das, was auf viele im Westen an diesen Filmen frisch und innovativ wirkte, im Kontext der Geschichte des japanischen Horrorkinos eigentlich eine Art Rückgriff auf ältere Formen des cineastischen Grauens darstellte. Verglichen mit vielen Werken der ihnen unmittelbar vorausgegangenen Epoche haftete ihnen deshalb etwas Traditionalistisches, beinah schon Nostalgisches an. Christopher Brown hat das in der entsprechenden Episode  seines History of Horror Podcasts sehr schön dargelegt. Was natürlich nicht heißen soll, diese Streifen hätten nicht mehr zu bieten gehabt, als das simple Aufwärmen überkommener Motive. Sie alle verbinden das traditionelle, der Shinto-Mythologie entstammende Motiv des "rachsüchtigen Geistes" (onryō) mit Elementen, die auf die eine oder andere Weise gesellschaftliche Spannungen und Verunsicherungen im Japan der Jahrtausendwende widerzuspiegeln scheinen.
Ein wenig anders verhält es sich übrigens mit Kiyoshi Kurosawas Kairo / Pulse (2001), der gleichfalls ein US-Remake erhielt. Seine Geister sind keine onryōs, und der Film als Ganzes ist sehr viel eindeutiger {vielleicht ein Bisschen zu eindeutig} als eine Parabel auf Vereinsamung und die Unmöglichkeit echter zwischenmenschlicher Kontake in der modernen, technisierten Massengesellschaft angelegt. Im Grunde bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich ihn dem Horrorgenre zurechnen würde. {Nebenbei bemerkt: Kairo ist ein zutiefst pessimistischer, aber kein misanthroper Film. Für mich ein sehr wichtiger Unterschied.  Er ist erfüllt von absoluter Hoffnungslosigkeit, aber weitgehend frei von Zynismus. Bei Gelegenheit sollte ich mal einen eigenen Post über ihn schreiben.}

Wie auch immer, jedenfalls hat mich die erste Etappe meiner kleinen Expedition {eher zufällig} zurück in die Zeit dieses kurzlebigen internationalen Booms des J-Horrors und zurück zu einem seiner Hauptakteure – Takashi Shimizu – geführt.
Der gewaltige Erfolg von Ju-on (2002)* hatte den 1972 in Maebashi geborenen Filmemacher zu einem der großen Stars des J-Horrors gemacht. Nachdem Sam Raimis Ghost House Pictures die Remake-Rechte an dem Film erworben hatte, versuchte das Studio, ihn als Regisseur für die amerikanisierte Fassung der Story zu gewinnen, doch Shimizu war anfangs eher skeptisch: "At first I wasn't interested in doing the remake, because I'd done the original and thought I was done". Aber schließlich ließ er sich doch überzeugen, bei der Hollywood-Version seines eigenen Werkes Regie zu führen. 
Zur selben Zeit, als er sich daranmachte, das $10 Mio. - Projekt zu übernehmen, kehrte er mit Marebito in gewisser Weise zu seinen Low Budget - Wurzeln zurück. Der Streifen war Shimizus Beitrag zu einer elfteiligen Filmreihe – "a collaboration between the Film School of Tokyo and the Eurospace cinema in Tokyo's Shibuya district". In gerade einmal acht Tagen mit einer Digitalkamera gedreht, erweist sich der Film als ein ausgesprochen faszinierendes und ehrgeiziges, wenn auch vielleicht nicht hundertprozentig erfolgreiches Werk.

 
Kameramann Masuoka (Shinya Tsukamoto) ist besessen von der Idee der Angst. Als er sich immer wieder die Filmaufnahme eines bizarren Selbstmords anschaut, bei dem sich ein Mann ein Messer ins Auge bohrt, glaubt er auf einmal, am Blick des Selbstmörders ablesen zu können, dass dieser etwas so Fürchterliches gesehen haben muss, dass er es nicht länger ertragen konnte, zu leben. 
Masuoka begibt sich an den Ort des Ereignisses – eine U-Bahnstation – und beginnt, in immer tiefer gelegne Tunnel und Gewölbe hinabzusteigen. Er betritt eine Art geheime Anderswelt unterhalb von Tokio, in der er dem Geist des Selbstmörders (Kazuhiro Nakahara) begegnet, der ihn u.a. vor den "Deros" warnt, die hier hausen und Jagd auf Menschen machen sollen. Schließlich stößt er auf eine riesige Kaverne und eine bizarre, unmenschliche Ruinenstadt. Dort findet er eine nackte junge Frau (Tomomi Miyashita), die in einer Höhle angekettet ist.
Er nimmt sie mit und bringt sie in sein Appartment, doch alle Versuche, mit ihr zu kommunizieren, scheitern. "F", wie er das Mädchen tauft, scheint mehr ein triebgesteuertes Tier, denn ein vernunftbegabtes Wesen zu sein. Masuoka installiert eine Reihe von Videokameras in der Wohnung, um sie jederzeit über sein Handy beobachten zu können. Doch da "F" sich weigert, zu essen oder zu trinken, verschlechtert sich ihr Zustand zusehends. Auch nimmt ein mysteriöser "Mann in Schwarz" (Shun Sugata) mehrmals Kontakt mit Masuoka auf und drängt ihn dazu, sie in das unterirdische Reich zurückzubringen. Außerdem begegnet er einer Frau (Miho Ninagawa), die behauptet seine Ex-Gattin zu sein und die ihm vorwirft, er halte ihr gemeinsame Tochter Fuyumi in seiner Wohnung gefangen.
Als Masuoka durch Zufall entdeckt, dass "F" menschliches Blut trinken muss, um am Leben zu bleiben, verliert er sich endgültig in einem Strudel aus Mord und Wahnsinn, in dessen Verlauf sich die Scheidewand zwischen der "normalen" Welt und dem unterirdischen Reich mehr und mehr auflöst.

Der Film entzieht sich einer eindeutigen Interpretation.
Am naheliegendsten ist es natürlich, ihn als die Geschichte eines Mannes zu verstehen, der schrittweise dem Wahnsinn verfällt. Eine Reihe von Rezensionen verweisen in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass Masuoka vor seinem Abstieg in die "Anderswelt" aufgehört hat, seine Medikamente (Prozac) zu nehmen. Doch so interessant dieses Detail auch ist, letztlich erklärt es wenig, denn Prozac/Fluoxetin ist ein Antidepressivum. Auch ohne den Wirkstoff sollte Masuoka nicht plötzlich unter wilden Halluzinationen leiden. Überhaupt scheint mir eine solche, sozusagen "klinische" Herangehensweise an Marebito wenig erhellend zu sein, denn selbst wenn wir die Ereignisse des Films als bloße Ausgeburten einer kranken Psyche interpretieren wollten, besteht doch kein Zweifel, dass wir die Wahnvorstellungen des Protagonisten zugleich auf eine "symbolische" oder "allegorische" Weise verstehen sollen.
Masuoka befindet sich offensichtlich in einem Zustand tiefster sozialer Entfremdung. Es ist ihm beinah unmöglich, mit seiner Umwelt anders als durch die Linse seiner Kamera zu interagieren. (Der Film springt immer wieder zwischen der Perspektive seiner Kamera und einer "objektiven" Außenansicht hin und her.) Und die Szene, in der er mehr oder weniger auf offener Straße zusammengeschlagen wird, ohne dass irgendeiner der Passanten darauf reagieren würde, zeigt, dass es sich bei dieser Isolation nicht bloß um ein individuelles Problem handelt.
Masuokas obsessives Verlangen, den Zustand reiner Furcht erleben zu dürfen, ist im Kern der pervertierte Ausdruck seines Wunsches nach authentischen, menschlichen Empfindungen.
Dass sein Abstieg in die "Unterwelt" symbolisch für einen Abstieg in das eigene Unterbewusste steht, ist ziemlich offensichtlich. Takashi Shimizu selbst hat es so in einem Interview beschrieben. Etwas schwerer fällt es, zu ergründen, was genau er dabei findet. Seine Beziehung zu "F" besitzt ohne Frage eine morbid-erotische Dimension, die im Laufe des Films an Intensität immer weiter zunimmt und dabei zugleich sehr verstörende, inzestuöse Untertöne besitzt. {Interessanterweise wollte Shimizu "F" ursprünglich von einer Kinderdarstellerin spielen lassen.} Doch heißt das, dass wir in ihr tatsächlich seine Tochter Fuyumi sehen sollen? Oder haben wir sie als Verkörperung seiner eigenen animalisch-triebhaften Seite zu verstehen, die er bei seinem Ausflug in die Welt des Unterbewussten entdeckt hat, doch zu der er kein gesundes Verhältnis aufbauen kann?
Wie gesagt, eine zweifelsfreie Deutung von Marebito ist meiner Ansicht nach unmöglich, doch scheint mir klar zu sein, dass wir in den Ereignissen mehr als das individuelle Schicksal eines offensichtlich psychisch labilen Mannes zu sehen haben. Was Masuoka in der "Unterwelt" entdeckt besitzt universelleren Charakter. Der Zustand der Furcht, nach dem es ihn verlangt, erscheint zugleich als eine Art Einsicht in den wahren Charakter der Welt. Der Film besitzt einen deutlich ctulhuiden Vibe. Und dass mit der unterirdischen Ruinenstadt, in der Masuoka "F" findet, fraglos auf Lovecrafts Nameless City und At the Mountains of Madness angespielt wird, erscheint mir dabei eher von nebensächlicher Bedeutung zu sein. Schließlich zitiert der Streifen auch die berühmt-berüchtigten Shaver Mysteries**, aus denen die "Deros" (="Detrimental Robots") stammen, das tibetisch-buddhistische (und theosophische) Shambala sowie die Geschichten vom unterirdischen Wunderreich Agartha.*** Was dem Film in meinen Augen einen lovecraftianischen Charakter verleiht ist vielmehr die Idee einer Wirklichkeit, die sich hinter der Welt unserer Alltagserfahrungen verbirgt, und die so monströs und unmenschlich ist, dass ihre Erkenntnis uns in den Wahnsinn stürzen würde.

Dass mir nichts besseres zu Marebito einfällt, als in ziemlich unzusammenhängender Weise einige meiner Eindrücke und Gedanken niederzuschreiben, vermittelt glaube ich ein recht gutes Bild des Films. Er ist ein faszinierendes Werk mit einer ungemein dichten und verstörenden Atmosphäre. Horror im Stil von Ju-on / The Grudge darf man freilich nicht erwarten. Und die verwirrende Mehrdeutigkeit der Geschichte trägt zwar einerseits zum Reiz des Streifens bei, scheint mir andererseits aber auch ein Indiz dafür zu sein, dass Shimizu und seine Mitarbeiter selbst nicht recht wussten, was genau sie mit ihrem Film eigentlich ausdrücken wollten.

Wie man Marebito im Gesamtwerk des Regisseurs einzuordnen hat, fällt mir schwer zu beurteilen. Und dass nicht nur, weil mir dieses nur sehr bruchstückhaft vertraut ist.
Takashi Shimizu hat sich selbst immer mal wieder als eine Art "Prankster" beschrieben, der mit seinen Filmen kein anderes Ziel verfolge, als seinem Publikum auf geschickte Weise Angst einzuflößen. So gesehen scheint es mir ziemlich wahrscheinlich, dass der eigenwillige Charakter von Marebito weniger auf den Regisseur als vielmehr auf den Drehbuchautor Chiaki J. Konaka und den – übrigens brillanten – Hauptdarsteller Shinya Tsukamoto zurückzuführen ist. Konaka besitzt offenbar ganz allgemein ein Faible für lovecraftianische Themen, und Tsukamoto gehört als Regisseur zu den bekanntesten Vertretern des japanischen Cyberpunk-Films.**** Sein Underground-Streifen Tetsuo: The Iron Man von 1988 – ein surrealer, fetischistischer Cyberpunk - & Bodyhorror - Alptraum, dessen manische Energie mich bei einer Spielzeit von 67 Minuten allerdings irgendwann ermüdet hat – gehört nicht nur zu den bedeutendsten Gründungswerken des Genres, sondern erregte auch beträchtliches internationales Aufsehen.
Andererseits will ich nicht verschweigen, dass ich Marebito zwar sehr faszinierend finde, Shimizus ein Jahr später entstandener und sehr viel konventionellerer Horrorstreifen Rinne / Reincarnation aber dennoch einen stärkeren Eindruck bei mir hinterlassen hat. Doch dazu das nächste Mal {hoffentlich} mehr ... 


* Der Kinofilm ist eigentlich bereits der dritte Teil einer Serie, dem zwei für den Videomarkt produzierte Streifen vorangegangen waren.
** Vgl. Episode 182 von Geek's Guide to the Galaxy.
***  Die "Frühgeschichte" Agarthas ist übrigens äußerst faszinierend. Sie beginnt mit Edward Bulwer-Lyttons Roman The Coming Race, führt über den französischen Okkultisten Joseph Alexandre Saint-Yves d’Alveydre und seine eigenartige Gesellschaftstheorie der "Synarchie"zum Ordre Martiniste, vermischt sich auf diesem Weg im frühen 20. Jahrhundert mit den Geschicken der dekadenten, esoterikbegeisterten zaristischen Hofkamarilla, um schließlich nach Revolution und Bürgerkrieg bei dem polnischen weißgardistischen Schriftsteller Ferdynand Ossendowski zu enden, dessen Buch Tiere, Menschen und Götter – eine wüste Mixtur aus antibolschewistischer Propaganda, wild ausgeschmückten Reiseberichten und mystizistischem Unsinn – den Namen des Geheimen Reiches einem breiteren Publikum bekannt machte. Nichts von alledem tut hier etwas zur Sache, aber was soll's ...  
**** Einen guten Überblick über die Entwicklung des Genres bietet der Artikel Post-Human Nightmares - The World of Japanese Cyberpunk Cinema

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